Skip to main content

Full text of "Münchener medizinische Wochenschrift"

See other formats


Preis  der  einzelnen  Nummer  3.—  M.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 
•  •  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  .  .  . 

Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  81^-1  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-'t/asSe  26 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinsir.  2/111. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  1.  6.  Januar  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Zur  pathologischen  Anatomie  und  Nomenklatur 
der  Lungentuberkulose*). 

Von  Prof.  Felix  March  and  in  Leipzig. 

In  dem  ganzen  Gebiete  der  Medizin 
gibt  es  kaum  irgend  eineu  Gegenstand, 
wo  die  Ungenaiugkeit  der  Terminologie 
bis  auf  den  heutigen  Tag  mehr  Ver¬ 
wirrung  gestifiet  hat  als  diesen. 

Virchow,  Geschwülste  II,  620 


anderer  Stelle  hervorgehobeii  habe 5 6).  Die  Einheitlichkeit  bestand  für 
j  Laennec  in  dem  gleichen  Ausgang  der  eigentümlichen  tuberkulösen 
Materie  in  Verkäsung  und  Erweichung.  Die  morphologische  Ver¬ 
schiedenheit  der  tuberkulösen  Knötchen  und  der  diffusen  Infiltration 
hat  Laennec  gebührend  hervorgehoben,  was  übrigens  Virchow 
j  selbst  in  seinen  Vorlesungen  anerkannt  hat,  nur  dass  er  die  tuber- 
!  kulöse  Natur  der  „Infiltration“  bestritt.  Dass  L.  die  entzündliche  Natur 
!  der  letzteren  ablehnte,  kann  ihm  nach  dem  damaligen  Stand  der  Wissen- 


M.  H.!  Es  ist  vielleicht  ein  gewagtes  Unternehmen,  eine  Ueber- 
sicht  über  die  pathologische  Anatomie  der  Lungentuberkulose  in  dem 
kurzen  Raum  einer  Stunde  zu  versuchen;  sie  muss  sich  auf  das  Not¬ 
wendigste,  auf  die  zurzeit  besonders  streitigen  Fragen  beschränken  und 
dazu  Stellung  nehmen.  Eine  etwas  genauere  Darstellung  der  nisto- 
logischen  Veränderungen  würde  eine  sehr  viel  längere  Zeit  be¬ 
anspruchen  und  ohne  mikroskopische  Demonstrationen  nicht  möglich 
sein 1).  Dennoch  muss  sich  eine  Stellungnahme  zu  den  immer  schwieri¬ 
ger  zu  beurteilenden  Theorien  über  die  biologischen  Vorgänge  bei  der 
Lungentuberkulose  auf  die  Kenntnis  der  pathologisch-anatomischen  Ver¬ 
änderungen  stützen,  die  bei  ihrer  grossen  Mannigfaltigkeit  ohne  eigene 
Anschauung  nicht  möglich  ist 2).  • 

Bekanntlich  gehen  gerade  in  neuester  Zeit  die  Ansichten  über  die 
Pathologie  der  Lungentuberkulose  wieder  sehr  auseinander.  L  a  e  n  - 
n  e  c,  der  eigentliche  Begründer  der  pathologischen  Anatomie  der 
Lungentuberkulose,  war  es,  der,  wie  sein  Vorgänger  Bayle,  auf 
Grund  genauer  anatomischer  (selbstverständlich  nur  makroskopischer) 
Untersuchungen  die  einheitliche  Natur  der  Lungentuberkulose 
oder  „tuberkulösen  Phthise“  behauptete  und  diese  von  anderen 
zerstörenden  Krankheiten  der  Lunge  unterschied3).  Der  anatomische 
Charakter  der  Lungenschwindsucht  besteht  nach  Laennec  nicht,  wie 
man  lange  Zeit  glaubte,  in  einer  Folge  der  Entzündung  und  Vereiterung 
des  Lungengewebes,  sondern  in  der  Existenz  der  Tuberkel,  d.  h. 
Knötchen  einer  eigentümlichen  Neubildung  (Produktion  accidentelle), 
die  als  graue,  sog.  miliare  Tuberkel  beginnen,  dann  im  Zentrum,  später 
im  ganzen  gelblich  werden  und  dabei  die  Konsistenz  eines  festen 
Käses  haben.  Gewöhnlich  fängt  in  diesem  Stadium  der  Entwicklung 
der  Tuberkel  das  umgebende  gesunde  Lungengewebe 
an,  fest,  grau,  halbdurchscheinend  zu  werden  durch  Neu¬ 
bildung  tuberkulöser  Materie,  die  die  Substanz  infiltriert.  Solche 
tuberkulösen  Massen  können  sich  auch  durch  eine  ähn¬ 
liche  Infiltration  ohne  vorherige  miliare  Tuberkel  bilden. 
Durch  Erweichung  entsteht  daraus  teils  durchscheinende  Flüssigkeit, 
teils  eine  opake  Masse  wie  weicher  Käse;  diese  erweichte  tuberkulöse 
Masse  öffnet  sich  einen  Ausweg  in  einen  oder  mehrere  benachbarte 
Bronchien  (1.  c.  S.  20 — 22). 

Aus  dieser  Beschreibung  geht  klar  hervor,  dass  der  von  Virchow 
Laennec  gemachte  und  oft  wiederholte  Vorwurf,  dass  er  mit  Bayle 
„die  Hauptschuld  an  der  Konfusion  trage“,  und  dass  in  dieser  angeblichen 
Einheit  der  Lungentuberkulose  alle  Besonderheiten  der  einzelnen  Vor¬ 
gänge  untergingen4),  nicht  ganz  gerechtfertigt  war,  wie  ich  an 


*)  Nach  einem  Vortrag  in  der  Medizinischen  Gesellschaft  zu  Leipzig  am 

29.  November  1921. 

(Vergl.  den  Vortrag  von  Prof.  Huebschmann,  Oberassistent  am 
Pathologischen  Institut,  in  der  Sitzung  der  Medizinischen  Gesellschaft  vom 
26.  VII.  1921:  „Zur  Pathologie  der  Lungentuberkulose“  in  Nr.  43  der 
M.m.W.,  Aussprache  in  der  Sitzung  der  Med.  Ges.  vom  13.  XII.  1921.) 

D  Noch  weniger  kann  die  enorme  Literatur  der  Tuberkulose  einiger- 
nassen  gleichmässig  berücksichtigt  werden.  Sehr  viele  wertvolle  Arbeiten, 
ich  .  erwähne  unter  den  Deutschen  z.  B.  E.  Ziegler,  Kaufmann, 
Beitzke,  Ribbert,  Lubarsch,  Benda,  Herxheimer  ausser 
vielen  anderen,  konnten  nicht  zitiert  und  noch  viel  weniger  besprochen 
werden,  was  ich  nicht  als  Unterschätzung  aufzufassen  bitte.  Unter  den  Aus¬ 
ländern  erwähne  ich  noch  besonders  die  Werke  von  T  e  n  d  e  1  o  o,  Adam  i, 
W.  G.  M  a  c  C  a  1 1  u  m. 

2)  Eine  Auswahl  besonders  charakteristischer  makroskopischer  Präparate 
von  Lungentuberkulose,  die  der  Vortragende  im  Laufe  der  letzten  20  Jahre 
gesammelt  hat,  wurden  zur  Ansicht  aufgestellt. 

'')  R-  T.  H.  Laenne  c:  De  l’auscultation  mediate.  Paris  1819,  T.  I,  S.  19. 

)  R.  Virchow:  Die  Geschwülste  II,  623.  Noch  im  Jahre  1882  er¬ 
klärte  Virchow  die  Lehre  Laennecs  von  der  Einheit  der  Phthise,  die 
er  im  Tuberkel  gesucht  habe  „für  einen  der  grössten  Irrtümer  in  der  Medizin“. 
Tatsächlich  hatte  Laennec  die  beiden  anatomischen  Formen  der  tuber¬ 
kulösen  Lungenveränderung  ganz  richtig  erkannt;  von  einer  ätiologischen  Ein- 

Nr.  1. 


schaff  nicht  zum  Vorwurf  gemacht  werden,  da  es  ein  genaues  ana¬ 
tomisches  Kriterium  dafür  nicht  gab  und  jede  Neubildung  —  gleichviel 
|  ob  entzündlich  oder  nicht  —  aus  einer  formlosen,  nicht  organisierbaren 
1  Absonderung  hergeleitet  wurde. 

C  a  r  s  w  e  1 1  8)  stand  in  seinem  berühmten  Werk  noch  ganz  auf  dem 
ursprünglichen  Standpunkt,  wie  Laennec;  dass  die  tuberkulöse  Materie 
(Laennecs  Production  accidentelle)  aus  dem  Blut  ausgeschieden  wird, 
nach  C  a  r  s  w  e  1 1  hauptsächlich  von  der  Oberfläche  einer  sezernierenden 
Membran,  besonders  einer  Schleimhaut,  wie  sie  die  Lungenbläschen  und 
Bronchien  oder  auch  die  „Schleimfollikel“  des  Darmes  auskleidet:  die  tuber¬ 
kulöse  Materie  mischt  sich  dem  normalen  schleimigen  oder  serösen  Sekret  bei, 
von  dem  sie  sich  durch  die  Eigenschaft  der  Verkäsung  unterscheidet:  die 
Form  der  strukturlosen  tuberkulösen  Materie,  ob  als  rundlicher  Körper  oder 
als  diffuse  Masse,  ist  rein  akzidentell  und  ganz  von  der  Umgebung  abhängig: 
in  den  Lungen  füllt  sie  die  Luftbläschen  und  die  Bronchien  aus,  deren  Innen¬ 
fläche  sie  ringförmig  bedeckt,  während  das  Lumen  anfangs  noch  flüssiges, 
schleimiges  Sekret  enthält,  was  Laennec  und  andere  irrtümlich  als  zentrale 
Erweichung  eines  festen  Knötchens  deuteten;  bei  längerer  Dauer  kann  die 
ganze  Masse  opak,  gelb  und  fest  werden.  Auf  diese  Weise  erklärt  sich  die 
von  C  a  r  s  w  e  1 1  so  schön  abgebildete  bäumchenartig  verästelte  Form  der 
tuberkulösen  Herde  der  Lungen;  durch  Infiltration  eines  grösseren  Teiles  der 
Lunge  mit  tuberkulöser  Materie  entsteht  eine  gleichmässige  Verdichtung,  die 
in  Zerfall  (Gangrän)  übergeht  (Taf.  IV,  1).  Man  darf  selbstverständlich  weder 
bei  Laennec  noch  bei  Carswell  bei  der  akzidentellen  tuberkulösen 
Materie  an  eine  Gewebsneubildung  im  heutigen  Sinne  denken.  Eine  solche 
stellt  sich  nach  C  a  r  s  w  e  1 1  erst  sekundär  ein  bei  der  Auskleidung  einer 
Zerfallshöhle  durch  Umwandlung  des  koagulierten  Fibrins  in  Schleimhaut-  oder 
fibröses  Gewebe,  was  für  die  Heilung  der  Phthise  sehr  wichtig  ist. 

Im  wesentlichen  findet  sich  diese  Anschauung  von  der  Entstehung  der 
tuberkulösen  Materie  als  Exsudat  aus  den  Gefässen  auch  bei  Andral  (der 
dasselbe  dem  Eiter  an  die  Seite  stellt),  bei  Hasse  (1.  c.),  im  wesentlichen 
sogar  noch  bei  B.  Reinhardt7)  („ein  auf  einer  bestimmten  Stufe  der  Ent¬ 
wickelung  stehengebliebenes  Exsudat“),  der  aber  doch  das  Eiterkörperchen, 
die  Exsudatzelle  als  seine  morphologische  Grundlage  betrachtete.  Es  war  erst 
Virchow,  der  die  Entstehung  des  Tuberkels  als  Neubildung  aus  den 
Gewebszellen  nachwies. 

Laennecs  Ablehnung  der  entzündlichen  Natur  des  tuberkulösen 
Prozesses  bezog  sich  auf  die  gewöhnliche  Lungenentzündung  und  Ver¬ 
eiterung  (1.  c.  S.  38.  §  48).  Die  spätere  Forschung  hat  ihm  darin  volt- 
I  ständig  Recht  gegeben.  Uebrigens  ist  ja  auch  die  entzündliche  Natur 
des  Tuberkels  nicht  bloss  durch  Virchow  selbst,  sondern  auch  neuer¬ 
dings  wiederholt  in  Abrede  gestellt  worden.  Virchow  unterschied  bei 
j  der  Phthise  das  aus  dem  Zerfall  von  miliaren  Tuberkeln  der  Bronchial- 
i  Schleimhaut  entstehende  Geschwür,  welches  nach  der  Zerstörung  der 
Bronchialwand  auf  die  Umgebung  übergreift  und  „peribronchial“  wird; 

I  dann  entsteht  in  der  Umgebung  ein  nicht  tuberkulöser,  sondern  ent- 
'  zündlicher  Prozess,  eine  Pneumonie  mit  Neigung  „zu  eitriger 
Zerstörung“.  Nach  Virchow  ist  daher  die  Bronchiolitis  und 
Bronchitis  tuberculosa  der  wesentlichste  Ausdruck  der 
Phthisis  tuberculosa8).  Der  Nachweis  der  ersten  Entstehung 
des  tuberkulösen  Prozesses  in  der  Wand  der  Bronchien  und  der 
dadurch  erst  erklärte  notwendige  Zusammenhang  mit  den  Kavernen 


heit  konnte  höchstens  im  Sinne  einer  Dyskrasie  oder  Diathese  (Skrofulöse) 

die  Rede  sein.  Es  war  ein  eigentümliches  Zusammentreffen,  dass  in  dem¬ 

selben  Jahre,  in  dem  das  obige  Urteil  gefällt  wurde,  mit  der  Entdeckung  der 
Tuberkelbazillen  die  schon  vorher  angenommene  ätiologische  Einheit  der 
Tuberkulose  sicher  festgestellt  wurde.  Virchows  Referat  über  seinen 
Besuch  des  klimatischen  Kurorts  Abastuman.  Virch.  Arch.  1882,  82,  S.  183. 

s)  F.  Marchand:  Die  neuen  Anschauungen  über  die  Natur  der  Tuber¬ 

kulose.  D.m.W.  1883  Nr.  15  und:  Klinische,  anatomische  und  ätiologische 
Krankheitsbegriffe.  M.m.W.  1920,  Nr.  24,  S.  681. 

6)  Robert  Cars  well:  Illustrations  of  the  elementary  forms  of  Disease. 
London  1838. 

7)  Benno  Reinhardt:  Charitee-Annalen  Ser.  I.  1850,  1,  S.  262.  — 
Derselbe:  Tuberkulisierung  der  Exsudate  und  Tuberkulose  überhaupt. 
Siehe  dessen  Pathologische  Untersuchungen,  herausgeg.  von  R.  Leu- 
b  u  s  c  h  e  r,  Berlin  1852. 

8)  Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  dass  bereits  Hasse,  ein  aus¬ 
gezeichneter  Beobachter,  die  in  der  Umgebung  der  erweichenden  Tuberkel 
im  Lungengewebe  sich  verbreitende  Entzündung  genau  beschrieben  hat. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


segenfiber  der  früheren  umgekehrten  Auffassung  war  ein  besonderes 
V  AufV^Tr^mm/eTnes  tuberkulöse*  i  h.  aus  einer  knötehe,.- 

förmiRen  Neubildung  entstandenen  Prozesses  und  einer  rachttub  k 

der  Bronchialwand  keineswegs  aus  eigentlichen  Knötchen  nervo 
zugehen  pflegt,  sondern  aus  einer  mehr  diffusen,  zur  <5nd 

den  Ktfatta  und  dass  auch  die  Knötchen  wen»  ^ 

Ä«Sh siÄ'i ä ra?Tinc hl ».  £" k « m r  »  «  BIU 

iV,.h  s!nS  ?:  f ;  «n  ‘AS  Cher  Natur 

ir  «sr  str  let; 

tÄTÄ«:  jsäsä 

UnleDte  Vi'rc liTwsehe  Dualitätslehre  trennte  unmittelbar  zusammen- 

ÄiÄr^£f"fXwr^SÄhafchS 

ins-isch-aiiatomische  Diagnostik  entstand,  so  wertvoll  auch  die  genauere, 
durch  virchow  angebahnte  histologische  Untersuchung  der  tuberku- 
£en  Prozesse  war«).  Ich  glaube,  diesen  Hinweis,  auf  diese  im  all¬ 
gemeinen  bekannten  Dinge  nicht  unterlassen  zu  dürfen,  da  in  neuerei 
Zeit  sowohl  von  pathologisch-anatomischer  als  von  klinischer  Seite 
-erade  bei  der  Lungentuberkulose  wieder  der  Versuch  gemacht  wird, 
die  Trennung  der  sog.  „produktiven“,  d.  h.  Knötchenform  der  Tube¬ 
rose  von  der  entzündlichen  „exsudativen“  wieder  durchzufuhren,  also 

Z“  SaÄre»uÄZÄ"choff  versuchte  neue  Nomenklatur 
der  Lungentuberkulose  (Schwindsucht)  zusammen,  der  Ersatz  des  für 
die  ganze  ätiologisch  einheitliche  Krankheit  nun  einmal  allgemein  ein- 
führten  Namens  Tuberkulose  durch  P  h  t  h ,1  s  e, des Adiektm ^tuber- 
k n lös  durch  phthisisch,  auch  in  allen  den  Fallen  wo  von  ein 

Phthise  d  h.  von  Zerstörung,  Schwindsucht  nicht  die  Rede  ist  ). 

Pr  K  H.  he  Bazillus  wird  zum  Bac.  phthisicus  degradiert  Durch 
di^se  auf  alle  tuberkulösen  Prozesse  ausgedehnte  Anwendung  dei 
Bezeichnung  P  h  th  i  s  e,  phthisisch  entstehen  nicht  nur  neue 
Schwierigkeiten  für  die  Verständigung,  sondern  auch  sprachliche  Wider- 
sprücfie  wTe  z  B.  „produktive  Phthise“  anstatt  produktive  Tuberku- 
ineP .  Schwund  Zerstörung  kann  nie  produktiv  sein  ). 

Auf  die  anatomisch-histologischen  Schwierigkeiten  der  rerinung 
der  produktiven  und  der  exsudativen  Prozesse  werde  ich  noch 

ruckkomm en^  Einteilung  der  Lungentuberkulose  in  drei,  so¬ 

wohl  klinisch  als  pathologisch-anatomisch  verschiedene  Stadien  lasst 
sich  nicht  Streng  durchführen.  Ich  ziehe  es  vor,  von  den  Verpremmgs 
wegen  der  Tuberkulose  in  der  Lunge  auszugehen,  also  abgesehen  von 
der  ziemlich  selbstverständlichen  Ausbreitung  per 
hämatogenen,  dem  aerogenen  (bronchogenen)  und  dem  interstitielle 

(lymAmatSstenm?f einfachsten  stellt  sich  die  Tuberkulose  der  Lunge 
bei  der  Eruption  der  a  k  u  t  e  n  M  i  1  i  a  r  t  u  b  e  r  k  u  1  o  s  e  in  einer  voi- 


“»)  Ich  erinnere  mich  noch  sehr  genau,  dass  wir  unsp “*s .  YechzUr 

Krankheiten  .‘derer  0,«u„e.  «.  T  lür  die  de,  Knochen  be,  denen  *  .  •  » 

Ä  SÄÄSÄÄ  «  - 

Te’ "T«Vi-  9»  K  daraiul  be,«..,  das,  die 

ssiiisilssMä 

ÄtaÄ  ^aLalirVtedS4lXlchtöff  erfolgt.  Eine  Wiedertaufe 
Wäre^fl.nA%\UhWoUfnf:CheZur  Nomenklatur  der  Phthise..  Zschr  f  Tuber 
Sei°  C  //'s  uAs  "mein  blo^Y  Meute®  sondern  ab  gerne  me 

aiSehiriing22)WbenschreiS  aber  Ss“"  Fora  Se"  Abzehrung  (Tabesi  sehr  genau 

k  r  a  t  e  s  von  Schwindsucht.  Aretaeus.  auf  dessen  klassische  Schilderung 
der  Phthise  sich  Aschoff  bezieht,  beschreibt  sehr  treffend  den  H  ab  t  tu  s 

phthLicus  (siehe  Haeser:  Oesch.  f.  Med.  1.  S.  346),  aber  nicht  die  Lungen¬ 
veränderungen. 


her  normalen  Lunge  durch  Einführung  der  Tuberkelbazillen  durch  die 
Blutgefässe  sei  es  durch  Einbruch  eines  tuberkulösen  Herdes  m  eine 
Körnervene  IW  e  i  ge  rt12))  oder  anderweitiges  Eindringen  in  die 
Venen  oder  von  den  Lymphgefässen  un^  deni  E)' uct us  ' ^oraacus  U  • 
ficki:,)i  aus  oder  durch  Injektion  von  Bazillen  in  die  Venen  oeim 

SUChDas  makroskopische  Bild  ist  allgemein  bekannt;  die  gleichmassige 
Grösse  und  Verteilung  der  kleinen  grauen  Knötchen i  in  den  &a"z  “kutc 

"  “  SS  Äj. 

Rrnnchialwaud  zu  einer  homogenen  Masse  verschmilzt,  so  dass  da 

SSÄ 

resniratnrius  beginnenden  intraazinosen  Heides  bei  Nicol  U-  c., 
Tafe  v  In ‘  kann  ebenso  auch  für  das  sekundäre  Uebergreifen  eines 
hämatogenen  Miliartuberkels  auf  den  Bronchiolus  selten;  solche  Bdder 
finden  sich  keineswegs  selten  bei  notorischer  hämatogener  1  ub®Julose 
besonders  bei  Kindern.  Nicht  selten  gehen  be. ^  langerein §  Be  stände 
diese  umschriebenen  Herde  in  grossere,  ganze  Lobuli  umfassende 

käSUWeeJn ÜL i’e be  rte L?  t  e*?* ) ‘''in  deinem  bekannten  Werkais 

bestimmten  Stadem  zum  Tode  führt,  nämlich  dann,  wenn  die  Tuberkel 
etwa  hirsekorngross  geworden  sind,  sonst  musste  man  auch  em 
Miliartuberkel  mit  erbsengrossen  Knoten  finden,  so  beruht  diese  An 
gäbe  auf  nicht  ausreichender  pathologisch-anatomischer  Erfahru  g. 

Ganz  besonders  schnell  vollzieht  sich  die  Bildung  grosserer,  aus 
Gruppen  von  infiltrierten  Alveolen  und  ganzen  Azini  zusammen¬ 
gesetzten  Knötchen  in  der  kindlichen  Lunge,  wo  es  oft  nicht  möglich  ist, 
Ulf  dem  Blutwege  entstandene  tuberkulöse  Herdchen  von  bronchogen 
entstandenen  zu ^unterscheiden.  Sekundäres  Uebergreifen  au  kleine 
Arterien  und  Venen  mit  der  Möglichkeit  weiterer  Verbreitung  auf  andere 
Organe,  lokale  Verbreitung  durch  die  Lymphgefasse  sind  häufige  Folge  , 

dlC  Aii  der  ^Bildung*  "d  e^  K  n  ö  tch  en  beteiligen  sich,  wie  bei  allen  tuber¬ 
kulösen  Prozessen  in  der  Lunge,  in.  erster  Linie  die  wuchernden 
Alveolarepithelien,  die  Gefässendothelien  der  Bki tkapiUare n  dl^ 
der  Infektion  zugrunde  gehen,  wodurch  die  Gefasslosigkeit  der  Knotcnei 
erklärlich  ist  Bindegewebszellen,  Lymphozyten  und  spärliche  Leuko- 
z  den  fehrner  fldiges  Fibrin,  welches  .sich  in  allen  in  Verkäsung  be¬ 
griffenen  Teilen  mehr  oder  weniger  reichlich  unterscheidet.  Rjesen 
Sellen  (die  aus  verschiedenen  Elementen,  aus  Epithel-  und  Endothel¬ 
zellen  hervorgehen)  sind  bei  den  länger  bestehenden  Knötchen  häufig, 
können  Xe"  bei  den  schnell  entstandenen,  besonders  be,  Kindern  ganz 
fehlen  Die  käsige  Nekrose  beginnt  im  Zentrum1  des  Knötchens  und 
kann  bei  grösseren  Herden  zur  Erweichung  und  Einschmelzung  fuhren. 
Die  elastischen  Fasern  werden  durch  die  gewucherten  Zeilen i  aus- 
e  umdeS'  u  gt  bSiben  aber  noch  erhalten.  Bei  längerer  Dauer 
“  durch  Zunahme  des  das  Knötchen  durchziehenden  Binde- 

£°w3,es  bei  zurücktreTender  Verkäsung  und  nach  Resorptmn  des 
toten  Materials  zur  Bildung  fester  fibröser  Knötcheiu  die  a's  ausgehgh 
zu  betrachten  sind  (sehr  häufig  an  der  Pleura)  £er  Gehalt  an  Bazillen 
kann  sehr  wechseln  Es  geht  daraus  hervor,  dass  der  „Miliartuberkel 
keineswegs  eine  einheitliche  Neubildung,  sondern  ein  recht  zusammen- 
gesSs  Gebilde  ist.  an  dem  sich  auch  exsudative  Vorgänge  reichlich 
beteiligen  können  so  dass  keine  Veranlassung  ist,  ihn  als  eine  produk- 
tiv^e  Neubildung  von  anderen  tuberkulösen  Prozessen 
ihn  andererseits  wegen  seines  zusammengesetzten  „tubuloazinosen 
B-uies  (nach  v.  Baumgarten)  und  des  zum  grossen  Teile  mtra 
alveolären  Sitzes  nicht  als  tuberkulöses  Knötchen,  als  Tuberkel  zu 
bezeichnen17).  Das  tuberkulöse  Knötchen  geht  ohne  scharfe  Grenze 
in  das  käsig-pneumonische  Herdchen  üben  Vergleicht  man  diese  kur 
Beschreibung  mit  der  ausgezeichneten  Darstellung  in  Orths  Lehr 
huch  (ßd  I  1887  S  457)  und  seiner  pathologisch-anatomischen  Dia¬ 
gnostik  so  wird  man  sich  überzeugen,  dass  sie  im  wesentlichen  dam. 

übereinstimmt,  aber  ebenso  auch  mit  der  Schilderung  der  di.sseminierten 
Miliartuberkulose  und  dem  die  Tuberkel  umgebenden  kasig-pneumom- 


»{  Bkfw^n  und^Bericht  /er-  Naturf.-V^'r^Mü'ndien  1877=  vergl.  dazu 

5  ‘ '  '1')  "sfehe 'hierübe0'1  die'  Diskussion  in  der  Sitzung  ^^Pathologischen 

D^e  se  S  Ausgänge*  ^e  ?U  i  I U  Bub  er  kulose  Ybis  zur  '  Höh.enbildung)  bei  5  bis 

6  Wochen  Dauer  sind  bereits  von  C.F-.Hasse  beschrieben  worden.  Spez. 

P‘lth«)  v.^aü  mieten:  Geber  den  Beginn  und  das .  69°  g  ^27 

tuberkulöse n  Prozesses  bei  der  Lungenphthise.  Zieglers  Beitr  1911,  6<L  S.  27. 
'"”“q  Ll,b“  meiste,:  T«be,k«lose  ihre  ,e,seb,ede«e„  Ersehe» 
nungsformen  und  Stadien,  sowie  ihre  Bekämpfung.  Berlin  1921,  S.  135  ff. 

K«)  Vergl.  die  ablehnenden  Aeusserungen  von  0  r  1  und  v°n  c  h  0 
gegenüber  Kronberger.  Beitr.  z.  Klm.  d.  Tub.  1914,  33,  S.  267. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


3 


sehen  Exsudat  in  den  Alveolen  (S.  442  u.  462,  Fig.  106  u.  115).  Wenn 
Orth  (S.  452)  den  Tuberkel  eine  Neubildung,  eine  Gewebsproduktion, 
aber  keine  Geschwulstbildung  (wie  Virchow),  sondern  vielmehr  ein 
Entzündungsprodukt,  wenn  aue'h  nicht  ein  Erzeugnis  exsudativer,  son¬ 
dern  produktiver  Entzündung  nennt,  so  bezieht  sich  das  auf  das  Zen¬ 
trum,  während  die  Peripherie  als  „käsig-pneumonisches  Exsudat“  be¬ 
zeichnet  wird.  Es  ist  nicht  zu  bestreiten,  dass  eine  solche  Unter¬ 
scheidung  an  einem  und  demselben  Knötchen  sehr  willkürlich  ist.  Im 
Widerspruch  damit  steht  die  spätere  Aeusserung  Orths,  dass  es  zu 
erheblicher  Verwirrung  geführt  habe,  dass  man  auch  die  granulomatösen 
Prozesse  entzündlich  genannt  habe ,s).  Tatsächlich  lassen  sich  die 
exsudativen  Prozesse  nicht  scharf  von  den  produktiven  trennen,  wie 
ich  an  anderer  Stelle  genauer  auseinandergesetzt  habe1 2 *”).  Virchow 
selbst  nannte  die  kleinen  Infiltrationsherde  „miliare  käsige  Hepati¬ 
sation“,  doch  berechtige  nichts  dazu,  die  Masse  als  tuberkulös  zu 
bezeichnen,  da  sie  sich  ganz  nach  Art  einer  entzündlichen  Hepatisation 
durch  zunehmende  Anhäufung  von  zelligen,  zuweilen  zellig  fibrinösen 
1  eilen  in  den  Räumen  der  Lungenbläschen  und  Bronchien  entwickelt; 
der  Unterschied  von  der  gewöhnlichen  Hepatisation  beruhe  eben  nur 
auf  der  frühzeitigen  Verdichtung  und  Nekrobiose  des  festgewordenen 
Materials.  Wir  wissen  längst,  dass  diese  Ansicht  nicht  richtig  war,  dass 
die  gewöhnliche  fibrinöse  Hepatisation  sich  ganz  anders  als  die  durch 
den  Tuberkelbazillus  hervorgerufene  verhält,  und  dass  das  käsige 
Material  etwas  ganz  anderes  ist,  als  „eingedickter  Eiter",  neben  dem 
„möglicherweise  auch  eine  Tuberkulose  in  der  Wand  der  Luftwege 
bestehen  kann“  (Virchows  Geschw.  11  S.  601).  Aber  das  Gewöhnliche 
ist  nach  V  i  rc  h  o  w  dabei  die  skrofulöse  Bronchitis,  mit  Ein¬ 
dickung  des  Sekrets  und  Verstopfung  der  Luftwege  oder  Ver¬ 
dickung  ihrer  Wandung.  Diese  Anschauungen,  ebenso  wie  die  über  die 
käsigen  (sog.  skrofulösen)  Drüsen  haben  sich  im  Laufe  von  50  bis 
60  Jahren  von  Grund  aus  geändert  und  es  ist  nicht  der  geringste  Grund 
vorhanden,  noch  jetzt  darauf  zurückzukommen  und  einen  Unterschied 
zwischen  solchen  skrofulösen  (=  exsudativen)  und  tuberkulösen  Ver¬ 
käsungen  zu  machen.  Uebrigens  ist  von  Interesse,  dass  Virchow 
den  skrofulösen  Drüsen  unzweifelhaft  infektiöse  Eigenschaften  zu¬ 
schrieb  (1.  c.  S.  607),  wie  er  andererseits  auch  an  der  Infektiosität  der 
I  uberkulose  im  eigenen  Körper  nicht  zweifelte  und  die  nahe  Verwandt- 
schaft,  das  häufige  Koimzidieren  und  Aufeinanderfolgen  beider  zugestand 
(S.  630).  Aus  der  ganzen  Darstellung  Virchows  geht  hervor  dass 
ihm  die  Abgrenzung  der  verkäsenden  Entzündungen  (Skrofulöse)  von 
der  Tuberkulose  keineswegs  leicht  war;  ja,  er  hält  es  für  möglich,  dass 
man  späterhin  wieder  dahin  kommen  werde,  „die  Tuberkulose  einfach 
als  heteroplastische  Skrofulöse  anzusehen*4  (1.  c.  S.  629),  dass  man  also 
beide  auf  eine  spezifische  „Tuberkeldyskrasie“  wie  früher  zurückführen 
werde,  wenn  auch  bis  jetzt  niemand  die  spezifische  Substanz  im  Blute 
gefunden  habe.  Seitdem  diese  in  Gestalt  der  Tuberkelbazillen  nach¬ 
gewiesen  ist,  ist  jeder  Grund  zu  einer  Unterscheidung  von  Tuberkulose 
und  Nicht-Tuberkulose  lediglich  nach  morphologischen  Kriterien  fort¬ 
gefallen. 

Tuberkulose  ist  eben  ein  ätiologischer  Begriff 
geworden.  .  Dieser  Name  sollte  also  bei  allen  klinischen  und  patho¬ 
logisch-anatomischen  Diagnosen  vorangestellt  werden. 

Die  wichtigste  Form  der  Lungentuberkulose,  die  der  tuberku¬ 
lösen  Phthise  zugrunde  liegt,  kommt  in  der  Regel  durch  Ver¬ 
breitung  von  einem  älteren  tuberkulöskäsigen  Herde  aus  auf  dem  Luft¬ 
wege,  aerogen,  zustande.  Besonders  deutlich  lässt  sich  das  an  einem 
Einbruch  einer  verkästen  Lymphdrüse  in  einen  grösseren  Bronchus 
zeigen.  Im  allgemeinen,  entsteht  das  Bild  der  tuberkulösen,  ver- 
*äsenden  Bronchopneumonie,  deren  morphologisches  Ver¬ 
ständnis  durch  die  neueren  Untersuchungen  des  normalen  Baues  der 
Lungen  durch  Fr.  E.  Schulze,  durch  Rindfleisch20),  La- 
g  u  e  s  s  e  *  )  und  die  darauf  sich  stützenden  Darstellungen  von  N  i  c  o  l1 22) 
und  von  Husten 23)  unter  A  s  c  h  o  f  f,  ferner  durch  Loeschke24) 
sehr  gefordert  worden  ist.  Der  durch  R  i  n  d  f  1  e  Ls  c  h  25)  eingeführte 
Begriff  des  Lungenazinus,  der  die  Endverzweigungen  eines  Bronchiolus 
respiratorius  (bzw.  auch  mit  Einschluss  des  Bronchiolus  terminalis)  mit 
den  dazugehörigen  Alveolen  umfasst,  ist  von  Rindfleisch  selbst, 
M0n  C,  r  c  0 1 M')'  .Qrancher  und  besonders  von  A  s  c  h  o  f  f  und 
Nico1  )  der  Schilderung  der  tuberkulösen  Bronchopneumonie,  der 
Virchow  sehen  käsigen  „Peribronchitis“  zugrunde  gelegt  worden. 

Zweifelsohne  war  es  ein  grosses  Verdienst  Virchows,  die 
morphologischen  Unterschiede  der  tuberkulösen  Prozesse  genauer  nach- 


Tuberkulose.  Sitz.-Ber.  d.  K. 
ar  cli  and:  M.m.W.  1920,  Nr. 


pr. 

24, 


JN)  J.  Orth:  Zui“  Nomenklatur  der 
Akad.  d.  Wiss.  1917,  S.  592  und  F  M 
S.  681—686. 

„  *0)  M  a  fc  h  a  n  d.:  Leber  den  Entziindungsbegriff.  Virch.  Arcli.  1921, 

’  .  •  297-  O  r  t  h  (Diagnostik,  8.  A'ufl.,  S.  306)  schlägt  vor,  den  knötchen¬ 
förmigen  Neubildungen  die  Bezeichnung  miliares  oder  submiliares  tuber¬ 
kulöses  Granulom  beizulegen;  für  die  Erkrankung 
die  Bezeichnung  „Tuberkulöse  Granulie“  für  nicht 
kulose“  ist  jedenfalls  einfacher. 

■>n  ?'  Rindfleisch:  Lehrbuch  der  pathologischen  Gewebslehre. 

2  J  La  gu  esse  und  Hardiviller:  Bibliographie  anat.  T.  VI,  1896. 

n  ■*  N,‘  c°  l:  Entwicklung  und  Einteilung  der  Lungenphthise. 

Beitr.  z.  Klm.  d.  Tub.  1914,  30. 

■  f)  K.  Husten:  Zieglers  Beitr.  68,  S. 

)  H.  Loeschke:  Daselbst,  S.  213. 

‘  )  E.  Rindfleisch:  Die  chronische 
f.  klm.  Med.  1874,  13,  S.  43  u.  245.  —  De 
tuberkulöse  in  Ziemssens  Handb  d 
5.  2.  S.  150. 


im  ganzen  hält  er 
ungeeignet.  „Tuber- 


496. 

Lungentuberkulose.  D.  Arcli. 
rs. :  Chronische  und  akute  Lungen- 
spez.  Path.  u.  Ther.  2.  Auf!.,  1877, 


gewiesen  zu  haben  als  es  Laennec  und  seinen  Nachfolgern  möglich 
war.  Dass  das  anatomische  und  histologische  Bild  einer  diffusen 
käsigen  Pneumonie  total  verschieden  von  einer  knötchenförmigen 
Tuberkulose  ist,  ist  bekannt  genug;  die  pralle  homogene  Füllung  der 
sämtlichen  Alveolen  mit  fibrinösen  Massen  bei  der  ersteren,  oft  ohne 
erkennbare  Reste  von  Zellen  oder  Zellkernen,  mit  gefässlosen  Alveolar¬ 
wänden,  die  nur  noch  an  dem  Verlauf  der  elastischen  Fasern  erkennbar 
sind,  hat  keine  Aehnlichkeit  mit  einer  knötchenförmigen  Tuberkulose; 
in  aen  Anfangsstadien  finden  wir  aber  dieselben  Bilder,  wie  in  der  Um¬ 
gebung  des  miliaren  Tuberkels,  eiweissreiches,  flüssiges  Exsudat,  Des¬ 
quamation  des  gewucherten  Epithels,  Anhäufung  der  grossen  ge¬ 
quollenen  (oft  verfetteten)  einkernigen  Zellen,  Infiltration  der  ver¬ 
dickten  Alveolenwände  mit  Lymphozyten,  mit  dem  Absterben  dei 
Zellen  schnell  zunehmende  Fibrinausscheidung  in  den  Alveolen,  Auf¬ 
hören  jeder  Zirkulation,  homogene  Verkäsung  und  fortschreitenden 
Zerfall.  Dasselbe  Bild  der  mit  verkästem  Exsudat  gefüllten  Alveolen 
findet  sich  im  Zentrum  der  miliaren  käsigen  Pneumonie  (s.  Abb.  bei 
O  r  t  h  I.  c.  Taf.  I,  Fig.  4). 

Der  Bronchiolus  terminalis  teilt  sich  -dichotomisch  in  zwei  Bronchioli 
respiratorii,  die  auf  der  einen  „inneren“  Seite  mit  Alveolen  besetzt,  auf  der 
ausseren  glatt  and  noch  mit  niedrigem  Zylinderepithel  bekleidet  sind;  an 
dieser  Seite  verlaufen  die  begleitenden  Gefässe.  Sehr  oft  findet  man  an 
Lungenschnitten  etwas  grössere  Lufträume,  die  an  der  einen  Seite  die  Epithel- 
beklei-dung  zeigen,  während  auf  der  anderen  Seite  die  alveolären  Aus¬ 
buchtungen  mit  dem  zarten  respiratorischen  Epithel  liegen.  Die  Bronchioli 
respiratorii  gehen  unter  wiederholter  Teilung  in  die  etwas  weiteren  kurzen 
Alveolargänge  (Ductuli  alveolares  Schulze)  über,  die  stellenweise  noch 
niedriges  Zylinderepithel  haben,  und  dann  in  den  stärker  erweiterten  blinden 
Sacculi  alveolares  (den  früher  sog.  Infundibula)  enden.  (In  der  Abbildung 
bei  Husten,  die  auch  A  s  c  h  o  f  f  wiedergibt,  erscheinen  die  Alveolar¬ 
gänge  etwas  langgestreckt.)  Der  engste  Teil  des  Gangsystems  ist  der 
Bronchiolus  terminalis,  der  noch  mit  Muskelfasern  versehen,  also  kontraktil 
ist.  Da  die  Alveolen  der  benachbarten  Systeme  miteinander  in  Verbindung 
stehen,  können  alle  entzündlichen,  infektiösen  Prozesse  direkt  von  dem  einen 
in  das  andere  übergehen,  wie  die  bekannten  Fibrinstränge  bei  der  Pneumonie 
zeigen. 

Während  bei  der  katarrhalischen  und  der  fibrinösen  oder  kruppösen 
lobulären  und  lobären  .Entzündung  das  Exsudat  das  Lumen  der  Bronchiolen 
ausfüllt  und  kontinuierlich  in  die  Alveolen  übergeht,  ist  bei  der  abszedierenden 
Bronchopneumonie  die  Bronchialwand  eiterig  infiltriert;  das  eiterige  Exsudat 
und  die  Infiltration  des  Gewebes  mit  schnell  folgendem  Zerfall  geht  auf  das 
Alveolargewebe  über,  bei  der  tuberkulösen  Bronchitis  und  Bronchopneumonie 
ist  das  gleiche  der  Fall,  jedoch  mit  dem  Unterschied,  dass  die  Wand  der 
Bronchiolen  und  die  Alveolar-Septa  tuberkulös,  d.  h.  mit  Lymphozyten  und 
gewucherten  Gewebszellen  infiltriert  sind,  und  in  Verkäsung  und  Zerfall  über¬ 
gehen.  Die  auf  diese  Weise  entstandenen  Höhlen  hängen  daher  ausnahmslos 
ini)  Bronchien,  zusammen.  (Tuberkulös-käsige  Bronchopneumonie  oder 
azinös-nodöse  Phthise  A  s  c  h  o  f  f  s  mit  ihren  verschiedenen  Ausgängen,  mehr 
oder  weniger  starker  Bindegewebswucherung,  die  im  allgemeinen  bekannt 
sind.)  Die  festeren,  schwärzlich  pigmentierten  Formen  der  knotigen  Tuber¬ 
kulose  finden  sich  zuweilen  in  Fällen  von  angeblich  schnellem  Verlauf,  bei 
dem  man  klinisch  eine  frische  Verkäsung  vermutet  hatte. 

,  Vergleicht  man  die  Abbildung  Fig.  8  (S.  306)  in  meiner  Asthmaarbeit 
(Zieglers  Beitr.  61.)  aus  einer  fibrinösen  Pneumonie  mit  Nicols  Abbildung 
(L  c.  Taf.  III  d)  eines  ganz  frischen  azinösen  Prozesses  mit  beginnender 
tuberkulöser  Verkäsung,  so  kann  man  sich  leicht  von  der  Uebereinstimmung 
beider  uberzeugen,  nur  mit  dem  Unterschied,  dass  die  Wand  und  das  Zwischen- 
gewebe  in  der  Nachbarschaft  der  beginnenden  Verkäsung  zellig  infiltriert  ist; 
weiter  nach  der  Peripherie  würde  die  Verkäsung  vermutlich  schon  grösseren 
Umfang  gehabt  haben.  (Im  Text  S.  250  ist  das  Gewebe  in  der  Peripherie 
um  die  zentrale  Nekrose  „im  Lumen  des  Bronchiolus“  als  typisch  tuberkulöses 
Granulationsgewebe  bezeichnet.) 

. .  v-  Baumgarten  will  den  Ausdruck  Granulationsgewebe  wegen  des 
Mangels  an  Gefässen  durch  „tuberkulöse  Infiltration“  ersetzen.  Sie  entspricht 
dem  schon  von  Virchow  als  tuberkulöse  (früher  skrofulöse)  Bronchitis  und 
anschliessende  Peribronchitis  bezeiohneten  Zustand  (s.  oben).  Ich  habe  den 
Ausdruck  tuberkulös-käsige  Peribronchitis  als  gleichbedeutend  mit  tuberkulös- 
käsiger  Bronchopneumonie  aus  Pietät  beibehalten,  halte  aber  den  letzteren 
Ausdruck  für  richtiger  (wie  auch  Orth)  zur  Vermeidung  von  Verwechslungen; 
es  ist  mir  wohl  bekannt,  dass  eine  echte  tuberkulöse  Peribronchitis  mit  reihen¬ 
weise  die  Bronchiolen  begleitenden  Knötchen  mit  vielen  Riesenzellen  nicht 
se.ten  vorkommt,  die  mehr  den  späteren  Stadien  angehört,  die  sich  durch 
reichliche  Bindegewebsbildung  auszeichnen. 

Rindfleisch  beschrieb  als  jüngstes  Stadium  der  Laennec  sehen 
1  uberkelgranulation  oder  des  „Tuberkelgranulum“  eine  tuberkulöse  Infiltration 
aller  Kanten  und  Vorsprünge  an  der  Uebergangsstelle  der  kleinsten  Bronchien 
in  die  Lungenazim,  indem  er  sich  gegen  die  besonders  von  Cars  well 
begründete  Vorstellung  wendet,  dass  die  traubenförmigen  weissen  Körper  mit 
Sekret  gefüllte  Bronchiolen  (und  Luftbläschen)  seien.  Virchow  hatte  sich 
bereits  gegen  die  Lehre  vom  tuberkulösen  Exsudat  ausgesprochen  (1.  c.  II. 

S.  626)  und  die  Bronchialwand  als  Ursprung  des  Prozesses  erkannt.  In 
gewissen  Fällen  geht  der  tuberkulöse  Prozess  von  der  Wand  des  engen 
Bronchiolus  terminalis  aus,  in  vielen  anderen  von  grösseren  Bronchien  (s.  u.). 

Das  Bild  ist  aber  ebenso  verschieden  von  dem  der  fibrinösen 
(Diplokokken-)  Pneumonie,  die  nicht  ganz  selten  auch  in  einer  Lunge 
mit  altem  ausgeheilten  tuberkulösen  Herd  (Sammlungspräparat  Nr.  261, 
1908,  M.  v.  45  J.;  Nr.  187,  1906,  M.  v.  64  J.),  und  ebenso  auch  -durch 
Mischinfektion  bei  einem  noch  im  Fortschreiten  begriffenen  tuberku¬ 
lösen  Prozess  verkommt.  In  diesem  Fall  kann  die  Unterscheidung  so¬ 
wohl  klinisch  als  pathologisch-anatomisch  schwierig  werden. 

Es  ist  eine  sehr  wichtige,  aber,  wie  mir  scheint,  noch  nicht  sicher 
zu  beantwortende  Frage,  ob  die  verkäsende  Pneumonie  im  Anfangs¬ 
stadium  einer  Resorption  fähig  ist,  wie  es  zuweilen  selbst  bei  sehr 
umfangreicher  lobärer  Infiltration  angenommen  wird.  Ist  einmal  Ver¬ 
käsung  eingetreten,  so  ist  selbstverständlich  Resorption  nicht  möglich. 

'-")  Charcot:  Revue  mensuelle  1877,  zit.  nach  Grancher  (1.  c.). 

,  _  4* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  1. 


Vnn  französischen  Autoren  ist  wiederholt  der  Versuch  gemacht 
worden  in  der  verkffenin  Pneumonie  dieselben  Eormelemente  nach- 
zuwdsen  wie  bei  der  knötchenförmigen  Tuberkulose  ja  sogar  die 
Existenz 'einer  käsigen  Pneumonie  ganz  in  Abrede  zu  stellen  und  an 
öprpn  Stelle  eine  tuberkulöse  Pneumonie  mit  ulzeröser  ren 
STÄ**  immer  durch  die  Qegenwart  der 

SST  T^intraalveoläre  eÜiSe  Äj 

Dunkt  der  Diathese,  sondern  auch  vom  anatomischen  tuberkulös  sein 
Ihlanot2®)!  Gegenüber  dieser  Auffassung  wurde  besonders  v 
Orth30)  zugunsten  der  ursprünglichen  Lehre  Virchows  Stellung 
u  r  r  n  )  zugunsten  U  Tj  |  m  o-  a  r  t  e  n  noch  vor  kurzem  an  seinem 

ursprünghehen3»!  seiner  grundlegenden  Beschreibung  der  histdogischen 
pSJme  der  Lungentuberkulose  dargelegten  Standpunkt31)  fest¬ 
sten  hat  dass  die  verkäsende  Pneumonie  histologisch  nichts  anderes 
als  ein  echt  tuberkulöser  Prozess  des  Lungengewebes  ist,  und  dass 
selbst  zw  sehen  typisch  lobulären  oder  lobären  chronisch-käsigen 
Pneumonien  und  dem  typischen  Tuberkel  des  Lungengewebes  nur 
quantitative  und  graduelle  Differenzen  existieren  . 

Da  nach  der  fast  allgemeinen  Auffassung  die  Entzündung  die  Be¬ 
deutung  eines  reaktiven  Prozesses  gegenüber  der  Einwirkung  von 
Schädlichkeiten  besitzt,  so  ist  die  Frage  naheliegend,  wie  weit  dem 
tuberkulösen  Prozess  eine  solche  Bedeutung  zukommt.  Dass  auch  hier 
Reaktive  Vorgänge  eine  grosse  Rolle  spielen,  die  zur  Heilung  fuhren 
können  ist  zweifellos  und  wohl  allgemein  anerkannt.  Als  solche 
kommen  in  erster  Linie  (vielleicht  allein)  die  s°g' 

in  Frage-  auch  die  Riesenzellenbildung  hat  nach  der  Ansicht  vieler 
diese  Bedeutung  Bei  den  zu  schneller  Verkäsung  führenden  sog.  ex¬ 
sudativen  Vorgängen,  obwohl  auch  bei  diesen  ausser  der  Exsudat  10 
starke  Zellwucherungen  mitwirken,  stehen  doch  die  sehr  bald  untei  der 
Einwirkung  der  Toxine  auftretenden  Degenerationserscheinungen  so 
sehr  in  dem  Vordergrund,  dass  A  s  c  h  o  f  f  s  )  Auffassung  derselben  als 
defensive“  Vorgänge  nicht  begründet  erscheint.  Mit  der  Ausstossung 
eines  nekrotischen,  eitrigen  Pfropfes  beim  Furunkel  mit  nachfolgender 
Vernarbung  lässt  sich  doch  der  Vorgang  der  Einschmelzung  des  - 
kästen  Lungengewebes  schwerlich  vergleichen  (1.  c.  b.  II).  auch 
werden  dadurch  die  Tuberkelbazillen  keineswegs  beseJjgti  vidiriehr 
tritt  an  der  Innenfläche  der  Höhlen  bekanntlich  eine  oft  kolossale  Ver¬ 
mehrung  derselben  ein. 

Die  dritte  Verbreitungsart  der  Tuberkulose  auf  dem  Wege 
der  Lvmphbahnen  oder  im  Bindegewebe  (i  n  t  e  r  s  1 1 1 1  eile  I  u  b  e  r  - 
kulose)  bedarf  keiner  eingehenden  Erörterung,  da  sie  eine  gering  r 
Selbständigkeit  besitzt,  aber  sehr  oft  die  beiden  Hauptformen  begle: itet 
Man  findet  die  Dissemination  von  Knötchen  auf  dem  Lymphwege  ui  der 
bekannten  charakteristischen  Weise  in  der  Umgebung  eines 
Herdes  der  Kinderlungen  und  der  der  Erwachsenen  im  Lungengewebe 
und  in  der  Pleura,  und  die  weitere  Verbreitung  im  penbronchialen  und 
perivaskulären  Gewebe  bei  der  chronischen  Phthise,  nicht  selten  in 
Form  von  netzförmg  angeordneten,  mit  Knötchen  besetzten  Zugen  i 
noch  lufthaltigem  Gewebe.  Die  peribronchitische  Tuberkulose  schhesst 
sich  in  der  schon  von  V  i  r  c  h  o  w  beschriebenen  Weise  an  die  tuberku¬ 
lös-käsige  Bronchitis  an,  geht  auf  das  benachbarte  alveolare  Ge¬ 
webe  über  und  führt  zu  den  zirrhotischen  Schrumpfungen. 

(Schluss  folgt.) 


Uebsr  Ziegenmilchanämie. 


Von  Prof.  Dr.  W.  Stoeltzner,  Direktor  der  Universitäts- 
Kinderkbnik  in  Halle  a.  S. 


Die  sogenannte  Anaemia  pseudoleucaemica  infantum  gehört  zu  den 
Krankheiten,  über  die  wir  zwar  mancherlei  wissen,  die  uns  aber  nichts¬ 
destoweniger  in  hohem  Grade  unverständlich  sind. 

Der  Sektionsbefund  zeigt  deutlich,  dass  Bildung  und  Zerstörung  der 
roten  Blutkörperchen  lebhaft  gesteigert  sind.  Einerseits  hochgradige 
Hämosiderosis,  besonders  der  Leber;  andererseits  das  intensiv  rote 
Knochenmark  in  verstärkter  Erythropoese  begriffen;  ausserdem  neu- 
gebildete  myeloide  Herde  nicht  nur  in  der  bedeutend  vergrosserten  Milz, 
sondern  auch  in  Leber  und  Lymphdrüsen,  ja  sogar  in  den  Nieren. 

Das  Blutbild  bestätigt  den  gesteigerten  Erythrozytenumbau  und 

lehrt  darüber  hinaus,  dass  die  Zerstörung  über  die  Neubildung  über  wiegt. 
Polychromasie,  sehr  zahlreiche  kernhaltige  Erythrozyten  oft  auch  zahl¬ 
reiche  Megalozyten  und  Megaloblasten;  gleichzeitig  bedeutende  Ver¬ 
minderung  der  Erythrozyten  zahl. 


2?)  j  Q  ran  eher:  Tuberculose  pulmonaire.  Arch.  de  Physiol.  norm. 

»*  ...  nr  \T  1C7Ö  1  11  507 


et  pathol.  2ieme  Sdr.  T.  V.  1878  p.  1  u.  507.  ,  -  .. 

28)  Cornil  et  Ranvier:  Manuel  d’Histologie  path.  2.  Aufl.  1884,  11, 

P'  V.  Hanot:  Des  Rapports  de  l'Inflammation  avec  la  Tuberculose. 

Thfese  de  Paris  1883.  S.  auch  HGard,  Cornil,  Hanot.  La  Phthisie 
pulmonaire.  2.  P.  anat.  pathologique.  2.  Ed.  Paris  1888.  A„.isteilten 

M)  Joh.  Orth:  Ueber  käsige  Pneumonie.  Festschrift  der  Assistenten 

f.  Virchow,  1891.  .  , ...  1ÜCC  „  c 

31)  P  Baum  garten:  Zschr.  f.  klin.  Med.  1885.  9,  S.  259. 

32^  l.  Asch  off:  Die  natürlichen  Heilungsvorgänge  bei  der  Lui.gen- 

phthise.  Wiesbaden  1921. 


Krass  ausgedrückt,  ist  also  nicht  nur  das  Er^r^ten  fabriwerende 
Stammhaus  das  rote  Knochenmark,  auf  das  stärkste  bescnauig  . 
sondern  auch  zahlreiche  Filialen  in  Milz,  Leber  unu  ärmeren  uigane 
produzieren  unter  Hochdruck  Erythrozyten.  Aber  die  Nachfrage  ist  so 
stürmisch  dass  auch  dieser  ad  maximum  entwickelte  Betrieb  ment 
genug  liefern  kann,  obwohl  die  Ware  vielfach  in  noch  unfertigem  Zu- 

StanRei?lffi”e5raÄ  würde  eine  derartige  Erkrankung  des  Blu¬ 
tes  und  der  Blutbildungsstätten  zwei  Möglichkeiten  der  Erklärung  zu 
lassen  Entweder  könnte  es  sich  handeln  um  eine  primäre  Steige- 
rumr  der  Neubildung  von  roten  Blutkörperchen,  die  aber  so  hinfällig 
wären  dass  auch  die  vermehrte  Produktion  mit  dem  Untergang  nicht 
Schritt  halten  könnte.  Oder  es  könnte  sich  handeln  um  eine  primäre 
Steigerung  der  Erythrozytenzerstörung,  die  sekundär  eine  sehr  ver¬ 
mehrte  wenngdich  trotzdem  nicht  ausreichende  regenerative.  Neu- 
büdung  zur  Folge  hätte.  Für  die  erste  Möglichkeit  durfte  es  in  der 
ganzen  Pathologie  kein  Analogon  geben.  Dagegen  gibt  es  f ur  du - 
zweite  Möglichkeit  in  der  klinischen  und  in  der .expenme: 
incr.P  cn  zahlreiche  Beispiele,  dass  sie  unzweifelhaft  die  uberwiegenue 

Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat.  Wir  dürfen  also „fS6 Zerstörung  von 
der  Anaemia  pseudoleucaemica  primär  eine  gesteigerte  Zerstörung 
Erythrozyten  vorliegt,  und  dürfen  die  gesteigerte  Neubildung  als  sekun¬ 
däre  regenerative  Erscheinung  auffassen.  Die  Anaemia  pseuao 
leucäemica  ist  somit  ihrem  Wesen  nach  eine  chronische  hämolytische 

AnäDeer'  Ausdruck  hämolytisch  soll  nicht  besagen,  öass  die  Erythro- 
zyten  im  strömenden  Blute  aufgelöst  werden.  Hamoglobmamie  pflegt 
man  bei  der  Anaemia  pseudoleucaemica  nicht  anzutieffen.  VV  ahrschein 
lieh  erfolgt  die  Auflösung  der  geschädigten  Erythrozyten,  zum  minde¬ 
sten  in  der  Hauptsache,  in  den  Organen,  die  andererseits  der  R^ 
tion  der  roten  Blutkörperchen  dienen;  also  im  Knochenmark,  m  nder 
Milz  in  der  Leber  und  in  den  myeloid  metaplasierten  Lymphdiusen. 

Den  chronisch  hämolytischen  Charakter  teilt  d\  Anaemia  pseudo¬ 
leucaemica  mit  der  perniziösen  Anämie  des  Erwachsenen.  Nebenbei 
bemerkt,  ist  diesen  beiden  schweren  Blutkrankheiten  auch  die  veraltete 
Bezeichnung  gemeinsam.  Denn  bei  der  Anaemia  pseudo  leucaemica 
steht  die  Störung  der  Erythropoese  entschieden  im  Vordergrund 
und  die  perniziöse  Anämie  ist  nicht  in  allen  Fällen  perniziös.  Es  fragt 
sich  nun  in  welchem  Verhältnis  die  beiden  Krankheiten  ihrem  Wes 
nach  zueinander  stehen.  Soweit  ich  sehen  kann,  beruhen  alle  Ver¬ 
schiedenheiten  zwischen  ihnen  darauf,  dass  bei  üer  Anaemia  Pseudo- 
leucaemica  ein  stärkeres  Regenerationsvermogen  festzustel  en  st  D  e 
extramedulläre  myeloide  Metaplasie,  die  auch  bei  der  B  l  ermer  sehen 
Anämie  nicht  ganz  fehlt,  ist  bei  der  Anaemia  pseudoleucaemica  un¬ 
gleich  mächtiger  entwickelt;  das  klinische  Wahrzeichen  dessen  ist  der 
grosse  Milztumor.  Ferner  weist  das  regelmassige  massenhafte  Auf¬ 
treten  von  kernhaltigen  Erythrozyten  darauf  hin.  dass  bei  der  Anaemia 
pseudoleucaemica  die  regenerative  Erythropoese  in. einem  Umfange 
gesteigert  ist,  wie  das  bei  der  B  i  e  r  m  e  r  sehen  Anämie  höchstens  vor 
übergehend,  gelegentlich  der  sog.  Blutkrisen,  vorkommt.  Zu  dem 
ultimum  refugium,  der  Umstellung  der  Regeneration  auf  den  embryo¬ 
nalen  megaloblastischen  Typus  mit  erhöhtem  Färbeindex,  nimmt  der 
Organismus  bei  der  Anaemia  pseudoleucaemica  nicht  so  regelmassig 
Zuflucht  wie  bei  der  Biermer sehen  Anämie.  Für  die  letztere  ist 
der  megaloblastische  Typus  der  Regeneration  so  ^ut  wie  obligatorisch 
bei  der  Anaemia  pseudoleucaemica  kommt  er  zwar  ebenfalls  sehr  häutig 
vor,  oft  genug  findet  man  aber  auch  den  postembryonalen  normoblasti- 

SChtAber  die  hämolytischen  Noxen  treffen  nicht  nur  die  Erythrozyten, 
Sondern  auch  die  Leukozyten;  und  hier  zeigt  sich  das  uberlegene 
Regenerationsvermögen  der  Anaemia  pseudoleucaemica  am  alleraeut 
lichsten.  Bei  ihr  finden  wir  als  Regel  eine  ansehnliche  Leukozytose, 
bei  der  Biermer  sehen  Anämie,  ausser  in  Remissiqnszeiten,  ebenso 
regelmässig  Leukopenie.  Vergleichen  wir  die  Anaemia  pseudo- 
ffiSKnit  der  in  Remission  begriffenen  B  i  e  r  m  e  r  sehen  Anämie, 
so  nähern  sich  die  Blutbilder  bedeutend.  Durch  experimentelle  Hämo¬ 
lyse  hat  Re  c  k  z  e  h 3)  bei  jungen  Tieren  das  Bild  der  Anaemia  pseudo¬ 
leucaemica,  bei  ausgewachsenen  das  Bild  der  B 1  e r ™  ® s 
hervorrufen  können.  Ich  komme  nach  alledem  zu  dem  Schluss  dass 
die  beiden  Krankheiten  im  Wesen  identisch  sind,  und  dass  die  Unter¬ 
schiede  sich  aus  den  Altersverschiedenhelten  der  Erkrankten  erklaien 
Das  Verhältnis  ist  also  ähnlich  wie  dasjenige  zwischen  der  Rachitis 
und  der  Osteomalazie.  Die  Anaemia  pseudoleucaemica  ist.  die  rela¬ 
tiv  gutartige  frühinfantile  Form  der  B  i  e  r  me  £  sehen  Anämie. 

Wie  bei  der  Analyse  eines  jeden  Krankheitszustandes,  so  ist  auch 
in  unserem  Falle  streng  zu  unterscheiden  zwischen  ens  morbi  und 
causa  morbi.  Wenn  Anaemia  pseudoleucaemica  und  Biermerscne 
Anämie  in  ihrem  Wesen  identisch  sind,  so  folgt  daraus  keineswegs, 
dass  auch  ihre  Ursachen  identisch  sein  müssten.  Nach  allem  was 
darüber  ausgesagt  werden  kann,  hat  die  Anaemia  pseudoleucaemica 
ebensowenig  wie  die  Biermer  sehe  Anämie  eine  einheitliche  Aetio- 
loGe  Die  Art  des  hämolytischen  Giftes  bleibt  in  manchen  Fallen 
ganz' unbekannt;  in  anderen  Fällen  darf  eine  alimentäre  oder  eine  in¬ 
fektiöse  Herkunft  der  schädlichen  Stoffe,  angenommen  werden.  Neben 
den  äusseren  Ursachen,  den  hämolytischen  Giften,  ist  als  innere 
Ursache  offenbar  eine  konstitutionelle  Disposition  von  wesentlicher 
ätiologischer  Bedeutung. 


i)  Reckzeh:  Ueber  die  durch  das  Alter  der  Organismen  bedingten 
Verschiedenheiten  der  experimentell  erzeugten  Blutgiftanamien.  Zschr.  t. 


klin.  Med.  1904,  54. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


5 


Viel  umstritten  ist  die  Stellung  der  Anaemia  pseudoleucaemica 
einerseits  zu  den  „einfachen“  Anämien  des  frühen  Kindesalters,  anderer¬ 
seits  zu  der  regelmässig  mit  ihr  verbundenen  Rachitis.  In  beiden 
Punkten  bringen  die  neuen  Erfahrungen,  über  die  ich  im  folgenden 
berichten  möchte,  wesentliche  Aufklärung. 

Seit  etwa  einem  Jahre  sehen  wir  hier  in  Halle  auffallend  viele 
schwere  Anämien  bei  kleinen  Kindern,  die  längere  Zeit  mit  Ziegen¬ 
milch  ernährt  worden  sind.  Wenngleich  die  Verwendung  von  Ziegen¬ 
milch  für  die  Säuglingsernährung  häufiger  geworden  ist,  als  sie  früher 
war,  so  wird  doch  noch  immer  die  übergrosse  Mehrzahl  aller  Säuglinge 
entweder  mit  Frauenmilch  oder  mit  Kuhmilch  ernährt;  da  nun  zurzeit 
die  meisten  schweren  Säuglingsanämien  mit  Ziegenmilch  ernährte 
Kinder  betreffen,  so  ist  zwischen  der  Ziegenmilch  und  der  Anämie 
zweifellos  ein  kausales  Verhältnis  anzunehmen.  Ein  zufälliges  Zu¬ 
sammentreffen  ist  um  so  unwahrscheinlicher,  als  der  Zusammenhang 
zwischen  Ziegenmilchernährung-  und  schwerer  Anämie  auch  anderen 
Beobachtern  an  anderen  Orten  aufgefallen  ist. 

Das  Verdienst,  zuerst  auf  diesen  Zusammenhang  hingewiesen  zu 
haben,  gebührt  einer  Aerztin,  Johanna  Schwenke2)-  Sie  hat  im 
Jahre  1918  mitgeteilt,  dass  in  mehreren  in  der  Breslauer  Kinderklinik 
beobachteten  Fällen  von  Anaemia  pseudoleucaemica  nicht  Kuhmilch, 
sondern  Ziegenmilch  verabreicht  worden  war.  Im  Jahre  1919  meldet 
B  lühdorn3)  aus  der  Göttinger  Kinderklinik  dasselbe.  Zwei  Drittel 
seiner  Fälle  betreffen  mit  Ziegenmilch  ernährte  Kinder,  während  nach 
der  relativen  Seltenheit,  mit  der  die  Ziegenmilch  in  der  Göttinger 
Gegend  als  Säuglingsnahrung  verwendet  wird,  eine  weit  kleinere 
Zahl  zu  erwarten  wäre.  Göppert  und  Langstein4)  nennen  1920 
unter  den  Ursachen  der  Säuglingsanämien  die  Ziegenmilch  mit  in  erster 
Linie. 

Natürlich  wäre  es  ein  grobes  Missverständnis,  wenn  jemand  meinen 
wollte,  die  Anaemia  pseudoleucaemica  oder  gar  alle  schweren  Säuglings¬ 
anämien  seien  nunmehr  als  Vergiftungen  durch  Ziegenmilch  erkannt. 
Die  Ziegenmilch  ist  ein  ätiologisches  Moment  neben  anderen:  die 
Ziegenmilchanämie  ist  zurzeit  infolge  der  vermehrten  Ziegenhaltung 
besonders  häufig;  mit  Einschränkung  der  Ziegenmilch  als  Säuglings¬ 
nahrung  wird  sie  wieder  selten  werden,  und  es  werden  die  Anämien 
anderer  Aetiologie  wieder  in  den  Vordergrund  treten.  Die  Ziegen¬ 
milchanämie  ist  eine  episodische  Erscheinung  der  Nachkriegszeit. 

Sichere  Erkrankung  an  schwerer  Ziegenmilchanämie  haben  wir  im 
Laufe  des  Jahres  1921  in  4  Fällen  gesehen. 

Die  Kinder  standen,  als  sie  in  unsere  Beobachtung  eintraten,  im 
Alter  von  5  bis  15  Monaten  und  waren  die  letzten  2  bis  5  Monate  mit 
Ziegenmilch  ernährt  worden.  Das  jüngste  und  das  älteste  Kind  hatten 
eine  ziemlich  schwere  Rachitis,  die  beiden  mittleren  waren,  soweit  das 
am  Lebenden  beurteilt  werden  kann,  von  Rachitis  frei.  Die  beiden 
rachitischen  Kinder  hatten  einen  grossen  Milztumor;  von  den  beiden 
anderen  hatte  das  eine  eine  nur  eben  deutlich  fühlbare  Milz,  bei  dem 
anderen  war  eine  Milzschwellung  überhaupt  nicht  nachzuweisen.  Alle 
4  Kinder  sahen  wachsbleich  aus.  Der  Hämoglobingehalt  schwankte 
zwischen  20  und  40  Proz.  Der  Färbeindex  verhielt  sich  nicht  einheitlich. 
Die  Erythrozytenzahl  betrug  720  000  bis  2  200  000.  Megaloblasten 
wurden  in  den  beiden  Fällen  ohne  Rachitis  und  ohne  Milztumor  ver¬ 
misst.  Die  Zahl  der  Leukozyten  schwankte  zwischen  12  000  und  27  000. 

In  je  einem  Falle  mit  und  ohne  Milztumor  bestand  neben  der 
schweren  Anämie  eine  Bronchopneumonie,  die  zum  Tode  führte,  bevor 
das  Weglassen  der  Ziegenmilch  auf  die  Anämie  zur  Wirkung  kommen 
konnte.  Die  beiden  anderen  Kinder,  die  von  Komplikationen  frei  waren, 
sind  durch  Weglassen  der  Ziegenmilch  und  Umsetzen  auf  gemischte 
Kos£  mit  knapp  'A  Liter  Kuhmilch  pro  Tag  geheilt  worden.  Bei  dem 
Kinde  ohne  Milztumor  stieg  schon  in  den  ersten  10  Tagen  nach  Weg¬ 
lassen  der  Ziegenmilch  die  Erythrozytenzahl  von  720  000  auf  1  800  000 
Bei  dem  anderen  Kinde,  das  den  pseudoleukämischen  Typus  darbot, 
hat  es  allerdings  4%  Monate  gedauert,  bis  Anämie  und  Miiztumor  ver¬ 
schwunden  waren;  doch  ist  auch  das  in  Anbetracht  der  Schwere  des 
Falles  ein  sehr  guter  Erfolg. 

In  der  Ziegenmilchanämie  haben  wir  eine  schwere  Säuglingsanämie 
mit  genau  bekannter  Aetiologie  vor  uns.  Es  ist  nun  sehr  bemerkens¬ 
wert,  dass  eine  und  dieselbe  Noxe,  eben  die  Ziegenmilch,  bei  manchen 
Kindern  eine  Anaemia  pseudoleucaemica.  bei  anderen  eine  schwere 
„einfache“  Anämie  hervorruft,  die  beide  nach  Aussetzen  der  Ziegen¬ 
milch  zur  Heilung  kommen.  Da  die  Anaemia  pseudoleucaemica  eine 
hämolytische  Anämie  ist,  und  da  nicht  angenommen  werden  kann,  dass 
die  Ziegenmilch  auf  zwei  verschiedenen  Wegen  zwei  ganz  verschiedene 
Arten  von  schwerer  Anämie  verursacht,  so  sind  auch  die  „einfachen“ 
Ziegenmilchanämien  als  hämolytische  Anämien  anzusehen.  Das  heisst, 
hämolytische  Anämien  können  beim  Säugling  bald  unter  dem  Bilde 
der  Anaemia  pseudoleucaemica,  bald  unter  dem  Bilde  einer  „einfachen“ 
Anämie  auftreten.  Eine  Trennung  zwischen  „einfacher“  Anämie  und 
Anaemia  pseudoleucaemica  in  dem  Sinne,  dass  zwei  verschiedene 
Krankheiten  vorlägen,  ist  nicht  aufrecht  zu  erhalten. 

Die  ätiologische  Einheitlichkeit  der  Ziegenmilchanämien  erlaubt  es, 
zu  dem  Verhältnis  zwischen  der  Anaemia  pseudoleucaemica  und  den 
„einfachen“  Säuglingsanämien  so  bestimmt  Stellung  zu  nehmen.  Ini 
Grunde  wird  damit  nur  eine  Auffassung  gestützt  und  wohl  endgültig 


2)  Johnnna  Schwenke:  Ueber  schwere  Anämien  im  frühen  Kindesalter. 
Jahrb.  f.  Kindhlk.  1918,  88.  H.  3—5,  S.  294. 

3)  Blühdorn:  Ueber  alimentäre  Anämie  im  Säuglings-  und  frühen 
Kindesalter.  B.kl.W.  1919  Nr.  8. 

4)  Göppert  und  L  a  n  g  s  t  e  i  n:  Prophylaxe  und  Therapie  der  Kinder¬ 

krankheiten.  Berlin,  Julius  Springer,  1920,  S.  212. 


festgestellt,  der  die  besten  Kenner  der  kindlichen  Anämien  sich  .ohnehin 
mehr  und  mehr  zuneigen.  F  i  n  k  e  1  s  t  e  i  n,  J  a  p  h  a,  K  1  e  i  n  s  c  h  tiu  d  t, 
Nägel i,  v.  Pfaundler,  Schwenke  sind  übereinstimmend  der 
Ansicht,  dass  eine  scharfe  Trennung  der  Anaemia  pseudoleucaemica 
von  den  „einfachen“  Anämien  nicht  möglich  ist.  Schon  innerhalb  der, 
Anaemia  pseudoleucaemica  bestehen  insofern  Unterschiede,  als  in 
manchen  Fällen  die  Umstellung  auf  den  embryonalen  Regenerations¬ 
typus  vermisst  wird.  Diese  Fälle  ohne  Megalozyten  und  Megaloblasten 
und  mit  einem  Färbeindex  unter  1  sind  einerseits  mit  den  Fällen  mit 
megaloblastischem  Blutbilde,  andererseits  mit  den  „einfachen“  An¬ 
ämien  ohne  grossen  Milztumor  durch  fliessende  Uebergänge  verbunden. 
Auch  bei  gewöhnlichen  sekundären  Anämien  junger  Kinder  treten  be¬ 
kanntlich  kernhaltige  Erythrozyten  und  auch  Myelozyten  gar  nicht 
selten  im  Blutbilde  auf.  Ebensowenig  ermöglicht  die  Milzschwellung, 
die  extramedulläre  myeloide  Metaplasie  oder  die  Hämosiderosis  eine 
durchgreifende  Trennung. 

Kehren  wir  zur  Ziegenmilchanämie  zurück,  so  ist  es  klar,  dass 
die  hämolytische  Noxe  in  allen  Fällen  die  gleiche  ist,  mag  es  nun  zur 
Ausbildung  einer  „einfachen“  oder  einer  pseudoleukämischen  Anämie 
kommen.  Welcher  besondere  Umstand  ist  nun  für  die  Ausbildung  der 
pseudoleukämischen  Form  entscheidend? 

Die  naheliegende  Vermutung,  dass  die  leichteren  Fälle  als  „ein¬ 
fache“,  die  schwereren  als  pseudoleukämische  Anämie  verlaufen,  trifft 
nicht  zu.  Gewiss  ist  die  pseudoleukämische  Anämie  eine  sehr  schwere 
Anämie;  doch  haben  wir  die  niedrigsten  Hämoglobin-  und  Erythrozyten¬ 
zahlen  gerade  bei  der  „einfachen“  Ziegenmilchanämie  gefunden. 

Ebensowenig  wie  eine  besondere  Schwere  der  hämolytischen  Ver¬ 
giftung  kann  ein  besonders  frühes  Lebensalter  für  die  Entwicklung  der 
pseudoleukämischen  Anämie  verantwortlich  gemacht  werden.  Alle 
unsere  Fälle  betreffen  ganz  junge  Kinder;  und  interessanterweise 
hatten  das  allerjüngste  und  das  relativ  älteste  Kind  eine  Anaemia 
pseudoleucaemica,  die  beiden  im  Alter  dazwischen  stehenden  eine 
„einfache“  Anämie.  Wir  sehen  also  einerseits  bei  Säuglingen  schwerste 
hämolytische  Anämie  ohne  pseudoleukämischen  Charakter;  andererseits 
bei  der  B  i  e  r  m  e  r  sehen  Anämie  des  Erwachsenen  ganz  regelmässig 
die  Umstellung  auf  den  embryonalen  Reaktionstypus. 

Es  bleibt  nichts  anderes  übrig,  als  einen  inneren  konstitutionellen 
Faktor  dafür  verantwortlich  zu  machen,  dass  auf  dieselben  Einwir¬ 
kungen,  die  bei  anderen  kleinen  Kindern  eine  „einfache“  Anämie  zur 
Folge  haben,  sich  bei  manchen  eine  Anaemia  pseudoleucaemica  ent¬ 
wickelt. 

Welcher  Art  kann  nun  dieser  konstitutionelle  Faktor  sein?  Fs 
muss  ein  Moment  sein,  das  den  ersten  Lebensjahren  eigentümlich  ist 
und  das  in  dieser  frühen  Lebenszeit  in  weiter  Verbreitung  und  in  allen 
erdenklichen  Abstufungen  vorkommt.  Macht  man  sich  das  klar,  so 
wird  man  sogleich  an  die  Rachitis  denken.. 

Von  unseren  vier  Kindern  mit  schwerer  Ziegenmilchanämie  hatten 
die  beiden  mit  Anaemia  pseudoleucaemica  eine  ziemlich  starke  Rachitis, 
die  beiden  mit  „einfacher“  Anämie  waren  von  Rachitis  frei.  Das  ist 
kein  Zufall.  Dass  die  Anaemia  pseudoleucaemica  regelmässig  mit 
Rachitis  verbunden  auftritt,  ist  seit  langem  bekannt.  Ueber  die  Be¬ 
ziehungen  der  beiden  Zustände  zueinander  herrschen  bis  jetzt  die 
grössten  Meinungsverschiedenheiten.  Auf  der  einen  Seite  wird  das 
regelmässige  Zusammenvorkommen  als  zufällig  angesehen:  auf  der 
anderen  Seite  gehen  Aschenheim  und  Benjamin5)  soweit, 
dass  sie  die  Anaemia  pseudoleucaemica  in  der  Rachitis  aufgehen  lassen 
und  sie  als  rachitische  Megalosplenie  bezeichnen.  Beides  ist  unrichtig. 
Vielmehr  ist  die  Anaemia  pseudoleucaemica  die  Form,  in  der  die  chro¬ 
nischen  hämolytischen  Anämien  bei  rachitischen  Kindern  auftreten. 
Chronische  Hämolyse  macht  bei  Säuglingen  ohne  Rachitis  eine  mehr 
oder  weniger  schwere  „einfache“  Anämie;  Rachitis  an  sich  macht  über¬ 
haupt  keine  erheblichere  Anämie;  wohl  aber  modifiziert  die  Rachitis  die 
Reaktion  auf  hämolytische  Gifte  dahin,  dass  die  Blutregeneration  den 
kompensatorisch  überlegenen  pseudoleukämischen  Tvpus  annimmt.  Die 
Anaemia  pseudoleucaemica  ist  die  epirachitische  Form  der  friihinfan- 
tilep  hämolytischen  Anämien. 

Ich  komme  nun  zu  der  Frage,  welcher  Bestandteil  der  Ziegenmilch 
das  hämolytische  Agens  darstellt. 

Bisher  hat  nur  Blühdorn  versucht,  die  anämisierende  Wirkung 
der  Ziegenmilch  zu  erklären;  er  beschuldigt  ihren  hohen  Fettgehalt. 
Diese  Erklärung  kann  nicht  befriedigen.  Denn  die  Ziegenmilch  hat 
einen  geringeren  Fettgehalt  als  die  Frauenmilch;  und  doch  wirkt  die 
Frauenmilch  nicht  wie  die  Ziegenmilch  anämisierend;  im  Gegenteil,  es 
ist  bekannt,  dass  selbst  schwere  Anämien  unter  Ernährung  mit  Frauen¬ 
milch  abheilen  können:  obwohl  die  Frauenmilch  im  Gegensatz  zur 
Ziegenmilch  unverdünnt  genossen  zu  werden  pflegt. 

Ich  mache  mir  von  dem  Zustandekommen  der  Ziegenmilchanämie 
folgende,  vorläufig  hypothetische,  Vorstellung. 

Bekanntlich  werden  die  hohen  Fettsäuren,  die  im  Darm  aus  den 
Fetten  abgespalten  werden  und  dann  als  Seifen  zur  Resorption  kommen, 
schon  in  der  Darmwand  wieder  zu  Glvzeriden  synthetisiert.  Diese 
Veresterung  zu  Neutralfetten  wirkt  entgiftend:  sie  schützt  den  Körner 
vor  der  Ueherschwemmung  mit  hämolytisch  wirksamen  Seifen 
TM  e  y  e  r  s  t  e  i  n  6)1.  Nun  fragt  es  sich,  ob  diese  für  die  hohen  Fett¬ 
säuren  sichergestellte  sofortige  Rückbindung  an  Glyzerin  auch  für  die 


5)  Aschenheim  und  Benjamin:  Ueber  Beziehungen  der  Rachitis 
zu  den  hämatonoetischen  Organen.  I.  Mitteilung:  Die  rachitische  Megalo- 
,'p!er;e  ( Anaemia  pseudoleucaemica  infantum).  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  1909.  97. 

e)  Meyerstein:  Ueber  Seifenhämolyse  innerhalb  der  Blutbahn  und 
ihre  Verhütung  im  Organismus.  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  1912,  105. 


6 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


löslichen  Fettsäuren  Geltung  hat.  Der  sehr  geringe  Gehalt  der 
Frauenmilch  an  löslichen  Fettsäuren  scheint  mir  dafür  zu  sprechen, 
dass  die  letzteren  in  der  menschlichen  Darmwand  ment,  oder  wenig¬ 
stens  bei  reichlicherer  Zufuhr  nicht  mit  genügender  Vollständigkeit  zu 
Glyzeriden  zurückverestert  werden.  Trifft  das  zu,  so  werden  die  lös¬ 
lichen  Fettsäuren  in  nicht  entgifteter  Form  in  das  Blut  gelangen;  und 
da  die  Ziegenmilch  etwa  8  mal  so  viel  lösliche  Fettsäuien  enthalt  wie 
die  Frauenmilch,  so  scheint  es  mir  nahezuliegen,  die  in  der  Ziegen- 
milch  besonders  reichlich  enthaltenen  löslichen  Fettsäuien,  die  der 
Ziegenmilch  und  der  Ziegenbutter  auch  ihren  eigenartigen  Geruch  und 
Geschmack  verleihen,  also  die  Capron-,  üapryl-  und  Capi  insäure,  als 
die  Träger  der  anämisierenden  Wirkung  zu  vermuten.  Mein  Mit¬ 
arbeiter  Herr  Dr.  Weinberg,  ist  damit  beschäftigt,  diese  Säuren  aut 
ihre  hämolytischen  Eigenschaften  näher  zu  untersuchen  und  sie  in 
diesem  Punkte  mit  den  übrigen  Fettsäuren  zu  vergleichen. 

Die  Kuhmilch  nimmt  bezüglich  ihres  quantitativen  Gehaltes  an  lös¬ 
lichen  Fettsäuren  zwischen  der  Frauenmilch  und  der  Ziegenmilch  eine 
Mittelstellung  ein.  Qualitativ  unterscheidet  sich  die  Kuhmilch  von  der 
Ziegenmilch  insofern,  als  in  ihr  die  relativ  harmlose  Buttersäure  über 
die  Capron-,  Capryl-  und  Caprinsäure  überwiegt.  Ist  die  hämolytische 
Wirkung  der  Ziegenmilch  auf  Rechnung  ihrer  löslichen  Fettsäuren  zu 
setzen,  so  ist  also  zu  erwarten,  dass  der  Kuhmilch  eine  ähnliche  anämi- 
sierende  Wirkung  zukommen  wird,  jedoch  in  weit  geringerem  Grade. 

Das  ist  tatsächlich  der  Fall.  Dass  unter  Ernährung  mit  Kuhmilch 
Säuglinge  anämisch  werden  können,  ist  allgemein  bekannt.  Auch  die 
Kuhmilchanämie  tritt  bald  als  „einfache  Anämie,  bald  als  Anaemia 
pseudoleueaemica  auf.  Wird  die  Kuhmilch  durch  gemischte  Kost,  ci- 
setzt  so  heilen  diese  Anämien  in  einigen  Monaten  ab.  Der  geringe 
Eisengehalt  der  Kuhmilch  kann  nipht  das  kausale  Moment  sein;  denn 
erstens  ist  auch  die  Frauenmilch,  die  nicht  in  ähnlicher  Weise  anami- 
sierend  wirkt,  sehr  eisenarm;  und  zweitens  findet  sich,  worauf 
Kleinschmidt7)  hingewiesen  hat,  bei  der  Kuhmilchanämie  in  Leber 
und  Milz  Hämosiderosis.  Dieser  Befund  im  Verein  mit  dem  Umstande, 
dass  die  Kuhmilchanämie  unter  dem  Bilde  der  Anaemia  pseudo- 
leucaemica  auftreten  kann,  lässt  keinen  Zweifel  daran  bestehen,  dass 
auch  die  Kuhmilchanämie  eine  hämolytische  Anämie  ist.  Die  KuhmUch 
wirkt  auf  dieselbe  Weise  wie  die  Ziegenmilch,  nur  weit  milder.  Für 
die  schwereren  Fälle  von  Kuhmilchanämie  ist  die  Annahme  einer  bc- 
sonderen  Disposition  nicht  zu  entbehren. 

Zusammenfassung. 

1.  Ernährung  mit  Ziegenmilch  hat  bei  Säuglingen  häufig  eine 
schwere  hämolytische  Anämie  zur  Folge. 

2.  Als  Träger  der  anämisierenden  Wirkung  werden  die  löslichen 
Fettsäuren  der  Ziegenmilch  angesprochen. 

3.  Aussetzen  der  Ziegenmilch  und  Uebergang  zu  gemischter  Kost 
bringt  die  Ziegenmilchanämie  zur  Heilung,  vorausgesetzt  dass  nicht 
schwere  Komplikationen  bestehen. 

4.  Die  Ziegenmilchanämie  tritt  bei  nichtrachitischen  Kindern  als 
..einfache“  Anämie  auf,  bei  rachitischen  als  Anaemia  pseudoleueaemica. 
Die  sog.  Anaemia  pseudoleueaemica  ist  die  epirachitische  Form  der 
frühinfantilen  hämolytischen  Anämien. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  (Prof.  v.  Jaschke)  und 
der  Med.  Universitätsklinik  (Geh.  Rat  Prof.  Voit)  in  Giessen. 

Ueber  die  Bedeutung  der  renalen  Schwangerschafts- 
glykosurie  für  die  Diagnose  der  Schwangerschaft. 

Von  Dr.  A.  Seitz  und  Dr.  F.  Jess. 

ln  Nr.  50  Jahrgang  1920  dieser  Wochenschrift  empfehlen  Frank 
und  No  th  mann  die  experimentell  durch  Einnahme  von  100  g  Trau¬ 
benzucker  erzeugte  renale  Schwa ngerschaftsglykosurie 
als  Hilfsmittel  zur  Frühdiagnose  der  Schwangerschaft  Diese  Empfeh¬ 
lung  stützt  sich  auf  die  von  den  Autoren,  ebenso  wie  von  G r ün th al  ) 
festgestellte  Tatsache,  dass  gerade  in  den  ersten  3  Schwangerschafts¬ 
monaten  durch  Zufuhr  von  100  g  ’I  raubenzucker  eine  Glykosurie  mit 
solcher  Regelmässigkeit  aultritt,  dass  sie  ihnen  ermöglichte,  die  Dia¬ 
gnose  auf  Gravidität  zu  stellen,  wenn  eine  Diagnose  mit  den  sonstigen 
Untersuchungsmethoden  noch  nicht  zu  stellen  war.  Auch  erwies  sich 
das  Phänomen  brauchbar  zur  Frühdiagnose  der  Tubargravidität,  und 
weiter  ergab  sich  die  interessante  Tatsache,  dass  bei  Tubargravidität 
die  Glykosurie  ausblieb,  wenn  ein  Ei  zwar  vorhanden  war,  aber  nicht 
mehr  im  lebenden  Connex  mit  dem  mütterlichen  Organismus  stand 
(Tubarabort).  Gerade  diese  Feststellung  erschien  uns  bedeutungsvoll, 
denn  sie  eröffnete  die  Aussicht,  in  der  oft  so  schwierigen  und  verant¬ 
wortungsvollen  Differentialdiagnose  der  intakten,  besonders  aber  der 
gestörten  und  der  pathologischen  Schwangerschaft  sicherer  und  schnel¬ 
ler  als  bisher  zu  einer  Entscheidung  zu  kommen  und  festere  Grund¬ 
lagen  für  das  therapeutische  Handeln  zu  gewinnen.  Wir  haben,  vor 
allem  um  die  differential  diagnostische  Bedeutung  der 
renalen  Schwangerschaftsglykosurie  kennen  zu  lernen  und  wenn  mög¬ 
lich  weiter  auszubauen,  bald  nach  dem  Erscheinen  der  Arbeit  von 
Frank  und  Nothmann  begonnen,  geeignete  Fälle  von  intakter  und 
gestörter  Schwangerschaft  zu  untersuchen;  unter  diesem  Gesichts- 

7)  K  le  i  n  s  c  h  m  i  d  t:  Ueber  alimentäre  Anämie  und  ihre  Stellung  unter 
den  Anämien  des  Kindesalters.  Jahrb.  f.  Kindhlk.  1916.  83. 

1)  Inaug.-Diss.  Breslau  1920. 


punkte  mussten  auch  gynäkologische  Erkrankungen  mit  herangezogen 
-werden,  die  gelegentlich  differentialdiagnostisch  gegenüber  der  Extrau¬ 
teringravidität  in  Frage  kommen  können,  vorwiegend  Adnexerkrankun¬ 
gen  entzündlicher  und  blastomatöser  Natur. 

In  der  Methodik  richteten  wir  uns  nach  dem  Vorgehen  von 
Frank  und  Nothmann.  Zu  Beginn  des  Versuches  wurde  die  Blase 
durch  Katheter  entleert,  durch  Venenpunktion  Blut  entnommen  und  in 
einem  mit  einer  Messerspitze  Natriumfluorid  beschickten  Röhrchen  auf- 
gefangen,  darauf  wurden  100  g  Traubenzucker  in  300— -500  ccm  1  ee 
gelöst  der  zu  untersuchenden  Person  verabfolgt,  wobei  die  tatsächliche 
Einnahme  der  ganzen  Menge  kontrolliert  wurde.  Weitere  Harnportionen 
wurden  zu  den  von  Frank  und  Nothmann  angegebenen  Zeiten 
untersucht;  die  zweite  Blutentnahme  machten  wir.  wie  die  beiden 
Autoren,  anfänglich  nach  dem  ersten  Auftreten  von  Zucker  im  Hain, 
um  Vergleichswerte  mit  den  negativ  reagierenden  Fällen  zu  gewinnen, 
machten  wir  sie  später  ganz  schematisch  45—60  Minuten  nach  der 
Aufnahme  des  Traubenzuckers,  zu  welcher  Zeit,  wie  wir  m  Uebei- 
einstimmung  mit  Frank  und  Nothmann  fanden,  die  Zuckeraus¬ 
scheidung  aufzutreten  pflegt.  , 

Die  Bestimmung  des  Blutzuckers  wurde  von  dem  einen  von 
uns  in  dem  Laboratorium  der  medizinischen  Klinik  nach  der  Leti- 
mann-Maquenne  sehen  Methode 2)  durch  Reduktion  ausgefuhi  t. 

Die  Methode  hatte  bei  einer  grösseren  Zahl  von  Bhitzuckeibestim- 
mungen  recht  gute  Resultate  ergeben.  Ueber  Einzelheiten  der  Methodik 
hat  kürzlich  Stepp2)  eingehender  berichtet. 

Da  es  uns  hauptsächlich  darauf  ankam.  die  diagnostische  und  be¬ 
sonders  die  differentialdiagnostische  Bedeutung  der  Reaktion  kennen  zu 
lernen,  waren  in  erster  Linie  solche  Fälle  auszuwählen,  irr  denen  die 
Möglichkeit  vorlag.  das  Vorhandensein  oder  Fehlen  einer  Gravidität 
entweder  durch  den  weiteren  Verlauf  oder  durch  die  Laparotomie  oder 
die  histologische  Untersuchung  ausgeschabter  Massen  einwandfrei  fest¬ 
zustellen.  Dieser  Forderung  genügen  von  unserem  Materiale  36  falle. 


I.  Intakte  Graviditäten. 

Wir  fanden  hier  eine  Glykosurie  in  der  Hälfte  der  untersuchten 
Fälle  aus  dem  2.-8.  Schwangerschaftsmonat,  und  zwar  verteilen  sich 
die  Fälle  mit  vorhandener  und  fehlender  Zuckerausscheidung  ziemlic.i 
gleichmässig  auf  alle  genannten  Monate;  also  auch  die  Frühgraviui taten 
aus  dem  2.  und  3.  Monat  reagierten  nur  zur  Hälfte  positiv.  Die  Grunde, 
warum  es  uns  nicht  mit  der  gleichen  Regelmässigkeit  wie  F  r  a  n  k  und 
Nothmann  und  nach  einer  neueren  Mitteilung  auch  Nürnberger  ) 
gelang,  eine  artifizielle  Glykosurie  in  den  ersten  Monaten  der  Gra- 
vidität  auszulösen,  konnten  wir  nicht  ermitteln.  Abgesehen  davon  dass 
uns  das  häufige  Ausbleiben  der  Zuckerausscheidung  bei  unseren  Unter¬ 
suchungen  veranlasste,  die  Methodik  aufs  Schärfste  durchzuführen  1, 
suchten  wir  nach  Gründen  allgemein-konstitutioneller  Art,  ohne  freilich 
brauchbare  Anhaltspunkte  zu  finden.  Erwähnen  möchten  wir  aber,  dass 
bei  2  von  den  negativ  bleibenden  Fällen  eine  Lungentuberkulose  voi- 
lag.  Wir  müssen  aus  diesen  Untersuchungsergebnissen  schliessen,  dass 
die  alimentäre  Glykosurie  kein  konstantes  Vor¬ 
kommnis  in  der  Schwangerschaft  d  a  r  s  t  e  11 1  und  bringen 
damit  nur  eine  Bestätigung  der  schon  früher  bekannten  Tatsache,  dass 
ihre  Häufigkeit  sehr  schwankend  ist.  L.  Seitz  gibt  sie  in  seinem 
zusammenfassenden  Referat0)  mit  20—80  Proz.  an. 

Der  Blutzuckerspiegel  blieb  in  allen  untersuchten  Fällen  innerhalb 
der  physiologischen  Breite,  deren  oberste  Grenze  wir  nach  Frank 
bei  0,190  Proz.  annahmen.  Die  innerhalb  dieser  Grenze  auftretenden 
Schwankungen  nach  der  Zuckeraufnahme  gegenüber  den  zu  Beginn  des 
Versuches  ermittelten  Werten  zeigten  aber  doch  bestimmte  Beziehun¬ 
gen  zur  Zuckerausscheidung,  auf  die  wir  später  noch  zurückkommen 
möchten. 

II.  Gestörte  und  pathologische  Gravidität. 

Die  Mitteilung  von  Frank  und  Nothmann,  dass  bei  intaktei 
Tubargravidität,  solange  das  Ei  sich  in  Connex  mit  der  Tubenwand 
befand,  die  Reaktion  positiv  war,  und  negativ  ausfiel,  wenn  es  den 
Zusammenhang  mit  dem  mütterlichen  Organismus  verloren  hatte  (lu- 
barabort),  schien  die  Möglichkeit  zu  eröffnen,  auch  bei  Störung  dei 
intrauterinen  Gravidität  diagnostische  Anhaltspunkte  zu  gewinnen,  vor 
allem  bedurfte  die  Frage  einer  Klärung,  wann  die  Reaktion  ausblieo, 
ob  nach  der  Entfernung  des  ganzen  Eies  aus  dem  mütterlichen  Orga¬ 
nismus,  oder  nach  Absterben  des  Föten,  aber  tioch  mit  der  Uteruswand 
in  Kontakt  bleibender  Placenta,  und  wann  nach  mehr  odei  werugei 
vollständiger  Ausstossung  des  Eies  oder  nach  der  Rückbildung  der  Gra¬ 
viditätsveränderungen  bei  der  Mutter  die  artifizielle  Glykosuiie  wieder 
verschwand.  Aus  der  inzwischen  erschienenen  Arbeit  von  Nürn¬ 
berger  geht  hervor,  dass,  solange  noch  grössere  Reste  der  Placenta 
an  der  Uteruswand  hafteten,  die  Reaktion  positiv  war,  während  sie 
bald* 1  nach  vollständiger  oder  fast  vollständiger  Ausstossung  zuruckging. 
Von  unseren  hierhergehörenden  Beobachtungen  sei  Folgendes  hervoi- 
gehoben : 

2)  Vgl.  bei  Griesbach  und  Strassner:  Hoppe-Seylers  Zschr.  t. 
physiol.  Chem.  1913,  88,  S.  209. 

:l)  Arch.  f.  exper.  Path.  u.  Pharm.  90  H.  1  u.  2. 
b  D.m.W.  1921  Nr.  38.  ,  t  ... 

r>)  Der  Versuch  wurde  fast  ausnahmslos  in  den  Morgenstunden  angestellt, 
wenn  die  zu  untersuchenden  Personen  noch  kein  oder  kein  nennenswertes 
Frühstück  eingenommen  hatten. 

°)  Verhandl.  d.  Deutsch,  gyn.  Gesellsch.  1913. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


7 


1.  Eine  Pat.  mit  Blasen  mole  reagierte  mit  einer  starken  und  lang¬ 
dauernden  Glykosurie. 

2.  Missed  abortion.  Nach  9monatlicher  Amenorrhoe  wurde  ein 
der  8.  Woche  entsprechendes  Ei  ausgeräumt,  wobei  sich  feststellen  Hess,  dass 
das  Ei  in  der  linken  Tubenecke  sass  und  der  Uteruswand  überall  durch  feste 
Stränge  anhaftete.  Die  Reaktion  war  negativ. 

3.  In  einem  anderen  Falle  konnte  nach  der  Menstruationsanamnese  ein 
Missverhältnis  zwischen  Graviditätsmonat  und  Entwicklung  des  Uterus,  wel¬ 
cher  zu  klein  erschien,  angenommen  werden.  Bei  der  Frau  bestand  der 
dringende  Wunsch  nach  Unterbrechung.  Trotzdem  keine  Glykosurie  im  Ver¬ 
such  auftrat  (Blutzucker  vor-  und  nachher  0,116  Proz.),  wurde  abgewartet. 
Nachuntersuchung  in  einigen  Wochen  ergab  eine  intakte  Gravidität. 


III.  Aborte. 

a)  Ein  Fall  von  Abort.us  imminens  reagierte  6  Tage  vor  der 
spontanen  Ausstossung  des  Eies  negativ.  Im  Sinne  von  Frank  und  N  o  t  li  - 
mann  wäre  dieser  Befund  so  zu  deuten,  dass  das  Ei  zur  Zeit  der  Unter¬ 
suchung  schon  völlig  von  der  Uteruswand  abgelöst  war. 

b)  Abort  us  i  n  c  o  m  p  1.  M.  II,  Reaktion  negativ,  Abrasio;  keine 
Graviditätsbestandteile. 

c)  Abortus  incompl.  M.  IV.  4  Tage  nach  der  Ausräumung  unter¬ 
sucht,  ergab  keine  Zuckerausscheidung. 

d)  Abortus  incompl.,  Abrasio;  mangelhaft  zurückgebildete  Dezidua, 
kein  Chorion.  Probe  mit  Traubenzucker  positiv. 

Hieraus  würde  zu  folgern  sein,  dass  alimentäre  Glykosurie  auftreten 
kann,  solange  überhaupt  noch  Graviditätsveränderungen  irn  mütterlichen 
Organismus  bestehen. 

Die  Beobachtungen  bei  Blasenmole  einer-  und  Missed  abortion 
andererseits  sind  ebenfalls  nur  so  zu  verstehen.  Bei  Blasenmole,  wo 
die  toxischen  Erscheinungen  im  mütterlichen  Organismus  fast  regel¬ 
mässig  sehr  ausgesprochen  sind,  trat  eine  starke  und  langdauernde 
Glykosurie  auf,  während  sie  in  dem  sicheren  Falle  von  Missed  abortion, 
wo  das  Ei  sicher  schon  längere  Zeit  abgestorben  war  und  nur  noch 
die  Bedeutung  eines  Fremdkörpers  im  Uterus  hatte,  ausblieb.  Im  glei¬ 
chen  Sinne  wäre  der  negative  Ausfall  der  Reaktion  in  dem  6  Tage 
vor  Eintritt  der  Ausstossung  des  Eies  untersuchten  Falle  von  Abortus 
imminens  zu  verwerten,  vorausgesetzt,  dass  man  mit  Frank  und 
Not  h  ma  nn  die  alimentäre  Glykosurie  bei  jeder  Frühgravidität  zu 
finden  erwartet. 

Da  wir  aber  die  Reaktion  nur  in  der  Hälfte  der  Fälle  auslösen 
konnten,  möchten  wir  über  ihre  Verwertbarkeit  bei  der  gestörten  in¬ 
trauterinen  Schwangerschaft,  bei  Abortus  incompletus  u.  a.  kein  Urteil 
,  fällen. 

IV.  K  o  n  t  r  o  1 1  f  ä  1 1  e. 

Als  solche  wurden  gynäkologische  Erkrankungen  ausgewählt,  bei 
denen  eine  Extrauteringravidität  entweder  wirklich  angenommen  wer¬ 
den  musste,  wo  also  die  Reaktion  zur  Klärung  der  Diagnose  beitragen 
sollte,  oder  nach  dem  Tästbefund  im  allg.  differentialdiagnostisch  in 
Frage  kommen  konnte. 

Von  diesen  7  Fällen  trat  bei  3  Glykosurie  auf: 

1.  Taubeneigrosse  Ovarialzyste  ohne  Zeichen  für  Gravidität,  abradierte 
Schleimhaut  frei  von  Graviditätsbestandteilen.  Blutzucker  vor  der  Trauben¬ 
zuckereinnahme  0,105  Proz..  75  Minuten  nachher  0,190  Proz.  Zuckerausschei¬ 
dung  von  1  Stunde  bis  1  Stunde  45  Minuten  nach  der  Aufnahme  dauernd. 

2.  Verdacht  auf  Tubargravidität,  Blutzucker  bei  Beginn  des  Versuches 
0,104  Proz.  45  Minuten  nach  Traubenzuckereinnahme  0.182  Proz.;  im  Harn 

|  einmal,  und  zwar  Yi  Stunde  nachher,  chemisch  und  polarimetrisch  Zucker 
nachweisbar. 

Operationsdiagnose ;  Pyosalpinx. 

3.  Operationsdiagnose:  doppelseitige  Parovariazylste.  Blutzucker  bei 
Versuchsbeginn  0,089  Proz.,  55  Minuten  nach  Zuckeraufnahme  0,198  Proz.; 
im  Harn  4  Stunden  anhaltende  Zuckerausscheidung.  Infantil-asthenische 

|  Virgo. 

Auch  unter  den  negativ  reagierenden  Kontrollfällen  befand  sich  keine 
Extrauteringravidität. 

An  sich  entspricht  das  Verhalten  der  Kontrollfälle  durchaus  der 
bekannten  Tatsache,  dass  auch  gesunde  Individuen  nach  Zufuhr  von 
100  g  Traubenzucker  in  nüchternem  Zustande  Zucker  ausscheiden 
können.  Der  dritte  Fall  kann  streng  genommen  nicht  als  Kontrolle 
gelten,  weil  der  Blutzuckerwert  die  Grenze  der  physiologischen  Breite 
nach  der  Zuckerzufuhr,  wenn  auch  nicht  erheblich,  überschreitet,  also 
eine  Störung  des  Zuckerstoffwechsels  anderer,  nicht  zu  ermittelnder 
Genese  angenommen  werden  kann.  Aber  auch  die  beiden  anderen 
Kontr ollfälle,  welche  Zuckerausscheidung  zeigten,  bewegen  sich  mit 
ihren  Blutzuckerwerten  hart  an  der  oberen  Grenze  des  Physiologischen. 
Hervorzuheben  ist  auch  die  starke  Erhöhung  des  Blutzuckerspiegels 
nach  der  Zuckeraufnahme  gegenüber  den  bei  Beginn  des  Versuchs  er¬ 
mittelten  Werten  in  allen  3  Fällen  (0,085,  0,078  und  0,109  Proz.). 

Wir  haben  daraufhin  die  Schwankungen  des  Blutzuckerspiegels  bei 
unseren  sämtlichen  verwertbaren  Fällen,  den  sicher  schwangeren  aus 
allen  Monaten  und  den  sicher  nicht  schwangeren  geprüft  und  fest- 
gQstellt.  dass,  wenn  der  Blutzucker  in  nennenswertem  Masse,  d.  h.  0,060 
bis  0,100  Proz.  innerhalb  der  von  Frank  angegebenen  physiologischen 
Breite  und  innerhalb  der  ersten  45  bis  90  Minuten  nach  Zufuhr 
von  100  g  Traubenzucker  ansteigt,  auch  meist  eine  Zucker¬ 
ausscheidung  im  Harn  auftritt,  und  zwar  sowohl  bei  schwan¬ 
geren,  als  auch  bei  nichtschwangeren  Frauen.  Ein  Unter¬ 
schied  zwischen  beiden  Kategorien  ist  insofern  zu.  bemerken,  als  bei 
geringeren  Erhöhungen  des  Blutzuckers  (0  bis  0,60  Proz.)  bei  nicht 
Schwangeren  niemals  Glykosurie  auftrat,  wohl  aber  öfters  bei  Schwan¬ 
geren.  Einzelheiten  ergeben  sich  aus  der  beigefügten  Tabelle.  Im 
Uebrigen  möchten  wir  uns  an  dieser  Stelle  damit  begnügen,  auf  die 
Tatsache  hinzuweisen. 


Zusammenfassung. 

Nach  unseren  Untersuchungen  tritt  nach  Zufuhr  von  100  g  Trau¬ 
benzucker  bei  der  Hälfte  aller  Schwangeren  des  2.  bis 
8.  Monats  Glykosurie  auf,  ohne  dass  der  Blutzucker  den  zur  Zeit 
als  obere  physiologische  Grenze  geltenden  Wert  übersteigt. 

Eine  besondere  Beteiligung  der  frühen  üraviditätsmonate  konnten 
wir  nicht  feststellen,  wohl  aber  unterblieb  die  Zuckerausscheidung  fast 
immer  in  den  späteren  Schwangerschaftsmonaten  (VIII,  IX,  X). 

ln  diagnostischer  und  differentialdiagnostischer  Hinsicht  kommt 
der  Erscheinung  höchstens  der  Wert  eines  wahrscheinlichen  Schwan¬ 
gerschaftszeichens  zu. 


Schwangerschaften  des  2. — 10.  Monats. 


Blutzuckerspiegel 

Zuckerau 

sscheidung 

Ansteigen  bzw.  Absinken 

i  m 

Harn 

nach  100  g  Traubenzucker 

positiv 

negativ 

Absinken 

1 

2 

+ 

0 

1 

+  -0—0,040  Proz. 

3 

8 

+'  0,041—0,060  Proz. 

3 

0 

+  0,061 — 0,100  Proz. 

3 

1 

Kontrol 

1  f  ä  1 1  e. 

Blutzuckerspiegel 

Zuckerau 

sscheidung 

Ansteigen  bzw.  Absinken 

i  m 

Harn 

nach  100  g  Traubenzucker 

positiv 

negativ 

— 

0 

0 

+ 

0 

0 

'+  0—0.040  Proz. 

0 

2 

+  0,041 — 0,060  Proz. 

0 

1 

+  0,061 — 0,100  Proz. 

3 

1 

dem  bakteriologischen  Laboratorium  Essen  des  Vereins 

zur  Bekämpfung  der  Volkskrankheiten  im  Ruhrkohlengebiet. 

Der  Einfluss  des  Nährbodens  auf  die  Agglutinabilität 
des  Typhusbazillus. 

Von  Dr.  Joseph  Hohn,  Leiter  des  Laboratoriums. 

Es  ist  eine  schon  lange  bekannte  Erfahrung,  dass  der  Nährboden 
einen  Einfluss  ausübt  auf  die  Agglutinabilität  des  Typhusbazillus.  Bis¬ 
her  waren  fast  nur  Substanzen  bekannt,  die  agglutinationsmindernd 
einwirkten. 

So  stellt  Kirstein1 *)  eine  Abschwächung  der  Agglutinabilität  durch 
Züchtung  auf  Harnagar  und  durch  erhöhten  Alkalizusatz  zum  Nährboden  fest. 
H  i  r  s  c  h  b  r  u  c  Ir)  beobachtete  eine  Verminderung  durch  Phenolzusatz 
(0,1  Proz.),  durch  Zusatz  von  Sublimat  (1:50  000),  durch  Malachitgrün  und 
durch  Züchtung  bei  40 — 41  °.  Bekannt  ist  der  Einfluss  auf  die  Agglutinabilität 
durch  Aufenthalt  der  Typhusbazillen  im  Tierkörper  (Exsudatbakterien).  Ver¬ 
schieden  sind  die  Beobachtungen  über  die  Agglutination  nach  Zusatz  von 
Agglutinin  zum  Nährboden;  während  die  einen  eine  Inagglutinabilität  fest¬ 
stellten,  fand  Tarchetti  eine  erhöhte  Agglutinabilität;  Porges  und 
Prantschoff3)  erhielten  teils  Spontanagglutination,  teils  blieb  jeder 
Einfluss  aus.  Von  Riemer4)  wurde  der  Einfluss  der  Alkaleszenz  des 
Nährbodens  auf  die  Agglutination  untersucht.  Er  fand,  dass  bei  den  10 
von  ihm  untersuchten  Typhusstämmen  9  eine  deutliche  Verminderung  der 
Agglutinabilität  zeigten  durch  erhöhten  Alkalizusatz.  Er  benutzte  Agar  mit 
einem  Zusatz  von  2  und  4  ccm  1 */i  n  NaaCO:)  zu  100  Agar  vom  Phenolphthalein¬ 
neutralpunkt.  Der  Autor  zeigte  ferner,  dass  die  herabgeminderte  Agglutina¬ 
bilität  durch  Weiterzüchten  auf  dem  stark  alkalischen  Agar  bei  einzelnen 
Stämmen  wieder  ausgeglichen  wurde.  Ein  einmaliges  Ueberimpfen  auf  den 
alkalischen  Nährboden  genügte,  um  die  Agglutinabilität  zu  vermindern  und 
anderseits  wieder  zu  erhöhen  auf  normalem  Agar. 

Weltmann  und  S  e  u  f  f  e  r  h  e  1  d s)  und  unabhängig  von  ihnen 
Schiff“)  fanden  eine  Steigerung  der  Agglutinabilität  von  Weil-Felix- 
Bazillen  durch  Zusatz  von  Traubenzucker  zum  Nährboden.  In  seiner 
Arbeit  zeigte  Schiff,  dass  von  vollkommen  zuckerfreiem  Agar  die 
Agglutination  von  Weil-Felix  ausblieb,  während  durch  Zusatz  von  Trau¬ 
benzucker  sich  die  Agglutination  steigern  liess  bis  zur  Spontanagglutina¬ 
tion  bei  5  proz.  Zusatz.  Bei  Nachprüfung  dieser  Angaben  kam 
van  der  Reis7)  zu  abweichenden  Resultaten;  W.  Michaelis3) 
konnte  den  Befund  von  Schiff  bestätigen.  Zugleich  fand  er,  dass 
Milchzuckerzusatz  die  Agglutinabilität  nicht  erhöhte. 

Nach  meiner  Rückkehr  aus  dem  Felde  anfangs  1919  machte  ich  die 
Erfahrung,  dass  die  zum  Widal  benutzten  Typhusstämme  sehr  bald 
in  ihrer  Agglutinabilität  nachliessen.  Schon  nach  mehrmaligem  Ueber¬ 
impfen  gingen  die  vorher  gut  agglutinierenden  Stämme  stark  zurück; 
die  Flockung  wurde  so  minimal,  dass  die  Stämme  zur  Reaktion  nicht 
mehr  verwandt  werden  konnten  und  immer  wieder  durch  neue  er¬ 
setzt  werden  mussten.  Der  benutzte  Agar  war  teils  von  Pferdefleisch 
teils  von  Rindfleisch  hergestellt  und  mit  Eiweiss  geklärt.  Eine  Aende- 
rung  der  Alkalität  brachte  auch  keine  Besserung  der  Agglutinabilität 
der  Typhusstämme. 

Schiff  hatte  in  seiner  Arbeit  darauf  hingewiesen,  dass  Trauben¬ 
zuckerzusatz  zum  Nährboden  ausser  bei  Weil-Felix  auch  bei  Typhus 

4)  Kirstein:  Zschr.  f.  Hyg.  46. 

')  Hirse  h  bmch:  Arcli.  f.  Hyg.  1906  56. 

3)  Porges  lind  Prantschoff:  Zbl.  f.  Bakt.  41. 

4)  Riemer:  M.ni.W.  1913  Nr.  17. 

n)  Welt  m  a  n  n  und  Seufferheld:  W.kl.W.  1918  Nr.  52. 

“)  Schiff:  M.ni.W.  1919  Nr.  6. 

7)  van  der  Reis:  M.m.W.  1919  Nr.  38. 

K)  W.  Michaelis:  D.m.W.  1920  Nr.  23  u.  Zschr.  f.  Hyg.  91. 


8 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


und  Paratyphus  A  die  Agglutination  steigere,  während  die  von  Para¬ 
typhus  B  unbeeinflusst  bliebe  und  dass  Cholerabazillen  sogar  maggluti- 

nabel  würden.  „  „  , 

Hierdurch  veranlasst,  ging  ich  daran,  den  Einfluss  von  Trauben¬ 
zucker  auf  die  Agglutinabilität  der  zur  G  ru  b  e  r  -  Wid  a  Ischen  Re¬ 
aktion  verwendeten  Stämme  zu  prüfen.  Es  zeigte  sich  bald,  dass  die 
Agglutinabilität  ganz  wesentlich  gebessert  wurde.  Ich  nahm  zunächst 
an  dass  ein  längeres  Ueberimpfen  auf  Traubenzuckeragar  zur  Steige¬ 
rung  nötig  wäre.  Es  zeigte  sich  jedoch,  dass  ein  einmaliges  Ueber¬ 
impfen  genügte;  anderseits  brachte  die  einmalige  Uebertragung  von 
Traubenzuckeragar  auf  geklärten  Agar  die  Agglutination  wieder  völlig 

Es  wurde  nun  die  systematische  Untersuchung  einer  Reihe  von 
Typhusstämmen  in  Bezug  auf  das  Verhalten  ihrer  Agglutinabilita 
nach  Uebertragen  auf  die  verschiedenen  Zuckernahrboden  vor- 
genommen  Als  Zusätze  wurden  benutzt  Galaktose,  Maltose,.  Dextrose. 
Saccharose,  Milchzucker,  Lävulose,  ausserdem  Stärke,  Glyzerin,  Mannit. 
Die  Zusätze  wurden  1  proz.  gemacht,  Glyzerin  2  proz.  Dazu  wurden 
die  Stämme  auf  geklärten  Agar  und  frisch  hergestellten,  ungeklärten 
Ao-ar  übertragen.  Ich  hatte  unterdessen  die  Erfahrung  gemacht,  dass 
die  Agglutinabilität  eines  Typhusstammes  durch  Ueberimpfen  auf  un¬ 
geklärten  Agar  wieder  vollständig  hergestellt  wurde.  In  I  ab.  1  a  sind 
die  Agglutinationsverhältnisse  von  3  Typhusstämmen  zusammengestellt. 
Stamm  15  ist  aus  der  Gallenblase  isoliert,  die  Stämme  387  und  610 
sind  Blutstämme.  Zur  Agglutination  wurde  ein  Serum  der  Sächsischen 
Serumwerke  benutzt  mit  dem  Titer  1  : 50  000,  die  Ablesung  erfolgte 
2  Stunden  nach  Aufenthalt  im  Brutschrank. 


völlig  klar  Benutzt  wurde  Galaktose  von  der  Firma  Merck-Darmstadt, 
noch  aus  der  Vorkriegszeit  stammend. 

Bezüglich  des  Wachstums  ist  zu  bemerken,  dass  dasselbe  mit  Aus¬ 
nahme  auf  Traubenzuckeragar  ein  gutes  war.  Besonders  üppig  war 
dasselbe  auf  Glyzerin  und  Galaktoseagar. 

Auch  positive  Gruber-Widal  sehe  Blutproben  wurden  mit 
Galaktose-  und  Traubenzuckerstämmen  neben  inagglutinablen  von  ge¬ 
klärtem  Agar  angesetzt.  Es  zeigten  sich  dabei  dieselben  Differenzen; 
prompte  Agglutination  der  beiden  ersten  Stämme,  Versagen  des  letz¬ 
teren.  Mit  Normalserum  ergaben  die  Traubenzucker-  und  Galaktose¬ 
kulturen  nie  Agglutination.  ^ 

Auch  der  Prozentgehalt  von  Zucker  ist  von  Einfluss  auf  die  Aus¬ 
flockung.  Ich  fand  einen  Prozentsatz  von  1  Proz.  als  besten  Zu- 
Scltz 

In  der  Abschwemmung  zeigten  die  verschiedenen  Kulturen  das¬ 
selbe  Verhalten  wie  in  der  Agglutination  mit  frischer  Kultur.  Auch 
hier  war  die  Ausflockung  von  Galaktoseagar  besonders  stark,  während 
die  Abschwemmung  von  geklärtem  Agar  inagglutinabel  blieb. 

Die  Agglutinationen  wurden  vom  Dezember  1919  mit  Unter¬ 
brechungen  bis  September  1920  vorgenommen. 

Anfang  August  1921  wurde  aus  dem  Blut  eines  Typhuskranken, 
welches  aus  dem  Kruppschen  Krankenhaus  eingesandt  war,  ein 
Stamm  168  gezüchtet,  der  zunächst  vollkommen  inagglutinabel  gegen 
Typhusserum  war.  Klinisch  bestanden  Fieber,  Roseolen  und  Milz¬ 
tumor.  Der  Gruber-Widal  war  zuerst  bis  1:100  schwach  positiv,  nach 
weiteren  5  Tagen  starke  Agglutination  bis  1 : 200.  Aus  dem  Blut¬ 
kuchen  wuchs  nach  Anreicherung  in  Galle  auf  der  Drigalskiplatte  eine 


Tabelle  1. 


b  Ty.-St.  168 


Verdünnung 


1000 


Agar  filtr.  geklärt 


Ty  15 
„  387 
„  610 


Agar  ungeklärt 


Ty  15 
„  387 
,,  610 


+++ 

++ 

++ 


5000 


++ 

++ 

++ 


10  000 


20000 


++ 

++ 

++ 


+  + 
.+ 
.+ 


+' 

+' 


40000 


NaCl 


1000 


2000 


4000 


8000 


NaCl 


++ 


+' 


.+ 


+ 


nicht  angesetzt 


Oalaktoseagar 


Ty  15 
„  387 
610 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


Mannitagar 


Maltoseagar 


Ty  15 
„  387 
„  610 


Ty  15 
„  387 
„  610 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


sed 


sed.  -H-+ 
sed 
+++ 


+++ 


+-H 

sed. 


++ 

sed. 

++ 


tt 

++ 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


Säureaggl. 

nach  15Std. 


nicht  anges 


sed. 


sed. 


sed.  sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


Dextroseagar 


Milchzuckeragar 


Ty  15 
„  387 
„  610 


sed. 


sed. 


sed. 


Ty  15 
„  387 
„  610 


++ 

+++ 


Saccharoseagar 


Ty  15 
„  387 
„  610 


+  • 

+S 


++ 

+++ 

+ 


4+ 

+s 


sed. 


sed. 


++ 

+ 


+ 

+ 


von  Drigalskiagar  =  ebenso 


+s 


I 


+s 


-K  :  +* 


Laevuloseagar 


Ty  15 
„  387 
„  610 


++ 

++ 


+' 


+ 


+ 


+' 


.+ 


+' 


.+ 


+ 


Qlyzerinagar  (2°/0) 


Stärkeagar  (1%) 


Ty  15 
„  387 
„  610 


Ty  15 
„  387 
„  610 


+ 

+S 

++ 


+ 

++ 


+5 

+ 


_  - 

++  I  + 


+  + 


++++ 


Säure  bildung 

auf  Lackmus¬ 
zuckeragar 


nicht  angesetzt 


+ 


+ 


+ 


sed. 


sed 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


sed. 


+++ 


.+ 


nicht  angesetzt 


nicht  anges. 


+n 


+' 


.+ 


nicht  angesetzt 


Zeichenerklärung:  sed.  =  sedimeUiert  (stärkste  Agglutination),  +*  =  schwach  positiv,  ++  =  stark  positiv.  Ablesung  nach  2  Stunden  bei  37« 


Aus  den  Untersuchungen  geht  der  deutliche  Einfluss  der.  Zusätze 
zum  Nährboden  auf  die  Agglutinabilität  hervor.  Die  Unterschiede  sind 
sehr  erhebliche.  Inagglutinabel  bleiben  die  Stämme  von  geklärtem  Agar 
und  bei  Stärkezusatz;  schwer  agglutinabel  sind  sie  von  Saccharose-, 
teils  auch  von  Milchzucker-  und  Glyzerinagar;. gute  Agglutination,  findet 
sich  von  ungeklärtem  Agar.  Am  besten  wird  die  Ausflockung  beeinflusst 
durch  Galaktose,  Mannit,  Maltose  und  Dextrose.  Die  stärkste  Steige¬ 
rung  ergibt  der  Zusatz  von  Galaktose.  Am  besten,  war  das  zu  er¬ 
kennen  bei  der  Beobachtung  der  Agglutination  unmittelbar  nach  Ver¬ 
reiben  der  Kultur  in  der  betreffenden  Serie,  also  3 — 4  Minuten  später. 
Schon  nach  dieser  Zeit  trat  eine  deutliche  Ausflockung  teils  bis  zur 
Verdünnung  1:20  000  auf,  die  bei  1:1000  bereits  nach  dieser  kurzen 
Zeit  als  -| — b  bezeichnet  werden  musste.  Meist  schon  nach  1  Stunde 
war  die  Flockung  beendet;  zu  dichten  Haufen  geballt  lagen  die  Bazillen 
am  Boden  des  Reagenzglases,  die  darüberstehende  Flüssigkeit  fast 


Reinkultur  blauer  Kolonien.  Bei  Prüfung  derselben  mit  den  üblichen 
Typhusnährböden  mussten  diese  Koloniefl  beweglicher  Stäbchen  als 
Typhusbazillen  angesprochen  werden,  wenn  auch  vorläufig  mit.  hoch¬ 
wertigem  Serum  keine  Agglutination  weder  in  der  Probeagglutination 
auf  dem  Objektträger  noch  in  der  Reihenagglutination,  erfolgte. .  Auch 
mehrmaliges  Ueberimpfen  auf  gewöhnlichen  Agar  sowie  auf  Drigalski- 
agar  bewirkten  keine  Agglutinabilität;  Vornahme  der  Agglutination  bei 
52—55 0  führte  zu  keinem  Resultat.  Der  Stamm  wurde  dann  mit  NaCl- 
Lösung  abgeschwemmt  und  im  Wasserbad  1  Stunde  lang  auf  100 
erhitzt  —  auch  dadurch  wurde  er  nicht  agglutinabel.  Dagegen  be¬ 
wirkte  die  Uebertragung  auf  den  von  den  früheren 
Untersuchungen  bekannten  lproz.  Galaktoseagar 
eine  maximale,  grossflockige  Agglutination  bis  zum 
Endtiter  des  Serums,  und  damit  konnte  der  Stamm  auch  nach 
dieser  Hinsicht  als  echter  Typhusstamm  diagnostiziert  werden.  Eine 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


9 


Uebertragung  von  Galaktoscagar  auf  gewöhnlichen  Schrägagar  hob 
die  Agglutinabilität  sofort  wieder  auf.  Die  Tab.  2  und  3  zeigen  die 
Agglutinationsverhältnisse  von  Galaktoseagar  sofort  nach  der  Ver¬ 
reibung  und  nach  2  Stunden  bei  37 ". 

Tabelle  2.  Tabelle  3. 


Ty.-St.  168  direkt  nach  Verreiben 
Galaktoseagar. 

von 

Ty.-St.  168  nach  2  Stund,  bei  37°;  Ueberiinpfung 
Galakt/Galaktose. 

1000 

>000 

4000 

8000 

XaCI 

1000 

2000 

4000 

8000 

IfaCl 

Oalaktoseagar 

1.  Generation 

+S 

_ 

_ 

_ 

_ 

Galaktoseagar 

1.  Generation 

+s 

+8 

_ 

_ 

Galaktoseagar 

2.  Generation 

+ 

+ 

+ 

— 

— 

Galaktoseagar 

2.  Generation 

+++ 

+++ 

+  ++ 

— 

Galaktoseagar 

3.  Oeneration 

++ 

++ 

+ 

— 

— 

Galaktoseagar 

3.  Generation 

s  . 

sed. 

sed. 

sed. 

— 

Galaktoseagar 

4.  Generation 

++ 

++ 

-f 

+ 

_ 

• 

Die  Vornahme  der  Agglutination  des  Typhusstammes  168  von  den 
verschiedenen  Nährböden  ergibt  die  Tab.  1  b.  Der  Stamm  zeigt  gegen¬ 
über  den  früher  untersuchten  3  Stämmen  ein  ziemlich  abweichendes 
Verhalten.  Inagglutinabel  ist  er  von  Agar,  Milchzucker-  und  Trauben- 
•zuckeragar,  gut  agglutinabel  von  Mannit-,  Maltose-,  Lävulose-,  Glyzerin¬ 
agar,  schlecht  agglutinabel  von  Saccharoseagar.  Die  beste  Flockung 
ergibt  auch  hier  wieder  der  Galaktoseagar.  Die  Inagglutinabilität  von 
Milchzuckeragar  erklärt  nun  auch  die  von  der  Drigalskiplatte. 

Auch  in  der  Abschwemmung  verhielt  sich  die  Verschiedenheit  der 
Aggutination  von  den  einzelnen  Nährböden  genau  so  wie  in  der  frischen 
Kultur.  Positiv  nach  W  i  d  a  1  agglutinierende  Blutproben,  die  gleich¬ 
zeitig  mit  den  inagglutinablen  und  den  agglutinablen  Kulturen  angesetzt 
wurden,  ergaben  dasselbe  Resultat  wie  in  der  Reihenagglutination: 
negatives  Verhalten  des  Agar-Milchzucker-Traubenzuckerstarnmes, 
gute  Agglutination  mit  den  positiven  flockenden  Zuckerstämmen.  Auch 
hier  agglutinierte  wieder  am  besten  der  Galaktosestamm. 

Das  Verhalten  des  Stammes  168  in  der  Säureagglutinat'  i  nach 
Michaelis9)  in  der  Modifikation  von  Eisenberg10)  von  m  ver¬ 
schiedenen  Nährböden  zeigt  Tab.  I  c.  Die  stärkste  Gerinmr  ergibt 
auch  hier,  gleichlaufend  mit  der  Serumagglutination,  die  C  laktose- 
Maltose-Mannit-Lävulose-Glyzerinkultur.  Die  Reaktion  trat  regel¬ 
mässig  in  den  Röhrchen  3  und  4  auf  und  war  am  stärksten  bei  der 
Glyzerinkultur;  hier  erstreckte  sie  sich  zum  Schluss  auch  auf  die  Röhr¬ 
chen  5  und  6.  Beachtenswert  ist  der  negative  Ausfall  von  der  Trauben¬ 
zuckerkultur  und  die  Andeutung  der  Reaktion  von  der  Agar-,  Milch¬ 
zucker-Saccharosekultur. 

Zur  Prüfung  der  Frage  nach  dem  Bindungsvermögen  des  inaggluti¬ 
nablen  Agar-Traubenzucker-Milchzuckerstammmes  für  spezifisches  Ag¬ 
glutinin  wurden  Bindungsversuche  vorgenommen: 

Zum  ersten  Versuch  wird  ein  Typhusserum  vom  Titer  1  : 20  00C 
benutzt.  Bezeichnet  man  mit  t  den  Titer  des  Serums,  so  ist  100 1  =  0,005 
100  t  werden  in  5  ccm  physiologischer  NaCl-Lösung  mit  5  Normalösen 
Agarkultur  verrieben,  desgleichen  mit  5  Normalösen  Traubenzucker-  | 
kultur  in  2  sterilen  Zentrifugengläsern.  Zur  Kontrolle  100  t  +  5  ccm 
NaCl-Lösung  ohne  Kultur.  Die  3  Röhrchen  bleiben  zur  Bindung  3  Stun¬ 
den  im  Brutschrank,  dann  Zentrifugieren  der  beiden  ersten  Gläser. 

Die  Prüfung  der  Filtrate  mit  dem  Galaktosestamm  ergibt:  keine 
Agglutination  des  Filtrates  der  Agar-  und  Traubenzuckerkultur,  prompte 
Agglutination  der  Kontrolle. 

Der  zweite  Bindungsversuch  wird  mit  einem  Typhusserum  vom 
Titer  1:50  000  in  der  gleichen  Weise  vorgenommen  unter  Benutzung 
der  Milchzucker-  und  Traubenzuckerkultur.  Zur  Agglutination  wird  der 
Mannitstamm  verwendet.  Der  Versuch  verläuft  genau  wie  der  erste 
Bindungsversuch. 

Aus  diesen  Untersuchungen  geht  hervor,  dass  das  Bindungsvermögen 
für  das  spezifische  Agglutinin  in  der  inagglutinablen  Agar-Milchzucker- 
Traubenzuckerkultur  in  keiner  Weise  geschädigt  ist,  sondern  nur  das 
Vermögen  der  sichtbaren  Ausflockung,  des  Index  für  das  Vorhandensein 
der  Agglutinine. 

Der  Einfluss  des  Nährbodens  auf  die  Agglutinabilität  des  Typhus¬ 
stammes  168  geht  aus  den  Untersuchungen  unzweideutig  hervor.  Es 
handelt  sich  um  einen  Stamm,  der  von  Agar-Traubenzucker-Milchzucker- 
agar  als  inagglutinabel  zu  bezeichnen  ist,  von  Saccharose-  als  schwer- 
agglutinabel,  von  Mannit-Maltose-Lävulose-Glyzerinagar  als  leicht  ag¬ 
glutinabel,  von  Galaktoseagar  als  sehr  leicht  agglutinabel. 

Der  Begriff  der  Agglutinabilität  ist  somit  für  diesen  Stamm  etwas 

Relatives  und  hängt  , _ _  ..igste  zusammen  mit  dem  Nährboden,  auf 

dem  er  gezüchtet  wird.  Wir  haben  es  hier  vollkommen  in  der  Hand, 
die  Agglutinabilität  willkürlich  zu  verstärken  oder  abzuschwächen. 

Die  Uebereinstimmung  der  gesteigerten  Serum-  mit  der  Säure¬ 
agglutination  ist  bereits  oben  erwähnt.  Desgleichen  geht  die  Säure¬ 
bildung  auf  Lackmusnährböden  (Tab.  I  c)  mit  den  entsprechenden  Zu¬ 
sätzen  im  grossen  und  ganzen  konform  mit  der  gesteigerten  Serunr- 
agglutination.  Eine  Ausnahme  macht  die  Traubenzuckerkultur,  bei  der 
wir  Säurebildung  finden  bei  negativer  Agglutination.  Gas  wird  in 
Bouillon  bei  keinem  der  Zusätze  gebildet. 


°)  Michaelis:  D.m.W.  1911  Nr.  21  und  1915  Nr.  9. 
lu)  Eisen  b  erg:  Zbl.  f.  Bakt.  83. 

Nr.  1. 


W.  Michaelis  zieht  zur  Erklärung  der  gesteigerten  Agglutination 
von  Weil-Felix  durch  Traubenzucker  die  Säurebildung  heran  und  glaubt, 
dass  es  sich  hier  um  eine  Summation  von  Serum-  und  Säureagglutination 
handele.  Er  konnte  auch  zeigen,  dass  Nutrosezusatz  bei  Traubenzucker¬ 
agar  die  vorher  gesteigerte  Agglutination  sichtbar  beeinträchtigt,  aller¬ 
dings  erst  nach  mehrmaligem  Ueberimpfen  des  Stammes  auf  diesen 
Nährboden.  Er  glaubt  eine  Erklärung  hierfür  zu  finden  in  einer  Bindung 
der  Säure  durch  die  Nutrose.  Der  gleiche  Versuch  wurde  von  mir  bei  der 
Mannitkultur  gemacht;  es  trat  aber  keine  Abschwächung,  sondern  eine 
Verstärkung  der  Agglutination  ein. 

Aus  der  chemischen  Zusammensetzung  der  verwendeten  Zucker¬ 
arten  lässt  sich  keine  gemeinsame  Ursache  für  die  gesteigerte  Ag¬ 
glutinabilität  herleiten.  Von  den  6  Zuckerarten  gehören  3  in  die  Gruppe 
des  Traubenzuckers  von  der  Formel  C0H12O0  —  Dextrose.  Lävulose, 
Galaktose.  Wir  sehen  hier  höchste  Steigerung  der  Agglutinabilität 
(Galaktöse)  zusammen  mit  völliger  Inagglutinabilität  (Dextrose).  Das¬ 
selbe  gilt  von  der  Rohrzuckergruppe  C12H22O11,  in  welche  Saccharose, 
Milchzucker  und  Maltose  gehören.  Nur  die  beiden  Alkohole,  Glyzerin 
und  Mannit,  zeigen  gleiche  Steigerung;  allerdings  Glyzerin  wieder  nicht 
bei  den  Stämmen  auf  Tab.  I  a. 

Von  besonderem  Interesse  ist  noch  das  Verhalten  der  Stämme 
der  Tab.  I  a  auf  geklärtem  und  ungeklärtem  Agar.  Eine  Deutung  dürfte 
wohl  darin  zu  finden  sein,  dass  durch  den  Klärungsprozess  alle  aggluti¬ 
nationshervorrufenden  Substanzen  ausgefällt  wurden.  Im  ungeklärten 
Agar  genügten  aber  die  Reste  der  Alge,  um  die  nötigen  Substanzen 
zur  Agglutination  zu  liefern.  Eine  weitere  Möglichkeit  bestände  auch 
in  dem  verschiedenen  Gehalt  solcher  Substanzen  in  dem  zur  Herstellung 
des  Nährbodens  verwendeten  Fleisch.  Hervorzuheben  ist  aber,  dass 
Typhusstamm  168  auch  nicht  von  ungeklärtem  Agar  agglutinabel  war. 

Wir  sehen,  dass  nicht  alle  Zuckerarten  die  Agglutinabilität  gleich- 
mässig  beeinflussen  und  nicht  einmal  besteht  eine  Uebereinstimmung 
aller  Typhusstämme  für  bestimmte  Zuckerarten.  Gleichmässige  Stei¬ 
gerung  für  alle  Stämme  ergaben  nur  Galaktose,  Mannit,  Maltose;  alle 
übrigen  Zusätze  beeinflussten  die  Agglutinabilität  verschieden. 

Nach  Pal  tauf11)  ist  die  charakteristische  Eigenschaft  der  ag¬ 
glutinablen  Substanz  der  Bakterien  die  spezifische  Bindung  und  die 
antigene  Natur,  während  die  Ausflockung  selbst  ein  sekundärer  Vorgang 
ist,  der  durch  verschiedene  Einflüsse  gehemmt  werden  kann  und  durch 
Zustandsänderungen  des  Eiweisskörpers  modifiziert  wird.  Es  besteht 
daher  auch  nach  P  a  1 1  a  u  f  kein  Grund,  für  die  agglutinable  Substanz 
den  im  Sinne  der  Seitenkettentheorie  komplexen  Bau  anzunehmen. 
Nach  dem  agglutinatorischen  Verhalten  der  hier  untersuchten  Typhus¬ 
stämme  durch  Züchtung  auf  den  verschiedenen  Nährböden  dürfte  man 
vielleicht  zu  den  noch  weiteren  Schlussfolgerungen  berechtigt  sein, 
dass  die  Ausflockbarkeit  der  Typhusstämme  nichts  Urspiingliches  und 
den  Stämmen  Eigentümliches  ist,  sondern  eine  durch  gewisse  Sub¬ 
stanzen  des  Nährbodens  erworbene  Eigenschaft.  Die  Agglutinabilität 
würde  damit  auf  der  Eigenschaft  des  Stammes  beruhen,  aus  dem  Nähr¬ 
boden  gewisse  Substanzen  abzubauen,  die  ihm  erst  die  Ausflockbarkeit 
verleihen.  Umgekehrt  würde  dem  inagglutinablen  Stamm  diese 
Fähigkeit  für  einzelne  Nährböden  fehlen.  Wir  sehen  daher  auch  die 
interessante  Erscheinung,  dass  derselbe  Typhusstamm  168  inagglutinabel. 
schwer,  leicht,  sehr  leicht  agglutinabel  ist,  je  nachdem  wir  ihn  auf  einem 
Nährboden  mit  bestimmten  Zusätzen  züchten,  so  dass  wir  also  will¬ 
kürlich  seine  Agglutinabilität  steigern  und  abschwächen  können.  An 
Stelle  der  Inagglutinabilität  müssen  wir  hiernach  das  Unvermögen  des 
Typhusstammes  setzen,  aus  dem  Nährboden  im  weitesten  Sinne,  also 
auch  aus  dem  Menschen-  und  Tierkörper,  die  zu  seiner  Ausflockung 
nötigen  Substanzen  abzubauen  bei  gleichzeitigem  Erhaltensein  der 
spezifischen  Bindung  für  die  Agglutinine. 

Wie  man  sich  im  einzelnen  den  Einfluss  dieser  Substanzen  vor¬ 
zustellen  hat,  bedarf  noch  der  weiteren  Untersuchung.  Vieles  spricht 
dafür,  dass  eine  Modifikation  des  Eiweisskörpers  des  Bakteriums  durch 
die  Säureproduktion  eintritt  und  dadurch  eine  veränderte  Oberflächen¬ 
spannung,  einiges  spricht  auch  dagegen.  Wir  werden  aber  immer 
mehr  durch  die  Untersuchungen  dazu  geführt,  mit  P  a  1 1  a  u  f  den  eigent¬ 
lichen  Flockungsprozess  als  einen  chemisch-physikalischen  Vorgang  an¬ 
zusehen. 

Durch  diese  Erkenntnis  machen  wir  uns  unabhängig  von  der  In¬ 
agglutinabilität  und  der  schlechten  Agglutinabilität  einmal  bei  der  Dia¬ 
gnose  des  Typhusbazillus  an  sich,  dann  auch  bei  der  Typhusdiagnose 
durch  die  W  i  d  a  1  sehe  Reaktion.  Wir  suchen  hier  ja  immer  nach  leicht- 
agglutinablen  Stämmen,  um  die  Reaktion  möglichst  frühzeitig  deutlich 
zu  machen.  In  dem  üalaktoseagar  haben  wir  ein  Mittel,  um  jederzeit 
über  maximal  agglutinierende  Stämme  zu  verfügen.  Auch  Typhus¬ 
abschwemmungen  werden  wir  zweckmässig  von  1  proz.  Galaktoseagar 
zur  Herstellung  eines  Typhusdiagnostikums  machen,  ohne  dabei  fürchten 
zu  müssen, .Spontanagglutinationen  zu  erhalten. 

Ob  bei  anderen  inagglutinablen  Bakterien  dieselben  Zusätze  zum 
Nährboden  von  Wirksamkeit  sind  wie  bei  den  Typhusstämmen,  wäre 
zu  untersuchen.  Wichtig  wäre  diese  Prüfung  besonders  für  die  Ruhr¬ 
bazillen.  bei  denen  Inagglutinabilität  viel  häufiger  vorzukommen  scheint 
als  bei  Typhusbazillen.  Einzelne  Vorversuche  in  dieser  Hinsicht  haben 
mir  gezeigt,  dass  hier  die  Verhältnisse  bezüglich  der  Zuckernährböden 
anders  zu  liegen  scheinen.  Immerhin  wäre  es  möglich,  dass  sich  auch 
hier  Stoffe  finden  Hessen,  die  dasselbe  bewirken  wie  der  Zusatz  von 
Zucker  und  Alkoholen  zum  Nährboden  bei  Typhusbazillen:  die  Hervor- 
rufung  und  maximale  Steigerung  der  Agglutinabilität. 


u)  Pallauf:  Hb.  d.  pathog.  Mikroorganismen  2,  1.  Hälfte.  Die  Agglu¬ 
tination. 


5 


10 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH 


E  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


Zusammenfassung. 

1.  Die  Agglutinabilität  des  Typhusbazillus  ist  unter  Voraussetzung 
eines  hochwertigen  Serums  in  weitestem  Masse  abhängig  vom  Na 

bodui.  Agglutinationsbe{ördernd  wirkt  der  Zusatz  verschiedener  Zucker¬ 
arten  zum  Nährboden  ferner  Glyzerin  und  Mannit. 

3.  Die  Agglutinabilität  des  Typhusbazillus  wird  durch  die  ver¬ 
schiedenen  Zuckerarten  in  ungleichmässiger  Weise  beeinflusst.  Am 
besten  wirken  Galaktose,  Mannit,  Maltose. 

4.  Die  Agglutinabilität  ist  keine  dem  Typhusbazillus  eigentum.iche 
und  primär  vorhandene  Eigenschaft.  Sie  wird  erst  erworben  durch 
den  Abbau  bestimmter  Substanzen  aus  dem  Nährboden, 

5.  Im  Abbau  von  agglutinationsbewirkenden  Substanzen  verhalten 
sich  die  Typhusbazillen  verschieden,  so  dass  derselbe  Stamm  je  nach 
Benutzung  der  verschiedenen  zuckerhaltigen  Nährböden  als  inagglut  - 
mabel  schwer  —  leicht  —  sehr  leicht  agglutinabel  erscheinen  kann. 

6  Die  Inagglutinabilität  des  Typhusbazillus  beruht  auf_  der  Un¬ 
fähigkeit  des  Stammes,  aus  dem  vorhandenen  Nahrmaterial  solche 
Substanzen  abzubauen,  die  seine  Flockbarkeit  bewirken. 

7  Zur  Züchtung  gut  (maximal)  agglutinierender  Typhusstamme  wird 
1  proz.  Galaktoseagar  empfohlen  sowohl  zur  Verwendung  bei  der  ü  ru¬ 
ber  -  W  i  d  a  I  sehen  Reaktion  als  auch  zur  Herstellung  von  Abschwem¬ 
mungen  als  Typhusdiagnostikum. 

Aus  der  Infektionsabteilung  (Oberarzt:  Prof.  Dr.  Reiche) 
des  Allgemeinen  Kjankenhauses  Hamburg-Barmbeck  (Direktor: 

Prof.  Dr.  Rumpel). 

Diphthosanbehandlung  bei  Diphtheriebazillenträgern  ). 

Von  Dr.  P.  R.  Biemann.  Sekundärarzt. 

Die  allgemeine  Gefahr  der  Diphtheriebazillenträger  ist  hinreichend 
bekannt.  Eine  erfolgreiche  Prophylaxe  der  Diphtherie  ist  erst  möglich, 
wenn  es  gelingt,  die  Keimträger  mit  Erfolg  zu  bekämpfen  Der  un¬ 
freiwillig  lange  Aufenthalt  der  Diphtheriepatienten  nach  Abklingen  der 
eigentlichen  Erkrankung  ist  eine  grosse  Last  für  die  Kliniken, _  Kranken¬ 
kassen  und  für  die  sonst  gesunden  Bazillenträger  selbst  die  einmal  dem 
Erwerbsleben  lange  entzogen  werden  und  sodann  sich  durch  die  Ab¬ 
geschlossenheit,  deren  Notwendigkeit  sie  meistens  nicht  oder  nur  schwer 
begreifen  in  der  Infektionsabteilung  äusserst  beengt  und  überflüssig 
fühlen.  Es  ist  deshalb  begreiflich,  wenn  schon  seit  langer  Zeit  von  den 
verschiedensten  Seiten  und  auf  getrennten  Wegen  versucht  worden  ist, 
geeignete  Mittel  zur  Bekämpfung  der  Bazillenträger  zu  finden.  Es 
sind  in  dieser  Hinsicht  viele  Versuche,  teils  in  Kliniken  teils  m  La¬ 
boratorien  gemacht,  um  einmal  durch  Medikamente  mit  hoher  bak¬ 
terizider  Eigenschaft,  das  andere  Mai  durch  mechanische  Mittel,  oder 
durch  Verbindung  beider  der  Klärung  dieser  Frage  naherzukommen. 
Erinnert  sei  z.  B.  an  die  Versuche  mit  den  Chininderivaten  die  von 

Schäfer,  Sommer,Morgenroth.Tugendreich,W.  Pfeif¬ 
fer  Braun  und  I  s  a  a  c  k  (von  letzterem  gegen  Meningokokkentragerj 
u  a  gemacht  sind,  mit  Optochin,  Eukupin  in  Salben,  Lösungen, 
Sprayapplikationen,  Pinselungen  etc.  in  den  verschiedensten  Konzen¬ 
trationen,  Es  erwies  sich  hierbei  das  Eukupin  dem  Optochin  m 
seiner  keimtötenden  Wirkung  noch  überlegen,  doch  schon  bald  wurde 
von  einigen  Seiten  über  mehr  oder  weniger  schädigende  Nebenwir¬ 
kungen  berichtet.  Versteckt  findet  sich  sogar  manchmal  eine  Notiz: 
„Erblindungen  oder  sonstige  Sehstörungen  wurden  nicht  beobachtet. 
Elise  Hermann  warnt  vor  dem  Gebrauch  dieser  Chininderivate 
besonders  bei  kleinen  Kindern  da  sie  hier  Schleimhautschadigungen 

bewirkt  haben.  „  ,  ■  ,  ,  ,, 

Langer,  der  sich  ebenfalls  mit  diesem  Problem  beschäftigt  hat, 
fand  bei  seinen  Versuchen  mit  Akridiniumfarbstoffen,  die  schon  vor 
Jahren  von  Ehrlich  als  Mittel  gegen  Trypanosomenerkrankungen  an¬ 
gewandt  waren,  dass  dem  F 1  a  v  i  c  i  d  hohe  bakterizide  Eigenschaften 
innewohnen,  besonders  gegen  Gram-positive  Bakterien. 

Optochin  wirkt  in  einer  Verdünnung  von  1:10— zuuuu  ent¬ 
wicklungshemmend  für  Bakterien,  von  1:2—8000  totend. 

Die  Wirkung  des  Eukupin  ist  noch  eine  5 mal  bessere  als  die 

des  Optochin.  ,  „ 

T  r  y  p  a  f  1  a  v  i  n,  das  zu  den  Akridiniumfarbstoffen  gehört  und  einen 
guten  Eingang  als  modernes  Therapeutikum  gefunden  hat  —  u.  a. 
hat  Spiess  dies  Präparat  auch  zur  Desinfektion  der  Mund-  und 
Rachenhöhle  verwandt  —  wirkt  in  einer  Verdünnung  von  1:  A—l  Mil¬ 
lion  entwicklungshemmend,  von  1 — 1000  in  /£  Stunde  tötend. 

Flavicid  wirkt  in  einer  Verdünnung  von  1:1  Million  toten  a 
für  Bakterien,  von  1:5000  tötend  in  wenigen  Minuten,  von  1:50  für 
Kaninchenaugen  reizlos.  Erst  in  einer  Verdünnung  von  1:10  zeigen 
sich  leichte  Schleimhautschädigungen  beim  Kaninchenauge.  Näheres 
in  der  angeführten  Literatur. 

Flavicid  ist  im  Kampfe  gegen  Staphylokokken  dem  1  rypa- 
f  1  a  v  i  n  um  das  10  fäche,  gegen  Diphtheriebazillen  um  das  5  fache 
überlegen.  Diese  hohe  bakterizide  Eigenschaft  sowie  die  giosse  Breite 
der  therapeutischen  Toleranz  lassen  das  Präparat  als  ganz  besonders 
geeignet  für  die  Anwendung  gegen  Bakterienerkrankungen  erscheinen, 
zumal  schädigende  Nebenwirkungen  sich  ausschliessen  lassen,  ohne  dem 

*)  Nach  einem  am  25.  X.  1921  im  Aerztlichen  Verein  zu  Hamburg  ge¬ 
haltenen  Vortrag. 


Mittel  auch  in  grossen  Verdünnungen  die  bakterienvernichtende  Wir¬ 
kung  zu  nehmen.  .  ,  .  ...  .  . _ _ 

Ausserdem  ging  Langer  von  der  sicher  richtigen  Annahme  aus, 
dass  die  Bakterien  sich  mit  Vorliebe  lange  im  Nasenrachenraum  auf¬ 
halten.  da  sie  hier  den  therapeutischen  Applikationen  nicht  recht  er¬ 
reichbar  sind.  Mit  seinem  B  e  r  i  e  s  e  1  u  n  g  s  v  e  r  f  a  h  r  e  n  glaubt  er, 
da  er  ein  unschädliches,  dabei  aber  doch  hochwirksames  Mittel  in  dem 
Flavicid  gefunden  hatte,  der  Lösung  des  Problems  der  Bazillen¬ 
trägerbekämpfung  erheblich  nähergekommen  zu  sein.  Da  das  r  1  a  v  i  - 
cid  einen  bitteren  Geschmack  hat.  wurde  es  mit  Saccharin  versetzt; 
ein  Vorschlag,  der  schon  von  Schäfer  als  Geschmackskorrigens  für 
das  ebenfalls  bittere  Eukupin  gemacht  war.  Das  versusste  Flavi- 
c i d  erhielt  den  klangvollen  Namen  Diphthosan,  das  von  der  Aktien- 
Gesellschaft  für  Anilinfabrikation  in  Berlin  hergestellt  wird. 

Eine  Pastille  Diphthosan  enthält:  0,1  Flavicid.  0,85  Kochsalz, 

Auf  unserer  Diphtherieabteilung  sind  im  Laute  der  Jahre  die  ver¬ 
schiedensten  Mittel  bei  Bazillenträgern  angewandt  worden,  ohne  je¬ 
doch  zu  den  gewünschten  Resultaten  zu  führen.  Es  lagen  dort  oft 
Patienten  (vorzüglich  Kinder)  seit  vielen  Wochen,  zum  Teil  sogar  seit 
Monaten,  mit  positivem  Bazillenbefund. 

Als  Langer  seine  Versuche  und  Erfahrungen  mit  den  Akridinium¬ 
farbstoffen  veröffentlichte,  schienen  uns  die  Ergebnisse  und  die  Art  der 
Verwendung  des  Präparats  wohl  geeignet,  das  Mittel  aui  unserer  Ab¬ 
teilung  anzuwenden,  um  die  angegebenen  Erfolge  nachzuprüfen. 

Das  Präparat  wurde  uns  —  es  war  noch  nicht  im  freien  Handel  —  * 
auf  unseren  Wunsch  von  der  Fabrik  bereitwilligst  und  kostenlos  zur 
Verfügung  gestellt.  Da  die  übersandte  Menge  keine  sehr  grosse  war, 
konnten  nicht  sehr  viele  Fälle  damit  behandelt  werden.  Um  trotz¬ 
dem  ein  möglichst  umfangreiches  Bild  zu  erhalten,  wurden  teils  frische 
Diphtheriefälle,  die  in  der  Rekonvaleszenz  noch  mit  keinem  anderen 
Mittel  behandelt  waren,  teils  solche,  die  bereits  mit  eindm  oder  ver¬ 
schiedenen  Medikamenten  vorbehandelt  waren,  ohne  dass  dadurch  die 
Diphtheriebazillen1  zum  Verschwinden  gebracht  werden  konnten,  aus- 
gesucht 

Die  Anwendungsart  bestand  bei  Nasenbazillenträgern  in  3— 4  mal 
täglichen  Nasenspülungen  mit  10  ccm  einer  Lösung  von  1,0  Diphtho¬ 
san  :  500,0  Aq.  dest.  (das  entspricht  einer  Flavicidverdünnung  von 
1 :  5000)  in  jede  Nase  —  infolge  geringen  Materialvorrats  nicht  häufiger, 
wie  Langer  eigentlich  für  besonders  hartnäckige  Fälle  verlangt 
oder  in  Gurgeln  bei  positivem  Rachenbefund,  resp.  2 — 3  mal  täglichen 
Spülungen  bei  Vaginaldiphtherie.  Die  Verdünnungen  waren  stets  die¬ 
selben  wie  oben  angegeben.  . 

Es  mag  gleich  vorweggenommen  werden,  dass  irgendwelche  Schä¬ 
digungen  sowie  Klagen  seitens  der  Patienten  niemals  beobachtet  sind. 
Es  baten  viele  Kranke,  die  mit  anderen  Medikamenten  nicht  negativ 
wurden,  oft  darum,  mit  Diphthosan  behandelt  zu  werden,  ein  Wunsch, 
dem  leider  aus  vorher  beregten  Gründen  nicht  immer  entsprochen  wer¬ 
den  konnte.  .  ,  x  .  ,  .  • 

Erwachsene  spuckten  die  Spülflüssigkeit  sofort  wieder  aus  dem 
Munde  heraus,  ebenso  die  grösseren  Kinder;  die  kleinen  Kinder  und 
Säuglinge  schluckten  die  Spülflüssigkeit  zum  Teil  herunter,  ohne  dass 
irgendwelche  Schädigungen  von  seiten  des  Magens  oder  Darmes  in  die 
Erscheinung  traten.  Bereits  nach  den  ersten  Spülungen  hatten  sich 
alle  an  den  im  Anfang  natürlich  etwas  ungewohnten  Eingriff  gewöhnt. 

Die  Untersuchungen  der  mikroskopischen  Präparate  wurden  stets 
von  derselben  Laboratoriumsschwester  vorgenommen,  die  auch  alle 
anderen  Abstriche  von  nicht  mit  Diphthosan  behandelten  Patienten 
untersucht.  Da  sie  nie  auf  die  Krankenabteilung  kommt,  wusste  sie 
natürlich  nicht,  welches  die  mit  Diphthosan  Behandelten  waren.  Die 
Kontrolle  der  Präparate  ist  sehr  scharf.  Die  Kulturen  werden  stets  erst 
nach  48  Stunden  abgeschlossen,  die  Patienten  erst  als  keimfrei  ent- 
lassen,  wenn  hintereinander  2  Abstriche  nach  je  48  Stunden  negativ 
sind,  Waisenhauskinder,  Schwestern  etc.  zwecks  grösserer  Sicherheit 
sogar  erst  nach  3  negativen  Abstrichen.  „  , 

Durch  diese  bei  uns  stets  geübte  grosse  Vorsicht  bei  der  Ent¬ 
lassung  erklärt  es  sich,  dass  einige  Patienten  sehr  lange  auf  der  Ab¬ 
teilung  lagen,  da  oft  nach  2  negativen  der  3.  Abtrich  wieder  positiv  war, 
so  dass  dann  erst  wieder  3  Abstriche  hintereinander  negativ  sein 
mussten,  bevor  der  betreffende  Kranke  entlassen  werden  konnte. 

Ein  auch  sehr  gekürzter  Auszug  aus  den  einzelnen  Krankenge- 
schichten  würde  natürlich  hier  zu  viel  Raum  einnehmen.  Es  mag 
deshalb  eine  Tabelle  mit  einigen  zum  Verständnis  nötigen  Erläuterungen 
genügen. 

Mit  ’ Diphthosan  behandelt  sind  in  der  Zeit  vom  3.  XII.  1920  bis 
9.  VII.  1921  im  ganzen  32  Fälle,  die  dann  noch  nach  Nase,  Rachen  und 
Vagina  getrennt  aufgeführt  sind.  (Siehe  nächstfolgende  Tabelle.) 

Die  verschiedenen  Summen  bei  den  Gesamtfällen  einerseits  und 
dann  von  Nase,  Rachen  und  Vagina  zusammen  andererseits  erklären  sich 
dadurch,  dass  bei  einigen  Kranken  nur  Nase  oder  Rachen  oder  Vagina, 
bei  anderen  2  oder  alle  3  Organe  gleichzeitig  behandelt  wurden. 

Die  in  der  ersten  Rubrik  (Gesamtfälle)  in  Klammern  aufgefuhrten 
Zahlen  bedeuten  eine  Trennung  nach  den  Di.-Baz.  -  A  u  s  s  c  h  e  i  d  e  r  n 
(1.  Zahl),  d.  h.  solchen  Patienten,  die  nach  einer  bei  uns  überstandenen 
sicheren  Diphtherie  in  der  Rekonvaleszenz  noch  bazillenpositiv  waren, 
sowie  nach  den  echten  Di.-Baz.  -  T  rägern  (2.  Zahl) .  das  sind 
solche  Kranke,  in  deren  Anamnese  sich  keine  vor  kürzerer  oder  längerer 
Zeit  überstandene  Diphtherie  fand,  die  also  entweder  bei  uns  wegen 
einer  katarrhalischen  oder  follikulären  Angina,  die  klinisch  nicht  als 
echte  Diphtherie  angesprochen  werden  konnte,  zur  Aufnahme  kamen, 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


11 


I  — 

II  = 
2  mal  SSS. 

III  = 

IV 

v  -- 


Die  Gruppeneinteilung  bedeutet: 
sofort  2  mal  SS!. 

1  mal  SS!,  dann  auf  Wunsch  gegen  Revers  entlassen  oder  1  mal  +, 

2  mal  +,  2  mal  SS!. 
öfter  +,  2  mal  SS!. 
bis  Ende  +. 


Gruppe 

Gesamtiä  le 

Nase 

Rachen 

Vagina 

Anzahl 

0/0 

Anz  *hl 

% 

Anzahl 

% 

Anz.hl 

% 

I 

13  41 

(10  +  3)  | 

11  (1) 

44 

4(1) 

19 

2(2) 

67 

II 

2 

7 

16  +  3) 

6 

22 

2 

5(3) 

8 

20 

1 

9(4) 

5 

42 

1  (1) 

33 

III 

2 

'1  +  1) 

6 

2(2) 

8 

2(2) 

10 

— 

- 

IV 

3 

i2  -(-  1) 

9 

2(1) 

8 

1 

5 

— 

— 

V 

5 

(3  +  2> 

16 

3 

12 

4 

19 

— 

- 

Summa 

32 

(22  +  10) 

25 

21 

3 

bei  denen  aber  im  Nasen-  oder  Rachenabstrich  resp.  in  beiden  Diph¬ 
theriebazillen  kulturell  nachgewiesen  wurden,  oder  solche,  die  gelegent¬ 
lich  einer  auf  einer  anderen  Station  aufgetretenen  Diphthe rieepidemie 
als  bazillenpositiv  auf  die  Infektionsabteilung  verlegt  wurden,  ohne 
selbst  Diphtheriesymptome  zu  bieten. 

Die  in  den  letzten  3  Rubriken  (Nase,  Rachen  und  Vagina)  in 
Klammer  aufgeführten  Zahlen  bedeuten  die  nicht  mit  anderen  Medi¬ 
kamenten  vorbehandelten  Fälle.  Alle  Patienten  haben  bis  zum  ev. 
Beginn  der  Diphthosanbehandlung  mit  H2O2  gegurgelt.  Eine  lokale  Be¬ 
handlung  des  Rachens  erfolgte  in  diesen  Monaten  meistens  mit  Pyok- 
tanin  3proz.,  mitunter  mit  Providoform  5  proz.,  Trypaflavin  Vs  bis 
2  proz.  oder  Lugolscher  Lösung;  Nasenbehandlung  mit  H2O2,  XA  bis 
2  proz.  1  rypaflavin  oder  1  proz.  Eukupin-Salbentampons. 

Die  oberen  Zahlen  in  Gruppe  ll  sind  die  nach  nur  einem  -©'-Abstrich 
gegen  Revers  Entlassenen,  von  denen  war  der  eine  (Fall  15)  nach 
18  tägiger  anderweitiger  Behandlung  noch  +++,  der  2.  (ball  22) 
nach  32  tägiger  Behandlung  +,  beide  nach  Beginn  der  Diphthosanbe¬ 
handlung  sofort  1  mal  ssr. 

Unter  den  13  bällen  der  Gruppe  I  ist  einer  (Fall  4),  bei  dem  nach 
33  tägiger  Behandlung  mit  anderen  Medikamenten  noch  4  Rachen¬ 
abstriche  +  waren,  ein  zweiter  (Fall  11),  bei  dem  nach  40  tägiger 
Behandlung  noch  4  Nasenabstriche  -j-  bis  -f — f-  mit  einem  dazwischen¬ 
liegenden  -©-Abstrich,  ein  dritter  (Fall  8).  bei  dem  nach  59  tägiger  Be¬ 
handlung  noch  6  Nasenabstriche  -(-  mit  einem  dazwischenliegenden 
-^-Abstrich,  ein  vierter  (Fall  9),  bei  dem  nach  78  tägiger  Behandlung 
noch  9  Rachenabstriche  +  bis  V — | — |-  mit  2  dazwischenliegenden  -©'-Ab- 
strichen  und  ein  fünfter  (Fall  7),  bei  dem'  sogar  nach  101  tägiger  Be- 
handlung  noch  10  Nasenabstriche  +  mit  6  dazwischenliegenden  -©'-Ab¬ 
strichen  waren.  Bei  diesen  Fällen  waren  sofort  nach  Beginn  der 
Diphthosanbehandlung  die  beiden  ersten  Abstriche  in  Fall  4,  9  und  11 
die  drei  ersten  in  den  Fällen  7  und  8  negativ. 

In  Gruppe  II  (untere  Zahlen)  findet  sich  ein  Fall  (Fall  20),  der 
nach  58  tägiger  Behandlung  noch  5  mal  in  Nase  und  Rachen  +  war 
mit  2  dazwischenliegenden  -©r-Abstrichen,  nach  Beginn  der  Diphthosan¬ 
behandlung  war  noch  ein  Abstrich  +,  die  3  nächsten  sss.  2  Fälle  (18 
und  19)  waren  nach  1  bzw.  3  tägiger  (!)  Diphthosanbehandlung  in  Nase 
und  Rachen  noch  einmal  +,  dann  2  mal  -©r.  1  Fall  (16)  war  nach 

38  tägiger  Behandlung  im  Rachen  stets  +,  nach  11  tägiger  Diphthosan¬ 
behandlung  2  mal  +,  dann  nach  Trypaflavin  und  Pyoktanin  3  mal  +, 
dann,  nach  wieder  aufgenommener  Diphthosanbehandlung  sofort 
2  mal  -©. 

In  Gruppe  V  ist  ein  Fall  (28),  der  nach  224  tägiger  Behandlung  mit 
tast  allen  oben  angeführten  nacheinander  in  buntem  Wechsel  an¬ 
gewandten  Medikamenten  in  Nase  und  Rachen  ++  bis  +++  war, 
mit  einigen  eingestreuten  negativen  Phasen,  nach  21  tägiger  Diphtho¬ 
sanbehandlung  waren  5  Abstriche  teils  gänzlich  -©,  teils  spärlich  +; 
hier  war  jedenfalls  eine  Abnahme  in  der  Zahl  der  Diphtheriebazillen 
evident  und  es  wäre  wohl  sicherlich  gelungen,  den  Patienten  gänzlich 
bazillenfrei  mit  Diphthosan  zu  machen,  doch  wollte  die  Pflegemutter  das 
Kind  unbedingt  am  24.  XII.  nach  Hause  haben. 

Diese  sämtlichen  hier  etwas  näher  beschriebenen  Fälle  sprechen 
mit  den  anderen  der  Gruppe  I  und  II  entschieden  für  die  Brauchbarkeit 
des  Präparats  und,  soweit  Nasenbazillenträger  in  Frage  kommen,  für 
das  Berieselungsverfahren. 

Die  in  Gruppe  III  und  IV  zusammengefassten  Fälle  halten  ungefähr 

die  Mitte. 

L  Absolute  Versager  sind  die  4  in  Gruppe  V  Verbliebenen,  einer  von 
ihnen  (Fall  32)  war  nach  31  tägiger  anderweitiger  Behandlung  im  Rachen 
■“™  +  bis  ++.  mit  2  -©"-Abstrichen  zwischendurch;  nach  14  tägiger 
Diphthosanbehandlung  war  ein  Abstrich  -©,  2  +.  Ein  zweiter  Fall  (30) 
war  nach  45  tägiger  Behandlung  in  der  Nase  6  mal  +  bis  +++.  im 
Rachen  1  mal  •©,  5  mal  +  bis  H — h  nach  23  tägiger  Diphthosanbehand¬ 
lung  in  der  Nase  1  Abstrich  -©,  dann  3  mal  ++,  im  Rachen  1  Ab¬ 


strich  -©,  3  -f-  bis  +++  (hier  musste  wegen  Auftreten  einer  Pneu¬ 
monie  die  Diphthosanbehandlung  11  Tage  unterbrochen  werden).  Der 
dritte  Fall  (31)  war  nach  44  tägiger  Behandlung  im  Rachen  5  mal  -R 
bis  +++  (niemals  -©),  nach  41  tägiger  Diphthosanbehandlung  1  mal  sss 
und  5  mal  -f  bis  +++. 

Diese  3  und  der  obenerwähnte  Fall  28  mussten  auf  Wunsch  gegen 
Revers  als  nicht  keimfrei  entlassen  werden.  Bei  dem  letzten  Fall  (29) 
der^Gruppe  V  waren  nach  29  tägiger  Behandlung  die  3  Nasenabstriche 
-r  bis  ++t,  von  den  Rachenabstrichen  1  +,  2  ©;  nach  36  tägiger 
Diphthosanbehandlung  die  5  Nasenabstriche  +  bis  +++,  die 
5  Rachenabstriche  +.  Das  Kind  ist  dann  einer  schweren  Larynx-  und 
Trachealdiphtherie,  die  also  trotz  ständiger  Diphthosan¬ 
behandlung  entstanden  ist  (!),  und  Bronchopneumonie  er¬ 
legen. 

Wenn  man  sich  die  einzelnen  Ergebnisse  in  Prozenten,  die  zwecks 
besserer  Uebersicht  abgerundet  sind,  gegenüberstellt,  so  ergibt  sich  fol¬ 
gendes  Bild. 


Erlolge 

prompte 
(Gruppe  I  u.  II) 

Erfolge 

mittlere 

Gruppe  III  u  IV 

Versager 

(Gruppe  V) 

69  •/„ 

15% 

16% 

7  Wo 

16% 

)2"/0 

66% 

15% 

19% 

1'0% 

— 

72% 

6% 

22% 

71  % 

29% 

7-  0  o 

14% 

14% 

60% 

20% 

20% 

Gesamtiälle  ...... 

Nase . 

Raihen . 

Vagina  . 

V  i  behandelte  Fälle  .  . 
Nicht  vuruchandelte  Fälle 
D  e  Baznlenaussc  leider  . 
Die  Bazillenti  äger  .  .  . 


D.  h.  also,  dass  die  Nasenbazillenträger  etwas  günstiger  abschliessen 
als  die  des  Rachens  (72  Proz.  :  66  Proz.)  Auffallend  gute  Resultate 
(100  Proz.)  zeigen  die  Vaginaldiphtherien,  was  wohl  aurch  die  günstige 
Applikation  des  Medikaments  bei  diesen  Fällen  erklärt  ist. 

Bei  den  beiden  vorletzten  Gruppen  halten  sich  die  prompten  Er¬ 
folge  die  Wage;  bei  den  mittleren  Erfolgen  schliessen  die  nicht  mit 
anderen  Präparaten  vorbehandelten  Fälle  wesentlich  günstiger  ab,  um 
dafür  die  andern  in  der  Versagerrubrik  mit  relativ  hoher  Prozentzahl 
allein  stehen  zu  lassen.  Es  ist  aber  natürlich  zu  bedenken,  dass  die 
grösste  Mehrzahl  der  zur  Zeit  dieser  Versuche  auf  der  Diphtherie¬ 
abteilung  befindlichen  Kranken  auch  mit  der  sonst  üblichen  Behand¬ 
lung  negativ  geworden  sind. 

Die  prozentuale  Gegenüberstellung  der  Bazillenausscheider  und 
-träger  ergibt  bei  den  prompten  Erfolgen  ein  Ueberwiegen  der  ersteren, 
in  den  beiden  anderen  Rubriken  höhere  Zahlen  für  die  letzteren,  wo¬ 
durch  die  schon  bekannte  Tatsache  bestätigt  wird,  dass  eine  erfolg- 
ieiche_  Bekämpfung  der  echten  Bazillenträger  schwieriger  ist  als  eine 
Entkeimung  der  Bazillenausscheider. 

Ein  Unterschied  in  bezug  auf  das  Alter  der  Patienten  konnte  nicht 
beobachtet  werden.  Die  vorbehandelten  Fälle  waren  meist  sehr  hart¬ 
näckige,  die  sich  gegen  alle  bislang  bei  ihnen  verwandten  therapeuti¬ 
schen  Massnahmen  mehr  oder  weniger  refraktär  verhielten.  Ein  grosser 
Teil  von  ihnen  konnte,  wie  oben  gezeigt,  entweder  sofort  oder  doch 
ziemlich  bald  nach  Beginn  der  Diphthosanbehandlung  als  keimfrei  ent¬ 
lassen  werden  nur  bei  einer  kleinen  Zahl  gelang  es  nicht,  das  er¬ 
wünschte  Ziel  zu  erreichen.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  die  Ge¬ 
samtresultate  noch  bessere  geworden,  wenn,  wie  Langer  es  bei  hart¬ 
näckigen  Fällen  empfiehlt,  die  Spülungen  öfter  als  3— 4  mal  täglich 
wiederholt  wären.  Hier  war  uns  jedoch  eine  natürliche  Grenze  durch 
die  nur  geringe  Menge  des  zur  Verfügung  stehenden  Präparats  gesetzt. 
Ls  lag  uns  mehr  daran,  wie  es  auch  wohl  für  die  Gesamtbeurteilung 
eines  neuen  Medikaments  in  der  Therapie  wichtiger  ist,  das  Diphthosan 
bej  möglichst  vielen  verschiedenartigen  Fällen  auszuprobieren,  als  uns 
gleich  bei  den  ersten  hartnäckigen  Fällen  zu  verbeissen  und  dann  für 
andere  nichts  vom  Präparat  mehr  übrig  zu  haben. 

Die  bei  objektiver  Beurteilung  recht  günstig  erscheinenden  Re¬ 
sultate  sind  sicher  einerseits  auf  die  Methode  des  Berieselungsver¬ 
fahrens,  das  eine  leichte  Applikation  des  Diphthosans  an  sonst  sehr 
schwer  zugänglichen  Stellen  gestattet,  sodann  aber  sicher  auch  auf 
die  hohe  bakterizide  Eigenschaft  des  Präparats  zurückzuführen.  Letz¬ 
terer  Vorzug  lässt  das  Flavicid  ganz  besonders  geeignet  erscheinen, 
auch  bei  anderen  als  durch  Diphtheriebazillen  hervorgerufenen  Erkran¬ 
kungen,  z.  B.  bei  Sepsis,  Meningitis,  Hautaffektionen,  infizierten  Wun¬ 
den  etc.  in  kutaner,  intravenöser  oder  endolumoaler  Applikation  den 
Körper  im  Kampfe  mit  den  Mikroorganismen  wirkungsvoll  zu  unter¬ 
stützen.  Jedenfalls  scheint  das  Flavicid  resp.  Diphthosan  ein  weiterer 
wertvoller  Baustein  und  Zuwachs  im  therapeutischen  Schatz  für  eine 
aussichtsreiche  Bekämpfung  der  durch  Diphtheriebazillen  oder  andere 
Bakterien  hervorgerufenen  lokalen  oder  allgemein  septischen  Erkran¬ 
kungen  zu  sein  und  wohl  wert,  auch  in  anderen  Kliniken  kritisch  geprüft 
und  angewandt  zu  werden. 

Literatur. 

Braun:  M.m.W.  1917  Nr.  6.  -  Hermann:  Mschr.  f.  Kindhlkd.  1919, 
15,  Nr.  7.  —  Isaack:  M.m.W.  1917  Nr.  31.  —  Langer:  D.m.W.  1920 
Nr.  37.  Ders.:  D.m.W.  1920  Nr.  4L  —  Ders.:  Ther.  Halbmonatsh.  1920 
H.  20.  —  Morgenroth:  Jahresk.  f.  ärztl.  Fortbild.  1917  Nr.  1.  — 
W.  Pfeiffer:  M.m.W.  1917  Nr.  6.  —  S  c  h  ä  f  e  r:  B.kl.W.  1916  Nr.  38.  — 
Sommer:  B.kl.W.  1916  Nr.  43.  —  Spiess:  D.m.W.  1920  Nr  19 


5’ 


Nr.  1. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Göttingen. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Göppert.) 

Kapillarlähmungen  im  Darm  bei  Grippe  ). 

(Pseudoenteritis  anaphyiactica.) 

Von  Dr.  F.  Lim  per,  Assistent  der  Klinik. 

fiöDoert  [11  wies  als  erster  im  Darm  von  an  foudroyanter  epi¬ 
demischer  Genickstarre  verstorbenen  Kindern  KaPlIl?.r1‘aÄnR' ^ 

Er  brachte  diesen  Befund  in  Beziehung  zu  den  {et en  Tieren 

ners  |2j,  den  Erscheinungen  bei  Sepsin-  und  Abnn-vergrfteten  Ger 
und  endlich  zum  parenteralen  Darmkatarrh,  von  dem  sp ater  noch  d 

Rede  sein  wird.  Gleichzeitig  sprach  er  die V  für  en idemische 

es  im  vorliegenden  Falle  nicht  mit  der  Wirkung  eines  für  epidemiscne 
MenCigitis  spezifischen  Giftes  zu  tun  hatten,  sondern  dass  sich  das 

Slei  Daran!  Sb ‘sthT NoÄSXkuch  bei  anderen  Infektionen 
jÄlSi  »  suchen.  Ich  habe  dir i  Dä rme  von  an  Qrip  e 
Verstorbenen  histologisch  untersucht  ) :  Sowohl  von  Erwachsene 
die  der  eigentlichen,  pandemischen  Grippe  im  Jahre  191b  erlegen  > 

a \,  auch  von  Säuglingen,  die  im  Verlauf  einer  jener  Infektionen  des 
Respirationstraktus  (Naso-Pharyngitis,  Bronchitis,  IJr°'lcl110P|Je™lm 
usw  ),  die  wir  unter  dem  Namen  Grippe  zusammenfassen,  ad  exitum 

kamVon  den  Erwachsenen  waren  keine  Krankengeschichten  mehr  vor¬ 
handen  Bei  den  Kindern  war  der  Verlauf  folgendermassen.  Die  a 
fangs  leichte  Erkrankung  nahm  nach  6-14  Tagen  plötzlich  eine  Wen¬ 
dung  zur  Verschlechterung  mit  folgenden  Symptomen:  1  emp-eratui - 
s  urz  Blässe  mit  lokaler  Zyanose  um  den  Mund,  kleiner  oder  gar  nicht 
fühlbarer  und  mit  unseren  gewöhnlichen  Herzmitteln  mcht  beeinfluss¬ 
barer  puis  Krämpfe  und  endlich,  soweit  darauf  geachtet  wurde.  Dicker 
wefden  des  Leibes.  Eine  halbe  bis  einige  Stunden  spater  trat  de. 

1  °d  Ehe  "Sektion  ergab  makroskopisch  ausser  den  e r war  teten  V e rande - 
rtingen  am  Respirationstraktus  am  Darm  starke  und  stärkste  njek- 
tioif  bis  in  die  feinsten  Gefässchen,  zuweilen  fleckweise  Rötung. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  des  Darmes  zeigte  in [^^osa  im 
Submukosa  auffallend  viele  weite,  von  zarten  Endothehen  umkleidete, 
strotzend  mit  Erythrozyten  gefüllte  Raume;  enge  Arteten  nicht  oder 
nur  wenig  erweiterte  und  mässig  gefüllte  Venen.  Kein  Oedem.  kei 
zellige  Infiltration,  also  keine  Zeichen  von  Entzündung.  r  . 

Der  Darm  von  den  Erwachsenen,  die  an  der  pandemischen  Gripp 
gestorben  waren,  bot  dasselbe  Bild,  desgleichen  ein  jungst  untersuchter 
Darm  von  einem  an  Sepsis  ad  exitum  gekommenen  Säugling  (in 
dessen  gleich  nach  dem  Tode  entnommenem  Blut  reichlich  Bact.  coli 

naChWiT  haben Walsoe’eine  Darmveränderung  vor  uns,  die  klinisch  unter 
den  Anzeichen  des  anaphylaktischen  Schocks  entstanden  ist,  makro¬ 
skopisch  ganz  den  Eindruck  einer  Entzündung  macht  und  über  de  en 
nichtentzündlichen  Charakter  erst  die  nukroskopische  Untersu^hu 
aufklärt;  ich  möchte  sie  sonnt  Pseudoenteritis  anaptn 

laC\Vira wiesen n’die  Kapillarlähmung  im  Darm  als  au  dem  f emst¬ 
reagierenden  Gefässgebiet  nach,  selbstverständlich  Endet  sie  sich  auch 
an  anderen  Kapillargebieten.  So  beobachtete  Lieh  wjt  ;  31  bt 

Grippe  einen  von  der  Körpertemperatur,  der  Hautrötung  dei  Kra 
und  Schlagfolge  des  Herzetls  unabhängigen  Kapillarpuls,  den  er  als 
Ausdruck  einer  Schädigung  durch  Kapillargifte  ansprach. 

Wenn  wir  die  Göppert  sehen  und  die  von  mir  angeführten  Falle 
betrachten  so  finden  wir,  dass  bei  den  ersteren  die  Krankheit  gleic  i 
von  Anfang  an  foudroyant  verläuft  während  bei  meinen  erst  nach  einer 
gewissen  Reaktionszeit  die  foudroyante  Wendung  zum  Schlecuten 

CintrWir  sehen  hierin  ein  Zeichen  von  der  verschiedenen  immunisatori¬ 
schen  Fähigkeit  der  Organismen.  Bei  den  Göppert  sehen  Fallen  be¬ 
sitzt  der  Körper  gleich  von  vornherein  eine  genügende  Immumsations 
fähigkeit,  so  dass  durch  reichlichen  Zerfall  von  Bakterienieibern  sofor 
im  Anfang  der  Erkrankung  grosse  Toxinmengen  - ,  ob  es -  steh  um  <äas 
Friedberger  sehe  Anaphylatoxin  handelt,  bleibe  dahingestellt 
freiwerden,  die  den  Körper  überschwemmen  und  den  hefigen Jmpetus 
hervorrufen.  Bei  meinen  Fällen  erwirbt  sich  der  Körper  erst  im  Verlauf 
der  Krankheit  genügende  immunisatorische  Fähigkeit  und  es  tritt  ei 
jetzt  auf,  was  wir  bei  den  Genickstariefallen  gleich  im  g 

“‘“[Selbe,,  Vorgänge,  die  wir  hier  in  extremer  Weise  tödlich  «r- 
laufen  sehen,  können  natürlich  auch  in  abgeschwachte.  Form  i  in  Er¬ 
scheinung  treten.  Ein  Symptom  einer  solchen  abgeschmackten  R 
aktion  ist  der  parenterale  Darmkatarrh.  Wir  verstehen  daruntei  die 
im  Anfang  oder  während  einer  Infektion  auftretenden  schleimigen  oder 
schleimig-blutigen  Stühle.  Eine  Abgrenzung  gegen  Ruhr  ist  oft  sehr 

SÜ1WDas  anatomische  Substrat  für  diesen  parenteralen  Darmkatarrh 
sehen  wir  in  den  geschilderten  Veränderungen  am  Darm  in  Form  der 
Kapillarlähmung. 

*)  Vortrag,  gehalten  auf  der  Sitzung  des  Niedersächsischen  Vereins  für 
innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  in  Hannover  am  22  X. ^1921. 

>)  Das  Material  verdanke  ich  dem  liebenswürdigen  Entgegenkommen  deS 
Direktors  des  hiesigen  pathologischen  Institutes,  Herrn  Qeh.-Rat  Kau 
m  a  n  n,  dem  ich  auch  an  dieser  Stelle  verbindlichst  danke. 


Literatur. 

1  F  Göppert:  Der  Darm  bei  foudroyant  verlaufender  Genickstarre, 
v  u  L  vaaiois  7  —  2  Heubner:  Ueber  Vergiftung  der  Blut- 

1919  Nr.  46.  _ 

lieber  chronische  Appendizitis  im  Kindesalter. 

Von  Oberarzt  Dr.  Lunckenbein,  Ansbach. 

So  klar  und  charakteristisch  sich  uns  in  den  allermeisten  Fällen 
das  Krankheitsbild  der  akuten  Appendizitis  darstellt  so  schwierig  und 
kompliziert  kann  die  Diagnose  werden,  wenn  es  sich  um  eine  c  h  1  - 

nische  Erkrankung  des  Wurmfortsatzes  handelt;  alle  die  sonst  so^ 
zwingenden  Symptome,  wie  Erbrechen,  Bauchdeckenspannung.  1  Ms- 
ri  hä  n  omen^  Fieber  usw .,  fallen' weg;  an  . ihre  Stelle  treten  meist  recht 
unklare  vieldeutige  und  vom  eigentlichen  Krankheitsherd  wegfuhrende 
Erscheinungen,  die  uns  irreführen.  Die  Schwierigkeiten  nehmen  be- 
grehlicher weise  zu,  wenn  es  sich  um  Patienten  kindlichen  Alters 
handelt,  bei  denen  ungenaue  Angaben  der  subjektiven  Beschwerden 
und  manche  im  Bereiche  der  Möglichkeit  liegende  Dmerentia  diagnosc 
SS  iS Tod,  mck  verschleiern.  Ich  halte  es  deshalb  ‘rote  der  sc  hon 
vorhandenen  überreichen  Appendizitisliteratur  für  .ge‘echt^rt'kL. 3 
noch  wenig  bekannte  Erscheinungsformen  der  chronischen ‘  APPendizit.s 
m  Kindesalter  an  der  Hand  von  drei  unglücklich  verlaufenen  Fallen 
die  ich  in  letzter  Zeit  beobachten  konnte,  hinzuweisen,  um  so  mehr, 
als  diese  Fälle  eindringlich  erkennen  lassen,  dass  wir  m  der  chronischen 
Wurnifortsatzentzündung  ein  heimtückisches,  gefährliches  Leiden  zu 
bekämpfen  haben.  .. 

Der  Einfacheit  halber  skizziere  ich  kurz  de^  lef?  ®Pt\all{’  dtervIoll. 
dem  erstbeobachtc  ten  sich  in  den  massgebenden  Punkten  fast  voll 

kommen  deckt:  . 

Mittelkräftiger,  gut  genährter  bteich  a"f*«ftÄErbSchS 
weckter  Km.be  im  Alter  von  4/,  Jahren.  Abends  \ Uhr  plötzlich  Lrbrechen, 
Aufstossen,  reflektorische  Bauchdeckenspanr.ung  bei  Druc 

R?,  scher  Lf^P-Ä«:  Äg 

i  Ses;Sortorc;,ekvo,r  dÄTASSJ  ä“ 

Jnd  ca  3  stunden  nach  dem  Auftreten  der  ersten 

•msveführt  wurde  Befund:  Wurm  nach  oben  geschlagen,  kolbrg  verdicKU, 
‘ziemlich  adhärente  Spitze;  keine  auffallende  üe^ssin^ 
narbig  geschrumpft,  von  einer  Reihe  erbsengrosser,  dercb.™llt.fifhte^ .U T.®. 
xv:p  vnn  einer  Perlenschnur  durchzogen;  diese  lassen  sich  auch  ins  Mt 
enferium  verfolgt Beim  Losfösen  der  Spitze  Austreten  geringen  eitrigen 

lnhaltFS:  handelte  sich  also  um  eine  schon  länger  bestehende  chronische  Er- 

5Ätedt^ 

„achte  deshalb  die  Eltern  auf  diese  Komplikation  und  deren  möglichen 
Folgen  aufmerksam  obwohl  die  Operation  in  ca.  15  Minuten  völlig  g  *■ 

vor Uuücn  war.  Leider  mit  Recht..  10  Stunden  roppe^‘Xamke  t  ieg- 

Frhrechen-  24  Stunden  post  operationem  trotz  völliger  Enthaltsamkeit  leg 

lieber  Nahrungsaufnahme  abermals  Blutbrechen;  dabei  spontaner  ^bgansB1 
Flatus  weicher  Leib;  32  Stunden  post  operationem  Exitus  unter  Blut 
brechen  und  allen  Anzeichen  einer  inneren  Blutung. 

Sektionsbefund-  Im  Abdomen  keine  Spur  einer  Peritonitis;  die  am  Mes- 
entenolum  festgestellten  Drüsen  lassen  sich  ‘"^Mesenterium  und  längs  de 
Gefässe  bis  zum  Piortadereintntt  verfolgen  Lebet  etwas  ve'kleiner  ü 

S  c  h  n  i  1 1  f  1  ä  c  h  e  z  e  i  g  t  d  a  s  ty  Pi  s  che  B  ild  d  erMuska  tl  Der 

(mikroskopisch  sind  die  Venae  centrales  erweitert)  •  d^JgFrsche hiung 

dunkelgeronnenem  Blut,  an  der  Magenwand  keine  auffallende  ErschemunZ; 
dagegen  im  unteren  Teil  des  Oesophagus  (wie  auch  im  ' j®1.«, 

liehe  Spur  eines  geplatzten  Varix!  Lungen  ohne  Befund.  Die  rmkroskopisc 
Untersuchung  mehrerer  Drüsen  ergibt,  dass  es  sich  um  rem  entzündliche 
Produkte  handelt. 

Wir  haben  also  als  F  o  1  g  e  z  u  s  t  ä  n,  d  e  einer  chroni¬ 
schen  Appendizitis  eine  Lymphangitis  bzw.  Lymph¬ 
adenitis  mit  sekundärer  Stauungsleber.  Var  x 
b  i  1  d  u  n  g  im  Oesophagus  und  Verblutungstod  i  ”  0  S 
e  i  li  es  geplatzten  Varix.  Die  Erweiterung  der  Oesophagus- 
venen  ist  bei  der  vorhandenen  Stauungsleber  kein  auffal 
Im  Fall  1  lag  der  gleiche  Sektionsbefund  vor;  im  Fall  2  erfolgte  der 
Tod  17  Tage  nach  der  Operation  unter  den  Erscheinungen  emer  intesti¬ 
nalen  Sepsis.  Die  Sektion  ergab  hier  ebenfalls  ausgedehnte  Lymph- 
angitis  und  Lymphadenitis,  vom  chronisch  erkrankten  Wurm  und  dessen 
Mesenteriolum  ausgehend;  einzelne  Drüsen  ^aren  aber  vereitelt  u 
in  der  Leber,  die  ebenfalls  das  charakteristische  Bild  dei  Stauungs  eber 
bot  fanden  sich  5-6  kleine  Abszessherde.  Auch  hier  war  ein  andere 
Krankheitsursache,  speziell  Tuberkulose  oder  eine  Darminfektion,  be¬ 
stimmt  auszuschliessen. 

Ich  meine,  diese  drei  Fälle,  die  alle  einwandfrei  auf  chronische  Er¬ 
krankungen  des  Wurmfortsatzes  zurückgeführt  werden  können,  und  die 
drei  Kinder  im  Alter  von  4%— 5  Jahren  betrafen,  müssen  zu  der  An¬ 
nahme  drängen,  dass  wir  schon  vom  3.  Lebmsjahr  an  auf  Erscheinungen 
der  schleichenden  Wurmerkrankung  achten  müssen;  denn  was  ich  als 
Konsiliararzt  auf  dem  Operationstisch  sah,  war  das  Endstadium, 
eines  monatelang  zurückliegenden  entzündlichen  Pro^fsses- 

Wichtig  ist  es  nun.  aus  dem  Krankheitsverlauf  und  dem  Obduktions¬ 
befund  gewissermassen  retrospektiv  diagnostische  Winke  und  Hilts- 
mittel  herauszuschälen,  die  uns  die  Erkenntnis  dieser  heimtückischen 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


13 


Erkrankung  erleichtern  können.  Es  gelang  mir  bei  den  Eltern  und 
behandelnden  Aerzten  wichtige  Aufschlüsse  zu  bekommen. 

Im  Vordergrund  der  chronischen  Appendizitis  stehen  Magen¬ 
besehwerden  und  Schmerzen  in  der  Nabelgegend.  Der  Druckmmkt  ist 
rechts  oberhalb  und  seitlich  des  Nabels,  zeitweise  zwischen  Nabel  und 
Magen.  MacBurney  scher  und  L  a  n  z  scher  Punkt  können  völlig 
schmerzfrei  sein.  H.  Kümmell  weist  in  seiner  Abhandlung  (M.m.W. 
1921  Nr.  41,  auf  den  „Schmerzpunkt  bei  der  chronisch  verdeckten 
Appendizitis“  hin  und  nimmt  ihn  ebenfalls  „nahe  am  Nabel,  etwa  1 — 2  cm 
unterhalb  desselben,  senkrecht  oder  etwas  nach  rechts  abweichend“  an, 
wobei  er  diesen  Punkt  als  K-Punkt  bezeichnet.  Nach  den  vorliegenden 
Sektionsergebnissen  möchte  ich  die  mehrfach  kritisch  beleuchteten 
abdominellen  Druckpunkte  bei  der  chronischen  Appendizitis  in  ursäch¬ 
lichen  Zusammenhang  bringen  mit  der  anscheinend  doch  recht  häufigen 
gleichzeitigen  Lymphadenitis  und  Lymphangitis  und  mit  der  sekundären 
Leberstauung.  Sowohl  der  charakteristische  Magenschmerz  als  auch  der 
„periodische  Nabelschmerz“  der  Kinder,  die  Colica  appendicularis, 
lässt  sich  ohne  Zwang  erklären,  wenn  wir  an  die  rein  mechanische 
Druckwirkung  der  entzündlich  geschwollenen  Lymphdrüsen  und  Lymph- 
gefässe  mit  ihren  Folgeerscheinungen  denken  auf  Leber.  Magen  und 
Verdauungstraktus.  Die  Ansicht  Len  anders,  der  die  Magen¬ 
schmerzen  mit  „einer  entzündlich  fortgeleiteten  Affektion  des  Ganglion 
solare“  erklärt,  gewinnt  durch  die  Sektionsbefunde  an  Wahrscheinlich¬ 
keit.  Und  speziell  die  kolikartigen  Schmerzen  finden  ihre  Erklärung  in 
einem  hin  und  wieder  auftretenden  Reiz,  sei  er  mechanischer  oder 
infektiös-entzündlicher  Art,  auf  die  nervösen  Zentren  der  betreffenden 
Darmabschnitte. 

Als  weitere  charakteristische  Krankheitserscheinung  ist  das 
periodenweise  Unwohlsein  dieser  Kinder  zu  erwähnen,  das  sich  meist 
innerhalb  y/eniger  Tage  abspielt  und  langsam  spontan  wieder  ab¬ 
klingt.  Es  besteht  hierbei  vor  allem  Appetitlosigkeit,  die  sich  bis  zum 
Ekel  und  Brechreiz  steigern  kann,  Kopfschmerz,  Müdigkeit  und  Ab- 
geschlagenheit;  die  sonst  munteren  und  frischen  Kinder  suchen  das 
Bett  auf.  sehen  fahl  und  bleich  und  verfallen  aus,  sind  dabei  auch 
psychisch  leicht  reizbar  und  erregt;  Temperatur  meist  subfebril.  Selbst¬ 
verständlich  werden  solche  vorübergehende  Anfälle  von  Unwohlsein, 
namentlich  wenn  sie  sich  öfter  wiederholen  und  als  anscheinend  harm¬ 
los  erweisen,  bei  den  Kindern  nicht  gleich  tragisch  genommen,  und 
wenn  die  bei  der  akuten  Appendizitis  so  deutlich  in  Erscheinung  treten¬ 
den  Symptome  fehlen,  wird  wohl  kaum  der  Appendix  in  den  Bereich 
der  Erkrankungsmöglichkeiten  gezogen.  Es  scheint  mir,  dass  diese 
periodenweise  sich  wiederholenden  Anfälle  von  Unwohlsein  ebenfalls 
im  Zusammenhang  mit  der  Ausbreitung  oder  Exazerbation  der 
Lymphangitis  oder  Lymphadenitis  stehen.  Tm  Verein  mit  den  oben 
angeführten  Schmerzen  und  Druckpunkten  sind  sie  jedenfalls  —  bei 
Ausschluss  anderer  Erkrankungsmöglichkeiten  —  das  wichtigste  und 
eindeutigste  Symptom  bei  der  chronischen  Wurmfortsatzerkrankung. 

Im  allgemeinen  betrachtet  sind  die  erkrankten  Kinder  auch  in  den 
Intervallzeiten  keine  besonders  frische  oder  robuste  Naturen.  Die 
Eltern  klagen,  dass  trotz  aller  Sorgfalt  die  körperliche  Entwicklung 
nicht  recht  vorwärts  geht;  man  denkt  an  zu  rasches  Wachstum,  an 
Würmer,  Drüsentuberkulose,  mangelhafte  Blutbildung  usw.  Wer 
kommt  da  auf  die  Idee,  dass  eine  Stauungsleber  der  Grund  für  die  un¬ 
erklärliche  Appetitlosigkeit  sein  kann! 

Selbstverständlich  liegt  es  mir  fern,  etwa  gar  einer  Polypragmasie 
in  bezug  auf  die  Appendixoperation  auch  im  Kindesalter  das  Wort  zu 
reden.  Hierfür  ist  gar  kein  Grund  vorhanden;  denn  ich  glaube,  dass 
die  Fälle  von  chronischer  Appendizitis  im  Kindesalter  selten  sind,  aber 
immerhin  ist  es  geboten,  an  die  Möglichkeit  einer  solchen  Erkran¬ 
kung  zu  erinnern;  auch  glaube  ich,  dass  wir  bei  den  nach  Appendek¬ 
tomien,  manchmal  auftretenden  Magendarmblutungen  öfter  „Embolie“ 
annehmen  als  gerechtfertigt  ist;  denn  die  pathologisch-anatomische  Er¬ 
klärung  kann  auch  lauten:  Lymphadenitis,  Pfortaderstauung,  Varix- 
bildung  und  Varixblutung. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Qiessen. 

(Direktor.:  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  Poppert.) 

Dauerheilung  des  operierten  Brustkrebses  mit  und  ohne 
prophylaktische  Röntgenbestrahlung*). 

Von  Dr.  med.  Fritz  v.  d.  Hütten,  Assistent  der  Klinik. 

Unter  der  günstigen  Entwicklung  der  Röntgentherapie  hat  sich  im 
Laufe  der  letzten  10  Jahre  beim  Mammakarzinom  radikale  Operation 
(Amputation  mit  Wegnahme  des  Pektoralis  major  und  minor  und  Aus¬ 
räumung  der  Drüsen  in  der  Achselhöhle)  und  nachfolgende  prophylak¬ 
tische  Röntgenbestrahlung  als  das  Normalverfahren  ausgebildet.  Die 
guten  Resultate,  die  bei  diesem  Vorgehen  erzielt  wurden  (F  i  s  h  c  r, 
Treber,  Hoffman n,  Lehmann  und  Scheven,  Anschütz 
u.  a.)  gaben  dem  Ausspruch  von  S  t  r  a  u  s  s  die  Bestätigung,  dass  die 
Unterlassung  der  Nachbestrahlung  als  ein  Kunstfehler  anzusehen  sei  und 
dem  behandelnden  Arzt  zum  Vorwurf  gereiche.  Loose,  Seitz  und 
W  i  n  t  z  u.  a.  verzichteten,  einen  Schritt  weitergehend,  auf  die  Opera¬ 
tion  ganz  und  bestrahlten  primär,  wobei  sie  gute  Resultate  mitteilten. 
Die  Publikationen  Looses  verlieren  jedoch  von  vornherein  an  Be¬ 
weiskraft  durch  das  Fehlen  von  Zählen,  Statistiken  und  Kranken- 


*)  Auszugsweise  vorgetragen  in  der  Med.  Gesellschaft  Giessen. 


geschienten.  Blieben  Misserfolge  und  Versager  der  Röntgenbestrahlung 
dem  einzelnen  Beobachter  auch  nicht  verborgen,  so  kam  den  meisten 
doch  die  Statistik  von  Perthes-Neher  überraschend,  nach  der  die 
pestoperative  Röntgenbestrahlung  die  Gesamtergebnisse  nicht  nur  nicht 
verbessert,  sondern  sogar  verschlechtert  hat;  besonders  die  Bestrahlung 
der  letzten  Jahre  mit  Apparaten  neuesten  Typs  (Intensivbestrahlung) 
hat  einen  erhöhten  Prozentsatz  an  Metastasenbildung  und  lokalem  Re¬ 
zidiv  im  ersten  Jahre  im  Gefolge  (nichtbestrahlte  Fälle  28  Proz., 
intensivbestrahlte  41  Proz.).  Dieselbe  Erfahrung  haben  laut  Veröffent¬ 
lichung  von  Tichy  und  Kästner  die  Marburger  und  Leipziger 
chirurgische  Klinik  machen  müssen  (Rezidiv  im  1.  Jahr:  nichtbestrahlte 
Fälle  11,2  bzw.  33  Proz.,  intensivbestrahlte  Fälle  45,5  bzw.  47,6  Proz.). 

Ich  habe  auf  diese  sich  wiedersprechenden  Veröffentlichungen  hin 
auch  das  Material  unserer  Klinik  einer  Nachprüfung  unterzogen,  obwohl 
die  Zahl  der  prophylaktischen  Nachbestrahlungen  eine  verhältnismässig 
geringe  ist.  Wir  haben  uns  nämlich  bei  den  gelegentlichen  Nach¬ 
untersuchungen  einzelner  Fälle  immer  wieder  von  dem  absolut  nega¬ 
tiven  Erfolg  der  Bestrahlung  überzeugen  müssen,  so  dass  wir  die 
Nachbestrahlung  nicht  systematisch  durchgeführt  haben.  Die  Zu¬ 
sammenstellung  auch  unserer  bestrahlten  und  nichtbestrahlten  Fälle 
mag  entscheiden,  ob  wir  richtig  gehandelt  haben. 

Unser  Material  setzt  sich  zusammen  aus  197  Mammakarzinomen, 
die  von  1910  bis  1920  zur  Operation  kamen.  Von  174  Fällen  konnte  ich 
genaue  Auskunft  erhalten,  20  waren  nicht  aufzufinden  oder  die  Angaben 
so  ungenau,  dass  ich  sie  nicht  verwenden  konnte.  2  Patienten  kamen 
am  Tag  der  Operation  infolge  Herzschwäche  zum  Exitus,  eine  starb 
am  8.  Tag  an  Pneumonie.  Das  bei  uns  gebräuchliche  Operationsver¬ 
fahren  ist  das  bereits  oben  erwähnte.  Von  Ausräumung  der  Supra- 
klavikulardrüsen  unter  temporärer  Resektion  der  Klavikula  oder  gar 
Resektion  an  der  knöchernen  Thoraxwand  haben  wir  keinen  Gebrauch 
mehr  gemacht;  denn  solche  Fälle  sind  trotz  radikalster  Massnahmen 
als  aussichtslos  zu  betrachten. 

Bei  der  Gegenüberstellung  von  bestrahlten  und  nichtbestrahlten 
Fällen  ist  die  Einteilung  in  Gruppen  je  nach  der  Schwere  des  klinischen 
Befundes  unbedingt  nötig;  nur  dann  geben  die  Veröffentlichungen,  wie 
ja  auch  eine  Reihe  vorliegen,  ein  klares  Bild  über  den  Wert  der  Rönt¬ 
genbestrahlung.  Die  Gesamt  zahl  der  bestrahlten  und  nichtbestrahl¬ 
ten  Fälle  und  das  G  e  s  a  m  t  heilungsresultat  in  Prozenten  können  nie¬ 
mals  als  Unterlage  für  ein  objektives  Urteil  gelten;  sind  z.  B.  in  einer 
der  Gruppen  viele  Frühfälle,  dagegen  in  der  anderen  weit  vorgeschrit¬ 
tene,  so  kommt  man  zu  falschen  Resultaten. 

Ich  habe  unsere  Fälle  nach  dem  modifizierten  S  t  e  i  n  t  h  a  1  sehen 
Schema  (An  schütz)  in  3  Gruppen  eingeteilt,  und  zwar: 

I.  Ca.  nicht  über  hühnereigross,  gegen  Haut  und  Unterlage  frei  ver¬ 
schieblich,  keine  Drüsen. 

II.  Ca.  mit  Haut  oder  Unterlage  verwachsen,  Drüsen  in  Achsel¬ 
höhle,  aber  nicht  zu  ausgedehnt. 

III.  Ca.  ganze  Brustdrüse  einnehmend,  ulzeriert,  gegen  Haut  und 
Unterlage  unverschieblich,  massige  Drüsenaussaat,  Supraklavikular- 
drüsen. 

Die  Einteilung  wurde  mit  aller  möglichen  Objektivität  vor¬ 
genommen,  ehe  ich  die  Resultate  der  jetzigen  Untersuchungen  erhalten 
habe  (Fragebogen  an  die  behandelnden  Aerzte).  Neben  dieser  Grup¬ 
pierung  je  nach  Schwere  des  klinischen  Bildes  sind  die  Fälle  noch  ein¬ 
geteilt  in  A  nichtbestrahlte,  B  unzulänglich  bestrahlte  und  C.  intensiv 
bestrahlte. 

Technik  der  Bestrahlung:  Gruppe  B:  Triplexapparat  von  Siemens, 
selbsthärtende  Siederöhre,  Funkenlänge  am  Induktor  35,  an  der  Röhre  32  cm, 
2.5  MA..  150  000  V.,  HFA.  23  cm,  3  mm  Aluminiumfilter,  Belichtungszeit 
10 — 15  Min.;  pro  Feld  (3 — 4  Felder)  ca.  40  x,  alle  4  Wochen  bis  zu 
20  Sitzungen. 

Gruppe  C:  Ferngrossfelderbestrahlung.  HFA.  50  cm  im  Durchschnitt,  ge¬ 
legentlich  höher,  1,0  mm  Cu-Filterung.  jedesmal  im  Bestrahlungsfeld  die 
regionären  Lymphdrüsen  einbegriffen,  ev.  2  Felder.  1.  Symmetrieapparat 
von  Reiniger,  Gebbert  &  Schall,  Siederöhre  bzw.  Elektronröhre 
von  Müller,  parallele  Funkenstrecke  37  cm.  primäre  Belastung  4  Ampere, 
sekundäre  2,0  MA.,  Spannung  150 — 180  000  V.  resp.  Belastung,  welche  am 
Sklerometer  100 — HO  anzeigt.  2.  Glühkathodenapparat  von  Siemens, 
38  cm  parallele  Funkenstrecke.  150  000  V,  2,5  MA.  Belastung  bei  primärer 
Intensität  von  4 — 5  Ampere,  Glühkathodenröhre  oder  Coolidgeröhre  oder 
Müller  sehe  Siederöhre.  Dauer  der  Bestrahlung  pro  Feld  12  Stunden  in 
einer  Sitzung;  im  Bedarfsfall  Wiederholung  nach  3  Monaten. 

Wenn  ich  zunächst  die  Fälle  der  Gruppe  1  in  Betracht  ziehe,  so 
umfasst  diese  32  Patienten:  eine  kurze  tabellarische  Uebersicht  mag 
am  schnellsten  über  das  Heilungsresultat  orientieren.  In  der  Bezeich¬ 
nung  verweise  ich  auf  das  vorher  Gesagte. 

I.  32  Fälle. 

A.  23  Fälle: 

nach  3  Jahren  leben  rezidivfrei  von  19  Patienten  19  (100  Proz.) 

„  5  „  „  „  „  12  „  12  (100  „  ) 

,.  10  „  ,.  „  ..  5  „  4  (  80  „  ) 

Rezidiv  im  ersten  Jahr  0,  1  Rezidiv  und  Exitus  nach  9  Jahren. 

B.  3  Fälle: 

nach  3  Jahren  rezidivfrei  von  3  Patienten  3  (100  Proz.) 

„  5  „  „  2  '  „  2  (100  „  ) 

Rezidiv  im  ersten  Jahre  0. 

C.  6  Fälle. 

Die  Zeit  seit  der  Operation  und  der  Bestrahlung  ist  für  die  3  und 
5  jährige  Beobachtung  zu  kurz.  6  Patienten  sind  seit  1  Jahr,  3  seit 


14 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


2  Jahren  rezidivfrei;  ein  Rezidiv  ist  also  bisher  in  keinem  Fall  ein¬ 
getreten. 

Wir  sehen  die  günstigen  Resultate  dieser  Frühfälle;  abgesehen  von 
dem  einen  Rezidiv  nach  9  Jahren  in  Gruppe  A.  haben  wir  100  Proz. 
Heilung,  einerlei  ob  die  Kranken  prophylaktisch  bestrahlt  wurden  oder 
nicht.  Hervorzuheben  wäre  noch  gegenüber  anderen  Beobachtungen, 
dass  die  Intensivbestrahlung  (6  Fälle)  in  keinem  Fall  das  Rezidiv  im 
ersten  Jahr,  fern  oder  lokal,  propagiert  hat.  Mit  aller  Vorsicht  kann 
ich  mich  also  die  Gruppe  I  betreffend  dahin  ausdrücken,  dass  die  Heil¬ 
erfolge  mit  und  ohne  Bestrahlung  gleich  günstig  sind,  dass  also  die 
prophylaktische  Nachbestrahlung  überflüssig  ist,  sie  aber  auch,  soweit 
die  Kürze  der  Beobachtungszeit  dies  beurteilen  lässt,  nicht  geschadet  hat. 

Es  sei  mir  gestattet  vor  der  Gruppe  II  die  Gruppe  III  anzuführen. 


III.  45  Fälle. 

A.  39  Fälle. 

rezidivfrei  nach  3  Jahren  von  35  Patienten  3  (8,6  Proz.) 

„  „  5  „  „  23  „  2  (8,7  „  ) 

„  „  10  „  „5  „  0(0  „  ) 

Rezidiv  im  ersten  Jahr  von  39  Patienten  28,  also  (71,8  Proz.),  davon 
lokal  7,  fern  6. 


B.  4  Fälle: 

rezidivfrei  nach  3  Jahren  von  3  Patienten  0  (0  Proz.) 

„  ,.  5  „1  „  0  (0  „  ) 

Rezidiv  im  ersten  Jahr  von  4  Patienten  3  (75  Proz.),  davon  lokal  1, 
fern  1. 

1  weitere  Patientin,  deren  Operation  und  Bestrahlung  erst  2  Jahre  vor¬ 
über  ist,  starb  im  2.  Jahr  am  Rezidiv. 


C.  2  Fälle: 

1  Patientin  lebt  nach  1  Jahr  mit  Rezidiv;  1  Patientin  ist  nach  zirka 
2  Jahren  am  Rezidiv  gestorben.  Rezidiv  lokal  1,  fern  1. 

Ist  die  Heilungsziffer  hier  schon  bei  den  nichtbestrahlten  Fällen 
eine  schlechte,  so  wird  sie  absolut  ungünstig  bei  den  Bestrahlten,  einer¬ 
lei  ob  ungenügend  oder  intensiv  bestrahlt  wurde.  Keine  dieser  Kranken 
ist  länger  als  2  Jahre  rezidivfrei  geblieben;  eine  Begünstigung  der  Meta¬ 
stasierung  ohne  Lokalrezidiv  ist,  soweit  die  ungenügenden  Angaben 
darüber  zu  erhalten  waren,  nicht  festzustellen  Von  einer  Besserung 
durch  die  Röntgenstrahlen  kann  hier  keine  Rede  mehr  sein,  doch 
kann  ich  mich  zur  Annahme  einer  kausalen  Verschlimmerung  vorläufig 
nicht  entschliessen,  denn  bei  dieser  an  sich  ungünstigen  Gruppe  und  bei 
der  geringen  Zahl  der  Bestrahlungen  ist  ein  Zufall  nicht  ausgeschlossen. 


Dagegen  glaube  ich.  dass  in  Gruppe  II,  der  numerisch  stärksten, 
der  Wert  der  Röntgenstrahlen  sich  festlegen  lässt;  denn  in  dieser  ist 
die  Heilungstendenz  keine  so  absolut  schlechte  wie  in  Gruppe  III. 


II.  82  Fälle. 


A. 


70  Fälle, 
rezidivfrei  nach 
»»  »» 

»»  >» 


3  Jahren  von  63  Patienten  31  (49,2  Proz.) 

5  „  „  46  „  18  (39.1  „  ) 

10  „  „  21  „  4  (19,1  „  ) 


Rezidiv  im  ersten  Jahr  von  70  Pat.  31  (44,3  Proz.),  davon  lokal  6,  fern  5. 


B.  8  Fälle: 

rezidivfrei  nach  3  Jahren  von  7  Patienten  1  (14,3  Proz.) 

„  „  5  „1  „  0(0  „  ) 

Rezidiv  im  ersten  Jahr  von  8  Pat.  4  (50  Proz.),  davon  lokal  2,  fern  3. 


C.  4  Fälle: 

1  Pat.,  vor  1  Jahr  operiert  und  bestrahlt,  ist  gesund.  Von  3  Pat.,  vor 

2  Jahren  operiert  und  bestrahlt,  sind  2  am  Rezidiv  gestorben,  1  lebt  und  ist 
gesund. 

Rezidiv  im  ersten  Jahr  von  4  Pat.  2,  davon  lokal  1,  fern  ? 

Das  im  Verhältnis  zu  anderen  Statistiken  relativ  gute  Resultat  der 
nichtbestrahlten  Pat.  (A  n  s  c  h  ü  t  z  44  Proz.  für  3  jährige  und  35  Proz. 
für  5  jährige  Beobachtung,  wir  49.2  bzw.  39.1  Proz.)  erfährt  eine  auf¬ 
fallende  Verschlechterung  unter  der  Einwirkung  der  Röntgenstrahlen. 
Während  durch  die  Operation  allein  von  63  Pat.  31  =  4«  ?  pr^z.  n-cb 

3  Jahren,  von  46  Pat.  18  =  39.1  Proz.  nach  5  Jahren  rezidivfrei  leben, 
bleiben  von  den  prophylaktisch  ungerügend  nachbestrahlten  Patienten 
nur  14  3  Proz,  (1  Pat.  von  7)  nach  3  Jahren  rezidivfrei.  Auch  die  Intensiv¬ 
bestrahlung  hat  von  3  Pat.  in  den  ersten  2  Jahren  nach  der  Be¬ 
strahlung  2  an  Rezidiv  als  tot  zu  buchen.  Ein  Vergleich  zwischen  un¬ 
zulänglicher  und  Rezidivbestrahlung  ist  bei  unserem  kleinen  Material 
nicht  möglich,  aus  demselben  Grunde  verbietet  sich  e;ne  nrozmüHc 
Gegenüberstellung.  Doch  können  wir  beim  Ueberblick  über  die  ein¬ 
zelnen  Gruppen  ganz  allgemein  sagen,  dass  die  prophylaktische  Rönt¬ 
genbestrahlung  bei  den  Fällen  der  Gruppe  I  überflüssig  ist,  und  die 
Resultate  der  Gruppen  II  und  III  verschlechtert  hat. 

Auf  die  Rezidivbestrahlung  will  ich  nur  kurz  eingehen.  Von  8  Pat., 
die  mit  ungenügenden  Röntgendosen  beschickt  wurden,  lebt  nach 
3  Jahren  nach  der  Bestrahlung  noch  eine,  allerdings  mit  Rezidiv  und  in 
elendem  Allgemeinzustand.  Die  anderen  sind  tot,  5  starben  im  Jahre 
der  Bestrahlung. 

Von  den  intensiv  bestrahlten  8  Kranken  kamen  6  im  ersten  Jahr 
zum  Exitus,  eine  lebt  1  Jahr,  eine  2  Jahre  nach  der  Bestrahlung 
m  i  t  Rezidiv.  Geheilt  worden  ist  also  keine  Pat.  durch  die  Röntgen¬ 
bestrahlung. 

Auf  Grund  ähnlicher  Erfahrungen  hat  P  a  y  r  die  prophylaktische  Re- 
strshlung  eingestellt.  Perthes  will  mit  noch  intensiveren  Strahlen- 
apnkkationen  Weiterarbeiten.  Tietze  und  Jüngling  sagen,  leider 
mit  Recht,  dass  wir  uns  mit  den  Röntgenstrahlen  beim  Mammakarzinom 


noch  im  Stadium  der  Versuche  befinden.  Vielleicht  liegen  die  Miss¬ 
erfolge  nur  an  der  falschen  Dosierung;  ob  wir  aber  mit  noch  intensiverer 
Bestrahlung  Besseres  erreichen  können,  scheint  mir  zweifelhaft. 
Haendlys  Untersuchungen  sprechen  eine  zu  beredte  Sprache  da¬ 
gegen.  H  a  e  n  d  1  y  hat  2  Serien  bestrahlter  Genitalkarzinome  mikro¬ 
skopisch  untersucht.  Bei  der  ersten  handelt  es  sich  um  29  Fälle,  bei 
denen  keine  oder  nur  schwer  geschädigte  Karzinomzellen  am  primären 
Sitz  gefunden  wurden.  Von  22  Untersuchungen  zeigten  21  am  um¬ 
gebenden  Bindegewebe  und  an  der  Muskulatur  schwere  Veränderungen: 
Hyaline  Degeneration,  die  bis  zum  Zerfall  ging;  die  Gefässwandmusku- 
latur  war  durch  hyalin  degenerierte  Fibrillen  ersetzt,  die  Intima  ge¬ 
wuchert  bis  zur  Abstossung  des  Endothels.  Vielfache  Thrombosen,  ge¬ 
staute  dilatierte  Kapillaren  bewiesen  die  hochgradige  Nebenschädigung. 

In  einer  zweiten  Serie  von  bestrahlten  Zervixkarzinomen  stellte  sich 
heraus,  dass  trotz  dieser  Bindegewebs-  und  Gefässschädigungen  92  mal 
Karzinomzellen  noch  vorhanden,  ja  sogar  62  mal  lebensfrisch  waren 
und  sich  in  mehr  oder  minder  ausgedehnter  Mitose  befanden.  Aehnlichc 
Erfahrungen  machte  er  mit  den  Schnitten  vom  Mammakarzinom.  Dem 
Bindegewebs-Gefässapparat  müssen  wir  aber  eine  ausserordentlich 
wichtige  Rolle  in  der  Vernichtung  der  Karzinomzelle  zuschreiben 
(Opitz,  Theilhaber,  Bier,  Fränkel  u.  a.).  dessen  Schädi¬ 
gungen  mit  Applikationen  immer  grösserer  Strahlendosen  zunehmen 
muss.  Diese  durch  die  pathologisch-anatomischen  Untersuchungen 
Haendlys  neuerdings  wieder  gestützten  Ueberlegungen  (Teil¬ 
haber,  Fränkel)  finden  in  gewissem  Grade  ja  auch  in  der  Klinik 
ihre  Bestätigung:  Perthes,  Tichy,  Kästner  fanden  mit  steigen¬ 
der  Intensität  der  prophylaktischen  Nachbestrahlung  eine  Verschleebte- 
rung  der  Resultate.  Weiterhin  haben  Lazarus,  Exner  und  Dö- 
derlein  bei  Bestrahlung  von  geringer  Intensität  abnorm  viel  Fibro¬ 
blasten  festgestellt,  Rick  er,  die  bei  schwachen  Dosen  auftretende 
Hyperämie  durch  starke  in  Anämie,  Stase  und  Thrombose  übergehen 
sehen  (Tierexperiment). 

Besonders  zu  denken  gibt  noch  der  Fall  Wetzeis  aus  der 
Jenenser  chirurgischen  Klinik: 

Ein  Patient  mit  inoperablem  Magenkarzinom,  kommt  14  Tage  nach  der 
zweiten  Röntgenbestrahlung  (Intensivreformapparat,  Coolidgeröhre,  2  MA.. 
HFA.  23  cm,  3  mm  AI-Filter.  20  Minuten  Belichtungsdauer)  zum  Exitus.  Der 
Sektionsbefund  des  pathologischen  Anatomen  ergab:  Eitrig-fibrinöse  Peritoni¬ 
tis  aus  grossem  Defekt  an  der  vorderen  Magenwand;  fast  perforierende 
Nekrose  des  linken  Leberlappens;  die  Einschmelzung  am  Magen  verläuft 
sowohl  durch  von  Karzinom  durchwachsenes,  wie  davon  völlig  freies  Gewebe; 
keine  elektive  Wirkung  der  Röntgenstrahlen,  denn  Karzinomzellen  am  Rande 
der  Nekrose  zum  Teil  nicht  vernichtet. 

Wir  dürfen  eben  über  der  lokalen  Erkrankung  das  umgebende  Ge¬ 
webe  und  seine  Reaktion  und  besonders  nicht  den  Aligemeinorganis- 
mus  vergessen.  Auf  F  r  ä  n  k  e  1  s  interessante  Anregung,  die  Drüsen 
mit  innerer  Sekretion  durch  Röntgenreizdosen  mit  zum  Kampf  gegen 
den  Karzinomherd  mobil  zu  machen,  möchte  ich  an  anderer  Stelle 
eingehen. 

Den  Standpunkt,  das  Mammakarzinom  nicht  mehr  zu  operieren, 
sondern  primär  zu  bestrahlen,  lehnen  wir  vollkommen  ab ;_  meine  obigen 
Ausführungen  machen  eine  weitere  Begründung  überflüssig.  Erwähnen 
will  ich  nur  noch  das  damit  erzielte  Resultat  der  Freiburger  Frauenklinik, 
welches  Opitz  veröffentlicht  hat:  in  Gruppe  I  (gutoperable  Fälle) 
von  17  Mammakarzinomen  2  geheilt  =  14,28  Proz.! 

Wir  können  vorläufig  die  Röntgenstrahlen  in  der  Prophylaxe  und 
der  Rezidivbehandlung  der  Mammakarzinome  nicht  als  einen  Gewinn 
ansehen.  müssen  allerdings  für  die  Intensivbestrahlung  wegen  der 
Kürze  der  Zeit  und  der  Kleinheit  des  Materials  ein  abschliessendes 
Urteil  noch  zurückstellen.  Vorläufig  halten  wir  jedoch  Frühdiagnose 
und  Frühoperation  für  den  einzig  richtigen  Weg,  der  die  betrüblichen 
Gesamtresultate  verbessern  kann. 

Literatur. 

1  Albers-Schönberg:  M.m.W.  1918.  S.  980.  —  2.  B  a  s  s:  Bruns’ 
Beitr.  z.  Chir.  1921,  121,  3,  S.  642.  —  3.  Bier:  M.m.W.  1921. _  14.  — 

4.  Brattström:  Bruns’  Beitr.  1921,  121,  3.  S.  636.  5.  Fisher: 

Zbl  f.  Chir.  1916,  S.  102.  —  6.  Fränkel:  Strahlentherapie  1921.  12,  2, 

5.  603.  —  7.  Hoff  mann:  Bruns’  Beitr.  1921,  121,  2.  S.  413.  —  8.  Holst: 
Zbl  f.  Chir.  1920,  36,  S.  1110.  —  9.  Haendly:  Strahlentherapie  1921.  12.  1. 
S.  1.  —  10.  Judt:  Zbl.  f.  Chir.  1914.  S.  1143.  —  11.  Käs.tner:  Rruns’ 
Beitr.  1921,  121,  2,  S.  413.  —  12.  Köhler:  Zbl.  f.  Chir.  1920,  S.  472.  — 
13.  Lazarus-Barlo  w:  Strahlentherapie  6.  S.  173.  —  14.  Lehmann 
und  Scheven:  D.  Zschr.  f.  Chir.  1920,  153,  H.  5  u.  6,  S.  331.  —  15.  Lin¬ 
de  n  b  e  r  g:  D.  Zschr.  f.  Chir.  128,  S.  156.  —  16.  Loose:  Fortschr.  d. 
Röntgenstr.  26,  H.  3.  —  17.  Derselbe:  M.m.W.  1917.  Nr.  6  u.  11.  — 
18.  Derselbe:  M.m.W.  1918.  Nr.  7.  —  19.  L  o  s  s  e  n:  M.m.W.  1921,  Nr.  17. 
S.  518.  —  20.  Müller:  M.m.W.  1920,  Nr.  20,  S.  569.  —  21.  N  e  h  e  r:  Bruns’ 
Beitr.  1920.  119,  1.  S.  127.  —  22.  Opitz:  Strahlentherapie  10,  S  973.  — 
23.  Röntgenkongr.,  Berlin  1921.  April.  —  24.  Rodmann:  Zbl.  f.  Chir.  1915. 
S  568.  —  25.  S  c  h  w  a  r  z  k  o  p  f:  Bruns’  Beitr.  80,  2,  S.  317.  —  26.  S  e  i  t  z 
und  Wintz:  M.m.W.  1920,  Nr.  6.  —  27.  Steinthal:  Zbl.  f  ''üir.  1911, 
S  1482.  —  28.  S  t  r  a  u  s  s:  M.K1.  1919.  S.  343.  —  29.  T  a  r  e  k:  Zbl.  f.  Chir. 
1915.  —  30.  Tichy:  7bl.  f.  Chir.  1920.  S.  470.  —  3t.  Theilhaber: 
Strahlentberapie  11,  1.  S.  208.  —  32.  Telemann:  D.m.W.  1920.  Nr.  17. 
S.  457.  —  33.  Treber:  Strahlentherapie  6.  S.  193.  —  34.  Wetterer: 
Strahlentherapie  10,  S.  772.  —  35.  Wetzel:  Strahlentherapie  12,  2,  S.  585. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


15 


Aus  der  Städtischen  Krankenanstalt  in  Kiel. 

(Prof.  Dr.  Hoppe-Seyler.) 

Ueber  die  Kolloidnatur  des  Quecksilbers  bei  der  intra¬ 
venösen  Injektion  von  Neosalvarsan-Quecksilbersalz- 

mischungen. 

Von  Dr.  C.  Toi  lens,  Oberarzt  der  Anstalt. 

Die  Originalmethode  Linsers  [ll,  die  Syphilis  durch  intravenöse 
Injektionen  eines  Gemisches  von  Neosalvarsan  und  Sublimat  zu  be¬ 
handeln,  ist  nach  vielseitiger  Mitteilung  ausgezeiclfnet  in  Anwendung 
und  Wirkung.  Dennoch  ist  sie  mannigfach  abgeändert;  und  zwar  be¬ 
stehen  alle  Modifikationen  im  Ersatz  der  Quecksilberkomponente  — 
des  Sublimates  —  durch  ein  anderes  Hg-Salz.  Bruck  \2]  wählte 
Novasurol,  H  e  r  b  e c k  [3]  Embarin,  Lenzmann  [4l  schlug  Cyarsal 
vor.  Nach  Mitteilung  der  betreffenden  Autoren  —  auf  Lenzmanns 
Arbeit  wäre  unten  noch  einzugehen  —  sind  die  Modifikationen  in 
klinischer  Wirkung  und  Beeinflussung  des  Wassermanns  der  ursprüng¬ 
lichen  Linsermethode  durchaus  gleichwertig.  Dazu  sollen  sie  noch  die 
Vorteile  der  modernen  Quecksilbersalze  bieten.  Ich  persönlich  habe  nur 
mit  dem  Neosalvarsan-Sublimatgemisch  gearbeitet,  und  ich  kann  seine 
Vortrefflichkeit  nach  zahlreichen  Kuren,  wie  andernorts  [5],  so  auch  hier 
hervorheben.  Aber  ich  bin  mit  gutem  Grunde  ebenso  überzeugt  von  der 
Güte  der  Abänderungen. 

Gibt  es  nun  eine  gemeinsame  Grundlage,  auf  der 
sich  die  gleichmässig  gute  Wirkung  aller  obigen 
verschiedenen  Behandlungsarten  aufbaut? 

Giesst  man  in  eine  etwa  10  proz.  Neosalvarsanlösung  eine  Queck¬ 
silbersalzlösung  —  etwa  3  proz.  Sublimatlösung  —  im  ungefähren  Men¬ 
genverhältnis  von  5:1,  so  wie  es  in  Wirklichkeit  beim  Zubereiten  der 
Injektionsflüssigkeit  geschieht,  so  entsteht  bekanntlich  eine  starke  grau- 
oder  grünlichschwarze  Trübung.  Beim  Sublimat  und  Novasurol  läuft 
dieser  Vorgang  schnell  ab,  beim  Cyarsal  langsamer.  Mit  Embarin  habe 
ich  keine  Versuche  angestellt.  Lenzmanns  Angabe,  das  Cyarsal- 
Neosalvarsangemisch  bleibe  klar,  trifft  nur  für  kurze  Zeit  zu,  einige  Zeit 
nach  der  Mischung  tritt  die  Trübung  mit  gelb-grüner  Farbe  ebenfalls  ein. 

Durch  Biilow  |6l  und  Roth  mann  \l]  wissen  wir,  was  dieser 
Niederschlag  beim  Neosalvarsan-Sublimatgemisch  ist.  Da  handelt  es 
sich  ohne  Zweifel  um  kolloidales  Quecksilber.  Ebendieselbe  Kolloidbil¬ 
dung  muss  beim  Novasurol  und  auch  beim  Cyarsal  vorliegen.  Beim 
Novasurol  tritt  sie  schnell  ein.  beim  Cyarsal  langsamer,  aber  aus  bleibt 
sie  nicht.  Dass  der  Vorgang  beim  Cyarsal  langsamer  geht,  ist  leicht 
verständlich,  weil  das  Cyarsal  —  Cyanmerkurisalizylsaures  Kalium  — 
als  komplexes  Salz  ohne  dissoziierte  Hg-Ionen  und  somit  ohne  deren 
grosse  chemische  Aktivität  nur  schwer  vom  Neosalvarsan  zu  redu¬ 
zieren  ist.  Daher  übrigens  auch  seine  Reizlosigkeit  auf  die  Venenwand 
und  seine  verhältnismässig  geringe  Giftigkeit. 

Für  die  kolloidale  Natur  des  Niederschlags  sprechen  noch  verschie¬ 
dene  Beobachtungen.  Die  Untersuchungen  konnte  ich  nach  Angabe 
Herrn  Prof.  Dr.  Sch  ad  es,  des  Leiters  der  physikal.-chem.  Abtei¬ 
lung  der  hiesigen  med.  Univ.-Klinik,  unternehmen.  Ich  bin  Herrn  Prof. 
Schade  zu  grossem  Dank  verpflichtet.  Es  ergab  sich  Folgendes: 

Gute  kolloide  Lösungen  von  Schwermetallen,  wie  z.  B.  auch  vom 
Kollargol,  haben 'meist  eine  schön  leuchtend  rote  oder  gelbe  Farbe. 
Ist  die  Metallverteilung  nicht  ideal  fein,  so  wird  die  Farbe  braun,  oder 
sonst  irgendwie  verändert,  die  Lösung  bleibt  aber  noch  klar.  Erst  wenn 
die  Metallteilchen  noch  gröber  werden,  wird  sie  trübe  und  schliesslich 
schlägt  die  Farbe  in  Grau  um.  Analoge  Phänomene  lassen 
sich  bei  den  Quecksilbersalz-Neosalvarsanlösun- 
gen  beobachten.  Beim  Hineintropfen  des  Hg-Salzes  in  die  Neo¬ 
salvarsanlösung  entsteht  zunächst  für  einen  Augenblick  ein  klarer  roter 
Hof  um  den  einfallenden  Tropfen.  Dann  ein  roter,  dann  ein  gelber 
Niederschlag,  aus  dem  schliesslich  die  schwarzgrüne  Injektionsflüssig¬ 
keit  wird.  Schon  diese  Farbenerscheinungen  sprechen  mit  grosser 
Sicherheit  für  das  Auftreten  kolloiden  Quecksilbers  während  der  Re¬ 
aktion.  Und  zwar  lässt  sich  das  Quecksilber  im  Zustande  seiner  gelben, 
kolloiden  Lösung  eine  geraume  Zeit  erhalten.  Setzt  man  nämlich 
reichlich  Wasser  zu,  so  erhält  man  eine  lebhaft  gelbe,  leicht 
opaleszierende,  fast  klare  Flüssigkeit.  Die  ursprüngliche  Sal- 
varsanlösung  ist  jetzt  viel  zu  sehr  verdünnt,  als  dass  ihr 
Gelb  noch  nennenswerten  Einfluss  haben  könnte.  Die  gelbe  Farbe 
des  stark  verdünnten  Neosalvarsan-Quecksilbergemisches  gleicht  durch¬ 
aus  der  einer  kolloidalen  Silberlösung.  Der  Versuch  gelingt 
auf  gleiche  Weise  mit  der  Novasurol-  und  mit  der 
Cyarsal-Neosalvarsanmischung.  Ohne  Zweifel  ent¬ 
hält  die  gelbe  Lösung  also  auch  hier  kolloidales 
Quecksilber  und  daneben  als  Ursache  der  Opaleszenz  gröbere 
Quecksilberpartikelchen,  die  an  der  Grenze  zum  Kolloidalen  stehen 
mögen.  Diese  dickeren  Quecksilberkügelchen  sind  unter  dem  Mikroskop 
—  mit  Immersion  —  als  schwarze,  auffallend  gleiche,  runde,  lebhaft 
bewegliche  Teilchen,  etwa  von  der  Grösse  kleiner  Kokken,  gut  erkenn¬ 
bar.  Auch  im  Dunkelfeld  lassen  sie  sich  als  runde,  lebhaft  bewegliche 
Lichtpünktchett  gut  erkennen.  Allerdings  fällt  die  Lösung  nicht  immer 
so  klar  und  nur  gering  opalisierend  aus.  wie  oben  beschrieben.  Manch¬ 
mal  bleibt  sie  graugelb  und  man  sieht  mit  blossem  Auge  eben  sichtbare 
Partikelchen  in  ihr  herumschwimmen.  Diese  lassen  sich  dann  abfil¬ 
trieren,  während  die  zuerst  beschriebenen  sehr  kleinen  Ouecksilbertei!- 
chen  ohne  weiteres  die  Poren  des  Filters  passieren.  Warum  die  Lösung 
einmal  fast  klar  ausfällt,  das  andere  Mal  nicht,  vermag  ich  nicht  mit 


Sicherheit  anzugeben.  Ich  glaube,  dass  man  die  Ursache  in  verschie¬ 
denen  Verdünnungsverhältnissen  suchen  muss. 

Wie  schon  gesagt,  ist  die  kolloidale  Quecksilberlösung  nicht  ideal. 
Dazu  müsste  sie  rot  und  klar  sein.  Es  sind  noch  mikroskopisch  sichtbare 
Teilchen  in  Menge  vorhanden.  Aber  diese  sind  so  klein,  viel  kleiner 
als  rote  Blutkörperchen,  dass  sie  wohl  kaum  jemals  Embolien  verur¬ 
sachen  können.  Um  so  weniger  liegt  die  Emboliegefahr  vor,  als  augen¬ 
scheinlich  die  Teilchen  niemals  fest  zusammenkleben,  wenn  sie  auch 
unter  dem  Mikroskop  des  öfteren  in  Haufen  zusammenliegen.  Anderer¬ 
seits  muss  in  dieser  kolloidalen  Lösung  die  Gesamtoberfläche  aller  Teil¬ 
chen  eine  sehr  grosse,  somit  sehr  wirksame  sein. 

Lösliche  Qu  ecksilbersalze  scheinen  in  den  G  e  - 
j  mischen  nicht  mehr  vorhanden  zu  sein.  Mit  ihnen  be- 
j  schickte  Dialysierschläuche  —  Fischblasen  —  Hessen  wenigstens  keine 
Quecksilberverbindungen  in  das  umgebende  Wasser  durchtreten,  wäh¬ 
rend  Sublimat  allein,  wenn  auch  nicht  schnell  doch  allmählich  hin- 
durchdialysiert. 

Somit  ist  meines  Erachtens  die  Bildung  einer  brauchbaren  kolloi¬ 
dalen  Quecksilberlösung  sowohl  bei  der  Linserschen  Original¬ 
methode,  als  auch  bei  ihrer  Modifikation  erwiesen.  Es  ist  L  i  n  s  e  r 
also,  soviel  ich  weiss  'zum  ersten  Male,  gelungen,  ein  injektionsfähiges, 
gutes  Quecksilberkolloid  herzustellen.  Ein  Vorgang,  der  sich  bis  vor 
kurzem  in  der  Technik  nicht  in  gleicher  Vollkommenheit  hat  erzielen 
lassen.  Die  Ursache  der  Kolloidbildung  ist  die  Reduktionswirkung  des 
Neosalvarsans,  das  dabei  zugleich  die  Rolle  des  nötigen  Schutzkolloides 
spielt. 

Mit  diesem  Nachweis  ist  die  Frage  nach  der  ge¬ 
meinsamen  Grundlage  der  Linserschen  Methode  und 
ihrer  Modifikationen  gelöst.  Es  ist  eben  die  Bildung 
und  Injektion  von  kolloidalem  Quecksilber  zum  Neo¬ 
salvarsan. 

Auf  die  noch  ungeklärte  Frage,  ob  zur  Syphilisbehandlung  kolloi¬ 
dales  Quecksilber  oder  Hg-Salze  vorzuziehen  seien,  und  auf  das  weitere 
Schicksal  des  kolloidalen  Quecksilbers  im  Körper  sei  hier  nicht  ein¬ 
gegangen.  Jedenfalls  haben  Rothmann  und  Lenzmann  darin 
Recht,  dass  kolloidales  Quecksilber  die  Venenwand  nicht  schädigt  und 
deshalb  die  wiederholte  Injektion  ermöglicht.  Auch  darauf  sei  hier  hin¬ 
gewiesen,  dass  anscheinend  die  Injektionskur  mit  grauer  Salbe  das 
Quecksilber  dem  Körper  in  kolloidaler  Form  einverleibt.  Das  eine 
kann  man  wohl  sicher  sagen,  wer  geneigt  ist,  dem  kolloidalen  Queck¬ 
silber  als  solchem  ein  gut  Teil  der  guten  Wirkung  der  L  i  n  s  e  r  methode 
zuzuschreiben,  der  muss  die  Verwendung  eines  Hg-Salzes  anstreben, 
aus  dem  durch  Neosalvarsan-Einwirkung  das  Kolloid  schnell  und  voll¬ 
ständig  entsteht.  Neben  Novasurol  erscheint  Cyarsal  geeignet,  dessen 
zweizeitige  Verwendung  auch  Lenzmann,  wenn  auch  aus  anderen 
Gründen  empfiehlt.  Am  besten  erscheint  mir  Sublimat,  schon  aus 
Billigkeitsgründen. 

Wenn  es  nun  bei  den  verschiedenen  Methoden  doch  darauf  hinaus¬ 
läuft,  kolloidales  Quecksilber  entstehen  zu  lassen  und  zu  injizieren,  so 
liegt  der  Gedanke  recht  nahe,  dem  Neosalvarsan  von  vorn¬ 
herein  kolloidales  Quecksilber  zuzusetzen.  Zunächst 
scheiterte  dieser  Wunsch  am  Mangel  eines  solchen  Präparates.  Ein 
haltbares  Quecksilberkolloid  hatte  die  Technik  bisher  anscheinend  nicht 
herstellen  können.  Darum  gerade  scheint  der  gelungene  Prozess  beim 
Salvarsan-Hg-Gemisch  so  interessant.  In  letzter  Zeit  ist  mir  aber  doch 
auf  meine  Bitte  von  der  Firma  Dr.  Klopfer.  Dresden-Leubnitz,  ein 
Hydrargyrum  kolloidale  zur  Verfügung  gestellt,  das  zwar  auch  noch 
nicht  ideal  schön,  aber  doch  recht  brauchbar  ist.  Es  ist  ein  schwarz¬ 
graues,  feines  Pulver  mit  einem  Kohlehydrat  als  Schutzstoff.  Der 
Quecksilbergehalt  beträgt  25  Proz.  In  reichlich  Wasser  löst  sich  das 
Pulver  noch  grau  mit  einem  gelblichen  Schimmer.  Mit  wenig  Wasser 
gibt  es  eine  trübe,  schmutziggraue  Flüssigkeit.  Mikroskopisch  sind,  ähn¬ 
lich  den  obigen  Lösungen,  kleine  runde' Teilchen  zu  sehen.  Die  Injek¬ 
tionslösungen  sollen  möglichst  frisch  hergestellt  werden,  die  Haltbarkeit 
ist  aber  ganz  gut,  dauert  jedenfalls  mehrere  Tage.  Beim  Vermischen 
mit  Neosalvarsan  scheinen  beide  Teile  unverändert  zu  bleiben.  Der 
Farbe  nach  ist  das  Klopfersche  kolloidale  Quecksilber  wohl  nicht  so 
gut,  wie  das  im  Neosalvarsan-Sublimatgemisch  entstehende,  es  müsste, 
um  dieses  zu  erreichen,  eine  gelbe  Lösung  geben.  Es  gibt  aber  einige 
Umstände,  welche  zu  Gunsten  des  Klopferschen  Präparates  sprechen, 
und  die  vielleicht  seine  Unterlegenheit  ausgleichen.  Fügt  man  näm¬ 
lich  zu  der  gelbeil  aus  Sublimat-Neosalvarsan  entstandenen  Lösung 
physiologische  Kochsalzlösung,  oder,  wie  es  den  natürlichen  Verhält¬ 
nissen  besser  entspricht.  Serum  hinzu,  so  schlägt  die  Farbe  in  Grau 
um.  ungefähr  der  des  Klopferschen  Präparates  entsprechend.  Dieser 
Vorgang  spielt  sich  vermutlich  auch  nach  der  intravenösen  Tniektion 
:m  Blute  ab.  Das  Klopfersche  Hvdrarevrum  kolloidale  verändert  seine 
Farbe  nicht  merklich  beim  Zusatz  von  Serum.  So  ist  denn  auch  wohl 
praktisch  der  Erfolg  der  gelben  und  der  grauen  Lösung  des  Hydrar¬ 
gyrum  kolloidale  derselbe.  Noch  ein  anderer,  sehr  gewichtiger 
Umstand  spricht  für  das  Handelspräparat.  Bei  dem  Zusatz 
dieses  Hydrargyrum  kolloidale  erfährt  das  Neo¬ 
salvarsan  anscheinend  keine  Veränderung.  Es  wird 
also  gerade  der  Vorgang  vermieden,  vor  dem  schon  Ehrlich  warnt, 
die  Oxydation  mit  ihren  giftigen  Produkten.  Wenn  diese  Produkte, 
möge  es  sich  um  labiles  Arsen  handeln,  oder  um  freie  arsenige  Säure, 
bisher  als  unschädlich  betrachtet  werden  dürfen,  so  kann  das  wohl  nur 
durch  die  minimale  Menge  ihres  Auftretens  bedingt  sein. 

Das  Hydrargyrum  kolloidale  Klopfer  lässt  sich  dementsprechend 
in  der  Tat  gut  zur  intravenösen  Injektion  verwenden.  Es  ist  von  uns 


16 


MÜNCHEN  KR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


viele  hunderte  Male  angewandt,  ohne  dass  wir  je  Schaden  angerichtet 
hätten.  Zunächst  begannen  wir,  der  Neosaivarsanlosmg  l  ccm  ein 
?  nroz  Lösung  zuzusetzen,  angsam  sind  wir  auf  eine  6  pioz.  Losung 
gestiegen  bei  der  wir  stehen  geblieben  sind.  Wir  benutzen  jetzt  also 

zu  einer’  Injektion  ca.  5  ccm  Flüssigkeit.  die.0,4 o^nrnz^nbifzu 
und  0  08  g  Hg  kolloidale  enthalten.  Davon  wöchentlich  2  Spritzen  bis  zui 
Gesamt  zahl  v  on  1 2  im  Durchschnitt.  Ein  Unterschied L  in .de, ^Wirkung 
dieses  Gemisches  und  der  des  Linserschcn  ist  nicht  zu  bemerken  Die 
Erfolge  sind  ebenso  gut,  Störungen  kamen  ebensowenig  vor.  Die  Be¬ 
einflussung  des  Wassermann  ist  vorzüglich,  ebenso  scheint  die  Dauei- 

"  irkLefderUkommtS das  Hydrargyrum  kolloidale  noch  nicht  in  handlicher 
Form  in  den  Handel,  wie  z.  B.  das  kolloidale  Silber,  dessen  leichte, 
bequeme  Anwendungsmöglichkeit  durch  die  Herstellung  der  in  - 
nullen  eingeschmolzenen,  injektionsfertigen  Lösung  gewährleistet  wird. 
Vorderhand  muss  die  Injektionsflüssigkeit  noch  durch  Auflösen  des  Pul¬ 
vers  jedesmal  hergestellt  werden.  Das  ist.  wenn  es  sich  nur  um  eine 
Injektion  handelt,  für  den  Praktiker  zu  zeitraubend  und  mühsam..  Für 
ihn  ist  m.  E.  Sublimat  das  richtige  Mittel.  Wo  cs  sich  aber,  wie  in 
Krankenhausbetrieb,  darum  handelt,  hintereinander  viele  Injektionen  zu 
machen,  sodass  man  auf  einmal  eine  grossere  Menge  kolloidmen 
Quecksilbers  in  Lösung  gebraucht,  da  scheint  mir  das  neue  Prapaiat 

d Ur ° ich Smödi t e^ b ei  dieser  Gelegenheit  auf  eine  weitere  Verwendungs¬ 
möglichkeit  des  Hydrargyrum1  kolloidale  hinweisen.  Ich  glaube,  dass  es 
bei  septischen  Erkrankungen  nicht  ohne  Wirksamkeit  ist.  Ich  konnte  cs 
allerdings  erst  in  recht  wenigen  Fällen  anwenden,  habe  aber  j^r  den 
Eindruck  des  Erfolges.  Besonders  gut  war  der  Erfolg  m  einem  Falle 
von  Lungenabszess  mit  septischen  Erscheinungen  bei  dem 
dahin  kontinuierliche  Fieber  auf  tägliche  Injektion  von  0,(L  g  Hg.  ko  11. 
in  den  ersten  Tagen  fast  gesetzmässig  einige  stunden  nach  der  Ein¬ 
spritzung  zur  Norm  absank,  zuerst  um  bald  wieder  anzusteigen  spater 
um  allmählich  zu  verschwinden.  Der  Fall  kam  zur  Heilung.  Ebenso 
glaube  ich  bei  eiterigen  Adnexerkrankungen,  ferner  namentlich  bei  Ge¬ 
lenkrheumatismus  mit  Endocarditis  eine  gewisse  günstige  Wirkung  e  - 
kennen  zu  können.  Ich  glaube  daher,  bei  aller  gerade  auf  diesem  Gebiet 
gebotenen  Skepsis,  dass  sich  Versuche,  hier  das  Hydrargyrum  kol¬ 
loidale  zu  verwenden,  lohnen  könnten. 


Literatur. 

1.  M.Kl.  1919  Nr.  41.  —  2.  M.m.W.  1920  Nr.  15  und  35.  —  3.  D.m.W. 
1920  Nr.  48.  -  4.  M.Kl.  1921  Nr.  40.  -  5.  Ther.  Halbmpnatsh  1921  H.  7. 

6  Vortrag  Bülow:  M.m.W.  1920  Nr.  15.  —  7.  D.m.W.  1921  Nr.  3.  - 
s!  Schades  Lehrbuch  der  physik.  Chemie  in  der  inneren  Medizin. 


Ueber  künstliche  Erzeugung  von  akuter,  allgemeiner 
Anidrosis  bezw.  Oligidrosis  durch  Formaldehyd. 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

Von  Rolf  Griesbach,  Giessen. 


Selbstversuche:  Juli  1921. 

Wiederholte  Formalinpinselung  der  Eüsse.  .  Schreib- 

a\  Verrichtung  der  gewöhnlichen  Arbeiten  (Klinik,  Laboratorium,  o 
tisch)  Ergebnis:  Keine  Temperatursteigerung,  keine  subjektiven  Storungen 
des  Allgemeinbefindens.  Ausgesprochene  Oligidrosis  pedum,  die  4  T  g 
anhält. 

b)Ttor  Stunden8 körperlich  anstrengende  Arbeit  (Sport)  in  Nach- 
mittagssonne.  Ergebnis:  allgemeine  Oligidrosis  /..  Z.  der  Betätigung. 
Anidro  sispedu  m,  Hitze-  und  Druckgefühl  im  Kopf.  Temperatur  38,3. 

8  Stunden  anhaltend,  langsam  abfallend. 

Q  Körpediche'lRuhe.  aber  Belichtung  des  Körpers  mit  H olieji- 

soniie  bis  zur  leichten  Dermatitis;  anschliessend  warmes  Vollbad  (39  O). 

Ergebnis:  wiederum  allgemeine  Oligidrosis,  Temperatur  37,7,  4Ä  Stun¬ 
den  anhaltend. 

Aus  den  vorliegenden  Fällen  glaube  ich  —  allerdings  vorläufig  mit 
allem  Vorbehalt  —  die  Schlüsse  ziehen  zu  dürfen, 

L  dass  vor  allzukonzentrierter  Formalinlösung  zu  therapeutischen 

Zwecken  gewarnt  werden  muss,  „  .. 

'y  dass  Temperatursteigerungen  nach  Applikation  von  Formalm 
nicht"’ auf  eine  toxische  Wirkung  des  HCOH  im  eigentlichen  Sinne 
zurückzuführen,  sondern  dass  sie  als  die  typischen  Ausfallserschei¬ 
nungen  von  Oligidrosis  aufzufassen  sind,  da  sie  scheinbar  nur  auf- 
treten  wenn  der  Organismus  einer  künstlichen  Erwarmung  (Sonne, 
körperliche  Arbeit,  Bad  usw.)  ausgesetzt  wird,  und  er  an  der  selbst¬ 
tätigen,  physikalischen  Wärmeregulation  durch  Schweissabgabe  ver- 

liHd^dass  bei  lokaler  Applikation  von  Formalinlösung  das  HCOH 
'  nur  auf  die  Schweissdrüsensekretion  der  applizierten 
Stellen  sondern  auch  auf  die  des  g  e  s  a  m  t  e  n  Organismus  hemmend 
wirken  muss,  was  sich  einerseits  durch  die  auftretende  allgemeine 
Oligidrosis  und  andererseits  durch  die  damit  verbundene  Hyper- 

thermie  kundtut.  ......  .  ^ 

Ich  möchte  hierbei  noch  bemerken,  dass  Individualität  eine  Kölle 
zu  spielen  scheint,  wie  auch  Patzschke  und  Plaut  bei  ihrem 
beschriebenen  Fall  bezüglich  der  Einwirkung  des  Naphthalins  oder 
eines  anderen  Giftes  eine  prädisponierte  Haut  annehmen.  _  „ 

Immerhin  ist  es  von  Interesse,  festzustellen,  ob  Formalin  ein  Stoff 
ist.  welcher  nicht  nur  durch  oberflächliche  Gerbung  die  Schweissdrusen- 
sekretion  an  den  applizierten  Stellen  reduziert,  sondern  auch  durch 
Svmpathikusbeeinflussung  die  Schweissdrüseninnervation  allgemein  zu 
lähmen  vermag.  Ein  derartiges  Verhalten  ist  um  so  mehr  m  _  Er¬ 
wägung  zu  ziehen,  als  auch  [nach  Adamkiewicz  )]  bei  sensibler 
und  Wärmereizung  der  Haut  reflektorisch,  unabhängig  vom  Kreislauf 
die  Schweissabsonderung  vermehrt  wird,  und  der  Ort  des  Schwitzens 
unabhängig  von  dem  Orte  des  Hautreizes  ist.  ..  , 

Ich  "  behalte  mir  vor,  über  die  Ergebnisse  der  diesbezüglichen 
Untersuchungen  noch  zu  berichten. 


Fälle  von  angeborener,  allgemeiner  und  lokaler  Anidrosis, 
meist  in  Verbindung  mit  anderen  konstitutionellen  Anomalien  des 
Organismus,  wurden  mehrfach  beschrieben  (Q  u  i  1  f  o  r  d,  L  i  n  s  e  r, 
Schmid,  Löwy,  Wechselmann  u.  a.).  Sie  fuhren  zu  den 
typischen  Temperatursteigerungen,  die  infolge  Mangels  an  Wärme¬ 
ausgleich  durch  Schweissabsonderung  das  subjektive  Befinden  stark 
beeinträchtigen  und  die  Leistungsfähigkeit  des  betroffenen  Individuums 
in  hohem  Masse  herabsetzen  können.  ...... 

Ueber  einen  Fall  von  erworbener,  allgemeiner  Anidrosis  durch 
toxische  Einwirkung  — •  allerdings  sekundär  auf  dem  Boden  einer  ein  oh¬ 
mischen  Dermatitis  —  berichteten  nur  W.  Patzschke  und  R.  Plaut 
in  Nr.  35  der  M.m.W.  vom  2.  IX.  21.  . 

Im  Anschluss  an  diesen  Artikel  möchte  ich  2  Falle  und  einen 
Selbstversuch  von  An-  bzw.  Oligidrosis  nach  Applikation  von  Formalin- 
beschreiben,  die  für  kufze  Zeit  die  typischen  Symptome  der  Anidrosis 
zeigten 

Formalin  (35  Proz.  Formaldehyd-lHCOHl-gehalt)  ist  in  verdünnter 
Form  als  Spezifikum  gegen  allgemeine  und  lokale  Hyperidiosis  (speziell 

H.  pedum)  bekannt.  , 

Bei  lokaler  Anwendung  unverdünnter  Formalinlosung 

ergab  sich  folgendes; 

Fall  1.  Gefreiter  A„  Ersatzbataillon.  20jähr..  kräftig  gebauter  Mann, 
litt  von  jeher  an  leichter  allgemeiner  und  starker  Hyperidrosis  pedum.  Am 
18  VII  1917  erstmalige  Applikation  unverdünnter  Formalinlosung  aut 
Füsse  und  Achselhöhlen.  Tags  darauf  fühlte  er  sich  nach  4  ständigem  Marsch 
matt  und  klagte  über  starkes  Benommensein,  das  sich  mit  der  zunehmenden 
Sonnenhitze  erheblich  steigerte.  Die  gesamte  Schweissabsonderung  war 
im  Gegensatz  zu  dem  sonstigen  Verhalten  äusserst  m  i  n  l  m  a  1.  .  chwciss- 

sekretion  an  Füssen  und  unter  den  Achseln  fehlte  völlig.  Nur  mit 
Aufbietung  energischen  Willens  wurde  der  Marsch  durchgehalten.  Fine  stunde 
nach  Rückkehr  in  die  Kaserne  meldete  er  sich  mit  Schwindel-  und  Hitzegefuhl 
krank.  Temperatur  39,8.  Die  Hyperthermie  hielt  trotz  strenger  Bettruhe 

3  Tage  an.  „  . 

Fall  2.  Herr  B.,  Giessen.  22  Jahre;  leidet  an  Hyperidrosis  pedum 
und  hat  schon  des  öfteren  ohne  irgendwelche  Störungen  des  Allgemeinbe¬ 
findens  verdünnte  und  unverdünnte  Formalinlosung  angewandt.  Am 
3  VI  1920  nach  Pinselung  der  Füsse  mit  unverdünnter  Formalinlosung  an¬ 
strengendes  Hockey-Wettspiel  (lK>  Stunden)  in  glühender  Sonnenhitze.  Abends 
Temperatur  38,6.  die  18  Stunden  anhielt.  In  dieser  Zeit  hatte  sich  der 
vorher  eingetretene  Mangel  an  Schwcisssekretion  wieder  behoben. 


nicht 


Die  Grundlage  der  funktionellen  Anpassung  des  Muskels 

im  Sport. 


Von  Dr.  Deppe,  Dresden. 


Die  charakteristische  Eigenschaft  der  Organismen  ist  das  Ver¬ 
mögen,  sich  selbst  zu  erhalten.  In  dieser  Hinsicht  ist  als  zweckmassig 
anzusehen  alles,  was  ihre  Lebensdauer  erhöht  und,  da  die  Lebens- 
äusserungen  sich  der  ■wissenschaftlichen  Untersuchung  als  fcnergie- 
vorgänge  darstellen,  der  Besitz  eines  grossen  Energievorrates,  ent- 
sprechend  der  räumlichen  Ausdehnung  des  Körpers.  Stellt  sich  diese 
der  freien  Natur  infolge  der  „notwendigen  gegenseitigen  Abweichung 
der  Funktionen  des  Organismus“  (Grub  er)  als  eine  ziemlich  smiche 
Grösse  dar,  so  kann  indes  der  Züchter  die  Stammform  um  das  Mehr¬ 
fache  vergrössern.  und  zwar  durch  Veränderung  der  Funktionen  aut 
Grund  der  Lebensweise,  besonders  der.  Nahrung..  Die  Energie¬ 
aufspeicherung,  die  durch  bestimmte  chemische  Verbindungen  ei  folgt, 
steht  also  in  einem  gewissen  Verhältnis  zur  Körpermasse,  resp..  zu. 
Masse  der  Körperteile.  Das  Beispiel  der  Tierzucht  zeigt,  uns  dabei  be¬ 
sonders  zwei  Richtungen:  Zucht  zur  Mast,  z.  B.  Schweine,  und  Zucht 
zur  Arbeitsleistung,  z.  .B.  Pferde,  wenn  auch  immer  daran  festzuhalten 
ist  dass  solcher  Zucht  verhältnismässig  enge  Grenzen  gezogen  sind. 

Auch  das  Ziel  der  Leibesübungen  kann  als  eine  „Zucht  zur  Arbeits¬ 
leistung“  angesehen  werden,  wie  ja  der  Sportler  direkt  von  seinei 
„Form“  spricht,  die  er  sich  durch  Anpassung  der  Funktionen  im 
Organismus  anerarbeitet  hat.  Und  zwar  bezieht  sich  diese  Anpassung 
einmal  auf  Zuwachs  an  Muskelmasse  und  Kraft,  und  zweitens,  was  noc.i 
wichtiger  ist,  auf  die  —  durch  Uebung  —  immer  mehr  zunehmende 
Unermüdlichkeit  der  geübten  Muskeln,  die  wiederum  „die  Hauptursache 
der  gesteigerten  Kraftentwicklung“  ist.  Schon  Kraus  (Vorwort  zur 
„Hygiene  des  Sports“,  herausgegeben  von  Dr.  Weissbein,  Leipzig, 
Grethlein  &  Co.)  weist  darauf  hin,  dass  die  optimale  Energie  nur  dann 
in  Wirksamkeit  tritt,  wenn  die  Leistung  allmählich  gesteigert  wird  . und 
die  Muskelnährstoffe  genügend  zugeführt  werden.  In  diesem  Sinne 
spricht  er  direkt  vom  Training  als  einer  „Nutritionsanspannung  ,  er 
hätte  ebensogut  „Nutritionsanpassung“  sagen  können. 

Wie  nun  die  Erforschung  der  Entwicklungsmechanik  unter  Leitung 
ven  W.  Roux  mit  den  normalen  gestaltenden  Wirkungsweisen  der 
einzelnen  Gewebsarten  und  Organe,  sowie  mit  den  Faktoren  dieses 


»)  Adamkiewicz:  Die  Sekretion  des  Schweisses.  Berlin  1878. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


17 


Wirkens  sich  beschäftigt,  und  u.  a.  zur  Lehre  von  der  funktionellen 
Anpassung  geführt  hat,  so  scheint  mir  die  Grundlage  dieser  letzteren  im 
Prinzip  der  „Lockerung“  zu  liegen,  das,  wie  ich  in  einem  Aufsatze  „Der 
Begriff  der  Lockerung  als  Grundlage  der  Leibesübungen“  (Monatsschrift 
für  lumen,  Spiel  und  Sport,  voraussichtlich  Dezemberheft  1921)  dar¬ 
zulegen  versucht  habe,  als  ein  Grundgesetz  für  die  Methodik  der  Leibes¬ 
übungen  überhaupt  erscheint,  wobei  unter  „Lockerung“  in  negativer 
Beziehung  die  Vermeidung  alles  Krampfhaften  und  das  Freisein  von 
aller  Anspannung  und  allem  Zwang  zu  verstehen  ist,  so  dass  man  in 
positiver  Hinsicht  z.  B.  für  Gliedmassen  sagen  kann:  ein  Glied  ist  als 
locker  zu  betrachten,  wenn  es  entspannt  ist  und  sein  Schwergewicht 
empfunden  wird. 

Wenn  wir  daher  versuchen,  die  Beziehungen  zu  prüfen,  in  der  die 
funktionelle  Anpassung  zur  Lockerung  steht,  so  wollen  wir  dabei  unter 
möglichster  Berücksichtigung  sportlicher  Verhältnisse  zunächst  einmal 
prüfen,  wie  sich  die  Skelettmuskulatur  in  dieser  Hinsicht  verhält. 

Auch  bei  vollster  Entspannung  bleibt  der  lebende  Muskel  in  einem 
gewissen  Spannungszustand,  den  wir  als  Muskeltonus  kennen.  Dieser 
ist.  indes  keine  sich  stets  gleichbleibende  Grösse,  sondern  er  ist  z.  B. 
beim  Dauergeher  weit  geringer,  als  beim  Schnelläufer,  wie  überhaupt 
der  Tonus  der  Dauermuskeln,  wenn  wir  so  die  für  Dauerleistungen 
tätigen  Muskeln  kurz  bezeichnen  wollen,  viel  geringer  ist,  als  der  Tonus 
der  Kraftmuskeln,  d.  h.  der  für-  Kraftleistungen  benötigten  Muskeln. 
Jeder  Turner  kennt  jene  als  weicher,  diese  als  härter.  (Im  Tätigkeits¬ 
bericht  der  Deutschen  Hochschule  für  Leibesübungen  vom  Sommer¬ 
semester  1921  weist  Dr.  Ko  hl  rausch  u.  a.  darauf  hin,  dass  die 
Muskulatur  nach  den. für  das  Sportabzeichen  in  nicht  forciertem  Tempo 
gelaufenen  10  km  auffallend  weich  war  und  erst  in  den  folgenden  Tagen 
erheblich  härter  wurde,  während  beim  100-m-Lauf  die  Härte  sofort 
auftrat.) 

Dass  der  Muskeltonus  gewissermassen  die  „Widerstandsfähigkeit 
des  Muskels  gegenüber  Dehnungen  in  der  Ruhe“  darstellt,  ist,  worauf 
auch  Lange1)  (S.  30)  hinweist,  schon  erkennbar  z.  B.  an  der  Haltung 
der  Glieder  bei  manchen  Berufsarbeitern,  ebenso  bei  gewissen  Sportlern, 
die  auf  eine  bestimmte  'Körperleistung  trainiert  sind.  So  werden  bei 
Arbeitern,  die  fest  zugreifen  müssen,  in  der  Ruhelage  die  Finger  ge- 
krümmt  gehalten,  und  bei  Leuten,  die  mit  Hilfe  des  Bizeps  oft  schwere 
Gewichte  heben,  sieht  man  in  der  Ruhe  das  Ellenbogengelenk  leicht  ge¬ 
beugt.  So  meint  Lange,  den  Tonus  der  Muskulatur  geradezu  am 
besten  an  dem  Widerstande  prüfen  zu  können,  den  die  erschlafften 
Arme  gegenüber  passiven  Bewegungen  leisten. 

Hiervon  wird  auch  das  Verhältnis  des  Muskeltonus  zur  Ermüdung 
und  zur  Uebung  berührt.  Denn  gelingt  es,  die  Ermüdbarkeit  herab¬ 
zusetzen,  so  sinkt  meist  gleichzeitig  der  Dauertonus.  Durch  die  Herab¬ 
setzung  des.  Tonus  wird  ja  gerade  die  Herabsetzung  der  Ermüdbarkeit 
erreicht,  weil  dadurch  die  Glieder  leichter  in  ihre  Ausgangsstellung,  also 
in  .den.  Zustand  der  Lockerung  zurückkehren  können.  Insofern  lässt 
sich  die  Lockerung  auch  definieren  als  der  geringste  Grad  der  An¬ 
spannungsfähigkeit  des  Muskels  oder  auch  als  der  grösste  Grad  seiner 
Abspannungsfähigkeit. 

.  Vergleichen  wir  ferner  einen  Muskel  im  Zustande  der  Zusammen¬ 
ziehung  und  der  Erschlaffung,  so  sehen  wir  den  zusammengezogenen 
Muskel  hart  und  verkürzt,  so  dass  die  in  ihm  laufenden  Gefässe  in  ihrer 
Ausdehnungsmöglichkeit  beschränkt  und  —  zumal  die  Venen  infolge 
ihrer  nicht  starren  Wandung  —  zusammengedrückt  werden.  Daher 
wenn  auch  der.  Wechsel  zwischen  Anspannen  und  Erschlaffen  als  ein 
baugsystem  wirkt  und  so  die  vom  Herzen  aus  durch  Pressen  im  Sinne 
einer  Spritze  erfolgende.  Stromkraft  des  Blutes  fördert  und  erhöht,  so 
1S*  syderseits  eine  wirkliche  Durchblutung  des  Muskels  nur  im 
schlaffen,  mindestens  nicht  angespannten  Zustande  möglich.  Durch  die 
Lockerung,  d.  h.  durch  die  Fähigkeit,  die  Muskeln  so  zu  beherrschen, 
dass  sic  nicht  angespannt  sind,  bis  auf  die,  die  gerade  gebraucht  werden 
wird  daher  vor  allem  erreicht:  1.  Ausschalten  von  Muskeln,  deren  Mit- 
Tätigkeit  zur  Erzielung  der  beabsichtigten  Wirkung  nicht  erforderlich  ist. 
Durch  das  Ausschalten  der  Mitbewegungen  wird  also  der  Muskeltonus 
im  Nachbarmuskel  möglichst  niedrig  gehalten.  2.  Dadurch  Ersparnis 
von  Nahrungsstoffen,  die  in  den  ausgeschalteten  Muskelgruppen  sonst 
zur  Arbeitsleistung  gebraucht  wären,  und  Ersparnis  ihrer  Verarbeitung, 
also  verminderte  Zu-  und  Abfuhr  von  An-  und  Abbaustoffen.  3.  Gleich¬ 
zeitig  Ersparnis  an  Nervenimpuls  zur  Muskeltätigkeit  und  so  Entlastung 
des  Zentralnervensystems. 


.  So  steht  die  Lockerung  in  enger  Beziehung  zum  Muskeltonus,  den 
sie  unmittelbar  beeinflusst.  Nicht  soweit  der  Tonus  unter  der  Ein¬ 
wirkung  der  in  den  Muskel  eintretenden  Sympathikusfasern  steht;  denn 
der  ist  zentraler.  Art.  Wohl  aber,  insofern  der  Muskeltonus  von  dem 
Gesamtquerschnitt  des  Muskels,  also  von  der  Zahl  seiner  Fasern  ab- 
ha"gt-  Ten,!?  drer  grössere  Tonus  kommt  ja  dem  stärkeren  Muskel  zu; 
und  da  die  Kraft  eines  Muskels  von  seiner  Dicke  abhängt,  so  wird  eine 
dauernde  Ionuserhöhung  nur  durch  kräftige  Uebungen  erzielt,  und 
zwar  wenn  der  Muskel  in  der  Zeiteinheit  unter  grösserer  Belastung 
arneuet. .  Je  mehr  es  nun  mit  Hilfe  der  Lockerung  gelingt  jeden 
Muskei  tur  sich  arbeiten  zu  lassen,  also  möglichst  ohne  Beihilfe  des 
Nachbarmuskels,  um  so  ausgiebiger  wird  die  Kräftigung  des  Muskels 
sein,  und  um  so  höher  wird  sein  Tonus  gehoben.  Wirkliche  Kräftigung 
eines  Muskels  geht  daher  Hand  in  Hand  mit  Erhöhung  seines  Tonus 
und  mit  der  Lahigkeit  zur  Lockerung.  Es  spielt  auch  hier  die  Roux- 
sctie  Lehre  von  der  trophischen  Wirkung  der  funktionellen  Reize  hinein, 

.  )  Lange:  Ueber  funktionelle  Anpassung,  ihre  Grenzen,  ihre  Gesetze 

in  ihrer  Bedeutung  für  die  Heilkunde.  Berlin,  1917 
Nr.  1. 


wonach  der  funktionelle  Reiz  eines  jeden  Gewebes  zugleich  sein  Bit¬ 
dungs-  und  Erhaltungsreiz  ist. 

Allerdings  ist  dabei  nicht  zu  übersehen,  dass  der  Einfluss  der 
Arbeit  auf  den  Muskel  hinsichtlich  seiner  Massenzunahme  wechselt 
je  nach  der  Art  der  Arbeit,  dass  nämlich  die  Muskeln  sich  ganz  ver¬ 
schieden  verhalten,  je  nachdem  Kraft-  oder  Dauerarbeit  ihnen  zu¬ 
gemutet  wird,  eine  Tatsache,  die  dem  so  gern  angeführten  Vergleich 
des  Muskels,  mit  einer  Maschine  widerspricht. 

Denn,  wie  Lange  dargetan  hat,  besteht  zwischen  Reiz  und  Reiz¬ 
erfolg  am  lebenden  Körper  keine  so  einfache  Beziehung  wie  an  leb¬ 
losen,  physikalischen  und  chemischen  Systemen,  und  zwar  in  quanti¬ 
tativer  Hinsicht,  insofern  eine  kleine  Energiemenge  als  Reiz  eine 
grössere  Energiemenge  als  Wirkung  entstehen  lässt,'  wie  besonders  in 
qualitativer  Beziehung,  also  hinsichtlich  der  Richtung:  In  der  leblosen 
Natur  erlischt  ein  Reiz,  sobald  die  Wirkung  eingetreten  ist;  dagegen  im 
lebenden  Muskel  z.  B.  geht  infolge  der  Tätigkeit  seine  Spannkraft  nicht 
verloren,  sondern  wird  sogar  erhöht;  und  ebenso  wird  ein  Knochen 
unter  schwerer  Belastung  nicht  kürzer  und  krümmer,  sondern  gerader 
und  länger.  Muskel-  und  Knochengewebe  passen  sich  also  solchen 
Reizwirkungen  an.  Diese  funktionelle  Anpassung  bietet  aber  einen 
Gegensatz  zwischen  dem  Geschehen  der  organischen  und  der  anorga¬ 
nischen  Welt. 

Was  nun  die  (zweckmässige)  Anpassung  an  vermehrte  Tätigkeit 
anlangt,  so  hat  Roux  1879  zwei  Grundgesetze  der  funktionellen  An¬ 
passung  aufgestellt,  ein  physiologisches  und  ein  morphologisches  Grund- 
gesetz.  Nach  jenem  ändert  die  stärkere  Funktion  den  qualitativen 
Charakter  der  Organe,  indem  sie  ihre  spezifische  Leistungsfähigkeit 
erhöht,  so  dass  durch  stärkere  Tätigkeit  die  Leistungsfähigkeit  erhöht 
wird;  der  mehr  gebrauchte  Arm  nimmt  also  nicht  nur  quantitativ,  der 
Masse  nach  zu,  sondern  auch  qualitativ,  der  Leistung  nach.  Und  nach 
dem  morphologischen  Grundgesetz  wird  durch  grössere  Arbeit  ein 
Organ  nicht  in  jeder  Richtung  vergrössert,  sondern  nur  in  der  Richtung, 
in  der  die  Aibeit  geleistet  wird:  z.  B.  eine  Sehne,  die  nur  der  Länge 
nach  auseinandergezogen  wird,  nimmt  auch  nur  in  der  Länge  zu,  nicht 
auch  in  Breite  und  Dicke. 


Also  nicht  jede  vermehrte  Arbeit  bedingt  eine  Massenzunahme  des 
aibeitenden  Organs,  und  nicht  jede  Zunahme  der  tätigen  Substanz  in¬ 
folge  Mehrarbeit  muss  zweckmässig  sein.  Wenn  z.  B.  ein  Mensch, 
der  bisher  Kraftarbeit  geleistet  hat,  zu  Dauerarbeit  übergeht,  so  kann 
trotz  Zunahme  der  absoluten  Arbeitsgrösse  seine  Muskelmasse  ab- 
nehrnen :  infolge  zweckmässiger  Anpassung  führt  daher  in  diesem  Falle 
■  i»*r  i  Massenabnahme.  Denn  von  den  zwei  Arten,  in  denen 
ein  Muskel  Mehrarbeit  leisten  kann  —  durch  grössere  Kraft  in  der  Zeit¬ 
einheit  oder  durch  länger  andauernde  gleiche  Kraft,  also  durch  längere 
JJau  erarbeit  ist  eine  Zunahme  der  Muskelmasse  nur  im  ersten  Falle 
zu  erwarten,  sei  es  durch  quantitative  Vermehrung  der  Muskelfasern 
im  allgemeinen,  sei  es  durch  qualitative  Verdickung  der  einzelnen  Faser. 
Irn  zweiten  Falle  hat  der  Muskel  ja  nicht  mehr  Kraft  nötig,  er  muss  nur 
längere  Zeit  a  s  vorher  arbeiten,  und  bedarf  dazu  für  diese  Zeit  nur 
imd  erhöhte  Abfuhr  der  Ermüdungsstoffe.  Die 
Wichtigkeit,  solcher  Erkenntnisse  für  die  Lehre  von  der  Uebung  als  der 
zweckmässigen  Vorbereitung  zu  einer  Höchstleistung  ergibt  "sich  von 
selbst. 


Da  nun,  wie  wir  oben  dargetan  haben,  durch  das  Prinzip  der 
„Lockerung  durch  Ausschalten  unnötiger  Muskeltätigkeit  und  dadurch 
bedingte  Ersparnis  an  Nahrungsstoffen  und  Nervenimpuls  die  eigent¬ 
liche  Oekonomie  der  Muskelarbeit  erst  gewährleistet  ist,  so  können 
wir  zusammenfassend  sagen,  dass  die  „Lockerung“  als  die  Grundlage 
der  funktionellen  Anpassung  des  Muskels  im  Sport  erscheint. 


Zur  Behandlung  der  Oxyuriasis. 

Von  Prof.  Felix  Franke,  Braunschweig. 

Von  demselben  Gedanken  ausgehend  wie  Nordhof  (s.  Nr.  49 
dieser  .Wochenschrift)  habe  ich,  nachdem  ich  gegen  die  Oxyuren  die 
verschiedenen  reichlich  angepriesenen  Mittel  versucht  hatte,  schon  seit 
etwa  5  Jahren  auf  alle  innerlich  zu  reichenden  Mittel  verzichtet,  ausser 
den  Gelon.  Aluminii  subacet,  die  ich  in  einzelnen  Fällen  verordne, 
namentlich  dann,  wenn  ich  glaube,  dass  meine  Belehrung  über  die 
Krankheit  und  ihre  natürliche  Behandlung  eines  kleinen  Adjuvans  be¬ 
darf.  Ich  verfahre  etwas  strenger  als  Nordhof.  Bei  der  Belehrung 
der  Kranken  bwz.  ihrer  Angehörigen  versäume  ich  nicht  zu  erwähnen, 
dass  innere  Mittel  oft  deshalb  nicht  helfen,  weil  die  Würmer  gar  nicht 
selten  im  Wurmfortsatz  sich  aufhalten,  wie  ich  selbst  bei  einer  ganzen 
Anzahl  von  Wurmfortsatzexstirpationengesehen  habe  (einmal  fanden  wir 
96,  ein  anderes  Mal  143  der  Tierchen  in  ihm)  und  daher  von  dem  Mittel 
gar  nicht  getroffen  werden. 

Für  die  Behandlung  fordere  ich  ausser  sorgfältiger  Reinigung  des 
Körpers  auch  eine  solche  des  Bettes,  da  die  als  unsichtbarer  feinster 
staub  in  es  geratenden  Eier  des  Wurmes  nicht  nur  in  das  Bettuch, 
sondern  wohl  auch  nicht  selten  auf  das  Inlet  der  Matratze  oder  des 
Unterbettes  sich  verteilen.  Also  nicht  nur  Wechsel  der  Bettwäsche, 
sondern  auch  sorgfältiges  Reinigen  der  von  ihr  bedeckten  Betteile 
durch  Bürsten  und  Klopfen  womöglich  im  Freien!  Ausklopfen  auch  der 
Kleidung,  namentlich  von  innen!  Sodann  empfehle  ich  Aufträgen  der 
grauen  Salbe  in  die  Afterfalte  2 — 3  mal  am  Tage,  nach  dem  Stuhlgange 
erst,  nach  vorhergehender  sorgfältiger  Reinigung  der  Aftergegend. 
Weiter  lasse  ich  eine  Hemdhose  Tag  und  Nacht  tragen,  die  man  sich  ja 
tur  Kinder  leicht  durch  Annähen  des  Höschens  an  das  Leibchen  her- 

6 


18 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT^ 


Nr.  1. 


stellen  kann;  Erwachsene  tragen  auch  nachts  die  Unterhose  und 
zwar  unter  dem  Hemde.  Dadurch  wird  eine  Reinfektion  wahrend  des 
Schlafes  sicherer  vermieden  als  durch  die  Badehose.  Die  Fingernagel 
lasse  ich  nicht  nur  gründlich  ausbürsten,  sondern  auch  ganz  kurz  halten, 
Diese  Massnahmen  werden  einen  Monat  lang  streng  durchgefuhrt,  wei 
ch  ?mmer  befüTchtet  habe,  dass  bei  kürzerer  Anwendung  doch  emma 
Reinfektion  eintreten  könnte.  Soweit  ich  habe  feststellen  können,  hat 
diese  Kur  nie  versagt. _ 

Aus  der  Praxis  des  Herrn  Dr.  med.  Ochseniusin  Chemnitz. 

Lymphatische  Leukämie  unter  dem  Bilde  symmetrischer 

Parotisschwellung. 


Von  Dr.  Hans  Langsch. 

Die  gekürzte  Krankengeschichte  zuvor: 

Uneheliches  Adoptivkind  F.  K.,  geboren  6.  V.  1920.  ohrsDeichel- 

Am  2  VII  1921  sei  beiderseits  eine  starke  Schwellung  der  unrspeicnei 

7esfies"il.  worden,  die  als.Munrps  andesehen  wurde  »n ™,e,  e 
snrechender  Behandlung  nicht  zuruckging.  Seit  dem  10.  Ml.  wuraen  /.dui 
fleischblutungen  blutunterlaufene  Flecke  an  Kopf  und  Gliedmassen  beme  • 

Das  Kind  würde  immer  blasser,  matter,  sei  appetitlos  erbräche,  hatte  ge- 
■'esteigerte  Temperatur,  der  Urin  sei  trüb,  der  Stuhl  pechschwarz. 

Befund  am  18.  VII.:  Gelbblasses,  kräftig  gebautes  Kind  Erhebliche 
derbeB  scharfumgrenzte  Schwellung  beider  Parotiden,  die  Haut  darüber  nicht 
entzündlich  gerötet,  beide  Ohrläppchen  nach  aufwärts  und  nach  der  -eite 
verdrängt.  Zahnfleisch  blutig-nekrotisch.  Hals-  und  sonstige  Eymphdrus 
kaum  vergrössert.  Systolisches  Geräusch  an  der  Herzspitze.  Unterer  Rand 
der  derben  Milz  in  Nabelhöhe,  Leberrand  3  Querfinger  unter  dem  Rippe 

bogen.  Hautblutungen  an  Kopf  und  Extremitäten  •  RilltkörDer- 

Blut:  WaR.  negativ.  Starke  Leukozytose.  105  000  weisse  BiutKorper 
chen  1  85  Milt,  rote  Blutkörperchen.  Geringe  Anisozytose.  20  Proz.  Hg  ■ 

I  vmnhozvten  92  Proz  ,  darunter  Riederformen;  Polynukleare:  a)  neutrophile 
1  Prof  b  eosinophile  0,5  Proz.;  Monozyten  6  Proz.,  Myelozyten  0,5  Proz. 

Diagnose-  Lymphatische  Leukämie.  Ueberweisung  ins  Kuchwald 
krankenhaus  (Leiter:  Prof.  Dr.  C  1  e  m  e  n  s).  Dort  UI?.terT  r®ml^ie2rw n y,? 
Fipiipr  his  59  8  schlechter  Nahrungsaufnahme,  Krafteverfall,  Tod  am  26.  vll. 

F“  DeS  slkuÄSt,  von  Herrn  Prof.  Nauwerck  gütigst  überlassen, 

Sd  0?erm  Parotisschwellung  beiderseits.  filz  vergpss^rt  .^12  :  b.^2,5, 

vergrösser^'Lebe^’g^bbräunlRh.'1  di^erLäpSpchenzeichnung  öfters  auffallend 
deutlich.  Knochenmark  dunkelrot  bis  schwarzrot,  hämorrhagisch.  M.kro- 
^k-nnisrh-  T  eukämische  (lymphozytäre)  Infiltration  in  Milz,  Niere,  Leoer. 

Das  Bemerkenswerte  dieses  Falles  akuter  lymphatischer  Leukämie  sc  iein 
mir  in  spinen  Anfangssymptomen,  der  symmetrischen  Schwellung  beider  Paro¬ 
len zu  Sem  Selbsf  noch  am’  18.  VII.  imponierte  er  zunächst  durchaus  als 
Mumps,  zumal  grössere  Lymphdrüsenschweltungen  fehlten 
auch  in  schweren  Fällen  von  Parotitis  epidemica  sehr  häufig .  Scfwelhm*en 
der  Mil/  vor  (Pf  aun  die  r-Schlo  s  smann  1910).  Stutzig  tnacnie 
allerdings  die  derbe  Konsistenz  und  scharfe  Abgrenzung  der  Parotis- 
schwellungen.  ,  .  • 

Nach  Feer  (Diagnostik  der  Kinderkrankheiten  1921)  kann  bei 
lymphatischer  Leukämie  ausnahmsweise  auch  das  Bilu  der  Miku 
licz sehen  Krankheit  auftreten.  v.  P f  a  u  n d  1  e  r,  bef“JjteA  JjS lheir 
Lehrbuch  der  Kinderheilkunde  1920)  von  der  Seltenheit  fukamisch 
Infiltrate  in  Speichel-  und  Tränendrüsen.  Ro  em in  gh  liefert  dazu 
einen  kasuistischen  Beitrag  (Referat  in:  Jb.  f.  Kindhlk.  1921,  95). 
Kleinschmidt  (B.kl.W.  1917)  sah  selbst  an  lymphatischer  Leukämie 
erkrankte0  Kinder  mit  der  Diagnose  Mumps  Er  stellt  ate >  Typus i  der 
akuten  lymphatischen  Leukämie  im  Kindesalter  u.  a  den  auf.  der _untei 
dem  Miku  licz  sehen  Symptomenkomplex  auftritt.  Die  Hyperplasie 
der  Tränen-  und  Speicheldrüsen  „erhält  dadurch  besondere  Bedeutung, 
dass  sie  schon  frühzeitig,  ja  als  1.  Symptom  sich  einzustellen  Pheg  • 
Es  beruht  diese  Schwellung  der  Parotiden  auf  einer  Wucherung  des  in 
ihnen  enthaltenen  lymphatischen  Gewebes,  gleichzusetzen  den  grossen 
symmetrischen  Organinfiltrationen  in  Niere  und  Hoden.  mcf 

Hingewiesen  sei  noch  auf  die  Mitteilung  R.  Wagners  (Rel. 
Zbl.  f.  d.  ges.  Kindhlk.  9)  über  einen  Fall  von  symmetrischer  Parotis¬ 
schwellung.  Milz-  und  Leberschwellung  und  Chloranämie.  in  d(*  J^e 
Wucherung  des  lymphadenoiden  Gewebes  der  Parotis  im  Zusammen¬ 
hang  mit  einem  Status  lymphaticus  angenommen  wird.  • 

Es  erschien  nicht  überflüssig,  diesen  Fall  von  akuter  lymphatischer 
Leukämie  seiner  Beziehungen  zur  Differentialdiagnose  der  Parotis- 
schwellungen  wegen  zu  erwähnen. 

Bemerkungen  zur  Frage  der  Rachitis 

(Kritik  der  Arbeit  Müllers  in  Nr.  44,  1921  ds.  Wchschr.) 
von  Privatdozent  Dr.  Fr.  Schede,  München. 

Die  Veröffentlichung  Müllers  in  der  Nr.  44  dieser  Zeitschrift 
hat  wohl  bei  vielen  Kopfschütteln  und  Widerspruch  erregt,  nicht  so 
sehr  durch  die  Kühnheit  der  darin  enthaltenen  Behauptungen,  als  viel¬ 
mehr  durch  den  gänzlichen  Mangel  an  wissenschaftlichen  Grundlagen. 
Behauptung  wird  an  Behauptung  gereiht,  ohne  dass  man  auch  nur  den 
Versuch  einer  Beweisführung  entdeckt.  Nach  dieser  Feststellung  konnte 
man  die  Sache  eigentlich  auf  sich  beruhen  lassen  mit  dem  Ausdruck 
des  Bedauerns,  dass  die  Dinge  leider  nicht  so  einfach  sind.  Aber  das 
Problem,  um  das  es  sich  handelt,  die  Rachitis,  ist  gerade  zur  Zeit  so 
sehr  im  Fliessen  und  in  der  Neubildung  begriffen,  dass  jedes  Abweichen 
von  wissenschaftlicher  Grundlage  die  Fragestellung  umnebeln  und  die 


Diskussion  ins  Uferlose  führen  muss.  Nur  aus  diesem  Grunde  fühle 
ich  mich  veranlasst,  mich  mit  der  Müll  er  sehen  Arbeit  kritisch 
bcschüitis^^i 

Müller  hat  ein  unbestreitbares  Verdienst  um  die  Erkenntnis  der 
Muskelhärten  verschiedenen  Ursprungs  und  um  die  Ausbildung  ihre 
Behandlung  durch  Massage.  Aber  schon  in  seiner  Massagelehre  ver¬ 
lässt  er  den  festen  Boden  des  Erwiesenen  und  begibt  sich  auf  den  We., 
der  ihn  nun  (meiner  Auffassung  nach)  in  die  Irre  geführt  hat. 

Schon  hier  begegnen  wir  dem  Begriff  des  Hy  pertonus  unu 
der  hypertonischen  Muskelerkrankung,  die  nunmehr  auch  der  wesent¬ 
liche  Faktor  im  Bilde  der  Rachitis  sein  soll.  . 

Müller  nimmt  ohne  weiteres  an,  dass  einer  Muskelharte  em 
Hypertonus  zugrunde  liegt.  Das  ist  aber  nun  ganz  und  gar  nicht  er¬ 
wiesen.  Die  Palpation  einer  resistenten  Muskelpartie ;  sagt  uns  noch 
nichts  über  ihren  Tonus.  Es  ist  möglich,  dass  ein  Hypertonus  vor¬ 
liegt.  ebensogut  aber  ist  das  Gegenteil  möglich.  Zum  mindesten  hatte 
sich  Müller  in  seiner  letzten  Arbeit  mit  den  Ansichten  Sch  ad  es 
und  Langes  über  die  Natur  der  Muskelhärten  (seiende  Ge™nung 
Stauung  von  Ermüdungsstoffen:  diese  Zeitschrift,  1921,  Nr.  4  und  U 
auseinandersetzen  müssen.  Tonus  ist  der  Erregungszustand 
ruhenden  Muskels;  ein  Hypertonus  also  eine  Erhöhung  des  E  - 
regungszustandes.  Ob  die  vermehrte  Resistenz  einzelner  Muskelpartien 
wie  wir  sie  bei  rheumatischen  Erkrankungen,  bei  Arthritiden,  bei 
Rachitis  etc.  finden,  durch  eine  Erhöhung  des  Erregungszustandes  be¬ 
dingt  ist,  wissen  wir  nicht.  Solange  das  aber  nicht  erwiesen  ist,  bleib 
das  ganze  Ideengebäude  Müllers  in  die  Luft  gebaut.  Abgesehen 
von  dieser  Frage  muss  ich  im  Folgenden  auf  Einzelheiten  emgehen,  da 
Müller  eine  Reihe  von  verbreiteten  und  praktisch  bedeutungs¬ 
vollen  Symptomen  willkürlich  und  nach  meiner.  Meinung  falsch  deutet. 

Ich  greife  nur  einige  besonders  auffallende  Beispiele  heraus. 

Müller  findet  beim  Rachitiker  Härte,  Spannung  und  Druck¬ 
empfindlichkeit  in  einem  grossen  Teil  der  Muskulatur  und  unterscheidet 
dabei  zwischen  gedehnten  und  verkürzten  Muskeln.  Ich  bestreite  zu¬ 
nächst,  dass  die  von  Müller  beschriebenen  Befunde  bei  ledern  Ra¬ 
chitiker  vorhanden  sind.  Die  Rachitis  ist  sehr  vielgestaltig,  sie  befallt 
die  verschiedensten  Organsysteme,  und  jeder,  der  viel  Rachitiker  sieht, 
wird  auch  solche  mit  gesunder  Muskulatur  und  ungestörter  Beweg¬ 
lichkeit  gesehen  haben.  Dass  die  Muskulatur  Otter  rachitisch  ei- 
krankt,  als  allgemein  angenommen  wird,  soll  nicht  bestritten  werden. 
Aber  unerwiesen  und  unwahrscheinlich  ist  es.  dass  die  M  u  s Ke  l  - 
härten  irgendwie  charakteristisch  für  die  rachitische  Muskel- 

eikrDi«U geschilderte  Druckempfindlichkeit  und  Härte  der  Adduktoren 
z.  B.  findet  sich  bei  jeder  Coxa  vara,  bei  jedem  Schenkelhalsoruch, 
bei  jeder  Arthritis  des  Hüftgelenkes,  ebenso  'die  des  Glut.  med.  und 

munmus-Dehnung  einer  Muskelgruppe  und  die  Verkürzung  ihrer  Anta¬ 
gonisten  finden  wir  bei  jeder  dauernden  Haltungsänderung  des 
Rumpfes  und  der  Extremitäten:  Bei  der  Kyphose  des  Rachitikers 
genau  so  wie  bei  der  Alterskyphose  oder  beim,  spondyhtischen  Buckel, 
bei  rachitischen  Beinverbiegungen  genau  so  wie  bei  der  Poliomyelitis. 

Das  Bestreben  Müllers,  alles  auf  seine  Formel  zu  bringen,  ver¬ 
führt  ihn  zu  Beobachtungsfehlern  und  zu  Gewaltsamkeiten.  . 

Er  spricht  z.  B.  von  einer  Schwellung  des  Ext.  digitorum  beim 
Crus  varum.  Diese  vermeintliche  Schwellung  ist  in  Wirklichkeit  nur 
eine  Vorwölbung  des  Muskels  infolge  der  Torsion  des  Unterschenkels, 
die  sofort  verschwindet,  wenn  man  die  Torsion,  beseitigt.  Der  Ext. 
digitorum  ist  übrigens  bei  rachitischen  Beinverbiegungen  niemals  ge¬ 
dehnt,  häufig  aber  verkürzt. 

Eine  Reihe  von  Behauptungen  steht  in  Widerspruch  mit  allen  be¬ 
kannten  Tatsachen  der  Muskel-  und  Gelenkmechanik  und  muss  jedem 
unverständlich  sein,  der  sich  jemals  damit  befasst  hat. 

Wie  soll  die  „Schmalheit  der  Schultern“  beim  rachitischen  Kmd 
durch  den  Zug  der  Adduktoren  des  Arms  und  des  Schulterblatts  en 
stehen?  Wie  soll  die  willkürlich  angenommene  Verkürzung  des  Uua- 
dratus  lumborum  eine  Kyphose  der  Lendenwirbelsäule  verursachen .  1  ic 
Hühnerbrust  und  der  Trommelbauch  sollen  nach  Müller  durch  eine 
Verkürzung  der  seitlichen  Bauchmuskulatur  entstehen.  Welche 
Anhaltspunkte  hat  Müller  dafür,  dass  eine  solche  Verkürzung  wir  .ic. 
besteht?  Nach  Jansens  Untersuchungen  entsteht  die  Hühnerbrust 
durch  den  Zug  des  Zwerchfells  am  erweichten  Thorax.  Der  liommel- 
bauch  wird  allgemein  als  die  Resultante  der  Darmerkrankung  und  der 
Atrophie  der  gesamten  Bauchmuskulatur  angesehen.  Ich  kann  mich 
nicht  erinnern,  ein  rachitisches  Kind  gesehen  zu  haben,,  dessen  1  rom¬ 
melbauch  sich  nur  nach  vorn  wölbte,  seitlich  dagegen  eingezogen  war. 
Wie  will  Müller  diese  allgemein  anerkannten  Anschauungen  wider- 
leeen? 

Der  Zug  der  Adduktoren  des  Oberschenkels  soll  das  Genu  varum 
verursachen.  Wie  kann  er  das,  da  er  doch  am  Condylus  femoris 

•  P  1  Q  . 

al'"! Solche  Beispiele  Hessen  sich  noch  in  dreifacher  Zahl  aus  M  ü  1  l.e  r  s 
Arbeit  beibringen.  Die  angeführten  werden  genügen,  um  zu  zeigen, 
wie  Müller  mit  den  bisherigen  Forschungsergebnissen  umspringt, 
ohne  sich  die  Mühe  zu  nehmen,  seine  Behauptungen  zu  beweisen  -- 
nur  in  dem  Bestreben,  das  ganze,  vielgestaltige  Bild  der  Rachitis  m 

seine  einfache  Formel  zu  zwängen.  .«  n  _  _ 

In  noch  stärkerem  Masse  lassen  die  folgenden  Teile  der  M  u  l  l  e  r  - 
schen  Arbeit,  in  denen  er  sich  mit  der  Rolle  der  Schilddrüse  befasst, 
alle  und  jede  Kritik  vermissen.  Denn  hier  wird  nun  die  —  ebenfalls 
willkürlich  angenommene  Kontraktur  der  Vorderhalsmuskeln  plötzlich 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


19 


6.  Januar  1922. 


■nicht  als  „primärer  Hypertonus“  angesprochen,  sondern  als  ein  reflek¬ 
torischer  Vorgang,  der  die  druckempfindliche  Schilddrüse  entlasten 
soll.  Nachgewiesen  müsste  erst  werden,  dass  die  Schilddrüse  beim  Ra- 
chitiker  wirklich  druckempfindlich  ist,  und  warum.  Die  einfache  Pal¬ 
pation  ist  hier  sehr  unzuverlässig.  Nachgewiesen  müsste  ebenfalls 
erst  werden,  dass  die  Schilddrüse  durch  Kontraktion  der  Vorderhals¬ 
muskeln  wirklich  entlastet  wird,  was  kaum  gelingen  wird,  da  ja 
Müller  selbst  sagt,  dass  die  Tätigkeit  dieser  Muskeln  die  Schild¬ 
drüse  auspressen  soll.  Immerhin  wäre  es  möglich,  dass  es  sich  so 
verhielte.  •  Die  Folgerungen  aber,  die  Müller  nun  an  diese  Hypothese 
knüpft,  dass  nämlich  dadurch  eine  Hypofunktion  der  Schilddrüse  und 
der  Epithelkörperchen' entstehe  und  dass  diese  die  eigentliche  Ursache 
der  rachitischen  Allgemeinsymptome  darstellen  soll,  diese  Folgerungen 
sind  denn  doch  als  phantastisch  zu  bezeichnen.  Es  trifft  sich  gut, 
dass  kurz  nach  Müllers  Arbeit  in  dieser  Zeitschrift  die  Untersuchun¬ 
gen  aus  der  S  t  ö  1  tz  n  e  r  sehen  Klinik  erschienen;  vielleicht  entnimmt 
M_ü  1 1  e  r  aus  diesen  Untersuchungen,  dass  auf  die  Frage  der  Be¬ 
teiligung  der  Schilddrüse  und  der  Epithelkörperchen  bei  der  Rachitis 
schon  sehr  viel  sorgfältige  Arbeit  verwandt  worden  ist,  dass  bisher 
eine  .Unterfunktion  dieser  Drüsen  nicht  festgestellt  werden  konnte, 
dass  im  Gegenteil  eine  Unterfunktion  des  Nebennierenmarks  viel  wahr¬ 
scheinlicher  ist  und  dass  überhaupt  die  innersekretorischen  Vorgänge 
nicht  so  einfach  sind,  wie  Mülle  r  sie  darstellt.  Worauf  stützt  nun 
Müller  seine  Behauptung? 

Eine  Aehnlichkeit  zwischen  Myxödem  und  Rachitis  wird  wohl 
ausser  Müller  noch  niemand  gefunden  haben. 

Nun  noch  einige  Worte  über  den  Zusammenhang  der  Rachitis  mit 
dem  Rheumatismus.  Es  liegen  tatsächlich  Anhaltspunkte  dafür  vor, 
dass  gewisse  Zustände  des  erwachsenen  Körpers;  Schlaffheit  der  Mus¬ 
keln  und  Bänder,  Bereitschaft  für  rheumatische  Erkrankungen  des  Be¬ 
wegungsapparates,  Neigung  zu  venösen  Stauungen,  neurasthenische 
Symptome  einen  Komplex  bilden,  der  der  Rachitis  wesensverwandt  ist. 

Ich  selbst  habe  auf  diese  möglichen  Zusammenhänge  auf  dem 
Orthopädenkongress  d.  J.  i(dem  auch  Müller  beiwohnte)  hin¬ 
gewiesen,  habe'aber  ausdrücklich  betont,  dass  ich  damit  nur  eine  Ar¬ 
beitshypothese  aufstellen  wollte.  Der  Nachweis  wird,  wenn  er  über¬ 
haupt  gelingt,  noch  viel  Arbeit  erfordern.  Müller  ist  weniger  be¬ 
denklich. 

Ich. fasse  zusammen:  Die  Müll  ersehen  Behauptungen  beruhen 
teils  auf  unerwiesenen  Annahmen,  wie  das  Bestehen  eines  Hypertonus 
bei  der  Rachitis,  das  Fortbestehen  eines  Hypertonus  beim  erwachsenen 
Rheumatiker  und  Neurastheniker,  die  Druckempfindlichkeit  der  Schild¬ 
drüse.  Zum  andern  Teil  stehen  sie  in  direktem  Gegensatz  zu  anerkann¬ 
ten  Tatsachen  der  Körpermechanik  und  der  Lehre  von  der  inneren 
Sekretion,  und  gehen  ins  Phantastische,  ohne  den  Beweis  auch  nur  zu 
versuchen. 

Ich  kann  nicht  finden,  dass  die  Entstehungsweise  der  Rachitis  nach 
der  Lektüre  der  MüliersUm  Arbeit  „vollkommen  durchsichtig“  ist. 
Ich  glaube  vielmehr,  dass  Müller  den  ganzen  Fragenkomplex  in 
hohem  Masse  verwirrt  hat. 

Probleme,  die  wie  die  Rachitis  die  wissenschaftliche  Welt  auf  das 
lebhafteste  beschäftigen,  sind  stets  gewissermassen  von  einer  Atmos¬ 
phäre  von  Ahnungen  umgeben,  die  von  vielen  gleichzeitig  gefühlt  wer¬ 
den.  Wer  Selbstkritik  hat  und  nicht  verblendet  ist,  der  lässt  sich 
durch  solche  Ahnungen  wohl  auf  neue  Wege  führen,  aber  er  bemüht 
sich  zunächst,  durch  exakte  Forschung  feste  Grundlagen  zu  schaffen, 
ehe  er  mit  Behauptungen  an  die  Oeffentlichkeit  tritt.  Wer  sich  weniger 
beschwert  fühlt  und  Ahnungen  als  Tatsachen  verkündet,  der  riskiert, 
dfiss  er  über  kurz  oder  lang  widerlegt  wird.  Er  kann  aber  auch,  wenn 
die  exakte  Forschung  tatsächlich  seine  Ahnungen  bestätigt,  den  Ruhm 
ernten,  seinen  schwerfälligeren  Mitarbeitern  vorausgeeilt  zu  sein.  Und 
diese  Lockung  verführt  immer  wieder  Einzelne.  So  war  es  mit  man¬ 
chen  homöopathischen  Ideen,  mit  manchen  sogenannten  Naturheilmetho¬ 
den,  so  ist  es  auch  mit  den  Müller  sehen  Behauptungen.  Das  ist 
aber  keine  Arbeit,  sondern  Spiel.  Und  zwar  ein  Spiel,  das 
der  exakten  Forschung  die  Arbeit  ausserordentlich  erschwert  und  dem 
Praktiker  den  Blick  trübt. 


Zum  Andenken  an  die  erste  Totalexstirpation  des 
karzinomatösen  Uterus. 

(Ausgeführt  Von  Dr.  Joh.  Nep.  Sauter  in  Konstanz.) 

Der  28.  Januar  1922  ist  für  die  Gynäkologie  ein  Gedenktag  ersten 
Ranges,  weil  vor  100  Jahren  die  erste  gänzliche  Exstirpa¬ 
tion  der  karzinomatösen  Gebärmutter  ausgeführt 
wurde  mit  dem  Erfolg,  dass  die  Kranke  von  der  Operation  genas 
und  danach  noch  4  Monate  lebte  und  nicht  an  einem  Rezidiv,  sondern 
an  einer  interkurrenten  Krankheit  starb.' 

Diese  Operation  ist  heute  alltäglich  geworden.  Die  erste  war 
jedoch  eine  bahnbrechende  Tat  von  kühnstem  Mut.  doch  von  dem 
Arzt,  der  sie  zuerst  vollzog,  kein  Gelegenheitsstreich,  sondern  erst 
nach  jahrelangem  Ueberlegen  und  Studieren  aller  vorausgegangeuen 
Versuche  unternommen  worden. 

Die  Exstirpatio  uteri  totalis  ist  immer,  auch  heute  noch,  eine  sehr 
schwere  und  verantwortungsvolle  Aufgabe;  die  Gefahr  und  die  Mühe 
wird  jedoch  durch  die  Krebskrankheit  riesig  erhöht  und  oft  undurch¬ 
führbar  gemacht;  sie  war  vor  Sauter  schon  versehentlich,  aber  auch 
beim  vor  gefallenen  karzinomatösen  Uterus  absichtlich  von 


Langenbeck  ausgeführt  und  zwar  unter  Ausschälung  aus  dem  Peri¬ 
toneum;  bei  Sauter  jedoch  wurde  der  Uterus  in  situ  exstirpiert  und 
mit  ihm  ein  Karzinom,  das  durch  starke  Blutungen  und  Schmerzen 
die  Kranke  erschöpft,  nachweislich  schon  über  ein  halbes  Jahr  bestanden 
hatte  und,  wie  die  Abbildungen  beweisen,  zu  einem  grossen  Blumen¬ 
kohlgewächs  ausgewachsen  war.  so  dass  man  den  Mut  und  die  Tat 
Sauters  um  so  mehr  bewundern  muss.  Im  Grunde  genommen  hatte 
der  Krebs  in  diesem  Falle  schon  zu  lange  bestanden  und  klagte  auch 
schon  damals  Sauter  in  seinem  Büchlein  *)  über  die  „r  j  z  e  p  t  ver¬ 
schreibenden  und  nicht  untersuchenden“  Aerzte.  weil 
sie  deswegen  die  Kranken  zu  spät  zur  Operation  schicken. 

Das  kleine  Büchlein,  das  der  kühne  Pfadfinder  der  Heilkunst 
hinterlassen  hat,  legt  nicht  nur  Zeugnis  ab  für  die  Leistung  als  Opera¬ 
teur.  sondern  auch  für  den  seelenvollen  Gemütsmenschen,  der  seit  dem 
Jahre  1817,  wo  er  eine  Frau  mit  Uteruskärzinom  elend  leiden  und 
sterben  sah,  die  Literatur  studierte  und  sich  einen  Plan  zurecht  machte, 
wie  man  eine  solche  Gebärmutter  vorkommendenfalls  exstirpieren 
könnte.  Doch  als  der  Fall  4  Jahre  später  kam,  bedrückten  ihn  die 
Bedenken  so  sehr,  dass  er  von  sich  aus  nicht  den  Mut  fand,  die  Opera¬ 
tion  vorzuschlagen  und  erst  sich  aufraffte,  als  die  Frau,  von  heftigen 
Schmerzen  gequält,  ihn  fragte  —  wie  die  unglücklichen  Kranken  in 
dieser  _  Lage  regelmässig  fragen  — :  „Gibt  es  denn  kein  Mittel  mehr, 
um  mir  zu  helfen?“  Und  als  er  dies  der  Frau  bejaht  hatte  und  sie 
soiort  Zugriff  und  ihn  beim  Wort  nahm,  bangte  er  noch  tagelang  vor 
dem  Beginn  und  kämpfte  in  sich,  ob  er  es  wagen  oder  ablehnen  sollte. 
Nur  der  Gedanke,  die  Kranke  in  eine  trostlose  Verfassung  zu  versetzen 
und  sich  selbst  zu  beschämen,  trieb  ihn,  den  geäusserten  Vorschlag  auch 
durchzuführen. 

Man  sieht  aus  diesen  Angaben,  wie  reiflich  der  Mann  seine  Tat 
troti  seiner  langen  34  jährigen  Erfahrung  und  Uebung  überlegte.  Wir 
wollen  auf  die  Einzelheiten  nicht  eingehen,  nur  so  viel  bemerken,  dass 
er  die  Ausschälung  subperitoneal  versuchte  und  mit  dem  Skalpellstiel 
nach  vorne  schabte,  aber  nicht  durchkam,  dann  das  Peritoneum  spaltete, 
den  Uterus  vorn  herauswälzte,  aber  keine  einzige  Unterbindung  machte, 
sondern  zum  Schluss  nur  aluminierte  Scharpie  in  die  Scheide  füllte 
wie  seine  Vorbilder  Osi  ander  und  Langenbeck  auch  getan 
hatten.  Durch  das  Schaben  nach  vorn  scheint  die  Blase  verletzt 
worden  zu  sein,  denn  die  Frau  hatte  Incontinentia  urinae  und  bei  der 
Sektion  einen  Defekt  der  hinteren  Blasenwand. 

Wer  in  den  Wissenschaften  etwas  tatsächlich  Neues  hervorbringt, 
streut  Samenkörner  aus,  die  manchmal  auf  dürren,  unfruchtbaren  Boden 
fallen  und  untergehen,  manchmal  aber  fruchtbares  Erdreich  finden 
und  zu  einem  segenspendenden  Baum  der  Erkenntnis  auswachsen. 
Für  die  Aussaat  Sauters  waren  damals  die  Verhältnisse  zu  ungünstig. 
Die  Operation  wurde  zwar  einigemal  im  gleichen  Jahrzehnt  wiederholt 
und  dann  immer  im  Laufe  des  19  Jahrhunderts  vereinzelt  gewagt,  aber 
fast  immer  mit  schlechtem  Ausgang.  Die  Zeit  war  nicht  reif  und  musste 
erst  die  Antisepsis  erfunden  werden,  ehe  diese  schwere  Operation 
erfolgversprechend  werden  konnte.  Aber  was  gut  ist,  findet  doch 
immer  wieder  seine  Anerkennung.  Das  von  Sauter  ausgestreute 
Samenkorn  war  in  50  Jahren  nicht  verdorrt  und  wurde  von  He  gar 
(1874)  ausgegraben  und  darauf  fussend  ein  Programm  einer  brauch¬ 
baren  Totalexstirpation  theoretisch  begründet.  Als  dann  W.  A.  Freu  n^ 
(1878)  seine  abdominale  Methode  geschaffen,  diese  aber  wieder  anfangs 
beti  übend  schlechte  Erfolge  aufwies,  so  dass  man  nahe  daran  war, 
sie  zu  verlassen,  griffen  Czerny,  Karl  Schröder  und  Bill- 
roth  (1879)  fast  gleichzeitig  auf  die  Sauter  sehe  Operation  zurück, 
die  nun  überraschende  Erfolge  zur  Heilung  des  Gebärmutterkrebses 
zeitigte  und  den  Anfang  einer  neuen  Aera  bildete. 

_ _  Zweifel-  Leipzig. 

Einige  entbehrliche  Fremdwörter  im  ärztlichen  Sprach¬ 
gebrauch. 

Der  „Patient“ 

Wie  der  Petent,  der  Deliquent,  der  Inkulpat  der  Juristen,  so  sollte 
auch  der  „Patient“  der  Aerzte  verschwinden.  Aber  viele  scheinen  in 
dieses  Wort  geradezu  verliebt  zu  sein.  Da  liest  man  dicht  hinter¬ 
einander:  „Patient“  war  früher  gesund.  „Patient“  gab  an,  Magen¬ 
schmerzen  zu  haben,  „Patient“  klagt  über  Kopfweh.  Nicht  einmal  der 
Artikel  wird  oft  dem  Armen  zugebilligt!  Warum  in  aller  Weit  nicht: 
der  Kranke  und  die  Kranke? 

AlsoniedermitdemPatienten,  es  lebe  der  Kranke! 

Das  „Individuu m“. 

Auch  das  „Individuum“  könnte  in  rein  ärztlichen  Berichten  allmäh¬ 
lich  zu  Grabe  getragen  werden. 

Wozu:  es  handelt  sich  um  ein  kräftiges  „Individuum“,  oder  um  ein 
lang  aufgeschossenes  „Individuum“,  anstatt  um  einen  kräftigen  Mann 
oder  um  eine  kräftige  Frau,  oder  um  einen  lang  aufgeschossenen  Knaben 
oder  ein  lang  aufgeschossenes  Mädchen? 

Daheim  ist  bekanntlich  der  Mensch  im  wörtlichen  Sinne  gar  nicht 
„unteilbar  .  Es  können  ihm  Arme  und  Beine  abgenommen  werden. 

Ausserdem  hat  die  Bezeichnung  „Individuum“  bekanntlich  nicht 
selten  einen  unangenehmen  Beigeschmack.  Man  spricht  zwar  von 

*)  Die  gänzliche  Exstirpation  der  karzinomatösen  Gebärmutter  ohne  selbst 
entstandenen  oder  künstlich  erzeugten  Vorfall  vorgenommen  und  glücklich 
vollführt  von  Dr.  Joh.  Nep.  Sauter,  Grossherzogi.  Bad.  Medizinalrat  und 
Amtsphysikus  in  Konstanz.  Mit  Abbildungen  in  Steindruck.  Konstanz  1822. 


20 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


herabgekommenen  Individuen,  niemals  aber  von  heraufgekommenen, 
etwa  gar  bei  einem  Minister.  Und  es  ist  schon  vorgekommen,  dass  ein 
einfaches  ungelehrtes  Menschenkind  das  Wort  „Individuum  als  Be¬ 
leidigung  aufgefasst  hat. 

Das  „ätiologische  Momen  t“. 

Ein  prachtvoll  dahinrollendes  Wortgebilde,  etwa  wie  die  ->amyo- 
tronhische  Lateralsklerose“,  die  sich  übrigens  schwerer  ins  Deutsche 
übertragen  liesse,  als  jenes,  obgleich  „Vorderhornseitenstrangschwund 
auch  ganz  gut  ist.  Aber  warum  für  das  „ätiologische  Moment  nicht 
einfach  Ursache,  oder  Vorbedingung,  oder  Veranlassung,  je  nachdem. 
Dazu  kommt,  dass  „Aetiologie  doch  die  Lehre  von  der  Ursache,  nicht 

d'e  Das^ weite  Wort  in  dem  schönen  Wortgebilde,  das  »Moment 
ist  zwar  recht  beliebt,  aber  auch  zum  grössten  Teile  recht  überflüssig. 
Es  kann  durch  „Umstand“.  „Tatsache“  u.  dergl  sehr  gut :  ersetzt  wer¬ 
den  oder  in  seiner  eigentlichen  Bedeutung  durch  „Augenblick. 

Aber  wie  gelehrt  klingt  es,  wenn  „noch  ein  weiteres  Moment 
in  Betracht  kommt,  oder  „ein  weiteres  Moment  hervorgehoben  wer¬ 
den  muss.  Möge  auch  einmal  das  „Moment“  in.  Betracht  gezogen 
werden,  dass  das  „Moment“  kein  deutsches  Wort  ist. 

Der  „Prophylaktike r“. 

Ein  wahrhaft  fürchterliches  Wort!  Es  sollte  doch  eigentlich  nur 
der  mit  dem  Worte  bezeichnet  werden,  der  verhütet,  vorsorgt,  wacht, 
ebenso  wie  der  Taktiker  der  ist,  der  stellt  und  nicht  der,  welcher 
gestellt  wird.  So  wird  aber  der  Schwindsuchtsverdachtige  oder  der 
mit  der  Anlage  zur  Schwindsucht  Behaftete,  oder  gar  der  schon  leicht 
Kranke,  also  der,  welcher  geschützt  werden  soll  als  „ProphylakLker 
bezeichnet  Allerdings  öfters  schamhaft  mit  Gansefusschen. 

Könnte  man  nicht  „die  Gefährdeten“  oder  die  „Veranlagten  zum 
richtigen  Prophylaktiker,  dem  Arzte,  senden,  wobei  ja  frei lieh  auch  der 
Beschützte  zugleich  sein  Beschützer  werden  kann  und  soll. 

Prof.  Friedrich  Schul tze. 


Für  die  Praxis. 

Die  Behandlung  des  Magengeschwürs. 

Von  Friedrich  M  ü  1 1  e  r  -  München. 


Die  Unsicherheit,  welche  sich  in  der  Therapie  des  Magengeschwürs 
geltend  macht,  ist  hauptsächlich  hervorgerufen  durch  die  Unsicherheit 
der  Diagnose.  Doch  lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  die  Diagnose  des 
Magengeschwürs  in  den  letzten  Dezennien  an  Sicherheit  gewonnen 
hat°und  zwar  einmal  durch  den  Nachweis  kleiner  Blutmengen  im  Stuhl 
und  dann  vor  allem  durch  die  Röntgendiagnostik.  Freilich  sind  auch 
diese  beiden  Methoden  nicht  ohne  Fehlerquellen:  derjenige  Arzt,  wel¬ 
cher  bei  jedem  schwach  positiven  Ausfall  einer  Benzidinprobe  genügt 
ist  die  Diagnose  auf  Ulcus  ventriculi  zu  stellen,  wird  oft  genug  eine 
Fehldiagnose  machen,  und  auf  dieser  dann  allerdings  eine  sehr  erfolg¬ 
reiche  Therapie  aufbauen.  Es  handelt  sich  weniger  darum,  die 
proben  immer  mehr  zu  verfeinern,  also  darum  : ihre  Zu  verl  ass  ig 
keit  zu  erhöhen,  und  dazu  ist  erforderlich,  dass  die  Kost  vor  An¬ 
stellung  der  Probe  3  Tage  vollkommen  fleischlos  gewesen  sein .muss 
und  dass  die  Untersuchung  mit  Guajak  oder  Benzidin  im  Aether- 
e  x  t  r  a  k  t  des  mit  Essigsäure  angesäuerten  Stuhls  vorgenommen  wird 
wie  dies  mein  damaliger  Assistent  Hermann  W  e  b  e  r  vorschlug  -  Auch 
darf  nicht  vergessen  werden,  dass  Blut  im  Stuhl  und  im  Erbrochenen 
nicht  bloss  von  einem  Magengeschwür  herruhren  kann.  Es  sind  uns 
mehrere  Male  Fälle  vorgekommen,  wo  wir  wegen  schwerer  Magen- 
blutring  ein  Ulcus  ventriculi  annahmen  und  die  Patientin  sogar  zur 
Operation  brachten,  während  dann  die  Sektion  keine  Spur  eines  ge- 
schwürigen  Prozesses,  aber  das  Vorhandensein  einer  Schrumpfm  i 
nachwies.  Auch  wird  bisweilen  wegen  konstanter  kleiner  Blutmeng 
im  Stuhl  ein  Magengeschwür  angenommen,  während  die  Blutung  tat¬ 
sächlich  aus  dem  Darm  stammt,  z.  B.  aus  einem  tub  e r M'los^  r 

karzinomatösen  Darmgeschwür  oder  aus  Hämorrhoiden.  Die  Röntgen¬ 
untersuchung  kann  dann  den  sicheren  Beweis  für  ein  Uicus  liefern 
wenn  eine  deutlich  ausgesprochene  Nische,  namentlich  an  der  kleinen 
Kurvatur  vorhanden  ist.  Auch  wird  eine  an  derselben  Stelle  der 
grossen  Kurvatur  immer  wieder  sich  zeigende  ringförmige  Einschnürung 
berechtigten  Verdacht  auf  ein  Ulcus  erwecken  Aber  in  sehr  vielen 
Fällen  von  sicherem  Ulcus  ventriculi  fehlen  diese  röntgenologischen 
Anhaltspunkte,  und  gerade  die  Diagnose  des  Ulcus  juxtapy  oncum  ent¬ 
zieht  sich  sehr  häufig  dem  Nachweis  durch  Rontgenstrahlen.  Es  ist 
jetzt  wohl  allgemein  anerkannt,  dass  die  Säureverhältnisse  des  Magens 
keinen  sicheren  Schluss  für  das  Vorhandensein  oder  Fehlen  eines 
Ulcus  ventriculi  gestatten.  Eine  ausgesprochene  Superaziditat  tinöet 
sich  nur  in  ungefähr  40  Proz.  der  Fälle.  Doch  ist  es  freilich  selten, 
dass  in  den  Fällen  von  anhaltender  hoher  Superaziditat  schliesslich  bei 
der  Sektion  oder  der  Operation  kein  Ulcus  gefunden  wird.  _ 

Die  Lokalisation  eines  Spontanschmerzes  oder  eines  zirkumskripten 
Druckschmerzes  im  Epigastrium  und  auch  in  der  Pylorusgegend.  also 
am  rechten  Rand  der  Wirbelsäule,  ist  in  ihrer  diagnostischen  Bedeutung 
von  James  Mackenzie  ernstlich  in  Frage  gezogen  worden,  der 
nachwies,  dass  der  lokale  Druckpunkt  sehr  oft  gar  nicht  im  Bereich 
des  Magens  liegt.  Findet  sich  jedoch  eine  konstante  Druckempfindlich¬ 
keit,  welche  bei  der  Untersuchung  unter  dem  Fluoreszenzschirm  immer 
einer  bestimmten  Stelle  etwa  der  kleinen  Kurvatur  oder  des  Pylorus 


entspricht  so  dürfte  ein  solches  Verhalten  doch  wohl  in  hohem  Grade 
für  das  Vorhandensein  eines  Ulcus  sprechen.  ... 

Kann  somit  die  Diagnose  des  Ulcus  ventriculi  in  einer  sehr  grossen 
Zahl  von  Fällen  mit  einiger  Sicherheit  gestellt  werden,  so  fehlt  es  doch 
anderseits  an  Beweisen  dafür,  ob  und  wann  ein  solches  Ulcus  als 
ausgeheU  t  zu  betrachten  ist.  Die  Tatsache,  dass  die  Magen¬ 
geschwüre  häufig  ausheilen,  ergibt  sich  nicht  bloss  aus  zahlreichen  Ob¬ 
duktionsbefunden,  sondern  ist  neuerdings  auch  von  Harald  O  e  h  n  < :1  * 
dadurch  bewiesen  worden,  dass  eine  früher  vorhandene  Nische  unter 
der  Behandlung  allmählich  verschwunden  ist.  Man  wird  sich  aber  hüten 
müssen,  aus  dem  Aufhören  der  Beschwerden  und  vor  allem  der 
Schmerzen  allein  schon  den  Schluss  auf  die  Ausheilung  des  Magen¬ 
geschwürs  zu  ziehen.  Dieser  Fehlschluss  hatte  früher  zu  der  Annahme 
verleitet,  dass  Patienten  mit  'ausgeheiltem  Magengeschwür  sehr  häufig 
eine  Neigung  zur  Entstehung  neuer  Magengeschwüre  zeigten.  Die 
Obduktion  hat  aber  in  solchen  Fällen  gewöhnlich  nur  ein  einziges  altes 
tiefgreifendes  Geschwür  ergeben,  dessen  Dauer  auf  Jahrzehnte  zuruck- 
datiert  werden  musste.  Da  wir  also  tatsächlich  nur  in  seltenen  Fa  en 
die  wirkliche  definitive  Vernarbung  eines  Magengeschwüres  feststellen 
können,  so  werden  wir  uns  darüber  klar  sein  müssen,  dass  die  1  hera- 
pie  in  der  Hauptsache  das  Ziel  ins  Auge  fasst,  die  vom  Ulcus  erzeugten 
Symptome,  also  die  Schmerzen  wie  auch  die  Blutbeimen¬ 
gungen  im  Stuhl  auf  längere  Zeit  zum  Verschwinden  zu  bringen. 

Zur  Behandlung  des  Magengeschwürs  stehen  uns  abgesehen  von 
den  chirurgischen  Eingriffen  (die  hier  nicht  erörtert  werden  sollen) 
hauptsächlich  drei  Wege  zur  Verfügung:  1.  die  Ruhekur,  2.  die  Diätkur 
und  3.  die  arzneiliche  Behandlung. 

Die  von  Ziems sen,  Leube  und  vielen  anderen  eingefühlte  Be¬ 
handlung  durch  mehrwöchige  Bettruhe  ist  in  neuester  Zeit  namentlich 
von  den  schwedischen  und  amerikanischen  Aerzten  wieder  in  ver¬ 
schärfter  Weise  empfohlen  worden,  als  unerlässliche  Voraussetzung 
für  jeden  definitiven  Erfolg.  Es  kann  auch  gar  keinem  Zweifel  unter¬ 
liegen,  dass  bei  allen  Patienten  mit  schweren  Schmerzen,  wie  auch  bei 
solchen  mit  grösseren  Blutungen,  die  mehrwöchige  Bettruhe  von  ent¬ 
scheidendem  Einfluss  ist.  Sicherlich  spielt  für  ihren  Erfolg  die  psychi¬ 
sche  Beruhigung  und  die  Fernhaltung  von  allen  möglichen  nervösen 
Schädigungen  eine  Rolle.  Anderseits  aber  lasst  sich  nicht  verkennen, 
dass  die  Mehrzahl  der  Patienten  mit  leichten  Ulcusbeschwerden  zu 
einer  so  langwierigen  Bettruhe  nicht  zu  bewegen  sind.  Sie  können 
ihren  Haushalt,  ihren  Beruf  aus  zwingenden  Gründen  nicht  völlig  aut- 
geben,  sie  haben  für  eine  solche  Kur  nicht  die  Zeit  und  nicht  das  Ge  d, 
und  sie  können  tatsächlich  auch  ohne  Liegekur  unter  geeigneter  diäte¬ 
tischer  und  arzneilicher  Behandlung  beschwerdefrei  werden.  Voraus¬ 
setzung  ist  allerdings,  dass  die  Patienten  ein  pedantisch  geregeltes 
Leben  führen  und  dass  sie  nach  jeder  Mahlzeit  eine  Liegezeit  von 
mindestens  Stunden  durchführen.  Ein  wesentliches  Hindernis  für 
die  Behandlung  solcher  leichter  Fälle  liegt  in  der  sog.  ungeteilten  Ar¬ 
beitszeit,  welche  den  Bureaubeamten  nach  der  Mittagsmahlzelt  keine 
Ruhepause  gewährt. 

Bei  der  d  i  ä  t  e  t  i  s  c  h  e  n  Behandlung  wird  man  sich  zunächst  die 
Fia^e  vorlegen  müssen,  ob  es  nach  frischen  Blutungen  erlauot  ist, 
zunächst  einige  Tage  völligen  Hungems  zu  verordnen  oder  ob  die  von 
Lenhartz  vorgeschlagene  kühnere  Behandlung  mit  sofortiger  Nah¬ 
rungsaufnahme  empfehlenswerter  ist.  Dass  die  Lenhartz  sehe  ei- 
ordnung  meist  ohne  Schaden  vertragen  wird,  dürfte  ■  wohl  erwiesen 
sein.  Damit  ist  aber  noch  nicht  gesagt,  das  sie  auch  von  N  u  t  z  e  n 
sei  und  dass  nicht  ein  mehrtägiger  Hunger  noch  besser  sei.  Die 
amerikanischen  und  skandinavischen  Autoren  schliessen  sich  dieser  An¬ 
schauung  an  und  jedenfalls  muss  betont  werden,  dass  ein  mehrlagiger 
Hunger  "  nicht  den  geringsten  Schaden  herbeiführt  Ja,  man  dar! 
überhaupt  beim  Ulcus  ventriculi  in  den  ersten  Wochen  dien  Kalorien¬ 
gehalt  der  Nahrung  entschieden  niedriger  halten,  als  er  dem  tatsäch¬ 
lichen  Verbrauch  entspricht,  nur  darf  sich  die  Unterernährung  nicht 
auf  eine  grosse  Reihe  von  Wochen  erstrecken.  Will  man  aber  den 
Magen  wirklich  ein  paar  Tage  lang  durch  Hunger  ruhig  stellen,  dann 
darf  man  den  Patienten  auch  nicht  das  beliebte  Schlucken  von  Eis¬ 
stückchen  empfehlen,  sondern  man  muss  den  Durst  durch  ein  lropt- 

klystier  bekämpfen.  ...  .  ,,, 

Die  diätetischen  Verordnungen  beim  Magengeschwür  gingen  ur- 
so''ün  glich  von  theoretischen  Vorstellungen  aus:  „der  Sauregehalt  des 
Magens  ist  beim  Geschwür  erhöht,  diesen  gilt  es  herabzusetzen,  indem 
man  die  Säure  bindet  und  nur  ein  Nahrungsmittel  ist  geeignet  die  Salz¬ 
säure  zu  binden,  nämlich  das  Eiweiss“.  Aus  diesem  Grunde  haben 
Leube  und  Ziemssen  eine  fleischreiche  Kost  empfohlen.  Nun 
haben  aber  die  Untersuchungen  von  P  a  w  1  o  w  gezeigt,  dass  gerade 
das  Fleisch  und  seine  Extraktivstoffe,  also  auch  die  Suppen  und  Saucen 
in  besonders  hohem  Grade  die  Eigenschaft  haben,  die  Sauresekretion 
des  Magens  zu  steigern,  und  man  wird  desha.b  auf  Grund  der  Be¬ 
obachtungen  von  Pawlow  ebenso  gut  zu  dern  gegenteiligen  .  er¬ 
schlag  kommen  können,  nämlich  zu  demjenigen,  Fleisch  und  rleisch- 
produkte  gänzlich  zu  verbieten.  In  diesem  Dilemma  wird  sich  der 
Arzt  hauptsächlich  von  den  Angaben  des  Patienten  leiten  lassen,  denn 
dieser  hat  bei  der  Beurteilung  des  Erfolges  doch  schliesslich  das  letzte 
Wort  zu  sprechen.  Tatsächlich  gibt  es  sehr  viele  Falle  von  Magen¬ 
geschwür  und  namentlich  von  Superaziditat,  bei  welchen  sich  eine 
fleischfreie  oder  mindestens  sehr  fleischarme  Kost  von  auffallendem 
Nutzen  bewährt;  es  gelingt  bei  diesen  Patienten  sehr  leicht  sie 
zu  Vegetariern  zu  erziehen  und  nicht  wenige  bezahlen  eine  Rückkehr 
zur  Fleischkost  alsbald  mit  dem  Neuauftreten  ihrer  Schmerzen.  .  Ein 
Versuch  mit  fleischfreier  Kost  ist  also  jedenfalls  erlaubt,  und  in  jenen 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


21 


Fällen,  wo  Fleisch  ohne  Beschwerden  ertragen  wird,  wird  man  er- 
fahrungsgemäss  solche  Fleischgerichte  besser  vermeiden,  welche  sich 
schlecht  zerkleinern  lassen  (Roastbeef)  oder  welche  mit  Fett  stark 
durchwachsen  sind  und  somit  der  Auflösung  im  Magensaft  Schwierig¬ 
keiten  entgegen  setzen.  Kalter  gekochter  magerer  Schinken  hat  sich, 
wie  die  Karlsbader  Erfahrungen  zeigen,  meist  als  zweckmässig  er¬ 
wiesen,  warmer  Schinken  und  überhaupt  fettes  Schweinefleisch  ist 
nachteilig.  Zwischen  Kalbfleisch  und  Rindfleisch  scheint  kein  nennens¬ 
werter  Unterschied  zu  bestehen  und  die  Warnung  vor  Wildbret  dürfte 
kaum  begründet  sein.  Eher  diejenige  vor  dem  fetten  Fleisch  der 
Gans.  Natürlich  sollten  auch  starke  Fleischsuppen  und  Saucen  ver¬ 
mieden  werden.  Hirn  und  Bries  haben  früher  in  der  Diät  der  Magen¬ 
kranken  eine  grosse  Rolle  gespielt,  vielleicht  wegen  ihrer  weissen 
„blanden“  Farbe.  Tatsächlich  gehören  beide  keineswegs  zu  den  leicht 
verdaulichen  Speisen,  wie  schon  C.  V  o  i  t  gezeigt  hat.  —  Die  Eier, 
denen  der  Laie  meist  einen  übertrieben  hohen  Nährwert  zuschreibt, 
sollten  nicht  in  zu  grosser  Menge  genossen  werden;  sie  verursachen 
viel  weniger  Beschwerden,  wenn  sie  zerquirlt  in  Milch  oder  in  allerlei 
Suppen  und  Mehlspeisen  verkocht  gereicht  werden,  als  wenn  sie  roh 
oder  gar  hart  gesotten  genossen  weiden. 

Im  allgemeinen  gilt  die  Regel,  dass  die  Kost  des  Ulcuskranken 
ziemlich  arm  sein  soll  an  Fett,  und  die  Erfahrung  der  meisten  Magen¬ 
kranken  zeigt,  dass  alle  Gerichte,  welche  eine  Hülle  von  Fett  darbieten, 
Beschwerden  erzeugen.  Das  gilt  nicht  nur  von  den  in  Fett  gebackenen 
Fleisch-,  Fisch-  und  Mehlspeisen,  sondern  auch  von  den  gerösteten 
Kartoffeln  und  von  dem  in  Oel  eingehüllten  Salat.  Ferner  sind  die 
Magenkranken  überaus  empfindlich  gegen  alle  Fette,  welche  nicht 
von  untadelhafter  Beschaffenheit  sind.  Eine  ranzige  Butter  kann  ihnen 
grosse  Beschwerden  verursachen,  während  frische  Butter  vertragen  wird. 
Am  besten  wird  zweifellos  das  Milchfett  vertragen,  und  der  Rahm 
erweist  sich  oft  als  besonders  wertvoll  und  zwar  nicht  nur  wegen 
seines  hohen  Kaloriengehaltes,  sondern  geradezu  als  schmerzstillend. 
Aber  auch  reines  bestes  Olivenöl  ist  bisweilen  von  grossem  Nutzen, 
namentlich  in  manchen  Fällen  von  Pyloruskrampf,  Nüchternschmerz 
und  Superazidität.  Man  kann  zu  einer  richtigen  Oelkur  oder  Rahmkur 
schreiten,  indem  man  z.  B.  früh  morgens  nüchtern  oder  nachts  einen 
Esslöffel  Oel  oder  eine  Tasse  Rahm  gemessen  lässt. 

Die  Milchkur  ist  schon  von  Cruveilhier  empfohlen  worden, 
der  bekanntlich  das  Magengeschwür  zuerst  beschrieben  hat,  und  das 
regime  lacte  stricte  gilt  noch  heute  in  Frankreich  als  die  Kur  des 
Ulcus.  Wohl  nicht  ganz  mit  Recht.  Der  Arzt,  welcher  an  sich  selbst 
einen  mehrtägigen  Versuch  mit  reiner  Milchnahrung  gemacht  hat,  wird 
sie  nicht  so  leicht  einem  Patienten  als  längere  Kur  zumuten.  Grössere 
Mengen  purer  Milch  werden  von  Magenkranken  oft  schlecht  ver¬ 
tragen  und  es  sollten  nicht  mehr  als  ein  halber  oder  dreiviertel  Liter 
davon  getrunken  werden.  Viel  besser  pflegt  Milch  vertragen  zu  werden, 
wenn  sie  mit  Amylaceen  verkocht  wird,  in  Breien,  als  Kartoffelpüree, 
als  Milchreis,  mit  Nudeln  usw. 

Die  amylaceen  haltige  n  Speisen  stellen  den  wichtigsten 
Bestandteil  für  die  Ernährung  der  meisten  Magenkranken  dar.  Zwie¬ 
back,  Reis,  Griess,  Hafermehl,  Graupen.  Nudeln  jeder  Art,  Makkaroni 
usw.,  Kartoffelpüree,  ja  lockere  Knödel,  alles  dies  mit  Milch  zubereitet, 
sind  besonders  empfehlenswert.  Schwarzes  Brot  ist  dagegen  unbedingt 
zu  vermeiden.  —  Es  müssen  verboten  werden :  schwarzer  Kaffee.  Essig 
und  alle  mit  Essig  zubereiteten  Speisen,  also  z.  B.  Salate,  ferner  sauerer 
Wein,  und  alle  übersüssen  Gerichte  und  Konditorwaren.  —  Schliesslich 
sei  erwähnt,  dass  die  Rückkehr  zur  gewöhnlichen  Kost  erst  nach  einer 
Diätkur  von  mindestens  einem  halben  Jahr,  wenn  überhaupt,  er¬ 
folgen  darf. 

Die  arzneiliche  Behandlung  ist  gegenüber  der  diäteti¬ 
schen  bei  uns  vielfach  zu  Unrecht  vernachlässigt  worden;  es  kann  gar 
keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  sie  in  vielen  Fällen  von  grossem 
Nutzen  ist.  Das  Argentum  nitricum  ist  ein  altbewährtes  Medikament, 
namentlich  in  jenen  Fällen,  welche  durch  starke  Schmerzen  aus¬ 
gezeichnet  sind.  Man  gibt  es  am  besten  in  folgender  Verordnung: 
Argentum  nitricum  0,2,  Aqua  dest.  150,0  morgens  nüchtern  einen  Ess¬ 
löffel  voll,  in  einer  Tasse  warmen  Wassers  getrunken.  Diese  Kur 
kann  3  bis  5  Wochen  lang  fortgesetzt  werden,  freilich  nicht  ad  infinitum, 
wie  dies  früher  manchmal  geschah,  mit  dem  Resultat,  dass  sich  bei 
den  Patienten  eine  Argyrose  einstellte.  Im  Anschluss  an  die  Silberkur 
kann  das  Wismut  als  subnitricum  oder  carbonicum  für  eine  Reihe  von 
Wochen  dargereicht  werden;  die  Erfahrung  hat  gezeigt,  dass  die  Auf¬ 
nahme  einer  grossen  Wismutmahlzeit  (zum  Zweck  der  Röntgendurch¬ 
leuchtung)  oft  eine  auffällige  Beruhigung  der  Schmerzen  zur  Folge  hat. 
Das  Wismut  sollte  in  nicht  zu  kleinen  Dosen  gegeben  werden,  also 
etwa  in  der  Menge  von  einem  guten  Teelöffel  und  ebenso  wie  das 
Silber  des  morgens  nüchtern  in  einer  Tasse  warmen  Wassers.  —  Durch 
Riegel  ist  das  Atropin  eingeführt  worden,  um  die  Salzsäureproduktion 
des  Magens  herabzusetzen.  Es  soll  nicht  geleugnet  werden,  dass  das 
Atropin  in  manchen  Fällen  sehr  günstig  wirkt,  doch  sollte  es  nicht  in 
grösseren  Dosen  als  bis  zu  einem  viertel  oder  halben  Milligramm 
pro  Tag.  gegeben  werden,  denn  es  hat  die  unliebenswürdige  Eigen¬ 
schaft,  bei  längerem  Fortgebrauch  nicht  bloss  die  lästige  Trockenheit 
des  Rachens,  sondern  vor  allem  auch  eine  quälende  psychische  Unruhe 
zu  erzeugen.  Viel  wirksamer  und  dabei  ganz  unschädlich  erscheint  das 
Atropinderivat  Eumydrin,  welches  in  der  10  fachen  Dose  gegeben 
werden  kann.  Also  etwa  Eumydrin  0,1  auf  100  Pillen,  zweimal  täglich 
2  Pillen,  oder  0,1  zu  20,0  Wasser,  zweimal  täglich  10 — 21)  Tropfen. 
In  dieser  Form-  hat  sich  uns  das  Eumydrin  sehr  bewährt;  es  wird  ohne 
Schaden  und  bei  gleichbleibender  Wirkung  monatelang  vertragen. 


Beim  Vorherrschen  von  schmerzhaften  Pyloruskrämpfen  ist  das  Papa¬ 
verin  zu  empfehlen,  das  auf  den  Magen  eine  viel  stärkere  Wirkung 
zu  entfalten  scheint  als  auf  die  spastischen  Zustände  des  Darms.  Man 
gebe  vor  der  Zeit  der  erwarteten  Schmerzen,  also  vielleicht  2 — 3  mal 
im  Tage,,  ein  Plätzchen  zu  0,03  oder  0,04.  Das  Natron  bicarbonicum 
pflegt  bei  vielen  Magenkranken  die  Schmerzen  prompt  zu  beseitigen. 
Man  hüte  sich  aber  davor,  es  zu  häufig  zu  geben,  und  die  Patienten 
daran  zu  gewöhnen,  sie  können  zu  reinen  „Natronisten“  werden.  Es 
scheint,  dass  durch  den  häufigen  Natrongebrauch  die  Superazidität 
durch  Ueberkompensation  geradezu  grossgezogen  wird. 

Man  muss  sich  darüber  klar  sein,  dass  eine  Besserung  der  Magen¬ 
beschwerden  niemals  erwartet  werden  kann,  solange  jene  spastische 
Obstipation  fortbesteht,  welche  das  Ulcus  ventriculi  in  der  Regel 
begleitet.  Sie  wird  am  besten  durch  Belladonna  bekämpft  und  zwar 
nach  der  alten  Trousseau  sehen  Regel  mit  Pillen,  welche  je  ein 
Zentigramm  Extractum  belladonnae  enthalten.  Von  diesen  werden 
meistens  zwei,  des  abends  vor  dem  Schlafengehen  genommen,  aus¬ 
reichen,  um  Stuhl  zu  erzeugen.  Ist  das  nicht  der  Fall,  so  muss  eine 
kleine  Menge  Extractum  aloes  oder  Rhel  zugefügt  werden.  Also  etwa: 
Extractum  aloes  2,5,  Extractum  belladonnae  0,6,  fiant  pilulae  60.  2  bis 
3  Pillen  des  Abends. 

Von  der  arzneilichen  Behandlung  der  Magenblutung  ist  nicht  viel 
zu  erwarten;  selbstverständlich  darf  nicht  etwa  Adrenalin  subkutan 
oder  intravenös  eingespritzt  werden,  weil  durch  die  Erhöhung  des 
Blutdrucks  die  Gefahr  einer  Blutung  nachweislich  gesteigert  wird. 
Aber  auch  die  lokale  Einführung  von  Adrenalin  in  den  Magen,  3 — 5  mal 
täglich  20  Tropfen  der  üblichen  Lösung  in  etwas  Wasser,  hat  uns  keine 
überzeugenden  Erfolge  gebracht.  Vielleicht  deswegen,  weil  die  anfäng¬ 
lich  erzeugte  lokale  Anämie  bald  von  einer  Hyperämie  abgelöst  wird. 
Ebensowenig  haben  sich  die  Blutplättchenpräparate  bewährt.  Ob  mit 
Gelatine  per  os  oder  subkutan  oder  mit  Kalksalzen  eine  Stillung  der 
Blutung  befördert  werden  kann,  ist  unentschieden. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

L.  K  r  e  h  1:  J.  v.Meriings  Lehrbuch  der  inneren  Medizin.  I.  Band 
mit  113  Abbildungen  im  Text.  II.  Band  mit  204  Abbildungen  im  Text 
und  8  Tafeln.  13.  durchgesehene  und  vermehrte  Auflage.  Jena,  Gustav 
Fischer,  1921.  1490  Seiten.  Preis  110  M. 

Das  im  Laufe  der  Jahre  immer  mehr  an  die  führende  Stelle  gelangte 
Lehrbuch  der  inneren  Medizin  bildet  sich  jetzt  zu  einem  „Jahrbuch“  aus. 
Vor  kaum  Jahresfrist  konnte  ich  in  dieser  Wochenschrift  (1921  Nr.  6 
S.  183)  der  zwölften  Auflage  das  Geleit  geben  und  schon  liegt  die  drei¬ 
zehnte  vor.  So  wird  es  dem  Meisterwerk  leicht,  sich  auf  der  erreichten 
Höhe  zu  erhalten.  Die  Menge  des  neuen  Stoffs  ist  bei  der  Kürze  der 
Pausen  zwischen  den  Auflagen  immer  leichter  zu  bewältigen.  Seit  der 
zwölften  ist  nicht  mehr  viel  Neues  hinzugekommen.  Aber  sehr  an¬ 
erkennend  möchte  ich  hervorheben,  dass,  meinem  in  der  vorigen 
Anzeige  geäusserten  Wunsche  entsprechend,  mit  einer  Verminderung 
des  Gesamtumfangs  des  Buches  wenigstens  der  Anfang  gemacht  ist,  in¬ 
dem  die  13.  Auflage  3  Bogen  weniger  hat.  Zum  Teil  ist  diese  Ver¬ 
kleinerung  durch  Wegfall  einiger  weniger  wichtiger  Abbildungen  er¬ 
reicht  worden.  Vielleicht  wäre  es  möglich,  in  der  nächsten  Auflage 
bei  den  Herz-  und  Lungenkrankheiten  einige  lehrreiche  Röntgenbilder 
einzufügen,  die  nicht  viel  Raum  beanspruchen  würden.  Wenn  es  tun¬ 
lich  wäre,  auch  meinen  in  der  obenzitierten  Anzeige  ausgesprochenen 
Wunsch  nach  leichter  verständlicher  Darstellung,  insbesondere  der  Stoff¬ 
wechselkrankheiten  und  Neurosen,  zu  erfüllen,  so  würde  sich  das  Lehr¬ 
buch  unter  den  jüngeren  Medizinern  noch  mehr  Freunde  erwerben. 
Diese  kritischen  Bemerkungen  haben  natürlich  nur  den  Zweck,  dem 
Buch  zu  immer  höherer  Vollkommenheit  zu  verhelfen.  Dass  es  be¬ 
reits  den  höchsten  Ansprüchen  genügt,  beweist  der  beispiellose  Erfolg, 
an  dem  ausser  dem  Herausgeber  und  den  Mitarbeitern  auch  die  Verlags¬ 
buchhandlung  mit  der  tadellosen  Ausstattung  des  Buches  beteiligt  ist.  — 
Die  Anzeige  kann  ich  nicht  schliesseti,  ohne  des  viel  zu  frühen  Todes 
meines  lieben  früheren  Kollegen  und  Freundes  D.  Gerhardt  zu  ge¬ 
denken,  dem  der  Herausgeber  in  der  Vorrede  einen  tief  empfundenen, 
warmen  Nachruf  widmet.  Mögen  recht  viele  diese  Worte  lesen,  damit 
die  Aerztewelt  in  »ihrer  Gesamtheit  erfährt,  was  unsere  Wissenschaft 
an  D.  Gerhardt  verloren  hat.  P  e  n  z  o  1  d  t. 

Edward  Mellanby:  Experimental  Rickets.  London  1921.  Publi¬ 
kation  des  Medical  Research  Council.  78  Seiten  Text  und  129  Ab¬ 
bildungen.  Preis  4  Schilling. 

Diese  ausgezeichnete  Schrift,  die  der  Verfasser  als  „vorläufige  Mit¬ 
teilung“  bezeichnet,  berichtet  über  glänzend  durchgeführte  Fütterungs¬ 
versuche  an  fast  400  jungen  Hunden.  Radiographie,  Bestimmung  des 
Kalkgehalts  der  Knochen  und  genaue  histologische  Untersuchung  nach 
den  besten  Methoden  sind  bei  der  Feststellung  der  Versuchsergebnisse 
in  weitestem  Umfange  herangezogen  worden.  Völlige  Beherrschung 
des  schwierigen  Stoffes,  strenge  Sachlichkeit  des  Urteils  und  klare 
Darstellung  machen  die  Lektüre  zu  einem  seltenen  Genuss. 

Die  vom  Verfasser  an  seinen  Versuchstieren  erzeugte  Rachitis 
stimmt  mit  der  menschlichen  Rachitis  vollkommen  überein.  Auf  alle 
Ergebnisse  der  Versuche  einzugehen,  ist  im  Rahmen  eines  kurzen 
Referates  unmöglich.  Hervorgehoben  sei,  dass  Verfasser  die  Identität 
des  antirachitischen  Vitamins  mit  dem  fettlöslichen  Wachstumsvitamin 
für  wahrscheinlich  hält.  Zulage  von  Fleisch  wirkt  quoad  Rachitis 
günstig,  grössere  Mengen  Brot  dagegen  sehr  ungünstig.  Auch  Säure- 


22 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


kasein  wirkt  ausgesprochen  ungünstig,  üabkasein  dagegen  nicht.  Das 
wirksamste  diätetische  ProphylaKtikum  und  Heilmittel  bleibt  der  Leb 
trau  Die  Bewegungsbeschränkung  steht  nach  Mellanbys  Lrgen 
nissen  hinter  den  diätetischen  Faktoren  an  ursächlicher  Bedeutung  ent¬ 
schieden  klassischen  Untersuchungen  Mellanbys,  die  ungeheure 
Kosten  verursacht  haben  müssen,  bringen  dem  deutschen  Leser  die  ve  - 
zweifelte  Notlage  unserer  wissenschaftlichen  Uistimte  d°pP|^tn|c!irn| 
lieh  zum  Bewusstsein.  Stoeltzner-Ha  • 


Friedrich  D  i  m  in  e  r  :  Der  Augenspiegel  und  die  ophthalmoskopische 
Diagnostik.  Dritte,  vollständig  umvearbeitete  u"d  afn"d 

633  Seiten.  Mit  146  Abbildungen  im  Text  und  16  Tafeln.  Leipzig  und 
Wien,  Franz  Deut  icke,  1921.  Broschiert  M.  DO.—. 

Das  stattliche  Werk  ist  zwei  Meistern  der  Augenheilkunde  ge¬ 
widmet,  Ernst  Fuchs  zur  Feier  seines  70.  Geburtstags  und  Hermann 
v  Helmholtz  zur  100.  Wiederkehr  des  semigen.  Das  in  der  früher 
F  u  c  h  s  sehen  Klinik  in  diesem  Sommer  enthüllte  prachtvolle  Marrrim - 
porträt.  das  Josef  M  ü  1 1  n  e  r  geschaffen  und  das  beim  atzten  Ophthai- 
mologenkongress  allgemein  bewundert  wurde,  sowie  eine  von  Jos 
Tautenhayn  gegossene  Plakette  von  Helmholtz  sind  in  schone 

WkSKSL  Ausgaben  des  Werkes  nrehr  für  die  Bedürf- 
nisse  des  Anfängers  berechnet  und  dementsprechend  wenig  umfang- 
refch  waren  wollte  Verfasser  in  diesem  Buch  das  Thema  vollständig 
erschöpfen  und  auch  dem  Vorgeschrittenen  als  Basis  für  weitere  For¬ 
schungen  nutzbar  machen.  So  sind  den  einzelnen  Kapiteln  Literatu  - 
hin  weise  beigefügt,  die  das  wichtigste  enthalten.  Das  Buch  bringt  zu¬ 
nächst  eine  optische  Einleitung,,  sodann  ein  Kapitel  über  die 
des  Augenspiegels,  wobei  auch  die- nur  für  Spezialisten  m  Betracht  kenn 
menden  reflexfreien  elektrischen  Augenspiegel  nach  .  T  h i  or  ne  r, 
Wolff  Qullstraiid  u.  a.  eingehend  beschrieben  und  abgebildet 
werden.'  Auch  die  Gu  11s  trän  d sehe  Nernst-Spaltlampe  und  die 
Mikroskopie  des  Augenhintergrundes,  welche  unter  J?rHnrn W^  kro^ 
unter  Anwendung  starker  Vergrosserungen  mit  dem  Ho™hautm  kro- 
skop  vorgenommen  wird,  erfahren  eingehende  Berücksichtigung  Dass 
hier  ein  ganz  neues  und  weites  Gebiet  für  die  ophthalmoskopische 
Diagnostik  erschlossen  ist.  dessen  klinische  Bedeutung  freilich  erst  die 
Zukunft  wird  abwägen  können,  wird  immer  einleuchtender. 

Genauer  geschildert  wird  auch  die  Photographie  des  Augenhinter¬ 
grundes,  eine  Methode,  um  die  sich  Verfasser  durch  Konstruktion  eures 
eigenen  Apparates  und  gründliche  Studien  verdient  gemacht  hat.  Von 
den  16  dem  Werk  beigefügten  Tafeln  bringen  6  mikrophotographische 
Aufnahmen  zur  Histologie  des  Auges,  die  übrigen  10  stellen  ausnahms¬ 
los  photographische  Hintergrundsaufnahmen  dar,  die  zweifellos  dieprak- 
tische  Verwendbarkeit  der  Methode  für  wissenschaftliche  und  Unter- 
richtszwecke  dartun.  Da  je  15  Aufnahmen  auf  einer  Tafel  vereinigt 
sind,  handelt  es  sich  um  150  einzelne  Bilder,  die  sich  auch  vortrefflich 
zur  Projektion  eignen.  Gegenüber  gewissen  Nachteilen, die  - diese  Bil¬ 
der  durch  das  Fehlen  der  Farben  in  gemalten  Atlanten,  aufweisen-,  haben 
sie  unbestreitbare  Vorteile  durch  die  protokollarisch  sicher  .niedergeleg¬ 
ten  Lokalisations-  und  Umrissverhältnisse.  So  eignen  sie  sich  Ranz  be¬ 
sonders  auch  zur  Projektion  im  Augenspiegelkurs  und  m  der  Klinik 
Der  zweite,  über  */ 3  des  Werkes  einnehmende  Teil  ist  ganz  der 
Diagnostik  der  bei  der  Augenspiegeluntersuchung  sichtbaren  Anomalien 
gewidmet.  Hier  bot  sich  dem  Verfasser  Gelegenheit  seine  eigene 
reiche  Erfahrung  auf  diesem  Gebiet  zu  verwerten.  So  ist  ein  originelles 
Buch  entstanden,  das  dem  Studierenden,  der  tiefer  eindringen-  will,  wie 
dem  wissenschaftlichen  Forscher  gleich  gute  Dienste  leisten  wird 
Die  Ausstattung  durch  den  Verlag  ist -eine  sehr  gute  was  bei  den 
jetzigen  Verhältnissen  —  das  Buch  ist  in  Wien  gedruckt  —  doppelt 
anzuerkennen  ist.  S  a  1  z  e  r  -  München. 


spielen“,  von  ujrIassenden^Turnfeste^i^wie^sie^in^der^Schwe^Hcr- 
ietzF^iach'dem  uns  Fjie  allgemeine  Wehrpflicht  genommen  ist,  nur 

S-SäS  SS 

susfehen  E  der  DurcAIühnmg  der  „Deutschen  Reichs-Jugendwett- 
kämpfe“'  ist  ein  wichtiger  Schritt  in  dieser  Entwicklung  getan.  Das 
Büchlein  ist  aus  der  Praxis  entstanden  und  soll  die  Veranstaltung  von 
Wettspielen  und  Wettkämpfen,  soweit  sie  für  Volks-  und  Jusend feste 
in  Bedacht  kommen,  erleichtern.  Es  gibt  an  praktischen  .Beispielen 
eine  Fülle  wertvoller  Anregungen  für  die  Anlage  und  Ausnutzung  de. 
Kampfplatzes  die  Zusammenstellung  der  Kämpfe,  die  Best{)n?"lpI1^gtt 
H Pes  bespricht  die  verschiedenen  Gruppen  der  sportlichen  Wett¬ 
kämpfe  wie  Laut  Sprung,  Wurf,  Ringen,  die  Wettspiele  die  turne¬ 
rischen' Massenübungen;  auch  die  Wettkämpfe  scherzhafter  Ar, 
S  uralten  Bestandteil  unserer  Volksfeste  bilden,  sind  berücksichtigt. 

Grassmann  -  München 


Prof.  Dr.  Max  Joseph:  Lehrbuch  der  Geschlechtskrankheiten 

für  Aerzte  und  Studierende.  8.  Auf!.  Mit  54  Abbildungen  und  1  Tafe  . 
Leipzig  1921,  Thieme.  VII  +  217  S. 

Die  neue  Auflage  des  bekannten  Lehrbuches  lässt  der  Verfasser, 
der  Not  der  Zeit  gehorchend,  in  erheblich  gekürzter  Form  erscheinen. 
Trotzdem  sind  alle  wichtigen  neuen  Errungenschaften  genügend  ge¬ 
würdigt.  so  dass  es  dem  Werke  wohl  gelingen  wird?  durch  seine  Vor¬ 
züge,  besonders  durch  die  gewandte  und  ungewöhnlich  übersichtlich 
Darstellung  auch  in  dieser  neuen  Form  seinen  Platz  unter  den  zahl- 
reichen  venerologischen  Lehrbüchern  zu  behaupten.  Ref.  hatte  nur  den 
Wunsch,  dass  die  nongonorrhoischen  Urethritiden  entsprechend  ihrer 
grossen  Bedeutung  für  die  Praxis,  etwas  ausführlicher  behandelt  und 
auch  die  liongonorrhoischen  Komplikationen  in  den  Kreis  der  Be¬ 
trachtung  gezogen  werden.  Siemens-  München. 


F  A  Schmidt:  W  ettkämpfe,  Spiele  und  turnerische  Vorführungen 
bei  Jugend-  und  Volksfesten.  7.,  völlig  umgearbeitete  Auflage  Mit 
45  Abbildungen  im  Text  und  auf  4  Tafeln.  Verlag  von  G.  B.  1  e  u  b  n  e  r, 
Leipzig  und  Berlin,  1921.  (116  Seiten.) 

Wie  bei  ihrem  ersten  Erscheinen,  so  dient  die  kleine  Schrift  auch 
diesmal  vornehmlich  der  schönen  Aufgabe,  den  Sinn  für  eine  gesunde 
Ausbildung  des  Körpers  in  allen  Kreisen  unseres  Volkes,  besonders 
aber  in  der  Schuljugend  zu  wecken.  Durch  Veranstaltung  von  sport¬ 
lichen  Wettkämpfen  und  turnerischen  Vorführungen  grossen  Stils  soll 
das  Interesse  für  alle  Arten  körperlicher  Uebung  gefördert  werden. 
Der  Verfasser  tritt  für  die  Einrichtung  von  „vaterländischen  rest- 


Zeitschriften-Uebersicht. 


Zeitschrift  für  Immunitätsforschung  und  experimentelle  Therapie. 

Band  32.  Nr.  5  (Auswahl). 

R.  T  r  o  m  m  s  d  o  r  f  -  München  :  Zur  Frage  der  Steigerung  des  Agglutin.n- 
titers  durch  grosse  Blutentziehungen.  versuche  berichtet  in  denen  bei 

Kaninchen  AAS.' Ä«—» 

iSntrnTÄ 

“eVtÄrn"'  “ ’ÄÄ  «  durch  Krosse  Bln.cn.zich.nKen 

hc  Kaninch“  eine  namhafte  Erhöh.»*  da»  Ajgl«.,mn.;ters r 

Joseph  Tannenberg- Marburg:  Betrage  zur  Theorie  und  Praxis  oer 

Sachs-Georgi-  und  Wassermannreaktion.  Reaktion  einer  Nach- 

Verf  hat  verschiedene  Ausführungsarten  der  S.-ü.-  KeaKtion  einer  * 

Prüfung1  unterzogen  und  dabei  les.ges.ejli.  jmjajWgjJ» 
fraktionierten  Extraktverdunnung  wie  .die  E's*,ch^an Jer  Spezifität  der 

iE 

bSW  W™e',bB'i2e  b“  1  Marburg.  Exoerlmenielles  - 

Verf  hat  die  von  Petruschky  angegebene  Methode  der  LinreiDung 

äktk  st. $ 

Erb« 

bei  intrakutaner  und  subkutaner  Anwendung,  um  die  erste  Reaktion 

erreipe"t  r  u  schky  macht  -demgegenüber  in  einer  Antwort  ^tend.  da«  die 
Tierversuche  für  die  Beurteilung  der  Schutzbehandlung  des  Menschen  nicht 
ausschlaggebend  sein  können.  Er  schlägt  eine  praktische  Methodik  vor. 

E.  Putter-Greifswald:  Zur  .Technik  der  Herzpunktion  beim  Meer- 

SCh'V Neben  "einigen  anderen  praktischen  Fingerzeigen  schlägt  Verf.  zur  Herz¬ 
punktion  eine  neue  Nadel  mit  ganz  kurz  abgeschrägter  Spitze  yor^  ah,1,,^  fder 
Quincke  sehen  Lumbalpunktionsnadel.  L.  S  a  a  t  h  o  f  f  -  Oberstclo  . 


Zeitschrift  für  Tuberkulose.  Band  35.  Heft  3. 


Bruno  Hey  mann  und  Masaaki  K  o  i  k  e  -  Berlin:  Ueber  die  Be¬ 
schaffenheit  der  aus  Schildkrötenbazillen  hergestellten  ^“berkulosemittel. 

Dem  Praktiker  wird  namentlich  das  von  Wichtigkeit  sein,  dass  in  39 
gleichwertig  signierten  und  richtig  behandelten  Friedmannampullen  stark 
schwankende  Mengen  von  toten  und  lebenden  Keimen 

den  verschiedenen  Wertigkeitsangaben  entsprechende  Abstufung  des  Antigen 
wurde  häufig  vermisst.“  Von  24  Baumampullen  lau *  Schluss- 

giinstiger  nicht  besser  von  Chelomnampullen.  „Die  praktischen  bc“luss 
folgerungen  aus  diesen  Ergebnissen  möchten  wir  der  Aerzteschaft  und  der 

.Mcdi^mulverwaUung^ubM-lassem  ^  f  ^  _  Kön}gSberg:  Weitere  Untersuchungen 

wie  sich  das  Tuberkulin  höheren  Tempera¬ 
turen  ge“  er  verhalt  ob  die  durch  Tuberkulin  und  Proteinkörper  beim 
tuberkulösen  Menschen  verursachten  Entzündungen  gleichartig  sind,  ob  das 
T u b e r ku ü rf  a  1  solches" oder  erst  durch  im  Körper  entstandene  Abbauprodukte 
lirkt  und  endlich,  ob  im  tuberkulösen  Körper  bei  der  Vere.mgung  von  tuber¬ 
kulösem  Gewebe  und  Tuberkulin  ein  neuer  Korner  gebildet  wird,  der  dann 
erst  die  Entzündungsreaktion  hervorruft,  viele  labeilen.  _  ,  . 

H.  M  a  e  n  d  1  -  Alland:  Intravenöse  Kalziumtherapie  bei  Lungentuber- 

klll0SVerf11  wefst^nach.  dass  diese  Injektionen  besser  als  jedes  andere  Mittel 
Blutungen  zu  stillen  in  der  Lage  sind.  Bei  Lungenblutungen  gibt  er  alle 
Geht  Stunden  5  ccm  einer  zehnprozentteen  Kalziumlösung  bis  zum  Stehen 
der  Blutung  und  dann  noch  einige  Tage  täglich  ..eine  Spritze“  (also  wohl 
5  ccm)  Aber  auch  sonst  ist  der  Einfluss  sehr  günstig:  das  Sputum  nimmt 
ab,  Darmschmerzen  verschwinden;  Fieber  wird  wenig  beeinflusst,  wohl  aber 
weichen  die  ■  hartnäckigen  subfebrilen  Temperaturen. 

Eine  kleine  Bemerkung  ist  praktisch  brauchbar  Kommt  die  Einspritzung 
neben  die  Vene,  also  ins  Gewebe,  so  gibt  es  eine  Nekrose.  Man  kann  diese 
verhüten,  wenn  man  sofort  die  Flüssigkeit  wegmassiert. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


23 


E  Peters-  Davos:  Viskoslinetrische  und  refraktometrische  Serumunter- 
suchungen  und  ihre  Bedeutung  für  die  Diagnose  und  Prognose  der  Lungen¬ 
tuberkulose. 

,  Diese  Messungen  ergeben  ,,in  ihren  absoluten  Werten  keine  Anhaltspunkte 
iür  Diagnose  und  Prognose  der  Lungentuberkulose“. 

Wilhelm  v.  F  r  i  e  d  r  i  c  h  -  Pest:  Kann  die  Milch  das  Alttuberkulin  er¬ 
setzen? 

Bei  allem  (Juten,  was  man  von  Milch-  und  ähnlichen  Injektionen 
(Caseosan)  saven  kann,  darf  man  nicht  vergessen,  dass  sie  nicht,  wie  das 
I  uberkulin,  auf  Tuberkulose  spezifisch  wirken. 

Heilst  ättenbeilage. 

Liebe:  Kritisches  zu  v.  Hayeks  ..Tuberkuloseproblem“. 

v.  Hayek:  Offene  Antwort  an  Herrn  Kollegen  Q.  Liebe. 

Liebe-  Waldhof-Elgershausen. 

Archiv  iür  klinische  Chirurgie.  Bd.  116.  Heit  2. 

Siedamgrotzky:  Spätresultate  nach  Nierensteinoperationen. 

Statistischer  Beitrag.  Nachforschung  über  das  Spätschicksal  der  wegen 
Nierensteinen  in  den  letzten  20  Jahren  an  der  Klinik  Hildebrands  ope¬ 
rierten  Patienten.  73  Operationen  an  66  Kranken.  In  85  Proz.  einseitiges, 
in  15  Proz.  doppelseitiges  Leiden.  26  Nephrektomien.  27  Pyelotomien  und 
12  Nephrotomien.  Die  .Pyelotomie  wird  bevorzugt,  die  Nephrotomie  bedeutet 
eine  zu  schwere  Schädigung  der  Niere,  trotz  richtiger  Auswahl  des  Schnittes, 
trotz  Naht  und  aseptischer  Heilung. 

Sgalitzer:  Zur  Röntgendiagnostik  der  Nierenkonkremente. 

Zur  Differentialdiagnose  der  Nierensteine  gehören  unbedingt  Röntgenauf¬ 
nahmen  in  zwei  Ebenen.  In  der  seitlichen  Aufnahme  fällt  der  Schatten  der 
Konkremente  auf  den  Körper  des  12.  Brust-,  1.  oder  2.  Lendenwirbels.  Auf 
diese  Weise  können  verkalkte  Mesenterialdrüsen.  Kotsteine,  Gallensteine 
mit  Sicherheit  ausgeschlossen  werden.  Das  Zweiplattenverfahren  orientiert 
in  erschöpfender  Weise  über  Zahl,  Lage  und  Form  der  Konkremente.  Dadurch 
werden  alle  anderen  Hilfsmethoden,  die  nicht  ganz  ungefährlich  sind,  wie 
z.  B.  Einführung  eines  schattengebenden  Ureterkatheters  usw.  überflüssig. 

M  o  s  z  k  o  w  i  c  z:  Die  Dickdarmresektiou  nach  der  Vorlagerungsmethode. 

Im  Ileusstadium  soll  -man  niemals  vorlagern,  sondern  den  Dickdarm 
oberhalb  der  Stenose  eröffnen.  Es  wird  die  eigene,  sorgfältig  auszuführende 
Technik,  die  eine  Modifikation  des  Mikulicz  sehen  Verfahrens  darstellt, 
empfohlen.  8  Fälle,  einer  nach  3  Jahren  gestorben. 

K  epp  ich:  Ueber  den  intraperitonealen  Druck  (Druckmessungen  am 
Menschen  und  Tierversuche). 

1.  Der  intraperitoneale  Druck  ist  unter  normalen  Verhältnissen  meistens 

vermindert  (  ).  kleiner  als  der  auf  den  Bauchdecken  von  aussen  lastende 

atmosphärische  Druck.  Seine  Grösse  schwankt  zwischen  0,5 — 3,4  cm  Wasser¬ 
säule. 

2.  Bei  pathologischen  Veränderungen  (Ulcus.  Karzinom  des  Magens,  Ver- 

grosserung  der  Gallenblase)  wurde  in  den  meisten  Fällen  eine  Druckver- 
nunderung  (~)  von  0,2  7,0  cm  Wassersäule  gemessen. 

3.  Der  intraperitoneale  Druck  ist  ziemlich  konstant,  wird  durch  die 
Atmung,  Bauchpresse,  Druck  auf  die  Bauclniecken  nur  selten  und  unwesentlich 
beeinflusst,,  ebenso  nicht  durch  Lageveränderungen. 

■  ,  akuten  entzündlichen  Erkrankungen  des  Peritoneums  war  der 

mtraperitoneale  Druck  bis  zu  18  cm  Wassersäule  erhöht  (+). 

5.  Nach  dem  künstlichen  Pneumoperitoneum  bleibt  eine  wesentliche 
Drucksteigerung  (~r)  mehrere  Tage  lang  bestehen. 

6.  Ein  besonderer  Zusammenhang  zwischen  Abdominalerkranklingen  und 
Grosse  des  mtraperitonealen  Druckes  kann  nicht  festgestellt  werden. 
frakturen*1  n  n  6  7  U"d  Schönbauer:  Zur  Behandlung  der  Schädelbasis- 

48  ^1L^r0Z'  ^orKtaIität‘  ,D.fr  Krf.ste  Teil  dieser  Fälle  ist  in  den  erste,, 
a-gmt0iben‘  den  übngen  nacb  Lesern  Zeitpunkt  Gestorbenen 
tand  sich  die  Todesursache  meistens  in  verschiedenen  Komplikationen  The- 
rapie  soll  konservativ  sein.  Trepanation  nur  bei  Hirndruck  durch  Blutung 
ns  soll  ihr  aber  die  Lumbalpunktion  immer  vorgeschickt  werden  Bei  un¬ 
veränderter  Bewusstlosigkeit,  starren  Pupillen,  erhöhtem  Liquordruck  und 

Eiweissgehalt,  die  über  24  Stunden  fortdauern.  soll  stets  operiert  werden 
Anlegung  eines  Ventils  an  der  Verletzungsstelle;  wenn  keine  vorhanden  ist 
Dekompressivtrepanation  nach  Cushing. 

täubung  " k  W':  D'e  Aberenzunfl'  der  allgemeinen  und  der  örtlichen  Be- 

1921  VNrtria7  aUf  dem  45'  Chirurgenkongress-  Referat  für  die  M.m.W. 

Rumpel:  Ueber  Zvstennieren. 

1921,VNrtrii88:  2Uf  dam  45'  Chirurgenkongress-  Referat  für  die  M.m.W. 

Pe  r  t  h  e  s:  Ueber  die  Strahlenbehandlung  bösartiger  Geschwülste 
1921,VN°rrt?8K  aUf  d6m  45'  Chirurgenk0ngress-  Referat  für  die  M.m.W. 

.  Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  166.  Band.  5.-6.  Heft. 

S  a  a  m  '  c-4  '  Mdnchen :  °Ho  v.  Schjerning.  Nachruf, 
zur  rphLBUdde:  ^.'ne  se,te"e  Kn'egelenksmissbilduiig,  zugleich  ein  Betrag 
zur  Lehre  vom  angeborenen  Schienbeindefekt.  (Aus  der  chirurgischen  Uni 
‘"Lk  Koln-Lmdenburg.  Dir.:  Geh.,  Med.-Rat  Prof.  Dr.  T  ilmann) 

3  K-it!3rfpSChseibUfng  e\n£I-  faf Ilaren  Kmegelenlsmissbildung,  die  den  Vater  und 
3  Kinder  betraf  und  die  besonders  eine  Gabelung  des  unteren  Femurendes 

Femur'enlUShderHLltFatUr  fgibt  sich’  dass  die  g,eiche  Gabelung  des  unteJen 
d  a  der  r°rm  des  angeborenen  Tibiadefektes  vorkommt  die  auf 
A.ussProssung  und  Verkümmerung  des  Tibiastrahls  im  Sinne  der 
rektIIhndhun^einQp  g  e  n  b  a  u  r  s  beruht.  Kommt  es  hierbei  zu  einer  Kor- 
cfullr dung  Forrn.  eiI(er  nochmaligen  Anlage  des  Tibiastrahls  so  Pnt_ 

-  e  t  die  erwähnte  Missbildung  des  Kniegelenkes,  die  durch  eine '  Spaltung 
Aushiid Gren  Femure',desL  und  eine  Verbreiterung  des  Schienbeinkopfes  mit 
i  dung  z™eier  Epmhysenkerne  gekennzeichnet  ist.  Der  Effekt  ist  ein 
angeborenes  Genu  varum  und  eine  Störung  des  Längenwachstums? 

r  a  n  k  e  1.  Bolzung  von  Amoutationsst"mofen,  ihr  Schicksal  und  ihre 
Rat  A  B  i  e“r")e-  (  ^  Universitäts-Klinik  in  Berlin  Dir  "  Geh 

darinDHS,bereitt  3Uf  dem  Chirurgenkongress  1920  mitgeteilte  Verfahren  besteht 
d?n"nda.ss  T?  querer  Durchbohrung  des  Knochens  des  Amputationsstumpfe 
em  Knochenbolzen  meistens  aus  der  Fibula  in  diesen- Kanal  eingetdeben  wird! 


so  dass  seitlich  je  ein  Knochenende  des  Bolzens  mit  Muskulatur  gedeckt, 
prominiert  und  somit  Angriffspunkt  für  die  modifizierte  Prothese  bildet,  viel¬ 
fach  wurde  statt  eines  Bolzen  jederseits  einer  verwendet,  festerer  Sitz  und 
Vereinfachung  der  Prothese  bei  Verringerung  ihres  Gewichtes  und  die  Be¬ 
freiung  der  Nachbargelenke  sind  die  für  den  Prothesenbau  gewonnenen  Vorteile 
des  Verfahrens. 

S  o  n  n  t  a  g  -  Leipzig:  Operierte  Mondbeinverrenkung. 

Eine  isolierte  volare  Mondbeinverrenkung  mit  Rotation  des  Knochens  um 
etwa  90  bot  typisch  klinische  (Vorsprung,  Halbfauststellung  der  Finger, 
nervöse  Störungen)  und  röntgenologische  Symptome  und  wurde  durch  Ex¬ 
stirpation  des  Knochens  geheilt.  Literatur. 

Kurt  Sch  eye  r:  Zur  Frage  der  Pyelo-  oder  Nephrolithotomie  mit  be¬ 
sonderer  Berücksichtigung  der  Röntgendiagnostik.  (Aus  der  Chirurg.  Abt. 
d.  israel.  Krankenhauses  zu  Breslau.  Primärarzt:  Dr,  G  o  1 1  s  t  e  i  n.) 

Von  1910  1920  wurden  bei  46  Patienten  54  Operationen  wegen  Nephro- 

lithiasis  ausgeführt,  darunter  34  konservative  Nierensteinoperationen:  26  Pyelo¬ 
tomien,  3  Nephrotomien  und  5  Urethrotomien.  Die  Pyelotomie  genügt  zu¬ 
sammen  mit  der  Röntgenuntersuchung  zur  Auffindung  der  Nierensteine.  Bei 
freier  Wegsamkeit  des  Ureters  bleibt  ganz  unabhängig  von  Infektion  oder 
Naht  keine  Urinfistel  zurück.  Die  Nephrotomie  soll  für  die  Fälle  mit  aus¬ 
gesprochenen  Parenchymsteinen  und  mit  fehlenden  oder  nicht  darstellbaren 
Nierenbecken  reserviert  bleiben. 

Vorschütz:  Die  knöcherne  Versteifung  der  Wirbelsäule  bei  Erkran¬ 
kung  derselben.  (Aus  dem  St.  Josephs-Hospital  Elberfeld.) 

Bericht  über  26  nach  A  1  b  e  e  operierter  Fälle.’  Verf.  machte  mit  dem 
Verfahren  gute  Erfahrungen  und  empfiehlt  es  vor  allem  für  die  beginnende 
Spondylitis. 

Alexander  Schüppel:  Beitrag  zur  stenosierenden  Tuberkulose  des 
Dünndarms.  (Aus  der  chir.  Abt.  d.  städt.  Krankenhauses  Altona.  Direktor: 
Prof.  Dr.  J  e  n  c  k  e  1.) 

1.  Spastischer  Ileus  bei  Dünndarmtuberkulose,  Ausheilung.  2.  Ulzeröse 
Darmtuberkulose  mit  Fernspasmen  des  Magens,  die  zu  der  Diagnose  eines 
Karzinoms  des  Pylorus  geführt  hatten.  3.  Strikturierende  Tuberkulose  des 
Jejunum,  die  durch  Enteroanastomose  geheilt  wurde.  Die  Enteroanastomose  ist 
in  solchen  Fällen  der  schonendste  Eingriff  mit  guter  Prognose. 

Oswald  Seemann-  Dortmund:  Bügel  zur  Streckbehandlung  der  Ver¬ 
letzungen  des  Handgelenkes. 

Der  Bügel  wird  geliefert  von  B.  Braun-  Melsungen. 

A.  Prikul:  Ueber  die  Behandlung  der  Aktinomykose  mit  Röntgen- 
strahlen.  (Aus  der  chir.  Fakultätsklinik  in  Dorpat.  Dir.:  Prof.  K.  K  o  n  i  k.) 

Der  Fall  von  ausgedehnter  Warzen-  und  Halsaktinomykose  kam  lediglich 
durch  Röntgenbestrahlung  (3  Serien  zu  je  6  und  7  Bestrahlungen  1—2  mm  Al. 
9  10  Wehnelt  A  E.D.  auf  jede  Stelle)  zur  Ausheilung. 

H.  Flörcken  -  Frankfurt  a.  M. 

Zeitschrift  für  orthopädische  Chirurgie  einschliesslich  der  Heilgym¬ 
nastik  und  Massage.  XLI.  Band.  6.  Heft. 

Gustav  Eversbusch  -  München:  Experimentelle  Untersuchungen  über 
die  Lähmungstypen  bei  der  zerebralen  Kinderlähmung. 

alIsgedebrlten  Untersuchungen  an  dem  Material  der  orthopädischen 
Klinik  München-Harlaching  kommt  E.  zu  folgenden  Resultaten:  Nicht  die  Topo¬ 
graphie  und  die  pathologisch-anatomische  Eigenart  der  Hirnläsion  sind  bei 
der  Beurteilung  der  zerebralen  Kinderlähmung  allein  massgebend  für  das 
klinische  Bild,  sondern  vor  allem  auch  die  Intensität  des  Reizes,  der  das 
zentrale  Neuron  trifft.  Schwache  Reize  lösen  an  der  oberen  Extremität 
athetotische  Bewegungen  der  Extensoren  und  Supinatoren  aus  und  führen  an 
der  unteren  Extremität  zu  Spasmen  der  Plantarflexoren  und  Kniebeuger. 
Starke  Reize  rufen  an  der  oberen  Extremität  Spasmen  der  Flexoren  und 
Beuger,  an  der  unteren  solche  der  Plantarflexoren  und  Kniebeuger  hervor. 
Reize  von  schwankender  Stärke  lösen  abwechselnd  Beuger-  und  Strecker¬ 
krampf  aus.  (Vergl.  auch  M.m.W.  1921  S.  627.) 

Fr.  Dun  ck  er:  Die  operative  Entfernung  extraartikulärer  tuberkulöser 
Knochenherde. 

Der  Verfasser  hat  17  Fälle  von  extraartikulären  tuberkulösen  Herden 
operativ  behandelt  und  mit  Ausnahme  von  2  Fällen  sehr  gute  Dauerresultate 
erzielt,  sowohl  bei  geschlossener  als  abszedierter  tuberkulöser  Osteomyelitis. 
Kontraindiziert  ist  die  Operation  bei  Tuberkulose  des  Fussskeletts  und  aus¬ 
gesprochener  Alterstuberkulose. 

F.  Mommsscn  -  Berlin-Dahlem:  Ein  neues  Exartikulationsbein. 

4  Abbildungen  veranschaulichen  die  Konstruktion  einer  Hüftgelenks¬ 
feststellung,  dei  einerseits  an  die  Unterfläche  des  Beckenteils  der  Prothese 
nur  wenig  aufträgt,  andererseits  eine  exakte  Feststellung  des  Hüftgelenks 
erreicht. 

F.  M  o  m  m  s  s  e  n  -  Berlin-Dahlem :  Muskelverhältnisse  beim  kurzen 
Unterschenkelstumpf  und  ihre  Beziehungen  zum  Prothesenbau. 

Infolge  höheren  Ansatzes  der  Unterschenkelmuskulatur  ist  die  Kraft  der 
kurzen  Unterschenkelstumpfe  im  Gegensätze  zu  kurzen  Oberschenkelstümpfen 
nicht  geringer  als  die  der  langen  Unterschenkelstümpfe.  Die  Ausnutzbarkeit 
der  ganzen  Stumpfkraft  hängt  von  der  Festigkeit  der  Verbindung  zwischen 
lebendigem  Stumpf  und  toter  Prothese  ab.  Weichteile  bieten  bei  Beugung 
und  Stie^kung  ebenso  Schwierigkeiten,  sowohl  die  vorderen  wie  die  hinteren 
Weichteile  des  Unterschenkels,  wie  die  des  Oberschenkels.  Nach  an  sich 
selbst  ausgeführten  Untersuchungen  kommt  M.  zu  interessanten  Ergebnissen 
der  Muskelwirkung  auf  den  kurzen  Unterschenkelstumpf,  aus  welchen  er  die 
Wirkung  der  Hoohlagerung  des  Kniescharnieres  über  die  Knieachse  folgert. 

R.  P  ü  r  c  k  h  a  u  e  r. 

Die  Analyse  der  Hüftgelenksbewegungen  am  Lebenden,  dargestellt  an 
Bewegungen  in  der  Frontalebene.  Ein  Beitrag  zur  funktionellen  Gelenk¬ 
diagnostik  von  Richard  S  c  h  e  r  b.  Beilageheft  der  Zsclir.  f.  orthop.  Chir.  4L 

Die  hochwissenschaftliche,  auf  genaue  mathematische  Berechnungen  auf¬ 
gebaute  Arbeit  muss  im  Orginal  nachgelesen  werden.  R.  Pürckhauer. 

Zentralblatt  liir  Chirurgie.  1921.  Nr.  50. 

Herrn.  Kümmell  jr.-Hamburg:  Ueber  eine  Gruppenreaktion  mit  Blut¬ 
körperchen  zum  Nachweis  aktiver  Tuberkulose. 

Ausgehend  von  der  Eigenharnreaktion  nach  W  i  1  d  b  o  1  z,  deren  Wesen 
darin  besteht,  dass  Urin  von  aktiv  tuberkulösen  Menschen  auf  1/io  seines 
Volumens  eingedampft  und  in  minimaler  Menge  beim  Spender  intrakutan 
injiziert  ein  Infiltrat  an  der  Injektionsstelle  hervorruft,  hat  Verf.  weitere 


24 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WÜCHENSCHRIEI . 


Nr.  1. 


Versuche  gemacht;  erbenützt  10  ^^CeS^sS^Bodens^z  "et! 
Blut  versetzt  wird;  die  Blutkörperchen  s  grossen  Quaddel.  Bereits 

wird  dann  intrakutan  injiziert  bis  zu  Ausser  dem  Blutspender 

SKÄ-Ä 

««»  Aumode»  vo„  . . 

tumoren  bei  der  Trepanation  durch  f Verl,  auf 

■lkS;l£1“iTÄ!?ir£t ...  «-«-*  ■*» 

•“MSÄ  den“»”;,.,  konstruierten  Apnarai,  den  Widerstand 
im  Hin,  S  Sirnf.i»or  mittels  de,  W  I,  e  ,,  t  s  t  o  n  e  sehen  Bracke  zu  he- 

stimmen,  r  ,Landau;  Beitrag  zur  Technik  der  Magenoperationen. 

Ans  4  Abbildungen  ist  die  Technik  des  Verfassers  bei  Magenulcus  leicht 
■  m  ,-t,  Resekt  on  des  das  Ulcus  tragenden  Magenteiles,  Anastomosen- 
b  IduSg  VerfchTuss  des  Duodenums ;  zuletzt  Ablösung  des  Qeschwürteiles  von 

Scktal  Auch  bef tÄÄm ufeus  dUdeni  sichert  ein  Serosalappen  gut  die 

ÄM  m““  - der 

VeU  6hat  6jede,a Vuch^ schwer^Adtselhöhlenfurunkulose  auf  zweimalige 
Röntgenbestrahlung  In  ^  Jochen  abheilen 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1921.  Nr.  50. 

I  H  o  f  b  a  u  e  r  -  Dresden:  Zur  Klärung  der  Eklampsiefrage. 

.|1lsfiihrlicher  Weise  nimmt  Verf.  zu  allen  die  Eklampsiefiage  be¬ 
wegenden  '  strittigen  Fragen  Stellung.  Immunisatorische  Vorgänge  hnden 
unter  dem  Einfluss  des  Eintrittes  von  plazentarem  Eiweiss  nicht  statt.  da- 
gegen  treten  im  maternen  Blut  Abwehrfermente  auf.  Diese  plazentaren 
Fermentintoxikationen  erklären  die  typischen  Organverandei  ungen  Als  ent- 
Schutz ist  die  Erhöhung  des  Cholesterinspiegels  im  Blute  anzu¬ 
sprechen.  ^Difaltf  AnLhauung,  die  Schwangerschaftsniere :  auf  eine ?  renale 
isrhurip  zurückzuführen,  wird  wieder  modern.  Für  den  eklamptiscne 
SvmntomenkoSex  kommt  die  gesteigerte  Hormontätigkeit  des  Hypophysen- 
A d renal svstenis P zur  Geltung.  Diese  vasokonstriktorischen  Hormone  sind  die 
Ursache  der  Angiospasmen  bei  Eklampsie  und  Nephropathie.  Die  Behandlui  g 
V” Eklampsie hat  vor  allem  die  Aufgabe,  die  Hypophysenwirkung  auszu- 
Salten  Dahin  gehören  Aderlass.  Choraldehyd  und  Luminal  und  Injektion 
von  Ovarialextrakt.  Dass  die  Arbeit  sich  natürlich  mit  den  modernen  Autoren, 
wie  Zangemeister,  Westermar  ,  Oessner  u.  a.  zum  Teil 
nolemischer  Form  auseinandersetzt,  ist  naturlicn. 

poleimscner  ro  Aetiologie  und  Behandlung  der  Eklampsie 

Verf  berichtet  über  gemeinsam  mit  Ernst  Schulz  ausgefuhrte  Versuche, 
durch  die  in  der  Plazenta  qin  pankreatinähnliches  Ferment  nachgewmsen 
i  n  i-nnntp  Dip  Pta7enta  i st  die  Stelle,  an  der  das  eklamptische  C j  1 1 1 
gebildet  wird  Dass  der  veränderte  Chemismus  das  Krankheitsbild  bedingt, 
fst  durch  exakte  serologische,  toxikologische  und  chemische  Forschungen  er¬ 
wiesen.  Darum  ist  als  Behandlung  auch  die  Schnellentbindung  zu  fordern, 
rinri'n  Resultate  statistisch  sich  als  weitaus  die  besten  erwiesen  haben. 

WGessn  er- Olvenstedt-Magdeburg:  Die  badische  Eklampsiestatistik 

^  der  Kriegsarbeit  für  die  Frauen 

und  der  Rückkehr  von  Ruhe  in  ihren  häuslichen  Verhältnissen  die  Eklampsie 
wieder7 häufiger  werden  würde,  hat  sich  in  Baden  bestätigt.  Die  Geburt  n 


und  der  Rückkehr  von  Ruhe  in  ihren  nausucnen  veriiuum»™  um.  -‘-VE.“ 
wieder1  häufiger  werden  würde,  tat  eich  in  Baden  bes«„2,  Die  Geburten 
haben  in  Baden  gegenüber  dem  Jahresergebnis  von  1918  um  rund  5U  Rroz.. 
Sie  Eklampsien  um  rund  250  Proz.  zugenommen.  Mit  der  Ernährung  hat  die 

Eklampsie  aber  recht  wenig  zu  tun.  .  _  .. 

W.  W  i  e  g  e  1  s  -  Schwerin  i.  M.:  Ueber  eineii  besonderen  Fall  von 

totalem  Dammriss^  Jahren  eine  schwere  Zangenentbindung 

durchgemacht  und  war  seitdem  völlig  inkontinent.  Im  Anschluss  an  das 
zweite  Wochenbett  beseitigte  W.  ihr  auf  operativem  Wege  mit  bestem  Erfolge 
den  totalen  Dammriss.  Kombinierte  Transversus-Levatornaht.  ,  _ 


Archiv  fiir  Verdauungskrankheiten  mit  Einschluss  der  Stoffwechsel¬ 
pathologie  und  der  Diätetik.  Heraus«.  Piof.  J.  Boas.  Band  XXVIII. 

Doppelhaft  3/4  . 

Grote  und  S  t  r  a  u  s  s  -  Halle:  Untersuchungen  bei  einem  Fall  ^chro¬ 
nischer  Pankreatitis.  (Aus  der  med.  Universitätsklinik  Halle.  Pro  . 

h  '  nie  inchgewiesene,  nur  partielle  Schädigung  der  Pankreassekretion,  d.  h. 
Intaktheit  der  Amylaseabsonderung  bei  hochgradiger  Lipasestorung,  sei  less 
jedenfalls  einen  mechanischen  Abschluss  des  Ausfuhrungsganges  aus  u  d  t 
insofern  von  Bedeutung,  als  die  Patientin  demnach,  trotz  ^'^chter  KosF 
fast  ausschliesslich  vom  Kohlehydratanteil  lebt,  so  ^  sich 

Setzungen  im  Körper  vorausgesetzt  werden  ' n U S s e n  A c 1 1 o  1  ° k i s c H  c r k Ua t  sich 
die  Möglichkeit  einer  gastrogenen  Dyspepsie  auf  Onad  d  Heterochylie  de! 
Mageninhalts,  doch  ist  auch  an  eine  primäre  Pankreaserkrankung  zu  denken. 
Singer- Wien:  Zur  Pathogenese  und  Klinik  des  Duodenalgeschwürs. 
Aus  des  Verfassers  auf  mehrere  Jahre  zurückreichendcn  klinisch-anatomi¬ 
schen  Befunden  ergibt  sich,  dass  die  Entstehungsbedingungen  des  Zwolfnnger- 


darmgeschwüres  keinesfalls  einheitliche  si  .  Rolle  der  Vagusgenese 

lösenden  Momenten  in  Betracht  kommt.  Die  uU$scr  allem  Zweifel  und 

des  peptischen  Magenduodenalgeschwurs  s ’^'t  ‘  ltuberkulöse  Erkrankung  der 

im  Zusammenhang  damit  eine  ausg  P  rjSchen  Symptomen  im  Vorder- 
Lunge,  teils  mehr  latenter  Art,  mit  den  i  £  klinisch  manifesten 

grund  der  Erscheinungen  teils  *cm  ®SieUb«en  Geschwür««  des 

Tuberkulose  mit  manifesten  autoptisch  ieSchwüren  gibt  es  ausserdem 

Magendarmtraktes.  N  eb  e  n  d  l  e  s  e  n  n  eu  r  o  1 1 sch e n ^ G esc h^/ur p  p  g  p  ^  Sepsis.  Ver- 
solche.  bedingt  durch  Bleivergiftung,  hluss  tritt  s  noch  der  Frage 

brennung,  sowie  auch  durch  Trauma.  -  äVmlirVien  Ergebnissen,  wie  wir 

ääSää  * -  — 

Anwendung  in  einem  Fall  v®n  “I^^onder^^ucFi*  den  Dickdarm  diagnostischen 
Um  nicht  nur  den  Dünndarm,  sond5™  chen  hat  E.  einen  ge- 

und  therapeutischen  Massnahmen  zugangU  Bes“hre;bung’er  hier  gibt,  wobei 
ShdmVchnaUerÄsdder  Befürchtung  nicht  zu 

Snf  ZI"  ÄÄ»—  »“  -* 

zutragen.  M  •  Ueber  den  Einfluss  des  Kauaktes  auf 

v.  Friedrich-Frankfurt  a.  m..  ueDerucii  inneren 

die  Sekretion  des  Magens  bei  Ges“* ,,  nd  D  [eS  Prol.  E  h  r  m  a  n  n.) 

Abteilung  des  städt.  Krankenhauses  Neukollm  rek  Verdauungs¬ 
in  vorliegender  preisgekrönter  Arbeit  d«  ,n|eJ  Kauaktes  und 

und  Stoffwechselkrankheiten  untersucht  F.^  ^  E^  ^  zunächst  prü{t?,  ob 

zwar  stellte  er  seine  Versuche  in  .,  •  jviagensaftsekretion  zu  er- 

die  Kaubewegung  allem  bzw.  der  S.PelctE  ‘  .  uppe  muSste  die  Nahrung 

zeugen  imstande  sei?  In  einer  zweiten  versuchsgruppe  sch,uck_ 

einmal  tüchtig  zerkaut  werden,  ein  anderesms  ^  ciner  dritten  Gruppe  endlich 

fertig  gereicht  unter  Veimeidung  des  K<  •  ,  ..  quer  auch  chemisch 

wurden  die  verschiedensten  Na  Rurigs  ’  ]ediglicFi  kauen  mussten 

indifferente  Stoffe  gegeben,  die  dle  Ju  ^!ldPe  dann  jeweils  exprimiert  bzw. 
ohne  zu  schlucken.  Der  Magemnh  azidität  und  Fermente  bestimmt, 

aspiriert,  gemessen,  filtriert  und  HC 1.  ' Gesamtazia  tax  u  ß  ^  herausgreifen 

Aus  den  zusammenfassenden  Ergebni  M-.eensekretion  hervorzurufen,  auch 
so.  dass  der  Kauakt  an  sich  genügt,  um  Magenseki re™re„d  psychische  Ein¬ 
scheint  der  Speichel  dabei  eine  Rollt  Wichtigkeit  ist  ferner,  dass  durch 
flüsse  anscheinend  ohne  Belang.  erzielen  ist  als  ohne  Kauen,  so 

ausgiebiges  Kauen  eine  derbere  Kost  von  fester  Konsistenz 

dass  es  sich  empfiehlt  bei  Subaziditat  ,  ■  HvDerazidität  mehr  eine 

länger  kauen  zu  lassen  u"d  .*“nK  zu  vermeiden.  Die  verschiedenen 
Pürierte  Kost  zu  reichen,  um  d‘S  und  Gewürze  verhalten 

Nahrungsbestand  teile,  Eiweiss,  KoUehydrate.  «e  Stoffe  rufen  nicht 

sich  verschieden,  chemisch  indifferen  K  dgr  Sekretionsstärke 

immer  Magensaftsekretion  hervor.  Nach  der  Reiher  E  .  ,  „  t  Eier, 

verlialten  sich  die  einzelnen  = 

'  rJÄt0,L! ’T ‘wteSSn, 

nie  im  unmitteibaren  ^Schluss  a^  eme  Ga^njenterostomie^_aufgeH 

auffallend  starke  intestinale  Dyspepsie  war  alter  wa  Salzsäure  auf  die 

Fh! r m d fas t as e* W/. uz u s c h rei b e n ,b "ir' gen dw eich' e  Störung  der  Pankreassekretion 

War  Me®??!!' 'n  frTcM ’-Senhagen:  Darmstriktur  und  perniziöse  Anämie. 
^Lmmenfass^n^lässtTch  üScr  den  vorliejnd«  ™ 

„tfSÄ  nS^gülartiSTtJarrstri^ 

Geschwüren)  entwickeln  kann  und  zwar  ^t  striktur  gelegenen 

Anai0ea  ss  mann -Berlin:  Zur  Röntgendiagnose  des  Magenpolypen.  (Aus 

Trichobezniir  differentialdnignostisch^  abzuerenzen.  The<)rie  ^  Technik  de, 

Aziditätsbestlminuna  des  M.kenlnhalis.  (Bemerkungen  an  der  Arbert  von 

W  Haber,  se«  sieb  hier 

man  sie  nur  richtig  deutet. 


Archiv  Sür  Psychiatrie  und  Nervenkrankheiten.  64.  Band.  1.  und 
2.  Heft.  1921. 


eit.  \yc\.  ,  .  . 

wird  doch  hi  ihnen  durch  antisoziale  Handlungen  zum  Ausdruck  kommen. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


25 


Auch  wenn  ihnen  die  Möglichkeit  zur  Aneignung  und  zum  Festhalten  von 
Kenntnissen  nicht  fehlt,  verhindert  doch  ihre  grosse  Ablcnkbarkeit  eine  für  die 
Allgemeinheit  wertvolle  und  erspriessliche  Tätigkeit.  Im  Gegensatz  zur 
Pseudodemenz  der  pathologischen  Reaktion  Hysterischer  findet  sich  bei  den 
Degenerativen  oft  eine  Pseudointelligenz.  Ihre  Willenstätigkeit  ist  durch  die 
Unfähigkeit  zu  determinieren  aus  der  normalen  Bahn  gedrängt.  Die  Antriebs¬ 
fähigkeit,  die  sog.  innere  Peitsche  fehlt  ihnen.  Sie  wird  bei  den  ver¬ 
brecherischen  Jugendlichen  meist  von  fremden  Händen  geschwungen. 

Arthur  S  o  n  n  e  n  b  e  r  g  -  Wolfenbüttel:  Ueber  die  inneren  und  äusseren 
Ursachen  des  Jugeudirreseins  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Kriegs¬ 
schädigungen.  (Aus  der  Universitäts-Nervenklinik  Halle  a.  S.) 

Beiin  Jugendirresein  kann  äusseren  Momenten  keine  ursächliche, 
höchstens  eine  auslösende  Bedeutung  beigemessen  werden,  d.  h.  ohne  die 
zahlreichen  exogenen  Schädigungen  wäre  die  Psychose  vielleicht  nicht  so 
schnell  und  in  nicht  so  ausgeprägter  Form  manifest  geworden.  Als  alleinige 
Ursache  der  Schizophrenie  bleibt  daher  die  Endogenität  bestehen.  Wir 
müssen  also  eine  schizophrene  Anlage  auch  in  allen  denjenigen  Fällen  von 
Jugendirresein  annehmen,  in  denen  keine  anamnestischen  Anhaltspunkte  für 
eine  solche  vorliegen. 

W.  Jacobi-Jena:  Ueber  die  Beziehung  des  dichterischen  Schaffens  zu 
hysterischen  Dämmerzuständen,  erläutert  an  der  Art  Goethe  scher 
Produktivität. 

Im  unbewussten  Schaffen  Goethes  haben  wir  ein  Aufströmen  reif¬ 
gewordener,  in  bestimmter  Richtung  arbeitender  Denkprozesse  vor  uns,  eine 
Entladung  der  Psyche  in  der  Richtung  der  grössten  Kraft.  Es  ist  aber  nicht 
zu  verkennen:  es  gibt  Berührungspunkte  zwischen  dem  unbewussten,  zwang- 
mässigen  Schaffen  Goethes  und  gewissen  somnambulen  Anfällen,  traum¬ 
artigen  Bewusstseinszuständen  eigener  Form,  die  plötzlich  anfallsartig  auf- 
treten  und  deren  Wurzeln  aus  Erlebnissen  der  Vergangenheit  herauswachsen, 
Zustände,  die  sowohl  nachts  kommen  —  und  da  wohl  am  besten  als  Steigerung 
normaler  Traumvorgänge  aufzufassen  sind  — ,  aber  auch  ganz  besonders  am 
Tage  in  die  Erscheinung  treten.  Aber  Goethe  war  nicht  krank,  er,  ein 
Mensph,  uns  Deutschen  immer  das  Sinnbild  innerer  Kraft  und  Stärke,  un¬ 
bezwingbar  durch  die  tiefsten  Erlebnisse  persönlicher  Art,  besiegte  sie  durch 
die  Selbstbeherrschung  seiner  Natur.  Der  Psychopath  dagegen  kann  sich 
nicht  selbst  befreien,  er  krankt  an  seinen  Erlebnissen,  ist  also  krank. 

Jul.  Büscher:  Störungen  der  Funktionen  von  Hypophyse  und  Zwischen¬ 
hirn  bei  Lues  cerebri.  (Aus  der  psychiatr.  und  Nervenklinik  Kiel.)  (Mit 
2  Textabbildungen.) 

Mit  Wahrscheinlichkeit  wird  in  einem  ausführlich  mitgeteilten  sehr  lehr¬ 
reichen  Falle  ein  luetischer  Prozess  an  der  Basis  des  Gehirns  mit  vornehm- 
licher  Lokalisation  im  Bezirke  der  Hypophyse  und  des  Zwischenhirns  an¬ 
genommen,  der  sich  vermutlich  in  Form  einer  umschriebenen  Meningo¬ 
enzephalitis  abgespielt  hat. 

H.  Pette:  Zur  Symptomatologie  und  Differentialdiagnose  der  Kleinhirn¬ 
brückenwinkeltumoren.  (Aus  der  Universitäts-Nervenklinik  Hamburg.) 

Der  Arbeit  liegen  7  Fälle  von  wirklichen  Kleinhirnbrückenwinkeltumoren 
und  3  Fälle,  die  unter  ähnlichen  Symptomen  verliefen,  zugrunde.  Bei  den 
letzteren  handelte  es  sich  um  ein  intrapontines  Sarkom,  um  multiple 
Konglomerattuberkel  und  um  einen  Fall  von  Pseudotumor. 

Wern.  H.  Becker:  Paul  M  o  r  p  h  y,  seine  einseitige  Begabung  und 
Krankheit. 


Paul  M  o  r  p  h  y,  der  grösste  Schachmeister,  der  je  gelebt  hat,  war  völlig 
einseitig  begabt,  vielleicht  sogar  imbezill.  Er  wurde  bereits  in  jungen  Jahren 
nach  einer  Glanzperiode  von  wenigen  Jahren  geistig  insuffizient,  versagte  im 
Kampf  um  das  Dasein  immer  mehr  und  war  in  den  letzten  Lebensjahren  vor 
dem  früh  erfolgten  Tode  ein  ausgesprochener,  pflegebedürftiger  Geisteskranker. 
Eine  genauere  Diagnose  seiner  Geisteskrankheit  lässt  sich  aus  den  vor¬ 
handenen  Akten  nicht  mehr  stellen.  Es  handelt  sich  jedenfalls  bei  ihm  um 
das  frühzeitige  Auftreten  einer  einseitigen  Begabung  mit  Ausgang  in  psychische 
Schwäche. 

W.  L  o  e  1  e  -  Hubertusburg:  Struktur  und  Seele.  Eine  histologische  Be¬ 
trachtung.  (Mit  3  Textabbildungen.) 

Heinrich  Rüge:  Kasuistischer  Beitrag  zur  pathologischen  Anatomie  der 
symmetrischen  Linsenkernerweichung  bei  CO-Vergiftung.  (12  Fälle.)  (Aus 
dem  pathol.  Institut  des  Stadtkrankenhauses  Friedrichstadt  zu  Dresden.)  (Mit 
2  Textabbildungen  und  9  Kurven.) 

Bei  der  CO-Vergiftung  sind  es  hauptsächlich  die  Gefässerkrankungen, 
welche  die  Schädigung  des  Gehirns  hervorrufen.  Erst  werden  zunächst  die 
Nervenelemente  getroffen,  die  sich  infolge  der  nachfolgenden  Schädigung  der 
Gefässe  nicht  wieder  erholen  können.  Die  Gehirn-  und  Gefässveränderungen 
lassen  vermuten,  dass  das  CO  ein  spezifisches  Nerven-  und  Gefässgift  ist  und 
zwar  scheint  es  besonders  auf  die  Gefässe  des,  Gehirns  im  Bereich  des  mitt- 
Ieren  Linsenkernes  zu  wirken.  Symmetrisch  gelegene  Erweichungsherde  und 
Gefässveränderungen  im  mattieren  Teile  des  Linsenkernes  sind  für  die  CO- 
Vergiftung  typisch.  Mikroskopisch  findet  sich  in  allen  Fällen  eine  starke 
Hyperämie  im  Erweichungsherd  und  seiner  Umgebung.  Die  Gefässe  zeigen 
in  zunehmendem  Masse  hyaline  Degeneration  und  Verfettung  und  beginnen' 
von  der  Media  aus  zu  verkalken.  Schliesslich  kommt  es  soweit,  dass  man 
überhaupt  nur  drei  blaue  Ringe  sieht,  welche  die  früheren  Gefässwände  ersetzt 
naben.  Dazu  treten  noch  zahlreiche  Blutungen.  Bei  den  Veränderungen  der 
Gefässe  spielt  die  Arteriosklerose  eine  grosse  Rolle.  Je  stärker  die  Arterio¬ 
sklerose  ist,  desto  schwerer  sind  die  Gefässveränderungen. 

Bruno  Müller:  Ueber  einen  Fall  von  Stirnhirnverletzung.  (Aus  der 
psyclnatr.  und  Nervenklinik  Königsberg  i.  Pr.) 

Durchschuss  durch  grosse  Teile  beider  Stirnlappen.  Folgeerscheinung- 
grundlegende  Veränderung  der  Psyche,  ausgesprochene  Hemmung,  gänzliche 
Aspontaneitat,  hochgradiger  Mangel  an  Willensantrieb  bis  zu  stumpfem, 
euphoristischen  Hinbrüten  mit  stereotypem  Lächeln  und  zeitweiliger  Betonung 
Usu,biek‘lven  Wohlbefindens:  Vortäuschung  einer  hochgradigen  Demenz 
irch  den  Mangel  an  Antrieb;  Urteilsfähigkeit,  besonders  auch  seinem  eigenen 
Zustande  gegenüber,  gestört;  Gedächtnis  und  Merkfähigkeit  lückenhaft,  Asso¬ 
ziationen  primitiv  Der  Fall  bietet  eine  höchst  wertvolle  und  anregende 
Bereicherung  des  kasuistischen  Materials  der  Stirnhirnaffektionen. 

J.  R  ü  1  f:  Zur  Stellung  der  Dystrophia  myotonica.  Auf  Grund  eigener 
Beobachtung.  (Aus  der  Bonner  Universitätsklinik  für  psychisch  und  Nerven- 
kranke.) 


Weitgehende  Uebereinstimmung  des  vorliegenden  Falles  mit  den  bisher 
ei14?;11  FaiIei?’  ,In  welcher  Form  die  supponierte  zentrale  Erkrankung 
mit  einer  Stoffwechselerkrankung  oder  mit  einer  etwa  vorliegenden  innersekre¬ 


torischen  Erkrankung  in  Verbindung  gebracht  werden  könnte,  darüber  spricht 
sich  Verf.  am  Schlüsse  zu  weiterer  Ueberlegung  und  Forschung  anregend  aus. 

ßücherbesprechungeii.  Germanus  Flat  a  u  -  Dresden. 

Berliner  klinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  51. 

M.  H.  K  u  c  z  y  n  s  k  i  -  Berlin:  Die  Kultur  des  Fleckfiebervirus  ausser¬ 
halb  des  Körpers. 

Verf.  ging  bei  seinen  Versuchen  von  dem  Gedanken  aus,  zum  Zwecke 
der  Viruskultur  das  virulente  Gewebe  selbst  zu  züchten,  zumal  das  betr. 
Virus  ein  Parasit  des  endothelial-histiozytären  Systems  ist.  Aus  den  im 
einzelnen  geschilderten  Versuchen  wurde  die  Ueberzeugung  gewonnen,  dass 
das  Virus  des  Fleckfiebers  mit  den  von  Rocha-Lima  eingehend  studierten 
Parasiten  der  Fleckfieberlaus  identisch  ist.  Durch  die  Kultur  des  Fleck¬ 
fiebervirus  im  Gewebe  wurde  erreicht,  dass  die  Identität  des  Virus-  mit  der 
Rickettsia  Prowazeki  endgültig  sichergestellt  ist., 

E.  Tobias-  Berlin:  Ueber  einen  Fall  von  jugendlicher  Claudicatio  inter- 
mittens  non  arteriosclerotica  mit  Raynaud  sehen  Erscheinungen. 

Mitteilung  über  eine  an  einem  25  jähr.  Patienten  gemachte  Beobachtung, 
bei  welchem  es  sich'  nicht  um  eine  gutartige  angiospastische  Erkrankung 
handelte,  sondern  um  eine  maligne,  indem  es  schon  nach  2  jähr.  Bestehen 
zu  Gangrän  kam,  die  ständig  fortschreitet. 

H.  L.  Tetzner  -  Z'ttau:  Ein  Fall  von  Polyneuritis  mit  erhaltenen  Knie¬ 
sehnenreflexen. 

Bei  dem  mitgeteilten  Fall  von  Polyneuritis  könnte  ursächlich  ein  tropisches 
Virus  in  Betracht  kommen,  während  Tabes  ausscheidet.  Krankengeschichte 
des  39  jähr.  Patienten. 

P.  M  a  n  a  s  s  e  -  Berlin :  Ueber  operative  Behandlung  des  Schulter- 
Schlottergelenks  nach  Schusslähmungen. 

Aus  der  Zusammenfassung  der  gemachten  Beobachtungen:  die  betreffen¬ 
den  Schlottergelenke  werden  durch  die  Umpflanzung  des  M.  pect,  major  an 
die  Stelle  des  M.  deltoides  völlig  beseitigt,  gleichzeitig  wird  eine  aktive  Be¬ 
weglichkeit  mässigen  Grades  für  den  Oberarm  nach  allen  Richtungen  er¬ 
reicht.  Orthopädische  Stützapparate  und  Arthrodese  sollten  nur  Anwendung 
finden,  wenn  die  Muskelumpflanzung  aussichtslos  erscheint. 

Hammerschlag  -  Berlin-Neukölln:  Ueber  Abortbehandlung. 

Aus  Hunderten  von  Abortusfällen  werden  folgende  therapeutische  Leit¬ 
sätze  abgeleitet:  in  geeigneten  Fällen  von  Blutungen  ist  der  Versuch  zu 
machen,  die  Schwangerschaft  zu  erhalten.  In  allen  anderen  Fällen  ist  zu¬ 
nächst  die  Spontanausstossung  anzustreben.  Inkomplette  aseptische  Aborte 
sind  aktiv  zu  beenden.  Septische  Aborte  sind  zunächst  exspektativ  zu  be¬ 
handeln.  Die  digitale  Ausräumung  mit  gelegentlicher  Unterstützung  durch 
geeignete  Instrumente  ist  das  für  den  Praktiker  beste  Verfahren. 

E.  M  e  1  c  h  i  o  r  -  Breslau:  Ueber  den  heutigen  Stand  des  Basedow¬ 
problems  in  Theorie  und  Praxis. 

Verf.  macht  den  Versuch,  dem  Praktiker  eine  Orientierung  zu  geben 
über  die  z.  T.  noch  ganz  im  Flusse  befindlichen  theoretischen  Anschauungen 
betr.  der  Pathogenese  des  Basedow,  erörtert  die  M  ö  b  i  u  s  sehe  Theorie, 
die  Basedowdisposition,  für  welche  der  Kropf  unstreitbar  eine  prädisponierende 
Rolle  spielt  und  die  Beziehungen  zwischen  Basedow  und  Thymus.  Die 
Vergrösserung  dieser  geht  parallel  der  Schwere  des  Grundleidens  (Capelle). 
Beti.  der  klinischen  Einteilung  wird  vorgeschlagen,  die  Fälle  mit  vorwiegen¬ 
der  nervöser  Komponente  von  den  ausgesprochen  thyreotoxischen  Fällen  zu 
trennen.  Ein  sicheres  interes  Mittel  gegen  den  Basedow  gibt  es  nicht,  auch 
das  Röntgenverfahren  hat  die  Erwartungen  nicht  erfüllt.  Verf.  erörtert  dann 
besonders  noch  die  Indikationen  für  einen  operativen  Eingriff,  den  Zeitpunkt 
derselben.  Die  Erregungszustände  vor  und  nach  der  Operation  werden  wirk¬ 
sam  mit  Adalin  bekämpft. 

A.  Magelssen-  Christiania:  Genius  epidemicus  (in  Berlin). 

In  diesem  Teile  des  Aufsatzes  werden  die  Zusammenhänge  zwischen 
Wetter  und  Ehe,  Wetter  und  Geburten,  Wetter  und  Lungentuberkulose  bzw. 
Scharlach  an  weiteren  Kurven  auseinandergesetzt.  Es  muss  auf  das  Original 
verwiesen  werden. 

M.  S  c  h  n  e  i  d  e  r  -  Zittau :  Der  serologische  Luesnachweis  mittelst  der 
Flockungsreaktionen  nach  Sachs-Georgi  und  Meinicke  und  der 
Wassermann  sehen  Reaktion. 

An  Hand  seiner  Untersuchungen  kommt  Verf.  zum  Schlüsse,  dass  die 
Flockungsreaktionen,  in  erster  Linie  jene  nach  Sachs-Georgi,  bei  guter 
Technik  wohl  imstande  sind,  die  WaR.  zu  ersetzen.  Spätpositiver,  schwacher 
Ausfall  der  S.-G.-R.  muss  mit  Vorsicht  verwertet  werden.  Jede  der  3  Reak¬ 
tionen  kann  trotz  sicherem  klinischen  Befund  negativ  ausfallen. 

Grassmann  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  50. 

Nonne:  Ueber  einen  klinisch  und  anatomisch  untersuchten  Fall  von 
Meningitis  cerebrospinalis  acuta  syphilitica  (mit  positivem  Spirochätenbefund) 
im  Frühstadium  der  Lues. 

Die  Blutzelleninfiltration  und  die  Form  der  Gefässerkrankung,  beides  im 
gesamten  Zentralnervensystem,  war  bezeichnend,  dazu  charakterisiert  durch 
den  Nachweis  der  Spirochaeta  pallida.  Auf  Grund  des  klinischen  Bildes  ist 
zu  fordern,  dass  bei  jeder  akuten  zerebrospinalen  Meningitis  auch  an  die 
Syphilisätiologie  zu  denken  wäre. 

E.  Ko  Ile:  Zur  chemotherapeutischen  Aktivierung  der  Salvarsan- 
präparate  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Metallsalvarsane  und  der 
einzeitigen  intravenösen  Salvarsan-Ouecksilbertherapie. 

Durch  die  bezeichnten  Präparate  gelang  es  auch  in  kleinen  Dosen  die 
\\ukung  des  Arsens  —  im  Tierversuch  —  wesentlich  zu  steigern  durch  eine 
Umstimmung  oder  Aktivierung  der  Gewebe,  welche  der  üblichen  Protoplasma¬ 
aktivierung  zu  entsprechen  scheint.  Ganz  anders  wirken  die  echten  Metall- 
salvursane,  denn  sie  sind  stabile  Verbindungen  mit  neuen  chemischen  Eigen- 
schäften;  daher  ergibt  sich  hier  eine  Potenzierung  von  Silber  mit  Salvarsan. 

H.  Schlesinger:  Zur  Klinik  und  Therapie  des  intermittierenden 
Hinkens. 

Zusammenfassender  Vortrag  über  Aetiologie,  Klinik,  Diagnose  und 
Differentialdiagnose  sowie  der  Therapie.  Empfohlen  wird  auf  Grund  bester 
Erfolge  die  subkutane  Injektion  von  Natrium  nitrosum;  20 — 30  Einspritzungen, 

/  -  1  com  0,2:  10,0  bilden  eine  einzelne  Kur. 

O.  Fischer:  Ueber  die  unspezifische  Therapie  und  Prophylaxe  der 
progressiven  Paralyse. 

Paralyse  ist  nicht  unheilbar.  Luesspezifika  scheinen  therapeutisch  und 
prophylaktisch  wertlos  zu  sein.  Auffallende  Erfolge  ergab,  je  jünger  das 


Nr.  1. 


Individuum  und  je  kürzer  die  Krankheit  dauerte  desto  sicherer,  die  Leuko- 
iyt°s"ohe,Toe  Ä”i  U:  Ä-”'  Betau»««  der  etadaliven  Form  von 

SÄ  Indikationen,  anei,  »,  Lnii- 

IferTÄÄ  M  den  it«, toten 
Antwortern  ^  ^  #  Methodenwah,  5n  der  Röntgendiagnostik.  Die  unzweck- 

rnässleen  und  die  ,^*®kd,S1ijfh|"tz^ed^  Vielen  aus  dem  Herzen  gesprochen 
s,„dD"ndr1ieAbd£hTei“mbaed«“keUSde?  Fräse  de,  Rod.taditaos« 

ithHglrclüarng  beieuchtei;  ^  Cymarintheraple.  Digitalis 

Fmnfehlune  des  Mittels  zusammen  oder  an  Stelle  der  Digitah. . 

K  Meyer'  Ueber  das  Vorkommen  von  Diphtheriebazillen  im  Auswu  . 
r'p!  Tuberkulösen  fand  sich  auffallend  oft  (unter  100  Fällen  15  mal)  im 

E.  Runge:  Geburtshilfe  der  Unfallstation. 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  48. 


bewiesen  Die  diagnostische  Bedeutung  der  Farbstoffausscheidung :  aus  den 
Nieren  erfährt  dadurch  eine  neue  Einschränkung.  Die  Therapie  der  Qic  . 

von  Geschoss- 

c K“T“z»r  «ooo  der  .oeontine.U, 


urlnae.  ^  Q  ö  b  e  j  u  S  1 5  c  k  e  1  sehen  Pyramiden-Faszienplastik 

namentlich  auch  für  die  Fälle  von  männlicher  Epispadie  mit  totaler  !"kontinenz. 

aLedde  rhose- München :  Chirurgische  Prak¬ 

tiker. 


J.  Fibiger -Kopenhagen:  Virchows  Reiztheorie  und  die  heutige 
experimentelle  Geschwulstforschung.  Schluss  folgt. 

H  S  t  a  h  r  -  Danzig:  Schusterdaumenkrebs.  „  .  ,  , 

Vom  pathologisch-anatomischen  und  biologischen  Gesichtspun 
wird  der  verhornende  Plattenepithelkrebs  besprochen,  der _  sich 1  nicht  wfog 
des  Schusterpechs,  sondern  infolge  vieler  sich  erbo  lender  Werner 

mechanischer  Schädigungen,  quasi  expenmen teil  erzeugt,  am  linken  uau 
eines  17  jährigen  Schuhmacherlehrlings  entwickelt  hatte.  ..  . 

A.  Mayer-  Tübingen:  Ueber  die  Wirkung  der  Lumbalanästhesie  auf  die 

g'atte  Muskulatur  Lumbalinjektiorl  konnte  mehrfach  Stuhlabgang  gesehen 
werden  Der  Grund  dazu  ist  nicht  sowohl  in  einer  SphinktererscMaffung  als 
vielmehr  in  einer  Ausschaltung  der  die  Darmperistaltik  hemme 'nd®n  Su„e  eines 
711  erblicken  Andererseits  kam  aber  auch  zweimal  die  Losung  eine 
spastischen  Heus  durch  die  Lumbalanästhesie  zur  Beobachtung  Die  nac 
Lumbalanästhesie  verhältnismässig  häufige  Harnverhaltung  ist  viel leicht  Ü _  h 
eine  Ausschaltung  des  Parasympathikus  (Pelvikus)  und  1 damit  bew: irk 
Detrusorerschlaffung  zu  erklären.  Im  Widerspruch  hierzu  steht  die 
C'ithelin  sehe  Therapie  der  Enuresis  mit  Sakralanasthesie. 

FH  ä  r  t  e  1  und  v.Kishalmy- Halle  a.  S.:  Chemotherapeutische  Be¬ 
handlung  akuter  Eiterungen  mit  Morgenroths  R'vanol.  Weichteil- 

6  Fälle  von  eitriger  Bursitis  praepatellans,  10  Falle  von  weicnxe  1 
abszessen  1  paranephritischer  Abszess,  4  Fälle  von  Mastitis  puerperalis  und 
2  Fälle  von  mischinfizierten  tuberkulösen  Drüsenabszessen  wurden  durch 
folgendes  Verfahren  geheilt:  Mehrfache  Entleerung  des  Eiters  durch  P“™*10" 
und  jeweilige  Nachfüllung  mit  Rivanollösung  1 :  1000,  nach  Abheberung  Stich- 
inzisiom  ' völlige  Entleerung  der  Abszesshöhle;  Nachbehandlung  nötigenfalls 
noch  mit  Heissluft,  Saugglocke  u.  ä.  Zweifelhaft  gestalteten  sich  ^  Erfolge 
bei  Kniegelenksempyemen,  Pleuraempyem,  bereits  inzidierten  Abs*®sse  * 
Sehnenscheidenphlegmonen  und  vernähten  Fisteln.  Einstweilen  scheint  nur 
d'e  Behandlung^  geschlossener  Höhlen  Aussicht  auf  Erfolg  zu  bieten,  wahrend 
Spülungen  im  offenen  Gewebe  wirkungslos  bleiben. 

P.  M  a  t  z  d  0  r  f  -  Hamburg:  Zur  Kenntnis  der  klinischen  Zeichen  einer 

Pvramidenerkrankung  der  oberen  Extremitäten.  ,  .  ,  «  d. 

Der  May  er  sehe  Fingergrundgelenkreflex  und  der  Ler  ische  na 
Vorderarmreflex  fehlen  oder  sind  bedeutend  herabgesetzt  bei 
läsionen  des  betroffenen  Armes.  Beide  Reflexe  verschwinden  bei  Bewusst- 

e^F.  Eisler  und  R.  Lenk- Wien:  Die  Bedeutung  der  Faltenzeichnung 
des  Magens  für  die  Diagnose  des  Ulcus  ventriculi.  . 

Durch  die  gewöhnliche  Kontrastfüllung  des  Magens  geht  die  feinere  Wand¬ 
zeichnung  verloren.  Es  wird  ein  Verfahren  angegeben,  wie  die  Falten¬ 
zeichnung  der  Magenschleimhaut  zu  Gesicht  gebracht  werden  kann  Die 
unter  normalen  Verhältnissen  fast  parallel  den  beiden  Kurvaturen  verlaufenden 
Falten  zeigen  beim  Vorhandensein  eines  Ulcus  oder  einer  Ulcusnarbe  einen 
nach  diesem  Punkte  hin  konvergierenden  Verlauf.  Wo  die  konvergierenden 
Falten  zusammenstossen,  sieht  man  gelegentlich  das  charakteristische  B  d 

der  U^cu|msche(.  t  e  .  Hang  a  g.:  Versuche  über  Keimesänderung  durch  Inkret- 

UDie  Abkömmlinge  von  weissen  Mäusen,  die  mit  Thymusopton  gefüttert 
worden  waren,  zeigten  deutliche  Wachstumshemmungen  im  Gegensatz  zu 
Abkömmlingen  von  Tieren,  die  Jodothyrin  erhalten  hatten. 

E.  I  s  s  e  1  -  Berlin:  Mischspritzen  von  Novasurol  und  Neosalvarsan  bei 

LUCt  Die™  Kombination  von  Novasurol  mit  Neosalvarsan  hat  sich  als  sehr 
wirksam  sowohl  auf  die  syphilitischen  Erscheinungen  als  auf  die  WaK  er¬ 
wiesen  Jedoch  mahnen  2  Todesfälle  unter  188  Behandelten  zur  Vorsicht 

C.  Stern -Düsseldorf:  Vergleichende  Untersuchungen  mit  „amtlichen 
Extrakten“  zur  WaR« 

Es  ist -nicht  der 'Extrakt  allein,  welcher  entscheidend  für  den  Ausfall  der 
Reaktion  ist.  Daher  bürgt  die  Verwendung  „amtlicher“  Extrakte  durchaus 
nicht  für  sicher  einwandfreie  Ergebnisse.  Wesentlich  ist  vielmehr  eine 
dauernde  Kontrolle,  dass  die  verwendeten  Reagentien  für  die  im  jeweiligen 
Betriebe  erprobte  Versuchsanordnung  auch  richtig  eingestellt  sind. 

E.  P  0  h  1  e  -  Frankfurt  a.  M.:  Der  Einfluss  der  Wasserstoff lonenkonzen- 
tration  auf  die  Aufnahme  und  Ausscheidung  saurer  und  basischer  organischer 
Farbstoffe  im  Warmblüterorganismus. 

Die  von  B  e  t  h  e  aufgestellte  Behauptung,  dass  saure  Zellen  am  besten 
saure  Farbstoffe,  alkalisch  oder  neutral  reagierende  Zellen  vorzüglich  basische 
Farbstoffe  speichern,  mit  anderen  Worten,  dass  von  entscheidender  Be¬ 
deutung  für  den  Stoffaustausch  zwischen  Zelle  und  Umwelt  die  an  den  Grenz¬ 
flächen  herrschende  Wasserstoffionenkonzentration  ist,  wurde  auch  am  Hunde 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  47  und  48. 
Nr  47  M  Lü'dni-  Basel:  Die  Röntgentherapie  in  der  inneren  .Medizin, 
verf  sah  guten  Erfolg  bei  der  chronischen  Leukämie,  aleukämischen 
Lymphadenose,  Polyzythämie  (Bestrahlung  sämtlicher  Knochen),  Basedow, 
Drüsen-  und  Peritonealtuberkulose,  Mediastinalsarkom. 

Drusen  und^  1  .  SchwaneerSchaft  und  Geburt  nach  Rontgenbe- 

•«•BÄ’SSÄ’Ä  2«  M»  «ach  der  Myomb=s„,hl«»g  mit 
verzettelten"6 Dosen  ein  besonders  kräitises,  gesundes  Kind  geboren  wnrde 
Man  muss  annehmen,  dass  nicht  alle  Follikel  gleich  radiosensibel  sind,  dass 
abe"  fus  den  lebensfähig  bleibenden  sich  später  in  der  Regel  normale  Fruchte 

entWZadnek- Berlin:  Knochenmarkbcfunde  am  Lebenden  bei  kryptogeneti¬ 
scher  perniziöser  Anämie,  insbesondere  im  Stadium  der  Remission. 

Verf.  hat  durch  Anbohrung  des  Knochens  am  Unterschenkel  bei  ’ 
von  perniziöser  Anämie  Mark  entnommen  und  fand,  dass  bei  v£ber  aad  b. 

weitgehender  Remission  das  lymphoide  Mark  fehlt,  g  -®.1  b  e  *  J^^Kt also 
vorhanden  ist  Wie  die  anderen  Symptome  der  perniziösen  Anämie  ist  also 
auch  dieses  Symptom  rückbildungsfähig,  woraus  Verf.  schhesst,  dass  das 
Wesen  derS  Krankheit1  nicht  in  einer  primären,  spezifischen  Knochen- 

marksyeränderui^ be^k  ^  Untersuchungen  der  Magenfunktionen  ohne  An¬ 
wendung  der  Schlundsonde.  Schluss  folgt.  ,  föfipvinn« 

Nr.  48.  D  i  n  d- Lausanne:  Biologie  de  la  Syphilis.  Ouelques  reflexions 

sur  la  syphilis.  son  pronostic  et  la  valeur  biologique  de  ses  ma”lfes*atj?"*" 
L  i  1  i  e  s  t  r  a  n  d  und  Magnus:  Versuche  über  die  Wirkung  der  Kohlen- 

säurebädeMn  St.eMorltz.suchten,  ob  im  kühlen  COs-Bad  bei  gesteigerter 
Wärmeabgabe  chemische  Wärmeregulation  auftritt,  also  Zunahme  des  Saue 
^Verbrauchs.  Das  ist  nicht  der  Fall.  Sie  fanden  beim  Gesunden  Ab¬ 
nahme  der  Körpertemperatur,  Zunahme  der  Lungenventilation  und  Zunahm 
des  Minutenvolumens  des  Herzens  um  52  Proz.  und  des  Schlagvolume  . 

Der  Blutdruck  bleibt  unverändert. 

Demieville-  Lausanne:  Erytheme  noneux  et  Tuberculose. 

Um  a  n  s  k  y  -  Bern:  Die  Pathogenese  der  Syphilis  maligna. 

Verf  führt  den  eigenartigen  Verlauf  der  Syph.  maligna  mit  Ja 
sohn,  Naegeli  u.  a.  auf  eine  allergische  Reaktion  zuruck;  der  Organis¬ 
mus  bekämpft  die  Infektion  im  Zustande  der  Ueberempfindlichkeit. 

C  u  s  t  e  r  -  Berneck:  Die  Untersuchungen  der  Magenfunktionen  ohne  An- 

wendune  der  Schlundsondc.  (Schluss.)  .  .  , 

Verf.  hat -in  vieljähriger  Tätigkeit  die  von  S  a  h  1 1  angegebenen  Methode 
bewährt  gefunden  und  glaubt,  dass  sie  viel  zu  wenig  in  der  Praxis  ange¬ 
wandt  werden.  Er  beschreibt  sehr*  ausführlich  die  J'fetbylenb^u'J0J°f°am' 
Salol-  und  Dermoidreaktion.  L.  J  a  c  o  b  -  Brem  . 


Oesterreichische  Literatur. 


Wiener  klinische  Wochenschrift. 


Nr.  49.  St.  R  u  s  z  n  y  a  k  -  Pest:  Untersuchungen  über  die  pharmako¬ 
logische  Prüfung  des  vegetativen  Nervensystems.  Vpo-ntnnip“ 

Ergebnis:  Pilokarpinüberempfindlichkeit  bedeutet  keine  „Vagoton  e  , 
Adrenalinüberempfindlichkeit  keine  „Sympathikotome  .  Die  Ueberempiindlich- 
keit  auf  genannte  Mittel  schliesst  sich  gegenseitig  nicht  aus  und  erstickt 
sich  oft  nur  auf  einzelne  Organe.  Da  die  funktionelle  Diagnostik  des  g 
tativen  Nervensystems  vorerst  pharmakologisch  nicht  testzulegen  ist,  kan 
nicht  von  Vago-  oder  Sympathikushypertonie  im  allgemeinen,  sondern  nur 
von  den  Erscheinungen  an  einzelnen  Organen  gesprochen  werden. 

E.  S  e  i  d  1  e  r  -  Wien:  Ueber  Perikarddivertikel. 

Beschreibung  eines  Falles  mit  Obduktionsbefund. 

L.  Kotier  und  A.  Perutz-Wien:  Ueber  die  für  den  Arzt  wichtigen 

Identitätsproben  des  Neosalvarsans.  „  _ _ 

Für  den  Arzt  kommen  neben  der  Prüfung  der  Packung,  Kontro  Inummer 
und  Signatur  im  wesentlichen  nur  die  einfachen  Proben  mittels  Silbernitrat 
oder  Eisenchlorid,  ev.  noch  die  Diazo-  oder  Wasserstoffsuperoxydreaktion  in 

Betracht  • 

4.  Strassberg  -  Wien:  Zur  intravenösen  Behandlung  hartnäckig 

juckender  Hautkrankheiten.  . 

Bei  Urtikaria  und  universellen  nässenden  Ekzemen  haben  Autoserum¬ 
injektionen  oder  S  p  i  e  t  h  0  f  f  s  Eigenblutinjektionen  oft  einen,  wenn  auch 
öfters  nur  vorübergehenden  Erfolg,  ln  hartnäckigen  Fällen  nützten  denn  öfters 
auch  Afenilinjektionen,  auch  Injektionen  von  2  ccm  einer  50  proz.  1  rauben- 

zuckerfösung.^si- wien:  innerhalb  fünf  Jahren  zweimalige  SyphUlsinfektion 
nach  Sterilisatio  magna  nach  der  ersten  Erkrankung. 

Krankengeschichte  eines  sicher  festgestellten  Falles. 

Nr.  50.  F.  D  e  r  e  b  s  c  h  0  k  -  Wien:  Ein  Fall  von  grossknotiger  Milz- 

tuberkulose  mit  Hirntuberkeln.  . 

Krankengeschichte,  Obduktionsbefund,  diagnostische  Bemerkungen. 

K  J  e  1 1  e  n  i  g  g  -  Graz:  Darmlänge  und  Sitzhöhe. 

J.  fand  im  Gegensatz  zu  Henning  als  Durchschmttsverhaltms  der 
Sitzhöhe  zur  Darmlänge  nicht  1:10,  sondern  1:12  (Schwankungen  von 
1;8— 15).  Demnach  erscheint  die  allgemeine  Aufstellung  eines  Durchschnitts 
zur  Berechnung  der  resorbierenden  Darmfläche  nicht  angängig. 

H.  WeisspODpel  -  Wien:  Beiträge  zu  den  Kehlkopferscheinungen  bei 

Syringomyelie.  ...  ...  „ 

Am  häufigsten  wird  bei  Syringomyelie  eine  meist  einseitige  Postikus¬ 
lähmung  und  anschliessend  völlige  Rekurrenslähmung,  seltener  auch  verlang¬ 
samte  und  zuckende  Bewegungen  des  Stimmbandes. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


27 


F.  Marchand  -  Leipzig:  lieber  Gallensteine  und  Krebs  der  Gallenblase. 

Nach  dem  Material  des  Leipziger  pathologischen  Instituts  (136  Fälle) 
widerspricht  M.  entschieden  der  Auffassung  v.  A  1  d  o  r  s  (W.kl.W.  Nr.  40), 
dass  der  üallenblasenkrebs  nicht  zu  den  Komplikationen  der  Galleastein- 
krankheit  gehöre.  Mit  geringen  Ausnahmen  schliesst  sich  der  Krebs  an  vor¬ 
handene  oder  vorhanden  gewesene  Gallensteine  an,  die  also  die  indirekte 
Ursache  desselben  sind.  Die  grosse  Häufigkeit  bei  Frauen  erklärt  sich  aus 
der  Art  der  Kleidung.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Amerikanische  Literatur. 

C.  F.  Craig:  Ueber  Träger  pathogener  Organismen  infolge  nicht  er¬ 
kannter  Infektionen.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77,  Nr.  11.) 

Bei  den  Iniektionskrankheiten,  wie  Diphtherie,  Typhus  abdominalis, 
Malaria,  Amöbiasis  usw.  kommen  viele  Fälle  vor,  die  so  atypisch  verlaufen, 

•  oder  bei  denen  die  Symptome  so  leicht  sind,  dass  sie  von  dem  behandelten 
Arzte  nicht  diagnostiziert  werden.  In  manchen  Fällen  ist  die  Erkrankung  so 
leicht,  dass  gar  kein  Arzt  zu  Rate  gezogen  wird.  Es  ist  daher  ratsam  in 
allen  Fällen,  die  unter  Behandlung  eines  Arztes  kommen,  eine  bakteriologische 
Untersuchung  des  Blutes,  der  Fäzes  usw.  vorzunehmen,  um  einer  zu  grossen 
Zunahme  von  Trägern  pathogener  Organismen  vorzubeugen. 

E.  C.  ,Rosenow:  Die  Beliandung  der  akuten  Poliomyelitis  durch 
Pferdeserum.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77,  Nr.  8.) 

Das  Immunserum  wurde  durch  wiederholte  Einspritzung  von  pleomorphen 
Streptokokken  von  Poliomyelitiskranken  bereitet.  Bei  der  Behandlung  der 
Patienten  wurde  das  Serum  nicht  intraspinal,  sondern  intravenös  eingespritzt. 
Experimente  an  Affen  haben  gezeigt,  dass  intraspinale  Injektionen  die  Tiere 
nicht  gegen  intrazerebrale  Inokulationen  des  Virus  schützen.  259  Patienten 
wurden  mit  diesem  Serum  behandelt,  wovon  189  vollkommen  geheilt  wurden. 
37  Fälle,  die  Panilyse  aufwiesen,  erholten  sich,  wobei  die  Paralyse  ver¬ 
blieb.  59  Patienten,  die  vor  der  Behandlung  keine  Paralyse  aufwiesen,  wurden 
geheilt,  aber  mit  Testierender  Paralyse.  19  Fälle  starben. 

J.  F.  Yarbrough:  Die  Aetiologie  der  Hypertonie.  (Med.  Record, 
j  N.  Y  1921,  Nr.  9.) 

Verf.  ist  der  Ansicht,  dass  die  wahre  Ursache  der  Hypertonie  in  einer 
Kohlehydratanämie  besteht.  In  allen  Fällen,  die  unter  seine  Beobachtung 
kamen,  bestand  ein  grosses  Uebergewicht  der  Kohlehydratnahrung,  be¬ 
gleitet  von  Azidämie.  In  allen  Fällen  sank  der  Blutdruck  schnell,  sobald  eine 
strenge  Proteinnahrung  befolgt  wurde  und  zugleich  alkalische  Mittel  genommen 
wurden.  In  allen  Fällen,  in  denen  experimentell  die  Proteinnahrung  durch 
Kohlehydrate  ersetzt  wurde  und  die  Alkalien  ausgesetzt  wurden,  stieg 
der  Blutdruck  sofort. 

L.  Freemann:  Die  Ursache  und  Verhütung  zerebraler  Störungen  bei 
der  Unterbindung  der  A.  carotis  communis.  (Ann.  of  Surgery,  Phila.,  74, 
September.) 

Die  Annahme,  dass  die  Ursache  zerebraler  Störungen  in  einer  Anämie 
als  Folge  eines  mangelhaften  Kollateralkreislaufes  zu  suchen  sei,  ist  wahr¬ 
scheinlich  unrichtig.  Die  Ansicht  Perthes,  dass  sich  an  der  Unterbindungs¬ 
stelle  eine  Thrombose  mit  nachfolgender  Embolie  entwickelt,  ist  viel  rationeller. 
Für  diese  Theorie  spricht  das  plötzliche  Auftreten  der  Symptome  und  der 
grössere  oder  kleinere  Zwischenraum  der  denselben  vorhergeht.  Das  Ueber- 
wiegen  der  Fälle  nach  dem  mittleren  Alter  kann  durch  die  grössere  Brüchig¬ 
keit  der  Tunica  intima  erklärt  werden,  wodurch  bei  der  Unterbindung  Un¬ 
ebenheiten  entstehen,  die  die  Thrombose  verursachen.  Wenn  diese  Theorie 
richtig  ist,  so  wird  die  einfache  Perthes  sehe  Unterbindungstechnik  von 
grossem  Werte  sein. 

A.  C  a  r  r  e  1  und  A.  H.  Ebering:  Die  Vermehrung  der  Fibroblasten  in 
vitro.  (Journ.  Exper.  Med.,  Baltimore,  1921,  34,  Oktober.) 

Die  Tatsache,  dass  Gewebe,  die  im  Plasma  eines  erwachsenen  Tieres 
kultiviert  werden,  nur  während  einer  gewissen  Zeit  am  Leben  bleiben,  ist  in 
den  letzten  Jahren  genügend  nachgewiesen  worden.  Kein  Gewebe  kann  . 
länger  als  3  Monate  am  Leben  erhalten  werden,  auch  wenn  dasselbe  ge¬ 
waschen  und  in  frische  Nährböden  gesetzt  wird.  Wenn  jedoch  dem  Plasma 
eines  erwachsenen  Tieres  embryonischer  Gewebesaft  beigefügt  wird,  wird 
die  Zellteilung  in  hohem  Masse  befördert  und  die  Gewebsmasse  nimmt  mächtig 
an  Umfang  zu.  Ein  Fibroblastenstamm  von  einem  kleinen  Fragment  eines 
Embryoherzens  hat  während  der  letzten  9  Jahre  dreissigtausend  Kulturen  her¬ 
vorgebracht  und  ist  gegenwärtig  ebenso  lebenskräftig  wie  am  Anfang.  Wenn 
dieser  Stamm  seinem  freien  Wachstum  überlassen  worden  wäre,  so  würde 
das  Volumen  der  hervorgebrachten  Gewebemasse  grösser  als  die  Erde  sein. 

Es  ist  gewiss,  dass  eine  Mischung  von  Embryonalsaft  und  Plasma  von 
erwachsenen  Tieren  die  Fähigkeit  besitzt,  die  Zellvermehrung  zu  befördern, 
aber  die  respektive  Rolle  der  Bestandteile  des  Nährbodens  bei  dieser  Zell¬ 
vermehrung  ist  noch  immer  unbekannt.  Um  die  Herkunft  der  Substanzen, 
welche  von  den  Fibroblasten  im  Plasma  erwachsener  Tiere  allein  gebraucht 
werden  und  welche  Bestandteile  im  Plasma  mit  Embryonalsaft  für  die  Zell¬ 
vermehrung  verantwortlich  sind,  zu  erforschen,  wurden  von  den  Verfassern 
neue  Experimente  gemacht,  welche  zu  den  folgenden  Schlüssen  führen: 

1.  Die  temporäre  Vermehrung  der  Fibroblasten,  die  im  Plasma  eines  er¬ 
wachsenen  Tieres  kultiviert  werden,  kann  nicht  dem  Serum  zugeschrieben 
werden.  Sie  kann  vielleicht  das  Resultat  einer  geringen  Menge  von  Embryo¬ 
nalsaft  im  Gewebe  sein.  2.  Die  unbegrenzte  Vermehrung  der  Fibroblasten 
m  einem  Nährboden  bestehend  aus  Plasma  von  erwachsenen  Tieren  und 
Embryonalsaft  kann  weder  dem  Serum  noch  dem  Fibrin  zugeschrieben  wer- 
den.  Sie  ist  gänzFch  von  Substanzen,  die  im  Embryonalsaft  enthalten  sind, 
abhängig.  3.  Es  besteht  ein  bestimmter  Zusammenhang  zwischen  der  Schnel¬ 
ligkeit  des  Wachstums  und  der  Konzentration  des  Embryonalsaftes  im  Nähr¬ 
boden. 

W.  H.  M  a  n  w  a  r  i  n  g:  Darm-  und  Leberreaktionen  bei  der  Anaphylaxie. 
(Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77,  Nr.  1.) 

1.  Die  anaphylaktische  Reaktion  bei  Meerschweinchen  und  Hunden  ist 
charakterisiert  durch  eine  explosive  Bildung  und  Abgabe  durch  das  Leber¬ 
parenchym  von  Substanzen,  welche  erschlaffend  auf  glatten  Muskel  ein- 
wirken.  <2.  Diese  Substanzen  sind  direkt, verantwortlich  für  die  hepatische 
Gefässerweiterung  bei  Hunden  und  entweder  direkt  oder  indirekt  verant¬ 
wortlich  für  die  allgemeine  Gefässerweiterung.  3.  Bei  Meerschweinchen 
wirken  diese  Substanzen  als  ein  anaphylaktischer  Mechanismus  mit  dem  Be¬ 
streben,  die  initialen  Bronchial-  und  Gefässkrämpfe  zu  überwinden  oder  sie 
zu  verhindern,  wenn  die  Proteininjektionen  in  die  Mesenterialvenen  gemacht 
werden.  4.  Die  chemische  Natur  dieser  Substanzen,  welche  eine  erschlaffende 
Wirkung  auf  den  glatten  Muskel  ausüben,  ist  unbekannt.  Soweit  ist  kein 
Grund  vorhanden,  anzunehmen,  dass  sie  Antikörper  seien.  Es  liegen  Gründe 
vor,  anzunehmen,  dass  sie  nicht  Spaltprodukte  des  spezifischen  artfremden 


Proteins  sind.  5.  Bei  Hunden  bestehen  Gründe,  zu  glauben,  dass  die  Leber¬ 
reaktion  nach  einer  vorhergehenden  Serumreaktion  auftritt.  6.  Die  hämor- 
rhagischen  Darmläsionen,  die  bei  Hunden  Vorkommen,  sind  ein  sekundäres 
Phänomen,  verursacht  durch  die  lokale  Wirkung  von  Darmenzymen. 

B.  M.  Bernheim:  Ganzbluttransfusion  und  Transfusion  zitrierten 
Gewebes.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77,  Nr.  4.) 

ln  von  20  40  Proz.  aller  Fälle  von  Bluttransfusion  zitrierten  Blutes  findet 

eine  mehr  oder  weniger  schwere  Reaktion  statt.  Es  ist  daher  ratsam,  die¬ 
jenigen  Fälle,  welche  von  einer  gefährlichen  Reaktion  bedroht  sind,’  aus¬ 
zuscheiden  und  bei  denselben  eine  üanzbluttransfusion  vorzunehmen.  Es  sind 
vornehmlich  2  Gruppen  von  Patienten,  bei  welchen  zitriertes  Blut  gefährliche 
Reaktionen  hervorruft:  1.  Patienten,  welche  grossen  Blutverlust  erlitten  haben. 
2.  Patienten  mit  primärer  oder  sekundärer  Anämie,  bei  welchen  die  Blut¬ 
veränderung  einen  sehr  hohen  Grad  erreicht  hat. 

A.  M.  Chesney:  Eine  immunologische  Studie  über  den  Influenza¬ 
bazillus.  (Journ.  Infect.  Diseases,  Chicago,  1921,  29,  August.) 

Die  Untersuchungen  wurden  an  12  Stämmen  des  Influenzabazillus,  welche 
von  Influenzakranken  der  letzten  Epidemie  gewonnen  wurden,  gemacht. 
Agglutinationsreste  und  Absorptionsexperimente  zeigten,  dass  von  den 
12  Stämmen  4  (33'A  Proz.)  in  ihren  immunologischen  Reaktionen  identisch 
waren.  Es  konnten  keine  Beziehungen  zu  Stämmen  anderer  Herkunft  nach¬ 
gewiesen  werden.  Der  Influenzabazillus  repräsentiert  eine  heterogene  Gruppe 
von  Organismen,  welche  alle  Hämoglobin  zu  ihrem  Wachstum  erfordern,  die 
aber  in  ihren  antigenen  Eigenschaften  sich  verschieden  verhalten,  obgleich 
immunologisch  identische  Stämme  bei  demselben  Patienten  Vorkommen 
können.  Diese  Resultate  sprechen  nicht  für  die  Ansicht,  dass  der  Pfeiffer- 
sclie  Bazillus  der  Erreger  der  Influenza  sei. 

F.  D  w  e  d  d  e  1 1 :  Die  Behandlung  der  Lungentuberkulose  mit  Schwefel¬ 
dioxyd.  (Med.  Record,  New  York,  1921,  100,  Nr.  9.) 

Verf.  berichtet  über  günstige  Resultate  in  Fällen  von  Lungentuberkulose, 
die  durch  Einatmung  von  Schwefeldioxyd  behandelt  wurden.  Das  Gas  soll 
aber  in  starker  Verdünnung  angewandt  werden.  Wenn  so  gebraucht,  ist  es 
nicht  irritierend.  Verf.  rät,  bei  dieser  Behandlungsmethode  zuerst  nur  Fälle 
in  den  Anfangsstadien  auszuwählen. 

L.  Eloesser:  Ein  Symptom,  das  bei  mit  C  h  a  r  c  o  t  sehen  Gelenken 
komplizierten  Tabesfällen  vorkommt.  (Jouin.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago 
1921,  77,  Nr.  8.) 

Einige  Tabiker  weisen  Analgesie  des  Knochens,  aber  nicht  der  Haut 
auf.  Dies  kann  festgestellt^  werden,  indem  man  eine  Nadel  durch  die  Haut 
auf  den  Knochen  sticht.  Solche  Patienten  können  nach  akut  entwickeltem 
C  h  a  r  c  o  t  schem  Gelenk  Schmerz  empfinden.  Der  Schmerz  wird  in  der  ge¬ 
streckten  Haut  und  in  den  weichen  Teilen,  aber  nicht  im  Knochen  empfun¬ 
den.  Diese  Art  Schmerz  spricht  gegen  die  Theorie,  dass  die  C  h  a  r  c  o  t  sehen 
Gelenke  durch  Trauma  und  den  Mangel  des  warnenden  Schmerzgefühls  ver- 
ursacht  werden.  Schmerzfasern  für  Haut  und  Knochen  haben  wahrschein¬ 
lich  im  Rückenmark  verschiedene  Pfade. 

L.  Jackson:  Ueber  Negrikörper  in  den  Speicheldrüsen  und  anderen 
Organen  bei  der  Wutkrankheit.  (Journ.  Infect.  Diseases,  Chicago,  1921,  29, 

Genaue  Untersuchungen  der  Speicheldrüsen  normaler  und  wutkranker 
Hunde  zeigen,  dass  sie  einen  günstigen  Boden  bilden  für  das  Wachstum  ge¬ 
wisser  Protozoen.  Einige  Entwicklungsformen  dieser  letzteren  können  von 
den  N  e  g  r  i  sehen  Körperchen  gar  nicht  unterschieden  werden.  Es  ist  jedoch 
sicher,  dass  in  vielen  Fällen  von  Wutkrankheit  die  Negrikörperchen  mit 
Sicherheit  identifiziert  werden  können. 

P.  F.  Orr:  Studien  über  den  Bacillus  fcotulinus.  (Journ.  Med.  Re¬ 
search,  Boston,  1921,  42,  Nr.  2.) 

Die  Toxine,  welche  von  10  verschiedenen  Stämmen  von  B.  botulinus 
herrührten,  verhielten  sich  ziemlich  thermolabil.  Bei  80  0  C  wurden  sie 
innerhalb  5  Minuten  vernichtet,  bei  72  0  C  innerhalb  18  Minuten.  Die  Erhitzung 
irgendeines  Nahrungsmittels  bis  zum  Siedepunkt  zerstörte  alle  Spuren  der 
Botulinustoxine.  Der  durchschnittliche  Temperaturkoeffizient  für  die  Vernich¬ 
tung  der  Toxine  bei  Erhöhung  der  Temperatur  von  65°  auf  72  0  C  ist  5,2, 
wahrend  er  bei  einer  Erhöhung  von  72 u  auf  80  0  C  4,2  beträgt. 

.  F.  J.  Taussig:  In  welchen  Fällen  erfordern  Uterusfibrome  noch  immer 
eine  operative  Entfernung?  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77, 
Nr.  5.) 


Sowie  die  Patienten  lernen,  frühzeitig  den  Arzt  zu  konsultieren,  wird 
die  Strahlenbehandlung  mehr  und  mehr  an  die  Stelle  der  chirurgischen  Be¬ 
handlung  treten.  Bei  Negerfrauen  jedoch,  bei  denen  die  Uterusfibrome  sich 
viel  früher  und  viel  schneller  entwickeln,  wird  die  chirurgische  Behandlung 
immer  notwendig  sein.  Es  gibt  bestimmte  Kontraindikationen  für  die  Strahlen¬ 
behandlung  und  die  Auswahl  der  Fälle  sollte  immer  einem  erfahrenen  Gynäko¬ 
logen  überlassen  werden. 

C.  A.  Mc  Williams:  Der  Wert  der  verschiedenen  Methoden  der 
Knochentransplantation  nach  den  Ergebnissen  von  1390  Fällen.  (Ann.  of  Sur- 
gery,  Phila.,  1921,  74,  September.) 

Günstige  Resultate  wurden  in  82  Proz.  aller  Fälle  erzielt.  Die  Resul¬ 
tate  der  verschiedenen  Methoden  sind  folgende:  Günstige  Resultate  mit 

Knochenstiften  95,8  Proz.,  mit  der  osteoperiostalen  Methode  (D  e  lä¬ 
ge  n  i  e  r  e)  87,3  Prcz.,  mit  der  End-zu-End-Methode  (ohne  Einlage)  82,5  Proz., 
mit  der  Einlagemethod.e  80,9  Pioz.,  mit  der  intramedullären  Methode 
(M  u  r  p  h  y)  76,6  Proz.  Das  Periosteum,  ob  vorhanden  oder  fehlend,  scheint 
keinen  Einfluss  auf  die  günstigen  Erfolge  auszuüben.  Die  Erfolge  mit  und 
ohne  Periosteum  waren  ungefähr  an  Zahl  gleich. 

E.  Reynolds  und  D.  Macomber:  Mangelhafte  Nahrung  als  Ursache 
der  Sterilität.  (Journ.  Am.  Assoc.,  Chicago,  1921,  77,  Nr.  8.) 

Eine  Anzahl  von  Experimenten  an  Ratten  führen  Verf.  zu  folgenden 

Schlüssen:  Viele  Fälle  von  Sterilität  sind  funktionell  und  können  nicht  auf 
anatomische  oder  pathologische  Ursachen  zurückgeführt  werden.  Eine  mässige 
Verminderung  der  Fruchtbarkeit  in  beiden  Individuen  kann  die  Paarung  gänz¬ 
lich  unfruchtbar  machen. 

E.  S.  Judd:  Die  Beziehungen  der  Leber  und  der  Bauchspeicheldrüse 

zu  Infektionen  der  Gallenblase.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921, 

77,  Nr.  3.) 


Verf.  ist  der  Ansicht,  dass  die  Gallenblasenentzündung  selten  ohne  Leber- 
entzündung  vorkommt.  Die  Entzündung  im  Lebergewebe  ist  oft  so  leicht, 
dass  sie  übersehen  wird.  Die  enge  Verbindung  der,  Leber  mit  der  Gallenblase 
durch  die  Lymphgefässe  erleichtert  eine  gegenseitige  Infektion. 

Pankreatitis  kommt  häufig  mit  Gallenblasenentzündung  vor.  Es  ist 
möglich,  dass  die  Entzündung  des  Pankreas  durch  die  Galle,  welche  in  den 
Ductus  pancreaticus  strömt,  verursacht  wird.  Aber  dies  kommt  selten  vor. 
Es  ist  wahrscheinlich,  dass  die  Infektion  meistens  durch  die  Lymphgefässe 


48 


auf  das  Pankreas  übertragen  wird.  Barch  die  Behandlung  der  Cholezystitis 
verschwindet  and,  die  P*““  d|e  Rassel  sei, ca  Fachsinkörnerehca. 

‘J»ur“ n'“™ ÄeScn  'sind  das  Prodnk,  generativer 

Veränderungen'  im  'zell^rcdo'pl^loa,  aber  nicht  im  Zellkern.  Ilrn  Fhasma- 

zelle  wird  hiebei  am  meisten  betroffen,  aber  jede  A“utv™,en  ,faben  keinen 

eine  solche  Degeneration  al'!^1S®  'hea  Körperchen,  da  die  mikroskopische 
Anteil  an  der  Bindung  der  Ru  s  s  e  I  schen  B,utz*ellen  Qder  Blutpigment 

Untersuchung  keinen  Zusammenhang  Körperchen  bei  der 

und  den  Fuchsinkörperchen  aufweist. .  Auch  S  der  Fall  ist. 

Gramförbung^stajk  positiv,  w.is  epileptischer  Ersclieinungen  bei 

Kindern  vom  Standpunkte  der  konstitutionellen  Grundlage.  (Med.  Recor  , 

n^DHrÄe^Ers^inungen  «g.n  d^ 

Resultat  einer  Dyskrasie  welche  selbst  J‘e  das  endokrine,  meta- 

bokliscShe0dund  hämopoietische  System 

SBffi?  JÜBTÄB 

Lebensbedingungen  angewand  werden.  Uie  piastiscne  r  j  j  a  n  n. 

ist  die  günstigste  Zeit  für  solche  Massnahmen.  A.  A  1 1  e  m  a 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Aerztlicher  Verein  zu  Danzig. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  17.  November.1921. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  1. 


r.;:T=f ä“  e^Ä^ 

ÄffA  SÄ™1 

weniger  ^tnsseraIEntfernunlg  telepathisch  verbunden  zu  sein  wähnen^  Nach 

0Per,Sf  gB;“en‘kr£i.a.e  .  bei 

SSiS  Mamrnakarzfnom!  da  hie,  an  dl.  kegelte 

«rsw  säWST 5v 

Tmd grössten  Krebsinstitut  Deutschlands.  Einzig  die  ganz  aus  dem  Rahmen 
dem  ^°®fne"n%eaDh,"Slder  Kieler  und  Rostocker  Klinik  sprechen  zugunsten 
1deri *  NÄehandS!  De  Glauben  an  eine  Karzinomvernichtungsdosis  ist 
SÄS&  nur  durch  die  klinischen  Erfahrungen,  sondern  naine^- 

kannte  “zelge^^ass^Mäustkarzbiome^seftst6  nach*  Bestrahlung  njit  2— 3  facher 

Bindegewebsschutzes  fiSPdTtoi  Weg 

derUdirekten  Ca.-Vernichtung  durch  Verkupferung  der  Ca.-Zelle  Melbewusst 
weiter  verfolgt.  Wird  das  Krebsheilungsproblem  letzten  Endes  nicht  gelost, 
bleiben  immer  noch  die  gewichtigen  palliativen  \orzuge  der  Röntgen 
bestrahlung  bestehen.  Sie  treten  besonders  beim  Brustkrebs  deutlich  hervor, 
rwtlirlip  Rezidive  lassen  sich  mit  grosser  Sicherheit  beseitigen.  Das  Auf- 
Seten  von Fernmetastasen “das  nach  meinen  Erfahrungen  entschieden  be¬ 
günstigt  wird,  ist  ein  Vorzug.  Den  Kranken  wird  dadurch  ^ a  s  ( sch  me  r  zh  a  f  t  e 
Siechtum  der  äusseren  ulzerierenden  Karzinose  erspart.  Endlich  sind  d  e 
löntgenstrrahfen  ein  Anodynum  von  langer,  bisher  unerreichter  Wirkungs- 

dauen  ^  Dia2I,ose  des  Chorionepithelioma  uteri  malignum. 

Eine  26  jährige  ll.-para  erleidet  in  ihrer  zweiten  Entbindung  im  Juli  1920 
starke  Blutung  in  der  Plazentarperiode.  Schwieriger  Crede  Ver^®Ü.e 
Involution  mit  lange  anhaltendem  blutigen  Wochen J“5®; ^JÄm ze”über- 
menorrhöe  dann  Polymenorrhoen,  die  ab  Januar  1921  in  Dauerblutungen  uDer 
gehen  Die  Uterusausschabung  (25.  IV.  1921)  ergibt  Schleimhautbrockel,  die 
sich  makroskopisch  nicht  von  einfacher  Hyperplasie  unterscheiden.  Mikro¬ 
skopisch  finden  sich  neben  sehr  spärlichen  drüsigen  Elementen  grosse  Ver¬ 
bände  wuchernder  Zottenepithelien.  vorwiegend  vom  Typus  der  Langhans 
zellen  Im  weiteren  Verlauf  schubweise  erfolgende  starke  Blutabgang«. 
Untersuchung  ergibt  tastbare  und  messbare  Vergrößerung  des  Uterus.  Bei 
vorsichtiger  Sondierung  des  Korpus  profuser  Blutabgang.  Der  Uterus  wird 
daraufhin  exstirpiert  (30.  VII.  1921).  An  seiner  Hinterwand  findet  s  ch  eine 
breitbasig  der  Schleimhaut  aufsitzende  birnförmig-polypose  Neubildung  v  n 
blauschwarzer  Färbung.  Mikroskopisch:  Zottcnektoblast  in  breiten  Bändern 
in  die  Muskulatur  tief  eingedrungen,  diese  streckenweise  parzellierend^ 
Langhanszellen  überwiegend.  Lebhafte  Kernfarbung.  scharfe  Zellgrenzen 
sprechen  gegen  Retention  chorioepithelialer  Elemente,  sichern  vielmehr  den 


Untersuchung  auch  anscheinend  ganz  harmlosen  Schabungsmaterials  gi 
n™t  ich  für  solche  Fälle,  wo  sich  im  Anschluss  an  einen  wenn  auch  lange 
z  u  rück  Hege  n  d  e-n  Gestationsvorgang  Menstruationsstörungen  angeschlossen 
haben  Frühdiagnosen  sind  noch  weit  lohnender  als  beim  Karzinom  Man 
darf  beim  Chorionepitheliom,  wenn  es  früh  erkannt  wird,  auf  etwa  75  Proz.  . 
Dauerheilung  rechnen.  _ _ _ _ 

Gesellschaft  für  Natur-  u.  Heilkunde  in  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  3.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r. 

Schriftführer:  Herr  Grunert  und  Herr  W  c  m  m  e  r  s. 

Herr  W.  Weber:  Ueber  Aerztedeutsch.  (Der  Vortrag  erscheint  in 

d'LSLA  u\°sp  r  a  c  h  e:  Herr  Panse  möchte  den  dankenswerten  Aus¬ 
führungen  des  Vortragenden  noch  hinzufügen,  dass  man  sich  auch  gegen  die 
aus  den  Anfangsbuchstaben  mehrerer  Worte  zusammengesetzten  Wortbil¬ 
dungen  wie  Bugra,  und  gegen  die  neuerdings  üblich  werdenden  Abkürzungen 
(Anfangsbuchstaben  statt  der  ganzen  Worte)  in  der  Fachl.tteratur  wenden 

S<l'e'Hprr  H.  Weber:  Der  von  den  Aerzten  in  bedauerlichem  Masse  geübte 
Gebrauch  von  Fremdwörtern  beruht  letzten  Endes  auf  der  zum  Schlagwor 
ausgearteten  Behauptung,  dass  die  Wissenschaft  international  sei.  Jedoch 
nicht  international,  sondern  universal  ist  die  Wissenschaft,  d.  h.  sie  erstreck 
sc  ebenso  wie  die  Kunst,  in  ihren  Strebungen  und  Wirkungen  auf  alle 
Nationen  ihre  Wurzel  aber  und  dir  Wesen  ruht  durchaus  im  eigenen  Volke. 
Für  eine  allgemeine  Verständigung  nützen  auch  die  blossen  aus  fremden 
Sprachbestandteilen  gebildeten  Namen  für  Krankheiten,  Heilverfahren  u.  dgl. 
so  gut  wie  nichts  denn  solche  Wörter  bedürfen  in  den  weitaus  meisten  Fallen 
erst  einer  Erklärung,  da  sich  nur  selten  das  Wort.  rem  sprachhch  ge^ommen 
mit  dem  Begriffe  deckt,  den  es  umfassen  soll.  Es  ist  auch  irrtumiicn,  zu 
ivi  hen  dass  ein  medizinischer  Begriff  kürzer  und  t-reffender  durch  ein  Fremd- 

SSt  "ÄÄ  könne'  nute  deutsche :  Wortbildungen  wie  die 
Freud  sehen  Schöpfungen  „Verdrängung  ,  „Fehlleistung  u.  a.  m„  be 
weisen  das  Gegenteil.  Zur  Erzielung  einer  reinen  und  verständlichen  medi¬ 
zinischen  Kunstsprache  und  aus  dringenden  vaterländischen  Notwendigkeiten, 
denen  sich  die  Aerzte  nicht  entziehen  dürfen,  muss  gefordert  werden,  das 
jeder  insbesondere  aber  derjenige,  der  Aufsätze  und  Lehrbücher  schreibt,  und 
dSu^ch  auf  weitere  Kreise  wirkt,  sich  nicht  nur  aller  entbehrlichen  Fremd¬ 
wörter  enthält  sondern  den  hohen  Stand  der  deutschen  medizinischen  Wissen¬ 
schaft  auch  durch  schöpferische  Neubidung  gangbarer  und  sprachlich  guter. 

Kunstausdrücke  erweist.  ;  ,  ...  ..  <-<-1,™ 

Herr  Hentschel:  Gegen  die  Inversion  nach  „und  hat  sicn  senon 

Goethe  gewandt  in  den  Briefen  an  seine  Schwester.  .  . 

Herr  H  Haenel:  Wenn  auch  mit  den  Eigennamen  als  Bezeichnung 
von  Krankheitszeichen  vielfach  in  übertriebener  Weise  J Missbrauch  get rieben 
wird  so  kann  doch,  solange  die  Allgemeinverstandlichkeit  nicht  leidet,  h  er 
bei  der  Grundsatz  der  Kürze  gegenüber  dem  der  Schönheit  den  Vorrang  - 
dienen-  und  kürzer  ist  es  jedenfalls,  vom  B  o  a  s  sehen  Punkte  oder  dem 
Romberg  zu  sprechen,  als  das  damit  gekennzeichnete  Symptom  jedesmal 
ausführlich  zu  beschreiben.  Derartige  Eigenworte  sind  Ja  nicht  nur  in  der 
medizinischen  Kunstsprache  eingeführt  —  das  Stückchen  Ruhm,  das  dara 
hängt  kommt  vielleicht  auch  der  Sprache  selbst  wieder  zugute. 

Herr  Weiser:  Die  Arzneimittelindustrie  wird  die  besonderen  Wort¬ 
bildungen  für  ihre  Präparate  nicht  entbehren  können  wegen  der  leichteren 

SchutzfaMgkedh  r  d  t  ^  ^  ^  erwähnten  Fremdworten  aus  der  Säug¬ 
lingskunde  dass  es  mit  der  wörtlichen  Uebersetzung  eines  Fremdwortes  nicht 
^  getan  ist.  Wer  einen  neuen  Begriff  aufstellt,  will  durch  das  selbst¬ 
gewählte,  sonst  nicht  gebrauchte  Fremdwort  sich  auch  zugleich  einen  g 
bestimmten  Sinn  dieses  Wortes  sichern  (Trimenon).  Die  uns  gelautige 

deutschen  Wörter  lassen  sich  nicht  so  ohne  weiteres  hSSÄt  ™  schaffen’ 
wenn  der  Urheber  den  Mut  hat,  ein  ganz  neues  deutsches  Wort  zu  senanen. 
SS  wird  er  aber  meist  zu  bescheiden  sei,,,  Ae  sieh  eignet  sieh  die  deutsehe 
'Sprache  sehr  wohl  hierzu,  wie  das  Griechische,  besonders  zur  Bildung  zu¬ 
sammengesetzter  neuer  Wörter.  Vielleicht  sollte  man  solche  doch  öfters 
wa™  Gute  kurze  neue  deutsche  Wörter  brauchen  wir  bei  der  no  gen 
sozialhygienischen  Aufklärung,  da  mit  dem  deutschen  Wort  a uch  d: le  Sa c he e. 
oder  ihre  Kenntnis  volkstümlich  werden  kann.  So  ist  das  Wort  /.wie 
milch  seit  über  10  Jahren  unentbehrlich  geworden.  , 

Der  Vorsitzende:  Die  verschiedenen  Zweige  der  Heilwissenschaft 
haben  sich  immer  mehr  besondere  eigene  Ausdrucke  geschaffen,  die  setos 
den  Aerzten  nicht  mehr  allgemein  verständlich  sind.  Besonders  d  e  jungen 
Disziplinen  haben  diese  Neigung.-  Dagegen  muss  angekampft  werden. 
Kunstworte  im  Handel  sind  nicht  zu  beanstanden. 

Herr  W.  Weber:  Schlusswort. 


Medizinisch-biolog.  Abend  der  Universität  Frankfurt  a.  M. 

Sitzung  vom-6.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Voss.  Schriftführer:  Herr  G  r  a  h  e. 

Herr  Embden  und  Herr  Lawaczek:  Ueber  Phesphorsäurebildung 
bei  der  Kontraktion  des  Froschmuskels.  (Mit  Demonstrationen.) 

Als  Abschluss  der  zahlreichen  von  E.  und  seinen  Schülern  gemachter 
Untersuchungen,  aus  denen  hervorging,  dass  im  t  ä  1 1  *  /  e  *  °  s  e  "t°  t"t 
Muskel  sich  aus  dem  Azidogen  (diesen  Namen  mochte  E.  jetzt  anstatt 
Laktazidogen  anwenden)  Phosphorsäure  und  Milchsäure  gebildet  hat,  wird 
eine  Versuchsanordnung  gezeigt,  bei  der  ein  Froschmuskel  gereizt  und  wäh- 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


29 


rend  des  Reizzustandes  in  flüssige  Luft  getaucht  wird.  Hierbei  gelingt  es, 
die  treie  *  hosphorsäure  im  tätigen  Muskel  nachzuweisen. 

Herr  Lange  (nach  Versuchen  mit  Herrn  Simon):  Ueber  den  Austritt 
von  Phosphorsaure  bei  der  Belichtung  der  Netzhaut.  (Mit  Demonstrationen  ) 

Ausgehend  von  den  verschiedenen  Anschauungen  über  die  Theorie  des 
Sehens  berichtet  Vortr.  über  Belichtungsversuche  an  herausgeschnittenen 
Augen  und  an  isolierten  Netzhäuten.  Es  kommt  hierbei  in  der  belichteten 
Netzhaut  zu  einer  Ausscheidung  von  Phosphorsäure,  die  reversibel  ist.  Diese 
Reversibilität  ist  an  die  Gegenwart  des  Pigmentepithels  gebunden.  Die 
Bildung  der  Phosphorsäure  erfolgt  in  der  Stäbchen-  und  Zapfenschicht  Das 
Azidogen  ist  nicht  mit  dem  des  Muskels  identisch. 

Aussprache:  Herren  Bethe,  Lange. 

Herr  Law  aczek  (nach  Versuchen  mit  Frl.  Spitzer):  Beitrag  zur 
Physiologie  des  Cholesterins. 

Untersuchungen  an  roten  und  weissen  Muskeln  verschiedener  Versuchs- 
tiere  haben  ergeben,  dass  Muskeln  mit  einer  grossen  Dauerleistungsfähigkeit 
einen  hohen  Cholesteringehalt  aufweisen.  Am  Aufbau  der  Grenzschichten  sind 
Phosphorsaure  und  Cholesterin  beteiligt. 

in  de^Schwangersch^t.1^  ^  ^  intermediären  Kohlehydratstoffwechsel 

An  20  Schwangere  wurden  je  100  g  Lävulose  verabreicht.  Bei  6  fanden 
sich  normale  Werte,  bei  den  übrigen  Störungen  der  Kohlehydratassimilation 
(Leber)  und  der  Kohlehydratausscheidung  (Niere).  Es  besteht  keine  Ver- 
zuse^en^'  ^'e  ^c^wanserscfia^  a's  Pathologisch-physiologischen  Vorgang  an- 

Aussprache:  Herren  Traugott,  S  e  i  t  z. 

J.  E.  Kayser-Petersen. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizielles  Protokoll.). 

Sitzung  vom  3.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Rosenhaupt. 

.  Herr  G  o  1  d  s  t  e  i  n:  Klinische  und  anatomische  Demonstration  zur  Frage 
der  Parkinson-ähnlichen  Erkrankungen  bei  Encephalitis  epidemica. 

T1  demonstriert  Diapositive  von  Präparaten  von  Fällen  mit  Parkinson- 
ahnlicher  Erkrankung  bei  Encephalitis  epidemica.  Er  weist  darauf  hin  dass 
die  amyostatischen  Symptome,  wenn  sie  auch  schon  im  Frühstadium  der  Er¬ 
krankung  auftreten  können,  sich  gewöhnlich  erst  viel  später,  oft  nach  einem 
manchmal  langen  Intervall  scheinbarer  Gesundheit  einfinden.  Das  spricht 
dafür,  dass  die  Erscheinungen  durch  chronische  und  sekundäre  Veränderungen 
bedingt  setn  werden.  Die  anatomische  Untersuchung  hat  gezeigt,  dass  sich 
tatsächlich  schwere  Veränderungen  in  solchen  Fällen  finden,  die  einen 
degenerativen  Charakter  haben.  Die  Hauptveränderungen,  die  G.  gefunden 
hat  und  demonstriert,  liegen  in  der  Substantia  nigra.  Diese  ist  im 
ganzen  stark  geschrumpft,  kolossal  gliareich,  die  Ganglienzellen  sind  stark 
reduziert,  liegen  viel  dichter  und  sind  fast  alle  verändert  (geschrumpft,  fast 
ganz  von  Pigment  erfüllt,  von  vielen  Gliazellen  umgeben,  der  Kern  ge¬ 
schrumpft  oder  fehlend).  Auch  ausserhalb  der  Ganglienzellen  findet  sich  viel 
Pigment  Die  Gliazellen  sind  zum  Teil  ganz  davon  erfüllt.  Wegen  der  starken 
Schrumpfung  ist  es  möglich,  bei  gleicher  Vergrösserung  einen  viel  grösseren 
Bezirk  als  beim  Normalen  in  einem  Gesichtsfeld  zu  erfassen  (wie  die  Photo¬ 
gramme  zeigen). 

Ausser  in  der  Substantia  nigra  finden  sich  Veränderungen  im  roten  Kern, 
dessen  Zellen  ebenfalls  chronische  Veränderungen  aufweisen.  Weiter  sind 
aas  Pallidum  und  Caudatum  verändert,  doch  scheinen  hier  die  Verände¬ 
rungen  wesentlich  geringer  zu  sein  wie  in  der  Substantia  nigra.  Die  Unter- 
suchung  über  die  Bahndegeneration  ist  noch  nicht  abgeschlossen,  erwähnen 
mochte  der  Autor  besonders  eine  Degeneration  in  der  F  o  r  e  1  sehen  Faserung 
V\J1  „“A.  „?s.ern’  die  In  dle  Substantia  nigra  einmünden  und  solche,  die  über 
die  Mittellinie  dringen  in  der  F  o  r  e  1  sehen  Kommissur 

Die  Untersuchungen  werden  fortgesetzt.  Es  ist  zu  erhoffen,  dass  durch 
den  genauen  Vergleich  des  klinischen  Bildes  —  es  kommen  ja  recht  ver- 
schiedene  Bilder  vor  mit  dem  anatomischen  Befund  gerade  das  Material  der 
Enzephalitis,  das  ja  viel  zahlreicher  ist  als  das  der  anderen  Erkrankungen 
mit  amyostatischen  Symptomen,  uns  in  der  Erkenntnis  der  Anatomie  des 
myostatischen  Apparates  weiterbringen  wird. 

Diskussion:  Herr  Vohsen:  Der  Speichelfluss  erklärt  sich  zwang¬ 
los  aus  dem  weit  offenstehenden  Munde  der  Patienten  und  braucht  nicht  als 
Herdsymptom  aufgefasst  zu  werden.  Verf.  berichtet  über  einen  42  jährigen 
Patienten,  der  wegen  linkseitiger  Influenzaotitis  operiert  wurde.  Einen  Monat 
cau,-t  ,  Operation  trat  amnestische  Aphasie  auf,  die  den  Verdacht  auf 
schlafenlappenabszess  nahelegte.  Intensionstremor  der  Hände  und  Steigerung 
der  Kniereflexe.  Der  Kranke  ging  nach  ca.  2  Monaten  in  völligem  Stupor 
an  Intluenzaenzephalitis  zugrunde. 

...  t.Herr  L-  Dreyfus  bestätigt,  dass  die  Heilung  der  Enzephalitis 
häufig  nur  eine  scheinbare  ist  und  Rückfälle  mit  schwerem  Siechtum  folgen, 
rherapeutisch  leisten  im  akuten  Stadium  die  Silberpräparate  noch  am  meisten. 
Im  chronischen  Stadium  gibt  es  abgesehen  von  der  Vakzination  gegen  die 
neuritischen  Beschwerden  bisher  kein  Mittel,  das  auf  den  Krankheits- 

prozess  selbst  wirkt.  Gegen  die  Steifigkeit  und  das  Zittern  fand  auch  D 
häufig  das  Hyoszin  wirksam  (3  mal  täglich  3—10  Tropfen  einer  1  prorn 
'  Losung. 

•  ^?err  Hranz  Wolf  weist  darauf  hin,  dass  ein  sehr  langes  Intervall 

zwischen  der  eigentlichen  Krankheit  und  ihren  Spätfolgen  liegen  kann,  so 

dass  die  Prognose  noch  unsicherer  wird.  Er  berichtet  über  einen  vor 

wenigen  Tagen  von  ihm  untersuchten  Spanier,  der  schon  itn  Oktober  1918 
eine  Grippe  mit  14  tägigem  hohem  Fieber  und  Schlafsucht  überstanden  hatte 
und  danach  zunächst  völlig  gesund  war.  Ein  Jahr  später  traten  Schwäche¬ 
st?™6  in  den  Beinen  auf  und  erst  im  Juni  1921  Schlafzustände,  die  sich 
antallsweise  8  10  mal  im  Tage  wiederholten,  ohne  Bewusstseinsverlust. 

Der  übrige  geistige  und  der  körperliche  Befund  boten  nichts  Anormales. 

Herr  Strasburger:  Wenn  man  sich  kräftig  die  Hand  drucken  lässt, 
so  kommt  neben  dem  Rigor  ein  grober  Tremor  der  Hand  und  des  Armes 
zum  Vorschein.  In  2  typischen  Fällen  konnte  St.  die  hochgradige  Steifig¬ 
keit  durch  Skopolamin  sehr  günstig  beeinflussen. 

Herr  L.  Auerbach:  Die  Prognose  der  Encephalitis  epidemica  wird 
dadurch  erschwert,  dass  es  eine  Form  gibt,  bei  welcher  sich  nach  an¬ 
scheinender  Heilung  Rezidive  einstellen.  Auch  die  Kombination  dieser  Ver¬ 


laufsart  mit  Parkinson-ähnlichen  Erscheinungen  kommt  vor.  Diese  sind  als 
rolgezustand  zweifellos  recht  häufig.  A.  weist  noch  auf  ein  in  relativ  vielen 
rä  len  vorhandenes  Symptom  hin,  bestehend  in  eigenartigen,  in  sehr  rascher 
Folge  sich  abspielenden  klonischen  Zuckungen  im  Levator  anguli  oris,  den 
Zygoinaticis  und  dem  Risorius,  die  auch  im  Schlafe  anhalten  können. 

Herr  R  a  e  c  k  e  macht  auf  die  nicht  seltenen  Verwechslungen  mit  De¬ 
mentia  praecox  und  Hysterie  aufmerksam.  Wichtig  ist  ferner  die  Neigung 
zu  weitgehenden  Remissionen  und  plötzlichen  Rückfällen.  Die  Prognose  der 
protrahierten  Fälle  ist  recht  zweifelhaft. 

Herr  v.  M  e  1 1  e  n  h  e  i  m  weist  auf  die  schlechte  Prognose  derartiger 
Nachkrankheiten  nach  Encephalitis  hin  im  Gegensatz  zu  der  verhältnis¬ 
mässig  günstigen  Prognose  der  frischen  Enzephalitis,  deren  Folgen  beim 
kindlichen  Gehirn  oft  fast  gänzlich  ausgeglichen  werden. 

Herr  Bernh.  Fischer:  Ueber  Bestrahlungsnekrosen  des  Darmes. 

Erscheint  in  „Strahlentherapie“. 


Aerztlicher  Verein  in  Hamburg. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  20.  Dezember  1921. 

Herr  Rud.  Kaiser  stellt  eine  Patientin  vor,  bei  der  er  das  ganze 
Mittelohr  ausgeräumt  hat,  indem  er  ein  Cholesteatom  entfernte.  Dieses  hatte 
alle  Mittelohrräume  ausgefüllt  und  dadurch  auch  zu  einer  Fazialislähmung 
geführt.  Wenige  Tage  nach  der  Ausräumung  ging  die  Lähmung  zurück. 

Herr  B  i  e  m  a  n  n  berichtet  über  einen  Fall  von  akuter  syphilitischer 
Meningitis.  Junger  Mann,  der  benommen  eingeliefert  wurde,  hoher  Liquor¬ 
druck,  Wassermannreaktion  im  Blut  und  Liquor  stark  positiv.  Trotz  inten¬ 
siven  Kuren  mehrfach  Rezidive. 

Herr  Oehlecker  berichtet  über  den  Verlauf  einer  Dystrophia  adiposo- 
genitalis.  bei  der  er  durch  transethmoidale  Entfernung  eines  Hypophysen¬ 
tumors  für  längere  Zeit  wesentliche  Besserung,  besonders  der  subjektiven 
Symptome  erzielt  hat.  Tod  etwa  2lA  Jahre  nach  der  Operation. 

Herr  Fahr  zeigt  makroskopische  und  mikroskopische  Bilder  des  Tumors, 
der  von  den  Hauptzellen  der  Hypophyse  ausging,  und  bespricht  die  Auf¬ 
fassung  der  Dystrophie  als  einer  Hypophysen-  oder  Mittelhirnerkrankung 

Herr  Trömmner  stellt  vor:  1.  Einen  Fall  von  Paralysis  agitans, 
der  auch  ohne  die  Kühl  sehe  Implantation  von  Epithelkörperchen  wesentlich 
gebessert  ist.  2.  Einen  Knaben  mit  angeborenem  Pes  equinus  und  leichter 
Muskelatrophie  des  rechten  Beines  bei  Spina  bifida  (röntgenologisch  festge¬ 
stellt).-  3.  Ein  9  jähr.  Mädchen,  das  nach  Influenza  psychische  Störungen  und 
Charakterveränderungen  im  Sinne  eines  chronischen,  submanischen  Zustandes 
aufweist. 

Srr  Much:  Das  Neueste  über  Wesen  und  Wert  der  Vakzinetherapie. 
(Spezifische  und  unspezifische  Reiz-  und  Organtherapie.) 

Nach  einigen  Vorbemerkungen  über  Blut-  und  Zellimmunität  erörtert 
Vortr.  das  Wesen  der  Vakzinetherapie:  sie  versucht,  den  Körper  zur  selb¬ 
ständigen  Bildung  von  Abwehrstoffen  gegen  Krankheitserreger  zu  reizen. 
Man  hat  zu  unterscheiden  zwischen  spezifischer  und  unspezifischer  Immunität. 
Erstere  kann  bei  akuten  Krankheiten  durch  die  Vakzinetherapie  nicht  ge¬ 
steigert  werden,  weil  bei  Ueberschwemmung  des  Körpers  mit  Krankheits¬ 
keimen,  die  an  sich  schon  als  übermässige  Reize  wirken,  die  Vakzine  noch  zu 
einer  Summierung  von  Reizen  führen  würde. 

Zur  richtigen  Ausführung  der  Vakzinetherapie  ist  eine  zweckentsprechende 
!r?Slejriln^’  eidorderhch,  d'e  man  am  besten  durch  Probeimpfungen  der  Haut 
(Ouaddel  nach  Much,  Salbeneinreibung  nach  Petruschky,  Ritzung  der 
Haut  und  gleichzeitige  Einreibung  nach  P  o  n  n  d  o  r  f)  prüfen  kann.  Muss 
die  Vakzinetherapie  aus  theoretischen  Erwägungen  bei  akuten  Infektionen 
versagen,  so  leistet  sie  Vorzügliches  bei  chronischen,  z.  B.  Tuberkulose. 
Hier  kommt  es  aber  darauf  an,  Antikörper  gegen  alle  Bestandteile  der  Bak¬ 
terien  zu  erzielen,  nicht  nur  gegen  das  Eiweiss,  sondern  vor  allen  Dingen 
gegen  die  Lipoidfettkörper. 

•  t  .^^chronischen  Erkrankungen  (Koli-,  Staphylokokken-,  Gonokokken¬ 
infektion)  leistet  spezifische  und  unspezifische  Vakzine  Gutes.  Letztere  kommt 
ausschliesslich  in  Betracht  bei  Erkrankungen,  deren  Erreger  wir  noch  nicht 
züchten  können,  oder  noch  nicht  kennen,  z.  B.  bei  Neuralgien,  Arthritiden, 
Rheumatismen,  Anämien,  vielleicht  auch  bei  malignen  Tumoren:  hierher  gehört 
die  Proteinkörpertherapie  (Serum,  Milch,  Kasein),  Vakzineurin,  Terpentin,  und 
als  das  Aussichtsreichste,  weil  am  einfachsten  in  seiner  chemischen  Zu¬ 
sammensetzung.  das  Yatren. 

•  Anhangsweise,  behandelt  der  Vortragende  die  Organtherapie,  diese  habe 
nicht  den  Sinn,  ein  Organ,  dessen  Funktion  im  Körperhaushalt  ausfalle,  zu 
ersetzen,  indem  man  es  dem  Körper  einverleibe,  sondern  sie  wirke  als 
Reiztherapie  bei  Erschlaffung  oder  Ueberreizung  einzelner  Drüsen  mit  innerer 
Sekretion  durch  Zufuhr  gleicher  oder  verwandter  Organpräparate. 

Max  Fraenkel  -  Hamburg. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

(Medizinische  Sektion.) 

Sitzung  vom  2.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Sachs.  Schriftführer:  Herr  Freudenberg. 

Herr  Sachs:  Nachruf  für  Wilhelm  Erb. 

Herr  Ernst:  Der  Geist  der  Zellularpathologie. 

Sitzung  vom  15.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Sachs.  Schriftführer:  Herr  Freudenberg. 

Herr  Adam:  Die  Bedeutung  der  Eigenwasserstoffzahl  der  Bakterien. 

Aussprache:  Herren  Sachs,  Hofmann,  Graefe  und  Ada  m. 

Herr  Freund:  Eiweissstoffwechsel,  Nervensystem  und  Fieber. 

Der  gesteigerte  Eiweisszerfall  im  infektiösen  Fieber  wird  bisher  ent¬ 
weder  als  „toxogen  gedeutet  oder  (nach  Grafe)  rein  energetisch  als 
Folge  des  gesteigerten  Stoffverbrauches  bei  gleichzeitig  herabgesetzter  Nah¬ 
rungszufuhr.  Die  Allgemeingültigkeit  der  ersten  Auffassung  ist  widerlegt 
durch  Versuche  von  Freund  und  Grafe,  in  denen  gleiche  und  gleich  ver¬ 
laufende  Infektionen  bei  normalen  Kontrollhunden  hohes  Fieber  und  Eiweiss¬ 
zerfall  machten,  bei  künstlich  poikilothermen  fieberunfähigen  Hunden  dagegen 
die  tägliche  Stickstoffausscheidung  ganz  unbeeinflusst  Hessen.  Gegen  die 


Nr.  1. 


Ä &ÄS  ÄS 

im  Gegensatz  zu  Chinin  und  Salizyli  künstlich  poikllothermen  Kan- 

nichtfiebernden  Menschen  ebenso  wie^  ^lm^unst^ "  uPd  die  stickstoffaus- 
ninchen.  lassen  therapeutische  Dü  dagegen  geht  die  Wärmebildung  meist 

Scheidung  unverändert;  beim  Fjebernden  dag  g  E  _  herunter,  in  weit 
etwas  -  entsprechend  der  eingeschränkt.  Da  vom 

höherem  Masse  wird  abtr  dle  .  Antinvriii  als  nur  am  Nervensystem 
pharmakologischen  Standpunkte  aus  das ■  A  py  Neben¬ 
angreifendes  Mittel  aufzulassen  .st  erg, bj  durch  Anti¬ 
einander  von  Antipyrese  und  Herabsetzung^^  ^  Ein  Zusammen- 

pyrin  von  einem  nervösen  Nation  und  Eiweissstoffwechsel  ist  von 

hang  zwlfbf"  chr^'aSfeerb^a™e^afiver  Ausschaltung  des  Regulationsver- 
mög^ns*1  m!f  du^chscUenem 

“TV’St9skrräSi="re 

jTpro?  ta  der  Norm).  Die  HalsmarkduichscbneidunE  nahen  also  den 
dem  Verhalten  a„h,™e,n  T,ere  - 

r„reden  *s 

Glykogendepot  in  der  Leber  Kennen,  s  Fiweissstoffwechsel  wesentlich 

nervösen  Regulationsmechanismus  (Berg  S  t  ü  b  e  1,  Junkers- 

durch  neuere  Untersuchungen  erleichte  t  ...  1  „  :  we;  s  s  jn  der  Leber 

Sen”neTvös»  Mechanismus  stdren.  welcher  den  Elweiasst.fi- 
Wechsel  beherrscht.  _ _ _ _ _ _ — 


unternommen,  weil  Patientin  unter  allen  Umständen  von  ihrem  bisherigen 
nassen  Zustande  befreit  sein  wollte. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  9.  November  1921. 

Demonstration.  . 

Herr  Nicolas:  Mammakarzinom  beim  Manne. 

Herr^H  n"k  m  a  n  n:  Ueber  den  Komplementgehalt  des  Bllites-  , 

Auf  Grund  von  über  1000  Einzeluntersuchungen  an  «hezuOTO  mensch¬ 
lichen  Seren  konnten  folgende  zusammenfassende  patho- 

1.  Der  Komplementgehalt  menschlicher  Seren  ist  auch  unter  pain^ 

logischen  Verhältnissen  ein  weitgehend  gleichmassige  . 

d„  die  STJäU  Komplement-,  m.weile« 

kombmiermn  KompiememN  und  Nonmlandmeptorenrnan^e^aufweis^.^^ 

dmgt4.Z De'r'Komplementgehalt  des  Serums  ist  beim  'keimfreien  Aufbewahren 

im  Prüfeglas  hervorragend  beständig.  .o  Stunden  ist  selten  und 

5.  Komplementschwund  innerhalb  der  ersten  48  Stunden  ist  seiten 

diagnostisch  ohne  Wert  ^  verschiedene  Komplemente  (sog.  Pluralität). 

Seru„  ^^fSSr^ÄuS^Ut^^eEä,i:  muss  vor  jeder  j 

'widerstamdskraft1  *«-  *£ 

bewahren  ab  und  zwar  rascher  in  5  proz.  Aufschwemmungen  als  ,n  nahezu 

fester  Breiform.  .  . 

Herr  Engelhorn:  Zur  Myombehandlung. 

Hprr  r.  n  1  e  k  e-  Die  Behandlung  der  Blasenektopie. 

a  stellt einen  Fall  von  Blasenektopie  bei  einer  40  jährigen  Frau  vor 
operative  Eingriffe  an  der  Flexura  sigmoidea  zu  keinem  befriedigenden  - 

ssassr  int  jsäkä  ää  ^  ~„ 

STT SS  Sf'iSÄS’wJÄ 3!Ä1  Am»..)« 

dauernde  Fisteleiterung  neben  der  E.nnahungsstelle  Appendix  unterme  . 
n-rnnrh  vollständige  Abhe  ung.  Blasenkapazitat,  antangs  zuu,  geiu  an 

schlinge.  Vorübergehende  feine  Urmfistel  aus  der  Nahtste  e.  die  sicn  jctzi 
geschlossen  hat.  Blasenkapazität  jetzt  100  ccm.  Patientin  kann  1/-  bis 
2  Stunden  den  Urin  halten,  dann  tritt  Entleerungsbedurfms  ein.  Verlauf 


(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  15.  Dezember  1921. 

Herr  Holzapfel:  1.  VulvaverKhlu»  durch  Verbrennung.  pl„tteisen 
lSjähr.  Virgo,  fiel  mit  3  Jahren  rücklings  f  und  weiter  nach 

Breite  strahlige  Narbe  quer  über  den  die’ Hintere  Kommissur  nach  vorn 
rechts  ausstrahlend.  Durch  Narbenzug ;  st  d  e  t^t  Vulvahälfte  liegt 

-  *5  SS  v“  Sisst  Helium?  durch  Plus*,  durch  MM 
erläutert.  (Erscheint  im  Zbl.  f.  Gyn.) 

2.  Seltene  Gynatresie.  Mädchen  nicht  menstruiert.  Vor 

Gutentwickeltes,  kräftiges  3l  r,^r  Harndrang.  Vor  2  Monaten 
4  Jahren  schwere  Masern  Vor  8  Mowti längerer  Zeit  Kopfschmerzen,  sonst 

5&  bSSÄ  Ä 

IS'IS'bc  “eu  bi',1  etwa  5  cm  unicrhulh  dm  Lin»  inn.mmina., 

hinabreiftend.  Hymen  verschlossen.  Kmm  |ewo  j  Fehlen  uller  Moiimima 
Bei  dem  jugendlichen  Alter  der  Kran Ken  un u  uei  ‘  hUessen  Andere 

liess  sich  ein  gynatretischer  ^entzündlicher  Grundlage  waren  in  dieser 
gynatretische  Verhaltungstumoren  auf /"^"^Sdnlich.  dass  in  einem  solchen 
Grösse  nicht  beschrieben,  auch  war  e  Das  Wahrscheinlichste  war 

Falle  gar  keine  örtlichen  Beschwerden  best; L-men  occlusus  und  Jugend)  oder 
nach  dem  Befunde  Schwangerschaft  (trotz  y  Untersuchung  ergab  keine 
ein  Ovarialtumor.  Wiederholte  sehr  ^^C\eolErzur  Eeststellung  und 
Anhaltspunkte  für  Schwangerschaft.  -  ...  eröffnet  und  nachher  die 

nötigenfalls  Entfernung  des  1  ™s ,  anL^tomie  ergab  3  cm  lange  Ovarien 
Gynatresie  beseitigt  werden.  Die  Lp  eitsansammlung  in  Scheide  und 

ohne  jede  Narbe,  den  Tumor  als üss: «gkeitsan; äammm  B  ßei  dem 

Zervix,  das  Korpus  in  bekannter  Weise  il‘L,r  d:;'s  Abdomen  zu  schliessen 
.unbekannten  Inhalt  des  Tumors  schien  2—21/’  mm  dicke  Hymen  wurde 

und  den  Tumor  von  unten  dann  d“  Scheidensack  eröffnet, 

™St  S?umei,«cl.ung  ergab  Reinkultur  von  Strep.o- 

to“S  Ä  »  ÄÄJ4-« 

Pyoelythrometra.  H.  nimmt  an,  c  M-isemerkra-nkung.  Bemerkens- 

scheinlich  mit  der  Eiterbildung  wahrend  ,.  M  gei  an  Beschwerden 

wert  ist  die  Grösse  des  Eitersacks  der  fast  völlige  jjanJtei^ {  wurde  durch 

und  das  sehr  langsame  Wachsttm  -  {  operationem  war 

g  STÄt  ftÄ  Scbeidcnha.it.  • 

(Erscheint  im  Zbl.  f.  Gvn.) 

3.  Schwangerschaftszeichen.  ,  {t  recy,t  frühzeitig  die 

H.  beschreibt  ein  Zeichen,  durch  das  ma  Lockerung  des  Korpus 
Schwangerschaft  erkennen  kann.  tb  -e  Zeichen  (1).  Wenn  man  nach 

und  wird  früher  deutlich  als  das  H  e  g  ,  Korpus  bis  über  den 

der  Betastung  des  Organs  Zeigefinger  und  Hand  an  Jp  nichtgravide 

Fundus  unter  leisem  Druck  hingle.te, .  lasst,  so  schne.it  Kirschkern 

Uterus  „knapsend“  unter  den  P'ng®  n .. tü'rlich  mit  etwas  geringerer 

sich  zwischen  2  Fingern  wegschnellen  lasst  naturheh  mit  et  g 

Uer,Ilt  H-it'mai^sTh  ÄeU— S^gdbt,  so  kann  man 
fn  ^mdsllnTältefdie  Schwangerschaft  sehr  S 

der ‘u^erus0 gr'avid.kb ei  ^d^tlich^^Kn'^sen  wahrschemüch^  ^diwierig 

die  Beurteilung  bei  der  Retroversio  ' mit  5 3 1. ^uung  ^erschemungen  ^ 

für  Schwangerschaft  darstellt  (s.  Zbl.  f.  Gy  . 

Diskussion:  Herr  Linzenmeyer. 

Harr  r,  ö  h  e  1 1  bespricht  die  Entstehungsweise  der  sog.  Hernla  d  aphrag- 

matlM'spurla  nach  Subussverletzung  und  Referiert  über  2  selbst^beobachtctc 

Danach  erholte  sich  der  Patient.  “  *  .  ,  ,  j  scheinbar  vorhandene 

wurde  am  IX  1919  eine  Verbindung  zwischen  Colon  transversum  und 
Colon  ascendens  hergestellt.  Nach  Heilung  dieser  Wunde  wurde  am  25.  XI.  1919 

der  ^ i*  s  k  \i* ^‘s^o  n^  Hierig^Ca'p,pS^s'  glaubt,  dass  noch  ziemlich  viele  Krie^ 

“ild 

E£  Ä 

„der  indere  Störungen  auftreten.  insbesondere,  wenn  dabei  Schulterschmer/, 
vorhanden  ist  Bei  der  Operation  im  nichteingeklemmten  Zustand  empfiehlt 
K  sowohl  von  Pleura  wie  vom  Abdomen  aus  zu  operieren  und  vorher 
den  Phrenikus  entweder  mit  Novokain  oder  Vereisung  leitungsfahig  zu  machen. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


31 


Für  die  Operation  eignet  sich  sehr  der  von  Kirsch  ner  angegebene  Angel¬ 
hakenschnitt.  K.  weist  noch  auf  -die  Bedeutung  des  Pneumoperitoneum  für 
die  Stellung  der  genauen  Diagnose  hin;  allerdings  kann  das  Pneumoperitoneum 
möglicherweise  Einklemmungen  auslösen. 

Herr  G  ö  b  e  1 1  stellt  einen  Verwundeten  mit  Granatsplittersteckschuss 
ini  Herzbeutel  vor.  Die  fibrösen  Verwachsungen  des  Herzbeutels  hatten  starke 
Herzbeschwerden  hervorgerufen.  Die  Kardiolysis  mit  Durchtrennung 
der  fibrösen  Verwachsungen  zwischen  Perikard  und  Epikard  und  Entknochung 
rcsp.  Entknorpelung  der  Brustwand  zeitigte  ein  sehr  gutes  Resultat. 

Herr  Göbell  spricht  über  die  Sphinkterplastik  am  Rektum  und  stellt 
eine  Patientin  vor,  bei  welcher  am  28.  V.  1916  wegen  Wirbelbruches  und 
Lähmungen  beider  Beine,  von  Blase  und  Mastdarm  eine  Laminektomie  aus- 
gefünrt  worden  war.  Es  hat  sich  danach  die  Motilität  und  Sensibilität  der 
Beine  wieder  hergestellt,  nur  bestand  noch  eine  Incontinentia  alvi.  Es  wurde 
deshalb  am  12  IX.  1918  eine  Plastik  ausgeführt,  wobei  beiderseits  der  vom 
Nervus  gluteus  inferior  versorgte  Muskelabschnitt  des  Musculus  glutaeus 
maximus  von  seiner  Insertion  abgelöst,  aber  mit  Gefässen  und  Nerven  in 
Verbindung  gelassen  wurde.  Dann  wurde  das  Steissbein  exstirpiert,  das 
Rektum  isoliert.  Die  beiden  sehnigen  Enden  des  Musculus  glut.  max.  wurden 
nach  vorn  vom  Rektum  gezogen  und  hier  miteinander  vernäht,  es  sollte 
auf  diese  Weise  der  Darm  nach  hinten  geknickt  und  dadurch  eine  Kontinenz 
erzielt  werden.  Da  eine  Infektion  in  der  mittleren  Operationswunde  auftrat, 
wurde  am  25.  IX.  1918  ein  Anus  praeternaturalis  an  der  Flexura  sigmoidea 
angelegt.  Inzwischen  war  durch  eine  langdauernde  Zystitis  ein  weiteres 
operatives  Vorgehen  nicht  möglich.  Am  27.  Mai  1920  ergab  die  Untersuchung, 
dass  der  bisherige  Eingriff  zum  Verschluss  nicht  genügte,  es  wurde  deshalb 
bei  einer  abermaligen  Operation  ein  Stück  Oberschenkelfaszie  von  hinten 
zwischen  den  beiden  Glutäen  ausgespannt;  auf  diese  Weise  wurde  erreicht, 
dass  das  Rektum  einmal  nach  hinten  gezogen  wurde,  gleichzeitig  durch  eine 
von  den  ülutäalsehnen  und  der  freitransplantierten  Faszie  gebildeten  Zwinge 
komprimiert  wurde.  Am  21.  VIII.  1920  wurde  der  Anus  praeternaturalis  ver¬ 
schlossen,  danach  zeigte  sich,  dass  die  Patientin  imstande  war,  den  Stuhl 
zurückzuhalten.  Der  Zustand  hat  sich  immer  gebessert,  so  dass  sie  heiraten 
konnte.  Ein  Verschluss  für  Winde  besteht  nicht. 

Herr  Göbell  demonstriert  ein  von.  einem  neugeborenen  Mädchen  her- 
|  rührendes  Präparat.  Es  handelt  sich  um  eine  tiefsitzende  Duodenalstenose, 
die  durch  zweimalige  korkenzieherartige  Drehung  des  Duodenums  hervor¬ 
gerufen  war.  In  diesem  Falle  hat  Vortragender  eine  Gastroenterostomia 
antecolica  anterior  mit  nachfolgender  Enteroanastomose  ausgeführt.  Es  er¬ 
folgte  aber  keine  Entleerung  des  Mageninhalts  in  den  Darm,  so  dass  das 
Kind  an  ganz  allmählicher  Entkräftung  zugrunde  ging;  früher  ausgeführte 
Tierversuche  stimmten  mit  diesem  Ausgang  überein,  während  ein  von  li  el¬ 
fe  r  i  c  h  operierter  Fall  von  erworbener,  tiefsitzender  Duodenalstenose 
durch  Gastroenterostomie  geheilt  wurde.  Tiere,  an  denen  ein  künstlicher 
Duodenalverschluss  mit  nachfolgender  Gastroenterostomie  ausgeführt  war, 
magerten  stark  ab  und  gingen  zugrunde.  Bei  einem  Neugeborenen  mit 
Duodenalstenose  sind  die  Verhältnisse  sehr  ähnlich  den  Tierversuchen,  weil 
auch  bei  ihm  die  Stenose  plötzlich,  nämlich  beim  ersten  Schluck  Mutter¬ 
milch  in  Erscheinung  tritt.  Das  Duodenum  hatte  in  utero  keine  Gelegenheit, 
sich  der  Stenose  anzupassen.  Es  muss  deshalb,  wie  W  i  I  m  s  schon  gefordert 
hat,  entweder  die  Operation  an  der  Stenose  angreifen  oder  eine  Verbindung 
zwischen  Duodenum  und  Jejunum  angelegt  werden. 

Diskussion:  Herren  Spiegel,  Käppis,  Linzenmeyer, 
Hoppe-, Seyler.  Göbell. 


Med.-wissenschaftl.  Gesellschaft  an  der  Universität  Köln. 

(Offizielles,  Protokoll.) 

27.  Sitzung  vom  2.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  T  i  1  m  a  n  n. 

Herr  Thomas  demonstriert  2  ältere  Säuglinge,  bei  denen  zur  Ent¬ 
fernung  von  grösseren,  nicht  ganz  oberflächlichen  Angiomen  die  Vakzination 
|  mit  gutem  Erfolg  angewandt  worden  war.  Bei  dem  einen  Kind  waren 
j  gleichzeitig  2  Geschwülste  vorhanden  gewesen.  Nach  Entfernung  der  beiden 
durch  Vakzination  ein  Auftreten  von  zahlreichen ■  miliaren  Angiomen  in  der 
j  Haut.  Zunächst  wird  der  Rand  der  Geschwulst  von  Impfstrichen  einge- 
1  fasst,  sodann  die  Oberfläche  selbst  durch  2  sich  kreuzende  Liniensysteme 
gefeldert.  Kompression  durch  Tupfer.  Aufträgen  der  Lymphe,  welche  sofort 
!  Gerinnung  des  austretenden  Blutes  verursacht.  Nach  Eintrocknung  und  Ab- 
i  stossung  des  Schorfes:  Bildung  eines  tiefen  Geschwürs,  welches  durch 
i  Narbenbildung  heilt.  Die  aufgenommenen  Säuglinge  zeigen  in  neuerer  Zeit 
auffallend  häufig  als  Nebenbefund  Angiorne.  Manchmal  nehmen  dieselben  aus¬ 
gesprochen  progressiven  Verlauf,  daher  ist  möglichst  früh  die  Behandlung 
vorzunehmen.  Selbstheilungsprozesse  laufen  bei  den  progressiven  Formen 
nebenher.  Diese  nehmen  oft  den  Ausgang  von  zufälligen  Erosionen  mit 
Infektion,  worauf  lokale  Verödungen  des  Angioms  einsetzen.  In  10  Fällen 
wurde  die  Vakzination  angewandt.  2  Rezidive.  Neuerdings  revidiert  Th. 
die  Tiefe  des  Geschwürs  nach  Abstossung  des  Schorfes  auf  bläuliche  Gefäss- 
reste  und  kauterisiert  sie.  Die  Vakzinationsmethode  wurde  früher  offenbar 
nur  bei  kleinen  Angiomen  verwendet. 

Aussprache:  Herren  Tilmann,  Dietrich,  H  a  b  e  r  1  a  n  d  t. 

Herr  Thomas  (Schlusswort):  Die  Methode  ist  bei  den  Eltern  beliebt. 
Es  wird  ihnen  gleichzeitig  der  Impfschein  ausgehändigt. 

Herr  Hey:  Ueber  posttraumatische  Degeneration  im  Rückenmark  (Com- 
motio  spinalis). 

Es  werden  zwei  Fälle  von  Commotio  spinalis  berichtet,  von  denen  der 
eine  nach  2,  der  andere  nach  6  Monate  langer  Latenzzeit  die  ersten  Symptome 
aufwies.  Exitus  25  bzw.  4-4  Monate  nach  dem  Unfall.  Fall  I  zeigt  die  Haupt- 
iahmungserscheinungen  im  Bereiche  der  oberen,  Fall  II  in  dem  der  unteren 
Extremität  einschliesslich  Blasenlähmung,  entsprechend  der  Einwirkungsstelle 
des  Traumas  auf  Hals-  und  untere  Brustwirbelsäule.  Anatomisch  keine  Ver¬ 
letzungen  der  Wirbelsäule  oder  der  Rückenmarkshäute  nachweisbar.  Der 
histologische  Befund  ergab  in  Fall  I  im  wesentlichen  nur  ausserordentlich 
zahlreiche  Fettkörnchenzellen,  in  Fall  II  vor  allem  stiftförmig  das  Rückenmark 
duichsetzende,  durch  Resorption  von  nekrotischen  Gewebsmassen  entstandene 
-  palten  neben  ausgedehntem  Markscheidenschwund.  In  beiden  Fällen  waren 
von  den  Veränderungen  graue  und  weisse  Substanz  diffus  betroffen;  bei 
beiden  zeigten  die  Gefässe  ausser  einer  deutlichen  Wandverdickung  keine 
Veränderungen;  vor  allem  keine  Blutungen  oder  Blutpigmente.  —  Bei  der 


kritischen  Besprechung  der  Pathogenese  der  Commotio  spinalis  ergibt  sich 
zunächst,  dass  die  meisten  Erklärungen  mit  der  langen  Latenzzeit  nicht  ganz 
in  Einklang  zu  bringen  sind,  da  nur  ein  Faktor  in  Betracht  kommen  kann, 
der  ganz  allmählich  eine  steigernde,  schädigende  Wirkung  auf  das  Rücken¬ 
mark  äussert.  Die  einzelnen  Theorien:  „Direkte  traumatische  Nekrose“  der 
Ganglienzellen,  Quetschung  durch  Wirbeldistorsion,  Zerrungen  infolge  der  ver¬ 
schiedenen  spez.  Gewichte  von  grauer  und  weisser  Substanz,  Blut  und 
Liquor  u.  a.  m.  werden  dieser  Bedingung  nicht  gerecht.  Da  auch  entzündliche 
Prozesse  auszuschliessen  sind,  wind  für  die  wahrscheinlichste  Erklärung  die 
folgende  gehalten:  Infolge  des  Traumas  kommt  es  zunächst  in  einigen 
Kapillaren  zur  Stase  mit  Lymphstauung;  dadurch  wird  eine  anfangs  nur  ganz 
leichte  Schädigung  der  nervösen  Substanz  in  relativ  kleinem  Gebiete  hervor¬ 
gerufen.  Die  dabei  frei  werdenden  Abbauprodukte  erschweren  sowohl  rein 
mechanisch  wie  auch  vielleicht  toxisch  die  Blutversorgung  weiter.  Dieser 
Circulus  vitiosus  führt  dann  nach  kürzerer  oder  längerer  Latenzzeit  ■ —  je  nach 
der  Ausdehnung  der  zunächst  betroffenen  Gefässe  und  der  Qualität  der  dadurch 
zugrunde  gehenden  nervösen  Elemente  —  bis  zu  den  durch  Resorption  des 
nekrotischen  Gewebes  entstandenen  Spaltbildungen  des  II.  Falles. 

Aussprache:  Herren  Tilmann,  Dietrich,  Beltz,  Hering. 

Herr  Arnold:  Ueber  Intrakutanreaktion  mit  unspezifischen  Stoffen. 

Um  zu  zeigen,  dass  die  spezifische  Intrakutanreaktion,  besonders  die  mit 
Tuberkulin,  in  ihrer  Intensität  nicht  nur  abhängig  ist  von  dem  immunbiologi¬ 
schen  Vorgang,  der  die  Reaktion  bedingt,  sondern  auch  von  der  jeweiligen 
Hautbeschaffenheit,  vornehmlich  bei  Fieber,  Kachexie,  Pigmentation,  wurden 
Intrakutanreaktionen  mit  osmotisch  wirksamen  Stoffen  (Aqua  destillata  und 
Kochsalzlösung  3 — 5  proz.)  und  mit  1 — 2  proz.  Karbolsäure  angestellt. 

Normalerweise  waren  alle  diese  Reaktionen  5 — 7  ccm  gross,  mässig 
infiltriert.  Nur  dann,  wenn  auch  die  Pirquet  sehe  Reaktion  (7  Fälle)) 
stark  ausfiel,  war  auch  die  unspezifische  Reaktion  verstärkt;  ebenfalls  einmal 
bei  einem  neuropathischen  Kinde. 

Hypertonische  Lösung  (Kochsalz  3 — 5  proz.)  wirkte  schwächer  als 
hypotonisch«  (Aqua  destillata). 

Abgeschwächt  bis  aufgehoben  wurde  die  unspezifische  Reaktion  durch 
Fieber,  schlechte  wasserverarmte,  welke  Haut,  künstliche  wie  natürliche 
Pigmentation.  durch  Bestrahlungshynerämie  wie  solche  durch  Rubefizientia 
und  endlich  bei  leichten  Oedemen  wie  Präödemen.  Bei  all  diesen  künstlichen 
lokal  gesetzten  Hautveränderungen  ist  um  diesen  begrenzten  Raum  eine 
2  4  cm  breite  Zone,  die  die  Reaktion  gleichsinnig  verändert. 

Bei  einer  Röntgenbestrahlung,  deren  Strahlenmenge  unter  einer  Erythem¬ 
dosis  liegt,  ist  eine  Abschwächung  der  Reaktion  zu  verzeichnen,  wenn  eine 
selbst  leichteste  Hyperämie  sichtbar  wird,  eine  Verstärkung,  wenn  diese 
ausbleibt. 

Aussprache:  Herren  Ha'berlandt,  Thomas. 

Herr  Beltz:  Ueber  Niereninsuffizienz  und  Blutplättchen. 

Der  Begriff  der  Hydrämie  reicht  zur  Erklärung  der  nephritischen 
Anämien  in  keiner  Weise  aus.  Systematische  Untersuchungen  zeigten  einen 
erheblichen  Plättchenmangel  bei  Urämie.  40 — 80  000  Plättchen  bei  mittel- 
schweren  Anämien  wurden  festgestellt.  Danach  werden  bei  Nephritiden  von 
den  Elementen  des  hämatopoetischen  Systems  die  Plättchen  zuerst  und  am 
erheblichsten  in  Mitleidenschaft  gezogen.  Die  Beobachtung  von  Le  S  o  u  r  d 
und  P  a  g  n  i  e  z,  dass  sich  Blutdruck  und  Plättchen  umgekehrt  proportional 
verhalten,  konnte  nicht  bestätigt  werden.  Hingegen  scheint  der  Grad  der 
Eiweissretention  für  die  im  peripheren  Blut  kreisende  Plättchenmenge  von 
Bedeutung.  Je  grösser  die  Eiweissretention,  um  so  geringer  der  Plättchen¬ 
wert.  Es  ergibt  sich  hier  eine  bemerkenswerte  Analogie  zu  der  Plättchen¬ 
verarmung  nach  Peptoninjektionen.  Diese  Hypothese  von  der  urotoxischen 
Thrombozytopenie  wird  durch  die  bisherigen  Befunde  bei  Nephrosen,  bei 
denen  es  bekanntlich  nicht  zu  Eiweissretention  kommt,  unterstützt.  Hier 
lagen  die  Plättchengewebe  innerhalb  der  physiologischen  Variationsbreite. 

Sie  dürfte  —  ihre  weitere  Bestätigung  vorausgesetzt  —  auch  geeignet 
sein,  die  überaus  komplizierten  Beziehungen  zwischen  Niereninsuffizienz  und 
Blutzusammensetzung  weiter  zu  klären. 

Aussprache:  Herren  Hess,  K  ü  1  b  s,  Dietrich,  Hering. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  15.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  Ebstein. 

Herr  A.  v.  Strümpell:  Nachruf  auf  W.  Erb. 

Der  Vortragende  gibt  eine  ausführliche  Darstellung  von  der  Persönlichkeit 
und  der  wissenschaftlichen  Lebensarbeit  des  am  29.  X.  im  Alter  von  fast 
81  Jahren  in  Heidelberg  verstorbenen  WilhelmErb.  Erb  war  1880—1883 
Professor  in  Leipzig  und  seitdem  Ehrenmitglied  der  Leipziger  medizinischen 
Gesellschaft.  Seine  grossen  und  unvergänglichen  Verdienste  liegen  durchweg 
auf  dem  Gebiete  der  Neurologie.  Gleich  seine  erste  grössere  wissenschaft¬ 
liche  Arbeit  (1868)  war  von  grundlegender  Bedeutung.  E.  erkannte  zuerst 
die  anatomischen  Grundlagen  und  die  klinische  Bedeutung  der  elektrischen 
„Entartungsreaktion“  erkrankter  Nerven  und  Muskeln.  Im 
Jahre  1875  entdeckte  er  die  klinisch  so  ausserordentlich  wichtigen  Sehnen- 
r  e  f  1  e  x  e,  deren  reflektorische  Natur  er  auch  zuerst  richtig  erkannte. 
Während  seiner  Leipziger  Zeit  begann  er  seine  Untersuchungen  über  die 
„juvenilen  Formen  der  progressiven  Muskelatrophie“ 
und  über  den  syphilitischen  Ursprung  der  T  a  b  e  s,  deren  syphilogene  Natur 
anfangs  vielfach  bestritten,  jetzt  aber  allgemein  anerkannt  ist.  Die  letzten 
grösseren  Arbeiten  E  r  b  s  betreffen  die  sog.  Thomsensche  Krank¬ 
heit  und  die  Dysbasia  arteriosclerotica. 

Alle  Arbeiten  E  r  b  s  zeichnen  sich  durch  die  grösste  Genauigkeit  und 
Gründlichkeit  aus.  Erb  war  in  seinem  Urteil  über  Andere  oft  streng,  aber 
ebenso  streng  auch  gegen  sich  selbst.  Sein  Einfluss  auf  die  Entwicklung  der 
deutschen  Neurologen  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  kann 
gar  nicht  hoch  genug  eingeschätzt  werden.  Er  war  eine  edle,  warm  und  tief 
empfindende  Persönlichkeit,  die  allen,  die  ihn  gekannt  haben,  unvergesslich 
bleiben  wird. 

Herr  Georg  Herzog  bespricht  zunächst  zwei  neuerdings,  im  September 
und  Oktober  1921,  im  pathologischen  Institut  zur  Beobachtung  gekommene 
f  alle  von  Encephalitis  epidemica.  Der  eine  von  ihnen  betrifft  einen  4  wöchent¬ 
lichen  Säugling,  der  die  ersten  Erscheinungen  48  Stunden  vor  seinem  Tode 
zeigte;  mikroskopisch  waren  in  diesem  ganz  akuten  Fall  einige  gelappt- 


32 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1. 


S  SÄ2rV  r6  und  1  Jahr  unter  /^Symp^en^der 

SgSSSfSäSs®^ 

KäÄÄde“.  Dadurch  und  durch  die  erwähnte  Lokalisation  treten  dte 

beW  He“"."“  Dl”  m!5  ASSSÜTte  Urobillnausscheiduntt.  (Er- 
scheint  als  Originalartikel.) 


Sitzung  vom  29.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  Huebschmann. 
Herr  March  and:  Pathologische  Anatomie  der  Lungentuberkulose. 

(Erscheint  als  erste  Originalarbeit  in  der  vorliegenden  Nummer.) 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  23.  November  1921. 

ÄÄSrrÄ*  <•  s 

ssasfÄ 

satÄtu  •*&&&  Ätrssr. 
aÄ  Äiss  » 

Klärung  zu  streben.  w  r>  c  ^mprhriich  wird  die  D  i  s  - 

Wegen  Verhinderung  des  Herrn  -Prof,  bauerorucn 

kUSHer°rnCreämKe  r  spricht  über  die  Behandlung  des  Magengeschwürs. 

nlrr  K  ecke  über  die  chirurgische  Behandlung  des  Magengeschwürs. 

Siese  beiden  Vorträge  werden  im  Wortlaut  wiedergegeben  werden. 


Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 


"  JJ  ÄÄÄSSrÄ  »  «gj 

wsimmmmsB 

wesentlichen1  Steh  das  l.sfmmenrücken  der  */«“£"  £5  “  i 
stunden,  während  die  postoperativen  Skoliosen  ^Vl’hll  der  Verbindung 
der  Konvexität  nach  der  kranken  Seite  durch  den  Weg fall  der  Verbindung 

ÄÄStrtss 

konstitutionellen  Veränderung  etwas  grundsätzlich  anderes  sei,  nehme  ihren 
1  lr«nriimr  von  den  Rippen  aus.  Wenn  man  einen  gesunden  jungen  Menschen 
S  mfch  vornrunrnach  der  Seite  abbiegt,  so  kann  man  stets  mehr  oder 
weniger  deutlich  das  Auftreten  eines  hinteren  Rippenbuckels  auf  der  Konvex 
reite  bemerken  Dieser  entsteht  dadurch,  dass  die  hinteren  Rippenabschnjtte 
einerseits  durch  die  sich  ausbiegende  Wirbelsäule,  anderseits  durch  ^ 
stärkte  Spannung  in  den  seitlichen  Thoraxabschnitten,  unter  vermehrten  Druck 
gesetzt  werden  Zu  gleicher  Zeit  bewirkt  die  nun  veränderte  Stellung  der 
Rippen  vor  allem  durch  kräftigen  Druck  auf  den  Querfortsatz  des  Wirbels 

eine  Konvexrotation  desselben.  ,  p.minfes  alle 

Während  sich  beim  Gesunden  nach  ,d?r,  Aufr^“n^.f eu0^twut^nelier 
diese  Erscheinungen  wieder  restlos  ausgleichen,  kan  wurde  ruch 

Veränderung  des  Knochensystems,  wie  sie  oben  gekennzeichnet  wurde,  auch 

nach  dem  Aufrichten  des  Rumpfes  eine  anfangs  m7I^l%^eh^rrbGsndäue?nd 
hinteren  Rippenabschnitte  und  damit  eine  Konvexiotation  des  Wirbels  dauernd 
Zurückbleiben  Damit  ist  auch  die  Möglichkeit  einer  exzentrischen  Belastung 
derrUwSbeiegegeben  ‘und  wir  sehen  dann  im  Laufe  von  Monaten  und  Jahren 
das  Leiden  von  einer  leichten  Veränderung  wn  Relief  des  Rückens  bis  zu 
den  ausgeprägten  Formen  der  Kyphoskoliose  fortschreiten. 

Dementsprechend  scheinen  heute  die  besten  Angriffspunkte  für  eine 
operative  Behandlung  der  Skoliose  die  Rippen  zu  sein.  ^  ersten  OperaLonen 
wurden  in  verschiedener  Weise  bereits  ausgeführt.  Zwar  stehen  voll  be 


friedigende  Erfolge  noch  aus,  doch  zeigte  essictl deutlich,  dwfr  hefsäule0 ein 
Veränderung  der' SpannungS.erhäUni»e  »wischen  »PP» 

therapeutischer  Einfluss  auf  die  skoliotische  Verbmgung.  genomm  ^ 

kann  Für  die  Operation  kommen  nur  versteifte  Skoliosen 
Nachbehandlung  ist  so  wichtig  wie  die  Operation  selbst. 

Herr  Lange  ist  der  Ansicht,  dass  schwere  Kyphoskoliosen  fast^tets 
rachitischen  Ursprungs  sind,  auch  wenn,  w  e  in  M  ul  ^  ^  da$ 

andere  ^tefe'radiitisc.ie'dchen'or  allem  den  naschen  ^enkranz. 

*“  Fra" 

5 1  de,  Umstand,  dass  schwere  Kyphoskoliosen  nur  in  Länton  vorkommem 
S  pläÄ^rSZ”  )«Si£g»0»- ,  nie,."  der  Oebdr,  meiern» 

raschesten  Wachstum  befind^chen  Teile  also  b.s  zu  ^  zwisch&1l 

sf  ss  r  r» 

wmmmmm 

Herr  v  Romberg  glaubt  entsprechend  der  alten  Anschauung  zwisc io 
vom  ÄS“  Richard  M  .  y  sehen  Tafeln 

schnitte  von  zwei  Kyphosko hotikern  wird  ein  e ÄÄÄ n  und 

•SäKiSSS^SSS 

Serratus  anticus  major.  So  entsteht  eine  senr  n°cngru  s  Druck- 

Atmungsmechanismus  und  des  Lungenkreislaufs  D  e  durch i  die  DrucK 
Steigerung  in  der  Lungenarterie  entstehende  Hypertrophie  der  reenten  Kamm 
Ät  wir  hohe  Grade  Bisweilen  wird  durch  ungenügende  Kompensation 
des  HMdern  sseS  der  Unke  Ventrikel  abnorm  wenig  gefüllt  und  atrophisch  wie 

Sei  Mitralstenose  (Carl  Hirsch).  Die  Bronchitiden 

Hip  das  äussere  Bild  des  Krankheitsverlaufs  beherrschen,  wie  nerr 
Fr  Müller  mit  Recht  betonte,  werden  durch  die  vermehrte  Belastui  g 

SrSteÄM  stä-ä 

WelSf)astUrteÜ'  über  die  Herrtätigkeit  kann  sich  bei  der  gewöhnlichen  Ver¬ 
te,™“  S  He, eens  noch  weniger  als  Sons,  ,ut  die  perkutonsche  BesUm- 

JfflS'ÄSE  Kamme;.  S 

AbwetbLgen^ 

Zvanose  die  bei  der  gewöhnlich  abweichenden  Form  der  Leber  durch  B 

m  ■  BnSe„er|°clfü“  vor  T»£»lost'^”0.el!«ch  angenommen  wird  verleiht 
die  ICyphoskohose'Ticht  Neid’eri  h.«e 

lirtersuchung  zu  stellen.  Der  Mechanismus  der  Kreislaufstörung  .  den 
Lungen  bei'  Kyphoskoliose  entspricht  nicht  einer  Stauung  w.!®  b®’  Mlt^a  ‘ 

Hindernis  ^liegMenseits^d^s0 'Lungenkreislaufs.611  BeT  Kyphoskoliose  ist  es  in 

iieS:’:*  ÄefS 

durchflossen.  Eine  vermehrte  Blutfüllung  findet  sich  nur  in  den,  Lunge 
arterien. 


Herr  Borst  meint,  dass  für  die  habituelle  oder  konstitutionelle  Kypho¬ 
skoliose  abnorme  Belastung  (schiefe  Haltung),  Schwache  der  Muskeln  und 
Bänder.  Veränderungen  der  Knochensubstanz  in  Frage  kamen  .  Das  letztere 
Moment  erscheint  ihm  das  wichtigste.  Beziehungen  zur  Rachitis  besteh 
jedenfalls  häufig  Wenn  nicht  immer  Auftreibungen  an  den  Gelenkenden  ge- 
funden  werdenf  so  muss  man  bedenken,  dass  es  neben  der  enchondra  en  auch 
eine  periostale  und  endostale  Rachitis  gibt.  Ferner  kann  die  Rachitis  aus 
gelfei  ft  sein,  die  Difformität  ist  geblieben.  In  einem  eigenen  wahrscheinlich 
hieher  gehörigen  Fall  von  habitueller  Kyphoskoliose  war  mikroskopisch  nur 
eine  sehr  starke  Atrophie  der  Knochensubstanz,  nichts  für  Rachitis  oder 

SSÄ  <£  rffST 1TÄJ 

ä  ir  ÄSSicSÄ  vDon  ÄÄkSy» 

rachitischer  und  osteomalazischer  Kyphoskoliose,  von  Kyphose  und  e 
,  •  r  i  Wirbelsäule  bei  Spondylitis  deformans  und  bei  Arthritis  an 
ÄfcÄÄ  weil»»  *••*«  Knoche»., rophie  aufwiesen. 


6.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


33 


Endlich  wurde  ein  Fall  von  Skoliose  in  frühem  Kindesalter  bei  Keilwirbel¬ 
bildung  demonstriert. 

Herr  Pfaundler:  Das  Fehlen  von  Epiphysenschwellungen  am  Brust¬ 
korb  und  an  den  Extremitäten  der  vorgestellten  Patientin  beweist  meines  Er¬ 
achtens  nichts  gegen  Rachitis.  Selbst  bei  florider  Erkrankung  können  ge¬ 
legentlich  die  Bedingungen  für  das  Zustandekommen  dieser  Schwellungen 
fehlen,  wie  das  neuerdings  insbesonders  von  Schiff  ausgeführt  wurde. 

Aus  anderen  Gründen,  insbesonders  wegen  des  Fehlens  aller  sonstigen 
Hinweise  in  der  Anamnese,  ferner  nach  dem  Aussehen  der  Knochen  im 
Röntgenbilde,  halte  ich  eine  Rachitis  solchen  Grades,  dass  sie  die  bestehende 
Wirbelsäulenverkrümmung  hätte  verursachen  können,  für  ausgeschlossen;  ich 
kann  mich  auch  der  von  orthopädischer  Seite  geäusserten  generellen  Meinung, 
dass  die  schweren  Formen  von  Kyphoskoliose  durchweg  rachitischer  Natur 
seien,  nicht  anschliessen. 

Die  vorgestellte  Kranke  bietet  nebst  dem  Buckel  noch  drei  sehr  markante 
Erscheinungen,  nämlich  eine  hochgradige  symmetrische  und*  universelle 
Muskelatrophie,  die  nach  ihrer  Verbreitung  sicher  keine  Folge  eines 
skoliotischen  Spinalschadens  sein  kann,  ferner  eine  ebenso  verbreitete  und 
hochgradige  Knochenatrophie,  endlich  eine  sehr  sinnfällige  Progenie.  Die 
Gesamtheit  dieser  Zeichen  ist  uns  an  mehreren  Krankheitsfällen  der  Kinder¬ 
klinik  begegnet.  Ich  demonstriere  hiervon  den  markantesten  Fall,  der  später 
an  der  II.  medizinischen  Klinik  Aufnahme  und  in  der  Dissertation  meines 
damaligen  Assistenten  F.  Börger  Bearbeitung  gefunden  hat.  Die  pro¬ 
jizierten  Bilder  entstammen  dieser  Publikation;  die  Aehnlichkeit  der  beiden 
Fälle  scheint  beachtenswert.  In  dem  Börger  sehen  Falle  handelte  es  sich 
unzweifelhaft  um  einen  Spätzustand  bei  progressiver  Muskeldystrophie.  Dass 
diese  mit  Kyphoskoliose,  ferner  mit  Progenie  und  mit  Knochenatrophie  einher¬ 
geht,  ist  von  massgebenden  Beobachtern  (Lorenz,  Oppenheim, 
Friedreich,  Schult  z-e)  festgestellt  worden.  Die  beiden  letzteren 
legen  in  überzeugender  Weise  dar,  dass  die  Knochenatrophie  der  Muskel¬ 
atrophie  nicht  oder  nicht  nur  untergeordnet,  sondern  beigeordnet  sei. 

Es  entsteht  hiernach  die  Frage,  ob  progressive  Muskelatrophie  auch  in 
dem  v.  Müller  sehen  Falle  vorliegt.  Dies  glaube  ich  nicht  annehmen  zu 
dürfen.  Das  Fehlen  aller  Reste  von  Hypertrophie  der  Muskulatur  würde 
angesichts  der  bekannten  Beobachtungen  von  Leyden  und  von  Moe- 
b  i  u  s  etc.  ebensowenig  beweisend  sein,  wie  das  scheinbar  erratische  Auf¬ 
treten,  das  ja  nach  ausführlichen  Erhebungen  von  W  e  i  t  z  in  3  von  4  Fällen 
des  Leidens  konstatiert  wird.  Gegen  progressive  Muskeldystrophie  spricht 
aber  vielleicht  das  Verhalten  der  elektrischen  Erregbarkeit,  ferner  die 
Lokalisation  der  Atrophie  und  insbesonders  die  auffallend  geringfügige  Funk¬ 
tionsstörung.  Wenn  auch  sehr  ermüdbar,  ja  durch  leichte  Arbeit  und  kurzes 
Gehen  erschöpft,  ist  die  Patientin  v.  Müllers  doch  ganz  agil,  wie  man  es 
in  vorgeschrittenen  Stadien  der  typischen  Dystrophie  nach  20  jährigem 
Bestände  des  Uebels  kaum  je  antreffen  wird.  Wenn  ich  mir  erlaubt  habe, 
jenen  Vergleichsfall  trotzdem  heranzuziehen,  so  egschah  es,  da  es  Fälle  zu 
geben  scheint,  in  denen  atypischer  Weise  die  Funktionsstörung  nicht  über  den 
erkennbaren  Muskelschwund  hinausgeht  und  ferner  da  von  S  c  h  u  1 1  z  e  und 
von  Eulenburg  höchst  merkwürdige  Beobachtungen  über  das  Vorkommen 
von  einfachen  Muskel-  und  Knochenatrophie  bei  den  Geschwistern  von 
typischen  progressiven  Dystrophikern  vorliegen.  Man  gewinnt  den  Eindruck, 
dass  es  sich  in  diesen  Familien  um  zwei  gekuppelte  Idiovariationen  handelt, 
die  sich  im  Erbgange  trennen,  die  gewissermassen  „auseinandermendeln“ 
können.  In  einer  derartigen  evolutiven  Variante,  die  sich  in  trophischen 
Störungen  an  verschiedenen  mesodermalen  Systemen  äussern,  möchte  ich 
das  Rätsel  dieses  Falles  suchen.  Die  Mechanik  der  Entstehung  der  Skoliose 
ist  dadurch  natürlich  nicht  geklärt,  ebensowenig  die  scheinbar  ganz  spontane 
Entstehung  der  Deformität  in  der  Präpubertätsperiode,  doch  wären  diese 
Fragen  auf  das  schon  ausführlich  behandelte  Problem  der  Wirbelsäulen¬ 
verbiegungen  und  der  gesetzmässigen  Latenz  bei  der  Gruppe  der  endogenen 
Muskelatrophien  zurückgeführt.  Es  müsste  nach  dem  Gesagten  nicht  die 
Muskulatur  sein,  deren  Ausfall  die  Wirbelsäulenverkrümmung  ermöglicht, 
sondern  die  Ursache  könnte  auch  im  Knochen,  etwa  in  einer  abnormen  Ent¬ 
wicklungstendenz  oder  in  einer  Ernährungsstörung  gelegen  sein. 

Herr  Sei  t  z  zeigt  an  300  Fällen  von  Wirbelsäuleverbiegungen  aus  der 
Kinderpoliklinik,  dass  im  ersten  Lebensjahrfünft  Kyphosen  vorwiegen,  während 
vom  6.  zum  15.  Lebensjahr  die  Skoliosen  ansteigen,  ebenso  die  schwersten 
Formen:  die  Kyphoskoliosen,  deren  Maximum  ins  10.— 15.  Lebensjahr  fällt; 
vorwiegend  sind  es  hier  weibliche  Individuen,  die  fast  stets  auch  asthenischen 
Habitus  zeigen.  Unter  15  schweren  Kyphoskoliosen  fanden  sich  3  Geschwist^r- 
paare. 

Herr  H  o  h  m  a  n  n;  Ausgebildete  Kyphoskoliosen  des  späteren  Alters 
können  sein  solche,  die  zuerst  im  Pubertätsalter  infolge  Rachitis  tarda  ent¬ 
stehen,  wo  wir  auch  andere  Erweichungsprozesse  der  Knochen  entstehen 
sehen,  wie  Coxa  vara  und  Genu  valgum.  Bei  Operation  von  Coxa  vara  in 
irischen  Fällen  oft  auffallend  weiche  Knochen,  dünne  Kortikalis,  blutreiche 
Spongiosa  zu  sehen,  leichte  Infraktionen  bei  Redression  oder  bei  Trauma, 
ähnlich  wie  bei  florider  kindlicher  Rachitis.  Oder  auf  der  Grundlage  kind¬ 
licher  Rachitis  stellt  sich  in  der  Pubertät  plötzlich  erhebliche  Verschlimme¬ 
rung  der  Skoliose  ein,  wahrscheinlich  infolge  einer  neuen  Erweichung  der 
Knochen,  einer  Rachitis  tarda.  Hier  fehlen  oft  Epiphysenverdickungen,  oft 
auch  die  sekundäre  Eburneation.  Oder  wir  sehen  die  Kyphoskoliose  als  die 
tndform  des  Körpers  nach  einer  kindlichen  Rachitis,  die  in  der  Kindheit 
vollständig  abgelaufen  ist.  Diese  Fälle  sehen  oft  dem  von  Müller  vorge¬ 
stellten  Fall  ganz  ähnlich:  Keine  Spur  von  Epiphysenverdickungen,  von  Bein- 
deformitäten,  dagegen  schwache  Muskeln  (Demonstration  eines  solchen  Falles). 
Die  Rachitis  und  Spätrachitis  befällt  nicht  immer  alle  Knochen,  sondern  mit 
Auswahl:  Wirbelsäule  und  Schädel,  oder  Schenkelhals,  oder  unteres  Femur¬ 
ende  usw.  Der  schiefe  Gesichtsschädel  des  Müller  sehen  Falles  ist  statisch 
zu  erklären,  als  statische  Anpassung  an  die  seitliche  Verbiegung  der  Wirbel¬ 
säule,  ähnlich  bei  Schiefhals.  Auch  bei  Spondylitis  Anpassung  des  Schädels 
an  die  anteroposteriore  Deformität  durch  Verlängerung  des  Schädels  im 
anteroposterioren  Durchmesser  =  Spitzkopf.  Desgleichen  hierbei,  wie  bei 
Kyphoskoliosen  Prognathie  infolge  der  gleichzeitigen  Halslordose.  Die  Hohl- 
tussbildung  sagt  mir  nichts  anderes,  als  dass  keine  rachitische  Verbiegung  des 
russskelelts  in  dem  Falle  stattgefunden  hat.  Die  Muskelschwäche  zeigt  sich 
bei  allen  Dyskrasien,  bei  der  infantilen  Rachitis  mit  Hypotonus  der  Muskeln, 
bei  Rachitis  tarda  ganz  allgemein,  siehe  die  schwachen  Lehrlinge,  an  deren 
erweichtem  Skelett  Belastungsveränderungen  auftreten,  X-Beine-  Coxa  vara, 
Schreinerskoliose.  Infolge  ihrer  Muskelschwäche,  bzw.  ihrer  von  Haus  aus 
schwachen  Konstitution  ergriffen  sie  leichten  Beruf  (Schneider-  oder  Sitz¬ 


beruf)  und  blieben  Schwächlinge  mit  dünnen  Muskeln  und  dünnen  Knochen. 
Sie  erfuhren  an  sich  nicht  die  konstitutionsstärkende  Wirkung  der  körper¬ 
lichen  Arbeit  (siehe  K  a  u  p  s  Untersuchungen  von  Fortbildungsschülern).  In 
gleicher  Weise  zeigen  auch  die  Spondylitiker  im  späteren  Leben  mit  einer  in 
der  Kindheit  durchgemachten  schweren  Spondylitis  und  Deformität  den 
konstitutionsschwachen  Typus.  Wahrscheinlich  handelt  es  sich  in  dem 
v.  Müller  sehen  Fall  doch  um  eine  Rachitis  tarda.  Die  neuere  Auffassung 
von  S  c  h  m  o  r  1  u.  a.,  dass  es  sich  bei  Rachitis,  Spätrachitis  und  Osteo¬ 
malazie  wahrscheinlich  um  die  gleiche  Dyskrasie,  nur  in  verschiedenen  Alters¬ 
stufen  handelt,  ist  sehr  einleuchtend.  Die  weitere  Forschung  hat  darüber  das 
letzte  Wort  zu  sprechen. 

Herr  Oberndorfer:  Nach  der  alten  Rokitansky  sehen  Lehre 
sollte  ein  Ausschliessungsverhältnis  zwischen  Kyphoskoliose  und  pro¬ 
gredienter  Tuberkulose  erwartet  werden,  denn  bei  Kyphoskoliose  zeigen  die 
Lungen  die  Zeichen  schwerster  chronischer  Stauung;  tatsächlich  kommt  aber, 
wenn  auch  nicht  sehr  häufig,  schwerste  Phthise  bei  Kyphoskoliotikern  mit 
schwerer  Stauung  vor.  Der  Widerspruch  ist  aber  ein  nur  scheinbarer:  die 
Teile  der  Lunge,  die  sich  entfalten  können,  die  also  nicht  unter  der  Kom¬ 
pression  des  deformierten  Thorax  stehen,  bleiben  in  der  Regel  frei  von  Tuber¬ 
kulose,  während  stärkste  tuberkulöse  Veränderungen,  oft  kavernöse  Umwand¬ 
lungen  ganzer  Lappen  in  den  am  stärksten  zusammengepressten  Lungenteilen 
zu  finden  sind;  diese  Teile  befinden  sich  aber  eben  wegen  der  Zusammen¬ 
pressung  nicht  im  Zustand  der  Stauung,  sondern  sind  dauernd  extrem 
anämisch. 

Die  Tuberkulose  des  Kyphoskoliotikers  bildet  somit  einen  fundamentalen 
Beweis  für  den  Antagonismus  von  Tuberkulose  und  chronischer  Stauung. 

Herr  Drachter  berichtet  über  ausgedehnte  Versuche  an  Hühnern,  die 
er  wegen  ihrer  einendig  unterstützten  Wirbelsäule  für  besonders  geeignet  hielt, 
um  den  Einfluss  statischer  Momente  auf  die  Wirbelsäule  zu  studieren.  Er 
zeigte  an  Skeletten  des  Haushuhnes  —  bei  dem  Rachitis  nicht  Vorkommen 
soll  — ,  dass  hochgradige  Kyphoskoliosen,  die  der  menschlichen  hinsichtlich 
Rotation  und  Torsion  recht  ähnlich  sind,  spontan  Vorkommen,  dass  hingegen 
die  experimentelle  Auslösung  derart  hochgradiger  Verbiegungen  nicht  gelingt. 
Verkürzung  eines  Beins,  einseitige  Entfernung  von  Stammesmuskeln,  Zu¬ 
sammenziehen  der  Rippen  einer  Seite,  und  andere  Eingriffe  Hessen  Jahr 
nach  dem  Eingriff  Kyphoskoliose  nicht  entstehen.  Die  Kyphoskoliose  des 
Haushuhns  dürfte  also  keinesfalls  durch  ausserhalb  der  Wirbelsäule  gelegene 
Kräfte  allein  zu  erklären  sein,  vielmehr  müssen  die  Voraussetzungen  für  die 
Entstehung  solcher  Skoliosen  beim  Huhn  in  der  Wirbelsäule  selbst  (oder  den 
ihr  anliegenden  Teilen  des  Beckens)  gelegen  sein.  Vielleicht  handelt  es  sich 
um  Vorgänge,  wie  sie  zur  Erklärung  des  Turmschädels  von  R  i  e  p  i  n  g  heran¬ 
gezogen  wurden,  d.  h.  um  Verschiebung  und  abnorme  Verschmelzung  von 
Ossifikationszentren. 

Herr  Fr.  v.  Müller  betont  im  Schlusswort,  dass  die  Diskussion  eine 
Klärung  des  Problems  der  Kyphoskoliose  nicht  gebracht  habe.  Da  sich  die 
Kyphoskoliose  nur  in  ganz  seltenen  Fällen  bis  in  das  erste  und  zweite  Lebens- 
jahr  zurück  verfolgen  lässt,  so  dürfte  die  kindliche  (eigentliche)  Rachitis  dafür 
kaum  in  Betracht  kommen,  und  es  erscheint  recht  zweifelhaft,  ob  man  jene 
eigentümlichen  dystrophischen  und  rarefizierenden  Knochenprozesse  des 
zweiten  Lebensjahrzehntes  mit  der  Rachitis  des  frühen  Kindesalters 
identifizieren  darf.  Diese  Rachitis  tarda  ist  es  aber,  welche  bei  der 
Skoliose  gefunden  wird.  Sie  steht  vielleicht  in  Beziehung  zu  der  Coxa  vara 
und  den  Genu  valgum  desselben  Lebensalters.  Die  von  Herrn  Borst 
demonstrierten  Präparate  von  Kyphoskoliose  zeigen  dieselbe  enorme  Ver¬ 
dünnung  der  Rippen  und  die  poröse  kalkarme  Beschaffenheit  der  Wirbelsäule, 
wie  das  von  uns  demonstrierte  Röntgenbild.  Es  handelt  sich  also  um  eine 
eigenartige  Verarmung  des  Knochens  an  kalkhaltigen  Knochenbälkchen,  ins¬ 
besondere  um  eine  grosse  Verdünnung  des  Knochengewebes,  und  das  Skelett 
zeichnet  sich  infolgedessen  durch  ein  auffallend  niedriges  Gewicht  aus. 
Gewiss  zeigen  auch  die  hier  demonstrierten  Fälle  von  Pott  scher  Kyphose 
eine  gewisse  Verdünnung  der  Rippen,  aber  doch  nicht  jene  extreme  Knochen¬ 
dystrophie,  welche  bei  der  konstitutionellen  Kyphoskoliose  gefunden  wird. 
Es  geht  nicht  an,  die  Verdünnung  der  Knochen  und  die  Armseligkeit  der 
Muskulatur  bei  der  Kyphoskoliose  einfach  als  Folgeerscheinung  der  Thorax¬ 
verbiegung  anzusehen.  Aus  den  Erörterungen  einiger  Vorredner  könnte  man 
entnehmen,  dass  die  Patienten  deswegen  so  dünne  Knochen  und  Muskeln 
haben,  weil  sie  durch  ihre  Kyphoskoliose  im  normalen  Gebrauch  ihrer 
Glieder  gehindert  sind.  Ich  glaube,  man  wird  die  Anschauung  geltend 
machen  müssen,  dass  sie  vielmehr  kyphoskoliotisch  geworden  sind,  weil  ihre 
Knochen  und  Muskeln  dystrophisch  waren  und  sind.  Die  Patientinnen  werden 
nicht  deshalb  kyphoskoliotisch,  weil  sie  Schneiderinnen  sind,  sondern  sie 
müssen  ihren  fiüheren  Beruf  aufgeben  und  Schneiderinnen  werden,  weil  sie 
skohotisch  und  muskelarm  sind.  Gegenüber  Herrn  Drachter  muss  darauf 
hingewiesen  werden,  dass  bei  Syringomyelie,  Poliomyelitis  anterior  und 
manchen  anderen  Rückenmarks-  und  Muskelerkrankungen  Skoliosen  aufzutreten 
pflegen,  deren  Genese  unbedingt  auf  eine  einseitige  Atrophie  und  Lähmung 
der  Muskulatur  der  Wirbelsäule  zurückzuführen  ist. 


Wissenschaftlicher  Verein  der  Aerzte  zu  Stettin. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  8.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Hager.  Schriftführer:  Herr  Mühlmann. 

Herr  Welcker:  Vorstellung  eines  Falles  von  W  i  1  s  o  n  scher  Krank¬ 
heit  (Amyostase). 

29  jähr.  verheirateter  Buchdruckmaschinenmeister.  Beginn  des  Leidens 
1915  mit  epileptiformen  Anfällen,  deshalb  als  d.  u.  vom  Militär  entlassen. 
Nach  der  Entlassung  Schwäche  in  den  Beinen,  Schwindelanfälle  und  solche 
epileptiformen  Charakters.  Grosse  nervöse  Reizbarkeit  März  1920  Grippe. 
Seitdem  Aufhören  der  epileptiformen  Anfälle,  dafür  aber  heftige  Neuralgien 
im  linken  Bein  und  rechten  Arm.  Seit  Herbst  1920  auffallende  Verschlech¬ 
terung  der  Sprache,  grosse  Schwerfälligkeit  der  Zungen-  und  Kaumuskel¬ 
bewegungen.  Erlahmung  von  Armen  und  Händen,  erschwerter  Gang.  Kopf 
sinkt  nach  vorn  über,  dauernder  Speichelfluss.  Februar  1921  Berufsaufgabe 
6.  X.  1921  Krankenhausaufnahme.  Befund:  Innere  Organe  o.  B.  Wassermann 
negativ.  Pat.  liegt  steif  ohne  Bewegung  im  Bett,  Gesicht  maskenartig  starr. 
Blick  geradeaus  gerichtet,  seltener  Lidschlag.  Linker  Mundwinkel  leicht 
hcrabgezogen.  Dauernder  Speichelfluss.  Sprache  monoton,  leicht  verwaschen. 
Der  Kopf  sinkt  vornüber.  Dauerndes  Zittern  des  Unterkiefers.  Nacken- 


34 


Nr.  1. 


Steifigkeit.  Grosse  Beweguii^rmut.  Wände.  Zu- 

lenken  überall  deutlicher  Widerstand.  "  (irosse  Rigidität  der  Mus¬ 
greifen  unmöglich.  Deutliche  Adudoc  o  ■  •  ‘  Sensibilitätsstörungen, 

kulatur.  (lang  schleifend  deutliche  Propu  sion  Kerne  Se^a  ss;  ^ 

Augen.  Ohren  normal.  Intel! ge nz .  normal,  sowie  im 

Elektrische  Erregbarkeit 

normak  F,„ 

I”,  f"m7e  1ÄÄSÄH 

le«l  inaethalh  »enirrer  M.naie  bis  Jahre^ 

tJisjx  b  i 

2»äääSSä 

^Ä«SSÄ«^  'gMÄÄ 

Ä^SÄrJÄ1»'  v&  äs 

5Ä!fI.“^SblÄ-äÄ.m,,J.U.:  Keine  Fiste,,  nornrale  fc. 

SS“'Q«^>«*.»>'t"“  ♦  Pl“d •  ,  . 

■sÄärtJsrvft!«?«  & 

ans  «Meter  Ste'luns  a.irichleie,  m.t  Bdnen" «5lfaa«llnt. 

Eisenkante,  er  fiel  sotortumunowd  der  Scheitelhöhe  befand  sich 

PilMiilÄ 

*■1»! 

Reflexe  und  ^lektrijche  "de'uUiehe  Fis^rHrüe  Sn"  l^mt- 

ISSgs^-li-SSSi 

Hals-  bzw  oberen  Brustmark  Vorgelegen  hat.  ...  1U 

r‘  Herr  Schallehn:  Demonstration  eines  exstirpierten  Uterus  grav.dus 

in  sext.  mens,  einer  27  jährigen  Frau  mit  Portiokarzinom. 

HPrr  N  ei  ss  er-  Ueber  Hei  ne- Med  in  sehe  Erkrankungen. 

Ein  Dutzend  Fälle,  die  im  letzten  halben  Jahr  beobachtet  worden  sind, 
zeichnen  sich  aus  durch  das  Vorwiegen  aufsteigender,  auch  abst®lge"d® 

L  ährnungen  Landry  scher  Paralyseformen,  die  mitunter  noch  nach  Ablauf 
desHeberhaiten  Stadiums  deleiät  »e, lauten.  Andere  w.eto  te.ch.en  smh  u„ 

.55 

*«•••*»?  w»  di. 

Säjkk  ä  WS  K^ÄSÄ 

Fnrm  jpr  Fnzenhalitis  mit  der  Poliomyelitis  auftreten.  ... 

F  Gerade  dieser  letztere  Umstand  spricht  dafür,  dass  alle  diese  infektiösen 
Erkrankungen  des  zentralen  Nervensystems,  die  uns  seit  dem  ersten  Amtreten 
der  Influenza  in  den  neunziger  Jahren  nicht  verlassen  haben  zwar  nicht 
identische  Krankheiten  sind,  aber  auf  gemeinschaftlicher  Grundlage  beruhen 
Das  jetzt  wieder  häufiger  werdende  Vorkommen  von  Infbienzabazillcn.  auch 

E?  Gesunde!),  gibt  viefl.iclu  einen  Hinveis 

A„«snrnche-  Herr  0.  Meyer:  Ich  stimme  mit  Herrn  .n  c  1  s  s  c  1 
darin  überein,  dass  Beziehungen  zwischen  der  H  e  i  n  e  -  M  e  di  n  sehe  n  Er¬ 
krankung  und  der  Encephalitis  lethargica  bestehen  müssen.  Dieser  An nch 
habe  ich  schon  vor  2  Jahren  auf  der  Tagung  der  P ’o  m  m  e  rsc  he  n 
Neu  ol  ogis  chen  Gesellschaft  und  in  dem  Abschnitt :  Ueber 
Heine  -  NlVd  ihn  sehe  Erkrankungen  im  S«V  WeUk*  le  *  e  s 

AuasdrJckUgCeJebenr  Die  histologischen  Befunde' "sind  "zwar  nicht  in  allen,  aber 

.  SäM ,‘ffr 

Befunde  in  jedem  Falle  so  charakteristisch  wären,  dass  man  daraus  mit 
Sicherheit  die  Diagnose  Heine-Medin  oder  Encephalitis^ 
könnte  Ich  kann  auf  Einzelheiten  nicht  eingehen.  Bedauerlich  ist,  dass  wir 
gegenwärtig,  wo  wir  die  beiden  Erkrankungsformen  in  seliaufterein .Masse 

SuÄ 

Das  's p rieht  nach  meiner  Ansicht,  aber  abgesehen  davon  dass  die  Zahl  de 

•ingestellten  Tierversuche  wohl  nicht  genügt,  nur  dafür,  dass  das  Virus  ,der 
pSSeims  St  identisch  ist,  mit  den,  de,  • 

Demgegenüber  fordert  die  Tatsache  eine  Erklärung,  dass  beide  Erk 
kungenim  Anschluss  an  die  grosse  I  nf 1 uen z a e pid eme 
in  den  90er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  und  wiederum  jetzt  epi- 


SÄ1  nichtKderCgiringstI'  Üs  für  di{u  Umber  schuft  ^Jnflue^abazmus 

kun°gnenerWmuhsnste  £*££1"*»  «“f  f“r  %  ^ 

lethfScn  ein  dem  Poliomyelitisvirus  nahe  verwandter  Erreger  ,»  Betracht 

kommt, r  s  ,  „  „  „  0  ?e,  Umstand da« ,  di. 5™^®  Ä.Ä 

mmmm 

d  Die  ersten  Krankheitserscheinungen  machen  sich  nicht  nur  im  Halse  und 
den  Respfrationsorganen.  sondern  bänlig  in  de»  Verdannngsorganen  d  r  B  - 
fallenen  bemerkbar.  Wenn  man  danach  mit  Eduard  Mulle,  einem  ae 

ssr  äj?  sw:  =ar  &£ 

sehr  hinfällig,  gegen  Kälte  ziemlich  resistent.  handelt  sind  Des. 

Da  es  sich  hiernach  sicher  um  ein  infektiöses  Virus  handelt,  sind 
infektionsmassnahmen  am  Krankenbett  und  auch  nach  Ablauf  der  Krankhe.t 

an  gezeigt.  q  Sch5ne  erinnert  an  die  Arbeiten  von  Eduard  Mül ! er 
Marburg  und  weist  darauf  hin.  dass  die  meisten  Epidemien  bisher  das ,  LanJ 
mid  dif  kleineren  Städte  gegenüber  den  grossen  Städten  bevorzugt  haben. 
Audi  sind  die  Epidemien  im  Winter  meist  stark  zurückgegangen.  Diese 
mente S sind  im  Augenblick  für  Stettin  von  prognostisch  günstiger  Bedeutung. 
Immerhin  empfiehlt  es  sich  strenge  Vorsichtsmassregeln  zu  t reff ien. 

Herr  G  Freund  hat  im  letzten  Vierteljahr  4  frische  raue  von 
Poliomyelitis  in  der  Privatpraxis  gesehen.  Er  schlagt,  um  ein  einheitliches 
Vorgehen  der  Aerzte  dem  Publikum  gegenüber  zu  ermöglichen,  vor.  die 
Ansteckungsgefahr  (Schulbesuch  der  Geschwister  etc.)  ebenso  wie  beim 
Scharlach  als  6  Wochen  dauernd  zu  bezeichnen.  .... 

Beschluss  eines  Rundschreibens  durch  den  Aerzteausschuss  an  die  Aerzte. 
In  der  Sitzung  des  wissenschaftlichen  Vereins  der  Aerzte  vom  b  No¬ 
vember  ist  die  Anregung  gegeben  worden,  dass  sämtliche  Falle  von  Ence- 
nhalitis  ’ethargica  Poliomyelitis  anterior  (essentielle  Kinderlähmung),  auf- 
steigender  Lähmung  und  ähnlichen  Erkrankungen  dem  Kreisarzt  gemeldet  wer¬ 
den  Bei  der  Bedeutung  der  Erkrankung  und  bei  der  starken  Beunruhigung 
der  Bevölkerung  bitten  wir,  diesem  Wunsche  nachzukommen  und  auch  die¬ 
jenigen  Fälle  namhaft  zu  machen,  die  im  Laufe  dieses  Jahres  in  Ihre  Be¬ 
obachtung  gelangt  sind. 

Herr  Schmidt:  Ueber  Morbus  Basedow. 

Referat  nicht  eingegangen.  ..  . 

Herr  Neisser:  Ueber  perniziöse  Anämie. 

Erscheint  als  Originalartikel. 


Kleine  Mitteilungen. 

Ein  neues  Zahnradstativ  zur  Quarzlampe  nach  Prof.  Kromayer. 

Die  Quarzlampengesellschaft  Hanau  a.  M.  stellt  uns  nachstehende  Ab¬ 
bildung  und  Beschreibung  eines  neuen,  Stativs  zur  Quarzlampe  nach  Kro¬ 
mayer  zur  Verfügung: 

Das  von  Dr.  C  e  m  a  c  h  - 
Wien  angegebene  Stativ  ist  mit 
Zahnstange  und  Zahnradtrieb  zur 
Feinverstellung  in  horizontaler 
Richtung  versehen.  Die  zarte 

Verstellungsmöglichkeit  ist  ge¬ 
genüber  der  alten  Stativanord¬ 
nung  eine  grosse  Verbesserung. 

Die  Verstellung  geschieht  durch 
die  beiden  Handräder.  Das  Ge¬ 
wicht  des  Mechanismus  und  der 
Lampe  ist  durch  ein  im  Innern 
des  Stativrohres  gehendes  Ge¬ 
gengewicht  aufgehoben,  wodurch 
leichter  Gang  und  Feststellen 
ohne  weiteres  in  jeder  einge¬ 
stellten  Höhe  erreicht  wird. 

Feststellschrauben  gestatten  aus¬ 
serdem  das  absolute  Feststellen 
in  der  gewünschten  Höhe.  Be¬ 
sitzer  von  Kromayerlampen,  die 
mit  dem  Stativ  alter  Art  ausge¬ 
rüstet  sind,  können  das  neue 
Zahnradstativ  nach  Dr.  Ce- 
mach  auch  nachbeziehen;  die 
existierenden  Lampen  passen 
ohne  weiteres  in  das  neue 
Stativ.  Es  wird  bei  nachträg¬ 
lichem  Bezug  ein  ganz  neues 
Stativ  geliefert;  die  vorhandenen 
Lampen  und  vorhandenen  Wi¬ 
derstände  (bei  Gleichstrom) 
bzw.  Transformatoren  (bei 
Wechselstrom)  können  weiter¬ 
benutzt  werden.  Die  Herstel¬ 
lerin  ist  die  Quarzlampen-Ge- 
sellschaft  m.  b.  H„  Hanau  am 
Main. 


6.  Januar  1922. 


35 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ueber  eitrige  Orchitis,  durch  den  Micrococcus 
m  e  I  i  t  e  n  s  i  s  verursacht,  berichten  Pierre  L  o  in  ba  r  d  und  Maurice 
B  e  g  u  e  t  (Presse  mddicale  1921  Nr.  76).  Im  Verlaufe  des,  durch  den  Micro¬ 
coccus  melitensis  verursachten  Mittelmeerfiebers  beobachtet  man  in  etwa 
5  6  Proz.  der  Fälle  Komplikationen  an  den  Geschlechtsorganen.  Orchitis, 

Orchi-Epidydimitis,  die  durch  ihre  kurze  Dauer  (2 — 3  Wochen)  und  durch 
Gutartigkeit  charakterisiert  sind,  nur  ganz  ausnahmsweise  wurde  Eiterung 
beobachtet,  wofür  Verfasser  ein  Beispiel  anführen  und  wo  im  Eiter  der 
Micrococcus  melitensis  im  Reinzustand  gefunden  wurde  und  die  Heilung  sich 
nach  erfolgter  Inzision  so  lange  verzögerte,  dass  schliesslich  Kastration  vor¬ 
genommen  werden  musste.  Die  Diagnose  dieser  spezifischen  Orchitis  ist  nur 
durch  den  mikroskopischen  Lokalbefund  möglich  und  klinisch  kämen  be¬ 
züglich  der  Differentialdiagnose  typhöse,  paratyphöse,  Meningokokken-,  Para¬ 
meningokokken-  und  tuberkulöse  Orchitis  in  Betracht.  Zur  rechten  Zeit  be¬ 
kannt.,  könnte  die  eiterige  Melitokokkenorchitis  in  ihrem  Zerstörungsprozesse 
durch  Serum-  und  Impfbehandlung  aufgehalten  werden;  die  bezüglichen  Unter¬ 
suchungen  von  Ser  ge  nt  und  L’heritier  haben  sehr  interessante  Re¬ 
sultate  ergeben,  welche  nicht  nur  verringerte  Häufigkeit  der  eiterigen  Kom¬ 
plikationen,  sondern  sogar  Stillstand  des  schon  vorhandenen  Eiterungsprozesses 
hoffen  lassen.  St 

.Venenpunktion  und  Sterilisation  der  Stahlnadeln 
in  Chloroform-Paraffin  behandelt  Paul  L  e  v  y  (Presse  medicale 
1921  Nr.  78).  Die  Lösung,  welche  L.  zur  Sterilisation  der  Stahlnadeln 
empfiehlt,  ist  3  proz.  Chloroform-Paraffin,  welches  den  Vorzug  der  Einfachheit 
hat  und  das  Metall  im  Gegensatz  zur  Sterilisation  in  der  Hitze  (Flamme  oder 
Dampf)  nicht  angreift;  das  Paraffin,  das  die  Nadelöffnung  nach  Verdampfung 
des  Chloroforms  umgibt,  unterstützt  in  hohem  Masse  den  Ablauf  des  Blutes 
und  ermöglicht,  ganz  feine  Nadeln  zu  benützen,  woher  wiederum  Leichtigkeit 
und  Schmerzlosigkeit  des  Einstichs  und  die  Möglichkeit,  mit  Erfolg  auch  die 
kleinen  Venen  bei  Frauen,  Kindern  und  Säuglingen  zu  punktieren.  St. 

Therapeutische  Notizen. 

Walter  Jacobi  -  Jena  teilt  zur  Frage  der  e  n  d  o  1  u  m  b  a  1  e  n  S  a  1  - 
varsantherapie  mit,  dass  in  der  psychiatrischen  Universitätsklinik  in 
Jena  2  Patienten  im  Anschluss  an  die  endolumbalen  Salvarsaninjektionen, 
die  mit  allen  von  Genneri  ch  geforderten  Vorsichtsmassregeln  gemacht 
wurden,  zugrunde  gingen.  In  beiden  Fällen  ergab  die  Sektion  auffallend 
starke  Füllung  der  Piagefässe  und  in  den  Maschen  der  Pia  stecknadelkopf- 
bis  linsengrosse  Blutungen,  neben  denselben  Leukozyten-  und  Lymphozyten¬ 
infiltrate. 

Es  besteht  kein  Zweifel,  dass  die  endolumbale  Injektion  zu  diesen 
schweren  Reizzuständen  geführt  hat  und  dass  dieselbe  als  ein  sehr  schwerer 
therapeutischer  Eingriff  zu  bezeichnen  ist.  (Therapeutische  Halbmonatshcfte 
1921,  10.)  H.  Thierry. 

Curt  Wachtel-  Breslau  teilt  aus  dem  dortigen  pharmakologischen 
Institut  Versuche  mit,  die  über  die  Giftigkeit  der  Lupinen  gemacht 
wurden.  Das  Tjerexperiment  ergab,  dass  die  per  os  genommenen  Lupinen 
vollkommen  unschädlich  sind,  so  dass  ihrer  Beimengung  zum  Brot  kein  Be¬ 
denken  entgegensteht.  (Ther.  Halbmonatshefte  1921,  11.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 


Studentenbelange. 

Promotionsgebühren  an  den  deutschen  Universitäten. 

Eine  Umfrage  über  die  Höhe  der  Promotionsgebuhren  an  den  deutschen 
Universitäten  hat  ergeben,  dass  diese  im  allgemeinen  der  durch  die  Geld¬ 
entwertung  bedingten  Preissteigerung  noch  nicht  gefolgt  sind.  Die  Gebühren 
für  den  Liz.  theol.  schwanken  zwischen. 185  M.  (Berlin)  und  600  M.  (Giessen) 
meist  etwa  250- — 400  M„  die  für  den  Dr.  theol.  zwischen  340  M.  (Bonn)  und  600  M. 
(Giessen  und  Leipzig),  meist  ungefähr  450  M.  Für  den  Dr.  jur  sind  340  M.  (Bonn. 
Frankfurt)  bis  800  M.  (Leipzig)  zu  zahlen,  gewöhnlich  ungefähr  350 — 500  M. 
Die  Kosten  des  Dr.  rer.  pol.  schwanken  zwischen  300  M.  (Leipzig)  und 
600  M.  (Giessen).  Ein  D  r.  me  d.  hat  in  Leipzig  320  M.,  in  Giessen  600  M. 
zu  bezahlen,  meist  zwischen  350  und  500  M.,  ein  Zahnarzt  im  allge¬ 
meinen  etwa  dasselbe  oder  etwas  mehr  als  ein  Mediziner.  Teuer  ist  der 
Dr.  med.  vet. :  400  M.  in  Hamburg,  960  M.  in  Leipzig.  Dagegen  ist  der 
Dr.  phil.  wieder  billiger:  Kiel:  200  M.,  Giessen  600  M.,  meist  250 — 400  M. 
Ausländer  zahlen  teilweise  noch  denselben  Betrag,  teilweise  bis  zum  drei¬ 
fachen,  in  Wiirzburg  das  Zehnfache.  Da  eine  Ausgleichung  wohl  nur  durch 
Erhöhung  der  niedrigen  Gebühren  möglich  wäre,  ist  sie  vom  Standpunkt  des 
Promotionsrechtes  aus  wohl  nicht  zu  begrüssen.  (Aus  „Hochschulbeiiage  der 
Deutschen  Ztg.“)  v.  V. 

Studentische  Selbstbesteuerung. 

Auch  an  der  Heidelberger  Universität  ist,  wie  in  Tübingen,  eine  Selbst¬ 
besteuerung  der  Studenten  durchgeführt.  Das  Ergebnis  betrug  im  Sommer¬ 
semester  1921:  9654  M„  im  Wintersemester  1921/22:  6158  M„  also  3496  M. 
weniger  als  im  vorigen  Semester.  v.  V. 

Herdergesellschaft  in  Riga. 

An  der  Universität  Dorpat  werden  noch  verhältnismässig  viele  Vor¬ 
lesungen  in  deutscher  Sprache  gehalten,  während  die  Regierung  Lettlands 
die  kulturellen  Belange  der  deutschen  Minderheit  nicht  berücksichtigt.  Die 
Deutsch-Balten  sahen  sich  daher  genötigt,  sich  ein  Institut  zu  gründen,  das 
im  Rahmen  einer  Volkshochschule  den  Lehrgang  der  Universität  in  den  für 
die  Deutsch-Balten  besonders  wichtigen  Gebieten  ergänzen  sollte.  Als  jedoch 
das  Volkshochschulwesen  der  freien  Verfügung  der  nationalen  Minderheiten 
entzogen  wurde,  wählte  man,  um  nicht  dem  Chef  des  lettischen  Bildungs¬ 
wesens  unterstellt  zu  werden,  die  Form  einer  wissenschaftlichen  Gesellschaft, 
die  in  regelmässigen  Kursen  ihren  Mitgliedern  Gelegenheit  gibt,  sich  auszu¬ 
bilden.  In  feierlicher,  ernster  Versammlung  gründete  man  sich  am  19.  Sep¬ 
tember  als  „H  erdergesellschaf  t“,  und  diese  jüngste  deutsche  ,, Uni¬ 
versität“  im  Baltenlande  zeigt,  sowohl  durch  Auswahl  des  Lehrplanes  als 
durch  Zahl  de>'  Hörer  ihre  Daseinsberechtigung.  Unter  dem  Rektorate  von 
Exzellenz  Prof.  Dr.  Sokolowski  haben  sich  bisher  etwa  300  Hörer  ein¬ 
getragen.  Im  Vordergründe  stehen  die  philosophischen  Vorlesungen,  be¬ 
sonders  Theologie  und  Germanistik.  Geplant  ist  eine  Abteilung  für  neuere 


Geschichte  Osteuropas  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  baltischen  Ver¬ 
hältnisse.  Der  Nationalökonomie  dienen  Vorlesungen  über  Agrarreform.  Das 
Semester  begann  am  19.  September  und  dauerte  bis  Weihnachten.  Das  nächste 
Semester  beginnt  am  25.  Januar  und  geht  bis  zum  1.  Mai.  (Aus  der  „Deutschen 
Hochschule“.) 

Wir  Reichsdeutschen  können  diese  tapfere  kulturelle  Tat  der  Deutsch¬ 
balten  nur  mit  grösster  Freude  und  Bewunderung  begrüssen.  Wir  lernen 
daraus,  was  deutsche  Tatkraft  auch  in  Zeiten  grösster  Not  vermag.  Durch 
die  Agrarreform  und  die  Unterdrückung  deutschsprachigen  Unterrichtes  wurde 
die  Axt  an  das  Deutschtum  im  Baltikum  gelegt.  Wir  hoffen,  dass  das 
Herderinstitut  in  Riga  bei  dem  Wiederaufbau  deutscher  Kultur  in  den  Ostsce- 
provinzen  eine  kräftige  Hilfe  sein  wird.  v.  V. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  3.  Januar  1922  *). 

In  den  Mitteilungen  des  Volksgesundheitsamtes  (Wien)  gibt  der  mit 
der  Leitung  des  österreichischen  Unterrichtsamtes  betraute  Vizekanzler  die 
Einführung  eines  wöchentlichen  obligaten  Freiluft¬ 
nachmittags  und  eines  monatlichen  Wandertages  an 
den  Mittelschulen  (Gymnasien  aller  Arten,  Realschulen  und  Mädchen¬ 
lyzeen)  bekannt.  Die  Freiluftnachmittage  sind  von  Hausaufgaben  frei  zu  halten 
und  sollen  während  zweier  Stunden  dem  Turnen,  Schwimmen,  Schneelauf  und 
Spiele  gewidmet  sein.  Auf  freudige  Mitarbeit  der  Schüler  ist  grösster  Wert 
zu  legen.  Der  monatliche  Wandertag  soll  halb-  und  ganztägigen  Lehrwande¬ 
rungen  und  Ausflügen  dienen,  die  ebenso  wie  den,  unterrichtlichen  Erforder¬ 
nissen  jedes  Faches,  so  auch  „reiner  Wanderfreude  und  Wanderkunst“  und 
solchen  Leibesübungen  Rechnung  tragen  sollen,  zu  denen  ein  ganzer  Tag  er¬ 
forderlich  ist.  Weite  Fahrten  mit  hohen  Kosten  sollen  zurücktreten  hinter 
dem  Kennenlernen  der  engeren  Heimat  und  zu  Gunsten  des  erzieherischen 
Wertes  einfacher  und  bescheidener  Lebensweise  im  Freien.  Besonders  betont 
wird  noch  in  dem  Erlasse,  dass  einer  Sport-  und  Wanderfreudigkeit  der 
Schulen  über  das  festgelegte  Mindestmass  hinaus  natürlich  hiedurch  keine 
Schranke  gesetzt  werden,  soll.  —  Der  Erlass  "scheint  uns  eines  guten  Geistes 
zu  sein  und  dürfte,  richtig  ausgeführt,  bei  der  Jugend  selbst  frohen  Anklang 
finden,  denn  er  betrachtet  Natur  und  Leibesübung  nicht  nur  als  Mittel  zu 
irgendeinem  mehr  oder  minder  praktischen  Zwecke,  sondern  er  erkennt  auch 
den  lebendigen  Eigenwert  von  Körperkultur  und  Wandern,  dem  er  den  Rang 
einer  Kunst  einräumt,  die  erlernt  werden  muss  —  so  wie  es  der  rechte 
Wandervogel  schon  lange  übt. 

—  Man  schreibt  uns  aus  Erlangen:  Am  11.  Dezember  fand  in  der 
Aula  der  Universität  anlässlich  der  Eröffnung  des  erweiterten 
zahnärztlichen  Instituts  und  Unterrichts  ein  Festakt  statt, 
an  dem  die  gesamte  Universität  sowie  die  zahnärztlichen  Vertretungen  aus 
ganz  Bayern  und  aus  dem  Reich,  ferner  Vertretungen  der  staatlichen  und 
städtischen  Behörden  und  zahlreiche  Gäste  teilnahmen.  Nach  einer  die  Feier 
eröffnenden  Ansprache  des  Rektors  der  Universität  hielt  der  Direktor  des  zahn¬ 
ärztlichen  Instituts,  Prof.  Dr.  R  e  i  n  m  ö  1 1  e  r,  eine  Rede  über  den  zahn¬ 
ärztlichen  Unterricht  und  die  zahnärztliche  Fortbildung.  Insonderheit  gedachte 
er  dabei  der  Verdienste  seiner  Vorgänger  und  teilte  mit,  dass  ihm  die  Er¬ 
weiterung  des  Instituts  durch  die  grosszügige  Unterstützung  seitens  der  Firma 
R  e  i  n  i  ger,  Gebbert  &  Schall,  besonders  ihres  Generaldirektors 
Dr.  Zitzmann  ermöglicht  worden  sei.  An  den  Stiftungen  für  das  Institut 
beteiligten  sich  ausserdem  die  Firmen  Wienand  t- Sprendlingen,  Wagner- 
Nürnberg,  Grötsch  und  K  ü  n  n  e  t  h  -  Nürnberg.  K  ü  g  e  m  a  n  n  -  Nürnberg 
und  Zimmermann  -  München.  Die  im  zahnärztlichen  Bezirksverein  Nürn¬ 
berg,  Franken  und  Oberpfalz  zusammengeschlossene  Zahnärzteschaft  stiftete 
den  Betrag  von  100  000  M.  Die  Gesamthöhe  der  Stiftungen  ü^ersteigt  die 
Summe  von  800  000  M.  Weitere  namhafte  Stiftungen  für  das  Institut  stehen 
in  Aussicht.  Mit  der  Erweiterung  des  Instituts  ist  auch  die  Dreiteilung  des 
Unterrichts  durchgeführt  worden.  In  Anerkennung  ihrer  hervorragenden 
Leistungen  zur  Hebung  der  wissenschaftlichen  zahnärztlichen  Ausbildung 
wurden,  wie  schon  gemeldet,  die  Zahnärzte  Fr.  L  i  n  n  e  r  t  -  Nürnberg  und 
G.  W  e  i  b  g  e  n  -  Nürnberg  zu  Doktoren  der  Zahnheilkunde  ehrenhalber  er¬ 
nannt. 

Kurz  vor  Jahresschluss  ist  die  Frage  der  freien  Arztwahl  bei 
den  Bahnkrankenkassen  in  Bayern  akut  geworden.  Die  Mit¬ 
gliederversammlung  des  Vereins  bayerischer  Bahnärzte  vom  27.  November 
v.  J.  in  Würzburg  hat  einen  Antrag  auf  Einführung  der  freien  Arztwahl  bei 
diesen  Kassen  mit  erheblicher  Mehrheit  abgelehnt,  was  zur  Folge  hatte, 
dass  die  Bahnärzte  des  Direktionsbezirkes  Nürnberg  (mit  einer  Ausnahme) 
ihren  Austritt  aus  dem  Verein  erklärten  und  den  Landesausschuss  bayer. 
Aerzte  mit  der  Vertretung  ihrer  Interessen  gegenüber  den  zuständigen  Ver¬ 
waltungsbehörden  betrauter!.  Damit  hat  sich  eine  Spaltung  in  der  Organi¬ 
sation  der  bayerischen  Bahnärzte  vollzogen.  Der  Landesausschuss  seinerseits 
hat  in  einem  offenen  Brief  an  den  Verein  bayer.  Bahnärzte  diesen  daran 
erinnert,  dass  sein  Beschluss  vom  27.  November  den  Beschlüssen  deutscher 
und  bayerischer  Aerztetage  entgegensteht,  die  die  gesetzliche  Festlegung 
der  organisierten  freien  Arztwahl  gefordert  hätten  und  dass  seine  Mitglieder 
als  Mitglieder  der  bayer.  ärztlichen  Standesorganisation  an  diese  Beschlüsse 
gebunden  seien.  Er  spricht  die  Hoffnung  aus,  dass  durch  den  Austritt  mög¬ 
lichst  vieler  Bahnärzte  aus  dem  Verein  bayerischer  Bahnärzte  ersichtlich 
werde,  dass  die  bayerischen  Kollegen  in  einer  Stunde  der  Entscheidung  ihrer 
Standesorganisation  die  Treue  halten.  Er  erkennt  aber  auch  die  Notlage  einer 
grossen  Anzahl  alter  Balmärzte  an,  deren  Sorge,  bei  Einführung  der  freien 
Arztwahl  ihre  Existenz  zu  verlieren,  begründet  erscheint.  Der  Landesaus¬ 
schuss  verspricht  daher  diesem  bestehenden  Notstand  der  alten  bewährten 
Bahnkassenärzte  Rechnung  zu  tragen.  —  Nur  die  Erwägung,  dass  die  Ein¬ 
führung  der  freien  Arztwahl  bei  den  Bahnkrankenkassen  einer  Anzahl  älterer 
Kollegen  das  sichere  Brod,  auf  das  sie  angewiesen  sind,  rauben  könnte, 
ohne  den  zahlreichen  an  ihre  Stelle  tretenden  jüngeren  Aerzten  eine  ge¬ 
nügende  Existenz  zu  bieten,  hat  viele  Aerzte  veranlasst,  zur  Frage  der 
freien  Arztwahl  bei  diesen  Kassen  eine  besondere  Stellung  einzunehmen.  Wenn 
es  dem  Landesausschuss  gelingt,  die  Interessen  jener  Kollegen  bei  Einführung 
der  freien  Arztwahl  zu  wahren,  so  kann  er  in  der  Tat  hoffen,  die  gesamte 

,  *)  Eines  katholischen  Feiertages  wegen  musste  diese  Nummer  einen  Tag 
früher  fertiggestellt  werden. 


36 _ 

Aerzteschaft  bei  seinem  Eintreten  für  die  freie  Arztwahl,  bei  den  Bahn- 
krankenkasse^  hinter  ^sich  ^haben.  ksverein  München  -  St  a  d  t  hat 

in  seiner  Sitzung  vom  21.  Dezember  1921  beschlossen,  den  Jahresbeitrag 
dnschbesslich  des  Beitrags  für  den  Invalidenverein  (20  M)  und  für  den 
A e r 7 1 e v^r e i n sb und  (10  M  )  auf  50  M.  zu  erhöhen.  Ausserdem  wurde  ein 
besonderer  Antrag  auf  Erhöhung  des  Beitrages  für  d len 

bestehende  Opposition  vermochte  ihre  Kandidaten  für  die  Stellen  des  1. 

II  Vorsitzenden  durchzusetzen;  nachdem  jedoch  die  gewählten  Beisitzer  d 
Wahl  ausschlugen  verzichteten  auch  jene,  so  dass  eine  zweite  Wahl,  die  im 
Hnunr  stattfinden  soll!  nötig  ist.  Die  denkwürdige  Sitzung  zeigte,  welche 
Macht  den  jungen  Kollegen  im  ärztlichen  Standesleben  zukommt,  wenn  sie 
davon^ Gebrauch  z^machen^wanschen.«  b  e  ,  k  u  ,  0  s  e  g  ,  s  „  t  „  s  soll  dem- 

klinik  zu  Düsseldorf,  Moorenstrasse,  eine  Versammlung  der  Vereinigung 
niederrheinisch-westfälischer  Kinderärzte  statt.  Änrneidungen  von  Vortrage 
und  Demonstrationen  werden  erbeten  an  den  Vorsitzenden  Dr.  Th.  Hoff a, 

Barmen,  Wertherstrasse.  i  „  n  t  n  n  i  vr,r 

—  In  Haiti  wurde  ein  Gesetz  angenommen,  das  die  I  m  p  f  p  flieh  t  vor 

schreibt.  Jedes  Kind  muss  innerhalb  dreier  Monate  nach  der  Geburt  geimpft 
werden-  die  Impfung  muss  alle  7  Jahre  wiederholt  werden.  . 

_ ’  Zum  Vorsitzenden  der  amerikanischen.  Chirurgenvereinigung  wurde 

Hirvpv  Cushing  -  Boston  gewählt.  „  .1 

_ rjje  dritte  TagungfürVerdauungs-und  Stoffwechsel¬ 
krankheiten  wird  ihre  Sitzungen  am  28.  und  29.  April  in  B  a  d  Horn  - 
bürg  abhalten  Behandelt  werden  die  beiden  Themata:  Gallensteinleiden 
Snd  Beziehungen  zwischen  Störungen  der  Kreislaufs-  und  Verdauungsorgane. 
Anmeldungen  zur  Aussprache  an  den  Vorsitzenden  Herrn  Geh.  R< 
v  N  o  o  r  d  e  n.  Frankfurt  a.  M„  Hans-Sachs-Str.  3. 

‘  —Pest  Italien  In  Torre  Annunziata  (Provinz  Neapel)  starb  am 
29.  September  ein  Arbeiter  eines  Betriebes  der  sich  mit  der  Verwertung 
von  Müllereirückständen  befasst;  die  Leichenöffnung  ergab  Pest.  Fe  n 
wurde  am  24.  Oktober  in  Catania  1  Pesttodesfall  festgestellt. 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  11.  bis 
17.  Dezember  wurden  141  Erkrankungen  festgestellt,  und  zwar  in  Frankfurt 
a  O  139  (bei  Wolgadeutschen),  in  Stettin  und  Osternothafen  (Kreis  Usedom- 
Wollin,  Reg.-Bez.  Stettin)  je  1  (bei  Heimkehrern).  -  Oesterreich  Vom 
27.  November  bis  3.  Dezember  2  Erkrankungen  in  Oberosterreich  (Stadt  Linz). 

—  In  der  49.  Jahreswoche,  vom  4.  10.  Dezember  1921,  hatten  vo 

deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Wiesbaden 
mit  25,0,  die  geringste  Neukölln  mit  6,2  Todesfällen  pro  Jahrv|!I{|d  ^°Q0_^‘n" 
wohner. 

Hochschulnachrichten. 

Erlangen.  An  der  Erlanger  Universität  wurde  eine  funfgliedenge 
Pressekommission  gebildet,  in  die  die  med.  Fakultät  Herrn  Prof  Dr.  Oskar 
Schulz  abordnete.  —  Der  Assistent  der  psychiatrischen  Klinik  der  Univer¬ 
sität  Erlangen,  Privatdozent  Dr.  Gottfried  Ewald,  ist  zum  etatsmassigen 

Oberarzt  daselbst  ernannt  worden,  (hk.)  „  .. 

Greifswald.  Prof.  Hermann  Straub,  Vorstand  der  med.  Poli¬ 
klinik  Halle  wurde  zum  Nachfolger  von  Prof.  Dr.  M  o  r  a  w  1 1  z  als  Vorstand 
der  medizinischen  Klinik  berufen.  Die  Liste  lautete:  Straub,  5tepp, 
Grafe  primo  loco;  Siebeck,  Gross  secundo  loco;  B  0  h  m,  Ass- 

Heidelberg  Den  Privatdozenten  in  der  medizinischen  Fakultät 
der  Universität  Heidelberg,  Dr.  med.  Erich  Frhr  v.  R  e  d  w  i  t  z  ^h’rurK'^ 
Dr.  Hermann  Freund  (Innere  Medizin  und  Pharmakologie),  Dr.  Heinrich 
Eymer  (Geburtshilfe  und  Gynäkologie),  Dr.  Viktor  Frhr.  v.  W  e  1  z  s  a  c  k  e  r 
(Innere  Medizin).  Dr.  Arthur  Meyer  (Chirurgie)  und  Dr.  Ernst  Freu  d  e  n  - 
b  e  r  g  (Kinderheilkunde)  wurde  die  Dienstbezeichnung  ausserordentlicher  ro- 

fessor  verliehen,  (hk.)  ,  .  „  .  „  D,.„t„cc„r 

Würzburg.  Der  mit  dem  Titel  und  Rang  eines  a.  0.  Professor 
bekleidete  Privatdozent  und  Konservator  am  physiologischen  Institut  der 
Universität  Würzburg,  Dr.  Dankwart  Ackermann,  ist  vom  1.  Januar  1922 
ab  zum  etatsmässigen  ausserordentlichen  Professor  der  physiologischen 
Chemie  ebenda  ernannt  worden,  (hk.)  _ 

Wien  Der  Privatdozent  der  Universität  Wien,  Dr.  Casar  A  m  st  e  r, 
hat  einen  Ruf  als  ordentlicher  Professor  für  experimentelle  Pharmakologie  an 
die  neue  lettische  Universität  Riga  erhalten  und  zum  Sommersemester  1922 
angenommen. 

Todesfälle.  ,,  ......  „ 

In  Marburg  starb  am  27.  Dezember  1921  Dr.  Max  L  0  h  1  e  1  n.  Pro- 
fessor  der  allgemeinen  Pathologie  und  der  pathologischen  Anatomie,  als 
ein  Opfer  seines  Berufes  im  Alter  von  44  Jahren.  Der  Verstorbene  trat 
im  Jahre  1902  in  das  Pathologische  Institut  in  Leipzig  ein,  dem  er,  mit 
mehreren  Unterbrechungen  durch  kürzere  Aufenthalte  in  Berlin  und  in  Paris 
.  zu  Studienzwecken  und  einen  längeren  in  Kamerun  als  Regierungsarzt,  als 
Assistent  als  Privatdozent  und  als  ausserordentlicher  Professor  angehorte, 
bis  er  einem  Ruf  als  Prosektor  am  städt.  Krankenhaus  in  Charlottenburg 
folgte  Während  des  Krieges  war  L  ö  h  1  e  i  n  als  Armeepathologe  im  Osten 
tätig  und  wurde  sodann  an  die  Universität  Marburg  berufen.  Sem  Arbeits¬ 
gebiet  betraf  ausser  bakteriologischen  Untersuchungen  hauptsächlich  d.e  patho¬ 
logische  Anatomie  der  Nierenkrankheiten  und  der  Infektionskrankheiten 
(Dysenterie).  Mit  Löhlein  ist  einer  der  erfolgreichsten  jüngeren  Patho¬ 
logen  und  eine  liebenswürdige  Persönlichkeit  vor  der  Zeit  dahingeschieden. 

In  Düsseldorf  verschied  im  Alter  von  60  Jahren  am  23.  v.  M.  der 
ärztliche  Direktor  der  städt.  Krankenanstalten,  Generalarzt  a.  D.  Dr.  Wilhelm 

C  1  a  s  s  e  n.  (hk.)  , ,  ,  ,  „  ,  _  ., ... 

In  Dresden  starb  am  14.  Dezember  1921  hochbetagt  Geh.  Samtatsrat 
Dr.  O  e  h  m  e,  ein  in  der  Stadt  sehr  bekannter  und  beliebter  Arzt. 

(Berichtigung.)  In  der  Arbeit  von  Weick  sei:  Ueber  die 
Lymphozytose  in  1921  Nr.  51  d.  W.  ist  auf  S.  1643,  II.  Abschnitt,  Zeile  7  8 
statt  hohe  oder  niedere  L  e  u  k  0  zytenzahl  zu  lesen  L  y  m  p  h  0  zytenzahl 


Korrespondenz. 


Noch  einmal :  Untersuchungen  über  den  Einfluss  der  schwedischen  Spann- 
beuge  und  der  K I  ap  p  sehen  Tiefkriechstellung  auf  die  Wirbelsäule. 

Von  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Müller,  Preuss.  Hochschule  für  Leibesübungen. 

Herr  Prof  James  Fränkel  macht  mich  darauf  aufmerksam,  dass  die 
Folgerungen  aus  meinen  Untersuchungen,  mit  denen  er  vöUiK  “ber.einf™^ 
eine  weitere  Bestätigung  seiner  Ausführungen  in  seinen  Arbeit  er 1.  „Lokali¬ 
sation  der  Umkrümmungen“  und  andere  „Forderungen  n  der  bk°llose,  b 
handlang“  in  Nr  5  der  M.m.W.  1909  und  „Ueber  Mobilisierung  des  Brust¬ 
körbe!;“  in  Nr  28  der  M.m.W.  1909  sind.  Meine  kleine  Studie  sollte  nicht 
weiter  in  das  orthopädische  Fachgebiet  eindringen,  sonst  hatte  ich  den  her¬ 
vorragenden  Anteil,  den  Prof.  Fränkel  am  Ausbau  des  K 1  a  p  P sehen 
Kriechverfahrens  durch  Anfügung  der  Tiefkriechübungen  hat,  auseinander- 
geseu!  AudT glaubte  ich.  dass  dieser  Anteil  der  Aerztewelt  bekannt  wäre 
Nähere  Aufklärung  findet  man  in  den  erwähnten  beiden  Artikeln  und 
Klapp:  Funktionelle  Behandlung  der  Skoliose,  2.  Auflage. 


Weihnachtsgabe  für  arme  Arztwitwen  in  Bayern. 

8.  Gaben  Verzeichnis,  zugleich  Quittung. 

Uebertrag:  50  591.75  M.  und  1  Dollar. 

Bez.-Verein  Koburg  500  M.  —  D  ü  rr  i  n  g -Feucht  20  M.  —  «ä  nSs  - 
b  a  u  e  r  -  Nürnberg  20  M.  —  Hans  G  1  u  1  1  n  i  -  Kempten  50  M  Landge^ 
Arzt  H  a  u  s  1  a  d  e  n  -  Eichstätt  20  M.  -  Fr.  H  0  f  m  a  an  -  NmnbergJO  M 

Kassenarztverein  Kissingen  250  M.  ~  K  r  a  5  *  ‘  P£ltlng,n10M  M‘  M  e  v  e  r 
K  r  e  z  -  Reichenhall  50  M.  -  San.-Rat  M  a  s  u  r- Koburg  20  M-Mey  r 
München  20  M.  -  Nu  ssb  au  m- München  50  M.  ^°*ienbacl^r 
Fürth  30  M.  —  Ferd.  R  e  n  n  e  r -Deining  30  M.  —  O.  R_e  "n  e  r 
10  M.  —  Bez.-Arzt  S  a  u  e  r  t  e  1  g.- Nürnberg  100  M. 

Törwang  50  M.  —  Scheel-  Uebersee  20  M.  —  Schiffer  -  Ruhpolding 
2(1  M.  -  Schmid- Altötting  50  M.  —  Graf  v.  Schonborn  -  WiesentheiJ 

200  M.  -  Hofrat  T  h  e  i  1  e  -  Hof  30  M.  —  w  ü  r  dl  n  ge  r  ‘  Haag  20  ^  _ 
Buff-München  50  M.  -  Prof.  E i  s  en  re  1  ch  -München  100  M.  _ 
Fries-  Augsburg  25  M.  —  Bez.-Verein  Furstenfeld.bruck  100  M. 
Haube  r-Arnstorf  50  M.  —  H  e  i  d  1  0  f  f  -  München  10  M.  —  San-R. 
Hitzelberger  -  Kempten  (abgel.  Honor.  d.  H.  Dr.  L  0  r  e  n  z  -  Obergünz- 
burg)  50  M.  —  Le  itn  er -Erding  50  M.  —  J^ut®cH1er  -  Kempten  50  M. 

—  Peckert-Grafing  50  M.  —  Bez.-Arzt  R  a  uh -Erding  30  M  —  Jos. 
Schmid- Schongau  25  M.  -  Bez.-Arzt  Sc  h  w  ab  -  Schwabmunchen  25  M. 

—  Uebelhoer  -  Windsheim  20  M.  —  W  1 1  s  c  h  e  1  -  Nürnberg  15  M.  _ 

B  a  y  r  -  Wemding  30  M.  —  Geh.-R.  Prof.  Denk  er -Halle  1  .  . 

Fromm- München  50  M.  —  San-R.  G  1  e  1  s  s  n  e  r  - Kissingen  50  M.  — 
Horn-München  20  M.  —  K  a  s  p  a  r  -  Nürnberg  30  M  —  Martius- 
Amberg  50  M.  —  M  e  r  k  1  -  Amerdingen  25  M.  —  Prof.  Mutzer  -  München 
100  M'  —  Hofrat  S  c  h  e  i  d  e  m  a  n  d  e  1  -  Nürnberg  25  M.  —  Landger.-Arzt 
Schultz-Bamberg  50  M.  -  T  h  0  m  s  e  n  -  Rüdenhausen  30  M.  —  Wilh. 
Sehre  in  e  r  -  Sitnbach  20  M.  —  A  u  g  s  b  e  r  g  e  r  -  Schnaittach  20  M. 

C  e  1 1  0  -  München  50  M.  —  D  i  r  n  h  0  f  e  r  -  Tauberzell  15  M.  E  c  k  - 
Brückenau  50  M.  —  E  r  r  a  s  -  Kolbermoor  20  M.  —  G  r  a  s  r  ein  e  r  -  Plancgg 
100  M  _  Hand  wer  c  k  -  München  25  M.  —  M.  H.  in  München  90  M. 

—  K  0  e  r  b  e  r  -  Bayreuth  50  M.  —  M  a  y  e  r  -  Sommerhausen  IC I  M.  — 
Muggenthaler  -  München  30  M.  —  Ob.-Reg.-R.  R  o  h  me  r  -  Würzburg 
50  M.  -  Rosenthal- Kempten  50  M.  —  S  c  h  1 1  r  f  -  Heidingsfeld  20  M. 

—  Eleonore  Schmidt-  Augsburg  100  M.  —  W  1  m  m  e  r  -  München  10  M. 

—  San.-R.  A  1 1  w  e  i  n  -  München  100  M.  —  Rieh.  Beck-  Nürnberg  40  M  — 
Bez.-Arzt  C  1  e  s  s  i  n  -  Germersheim  100  M.  —  San.-Rat  Eberter  -  Althus- 
ried  20  M.  —  Arthur  J.  Hirsch-  München  50  M.  ^eTztl-,  Pez,l 

Hof  1095  M  —  Hübner  -  Passau  20  M.  —  Körner  -  Oberelsbach  20  M. 

—  Kraus-  Regensburg  20  M.  —  Ob.-Med.-R.  Maar-  Kissingen  30  M  — 
Müller-  Gerolshofen  25  M.  —  Munker- Grönenbach  30  M.  —  San.-Rat 
Neger-  München  20  M.  —  Prof.  P  o  1  a  n  o  -  200  M.  Bez.-Arzt  R  i  t  ter- 
Neustadt  a.  WN.  20  M.  —  R  o  t  h  II  -  Bamberg  30  M.  —  Spieler  -  München 
25  M.  —  Schoenhueb  -  Geisenhausen  20  M.  —  Ob.-Med.-R.  Sch  w  e  l  n  - 
b  e  r  g  e  r  -  Traunstein  25  M.  —  Stein-  Prien  25  M.  W  o  1 1  er  s  -  Unter¬ 
ammergau  20  M.  —  Z  a  n  1 1  -  Nandlstadt  50  M.  —  C  o  r  n  e  t  -  Reichenhall 
200  M  —  Aerztl.  Bez.-Ver.  Erlangen  176  M.  —  Essig-  Simmerberg  30  M. 

—  Förster-  Schöllnach  25  M.  —  Griessmann  -  Nürnberg  50  M.  — 
Hofrat  H  e  i  n  1  e  i  n  -  Nürnberg  (abgel.  Honor.)  100  M.  -  Hintermaye  r - 
Grafing  50  M.  —  Ob.-Med.-Rat  K  u  n  d  t  -  Deggendorf  50  M.  —  San.-R. 
Lohrer-  München  25  M.  —  San.-R.  Heinr.  Pinggera-  München  (abgel. 
Kollegenhonor.)  30  M.  —  R  e  i  c  h  o  1  d  -  Weissenborn  50  M.  —  Schnabel¬ 
mai  r  -  Ortenburg  50  M.  —  Kassenarzt-Vereinigg.  Schweinfurt  500  M.  — 
Ungenannt  München  (Honorarablösung  für  Prof.  Böhm)  300  M.  —  Mich. 
Wassermann  -  Bamberg  50  M.  —  Weber-  Kirchheimbolanden  10  M. 

—  Käthe  Weiner-  Nürnberg  20  M.  —  Käthe  Weiner-  Nürnberg  (abgel. 
Honorar  von  Herrn  Kennerknecht)  30  M.  —  Ob.-Med.-R  W  o  h  1- 
muth  -  München  20  M.  —  Alkan-  Coburg  50  M.  —  Bank  f.  Hdl.  u.  Ind. 
Augsburg  ohne  Namensnennung  30  M.  —  Hanns  B  a  u  e  r  -  Landshut  10  M. 

—  Prof.  Burkhardt -Nürnberg  500  M.  —  D  e  i  d  e  s  h  e  l  m  e  r  -  Passau 
100  M.  —  Hof.-R.  D  o  e  r  f  1  e  r  -  Regensburg  100  M.  —  Aerztl.  Verein 
Straubing  300  M.  —  San.-R.  Döring-  Bayreuth  30  M.  —  S  t  e  i  n  b  e  r  g  e  r- 
Bayreuth  25  M.  —  S  a  c  k  -  Bayreuth  50  M.  —  K  e  r  n  -  Pirmasens  30  M.  — 
Kassen-Ver.  Königshofen.Grabfeldgau  120  M.  —  Un^enannt-Rothenburg  50  M. 

—  J.  P. -München  20  M.  —  v.  Poschinger  -  München  50  M.  —  S  t  e  r  n  - 
München  50  M.  —  Wächter  -  München  100  M.  —  Prof.  Weber-  München 
200  M.  —  Z  e  i  1 1  e  r  -  Wörth  a.  D.  100  M.  —  Summa  59  717.75  M.  und 
1  Dollar. 

Allen  Gebern  besten  Dank. 

Ueberraschend  zahlreich  flössen  die  Gaben,  deshalb  konnten  bis  zum 
Fest  alle  gemeldeten  132  Witwen  und  Waisen  mit  je  400  M.  bedacht 
werden.  Es  kommen  aber  immer  noch  Nachzügler;  deshalb  bittet  um  weitere 
Gaben  durch  Ueberweisung  auf  Konto  Nr,  6080  Nürnberg 
der  Kassier  der  Witwenkasse 
Dr.  Hollerbusch,  Fürth,  Mathildenstrasse  1. 


Verlag  von  ].  F.  Lelnnann  m  München  S.W.  2,  Paul  Hey.estr.  26.  -  Druck  vo .  E.  Mühlthaler’s  Huch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  3.—  Jt.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 
•  •  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  *  •  » 

Anzeigenschluss  Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Ar.iulfstr.  26  (  prechstunden  8'4—\  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-strasse  26, 
für  Anzeigen:  L.Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinstr.  2  III. 


Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


' 

Nr.  2.  13.  Januar  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Orthopädischen  Anstalt  der  Universität  Heidelberg. 
(Direktor:  Prof.  v.  Baeyer.) 

Orthopädischer  Ausgleich  der  Hypotonie  und  Tiefen¬ 
anästhesie  bei  Tabikern. 

Von  H.  v.  Baeyer. 

Die  Bedeutung  der  Hypotonie  der  Muskeln  für  die  Bewegungen 
des  Tabikers  ist  mehrfach,  am  eingehendsten  von  0.  Foerster1) 
untersucht  worden.  Dabei  ist  aber,  soweit  ich  die  Literatur  kenne, 
nicht  näher  auf  die  verschiedenen  Arten  von  Muskeln,  nämlich  die  ein¬ 
gelenkigen  und  mehrgelenkigen;  eingegangen  worden,  obwohl  diese 
beiden  Arten  sich  in  bezug  auf  ihre  gliedermechanische  Wirkung  be¬ 
trächtlich  unterscheiden.  Die  mehrgelenkigen  Muskeln  sind,  ohne  sich 
zu  kontrahieren  oder  zu  erschlaffen,  imstande,  Kräfte  von  einem  Ge¬ 
lenk  auf  ein  anderes  zu  übertragen  (Transmission).  Voraussetzung 
hierfür  ist,  dass  die  Muskeln  sich  in  einem  Spannungszustand  befinden. 
Dadurch  nun,  dass  die  mehrgelenkigen  Muskeln  Übereinandergreifen 
(ischiokrurale  Gruppe  zieht  zum  Unterschenkel,  Gastrocnemius  kommt 
vom  Femur)  entsteht  eine  Kuppelung  einer  ganzen  Anzahl  von  Ge¬ 
lenken  eines  Gliedes,  die  durch  diese  eigentümliche  Anordnung  in  ihren 
Bewegungen  bis  zu  einem  gewissen'  Grad  assoziiert  werden.  Be¬ 
sonders  gilt  dies  für  das  Bein,  das  im  allgemeinen  nur  gleichmässig 
ablaufende  Bewegungen  zu  machen  hat,  während  der  Arm  in  der  ver¬ 
schiedensten  Art  gebraucht  wird.  Wenn  wir  z.  B.  beim  Gesunden 
das  Hüftgelenk  aktiv  oder  passiv  beugen,  so  treten  durch  Vermittlung 
der  tonisch  gespannten  mehrgelenkigen  Muskeln  Kräfte  auf,  die  das 
Knie  mitläufig  beugen  und  den  Fuss  dorsalflektieren  (Entspannung  des 
M.  gastrocnemius  und  dadurch  Ueberwiegen  der  Spannung  der  Fuss- 
dorsalflektoren).  Die  sog.  Transmission  kann  somit  entweder  mit¬ 
läufige  Bewegungen  auslösen  oder,  sie  kann  konträre  Bewegungen 
bremsen  (z.  B.  das  Vorschwingen  des  Unterschenkels  beim  Beugen  des 
Spielbeinoberschenkels  im  Gehen). 

Die  eigenartige  Anordnung  der  mehrgelenkigen  Muskeln  be¬ 
günstigt  ein  geordnetes  synchrones  Zusammenspiel  der  einzelnen  Glied¬ 
abschnitte,  das  nur  soweit  zentral  bedingt  ist,  als  der  hiebei  notwendige 
Muskeltonus,  der  sich  aber  nicht  zu  ändern  braucht,  vielleicht  doch  eine 
Funktion  der  Ganglienzelle  darstellt.  Es  können  also  koordinierte  Be¬ 
wegungen  erfolgen,  ohne  dass  besondere  bewegunggebende  Impulse 
in  die  verschiedenen,  die  bewegten  Gelenke  versorgenden,  Muskeln 
fliessen  oder  dass  Impulse  sistiert  werden  (mechanische  Koordination). 

Dies  Zusammenspiel  der  Gliedabschnitte,  dessen  Ordnung  und 
Zweckmässigkeit  nicht  durch  koordinierte  zentrale  Impulse  bedingt  ist, 
sondern  seinen  Grund  in  der  anatomischen  Anordnung  der  tonisch 
erregten  Muskeln  hat,  bezeichnete  ich  als  muskuläre  Koordi¬ 
nation2). 

An  einem  Beinmodell  (Fig.  1  u.  2),  an  dem  die  mehrgelenkigen 
Muskeln  und  der  M.  tib.  ant.  durch  gespannte  Gummibänder  dargestelit 
sind,  lässt  sich  das,  was  hier  unter  muskulärer  Koordination  verstanden 
wird,  nach  den  verschiedenen  Richtungen  hin,  und  zwar  sowohl  die 
assoziiert  bewegungsübertragende  als  auch  bewegungshemmende  Wir¬ 
kung  besonders  sinnfällig  zeigen. 

Fehlt  nun  wie  bei  der  Tabes,  der  Tonus  der  Muskeln,  so  muss  die 
muskuläre  Koordination  gestört  sein.  Der  Kranke  hat  den  Bewegungen  . 
viel  grössere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden,  weil  der  periphere,  durch 
die  mehrgelenkigen  Muskeln  bedingte  Automatismus  versagt.  Dies 
äussert  sich  z.  B.  beim  Gang  beim  Vorschwingen  des  Spielbeines; 
normalerweise  wird  hiebei  das  Vorpendeln  des  Unterschenkels  durch 
die  rasch  zunehmende  tonische  Insuffizienz  der  ischiokruralen  Muskeln 
gebremst,  beim  Tabiker  fehlt  diese  Dämpfung,  daher  wenigstens  zum 
Teil  das  übermässige  Vorschleudern  des  Unterschenkels.  Die  Dämp¬ 
fung  einer  Bewegung  durch  die  eingelenkigen  Muskeln  spielt  eine  viel 
geringere  Rolle,  weil  sie  aus  mechanischen  Gründen  viel  langsamer 
zunimmt. 

Ein  anderes  Beispiel:  Auf  dem  Fehlen  der  muskulären  Koordination 
beruht,  wenigstens  teilweise,  wohl  auch  die  mangelhafte  Ueber- 
einstimmung  (Foerster)  der  Hiift-  und  Kniebeugung  beim  Knie- 
Hacken- Versuch.  Durch  die  mehrgelenkigen  Muskeln  sind  die  beiden 


')  0.  Foerster:  Die  'Physiologie  und  Pathologie  der  Koordination.  1902. 
')  v.  Baeyer:  Zur  Frage  der  mehrgelenkigen  Muskeln.  Anat.  Anzeiger 

1921,  54,  Nr.  14/15. 

Nr.  2. 


Gelenke,  wie  schon  ausgeführt,  in  ihren  Bewegungen  in  gewissem 
Grad  voneinander  abhängig;  weist  nun  dieser  Mechanismus  Mängel  auf, 
so  werden  die  Bewegungen  auch  abnorm  verlaufen. 

Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich,  dass  ein  Teil  der  Koordinations¬ 
störungen  beim  Tabiker  auf  mechanischen  Defekten  beruht.  Es  lag 
daher  nahe,  diese  Defekte  auch  wieder  mechanisch  auszugleichen. 

Diesen  Zweck  erfüllt  eine  Bandage  (Tonusbandage,  Fig.  3).  die 
aus  zirkulären  starren  Bändern  um  die  Taille,  den  Oberschenkel  und 
Unterschenkel  besteht;  diese  zirkulären  Bänder  sind  durch  elastische 
Züge  etwa  in  der  Anordnung  der  mehrgelenkigen  Muskeln  verbunden, 
der  eine  oder  andere  eingelenkige  Muskel  muss  auch 
ersetzt  werden.  Im  allgemeinen  werden  auf  diese 
Weise  der  M.  rect.  fern.,  die  ischiokruralen  Muskeln  und 
der  M.  gastroen.  nachgebildet,  ausserdem  geben  wir 
einen  Zug  in  der  Verlaufrichtung  des  M.  tib.  ant.  und 
des  M.  glut.  max.  Im  Bereich  des  Fusses  endet  der 
vordere  Zug  am  Stiefel  in  der  Ballengegend  und  der 
hintere  an  einem  Sporn  im  Absatz. 


Fig.  2  a. 


Die  spezielle  Wahl  und  Zahl  der  Züge  und  die  Stärke  ihrer  Span¬ 
nung  hängt  von  der  jeweiligen  Bewegungstörung  ab,  die  beim  Ver¬ 
passen  der  Tonusbandage  sorgfältig  zu  analysieren  ist.  Hier  kommt 
es  auf  die  Beobachtungsgabe  und  das  Geschick  des  Arztes  sehr  an.  um 
gute  Resultate  zu  erzielen. 

Der  Tonusbandage  kommt  nun  noch  eine  weitere  Eigenschaft  zu, 
die  dem  Tabiker  gestattet,  die  Bewegungen  wesentlich  exakter  zu  ge¬ 
stalten.  Es  fehlt  dem  Patienten  bekanntlich  die  Tiefensensibilität; 
dadurch  ist  ihm  die  Erkennung  der  jeweiligen  Gelenkstellung  erschwert, 
ferner  fällt  dadurch  der  Teil  des  Muskeltonus,  der  reflektorisch  bedingt 
ist,  mehr  oder  minder  fort.  Ermöglichen  wir  nun  dem  Kranken,  durch 
Substitution  des  verlorengegangenen  Tiefengefühls  durch  noch  funk¬ 
tionierende  Hautsensibilität  die  Bewegungen  und  Stellungen  bewusst 
oder  unbewusst  zu  erkennen,  so  wird  er  die  Impulse  wieder  genauer 
dosiern  können  und  vielleicht  stellt  sich  sogar,  da  die  Grundlagen 
für  einen  Reflexvorgang  nunmehr  wieder  gegeben  sind,  der  reflek¬ 
torische  Teil  des  Muskeltonus  auch  wieder  ein. 


3 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  2. 


38 _ _ _ _ _ 

Frühere  Versuche»),  das  Tiefengefühl  durch  die  Hautsensibilität 
höherer  Segmente  zu  substituieren,  brachten  sehr  gute  Resultate,  doc 
bot  die  damalige  Methode  technische  Schwierigkeiten,  die  wir  nicht 
eanz  über windeif  konnten  und  die  einer  weiteren  Verbreitung  der  Mass¬ 
nahmen  entgegenstanden.  Der  von  F  o  e  r  s  t  e  r  angegebene  sensible 
Indikator  4)  dient  einem  ähnlichem  Zweck,  doch  übertragt  er  nicht  die 
Bewegungen  auf  entferntere  Körperpartien  und  ist  nur  für  das  Huft- 

gelenDurchStidTemTonusbandage  sind  nun  die  technischen  Mängel  der 

Ataxieschienen  überwunden  und  sie  leistet  ™“Jestens „Ä  Zerrüngen 
übermittelt  die  Bewegungen  der  peripheren  Gelenke  durch  Zerrungen 
der  Haut  zentraler  Körperabschnitte,  wo  die  Sensibditot  meist  wemger 
„elitten  hat  als  an  der  Peripherie.  Der  Patient  erhalt  also  wieati 
Zeichen  von  Bewegungen  seiner  Glieder  und  kann  sich  über  die  -  tel- 
lung  der  Gelenke  informieren,  ohne  das  Auge  zuhilfe  ziehen  zu  müssen. 
Er  "überblickt“  mittels  das  Hautgefühles  die  Bewegung  seiner  Extremi¬ 
tät  ”  Die  Haut  vermag  diese  Reize  meist  auch  dort  noch  genügend  deut¬ 
lich  zu erkermei  wo  das  Gefühl  für  die  Hautverschiebung»)  schon  völlig 
gestört  ist;  dies  hat  seinen  Grund  darin,  dass  das  Tastgefuhl  eine  andere 
Kategorie  von  Sensibilität  darstellt  und  bei  der  Tabes  weniger  in  Mit¬ 
leidenschaft  gezogen  wird.  Wraftcphln««  der 

Die  Tonusbandage  bewirkt  endheh  noch  einen  Kraftschluss  der 

Gelenke  und  zwar  auch  wenn  die  Extremität  frei  schwingt.  • 
Zusammenschluss  wird  normalerweise  vorwiegend  durch  den  Tonus  der 
Muskeln  hervorgerufen,  wobei  den  mehrgelenkigen  Muskeln  auch  wieder 
eine  besondere  Rolle  zufällt.  Denn  sie  vermögen  die  von  ihnen  ver¬ 
sorgten  Gelenke  für  die  mitläufigen  Bewegungen  aneinanderzupressen, 
ohne  die  Beweglichkeit  wesentlich  »  hemme,,,  während  die  e,n- 
gelenkigen  Muskeln  durch  Kontraktion  irgendwelcher  Art  die  Be¬ 
wegungen  mit  Ausnahme  weniger  spezieller  Falle  behindern. 

Der  Kraftschluss  der  Gelenke  an  der  freischwingenden  Extremität 
scheint  für  den  geordneten  Ablauf  einer  Bewegung  nicht  ohne  Be¬ 
deutung  zu  sein,  er  verhindert  auch  kleine  Distraktionen,  die,  wenn 
sie  gehäuft  auftretem,  dem  üelenkapparat  auf  die  Dauer  schädlich  sein 

mUSDte  Tonusbandage  bewährte  sich  bisher  bei  der  Behandlung  atak¬ 
tischer  Gangstörungen  sehr  gut.  Die  Ataxie  wurde  fast  augenblick¬ 
lich  ganz  beträchtlich  gebessert,  die  Besserung  nahm  durch  das  Tragen 
der  Bandage  zu.  eine  Gewöhnung  trat  nicht  ein.  Bei  mittelschwerer 
Ataxie  gelang  es  innerhalb  eines  halben  Jahres,  die  Storung  so  zu 
bessern  dass  sie  kaum  mehr  erkennbar  war,  die  Sicherheit  im  Dunkeln 
kehrte  wieder,  der  Spazierstock  konnte  beim  Gehen  entbehrt  werden. 
Das  Rombergsche  Phänomen  nahm  an  Intensität  ab  oder  \ei- 
schwand  ganz.  Recht  schwere  Fälle  von  Ataxie  fühlten  sich  duich  die 
Bandage  ebenfalls  sehr  erleichtert,  ein  derartiger  Patient  konnte  nach 
wenigen  Wochen  seinen  Beruf  als  Buchbinder  wieder  auf  nehmen. 
Dort  wo  eine  Uebungsbehandlung  die  Geh-  und  Stehvei  suche  ein 
leiten  musste,  erwies  sich  die  Bandage  ebenfalls  als  ein  sehr  nützliches 

Unterstützungsmittel.  ,.  .  .  ,  . 

Liegt  ein  Genu  recurvatum  höheren  Grades  vor,  so  bietet  leidet 
die  beschriebene  Bandage  nicht  genügend  Halt,  hier  muss  auf  Hulsen- 
apparate,  aber  kombiniert  mit  der  Tonusbandage  zuruckgegriffen  werd  . 

Zusammenfassung. 

A  Die  ataktischen  Bewegungen  des  Tabikers  sind  zum  Teil  eine 
Folge  der  Hypotonie  in  den  mehrgelenkigen  Muskeln 

B.  Mittels  einer  Tonusbandage,  bestehend  aus  zirkularen  Bändern 
und  elastischen  Zügen,  angeordnet  vorwiegend  nach  Art  und  Lage  der 
mehrgelenkigen  Muskeln,  kann  man  Ataktikern  wesentlich  nutzen. 

1  Die  Bewegungen  der  Beingelenke  werden  wieder  inniger  von 
einander  abhängig.  Man  ist  somit  imstande,  einen  Teil  der  fehlenden 
muskulären  Koordination  wieder  herzustellen. 

2.  Die  fehlenden  sensiblen  Merkmale  der  Bewegungen  kann  man 

durch  Uebertragen  der  Bewegungen  auf  noch  empfindliche  Hautpartien 
ersetzen  (Substitutionstherapie).  ,  .  .  u 

3.  Die  Gelenke,  denen  infolge  der  Hypotonie  der  Zusammenhalt 
mangelt,  werden  auch  bei  hängender  Extremität  wieder  kraftschliissigei. 


Aus  der  inneren  Klinik  des  städtischen  Krankenhauses 
zu  Münster  i.  W.  (Prof.  Dr.  Arneth.) 

Ueber  die  Art  und  Herkunft  der  Zellen  des  Eiters  bei 
Conjunctivitis  und  Urethritis  gonorrhoica  auf  Grund  ver¬ 
gleichender  qualitativer  Zelluntersuchung  nach  Arneth 

Von  Medizinalpraktikant  Ludwig  K r a u s -  Münster. 

Ueber  die  Herkunft  der  Zellen  des  Eiters,  der  Sekrete  und  Exkrete, 
Transsudate  und  Exsudate  bestehen  noch  die  verschiedensten,  sich  viel¬ 
fach  diametral  begegnenden  Ansichten.  .  pn„nt,r«„it(1r 

In  besonderem  Masse  ist  das  der  Fall  bei  den  im  Gonorrhoeeiter 

auftretenden  Zellformen.  ,  ,  „ 

Fast  alle  zytodiagnostischen  Untersuchungen  des  Gonorrhoeeiters 
geben  nur  Aufschluss  über  das  quantitative  und  zum  geringen  teil  auc 

:1)  v.  Baeyer:  Orthopädische  Behandlung  der  Ataxie.  31.  Kongress  in 

4)  O.  Foerster:  Die  Störungen  in  der  Fixation  des  Knies  und  Beckens 
bei  Nervenkrankheiten.  9.  Orthopädenkongress  1910 

»)  v.  B  a  e  v  e  r:  Ein  neues  Symptom  bei  der  Tabes.  M.m.W  19.4  Nr  2 


Qualitative  Verhalten  der  eosinophilen  Zellen  und  Mastzellen.  Einige 
weni^, 'Autoren  heben  auch  0aS  Verhalten  der  einkernigen  ZellelOTen^e 
hervor,  während  das  prozentuale  und  vor  allem  genauere  quali tat  v 
Verhalten  der  neutrophilen  Leukozyten  die  geringste  Beachtung  g 

IUndMete  auf  Veranlassung  von  Herrn  Prol.  Arneth  ausgeführten 
Untersuchungen  betreffen  3  Fälle  von  Konjunktivitis  und  2  Falle  von 

Urethritis  gonorrhoica.  F  2  Taee 

Von  den  gonorrhoischen  Konjunktivitiden  wai  der  eine  Fall  2 :  lag 

und  der  andere  3  Wochen  alt.  Zur  Kontrolle wurde  auch  das  eitrige 
Sekret  eines  nicht  gonorrhoischen  Bindehautkatarrhs  (des  3.  Fall 

einer  vergleichenden  Untersuchung  unterworfen  .  n  Fällen 

Die  Untersuchungen  am  Trippereiter  wurden  in  2  frischen  Fallen, 

die  s  und  6  Tage  alt  waren,  ausgeführt. 

Die  uualitat  i  v  e  n  Ei  t  e  r  z  ellb  11  dun  t  e  r  s  u  ch  ung  en 

wurden  sämtlich  erstmals  nach  der  von  Arneth1)  m  dm  Hamatologm 
eingeführten  Untersuchungsmethodik  gemacht  und  dann  mit  den  tb 
falls,  und  zwar  immer  gleichzeitig  ausgeführten  Blutbilduntersuchunge 

vergüchen.h  ^  Untersuchungen  auf  Neutrophile,  Eosinophile,  Mastzellen 

und  lvmphoide  Zellen  in  gleicher  Weise  im  Eiter  wie .1™ e 
ten,  so  sollte  aus  dem  Vergleich  der  einzelnen  qualitaüven  Zelteüde 
(in  Fiter  und  Blut)  ein  Urteil  zu  gewinnen  versucht  werden,  ob  und 
inwiefern  auf  Grund  der  gefundenen  Verhältnisse  in  und  ausserhalb  der 
Blutbahn  Rückschlüsse  auf  die  Herkunft  der  Zellen  möglich  sind,  also 
speziell  ob  ein  morphologisch  begründeter  Zusammenhang  zwischen  den 

7pllen  des  Eiters  und  Blutes  besteht.  _  .. _ 

Auch  sollte  festgestellt  werden,  ob  und  inwiefern  unter  den  Zeilen 
des  eitrigen  gonorrhoischen  Sekretes  etwa  anders  geartete  Zellen  - 
wie  sie  sich  bei  gleichzeitiger  Untersuchung  im  Blute  vorfinden, 

anZUEsfüessend’sich  aber  noch  eine  ganze  Reihe  anderer  Ausblicke 
gewinnen  sowie  Prüfungen  der  in  der  Literatur  angeführten  Hypo- 
thesen  ausführen,  worauf  am  Schlüsse  näher  eingegangen  ist. 

Wenn  auch  die  Zahl  der  untersuchten  Fälle  mit  Rücksicht  auf  de 
eingehenden  Charakter  der  Untersuchungen  eine  beschrankte  bleiben 
musste,  so  geht  doch  aus  der  ausgezeichneten  Übereinstimmung  der 
Befunde  hervor,  dass  auch  bei  mehr  Fällen  schwerlich  andere  Resulta 
zu  erwarten  gewesen  wären. 

1.  Conjunctivitis  gonorrhoica. 

a)  Q  u  a  n  t  i  t  a  ti  v  e  s  Blut-  und  Eiterzellenbild  0  ab.  1  . 

in  beiden  Fällen  (1  und  2)  mit  massigeren  Leukozytosewerten 
ergab  die  Differentialleukozytenzählung  ungefähr  gleiches  Verhalten. 

Wie  es  bei  Kindern  im  Säuglingsalter  (um  solche  handelte  es  sich 
hier,  s.  Tab.  1)  gewöhnlich  anzutreffen  ist  (nach  Ehrlich  bis  zu 
70  Proz.),  fand  sich  ein  relatives  Ueberwiegen  der  Lymphozyten 
gegenüber  der  Norm,  also  eine  relative  Lymphozytose  auf  Kosten  der 
Neutrophilen :  statt  etwa  25  Proz.  Lymphozyten  deren  32  bis  33  Proz. 

und  statt  etwa  65  bis  70  Proz.  Neutrophile  deren  etwa  56  bis.  62  "oz- 

Eosinophile,  Lymphozyten  und  Monozyten  sind  ebenfalls  in  etwas 
erhöhtem  Prozentsatz  vorhanden,  bei  der  erhöhten  Leukozytenzahl  also 

abS°Wenn  wir  mit  dem  Differential  b  1  u  t  zellenbild  (=  Quant  i - 
tatives  nach  Arneth)  das  dazugehörige  Differentiale  i  t  er  zell¬ 
bild  in  jedem  Falle  (Tab.  1)  vergleichen,  so  springt  die  beträchtliche 
quantitative  Verschiebung  zugunsten  der  Neutrophilen  im  Eiter  vzirKa 
90  Proz.  gegenüber  ca.  55  Proz.  im  Blute)  sofort  ins  Auge. 

Es  ist  das  also  der  Fall,  trotzdem  im  Blute  eine  relative  Lympho¬ 
zytose  gleichzeitig  besteht.  Wir  würden,  wenn  wir  den  gleichen 
Massstab  im  Blute  wie  im  Eiter  anlegen,  sagen,  dass  es  sich  um 

eine  beträchtliche  neutrophile  Leukozytose  1  m  Eiter 

handelt  (von  ca.  90  Proz.).  „ 

Die  Lymphozyten  sind  nur  zu  ca.  10  Proz.,  die  Eosino¬ 
philen  zu  1  Proz.  und  weniger,  die  Mastzellen  gar  nicht  ver¬ 
treten.  Monozyten  fanden  sich  etwa  im  Prozentverhaltms  des 

normalen  Blutes.  ,  _  .  .  „  „  • 

Im  Falle  2  und  3  fanden  sich  auch  Reizunigsformen  in 

vermehrter  Menge  im  Eiter.  , ,  ,  .  . 

Es  ist  also  eine  elektive  Ansammlung  hauptsächlich  der  neutrophilen 
Zellen  und  ein  Zurücktreten  der  übrigen  Zellelemente  im  gonorrhoischen 

Eiter  hervorstechend.  ,  ,  , 

Es  wird  nun  besonders  wichtig  sein,  zu  untersuchen,  ob  und  wie 
sich  dabei  auch  die  qualitative  Zusam  me  nsetzun  g  (nach 
Arneth)  innerhalb  der  einzelnen  Zellarten  geändert  hat. 

b)  Qualitatives  Blut  -  und  Eiterzellenbild. 
Tabelle  1. 

Es  ergibt  sich  aus  der  nachstehenden  Tabelle  das  überraschende  Re¬ 
sultat,  dass  auch  die  Zellansammlungen  des  gonorrhoischen  und/  ebenso 
des  nicht  gonorrhoischen  Bindehauteiters  eine  gleichmässige  Durch¬ 
mischung  der  neutrophilen  Zellmassen  und  Zellklassen  auf  weisen,  wenn 
bezüglich  der  Rubrizierung  die  gleichen  Gesichtspunkte  wie  bei  den 
neutrophilen  Zellen  im  Blute  eingehalten  werden. 

Wie  der  Vergleich  der  Fälle  ergibt,  ist  jedoch  ein  wichtiger  Unter¬ 
schied  zwischen  den  neutrophilen  Zellbildern  des  Eiters  und  jenen  dis 
Blutes  in  einer  stärkeren  Entwicklung  der  Eiterzellbilder  nach  recht;; 
=  einer  „Rechtsverschiebung“  gelegen. 


*)  Die  qualitative  Blutlelire. 
h  a  r  dt.  1920. 


2  Bände.  Leipzig,  Dr.  W.  Klink- 


13.  Januar  1922.  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ta 

b  e  1 

lei.  Quantität 

i  v  e  s  und 

qua  1  i  t  a  t 

i  v 

s  Blut 

-  u 

n  d 

E  i  t  c  r  z  e  1 

e  n 

b  i  1  d. 

Quantitatives  Rluthild 

Qualitatb  es 

neutrophiles  Blutbild 

Fall 

1 

ii 

III 

IV 

V 

u  m.  Kl. 

Ues.- 

Zahl 

N 

Eo 

Ma 

L 

Mo 

R 

M 

W 

a  |  b 

a 

r 

1  b 

2K 

2  S 

1  K 
IS 

3  K 

3S 

2K 

IS 

2S 

1  K 

4K 

4  S 

3  K 
IS 

3S 

1  K 

2  K 
2  S 

2  K 

3  S 

3  K 
2S 

4  K 
IS 

5  K 

I.  Säugling 
Conj.  gon 

Seit  2  Tagen 

12700 

56 

5 

— 

33 

6 

— 

— 

—  2 

— 

4 

8 

10 

12 

16 

4 

18 

14 

2 

_ 

4 

6 

_ 

_ 

_ 

6 

30 

5 

L 

u 

II.  Säugling 
Conj.  gon. 

Seit  3  Woche  i 

13000 

55 

2 

2 

32 

9 

- 

— 

3  1  - 

. 

1 

2 

21 

7 

8 

14 

9 

21 

3 

1 

3 

2 

4 

_ 

1 

5 

29 

52 

13 

1 

III.  Säugling 
Conj.  non  gon. 
Seit  14  Tagen 

14  800 

62 

3 

— 

31 

4 

0,2 

- 

i 

2 

3 

12 

7 

8 

5 

21 

24 

1 

3 

4 

5 

3 

_ 

- 

1 

_ 

22 

58 

16 

1 

Quantitatives  Eiterzellenbild 

Qualitatives  neutrophiles  Eiterzellenbild 

I 

88 

— 

— 

9 

3 

— 

-  I 

-  1  -  1 

- 1 

i 

8  ! 

6 

8 

14  | 

12  | 

16  | 

9 

5 

1 

6 

5 

3 

- 

2 

3 

1 

i 

22 

51 

20 

6 

II 

89 

1 

— 

7 

2 

0,2 

1 

-  1 

12 

i 

— 

13 

19 

17  | 

- 

12  | 

16 

2 

- 

4 

3 

1 

_ 

_ 

_ 

_ 

4 

41 

45 

10 

III 

84 

2 

12 

1 

1 

-  - 

- 

2 

4 

6 

7  1 

4 

14  | 

16 

7  | 

3 

10 

8 

4 

2 

5 

4 

4 

' 

— 

12 

41 

32 

13 

N  _  Neutrophile,  Eo  =  Eosinophile,  Ma  =  Ma,tzellen,  L  =  Lymphozyten,  Mo  =  Monozyten,  R  =  Reizzellen. 


Das  trifft  zu  in  ausgesprochenster  Weise  im  Fall  1  und  3,  beides 
mehr  akuten  Fällen,  während  im  Fall  2  ungefähr  das  gleiche  Zellenver¬ 
hältnis  in  den  neutrophilen  Unterklassen  besteht.  Dafür  fanden  sich 
aber  in  diesem  Falle  bei  der  Rubrizierung  der  neutrophilen  Zel¬ 
len  mit  Gonokokkeneinschlüssen  besonders  viel  zerfallene 
Zellen,  die  eben  deswegen  nicht  oder  nicht  mehr  zum  Blutbilde  ver¬ 
wertet  werden  durften.  Da  es  sich  aber  bei  diesen  Zellen  nach  den  Rest¬ 
befunden  immer  um  ausgesprochen  höherklassige  Zellen  handelte,  so 
wird  es  sich  auch  im  Fall  2  in  Wirklichkeit  mehr  um  eine  leichtere 
Rechtsverschiebung  handeln.  Es  ist  immerhin  auffallend,  dass  es  sich 
in  diesem  Beispiele  2  um  einen  älteren  Fall  dreht,  bei  dem  nur  noch 
wenige  Gonokokken  nachzuweisen  waren. 

Teleologisch  gesprochen  könnte  man  nach  diesen  Befunden  sagen, 
dass  in  den  frischen  Fällen  hauptsächlich  die  ältesten,  gereiftesten  und 
vollwertigsten  Zellen  zum  Kampfe  gegen  die  Gonokokken  aus  dem 
Blute  in  den  Entzündungsherd  hinausgesandt  bzw.  in  ihn  angelockt 
werden,  weswegen  sich  auch  das  qualitative  Eiterzellenbild  in  diesen 
frischeren  Fällen  etwas  mehr  als  das  Blutzellbild  in  den  älteren  Fällen 
nach  rechts  verschoben  zeigt. 

Die  Rechtsverschiebung  würde  natürlich  in  dem  Eiter  der  Fälle  1 
und  3  noch  bedeutender  erscheinen,  wenn  alle  bereits  im  Zerfall  be¬ 
griffenen  oder  mehr  oder  weniger  schwer  geschädigten  Zellexemplare 
noch  zum  Zellbilde  hätten  verwertet  werden  können.  Grundsätzlich  ist 
dies  aber  immer  zu  vermeiden. 

Es  wurde  im  Falle  1  weiterhin  versucht,  100  neutrophile 
Zellen  mit  Gonokokkenei  n  Schlüssen  in  einem  be¬ 
sonderen  Zellbilde  anzulegen.  Dasselbe  ergibt  (Tab.  2).  dass 


Tabelle  2.  Qualitatives  Zellbild  der  Neutrophilen  mit 
Gonokokkeneinschlüssen. 


Fall 

1.  Kl. 

2  Kl. 

3 

KI. 

4. 

Kl. 

Gesamt¬ 

zahl 

M 

w 

a  |  b 

T 

a  |  b 

2  K 

2  S 

1  K 

1  S 

3  K 

3  S 

2  K 

1  S 

2  S 

1  K 

4K 

4  S 

1 

_ 

_ 

_ 

_ 

_ 

22 

8 

20 

25 

8 

12 

4 

100 

Kern-  oder  Protaplasraavakuolen 

besassen  davon 

: 

56% 

• 

' 

82% 

2 

Go-Zelien  nicht  differenz^erbar 

da  fast  alle  zerfallen. 

es  ausschliesslich  die  Zellen  der  2.  und  3.  Klasse  sind,  also  ausgesprochen 
auf  der  Höhe  der  Entwicklung  stehende,  man  könte  sagen,  in  der  Voll¬ 
kraft  ihres  Lebens  sich  befindende  Zellen,  die  vom  Organismus  mit 
diesem  persönlichen  Kampfe  (Phagozytose)  betraut  werden. 

Es  ist  dies  ein  Ergebnis,  wie  es  in  bester  Weise  zu  den  von 
A  r  n  e  t  h  1.  c.  entwickelten  Anschauungen  über  die  Leistungsfähigkeit 
und  Wertigkeit  der  neutrophilen  Zellklassen  auf  Grund  ihrer  morpho¬ 
logischen  Kernbeschaffenheit  passt.  Es  finden  sich  weder  ganz  jugend¬ 
liche  Zellen  aus  der  Klasse  I,  noch  ganz  alte  Zellexemplare  vertreten; 
letztere  sind  jedenfalls  bereits  im  Kampfe  gegen  die  Gonokokken  zu¬ 
grunde  gegangen  =  verbraucht  worden  und  aus  dem  neutrophilen 
Eiterbild  verschwunden,  die  ersteren  aber  noch  zu  jung,  um  für  den 
direkten  Kampf  gegen  den  Erreger  in  erster  Linie  angelockt  zu  werden. 

Die  neutrophilen  qualitativen  Zellbilder  des  Blutes  und  des  Eiters 
zeigen  in  ihrem  gegenseitigen,  sich  ergänzenden  harmonischen  Ver¬ 
halten  beweisend,  dass  in  der  Tat  alle  neutrophilen  Zellen 
des  konjunktivalen  Gonorrhöeeiters  ausgewanderte  Blut¬ 
leukozyten  sein  müssen,  da  ihre  innnere  Organisation,  wie  sich 
eben  im  qualitativen  Zellbilde  verrät,  absolut  die  gleiche  ist  wie  im 
Blute. 

Rundkernige,  also  jugendliche  Neutrophile  (Myelozyten 
im  eigentliche  Sinne)  wurden  im  Eiter  von  uns  nicht  gefunden,  wohl 


einige  W-Zelien;  dann  waren  sie  aber  auch  im  Blute  vorhanden  und 
zwar  wiederum  in  dem  älteren  Falle  II. 

Die  geschilderten  Verhältnisse  liefern  den  Beweis,  dass  in  der  Tat 
alle  Zellen  des  normalen  Blutes  von  der  ersten  bis  zur  letzten  Klasse 
vom  Körper  als  zum  Kampfe  gegen  die  Gonokokken  und  ihre  Gifte 
geeignet  befunden  werden.  Degenerierte  Zellen  können  sich  da  un¬ 
möglich  darunter  befinden,  wie  mit  Bezug  zu  V.  Schilling,  der  auch 
in  der  ersten  Klasse  „degenerative  Stabkernige“  unterscheidet,  zu  be¬ 
tonen  ist.  Immer  sind  es  die  2.  und  3.  Klassen,  die  am  reichlichsten 
vertreten  sind.  Um  diese  beiden  Klassen  gravitiert  also  das  Eiterzell¬ 
bild  wie  auch  das  neutrophile  Blutbild  unserer  Fälle. 

Es  wäre  jedenfalls  auch  wichtiger,  bei  einem  n  i  ch  t  normalen 
neutrophilen  Blutbilde,  etwa  einem  stark  nach  links  oder  auch  rechts 
verschobenen,  zu  untersuchen,  wie  sich  das  qualitative  Eiterzellenbild 
bei  Hinzutreten  der  Konjunktivitis  oder  Urethritis  gonorrhoica  verhält: 
ob  also  bei  entsprechender  Zusammendrängung  der  neutrophilen  Eiter¬ 
zellen  in  andere  Klassen  auch  das  Eiterzellenbild  entsprechend  mehr 
nach  rechts  oder  links  verschoben  ist.  Bei  der  myeloischen  und  lym¬ 
phatischen  Leukämie  käme  dieses  natürlich  ganz  besonders  zum 
Austrag. 

Ueber  die  in  der  vorstehenden  Tabelle  2  noch  enthaltenen 
Vakuolenbefunde  siehe  im  Zusammenhänge  am  Schlüsse. 

Eosinophile  Zellen  mit  Gonokokkeneinschlüssen 
wurden  niemals  in  allen  Präparaten,  und  dies  gilt  auch  für  den  Tripper¬ 
eiter,  gesehen. 

Der  Vergleich  der  qualitativen  eosinophilen  Zellbilder  im 
Konjunktivaleiter  und  im  Blute  ergibt  eine  Rec'htsverschiebung  der 
qualitativen  Blutbilder.  Die  erste  Klasse,  die  sonst  reichlicher  be¬ 
völkert  ist,  ist  so  gut  wie  verödet. 


Tabelle  3.  Qualitatives  eosinophiles  ZellbiLd  in  Blut 

und  Eiter. 


Fall 

1.  Kl. 

2.  Kl. 

3. 

Kl. 

Gesamtzahl 

M 

a 

V 

b 

a 

r 

b 

2  K 

2  S 

1  K 

1  S 

3  K 

3  S 

2K 

1  S 

2  S 

1  K 

1 

— 

— 

— 

— 

1 

8 

3 

6 

— 

_ 

2 

— 

20  1 

2 

— 

— 

- 

— 

— 

8 

5 

- 

3 

— 

4 

- 

20  |  Blut 

3 

— 

— 

— 

— 

— 

7 

1 

5 

6 

- 

1, 

— 

20  J 

1 

2 

_ 

_ 

_ 

_ 

12 

4 

3 

1 

20  1  Eiter 

3 

— 

— 

- 

— 

11 

4 

2 

3 

- 

- 

— 

20  ) 

Es  passt  dies  wieder  ausgezeichnet  zu  den  Ar  neth  sehen  Be¬ 
funden  von  dem  Nichtbeteiligtsein  der  Eosinophilen  bei  zahlreichen  In¬ 
fektionskrankheiten.  z.  B.  der  Pneumonie.  Trotz  gleichzeitiger  grösster 
Eesstätigkeit  der  Neutrophilen  (s.  o.)  finden  wir  ja  auch  keinen  ein¬ 
zigen  intrazellulären  Gonokokkeneinschluss  bei  den  Eosinophilen:  sie 
werden  also  in  der  Peripherie  nicht  benötigt  und  so  kommt  es  mangeln¬ 
den  Bedarfes  wegen  zu  einer  Rechtsverschiebiing  ihres  Zellbildes. 

Im  Falle  1  fanden  sich  trotz  5  Proz.  Eosinophiler  im  Blute  über¬ 
haupt  nur  Reste  von  zerfallenen  Eosinophilen  im  Eiter. 

Auch  Vakuolen  fanden  sich  inden  eosinophilen  Zellen 
nicht.  (Nähere  Angaben  siehe  bei  den  Gonokokkeneinschlusszellen  mit 
Vakuolen.) 

Bemerkenswert  ist  immerhin,  dass  das  qualitative  eosinophile 
Eiter  zellenbild,  obwohl  selbst  mitsamt  den  eosinophilen  qualitativen 
Blutzellenbildern  nach  rechts  verschoben,  doch  wieder  für  sich  eine 
relativ  grössere  Linksverschiebung  aufweist,  und  zwar  konstant  in 
den  beiden  letzten  Fällen,  in  denen  überhaupt  allein  Eosinophile  anzu¬ 
treffen  waren. 


3* 


40 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


Sehr  bemerkenswert  gestaltete  sich  auch  das  Verhalten  des  quali¬ 
tativen  Lymphozyten-  und  M o n o z y t e n z e 1 1  b  i  1  d e s 

( * Vor  allem  ist  hier  wieder  deutlich  die  von  A  r  n  e  t  h  behauptete  und 
in  seinen  Blutstudien  bewiesene  Zusammengehörigkeit  der  grossen 
Lymphozyten  und  der  Monozyten  (Mononukleare  +  Uebergangszellen) 
zu  erkennen,  weil  sie  in  den  Eiter-  und  Blutzellbildern  in  einem  direk¬ 
ten  biologisch-organischen  Zusammengehorigkeits Verhältnis  stehen. 

'  ln  allen  3  Fällen  handelt  es  sich  nämlich,  wenn  wir  zunächst  die 
Verhältnisse  bei  den  grossen  Lymphozyten  und  Monozyten  im  Zu¬ 
sammenhänge  überblicken,  im  Eiter  um  Linksverschiebungen  gegenüber 
ihrem  qualitativen  Verhalten  im  Blute.  Das  besagt,  dass  in  dem  Eiter 
reichliche  grössere  Elemente,  also  grosse  Lymphozyten  =  die  jugenü 
liehen  Vorstufen  der  Monozyten,  vorhanden  sind. 

Das  kindliche  Blut  —  es  handelt  sich  in  den  3  Fallen  um  solches  — 
ist  schon  physiologisch  durch  eine  gewisse  Grosslymphozytose  aus- 
gezeichnet  und  daher  von  vornherein  in  dieser  Hinsicht  ein  gutes  Untei- 

SUChEntsprechend  dem  zahlreichen  Auftreten  der  jugendlicheren  Vor¬ 
stufen  im  Eiter  treten  natürlich  die  M  o  n  o  nuk  1  e  a  r  e  n  u  n  d  Ueber¬ 
gangszellen  selbst  an  Zahl  zurück  (übereinstimmend  m  allen 
q  Fällen') 

Es  handelt  sich  also  hier  im  Eiterzellenbild  um  eine  Linksverschie¬ 
bung  des  qualitativen  Zellbildes  der  grossen  Lymphozyten  und  gleich¬ 
laufend  des  der  Monozyten  gegenüber  dem  gleichzeitigen  Verhalten 

dieser  Zellen  im  Blute  selbst.  f 

Die  Tendenz  zur  grosslymphozytaren  Ansammlung  im  Eiter  maci.t 
sich  aber  auch  in  allen  3  Fällen  eklatant  bei  den  k  lei  n  e  n  und 
mittelgrossenLymphozyten  geltend,  und  es  ist  überraschend, 
wenn  man  hier  konstant  sieht,  wie  sich  die  einzelnen  Befunde  aus¬ 
einander  ergeben  und  daher  in  sich  begründet  sein  müssen.  _ 

In  allen  3  qualitativen  Lymphozyteneiterzellbildern  findet  sich  nam- 


Eiterbildungen  auf  Grund  ihrer  qualitativen  Analyse  im  innigsten  kau¬ 
salen  Zusammenhang  mit  dem  Verhalten  der  Blutleukozyten  stehe 
müssen,  dass  eine  lokale  Entstehung  in  dieser  Form^und  Mannigfaltig¬ 
keit  ganz  ausgeschlossen  erscheint,  und  dass  ganz  bestimmte  funktio¬ 
nelle  Gesetze  für  diese  Zellansammlung  bestehen. 

Es  wäre  gekünstelt,  eine  andere  Grundlage  für  diese  Ansammlung, 
Auswanderung  oder  Anlockung  als  die  des  Bedarfes  an  den  Einbruch- 

steilen  der  Infektion  anzunehmen. 

Wir  sehen,  dass  alle  Zellarten  des  Blutes  angelockt  werden,  Nur 
allein  die  Mastzellen  fehlten.  Auch  Reizzellen  waren  in  2  Fallen  nach- 

ZlUS  Wir'sehen  aber  auch,  dass  bei  den  granulierten  Zellen  (den  Neutro¬ 
philen  und  Eosinophilen)  andere  Gesichtspunkte  dabei  massgebend  sine 
als  bei  dem  lymphoiden  Zellkomplex,  und  zwar  fast  gegensätzlicher  Art 
insofern,  als  die  erster en  eine  Rechtsentwicklung  des  Zellbides  dar¬ 
bieten  die  letzteren  aber  umgekehrt  eine  Linksverschiebung. 

Es  muss  dies  natürlich  streng  biologisch  begründet  sein,  und  haben 
wir  schon  oben  bezüglich  der  Neutrophilen  und  Eosinophilen  unsere  An¬ 
sicht  ausgesprochen.  . 

Bezüglich  der  Lymphozyten  ist  wohl  anzunehmen,  dass  bei  den 
kleinen  Lymphozyten,  die  eine  Veränderung  in  ihrer  qualitativen  Zu¬ 
sammensetzung  eingehen,  auch  kein  grösserer  Bedarf  vorhegt,  dass  da¬ 
gegen  bei  den  mittleren-  Lymphozyten,  grossen  Lymphozyten  und 
Monozyten  mit  einer  gesteigerten  Tätigkeit  zu  rechnen  ist. 

Die  direkte  persönliche  Aggressivität  gegenüber  den  Gonokokken 
bleibt  aber  ausschliesslich  den  Granuloyzten,  speziell  den  Neutrophilen 
Vorbehalten,  da  wir  niemals  in  eosinophilen,  lymphozytären  und  den 
Zellelementen  Gonokokken  auffinden  konnten. 

2.  Urethritis  gonorrhoica. 

Die  Untersuchungen,  die  zwei  frische  Gonorrhöefälle  bei  Erwach¬ 
senen  betrafen,  harmonieren  in-  ausgezeichneter  Weise  mit  dem  vor- 


Fall 


Qualitatives  Lympliozyten-Zellblld 

Klein 

Mittel 

Gross 

Oes.-  1  R  1  W  1  T  1  P 

Zahl  1  a  |  b  |  a  |  b  |  | 

Ges.-  1  R  1  W  1  T  1  P 

Zahl  1  a  1  b  1  a  1  b  1  | 

Oes.-  1  R  1  W  I  t  |  p 

Zahl  ja  1  b  1  a  |  b  1  1 

Monozytenbild 


Oes.-  1  Mo  j  w 
Zahl  |  *-  I  w 


2K  2S 


t 

55 

36 

11 

l 

6 

2 

— 

— 

22 

4 

13 

2 

48 

35 

9 

4 

- 

- 

- 

23 

8 

12 

3 

51 

24 

13 

6 

8 

- 

— 

26 

5 

9 

1 

42 

26 

9 

_ 

3 

4 

7 

_ 

34 

11 

» 

2 

41 

37 

3 

1 

- 

— 

— 

33 

13 

18 

3 

46 

29 

13 

4 

— 

— 

- 

39 

9 

17 

—  1 


Fall 

Quantitatives  Blutbild 

Zahl 

N  1 

Eo  | 

Ma 

L 

Mo  1 

R 

4.  Mann, 
Tripperselt 

5  Tagen 

8  400 

] 

66 

2 

1 

25 

6 

- 

5.  Mann, 
Tripper  seit 

6  Tagen 

10800 

6t 

6 

0,2 

28 

2 

4 

77 

— 

15 

2 

6 

5 

74 

2 

_ 

1 

23 

1 

- 

ualitative  Blut- 

u  n 

d  Eiterzellenbilder. 

Neutrophiles  Zellbild 

m|W|t 

M  |  a  1  b  1  a  1  b 

2  K 

2  S 

1  K 

1  S 

1K 

3  S 

2K 

1  S 

2  S 

1  K 

4  K 

4  S 

3  K 

1  S 

3  S 

1  K 

2  K 

2  S 

2  K 

3  S 

3  K 

2  S 

4  K. 

1  S 

5  K 

B  1 

u  t 

- 

_  |  —  |  1  |  —  .|  2 

12 

5 

6 

9 

IS 

26 

3 

4 

6 

7 

— 

1 

- 

3°/o 

17% 

59% 

20% 

1% 

_  |  |  ,  |  _ 

3 

5 

5 

7 

2 

18 

21 

11 

1 

10 

4 

11 

1 

— 

- 

— 

l°o 

13% 

48% 

37  »/0 

1% 

E  i 

t  e 

r 

 |  |  |   i 

2 

1  3 

3 

16 

4 

18 

12 

8 

2 

12 

4 

o 

1 

4 

2 

2 

1% 

8% 

50% 

32»/„ 

^  70 

1  -  1  -  _  1  - 

4 

1  2 

I  12 

22 

1  2 

21 

18 

3 

1  2 

2 

1  4 

1  - 

— 

1  3 

1  4 

1  1 

18»/ 

63% 

11«/ 

°  70 

•)  Mo  =  Mononukleäre. 

lieh  eine  Verminderung  der  kleinen  Lymphozyten  und  ,ein(e  c  4]1  n 2  quanüfattv^B  Lu  t  Md^wteder  diefbereits  oben  besprochene  relative 

dCr  CSSTSr  SÄsÄnÄ  “ ie(Sdmcahbgeld  Ä  Ä  Eiterzellen  und  die  entsprechende  Abminderung 
eine  n^cht1  unbedeutende  VermehrungP  (etwa  10  Proz.)  erfahren  haben,  des  lymphoiden  Zellkomplexes  (s.  u.). 


ist  ebenfalls  wieder  eine  weitere  Verschiebung  nach  links  —  also  eine 
Verjüngung  des  Zellbildes  deutlich  (mehr  Ra-  und  Rb-Zellen). 

Bei  den  kleinen  Lymphozyten  ist  dagegen  keine  Blutbildverschie- 

bung  deutlicher  zu  erkennen.  .  _.  ,  , 

Das  geschilderte  Verhalten  der  verschiedenen  Zellen  im  Blute  und 
im  Eiter  beweist,  dass  es  sich  bei  den  hier  vorliegenden  Zellansamm¬ 
lungen  des  gonorrhoischen  und  auch  soweit  dies  auf  Grund  eines 
Falles  (3)  möglich  ist,  nicht  gonorrhoischen,  entzündlichen  Bindehaut¬ 
sekretes  (Eiter)  um  einen  sehr  komplizierten  und  doch  äusserst  zweck¬ 
mässigen  biologischen  Vorgang  handelt,  dass  derartige  entzündliche 


-)  Die  Blutbilder  wurden  bei  den  5  Fällen  durcheinander  angelegt  und 
an  die  Zusammenstellung  erst  gegangen,  nachdem  alle  Zahlungen  und 
Rubrizierungen  völlig  zu  Ende  geführt  waren.  Es  handelt  sich  also  um  streng 
objektive  Aufstellungen,  ln  -der  ausgezeichneten  Uebereinstimmung  der  Vor¬ 
gänge  bei  den  entzündlichen  Eiterbildungen  ist  wieder  ein  Beweis  für  -die 
Leistungsfähigkeit  und  Richtigkeit  der  Methodik,  andererseits  aber  auch  der 
damit  erhaltenen  Resultate  gegeben.  Wie  sich  die  Verhältnisse  bei  der 
aseptischen  Eiterbildung  gestalten,  wie  die  Zellansammlungen  in  serösen 
Häuten  beschaffen  sind,  wird  noch  weiter  zu  untersuchen  sein.  MU  Bezug 
auf  unsere  Fälle  käme  vor  allen  Dingen  auch  in  Betracht,  ob  sich  bei  chro¬ 
nischer  Gonorrhöe  die  Verhältnisse  nicht  beträchtlich  verändern. 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


41 


Das  neutrophile  qualitative  Eiterzellenbild  ist 
wieder  bedeutend  nach  rechts  verschoben,  was  sich  auch  entsprechend 
in  dem  qualitativen  Zellbilde  der  Gonorrhöe-Fresszellen 
geltend  macht.  Auch  hier  (Tab.  6)  ist  wieder  ersichtlich,  dass  die  Zellen 
mit  intrazellulären  Gonokokken  der  2.,  3.  und  4.  Klasse  angehören,  also 
den  Klassen,  die  offenbar  Zellen  mit  grösster  phagozytärer  Tätigkeit 
enthalten. 


Tabelle  6.  Qualitatives  Eiterzellbild  der  Neutro¬ 
philen,  mit  Gonokokkeneinschlüssen. 


Fall 

1.  Kl. 

2.  Kl 

3 

Kl. 

4. 

Kl. 

Gesamt¬ 

zahl 

M 

W 

a  |  b 

T 

a  |  b 

2  K 

2  S 

1  K 

1  S 

3K 

3  S 

2  K 

1  S 

2  S 

1  K 

4K 

2K 
2  S 

4 

_ 

_ 

_ 

_ 

_ 

17 

2 

22 

29 

18 

8 

4 

100 

Kern-  od 

.  Pr< 

toplasmavakuoien  besessen : 

51  % 

68 

°/o 

97% 

5 

— 

— 

— 

— 

— 

16 

4 

14 

34 

4 

16 

10 

- 

2 

100 

48% 

61 

°o 

100% 

Wir  sahen,  wie  oben,  wiederum  keine  Neutrophilen  mit  Gono¬ 
kokkeneinschlüssen  in  der  5.  Klasse  und  auch  der  1.  Klasse,  obwohl 
doch  genügend  fünfklassige  Zellelemente  im  Eiterzellbild  verzeichnet 
sind.  Es  ist  dies  also  auch  hier  ein  sehr  bemerkenswertes  Verhalten. 

Ferner  ist  bemerkenswert,  dass  sich  im  vorstehenden  neutro¬ 
philen  Gonokokkeneiterbilde  (Tab.  6)  besonders  viele  zwei- 
und  dreikernige  Zellen  (=  2  K-  und  3  K-Zellen)  vorfinden,  während 
wir  im  Eiter-  und  noch  mehr  im  Blutzellbilde  deren  viel  weniger  an¬ 
treffen.  Ob  dies  mit  der  Anwesenheit  der  Kokken  in  den  Zellen  und 
dadurch  bedingter  überstürzter  Kernfragmentierung  zusammenhängt  oder 
ob  diese  Art  von  Zellen  mit  mehr  oder  weniger  zur  Ruhe  gekommener, 
also  fertiger  Kernentwickelung  besonders  zur  Phagozytose  befähigt  ist, 
steht  dahin.  (Im  Sputum  bei  Pneumonie  usw.  findet  sich  Aehnliches.)  1 

Der  5.  Fall  bietet  eine  geringe  Abweichung.  Es  finden  sich  zwar 
in  der  I.  Klasse  des  qualitativen  Eiterzellbildes  überhaupt  keine 
Exemplare  und  wir  würden,  wenn  wir  hier  nicht  die  anderen  Klassen 
im  einzelnen  angelegt  hätten,  übersehen  haben,  dass  hier  lange  keine 
so  grosse  Rechtseinstellung  der  neutrophilen  Eiterzellen  besteht,  wie 
z.  B.  im  Falle  4,  dass  vielmehr  im  Vergleiche  zu  dessen  neutrophilem 
Blutbilde  innerhalb  der  II. — IV.  Klasse  sogar  eine  beträchtliche  Links¬ 
verschiebung  herrscht.  Dabei  finden  sich  aber  immer  noch  8  Proz. 
in  der  5.  Klasse. 

Die  Verhältnisse  bei  den  Eosinophilen  sind  dieselben  wie  bei 
der  Conjunctivitis  gonorrhoica. 

Intakte  Eosinophile  fehlten  in  dem  Eiterzellbilde  des  Falles  4 
ganz.  Im  Falle  5  ist  ihr  qualitatives  Blut-  und  Eiterbild  nach  rechts  ver¬ 
schoben. 

Aus  allen  eosinophilen  Blutbildern  ist  die  überwiegende  Menge 
der  Zellen  der  II.  Klasse  immer  ersichtlich,  wie  dies  A  r  n  e  t  h  auch 
bereits  betont  hat  (Tab.  7). 


Tabelle  7.  Qualitatives  eosinophiles  Zellbild  in  Blut 

und  Eiter. 


Fall 

1 

II 

III 

Oesamtzahl 

v\ 

V 

a 

V 

b 

1 

a 

r 

b 

2  K 

2  S 

1  K 

I  S 

3  K 

3  S 

2K 

1  S 

2  S 

1  K 

4 

5 

— 

- 

- 

— 

13 

14 

— 

5 

4 

2 

? 

- 

— 

- 

20 

20 

,  Blut 

4 

5 

- 

— 

- 

— 

- 

13 

— 

2 

3 

1 

1 

— 

Lj 

Eiter 

Das  Verhalten  der  lymphoiden  Zellen  (Lymphozyten  + 
Monozyten)  ist  genau  dasselbe  wie  bei  der  Conjunctivitis  gonorrhoica 
und  sind  daher  die  obigen  Ausführungen  auch  hier  zutreffend.  Der  Ein¬ 
schlag  ins  Grosslymphozytäre  ist  im  Falle  4  am  bedeutendsten  (Tab.  8). 


Tabelle  9.  Qualitatives  Eiterreizformenbild  bei  Ure¬ 
thritis  gonorrhoica. 


Fall 

Klein 

Mittel 

Gross 

Ges- 

Zahl 

R 

a  |  b 

w 

a  |  b 

T 

P 

R 

a  |  b 

W 

a  |  b 

T 

P 

R  1  w 
a  |  b  |  a  |  b 

T 

P 

4 

| 

1  4 

2  |  1 

3 

— 

—  |  11  |  3  |  — 

25 

Fall  handelt,  bei  dem  auch  im  Blute  und  in  ausserordentlicher  Weise 
im  Eiter,  wie  bereits  erwähnt,  eine  Vermehrung  der  Grosslymphozyten 
bei  entsprechendem  Monozytenblutbild  gefunden  wurde  (bei  fast  nor¬ 
malem  quantitativen  Gesamtblutbild!).  Da  sich  im  Blute  eine 
ausgesprochene  Rechtsverschiebung  bei  den  Neutrophilen  vorfindet 
(Tab.  5)  und  in  noch  höherem  Grade  im  neutrophilen  Eiterbilde,  so 
erscheinen  genetische  Beziehungen  zwischen  den  Reizungsformen  und 
den  Neutrophilen  natürlich  ganz  ausgeschlossen.  Es  stimmt  dies  also 
mit  den  Befunden  Arneths  bei  der  Influenza  (im  Blute)  überein 
(1.  c.  S.  297).  Es  liegt  vielmehr  auf  der  Hand,  dass  nach  den  engsten 
Beziehungen,  die  auch  hier  zwischen  den  qualitativen  Blut-Lymphoid- 
zellen  einerseits  und  den  Eiterreizungsformen  andererseits  aus  ihren 
qualitativen  Blutbildern  zu  erkennen  sind,  es  sich  nur  um  eine,  Abstam¬ 
mung  der  Türk  sehen  Zellen,  wie  sie  A  r  n  e  t  h  (1.  c.  S.  299)  zur  Ver¬ 
meidung  von  Missverständnissen  genannt  haben  möchte,  vom  lym¬ 
phoiden  System  handeln  kann. 

Da  im  Blute  des  Falles  keine  und  im  Eiter  reichlich  Türk  sehe 
Zellen  vorliegen,  so  ist  ferner  ersichtlich,  dass  die  Entwicklung  der¬ 
selben  aus  den  lymphatischen  Zellen  auch  ganz  in  der  Peripherie,  in 
dem  Eiter  selbst,  möglich  sein  muss. 

Aehnlich  wie  E  s  t  o  r  f 3)  bei  der  Zerebrospinalmeningitis  im  Lumbal¬ 
punktat,  haben  auch  wir  in  unseren  Gonorrhöefällen  4  und  5  Aus¬ 
zählungen  der  Zellen  mit  Vakuolen  vorgenommen  (Tab.  2  u.  6). 

Aus  Tabelle  2  geht  zunächst  hervor,  dass  ein  grosser  Prozentsatz 
der  neutrophilen  Eiterzeilen  in  der  II.  und  III.  Klasse  (weit  über  die 
Hälfte)  Vakuolen  enthielten.  Dann  zeigte  sich,  dass  die  Vakuolen¬ 
zellen  zum  überwiegenden  Prozentsätze  solche  mit  Gonokokkenein¬ 
schlüssen  waren  (Tab.  6). 

Unsere  Resultate  decken  sich  auch  qualitativ  völlig  mit  denen  von 
Meyer-Estorf,  der  ebenfalls  nur  in  Zellen  der  II. — IV.  Klasse 
(nicht  der  I.  Klasse)  des  Lumbalsekretes  Vakuolen  fand.  Es  sind  also 
immer  die  leistungsfähigsten  Zellen,  nicht  etwa  jugendliche  der  I.  Klasse, 
die  zu  Vakuolenbildung  befähigt  sind,  worin  wir  wohl  wiederum  eine 
erhöhte  Tätigkeit  (phagozytäre  bzw.  sekretorische)  im  Kampfe  gegen 
die  Gonokokken  erblicken  müssen. 

M  e  y  er-Estorf  hat  diese  Befunde  als  wichtigstes  Argument 
gegen  die  Existenz  der  degenerativ  Stabkemigen  von  V.  Schilling, 
die  sich  unter  den  T-Zellen  der  I.  Klasse  befinden  sollen,  ins  Feld  ge¬ 
führt.  Wir  möchten  die  Zellen  mit  Vakuolen  jedoch  nicht  wie  Meyer- 
Estorf  als  degenerative  auffassen.  Da  sie  meist  über  die  Hälfte 
Gonokokkeneinschlüsse  enthalten,  muss  im  Gegenteil  hierin  ein  Beweis 
für  ihre  ausserordentliche  Aktivität  erblickt  werden. 


Zum  Schlüsse  seien  noch  einige  bei  der  Durchmusterung  der  Prä¬ 
parate  gemachte  Beobachtungen,  die  mit  den  rein  qualitativen  Verhält¬ 
nissen  nur  in  losem  Zusammenhang  stehen,  erwähnt  und  auch  auf  einige 
Gesichtspunkte  eingegangen,  die  in  der  Literatur  bereits  angeführt  sind. 
Auch  unsere  Schlussfolgerungen  sollen  noch  etwas  präziser  gegenüber 
einigen  Literaturangaben  hervorgehoben  werden. 

1.  Den  Parallelismus  zwischen  den  Neutrophilen  im  Eiter  und  im 
Blute  halten  wir  durch  unsere  Untersuchungen  für  erbracht. 

2.  Wir  fanden  nie  Gonokokkeneinschlüsse  bei  den  Eosinophilen 
und  bei  denselben  auch  keine  Vakuolenbildung.  Wir  glauben  demnach, 
dass,  wo  sich  anscheinend  intrazelluläre  vereinzelte  Gonokokken 
vorfinden,  besonders  bei  sonst  grossem  Gonokokkenreichtum  der  Prä¬ 
parate,  es  sich  dabei  um  mechanische,  vereinzelte  Gonokokken- 
a  u  f  lagerungen  handeln  dürfte,  die  also  nur  intrazelluläre  Gonokokken 
bei  den  Eosinophilen  Vortäuschen. 

3.  Auch  den  Parallelismus  zwischen  den  Eosinophilen  im  Eiter  und 


Tabelle  8. 


Qualitatives  Lymphozyten-Zellblld 

Monozytenbild 

Klein 

Mittel 

Gross 

Oes-  R  W  T  p 

Zahl  a  |  b  a  |  b  1 

Ges-  R  W  T  p 

Zahl  a  |  b  a  |  b  1  r 

Oes-  R  1  W  T  p 

Zahl  a  |  b  |  a  |  b  1  1 

Zahl'  Mo  W|  afb  2K  2S  ’K 

Blut 


4 

41 

23 

14 

4 

- 

-  — 

31 

8 

21 

1 

1 

—  - 

11 

1 

3 

6 

1 

—  - 

17 

2 

3 

1 

6 

— 

4 

i 

5 

62 

49 

8 

4 

' 

22 

7 

10 

2 

3 

—  ~ 

2 

- 

1 

— 

1 

14 

1 

2 

1 

2 

- 

4 

4 

Elter 


27 

1 

1 

— 

- 

- 

38 

15 

18 

4  ~ 

1 

— 

23 

— 

11 

9 

2  1  —  1 

8 

1 

3 

2 

1 

- 

1 

36 

11 

2 

- 

- 

— 

32 

9 

16 

2  '  5 

- 

— 

11 

1 

6 

- 

4  -  - 

6 

- 

1 

2 

— 

- 

2 

Im  Falle  4  fanden  sich  auch  reichlich  Reizungsformen  (6  Proz.) 
im  Eiter,  so  dass  die  Anlegung  eines  Zellbildes  derselben  —  also  aus 
dem  Eiter  —  möglich  war  (Tab.  9). 

Es  liegt  hier  ein  ausgesprochen  grosszelligeres  Reizungsformenblut¬ 
bild  vor.  Es  ist  besonders  bemerkenswert,  dass  es  sich  gerade  um  den 


im  Blute  halten  wir  durch  unsere  Untersuchungen  für  erwiesen.  Immer 
befanden  sich  Eosinophile  im  Blute  und  immer  auch  —  event.  nur  als 
Trümmer  —  im  Eiter. 


*)  D.m.W.  1919  S.  1213.  Siehe  auch  B.kl.W.  1920  S.  593. 


42 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


Wo  Eosinophile  deutlich  im  Eiter  vorhanden  waren,  fanden  sie 
sich  auch  im  Blute.  Ihre  Blut-  und  Eiterbilder  waren  konstant  nach 
rechts  verschoben,  im  Eiter  immer  relativ  mehr.  ,  . 

Einkernige  (=  rundkernige)  Eosinophile  fanden  wir  niemals  wie 
andere,  weder  im  Blute  noch  im  Trippereiter.  •  . 

4  Da  wir  Mastzellen  im  Eiter  in  unseren  Präparaten  me  gefunden 
haben,  können  wir  natürlich  nicht  in  eine  Erörterung  über  den  Para  lelis- 
mus  dieser  Zellen  im  Blute  und  Eiter  eintreten.  Wenn  es  aber  einmal 
der  Fall  sein  sollte,  dass  Mastzellen  sich  im  Eiter  zeigen,  dann  durfte 
auch  diese  Frage  mit  unserer  Methode  sich  leicht  entscheiden  lassen. 
Der  Analogieschluss  aus  dem  Parallelismus  der  anderen  Zellen  macht 
natürlich  von  vornherein  auch  hier  den  Parallehsmus  wahrscheinlich. 
Ein  etwa  sogar  vermehrtes  Auftreten  von  Mastzellen  im  Eiter  wurde 
aus  denselben  Gründen  wie  unten  bei  den  Lymphoidzellen  nicht  für 

*r  in,  Eiter  u„4  Blute  vorhandener, 
lymphoiden  Zellen  erscheint  uns  durch  unsere  Untersuchungen  erbracht, 
und  damit  dürfte  allen  anderen  Spekulationen,  die  m  cei  LiteraUr  mehr¬ 
fach  dargelegt  sind,  der  Boden  entzogen  sein.  Es  ist  besonders  he 
merkenswert,  dass  es  möglich  war  in  das  grosse  Durc^e,,Jan1fierv^ 
hierhergehörigen  Zellen  mit  Hilfe  der  Arneth  sehen  Methode  .volle 
Klarheit  zu  bringen.  Etwaige  Differenzen  zwischen  den  Befunden  im 
akuten  und  chronischen  Eiter  wären  noch  zu  klären. 

Gonokokkeneinschlüsse  in  den  grossen  Mononuklearen  und  grossen 
und  anderen  Lymphozyten  wie  überhaupt  in  einkernigen  ^,;cn,  v.  ie 
dies  von  Pappen  heim  erwähnt  wurde,  fanden  wir  me.  Wir  müssen 
daher  wiederum  annehmen,  dass  es  sich  bei  derartigen  vereinzelten  e- 
obachtungen  um  zufällige  Auflagerungen  statt  Einlagerungen  hande.t. 

Speziell  sei  dann  noch  zu  einer  anderen  Anschauung 
P  a  p  p  e  n  h  c  i  m  s,  der  darin,  dass  im  Blute  etwa  2— 4  Proz ,  im  Eiter 
aber  io — 15  Proz.  Monozyten  vorhanden  seien,  den  Gegenbeweis  für 
die  Abstammung  aus  dem  Blute  und  einen  Beweis  für  deren  Histio- 
genese  erblickt,  bemerkt,  dass  wir  darin  keinen  Gegenbeweis  erblicken 
können  da  doch  mit  dem  funktionellen  Momente  der  Anlockung  bzw. 
eines  selbsttätigen  Austretens  aus  dem  Blute  gerechnet  werden  muss. 

Wenn  weiterhin  im  chronischen  Eiter  wirklich  mehr  nm- 
nukleäre  Elemente,  wie  angegeben,  auftreten  sollten,  wurde  zu 
untersuchen  sein,  ob  dies  vielleicht  ganz  andere  Zellen  sind  und  des¬ 
wegen  als  histiogen  betrachtet  werden  müssen.  Bei  unseren  Unter¬ 
suchungen  akuterer  Fälle. ist  uns  keine  einzige  Zelle  begegnet,  die  sich 
abweichend  von  den  im  Blute  anzutreffenden  Zehen  verhalten  hatte. 

Die  vorstehenden  Unterscheidungen  wären  sicherlich  nicht  in  dem 
Umfange  möglich  gewesen,  wenn  wir  nicht  die  ganz  ausführliche  und 
daher  zu  wissenschaftlichen  Untersuchungen  unbedingt  notwendige 
Methodik  Arneths  zur  Anwendung  gezogen  hätten.  Arneth  hat 
dies  erst  kürzlich  wieder  Schilling  gegenüber  betont  (D.m.W. 

Wer  von  vornherein  auf  das  Detail  verzichtet,  wird  nicht  erwaiten 
dürfen  in  die  Tiefen  der  Vorgänge  im  Blute  und  bei  den  peripheren 
entzündlichen  und  exsudativen  Prozessen  einen  Einblick  zu  tun. 

Eine  ausserordentliche  Harmonie  und  Zweckmässigkeit  eröffnet  sich 

da  nach  jeder  Richtung.  ,  .x  . 

Alle  biologischen  Probleme,  die  mit  der  Tätigkeit  der  Blutzeilen  _ 
auf  jeglichen  Reiz  hin,  bezüglich  ihres  Verbrauches  und  Ersatzes,  bei 
Nichtbedarf  aller  oder  einzelner  Arten,  bei  Erschöpfung  und  Lähmung  — 
im  Blute  selbst,  in  den  Geweben,  in  den  Sekreten  und  Exkreten  in  Zu¬ 
sammenhang  stehen,  dürften  so  bei  der  Untersuchung  nach  Ar  net  ti¬ 
schen  Grundsätzen  einer  wesentlichen  Forderung  entgegengebracht 
werden  können..  Dies  zeigt  auch  wieder  die  vorliegende  Studie. 


Aus  der  III.  medizinischen  (Nerven)-Abteilung  des  Allgemeinen 
Krankenhauses  St.  Georg  in  Hamburg. 

(Oberarzt:  Prof.  Dr.  Sa  enger  +■) 

Ueber  die  Behandlung  von  Tumoren  mit  Salvarsan  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  Hirngeschwülste. 

Von  Dr.  Paul  Matzdorff,  Assistenzarzt. 

Im  Beginn  der  Salvarsanära  wurde  die  Therapia  sterilisans  magna 
von  einigen  Autoren  auch  bei  den  malignen  Geschwülsten  versucht 
(Czerny  und  Caan  [2],  Zieler  [8l).  Der  Einfluss  des  Salvaisans 
auf  Hirntumoren  ist  wohl  infolge  von  Fehldiagnosen  öfter  beobachtet 
worden,  doch  finden  sich  in  der  Literatur  nur  die  Fälle  von  N  o  e  t  h  e  15 1 
und  Jooss  [3l  (die  Beobachtung  192  in  Non  n  es  Lehrbuch,  4.  Aufl. 
1921  ist  wohl  mit  letzterem  identisch)  aus  dem  Jahre  1912.  Die  seit 
dieser  Zeit  aufblühende  Röntgenbestrahlung  der  Geschwülste  scheint 
das  Interesse  an  dieser  Frage  völlig  zurückgedrängt  zu  haben. 

Ein  Fall,  den  ich  vor  Kurzem  beobachten  konnte,  veranlasste  mich, 
der  Frage,  ob  Hirntumoren  durch  Salvarsan  beeinflusst  werden  kön¬ 
nen,  wieder  näherzutreten.  Zunächst  die  Krankengeschichte. 

Q.  Sch.,  47  Jahre  alt,  Kellner. 

Erste  Krankenhausaufnahme  am  19.  II.  1921.  Pat.  ist  mütterlicherseits 
mit  Tuberkulose  belastet  und  selbst  vor  11  Jahren  in  einer  Lungenheilstätte 
gewesen.  Die  Frau  ist  gesund,  die  Ehe  kinderlos.  Bisher  ist  Pat.  angeblich 
nie  krank,  insbesondere  nie  geschlechtskrank  gewesen.  Vor  ca.  4  Wochen 
ist  er  plötzlich  bewusstlos  umgefallen.  Er  fühlte  sich  danach  einen  I  ag 
lang  schlecht,  hatte  aber  sonst  keinerlei  zerebrale  Beschwerden.  Bis  vor 
8  Tagen  völliges  Wohlbefinden.  Seit  dieser  Zeit  ständig-  zunehmende,  nachts 
exazerbierende  Kopfschmerzen.  Seit  gestern  einigemal?  Erbrechen, 


soinnolent. 


an  eine 


Lues  cerebri  gedacht  und  eine  Jod¬ 


wird  mit  einer  Neosalvarsan- 


Innere  Organe  ohne  krankhaften  Befund.  Pat.  ist  stark 
Kloufemufindlichkeit  der  ganzen  rechten  Schädelhallte.  M  . 

PS“tatus  fanden  sich  folgende  Abweichungen  von  der  Norm. 

Herabsetzung  des  linken  Kornealreflexes,  linkseitige  t^-'r e n " F a zial i S  Die 

setzung  der  Hörfähigkeit  links.  Schwache  im  linken  un  eren  Jaaalis •  £ 
linken  Gliedmassen  sind  zeitweise  etwas  hypertonisch  und  le acht  < atakt s _  . 
«abinski  und  Oppenheim  links  zeitweise  angedeutet.  HirndrucK 
Symptome  insbesondere  entsprechende  Augenhintergrundsveränderungen 

WareDieniCWaR0ima' BluT  ist  stark  positiv.  Die  Lumbalpunktion  des  unruhigen 
Patienten  ergibt  starke  Druckschwankungen,  etwa  230  cm  Wasse 
Pandy  +,  Globulin  Phase  I:  Opaleszenz.  Zellen  6:  3  —  WaR.  bis  1,0  aus 

gewertet  negativ. 

Es  wurde  vorwiegend 
Quecksilber-Kur  begonnen. 

Vom  Verlauf  interessiert:  .  . 

4  IV.  Beendigung  der  Schmierkur.  Der  Status  hat  sich  in  der 
Zwischenzeit  fast  nicht  geändert,  nur  die  Schwäche  im  linken  Arm  ist  deut¬ 
licher  geworden.  Eine  erneute  Lumbalpunktion  ergibt  fast  den  gleichen  Be¬ 
fund  wie  bei  der  Aufnahme,  nur  die  WaR.  ist  bei  1,0  "Ft. 

Trotz  differentialdiagnostischer  Bedenken 
kur  begonnen  (0,3). 

9.  IV.  0,45  Neosalvarsan. 

13.  IV.  Der  Pat.,  der  vordem  dauernd 
gequält,  stumpfsinnig  im  Bette  lag,  fühlt  sich 
sich  für  seine  Umgebung  zu  interessieren.  A  1 
einer  organischen  Veränderung 
System  sind  geschwunden.  „„ 

27.  IV.  Inzwischen  3  mal  0,6  Neosalvarsan.  Pat.  ist  seit  8  Tagen  völl  £ 

beschwerdefrei. 

2.  VI.  Nach  Beendigung  der  Neosalvarsankur 
obiektiv  geheilt  entlassen.  Gewichtszunahme  6,8  kg. 

Aufenthaltes  des  Pat.  im  Krankenhause  sank  die  Pulsfrequenz  me  unter 
80  Schläge  in  der  Minute.  Auch  sonst  wurden  ausser  Kopfschmerz  und 
Erbrechen  keine  zerebralen  Symptome  beobachtet. 

11.  VI.  Zweite  Aufnahme  im  Krankenhause.  Seit  wenigen  Tagen  zu¬ 
nehmende  Kopfschmerzen.  Seit  2  Tagen  Somnolenz.  Körperlicher  Befund 
wie  bei  der  ersten  Aufnahme.  Lumbalpunktion:  Anfangsdruck  170cm  n*u, 
Pandy  und  Globulin  Phase  I  stark  positiv,  Zellen  bei  fraktionierter  Ent¬ 
nahme  8/3,  39/3  und  53/3.  Queckenstedt  +.  WaR.  im  Blut  und 
Liquor  negativ.  Trotzdem  erneute  kombinierte  spezifische  Kur. 

16.  VI.  Pat.  macht  einen  bedeutend  gebesserten  Eindruck,  verlangt  zum 

ersten  Maie  spontan  zu  essen.  . 

20.  VI.  Seit  gestern  Abend  zunehmende  Benommenheit,  schneller  Vertan, 

nachmittags  Exitus.  n  . 

Sektion  (Dr.  B  ö  s  1  i  n  g,  patholog.  Institut  des  Krankenhauses.  Prof. 
Dr.  Simmonds):  Aortitis  Iuica,  tuberkulöse  Herde  in  beiden  Lungen¬ 
spitzen,  faustgrosse  Geschwulst  im  rechten  Schläfenlappen  von  teils  salziger, 
teils  weicher  Konsistenz  und  braunrotem  und  gelbem  Aussehen.  Erwe'chu'  g 


von  heftigsten  Kopfschmerzen 
auffallend  wohler  und  beginnt 


l  e  o  b  j 
a  m 


ektiven  Zeichen 
Zentral  n-erven- 


(6.75  g)  subjektiv  und 
Während  des  ganzen 


T  1  m  «roll  ml  rr 


AA  ilrr/vclrrvivicr^Vl  •  filinQJirk'n  tYI 


Kurz  zusammengefasst  handelt  es  sich  um  einen  Patienten,  der 
4  Wochen  nach  einem  aooplektiformen  Anfall  an  allmählich  zunehmen¬ 
der  Somnolenz  und  linksseitiger  Hemiparese  erkrankte.  Der  positive 
Ausfall  der  WaR.  im  Blut  und  die  Vermehrung  des  Eiweissgehaltes  im 
Liquor  legten  die  Annähme  einer  Lues  cerebri  vascularis  nahe.  Durch 
Schmierkur  und  Joddarreichung  wurde  keine  wesentliche  Besserung 
erzielt.  Neun  Tage  nach  der  ersten  (=  vier  Tage  nach  der  zweiten) 
Neosalvarsaninjektion  fühlte  sich  Patient  subjektiv  bedeutend  gebessert, 
obiektiv  waren  keine  krankhaften  Störungen  mehr  nachweisbar.  Vom 
22.  IV.  bis  zum  5.  VI.  d.  h.  für  einen  Zeitnum  von  6  Wochen  .st 
Patient  völlig  Symptom-  und  beschwerdefrei.  Nach  dieser  Zeit  Wieder¬ 
einsetzen  der  früheren  Symptome,  die  nach  einer  erneuten  Salvarsan- 
injektion  eine  vorübergehende  Besserung  erfuhren,  dann  aber  schnell 
zum  Tode  führten.  Die  Sektion  ergab  ein  faustgrosses,  stark  erweichtes 
GHosarkom. 


E  p  i  k  r  i  t  i  s  c  h  ist  zu  bemerken,  dass  nach  der  Lage  des  Falles 
die  Fehldiagnose  erklärlich  ist,  und  dass  gerade  um  die  Zeit  der 
stärksten  Zweifel  an  der  Diagnose  Lues  cerebri  nach  den  ersten  Neo- 
salvarsangaben  eine  verblüffende  Besserung  eintrat,  die  an  einen  be¬ 
sonders  guten  Erfolg  der  Neosalvarsankur  glauben  liess. 

Die  zur  Beobachtung  gekommenen  Herdsymptome  sind  durch  Nach¬ 
barschaftswirkung  des  Tumors  auf  die  innere  Kapsel,  die  vorhandenen 
Allgemeinbeschwerden  als  Hirndruckerscheinungen  aufzufassen,  sodass 
das  Krankheitsbild  durch  den  Sektionsbefund  vollauf  klargestellt  ist. 
Schwieriger  ist  die  Deutung  des  Krankheitsverlaufs.  Dass  Jod  und 
Quecksilber  keine  auffallende  Besserung  brachten,  ist  nicht  erstaunlich, 
obwohl  unter  dieser  Therapie  nicht  zu  selten  auch  nicht  spezifische 
Erkrankungen  des  ZNS.  günstig  beeinflusst  werden.  Die  zweimalige, 
ganz  auffallende  Besserung  im  Befinden  des  Patienten  nach  Salvarsan 
kann  man  zwar  als  ein  zufälliges  Zusammentreffen  der  Therapie  mit 
einer  spontanen  Remission  auffassen,  doch  halte  ich  diese  Erklärung 
nicht  für  richtig.  Dass  ausser  dem  Tumor  noch  luische  Veränderungen 
am  ZNS.  vorhanden  waren,  die  an  den  Symptomen  mitbeteiligt  waren 
und  die  durch  die  Therapie  zum  Verschwinden  gebracht  wurden,  er¬ 
scheint  unwahrscheinlich,  da  das  ganze  Krankheitsbild  durch  den  Tumor 
allein  genügend  erklärt  ist  und  ein  Ansprechen  der  krischen  Veränderun¬ 
gen  auf  Quecksilber  und  Jod  doch  wohl  zu  erwarten  gewesen  wäre. 
Das  zweimalige  Eintreten  einer.  Besserung  auf  Salvarsan  und  die  von 
anderer  Seite  gemachten  Beobachtungen  über  den  Einfluss  des  Sal- 
varsans  auf  Geschwülste  drängen  doch  zu  der  Annahme,  dass  eine  di¬ 
rekte  Beeinflussung  des  Tumors  durch  das  Salvarsan  stattgefunden  hat. 
N  o  e  t  h  e.  der  1.  c.  ein  mit  Salvarsan  behandeltes  ZylinderzQllen-Sarkom 
des  Stirnhirns  beschreibt,  beobachtete  nach  dieser  Behandlung  eine 
vorübergehende  Besserung  und  rät  zu  einer  Nachbehandlung  operierter 
Fälle  mit  Salvarsan.  Jooss  berichtet  i.  c.  über  einen  Patienten,  der 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


43 


wie  unser  Fall  unter  der  Annahme  einer  Lues  cerebri  mit  Salvarsan 
behandelt  wurde,  bei  dem  sich  später  ein  Angiosarkom  des  Gehirns 
hcrausstellte.  Bei  diesem  trat  im  Anschluss  an  die  zweite  Injektion 
eine  rapide  Verschlechterung  des  Zustandes  mit  den  Zeichen  einer 
plötzlich  eintretenden  Steigerung  des  Hirndrucks  ein.  Er  kommt  daher 
zu  dem  Schluss,  man  müsse  sich  hüten,  einen  Hirntumor  mit  Salvarsan 
zu  behandeln.  Es  stehen  miir  noch  zwei  einschlägige  Fälle  zur  Ver¬ 
fügung,  die  ich  aber  nur  ganz  kurz  anführen  will,  weil  die  Salvarsan- 
wirkung  bei  ihnen  nicht  so  rein  zum  Ausdruck  kommt.  Bei  dem  einen 
handelte  es  sich  um  einen  von  meinem  damaligen  Chef,  Professor 
Saenger,  intra  vitam  diagnostizierten  destillierenden  Prozess  der  Vier¬ 
hügel,  veröffentlicht  in  W  i  1  b  r  a  n  d  und  Saenger  „Die  Neurologie 
des  Auges“,  Bd.  8.  1921,  S.  349  unten,  bei  dem  wegen  der  Aussichts¬ 
losigkeit  einer  Operation  an  dieser  Stelle  sowie  vor  allem,  weil  here¬ 
ditäre  Belastung  vorlag,  eine  kombinierte  antiluische  Kur  durch¬ 
geführt  wurde,  obwohl  der  serologische  Befund  keinen  Anhalt  für  Lues 
bot.  Es  trat  unter  dieser  Behandlung  eine  deutliche,  vorübergehende 
Besserung  auf,  die  aber  hier  nicht  mit  Sicherheit  auf  das  Salvarsan 
bezogen  werden  kann,  weil  ausserdem  noch  Jod  und  Quecksilber  ge¬ 
geben  wurden.  Bei  der  Sektion  fand  sich  ein  ganz  auffallend  erweichtes 
Gliom  der  Vierhügel.  Der  andere  Fall  verlief  ähnlich  wie  der  Von 
J  o  o  s  s.  Leider  .wurde  die  Patientin  trotz  des  bedrohlichen  Zustandes, 
in  dem  sie  sich  befand,  von  ihren  Angehörigen  aus  dem  Krankenhause 
genommen,  sodass  eine  Bestätigung  .der  Annahme  eines  Tumor  cerebri 
weder  durch  Autopsia  in  vivo  noch  in  inortuo  möglich  war.  Die 
Patientin  starb  wenige  Tage  später. 

Uebereinstimmend  nehmen  alle  angeführten  Autoren  eine  Beein¬ 
flussung  der  von  ihnen  beobachteten  Tumoren  durch  Salvarsan  an 
und  ich  schliesse  mich  ihrer  Meinung  durchaus  an.  Während  des 
Lebens  der  Patienten  kam  die  Wirkung  in  dem  einen  Teil  der  Fälle 
durch  gesteigerte  Hirndrucksymptome,  in  dem  anderen  Teil  durch 
vorübergehende  mehr  oder  minder  vollkommene  Besserung  zum  Aus¬ 
druck.  Bei  den  zur  Sektion  gelangten  Fällen  fand  sich  stets  eine  auf¬ 
fällige,  ausgedehnte  Erweichung  und  Verflüssigung  der  Geschwulst¬ 
massen  und  auch  mikroskopisch  reichlich  regressive  Veränderungen  an 
den  Tumorzellen,  die  über  das  übliche  Mass  hinausging.  Zelldegenera¬ 
tion  und  Erweichungen  findet  man  zwar  bei  fast  allen  unreifen  Ge¬ 
schwülsten  in  mehr  oder  weniger  grosser  Ausdehnung,  sodass  man 
schwer  sagen  kann,  ob  ein  Teil  derselben  auf  die  Therapie  zurück¬ 
zuführen  ist,  aber  die  übereinstimmende  Beobachtung  einer  auffallenden 
Stärke  derselben  nach  Salvarsan  ist  doch  eine  auffallende  Tatsache. 
Die  dissimilatorische  Wirkung  des  Arsens  auf  manche  pathologische 
Neubildungen  ist  ja  bekannt.  H.  H.  Meyer  \4]  nennt  namentlich 
ausser  dem  syphilitischen  Gumma  auch  das  maligne  Lymphom.  Diese 
Geschwulstform  leitet  nun  klinisch  und  anatomisch  von  den  entzünd¬ 
lichen  Granulationsgeschwülsten  zu  den  echten  Tumoren  über. 
Czerny  und  Caan  beobachteten  die  beste  Beeinflussbarkeit  durch 
Salvarsan  an  Sarkomen,  eine  etwas  schlechtere  an  Karzinomen.  Dass 
reife  Geschwülste  wie  Fibrome.  Lipome  und  Papillome,  die  von  selbst 
nicht  zu  Einschmelzungen  neigen,  auf  Arsen  oder  irgendeine  andere 
interne  Therapie  ansprechen,  ist  mir  nicht  bekannt.  Unter  Berück¬ 
sichtigung  dieser  Tatsachen  liegt  es  nahe,  eine  Parallele  zu  ziehen 
zwischen  der  Arsen-  und  Röntgentherapie  von  Geschwülsten.  Auch  hier 
schmelzen  am  leichtesten  die  entzündlichen  Neubildungen  ein,  sowohl 
das  tuberkulöse,  von  dem  es  wohl  allgemein  bekannt  ist,  als  auch  das 
syphilitische  Gumma  (vergl.  Wett  er  er.  Handbuch  der  Röntgen¬ 
therapie,  1908,  S.  536).  Energischer  muss  schon  das  maligne  Granulom 
bestrahlt  werden.  Die  höchsten  Dosen  sind  zur  Behandlung  echter 
Geschwülste  erforderlich.  Von  diesen  reagieren  auch  nur  die  unreifen 
Geschwülste  und  zwar  die  Sarkome  leichter  als  die  Karzinome.  Reife 
Geschwülste  sind  auch  bei  den  höchsten  Dosen,  die  das  umliegende 
gesunde  Gewebe  vertragen  kann,  nicht  beeinflussbar.  Es  ist  also  bei 
der  Röntgeneinwirkung  die  gleiche  Reihe  vorhanden  wie  bei  der  Arsen¬ 
einwirkung:  entzündliche  Granulationsgeschwülste,  malignes  Lymphom, 
Sarkom,  Karzinom,  reife  Geschwülste,  in  dem  Sinne,  dass  die  zuerst 
genannten  am  leichtesten,  die  zuletzt  genannten  am  schwersten  bezw. 
praktisch  gar  nicht  zu  beeinflussen  sind. 

Wie  man  sich  die  Arsenwirkung  vorzustellen  hat,  ist  nicht  sicher 
zu  sagen.  Vielleicht  handelt  es  sich  vorwiegend  um  einen  direkten  Ein¬ 
fluss  des  Arsens  auf  die  Tumorzellen,  wie  es  Meyer  1.  c.  anzunehmen 
scheint,  vielleicht  ist  auch  die  von  Ricker  und  Knape  [7]  nach- 
gewiesene,  Stase  erzeugende  Wirkung  des  Salvarsans  dabei  mit  im 
Spiele,  sodass  die  Hyperämie  als  Heilmittel,  wie  sie  Bier  [1|  auch 
für  Geschwülste  annimmt,  an  der  einschmelzenden  Wirkung  des  Sal¬ 
varsans  beteiligt  ist.  Unter  allen  Umständen  glaube  ich  berechtigt  zu 
sein,  anzunehmen,  dass  das  Salvarsan  die  malignen  Geschwülste  elektiv 
beeinflusst. 

Nicht  ganz  einfach  ist  auch  die  Frage,  warum  der  klinisch  beobach¬ 
tete  Erfolg  so  verschieden  ist.  Bei  den  Fällen  mit  vorübergehender 
Besserung  kann  man  sich  vorstellen,  dass  die  Einschmelzung  des 
Tumors  auch  zu  einer  Verkleinerung  desselben  geführt  hat  und  so  die 
allgemeinen  Hirndruck-  und  Nachbarschaftssymptome  verringert  worden 
sind.  Diejenigen  Patienten,  die  mit  stürmischen  und  vermehrten  Hirn¬ 
erscheinungen  antworteten,  lassen  eine  ganze  Reihe  von  Erklärungen  zu. 
Ich  will  sie  nur  kurz  anführen.  Die  Salvarsan dosis  kann  zwar  die 
lebensschwachen  Tumorzellen  geschädigt  und  verflüssigt,  auf  die  jungen 
und  kräftigen  hingegen  nur  als  ReizdosiS  gewirkt  haben,  sodass  ein 
verstärktes  Wachstum  resultierte.  Es  ist  aber  auch  möglich,  dass  die 
Abbauvorgänge  im  Gehirn  so  rapide  vor  sich  gingen,  dass  die  damit 
verbundene  Hyperämie  und  seröse  Durchtränkung  der  Umgebung  zu 


den  erneuten  Hirndrucksymptomen  Anlass  gaben.  Schliesslich  kann 
man  die  Besserung  und  auch  die  Verschlechterung  auf  veränderte 
Zirkulationsverhältnisse  im  Gehirn  zurückführen  wollen.  Bei  der  man¬ 
gelhaften  Kenntnis,  die  wir  von  ihnen  haben,  ist  diese  Meinung  durchaus 
nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  besonders,  da  nach  Meyer  (1.  c.)  das 
Arsen  besonders  auch  auf  die  Zellen  der  Kapillaren  wirkt. 

Die  klinische  Wirkung  des  Salvarsans  auf  Hirntumoren  scheint  sich 
ebenfalls  mit  derjenigen  der  Röntgenstrahlen  zu  decken.  Auch  hier 
beobachteten  einige  Autoren  eine  Besserung.  Von  den  wenigen,  die 
darüber  berichten,  erwähne  ich  nur  Quick  [6|.  Ich  konnte  vor  Kurzem 
einen  Patienten  beobachten,  der  wegen  eines  in  der  Tiefe  des  linken 
Temporalhirns  wuchernden  Glioms  palliativ  trepaniert  worden  war  und 
der  nach  einer  Röntgenbestrahlung  mit  vermehrten  Beschwerden  infolge 
verstärkter  Hirndruckerscheinungen  reagierte.  Man  hat  also  hier  ebenso 
wie  beim  Arsen  klinische  Besserung  wie  Verschlechterung  zu  ver¬ 
zeichnen. 

Alle  diese  Beobachtungen  veranlassen  mich,  zu  glauben,  dass 
man  in  manchen  Fällen  von  Tumoren  mit  Salvarsan  einigen  Nutzen 
stiften  kann.  Von  vornherein  auszuschalten  sind  natürlich  operable 
Geschwülste,  dann  aber  auch  alle  reifen  Geschwülste,  wie  es  z.  B.  die 
Akustikustumoren  zu  sein  pflegen,  die  manche  wegen  der  hohen  Mor¬ 
talitätsziffer  bei  der  Operation  auch  zu  den  inoperablen  zählen  möchten. 
Aber  diffus  wachsende  unreife  Geschwülste  des  Hirns  sowie  Fälle  von 
diffuser  Karzinomatose  der  Hirn-  und  Rückenmarkshäute,  die  fast  nur 
mit  Morphin  behandelt  werden  können,  ebenso  vielleicht  auch  multiple 
Krebsmetastasen  könnte  man  vielleicht  versuchsweise  mit  Salvarsan 
behandeln  und  zwar,  wie  schon  Czerny  und  Caan  hervorheben, 
lange  Zeit  und  mit  hohen  Dosen.  Dass  in  geeigneten  Fällen  die 
Röntgentherapie  nicht  vernachlässigt  werden  darf,  brauche  ich  wohl 
nicht  besonders  zu  betonen. 

Literatur. 

1.  M.m.W.  1921  S.  415.  —  2.  M.m.W.  1911  S.  881.  —  3.  M.m.W.  1912 

5.  1436.  ■ —  4.  Meyer  und  Gott  lieb:  Experimentelle  Pharmakologie. 
Urban  &  Schwarzenberg,  Berlin-Wien  1920.  —  5.  M.m.W.  1912  Nr.  10.  — 

6.  Ref.  Zbl.  f.  d.  ges.  Neurol.  25.  S.  326.  —  7.  Med.  Kl.  1912  Nr.  31.  — 
8.  Ref.  M.m.W.  1912  S.  59. 


Aus  dem  dermatologischen  Ambulatorium. 

(Dres  Delbanco,  Haas  und  Zimmern,  Hamburg. 

Erfahrungen  mit  Neosilbersalvarsan. 

Von  F.  Zimmern. 

Seit  Februar  1920  sind  wir  in  der  Lage,  das  uns  von  Herrn  Ge¬ 
heimrat  Ko  Ile  in  liebenswürdiger  Weise  zur  Verfügung  gestellte  neue 
Präparat  Neosilbersalvarsan  in  derselben  Weise,  wie  früher  das  Silber- 
salvarsan,  bei  einer  grossen  Zahl  ambulanter  Patienten  zu  verwenden. 

Wir  sind  nun  nach  1  yA  jährigem  Gebrauch  des  Mittels,  nach  Durch¬ 
führung  von  ca.  560  Kuren  an  etwa  470  Patienten  mit  weit  über 
5000  Injektionen  in  der  Lage,  uns  ein  Urteil  über  dies  Präparat  zu 
bilden  und  dies  der  weiteren  Oeffentlichkeit  vorzulegen. 

Eine  genaue  zahlenmässige  Angabe,  in  welcher  Zeit  z.  B.  Spiro¬ 
chäten  verschwinden,  wieviel  Injektionen  bzw.  Gramm  zum  Schwinden 
von  Erscheinungen  und  zum  Negativwerden  der  Serumreaktion  not¬ 
wendig  sind,  wollen  wir  nicht  bringen.  Solche  Angaben  sind  nur  mit 
den  Beobachtungen  anderer  Autoren  zu  vergleichen  und  sind,  da 
Dosierungen,  Abstände  der  Injektionen,  Art  und  Alter  der  klinischen 
Erscheinungen,  Härte  und  Breite  der  Serumreaktion  immer  variieren, 
schwer  auf  einen  Generalnenner  zu  bringen.  Unserer  Ansicht  nach 
genügt  zur  Beurteilung  eines  Salvarsanpräparats  die  Durchführung  der 
Behandlung  mit  dem  Mittel  durch  längere  Zeit  hindurch.  Klinische  und 
serologische  Rezidive  bzw.  ein  Freibleiben  davon,  ferner  Spätschäden, 
wie  Ikterus,  sind  dann  von  ausschlaggebender  Bedeutung  und  be¬ 
gründen  den  Wert  oder  Unwert  des  Mittels  im  Vergleich  zu  den  bisher 
erprobten  fünf  Salvarsanpräparaten. 

Wir  haben  im  ganzen  12  verschiedene  Operationsnummern  erprobt 
und  konnten  bei  den  ersten  fünf  Nummern,  zum  mindesten  in  bezug 
auf  Verträglichkeit  und  Nebenwirkungen  grössere  Unterschiede  fest- 
stelleni  So  kamen  bei  einer  Nummer  bis  zu  20  Proz.  angioneurotische 
Oedeme  vor.  die,  wenn  auch  meist  nur  allerleichtester  Art,  zu  einer 
sofortigen  Aufgabe  dieser  Nummer  zwangen.  Die  Lösung  dieses  Prä¬ 
parates  zeigte  unter  dem  Mikroskop  kleinste  ungelöste  Teilchen,  welche 
die  bekannten  Nebenwirkungen  bei  der  Injektion  leicht  erklären. 
Ferner  zeigten  die  einzelnen  Nummern  Unterschiede  im  Grade  und  der 
Art  der  Löslichkeit.  Die  einen  lösten  sich  schnell,  auf  der  Wasser¬ 
oberfläche  schwimmend,  andere  sanken  unter,  klumpten  und  lösten 
sich  langsam.  Die  späteren  Operationsnummern  zeigten  keine  Unter¬ 
schiede  mehr  in  der  Art  ihrer  Lösung,  der  klinischen  Wirkung  und  den 
Nebenerscheinungen. 

Ein  ausserordentlich  grosser  Vorteil  des  Neosilbersalvarsans,  der 
es  besonders  für  poliklinischen  Betrieb  bzw.  für  den  viel¬ 
beschäftigten  Praktiker  geeignet  macht,  besteht  darin,  dass  das  Prä¬ 
parat  gelöst  ruhig  einige  Zeit,  bis  zu  mehreren  Stunden  stehen  kann, 
ohne  wie  die  früheren  Präparate  durch  Oxydation  an  Giftigkeit 
erkennbar  zuzunehmen.  Es  wurde  immer  eine  10  proz.  Stammlösung 
angesetzt,  mit  L  u  e  r  scher  Spritze  jedesmal  der  den  Dosen  0.2.  0,3, 
0,4,  0,5  entsprechende  Teil,  also  2  bzw.  mehr  Teilstriche,  entnommen 
und  destilliertes  Wasser  bis  auf  10  ccm  nachgezogen  und  eingespritzt. 
Man  soll  im  allgemeinen  nicht  zu  schnell  spritzen,  doch  wird  man  auch 


44 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


bei  einem  Einlaufen  der  ganzen  Menge  in  ca.  10—15  Sekunden  keine 
Schäden  erleben.  Infiltrate  sind  natürlich  ebenso  schmerzhaft  wie  bei 

den  anderen  Präparaten.  1?  T 

Es  wurden  pro  Kur  3  g  in  10,  seit  Januar  1921  4-4,5  g  n 12  ln 
jektionen  gegeben  und  zwar  0,2  ein  bis  zweimal,  dann  einmal L  0.3  u 
nun  immer  0,4  event.  0,5  bis  zur  beabsichtigten  Gesamtdosis.  Bei 
Männern  und  Frauen  wurden  im  allgemeinen  dieselben  Dosen  gegebe  . 
Oefter  wurde  bei  nicht  glatter  Verträglichkeit  eine  kleinere  Dosis 
zwischengeschaltet.  Die  Abstände  zwischen  den  eiMelnen 
während  der  Kur  betrugen  anfangs  3.  dann  4—5,  bei  den  letzten  Injek¬ 
tionen  etwa  6  Tage;  also  entsprechend  unserer  Dosierung  bei  Süber- 
salvarsan  Seit  Februar  1921  etwa  wurde  Novasurol  in  Misch¬ 
spritze  gegeben,  meist  nicht  mehr  als  %—V*.  ccm  dieses  Mittels.  Diese 
Mischspritzen  nach  Linse  r.  die  sich  ja  in  der  ambulanten  Praxis, 
in  der  die  Patienten  nicht  immer  Schmierkuren  bzw.  Injektionskuren 
mit  wirksamen  Präparaten  durchführen  können  oder  wollen.  es 

bei  Sekundärfällen  und  bei  Lues  latens  in  Anwendung.  üriitiare  Lues 
wurde,  so  lange  die  Serumreaktion  negativ  blieb  rein  mit  Neosilber 
behandelt,  ebenso  Tabes  ohne  Hg,  aber  mit  reichlich  Jod. 

Es  wurden  im  ganzen  behandelt:  ca.  470  Fälle: 

Lues  I.  d.  h.  nur  seronegative  Fälle  an  100 

Lues  I  und  II  .  “J’er  }^0 

Lues  latens,  darunter  auch  Lues  cerebn  über  ISO 

Tabes  33 

Paralyse 

Lues  III  wmde  nur  mit  Hg  und  Jod  behandelt.  Ausgeführt  worden 
im  ganzen  560  Kuren,  von  denen  aber  eine  ganze  Reihe,  etwa  70— 80, 
durch  Ausbleiben  der  Patienten  oder  aus  anderen  Gründen  nicht  durch- 

geführt  werden  konnten.  '  ... 

Die  klinischen  Wirkungen  sind  genau  dieselben,  wie  bei  bilber- 
salvarsan  Die  grosse,  dem  Silbersalvarsam  gebührende  Bedeutung 
braucht  an  dieser  Stelle  nicht  von  neuem  beleuchtet  zu  werden  J. 
Die  Erscheinungen  schwinden^  da  die  Dosierung  ja  höher  genommen 
werden  kann,  schneller.  Die  klinischen  und  serologischen  Rezidive 
nach  ungenügenden  Kuren  oder  bei  älterer  Lues  nach  zu  langen  Pausen 
zwischen  den  einzelnen  Kuren  entsprechen  dem  bei  den  früheren 
Präparaten  Gesehenen.  Wir  sahen  also,  wie  sonst  auch,  eine  Reihe 
von  Neurorezidiven,  Meningorezidiven,  Reindurationen,  zweimal 
chancriforme  Papeln,  einmal  an  der  Stirn,  einmal  am  Knie.  Ferner, 
worüber  schon  berichtet  wurde,  mehrere  klinische  Rezidive  maligner 
Art  mit  negativer  Serumreaktion  unmittelbar  nach  der  Kur.  Diese 
Fälle  kamen  aber  sowohl  bei  Behandlung  mit  Silbersalvarsan  und  Neo- 
salvarsan  als  auch  nach  Hg-Kur  vor.  Hervorzuheben  gilt,  was  ja  auch 
vom  Silbersalvarsan  bekannt  ist,  die  ausserordentlich  roborierende  Wir¬ 
kung  des  Präparates  und  die  gute  Gewichtszunahme.  Besonders  mit 
der  Wirkung  bei  Tabes  waren  wir  ausserordentlich  zufrieden.  Hier 
sind  die  Erfolge  wenigstens  in  bezug  auf  Rückgang  der  Beschwerden, 
z.  B.  lanzinierende  Schmerzen,  sehr  gut  und  schnell  einsetzend.  Ebenso 
bei  gastrischen  Krisen,  nur  soll  hier  die  Dosis  0,3  im  allgemeinen  nie.  t 
überschritten  werden. 

Von  Nebenerscheinungen  sahen  wir,  ausser  den  schon  erwähnten, 
bei  einer  Nummer  gehäuft  vorkommenden  Angioneurosen,  die  üblichen, 
bei  allen  Salvarsanpräparaten  auftretenden  Formen.  Die  Zahl  der 
Angioneurosen  ist  aber  erheblich  kleiner  als  bei  Silbersalvarsan  und  bei 
Neosalvarsan.  Neosilber  wurde  fast  immer  von  Patienten,  die  unter 
Silbersalvarsan  diese  Erscheinung  zeigten,  gut  vertragen  besonders 
wenn  man  sich  mit  kleinen  Dosen  wieder  einschlich.  Enzephalitis 
oder  ähnliche  Symptome  sahen  wir  nie.  Idiosynkrasien  gegen  Sal- 
varsan  an  sich,  z.  B.  Fieber,  Kopfschmerzen.  Erbrechen,  kurz  eine 
absolute  Unverträglichkeit,  auch  bei  kleinsten  Dosierungen,  kam,  wie 
bei  jedem  anderen  Präparat,  natürlich  auch  vor.  Dagegen  ist  die  Zahl 
der  Dermatitisfälle  geringer  als  bei  den  anderen  Präparaten.  Wir  sahen 
im  ganzen  7,  darunter  4  ganz  leichte,  und  3  schwerere  Fälle;  die  letzteren 
erforderten  6 — 8  Wochen  Krankenhausbehandlung  und  waren  nach 
je  3,  5  und  9  Injektionen  aufgetreten.  Diese  unangenehmen  Beigaben 
der  Salvarsantherapie  lassen  sich  bei  genügender  Vorsicht  so  gut  wie 
völlig  vermeiden,  wenn  man  auf  die  Prodromalsymptome,  wie  Fieber, 
gestörtes  Allgemeinbefinden  und  leichteste  Erytheme  nur  genügend 
achtet.  Wird  dann  die  Therapie  sofort  ausgesetzt,  kommt  es  selten  zu 
einer  weiteren  Ausbreitung  und  Schäden..  Wir  haben  niemals  die,  be¬ 
sonders  bei  Sulfoxylat  vorkommenden,  einige  Zeit  nach  der  Kur  erst 
einsetzenden,  nie  vorauszusehenden  schweren  Derrnatitiden  gesehen. 
Einmal  wurde  ein  fixes  Erythem  beobachtet.  Spätikterus  sahen  wir 
im  ganzen  10  ma'  in  der  üblichen  Weise  verlaufend.  In  2  Fällen  zog 
sich  die  Erkrankung  über  4  Wochen  hin.  In  allen  Fällen  wurde  aber 
später  wieder  Salvarsan  anstandslos  vertragen. 


Es  treten  weniger  Angioneurosen  auf,  als  bei  den  anderen  Prä- 

PJia Dermatitisfälle  sind  seltener  und  scheinen,  soweit  es  sich  au 

unserem  Material  übersehen  lässt,  leichter  ^u  v6^^-  ^8  kann  mit 
allen  Hg-Präparaten  Sublimat,  Novasurol,  Cyarsal,  Embarin  in  Misci 

SPr" IVlmm  Beherrschung  der  Inlektionstechnik  mit  dunklen  Lö- 
sungen  ist  es  den  bisherigen  Präparaten  vorzuziehen. 


Aus  der  dermatologischen  Klinik  der  Universität  Leipzig. 
(Direktor;  Obermedizinalrat  Prof.  Dr.  Rille.) 

Zur  Frage  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlung. 

Von  Dr.  Tibor  Benedek,  Volontärarzt  der  Klinik. 


Zusammenfassung. 

Neosilbersalvarsan  steht  in  seiner  klinischen  Wirksamkeit  dem  Sil¬ 
bersalvarsan  gleich.  Man  kann  aber  bessere  Erfolge  damit  erzielen, 
da  höhere  Gesamtdosen  gegeben  werden  können.  . 

Es  kann  mehrere  Stunden  gelöst  stehen  bleiben,  ohne  Schaden 
zu  verursachen.  Die  Stammlösung  bietet  einen  grossen  Vorteil  für  den 
poliklinischen  Betrieb. 


*)  D  e  1  b  a  ii  c  o  bittet  mich  an  dieser  Stelle  mitzuteilen,  dass  nach  seiner 
Auffassung  das  Neosilber  nicht  ganz  so  spirillozid  wirkt  wie  das  Silber¬ 
salvarsan,  dafür  aber  die  grösseren  Vorzüge  einer  geringeren  Gefahrenzone  ein- 
schliesst.  Je  näher  das  Salvarsanpräparat  dem  Ideal  der  Sterilisatio  magna 
kommt,  umsomehr  wächst  die  Gefahr  der  Anbehandlung,  der  Meningo- 
rezidive  usw.  (cf.  Delbanco  und  Zimmern:  M.K1.  1920). 


Atu  Anfang  dieses  Jahres  trat  Gennerich  [ll  mit  einer  zu- 
sommenfassenden  Darstellung  seiner  endolumbalen  Salvarsanbehand¬ 
lung  der  Lues  des  ZNS.1)  vor  die  Oeffentlichkeit  der  Syphilidologen 

U'ld  Während6  aber  die  Neurologen  urid  Psychiater  (W  e  y  g  a>Ja  e " 
Jacob-Kafka  [2],  v.  Schubert  [3l,  Schacherl  14J.  Nae- 
geli  [5l  Lewinsohn  [6],  Zadek  [7l,  Nonne  [8],  Jacobi  [  I 
u  a.)  im  Verlaufe  des  vorigen  Dezennium,  durch  die  ersten  erfolg- 
ver'heissenden  Mitteilungen  von  Gennerich  U0,  11]  angeregt,  the  a- 
oeutische  Versuche  an  einer  kleinen  Anzahl  von  Metaluetikern  (Tabes 
dorsalis.  Taboparalyse,  Paralyse)  unternommen  haben,  liegen  bisher 
von  Seiten  der  Syphilidologen.  der  Hautkliniken  nur  vereinzelte  M  t 

tuhingen  anor'therapeutischen  Erfolgen  und  Dauerresultaten  reiche 
Gennerichsche  Kasuistik  lässt  aber  ganz  klar  erkennen,  dass  das¬ 
jenige  Gebiet,  wo  sich  die  latente  syphilitische  Affektion  des  ZNS 
schleichend  und  heimtückisch  entwickelt  und  noch  am  aussichtsvollsten 
anzugreifen  ist,  eben  den  Syphilidologen  zufällt.  Neurorezidive,  histo¬ 
logische  Meningorezidive,  Meningitis  luica,  Syphilis  cerebiospmali  d  ~ 
men  fast  ausschliesslich  zu  den  Syphilidologen.  der  Neurologe  dcr 
Psychiater  sieht  erst  meistens  die  beginnende  Metalues,  die  vollent 

wickelte  Tabes  und  Paralyse.  j  .......  r  m  dpr 

Durch  systematische  Liquorkontrollen  der  Syphilitiker  kann  der 
Syphilidologe  die  zukünftigen  Kandidaten  der  huschen  und  metaluischen 
Erkrankungen  des  ZNS.  noch  rechtzeitig  mit  grosser  Wahrschein¬ 
lichkeit  erkennen  und  dieselben  durch  Assanierung  des  Liquors  bzw. 
der  erkrankten  Meningen  mittels  der  endolumbalen  Methode  der  voll¬ 
ständigen  Heilung  zuführen.  Eine  ganze  Reihe  von  Autoren  (Alt - 
mann  und  Dreyfus[12],  Fruhwald  [13,14,15],  Haupt- 
m  a  n  n  [16].  Kyrie  [17]  u.  a.  m.)  stellte  schon  die  Forderung  die  anti- 
luetische  Behandlung  nicht  nur  bis  zum  Verschwinden  der  kutanen 
Syphilis  bzw.  bis  zur  negativen  Blut-WaR.  zu  verfolgen,  sondern  bis 
zur  vollständigen  Assanierung  des  Liquors  durchzufuhren, 

Gennerich  bewies  es  an  einem  ganz  grossen,  systematisc 
durchbehandelten  und  vielfach  kontrollierten  Material,  dass  die  As¬ 
sanierung  des  Liquors  bezw.  der  Meningen,  fast  ausschliesslich  nur 
durch  die  endolumbale  Methode  erreichbar  ist.  n 

Angespornt  durch  die  Erfolge  und  besonders  durch  die  Dauer-  I 
resultate  der  reichhaltigen  Gennerich  sehen  Kasuistik,  habe  ich  an 
dem  hiesigen  poliklinischen  Material  die  ersten  endolumbalen  Be¬ 
handlungen  unternommen.  .  ,  .  . 

Zur  Ausführung  der  endolumbalen  Behandlung  habe  ich  mir  ein 
eigenes  Instrumentarium  zusammengestellt,  durch  dessen  jetzige1  Aus¬ 
gestaltung  ich  manchem  Mangel  zu  steuern  geglaubt  habe.  Das  In¬ 
strumentarium  sichert  eine  glatte,  einfache  Ausführung  der  endolum- 
balen  Behandlung  und  es  hat  sich  mir  bei  den  bisherigen  Behandlungen 
in  jeder  Hinsicht  recht  praktisch  bewährt. 

Gennerich  [11]  empfahl  seinerzeit  eine  möglichst  f  e  i  n  e  Lumbal¬ 
punktionsnadel  ohne  die  zahlenmässige  Stärke  derselben  anzugeben.  U 
ersten  Punktionen  wurden  infolgedessen  mit  einer  recht  feinen  Q  . 
sehen  Punktionsnadel  (innerer  Durchmesser  0,5  mm)  ausgeführt.  Die  Liquo  - 
entnähme  ebenso  wie  auch  das  Infundieren  dauerte  unnötig  lange  zumal  die 
ersten  zwei  bis  drei  Infusionen  in  ..horizontaler  Lage  vorgenommen  wo rde n 
sind.  Bei  dieser  Anordnung  (dünne  Nadel  —  horizontale  Lage)  brauchte  mai 
zur  Entnahme  und  Infusion  von  etwa  60  ccm  Liquor  über  t7*  Stunden. 

Sobald  ich  aber  eine  stärkere  Punktionsnadel  (äussere  Starke  1,65  mm, 
innere  Stärke  0,85  mm,  Abbildung)  verwandt  habe  und  dazu  übergegangen 
bin,  die  Sitzungen  von  Anfang  bis  zu  Ende  in i  sitzender  .Lage  der 
Patienten  durchzuführen,  habe  ich  erreicht,  dass  die  Sitzungen  bei  der  Ent¬ 
nahme  von  75—90—150  ccm  Liquor  im  Durchschnitt  etwa  25  40  Minuten 

in  Anspruch  genommen  haben.  Selbstverständlich  wird  inan  zeithc  le 
Schwankungen  bei  den  einzelnen  Sitzungen  auch  bei  derselben  Person  öfters 
beobachten.  Eine  weitere  Verkürzung  der  Sitzungsdauer  ist  aus  dem  Grunde 
nicht  mehr  möglich,  da  den  grössten  Teil  der  Zeit  die  vorsichtige  a  n i  g- 
s  a  m  e  Liquorentnahme  beansprucht,  die  Infusion  dauert  auch  bei  80—90  ccm 

Bei  der  Ausgestaltung  der  Büretten  habe  ich  mir  folgende  Aufgaben 
gestellt:  1.  sichere  Vermeidung  des  Eintritts  von  Luftblasen,  in  den  Rucken- 
markskanal ;  2.  die  bequeme  Beseitigung  eines  ev.  Blutgerinnsels  aus  dem 
Bürettenschlauchsystem,  das  sonst  zur  Verlegung  des  Nadellumens  bei  der 
Infusion  führen  kann;  3.  eine  einfache  innige  Mischung  des  Salvarsans  mit 
dem  Liquor  auch  in  den  Schläuchen.  .  .... 

Um  diese  Zwecke  zu  erreichen,  arbeite  ich  mit  zwei  gleichartigen 
Büretten  Die  Bürette  (Abb.)  ist  21  cm  lang,  mit  einem  Querschnittdurch¬ 
messer  von  3,5  cm;  unten  in  der  Fortsetzung  der  Zylinderachse  ist  sie  mit 


J)  ZNS.  =  Zentralnervensystem. 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


45 


einem  Auslaufshahn  versehen  und  auf  der  dem  Hahn  entgegengesetzten  Seite, 
knapp  oberhalb  des  Hahnes,  mit  einem  kleinen  konischen  Glasansatz  von 
2,5  cm  Länge,  um  hier  den  Gummischlauch  anzuschliessen.  Sie  ist  von  unten 
an  kalibriert  und  fasst  150  ccm  Flüssigkeitsmenge.  Die  Büretten  sind  noch 
oben  mit  einer  kleinen,  entsprechenden  Glaskappe  versehen,  die  auf  dem 
nicht  geschliffenen  Oberrand  der  Bürette  aufsitzt,  um  den  Eintritt  von 
Staub  etc.  zu  vermeiden  und  den  Luftaustritt  zu  ermöglichen.  Die  beiden 
Büretten  werden  mit  einem  entsprechend  dünnen  Schlauch  von  etwa  je  40  cm 
Länge  verbunden,  so  dass  sie  vorne  in  ein  Glasrohrdreieck  zusammenlaufen. 
Die  beiden  Schläuche  sind  noch  genau  in  der  Mitte  durchgeschnitten  und 
daselbst  ist  ein  Glasröhrchen  von  etwa  8  cm  Länge  eingeschaltet,  um  beim 
Infundieren  die  Höhe  der  rucklaufenden  Flüssigkeitssäule  im  Schlauchsystem 
beobachten  zu  können.  Am  freibleibenden  dritten  Arm  des  Glasrohrdreiecks 
kommt  ein  Stückchen  Gummischlauch  derselben  Stärke  von  etwa  3 — 5  cm 
Länge,  um  das  ganze  System  mit  dem  Metallkonus  der  Punktionsnadel  zu 
verbinden.  Hier  möchte  ich  noch  einfügen,  dass  dieser  Metallkonus  ebensoweit 
durchgebohrt  (die  innere  Lichte!)  sein  muss,  wie  die  Nadel  selbst,  sonst 
bremst  ein  dünner  (feiner),  gebohrter  Konus  trotz  der  passenden  Nadelstärke 
den  Liquorstrom  sehr  stark  ab.  Die  ganze  Zusammenstellung  des  Instrumen¬ 
tariums  geht  aus  der  Abbildung 
deutlich  hervor  2). 

Die  Desinfektion  des 
ganzen  Instrumentariums  wird 
in  einer  mit  destilliertem 
Wasser  angefüllten,  gewöhn¬ 
lichen  Sterilisationspfanne  vor¬ 
genommen.  Nach  der  beendeten 
Sterilisation  werden  die  Instru¬ 
mente  steril  aus  der  Pfanne 
herausgehoben  und  in  einem 
sterilen  Tuche  bis  zum  Ge¬ 
brauch  aufbewahrt.  Bevor  man 
noch  das  Bürettenschlauchsystem 
an  die  Punktionsnadel  ansteckt, 
wird  dasselbe  mit  steriler  phy¬ 
siologischer  NaCl-Lösung  aus¬ 
giebig  durchgespült. 

In  den  ersten  2 — 3  Sitz¬ 
ungen  habe  ich  die  Patienten  im 
Liegen,  in  horizontaler  Seiten¬ 
lage  punktiert,  da  vor  der  sitzen¬ 
den  Lage  in  der  Literatur  ver¬ 
schiedentlich  gewarnt  worden 
ist.  Bald  kam  ich  aber  zu  der 
Einsicht,  dass  die  Seitenlage  zu 
einer  Liquorentnahme  über  20 
bis  25  ccm  vollkommen  unge¬ 
eignet  ist.  Nach  anfänglichem 
guten  Abfluss  von  20 — 25  ccm 
Liquor  bleibt  der  Liquorstrom 
stehen  und  da  hilft  weder  das 
Herumdrehen  noch  das  Vor¬ 
oder  Rückwärtsbewegen  der  Nadel:  der  Liquorstrom  steht  unentwegt 
still.  Man  kann  zwar  .in  diesem  Falle,  wie  es  Gennerich  [l]  vor¬ 
schlägt,  den  Patienten  aufsetzen,  damit  der  Liquorstrom  wieder  in  Bewegung 
kommt,  um  den  Patienten  hinterher  wieder  in  Seitenlage  zu  bringen.  Dieses 
Vorgehen  verursacht  eine  grosse  Zeitvergeudung,  strengt  den  Patienten  an 
und  ist  m.  E.  wegen  der  seitlichen  Ausschwingung  der  Wirbelsäule  nicht 
ohne  Gefahr:  die  Nadel  kann  dabei  eventuell  abbrechen. 

Da  mein  Ziel  war,  nach  Gennerich  s  Vorschlag  soviel  Liquor  zu 
entnehmen,  wie  der  einzelne  Rückenmarkskanal  überhaupt  abgibt,  um  mit 
dem  Sa-Liquorgemisch  so  hoch  wie  möglich  bis  zu  den  Hirnhäuten  empor¬ 
zukommen,  musste  ich  auf  die  seitliche  Lagerung  der  Patienten  bei  den 
zukünftigen  Behandlungen  aus  den  oben  angeführten  Gründen  ein  für  allemal 
verzichten. 


Es  ist  bekannt,  dass  die  „horizontale“  Liquordruckhöhe  im 
Durchschnitt  etwa  120  mm  Wasser  beträgt,  die  zu  350 — 420  mm  Wasser 
emporschnellt,  wenn  der  Patient  in  sitzende  Lage  kommt.  Aus  diesen  ob¬ 
jektiven  Zahlen  geht  es  schon  ganz  klar  hervor,  dass  man  bei  der  horizontalen 
Seitenlage  während  der  Liquorentnahme  über  eine  Liquorsäule  hinaus,  die 
eben  die  Druckhöhe  bei  dieser  Lage  anzeigt,  wird  kaum  hinauskommen  können, 
so  dass  nur  der  einzige  richtige  Weg,  um  das  Ziel  —  die  grösstmögliche 
Liquorentnahme  in  der  verhältnismässig  kürzesten  Zeit  unter  Scho¬ 
nung  des  Patienten  —  zu  erreichen,  allein  die  sitzende  Lagerung 
des  Patienten  in  Betracht  kam.  Bei  ca.  60  in  der  beschriebenen  Weise  aus¬ 
geführten  endolumbalen  Behandlungen  habe  ich  niemals  Herzkollaps  oder 
sonst  irgendein  stürmisches  Vorkommnis  erlebt,  das  mir  diese  Art  der 
Liquorentnahme  im  mindesten  hätte  widerraten  können.  Die  ständige  genaue 
Pulskontrolle  hat  mir  gezeigt,  sogar  bei  Liquorentnahmen  bis  150  ccm,  dass 
diese  Methode  bei  Vorsicht  und  Pulskontrolle  keine  Gefahren  innehat. 

Bei  der  Ausführung  der  endolumbalen  Behandlung  sitzt  also  der 
Patient  am  Rande  seines  rollenden  Bettes,  den  Rücken  dem  Arzt  zu¬ 
gekehrt. 

Von  einer  genauen  Beschreibung  der  Vorbereitungen  zur  Punktion  selbst 
(Desinfektion  der  Haut,  Aufsuchen  der  Punktionslinie  etc.)  will  ich  hier  ab- 
sehen;  diesbezüglich  wird  betreffs  der  Einzelheiten  auf  die  einschlägigen 
Monographien  von  Eskuchen  [18],  Kafka  [19]  hingewiesen. 

Soll  man  vor  dem  Einstechen  irgendeine  Anästhese  anwenden?  Der 
einzig  schmerzhafte  Punkt  ist  die  Hautstichstelle.  Als  Anästhetikum  wird  im 
allgemeinen  Chloräthyl  empfohlen.  Ich  wende  es  aber  kaum  an.  Erstens  sind 
viele  Leute  (hyperästhetische  Tabiker!)  an  der  Stelle  sehr  empfindlich, 
zweitens  tut  die  Kälteeinwirkung  mehr  weh  als  der  Stich  selbst.  Ferner  wenn 
man  die  gewählte  Stelle  in  der  Tat  erfrieren  macht,  bekommt  man  einen 
brettharten  Hautfleck,  wodurch  jede  Orientierung  unmöglich  gemacht,  das 
richtige  Eindringen  in  Frage  gestellt  wird.  Die  an  manchen  Orten  geübte 
Skarifikation  der  Haut  vor  dem  Einstechen  halte  ich  für  ganz  überflüssig.  Bei 
sehr  empfindlichen  Patienten  ist  noch  am  besten,  wenn  man  eine  Schleich- 


2)  Das  Instrumentarium  wird  nach  meiner  Angabe  fabrikmässig  bei 
Riedel,  Leipzig,  Liebigstrasse  1  b  hergestellt. 

Nr.  2. 


sehe  Quaddel  setzt.  Ich  steche  meistens  — ■  die  Nadel  ist  immer  scharf  ge¬ 
schliffen  —  ohne  jede  Anästhesie  ein,  und  ich  habe  deswegen  von  den 
Patienten  keine  Klagen  gehört. 

Ich  führe  die  Punktionsnadel  immer  ganz  genau  in  der  Sagittal- 
ebene  zwischen  den  Proc.  spinös,  ein  und  nicht  etwa  seitlich  durch  das 
For.  intertransvers.  Hierbei  sei  noch  auf  die  eminente  Wichtigkeit  einer 
absolut  richtigen  Nadelführung  hingewiesen.  Von  der  richtigen 
Nadelführung  hängt  es  ab,  wieviel  Liquor  man  —  ceteris 
paribus  —  erhalten  kann.  Die  Nadel  soll  am  günstigsten  etwas  mit 
nach  oben  gerichteter  Spitze  unter  etwa  70 — 80  0  (Winkel  nach  unten)  ein¬ 
gestochen  werden.  Als  Einstichstelle  wähle  ich  meistens  die  Spalte  zwischen 
den  Proc.  spinös,  des  3. — 4.  Wirbels.  Es  wurde  aber  bald  die  Erfahrung 
gemacht,  dass  man  im  Interesse  der  glatten,  ungestörten  Liquorentnahme 
dieselbe  Einstichstelle  im  allgemeinen  in  zwei  aufeinanderfolgenden 
Sitzungen  hintereinander  nicht  wählen  darf.  Wahrscheinlich  liegen  hier 
bindegewebige  Adhäsionen  vor,  die  auf  die  Einwirkung  des  Ein¬ 
stiches  zurückzuführen  sind  und  die  eine  glatte  Liquorentnahme  mitunter 
sehr  erschweren.  Aus  diesem  Grunde  wechsle  ich  die  Einstichstelle  bei 
jeder  Sitzung,  so  dass  ich  bald  zwischen  dem  3. — 4.,  bald  4. — 5.,  oder  sogar 
dem  2. — 3.  Lumbalwirbel  eindringe  und  auf  diese  Weise  konnte  ich  mir  immer 
eine  glatte  Liquorentnahme  sichern.  Wenn  trotzdem  im  ersten  Augenblick 
kein  Liquor  hervortritt,  so  ändert  man  die  Lage  der  Nadel  durch  Drehen, 
Vor-  oder  Rückwärtsschieben. 

Wenn  nun  die  Punktionsnadel  richtig  eingestochen  worden  ist  und  beim 
Herausziehen  des  Mandrins  der  Liquor  erscheint,  wird  erst  das  notwendige 
Quantum  6 — 8  ccm  Liquor  für  Untersuchungszwecke  aufgefangen.  Jetzt  stellt 
man  den  Sperrhahn  an  der  Punktionsnadel  auf  einen  Augenblick  ab,  bis  die 
vorbereiteten,  sterilen,  mit  physiologischer  NaCl-Lösung  ausgiebig  durch¬ 
gespülten  Büretten  samt  Schläuchen  mittels  des  metallischen  Konus  an  die 
Nadel  angesteckt  sind.  Durch  das  Verdrehen  des  Arretierungsstiftes  am 
Konus  wird  ein  Herausrutschen  desselben  aus  der  Nadel  verhindert.  Der 
Sperrhahn  wird  wieder  aufgemacht,  die  Büretten,  ohne  an  der  Nadel  zu 
zerren,  tief  gesenkt  und  die  Abflussgeschwindigkeit  des  Liquors  durch  das 
entsprechende  Verstellen  des  Hahnes  in  Grenzen  gehalten.  Gegen  Ende  der 
Entnahme  wird  der  Hahn  ganz  aufgemacht.  Sind  schon  etwa  15 — 20  ccm 
Liquor  in  den  Büretten  aufgefangen,  so  hebt  man  die  eine  Bürette  —  ohne 
den  Sperrhahn  abzustellen  —  in  die  Höhe,  dann  umgekehrt,  um  durch  das 
Spiel  zweier  kommunizierenden  Gefässe  die  Luft  aus  den 
Schläuchen  herauszutreiben.  Auf  diese  Art  ist  absolut  sicher  verhütet,  dass 
Luftbläschen  in  den  Rückenmarkskanal  eintreten. 

Bei  einer  event.  lumbalen  Venenplexusblutung  kann  man  das  Blut  auf 
die  oben  beschriebene  Weise  aus  den  Schläuchen  heraustreiben.  Sollte  sich 
trotz  alledem  ein  Blutgerinnsel  bilden,  was  bei  einer  stärkeren  Blutung  doch 
Vorkommen  kann,  so  sammelt  sich  das  Gerinnsel  unten  in  den  Büretten  ober¬ 
halb  des  Auslaufhahnes  an  und  es  kann  durch  denselben  aus  den  Büretten 
bequem  entfernt  werden. 

Hat  man  schon  30 — 40  ccm  Liquor  entnommen,  so  melden  die  Patienten 

im  allgemeinen  —  einen  ganz  leichten  Kopfschmerz.  Falls  die  Kopf¬ 
schmerzen  während,  der  Entnahme  stärker  werden,  stellt  man  den  Hahn 

einfach  ab,  um  nach  ein  paar  Minuten  mit  der  Entnahme  fortzufahren.  Ich 
entnehme  aus  den  am  Eingänge  gleich  erwähnten  Gründen  die  grösstmögliche 
Liquormenge.  Mit  der  Entnahme  höre  ich  erst  auf,  wenn  die  Patienten  zu 
starke  Kopfschmerzen  bekommen  oder  ein  Brechreiz  sich  meldet.  Zu  diesem 
Zeitpunkt  hat  man  aber  schon  ständig  80 — 90 — 140  ccm  Liquor. 

Hat  man  die  erreichbare  Liquormenge  entnommen,  so  wird  der  Hahn 

abgestellt.  Der  Patient  wird  vorsichtig  in  horizontale  Lage  gebracht 

(Achtung  auf  die  Beibehaltung  der  Rückenkrümmung  wegen  der  Nadel!)  und 
bekommt  eine  Rolle  unter  das  Gesäss,  so  dass  der  Kopf  beim 
Infundieren  tiefer  liegt.  Dadurch  wird  die  Infusionsdauer  auf  wenig  — •  2  bis 
3  Minuten  —  abgekürzt,  ohne  die  Gefahr,  durch  dieses  Vorgehen  Druck¬ 
symptome  hervorzurufen. 

Von  der  eben  zubereiteten  Salvarsanlösung 3)  wird  erst  jetzt  das 
notwendige  Quantum  zu  dem  Liquor  mittels  einer  graduierten  Pipette  hinzu¬ 
gesetzt.  Durch  das  abwechselnde  paarmalige  Heben  und  Senken  der  Büretten 
strömt  die  ganze  Liquormenge  und  auch  der  Inhalt  der  Schläuche  von  der 
einen  in  die  andere  Bürette  hinüber  und  auf  diese  Weise  mischt  sich  das 
Salvarsan  mit  dem  Liquor  durch  und  durch.  Benützt  man  Salvarsannatrium, 
so  kann  man  die  Vermischung  an  der  leichten  opaleszierenden  Verfärbung 
der  ganzen  Flüssigkeitsmenge  erkennen.  Ist  die  Mischung  durchgeführt,  so 
werden  beide  Büretten  in  gleicher  Höhe  hochgehoben,  der  Sperrhahn  wird 
aufgemacht  und  der  mit  Salvarsan  versetzte  Liquor  strömt  in  den  Rücken¬ 
markskanal  glatt  wieder  zurück  bis  auf  etliche  Kubikzentimeter,  die  in  den 
Schläuchen  und  event.  in  den  Büretten  Zurückbleiben  und  die  horizontale 
Druckhöhe  des  Liquors  anzeigen.  Durch  leichtes  Drücken  an  den  Schläuchen 
bringt  man  dann  auch  diesen  Rest  bis  zum  Glasröhrendreieck  in  den  Kanal 
hinein.  Da  stellt  man  den  Hahn  ab,  die  Nadel  wird  mit  einem  kurzen  Ruck 
herausgezogen,  die  Punktionsstelle  mit  steriler  Gaze  und  Heftpflaster  zuge¬ 
klebt.  Nach  beendeter  Sitzung  werden  die  Patienten  in  demselben  rollenden 
Bett  in  den  Krankensaal  hineingeschoben.  Das  Fussende  des  Bettes  wird 
durch  Holzklötze  —  von  der  Dicke  zweier  Ziegelsteine  —  hochgestellt. 
Pat.  liegt  horizontal  auf  dem  Rücken,  ohne  Keilkissen  48  Stunden  lang.  Nach 
2  Tagen  verliessen  die  Patienten  immer  die  Station.  Die  Sitzungen  werden 
in  zweiwöchentlichen  Abständen  wiederholt. 

Ueber  die  bisherigen  klinischen  Erfahrungen  und  Resultate  soll 
diesmal  nur  kurz  zusammenfassend  berichtet  werden.  Ein  ausführlicher 
klinischer  Bericht  sei  nach  Abschluss  einer  grösseren  Anzahl  von  Be¬ 
handlungen  für  eine  andere  Mitteilung  Vorbehalten. 

Vor  allem  möchte  ich  darauf  hinweisen,  um  diesbezügliche  Be¬ 
fürchtungen  zu  zerstreuen,  dass  die  endolumbale  Salvarsanbehandlung 
auch  in  der  Krankenhauspraxis  leicht  durchführbar  ist.  Die  Patienten 
verweilen  2,  höchstens  3  Tage  auf  der  Station  und  so  nehmen  sie  den 
auch  anderweitig  notwendigen  Bettbelag  nicht  zu  lange  in  Anspruch. 
Die  Patienten  unterwarfen  sich  ohne  weiteres  einer  vielfach  wieder¬ 
holten  Punktion. 


,!)  Es  wird  Neosalvarsan,  aber  auch  Salvarsannatrium  verwendet.  Nach 
Gennerich  wird  die  kleinste  erhältliche  Menge  von  0,045  g  NeoSa  (Na-Sa) 
in  10  ccm  physiologischer  NaCl-Lösung  aufgelöst,  wo  1/io  ccm  der  Lösung 
0,45  mg  Salvarsan  entspricht. 


4 


46 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT., 


Nr.  2. 


Bisher  sind  13  Fälle  mit  etwa  60  endolumbalen  Infusionen  behan¬ 
delt  worden.  Nadh  der  Art  der  Affektion  verteilen  sich  die  Falle 
1.  Meningitis  luica  3;  2.  Lues  cerebn  5;  3.  Tabes  dorsalis  5.  Darunter 

waren  10  Männer  und  3  Frauen.  .. 

Von  den  Fällen  sind  5  gleichzeitig  auch  intravenös,  die  übrigen 
nur  endolurnbal  unter  ständiger  Serumkontrolle  behandelt  worden  ie 
nachdem  das  Blut  im  gegebenen  Falle  nach  Wassermann  positiv 
oder  negativ  reagierte.  Die  simultane  Behandlung  störte  das  therapeu¬ 
tische  Vorgehen  nicht,  da  sich  die  Wirksamkeit  der  endolumbalen  Be¬ 
handlung  jederzeit,  wenn  auch  nicht  an  der  klinischen  Besserung  längs 
bestehender  Ausfallserscheinungen  (Tabes),  immerhin  aber  am  V 
halten  des  „Reaktionsspektrums“  im  Liquor  feststellen  hess. 

Von  den  verschiedenen  Untersuchungsmethoden  sind  folgende 
ständig  ausgeführt  worden:  1.  vor  Beginn  der  endolumbalen  Behand¬ 
lung  und  während  derselben  1-2  mal  Blutwassermann;  2  WaR.  im 
Liquor  nach  der  Auswertung  von  Hauptmann  ;  3  von  den  Eiwe  ss- 
proben:  a)  Pandy,  b)  Nonne-Apelt  Phase  I,  c)  daneben  zur 
Kontrolle  die  Schichtungsprobe  nach  Ross-Ja  me  s  und  d)  die 
Weich brodtsche  Sublimatprobe;  4.  Gesamteiweissbestimmung 
nach  Nissl;  5.  Zellzählung  in  der  Kammer  nach  Fuchs-Ros  en- 
tha  l  ;  es  wurde  immer  die  erste  Liquorportion  genommen,  2— 3  Kam¬ 
mern  werden  durchgezählt  und  als  Wert  das  arithmethische  Mi  t- 

Alle  diese  Reaktionen  halte  ich  für  notwendig,  um  auf  möglichst 
breiter  Basis  den  Zustand  des  Liquors  verfolgen  zu  können.  Zur  An¬ 
stellung  der  Reaktion  braucht  man  ein  paar  ccm  Liquor,  wenig  Zeit, 
da  sie  einfach  und  schnell  auszuführen  ist.  Die  klassischen  vie. 
Reaktionen“  von  Nonne  (WaR.  im  Blut  und  Liquor,  Phase  1  und 
Zellzahl)  sind  zu  wenig,  um  sich  daraus  ein  klares  Bild  über  den 

Zustand  des  Liquors  zu  machen.  . 

Während  der  Sitzungen  sind  stürmische  Erscheinungen  (Herzkollaps 
etc.)  bisher  nie  beobachtet  worden.  Die  Patienten  halten  die  Sitzungen 
recht  gut  aus.  Beim  Infundieren  meldeten  die  Patienten  hie  und  da 
kurz  anhaltende,  rasch  vorübergehende  Paraesthesien.  wie  Kalte-  und 
Wärmegefühl,  an  den  Glutaeen,  penanal  oder  an  den  Oberschenkeln. 
Bei  Tabikern  sind  auch  bei  ganz  vorsichtiger  Dosierung  leichte,  lan- 
zinierende  Schmerzen  beobachtet  worden.  Nach  der  Infusion  fühlen 
sich  die  Patienten  recht  wohl.  Leichte  Temperatursteigerungen  bis 
37  6°  C  kamen  öfters  an  dem  der  Behandlung  folgenden,  tage  vo  . 
Am  zweiten  Tage  nach  der  Sitzung  war  die  Temperatur  wieder  normal. 

Eine  sensible  Spinalreizung  kam  zweimal  zur  Beobachtung,  einmal 
als  eine  leichte  Detrusorschwäche,  im  zweiten  Falle  m  rorm  einer 
perianalen,  anästhetischen  Zone,  ln  diesen  Fallen  haben  die  etwas 
hohen  Dosen  —  1,8  mg  Neosalvarsan  dreimal  hintereinander  in  zwe.- 
wöchentlic'hen  Abständen  verabreicht  —  eine  ch  e  m  i  s  ch  e  Reizung 
der  sensiblen  Ganglien  hervorgerufen.  Innerhalb  14  Tagen  war  die 
spinale  Irritation  vorbei.  Nach  der  Herabsetzung  der  Dosen  auf  1,35  mg. 

0  9  mg  Neosalvarsan  bei  derselben  Liquormenge  ist  keine  chemiscne 
Reizung  mehr  aufgetreten.  Bei  einem  Tabiker  dagegen,  wo  die  von 
Gennerich  vorgeschlagene  Dosierung  von  1  mg  Neosalvarsan  um 
i/4 _ i/„  mK  übertreten  worden  ist,  kam  es  zu  länger  anhaltender  sen¬ 

sibler  und  motorischer  Schwäche  der  unteren  Extremitäten. 

Bei  einigen  Patienten  sind  bereits  ganz  bemerkenswerte  s  ub- 
j  e  k  t  i  v  e  Erleichterungen  durch  die  endolumbaie  Behandlung  herbei- 
geführt  worden:  in  Fällen,  wo  mit  einer  ganz  starken  kombinierten  intra¬ 
venösen  Kur  (5—6  g  Neosalvarsan  +  30  Hgcyan!)  gar  keine  subjek¬ 
tive  Besserung  zu  erzielen  war.  Bei  anderen  ist  das  „Reaktions- 
spektrum“  bereits  vollständig  negativ  geworden  oder  ist  auf  dem  Wege, 
negativ  zu  werden.  In  manchen  Fällen  wieder  (Tabes  dors.,  Lues 
cerebri)  trotzt  der  stark  positive  Liquor  der  bisherigen  Behandlung. 

Im  Durchschnitt  sind  3—7  endolumbaie  Infusionen  bei  den  Patien¬ 
ten  bisher  ausgeführt  worden  unter  genauer  Beobachtung  der  von 
Gennerich  vorgeschlagenen  Dosierungsmethode. 

Bei  der  Zurückhaltung,  der  die  Gennerich  sehe  Methode  allenthalben 
begegnet,  muss  ich  hier  noch  zum  Schluss  eine  Arbeit  von  Kohrs  izuj  aus 

der  Kieler  Hautklinik  kurz  berühren.  ti  _  ,  ....  Ro, 

Abgesehen  davon,  dass  ich  an  der  Hand  der  bisherigen  Behandlungs¬ 
resultate  zu  ganz  anderen,  entgegengesetzten  Schlussfolgerungen  kommen 
würde  als  Kohrs  an  der  Hand  seiner  11  endolurnbal  behandelten  balle, 
sehe  ich  mich  gezwungen,  dem  genannten  Autor  in  Bezug  auf  einige  Funkte 

seiner  Arbeit  entgegenzutreten.  ,  J.  _  ,  .  . 

Aus  dem  Spirochätennachweis  und  der  durch  die  Sz  ecsi  sehe  Uxydas  - 
reaktion  erwiesenen  hämatogenen  Lymphozytose  im  Liquor  scheint  tur 
den  genannten  Autor  der  Beweis  erbracht  zu  sein,  dass  eine  ausgiebige 
kombinierte  Hg-Sa-Kur  den  Liquor  bzw.  die  erkrankten  Teile  des  ZNS.  zur 
Genüge  günstig  beeinflussen  kann.  Mag  das  in  manchen  ballen  auch 
möglich  sein,  so  kommt  Gennerich  [21)  in  seiner  Arbeit  über  Liquorver¬ 
änderungen  und  an  der  Hand  seines  durchbehandelten  und  dauerbeobachteten 
Materials  (Erhebungen  an  tausenden  von  Fällen!)  zu  ganz  anderen  Schlüssen. 
In  der  obigen,  einfachen  Beweisführung  von  Kohrs  liegt  ausserdem 
noch  ein  weiterer  Trugschluss.  Er  nimmt  nämlich  ohne  weiteres  an,  dass 
Arzneimittel,  namentlich  Hg,  Sa,  aus  der  Blutbahn  ebenso  schrankenlos  und 
in  ausreichender  Menge  in  den  Liquor  übertreten  können  wie  Spirochäten 
oder  hämatogene  Lymphozyten.  Das  ist  aber  überhaupt  nicht  der  Fall.  So 
wurde  der  N  i  c  h  t  ü  b  e  r  g  a  n  g  der  Quecksilbersalze  in  den  Liquor  bei  ver¬ 
schiedener  Form  der  Einverleibung  von  S  i  c  a  r  d,  v.  Jaksch  u.  a.  konsta¬ 
tiert.  Bloch  und  S  i  c  a  r  d  haben  zwar  den  Nachweis  des  Salvarsans 
im  Liquor  in  einigen  Fällen  nach  intravenöser  Applikation  erbracht,  allerdings 
in  verschwindend  kleiner  Menge.  Sie  stellten  nämlich  nach  intravenöser 
Injektion  von  0,5  g  Salvarsan  einen  Gehalt  von  2 — 3  mg  Arsen  auf  1  Liter  (1!) 
Liquor  fest!  Demgegenüber  hat  Lewandowsky  berechnet,  dass  1  rag 
Salvarsan  intraspinal  etwa  der  Wirkung  von  2  g  (!)  Salvarsan  intravenös 
entspricht,  wobei  besondere  Organafiinitäten,  wie  etwa  die  der  Leber,  welche 


das  Salvarsan  abfangen  und  speichern,  noch  gar  nicht  berücksichtigt  sind. 
Diese  objektiven  pharmakologischen  Feststenungen  sprechen  mehr  u  d 
endolumbaie  Einverleibung  des  Salvarsans  als  K  o  h  r  s  Beweise  für  die  & 
länglichkeit  einer  auch  noch  so  starken  intravenösen  Kur  in  bezug  aut 
ihre  therapeutische  Wirkung  auf  das  ZNS  «Kuhn 

Mit  solchen  hohen  intraspinalen  Dosen  (4— 6— 7  mg  NaSa  )  wie  K  - 
arbeitet,  hat  man  nur  ganz  am  Anfang  der  endolumbalen  Aera  gearbeitet. 
Damals  hat  man  schwere  irreparable  sensible  und  motorische  Be* 

obachtet  Allerdings  vermisst  man  seine  diesbezüglichen  klinischen 
obachtungen  in  seiner  Mitteilung.  Gennerich  ist  gleich  am  Anfang  zu 
ganz  kleinen  Dosen  gekommen,  und  auf  Grund  der  klimschen  Beiibacht  i  K 
und  Erfahrung  widerrät  er  dringendst  Dosen  von  über  2 1  mg .  Mi eine  l 
obachtungen  sprechen  auch  dafüV,  dass  man  nlcht 

Rückenmark  (z.  B.  bei  Lues  cerebri)  Dosen  von  1,8mg  NeoSa  (Nab>  ) 
dreimal  hintereinander  in  14  tägigen  Abständen  geben  darf,  da  man  sonst 
sofort  verschiedene  Störungen  hervorruft.  Die  khmsch-emp^ische,  vor¬ 
sichtige  Dosierungsmethode  von  Gennerich  hat  „Berger  I22j  experi 
mentel.1  im  Tierversuch  an  Hunden  nur  vollauf  bestätigen  können- 

Was  die  technische  Ausführbarkeit  der  endolumbalen  Methode  betrifft, 
bieten  sich  bei  einiger  Gewandtheit  und  richtigem  Instrumentarium  gar  keine 
äusseren  Schwierigkeiten,  die  nach  Kohrs’  Ansicht  das  Verfahren  zuruck¬ 
steilen  sollen. 

Gennerich  hat  zur  Genüge  gezeigt,  dass  man  im  Gebiete  des 
ZNS.  durch  intravenöse  Kuren  höchstens  nur  vorübergehende  Sehe  i  n - 
erfolge  erzielen  kann,  während  eine  frühzeitige  endolumbaie  Durc.i- 
behandlung  zu  einer  Dauerausheilung  führt.  In  dem  Streit  der  Meinun¬ 
gen  über  den  Wert  und  die  Wirksamkeit  der  endolumbalen  Methode 
können  nur  Statistiken  vom  Umfange  der  G  e n  n  e  r  i  ch  sehen  zu  posi¬ 
tiven  oder  negativen  Endergebnissen  führen. 

Anmerkung  bei  der  Korrektur:  Während  der  Drucklegung 
ist  eine  Patientin  im  Anschluss  an  die  3.  endolumbaie  Behandlung  gestonei. 
Der  Exitus  letalis  ist  durch  eine  Komplikation  entstanden,  die  mit  der  endo¬ 
lumbalen  Methode  als  solcher  in  keinem  Zusammenhang  stand.  Lieber  den 
Fall  soll  demnächst  ausführlich  berichtet  werden. 


Literatur. 


1  Gennerich:  Syphilis  des  Zentralnervensystems.  Berlin  1921 
2.  Weygandt-  Jakob-Kafka:  Klinische  und  experimentelle  Erfah¬ 
rungen  bei  Salvarsaninjektionen  in  das  Zentralnervensystem.  M.m.W.  19 
Nr  29  —  3  v  Schubert:  Zur  Technik  der  endolumbalen  Neosalvarsan- 
therapie.  M.m.W.  1914  Nr.  15.  —  4.  S  c  ha  c  h  e  r  L  Zur  Technik  und 
Indikation  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlqng.  W.kl.W.  1917  -Nr.  / 
S  217.  —  5.  Naegeli:  Die  endolumbaie  Salvarsanbehandlung  bei  syphi¬ 
litischen  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems.  Ther.  Mh.  1915  S.  645. 

6.  Lewinsohn:  Lähmung  des  Atmungszentrums  im  Anschluss  an  eine 
endolumbaie  Neosalvarsaninjektion.  D.m.W.  1915  Nr.  9.  7‘  ^J1 C  „  _ 

Todesfall  hach  intralumbaler  Neosalvarsaninjektion.  Med  Kl.  1915  Nr.  li. 

8.  Nonne:  Syphilis  und  Nervensystem.  Karger,  Berlin  1921.  9.  Ja- 

co  bi-  Zur  Frage  der  endolumbalen  Salvarsantherapie.  Ther.  Mh.  19^1 
Nr  lö  —  10  Gennerich:  Zur  Technik  der  endolumbalen  Salvarsan- 
behand'lung.  M.m.W.  1914  Nr.  15.  —  11.  Gennerich:  Beitrag  zur  lokalen 
Behandlung  der  meningealen  Syphilis.  M.m.W.  1915  Nr.  49.  12.  Al  t¬ 

mann  und  Dreyfus:  Salvarsan  und  Liquor  cerebrospinalis.  M.m.W.  1913 
Nr  10  __  13  Frühwald:  Das  Verhalten  des  Liquor  cerebrospinalis  bei 
Syphilis.  M.m.W.  1916  Nr.  9.  —  14.  Frühwald:  Ueber  Liquorverande- 
rungen  bei  Alopecia  syph.  Denn.  Wsch.  1918,  67,  S.  815.  —  15.  Fruh- 
wald-  Ueber  das  Verhalten  des  Liquor  cerebrospinalis  bei  Fruhsyphilis.  Der 
prakt.  Arzt,  56,  H.  6/7.  —  16.  Haupt  mann:  Die  Diagnose  der  fruh- 
luetischen  Meningitis  aus  dem  Liquonbefund.  D.  Zschr.  f.  Nervhlk  1914  51. 
—  17.  Kyrie:  Ueber  den  derzeitigen  Stand  der  Lehre  von  der  Pathologie 
und  Therapie  der  Syphilis.  Deuticke,  Wien,  1918.  —  18.  Eskuchen:  Die 
Lumbalpunktion.  Wien-Berlin  1919.  —  19.  Kafka:  Taschenbuch  der  prakt. 
Untersuchungsmethoden  der  Körperflüssigkeiten  bei  Nerven-  und  Geistes¬ 
kranken.  Springer,  Berlin  1917.  —  .20.  Kohrs:  Liquorbefunde  bei  be¬ 
handelter  Syphilis.  Derm.  Zschr.  32,  S.  71.  Gennerich:  Liquorver¬ 
änderungen  in  den  einzelnen  Stadien  der  Syphilis.  Berlin  1913.  22.  Be  r- 

ger:  Neosalvarsan  und  Zentralnervensystem.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol. 
1914,  Orig.-Bd.  23.  _ 


Aus  der  Provinzial-Hebammenlehranstalt  Elberfeld. 
(Direktor:  Prof.  Ed.  Martin.) 

Erfahrungen  mit  Buttermehlnahrung. 


Von  Dr.  Hans  Schlossmann. 


In  der  Säuglin-gsabteilung  unserer  Anstalt  haben-  wir  in  steigendem 
Masse  seit  1%  Jahren  von  der  C  z  e  r  n  y  -  Kl  e  i  n  s  c  h  m  i  d  t  sehen 
Buttermehlmahrung  Gebrauch  gemacht.  Bisher  erhielten  50  Kinder  die 
fettangereicherte  Nahrung,  einige  von  ihnen  vom  10.  Lebenstage  an, 
die  meisten  viele  Monate  hindurch. 

Es  handelt  sich  bei  unseren  Säuglingen  zum  grossen  Teil  um  unter¬ 
gewichtige  Kinder,  die  zu  Hause  nicht  gediehen,  oder  um  annähernd 
normalgewichtige,  die  uns  wegen  mangelnder  häuslicher  Pflege  zu¬ 
gewiesen  wurden.  Ferner  haben  wir  Säuglingen,  die  wegen  akuter  Er¬ 
nährungsstörungen  aufgenommen  wurden,  meist  schon  sehr  bald  nach 
dem  Äufhören  der  Durchfälle  die  Buttermehlnahrung  gegeben. 

Bei  der  Herstellung  der  B  u  1 1  e  r  m  e  h  1  n  a  h  r  u  n  g  sind 
wir  von  der  von  Czerny  und  Klein  Schmidt1)  angegebenen 
Methode  etwas  abgewichen.  Wir  haben  die  Butter-  und  Mehlmengen 
nicht  auf  die  Verdünnungsfliissigkeit,  sondern  auf  die  Gesamtflüssigkeit 
berechnet.  Die  gebräunte  und  geröstete  Einbrenne  wurde  mit  Halb¬ 
milch  +  5  Proz  Zucker,  bei  Säuglingen  innerhalb  des  1.  Lebensmonats 
mit  Drittelmilch  +  5  Proz.  Zucker  versetzt.  So  brauchten  wir  z.  B. 
zur  Herstellung  eines  Liters  Bnttermehlnahrung  70  g  Butter,  70  g 


b  Czerny  und  K  1  e  i  n  s  c  h  m  i  d  t:  Jb.  f.  Kindhlk.  1918,  87. 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


47 


Mehl  und  50  g  Zucker,  also  fast  das  doppelte  der  von  Czerny  und 
Kleinschmidt  vorgeschriebenen  Mengen.  Unsere  Buttermehl¬ 
nahrung  enthielt  8—9  Proz.  Fett,  14  Proz.  Kohlehydrate,  1,5—2  Proz. 
Eiweiss  und  damit  etwa  1440  Kalorien  pro  Liter  gegen  920  nach  der 
ursprünglichen  Herstellungsweise.  Wir  sind  uns  natürlich  darüber  klar 
gewesen,  dass  eine  kalorisch  so  hochwertige  Nahrung  nicht  voll  aus¬ 
genutzt  wird,  und  vom  ökonomischen  Standpunkt  aus  —  wie  schon 
Lange 2)  betont  hat  —  wenig  praktisch  ist.  S  t  o  1 1  e 3)  hat  aus  Stoff¬ 
wechseluntersuchungen  die  Ausnützung  des  zugeführten  Fettes  bei  der 
üblichen  4 — 4M;  proz.  Buttermehlnahrung  auf  etwa  75  Proz.  berechnet 
gegenüber  der  fast  quantitativen  Verarbeitung  und  Resorption  —  von 
mindestens  94  Proz.  —  des  Frauenmilchfettes.  Bei  unserer  über  8  Proz. 
-  enthaltenden  Buttermehlnahrung  wird  die  Ausnützung  des  Fettes  rela¬ 
tiv  noch  geringer,  absolut  genommen  aber  immer  noch  sehr  hoch  ge¬ 
wesen  sein.  Die  hochkalorische  Nahrung  wurde  von  den  Säuglingen 
im  allgemeinen  gut  vertragen.  Es  ist  dies  ein  Beweis  dafür,  dass  auch 
weit  erheblichere  Fettmengen,  als  man  meist  annimmt,  Säuglingen 
unbesorgt  gegeben  werden  können,  wenn  nur  durch  die  Zubereitung 
das  Fett  zuträglich  und  bekömmlich  gemacht  wird.  Zahlreiche  frühere 
Versi  die  mit  unverändertem  Milchfett  als  Zugabe  zur  verdünnten  Milch 
in  der  Form  der  Sahnemischungen  haben  verhältnismässig  häufig  Miss¬ 
erfolge  gezeitigt.  Die  bessere  Bekömmlichkeit  der  Buttermehlnahrung 
wird  s  n  Czerny  und  Kleinsichmidt  auf  die  Befreiung  des 
Fettes  von  freien  Fettsäuren  durch  Erhitzen  zurückgeführt.  Auch  beim 
Mehl  kann  die  Verdaulichkeit  durch  den  Röstprozess  günstig  beeinflusst 
werden,  wie  Czerny  und  Klein  Schmidt  schon  vermuteten  und 
neuerdings  Aron4)  sowie  Plantenga5 *)  besonders  betonten.  Jeden¬ 
falls  wurden  auch  die  14  proz.  Kohlehydrate  unserer  Buttermehlnahrung 
gut  genommen  und  vertragen. 

Wir  haben  das  beste  Gedeihen  dann  gesehen,  wenn  wir  unsere 
Säuglinge  nicht  ausschliesslich  mit  Buttermehl  ernährten,  sondern  zu 
einer  Zwiemilchernährung  griffen.  In  den  ersten  Lebens¬ 
wochen  gaben  wir  zur  Frauenmilch,  später  zur  Halbmilch  Buttermehl¬ 
nahrung  hinzu.  Grösseren  Kindern  haben  wir  auch  Buttermehlnahrung, 
Brei  und  Gemüse  gereicht.  Im  allgemeinen  wurde  nicht  mehr  als  die 
Hälfte  des  quantitativen  täglichen  Bedarfes  durch  Buttermehlnahrung 
gedeckt,  um  eine  übermässige  Belastung  mit  der  sehr  kalorienreichen 
Nahrung  zu  yermeiden.  Auch  von  K 1  e  i  n  s  c  h  m  i  d  t ß),  St  ölte, 
Ochsenius7)  und  Türk8)  ist  gerade  von  der  Zwiemilchernährung 
mit  Buttermehlnahrung  Günstiges  berichtet  worden;  nur  Lange  sah 
auch  hier  häufig  Misserfolge.  Die  Beobachtung  F  r  i  e  d  b  e  r  g  s 9),  dass 
die  Buttermehlnahrung  nur  in  verhältnismässig  grossen  Mengen  gegeben 
Erfolg  habe,  fanden  wir  nicht  ganz  bestätigt.  Gaben  wir  manchmal  zu 
Beginn  nur  eine  Buttermehlmahlzeit,  so  blieb  zwar  der  erhoffte  Erfolg 
zuweilen  aus  und  trat  erst  ein,  wenn  auch  die  2.  und  3.  Flasche  durch 
Buttermehl  ersetzt  wurde.  Gerade  bei  Frühgeburten  lind  sehr  unter¬ 
gewichtigen  Kindern  aber  sahen  wir  öfters  schon  bei  ganz  geringen 
Buttermehlmengen  überraschende  Erfolge.  Die  täglich  zugeführte 
Flüssigkeitsmenge  betrug,  wenn  wir  wie  im  allgemeinen  die  Hälfte  der 
Nahrung  als  Buttermehlnahrung  gaben,  etwa  1h  des  Körpergewichtes, 
bei  stark  untergewichtigen  Kindern  oft  sehr  viel  mehr,  die  Kalorien¬ 
zufuhr  120  bis  über  200  pro  Kilogramm  Körpergewicht. 

Wir  können  die  mit  Buttermehlnahrung  gefütterten  Säuglinge  in 
drei  Grupen  einteilen: 

1.  Für  5  Frühgeburten  mit  einem  Geburtsgewicht  von  1250 — 2500  g 
mögen  3  Fälle  als  Beispiel  dienen. 

Kind  Ba.,  Geburtsgewicht  1250  g.  aufgenommen  mit  12  Tagen  und  1400  g 
wegen  mangelnder  häuslicher  Pflege.  Bekommt  8X40  Frauenmilch  (F.M.). 
Wiegt  mit  5  Wochen  1900  g,  bekommt  6X50  F.M.,  2X50  B.M.N.  Gewicht 
mit  11  Wochen  2500  g,  jetzt  3  X  80—120  Halbmilch  und  3  X  80—120  B.M.N. 
Wiegt  mit  28  Wochen  5050  g. 

Kind  Be.  Geburtsgewicht  1600  g,  'aufgenommen  mit  7  Wochen  und 
1300  g,  da  es  zu  Hause  nicht  zunimmt.  Bisher  nur  Brust.  Bekommt 
10X40  F.M.  Mit  12  Wochen  1550  g,  9X40  F.M.,  1  X  40  B.M.N.  Mit 
15  Wochen  1900  g,  10  X  40—50  F.M.  Mit  18  Wochen  2000  g,  4X60  F.M., 
4X60  B.M.N.  Mit  20  Wochen  2200  g,  6X70  B.M.N.  Mit  23  Wochen 
2350  g,  8  X  50  F.M.  Mit  27  Wochen  2300  g,  4  X  50  Halhmilch,  3  X  60  B.M.N.. 

2  X  50  Gemüsebrei.  Mit  34  Wochen  3100  g. 

Kind  Mö.  Geburtsgewicht  2025  g,  aufgenommen  am  2.  Lebenstage  wegen 
Tuberkulose  der  Mutter.  Bekommt  bis  zum  17.  Tage  llX30  F.M.  (trinkt 
nicht  mehr),  wiegt  dann  2100  g,  von  jetzt  ab  zur  Hälfte  Halbmilch,  zur 
Hälfte  B.M.N.  (200  steigend  bis  360).  Gewicht  mit  10  Wochen  2350  g,  in 
gut  7  Wochen  also  1250  g  Zunthme. 

Ein  ähnliches  Bild  zeigen  die  beiden  anderen  Kinder.  Die  Butter- 
mehlnahrung  wurde  sehr  gut  vertragen,  nur  in  einem  Falle  sahen  wir 
uns  veranlasst,  wegen  eines  leichten  Durchfalles  für  einige  Tage  die 
Buttermehlnahrung  durch  Frauenmilch  zu  ersetzen.  Interessant  ist 
der  Fall  Be.,  der  bei  reiner  Frauenmilchernährung  zuerst  sehr  wenig, 
später  gar  nicht  zunimmt,  während  die  Zufütterung  von  Buttermehl¬ 
nahrung  auch  in  der  geringen  Menge  von  40  g  täglich  wenigstens 
einen  leidlichen  Gewichtsansatz  erzielte. 

2.  Ferner  erhielten  23  erheblich  unterernährte  Kinder 
Buttermehlnahrung,  12  von  diesen  waren  jünger,  11  älter  als  3  Monate. 
Besonders  gut  war  der  Erfolg  bei  den  ersteren. 


-)  Lange:  Zschr.  f.  Kindhlk.  1919,  22. 

3)  St  ölte:  Zb.  f.  Kindhlk.  1919,  89. 

4)  A/on:  Jb.  f.  Kindhlk.  1920,  92. 

5)  Plantenga:  Jb.  f.  Kindhlk.  1920,  92. 

ß)  Klein  Schmidt:  B.kl.W.  1919,  Nr.  29. 

7)  Ochsenius:  M.m.W.  1919  Nr.  34. 

8)  Türk:  D.m.W.  1919  Nr.  19. 


Kind  Sehe.  Alter  bei  der  Aufnahme  7  Wochen,  Gewicht  2300  g.  Be¬ 
kommt  zuerst  8  Tage  10  X  45  F.M.,  wobei  er  nicht  zunimmt,  dann  5  X  60  F.M., 
3X50  B.M.N.,  wobei  er  in  4  Wochen  650  g  zunimmt.  Dann  mit  3X  120  F.M. 
und  3Xl20  B.M.N.  Zunahme  in  8  Wochen  1050  g,  mit  3Xl30  Zweidrittel¬ 
milch  und  3Xl30  B.M.N.  in  weiteren  7  Wochen  850  g. 

Kind  W.  Alter  bei  der  Aufnahme  3  Wochen,  Gewicht  2550  g.  Bisher 
nur  Brust.  Auf  den  1.  Versuch  mit  Halbmilch  reagiert  er  mit  starkem  Durch¬ 
fall,  darauf  wieder  nur  Frauenmilch.  Wiegt  mit  6  Wochen  2700  g.  Nun 
wird  ein  neuer  Versuch  zu  Zwietnilch  überzugehen  mit  B.M.N.  gemacht,  die 
sehr  gut  vertragen  wird.  Zunahme  in  den  nächsten  3  Wochen  575  g. 

Nur  bei  2  Kindern  trat  nach  einer  guten  Zunahme  am  Anfang 
nach  kurzer  Zeit  doch  wieder  ein  Gewichtsstillscand  ein;  erst  bei 
Zufüttern  von  Brei  stellte  sich  die  erhoffte  gleichmassige  Zunahme  ein. 

Von  den  11  Kindern  älter  als  3  Monate  bekam  eines  nach  der  ersten 
Buttermehlnahrung  starken  Durchfall,  so  dass  wir  von  einem  weiteren 
Versuch  absahen.  In  einem  anderen  Falle  wurde  die  Buttermehl¬ 
nahrung  zwar  gut  vertragen,  eine  Zunahme  trat  aber  nicht  ein.  Um 
so  besser  war  der  Erfolg  bei  den  übrigen  9  Kindern. 

Kind  Wü.  4  Monat,  Gewicht  2950  g,  atrophisches  Kind,  ausgedehnte 
Furunkulose.  Bisher  Halbmilch.  Bekommt  3  X  120  Halbmilch,  3  X  120  B.M.N. 
Die  Furunkulose  heilt  gut  ab.  Zunahme  in  7  Wochen  1150  g. 

Kind  Kr.  9'A  Monat,  Gewicht  4150  g,  stark  atrophisch,  spuckt  nach 
jeder  Mahlzeit.  Bekommt  5  X  90  Halbmilch,  5  X  90  B.M.N.,  nach  3  Wochen 
3  X  120  Zweidrittelmilch,  3X  120  B.M.N.,  2X  120  Gemüsebrei.  Das  Spucken 
verliert  sich  fast  vollständig,  Zunahme  in  9  Wochen  1400  g. 

Ueber  den  Einfluss  der  Buttermehlnahrung  auf  habituelles  Speien 
haben  auch  Ochsenius  sowie  Friedberg9)  Günstiges  berichtet. 

Die  natürliche  Immunität  wird  durch  die  Buttermehlnahrung  nicht 
merklich,  jedenfalls  nicht  ungünstig  beeinflusst.  T  h  i  e  m  i  c  h lu)  spricht 
geradezu  von  einer  guten  Wirkung  auf  Pyodermien,  und  unsere  Be¬ 
obachtung  des  Falles  Wü.,  dessen  Furunkulose  sehr  gut  abheilte,  würde 
damit  übereinstimmen. 

3.  Sodann  haben  wir  noch  22  annähernd  normalgewich¬ 
tigen  Kindern  Buttermehlnahrung  gegeben,  von  denen  15  jünger 
als  3  Monate  gewesen  sind.  Es  waren  durchweg  Säuglinge,  die  bei 
den  üblichen  Kuhmilchmischungen  einen  Gewichtsstillstand  oder  doch 
nur  geringe  Zunahme  zeigten.  In  18  Fällen  war  der  Erfolg  gut,  nur  in 
3  Fällen  wurde  auch  mit  Buttermehlnahrung  kein  Anstieg  erzielt. 

Die  einseitige  Einschätzung  der  Gewichtszunahme  ist  aber  über- 
hciupt  kein  richtiger  Massstab  für  die  Beurteilung  eines  Ernährungs- 
erfolges,  ebenso  wichtig  ist  die  Beobachtung  des  Allge¬ 
meinzustandes.  Dieser  entsprach  bei  unseren  Säuglingen  ganz 
den  Anforderungen,  die  man  an  ein  gutes  Gedeihen  stellt.'  Rosige 
Hautfarbe,  straffe  Muskulatur,  grosse  Bewegungsfreudigkeit,  guter 
Turgor  sprachen  für  die  allgemeine  gute  Körperentwicklung  und  be¬ 
stätigten  die  Erfahrungen  früherer  Beobachter. 

Es  sei  erwähnt,  dass  wir  in  dem  letzten  heissen  Sommer  unter 
unseren  Buttermehlkindern  nicht  eine  einzige  Ernährungstörung  hatten, 
auch  ein  Beweis  für  die  gute  Bekömmlichkeit  der  Nahrung.  Nach 
unseren.  Erfahrungen  hat  sich  die  Buttermehlnahrung  zur  Aufzucht 
von  Frühgeburten,  schwachgeborenen  und  untergewichtigen  Kindern 
durchaus  bewährt.  Für  einen  besonderen  Vorteil  gegenüber  der 
Butter-  und  Eiweissmilch  halten  wir  es,  dass  die  Buttermehlnahrung 
auch  im  Privathause  gut  herzustellen  ist.  So  kann  manches  Kind  früher 
der  mütterlichen  Pflege  zurückgegeben  werden,  als  es  sonst  im  Inter¬ 
esse  des  Kindes  möglich  wäre. 


Ueber  die  Verbreitung  des  Kropfes  bei  Schulkindern. 

Von  Dr.  med.  Johanna  Kraeuter,  Schulärztin  an  den 
Städtischen  Mittelschulen  für  Mädchen  in  München. 

Als  Schulärztin  an  den  städtischen  Mittelschulen  für  Mädchen  in 
München  habe  lieh  im  Laufe  dieses  Jahres  Gelegenheit  gehabt,  eine 
relativ  grosse  Anzahl  von  Mädchen  in  verschiedenen  Altersklassen  zu 
untersuchen.  Mein  Untersuchungsmaterial  besteht  ausser  den  höheren 
Mädchenschülerinnen  im  Aiter  von  10 — 16  Jahren  (Gymnastiastinnen  bis 
zu  19  Jahren),  den  Riemerschmidschen  Handelsschülerinnen  von  14  bis 
16L?  Jahren,  den  Frauenarbeitsschülerinnen  von  14 — 19  Jahren,  auch 
noch  aus  den  Kindern  der  beiden  Kindergärten  in  Bogenhausen  und  am 
St.  Annaplatz  im  Alter  von  3—6  Jahren. 

Nicht  vertreten  ist  also  nur  das  Alter  von  6—10  Jahren.  Bei  diesen 
Untersuchungen  machte  ich  nun  verschiedentlich  die  Beobachtung,  dass 
es  pathologische  Zustände  gibt,  die  fast  nicht  beachtet  werden  von  den 
Trägerinnen  und  deren1  Eltern  und  daher  nur  sehr  selten  zur  Behandlung 
kommen,  dem  Schularzt  aber  ihrer  Häufigkeit  wegen  auffallen.  Es 
sind  dies  Krankheiten,  die  nicht  direkt  hindernd  oder  lebensbedrohend 
sind,  wie  z.  B.  Adenoide,  leichte  Haltungsanomalien  usw.,  und  deren 
Folgen  die  Eltern  nicht  kennen.  Dazu  gehören  auch  die  Strumen. 

.  Zur  Behandlung  gelangt  nur  ein  ganz  geringer  Bruchteil,  und  das 
meist  erst,  wenn  ernstliche  Störungen  von  Seiten  des  Herzens  oder 
der  Atmung  eintreten,  oder  aber,  wenn  die  Eitelkeit  des  jungen  Mäd¬ 
chens  erwacht.  Und  auch  dann  gehen  die  wenigsten  zum  Arzt,  die 
meisten  lassen  sich  vom  Apotheker  oder  gar  vom  Kurpfuscher  irgend¬ 
eine  mehr  oder  weniger  schädliche  Kropfsalbe  geben. 

Fragt  man  ein  kropfbehaftetes  Kind,  wie  lange  es  schon  den  „dicken 
Hals“  hat,  so  erhält  man  zur  Antwort:  „schon  immer“,  oder  das  Kind 
weiss  überhaupt  nichts  von  dessen  Existenz. 


n)  Friedberg:  Jb.  f.  Kindhlk.  1920.  93. 

')  Th  ie  mich:  Med.  Kl.  1919  Nr.  41. 

4* 


48 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT^ 


Nr.  2. 


Sehr  verbreitet  ist  noch  immer  die  Ansicht,  dass  Singen.  Turnen, 
Schwimmen  etc  prädisponierende  Momente  zur  Kropfbi  düng  seien,  u 
kommen  au"s  diesem  Grunde  immer  wieder  Kinder  m,t  kleinen  Kropfcn 
fnhne  Erscheinungen  von  seiten  des  Herzens  oder  der  Atmung; 
Gesuchen  um  Dispens  vom  Turnen  oder  Singen,  „damit  der  Kropf  nie  . 

noch  mehr  wachse“.  .  .  „  .ilf 

Zur  Uebersicht  über  die  Kropfhäufigkeit  lasse  ich  eine  kurze  Auf¬ 
stellung  der  von  mir  untersuchten  1840  Kinder,  eingeteilt  nach  dem 

Alter,  folgen:  


Zahl  der  untersuchten 
Kinder 


114  (Kindergärten)  . 


243  höh.  Mädchensch. 
94  „ 

224  „ 

69  ,, 

543  sämtl  Mittelsch.  . 
250  .,  „ 

212  „ 

91 


Im  Alter 
von 


3-6  J 


10-11  ]. 

11- 12  J 

12- 13  J. 

13- 14  1 

14- 15  J. 

15- 16  J. 

16- 17  J. 

17- 19  J. 


J,  <D 
Q,  Ol 

o 


22 


43 

25 

84 

24 

102 

49 

45 

9 


47 

26 

62 

8 

217 

61 

74 

50 


O* 


20 

12 

5 

5 


Pubertät 


Präpubertät 


»» 

Pubertät 


»I 

Postpubertät 


EnC. 

i-S'2 
3  * 


30 


90 

51 

148 

32 

339 

125 

124 

64 


In  °/0 


26 


37 

54 

65 

46 

62,5 

50 

58 

70 


1726  Schülerinnen . |von  10—  19J.|  381  |  548  |  44  | 


973  56 


Diese  973  Schilddrüsenvergrösserungen  waren  meistens  diffuse  Par¬ 
enchymatöse  Strumen,  nodöse  Kolloidstrumen  fanden  sich  nur  . 

1,4  Proz.  sämtlicher  Strumen. 

Hyperthyreosen  fanden  sich  in  1,5  Proz. 

Operiert  waren  1,2  Proz.,  davon  mit  Rezidiv  0,7  Proz. 

In  Behandlung  standen  1,6  Proz. 

Kompressionserscheinungen  machten  0,3  Proz.  .,  niipin 

Sicherlich  kann  man  sich  nicht  aus  dieser  kleinen  Statistik  alle  n, 
die  ja  auch  nur  einen  Teil  meiner  5  Schulen  berücksichtigt,  ein  Bild 
über  die  allgemeine  Kropfverbreitung  in  München  machen.  Es  mussten 
alle  Münchener  Schulärzte  ihr  Material  vergleichen. 

Doch  glaube  ich  nicht,  dass  bei  Kindern  weiblichen  Geschlechtes 
das  Bild  wesentlich  anders  sein  wird.  Mit  Sicherheit  geht  Jedenfalls 
hervor,  dass  die  Strumen  nicht  nur  an  die  Pubertätszeit  gebunden  sind, 
sondern  dass  sowohl  vorher  als  nachher  sehr  viele  entstehen  resp. 

blel*Da  die  Eltern  nur  in  den  seltensten  Fällen  eine  Behandlung  an¬ 
streben  im  Beginn  der  Kropfbildung,  so  wäre  zu  erwägen,  ob  nicht  von 
seiten  der  Behörden  eine  prophylaktische  Behandlung  erngeleitet  wer¬ 
den  könnte,  um  die  hier  endemisch  auftretende  Krankheit  zu  be- 

käm Mit1' gutem  Beispiel  ist  uns  da  Amerika  im  Jahre  1917  und  die 
Schweiz  1919  vorangegangen.  . 

Die  diesbezügliche  amerikanische  Arbeit  ist  mir  leider  im  Original 
nicht  zugänglich  gewesen,  ich  referierehiericdiglic^  ^as  der  Zürcher 
Hygieniker  R  Kling  er  im  Schweiz.  Korrbl.  1919  H.  17  darüber  sagt. 

„Schon  im  Jahre  1917  hat  der  durch  seine  zahlreichen  feiten  über 

Schilddrüsenphysiologie  und  -Pathologie  bekannte  amerikanische  Forscher  d 

Western  Reserve  University  in  Cleveland  (Ohio)  D.  Marine  )  Versuche  an 
ca  1000  Mädchen  der  öffentlichen  Schulen  gemacht.  Er  liess  diesen  im  tu  - 
Hng  und  im  Herbst  je  10  Tage  lang  Jodnatrium  in  Syrupform  verabreichen 
Vorherige  und  gleichzeitige,  an  unbehandelten  Kontrollkindern  ausgefuhrte 
Untersuchungen  hatten  ergeben,  dass  in  der,  einem  typischen  endemische 
Kropfgebiet  angehörigen  Gemeinde  ca.  56  Proz.  der  Schulkinder  (Mädchen 
aller  Jahrgänge^  des  schulpflichtigen  Alters)  vergrösserte  Schilddrüsen  auf¬ 
wiesen.  Es  wurden  bei  jeder  Jodkur  im  ganzen  2  g  Jodnatrium  Pro  Kind 

an  10  aufeinanderfolgenden  Schultagen  durch  das  L^rper?TraP<:  To^fasst 
somit  0,2  g  pro  die.  Das  Ergebnis  des  ersten  Behandlungsjahres  1917  fasst 
der  Autor  folgendermassen  zusammen:  -Das  Auftreten  von  Drusenschwel- 
lungen  konnte  durch  die  beschriebene  Verabreichung  von  Jod  verhindert 
werden ;  bei  einem  Drittel  der  Fälle  mit  leichten  Strumen  ^ 
z  T  vollständiger  Rückgang  zu  normaler  Drüsengrosse  ein.  Die  Gefahr  ein 
Vergiftung  (basedowähnliche  Zustände  etc.)  besteht  nicht  Selbstverständlich 
wurden  diese  Versuche  unter  strenger  ärztlicher  Kontrolle  gemacht  Spater 
sollen  gleich  günstige  Erfolge  mit  viel  geringeren  Joddosen  erzielt  worden 
sein  an  vielen  Tausenden  von  Schülern. 


42  Proz.  zurück,  bei  Kindern  im  Alter  von  6—10  Jahren  von  90  Proz, 

auf  . 28  Proz.  „  ,  .. 

Fs  ypiete  sich  kein  Fall  von  Jodismus. 

Die  Kinder  nahmen  die  Tabletten  sehr  gern,  nicht  nur  die  Velir9r’  s0"d® 
auch  die  Eltern,  die  man  über  das  Wesen  des  Kropfes  und  selneBehandlug 
aufgeklärt  hatte,  waren  fast  ohne  Ausnahme  für  die  Einführung  der  Behan 
lung  Ein  Zwang  wurde  selbstverständlich  nicht  ausgeübt.  f  ,  . 

ln  einer  der  so  behandelten  Schulen  zeigte  sich  noch  em  Erfolg  in 
anderer  Beziehung.  Dort  waren  die  13jährigen  wahrend  der  Behandlung 
'  7  9  cm  in  15  Monaten  gewachsen,  während  in  früheren  Jahren  die  nicht 

mit  Jod  behandelten  13  jährigen  Schüler  nur  um  4,3  cm  gewachsen  warem 
Klinge  r  hat  dann  auch  Versuche  mit  anorgamschem  Natrium  jodatum 
gemacht.  Der  Erfolg  war  hier  fast  noch  grosser,  oder  vielmehr  schnelle  . 
Auch  hier  zeigte  sich  kein  FalL  von  Jodismus. 

Klinger  folgert  -daraus  (ich  zitiere  wörtlich):  „Wir  nehmen  ver¬ 
mutlich  den  grössten  Teil  unseres  Jod®?..in,Fori£  enthalten  lind" 

bindungen  auf,  die  in  unserer  vegetabilischen  Nahrung  enthalten  sinü. 

Es  erhebt  sich  nun  die  Frage,  ob  bei  den  kropfigen  ^lduen  dies 
lodverbindungen  weniger  ausgenutzt  werden,  d.  h.  dass  aus  innen 
weniger  Jod  frei  gemacht  wird  und  zur  Resorption  gelangt.  Dies 

müsste  sich  darin  äussern,  dass  die  Jodverluste  aus ,d K^m^NorrnSen'  “ 
sehen  .lodverbindungen  beim  Kropfigen  grosser  sind  als  beilm,N0,rma.1,en;fr 
Durch  die  systematisch  eingeführte  prophylaktische  Jodbehandlung 
in  kleinsten  Dosen  verspricht  sich  Klinger  nicht  nur  das  gänzliche 
Verschwinden  der  Kröpfe,  sondern  auch  der  Krankheiten.  die  a™  '  d‘e 
Erkrankung  der  Schilddrüse,  als  an  eine  Drüse  mit  innerer  Sekretion, 

SebUNachdemdnun  bei  uns  in  München  die  Kropfverhältnisse  ähnlich 
sind  wie  in  Ohio  und  in  der  Schweiz,  sollte  man  ernsthaft  daran  denken, 
systematisch  dagegen  anzukämpfen.  Da  im  Kmdesalter  anscheinend 
das  Jod  am  besten  vertragen  wird,  so  sollte  man  die  Bekamp  ung  do 
einsetzen  lassen.  Am  einfachsten  wäre  wohl  die  Behandlung  der 
Schulkinder  im  Alter  von  6 — 14  Jahren  nach  einem  bestimmten,  überall 
gleichen  Verfahren.  Ob  diese  Behandlung  durch  Privatärzte  Poli¬ 
kliniken  oder  die  Schulärzte  überwacht  und  kontrolliert  wird,  bleibt  sich 
meines  Erachtens  gleich.  Die  Hauptsache  ist,  dass  eine  Behandlung 

erfolgt  nach  einheitlichem  Vorgehen.  .  ,  f 

Die  Art  des  Jodpräparates  wäre  an  sich  auch  gleichgültig,  nur  darf  cs 
nicht  zu  schlecht  schmecken,  da  man  es  mit  Kindern  zu  tun  hat,  d  e 
es  sonst  einfach  heimlich  verschwinden  lassen,  so  dass  eine  Kontrolle 

unmöghehosis  ^  Mal  umj  Woche  würde  ich  wie  Klinger  0,01  g  Jod 

CmP  Wahrscheinlich  würden  wir  damit  erreichen,  dass  die  herrin- 
wachsende  Generation  Münchens  die  zum  mindesten  unnötigen  Kropfe 
verliert. 


Aus  dem  pathologischen  Institut  der  Universität  München. 
(Vorstand:  Qeheimrat  Prof.  Dr.  Borst.) 

Die  äussere  und  innere  Eiüberwanderung. 

Von  cand.  med.  Hanns  Baur. 


Ganz  ähnliche  Versuche  wurden  dann  in  der  Schweiz  gemacht. 
Der  Hygieniker  R.  Klinger  in  Zürich  beschreibt  in  seiner  Arbeit: 
„Prophylaxe  des  endemischen  Kropfes“  in  der  Schweiz,  med.  Wschr 
1921  H.  1  die  Art  und  Weise,  wie  diese  prophylaktische  Behandlung 
gehandhabt  wurde  auf  seine  Anregung  hin. 

Danach  wurde  Jod  in  Form  von  Jodostarintabletten,  einem  organischen 
Präparat  der  Firma  Hoffmann-La  Roche  angewandt;  KlUnger  ging  dabei 
von  der  Tatsache  aus,  dass  das  Jod  in  organischer  Verbindung  langsamer 
vom  Darm  gespalten  und  resorbiert  wird  als  in  anorganischen,  und  dadurch  die 
Gefahr  des  Jodismus  behoben  wird.  Diese  Jodostarintabletten  wurden  in 
verschiedenen  Ortschaften  in  kropfverseuchten  Gegenden  an  verschiedenen 
Schulen  gegeben.  Und  zwar  erhielten  über  1000  Schüler  im  Alter  \on 
6—14  Jahren  während  15  Monaten  (mit  Ausschluss  der  Ferien)  jeden  Montag 
je  eine  Tablette  von  0,5  g,  die  ausser  den  0,06  g  Jodostarm  0,03 ,  °d’ 
Kakao  mit  Zucker  enthielt.  Später  ging  man  sogar  auf  0,01  g  Jod  pro  Woche 
herunter.  Das  Interessante  ist,  dass  nicht  nur  Kropfbehaftete  sondern  auch 
Kinder  mit  normalen  Schilddrüsen  diese  Tabletten  erhielten. 


Die  Kinder  wurden  häufig  von  einem  Arzte  kontrolliert  Der  Erfolg  war 
durchweg  gut.  Der  grösste  Teil  der  Kröpfe  (auch  grössere  kolloide,  knollige) 
schwand  ganz,  nur  ein  kleiner  Teil  blieb,  aber  alle  wurden  wesentlich  kleiner 
Die  Kropfzahl  ging  bei  Kindern  im  Alter  von  10—14  Jahren  von  95  Proz.  auf 


*)  D.  Marine:  Arch.  of  Internal  Med.  1918,  XXII. 


Die  vorigjährige  Preisaufgabe  der  medizinischen  Fakultät  hatte  die 
Frage  gestellt,  ob  ein  Ei  vom  Eierstock  der  einen  Seite  durch  die  freie 
Bauchhöhle  hindurch  zur  Tube  der  anderen  Seite  gelangen  könne. 
Damit  sollte  diese  Frage  nach  der  äusseren  Ueberwanderung  des  Eies, 
die  Leopold1)  im  Jahre  1880  für  das  Kaninchen  experimentell  an¬ 
gegriffen  und  in  bejahendem  Sinne  gelöst  hatte,  neuerdings  gepru 
werden,  da  die  Erfahrungen  2)  mit  der  durch  L  e  0  P  0  [ d/eyb*en  Fub^' 
unwegsammachung  inzwischen  lehrten,  dass  diese  Methode  keine  Gewahr 
für  die  Undurchgängigkeit  der  mikroskopisch  nicht  untersuchten  Tuben 
bot.  In  einem  Auszug  aus  der  Bearbeitung  der  erwähnten  Preisfrage  ) 
konnte  ich  fünf  Fälle  veröffentlichen,  bei  denen  am  Kaninchen  nach 
Ovarektomie  der  einen  Seite  und  Tubenunwegsammachung  der  anderen 
Seite  (beides  mit  mikroskopischer  Nachuntersuchung)  Schwangerschaft 
in  dem  Uterushorn  der  ovarektomierten  Seite  (bis  zu  10  Fruchten) 
aufgetreten  war.  Damit  war  die  Möglichkeit  der  äusseren  Ueberwan- 

^ifoch deckte’  sich  trotz  der  gleichen  Versuchsanordnung  der  Ausfall 
meiner  Versuche  in  einem  Punkte  nicht  mit  dem  der  L  eop  o  ld  sehen 
Versuche.  Leopold  hatte  nämlich  stets  in  beiden  Uterushornern 
Gravidität  erhalten,  meine  Tiere  wurden  ausnahmslos  nur  im  Uterus¬ 
horn  der  ovarektomierten  (und  deshalb  Tuben  erhaltenen)  ^.eite  trächtig. 

Die  totale  Ovarektomie  Leopolds  kann  nicht  bezweifelt  werden, 
weil  sie  autoptisch  genau  kontrolliert  wurde.  Die  sämtlichen  Eier  in 
beiden  Hörnern  müssen  also  von  dem  einen  erhaltenen  Ovar  her¬ 
stammen  und  können  nur  entweder  (bei  Wiederherstellung  der  Durch¬ 
gängigkeit  der  unterbundenen  Tube)  durch  jede  der  beiden  Tuben 
den  entsprechenden  Uterus  gelangt  sein,  wobei  dann  für  die  ovar- 
ektomierte  Seite  die  äussere  Ueberwanderung  stattgefunden  hatte, 
oder  diese  sämtlichen  Eier  sind  nur  durch  eine  Tube  in  den  einen 
Uterus  gelangt,  und  ein  Teil  davon  wäre  dann  aszendieiend  in  den 
anderen  Uterus  eingetreten,  wie  es  Leopold  auch  annahm.  _ 

Diese  im  Genitaltrakt  sich  vollziehende  Ueberwanderung  wird  als 
innere  Ueberwanderung  bezeichnet.  B  i  s  c  h  o  f  f  *)  hat  uns  diese  innere 


*)  Leopold:  Arch.  f.  Gyn.  16  (dort  Literatur) 

!)  Nürnberger:  Volkmanns  Samml.  klin.  Vortr.  731/34. 
s)'Baur:  M.m.W.  1921  Nr.  35. 

4)  Bischof  f:  S.  b.  Leopold. 


13.  Januar  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


49 


Ueberwanderung  bei  Meerschweinchen,  Hund  und  Reh  nachgewiesen 
und  den  biologisch  naheliegenden  Schluss  gezogen,  dass  auf  diese 
Weise  bei  den  genannten  Tieren,  deren  Uterushörner  zu  einem  gemein¬ 
samen  Teil  verschmelzen,  ehe  sie  in  die  (gemeinsame)  Zervix  über¬ 
gehen,  bei  Ueberfüllung  des  einen  Uterushornes  ein  ausgleichender 
Austausch  von  Früchten  eintreten  könne.  Für  den  Menschen  kann  von 
innerer  Ueberwanderung  analog  dem  Tierversuch  eigentlich  nur  ge¬ 
sprochen  werden,  wenn  das  Ei,  das  durch  die  eine  Tube  ein  tritt  sich  in 
der  anderen  Tube  einnistet.  Solche  Fälle  sind  auch  in  der  Literatur 
beschrieben  worden.  Weitaus  schwieriger  liegen  aber  die  Verhältnisse 
am  Kaninchen,  dessen  Uterushörner  getrennt  mit  2  Zervizes  in  die 
gemeinsame  Vagina  münden,  bei  dessen  innerer  Ueberwanderung  das 
Ei  also  die  Vagina  zu  passieren  hätte.  So  ergab  sich  die  Frage,  ob 
Leopolds  Annahme  zu  Recht  besteht.  Durch  die  grosse  Güte  von 
Herrn  Geheimrat  Borst,  dem  ich  hierfür  meinen  ergebensten  Dank 
ausspreche,  war  es  mir  möglich,  diese  Frage  experimentell  anzugreifen. 

Dabei  wurde  von  dem  Gedanken  B  i  s  c  h  o  f  f  s  ausgegangen,  dass 
eine  innere  Ueberwanderung,  falls  sie  möglich  ist,  dann  auftreten 
müsste,  wenn  das  eine  Uterushorn  eine  abnorm  grosse  Zahl  von  Eiern 
zu  beherbergen  habe.  Da  ein  Kaninchen  durchschnittlich  je  nach 
Rasse  3 — 8  Junge  wirft,  darf  eine  Füllung  von  6  Jungen  für  ein  einziges 
Horn  als  eine  maximale  angesehen  werden,  über  die  hinaus  sicher  eine 
Verteilung  auf  das  andere  leere  Horn  stattfindet,  wenn  sie  möglich  ist. 

Zunächst  wurden  die  früheren  Versuche  über  äussere  Ueber¬ 
wanderung  (Tier  I— V)  herangezogen,  da  auch  bei  diesen  Tieren 
(Ovarektomie  einerseits  und  Tubenunwegsammachung  andrerseits)  die 
Eier  nur  bei  einer  Tube  eintreten  konnten.  Dann  folgen  die  eigent¬ 
lichen  Versuche  (Tier  VI — XII),  wobei  die  Tiere  alle  so  operiert  wurden, 
dass  auf  der  einen  Seite  der  Eierstock  entfernt,  die  Tube  völlig  reseziert 
und  der  Uterus  ganz  am  abdominalen  Ende  vernäht  wurde.  Dann  wurde 
\  ■  zu  verschiedenen  Zeiten  der  Gravidität  eine  Probelaparotomie  gemacht. 
In  allen  Fällen  war  das  leere  Horn  völlig  durchgängig,  frei  von  Ver¬ 
wachsungen  und  Verklebungen  und  ebenso  lang,  wie  das  gravide  Horn. 

Die  notwendigsten  Zahlen  folgen: 

Tier  I  (mittelgross),  op.  11.  II.  21,  freie  Tube  rechts,  belegt  18.  III.  21; 
Probelaparotomie  6.  IV.  21:  4  welschnussgrosse  Fruchte  im  rechten  Horn. 

Tier  II  (gross),  op.  24.  II.  21,  freie  Tube  links,  belegt  18.  III.  21;  Probe¬ 
laparotomie  8.  IV.  21;  3  erdnussgrosse  Früchte  im  linken  Horn. 

Tier  III  (mittelgross),  op.  25.  II.  21,  freie  Tube  links,  belegt  19.  III.  21; 
Probelaparotomie  9.  IV.  21:  1  kleinapfelgrosse  Frucht  im  linken  Horn. 

Tier  IV  (mittelgross),  op.  26.  II.  21,  freie  Tube  links,  belegt  26.  III.  21; 
Probelaparotomie  15.  IV.  21:  5  welschnussgrosse  Früchte  im  linken  Horn. 

Tier  V  (gross),  op.  26.  II.  21,  freie  Tube  links,  belegt  3.  IV.  21;  Probe¬ 
laparotomie  12.  IV.  21:  10  kirschgrosse  Früchte  im  linken  Horn. 

Tier  VI  (mittelgross),  op.  1.  III.  21,  freie  Tube  links,  belegt  16.  III.  21; 
Probelaparotomie  14.  IV.  21:  3  ausgetragene  Föten  im  linken  Horn. 

Tier  VII  (mittelgross),  op.  20.  III.  21,  freie  Tube  links,  belegt  7.  VI.  21; 
Probelaparotomie  19.  VI.  21:  10  kirschgrosse  Früchte  im  linken  Horn. 

Tier  VIII  (gross),  op.  17.  VIII.  21,  freie  Tube  rechts,  belegt  28.  IX.  21; 
Probelaparotomie  7.  X.  21:  4  kirschgrosse  Früchte  im  rechten  Horn. 

Tier  IX  (gross),  op.  18.  VIII.  21,  ft  eie  Tube  rechts,  belegt  28.  IX.;  Probe¬ 
laparotomie  8.  X.  21:  8  kirschgrosse  Früchte  im  rechten  Horn;  2.  Probe¬ 
laparotomie  22.  X.  21:  8  ausgetragene  Föten  im  rechten  Horn. 

Tier  X  (gross),  op.  20.  VIII.  21,  freie  Tube  rechts,  belegt  4.  X.  21;  Probe¬ 
laparotomie  25.  X.  21:  10  kleinapfelgrosse  Früchte  im  rechten  Horn. 

Tier  XI  (mittelgross),  op.  22.  VIII.  21,  freie  Tube  rechts,  belegt  8.  X.  21; 
Probelaparotomie  3.  XI.  21:  6  ausgetragene  Föten  im  rechten  Horn. 

Tier  XII  (klein),  op.  24.  VIII.  21,  freie  Tube  rechts,  belegt  12.  X.  21; 
Probelaparotomie  5.  XI.  21:  10  kleinapfelgrosse  Früchte  im  rechten  Horn. 

Die  sämtlichen  Versuche  ohne  Ausnahme  zeigen  ein  eindeutiges 
Ergebnis.  Trotz  oft  enormer  Ueberfüllung  des  einen  Hornes,  die  in 
5  Fällen  die  Zrhl  6  übertrifft,  tritt  nicht  eine  Frucht  über  ins  andere 
Horn,  während  dieser  Vorgang  schon  bei  viel  geringerer  Füllung  bei 
den  Tieren  mit  gemeinsamer  Zervix  eintritt.  Eine  innere  Ueberwande¬ 
rung  kann  also  nur  zustande  kommen,  wenn  das  Ei  die  Zervix  nicht 
zu  durchwandern  hat. 

Leopolds  Versuche  sind  also  so  zu-  deuten,  dass  bei  gleich¬ 
zeitiger  Wegsamkeit  der  unterbundenen  Tube  auch  äussere  Ueber¬ 
wanderung  zur  anderen  Seite  stattgefunden  hat. 

Nach  Ausschaltung  der  inneren  Ueberwanderung  des  Kaninchen  eis 
vermögen  wir  aber  eine  weitere,  mir  gelegentlich  zu  anderen  Zwecken 
ausgeführter  Probelaparotomien  zur  Beobachtung  gekommene  Tatsache 
zu  erklären.  Es  handelt  sich  um  Tiere,  die  noch  in  keinerlei  Versuch 
standen: 

Am  27.  II.  21  Laparotomie  einer  graviden  Häsin:  r.  Horn  5  Früchte, 
1.  Horn  3  Früchte,  r.  ovar.  2  corp.  lut.,  1.  ovar.  6  corp.  lut. 

Am  5.  X.  21  Laparotomie  einer  graviden  Häsin:  r.  Horn  6  Früchte, 
1.  Horn  4  Früchte,  r.  ovar.  8  corp.  lut.,  1.  ovar.  2  corp.  lut. 

Am  12.  X.  21  Laparotomie  einer  graviden  Häsin:  r.  Horn  3  Früchte, 
1.  Horn  3  Früchte,  r.  ovar.  2  corp.  lut.,  1.  ovar.  4  corp.  lut. 

Diese  Verteilung  der  Eier  kann  nur  durch  äussere  Ueberwanderung 
zustande  gekommen  sein. 

So  konnte  dadurch,  dass  die  innere  Ueberwanderung  für  das 
Kaninchen  widerlegt  wurde,  sowohl  durch  die  Leopold  sehen  Ver¬ 
suche  als  auch  die  eben  genannten  Beobachtungen  ein  neuer  Beweis 
für  die  äussere  Ueberwanderung  erbracht  werden,  und  die  damals  aus¬ 
gesprochene  Vermutung,  „dass  sie  nötigenfalls  als  kompensatorischer 
Faktor  in  Kraft  treten  kann“,  hat  durch  diese  Versuche  eine  neue  Stütze 
erhalten. 


Aus  dem  Allgemeinen  Krankenhaus  Bad  Homburg  v.  d  H. 
(Chefarzt:  Prof.  Dr.  F.  Bode.) 

Erfahrungen  mit  „Kamillosan“,  einer  neuen  Anwendungs¬ 
art  der  Kamille. 

Von  cand.  med.  Hans  Kowalzig. 

Seit  langen  Zeiten  ist  die  Kamille  ein  oft  angewendetes  Mittel  in 
unserem  pharmakologischen  Heilschatz  und  besonders  beim  Volke  viel 
gebraucht  und  sehr  beliebt  in  seiner  Anwendung  in  Aufgüssen  und 
Kataplasmen  infolge  seiner  schmerz-  und  krampfstillenden  Wirkung. 
Ebenso  ist  es  uns  längst  bekannt,  dass  der  Kamille  nebenbei  auch  anti¬ 
septische  Wirkungen  zukommen. 

Man  nimmt  an,  dass  der  Träger  dieser  Wirkungen  das  in  den 
Blüten  von  Matricaria  Chamomilla  vorkommende  ätherische  Oel  sei. 
Dasselbe  ist  dickflüssig,  von  dunkelblauer  Farbe,  die  durch  die  Ein¬ 
wirkung  von  Luft  und  Licht  bald  in  schmutziggrün  und  braun  übergeht, 
und  hat  bei  einem  spezifischen  Gewicht  von  0,92 — 0,94  eine  Löslichkeit 
in  8 — 10  Teilen  Alkohol.  Doch  dürfte  ebenso  dem  neben  dem  äthe¬ 
rischen  Oel  vorkommenden  Bitterstoff,  wie  auch  dem  Harz,  Gerbstoff 
und  apfelsaurem  Kalk  eine  gewisse  Heilwirkung  nicht  abzusprechen 
sein.  Gerade  diese  Heilwirkung  kam  bisher  bei  der  Anwendung  von 
wässerigen  Aufgüssen  weniger  gut  und  wirkungsvoll  zur  Geltung. 
Wegen  des  wechselnden  Gehaltes  der  Kamillenblüten  zu  jenen  spe¬ 
zifischen  Bestandteilen  je  nach  dem  Standort,  der  Einsammlungszeit 
und  der  Beschaffenheit  des  Materials,  ist  der  Gehalt  an  wirkungsvollen 
Stoffen  in  den  wässerigen  Aufgüssen  durchaus  ungleichmässig  und  bei 
jedesmaliger  neuer  Bereitung  qualitativ  und  quantitativ  verschieden. 
Die  mit  einem  derartigen  Aufguss  erzielten  therapeutischen  Erfolge 
müssen  demnach  ebenfalls  ungleichmässig  bezüglich  der  Wirkung  ihrer 
einzelnen  Komponenten  ausfallen. 

In  dieser  Erkenntnis  ist  es  zu  begrüssen,  dass  es  nunmehr  nach 
einem  besonders  geschützten  Verfahren  durch  kombinierte  Extraktion 
und  Destillation  gelungen  zu  sein  scheint,  aus  den  Blüten  von  Matri¬ 
caria  Chamomilla  einen  wirkungsvollen  Extrakt  herzustellen,  der  im 
ürossbetrieb  gewonnen  annähernd  gleichmässig  die  wirkungsvollen 
Stoffe  in  sich  vereinigt.  Dieser  Extrakt  kommt  unter  dem  Namen 
„Kamillosan“  neuerdings  in  den  Handel*),  nachdem  zuvor  viel¬ 
fache  Untersuchungen  bezüglich  seiner  Heilwirkungen  im  Allgemeinen 
Krankenhaus  Bad-Homburg  und  anderen  Stellen  angestellt  worden  sind. 

„Kamillosan“  stellt  eine  braune,  stark  nach  Kamillen  riechende 
alkoholische  Flüssigkeit  dar,  welche  die  wirksamen  Bestandteile  der 
Kamille  insgesamt  enthalten  soll.  Wir  haben  seit  etwa  6  Monaten 
Chamillosanum  liquidum  wie  auch  Kamillosan-Salbe,  welche  Chamillo- 
sanum  liquidum  an  Salbengrundlagen  in  Friedensqualität  gebunden 
enthält,  klinisch  äusserlich  und  innerlich  an  einer  Reihe  uns  geeignet  er¬ 
scheinender  Fälle  erprobt  und  berichten  im  Nachstehenden  in  aller  Kürze 
über  unsere  damit  erzielten  Erfahrungen: 

I.  Chamillosanum  liquidum  kam  zur  Anwendung  bei  den  verschie¬ 
densten  Arten  von  katarrhalischen  Darmerkrankungen,  ferner  bei  einer 
Anzahl  von  Dysenterie-Fällen,  die  uns  aus  einer  kleinen  Epidemie  in 
zwei  benachbarten  Orten  zugingen.  Die  Anwendung  wurde  in  Form 
von  Klysmen  durchgeführt,  welche  im  Vergleich  zu  den  früher 
üblichen  wässerigen  Kamillenabkochungen  viel  einfacher  und  jederzeit 
in  wenigen  Minuten  herzustellen  waren,  stark  nach  Kamillen  dufteten 
und  jedesmal  in  gleichbleibender  Konzentration  dargestellt  werden 
konnten.  Die  Herrichtung  der  Klysmen  geschah  in  der  Weise,  dass  auf 
1  Liter  lauwarmen  Wassers  1  Esslöffel  Ch.  liqu.  zugesetzt  wurde.  Die 
Wirkung  war  in  allen  Fällen  eine  entschieden  prägnantere  als  bei  den 
gewöhnlichen  Kamillen-Klysmen  und  zwar  äusserte  sie  sich: 

1.  als  beruhigend  und  schmerzstillend  auf  den  Darm, 

2.  in  der  raschen  Verminderung  der  schleimigen  und  blutigen  Bei¬ 
mischungen  in  den  Stühlen  und  dem  schnellen  Eintreten  von  geformtem 
normalem  Stuhlgang, 

3.  in  einer  überraschenden  bakteriziden  Wirkung,  welche  besonders 
deutlich  bei  der  Behandlung  von  Dysenterie-Kranken  hervortrat.  Am 
deutlichsten  war  diese  Wirkung  erprobt  bei  nachfolgenden  Ruhrfällen, 
die,  aus  einer  Reihe  von  Beobachtungen  herausgegriffen,  ausführlicher 
mitgeteilt  werden  sollen: 

Fall  1.  Patient  H.,  32  Jahre  alt,  war  im  Felde  1916  wegen  schwerer 
Enteritis  lange  Zeit  im  Lazarett.  Durch  Diätbehandlung  subjektive  Besserung. 
Pat.  nahm  rapide  ab  und  sein  Gewicht  blieb  dauernd  knapp  über  50  kg. 
Bis  Anfang  dieses  Jahres  litt  er  an  wechselnden  Durchfällen,  manchmal  bis 
zu  5  mal  am  Tag,  ab  und  zu  Schleim  im  Stuhl,  mitunter  Tenesmen  ohne  sub¬ 
jektive  Beschwerden.  Im  März  1921  erkrankte  seine  Frau  an  leichter  Ruhr 
und  zu  gleicher  Zeit  aus  demselben  Hause  eine  Familie  G.,  Mann,  Frau  und 
3  Söhne,  wovon  letztere  schwer  erkrankt  waren  und  1  Sohn  starb.  Es  wurde 
nunmehr  festgestellt,  dass  diese  Ruhrfälle  vom  Patienten  H.  ausgingen,  bei 
dem  nun  anlässlich  einer  Untersuchung  ebenfalls  Bazillen  gefunden  wur¬ 
den.  Während  alle  Patienten,  die  an  einer  akuten  bzw.  subakuten  Form 
der  Shiga-Kruse-Ruhr  erkrankt  waren,  durch,  die  gewöhnliche  Therapie: 
0,5  proz.  Tannineinläufe,  Seruminjektionen  in  2 — 3  Wochen  bazillenfrei  und 
geheilt  entlassen  werden  konnten,  war  die  chronische  Form  des  Pat.  H.  durch 
keine  Therapie  irgend  welcher  Art  zu  beeinflussen.  Mitte  Juni  wurde  des¬ 
halb  eine  Appendikostomie  gemacht  und  durch  diese  das  Kolon,  an  dem  auch 
röntgenologisch  deutlicher  Darmspasmus  festgestellt  werden  konnte,  mit 
Tanninspülungen  therapeutisch  angegangen.  Pat.  blieb  trotzdem  wochenlang 
Bazillenausscheider.  Daraufhin  Spülungen  mit  Kamillosan.  Schon  nach  der 
ersten  Spülung  gab  Pat.  an,  dass  er  lange  nicht  den  Druck  und  die  quälenden 
Tenesmen  wie  nach  der  Tanninspülung  empfände,  auch  war  sein  Schlaf  viel 


)  Herstellerin:  Chemisch-pharmazeutische  Werke  Bad  Homburg  A.  G. 


ruhiger  geworden.  Der  Kontrast  zwischen  Tannin  und  Kamillosan  trat  be-  . 
sonders  in  subjektiver  Beziehung  auf.  als  nach  längeren  Kamillosanspülungen 
wieder  eine  Tanninspülung  gemacht  wurde.  Der  dauernd  bakteriologisch 
kontrollierte  Stuhl  wurde  nach  2 — 3  wöchentlicher  Kamillosanspiilung  bazillen¬ 
frei  und  blieb  dies  auch,  als  nach  3  wöchentlicher  weiterhin  erfolgter  pio- 
phylaktischer  Spülung  die  Appendikostomieöffnung  verschlossen  und  versenkt 
wurde.  Pat.  wurde  Ende  Juli  als  völlig  geheilt  entlassen  und  befindet  sich 

weiterhin  völlig  wohl  und  munter.  , 

Fall  2.  Frau  W.,  71  Jahre  alt,  erkrankte  Ende  August  an  rlexnerruhr 
und  kam  in  sehr  elendem  Zustand  ins  Krankenhaus.  Sehr  häufiger,  mit  Blut 
und  Schleim  vermischter  Stuhlgang,  quälende  Tenesmen.  Häufig  Eibrechen 
und  Appetitlosigkeit.  Die  ersten  Jage  Tannineinläufe  und  Tannalbintabletten 
wie  auch  Bismut  per  os;  strenge  Diät.  Bis  zum  3.  IX.  kleine  Besserung  des 
Allgemeinbefindens  und  etwas  weniger  Stuhlgang.  Ab  3.  IX.  Einläufe  mit 
Kamillosan.  Die  nächsten  Tage  bedeutend  weniger  Stuhlgang.  2—3  mal  am 
Tage,  von  normaler  Farbe  und  Beschaffenheit,  Besserung  des  Befindens,  gutes 
Aussehen,  keine  Appetitlosigkeit.  Die  bakteriologische  Untersuchung  von 
Stuhl  und  Blut  vom  7.  und  12.  IX.  ergab  negatives  Resultat.  Patientin  wurde 
am  16.  IX.  als  geheilt  entlassen. 

Auch  bei  Dysenteriefällen  der  Kinder  haben  wir  Kamillosan-Klys- 
men  mit  gutem  Erfolg  angewandt.  Als  besonders  günstigen  Umstand 
möchten  wir  hervorheben,  dass  gerade  bei  den  Kindern  die  Einläute 
gut  gehalten  und  auch  im  Anschluss  an  die  Applikation  die  oft  so 
quälenden  Tenesmen  in  verschieden  verminderter  Heftigkeit  auftraten, 
was  wir  bei  andersartigen  Arzneien  nicht  konstatieren  konnten. 

II.  Kamillosan-Salbe  und  ihre  Wirkung  konnten  wir  auch  bei  chirur¬ 
gischen  Fällen  .in  einer  Anzahl  von  Haut-  und  Schleimhautaffektionen 
erproben,  insbesondere  bei  schlechtheilenden  Wunden,  Brandwunden, 
parasitärem  Ekzem  und  bei  Wundsein  von  Säuglingen.  Selbst  in  Fällen, 
wo  andere  Salben  schon  längere  Zeit  erfolglos  angewandt  waren,  kam 
es  unter  Anwendung  von  Kamillosan-Salbe  in  überraschender  Weise 
zu  guten  und  schnellen  Heilerfolgen.  In  der  Wundbehandlung  stellten 
wir  fest,  dass  eine  raschere  Reinigung  der  Wunde  stattfindet,  lebhafte 
Granulation  eintritt  und  der  Heilungsprozess  durch  zahlreiche,  gute 
Epithelbildung,  selbst  bei  grösseren  Hautdefekten  und  aufgeworfenen 
Wundrändern,  wesentlich  abgekürzt  wurde. 

Aus  unseren  Erfahrungen  mit  Ch.  liqu.  und  Kamillosan-Salbe  geht 

hervor:  . 

1.  Die  subjektiv  beruhigende  Wirkung  des  Kamillosans  in  allen 
Anwendungsfällen  bei  Darmerkrankungen,  insbesondere  Herabsetzung 
der  Tenesmen. 

2.  Eine  bakterizide  Kraft  der  Kamillosaneinläufe,  welche  sie  zur 
milden  Darmdesinfektion  geeignet  machen, 

3.  eine  Beschleunigung  der  Heilungstendenz  chronischer,  oft  tief¬ 
greifender  Geschwüre  der  äusseren  Haut,  vielleicht  auch  der  Darm- 
schleimhaut. 

4.  Schmerzstillende  Einwirkung  auf  offene  Wunden. 

Demnach  scheint  uns  Kamillosan  als  Extrakt  und  Salbe  ein  thera¬ 
peutisch  interessantes  Präparat  zu  sein  sowohl  zur  Wundbehandlung 
wie  auch  besonders  in  seiner  Anwendung  als  Klysma  bei  jeder  Art  von 
Darmentzündungen.  Daher  dürften  unsere  Erfahrungen  Veranlassung 
geben,  die  in  den  letzten  Jahrzehnten .  immer  mehr  vernachlässigte 
Kamillenanwendung  in  neuer  Form  wieder  mehr  in  den  Vordergrund 
zu  bringen,  denn  es  ist  durch  Gebrauch  von  Kamillosan  möglich,  genau 
dosierte  Mengen  der  wirksamen  Kamillenbestandteile  zu  verwenden 
im  Gegensatz  zu  den  üblichen  wässerigen  Aufgüssen.  Nicht  unerwähnt 
darf  hierbei  der  hohe  Preis  der  Kamillen,  schon  zur  Herstellung  von 
Aufgüssen,  bleiben,  so  dass  auch  nach  dieser  Richtung  hin  der  hoch¬ 
wertige  Kamillosanextrakt  und  die  Kamillosansalbe  einen  Fortschritt 
und  eine  Ersparnis  bedeuten  dürften. 


Aus  dem  Laboratorium  für  Warenkunde  der  Hamburgischen 

Universität. 

Können  die  beiden  fremdländischen  Drogen  Senega  und 
Ipekakuanha  durch  einheimische  Arzneipflanzen  voll¬ 
wertig  ersetzt  werden? 

Von  Dr.  Clemens  Grimme. 

Der  Weltkrieg  und  seine  traurigen  Folgen  haben  unsere  Abhängig¬ 
keit  vom  Auslande  in  Bezug  auf  die  Beschaffung  der  verschiedensten 
Arzneidrogen  immer  schwerer  fühlbar  gemacht.  War  es  zuerst  die 
Blockade,  welche  jede  Einfuhr  so  gut  wie  unmöglich  machte,  so  ist  es 
jetzt  der  kaum  noch  zu  unterbietende  Tiefstand  unserer  Valuta,  wo¬ 
durch  die  Preise  für  früher  allgemein  verwandte  Arzneimittel  schier 
unerschwinglich  werden,  sodass  die  Verwendung  der  Mittel  fast  ins 
Bereich  der  Pharmacia  elegans  fällt. 

Und  dabei  ist  unser  Vaterland  eine  wahre  Fundgrube  für  hoch¬ 
wertige  Drogen,  welche  den  Vergleich  mit  der  Auslandsware  nicht  zu 
scheuen  brauchen.  Es  heisst  nur  sie  zu  finden  und  unserem  Arznei¬ 
schatze  erneut  zuzuführen.  Denn  verwandt  wurden  sie  früher  alle 
schon  einmal.  Man  braucht  nur  in  den  alten  Kräuterbüchern  unserer 
alten  Botanikerärzte,  wie  Bock,  Brunfels,  Fuchs,  Tab  er  - 
na  e  montan  us  und  anderer,  nachzuschlagen.  Man  muss  seine 
grösste  Verwunderung  darüber  aussprechen,  wie  die  Volksmedizin  sich 
der  unscheinbarsten  Kräutlein  bei  ihren  Kuren  bediente,  wie  sehr  man 
ihre  Wirkung  schon  vor  Jahrhunderten  erkannt  und  erforscht  hatte. 
Doch  kein  Prophet  ist  geachtet  in  seinem  Vaterlande.  Mit  dem  Weiter¬ 
ausbau  der  medizinischen  Wissenschaft,  vor  allem,  seit  die  Mediziner 
nur  mehr  Mediziner  und  nicht  mehr  wie  früher  auch  Botaniker  und 


Nr.  2. 

Kräuterkenner  waren,  dann  aber  auch  durch  Aufschliessung  der  Ueber- 
seeverbindungen  ging  die  Verwendung  der  in  unserer  heimischen  I  flan- 
zenwelt  schlummernden  Arzneischätze  immer  mehr  zurück,  uer 
Deutsche  ist  ja  leider  so  geartet,  dass  er  das,  was  er  aus  dem  Aus¬ 
lande  für  teures  Geld  kaufen  muss,  bedeutend  höher  schätzt,  als  das, 
was  er  bei  sich  zu  Hause  fast  umsonst  haben  kann.  Man  braucht  nur 
einen  Blick  in  das  Deutsche  Arzneibuch  zu  werfen  Von  144  dort 
auf  geführten  Drogen  sind  nur  53  =  37  Proz.  deutschen  Ursprungs, 
während  unser  ohne  weiteres  gut  verwertbarer  deutscher  Arzneiscnatz 
mindestens  das  Zehnfache  zählt.  Dabei  darf  nicht  ausser  acht  gdassen 
werden,  dass  auch  von  den  noch  aufgeführten  53  deutschen  Drogen 
der  allergrösste  Teil  höchstens  noch  vom  Volke  als  Hausmittel  benutzt 
wird,  die  moderne  Medizin  kennt  auch  diese  kaum  noch. 

Den  grössten  Schaden  jedoch  für  unsere  einheimischen  Arzneipflanzen 
bildete  aber  die  ständig  zur  grösseren  Entwicklung  kommende  Her¬ 
stellung  synthetischer.  Arzneimittel,  welche  teils  auf  Grund  theoretischer 
Erwägungen,  teils  auf  Grund  der  chemischen  Eiforschung  dci 
samen  Drogenbestandteile  aufgebaut  sind.  Für  den  Arzt  war  ihre 
Verordnung  relativ  einfach.  Er  brauchte  nur  diese  oder  jene  Tablette 
zu  verordnen,  oder  dieses  oder  jenes  Pulver.  Die  Verordnung  eines 
regelrechten  Rezeptes  wurde  immer  seltener,  sehr  zum  Nachteile  des 
Apothekers,  welcher  seine  erlernte  und  bewährte  Kunst  kaum  noch 
verwenden  konnte  und  nur  noch  in  den  meisten  Fallen  der  Wieder¬ 
verkäufer  dessen  war,  was  die  chemische  Grossindustrie  fabrizierte. 
Dabei  beobachtete  man  nicht  die  Tatsache,  dass  nicht  das  eine  oder 
andere  auch  in  der  Pflanzenwelt  vorkommende  chemische  Individuum 
der  Träger  der  vollen  Heilwirkung  der  betreffenden  Droge  war,  son¬ 
dern  dass  gerade  die  Summe  aller  Bestandteile,  wie  sie  im  g.demscTcn 
Präparate  zur  Anwendung  kommt,  erst  die  volle  Wirksamkeit  gewähr¬ 
leistete  Ich  gehe  wohl  in  der  Annahm®  nicht  fehl,  dass  in  jeder  Droge 
irgendein  noch  nicht  aufgefundener  Körper  vorhanden  ist  der  bei  der 
Gesamtwirkung  gleichsam  als  Katalysator  wirkungsverstärkend  ist  so¬ 
mit  bei  dem  reinisolierten  Arzneimittel  nicht  mit  zur  Auswertung 

kommt  Musterbeispjel  {ür  den  Werdegang  einer  deutschen  Droge  kann 
wohl  das  Hirtentäschelkraut,  die  Capsella  Bursa  pastoris  L.  gelten,  in 
alten  Zeiten  kannte  man  seine  blutstillende  Wirkung  sehr  genau,  wandte 
es  auch  allgemein  an.  Dann  sprach  ihm  H  u  s  e  m  a  n  n  jede  hamatostyp- 
tische  Wirksamkeit  ab,  weil  es  keine  Gerbsäure  enthalte.  Eist  m 
allerneuester  Zeit  hat  es  die  bittere  Not,  als  Sekate  und  Hydrastis  un¬ 
erschwinglich  wurden,  wieder  _ aus  seiner  Vergessenheit  hervoigeho.t 
und  zu  Ansehen  und  Würden' gebracht. 

Zwei  weitere  ausländische  Drogen,  welche  sich  der  grössten  Be¬ 
liebtheit  erfreuten,  sind  die  Senega  und  Ipekakuanha.  Beide  stellten 
ausgezeichnete  Expektorantien  dar,  welche  allgemein  verordnet  _  wur- 
den  Heute  jedoch  verbietet  dieses  ihr  ins  Unermessliche  gesteigerte 
Preis.  Ihre  Wirksamkeit  beruht  auf  dem  Gehalt  an  auswurflösendcm 
Saponin  bezw.  emetisch  wirkendem  Alkaloid.  Es  lag  nahe,  dass  man 
sich  nach  vollwertigen  deutschen  Ersatzdrogen  umsah,  die  man  auch 
bald  in  den  Wurzeln  unserer  häufigsten  Frühlingsblumen,  dem  Him¬ 
melsschlüssel  und  dem  Veilchen  fand.  Beide  stehen  uns  bei  efniger- 
massen  systematisch  betriebener  Sammeltätigkeit  in  reichliche!  Mengt 
zur  Verfügung.  Durch  geeigneten  Anbau  lassen  sich  die  Voirate  ms 
Unermessliche  steigern,  da  sie  als  typische  Unkräuter  wenig  Anfor¬ 
derungen  an  Standort  und  Kultur  stellen. 

Im  nachstehenden  sollen  unsere  Kenntnisse  über  beide  Drogen 
eingehend  gewürdigt  werden.  An  erster  Stelle  steht  die_  Primelwurzel. 
Als  erster  berichtete  über  sie  Joachim  owitz  111,  welcher  die 
Droge  als  sehr  wirksames,  angenehm  schmeckendes  und  verhältnis¬ 
mässig  billiges  Expektorans  empfiehlt.  Ihre  Wirkung  beruht  in  der 
Hauptsache  auf  dem  Gehalte  an  Saponinen,  welcher  etwa  ebenso  gross 
wie  der  der  Quillajarinde  und  fünfmal  so  stark  wie  bei  frischgetrock- 

!  neter  Senegawurzel  ist.  ..  ..  , 

Was  ick y  \2]  bestätigt  diese  Angaben  vollständig.  Nach  seinen 
|  Versuchen  ist  die  Wirkung,  fünfmal  so  stark  wie  die  von  Radix  Senegae. 

1 _ 2  proz.  starke  Abkochungen  haben  sich  in  der  Heilkunde  bewährt. 

Nach  den  erzielten  Ergebnissen  hält  er  die  heimische  Radix  Primulae 
dazu  berufen,  die  teuren  Auslands  drogen  zu  verdrängen  und  sich  be¬ 
sonders  in  der  wichtigen  Kassenpraxis  gut  einzubürgern. 

In  einer  späteren  ausführlichen  Mitteilung  { 3 J  würdigt  er  noch¬ 
mals  eingehend  die  Primelwurzel  als  vorzügliches,  auswurfförderndes 
Heilmittel  bei  Erkrankungen  der  Luftwege,  hebt  aber  auch  ihre  aus¬ 
gesprochen  harntreibende  Wirkung  hervor. 

Die  Pflanze  entwickelt  aus  einem  Wurzelstocke  alljährlich  neue 
blühende  Sprosse  und  Wurzelfasern.  Der  Wurzelstock  mit  den  anhän¬ 
genden  reichlichen  Nebenwurzeln  enthält  sehr  grosse  Saponinmengen, 
ungefähr  8—10  Proz.,  also  genau  so  viel  wie  die  Ouillajarinde,  und 
gehört  somit  zu  den  an  Saponin  reichsten  Drogen.  Die  Blätter  enthalten 
auch  Saponin,  aber  nur  etwa  2  Proz.  Am  geeignetsten  als  Expektorans 
sind  somit  die  unterirdischen  Teile  der  Primel.  Die  Aehnlichkeit  in  den 
chemischen  Verhältnissen  der  Senega  und  Primula  und  damit  ihre  Eig¬ 
nung  für  ihre  gegenseitige  Vertretung  wird  noch  erhöht  durch  die  An¬ 
wesenheit  von  Glukosiden,  die  bei  der  hydrolytischen  Spaltung  stark 
riechende  Derivate  der  Salizylsäure  liefern,  bei  der  Senega  den 
Methylsalizylsäureester,  in  der  Primel  das  Methooxylderivat  des  glei¬ 
chen 'Esters  und  eines  nahen  Verwandten,  des  Resorzylsäureesters. 
Letztere  bedingen  den  angenehmen,  an  Anis  erinnernden  Geruch  der 
an  der  Luft  getrockneten  Wurzelorgane. 

Man  gewinnt  die  Droge  „Radix  Primulae“  durch  Ausgraben  der 
bewurzelten  Wurzelstöcke  von  Primula  officinalis  L„  Primula  elatior  L. 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


51 


und  Primula  vulgaris  L.  Als  praktischste  Sammelzeit  kommt  das  Früh¬ 
jahr,  während  der  Blütezeit,  in  Frage,  da  so  am  ehesten  Verwechselun¬ 
gen  ausgeschaltet  werden.  Die  geernteten  Wurzeldrogen  werden  von 
anhaftenden  erdigen  Verunreinigungen  gereinigt  und  an  der  Luft  ge¬ 
trocknet.  Um  die  Rentabilität  des  Sammelns  und  einer  eventuellen 
Kultur  zu  steigern,  könnte  man  auch  die  Blätter  verwenden,  entweder 
.in  der  vierfachen  Dosis  wie  die  Wurzel  als  Expektorans  „Folia  Pri- 
mulae“,  oder  Blätter  und  Wurzeln  gleichzeitig  als  „Herba  Primulae  cum 
radice“  in  den  Handel  bringen.  Ausserdem  käme  die  Verarbeitung 
der  Blätter  auf  technisch  verwertbares  Saponin  in  Frage. 

Kofler  Ml  lässt  die  Droge  während  der  Blütezeit  im  April  und 
Mai  sammeln.  Auch  er  fand  in  der  getrockneten  Wurzel  8 — 10  Proz. 
Saponin  und  spricht  sie  als  vollwertigen,  einheimischen  Ersatz  für  Radix 
Senegae,  Cortex  Quillajae,  Radix  Saponariae  und  teilweise  auch  für 
Radix  Ipecacuanhae  an.  Die  auswuirffördernde  und  hustenstillende 
Wirkung  eines  Dekokts  1,2 — 2,0  zu  90,0,  Sol.  Saccharin  ad  100.0  ent¬ 
spricht  derjenigen  eines  zwei-  bis  viermal  so  starken  Dekoktes  von 
Radix  Senegae. 

Die  gute  Verwendbarkeit  der  Primelwurzel  als  Expektorans  an 
Stelle  der  Senega  steht  also  einwandfrei  fest.  Es  wäre  zu  verwundern 
gewesen,  wenn  eine  Droge,  welche  so  wohlcharakterisierte  und  relativ 
leicht  isolierbare  Inhaltsstoffe  enthält,  nicht  schon  genauer  untersucht 
w'äre.  So  findet  man  denn  auch  im  Schrifttum  eingehende  Mitteilungen 
über  die  einzelnen  Inhaltsstoffe. 

Der  Saponinanteil  wurde  von  M  a  s  s  o  n  [5]  näher  erforscht.  Er 
erhielt  nach  einem,  von  ihm  näher  beschriebenen  Verfahren  reichliche 
Mengen  Saponin,  von  ihm  Primulinsäure  genannt,  welches  wohl¬ 
definierte  Salze  gibt  und  durch  Kochen  mit» verdünnter  Schwefelsäure 
in  Primuligen  insäure  und  einen  reduzierenden  Zucker  gespal¬ 
ten  wird. 

Die  riechenden  Bestandteile  sind  sehr  eingehend  von  Goris  und  seinen 
Mitarbeitern  [6,  7,  8,  9,  10]  untersucht  worden.  Die  frischen  Wurzeln  der 
meisten  Primulaarten  entwickeln  beim  Zerquetschen  oder  Trocknen 
mehr  oder  weniger  rasch  einen  zuerst  an  Anis,  weiterhin  an  Salizyl¬ 
säuremethylester  bezw.  -Amylester  erinnernden  Geruch,  dessen  Trä¬ 
ger,  der  sog.  Primula  kämpfe  r,  jedoch  in  der  frischen  Wurzel  nicht 
präexistiert,  sondern  erst  durch  die  Einwirkung  des  Enzyms  Prim- 
verase,  eines  nahen  Verwandten  der  Betulase.  auf  die  beiden  Gluko- 
side  Prim  verin  und  Primulaverin  gebildet  wird.  Bei  dieser 
hydrolytischen  Spaltung  entstehen  der  stark  riechende  ß-Methoxy- 
resorzylsäuremethylester  und  der  sich  ebenfalls  durch  an¬ 
genehmen  Geruch  auszeichnende  m-Methoxysalizylsäure- 
methylester  neben  einer  Biose.  welche  bei  stärkerer  Hydrolyse 
in  Glukose  und  X  y  1  o  s  e  zerfällt.  Diese  Biose  ist  der  einzige  bis 
jetzt  bekannte  zusammengesetzte  Zucker,  welcher  Xylose  enthält. 

Wir  haben  also  in  der  Primelwurzel  nicht  nur  einen  vollwertigen 
Ersatz  für  Senega,  sondern  sogar  noch  eine  erhöhter  wirksame  Droge, 
welche  in  Bezug  auf  ihre  wertbestimmenden  Bestandteile  bei  fast  voll¬ 
ständiger  Identität  jene  nach  Quantität  bei  weitem  übertrifft. 

Wie  steht  es  nun  mit  der  Ipekakuanha?  Für  diese  kommt  als 
■wertbestimmender  Faktor  ausschliesslich  das  Alkaloid  Emetin,  der  Trä¬ 
ger  der  emetischen  Wirkung  in  Frage.  Auch  hier  bietet  uns  unser 
deutsches  Vaterland  einen  brauchbaren  Ersatz.  Dies  ist  die  Wurzel 
unseres  lieblichsten  Frühlingsbliimleins.  des  wohlriechenden  Veilchens, 
Viola  odorata  L. 

Bei  den  Alten  war  die  ganze  Pflanze  (Wurzeln,  Blätter,  Blüten, 
Samen)  ein  hochangesehenes  Arzneimittel.  Infolge  ihrer  brechen¬ 
erregenden  Wirkung  benutzte  man  sie  zunächst  als  Brechmittel  selbst, 
dann  aber  auch  in  Abkochungen  und  Extrakten  als  Hustenmittel.  Vor 
allem  war  es  die  Wurzel,  welche  sich  allgemeiner  Anwendung  erfreute. 
Aeusserlich  ähnelt  die  Droge  sehr  der  Ipekakuanha,  sodass  sie  zeitweise 
sogar  unter  der  Bezeichnung  Radix  Ipekakuanha  alba  im  Handel  war. 
Ihr  Geschmack  ist  anfangs  süsslich,  später  reizend  scharf  und  bewirkt 
reichlichen  Speichelfluss. 

Schon  im  Jahre  1825  isolierte  Boullay  Till  aus  der  Veilchen¬ 
wurzel  ein  scharfes,  bitteres  und  giftig  wirkendes  Alkaloid,  welches  er 
wegen  seiner  Aehnlichkeit  mit  dem  Emetin  des  Ipekakuanha  Veil¬ 
chen-Emetin  oder  V  i  o  1  i  n  nannte.  Das  Alkaloid  findet  sich 
auch  in  allen  anderen  Pflanzenfetten,  wenn  auch  in  geringerer  Menge 
und  ist  dort  an  Apfelsäure  gebunden. 

Nach  neueren  Untersuchungen  scheint  das  Boullay  sehe  Veil¬ 
chen-Emetin  nicht  rein  gewesen  zu  sein,  doch  liegen  genauere  An¬ 
gaben  über  seine  chemische  Konstitution  noch  nicht  vor.  Es  soll  in 
Wasser  bedeutend  leichter  löslich  sein  als  das  Ipekakuanha-Emetin. 
Ueber  seine  physiologische  Wirksamkeit  liegen  Versuche  von 
Orfila  ri2]  an  Hunden  und  von  Chomel  fl 3]  an  Menschen  vor. 
welche  grosse  Aehnlichkeit  mit  dem  Ipekakuanha-Emetin  ergeben.  In 
der  Folgezeit  finden  sich  ähnliche  Angaben  über  die  Veilchenwurzel. 
ihre  Bestandteile  und  Wirksamkeit  in  allen  pharmakognostischen  Sam¬ 
melwerken,  doch  scheint  ihrer  allgemeinen  Einführung  als  Emetikum 
bezw.  Hustenmittel  die  nicht  unbeschwerliche  Einsammlung  geschadet 
zu  haben,  sodass  im  neuerer  Zeit  die  Droge  vollständig  vom  Markte 
verschwunden  war,  bis  vor  zwei  Jahren  O.  Linde  [Ml  wieder  warm 
für  ihre  Einsammlung  und  Verwendung  anstelle  der  Ipekakuanha  ein¬ 
trat.  In  seiner  schönen  Arbeit  findet  sich  auch  eine  reiche  Literatur¬ 
zusammenstellung  über  die  Veilchenwurzel:  Aus  seinen  Untersuchun¬ 
gen,  auf  die  hier  nicht  näher  eingegangen  werden  kann,  folgert  er, 
dass  die  ähnliche  Wirkung  der  Veilchenwurzel  gegenüber  der  Ipeka¬ 
kuanha  nicht  bezweifelt  werden  kann.  Wenn  sie  auch  kaum  als 
direktes  Emetikum  in  den  Arzneischatz  Aufnahme  finden  kann,  so  bietet 


sie  als  Expektorans  einen  guten  Ersatz  für  die  teure  und  schwer  zu 
beschaffende  Ipekakuanha. 

Ich  glaube  mit  dem  vorstehend  Gesagten  den  bündigen  Beweis 
erbracht  zu  haben,  dass  es  uns  sehr  wohl  möglich  ist,  die  beiden 
fremdländischen  Drogen  Senega  und  Ipekakuanha  durch  leicht  zu  be¬ 
schaffende  einheimische  Pflanzenteile,  die  Primelwurzel  bezw.  Veilchen¬ 
wurzel  vollwertig  zu  ersetzen.  Es  ist  nur  mit  Freuden  zu  begriissen. 
dass  die  Hamburger  Firma  E.  Tos  sei  &  Co.  die  Einsammlung  und 
Verwertung  dieser  deutschen  Drogen  energisch  in  die  Hand  genommen 
hat.  Seit  kurzer  Zeit  bringt  sie  unter  der  Bezeichnung  P  r  i  m  u  1  a  t  u  m 
T  o  s  s  e  ein  nach  patentiertem  Perextraktiv-Verfahren  hergestelltes 
Fluidextrakt  aus  beiden  Drogen  in  den  Handel,  welches  mir  zur  Unter¬ 
suchung  Vorgelegen  hat.  Es  stellt  eine  dunkelbraune,  aromatisch  rie¬ 
chende  Flüssigkeit  dar,  welche  bei  der  Analyse  einmal  den  intre- 
grierenden  Primelanteil,  das  Saponin,  in  einer  Mengte  von  6.42  Proz., 
andererseits  den  Veilchenanteil,  das  Veilchen-Emetin,  in  einer  Menge 
von  0,49  Proz.  ergab.  Die  vergleichende  Untersuchung  eines  SenCga- 
fluidextraktes  (1  :  1)  ergab  dagegen  nur  4,49  Proz.  Saponin.  Das  Pri- 
mulatum  übertrifft  somit  bei  weitem  das  Senegaextrakt  und  stellt  da¬ 
durch  eine  äusserst  glückliche  Arzneizubereitung  dar.  welche  die  guten 
Eigenschaften  der  Senega  und  Ipekakuanha  in  idealer  Weise  mit¬ 
einander  verbindet  und  meines  Erachtens  dazu  berufen  ist.  sich  einen 
geachteten  Platz  unter  den  Expektorantien  zu  erwerben,  wobei  ständig 
zu  berücksichtigen  ist,  dass  es  sich  hier  um  ein  Produkt  handelt, 
welches  dazu  ausersehen  ist.  uns  vom  Fremdmarkte  frei  zu  machen 
zum  Nutzen  und  Frommen  unseres  armen  deutschen  Vaterlandes. 

Es- sei  noch  hervorgehoben,  dass  Mischungen  von  20—30  g  Primu- 
latum  mit  200  g  Wasser  völlig  klar  bleiben;  eine  Ausfällung  von  Ballast¬ 
stoffen  macht  sich  nicht  bemerkbar.  Kombinationen  mit  Liquor  Ammon, 
anisat..  Aqua  amygd.  amar.  und  Tinct.  Opii  benzoic.  sind  ebenso  wie 
bei  den  Senega-  und  Ipekakuanhazubereitungen  möglich. 

Literatur. 

1.  Robert  Joachimowitz:  W.kl.W.  1920,  Nr.  33,  S.  606.  — 
2.  Richard  Wasicky:  Pharm.  Post  1920,  Nr.  53.  S.  202.  —  3.  Richard 
W  a  s  i  c  k  y:  Heil-  und  Gewürzpflanzen,  1921.  Nr.  4,  S.  49.  —  4.  L.  K  o  f  1  e  r: 
Zschr.  d.  Allgem.  österr.  Apoth. -Verein  1921,  Nr.  59,  S.  79.  —  5.  Georg 
IVlasson:  Bull.  d.  Sciences  Pharmacol.  1912,  Nr.  18,  S.  699.  —  6.  A.  Goris 
und  J.  Du  eher:  Bull.  d.  Sciences  Pharmacol.  1906.  Nr.  13,  S.  536.  — 

7.  A.  Goris  und  M.  Masere:  Comptes  rendus  1910,  149,  S.  947.  — 

8.  A.  Goris.  M.  Masere  und  Ch.  Vischniac:  Bull.  d.  Sciences 
Pharmacol.  1912.  Nr.  19,  S.  577  und  648.  —  9.  A.  Goris  und  Ch.  Vich- 
niac:  Comptes  rendus  1920,  169,  S.  871.  —  10.  Dieselben:  Comptes 
rendus  1920,  169,  S.  975.  —  11.  Boullay:  Arch.  d.  Apotheker-Vereins 
im  nördlichen  Deutschland  1825,  Nr.  13,  S.  173.  —  12.  Orfila:  Memoires 
de  l’Acad.  med.  1828,  410.  —  13.  Chomel:  Memoires  de  l’Acad.  med. 
1828,  443.  —  14.  O.  Linde:  Apotheker-Ztg.  1919,  Nr.  34,  S.  37. 


Die  Ausflockungsreaktion  zur  Diagnose  der  Syphilis  als 
Allgemeingut  des  praktischen  Arztes. 

Von  Dr.  Richard  Weiss,  Freiburg  i.  Br. 

Durch  die  Ausflockungsreaktionen  nach  Sachs-Georgi  und 
Me  in  icke,  und  insbesondere  die  Trübungsreaktion  nach 
Dold,  ist  die  serologische  Untersuchung  auf  Syphilis  dem 
praktischen  Arzte  möglich  geworden.  Dieses  ist  besonders 
für  den  Landarzt  wichtig,  der  oft  das  Untersuchungsmaterial 
oder  auch  den  Patienten  selbst  nach  der  Stadt  schicken  musste1,  um 
dort  diese  Untersuchung  in  einer  Klinik  oder  einem  Laboratorium  aus¬ 
führen  zu  lassen.,  wenn  er  nicht  sogar  unter  Umständen  ganz  auf  dieses 
wichtige  diagnostische  Hilfsmittel  verzichten  musste.  Von  noch 
grösserer  Bedeutung  ist  die  Vereinfachung  dieser  Reaktion  für  den  iso¬ 
liert  arbeitenden  Arzt  im  Auslände,  der  eo  ipso  auf  sich  allein  an¬ 
gewiesen  ist 

Die  Ausflockungsreaktionen  können  die  Wassermann  sehe  Re¬ 
aktion,  deren  Ausführung  für  den  praktischen  Arzt  gar  nicht  in  Frage 
kommt,  nahezu  ersetzen.  Sie  stimmen  in  ca.  90  Proz.  mit  der  Wasser¬ 
mannreaktion  überein.  In  den  restlichen  Fällen1  ist  bisweilen  die 
Wassermannreaktion  positiv  bei  negativen  Flockungsreaktionen  oder  die 
Wassermannreaktion  negativ  bei  positiven  Flockungsreaktionen.  Be¬ 
sonders  häufig  ist  das  letztere  der  Fall  bei  primärer  Lues.  Die  Wasser¬ 
mannreaktion  ist  den  Flockungsreaktionen  überlegen  durch  den  Indi¬ 
kator,  die  Hämolyse,  die  auch  geringe  Hemmungen  erkennen  lässt, 
während  die  Flockungsreaktionen  technisch  einfacher  ausführbar  sind. 

Die  Ausführung  der  beiden  Reaktionen  geschieht  in  dem  speziellen 
Besteck  in  folgender  Weise: 

Man  bereitet  sich  zunächst  die  benötigte  Extraktverdünnung,  indem  man 
für  jede  Untersuchung  0,1  ccm  Extrakt  mit  der  fünffachen  Menge  0,85  proz. 
Kochsalzlösung  verdünnt  und  sich  eine  gleichartige  Alkoholverdiinnung  her¬ 
stellt,  indem  man  also  für  jeden  Versuch  0,1  ccm  96  proz.  Alkohol  mit  der 
fünffachen  Menge  gleicher  Kochsalzlösung  verdünnt.  Von  diesen  Verdün¬ 
nungen  benötigt  man  für  jeden  Versuch  0,5  ccm.  Ausserdem  setzt  man  zu 
gleicher  Zeit  noch  eine  Extraktverdünnung  an.  die  als  Extraktkontrolle  dient, 
sowie  am  besten  auch  bei  der  WaR.  eine  Kontrolle  mit  sicher  positivem 
und  eine  solche  mit  sicher  negativem  Serum  an.  Die  genauere  Ausführung 
gestaltet  sich  also  für  die  Sachs-Georgi  sehe  Reaktion  folgendermassen : 

Kochsalzlösung:  Man  löst  1  Tablette  des  Salzes  in  10  ccm  dest.  Wasser. 

Extraktherstellung:  Man  füllt  Extrakt  bis  zur  Marke  1,0  des  Extrakt¬ 
verdünnröhrchens,  schwenkt  gut  um  und  füllt  noch  weiter  Kochsalzlösung  bis 
zur  Marke  2,5  ccm  oder  aber,  wenn  mehr  als  vier  Versuche  zu  gleicher 
Zeit  angestellt  werden  sollen,  Extrakt  bis  zur  Marke  1  ccm,  Salzlösung  erst 


5? 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


c'  -  '  :;'v_ "  . 


L 


*  I  1 1 


'I  "■»  “»  •’?  ri'T 

1  J  1  Q__ 


bis  2,0,  dann  nach  kurzem  Umschwenken  bis  zur  Marke  5,0,  setzt  den 
S'^sd^uf  unj|  mischt  jutd»,,!,.  ^  ^  ^  A,koho,  Marke 

0.5  ccm  in  das  »Ikoholverdünnnnüsrohr  und  bei 

mehr  als  vier  Versuchen 
Alkohol  bis  1  ccm  und 
Kochsalzlösung  bis  5  ccm 
und  mischt  gut  durch. 

Blutentnahme:  Man  . 
entnimmt  ungefähr  5  ccm 
Blut  aus  der  gestauten 
Armvene,  die  man  direkt  in 
das  dafür  bestimmte  Zen¬ 
trifugenglas  füllt  und  einige 
Stunden  stehen  lässt.  Meist 
hat  sich  dann  das  Serum 
klar  abgesetzt,  ev.  muss 
man  nach  Ablösen  des  an 
der  oberen  Glaswand  fest¬ 
sitzenden  Blutkuchens  scharf 
zentrifugieren.  Nur  klar 
zentrifugieren.  Nur  klar  ab¬ 
gesetztes  Serum  ist  zu  ver¬ 
wenden. 

Ansetzen  der  Re¬ 
aktion:  Man  füllt  von 
diesem  Serum  0,2  ccm  mit¬ 
tels  einer  Vollpipette  in  das 
Reagenzgläschen  I  und  ein 
gleiches  Quantum  in  das 
Reagenzgläschen  I  Kontrolle,  nimmt  die  beiden  Einsätze  mit  diesem 
Gläschen  heraus  und  stellt  sie  in  ein  Wasserbad,  das  eine  halbe  Stunde 
lang  auf  einer  Temperatur  von  56°  C  erhalten  werden  muss.  Dann  werden 
die  Einsätze  wieder  herausgenommen  und  in  jedes  Gläschen  0,8_ccm  Kocn- 
Salzlösung  hinzugefügt  und  dann  in  das  Gläschen  der  unteren  Reihe  (Haupt- 
versuch)  0,5  ccm  Extraktverdünnung,  in  das  Gläschen  der  oberen  Reihe  (Kon¬ 
trolle)  0,5  ccm  Alkoholverdünnung.  Dann  stellt  man  die 

Extraktkontrolle  an,  indem  man  in  das  betreffende  Röhrchen 
0,8  ccm  Kochsalzlösung  und  0,5  ccm  Extraktverdünnung  gibt,  desgleichen  die 
2  Serumkontrollen,  indem  man  obigen  Hauptversuch  mit  je 
einem  sicher  positiven  und  einem  sicher  negativen  Serum  anstellt.  Die 
schematische  Ausführung  zeigt  nun  folgendes  Bild: 


den.  Es  gehört  auch  etwas  Uebung  im  Ablesen  der  Flockung  zu  einem 
sicheren  Erfolg.  Man  kann  sich  einer  Lupe  bedienen  oder  aber  noch 
besser  des  Agglutinoskopes  nach  K  u  h  n  und  W  o  i  t  h  e,  mit  welchem 
man  eine  dreifache  Vergrösserung  erhält.  Ein  noch  neueres  Instru- 
ment,  welches  die  Tyndallbeleuchtung  mit  der  Möglichkeit  stärkerer, 
nach  Belieben  zu  variierender  Vergrösserung 

skoo  nach  D  o  1  d.  Es  ermöglicht  in  einfacher  Weise  die  Betrachtung 
von  Einzelteilchen  kolloidaler  resp.  grobdisperser  Flüssigkeiten  bei 
einer  10— 500  fachen  Vergrösserung  je  nach  Wahl  der  Vergrosserungs- 
s\f  s  t  cm  c 

Durch  Oskar  Skalier  AG.,  Berlin,  Johannisstr.  20/21  zu  beziehen. 


Hf  f  ■!  1  i  i  r 

'  i  i  ü  rl  r  r 

ciu  m u  u  d. . 


1  Haupt¬ 
versuch 

1.  Kontrolle 

Extrakt- 

Kontrolle 

Sicher  + 

Sicher  — 

Serum  0,2  ccm 
Salzlösung 

0,8  ccm 
Extrakt- Verd. 
0,5  ccm 

Serum '0,2  ccm 
Salzlösung 

0.8  ccm 
Alkohol-Verd. 
0,5  ccm 

Salzlösung 

0,8  ccm 
Extrakt-Verd. 
0,5  ccm 

Serum  0,2  ccm 
Salzlösung 

0,8  ccm 
Extrakt-Verd. 
0,5  ccm 

Serum  0,2  ccm 
Salzlösung 

0,8  ccm 
Extrakt-Yerd. 

0  5  ccm 

Man  schüttelt  nun  gut  um  und  stellt  das  Gestell  auf  12-  20  Stunden 
in  den  Brutschrank  oder  in  ein  Wasserbad  von  37  .  Zur  Not  kann  das 
Gestell  auch  auf  einen  gleiohmässig  warmen  Platz  über  der  Heizung  autge- 
stellt  werden,  jedoch  leidet  dann  die  Empfindlichkeit  der  Reaktion.  Dann 
werden  die  Gestelle  aus  dem  Brutschrank  herausgenommen  und  die  Reaktion 
abgelesen. 

Bei  den  sicher  syphilitischen  Seren  tritt  in  der  klaren  oder  leicht 
opaleszierenden  Flüssigkeit  eine  deutliche  Flockung  auf,  die  sich  mit 
dem  blossen  Auge  nur  schlecht,  mit  einer  Lupe  aber  ziemlich  gut  be¬ 
merken  lässt,  wenn  man  das  Röhrchen  gegenüber  der  schwarzen  Glas¬ 
platte  betrachtet,  mit  der  Hand  dreht  und  gleichzeitig  durch  die  hupe 
betrachtet. 

Die  Meinickesche  Reaktion  lässt  sich  mit  demselben  Besteck 
ausführen  und  gestaltet  sich  ähnlich.  Es  wird  hierbei  jedoch  statt  einer 
0,85  proz.  Kochsalzlösung  eine  2  proz.  Lösung  benützt,  die  man  sich  dadurch 
herstellt,  dass  man  3  Tabletten  Kochsalz  in  dest.  Wasser  in  dem  hierfür 
vorgesehenen  Röhrchen  zur  Auflösung  bringt.  Die  verwendete  Extraktmenge 
ist  wie  bei  der  S.-G.-Reaktion  0,1  ccm  sowohl  für  jeden  Hauptversuch  wie 
für  die  Kontrollen.  Man  stellt  die  Verdünnung  her,  indem  man  zu  der  not¬ 
wendigen  Extraktmenge  die  Hälfte  destilliertes  Wasser  gibt,  1  Stunde  stehen 
lässt  und  nun  schnell  2  proz.  Kochsalzlösung  in  7  facher  Menge.  Auch 
für  diese  Erxtaktverdünnung  ist  ein  spezielles  Verdünnungsröhrchen  vorge¬ 
sehen,  in  welchem  man  Extrakt  bis  zur  Marke  0,5,  dazu  Wasser  bis  0,75 
gibt  und  dann  vorsichtig  umschwenkt,  wobei  eine  leichte  Trübung  auftritt. 
Dann  fügt  man  nach  1  Stunde  Salzlösung  bis  3,5  oder  aber  Extrakt  bis  1,0, 
Wasser  bis  1,5  und  später  Salzlösung  bis  7  ccm  zu.  Nach  der  Original- 
Vorschrift  ist  nach  dem  Zusetzen  des  Wassers  1  Stunde  zu  warten,  was 
aber  keine  Vorteile  bietet.  Von  der  Extraktverdünnung  gebraucht  man 
0,8  ccm  für  jedes  zu  untersuchende  Serum,  und  kann  auch  diese  Menge 
direkt  aus  dem  Extraktverdünnungsröhrchen  ausmessen. 

Ausführung  der  Untersuchung:  Man  füllt  0,2  ccm  gut  ab¬ 
gesetztes,  klares  Serum  in  das  Röhrchen  und  stellt  es  20  Minuten  lang  in 
ein  Wasserbad  von  56°  .  Dann  wird  der  Einsatz  herausgenommen  und 
0,8  ccm  direkt  aus  dem  Extraktverdü'nnungsröhrchen  von  dem  Extrakt  zuge¬ 
setzt.  Weiter  ist  nur  noch  eine  Extraktverdünnung  nötig.  Man  füllt  in  das 
Extraktkontrollröhrchen  0,8  ccm  Extraktverdünnung  ohne  weiteren  Zusatz. 
Das  stellt  man  auf  ca.  20  Stunden  in  den  Brutschrank  und  liest  wie  oben 
ab  Die  Flockung  ist  gewöhnlich  etwas  gröber  und  leichter  zu  sehen,  als 
bei  der  S.-G.-Reaktion.  Dagegen  ist  meist  die  ganze  Flüssigkeit  etwas 
weniger  klar.  Feinste,  eben  sichtbare  Flockung,  die  auch  in  der  Extrakt¬ 
kontrolle  vorkommt,  ist  nicht  als  positiv  zu  deuten.  Ein  sicher  positives 
und  negatives  Serum  ist  auch  hier  mit  anzusetzen.  Das  positive  Serum 
muss  deutlich  grobe  Flockung  ergeben,  das  negative  und  die  Extraktkontrolle 
dürfen  diese  Flockung  nicht  zeigen. 

Peinlich  sauberes  Arbeiten  ist  unbedingt  nötig;  es  muss  jede  Ver¬ 
unreinigung  der  Pipetten,  Gläser,  Kochsalzlösung  usw.  vermieden  wer- 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  München. 

(Direktor:  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  Döderlein.) 

Ueber  die  schmerzlose  Geburt. 

Von  E.  Zweifel. 

In  einem  längeren  Artikel  in  der  M.m.W.  Nr.  42  spricht  sich 
Nassauer  über  die  schmerzlose  Geburt  und  über  den  Dämmer- 

S  dl  1  cif  <lliS  • 

Die  Forderung,  die  in  der  Tagespresse  ausgesprochen  worden  ist, 
dass  jede  Frau  gesetzlich  der  schmerzlosen  Entbindung  teilhaft  wer¬ 
den  müsse,  ist  natürlich,  wie  auch  Nassauer  sagt,  vollkommen 
sinnlos  denn  zur  Durchführung  des  Dämmerschlafs  gehört  eine  beson¬ 
dere  Uebung.  die  sich  jede;  Geburtshelfer  erst  erwerben  muss  und  die 
niemals  Allgemeingut  jeden  Arztes  werden  wird.  Natürlich  kann  man 
mit  Ausnahme  von  Kaiserschnitt  und  Hebosteotomie  Jede  geburtshilf¬ 
liche  Operation  im  Privathause  ebensogut  wie  in  der  Klinik  austuhren. 
Auch  der  Dämmerschlaf  kann  selbstverständlich  im  Privathause  aus¬ 
geführt  werden;  er  ist  keineswegs  das  Monopol  der  Kliniken,  aber  er 
erfordert  die  dauernde  Kontrolle  durch  den  Arzt.  Das  eben  Gesagte 
gilt  nur  für  den  Dämmerschlaf  und  das  ist  etwas  ganz  anderes  als 
eine  Injektion  von  Laudanon-Skopolamm,  die  manchmal  wohl  eine  ge¬ 
wisse  Schmerzherabsetzung  bringt,  aber  in  vielen  anderen  Fallen  gar 
nichts  nützt.  Nie  hat  übrigens  ein  Kliniker  den  Dämmerschlaf  für  die 
Kliniken  reserviert  haben  wollen;  jedenfalls  habe  ich  diese  Forderung 
nirgends  in  der  Literatur  finden  können.  . 

Wenn  Nassauer  die  Geburt  mit  den  dabei  empfundenen 
Schmerzen  als  „den  Höhepunkt  der  Lebensbetätigung“  im  Leben  einer 
Frau  bezeichnet,  so  muss  ich  gestehen,  dass  ich.  einigermassen  über 
diesen  Ausspruch  erstaunt  war.  Viele  Frauen  können  gar  nicht  aui- 
hören,  von  den  Schmerzen  bei  ihrer  ersten  Geburt  zu  sprechen,  das 
erleben  wir  täglich.  Sehr  viele  Frauen  kommen  doch  erfahrungsgemass 
mit  dem  intensiv  geäusserten  Wunsche  zum  Arzt,  schmerzlos  ent¬ 
bunden  zu  werden,  darunter  auch  sehr  viele  Mehrgebärende.  Und 
wer  von  den  Lesern  denkt  wohl  gerne  an  überstandene  Schmerzen 
zurück!  Diese  Frage  möchte  ich  auch  Herrn  Nassauer  vorlegen. 

Als  Ziel  des  Dämmerschlafes  gilt  nach  Krönig.  Gauss  u.  a. 
die  Erreichung  einer  Amnesie  über  den  Geburtsvorgang.  Diese  ist 
nicht  Selbstzweck,  sondern  sie  dient  lediglich  dazu,  die  Erinnerung 
an  vielleicht  noch  verspürte  Schmerzen  vergessen  zu  machen  Denn 
Schmerzen,  von  denen  man  in  der  Erinnerung  nichts,  weiss.  die  sind 
gewissermassen  nicht  vorhanden  gewesen.  Also,  die  vollkommene 
Schmerzstillung  erreicht  man  nur  dann  sicher,  wenn  man  die  Amnesie 
herbeiführt.  Es  sei  zugegeben,  dass  wir  uns  oft  mit  einer  Schmerz¬ 
herabsetzung  auch  ohne  Amnesie  begnügen  können,  wenn  diese  nur 
eine  genügende  ist.  Wir  brauchen  also  nicht  unbedingt  .Narkotika 
weiterzugeben,  wenn  die  Kreissende  noch  wach  ist,  aber  nicht  mehr 
über  Schmerzen  klagt;  aber  wir  werden  dann  oft  erleben,  dass 
die  stärkeren  Schmerzen  beim  Durchtreten  des  Kopfes  noch  empfunden 
werden  und  der  Patientin  in  Erinnerung  bleiben.  Sie  ist  dann  un¬ 
zufrieden  und  fühlt  sich  in  ihrer  Erwartung  und  in  den  ihr  gegebenen 

Versprechungen  getäuscht.  ,  ..  , 

Nach  dem  schematischen  Dämmerschlaf  von  Siegel  mussten  m 
der  Tat  im  Laufe  einer  Geburt  15—20  Einspritzungen  gegeben  werden. 
Der  schematische  Dämmerschlaf  ist  bereits  von  Gauss  u.  a.  ao- 
gelehnt  worden  und  auch  Nassauer  lehnt  ihn  ab.  Auch  wir.  haben 
uns  nicht  mit  diesem  befreunden  können,  vor  allem  weil  wir  eine 
zweimalige  Injektion  von  0,00045  Skopolamin  innerhalb  einer  Stunde 
für  zu  hoch  halten  und  mit  weit  geringeren  Dosen  immer  recht  gute 
Resultate  erzielt  haben  (vgl.  E.  Zweifel,  Mschr.  f.  Geb.  u.  Gyn., 
1912,  Bd.  36,  Mschr.  f.  Geb.  u.  Gyn.,  1913,  Bd.  38,  Prakt.  Ergehn, 
d.  Geb.  u.  Gyn.,  Bd.  8).  Gauss  und  ebenso  auch  wir  haben  gleich¬ 
falls  ein  Schema,  aber  mit  viel  geringeren  Dosen,  für  den  Dämmer¬ 
schlaf  angegeben.  Es  sei  aber  ausdrücklich  betont,  dass  das  Schema 
nur  eine  Anleitung  für  die  Ausführung  sein  soll  und  dass  selbstver¬ 
ständlich  auf  Grund  dieses  Schemas  je  nach  Lage  des  Falles  individuali¬ 
siert  werden  muss.  „  .  ,  .  ,  ,  .  ,  .  , 

Die  Ansicht  von  Nassauer,  dass  alle  Opiumderivate  gleich  sind, 
ist  irrig.  So  ist  das  Pantopon  unbedingt  in  seiner  Wirkung  wechselnd, 
je  nachdem  welche  Opiumsorte  für  die  Herstellung  verwendet  worden 
ist.  Das  Narkophin  wirkt  stärker  muskelerschlaffend  als  das  Mor¬ 
phium  und  das  Laudanon.  Einzelheiten  über  diese  Mittel  sind  aus 
den  einschlägigen  Arbeiten  zu  ersehen. 

Wenn  man  die  Gründe,  warum  von  manchen  Seiten  der  Dämmer¬ 
schlaf  abgelehnt  worden  ist,  kritisch  betrachtet,  so  zeigt. sich,  dass  eben 
manche  dagegen  angeführten  Tatsachen  nicht  mehr  richtig  sind.  Manche 
Autoren  haben  auf  einige  Fehlschläge  hin  den  Dämmerschlaf  abgelehnt, 


13.  Januar  1922.  •  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.  53 

— - 


bei  anderen  mögen  Fehler  der  Technik  Vorgelegen  haben;  ein  wirklich 
stichhaltiger  Grund,  um  den  Dämmerschlaf  a  limine  abzulehnen,  be¬ 
steht  jedenfalls  nicht;  übrigens  erkennt  ihn  auch  Nassauer  für  eine 
Reihe  von  Fällen  als  eine  empfehlenswerte  Methode  der  Schmerz¬ 
betäubung  an  und  sagt  damit  im  Wesentlichen  das  Gleiche  wie  die 
Anhänger  des  Dämmerschlafes,  von  denen  nie  einer  verlangt  hat,  den 
Dämmerschlaf  wahllos  bei  allen  Geburten  auszuführen. 

Wenn  auch  Siegel  nach  seinem  Schema  eine  grosse  Zahl  von 
Injektionen  fordert,  so  ist  doch  Nassauer  insofern  ein  Irrtum  unter¬ 
laufen,  als  keineswegs  immer  zur  Erzielung  der  Amnesie  so  viele 
Injektionen  nötig  sind,  geht  doch  aus  einer  Reihe  von  früheren  Arbeiten 
hervor,  dass  man  oft  mit  3,  manchmal  auch  schon  mit  2  Einspritzungen 
eine  gute  Amnesie  erzielen  kann.  Was  den  Zeitpunkt  des  B  e  - 
g  i  n  n  s  anlangt,  so  soll  man  dann  mit  der  ersten  Morphium-Skopolamin- 
Injektion  anfangen,  wenn  die  Wehen  regelmässig  in  Zeitabständen 
von  etwa  5  Minuten  auftreten  und  der  Muttermund  etwa  fünfmarkstück- 
bis  kleinhandtellergross  ist.  Zu  diesem  Zeitpunkt  fängt  meist  die  Pa¬ 
tientin  an,  über  stärkere  Schmerzen  zu  klagen.  Natürlich  kann  man, 
wenn  es  nötig  ist,  auch  einmal  früher  anfangen  und  ebenso  auch 
später.  Das  hängt  vom  einzelnen  Fall  ab. 

Wie  steht  es  nun  mit  den  Erregungszuständen?  Ich 
kann  fast  auf  diese  Frage  antworten:  „Wir  kennen  sie  nicht  mehr“ 
Und  solche,  wie  sie  von  Nassauer  geschildert  werden,  haben  wir 
überhaupt  nie  gesehen;  wohl  mehr  öder  minder  starke  motorische  Un¬ 
ruhe.  aber  nicht  in  20  Proz.,  sondern  vielleicht  in  2  Proz.  Und  man 
gehe  einmal  den  wahren  Ursachen  nach;  in  der  Regel  lag  eine  Ueber- 
dosierung  mit  Skopolamin  vor.  Die  Maximaldosis  von  Skopolamin  be¬ 
trägt  jetzt  0,5  mg;  sie  ist  sehr  niedrig,  denn  die  Psychiater  geben 
weit  höhere  Dosen,  bis  2  mg  in  einmaliger  Injektion,  zur  Beruhigung 
bei  Aufregungszuständen.  Das  Skopolamin  kann  nun  gelegentlich  ein¬ 
mal  erregend  wirken  und  offenbar  besonders  leicht  bei  Kreissenden,  die 
sich  ja  bekanntlich  in  einem  Zustand  von  herabgesetzter  Toleranz 
gegen  Narkotika  befinden.  Kommt  es  zu  einem  Erregungszustand, 
so  weiss  der  Erfahrene,  dass  er  ihn  meist  mit  einer  kleinen  Dosis 
Morphium,  etwa  0,005 — 0,01  unterdrücken  kann.  Und  je  grösser  die 
Erfahrung  mit  dem  Dämmerschlaf,  um  so  seltener  werden  die  Auf¬ 
regungszustände. 

Als  weiteren  Gegengrund  führt  Nassauer  an,  dass  ein  wesent¬ 
licher  Prozentsatz  der  Kinder  unter  den  Nebenwirkungen  des  Däm¬ 
merschlafes  leide  und  zwar  dass  14 — 44  Proz.  der  Kinder  „nicht  lebens¬ 
frisch“  geboren  werden.  In  der  Wiener  Klinik  sollen  gar  2  Proz.  der 
Kinder  infolge  des  Dämmerschlafes  tot  geboren  worden  sein.  Es  geht 
aus  der  Angabe  nicht  hervor,  ob  diese  Zahl  die  ganze  Geburtssterb¬ 
lichkeit  der  Kinder  umfasst  oder  die  Sterblichkeit  infolge  des  Däm¬ 
merschlafes. 

Die  Frage  nach  der  Wirkung  auf  das  Kind  ist  die  wichtigste. 
Darüber  sind  sich  mit  Gauss  wohl  alle  Autoren  einig;  „Der  geburts¬ 
hilfliche  Dämmerschlaf  steht  und  fällt  mit  dem  Kind“.  Wie  liegen  denn 
nun  die  Dinge  in  Wirklichkeit?  Es  kann  gar  keine  Rede  von  einer 
Kindermortalität  von  2  Proz.  sein. 

Wir  haben  etwa  15  Proz.  oligopnoische  Kinder  bei  der  Geburt 
gesehen;  aber  dieser  als  Oligopnoe  bezeichnete  Zustand  ist  tatsächlich 
harmlos  und  ich  möchte  dafür  nicht  den  Ausdruck  „nicht  lebensfrisch“ 
gleich  setzen.  Meist  genügt  ein  Anpusten  oder  ein  Bespritzen  mit 
einigen  Tropfen  kalten  Wassers  und  die  Kinder  fangen  an,  tief  zu 
atmen  und  Jaut  zu  schreien. 

Bei  den  ersten  500  Fällen  von  Dämmerschlaf  (1912)  war  nicht 
ein  einziges  Kind  am  Dämmerschlaf  verlorengegangen.  Die  Kinder¬ 
sterblichkeit  war  nicht  grösser  als  sonst  bei  normalen  Geburten;  im 
Gegenteil,  sie  hielt  sich  unter  3  Proz.  und  das  ist  ja  die  normale 
Kindersterblichkeit.  1920  habe  ich  353  Dämmerschlafgeburten  mit  II 
Totgeburten  zusammengestellt.  Die  Todesursache  wurde  in  allen  Fäl¬ 
len  mit  Ausnahme  eines  einzigen  festgestellt;  bei  keinem  einzigen  der 
Fälle  war  irgendein  Zusammenhang  mit  dem  Dämmerschlaf  nach¬ 
zuweisen.  Gauss  (ZbL  f.  Gyn.,  1920,  Nr.  11)  betont,  dass  an  der 
Freiburger  Klinik  die  Kindersterblichkeit  seit  Einführung  des  Dämmer¬ 
schlafes  erheblich  zurückgegangen  sei,  eine  Beobachtung,  die 
Aschoff  gerade  auf  die  das  kindliche  Atemzentrum  abstumpfende 
Wirkung  des  Morphium-Skopolamins  zurückführt;  dadurch  werden  offen¬ 
bar  vielfach  vorzeitige  Atembewegungen  verhindert. 

Was  nun  die  weitere  Frage  nach  einem  dauernden  Schaden  der 
Kinder  betrifft,  so  muss  man  diese  heute  unbedingt  verneinen,  kennen 
wir  doch  eine  ganze  Reihe  von  Kindern,  die  vor  10  Jahren  geboren 
wurden  und  denen  es  heute  genau  so  gut  geht  wie  anderen  Kindern, 
die  ohne  Dämmerschlaf  zur  Welt  kamen.  Warum  sollten  auch  durch 
die  verhältnismässig  geringen  Morphium-Skopolamingaben,  von  denen 
nur  eine  minimale  Menge  auf  das  Kind  übergeht,  die  Kinder  dauernd 
geschädigt  werden?  Sie  müssten  dann  doch  genau  so  gut  durch  Mor¬ 
phium-  oder  Veronalgaben  während  der  Schwangerschaft,  durch  Al¬ 
koholgenuss  oder  durch  eine  Aether-Chloroform-Narkose  während  der 
Geburt  eine  dauernde  Schädigung  bekommen. 

Auf  die  Einwände  von  Gegnern  des  Dämmerschlafes,  dass  die 
schädigenden  Störungen  erst  zwischen  dem  20.  und  30.  Lebensjahr 
in  der  geistigen  Entwicklung  sich  zeigen  würden,  will  ich  nur  die 
Antwort  Hoch  es  zitieren,  der  diese  Einwände  als  widersinnig  und 
ernstlich  nicht  diskutierbar  bezeichnet  hat. 

Eine  wesentliche  Verlängerung  der  Geburtsdauer 
haben  wir,  abgesehen  von  einigen  Versuchsfällen  am  Anfänge,  nicht 
feststellen  können.  Beim  Laudanon  scheinen  die  Wehen  fast  gar  nicht 
beeinträchtigt  zu  werden,  schon  eher  in  manchen  Fällen  beim  Narkophin 


und  Pantopon.  Im  Durchschnitt  glaube  ich  nicht,  dass  bei  richtiger 
Dosierung  eine  Verlängerung  der  Geburtsdauer  von  mehr  als 
11 2 — 1  Stunde  in  Frage  kommt. 

Auch  die  Gesamtoperabilität  ist  nicht  höher  gewesen  wie 
sonst  bei  normalen  Geburten  ohne  Dämmerschlaf.  Für  unsere  ge¬ 
samten  Dämmerschlaffälle  ergab  sich  eine  Zangenfrequenz  von 
ca.  5,5  Proz.  Es  sei  ohne  weiteres  zugegeben,  dass  die  Zangen¬ 
häufigkeit  eine  hohe  ist;  das  liegt  aber  daran,  dass  in  zwei  Serien 
Pantopon-Skopolamin  und  Narkophin-Skopolamin  gegeben  wurden, 
beides  Mittel,  die  später  wieder  aufgegeben  worden  sind,  weil  sie 
offenbar  in  manchen  Fällen  die  Wehentätigkeit  ungünstig  beeinflusst 
hatten.  Das  war  allerdings  meist  nur  vorübergehend  und  Hess  sich 
durch  wehentreibende  Mittel  ausgleichen.  Jedenfalls  ist  niemals  ein 
Schaden  für  die  Mutter  oder  das  Kind  hervorgerufen  worden.  Kampfer 
haben  wir  überhaupt  niemals  nach  der  Geburt  geben  müssen  und 
Sekale  nicht  öfters  wie  sonst  bei  normalen  Geburten. 

Was  die  anderen  Mittel1  der  Schmerzstillung  anlangt,  so  ist 
C'hloraethyl  gewiss  sehr  gut,  aber  ich  rate  doch  zur  Vorsicht  und 
verwende  es  nur  für  den  kurzen  Rausch,  z.  B.  beim  Durchschneiden 
des  kindlichen  Kopfes.  Ein  Mittel  wie  das  Chloraethyl,  das  innerhalb 
einer  halben  Minute  eine  Narkose  herbeizuführen  vermag,  kann  nicht 
ganz  ungefährlich  sein,  also  ist  immer  Vorsicht  dabei1  geboten.  Für 
längeren  Gebrauch  ist  sicher  Chloroform  ä  la  reine  oder  Aether  in  ent¬ 
sprechender  Verwendung  weit  ungefährlicher.  Diese  Anwendungsweise 
ist  so  bekannt,  dass  hier  darauf  einzugehen  nicht  nötig  ist. 

Was  die  Ausführung  des  Dämmerschlafs  anlangt,  so  muss  man 
natürlich  auf  Ruhe  und  Fernhalten  aller  äusseren  Reize  durch  Ver¬ 
dunklung  des  Zimmers  halten.  Eine  Injektion,  wie  sie  Nassauer 
zur  Schmerzstillung  empfiehlt,  genügt  nach  unseren  Erfahrungen  nur 
in  seltensten  Fällen.  Man  muss  regelmässig  nach  3U — 1  Stunde  eine 
zweite  Einspritzung  geben;  mit1  dieser  oder  mit  einer  dritten  Injektion 
ca.  1  Stunde  später  wird  man  in  der  Regel  für  mehrere  Stunden  eine 
genügende  Schmerzherabsetzung,  meist  auch  vollkommene  Amnesie  er¬ 
zielen  können.  Der  Dämmerschlaf,  der  einmal  begonnen  ist,  soll  bis 
zum  Ende  der  Geburt  fortgesetzt  werden,  also  auch  in  der  Aus¬ 
treibungsperiode. 

Wehenmittel  werden  dann  gegeben,  wenn  sie  notwendig  sind. 
Chinin  zu  Beginn  der  Eröffnungsperiode,  Hypophysin  in  der  Aus¬ 
treibungsperiode.  In  den  meisten  Fällen  von  Dämmerschlaf  kommt  man 
ohne  diese  Mittel  aus.  und  wenn  man  sie  braucht,  dann  ist  meistens 
nicht  der  Dämmerschlaf  daran  schuld.  Es  gibt  natürlich  Ausnahme¬ 
fälle;  wenn  eine  Frau  z.  B.  schon  zu  Beginn  der  Eröffnungsperiode 
sehr  über  Schmerzen  klagt  und  nach  träger  Wehentätigkeit  unbedingt 
den  Dämmerschlaf  verlangt,  so  führen  wir  ihn  aus,  geben  aber  gleich¬ 
zeitig  mit  der  ersten  Injektion  Chinin  per  os  oder  in  Form  von 
Injektion,  um  den  Fortgang  der  Geburt  zu  fördern. 

Irgendeine  Giftwirkung  durch  die  Kombination  der  verschiedenen, 
hier  erwähnten  Arzneimittel  ist  nicht  zu  befürchten,  im  Gegenteil,  sie 
sind  völlig  harmlos,  sodass  wir,  wenigstens  für  unsere  Patienten,  den 
Vergleich  mit  einer  giftdurchströmten  Madonna  ablehnen  müssen. 


Ueber  Arteriotomie. 

Von  Prof.  Th.  Gluck-Berlin. 

Habent  sua  fata,  darf  man  nicht  nur  von  Büchern  sagen,  sondern 
auch  die  Methoden  der  praktischen  Medizin  haben  ihre  Schicksale. 
Die  Operation  des  Cauteriasmus,  das  Ferrum  candens  (cauterium 
actuale)  und  die  Moxa,  sowie  die  Aetzmitte!  (cauteria  potentialia),  das 
Skarifizieren,  das  Schröpfen,  das  Blutegelsetzen,  das  Setzen  einer 
Fontanelle  (fonticulus),  das  Ziehen  eines  Haarseiles  bildeten  Methoden, 
die  zwar  zu  der  „petite  Chirurgie“  im  Sinne  der  Franzosen  gehörten, 
aber  diese  Operationen  sind  nach  ihren  Zwecken,  durch  die  allgemeine 
Art  ihrer  Anwendung,  in  früherer  Zeit  von  besonderer  Wichtigkeit  ge¬ 
wesen.  Hierher  gehört  auch  der  Schröpfstiefel  (Blech-  oder  Glas¬ 
stiefel)  von  J  u  n  o  d  und  bildet  das  Prototyp  eines  Stauungsapparates. 
Selbst  die  Trans-  und  Infusionen  sind  über  300  Jahre  alte  Methoden, 
bei  denen  nicht  nur  Blut,  sondern  auch  medikamentöse  Substanzen  zu 
verschiedenen  Zwecken  intravenös  infundiert  wurden.  Die  Fontanellen 
sollten  materiae  peccantes  aus  dem  Körper  ableiten  und  die  Konstitution 
umstimmen.  Durch  die  Akupunktur  und  Elektropunktur  sollte  den 
Teilen  Nervenfluidum  entzogen  werden,  die  Nadeln  sollten  ein  krank¬ 
haftes  Neuroelektrikum  entziehen,  die  schmerzstillende  Wirkung  sollte 
in  einer  Hemmung  von  Nervenströmungen  bestehen.  Wie  unwissen¬ 
schaftlich  auch  diese  und  ähnliche  damalige  autoritative  Vorstellungen 
uns  heute  erscheinen  mögen,  manche  jener  Mittel  und  Vorrichtungen, 
die  das  Armamentarium  chirurgicum  der  sogenannten  kleinen  Chirurgie 
einer  längst  überwundenen  Zeitepoche  unseres  Faches  bilden,  erleben 
heute  in  rationeller,  milder  und  modifizierter,  aseptischer  und  präziser 
Form,  mit  einem  modernen  wissenschaftlichen  Gewände  ausgestattet, 
den  Epigonen  vielfach  unbewusst,  eine  Auferstehung  und  erneute  An¬ 
wendung  in  der  Praxis.  So  scheint  es  auch  dem  altehrwürdigen  Ader¬ 
lass  zu  ergehen,  welchem  ich  eine  kurze  Betrachtung  widmen  möchte, 
der  ich  historische  Notizen  über  die  Phlebotomie  vorausschicken  darf. 

Die  Geschichte  des  Aderlasses  verliert  sich  in  das  graue  Altertum; 
nach  Plinius  II.  sollen  die  Aegypter  zuerst  mit  dieser  Operation  ver¬ 
traut  geworden  sein  durch  das  Verfahren  des  Nilpferdes,  welches 
instinktmässig  zu  gewissen  Zeiten  sich  die  Adern  aufbeissen  soll. 
Einen  weiteren  Beleg  hierfür  gibt  Dieffenbachs  polnisches  Pferd. 
Der  geniale  Berliner  Chirurg  schreibt  Folgendes  über  die  Phlebotomie: 


„Der  Aderlass  ging  nicht  aus  einer  abstrakten  Idee  hervor,  sondern  aus 
einem  eigenen  Instinkt,  welcher  unter  Umständen  den  Menschen  in 
krankhaft  gereiztem  Zustande  von  Blutüberfluss  zur  Selbstverwundung 
treibt.  Nach  der  Blutung  kehren  Besonnenheit  und  Ruhe  zuruck.  Achn- 
liches  sehen  wir  bei  Tieren.  Ich  besass  ein  polnisches  Pferd,  bei 
grosser  Sonnenhitze  biss  sich  dasselbe  die  angeschwollenen  Venen  der 
Seite  auf,  wenn  cs  viei  Blut  fühlte  und  dann  wurde  es  wiedei  ruhig. 
Dergleichen  Beobachtungen  sind  bei  Pferden  nicht  selten. 

Polidarius.  der  Sohn  des  Aeskuläp,  liess  bereits  1184  a.  Chr.  zur 
Ader  und  zwar  der  Tochter  des  Königs  Damaethus  und  erwarb  sich 
dadurch  ein  Königreich.  Hippokrates,  Galen  und  Celsus  übten  nach 
genauer  Indikationssteliung  die  Phlebotomie.  Durch  Bomfatius  VIII. 
Edikt  gegen  das  Blutlassen  von  seiten  der  Geistlichen  kam  die  Opera¬ 
tion  in  die  Hände  der  Barbiere,  welche  man  mit  Recht  als  die  schlauen 

Väter  der  Chirurgie  bezeichnet.  .  ,  ,  , 

Man  kann  natürlich  jede  oberflächlich  gelegene  sicht-  oder  fühl¬ 
bare  Vene  zum  Aderlass  wählen.  Hauptsächlich  haben  aber  schon  die 
alten  Chirurgen  nur  die  geeignetsten  Stellen  zum  Aderlässen  benutzt 
und  diese  sind  die  Ellenbeuge,  der  Fussrücken.  die  vordere  und  die 

SU 11  Zunächst  handelt  es  sich  um  Venaescktionen.  Erst  Arctacus  von 
Cappadocien,  107  v.  Chr.,  soll  die  Arteriotomie.  geübt  haben  .später 
Antvllus  und  Oribasius.  Die  Operation  kam  me  recht  n  Aufnahme 
und'  wurde  schliesslich  gar  nicht  mehr  geübt,  auch  findet  sie  sich  m 
keinem  modernen  Lehrbuche  der  Chirurgie  mehr  beschrieben.  Di  eff  i  - 
buch  widmet  der  Arteriotomie  ein  eigenes  Kapitel.  Nach  ihm  soll 
sie  schon  Galen  und  Paul  von  Aegina  bekannt  gewesen  sein.  Bis 
auf  Ambroise  Pare  soll  sie  besonders  häufig  an  der  Arteria  tempora  s 
ausgeführt  worden  sein,  Rust  und  Philipp  von  Walter  zogen  sie  aus 
dem  Dunkel  der  Vergessenheit,  um  sie  bei  agyptischei  Augenkrankhe.t 
anzuwenden.  Dieffenbach  war  der  Ansicht,  dass  die  Arteno¬ 
tomie  nicht  mehr  leiste  als  die  Venaesektion  Bei  Cholera  asiatica, 
wo  das  Blut  im  asphyktischen  Stadium  in  den  Venen  stockte,  hat 
er  die  Arteria  radialis  und  brachialis  geöffnet,  aber  ohne  nachweisliche 
Wirkung  Auch  bei  entzündlichen  Brustleiden  ist  sie  von  Martin 
an  der  Arteria  brachialis  ohne  nennenswerten  Erfolg  geübt  worden, 
v  Lang enb eck  der  Aeltere  erwähnt  1822  die  Eröffnung  einer 
Schlagader  und  zwar  der  Arteria  temporahs  bei .  Gehirnentzündung,  um 
eine  'schnelle  Blutentleerung  zu  bewirken.  Die  Venaesektion  macht 
aber  die  Arteriotomie  überflüssig,  bemerkt  hierzu  der  alte  Göttinger 

Professor  der  Chirurgie.  , 

Als  Kuriosum  sei  noch  erwähnt,  dass  vom  Baron  Dupuytren 
referiert  wird,  es  sei  im  Jahre  1831  in  Warschau  gegen  die  Cholera, 
allerdings  ebenfalls  ohne  greifbaren  Nutzen,  die  Acupunctura  coidis 

ausgeführt  worden.  ,  ,  ...  .. 

Die  Operation  des  Aderlasses  bestand  also  in  früheren  Jahr¬ 
hunderten  in  der  kunstgemässen  Eröffnung  einer  Vene  oder  Arterie, 
um  eine  gewisse  Menge  Blut  zu  entleeren.  Die  Veneneroffnung 
(Phlebotomie  oder  Venaesectio)  war  die  gewöhnliche  Art  des  Blut¬ 
lassens;  seltener  war  die  Schlagaderöffnung  (Artenotomia).  Die 
Arteriotomie  ist  aus  der  modernen  Chirurgie  vo  hg  verschwunden. 
In  E ulenburgs  Enzyklopädie  der  gesamten  Heilkunde  ist  sie  über¬ 
haupt  nicht  erwähnt  und  beispielsweise  stellt  in  der  therapeutischen 
Technik  für  die  ärztliche  Praxis  über  den  Aderlass  nur  folgendes:  Der 

Aderlass  wird  zurzeit  noch  ausgeführt  ..  . 

a)  als  Vorbereitung  für  die  intravenöse  Kochsalzinfusion  an  zwei 
aufeinanderfolgenden  Tagen  (Tuffier).  Es  werden  500  g  Blut  für 
P00  g  zu  infundierender  Kochsalzlösung  zwecks  Erhaltung  normaler 
Tension  und  normalen  Blutdruckes  bei  septischen  Prozessen  beispiels¬ 
weise  entleert.  . 

b  bei  Ueberlastung  des  kleinen  Kreislaufs,  z.  B.  bei  Pneumonie, 
Eklampsie,  Urämie,  zwecks  Herabsetzung  der  Herzbeschleunigung, 
Vollerwerden  des  Pulses  und  Aufbesserung  der  Diurese.  Vorbedingung 
der  Ausführung  des  Aderlasses  ist  eine  intakte  Nierenfunktion. 

v.  Bardeleben  ist  der  einzige,  der  in  seiner  Chirurgie  die 
Arteriotomie  an  der  Arteria  temporalis  beschreibt,  erklärt,  aber  eben¬ 
falls  dass  eine  Venaesektion  am  Arme  oder  an  der  Vena  jugularis  ex- 
terna  mindestens  ebensoviel  leistet,  lehnt  mithin  auch  die  Aiterio- 
tomie  prinzipiell  ab.  Die  Arteriotomie  ist  daher  als  vollkommen-  ver- 
gessen  zu  erachten.  Nirgends  in  der  gesamten  modernen  chirurgischen 
Literatur  wird  sie  noch  erw'ähnt  oder  zur  Diskussion  gestellt.  Um  so 
wuchtiger  erscheint  die  Wiederempfehlung  der  Arteriotomie  von  autori¬ 
tativer  Seite  und  auf  Grund  einwandfreier  klinischer  Beobachtungen. 

In  einer  Veröffentlichung  in  der  Münch,  med.  Wschr.  vom  18.  Nov. 
1921  „Ueber  Durchschneidung  der  Arteria  radialis  anstatt  Venaesektion 
bei  Pneumonie  und  Lungenödem“  schreiben.  A.  Eckstein  und 
C.  Noeggerath  aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Freiburg  i.  B.  u.  a. 

Folgendes:  „  ,  .  ,  , 

„Wir  hatten  bei  mehreren  Fällen  den  Eindruck  eines  lebens¬ 
rettenden  Eingriffes  bei  Durchschneidung  der  Arteria  radialis  statt  der 
Venaesektion  bei  Pneumonie  und  Lungenödem  dann,  wenn  infolge  Er- 
lahmens  der  Herzkraft  die  Venaesektion  erfolglos  blieb. 

Ueber  die  so  schönen  Resultate  aus  der  Freiburger  Kinderklinik, 
bei  denen  eine  Arteriotomie  an  der  Arteria  radialis  zur  Ausführung  ge¬ 
langte,  vermag  ich  nur  meine  lebhafte  Genugtuung  zum  Ausdruck  zu 
bringen  und  hoffe,  dass  es  nunmehr  gelingen  wild,  meiner  vor  fast 
einem  Vierteljahrhundert  gegebenen  Anregung  entsprechend  die  Aiterio- 
tomie  in  die  praktische  Medizin,  in  dem  dieser  Methode  der  Blutent- 
zieliung  zukommenden  Masse  einzubürgern.  .  . 

In  seinem  Vortrage  im  Mai  1898  in  der  Berliner  medizinischen  Ge¬ 


sellschaft  „Ueber  allgemeine  und  örtliche  Blutentziehung  in  der  Kinder¬ 
heilkunde“  sagt  Bagin  sky:  „Ich  halte  die  Venaesektion  für  erlaubt 
und  sogar  für  geboten,  wenn  durch  mechanische  Hemmnisse  im  Blut¬ 
kreisläufe  Lähmung  des  überfüllten  Herzens  droht.“ 

Bei  einem  7  jährigen,  masernkranken  Kinde  mit  kapillaicr  Bron¬ 
chitis  „entschliesst  man  sich“,  so  berichtet  er  weiter,  bei  dem  augen¬ 
scheinlich  moribunden  Kinde,  nachdem  die  Eröffnung  beider  Venac 
medianae  nur  wenige  Tropfen  Blut  entleeren,  zur  Eröffnung  der  hnkei 
Radialarterie.  Der  Erfolg  war  ein  ausgezeichneter  und.  führte  zu  defini¬ 
tiver  Heilung.  Die  Entlastung  des  Herzens  und  Wiederherstellung  dei 
Blutpassage  wird  mit  Recht  verglichen  mit  der  Wiederherstellung  der 
Respiration  durch  Tracheotomie  und  Intubation  bei  Laryngos  enose  so 
sehr  tritt  bei  beiden  gemeinschaftlich  das  rein  mechanische  Moment  m 

ln  seinem  Pariser  Referate  im  Jahre  1900  „Ueber  Indikationen  und 
Kontraindikationen  des  Aderlasses  bei  Kindern“  sagt  B  a  g  l  n  sky: 

1  die  Erstickungsgefahr  bei  überfülltem  Herzen,  2.  die  Ueberladung  ce. 
Blutes  mit  chemischen  Zerfallsprodukten  geben  -die  Indikation  zur 

I  ,llc^r°™reohe)lde  Herzstillstand  durch  Hyperdilatatio  cordis  bedingt 
Erstickungstod  und  direkteste  Todesgefahr.  Ist  die  Herzarbeit  gehemmt, 
das  Blut  von  den  Venen  her  im  rechten  Herzen  angesammelt,  ist 
dasselbe  dilatiert  und  droht  letaler  Herzstillstand,  dann  erscheint  der 
Aderlass  und,  wie  ich  persönlich  hervorheben  möchte,  die  Arteriotomie 
dringendst  geboten. 

Eckstein  und  N  o  e  g  g  e  r  a  t  ’h  ist  meine  Arbeit  unbekannt,  denn 
es  kann  ja  begreiflicherweise  den  beiden  hochgeschätzten  Autoi  ui 
an  sich  gleichgültig  sein,  wer  von  beiden  ob  B  a  g  i  n  sk y,  ob  G  l.u  c K 
beim  Versagen  der  Venaesektion  die  Eröffnung  und  zwar  nicht  wie  die 
Herren  nach  Baginskys  Arbeit  referieren,  der  Arteria  radialis,  son¬ 
dern  wie  es  den  Tatsachen  entspricht,  der  Arteria  cubitalis  mit  aus¬ 
gezeichnetem  Erfolge  im  Jahre  1898  zuerst  unternahm.. 

Die  Freiburger  Kliniker  konnten  sich  nur  an  B  a  g  l  n  s  k  y  s  eigene 
Worte  halten,  der  mich  merkwürdigerweise  weder  in  seinem  Berliner 
Vortrage,  noch  auch-  1900  in  seinem  Referat  auf  dem  Pariser  inter¬ 
nationalen  Kongress  mit  einer  Silbe  erwähnte. 

Soweit  uns  bekannt,  schreiben  die  Freiburger  Autoren  weiter,  hat 
die  Anregung  Baginskys  bisher  keinen  Anklang  gefunden.  Die 
Anregung  stammt  aber  von  mir  persönlich  wie  aus  meinem^ Vortrage 
über  Arteriotomie  in  der  Berliner  medizinischen  Gesellschaft,  abgedruckt 
in  der  B  kl  W  1898  Nr.  21,  ohne  weiteres  erhellt.  Ich  entwickelte 
damals  einen  Standpunkt,  welchen  ich  auch  heute  noch  in  vollem 

Umfange  vertrete.  .  ,  ,  .... 

Ich  sagte  damals,  anknüpfend  an  Baginskys  Ausfuhrungen, 

folgendes: 

„In  bezug  auf  die  augenblicklichen  therapeutischen  Effekte,  die  wir 
bei  der  Venaesektion  beobachtet  haben,  kann  ich  nur  das  bestätigen, 
was  der  Herr  Vortragende  gesagt  hat.  Das  Saigner  coup  sur  coup 
und  Saigner  a  blanc,  wie  es  u.  a.  von  Br  o  u  s  s  a  i  s  und  A  n  ü  l  a  1  (L  •HO 
geübt  wurde,  hat  zur  völligen  Diskreditierung  des  Aderlasses  geführt 
und  Niemanden  fällt  es  heute  ein.  von  einem  Barbier,  wie  noch 
Friedrich  v  Schiller  tat,  sich  eine  Ader  schlagen  zu  lassen;  es 
gibt  aber  zweifelsohne  Zustände,  bei  denen,  wie  Herr  Bag  in  sky 
sich  ausdrückte,  der  Aderlass  einen  lebensrettenden  Eingriff  darstcl  , 
etwa  analog  der  Tracheotomie.  ...  l  . 

Was  soll  nun  aber  geschehen,  wenn  eine  absolut  indizierte  und  tech¬ 
nisch  einwandfrei  ausgeführte  Venaesektion  überhaupt  kein  oder  nur 
ein  minimales  Blutquantum  liefert.  Bei  dem  einen  der  von  .  Herrn 
B  a  g  i  n  s  k  y  erörterten  Fälle  kam  aus  den  loco  classico  angeschnittenen 
Venae  medianae  cubiti  basilicae  des  ödematös  geschwollenen  Armes 
kaum  ein  Tropfen  Blut,  die  Attacke  war  ungemein  bedrohlich,  das  Kind 
schien  unter  unseren  Händen  zu  sterben.  Bei  Eröffnung  der  nunmehr 
rasch  freigelegten  Arteria  cubitalis  entleerte  sich  tiefdunkles  Blut  in 
genügendem  Strahle  und  noch  während  des  Ausfliessens  (etwa  100  gj 
seufzte  das  komatöse  Kind  tief  auf  und  unter  raschem  Rückgänge  dei 
Symptome  erklärte  es  nach  Wiederkehr  des  Bewusstseins,  nun  fühle 
es  sich  viel  wohler;  der  augenblickliche  Effekt  war  ein  duichaus  übei- 

L'lch  bin  auf  die  Idee  der  Arteriotomie  durch  folgende  kasuistische 

Beobachtung  gekommen:  .  _  „  .  ...  . 

Vor  Jahren  wurde  ich  in  der  Nacht  zu  einem  Patienten  geholt,  der 
in  schwerer  dyspnoischer  Attacke  wegen  Emphysema  pulmonum  und 
Dilatation  und  Insuffizienz  des  Herzens  ein  Conamen  suicidii  gemacht 
hatte.  Ich  unterband  beide  Arteriae  radiales,  die  durchschnitten  waren; 
wir  machten  dem  Kranken  Vorstellungen,  welche  ihren  Eindruck  nicht 
verfehlten;  er  sah  sein  Unrecht  ein,  erklärte  jedoch,  so  wohl  und  frei, 
wie  nach  dem  Blutverluste  augenblicklich,  habe  er  sich  in  seiner  ganzen 
schweren  Krankheit  nicht  gefühlt.  An  die  unbeabsichtigte  Wirkung 
dieser  Arteriotomie  wurde  ich  erinnert,  als  bei  dem  vorerwähnten  Falle 
die  Phlebotomie  kein  Blut  lieferte,  und  der  Effekt  der. von  mir  nunmehr 
ausgeführten  Artenotomia  cubitalis  war  in  der  Tat  ein  überraschender. 
In  der  Leiche  sind  bekanntlich  die  Arterien  leer  und  das  Blut  sammelt 
sich  aus  mechanischen  Gründen  in  dem  Venensysteme  an;  daher 
wurden  neben  der  Luftröhre  (Arteria  aspera)  diese  Gefässe  mit  dem 
Namen  Arterien-  von  den  alten  Anatomen  belegt.  Intra  vitam  bei  stark 
gesunkener  Herzkraft,  Dilatatio  cordis.  und  gleichzeitig  vorhandenen 
Oedemen  der  Extremitäten  sind  weder  die  vis  a  tergo,  noch  unsere 
sonstigen  mechanischen  Hilfsmittel  ausreichend,  einer  sachgemäss  cr- 
öffneten  Vene  schnell  genügend  Blut  zu  entziehen,  um  das  Herz  zu  ent¬ 
lasten  und  anzuregen.  Die  Eröffnung  einer  Arterie,  z.  B.  der  Kubitahs, 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


55 


würde,  wie  es  scheint,  dann  immer  noch  Blut  in  genügendem  Quantum 
liefern  können,  um  die  gefahrdrohende  Attacke  überwinden  zu  helfen. 
Ich  empfehle  daher  auf  Qrund  dieser  Ueberlegungen  und  Beobachtungen 
am  Krankenbett  für  bestimmte  Fälle,  die  noch  einer  genaueren  Prä¬ 
zision  bedürfen,  bei  erfolgloser  Phlebotomie  das  Freilegen  unter  asep¬ 
tischen  Kautclen,  z.  B.  der  Arteria  radialis  oder  cubitalis  und  deren 
Arteriotomie  in  freier  Wunde  mit  konsekutiver  seitlicher  oder  zirku¬ 
lärer  Ligatur. 

In  der  amerikanischen  Literatur  soll  ein  Fall  von  Arteriotomie 
an  der  Arteria  iemporalis  bei  Meningitis  beschrieben  sein,  er  ist  minde¬ 
stens  sehr  fraglich.  Im  wesentlichen  jedoch  ist  bis  jetzt  eine  Arterio¬ 
tomie  zum  Zwecke  einer  allgemeinen  Blutentziehung  und  mechanischen 
Entlastung  des  Herzmuskels  bislang  von  keinem  Arzte  (in  der  modernen 
Aera)  in  therapeutischer  Absicht  ausgeführt  worden. 

Das  rein  mechanische  Moment  tritt  bei  dem  Erfolge  der  Operation 
in  den  Vordergrund.  So  erklärt  es  sich  denn  auch,  dass  es  in  letzter 
Linie  erlaubt  ist,  dass  man  vom  linken  Herzen  her  den  Gefässinhalt  ent¬ 
leert,  die  Arterie  statt  der  Vene  öffnet  in  der  Absicht,  das  übermässig 
gedehnte  Herz  zu  entlasten. 

Begreiflicherweise  kann  bei  den  in  Frage  stehenden  Zuständen 
von  einer  tropfenweise  am  entferntesten  Ende  des  menschlichen  Kör¬ 
pers  stattfindenden  Blutentleerung  ein  Erfolg  nicht  erwartet  werden 
und  nur  die  Arteriotomie  kann  unter  derartigen  Verhältnissen  ein  posi¬ 
tives  Resultat  noch  ermöglichen.  Es  ist  damit  die  ursprüngliche  Ader¬ 
lassmethode  der  ältesten  griechischen  Schule,  nämlich  die  Arteriotomie, 
wieder  in  ihr  Recht  eingesetzt,  welche  unbegreiflicherweise  in  völlige 
Vergessenheit  geraten  ist. 

Wir  Chirurgen  aber  haben  angesichts  der  altehrwürdigen  Ge¬ 
schichte  der  Arteriotomie  und  ihrer  Schicksale  allen  Grund,  uns  an  die 
Worte  zu  erinnern,  die  Richard  Wagner  seinem  Hans  Sachs  in  den 
„Meistersingern“  in  den  Mund  legt:  „Verachtet  mir  die  alten  Meister 
nicht  und  schmäht  nicht  ihre  Kunst.“ 


Zur  pathologischen  Anatomie  und  Nomenklatur 
der  Lungentuberkulose. 

Von  Prof.  Felix  Marchand  in  Leipzig. 

(Schluss.) 

M.  H.!  Ich  komme  nun  zu  der  überaus  wichtigen  Frage  der 
Initialformen  der  Tuberkulose,  in  erster  Linie  bei  den  Säug¬ 
lingen  und  kleinen  Kindern,  da  diese  kindliche  Tuberkulose  in  so  vielen 
Fällen  der  Ausgang  der  späteren  Lungenphthise  der  Erwachsenen  ist. 
Hier  ist  also,  mehr  wie  irgendwo  das  Wort  „Principiis  obsta“  am 
Platze.  Allgemein  bekannt  ist  die  im  Vordergrund  stehende  Ver¬ 
käsung  der  bronchialen,  mediastinalen,  peritrachealen  und  zervikalen 
Lymphknoten  bei  oft  sehr  kleinen  isolierten,  zuweilen  auch  mehrfachen, 
nicht  selten  subpleuralen  verkästen  Herden  in  den  mittleren  und 
unteren,  seltener  in  den  oberen  Teilen  der  Lunge  der  Säuglinge  und 
kleinen  Kinder,  die  schon  Hasse33)  1840  bekannt  waren.  Die  alte 
Streitfrage,  ob  dabei  die  Lymphdrüsen  oder  die  Lungen  primär  er¬ 
krankt  sind,  ist  seit  den  wichtigen  Untersuchungen  von  Par  rot34) 
(1876)  und  seinem  Schüler  Hervouet  über  das  Gesetz  der  „Adeno- 
pathie  similair  e“,  sodann  durch  die  gründlichen  Beobachtungen 
von  G.  Kuss35)  an  dem  grossen  Pariser  Material  unter  H  u  t  i  n  e  1 
bis  auf  seltene  Ausnahmen  in  letzterem.  Sinne  entschieden  worden. 
Von  vielen  Seiten  war  noch  an  der  Ansicht  festgehalten  worden,  dass 
die  Bronchialdrüsen  zuerst  durch  Aufnahme  von  tuberkulösem  Virus, 
entweder  von  den  Lungen  aus  durch  Uebergang  in  die  Lymphbahnen 
ohne  örtliche  Veränderung  der  ersteren,  oder  durch  Aufnahme  von 
der.  Schleimhaut  der  Halsorgane,  des  Pharynx,  der  Tonsillen  und 
Weitertransport  in  die  tieferen  Drüsen,  oder  vielleicht  sogar  auf  dem 
Blutwege  erkranken  und  von  hier  aus  rückläufig  auf  dem  Lymphwege 
die  Lungen  infizieren 38). 

Von  späteren  Autoren  haben  Orth  (1887),  E.  Alb  recht37), 

33)  K.  E.  Hasse:  Spezielle  pathologische  Anatomie,  anatomische  Be- 
l  Schreibung  der  Krankheiten  der  Zirkulations-  und  Respirationsorgane.  Leipzig 

1841,  S.  458.  „Sterben  skrofulöse  Kinder  an  anderen  Krankheiten,  so  findet 
man  nicht  selten  einzelne  Tuberkel  in  den  Lungen,  nicht  so  konstant,  wie  bei 
Erwachsenen  in  der  Spitze,  sondern  auch  in  unteren  Lappen,  dabei 
konstant  die  Bronchialdrüsen  in  hohem  Grade  tuberkulös.“ 

34)  Parrot:  C.  r  de  la  Soc.  de  Biol.  1876. 

3B)  Georges  Kuss:  De  l’Heredite  parasitaire  de  la  tuberculose  humnine. 
These  de  doct.  en  med.  Paris  1898. 

3e)  Vor  ca.  40  Jahren  nahm  auch  ich  an  (1.  c.  D.m.W.  1883  Nr.  15),  dass 
die  Verkäsiing  der  Bronchialdrüsen  bei  Kindern  aus  den  ersten  Lebensmonaten 
das  erste  und  einzige  Zeichen  der  Tuberkulose  sei,  als  der  erste  Ausdruck 
einer  durch  die  Luft  in  den  Organismus  gelangten  tuberkulösen  Infektion, 
hei  der  Schnelligkeit,  mit  welcher  die  Bronchialdrüsen  die  der  Atmungsluft 
beigemengten  Teile  in  sich  aufnehmen.  Spätere  Untersuchungen  haben  mich 
belehrt,  dass  das  Freibleiben  der  Lungen  eine  Ausnahme  ist.  In  der  Sammlung 
des  Leipziger  Institutes/  habe  ich  etwa  1  Dutzend  ausgewählter  Präparate 
von  kindlichen  Lungen  mit  primären  Herden  in  allen  Stadien  bis  zur  Bildung 
grosser  Kavernen  von  Sektionen  aus  dem  Jakobshospital  stammender  Kinder 
aus  den  Jahren  1901 — 1912  aufgestellt.  Auch  seitdem  ist  wohl  kein  Semester 
vergangen,  in  dem  ich  nicht  mehrere  Fälle  von  primären  Lungenherden  bei 
Kindern,  teils  aus  dem  Jakobshospital,  teils  aus  dem  Kinderkrankenhaus  mit 
käsigen  Bronchialdrusen  und  Folgezuständen  in  den  Demonstrationskursen 
besprochen  hätte.  (Projektion  der  Schnitte  injizierter  kindlicher  Lungen  mit 
initialen  käsigen  und  verbreiteten  sekundären  tuberkulösen  Herden  aus  dem 
Jahre  1891  aus  Marburg.) 


C  o  r  n  e  t 38),  dessen  Lokalisationsgesetz  dem  Parrot  sehen  Gesetz 
entsprach,  ferner  an  einem  grossen  Material  H.  A  1  b  r  e  c  h  t39), 
Hedren40)  und  ganz  besonders  Ghon41)  mit  seinen  Mitarbeitern, 
sich  um  den  Nachweis  der  primären  Lungenherde  und  die  Gesetze  der 
weiteren  Verbreitung  der  Tuberkulose  auf  die  regionären  und  weiter¬ 
entfernten  Lymphdrüsen  verdient  gemacht,  während  Harbitz42)  an 
der  „regelmässig  sekundären“  Infektion  der  Lungen  festhielt  (s.  u.). 
Ranke43)  hat  den  „primären  Komplex“  (Lungenherd,  Drüsentuber¬ 
kulose)  zum  Gegenstand  genauer  histologischer  Untersuchungen  und 
zum  Ausgang  seiner  Immunitätstheorie  durch  Annahme  besonderer 
histologischer  Allergien  gemacht. 

Wenn  L  i  e  b  e  r  m  e  i  s  t  e  r  (1.  c.  S.  248,  250)  sagt,  dass  darüber  noch 
nichts  bekannt  sei,  unter  welchem  Symptomenkomplex  das  Primärstadium 
der  Tuberkulose  verläuft,  wie  lang  es  dauert  usw.,  so  darf  ich  vielleicht  auch 
als  Nichtpraktiker  dazu  ein  Wort  sagen.  Ein  ein-  oder  zweijähriges  Kind 
erkrankt  unter  den  Erscheinungen  einer  leichten  fieberhaften  Lobulär¬ 
pneumonie;  niemand  denkt  daran,  dass  es  sich  um  Tuberkulose  handeln 
könne,  da  es  sich  nach  baldiger  Wiederherstellung  vollständig  normal  weiter 
entwickelt.  Nach  einer  Reihe  von  Jahren  erkrankt  es  von  neuem  nach  Masern 
oder  Keuchhusten  oder,  einer  Erkältung  an  mässigen  pneumonischen  und 
pleuritischen  Symptomen  derselben  Seite,  die  anscheinend  ohne  bleibende 
Störung  heilen.  Würde  man  in  diesem  Stadium  die  Sektion  machen,  so  würde 
man  wahrscheinlich  einen  käsigen,  vielleicht  schon  teilweise  verkalkten  Herd 
mit  frischer  Tuberkeleiuption  in  die  Nachbarschaft,  geschwollene,  gerötete 
Bronchialdrüsen  mit  älteren  und  frischeren  Verkäsungen  finden.  Auch  dieser 
Zustand  kann  vorübergeheu.  während  ein  andermal  eine  tuberkulöse  Meningitis 
schnell  zum  Tode  führt.  Während  oder  nach  der  Pubertätsperiode  folgt  eine 
Zeit  der  Mattigkeit  und  zunehmender  Abmagerung,  vollständiger  Anorexie; 
man  nimmt  Chlorose  oder  sog.  Pseudochlorose  an  und  denkt  vielleicht  nicht 
an  Tuberkulose,  bis  eines  Tages  eine  Hämoptoe  oder  wiederholte  kleine 
Blutungen  auftreten;  Sanatoriumbehandlung,  geringe  Besserung;  plötzlich 
tritt  eine  Pleuritis  mit  serösem  Exsudat,  sehr  schwerem,  fast  zum  Tode 
führenden  Verlauf  ein;  relative  Heilung,  jahrelange  klimatische  Behandlung: 
die  Röntgenplatte  weist  zahlreiche  nodöse  Herde,  grösseren  Hilusschatten  an 
der  Stelle  der  anfänglichen  Erkrankung  nach,  keine  Zeichen  stärkerer  Infiltration 
oder  Höhlenbildung;  zeitweilige  Steigerung,  zuweilen  auch  neue  kleine 
Blutungen,  herabgesetzte  Leistungsfähigkeit,  relative  Heilung.  In  anderen 
Fällen  kann  sich  der  Verlauf  wesentlich  anders  gestalten. 

Die  überaus  grosse  Häufigkeit  der  prirpären  Tuberkulose  in  den  ersten 
Lebensjahren  als  der  wichtigste  Ursprung  der  späteren  Lungenphthise  findet 
berechtigte  Würdigung  auch  in  dem  ausgezeichneten  Werk  von  Hamburger 
(Die  Tuberkulose  des  Kindesalters,  2.  Auf!.,  1912),  welches  leider  erst  spät 
zu  meiner  Kenntnis  kam.  Es  ist  von  grossem  Interesse,  dass  die  hier  mit¬ 
geteilten  statistischen  Angaben  im  wesentlichen  mit  denen  schon  von  Lom¬ 
bard  mitgeteilten  ubereinstimmen  (siehe  Andral:  1.  c.  I.  428). 

Liebermeister  hat  sich  zweifellos  ein  sehr  grosses  Verdienst  er¬ 
worben  durch  den  mühevollen  Nachweis  von  säurefesten  Bazillen  auch  in 
solchen  Fällen,  in  denen  eine  klinisch  nachweisbare  Lokalisation  vermisst 
wurde,  sowohl  in  dem  Latenzstadium  nach  einer  früheren  (nicht  bekannten) 
Infektion  oder  in  dem  sog.  „tertiären  Stadium“.  In  Fällen  der  ersten  Art  bei 
jugendlichen  Individuen  lag  der  Gedanke  nahe,  dass  der  oft  schwer  kachek- 
tische  Zustand  auf  der  Gegenwart  von  Toxinen  aus  einem  unbekannten  Herd 
beruhen  könne.  Aus  dem  Nachweis  von  Bazillen  im  Blut  (ohne  bekannte 
Lokalisation)  auf  eine  allgemeine  Krankheit  „Tuberkulose“  als  gewisser- 
tnassen  konstitutionelles  Leiden  zu  schliessen,  halte  ich  für  durchaus  nicht 
berechtigt.  Ferner  ist  es  stets  bedenklich,  daraus  auf  eine  tuberkulöse 
Aetiologie  der  verschiedensten  Krankheiten  bei  tuberkulösen  Individuen  zu 
schliessen,  wovon  Liebermeister  eine  so  grosse  Zahl  anführt.  Diese 
Deutungen  kann  ich  nur  in  das  Gebiet  der  Hypothese  verweisen  (die  L.  aus¬ 
drücklich  ablehnt).  Was  soll  man  dazu  sagen,  dass  das  runde  Magen¬ 
geschwür,  das  Ulcus  callosum,  Endokarditis,  Polyarthritis  und  andere  Krank¬ 
heiten  eine  tuberkulöse  Aetiologie  haben,  weil  sie  sich  bei  einem  tuber¬ 
kulösen  Individuum  finden?  Auch  die  Behauptung  L.s,  dass  Tuberkelbazillen 
gelegentlich  auch  rein  eiterige  Entzündungen,  wie  eiterige  Meningitis, 
eiterige  Perikarditis  hervorrufen  können,  halte  ich  nicht  für  richtig  (trotz 
A  s  c  h  o  f  f  s  Zustimmung). 

Hieran  knüpft  sich  zunächst  die  weitere  wichtige  Frage,  ob  eine 
primäre  Infektion  der  kindlichen  Lunge  tatsächlich,  wie  vielfach  an¬ 
genommen  wird,  durch  Aspiration  von  Tuberkelbazillen  aus  der  Luft, 
worauf  zunächst  alles  hinweist,  oder  auf  andere  Weise  zustande  kommt. 
Die  grosse  Zahl  expenmenteller  Untersuchungen  an  Tieren,  die  seit  den 
berühmten  Münchener  Versuchen  im  Jahre  1877  44)  [Lippl,  Tap¬ 
peiner,  Schweninger.  später  besonders  durch  v.  B  a  u  m  - 
garten  und  seine  Schüler43),  durch  Bartel46)  u.  a.]  angestellt  sind, 

37)  Eugen  Alb  recht:  Frankfurter  Zschr.  f.  Path.  1907,  1. 

3S)  G.  Cornet:  Die  Tuberkulose.  2.  Aufl.  Bd.  L  S.  144. 

"9)  Heinrich  Alb  recht:  Tuberkulose  des  Kindesalters.  W.kl.W.  1909. 

22,  10. 

4")  G.  Hedren:  Zschr.  f.  Hyg.  u.  Infektkrkh.  1913,  73,  S.  273. 

41)  A.  Ghon:  Der  primäre  Lungenherd  bei  der  Tuberkulose  des  Kindes. 
1912.  —  A.  Ghon  und  Roman:  Sitz.-Ber.  d.  K.  Akad.  d.  Wiss.  in  Wien. 
Math.-Nat.  Kl.  122,  Abt.  III.  —  A.  Ghon  und  G.  Potot  sehnig:  Ueber 
den  primären  tuberkulösen  Lungenherd  bei  Erwachsenen  usw.  Beitr.  z.  Klin. 
d.  Tub.  40,  S.  103.  —  A.  Ghon:  Einiges  zum  primären  Komplex  bei  der 
Tuberkulose.  Zieglers  Beitr.  1921,  69,  S.  65. 

4S)  Fr.  Harbitz:  Untersuchungen  über  die  Häufigkeit,  Lokalisation 
und  Ausbreitungswege  der  Tuberkulose.  Videnskabs  Selzkabet  Skrifter. 
Math.-naturw.  Kl.  Kristiania  1905.  Nr.  8,  1904. 

43)  K.  E.  Ranke:  Primäraffekt,  sekundäre  und  tertiäre  Stadien  der 
Lungentuberkulose.  I).  Arch.  f.  klin.  Med.  1916,  119,  S,  201  und  1919,  129,  S.  224. 

44)  Amtl.  Bericht  d.  50.  Versamml.  D.  Naturf.  u.  Aerzte  in  München  1877, 
S.  268. 

’5)  v.  Baumgarten:  Lehrbuch  der  pathogenen  Mikroorganismen.  — 
Derselbe:  I.  c.  Zieglers  Beitr.  1921  S.  45. 

48)  J.  Bartel:  Experimentaluntersuchungen  über  natürliche  Infektions¬ 
gelegenheit  mit  Tuberkulose.  W.kl.W.  1907  Nr.  38.  —  Derselbe  und 
W.  Neu  mann:  Pathogenese  der  Tuberkulose.  Berlin-Wien  1918. 


56 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


kann  ich  im  einzelnen  nicht  eingehen.  Während  ein  Teil  der  Forscher, 
ganz  besonders  nachdrücklich  Flügge  und  seine  Schuter,  so  auch 
Reichenbach  (Zschr.  I.  Tuberk.  34.  H.  7.8.  55».  Sich  für  Infekt,™ 
der  Lungenalveolen  oder  der  Bronchiolen  durch  Aspiration  von  Ba¬ 
zillen.  sei  es  direkt  durch  die  Luft  oder  durch  Vermittlung  von  Schleim- 
tröpfchen  aus  der  Mund-  oder  Rachenhöhle  ausgesprochen  hat,  wird 
von  anderen  diese  Möglichkeit  bestritten. 

v  Baumgarten  bezeichnet  die  Annahme  Bacmeisters  ), 
dass  e-  durch  Inhalationsinfektion  mit  wenig  Bazillen  bei  Kaninchen  eine 
Lungenspitzentuberkulose  erzeugt  habe,  als  sehr  problematisch.  „Denn 
die  experimentelle  Inhalationstuberkulose  der  Lungen  ist  keine  aerp- 
gene  (bronchogene).  sondern  eine  hämatogene  Lungentuberkulose. 
Noch  schärfer  tat  sich  r  t e n  getan  die  Möglichen  einer 

aerogenen  Infektion  auf  Grund  der  Versuche  seiner  Schüler  Der e- 
wenko  und  Hara  in  seinem  Lehrbuch  ausgesprochen,  wo  er  das 
Eindringen  von  spärlichen  inhalierten  Bazillen  in  die  Alveolen  für  voll¬ 
ständig  ausgeschlossen  erklärt,  während  eine  hämatogene  Entstehung 
der  Lungentuberkulose  durch  Eindringen  von  Bazillen  in  die  Schleim¬ 
häute  oder  auch  von  anderen  Organen  aus  sicher  nachzuweisen  sei. 

In  ähnlichem  Sinne  hat  sich  auch  Kretz«)  ausgesprochen 

Wenn  dies  auch  für  Tierversuche  an  Meerschweinchen  und  Kanin¬ 
chen  leichter  erklärlich  sein  mag.  so  darf  man  doch  nicht  aus  den 
Augen  lassen,  dass  die  Verhältnisse  beim  Menschen,  besonders  Lei 
klefnen  Kindern  in  den  ersten  Lebensjahren,  aber  auch  spater  wesent¬ 
lich  anders  liegen.  Wenn  man  die  tiefen  gewaltsamen,  ja  krampfhaften 
Inspirationen  eines  schreienden  Kindes  beobachtet,  s°  ka™  ™an 
wohl  vorstellen,  dass  bei  den  ersteren  auch  vereinzelte  Bazi  len  oder 
andere  Körperchen  ganz  anders  in  die  kleinen  Bronchien  bis  in  die 
Alveolen  hinein  aspiriert  werden  können,  als  bei  den  ruhig  durch  die 
Nase  atmenden,  ausserdem  mit  besseren  Schutzvorrichtungen  \e  - 
sehenen  Meerschweinchen  oder  Kaninchen.  Ausserdem  kann  manches 
infizierte  Tröpfchen  mit  der  Atmungsluft  aus  der  ^und-  oder  Rachen- 
höhle  denselben  Weg  nehmen.  Bei  einer  hämatogenen  Verbreitung 
durch  die  Lungenarterie  wäre  das  isolierte  Vorkommen  einzelner  (oder 
weniger)  primärer  Herde  schwer  verständlich.. 

Ich  erwähne  an  dieser  Stelle  die  ziemlich  vergessenen  Inhalationsver¬ 
suche  von  Ernst  F  r  e  r  i  c  h  s 40),  die  er  im  Anschluss  an  seine  Statistik  da 
tuberkulösen  Veränderungen  der  Organe  im  Jahre  1882  m  Mar’ bürg  anstellt  . 
Nach  langdauernder  Inhalation  verstäubter  phthisischer  Sputa  erhielt  er  bei 
Hunden  und  Kaninchen  verbreitete  miliare  Tuberkel  der  Lunge,  _  wahrend 
Inhalation  der  vorher  durch  Karbolsäure  oder  durch  Kochen  desinfizierten 
Sputa  ohne  Folgen  blieb. 

H  a  r  b  i  t  z  kommt  bei  seinen  sehr  eingehenden  Untersuchungen  und 
sorgfältiger  Berücksichtigung  der  einschlägigen  Literatur  zu  dem  Er¬ 
gebnis,  dass  die  Lymphdrüsen  durchgehends  primär  angegriffen  werden, 
und  zwar  zunächst  die  Drüsen  längs  der  Trachea  und i  am :  H'lus s  von 
denen  aus  die  Lungen  am  häufigsten  durch  Durchbruche  in  die  Bron 
chien  infiziert  werden  sollen  (Projektion  eines  solchen  Präparates  von 
einem  Fall  des  Vortragenden  aus  Marburg),  wenn  auch  H.  eine  retro¬ 
grade  Infektion  der  Lungen  auf  dem  Lymphwege  nicht  ausschhesst, 
dagegen  selten  eine  hämatogene  Verbreitung  annimmt  (1.  c.  lUlU  ). 

^  Das  Cornetsche  Lokalisationsgesetz  ebenso  wie  der 
primäre  Komplex  Rankes  ist  keineswegs  eine  Eigentümlichkeit  der 
Tuberkulose,  er  findet  sich  fast  genau  in  derselben  Weise  bei  anderen 
Infektionskrankheiten,  ganz  besonders  übereinstimmend  beim  Typhus, 
wo  sich  die  Verbreitung  der  Infektion  vom  Darm  auf  die  regionären 
Mesenterialdrüsen  in  einem  nach  der  Peripherie  sehr  deutlich  abnehmen¬ 
den  Grade  so  klar  nachweisen  lässt  (auch  hier  hat  man  bekanntlich  den 
umständlichen  Weg  einer  primären  Infektion  auf  dem  Blutwege  bei  sog. 
typhöser  Septikämie  angenommen),  während  gleichzeitig  eine  sekun¬ 
däre  Verbreitung  der  Infektionserreger  auf  dem  Blutwege  auf  die  Milz, 
die  Leber  und  andere  Organe  eintritt.  Auch  beim  Milzbrand  kommt 
dasselbe  vor,  als  eine  ganz  natürliche  Folge  der  Funktion  der  Lymph- 
gofässe  und  der  Lymphdrüsen,  welche  bekanntlich  die  wichtige.  Eigen¬ 
schaft  der  Immunisierung  teilweise  auf  histologisch  nachweisbarem 
phagozytischem,  noch  mehr  auf  biochemischem  Wege  haben.  Zu 
den  histologisch  nachweisbaren  reaktiven  Veränderungen  gehört  die 
sofort  eintretende  Wucherung  des  Retikumm  und  der  Endothelzellen 
der  Lymphgänge  (epitheloide  Zellen  der  Tuberkel  Typhuszellen)  Ein 
grosser  Unterschied  besteht  aber  gerade  dann,  dass  bei  der  Tuberku¬ 
lose  eine  Vernichtung  oder  Unschädlichmachung  der  Bazillen  in  .  en 
Lvmphdrüsen  (wie  sie  beim  Milzbrand  vorkommt)  nicht  stattfindet,  dass 
vielmehr  die  Bazillen  trotz  der  histologischen  Heilung  durch  .chronische 
Induration  (meist  unter  Mitwirkung  der  Anthrakose)  doch  ihre  In  e  - 
tionsfähigkeit,  wie  es  scheint,  fast  unbegrenzt  bewahren  können  Ich 
bin  schon  längst  zu  der  Ueberzeugung  gelangt,  dass  die  sämtlichen 
schwarz  indurierten,  teilweise  verkalkten,  aber  daneben  auch  o 
schmierig  erweichten  Drüsen  am  Hilus  und  weit  darüber  hinaus,  die 


noch  oft  als  einfach  anthrakotisch  induriert  betrachtet  werden,  sämt¬ 
lich  von  alter  Tuberkulose  aus  der  Kindheit  (seltener  aus  spaterer  Zeit) 
herrühren.  In  den  Lungen  finden  sich  dann  nur  noch,  spärliche,  oft 
schwer  nachweisbare  Reste.  So  erklären  sich  die  keineswegs  sel¬ 
tenen  Fälle  von  tuberkulöser  Perikarditis  bei  alten  Leuten,  bei  denen 
sich  fast  ausnahmslos  alte  mdurierte  Drusen  in  der  Nachöar 
schaft  des  Perikards  finden,  die  leicht  ubersehen  oder  fui  unsehu'  g 
gehalten  werden  und  daher  zur  Annahme  ..einer  neuen  Spa  infek 
tion  führen51).  Dahin  gehört  z.  B.  der  Fall  eines  80jährigen,  d 
V  i  r  c  h  o  w  s  Erstaunen  erregte,  da  man  im  ganzen  übrigen  Kö¬ 
per  keine  Spur  eines  skrofulösen  Prozesses  (einer  skrofulösen  D  a- 
these)  nachweisen  konnte;  eine  solche  „ dauerhafte  skrofulöse  Dia- 
these“  besteht  tatsächlich,  aber  in  der  Form  von  latenten  luberkel- 
bazillen  (oder  Granula?),  die  gelegentlich  auch  andere  schwer,  er¬ 
klärliche  Ueberraschungen  (tuberkulöse  Meningitis)  zur  Folge 
Wie  merkwürdig  die  Infektionsverbreitimg  sich  manchmal  gestaltet, 
zeigt  u  a.  der  von  mir52)  beschriebene  Fall  von  scheinbar  latenter 
Verbreitung  der  Milzbrandbazillen  bei  einer  Gravida,  anscheinend  v 
einer  Sporeninfektion  vom  Darm  aus  auf  die  Mesenterialdrusen  und  auf 
den  Ductus  thoracicus,  die  kurz  nach  allgemeiner  Blutinfektion  schnell 
zum  Tode  führte. 


47)  Bacmeister:  Mechanische  Disposition  der  Lungenspitzen.  Mitt. 
Grenzgeb.  1911.  22,  S.  583  und:  Entstehung  der  Lungenphthise.  Mitt.  Grenzgeb 


Ich  kann  hier  nicht  unerwähnt  lassen,  dass  die  Ansicht,  der  sich 
auch  Huebschmann  angeschlossen  hat,  eine  vorgeschrittene 
Lungentuberkulose  schütze  vor  einer  federen  Verbreitung  des  - 
zesses  auf  die  Lymphdrusen.  keinesfalls  für  alle  Falle  zutnfft.  D‘-  , 
Kindern  auch  bei  umfangreichen  Verkäsungen  der  Lungen  die  Tube 
kulose  der  Lymphdriisen  peripherisch  unaufhaltsam  fortschreiten  kan 
ist  bekannt  (wie  Ghon  und  Roman  gezeigt  haben)  Der  Zerfall 
wollte  dass  gerade  am  Tage  nach  dem  Vortrag  von  H.  im  patho 
logischen  Institut  die  Sektion  eines  11jährigen  Mädchens  neben  einem 
sehr  umfangreichen  käsigen  Infiltrat  des  1.  Oberlappens  eme  au if  fast 
alle  Lvmphdrüsen  ausgedehnte  schwere  tuberkulöse  Verkäsung,  auss 
dem  zahlreiche  kirschgrosse  Milztuberkel  und  Lebertuberkel  gefunden 
wurden,  so  dass  weder  von  einer  Ab  Schwächung.  des  Virus,  n  neu  von 
einer  grösseren  Widerstandsfähigkeit  des  Organismus  die  Rede  sein 
konntef  aber  auch  bei  älteren  Erwachsenen  mit  alter,  selbst  schwe^ 

1  ungentuberkulose  kommen  zuweilen  enorm  grosse,  zum  1  eil  tn.cn 
verkäste  Drüsenpakete  (deren  Vorkommen  bei  Erwachsenen  zuweilen 

ganz  bestritten  wird)  vor53).  .  ,  „  ,  . 

In  der  Regel  findet  man  bei  alten  Leuten  rmt  chronischer  Tuberku¬ 
lose  die  Hilusdriisen  meist  induriert  schwärzlich,  bei  jugendlichen  oft 
noch  irisch  verkäst,  was  wohl  wieder  auf  eine  geringere  Widerstands¬ 
fähigkeit  hinweist,  ohne  dass  man  im  ersteren  Falle  ajJ 
„histologische“  Allergie  zu  schlossen  braucht  (vgl.  Ribbert, 

Ta  D^  "initialen  Herde  in  der  Lunge  Erwachsener  lassen  sich 
selbstverständlich  nicht  scharf  von  denen  der  Kinder  abgrenzen,  da 
eine  erste  Infektion  wohl  in  jedem  Alter  eintreten  kann,  ganz  besonders 
noch  im  späteren  Kindesalter,  im  2.  und  3.  Dezennium,  wahrend  ira 
reiferen  Alter  die  Gefahr  der  Infektion  erfahrungsgemass  abnimmt. 
Worauf  diese  erhöhte  Widerstandsfähigkeit  beruht  ob  auf  Immuni¬ 
sierung  durch  früher  überstandene  Infektion,  die  ja  oft  genug  yorhegt, 
oder  auf  anderen  Ursachen,  soll  hier  nicht  erörtert  werden.  Ich  ver¬ 
weise  hierüber  auf  den  Vortrag  von  Huebschmann,  wenn  ich  auch 
nicht  in  allen  Punkten  derselben  Ansicht  bin.  Pathologisch-anatomisch 
ist  das  Alter  eines  primären  Herdes  in  den  Lungen  älterer  Individuen 
ohne  genaue  Anamnese  meist  schwer  abzuschatzen  (s.  auch  G  h  o  n  und 
Pototschnig  1.  c.).  Bei  Gegenwart  älterer  Herde  spielt  zweifellos 
die  „endogene  Reinfektion“  (Orth)  die  Hauptrolle.  wenn  auch  eine 
exogene  dabei  keineswegs  auszuschliessem  ist.  .  Die  Annahme -emer 
durch  frühere  Erkrankung  erworbenen  G  ew  e  b  s  i  m  m  u  n i  t at  scheint 
mir  nicht  begründet  (noch  weniger  allerdings  das  Gegenteil  Man  kann 
das  wohl  aus  Analogie  mit  den  Verhältnissen  bei  der  Hauttubertajge 
schliessen,  bei  der  eine  lokale  Immunisierung  durch  häufig  wiederholte 
Infektion  nicht  vorzukommen  scheint5).  (S.  darüber  Lieber¬ 
meister  S.  403.) 


*  '  «Vr.  Kretz:  Ueber  Phthiseogenese.  Beitr.  z.  Klin.  d.  Tuberkulose 

12’  ^ii)  "Ernst  Fr  er  ich  s:  Beitr.  z.  Lehre  v.  d.  Tuberkulose.  Marburg 

(E '  'so,  pjir  Verbreitung  der  Tuberkulose  von  den  H.ilusdrüsen  aus 

nach  der  Lungenspitze  oder  nach  anderen  Stellen  der  Peripherie,  wie  sie  von 
manchen  Seiten  (ohne  die  erwähnten  Durchbrüche)  noch  angenommen  wird, 
finden  sich,  abgesehen  von  direktem  Uebergreifen  auf  die  Lunge  keine  An¬ 
haltspunkte.  Weleminsky  leugnet  jede  Infektion,  der  Drüsen  vom  Ge¬ 
webe  aus  ganz!  (ß.kl.W.  1905.) 


51)  Diese  „Latenz“  der  Tuberkelbazillen  in  alten  Herden,  besonders  den 
Lvmphdrüsen.  hat  selbstverständlich  eine  andere  Bedeutung  als  die  verbreitete 

Annahme  des  latenten  Vorkommens  von  Bazillen  m  .unvera"d,e!rtten  “Singen 
fach  geschwollenen  Lvmphdrüsen ;  ich  verweise  darüber  auf  Untersuchungen 

von  Kuss,  Bartel.  Harbitz,  Liebermeister  «  Milzbrand 

02)  F.  Marchand:  Ueber  einen  merkwürdigen  Fall  von  Milzbrand 

bei  einer  Schwangeren.  Virchows  Arch.  1887.  109,  S.  86. 

53)  Präp  157  a  b,  L.  Nr.  892/1912.  Fr.  v.  64  J.  R.  Lunge  in  allen  I 
3  Lappen  grosse  und  kleine  Knoten,  mehrere  grosse,  alte  Kavernen.  Im 

unteren  Ileum  ein  isoliertes  Geschwür,  zwei  amstgrosses  Paket  verkaster, 
retroüeritonealer  und  ebensogrosses  der  Mesenterialdrusen,  z.  T.  noch  Irische 
Knötchen  Prlp  257/1901  Nr.  583,  M.  v.  40  J.  Schwere  käsige  Tuber-  1 
kulose  der  zervikalen,  bronchialen,  mediastinälen,  retroperitonealen  Lymp  i 
drüsen.  dissem.  Tuberkel  d.  Lungen,  Leber.  Niere,  Milz,  tuberkulöse  Mernn- 
gitis.  Präp.  38/1912,  Nr.  211,  M.  v.  65  J.  Sehr  grosse,  stark  anthrakotische 
und  verkäste  Drüsen  am  Hilus,  am  Halse,  um  das  Pankreas,  u.  retroperitoneal. 

z  T  verkalkt.  Pulm.  nicht  erwähnt.  .  .  .  .  .  , . 

59)  Ich  kann  darüber  aus  eigener  Erfahrung  berichten,  da  ich  im  Laufe  ( 
der  Zeit  gewiss  mehrere  Dutzend  von  sog.  Leichentuberkeln  gehabt  habe,  die 
oft  Monate,  selbst  Jahre  lang  bestanden  und  dabei  immer  neuen  Anlass i  zu 
Mischinfektionen  mit  Staphylokokken  gaben.  Eine  Abschwachung  der  loka 
Empfindlichkeit  habe  ich  dabei  nicht  feststellen  können;  ob  durch  d  e  wieder¬ 
holte  lokale  Impfung  eine  allgemeine  Immunisierung  eintreten  kann,  ist  schwer 
zu  sagen.  Jedenfalls  liegen  die  Verhältnisse  bei  der  Tuberkulose  ganz  anders 
wie  bei  anderen  Infektionskrankheiten.  Bei  der  Haut  kommt  dazu.  dass,  die¬ 
selbe  zur  Weiterverbreitung  der  Infektion  offenbar  sehr  viel  weniger  geeignet 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


57 


Ein  gesetzmässiger  Verlauf  der  Lungentuberkulose  je  nach  den  ver¬ 
schiedenen  Stadien  der  Immunisierung,  wie  ihn  Hayek53)  annimmt 
und  ausführlich  zu  beweisen  sucht,  lässt  sich  aus  den  pathologisch¬ 
anatomischen  Befunden  nicht  bestätigen. 

Die  nach  Behrings  Annahme  nach  enteraler  Infektion  im 
Kindesalter  noch  erhaltene  Disposition  zur  Reinfektion  würde 
sich  wohl  am  einfachsten  dadurch  erklären,  dass  in  solchen  Fällen 
sehr  gewöhnlich  noch  infektionsfähige,  d.  h.  nicht  hinreichend  abge¬ 
kapselte  Herde  vorhanden  sind,  von  denen  aus  irgendeiner  Ver¬ 
anlassung  neue  Infektionen  ausgehen  können. 

Die  Frage,  ob  eine  hämatogene  oder  aerogene  (bronchogene)  In¬ 
fektion  anzunehmen  ist,  ist  auch  bei  den  initialen  Herden  der  Er¬ 
wachsenen  widersprechend  beantwortet  worden,  und  es  können  wohl 
sicher  beide  Fälle  Vorkommen.  Gar  nicht  selten  findet  man  bei  jugend¬ 
lichen  Individuen  die  bekannten  abgekapselten  mörtelartig  ein¬ 
gedickten  oder  ganz  verkalkten  Herde  in  den  mittleren  oder  unteren 
Teilen  als  Residuen  einer  kindlichen  Infektion,  die  sich  noch  deutlich 
an  einen  obliterierten  Bronchus  anschliessen  und  sich  oft  deutlich  als 
verödete,  abgekapselte  Kavernen  erweisen.  Die  allem  Anschein  nach 
erst  später  erworbenen  Herde  sind  bekanntlich  am  häufigsten  in  einer 
der  Lungenspitzen  lokalisiert;  auch  sie  schliessen  sich  in  der  Regel 
an  einen  verdickten  kleinen  oder  mittleren  Bronchus  an,  in  dessen 
Umgebung  meist  nach  der  Peripherie  sich  eine  Eruption  grauer  Knöt¬ 
chen  anschliesst:  Der  Bronchus  ist  an  der  Innenfläche  ulzeriert,  käsig, 
zuweilen  verlegt  und  in  der  Fortsetzung  erweitert,  mit  käsigen  Massen 
erfüllt,  das  umgebende  Gewebe  geschrumpft.  Diese  Bilder  sind  all¬ 
gemein  bekannt  (sog.  Lungenspitzenkatarrh).  Eine  etwas  andere  Form 
hat  Birch-Hirschfeld56)  und  nach  ihm  Schmorl57)  eingehend 
beschrieben;  sie  stellt  in  der  Regel  einen  festeren  käsigen  Knoten  dar, 
der  auf  dem  Durchschnitt  ein  enges  Lumen  einschliesst;  auch  diese 
Knoten  hängen  deutlich  mit  grösseren  Bronchien  zusammen,  die  sich 
zuweilen  auf  eine  Strecke  von  mehreren  Zentimetern  verkäst  und 
ulzeriert  erweisen.  Birch-Hirschfeld  und  Schmorl  erklären 
diese  nicht  ganz  selten  vorkommenden  Herde 'als  zweifellos  aerogen. 
Sie  fanden  sie  hauptsächlich  in  einem  hinteren  apikalen  Bronchus. 
Ganz  ähnliche  derbe,  käsige  Knoten  kommen  aber  zuweilen  auch  in 
anderen  Teilen  einer  Lunge  vor,  in  deren  Oberlappen  alte  Kavernen 
vorhanden  sind,  bei  denen  also  eine  bronchogene  Entstehung  am 
nächsten  liegt.  In  der  Regel  sind  die  käsigen  Herde  aber  so  weit  vor¬ 
geschritten,  dass  ihre  erste  Entstehung  histologisch  schwer  nachzu¬ 
weisen  ist.  (Die  Annahme  Aufrechts 58),  dass  solche  Knoten  ge- 
wissermassen  als  tuberkulöse  Infarkte  im  Anschluss  an  verschlossene 
Arterien  entstehen,  ist  durchaus  unhaltbar.  (Solche  anämische  tuberku¬ 
löse  Infarkte  kommen  nicht  ganz  selten  in  der  Milz  im  Anschluss  an 
verschlossene  Arterien  in  tuberkulösen  Herden  vor.  vielleicht  auch  in 
den  Nieren;  König  wollte  in  ähnlicher  Weise  die  oft  keilförmigen 
tuberkulösen  Knochenherde  erklären,  was  jedoch  sehr  unwahrschein¬ 
lich  ist.) 

Abgesehen  von  jenen  derben  käsigen  Knoten,  die,  wie  es  scheint, 
einen  chronischen  Verlauf  haben  und  sich  abkapseln  und  verkalken 
können,  kommen  bei  jugendlichen  Individuen  sehr  akut  zum  Zerfall 
führende  käsige,  lobulär  pneumonische  Herde  vor,  die  sich  ebenfalls 
an  käsig  ulzerierte  Bronchien  anschliessen,  die  in  Zerfallshöhlen  über¬ 
gehen  und  durchaus  den  Eindruck  frischer  Aspirationsherde  machen. 
Dahin  gehören  auch  die  bei  Diabetikern  oder  an  anderen  erschöpfenden 
Krankheiten  Verstorbenen,  gelegentlich  sich  findenden  augenscheinlich 
noch  frisch  entstandenen  käsig-pneumonischen  Herde  in  einem  oder 
beiden  Oberlappen,  die  mit  frisch  ulzerierten  Bronchien  in  Verbindung 
stehen.  (Von  einem  solchen  Fall,  einem  13 — 14  jährigen  Knaben,  der 
lange  Zeit  wegen  einer  sehr  eigentümlichen  Nieren-  und  Blasenstein¬ 
erkrankung  in  der  Chirurgischen  Klinik  in  Marburg  gelegen  und  an 
Urämie  gestorben  war,  werden  Präparate  der  sehr  gut  erhaltenen,  blau 
injizierten  Lunge  projiziert.) 

In  seltenen  Fällen  kommen  bei  Erwachsenen  in  den  hinteren 
unteren  Teilen  der  Unterlappen  ausgedehnte  konfluierende  käsig-lobuläre 
Herde  vor,  die  in  kurzer  Zeit  zum  Tode  geführt  haben,  ohne  dass  von 
älteren  primären  Infektionen  etwas  nachzuweisen  ist,  deren  Entstehung 
daher  schwer  erklärlich  ist  (Aspiration  reichlicher  Bazillen?). 

Auf  die  viel  erörterte  Frage,  worauf  die  vorwiegende  Disposition  der 
Lungenspitze  für  die  Lokalisation  der  tuberkulösen  Infektion  bei  Erwachsenen 
beruht,  kann  ich  an  dieser  Steile  nicht  näher  eingehen.  Einiges  darüber  ist 
von  Prof.  Huebschmann  in  seinem  Vortrag  gesagt  worden.  Für  sicher 
halte  ich,  dass  sie  nicht  oder  jedenfalls  nicht  allein  auf  dem  mechanischen 
Moment  der  Engigkeit  der  oberen  Thoraxapertur  nach  der  bekannten  An¬ 
schauung  von  F  r  e  u  n  d  und  Hart  beruht,  wenn  auch  mechanische  Momente 
im  Sinne  von  Tendeloo  und  Bacmeister  (1.  c.)  indirekt  dazu  bei¬ 
tragen  mögen.  Um  ein  eigenes  Urteil  darüber  zu  gewinnen,  habe  icli 


ist  ais  andere  Organe  oder  Gewebe,  ganz  besonders  die  Lymphdrüsen.  Docli 
können  auch  diese  zweifellos  die  Tuberkelbazillen  abfangen  und  dauernd 
einschliessen.  Es  scheint  mir  nicht  nötig,  in  solchen  Fällen  mit  Ranke 
eine  ungewöhnliche  Art  der  Reaktion,  eine  besondere  histologische  Aller- 
g  i  e  anzunehmen,  da  hierzu  die  gewöhnliche  reaktive  Entzündung  ausreichen 
dürfte.  Richtiger  ist  vielleicht  die  Annahme  einer  gesteigerten  Reaktion  — 
einer  Hyperergie  nach  Hamburger  bei  den  sehr  empfindlichen 
Kindern.  55)  Hayek:  Das  Tuberkuloseproblem.  Berlin  1921. 

)  F.  V.  Birch-Hirschfeld:  Ueber  den  Sitz  und  die  Entwicklung 
der  primären  Lungentuberkulose.  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  1899,  64,  S.  58. 

B7)  G.  Schmorl:  Zur  Frage  der  Genese  der  Lungentuberkulose. 
M.m.W  1902  Nr.  33/  34. 

58)  E.  Aufrecht:  Pathologie  und  Therapie  der  Lungenschwindsucht. 

2.  Aufl.  1913. 


35  Rippenringe  von  der  ersten  Rippe  von  28  tuberkulösen  und  9  nicht¬ 
tuberkulösen  Individuen  verschiedenen  Alters  und  Geschlechts  gesammelt, 
doch  ist  diese  Zahl  noch  bei  weitem  nicht  ausreichend;  überdies  sind  die 
Präparate  noch  nicht  genau  durchgearbeitet.  (Die  Präparate  wurden  in  der 
Sitzung  vorgelegt.)  Doch  glaube  ich  schon  nach  der  einfachen  Vergleichung 
die  Ansicht  aussprechen  zu  können,  dass  zwischen  den  beiden  Arten  keine 
durchgreifenden  Unterschiede  bestehen  und  dass  die  oft  vorhandene  Asymmetrie 
der  Apertur  bei  Tuberkulose  eher  als  ein  Folgezustand  länger  bestehender 
Schrumpfung  der  Lunge  und  der  Adhäsionen  anzusehen  ist.  Ist  doch  hin¬ 
reichend  bekannt,  welchen  enormen  Einfluss  lange  bestehende  pleuritische 
Schwarten  auf  die  Gestalt  des  Thorax  haben.  Dass  eine  ganz  allmählich 
entstehende,  selbst  sehr  tief  eingreifende  Furche  oder  Einschnürung  der  Lunge 
keinen  Einfluss  auf  die  Lokalisation  tuberkulöser  Prozesse  zu  haben  braucht, 
geht  aus  dem  fast  völligen  Fehlen  solcher  in  den  stark  deformierten  Lungen¬ 
teilen  bei  Skoliose  hervor.  Auch  bei  dem  kongenital  angelegten  tiefen  Ein¬ 
schnitt  durch  die  Vena  azygos,  wodurch  zwar  keine  Kompression  von  Bron¬ 
chien  und  Gefässen,  aber  doch  eine  Verlagerung  entsteht,  auf  die  Schmorl 
mit  Rücksicht  auf  die  Entstehung  der  bronchialen  Herde  aufmerksam  gemacht 
hat  50),  ist  von  einem  solchen  Einfluss  nichts  bekannt,  noch  weniger  bei  der 
seichten  Vertiefung  durch  die  Art.  subclavia  oder  die  erste  Rippe  (Schmorl). 
Auch  der  Verlegung  der  Lymphgefässe  durch  Retention  des  eingeatmeten 
Russes  kann  ich  keine  besondere  Bedeutung  beimessen.  Am  meisten  scheint 
mir  noch  für  die  ungünstige  Entfernung  eingeatmeter  Teile  durch  mangelhafte 
Exspiration  zu  sprechen.  Aber  auch  Zirkulationsverhältnisse  können  eine 
Rolle  spielen.  Gegen  die  mechanische  Ursache  der  Spitzentuberkulose  haben 
sich  ausser  S  c  h  uj  t  z  e  ®5)  u.  a.  besonders  ausdrücklich  R.  Kretz61)  und 
Wenckebach61')  ausgesprochen,  ersterer  auf  Grund  seiner  bekannten  An¬ 
schauung  von  der  verschiedenen  Verbreitung  der  Metastasen  durch  die  Aeste 
der  Pulmonalarterien  und  der  Entstehung  der  Lungentuberkulose  auf  dem 
Blutwege,  letzterer  auf  Grund  seiner  sehr  zahlreichen  vergleichenden  Be¬ 
obachtungen  der  Thoraxformen  in  verschiedenen  Gegenden. 

M.  H.l  Trotz  der  ungeheuren  Arbeit,  die  seit  100  Jahren  im  Gebiet 
der  Lungentuberkulose  geleistet  worden  ist,  stehen  wir  heute  noch 
in  vieler  Beziehung  im  Anfang  der  Erkenntnis  der  Vorgänge.  Eine  neue 
Aera  begann  mit  dem  endgültigen  Nachweis  der  ätiologischen  Einheit¬ 
lichkeit  der  Tuberkulose  als  Infektionskrankheit  gegenüber  der  bis 
dahin  noch  herrschenden  Anschauung  von  ihrer  „konstitutionellen“ 
Natur.  Daraus  ergab  sich  mit  Notwendigkeit  die  Erkenntnis  der  ent¬ 
zündlichen,  reaktiven  Natur  der  Gewebsneubildungen,  die  zusammen 
mit  den  degenerativen  Prozessen  das  anatomische  Gesamtbild  dar¬ 
stellen.  Beide  sind  abhängig  von  der  konstitutionellen  Eigenart  des 
Organismus  in  seinem  Verhalten  gegenüber  der  spezifischen  Einwirkung 
der  Tuberkelbazillen. 

Schlussfolgerungen. 

1.  Ich  stimme  mit  Asch  off  vollkommen  darin  überein,  dass  die 
Lungentuberkulose  oder  die  tuberkulöse  Lungenphthise  nicht  nur  ein 
immunbiologisches  Problem  (nach  Hayek),  sondern  von  Anfang  bis 
zu  Ende  auch  ein  pathologisch-anatomisches  Problem  ist. 

2.  Eine  durchgreifende  Trennung  der  Lungentuberkulose  in  zwei 
Hauptformen,  eine  eigentlich  tuberkulöse  oder  produktive  und  eine 
exsudative  oder  entzündliche  Phthise,  also  eine  Rückkehr  zur  Dualitäts¬ 
lehre  Virchows  halte  ich  trotz  aller  Anerkennung  der  morpho¬ 
logischen  Unterschiede  beider  für  keine  Verbesserung,  sondern  für  einen 
Rückschritt.  Der  Ersatz  der  Bezeichnungen  Tuberkulose  durch  Phthise, 
phthisisch  ist  nachdrücklich  abzulehnen. 

3.  Erstens  ist  die  entzündliche  Natur  auch  der  produktiven  Prozesse 
also  der  tuberkulösen  Knötchen  gegenüber  der  Annahme  einer  blastoma- 
tösen  Natur  zweifellos,  zweitens  fehlt  es  nicht  an  Uebergängen  zwi¬ 
schen  den  produktiven  und  den  exsudativen  Formen,  die  oft  untrennbar 
mit  einander  verbunden  sind. 

4.  Da  die  Lungentuberkulose  somit  eine  chronisch-entzündliche 
(Infektions-)  Krankheit  ist,  werden  wir  sie  nach  den  für  diese  gültigen 
Grundsätzen  zu  beurteilen  haben;  als  solche  setzt  sie  sich  zusammen 
„aus  den  degenerativen  Folgen  der  schädigenden  Krankheitsursache 
einerseits,  den  akuten  und  chronischen  reaktiven  Vorgängen  an  den  Ge¬ 
fässen  und  am  Gewebe,  den  proliferativen  und  reparativen  Gewebs¬ 
veränderungen  andererseits“  (March  and  1.  c.). 

5.  Unbestreitbar  ist  die  grosse  prognostische  Verschiedenheit  der 
vorwiegend  proliferativen  und  der  vorwiegend  exsudativen 
Veränderungen  bei  der  chronischen  Phthise,  da  die  ersteren  unmittelbar 
in  die  Heilungsvorgänge  übergehen  können,  während  die  letzteren  zur 
Nekrose  und  Zerstörung  führen.  Nur  in  den  Anfangsstadien  scheint 
eine  Restitution  durch  Resorption  exsudativer  Infiltrate  möglich  zu  sein. 

6.  Die  Entscheidung  der  wichtigen  Frage,  wieweit  diese  Gewebs¬ 
veränderungen  von  den  allgemein-biologischen  Vorgängen  der  Immuni¬ 
sierung  im  Organismus  und  den  Geweben  abhängen,  ergibt  sich  z.  T. 
aus  dem  zeitlichen  Verlauf  in  Verbindung  mit  dem  pathologisch-ana¬ 
tomischen  Verhalten,  doch  lässt  sich  eine  schematische  (gesetzmässige) 
Einteilung  der  Lungentuberkulose  in  verschiedene  Stadien  zurzeit 
weder  in  ihrem  Verlauf  noch  pathologisch-anatomisch  durchführen,  da 
sich  an  die  sekundären  und  sogar  an  die  sog.  ..tertiären“  und  scheinbar 
ausgeheilten  Formen  durch  „endogene  Reinfektion“  oft  nach  langjähriger 
Latenzperiode  stets  wieder  frische  Prozesse  anschliessen  können. 

7.  Eine  (lokale)  Gewebsimmunisierung  scheint  auch  durch  oft  wieder¬ 
holte  Reinfektion  nicht  herbeigeführt  zu  werden.  Die  verkäsende  pneu- 

59)  Schmorl:  Zur  Frage  der  beginnenden  Lungentuberkulose.  M.m.W. 
1901  Nr.  50. 

®°)  Schul  tze:  Beitr.  z.  Kl.  d.  Tuberk.  1913,  26,  S.  205. 

61)  R.  Kretz:  Spitzentuberkulose  und  Thorax  phthisicus.  W.m.W.  1918, 
Nr.  14,  S.  377. 

*'’)  K.  F.  Wenckebach:  Spitzentuberkulose  und  phthisischer  Thorax. 
W.m.W.  1918,  Nr.  14,  S.  378. 


58 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT-, 


Nr.  2. 


monische  Infiltration  hat  nicht  die  Bedeutung;  einer  Abwehrfunktion 
(Defensio  nach  A  s  c  h  o  i  i),  sondern  stets  die  eines  de  etären  ' Vorgang 
als  Folge  einer  mangelhaften  Widerstandsfähigkeit  des  Organismus,  die 
von  sehr  verschiedenen  Umständen  abhängt. 

8  Eine  erworbene  Immunisierung  der  Lymphdrusen  gegen  lubei- 
kulose  dmch  schwere  Lungentuberkulose  oder  Ueber  stehen .einer  pri¬ 
mären  Infektion  ist  im  kindlichen  Körper  oft  gar  nicht.  1 ^‘  Erwachsenen 
ki'ineswesrs  resreimässig  nachweisbar,  vielmehr  kommen  auch  bei  diesen 
chronisch?  SgenSektlonen  mit  schweren  fortschreitenden  Drusen- 

verkästingen  nicht  ganz  selten  vor.  -rPniöcpn  Fr 

9  Die  grössere  Disposition  der  Lungenspitzen  zu  tuberkulösen  Er 
krankuneen  bei  Erwachsenen  erklärt  sich  nicht  allein  durch .mechanische 
Verhältnisse  Engigkeit  der  oberen  Thoraxapertur  durch  frühzeitige  Vei- 
knrtrhen.nl  (Verkalkung)  des  1.  Rippenknorpels,  die  vielmehr  ein 
Folgezustand  der  Lungenerkrankung  zu  sein  scheint  oder  unabhängig 

10  Die  initialen  Lungenherde  bei  Kindern  und  Erwachsenen  sind  in 

den  meisten  Fällen  auf  Infektion  durch  Aspiration  zuruckzufuhren,  doch 
:  t  :  ‘  hämatogene  Entstehung  nicht  ausgeschlossen,  bei  endogener 

SeinfdctiM™ ogar Swöhnlich.  Eine  Entstehung  isolierter  bronchialer 
Tu  her  kul  osehefde  auf  dem  Wege  der  Pulmonalarterien  ist  jedoch  wenig 
wahrSheinüch  leSer  durch  Vermittlung  der  Bronchialarter.en  zu 

erklären.  h  d  Tuberkulose  mit  der  Syphilis  ist  weder  vom 

imn  unbiologischen,  noch  vom  pathologisch-anatomi¬ 
schen  Standpunkte  aus  durchzuführen.  Das  neuerdings  als  „tertiai 
bezeichne!»  Stadium  der  Tuberkulose  —  als  Ausgang  der  chronisch- 
entzündlichen  Reaktion  in  Schwindsucht  —  entspricht,  trotz  manche 
histologischen  Aehnlichkeit  des  verkästen  Tuberkels  mit  dem  syphili- 
üschen  Qumma  weder  den  nicht  mehr  infektiösen  Stadien  der  sog 
tertiären  Syphilis,  noch  den  sehr  infektiösen  Produkten  der  Syphilis  des 
Fötus  und  des  Neugeborenen“). 


Für  die  Praxis. 

Das  fingerlose  Verbinden. 

Von  A.  Kr  ecke  in  München. 


m*  fingerlose  Operieren  ist  vielen,  wenn  nicht  allen 
Chirurgen  ;n  Fleisch  und  Blut  übergegangen.  Man  weiss,  dass  die 
Finger  die  Hauptträger  der  Infektionsstoffe  sind  und  am  schwersten  zu 
sterilisieren  sind  Operiert  man  fingerlos,  d.  h.  ohne  die  ringer  m 
Berülfrung  mit  der  Wunde  zu  bringen,  so  schaltet  man  damit  eine 
sehr  wichtige  Infektionsquelle  mit  grosser  Sicherheit  aus. 

Fhenso  wichtig  vielleicht  noch  wichtiger  wie  das  fingerlose  Ope- 
•  -  vfrLiinlr  r  1  0  se  Verbinden.  Zur  Erzielung  einer  guten 

Wundheilung  ist  für  den  Arzt  nichts  bedeutungsvoller  als  die  so- 
Wunanenung  ist  i  Asepsis.  Unter  persönlicher  Asepsis  ver- 

steln  "min  die  Fernhaltung  aller  Infektionsstoffe  von  Händen  und  Fin¬ 
gern  Je  weniger  lnfektionskeime  man  im  täglichen  Betrieb  an  seine 
Finger  hinbringt  um  so  sicherer  gelingt  die  Desinfektion  der  Fingei, 
und  um  so  gifnstiger  muss  sich  der  Verlauf  der  mit  diesen  Fingern 
angelegten  Operationswunden;  gestalten.  .  ,  _ 

8  Eine  einmal  infizierte  Hand  ist  nur  ausserordentheh  schwer  wieder 
aseptisch  zu  machen.  Kein  Chirurg  wird  eine  aseptisct  *?  .  , 

vornehmen  wenn  er  vorher  sich  bei  einer  Abszesseroffnung  infizier 
hat  Ueberall  ist  es  wohl  Vorschrift,  die  Eröffnung  von  Abszessen 
nur  unter  dem  Schutz  der  Gummihandschuhe  vorzunehmen. 

Eine  Gelegenheit  zur  Infektion  der  Finger  und  Hände  gibt  aber 
nicht  allein  die  Eröffnung  von  Abszessen,  Phlegmonen,  Furunkeln  und 
dergleichen.  Die  tägliche  Praxis  bringt  den  Chirurgen  andauernd  m 
Berührung  mit  Infektionskeimen.  Wer  weiss,  mit  wieviel  Infektions¬ 
keimen  che  Hände  der  Patienten  beladen  sind,  denen  man  täglich  m  der 
Sprechstunde  oder  im  Krankenhause  die  Hand  geben  muss. 

“  P  Der  Chirurg  sollte  daher  eigentlich  immer  Gummihands  ch i  uh e 
tragen  damit  die  mancherlei  nicht  erkennbaren  Verunreinigungen  der 

“S'ÄÄer  Gummihandschuhe  insbesonders  beim 
Verbinden.  Beim  Verbinden  sind  die  Gelegenheiten  zur  Verunreinigung 
.ipr  Hände  des  Arztes  ausserordentlich  viele. 

Wenn  man  mit  etwas  kritischen  Augen  häufiger  anderen  Kollegen 
beim  Verbinden  zusieht,  so  kann  man  dabei  manchertei  beobaciten. 
Die  einen  Kollegen  waschen  sich  vor  einem  Verbandwechsel  m  t  gros¬ 
sem  Eifer  wie  vor  einer  aseptischen  Operation.  Wenn  sie  sich  ge 
reinigt  haben,  so  fassen  sie  mit  den  eben  gereinigten  Fingern  die 
schmutzigen,  oft  eitrigen  Binden  und  Verbandstoffe  an  und  machen  da¬ 
mit  die  schönste  Asepsis  wieder  zunichte.  .  . 

Die  anderen  waschen  sich  überhaupt  nicht,  yi’lck.®ln, oh”e,B«^ ei'keo. 
die  Binden  auf,  nehmen  mit  ihren  Fingern  die  Verbandstoffe  weg, 
tasten  unbekümmert  die  Umgebung  der  Wunde  ab  und  legen  mit  den 


gleichen  Fingern  die  von  der  Schwester  ihnen  mit  aseptischer  1  in¬ 
zette  gereichten  Verbandstoffe  wieder  auf.  Eigentümlich  wirkt  es  da¬ 
bei,  wenn  die  Vertreter  dieser  Gruppe  sehr  erregt  werden,  sobald  der 
Kranke  nur  den  Versuch  macht,  mit  seinen  Fingern  der  Wunde  na 

Wieder  andere  waschen'  sich  ebenfalls  nicht,  nehmen  ebenfalls 
Verbandstoffe  mit  ihren  ungeschützten  Fingern  ab,  legen  aber  die 
frischen  Verbandstoffe  mit  steriler  Pinzette  auf  und  hüten  sich,  mit 
ihren  Findern  an  die  Wunde  tiinzukonrmcn.  ...  , 

Eine  vierte  Gruppe  schliesslich  wäscht  sich  auch  nicht,  lasst  abci 
die  schmutzigen  Binden  und  Verbandstoffe  von  einer  Hilfsperson  ab¬ 
nehmen  und  bringt  die  frischen  Verbandstoffe  mit  steriler  Pinzette  a 

d'e  EsU^teke?nnZweifel,  dass  die  Herren  der  ersten  Gruppe  die  sich 
erst  waschen  und  dann  wieder  infizieren,  ganz  falsch  handelt .  bie 
tun  in  keiner  Weise  besser  wie  diejenigen,  die  sich  überhaupt  nicht 
waschen,  da  jede  Berührung  der  schmutzigen  Verbandstoffe  die  Asepsis 
der  Hände  zunichte  macht.  Da  sind  vielmehr  zu  bben^  die  Anhänger 
der  4.  Gruppe,  die  sich  auch  nicht  waschen,  aber  jede  Berührung 
der  Verbandstoffe  sowohl  wie  der  Wunden  vermeiden. 

Es  ist  selbstverständlich,  dass  sich  der  Arzt  vor  und  nach  jedem 
Verband  dieHände  wäscht.  Das  gehört  zu  den  einfachsten  Pflichten 
der  Reinlichkeit,  man  möchte  fast  sagen  des  chirurgischen, ^nStandes. 
Denjenigen  Assistenten,  die  keine  Neigung  zeigen,  diese  1  dichte 
zu  erfüllen  pflege  ich  stets  ernste  Vorhaltungen  darüber  zu  machen. 
Ich  weise  sie  darauf  hin,  dass  es  besser  sei,  wenn  sie  von  mir  zu 
diesen  Verrichtungen  angehalten  würden,  als  wenn  das,  wie  ich  es 
schon  in  der  Praxis  erlebt  habe,  von  Seiten  des  Patienten  geschehe. 
Einem  hochstehenden  Fachkollegen,  der  eine  Wunde,  ohne  sich  ge¬ 
waschen  zu  haben,  abtasten  wollte,  sagte  die  frau  tjes  betreffenden 
Patienten:  „Bitte,  Herr  Professor,  wollen  Sie  sich  nicht  erst  die  Hände 

waschen“  , 

Es  ist  unmöglich,  sich  in  chirurgischem  Sinne  vor  jedem.  Verband¬ 
wechsel  zu  desinfizieren.  Dazu  würde  ja  die  Zeit  nie  ausreichen,  und 
bei  einem  einigermassen  grossen  Betriebe  müsste  man  seine  Arbeits¬ 
zeit  vervierfachen.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  die  stumpfsinnige  c- 
schäftigung  des  Waschens  die  Tätigkeit  der  Grosshirnrinde  sehr  bald 
in  empfindlichster  Weise  beeinträchtigen  würde.  Das  Waschen  zum 
Zwecke  der  Asepsis  des  Verbandwechsels  ist  bei  einem  einigermassen 
grossen  Betrieb  vollkommen  unmöglich.  Die  Asepsis  des  Verband¬ 
wechsels  lässt  sich  aber  weit  besser  erreichen  dadurch,  dass  man  d  i  e 
Finger  mit  den  Verbandstoffen  und  der  Wunde  nicht 
in  Berührung  bringt  und  zwischen  Finger  einer¬ 
seits  und  Verbandstoffe  und  Wunden  anderseits 
sterile  Pinzetten  ein  schaltet. 


8:!)  Obwohl  ich  von  den  grossen  Mängeln  des  vorstehenden  Aufsatzes 
selbst  am  meisten  überzeugt  bin  und  mich i  damit .  nicht  unseren  grossen 


Tuberkubseforschernxui  die  Seite  stellen  möchte,  halte  ich  mich  doch  auf 

Grund  langjähriger  eigener  Erfahrung  für  berechtigt,  ein  Urteil  vom  Stand 
punkt  der  allgemeinen  Pathologie  und  der  pathologischen  Anatomie  abzu¬ 
geben  in  der  Hoffnung,  dadurch  etwas  zur  Klärung  mancher  strittigen  Fragen 
beizutragen. 


Am  einfachsten  ist  es  natürlich,  bei  jedem  Verbandwechsel  Qumm1- 
handschu'he  zu  tragen.  Es  wird  das  aber  rein  technisch  wohl  nicht 
möglich  sein,  da  zwischen  den  einzelnen  Verbandwechseln  vielfach 
andere  Dinge  zu  tun  sind^  und  da  auch  die  dadurch  entstehende  Geld- 
ausgabe  unter  den  heutigen  Verhältnissen  zu  gross  werden  wurde. 
Bei  dem  gewöhnlichen  Verbandwechsel  sind  die  Gummihandschuhe 
auch  gar  nicht  erforderlich.  Wer  sich  daran  gewöhnt,  stets  mit  Pin- 
zetten  zu  arbeiten  und  weder  Verbundstoffe  noch  Wunden  zu  berühren, 
läuft  nicht  Gefahr,  seine  Hände  zu  infizieren  oder  Keime  von  einem 
Patienten  auf  den  andern  zu  übertragen. 

Es  scheint  nicht  unwesentlich,  zu  betonen,  dass  der  Arzt,  der  die 
eitrigen  Verbandstoffe  und  Binden  mit  den  Fingern  abnimmt,  auch  sich 
selbst  in  hohem  Grade  gefährdet.  Eine  solche  Infektion  gelegentlicli 
eines  Verbandwechsels  hat  schon  ebenso  häufig,  zu  schwelen  Fallen 
von  Sepsis  Veranlassung  gegeben  wie  eine  Infektion  bei  der  Operation 
eines  Eiterherdes.  Man  versäume  daher  nicht  in  j  e  d  e  Hand  eine 
Pinzette  zu  nehmen,  da  die  unbewaffnete  Hand  stets  die  Neigung  hat, 
die  Verbandstoffe  anzufassen. 

Um  das  eben  Genannte  in  die  Praxis  umzusetzen,  geht  man  am 
besten  in  folgender  Weise  vor:  Eine  Hilfsperson  (Schwester,  Wärter) 
nimmt  die  Binden  und  die  oberflächlichen  Verbandstoffe  ab.  Der  Arzt 
entfernt  mit  2  Pinzetten  die  auf  der  Wunde  liegenden  Verbandstoffe. 
Jetzt  erfolgt  eine  kurze  Reinigung  der  Hände  des  Arztes  am  besten 
mit  Alkohol.  Mit  2  Tupfern,  die  von  2  Pinzetten  gehalten  werden, 
wird  die  Umgebung  der  Wunde  schnell  gereinigt  (Benzin).  Ein  sanfter 
Druck  mit  einem  trockenen  Tupfer  stellt  fest,  ob  sich  Sekret  aus 
der  Wunde  entleert.  Etwaige  Fäden.  Gummiröhren,  Klammern  wer¬ 
den  entfernt  und  die  Wunde  sofort  mit  neuen  Verbandstoffen  bedeckt. 
Ein  Pflaster  oder  eine  Binde  befestigen  die  Verbandstoffe  in  ihrer  Lage. 

Die  Hilfsperson,  welche  die  schmutzigen  Verbandstoffe  zu  entfernen 
hat  muss  selbstverständlich  auch  vor  einer  Infektion  geschützt  wer¬ 
den.  Auch  die  Hilfspersonen  sind  anzuhalten,  alle  eitrigen  Verband¬ 
stoffe  nur  mit  Hilfe  von  2  Pinzetten  wegzunehmen.  Stark  eitrig  durch¬ 
setzte  Binden  werden  am  besten  mit  der  Schere  durchtrennt.  Alle 
Hilfspersonen  müssen  sich  nach  dem  Berühren  der  schmutzigen  Ver¬ 
bandstoffe  sorgfältig  wieder  reinigen.  Dass  der  Arzt  sich  nach  jedem 
Verbandwechsel  die  Hände  zu  reinigen  hat,  wurde  schon  oben  hervor- 

'VC hopf  dem  fingerlosen  Verbinden,  in  dem  Verbinden  mit  2  Pinzetten, 
liegt  das  grösste  Geheimnis  der  persönlichen  Asepsis.  Solange  der 
junge  Arzt  nach  der  Berührung  eines  schmutzigen  Verbandstoffes  oder 
einer  eitrigen  Wunde  nicht  das  Gefühl  hat,  dass  er  etwas  sehr  Ge¬ 
fährliches  und  Ansteckendes  angefasst  habe,  das  er  mit  allen  Mitteln 
wieder  von  sich  abwaschen  muss,  solange  ist  er  in  das  Geheimnis 
der  persönlichen  Asepsis  noch  nicht  eingedrungen.  Ich  beurteile  die 


13.  Januar  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


59 


Asepsis  eines  Assistenten  am  liebsten  darnach,  wie  er  sich  verhält, 
wenn  er  mit  einem  Eiterkeim  irgendwie  in  Berührung  gekommen  ist. 
Solange  er  sich  darnach  nicht  aufs  gründlichste  mit  heissem  Wasser 
und  Seife  reinigt,  so  lange  schätze  ich  seine  Asepsis  noch  nicht  hoch  ein. 

Als  selbstverständlich  sei  nocheiumal  hervorgehoben,  dass  die  Pin¬ 
zetten.  mit  denen  die  Verbandstoffe  weggenommen  sind,  nicht  dazu 
benützt  werden  dürfen,  um  frische  Verbandstoffe  auf  die  Wunde  zu 
legen.  Dazu  müssen  natürlich  frische  sterile  Pinzetten  benützt  wer¬ 
den.  Man  braucht  auf  diese  Weise  bei  einem  grösseren  Betrieb  immer 
eine  grosse  Zahl  von  Pinzetten.  Bei  uns  werden  die  sterilen  Pin¬ 
zetten  als  Pinzetten  1  und  die  benützten  Pinzetten  als  Pinzetten  2 
unterschieden.  Mit  Pinzette  2  können  selbstverständlich  auch  die  Ver¬ 
bandstoffe  von  einer  anderen  Wunde  ohne  Bedenken  abgenommen 
werden.  An  der  Wunde  selbst  dürfen  stets  nur  Pinzetten  1  Ver¬ 
wendung  finden.  Es  braucht  nach  dem  Gesagten  nicht  besonders 
hervorgehoben  zu  werden,  dass  der  Arzt,  der  beim  Verbinden  Gummi¬ 
handschuhe  trägt,  sich  ebenso  jeder  Berührung  der  Verbandstoffe  zu 
enthalten  hat  und  auch  stets  mit  Pinzetten  arbeiten  muss. 


Soziale  Medizin  und  nerztliche  Standesangelegenheiten. 

Einiges  über  die  wirtschaftlichen  Werte,  welche  eine 
Heilanstalt  hervorbringt. 

Von  Prof.  Dr.  L.  G  e  1  p  k  e ,  Chefarzt  am  Kantonsspital  Baselland. 

In  Nr.  31  (August  1921)  der  Schweiz.  Aerzte-Ztg.  hat  Verfasser 
zum  ersten  Male,  soweit  aus  der  Literatur  ersichtbar  ist,  die  Frage 
des  wirtschaftlichen  Nutzens  der  Heilanstalten  aufgeworfen.  Dabei 
ist  er  durch  Vergleichung  einer  Heilanstalt  mit  einer  Anstalt  für  Unheil¬ 
bare  (Pflegeanstalt  für  Altersschwache,  unheilbare  Geisteskranke  u.  a.), 
ferner  durch  Schätzung  der  Arbeitswerte  geheilter  Unterleibsbrüche 
und  drittens  durch  Schätzung  der  durch  absolut  lebensrettende  Opera¬ 
tionen  erhaltenen  Menschenleben  zu  recht  überraschenden  Ergebnissen 
gekommen.  Es  ist  daher  in  hohem  Grade  verwunderlich,  dass  wir 
Aerzte  bisher  allzu  stolz-bescheiden  waren,  unsere  Heiltätigkeit  ins 
richtige  Licht  zu  stellen. 

Denn  es  ist  jetzt  schon  über  jeden  Zweifel  erhaben,  dass  eine 
einigermassen  gut  ausgestaltete  Heilanstalt  ganz  bedeutende  Werte  in 
Gestalt  von  Arbeitskräften  schafft,  den  Armenpflegen  grosse  Summen 
spart,  den  Wohlstand  des  Landes  und  die  Steuerkraft  hebt  und  da¬ 
durch  indirekt  die  Staatskasse  wie  wenig  andere  Einrichtungen  füllt. 

Eine  Pflegeanstalt  für  unheilbare  Geisteskranke  oder  für  Alters¬ 
schwache  ist  im  allgemeinen  unproduktiv  und  eine  Sache  der  Wohl¬ 
tätigkeit.  Ganz  anders  die  Tätigkeit  einer  Heilanstalt.  In  einer  sol¬ 
chen  für  den  Kulturstaat  unentbehrlichen  Reparaturwerkstätte  werden 
wertvolle  Arbeitskräfte  erhalten  und  wiederhergestellt. 

Nehmen  wir  an,  eine  Anstalt  mit  100—120  Betten  heilt  jährlich 
im  Durchschnitt  100  Unterleibsbrüche.  Berechnet  man  nach  Art  der 
Unfallversicherungsgesellschaften  den  Wert  eines  geheilten  Bruches 
mit  1500  Fr.,  so  decken  wir  mit  diesen  Bruchoperationen  allein  oder 
fast  allein  unsere  ganze  Jahresausgabe.  Diese  100  Bruchoperationen 
bedeuten  aber  nur  etwa  den  8 — lOten  Teil  der  Jahresarbeit  eines 
Spitals  mit  100  Betten.  Das  heisst  mit  anderen  Worten,  wir  produzieren 
an  wirtschaftlichen  Werten  etwa  8 — 10  mal  mehr  —  bescheiden  ge¬ 
rechnet  5  mal  mehr  —  als  wir  verbrauchen. 

Zu  ähnlichen  Ergebnissen  gelangt  man,  wenn  man  nach  Art  der 
Lebensversicherungsanstalten  den  Wert  der  durch  sogen,  absolut  le¬ 
bensrettende  Operationen  (eingeklemmte  Brüche,  Krupp  etc.)  erhal¬ 
tenen  Menschenleben  berechnet.  Danach  ist  die  Heilanstalt  eine 
wahre  Goldgrube  für  den  Staat. 

E.  B  i  r  ch  e  r  hat  nun  die  Frage  mit  erfreulichem  Eifer  und  grosser 
Energie  aufgegriffen  und  kommt  für  die  Aarauer  Kantonale  Kranken¬ 
anstalten  (S.  S.  A.  Z.  Nr.  31  b.  c.)  zu  Schätzungen,  welche  die  unseren 
bestätigen  bezw.  übertreffen;  nämlich  zu  einer  Summe  von  P/2  Mil¬ 
lionen  pro  Jahr  für  das  Aarauer  Krankenhaus. 

Das  bedeutet,  dass  diese  Anstalt  dem  Staate  mindestens  100  Proz. 
einträgt;  vielleicht  aber  noch  wesentlich  mehr. 

Es  sei  zugegeben,  dass  die  obigen  Zahlen  mehr  auf  Schätzungen 
als  auf  genauen  Berechnungen  beruhen. 

Um  so  mehr  ist  zu  begriissen,  dass  unser  Problem  auch  in  den 
Kreisen  der  Staatswirtschaftler  und  Nationalökonomen  lebhaftes  In¬ 
teresse  geweckt  hat  und  dass  in  Kürze  genauere  Berechnungen  von 
dieser  Seite  vorliegen  werden. 

Dabei  ist  zu  bemerken,  dass  es  ganz  verkehrt  wäre,  diese  neue 
Anschauungs-  und  Bewertungsweise  der  ärztlichen  Tätigkeit  als  eine 
egoistische  und  materielle  aufzufassen,  wie  es  hier  und  dort  ge¬ 
schehen  ist. 

Im  Gegenteil,  wenn  wir  trachten,  zu  beweisen,  welch  hohen 
staatserhaltenden  Wert  die  Arbeit  der  Heilanstalt,  aber  auch  die  Arbeit 
des  Privatarztes  hat,  so  suchen  wir  darin  nicht  persönliche  Vorteile 
und  persönliche  Besserstellung,  sondern  wir  wollen  in  den  jetzigen 
Zeiten  des  allgemeinen,  nie  dagewesenen  Niederganges  den  Staaten¬ 
lenkern  Goldgruben  aufdecken,  Quellen  des  Wohlstandes  und  der  Wic- 
dergenesung  zeiget!. 

Möge  in  diesem  Sinne  meine  kurze  vorläufige  Mitteilung  unter 
Spital-  und  Privatärzten  eingehende  Prüfung  finden  und  zu  Rtick- 
äusserung  Anlass  geben. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

M.  H  e  i  d  e  n  Ii  a  i  li :  Ueber  die  teilungsfähigen  Drüseneinheiten 
oder  Adenomeren  sowie  über  die  Grundbegriffe  der  morphologischen 
Systemlehre.  Zugleich  Beitrag  zur  synthetischen  Morphologie.  Arch. 
f.  Entw.-Mech.  d.  Organe,  49.  Bd.,  S.  1—178,  82  Abb.,  auch  in  Buchform 
erschienen.  Berlin,  J.  Springer,  1921.  Preis  126  M. 

M.  Heiden  ha  ins  gross  angelegte  Untersuchungen  über  die 
Speicheldrüsen  sind  bewusst  auf  rein  morphologische  Gesichtspunkte 
eingestellt  und  bilden  ein  Glied  einer  Reihe  von  wertvollen  Unter¬ 
suchungen  des  Verfassers  zur  Teilkörpertheorie.  Wie  nicht  anders  zu 
erwarten,  ergaben  die  technisch  vorbildlich  ausgeführten,  äusserst  klar 
geschilderten  und  ausgezeichnet  illustrierten  Untersuchungen  eine 
Fülle  neuer  Erkenntnisse;  rein  deskriptiv  die  Identifizierung  der  Halb¬ 
monde  in  gemischten  Speicheldrüsen  mit  den  serösen  Azini,  der  Schalt¬ 
stücke  mit  den  Schleimtubuli.  Die  letztgenannte  Erkenntnis  gibt  eine 
morphologisch  sehr  wertvolle  Vereinfachung  in  der  Schilderung  des 
Speicheldrüsenbaues;  inan  darf  nicht  mehr  muköse  und  seröse  End¬ 
stücke  unterscheiden;  vielmehr  geht  aus  H.s  Forschungen  hervor,  dass 
die  schleimigen  Teile  als  verschleimte  Schaltstücke  aufzufassen  sind. 
Auf  die  Fülle  weiterer  Einzelheiten,  die  der  analytische  Teil  des 

Werkes  bringt,  kann  hier  nicht  eingegangen  werden.  Von  grosser  Be¬ 
deutung  in  allgemein  biologischer  Beziehung  ist  der  synthetische  Teil, 
auf  den  wir  besonders  hinweisen.  Die  Wachstumsprinzipien  der 

Drüsen  werden  hier  ausführlich  erläutert,  die  mannigfach  wechselnden 
Bilder  zum  Aufbau  einer  „Synthesiologie  des  Drüsenbäumchens“  ver¬ 
wandt.  Wir  halten  den  Nachweis  für  erbracht,  dass  bei  den 

Speicheldrüsen  das  Adenomer  als  Ganzes  zur  Spaltung  befähigt 
ist,  dass  also  die  am  Aufbau  des  Adenomers  beteiligten  Zellen  zu  einer 
höheren  teilungsfähigen  Einheit  zusammengeschlossen  sind.  Diese  Er¬ 
kenntnis  mahnt  neuerdings,  die  „Zelle“  nicht  als  einzige  Einheit  im 
Organismus  zu  betrachten,  sondern  mehr  Gewicht  auf  die  plasmodialen 
Zusammenhänge  im  Aufbau  der  Gewebe  und  Organe  zu  legen. 
Heidenhain  führt  besonders  dus,  dass  im  Organismus  eine  Syste¬ 
matisierung  in  dem  Sinne  bestehe,  dass  allgemein  kleinere  Einheiten  zu 
grösseren  zusammengefasst  sind;  die  grösseren  besitzen  aber  —  und 
darin  besteht  das  Wesen  der  H.schen  Auffassung  —  eine  ähnliche  Teil¬ 
barkeit  wie  die  kleinen  Einheiten.  Die  Ausführungen  des  Autors  führen 
weit  in  alle  Gebiete  naturwissenschaftlichen  Denkens  hinein;  seine 
Ansichten  werden,- wie  man  sich  auch  im  einzelnen  dazu  stellen  mag, 
reiche  Anregungen  geben  bei  der  Beurteilung  nicht  nur  normal  bio¬ 
logischen,  sondern  auch  pathobiologischen  Geschehens. 

v.  Moellendorff  -  Freiburg  i.  Br. 

G.  Schmorl:  Die  pathologisch-histologischen  Untersuchungs¬ 
methoden.  10.  und  11.  Auflage.  Leipzig,  Verlag  von  F.  C.  W.  V  o  g  e  1. 
Preis  42  M.,  geb.  54  M. 

In  der  10.  und  11.  Auflage  des  Werkes,  welche  der  Verfasser 
Bostroem  zu  seinem  70.  Geburtstag  gewidmet  hat,  sind  wieder  ent¬ 
sprechend  den  Fortschritten  der  histologischen  Technik  während  der 
vergangenen  Jahre  verschiedene  Kapitel  teils  ergänzt,  teils  einer  Um¬ 
arbeitung  unterzogen  worden.  So  wurden  in  dem  Kapitel  „Das  mikro¬ 
skopische  Instrumentarium“  der  Abschnitt  über  die  Lichtquelle  neu 
bearbeitet,  ebenso  die  Abschnitte  über  die  Mallory-Heiden- 
h  a  i  n  sehe  Färbung  und  die  Einleitung  zur  Untersuchung  der  Prä- 
parate.  Neu  eingefügt  wurden  die  Sublimat-Formalinfärbung,  die 
Gelatineeinbettung,  die  Bindegewebsfärbung  nach  Cur  t  i  s  und  die 
Markscheidenfärbung  am  Gefrierschnitt.  Einige  Abschnitte  haben  auch 
leichte  Kürzungen  erfahren  durch  Fortfall  überflüssig  gewordener 
Methoden.  Mit  Recht  hat  der  Verfasser  darauf  hingewiesen,  dass  neben 
dem  gehärteten  Präparat  auch  Schnitte  des  frischen  Objektes  unter¬ 
sucht  werden  sollen,  da  es  nur  so  möglich  ist,  eine  Vorstellung  von 
der  Wirklichkeit  zu  bekommen. 

Das  vortreffliche  Werk  ist  fast  25  Jahre  in  Gebrauch  und  längst 
tür  jeden,  der  sich  ernstlich  mit  pathologisch-histologischen  Arbeiten 
beschäftigt,  durchaus  unentbehrlich  geworden.  Es  gibt  kein  anderes 
Werk,  welches  ihm  an  die  Seite  gestellt  werden  könnte.  Dem  Verfasser 
gebührt  für  die  unendliche  Mühe  und  Sorgfalt,  mit  welcher  er  das 
Werk  stets  auf  der  Höhe  zu  halten  bestrebt  war,  ganz  besonderer 
Dank.  Möge  es  ihm  vergönnt  sein,  noch  recht  viele  Auflagen  seines 
verdienstvollen  Werkes  zu  erleben.  G.  Hauser. 

L.  Grebe:  Einführung  in  die  Physik  der  Röntgenstrahlen  für 
Aerzte.  Verlag  von  Fr.  Cohen  in  Bonn,  1921. 

ln  dem  aus  5  Vorlesungen  bestehenden  Büchlein,  die  als  Röntgen¬ 
kursus  für  Aerzte  im  Herbst  1920  vom  Verfasser  in  Bonn  gehalten 
wurden,  wird  ein  bei  strenger  Knappheit  gut  verständlicher  Ueberblick 
gegeben  über  Wesen,  Erzeugung  und  Eigenschaften  der  Röntgen¬ 
strahlen. 

Technisches  wird  nur  insofern  behandelt,  als  es  zum  rein  physikali¬ 
schen  Verständnis  der  X-Strahlen  unentbehrlich  ist. 

H.  M  a  r  t  i  u  s :  Einführung  in  die  Gynäkologische  Strahlentiefen¬ 
therapie,  Verlag  von  Fr.  Cohen  in  Bonn,  1921. 

Dem  gleichen  Fortbildungskurse  wie  das  zuletzt  referierte  Büchlein 
verdanken  auch  die  hier  niedergelegten  5  Vorträge  ihr  Entstehen. 

Der  Verfasser  bespricht  zunächst  die  wichtigsten  Tatsachen  der 
physikalischen  und  biologischen  Dosierung  und  schildert  dann  im 
klinischen  Teile  Indikationsstellung  und  Technik  der  wichtigsten 
Schulen  bei  den  hauptsächlichen  gynäkologischen  Erkrankungen.  Die 


Darstellung  ist  stets  knapp,  hütet  sich  aber  vor  übermässigem 
Schematismus  zumal  in  biologischen  Fragen.  . 

John  Bluraberg- Dorpat:  Leitfaden  für  die  chirurgische  Kranken- 
pflege.  Mit  54  Abb.  2.,  verb.  Auflage.  133  S.  Preis  M.  27.—.  \  er¬ 
lag:  J.  F.  Bergmann,  München  und  Wiesbaden.  1921. 

In  der  operativen  Chirurgie  hat  die  De^e"^lisaJonr^!!5e™®1I't 
d  h  die  Besetzung  der  Krankenhäuser  auch  kleinerer  Gemeinden  mit 
geschulten  ÜDerateuren  Da  mag  es  oft  nicht  leicht  sein,  einen  auf  der 
Höhe  stehenden  Pflegedienst  zu  beschaffen,  das  zur  Verfugung  stdiende 
Hilfsnersonal  wird  erst  geschult  werden  müssen.  Für  diesen  Z.wecK 
wird  das  alles  Wesentliche  umfassende  Buch  eine  wertvolle  Hilfe  sein. 
Die  Abbi'dungen  lassen  allenthalben  gut  erkennen,  worauf  es  ankommt. 
Dass  das  Buch  schon  bisher  einem  Bedürfnis  entgegengekommen  ist, 
beweist  der  Umstand,  dass  seine  erste  Auflage  schon  vor  dem  Welt¬ 
krieg  vergriffen  war.  Für  die  nächste  Auflage  nur  ein  paar  Bemer¬ 
kungen  Warum  wird  bei  den  Bädern  an  der  Messung  nach  Re  au - 
mur  festgehalten?  An  Stelle  der  jetzt  so  teueren  und  dabei  doch 
kurzlebigen  Eisbeutel  kann  man  mit  Vorteil  ausrangierte  Auto-  un 
Fahrradschläuche  (z.  B.  für  Eiskravatten)  verwenden.  Auf  S.  61  muss 
es  natürlich  heissen  Talk  statt  Kalk.  Unter  den  für  die  Kropfoperation 
vorzubereitenden  Instrumenten  sollte  für  alle  Fälle  eine  Trachealkanu  e 

nicht  fehlen.  ur'  lN  e  g  e  r’ 

Vier  Jahre  in  russischen  Ketten.  Eigene  Erlebnisse  von  Helene 
Hörschel  mann.  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  München.  I  reis 

12  ^DieseVrau!6 Witwe  eines  Arztes  aus  Livland,  hat  4  Jahre  ihres 
I  ebens  als  freiwillige  Schwester  unseren  österreichischen  Kriegs¬ 
gefangenen  in  Russland  geweiht.  Was  sie  erlebt  und  erlitten  hat 
in  ihrem  heiligen  Drange,  das  Loos  dieser  Allerärmsten  wenigstens  ein 
wenig  lindern  zu  helfen,  das  hat  sie  auf  diesen  Blättern  in  erschüttern¬ 
den  Skizzen  zusammengestellt.  Sie  lassen  uns  einen  Bhck  bin  in  die 
grauenhaften  Zustände,  unter  denen  Hunderttausende  von  Gefangenen 
jahrelang,  viele  bis  zum  bittern  Ende,  zu  leiden  hatten,  unter  Qualen, 
die  man  sich  im  immer  noch  geordneten  Deutschland  mit  der  buiger- 
lichen  Phantasie  nicht  vorzustellen  vermag;  sie  geben  aber  auch  einen 
Begriff  von  der  unermesslichen  Kraft  der  aus  Bluteinheit  strömenden 
Heldenhaftigkeit,  von  welcher  diese  Frau  erfüllt  war,  als  sie  dort  in  den 
Spitälern  wirkte  und  in  den  Kerkern  litt.  Und  noch  eines  setzen 
sie  ins  hellste  Licht:  das  ist  das  vorbildliche  Deutschtum  der  Balten, 
von  dessen  Tiefe  und  Zähigkeit  der  deutsche  Philister  —  und  es  gibt 
deren  noch  einige!  —  keinen  Begriff  hat.  Möge  dieses  Buch'n  recht 
viele  deutsche  Familien  gelangen  und  dort  das  Feuer  der  Vat  r 
landsliebe  zu  Flammen  anblasen!  Grassmann  - München. 

Brockhaus’  Handbuch  des  Wissens  in  4  Bänden.  6.  gänzlich 
umgearbeitete  und  wesentlich  vermehrte  Auflage  von  Brockhaus 
Kleinem  Konversationslexikon.  Mit  7500  Abbildungen  und  Karten  im 
Text  und  auf  160  einfarbigen  und  80  bunten  Tafel-  und  Kartenseiten 
und  mit  70  Uebersichten  und  Zeittafeln.  Leipzig,  F  A.  B  r  oc k Kaus, 
1921.  I.  Bd.  Subskriptionspreis  Halbleinen  140  M..  Halbpergament 
170  M.,  nach  Subskriptionsschluss  160  bzw.  190  M. 

Das  Neuerscheinen  des  bekannten  Werkes  ist  sehr  zu  begrussen, 
liegt  doch  nach  den  Umwälzungen  der  letzten  Jahre  das  Bedürfnis  nach 
Berichtigung  und  Ergänzung  der  alten  Konversationslexikon  vor.  Der 
Umfang  von  4  Bänden  erscheint  den  Zeitverhältnissen  angemessen, 
sie  werden  für  weitere  Kreise  noch  eben  erschwinglich  sein  und  sind 
doch  imstande,  für  die  Anforderungen  des  häuslichen  Lebens  ausführlich 
genug  und  lückenlos  zu  unterrichten.  Dafür  bürgt  der  Inhalt  des  vor¬ 
liegenden  1.  Bandes  (Buchstabe  A— E).  Text  und  Illustrationen _  sind 
klar  und  übersichtlich.  Besonders  hervorzuheben  sind  die  zahlreichen 
Tabellen  und  statistischen  Zusammenstellungen,  die  z  B.  bei  Deutsch¬ 
land  viele  Seiten  betragen  und  die  vorzüglichen  Bildtafeln,  wie  die 
hübschen  und  charakteristischen  Darstellungen  zur  Kunst  und  Archi¬ 
tektur  des  Barocks.  Empirestils,  Biedermeier  und  des  Expressionis¬ 
mus,  die  naturkundlichen  und  nicht  zuletzt  die  medizinischen  Tafeln 
mit  Darstellungen  der  Bakterien,  Entwicklungslehre  und  ersten  No  - 
hilfe,  die  grösstenteils  bekannten  medizinische!  Atlanten  entnommen 
sind  und  für  den  Laien  einwandfreies  Anschauungsmaterial  darstellen. 

oP. 


Zeitschriften  -  U  ebersicht. 

Deutsches  Archiv  für  klinische  Medizin.  137.  Band.  5.  und  6.  Heft. 

E.  Krauss:  Studien  zur  B  e  n  c  e  -  J  o  n  e  s  sehen  Albuminurie.  (Aus 
der  li.  mediz.  Klinik  der  Universität  München.)  F.  ... 

Aus  dem  Harn  eines  Kranken  liess  sich  B  e  n  c  e  -  J  °  r je  s  sches  Eiwe  ss 
als  Prismen  und  feine  Nadeln  zur  Kristallisation  bringen.  Die  Bildungsstätte 
des  B.-J.  Eiweissstoffes  ist  in  den  Zellen  der  Neubildungen  zu  suchen  Die 
Menge  des  im  Harn  erscheinenden  B.-J.  Eiweisskorpers  geht  parallel  der 
Grösse  des  Eiweissumsatzes  im  allgemeinen  und  damit  auch  der ’  Eiwe  ss- 
einfuhr  und  dem  Eiweissumsatz  im  Fieber.  Die  bei  parenteraler  Einverleibu  g 
des  B.-.l.  Eiweiss  gemachten  Beobachtungen  entsprechen  ganz  denjenigen, 
die  bei  Injektion  von  plasmafremdem  Eiweiss  gemacht  worden  sind,  das  B.-J. 
Eiweiss  ist  für  den  Menschen  plasmafremd,  die  toxische  Wirkung  im  An¬ 
schluss  an  die  Erstinjektion  beim  Menschen  ist  sehr  intensiv  und  gleicht  der 
des  sensibilisierten  Kaninchens,  bei  dem  sich  mit  dem  B.-J.  Eiweiss  eine 
allgemeine  und  eine  lokale  Anaphylaxie  erzeugen  lässt.  Durch  wiederholte 
Injektion  von  B.-J.  Eiweiss  liess  sich  beim  Kaninchen  eine  Nephrose  er¬ 
zeugen,  deren  funktionelles  und  pathologisch-anatomisches  Bild  im  Pi  mzip 
dieselben  Züge  aufweist  wie  bei  dem  Patienten  mit  B.-J.  im  Harn.  Die 


Erkrankung  der  Nieren  bei  B.-J.  Albuminurie  ist  demnach  wohl  aufzufassen 
qk  toxische  Wirkung  des  im  Blut  zirkulierenden  B.-J.  eiweiss,  zum 

kleineren  als  eine  Folge  der  Schädigung  durch  den  die  Nieren  passierenden 

Eiweisskorper.  ^  Verhalten  des  Blutzuckers  bei  Herzkranken 

unter  besonderer  Berücksichtigung  der  therapeutischen  Anwendung  von  Intra¬ 
venösen  Traubenzuckcrlniusionen.  (Aus  der  inneren  Abteilung  des  städtischen 

Krankenhauses  zu  Wiesbaden.)  .  ,  wpdpr  das  von 

Bei  Blutzuckeruntersuchungen  von  Herzkranken  konnte  weder 
B  ü1  dingen  aufgestellte  Krankheitsbild  der  Kardiodystrophia  hypo 
glykaerniea  bestätigt  werden,  noch  eine  günstige  Wirkung  der  Traubenzucke  - 
Infusionen  durch  eine  elektive  Speicherung  von  Traubenzucker  bzw.  Glykogen 
im  Herzmuskel  in,  Sinne  der  Theorie  B  ü  d  ,  n  g  e  n  s  beobachtet  werden 
Immerhin  liess  sich  bei  Patienten  mit  kompensierten  Herzfehlern,  leichter 
Angina  pectoris  oder  beginnender  Herzschwäche  eine  wesentliche  Besserung 
der  Beschwerden  feststellen,  wobei  natürlich  auch  der 

solchen  , .Ernährungstherapie  des  Herzmuskels  mitspielt.  Bei  Erkrankungen, 
die  mit  Kräfteverfall,  starkem  Blutverlust  oder  Wasserverarmung  einher¬ 
gehen  ist  die  intravenöse  Infusion  von  10-20  proz.  Traubenzuckerlosung  den 
üblichen  Kochsalzinfusionen  zweifellos  überlegen. 

Fr.  Demuth:  Motilitätsprüfungen  mit  Eiweiss.  Fett  und  Kohlehydraten 
am  kranken  Magen.  (Aus  der  mediz.  Universitätsklinik  in  Heidelberg.) 

Bei  gleichgrossen  Mahlzeiten  ist  die  Entleerungszelt  -derjenigen  am 
kürzesten,  in  der  Kohlehydrate  vorherrschen  länger  4«  einer  ewwssreichen. 
am  längsten  einer  fettreichen  Nahrung,  Sauerkraut  wurde  noch  langsamer  als 
Fett  aus  dem  Magen  entleert.  Bei  Anazidität  ist  die  Verweildauer  der  Kohle¬ 
hydrate  relativ  zu  der  von  Eiweiss  und  Fett  herabgesetzt.  Be,  Karzinomen 
(wahrscheinlich  auch  bei  Magengeschwüren)  war  die  Entleerungszelt  von 
Eiweiss  erheblich  verzögert,  so  dass  sie  die  von  Fett  ubertrifft.  Bei  den 
sonstigen  Magenkrankheiten  wird  das  Verhältnis  der  Entleerungszelten. 
Kohlehydrate — Eiweiss — Fett  ziemlich  regelmässig  eingehalten., 

Brösamlen:  Die  Adrenalinhyperglykämie.  (Aus  der  mediz.  Klinik 

und  Nervenkiinik  Tübingen.)  .  „  .  ....  „„hpträpht 

Subkutane  Adrenalingaben  rufen  beim  Gesunden  eine  nicht  unbetracht 
liehe  Hyperglykämie  hervor,  die  sich  schon  nach  10  Minuten  bemerkbar  macht 
und  nach  i  Stunde  ihren  Höhepunkt  erreicht.  Unmittelbar  nach  der  Ein¬ 
spritzung  treten  Pulsbeschleunigung  und  Blutdrucksteigerung  auf,  die  'angst 
ihren  Höhepunkt  überschritten  haben,  wenn  die  Blutzuckerkurve  ihren  Gip 
erreicht.  Nur  4  mal  unter  35  Fällen  war  eine  Adrenalinglykosurie  ^  be¬ 
obachten.  Beim  Diabetiker  zeigte  die  Blutzuckerkurve  kein  einheitliches  Ver¬ 
halten,  bei  manchen  fand  sich  ein  leichtes,  bei  anderen  ein  starkes  Steigen 
des  Blutzuckerspiegels,  bei  anderen  wieder  sank  der  Blutzuckerspiegel  zu¬ 
nächst.  um  später  leicht  anzusteigen.  Vielleicht  ermöglicht  die  Adrenalm- 
blutzuckerkurve  eine  Trennung  der  einzelnen  Diabetesfälle  in  vorwiegend 
pankreatogene  und  vorwiegend  neurogene  Formen. 

R.  Sieb  eck:  Lieber  den  Salz-  und  Wasserwechsel  bei  Nierenkranken. 

(Aus  der  mediz.  Klinik  in  Heidelberg.)  ..  .  ,  . . 

Die  Untersuchungen  erstreckten  sich  zunächst  auf  die  Ausscheidung  und 
das  Gleichgewicht  bei  1  maliger  Zulage  von  Salz,  dann  bei  steigender  Be¬ 
lastung  in  längeren  Perioden.  Während  der  gesunde  Organismus  sich  sehr 
rasch  den  wechselnden  Bedingungen  anpasst,  erfolgt  bei  hydropischen 
Nierenkranken  nach  1  maliger  Kochsalzzulage  nur  eine  geringe  Steigerung  der 
Mehrausfuhr,  eine  besonders  langsame  Einstellung  auf  dauernde  Zulage.  Diese 
Trägheit  der  Einstellung  ist  das  Wesentliche  an  der  Funktion  der  kranken 
Niere,  die  Breite  der  Anpassungsfähigkeit  kann  dabei  noch  viel  besser  er¬ 
halten  sein.  Auch  auf  die  verminderten  Anforderungen  stellen  sich  die  Nieren 
träge  ein,  z.  B.  beim  Uebergang  von  salzreicher  zu  salzarmer  Kost,  das  gut 
für  Salz,  Harnstoff  und  Wasser.  Neben  der  Funktionsstörung  der  Nieren 
besteht  bei  solchen  Kranken  auch  eine  Alteration  des  Stoffaustausches  zwischen 
Blut  und  Geweben,  bei  der  Entstehung  der  Oedeme  wirken  renale  und  extra¬ 
renale  Momente  zusammen.  Funktionsprüfungen  der  Nieren  wie  des  Salz¬ 
wechsels  durch  1  malige  Zulagen  sind  von  zweifelhaftem  Wert,  es  muss  viel¬ 
mehr  geprüft  werden,  wie  sich  Organismus  und  Nieren  auf  eine  dauernde 
Koständerung  einstellen.  Für  die  Behandlung  Nierenkranker  empfiehlt  es 
sich,  Wasser-  und  Salzzufuhr  brüsk  zu  reduzieren;  gerade  durch  die  langsame 
Anpassung  der  Nierenfunktion  kann  der  Wasser-  und  Salzhaushalt  einen 
Anstoss  erleiden,  der  für  die  Ausschwemmung  der  Oedeme  oft  bedeutungs- 

0,1  R  Neumann:  Die  Bedeutung  des  Katalaseindexes  für  die  Diagnose 
der  perniziösen  Anämie.  (Aus  der  II.  inneren  Abteilung  und  dem  bio¬ 
chemischen  Laboratorium  des  städt.  Krankenhauses  Moabit.) 

Unter  Katalase  versteht  man  ein  in  allen  Geweben  vorkommendes 
Ferment,  das  H2O2  in  Wasser  und  Sauerstoff  zu  spalten  vermag.  Der  Katalase¬ 
gehalt  der  einzelnen  roten  Blutkörperchen  ist  bei  Normalen  ein  ziemlich 
konstanter,  seine  Durchschnittszahl  betrug  4,16,  schwankt  zwischen  3,0  4,t>. 

Bei  einer  Anzahl  perniziöser  Anämie  fanden  sich  sehr  hohe  Werte  des 
Katalaseindex  (KL),  bis  zum  3— 4  fachen  des  Normalen;  diese  hohen  Zahlen 
für  KI  fanden  sich  nur  im  schwersten  Stadium,  nicht  in  der  Remissionszeit. 
Wo  also  ein  erhöhter  Kl.  sich  findet,  liegt  perniziöse  Anämie  vor,  der  negative 
Befund  spricht  jedoch  nicht  gegen  perniziöse  Anämie. 

H.  Hartz:  Experimentelle  Untersuchungen  über  Fehlerquellen  bei  der 
klinischen  Blutdruckmessung.  (Aus  der  mediz.  Poliklinik  der  Universität 
Halle-Wittenberg.) 

Bei  der  palpatorischen  Bestimmung  des  maximalen  Blutdrucks  nacn 
Riva-Rocci  bedeutet  das  Verhalten  des  zwischen  Manschette  und  last¬ 
stelle  gelegenen  Arterienstückes  eine  wesentliche  Fehlerquelle.  Der  pal- 
patorisch  gemessene  Maximaldruck  ergibt  wegen  dieser  Fehlerquelle  stets  zu 
niedrige  Werte.  Die  Grösse  des  Fehlers  hängt  vor  allem  von  der  Elastizität 
der  Arterienwandung  des  zwischen  Manschette  und  Tastpunkt  gelegenen 
Gefässstuckes  ab.  Je  entspannter  die  Arterie  ist,  desto  grösser  wird  der 
Fehler,  vermehrte  Spannung  verkleinert  die  Fehlerbreite.  Der  Einfluss  der 
Gefässweite  auf  den  Fehler  der  palpatorischen  Blutdruckmessung  tritt  gegen¬ 
über  dem  Einfluss  der  Wandspannung  zurück,  weil  es  sich  um  ein  durch  die 
Manschette  abgesperrtes  und  deshalb  unter  niedrigem  Druck  stehendes 
Arterienstück  handelt,  dessen  Wandungen  unter  allen  Umständen  wegen  des 
niedrigen  Binnendrucks  einen  ungünstig  niedrigen  Elastizitätskoeffizienten 
haben 

Ganter  und  van  der  Reis:  Die  bakterizide  Funktion  des  Dünn¬ 
darms.  (Untersuchungen  mit  der  Darmpatronenmethode.)  (Aus  der  mediz. 

Klinik  Greifswald  und  dem  Hygieneinstitut.)  (Mit  2  Abbildungen.) 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


61 


Im  menschlichen  Dünndarm  werden  künstlich  (durch  sog.  Darmpatronen) 
eingebrachte,  nicht  darmeigene  Kerne  unabhängig  vom  Füllungszustand  des 
Darmes  und  der  Diät  abgetötet,  in  der  Hauptsache  durch  die  bakterizide  Kraft 
des  Darmsaftes.  Der  Dünndarm  enthält  eine  obligate  Flora;  es  kann  deshalb 
nicht  von  einer  Autosterilisation,  sondern  nur  von  einer  Autodesinfektion  des 
Dünndarms  gesprochen  werden. 

H.  v.  Ho  esst  in:  Stoffwechselversuche  an  entwässernden  Odematösen. 
(Zugleich  ein  Beitrag  zur  Frage  des  zirkulierenden  Eiweisses.) 

Manches  spricht  dafür,  dass  das  Oedeineiweiss  ein  leichter  zersetzliches, 
also  labileres  Eiweiss  darstellt  als  das  Organeiweiss,  namentlich  die  geringe 
Harnsäureausscheidung  während  der  Entwässerung.  Da  die  Zellbestandteile 
(Kern  und  Protoplasma)  bei  Hunger  und  wohl  auch  bei  Unterernährung  in 
gleichem  Masse  abnehmen,  hätte  man  bei  alleiniger  Beanspruchung  des 
Körpereiweisses  höhere  Harnsäurewerte  erwarten  müssen,  das  gleiche  gilt 
für  die  Phosphorausscheidung.  Auffallend  niedrig  ist  fast  in  allen  Versuchen 
der  geringe  N-Umsatz,  was  vielleicht  mit  dem  Zustande  der  ödematösen 

Schwellung  bzw.  der  Entwässerung  in  Zusammenhang  steht. 

Besprechungen.  Bamberger  -  Kronach. 

Archiv  für  klinische  Chirurgie.  Bd.  116.  Heft  3. 

König  Fritz:  Die  operative  Behandlung  der  chirurgischen  Tuberkulose. 

Vortrag  auf  dem  45.  Chirurgenkongress.  Referat  für  die  M.m.W. 

1921,  Nr.  17. 

Nordmann  O. :  Zur  Operation  der  akuten  Cholezystitis. 

Vortrag  auf  dem  45.  Chirurgenkongress.  Referat  für  die  M.m.W. 

1921,  Nr.  17. 

Szenes;  Zentripetale  Narbenmassage. 

Narben,  die  flächenhaft  am  Knochen  fixiert  sind,  können  durch  die 

zentripetale  Narbenmassage  gelöst  werden.  An  Weichteilen  fixierte  Narben 
werden  erst  nach  längerer  Massage  und  in  geringerem  Umfange  gelockert. 
Bei  strangartigen  Narben  versagt  das  Verfahren.  In  Narben  gelegene-  Ge¬ 
schwüre  können  ausgeheilt  werden.  Es  besteht  die  Notwendigkeit,  dass  die 
Massage  nur  von  ärztlicher  Hand  ausgeführt  oder  zumindestens  von  einem 
Arzte  strengstens  überwacht  werde. 

Am  reich  und  Sparmann:  Die  Behandlung  des  frischen,  durch 
Schussverletzung  gesetzten,  offenen  Pneumothorax. 

Der  offene  Pneumothorax  muss  primär  verschlossen  werden,  womöglich 
in  den  ersten  24  Stunden.  Es  besteht  sonst  direkte  Lebensgefahr  durch 
Erstickung,  durch  Verblutung  aus  Thoraxwandgefässen  und  besonders  aus 
einer  Lungenwunde,  ferner  ist  die  Gefahr  der  Infektion  bei  offenem  Pneumo¬ 
thorax  besonders  gross.  Es  soll  auch  bei  Unmöglichkeit,  in  Druckdifferenz 
operieren  zu  können,  der  Eingriff  ausgeführt  werden.  Er  richtet  sich  immer 
nach  dem  einzelnen  Fall.  Verfasser  operieren  in  Chloroformtropfnarkose. 
Sehr  sorgfältige  Nachbehandlung. 

Israel:  Ueber  örtliche  Infektion  der  Hand  mit  Maul-  und  Klauenseuche. 

Ein  Fall  von  infiltrierend  hämorrhagisch-knotiger  Form.  Keine  Spaltung!  ■ 
Denn  man  stört  damit  die  natürlichen  Kräfte  der  Abwehr.  In  schwersten 
Fällen  Einspritzung  von  Neosalvarsan.  Sonst  Salbenverbände. 

Büchner  und  Rieger:  Können  freie  Gelenkkörper  durch  Trauma 
entstehen? 

Eine  Gelenkmaus  kann  niemals  durch  Einwirkung  äusserer  Kräfte  ent¬ 
stehen,  da  diese  viel  zu  gross  sein  müssten,  um  eine  derartige  Wirkung 
hervorbringen  zu  können.  Die  Entstehung  der  Gelenkmäuse  lässt  sich  durch 
einen  Gefässverschluss  infolge  von  Fettembolie  erklären. 

_  Reschke:  Versuche  über  die  Beeinflussung  der  peritonealen  Resorption 
durch  hypertonische  Lösungen  zwecks  Anwendung  solcher  Lösungen  bei  der 
Peritonitis. 

Die  Versuche  bewiesen,  dass  die  hypertonischen  Lösungen  die  Resorption 
der  Bakterien  und  ihrer  Toxine  einschränken.  Allerdings  dauert  diese 
Resorptionshemmung  nicht  sehr  lange.  Das  Abhalten  des  Giftes  für  nur 
wenige  Stunden  könnte  jedoch  den  kranken  Körper  wieder  zur  Erholung 
kommen  und  neue  Kräfte  sammeln  lassen. 

Brunner:  Ueber  den  Einfluss  der  Röntgenstrahlen  auf  das  Gehirn. 

II.  Der  Einfluss  der  Röntgenstrahlen  auf  die  Regenerationsvorgänge  im 
Gehirne  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Neuroglia. 

Die  reifen  Gliazellen  des  Tiergehirns  sind  gegenüber  Röntgenstrahlen 
ausserordentlich  wenig  empfindlich,  und  sie  folgen,  wenn  sie  durch  einen  Reiz 
zu  reparatorischer  Wucherung  angeregt  werden,  auch  bei  intensiver  Ein¬ 
wirkung  der  Röntgenstrahlen  diesem  Reize.  Das  gleiche  Verhalten  zeigen  die 
Bindegewebszellen  der  Pia,  was  mit  den  Versuchsergebnissen  Werners 
übereinstimmt,  der  ebenfalls  eine  geringere  Empfindlichkeit  des  Bindegewebes 
der  Haut  gegenüber  Radiumstrahlen  nachweisen  konnte. 

E.  Seifert:  Zur  Biologie  des  menschlichen  grossen  Netzes. 

Beobachtungen  an  Flächenpräparaten  menschlicher  Netze.  Während  des 
Fötallebens  vorhandene,  aus  Wanderzellen  bestehende  primäre  „Milchflecken“ 
wandeln  sich  nach  der  Geburt  in  Fettknoten  um.  Diese  können  wieder  bei 
Beanspruchung  in  sekundäre  Milchflecken  ubergehen,  welche  ebenfalls  aus 
Wanderzellen  bestehen.  Sie  spielen  eine  ausserordentlich  wichtige  Rolle  bei 
akuten  und  chronischen  Entzündungen  des  Peritoneums.  Die  Flächenbild¬ 
untersuchung  bedeutet  einen  grossen  Fortschritt  für  das  Studium  der  Biologie 
und  Funktion  des  Omentum  majus. 

Nowak:  Zur  Technik  der  Duodenalresektion  bei  Ulcus  duodeni. 

Ausgiebige  Resektion  des  Zwölffingerdarmes  bis  zur  oberen  Flexur 
empfiehlt  sich  als  Methode  der  Wahl  bei  Ulcus  duodeni.  Der  Ductus  chole- 
dochus  und  pancreaticus  muss  unbedingt  geschont  bleiben.  Die  Gefahren  der 
Resektion  (B  i  1 1  r  o  t  h  I  und  II)  sind  kaum  grösser  als  die  der  indirekten 
Methoden,  sie  ist  bei  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  anwendbar,  die 
indirekten  Methoden  lassen  sich  auf  ein  Minimum  einschränken.  Das  Duodenum 
kann  nach  sorgfältiger  Abstopfung  der  Bauchhöhle  ruhig  eröffnet  werden. 
Drainage  darnach  ist  nicht  notwendig. 

Der  Stumpf  kann  2 — 3  cm  lang  sein  und  bleibt  gut  ernährt.  Eine  aus¬ 
giebige  Peritonisierung  ist  immer  möglich. 

Streissler:  Erfahrungen  mit  der  P  r  e  g  I  sehen  Jodlösung. 

Gute  Erfahrungen  mit  der  von  P  r  e  g  1  angegebenen  kolloidalen  Jod¬ 
lösung.  Die  Anwendungsweise  ist  vielseitig.  1.  äusserlich  auf  Schleim¬ 
häuten,  2.  in  Körperhöhlen  (Empyem,  Peritonitis),  3.  subkutan  oder  intra¬ 
muskulär,  4.  intravenös  (Sepsis).  Sehr  günstige  Erfolge  auf  dem  Felde  der 
eitrig-akuten  chirurgischen  Infektionskrankheiten  und  in  der  Wundbehandlung; 
weniger  ermutigend  bei  allgemeiner  Sepsis.  Die  chirurgische  Tuberkulose 
scheint  dem  Mittel  weniger  zugängig  zu  sein.  Hohlbaum  -  Leipzig. 


Zentralblatt  für  Chirurgie.  1921.  Nr.  52. 

K.  H.  B  a  u  e  r  -  Göttingen:  Ueber  die  Exstirpation  der  Magenstrasse. 

Nach  dem  Lokalisationsgesetz  der  Magengeschwüre  haben  alle  typischen 
Ulcera  peptica  ihren  Sitz  in  der  Magenstrasse.  Lässt  sich  also  mit  der 
Exstirpation  der  Magenstrasse  auch  wirklich  die  ganze  Geschwürsregion  ent¬ 
fernen?  Zur  Klärung  dieser  Frage  entfernte  Verf.  bei  Hunden  radikal  die 
Magenstrasse  mit  folgendem  Ergebnis:  Die  Exstirpation  der  Magenstrasse  ist 
ohne  nennenswerte  Bedeutung  für  Bau  und  Funktion  des  Magens;  es  bildet 
sich  aber  wieder  eine  neue  Magenstrasse;  die  mechanisch-dispositionellen 
Momente  sind  also  wieder  von  neuem  gegeben.  Theoretisch  ist  die  Magen¬ 
strasse  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen  der  Lokalisationspunkt  für  die 
Ulzera;  unter  besonderen  Bedingungen  kann  aber  auch  an  anderen  Stellen 
(Gastroenterostomiestelle,  neue  Magenstrasse)  wieder  ein  Ulcus  entstehen; 
diese  Ueberlegungen  nötigen  zu  einer  vorsichtigen  Beurteilung  der  Möglichkeit 
einer  kausalen  Therapie.  Praktisch  ist  aber  ein  Fortschritt  zu  erwarte::, 
wenn  wir  mit  dem  Ulcus  auch  die  ulcustragende  Magenstrasse  exstirpieren ; 
es  entsteht  eine  neue,  gesunde  Magenstrasse  mit  guter  Funktion  und  Entleerung 
des  Magens,  ohne  dass  viel  funktionierende  Schleimhaut  und  Muskulatur  ge¬ 
opfert  wurde;  freilich  legt  die  Tatsache,  dass  wieder  eine  neue  Magenstrasse 
sich  bildet,  eine  gewisse  Reserve  auf. 

Fel.  F  r  a  n  k  e  -  Braunschweig:  Zur  Operation  der  eingeklemmten  Hernia 
obturatoria. 

Verf.  hat  bei  der  Operation  einer  eingeklemmten  Hernia  obturatoria  einen 
Weg  eingeschlagen,  der  der  Kocher-schen  Bruchsackversorgung  ähnelt:  er 
näht  den  nach  innen  gestülpten  und  extraperitoneal  emporgezogenen,  straff 
gespannten  Bruchsack  an  den  M.  obliquus  fest;  gleichzeitig  bildet  er  aus 
dem  M.  pectineus  einen  Muskellappen,  stopft  diesen  in  den  Bruchkanal  hinein, 
um  die  Möglichkeit  eines  Rezidives  noch  sicherer  auszuschalten.  Die  Arbeit 
verdient  in  der  Originalarbeit  studiert  zu  werden. 

E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndorf. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1921.  Nr.  51. 

G.  B  e  r  t  o  1  i  n  i  -  Alessandria:  Anatomisch-pathologische  Beiträge  zur 
weiblichen  Genitaltuberkulose. 

Zusammenstellung  der  Untersuchungsergebnisse  an  55  Fällen,  von  denen 
die  Mehrzahl  sich  auf  Peritoneum  und  Tube  erstreckte.  Die  oft  betonte 
Schwierigkeit  der  makroskopischen  Diagnose  zeigte  sich  auch  an  diesem 
Material. 

R.  Th.  v.  J  a  s  c  h  k  e  -  Giessen:  Beitrag  zur  Frage:  Herzfehler  und 
Schwangerschaft. 

Bemerkungen  zur  gleichnamigen  Arbeit  von  Paul  Werner  und  Rud. 
Stiglbauer  im  Arch.  f.  Gyn.  115,  H.  1. 

Kritische  Korrektur  der  Mortalitätsziffer  von  Herzfehler  (Mitralstenose) 
bei  Schwangerschaft. 

E.  A.  B  j  ö  r  k  e  n  h  e  i  m  -  Helsingfors:  Geburt,  kompliziert  durch  einen 
Ovarialtumor. 

Der  indizierte  Kaiserschnitt  wurde  abgelehnt.  Durch  Forzeps  gelang  es, 
das  relativ  kleine  Kind  zu  entwickeln,  nachdem  der  Ovarialtumor  durch  das 
Rektum  geboren  war,  ohne  die  Mastdarmwand  zu  verletzen. 

A.  C  a  1  m  a  n  n  -  Hamburg:  Ueber  die  Art  der  Wehenanregung  durch 
Hypophysenextrakte  und  über  das  neue  Mittel  Physormon. 

C.  bestätigt  die  auch  von  anderen  Autoren  erzielten  vortrefflichen  Re¬ 
sultate  mit  Physormon. 

R.  Graf -Wien:  Zur  Collifixatio  uteri. 

Ergänzung  zu  der  H  a  1  b  a  n  sehen  Publikation  über  den  gleichen  Gegen¬ 
stand  in  Nr.  41  des  Ztbl.  f.  Gyn.  Werner-  Hamburg. 

Berliner  klinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  52. 

W.  H  i  s  -  Berlin:  Wesen  und  Formen  der  chronischen  Arthritiden. 

In  seinem  in  Oeynhausen  gehaltenen  Vortrage  gibt  H.  eine  gedrängte 
Charakterisierung  der  einzelnen  Formen  von  Arthritis  und  erörtert  die  für 
eine  Einteilung  derselben  massgebenden  Gesichtspunkte  anatomischer, 
klinischer  und  ätiologischer  Natur,  auf  die  vielen  Schwierigkeiten  hinweisend, 
welche  einer  wirklich  einwandfreien  Gruppierung  entgegenstehen.  Die  Rolle 
von  Konstitution  und  Infektion  wird  in  diesem  Zusammenhänge  besprochen 
und  am  Schlüsse  eine  Einteilung  dieser  so  zahlreichen  Erscheinungsformen 
gebracht.  Die  Einsicht  in  die  pathogenetischen  Vorgänge  muss  die  Therapie 
bestimmen.  Gicht  und  andere  chronische  Krankheiten  müssen  scharf  aus¬ 
einandergehalten  werden.  Entfernung  infektiöser  Primärherde  kann  nur  bei 
entzündlichen  Formen  Besserung  bringen,  betreffs  des  Funktionszustandes  ist 
zu  berücksichtigen,  dass  Inaktivität  die  Ankylose  befördert.  Die  klimatischen 
Einflüsse  dürfen  nicht  zu  hoch  eingeschätzt  werden. 

E.  Wulff-  Reval:  Zur  Frage  der  Gegenanzeige  des  künstlichen  Pneumo¬ 
thorax  bei  Lungenemphysem. 

Verf.  teilt  einen  Fall  mit,  wo  es  bei  vorhandenem  Lungenemphysem  nach 
Anlegung  des  künstlichen  Pneumothorax  schliesslich  zum  tödlichen  Ausgange 
kam.  Das  Zusammentreffen  des  Pneumothorax  mit  der  Lungenblähung  führt 
zu  einer  schweren  Störung  der  Herztätigkeit,  so  dass  dieser  Eingriff  bei 
Emphysem  unbedingt  zu  unterlassen  ist. 

H.  Pineas:  Suglllationen  bei  Tabes. 

Dieses  Symptom  wurde  vom  Verf.  bei  3  Tabikern  beobachtet.  Es  zeigten 
sich  bei  ihnen  in  unregelmässigen  Zwischenräumen  in  wechselnder  Stärke 
meist  an  den  unteren  Extremitäten,  auch  am  Stamm  mehr  minder  ausgebreitete 
Hautblutungen.  Es  liegt  nahe,  diese  Blutungen  als  eine  luefische  Gefäss- 
schädigung  aufzufassen. 

E.  W  o  1  f  f  -  Berlin :  Ueber  Zirkumzisionstuberkulose. 

Mitteilung  zweier  Fälle.  Die  nach  der  Beschneidung  auftretende  Er¬ 
krankung  war  für  Lues  gehalten  worden.  Das  eine  Kind  starb,  das  andere 
kam  zur  Heilung. 

E.  Kuznitzky  und  W.  Langner  -  Breslau :  Ueber  Salvarsan- 
exantheme. 

42  Beobachtungen  sind  der  Mitteilung  zugrunde  gelegt.  Verfasser  er¬ 
örtern  die  Schwere  der  Erkrankung,  Dosis  des  Salvarsans,  Ursache  und 
Therapie.  Die  Prognose  ist  als  zweifelhaft  anzusprechen,  mit  Sicherheit 
können  diese  Erkrankungen  leider  nicht  vermieden  werden. 

Eugen  Sagi  und  Adalb.  S  a  g  i  -  Pressburg:  Ueber  ein  Verfahren  zur 
Herstellung  von  Lösungen  in  beliebigem  Zeitpunkte. 

Ist  im  Original  einzusehen.  Grassmann  -  München. 


62 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


Medizinische  Klinik.  Heft  51. 

q  L  Dreyfus:  Prognostische  Richtlinien  bei  isolierten  syphilogenen 

P"P,K;“”S:irpoSl„ve  Kranke  mit  isolfcrt.»  jSei 

ÄÄirSÄÄÄ 

scheinlichkeit  die  Hirnlues  zum  Stillstand  gekommen.  Sind  sie  seronegativ, 

so  bedürfen  sie  keiner  Behandlung.  _  .  ,  . 

ü  Dorner:  Das  Auslöschphänomen  bei  Scharlach.  .  .  . 

Hs  bildet  sowohl  in  der  passiven  Anstellung  der  Probe  als  auch  in  du 
aktiven  Sn  wertvolles  Hilfsmittel  in  der  Scharlachdiagnose.  Verwendet  wird 
Normalserum,  Rekonvaleszenten-  und  frisches  Scharlachserum.  Das  Exanthem 

darf  bei  Anstellung  der  Probe  nicht  schon  im  Abblassen  begrirten  sein, 
darf  bei  Anstellung^  praktische  Methoden  in  der  Magen- 

diagnostik^ikohoi  probefrühstück  hat  vor  dem  üblichen  eine  Reihe  von  Vor¬ 
zügen  aufzuweisen,  denen  wesentliche  Nachteile  nicht  gegenuberstehen. 
Resultate  der  Probe  sind  sicher  und  eindeutig. 

Umfrage  ^über  Sde“' Röntgendiagnostik.  Die  unzweck- 

«“die  Anordnung  de,  Einzel.niersuchnng 
(Durchleuchtung,  Aufnahme).  Auch  hier  wieder  beherzigenswerte  Winke,  unter 
anderem  zum  Kapitel  des  negativen  Befundes  usw. 

A  Dollinger:  Grünfärbung  eines  Säuglings  nach  Spinatgenuss. 

Grün  waren  vor  allem  die  dem  Licht  ausgesetzten  Hautstellen  gefärbt. 
Skleren  blieben  frei.  Nach  Aussetzen  der  Spinatnahrung  verschwand  langsam 
die  Grünfärbung. 

L  Isacson:  Ueber  ein  neues  Schnupfenmittel.  . 

Günstige  Wirkungen  werden  von  5  proz.  Lemgallol-Zinkpaste  berichtet. 
An  Stelle  der  Salbe  kann  auch  das  2^—5  proz.  Pulver  von  Nutzen  sein. 

K.  F.  Winkler:  Erfahrungen  mit  einigen  neueren  zur  Luesdiagnose 

angegebenen  Methoden  und  Modifikationen.  *  .  + 

Trotz  der  grösseren  Einfachheit  der  D  o  1  d  sehen  Trubungsreaktion  hat 
sie  im  Vergleich  zu  anderen  spezifischen  Reaktionen  doch  eine  Reihe  von 
Nachteilen,  welche  ihre  praktische  Verwendbarkeit  wesentlich  einschi  a  ikei  . 
A  Fleisch:  Ueber  Gefässgymnastik  (Selbstmassage  der  Gefasse). 

Ais  Protest  erinnert  Verf.  an  die  Ergebnisse  seiner  eigenen  ausgedehnten 
Arbeiten,  die  dahin  lauten,  dass  von  aktiver  Arterienarbeit  bet  der  Forderung 
des  Blutstromes  keine  Rede  sein  kann. 

E.  Runge:  Geburtshilfe  auf  der  Unfallstation.  s- 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  49. 


F  i  b  i  g  e  r  -  Kopenhagen :  V  i  r  c  h  o  w  s  Reiztheorie  und  die  heutige 
experimentelle  Geschwulstforschung.  (Schluss  aus  Nr.  48.) 

Es  ist  nunmehr  wiederholt  und  verschiedenen  Forschern  gelungen, 
Karzinom  und  Sarkom  willkürlich  zu  erzeugen.  Hierher  gehören  die 

metastasierenden  Spiropterakarzinome  im  Vormagen  bunter  Ratten,  das 
transplantierbare  Zystizerkussarkom  bei  Ratten,  das  bei  Kaninchen  und 
weissen  Mausen  teils  durch  Einpinselung,  teils  durch  Einspritzung  erhaltene 
Teerkarzinom.  Wenn  auch  das  Wesen  der  Wirksamkeit  der  genannter 
Schädigungen  noch  der  Klärung  bedarf,  ist  doch  auf  diese  Weise  bei  de 
experimentellen  Geschwulsterzeugung  das  schon  v  |  r  c  h  o  w  ange- 

nommene  Vorliegen  einer  Reizwirkung  als  sicher  festgestellt.  Auch  der 
Anilin-,  der  Röntgenkrebs  u.  a.  sind  solche  auf  dem  Boden  eines  chronisch 
einwirkenden  Reizes  sich  entwickelnde  Geschwülste.  Dass  für  die  Ent¬ 
stehung  von  Geschwülsten  neben  dem  Reiz  auch  noch  eine  besondere  Alt-, 
Rassen-  und  individuelle  Disposition,  wie  sie  ebenfalls  bereits  von  Virchow 
angenommen  wurde,  eine  wichtige  Rolle  spielt,  hat  die  experimentelle  Ge¬ 
schwulsterzeugung  gleichfalls  erwiesen.  .  „  . 

H.  Ziemann -Berlin:  Zum  Problem  der  Resistenz  der  Syphilisspiro- 

ehäten  und  der  Krankheitserreger  überhaupt.  ...  .  ~  . 

Eine  Resistenzsteigerung  der  Spirochäten  ist  einerseits  durch  Heiub- 
minderung  der  allgemeinen  Immunkräfte  des  Körpers,  andererseits  durch  die 
Verabreichung  von  zu  schwachen  Salvarsandosen  denkbar.  .  . 

H.  D  o  l  d  -  Marburg  a.  L. :  Aufhebung  der  Reaktionsfähigkeit  luischer 

Sera  durch  Formaldehyd.  ,  .  .  c  . 

Durcli  Formaldehyd  wird  die  normalerweise  zwischen  mischen  Seren  und 
Extrakt  erfolgende  Präzipitation  gehemmt  oder  aufgehoben.  Diese  Erschei¬ 
nung  wird  durch  eine  Beeinträchtigung  der  Quellungsvorgänge  erklärt,  die  bei 
der  Präzipitation  eine  wichtige  Rolle  spielen.  Sera,  die  zur  Untersuchung  auf 
Lues  bestimmt  sind,  dürfen  daher  nicht  etwa  durch  Formaldehydzusatz 

konserviert  werden..  . 

H.  Hecht-Prag:  Eine  neue  Flockungsreaktion  bei  Syphilis. 

Technischer  Ueberblick.  Einzelheiten  sollen  an  anderer  Stelle  erscheinen. 
M.  Rosenberg- Charlottenburg:  Welchen  Rückschluss  gestattet  die 
Reststickstoffbestimmung  des  Blutes  auf  die  tatsächliche  Stickstoffretention 

im  Körper.  ...  j  ■  „ 

Der  Reststickstoff  im  Blut  gibt  kein  absolutes  Mass,  sondern  nur  einen 
Anhaltspunkt  für  die  gesamte  N-Retention  im  Körper,  da  er  letztere  nui  zum 
Teil  anzeigt  und  ferner  im  Parallelismus  zwischen  Blut-  und  Oewebsretention 
nicht  besteht.  Zur  Beurteilung  der  Nieretiinsufuzienz  ist  daher  neben  der  Be¬ 
stimmung  des-  Reststickstoffs  auch  noch  die  Retention  von  Harnstoff,  Keratin 

und  Indikan  festzustellen.  ... 

G.  K  n  e  i  e  r  -  Breslau:  Ueber  intrakardiale  Adrenalininjektion  bei  akuter 

Herzlähmung.  .  .  , 

ln  zwei  Fällen  wurde  die  intrakardiale  Adrenalininjektion  bei  akuter 
Herzlähmung  infolge  Erstickung  angewendet,  das  eine  Mal  (Kompre.iSi jn  der 
Trachea  durch  ein  Aortenaneurysma)  ohne,  das  andere  Mal  (Kehlkopfexstir¬ 
pation  in  Lokalanästhesie)  mit  augenblicklichem  Erfolg.  Die  nachfolgende 
Obduktion  konnte  beide  Male  das  Fehlen  von  Herz-  oder  Perikardschädigungen 
durch  die  Kanüle  nachweisen.  Die  Injektion  soll  nach  Möglichkeit  nicht  später 
als  3  Minuten  nach  dem  letzten  Atemzug  gemacht  werden. 

E.  V  o  g  t  -  Tübingen:  Anatomische  und  technische  Fragen  zur  intra¬ 
kardialen  Injektion. 

Als  Ort  des  Einstiches  eignet  sich  am  besten  der  4.  Zwischenrippenraum 
(oberer  Rand  der  5.  Rippe  dicht  am  Brustbein),  da  dieser  wesentlich  breiter 
als  der  5.  ist  und  hier  eine  Verletzung  sowohl  der  A.  mammaria  interna 


..is  (ier  pRura  am  sichersten  vermieden  wird;  auf  diese  Weise  \viid  der 
rechte  Ventrikel  punktiert.  Die  Punktion  geschieht  zweckmassig  mit  be’cit 
aufgesetzter  SpriUe*1  um  bei  etwaigem  Anstechen  der  Pleura  ein  E.nstromen 
von  Luft  zu  verhütet  Verletzung  der  Kranzgefässe  oder  Schädigung  des 
Reizleitungssystems  ist  bei  Verwendung  dünner  Nadeln  kaum  zu  ’’ef“rc‘lt 

ABin  g  e  1  -  Braunschweig:  Zur  Technik  der  intralumbalen  Luft¬ 
einblasung.  insbesondere  zum  Zwecke  der  „Enzephalographi ie  . 

Bei  diesem  neuen  Verfahren  werden  zwei  Kanülen  eingestochen,  von 
denen  d  e  eine  dem  Abfliessen  des  Liquors,  die  andere  der  Lüfte, nb  asung  dient 

F  Külz-Leipzig:  Zur  Frage  des  Ersatzes  von  Blutverlusten  durch 

U m  Zusatz  Sy on^6— 7 Cp"r oz.  Gummi  zur  Kochsalzlösung  verlangsamt  ihre  Aus¬ 
scheidung  aus  der  Blutlxihn.  ....  •• 

K.  S  c  h  o  1 1  -  Kassel:  Diagnostische  Leitungsanasthesie. 

a!'  H  /nTz  e-VeHiiK^Teilexzision  des  Nagels  bei  Paronychie  am  Nagel- 

KrlU1  Quere  Durchtrennung  des  Nagels  distal  vom  Entzündungsherd  mit  dem 
Messer,  und  Entfernung  des  proximalen  Nagelstuckes  kürzt  den 
angenehmen  nagellosen  Zustand  wesentlich  ab. 

().  G  a  n  s  -  Heidelberg:  Zur  Biologie  der  Haut. 

Für  kurzen  Bericht  nicht  geeignet.  '  .  . 

B  o  e  n  n  i  n  g  h  aus-  Breslau:  Kein  Karbolparaffin  statt  Karbolglvzer  n. 

Karbol  löst  sich  nicht  im  Parafiin,  sinkt  vielmehr  ungelöst  zu  Boden 
und  kann,  wie  in  dem  hier  beschriebenen  Falle,  schwere  Verätzungen  lieivo  - 
rufen . 

H  K  r  i  t  z  I  e  r  -  Erbach:  Unzuverlässige  Fieberthermometer. 

Staatlich  nicht  geprüfte  Thermometer  müssen  mit  einem  geeichten 

Thermometer  verglichen  werden.  p  . 

G  Ledderhose  -  München :  Chirurgische  Ratschlage  für  den  Prak- 
...  Baum-  Augsburg, 

liker. 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  29. 


A  Vogt-Basel:  Die  Katarakt  bei  mvotonischer  Dystrophie. 

Verf.  beschreibt  4  Fälle  der  seltenen  Erkrankung,  die  ein  eigenartiges 
Bild  der  Linse  darboten,  staubförmige,  leicht  glänzende  Punkte,  die  aus¬ 
schliesslich  der  Rinde  angehören  und  die  in  auffälliger  Weise  mit  farbig 
leuchtenden  Kriställchen  untermischt  sind,  die  wahrscheinlich  aus  Cholesteann 
bestehen.  Er  geht  ausführlich  auf  den  S  t  e  i  n  e  r  t  sehen  Symptomenkomplcx 
ein,  auch  auf  die  hereditären  Verhältnisse  und  betont,  dass  die  Katarakt 
gelegentlich  Generationen  hindurch  als  anscheinend  ganz  isoliertes  Symptom 

uuftrrtt.  j  j  e  n  tl  a  r  d  t  _  Winterthur:  Die  Aetherbehandlung  der  Peritonitis. 

Bericht  über  51  Fälle  aus  der  Literatur  und  50  Fälle  des  Kantonspitals 
Winterthur.  Die  Kombination  von  Aethcr  mit  Kampferöl  hat  sich  nicht  be¬ 
währt,  dagegen  ist  die  Wirkung  reinen  Acthers  (nicht  mehr  als  100  g,  bei 
Kindern  weniger!)  gut,  so  dass  die  Mortalität  bei  diffuser  Peritonitis  nui 
23,5  Proz.  gegenüber  40  Pro,z.  und  mehr  sonst  betrug.  Da  relativ  häufig 
Adhäsionen  eintreten,  soll  man  die  Methode  nur  bei  schweren  Fällen 
anwenden,  nicht  prophylaktisch.  Zu  grosse  Dosen  lähmen  und  machen 

Kollaps,  besonders  bei  Kindern.  . 

P  F  Nigst-Bern:  Hernienbeschwerden  und  Operationsindikation. 

Von  1487  Patienten  kamen  ca.  wegen  Beschwerden  zur  Operation,  die 
übrigen  aus  mehr  prophylaktischen  Gründen.  Nur  26  waren  in  ihrer  Arbeits¬ 
fähigkeit  gehindert,  mehr  als  54  trug  während  der  ganzen  Dauer  des  Be¬ 
stehens  der  Hernie  oder  nur  eine  Zeit  lang  mit  Erfolg  ein  Bruchband. 

L.  Jacob-  Bremen. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 


(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  10.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r.  Schriftführer:  Herr:  W  e  m  rn  e  r  s. 


Vor  der  Tagesordnung: 

Herr  Haenel:  Vorstellung  eines  Falles  von  Torsionsdystonie. 

Im  Jahre  1911  veröffentlichte  Oppenheim  eine  Reihe  von  Fällen 
eigenartiger  Bewegungsstörungen,  die  er  bei  meist  jugendlichen  Individuen 
jüdischer  Rasse  beobachtet  hatte:  tonische  Krämpfe  von  wechselnder  Intensität, 
vorwiegend  in  den  Beinen,  dem  Becken  und  Rumpfe,  bestehend  in  Drehungen 
und  Verrenkungen  bizarrer  Art,  Wechsel  von  Lordose  und  Kyphose;  geringere 
Beteiligung  der  Arme;  Gesicht,  Hirnnerven,  Sprache,  Intelligenz  unbeteiligt; 
progressiver  Verlauf.  Anatomie  und  Pathogenese  unbekannt.  Er  nannte  die 
Krankheit  Dystonia  muscular.  deformans.  Fast  zu  gleicher  Zeit  beschrieben 
Ziehen  und  Flat  au  ähnliche  Bilder;  ersterer  sprach  von  einer  tonischen 
Torsionsneurose,  letzterer  von  progressivem  Torsionsspasmus.  Von  späteren 
Beobachtern  fand  zuerst  T  h  o  m  e  1 1  a  1919  bei  einem  Dystoniekranken  eine 
Erweichung  im  Putamen,  A.  W  e  s  t  p  h  a  1  in  ähnlicher  Weise,  so  dass 
K  M  e  n  d  e  1,  der  1920  die  bisherigen  Fälle  unter  dem  Namen  Torsions-, 
dystonie  zusammenfasste.  sie  unter  die  extrapyramidalen  Bewegungs¬ 
störungen  einreihen  und  sie  von  den  Neurosen  abscheiden  konnte. 

Der  vorgestellte  Fall,  ein  43  jähriger  Maurer,  erkrankte  April  1920  nach; 
einem  „Schnupfen“  mit  Schmerzen  in  den  Beinen,  Schultern,  dem  Rücken, 
Sehstörungen  und  zunehmender  Schwäche.  Juni  1920  ins  Krankenhaus;  dort 
hervorgehoben  die  Langsamkeit  der  Bewegungen,  die  schleppende  Sprache,, 
das  Verharren  in  einmal  eingenommenen  Stellungen;  an  den  Augen  ein  grob¬ 
schlägiger  rotatorischer  Nystagmus  und  eine  Rötung  der  Papillen,  beides  als 
angeborene  Anomalien  aufgefasst.  WaR.  im  Blute  negativ.  Allmähliches 
Schwinden  der  Starre,  gebessert  Oktober  1920  entlassen.  Diagnose  schwan¬ 
kend  zwischen  Hysterie  und  postenzephalitischem  Prozesse.  Februar  1921 
neue  ärztliche  Untersuchung:  Jetzt  fielen  Zwangsbewegungen  in  Bemen  und 
Hüften  drehender  Art.  ein  ungleichmässiger.  eckiger  „stachliger“  Gang, 
rhythmische  Zuckungen  der  Oberschenkel  auf;  der  Fall  wurde  jetzt  als 
Neurose  begutachtet.  —  Heute  sehen  wir  bei  dem  Kranken  eine  leichte  Ptosis, 
die  ihn  veranlasst,  die  Brauen  fast  dauernd  mit  starkgefalteter  Stirn  hocli- 
zuziehen;  enge,  sehr  wenig,  aber  prompt  reagierende  Pupillen,  keine  Spur 
von  Nystagmus  mehr,  etwas  verwaschene  Optikusgrenzen.  Sprache,  Mimik, 
obere  Extremitäten  ungestört.  Am  auffallendsten  sind  ununterbrochene 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


63 


drehende,  schiebende,  lordotische  Bewegungen  im  Bereiche  des  Beckens  und 
der  unteren  Wirbelsäule,  die  am  kürzesten  .und  treffendsten  mit  einem  un- 
unterdrückbaren  Bauchtanze  verglichen  werden  können,  in  vermindertem 
Masse  setzen  sie  sich  auch  auf  die  Beine  fort,  die  auch  in  der  Rückenlage 
nicht  ruhig  gehalten  werden  können;  der  Gang  ist  dadurch  ungleichmässig, 
mit  nach  Länge  und  Tempo  ungleichen  Schritten,  Laufschritt  ist  unausführbar. 
Keine  Störungen  der  Kraft,  der  Sehnen-  und  Hautreflexe,  der  Sensibilität. 
Muskeltonus  schwer  zu  prüfen,  aber  weder  dauernd  erhöht,  noch  herabgesetzt. 
Die  gesamten  Störungen  sind  in  langsamer  Besserung  begriffen. 

Der  Fall  ist  in  mehreren  Beziehungen  beachtenswert: 

1.  ist  er  eine  neue  Bestätigung  dafür,  dass  die  Torsionsdystonie  nicht 
auf  das  Jugendalter  beschränkt  ufid  keine  Neurose  ist.  Denn  dass  Patient 
eine  Enzephalitis  durchgemacht  hat  geht  zum  mindesten  aus  dem  Augen¬ 
befunde  starker,  nach  1  Jahre  wieder  geschwundener  Nystagmus  —  un¬ 
zweifelhaft  hervor; 

2.  zeigt  er,  dass  hypo-  und  hyperkinetische  Zustände  nicht  nur  bei  ver¬ 
schiedenen  Enzephalitiskranken  auftreten,  sondern  dass  sie  bei  ein  und  dem¬ 
selben  Individuum  Vorkommen  und  ineinander  übergehen  können; 

3.  müssen  wir  aus  dem  Falle  den  Schluss  ziehen,  dass  die  Rumpf¬ 
bewegungen  nicht  nur  in  der  Hirnrinde  ihre  bestimmte  Lokalisation  haben, 
sondern  dass  auch  in  den  Stammganglien,  speziell  im  Linsenkern,  die  ein¬ 
zelnen  Körperregionen  von  einander  getrennt  vertreten,  d.  h.  lokalisiert  sind; 

4.  gibt  ,  er  einen  Hinweis  darauf,  dass  die  Prognose  der  Enzephalitis¬ 
folgen  doch  nicht  immer  so  trübe  ist,  wie  wir  sie  in  der  Regel  erleben 
müssen,  und  dass  in  dieser  Hinsicht  die  hyperkynetischen  Formen  besser 
gestellt  zu  sein  scheinen  als  die  hypokinetischen.  (Eigenbericht.) 

Tagesordnung; 

Herr  Weiser:  Die  Entwicklung  der  Röntgentherapie  und  Röntgen¬ 
technik  im  letzten  Jahrzehnt.  (Mit  Krankenvorstellung  und  physikalischen 
Demonstrationen.) 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  8. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  26.  Oktober  1921. 

Herr  Kochmann:  Wirkung  des  Kokains  auf  das  Herz,  ein  Beitrag  zur 
Entstehung  der  Rhythmusstörungen. 

;  Kokain  ruft  in  grossen  Konzentrationen  1  :  2000  Mol.  Lösung  diastolischen 
Herzstillstand  hervor,  und  zwar  zunächst  der  Ventrikel  und  erst  später  der 
,  Vorhöfe.  Geringere  Konzentrationen  bis  1  :  20  000  Mol.  bedingen  Verlang¬ 
samung  des  Herzschlages,  Verminderung  der  Systolengrösse  und  Ausfall  von 
Kammerkontraktionen  bei  gleichmässig  fortschlagenden  Vorhöfen.  Noch 
stärkere  Verdünnungen  rufen  nur  Verlangsamung  der  Schlagfolge  und  Ver- 
|  kleinerung  der  Systolengrösse  hervor.  Bei  Konzentrationen  von  1  :  160  000 
können  Amplitudengrösse  und  Frequenz  vermehrt  sein.  Alle  Erscheinungen 
I  sind  durch  giftfreie  Ringerlösung  reversibel  zu  gestalten.  Auch  am  ganzen 
j  Frosch  lassen  sieh  ähnliche  Herzsymptome  hervorrufen.  Die  Pulsverhng- 
samung  unter  Kokainwirkung  wird  durch  eine  beginnende  Lähmung  der  Reiz- 
I  erzeugung,  die  Verkleinerung  der  Amplitude  durch  eine  Abnahme  der  Erreg- 
I  barkeit  der  Kammermuskulatur  erklärt.  Letzteres  wird  experimentell  durch 
j  Reizversuche  am  stillgestellten  Herzen  bewiesen  (erste  Stanniusligatur).  Der 
Ausfall  von  Ventrikelkontraktionen  ist  auf  eine  Verlängerung  der  refraktären 
'  Phase  zurückzuführen,  da  die  Erregbarkeit  des  Ventrikels  ihr  Maximum  noch 
!  nicht  erreicht  hat,  wenn  der  normale  Reiz  von  den  Vorhöfen  auf  die  Ventrikel 
iibergelcitet  wird.  Die  Restitutionsprozesse  sind  also  ausserordentlich  ver- 
I  langsamt.  Dabei  kann  die  Erregbarkeit  unter  Kokain  die  alte  Höhe  er- 
;  reichen  wie  beim  nicht  vergifteten  Herzen.  Eine  Blockierung  im  H  i  s  sehen 
Bündel  findet  durch  Kokain  nicht  statt,  was  sich  unmittelbar  auch  daraus 
I  ergibt,  dass  nach  der  zweiten  Stanniusligatur,  bei  der  ja  das  H  i  s  sehe 
Bündel  ausgeschaltet  ist,  und  der  Ventrikel  autonom  schlägt,  dieslben  Er¬ 
scheinungen  unter  Kokain  eintreten,  wie  beim  unverletzten  Herzen. 

Vortragender  ist  der  Ansicht,  dass  auch  klinisch  die  Verlängerung  der 
relativen  refraktären  Phase  bei  Pulshalbierungen  und  Ausfall  von  Kammer- 
;  systolen  eine  Rolle  spielt,  und  ein  Block  im  Bündel  nur  anzunehmen  ist,  wenn 
anatomisch  eine  Verletzung  des  Bündels  gefunden  wird.  Das  Herz  lässt  sich 
in  verhältnismässig  kurzer  Zeit  an  Kokain  gewöhnen,  so  dass  es  sich  spon¬ 
tan,  erholt  und  seine  Füllung  zur  Zeit  der  Erholung  für  ein  zweites  Herz  noch 
toxisch  ist.  Ein  solches  Herz,  das  sich  unter  Kokain  spontan  erholt  hat, 
wird  durch  eine  nochmalige  Kokaingabe  von  gleicher  Konzentration  nicht  mehr 
oder  nur  wenig  geschädigt.  Vortragender  macht  auf  die  biologisch  und 
klinisch  wichtigen  Ergebnisse  der  Untersuchungen  aufmerksam:  1.  Umkehr 
der  Wirkung  durch  kleine  Gaben,  2.  Ausfall  von  Kammersystoten  und  Hal¬ 
bierung  des  Pulses  infolge  Verlängerung  der  relativen  refraktären  Phase, 
3.  Angewöhnung  eines  isolierten  Organes  an  eine  chemisch  bekannte  Substanz, 
ein  Vorgang,  der  in  engen  Beziehungen  zu  immunisatorischen  Vorgängen  steht. 

Besprechung:  Herr  Straub  weist  auf  die  klinische  Bedeutung  der 
von  dem  Vortragenden  vertretenen  Anschauungen  über  das  Zustandekommen 
des  Systolenausfalls  bei  der  Kokainvergiftung  hin.  Dieselbe  Erklärung  einer 
verminderten  Reizbarkeit  durch  Verlängerung  der  refraktären  Phase  zusammen 
mit  zunehmender  Latenzzeit  für  schwache  Reize  hat  Straub  zum  Ver¬ 
ständnis  der  Verhältnisse  bei  partiellem  Vorhof-Kammerblock,  bei  interpolierten 
ventrikulären  Extrasystolen  und  bei  partiellem  Sinus-Vorhofblock  des  Men¬ 
schen  gegeben. 

Herr  Beneke:  Wenn  ich  die  letzten  Kurven  bezüglich  der  Einwirkung 
der  zweiten  Dosis  Kokain  nach  vorheriger  Ausspülung  der  ersten  recht  ver¬ 
standen  habe,  so  ist  der  Effekt  dabei  ganz  negativ,  während  man  doch  viel¬ 
leicht  nach  den  Angaben  über  ganz  minimale  Dosen  eine  Steigerung 
der  Herzaktion  hätte  erwarten  können;  wenn  der  Herzmuskel  sich  an  das 
Gift  allmählich  gewöhnte,  so  müsste  die  zweite  Dosis  etwa  gleichwertig 
mit  einer  sehr  geringen  primären  sein.  Deshalb  könnte  das  Ausbleiben 
der  Reaktion  vielleicht  eher  als  ein  Ausdruck  der  inzwischen  eingetretenen 
Immunität  aufgefasst  werden,  wobei  es  bedeutungsvoll  sein  würde,  dass 
hier  der  Erwerb  einer  Immunität  i  n  n  e  r  h  a  I  b  weniger  Minuten  er¬ 
folgt  sein  würde.  Ich  erlaube  mir  die  Frage  an  den  Herrn  Vortragenden,  ob 
er  dieser  Argumentation  zustimmen  würde. 

Herr  Kochmann  stimmt  Herrn  Beneke  zu  und  betont  die  Schwie¬ 
rigkeit  der  Versuche. 

Herr  Buchholz:  Abriss  der  Supraspinatussehnc. 

Bericht  über  eine  Schulterverletzung,  welche  in  der  Literatur  bisher  nur 
wenig  Beachtung  gefunden  hat.  den  Abriss  der  Sehne  des  Supraspinatus 
nebst  Zerreissung  des  Daches  der  Schultcrkapsel.  Die  Ursache  dieser  Ver¬ 


letzung,  von  welcher  im  Massachusetts  General  Hospital  zu  Boston  24  Fälle 
zur  Operation  gekommen  sind,  ist  entweder  eine  direkte,  Fall  oder  Schlag 
gegen  die  Schulter,  oder  eine  indirekte,  Fall  auf  die  rasch  vorgestreckte 
Hand,  schnelles  Emporheben  eines  schweren  Gegenstandes  etc.  In  etwa 
25  Proz.  aller  Fälle  war  der  Sehnen-  und  Kapselriss  nur  Teilerscheinung 
einer  Luxation  oder  Fraktur  des  Oberarmes.  Die  Breite  des  Risses  schwankt 
zwischen  wenigen  Millimetern  und  mehreren  Zentimetern,  so  dass  in  schwe¬ 
ren  Fällen  ein  etwa  talergrosser  Defekt  zustande  kommt.  Durch  die  freie 
Kommunikation  zwischen  der  Gelenkkapsel  und  der  Bursa  subakromialis  wird 
die  spontane  Heilung  beeinträchtigt,  ja  es  ist  der  Verdacht  geäussert  wor¬ 
den,  dass  es  sich  in  Fällen  von  sog.  Kalkablagerung  in  der  Bursa  um  eine 
ungenügende  Heilung  der  zerrissenen  Supraspinatussehne  handelt. 

Die  wichtigsten  Symptome  sind  Schmerzen  in  mannigfachen  Variationen, 
Druckempfindlichkeit  und  Dellenbildung  direkt  medial  von  dem  Tuberculum 
majus  und  vor.  allem  ein  der  Grösse  des  Abrisses  entsprechendes  Missverhältnis- 
zwischen  passiver  und  aktiver  Abduktion,  insofern  als  die  letztere  in  schwe¬ 
ren  Fällen  vollständig,  in  leichteren  teilweise,  doch  meist  in  sehr  charakte¬ 
ristischer  Weise  behindert  ist.  auch  wenn  die  passive  Bewegungsfreiheit  un¬ 
gestört  ist.  Die  Differentialdiagnose  gegenüber  sog.  funktioneller  Lähmung 
des  Deltoideus  kann  gewisse  .Schwierigkeiten  machen.  Auch  bei  veralteten 
Fällen  mit  schwerer  Versteifung  des  Schultergelenkes  kann  es  im  Anfang 
schwer,  ja  bei  unzulänglicher  Anamnese  unmöglich  sein,  die  Diagnose  zu 
stellen,  die  erst  bei  längerer  mediko-mechanischer  Behandlung  aufgeklärt 
wird,  wenn  die  Bewegungsfreiheit  zwar  passiv,  aber  nicht  aktiv  wieder¬ 
erlangt  wird. 

Die  rationelle  Behandlung  ist  die  Naht,  welche  vbn  einem  von  der  vor¬ 
deren  Ecke  des  Akromion  herabziehenden,  die  Bursa  subdeltoidea  und  sub- 
acromialis  freilegenden  Schnitt  aus  vorgenommen  wird.  Bei  ausgedehnter 
Zerreissung  ist  es  notwendig,  das  Akromion  in  frontaler  Richtung  zu  durch¬ 
trennen,  wodurch  eine  sehr  gute  Uebersicht  gewonnen  wird.  2 — 4  Nähte 
werden  durch  mehrere  durch  das  Tuberculum  majus  gelegte  Bohrlöcher  hin¬ 
durchgezogen  und  in  voller  Abduktion  des  Armes  geknüpft,  eine  Stellung, 
welche  durch  Gips  oder  Schienen  für  mehrere  Wochen,  in  allen  Fällen 
mehrere  Monate  in  langsam  abnehmendem  Grade  erhalten  wird.  Bei  der 
Nachbehandlung,  die  von  grosser  Wichtigkeit  ist,  kommt  es  hauptsächlich 
darauf  an,  dass  der  Arm  erst  dann  in  Adduktionsstellung  übergeführt  wird, 
wenn  die  Abduktoren  genügend  erstarkt  sind,  um  das  Gewicht  des  Armes 
vollkommen  zu  beherrschen.  Dazu  bedarf  es  in  allen  Fällen  eines  sorgfältigen 
Drainierens  des  Deltoideus.  Bei  unvorsichtigem,  zu  schnellem  Vorgehen  be¬ 
steht  die  Gefahr,  dass  die  Abduktoren  niemals  ihre  frühere  Kraft  wieder¬ 
erlangen,  während  sonst  die  Prognose  quoad  functionem  eine  sehr  gute  ist, 
allerdings  mit  Ausnahme  der  Fälle,  bei  denen  sich  gleichzeitig  eine  aus¬ 
geprägte  Arthritis  deformans  findet. 

Besprechung:  Herr  Grund. 

Her  Eisler:  Die  von  den  Vorrednern  erwähnte  Insuffizienz  des  Del- 
toides  beim  Versuche,  den  Arm  im  Schultergelenk  zu  abduzieren.  braucht 
m.  E.  nicht  auf  einer  wirklichen  Schädigung  des  Muskels  oder  seines  Nerven 
zu  beruhen.  Es  genügt  schon  eine  durch  halbbewusste  Angstgefühle  oder 
unklare  Koordinationsbestrebungen  erzeugte  fehlerhafte  Innervation  des  Del- 
toides.  Denn  sobald  uei  herabhängendem  Arm  der  Muskel  in  seiner  ganzen 
Masse  zur  Kontraktion  gebracht  wird,  kann  eine  Abduktion  nicht  eintreten, 
weil  die  Muskelbündel  teils  oberhalb,  teils  unterhalb  der  etwa  sagittal;  stehen¬ 
den  Abduktionsachse  verlaufen.  Die  Arbeit  des  durchflochten  erscheinenden, 
d.  h.  stark  domieltgefiederten  und  kurzfaserigen  Mittelabschnitts  des  Muskels, 
die  für  sich  allein  die  Abduktion  leistet,  wird  durch  die  gleichzeitige  Tätigkeit 
der  schlicht-  und  langfaserigen  ventralen  und  dorsalen  Randabschnitte,  die 
ihrer  Lage  nach  abduzieren  müssen,  unwirksam  gemacht.  Diese  Rand¬ 
abschnitte  vermögen  entsprechend  ihrem  Verlaufe  zur  transversalen  (Beuge-) 
Achse  des  Schultergelenks  bei  Einzelarbeit  den  Arm  ventral-  oder  dorsal- 
wärts  zu  heben,  entsprechend  ihrem  Verlaufe  zur  longitudinalen  (Roll-)  Achse 
ein-  oder  auswärts  zu  rollen,  den  durch  den  Mittelabschnitt  mehr  oder 
weniger  obduzierten  Arm  ventral-  oder  dorsalwärts  zu  führen  und  ihn  bei 
gemeinsamer  Arbeit  in  dieser  Abduktion  beliebig  festzustellen. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  23.  November  1921. 

Demonstration. 

Herr  Nieden  zeigt  das  Magenresektionspräparat  eines  49  jährigen 
Mannes,  der  von  ihm  vor  1  Woche  wegen  Ulcus  peptic.  jeiuni  radikal  operiert 
wurde.  Bei  dem  Pat.  war  vor  2  Jahren  wegen  Ulc.  duodeni  eine  Gastro- 
enterost.  retrocol.  post,  mit  Pylorusabschnürung  durch  Lig.  teres  vorge¬ 
nommen.  Ein  Jahr  post  op.  erneute  Beschwerden.  Diesmal  wurde  Resektion 
des  ganzen  pylorischen  Abschnittes,  Auslösung  der  Anastomose,  End-zu-End- 
Anastomose  des  Jejunum  und  antekolische  Einpflanzung  des  Jejunums  in  den 
unteren  Teil  des  Magenquerschnittes  vorgenommen,  ausserdem  Dickdarm¬ 
resektion  mit  Seit-zu-Seit-Anastomose.  Der  Sitz  der  beiden  Jejunalulzera 
seitlich  von  der  Anastomose  lässt  Vortr.  vermuten,  dass  eine  Schädigung 
durch  den  Druck  der  Darmklemme  bei  der  Entstehung  der  Ulcera  mitbe¬ 
teiligt  ist. 

Tagesordnung. 

Herr  Magnus  und  Herr  Duken:  Ueber  Rachitisbehandlung. 

Bei  älteren  Kindern,  etwa  vom  4. — 3.  Lebensjahr,  ist  die  Methode  der 
unblutigen  Redression  von  A  n  z  o  1  e  1 1  i  und  Röpke  sehr  brauchbar:  die 
verkrümmten  Beine  werden  im  „Erweichungsgipsverband“  für  6  Wochen 
inaktiviert,  sie  werden  weich  und  atrophisch  und  lassen  sich  manuell  biegen 
oder  knicken,  ohne  dass  die  rohen  Methoden  maschineller  Osteoklase  nötig 
werden.  Im  zweiten  Gipsverband  wird  die  korrigierte  Stellung  festgehalten 
und  durch  Belastung  der  Extremität  die  Atrophie  rückgängig  gemacht,  der 
Knochen  gefestigt.  Die  Methode  wird  für  frische  Fälle  entbehrlich,  sobald 
man  den  Zeitpunkt  genau  fixieren  kann,  in  dem  die  Rachitis  abgelaufen  ist 
und  die  Erhärtung  des  Knochens  beginnt.  Gelingt  es,  diese  Frage  zu  lösen, 
dann  kann  man  in  diesem  Augenblick  korrigieren  und  die  Knochen  in  guter 
Stellung  fest  werden  lassen.  Die  chirurgische  Behandlung  könnte  unmittelbar 
sich  an  die  pädiatrische  anschliessen.  Der  Ucbergang  der  Rachitis  vom 
floriden  zum  ausheilenden  Stadium  lässt  sich  röntgenologisch  wie  klinisch 
sehr  gut  festlegen  unter  Erscheinungen,  die  an  anderer  Stelle  ausführlich  ge¬ 
würdigt  werden  sollen.  Der  geeignete  Augenblick  zur  Korrektur  der  Ver¬ 
krümmungen  ist  das  Stadium  der  Ausheilung.  Aus  klinischen  Gründen  er¬ 
scheint  es  nicht  zweckmässig,  die  Korrektur  in  einem  früheren  Stadium  vor- 


64 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  2. 


zunehmen.  Der  floride  Rachitiker  bekommt  sehr  leicht  Pneumonien,  deren 
Behandlung  bei  Vorhandensein  des  Gipses  erschwert  ist,  bedeutungsvoller 
aber  ist,  dass  die  Narkose  im  floriden  Stadium  wegen  der  bestehenden 
Pneumoniegefahr  ein  lebensgefährlicher  Eingriff  ist,  der  zurückzustellen  ist 
bis  zu  einem  Zeitpunkt,  wo  er  sich  ohne  grössere  Gefahr  durchfuhren  lasst. 
Dieser  Augenblick  ist  im  ausheilenden  Stadium  gegeben.  Die  Behandlung  der 
Rachitis  mit  künstlicher  Höhensonne  nach  dem  Vorschläge  von  Huld- 
schinsky  ermöglicht  eine  schnelle  Heilung.  Die  Bestrahlungen  haben 
sofort  im  floriden  Stadium  zu  beginnen  und  sind  während  und  nach  der 
Korrektur  weiter  durchzuführen.  Unter  der  Bestrahlung  setzt  der  rachitische 
Knochen  während  der  Zeit  der  Eingipsung,  also  der  Inaktivierung,  seinen  Kalk 
tadellos  an,  er  verhält  sich  darin  anders  als  der  normale  Knochen,  der 
atrophieren  würde. 

Diskussion:  Herr  Ibrahim,  Herr  G  u  1  e  k  e.  ... 

Herr  Nieden  fragt  an,  ob  bisher  Beobachtungen  über  Rezidive  nach 
Behandlung  der  floriden  Rachitis  mit  ultravioletten  Strahlen  gemacht  seien. 
Ferner  wünscht  N.  Auskunft  über  das  Verhalten  derjenigen  rachitischen 
Knochendeformitäten  (obere  Extremität,  Schädel),  die  nicht  mit  korrig.erenden 
Verbänden  behandelt  wurden.  Falls  hier  Rückbildung  zur  Norm  gesehen 
wurde,  würde  man  eventuell  auch  an  den  Beinen  auf  den  Gipsverband  ganz 
verzichten  und  sich  auf  Höhensonne  und  mehrwöchentliche  Bettruhe  be¬ 
schränken  können.  ,  ,  ,  , 

Schlusswort:  Die  häufig  übrig  bleibende  Coxa  vara  kann  dadurch 
bekämpft  werden,  dass  die  korrigierten  Beine  in  Spreizstellung,  also  in 
Abduktion,  fixiert  werden.  Die  theoretischen  Erwägungen  über  Kalkabbau 
und  -anbau  im  Gipsverband  sind  in  der  Tat  unbefriedigend.  Rezidive  wurden 
nicht  beobachtet,  sind  auch  durchaus  unwahrscheinlich.  Schwere  Knochen¬ 
deformitäten,  die  nicht  korrigiert  wurden,  blieben  meist  unverändert  bestehen. 
Die  Korrektur  ist  also  eine  Notwendigkeit. 

Herr  Klughardt:  Die  Grundlagen  der  Kieferorthopädie  und  ihre  Be¬ 
deutung  für  die  allgemeine  Medizin. 

Der  Vortragende  erläutert,  dass  sich  die  Kieferorthopädie  nicht  auf  die 
Korrektur  einer  anormalen  Zahnstellung  zu  kosmetischen  Zwecken  beschränkt, 
sondern  dass  sich  die  Aufgabe  auf  die  Umformung  der  Kiefer  und  des 
Gesichtsschädels  erstreckt  —  sie  leistet  dem  Spezialarzt  wertvolle  Hilfe  bei 
der  Beseitigung  der  Nasenstenosen  und  der  damit  verbundenen  Mundatmung. 
Nach  den  Erfahrungen  des  letzten  Krieges  gilt  sie  für  ein  unentbehrliches 
Hilfsmittel  der  Kieferchirurgie,  ln  der  Einleitung  wurden  die  Anomalien  der 
Zahnreihen  und  der  Kiefer  nach  der  von  Angle  geschaffenen  Klassifikation 
behandelt  und  die  therapeutischen  Massnahmen  für  die  einzelnen  Klassen  be¬ 
sprochen.  Dabei  wurde  die  Extraktionsfrage  einer  kritischen  Betrachtung 
unterzogen.  Im  weiteren  behandelte  der  Vortragende  die  neuen  Methoden 
der  chirurgischen  Orthodontie  zur  Behebung  der  Makrognathie.  Sodann 
wurde  das  A  n  g  1  e  sehe  System  kritisch  beleuchtet;  der  Leitsatz  von  der 
normalen  Einstellung  des  ersten  bleibenden  Molaren  wurde  durch  zahlreiche 
anormale  Milchgebisse  widerlegt,  und  der  neue  Weg  für  die  Diagnose  der 
Kieferanomalien  —  die  Messung  —  eingehend  erläutert.  Dabei  fand  die 
Methode  van  Loons  kurze  Erwähnung:  eingehender  wurden  die  moderne 
Gnathostatik  Simons  an  zahlreichen  Lichtbildern  behandelt.  Sodann  ging 
der  Vortragende  auf  die  neuen  Ergebnisse  der  histologisch-experimentellen 
Forschung  über.  Zum  Schlüsse  wurden  die  mit  Kieferanomalien  verbundene 
Mundatmung  und  ihre  den  Gesamtorganismus  schädigenden  Einflüsse  be¬ 
handelt;  ausserdem  besprach  der  Vortragende  die  Bedeutung  der  Kiefer¬ 
orthopädie  für  die  Kieferchirurgie,  so  die  orthodontische  Apparatur  für 
Kieferresektionen,  für  die  Behandlung  der  Kieferfrakturen  und  für  die  Nach¬ 
behandlung  der  plastischen  Gaumenoperationen. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  17.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  J  u  n  g  b  1  u  t  h. 

Herr  A.  Dietrich;  Die  Zellularpathologie  Virchows  und  ihre 
Weiterentwicklung. 

Das  Werk  Rud.  Virchows  begann  mit  der  Einführung  naturwissen¬ 
schaftlichen  Denkens  und  der  empirischen  Forschungsweise  in  die  Medizin. 
Das  Zweite  war  die  Weiterführung  des  anatomischen  Gedankens,  den  Vir  - 
c  h  o  w  von  Morgagni  aufnahm  und  den  er  von  den  Organen  auf  die 
Zellen  übertrug.  In  den  Zellen  erkannte  er  die  letzte  Einheit  des  Körpers, 
aus  der  sich  alle  Gewebe  und  Organe  aufbauen,  während  andere  Bestandteile 
nur  aus  Leistungen  von  Zellen  hervorgehen  oder  in  Abhängigkeit  von  ihnen 
stehen.  Aber  der  dritte  Punkt,  den  Virchow  hinzufügte,  war  das  Gesetz 
von  der  Kontinuität  des  Lebens:  Omnis  cellula  e  cellula.  Diese  3  Grund¬ 
lagen  entwickelte  Virchow  in  zwei  Richtungen  weiter:  1.  in  einer 
Durchdringung  des  Verhältnisses  von  gesundem  und  krankem  Leben  und  2. 
in  der  Aufstellung  des  Lokalisationsprinzips  der  Krankheit.  Virchow 
erkennt-  keine  Lebenskraft  an.  bekennt  sich  jedoch  zu  einem  Vitalismus, 
der  die  Einheit  des  Lebens  in  Form  und  Aeusserung  begreift,  aber  sie  nicht 
einfach  aufgehen  lässt  in  physikalischen  oder  chemischen  Kräften.  Die  Zelle 
muss  auch  die  Einheit  der  Krankheit  darstellen.  Krankheit  ist  verändertes 
Zelleben  oder  Leben  unter  veränderten  Bedingungen. 

Die  Aeusserungen  des  Lebens  zerlegte  Virchow  in  eine  dreifache 
Form  der  Reizung:  funktionelle,  nutritive,  formative  Reizung.  Bei  den 
krankhaften  Reizungen  aber  ist  die  Causa  externa  und  die  Causa  interna 
zu  unterscheiden.  Auch  sind  zu  unterscheiden:  das  Leiden,  ein  veränderter 
Zustand,  von  der  Krankheit,  die  eine  Tätigkeit,  den  Ablauf  von  Verände¬ 
rungen  zur  Voraussetzung  hat.  Die  wichtigste  Folgerung  aber  ist  die  An- 
schauung,  dass  jede  Krankheit  eine  Lokalisation  habe,  dass  sie  sich  auf- 
lösen  lasse  in  Störungen  grösserer  oder  kleinerer  Summen  der  Lebenseinheiten. 
Von  diesem  Punkte  aus  hat  die  Zellularpathologie  ihre  grösste  Einwirkung  auf 
den  Gesamtgang  der  modernen  Medizin  ausgeübt.  Die  Lokalpathologie  rief 
die  Lokaltherapie  hervor. 

Da  die  Zellularpathologie  kein  festgefügtes  System,  kein  Dogma,  sondern 
ein  wissenschaftliches  Prinzip  darstellte,  s.o  konnte  sie  sich  auch  weiter 
entwickeln,  trotzdem  durch  den  Gang  der  wissenschaftlichen  Forschung  sich 
manche  Grundlagen  verschoben.  Der  Haupteinwand,  dass  die  Zelle  nicht 
die  letzte  Lebenseinheit  sei,  sondern  dass  noch  feinere  Differenzierungen  in 
ihr,  die  Kernsubstanzen  und  die  Granula,  die  Träger  des  Lebens  seien, 
konnte  die  Lehre  Virchows  ebensowenig  beeinflussen  wie  die  Erkenntnis. 


dass  auch  den  Zwischensubstanzen,  sowie  den  Flüssigkeiten  ein  gewisses 
Eigenleben  zugesprochen  werden  muss.  Immer  bleibt  Leben  an  Substanz 
gebunden  und  die  Zelle  die  wesentlichste  Organisationsform  Auf  der 
anderen  Seite  aber  hat  die  histologische  Forschung  die  Methode  der  Zer¬ 
legung  (Analyse)  in  immer  feinere  Elemente  verlassen  und  sich  der  zu- 
sammenfassenden  Betrachtung  von  Gewebseinheiten.  einer  Synthese  mei¬ 
de  n  h  a  i  n)  zugewandt.  Virchow  sprach  bereits  von  einem  Organismus 
sozialer  Art  in  gegenseitigen  Beziehungen  und  Wechselwirkungen  der  Ieile 
Diese  Auffassung  ist  noch  viel  mehr  vertieft  worden.  Besonders  sind 
durch  die  Kenntnis  der  innersekretorischen  Drüsen  und  ihres  verwickelten 
Zusammenwirkens  die  Wechselbeziehungen  im  Körper  für  Gesundheit  und 
Krankheit  sehr  in  den  Vordergrund  gestellt  worden.  Aber  auch  jeder  1  eil 
des  Körpers  zeigt  etwas  dem  Körper  Eigentümliches,  Individuelles,  wie  die 
Transplantationsversuche  lehren.  Man  muss  auch  nach  den  Erfahrungen  der 
menschlichen  Pathologie  die  Ganzheit  des  Körpers  (Drisch)  neben  der 
zellulären  Zusammensetzung  nicht  vernachlässigen.  . 

Die  Betrachtung  des  Körpers  in  seiner  Ganzheit  muss  besonders  bei  der 
Lehre  von  der  Konstitution  berücksichtigt  werden.  Virchow  erkannte 
bereits  die  Konstitution  als  die  Summe  der  erblichen  und  erworbenen  Eigen¬ 
schaften  des  Körpers.  Die  Konstitution  zellulär  zu  fassen,  ist  nur  in  den 
wenigsten  Fällen  gelungen.  Aber  die  Durchdringung  der  Konstitutions¬ 
forschung  mit  dem  anatomischen  Gedanken  wirkt  sichtend  und  fordernd. 

Auch  der  Vorwurf,  dass  die  Zellenlehre  die  Krankheitsursache  vernach¬ 
lässigt  habe,  ist  hinfällig,  denn  Virchow  hat  auf  den  Unterschied  von 
Krankheitswesen  und  Krankheitsursachen  ausdrücklich  hingewiesen.  Die 
allzu  scharfe  Betonung  der  belebten  Krankheitserreger  hat  bei  vielen  Krank¬ 
heiten  einem'  tieferen  Verständnis  der  zusammenwirkenden  Bedingungen 
Platz  machen  müssen,  z.  B.  bei  der  Tuberkulose.  , 

Somit  ist  die  Grundlage  des  Werkes  von  Rudolf  V  i  rc  h  o  w  uner- 
schü'ttert.  Naturwissenschaftliche  Forschungsmethode  muss  führen  und  der 
anatomische  Gedanke  die  Grundlage  der  Pathologie  bleiben.  Aber  die  Rich¬ 
tung  des  Ausbaues  wird  sich  mehr  dem  Bestreben  nach  einem  Verstehen 
der  Zusammenhänge  zuwenden  als  einer  Zerlegung  der  Einzelerscheinungen,  j 

Aussprache:  Herr  Moritz  weist  auf  die  grossen  Fortschritte 
hin  welche  seit  Virchows  Zeiten  unsere  Anschauungen  über  das  physio- 
logische  und  pathologische  Geschehen  im  Organismus  gemacht  haben  Ins¬ 
besondere  sei  es  die  nähere  Erkenntnis  der  kolloidalen  mtra-  und  extra- 
zellulären  Struktur  des  Körpers,  die  Licht  in  viele  bisher  dunkle  Zusammen¬ 
hänge  zu  bringen  anfange  und  ganz  neue  Perspektiven  eröffne  Die  m  ä« 
Entwicklung  begriffene  „Kolloidpathologie“  liefere  allgemeinere  Betrachtungs¬ 
weisen  die  auf  das  Geschehen  in  und  ausser  den  Zellen  Anwendung  finden 
können.  Die  Ausführungen  beleuchteten  kurz  das  Wesen  der  kolloidalen  Zu¬ 
stände  und  wurden  mit  Beispielen  belegt.  ...  ' 

Herr  F  ü  t  h,  der  wegen  der  vorgeschrittenen  Zeit  sich  nicht  darüber 
verbreiten  kann,  wie  oft  wir  auch  heute  noch  in  der  Geburtshilfe  und 
Gynäkologie  auf  Virchows  Forschungen  zuruckgreifen  ),  erwähnt  nur 
kurz,  dass  heute  eine  Anschauung  wieder  Boden  gewinnt,  die  V  l  rchow 
schon  vor  etwa  65  Jahren  ausgesprochen  hat,  dass  nämlich  die  Menstruation 
ein  pathologischer  Vorgang  sei. 

Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  6.  Oktober  1921. 

Herr  Erich  Meyer:  Behandlung  des  chronischen  Gelenkrheumatismus. 

Vortr.  berichtet' über  die  Erfahrungen,  die  mit  neueren  Behandlungs¬ 
methoden  bei  chronischen  Gelenkerkrankungen  an  der  Med.  Klinik  buden- 
burg  (Prof  Schreiber)  gemacht  wurden,  und  teilt  dabei  die  Ergebnisse 
der  Oeynhauser  Tagung  (23.-26.  IX.  1921)  mit.  Er  beschrankt .  sich  auf  die 
Besprechung  der  Fälle  von  chronisch-rheumatischer  Polyarthritis,  Arthritis 
deformans  und  primär  chronischer  Arthritis.  Erstere  geht  meist  aus  einer 
akuten  Polyarthritis  hervor  und  wird  häufig  durch  chronische  Entzundungs- 
prozesse  an  den  Mandeln,  den  Nebenhöhlen  der  Nase  oder  am  Zahnfleisch 
(Alveolarpyorrhöe)  unterhalten.  Die  beiden  letzten  Formen  lassen  sich  klinisch 
schwer  unterscheiden,  am  besten  noch  auf  der  Röntgenplatte  an  den  tur 
Arthritis  deformans  charakteristischen  Randwucherungen.  Die  Aetiologie 
dieser  beiden  Formen  ist  noch  sehr  unklar.  Es  scheinen  in  manchen  Fallen 
innersekretorische  Störungen  eine  Rolle  zu  spielen  (Auftreten  der  Gelenk- 
erkrankung  in  der  Klimax.  Zusammentreffen  mit  abnormer  Fettleibigkeit), 
vielleicht  auch  nervös-trophische  Einflüsse,  in  anderen  Fällen  Intoxikationen 
vom  Darm  aus  (chronische  Obstipation,  Ruhr,  Lambliainfektion).  Eine  ätio¬ 
logische  Therapie  gibt  es  bisher  nicht.  In  der  Behandlung  stehen  noch 
immer  an  erster  Stelle  alle  physikalischen  Massnahmen,  die  darauf 
hinzielen,  den  erkrankten  Gelenken  Wärme  zuzuführen  und  den  Gesamtston¬ 
wechsel  anzuregen.  Symptomatisch  wirkt  gegen  die  Schmerzen  gut  die  Hoch¬ 
frequenz.  Vom  Radium  als  Emanation  wurde  kein  Erfolg  gesehen, 
weder  als  Trinkkur,  noch  beim  Baden,  noch  als  Aufschläge.  Die  Therapie 
der  Protoplasmaaktivierung  hat  in  manchen  Fällen  günstige  Re¬ 
sultate  gezeitigt;  besonders  geeignet  scheinen  Fälle  mit  Gelenkschwellung  zu 
sein  Ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  Lac,  Aolan,  Kollargol  wurde 
nicht  beobachtet.  Vom  Sanarthrit  wurden  nur  wenige  unsichere  Erfolge  ge¬ 
sehen.  Die  Wirkung  desselben  wird  als  Reizkörperwirkung  aufgefasst.  Das 
Yatren-Kasein  scheint  nach  den  Mitteilungen  aus  der  B  i  e  r  sehen  Klinik  ganz 
besonders  aussichtsreich  zu  sein.  Versuche  mit  einer  Schwefel¬ 
therapie,  wobei  kolloidale  Präparate  wegen  der  grossen  Schmerzhaftigkeit 
bei  der  Injektion  bisher  nur  in  kleiner  Dosis  gegeben  wurden,  blieben  ohne 
nennenswertes  Ergebnis,  im  Gegensatz  zu  den  auffallend  günstigen  Resultaten 
der  Göttinger  Klinik.  Vom  Fibrolysin  wurde  in  den  Fällen,  wo  es  zu 
fibrösen  Versteifungen  gekommen  war,  mehrfach  günstige  Wirkung  beobachtet. 

Diskussion:  Herren  Habs,  Steffens,  Kretschmann. 

Herr  Bauereisen  berichtet  im  Anschluss  hieran  über  se.ne  Erfah¬ 
rungen  mit  Yatren  in  der  Gynäkologie.  Bei  chronischen  Adnexerkrankungen 
und  bei  Zystitis  habe  es  sich  gut  bewährt.  Bei  Zystitis  wurden  5— 10  ccm 
einer  5  proz.  Yatrenlösung  in  die  Blase  injiziert.  Auch  bei  Angina  sah  er 
gute  Erfolge;  das  Yatren  wurde  hierbei  in  Substanz  auf  die  Tonsillen  ge- 

*)  Wer  sich  dafür  interessiert,  sehe  einmal  das  Autorenverzeichnis  in 
Veits  Handbuch  der  Gynäkologie  und  in  W  i  n  c  k  e  1  s  Handbuch  der  Ge¬ 
burtshilfe  ein.  Er  wird  erstaunt  sein,  wie  oft  Virchow  da  noch  zitiert 
wird. 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


65 


stäubt.  Bei  Sepsis  hingegen  versagte  das  Yatren  oder  war  nicht  besser  als 
die  Silberpräparate. 

F'räulein  Bambach:  Zur  Salvarsanbehandlung  der  multiplen  Sklerose. 

B.  bespricht  zunächst  kurz  die  älteren  Anschauungen  über  die  Patho¬ 
genese  der  multiplen  Sklerose,  um  dann  ausführlicher  auf-  die  im  letzten 
Jahrzehnt  durch  pathologisch-anatomische,  experimentelle  und  klinische  For¬ 
schungen  und  Beobachtungen  gewonnenen  Ergebnisse  einzugehen.  Danach  er¬ 
scheint  die  Annahme  begründet,  dass  es  sicli  bei  der  multiplen  Sklerose  um 
eine  infektiöse  Erkrankung  handelt,  bei  der  vermutlich  Spirochäten  eine 
ätiologische  Rolle  spielen.  Auf  Grund  solcher  Erwägungen  wurde,  wie  es 
bereits  auch  von  anderer  Seite  nach  den  Angaben  der  Literatur  geschehen 
ist.  hier  in  der  Med.  Klinik  Altstadt  (Prof.  O  1 1  e  n)  seit  1918  bei  geeigneten 
Fällen  von  multipler  Sklerose  die  Salvarsanbehandlung  durchgeführt.  Unter 
24  Fällen  wurden  Kranke  nicht  berücksichtigt,  bei  denen  es  sich  um  sehr 
fortgeschrittene  Stadien  mit  starken  Kontrakturen  usw.  handelte.  Bei  den 
Übrigen  16  Fällen  wurde  die  Salvarsanbehandlung  durchgeführt;  es 
wurde  ausnahmslos  Neosalvarsan  gegeben,  meist  nicht  mehr  als  0,15  pro  dosi. 
einmal  wöchentlich,  in  der  Regel  10  Einspritzungen  im  Verlauf .  einer  Kur,  die 
bei  mehreren  Fällen  nach  K — >4  Jahr  wiederholt  wurde.  Unter  den  16  Fällen 
wurde  bei  12  Kranken  eine  entschiedene  objektive  Besserung  der  Symptome 
erzielt,  insbesondere  bei  frischen  Fällen  und  bei  solchen  mit  vorwiegend  halb¬ 
seitigen  Symptomen.  Obgleich  bei  der  Neigung  der  Krankheit  zu  Spontan¬ 
remissionen  die  bei  der  Salvarsanbehandlung  eingetretenen  Besserungen  "mit 
Vorsicht  zu  bewerten  sind,  erscheint  es  nach  den  bisherigen  günstigen  Er¬ 
gebnissen  durchaus  begründet,  die  therapeutischen  Versuche  fortzusetzen. 
(Eine  ausführliche  Mitteilung  erscheint  an  anderer  Stelle.) 

Diskussion:  Herren  Otten,  Schreiber,  Gold  stein, 

Voelsch,  Sandmann,  Lennhoff. 

Herr  Otten  betont,  dass  die  Salvarsantherapie  wesentlich  bessere  Re¬ 
sultate  zeitigte  als  die  früher  angewandte  andersartige  Arsenmedikation. 
Jedoch  sei  ein  endgültiges  Urteil  noch  nicht  möglich,  da  jahrelange  Remis¬ 
sionen  Vorkommen.  Die  Encephalitis  epidemica  zeigt  zuweilen  im  Verlauf 
Aehnlichkeit  mit  der  multiplen  Sklerose. 

Herr  S  c  h  r  e  i  b  e  r  ist  mit  den  Resultaten  der  Salvarsanbehandlung  nicht 
so  zufrieden,  was  wohl  zum  Teil  daran  liegt,  dass  meist  vorgeschrittene 
Fälle  behandelt  wurden.  Auch  mit  der  Proteinkörpertherapie  wurden  Erfolge 
erzielt. 

Herr  Gold  st  ein:  Ausser  mit  Arsenpräparaten  lassen  sich  auch  mit 
Fibrolysin  zuweilen  gute  Resultate  erzielen. 

Herr  Voelsch  nimmt  ebenfalls  exogene  Ursache  für  die  Entstehung 
an.  Hinweis  auf  den  perivaskulären  Beginn  der  Erkrankung.  Wahrschein¬ 
lich  kommen  verschiedene  infektiöse  oder  toxische  Ursachen  in  Frage. 

Herr  Sandmann:  Bei  der  Beurteilung  des  Wertes  einer  Therapie  bei 
multipler  Sklerose  sollte  Besserung  der  Augensymptome  am  besten  ganz 
ausser  acht  gelassen  werden,  da  die  flüchtige  Natur  besonders  der  Augen¬ 
muskellähmungen  und  Skotome  direkt  pathognomonisch  sei. 

Herr  Lennhoff  weist  darauf  hin,  dass  die  spezifische  Wirkung  des 
Salvarsans  auf  Spirochäten  von  ihm  experimentell  erwiesen  sei. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzungvom  18.  Oktober  1921. 

Herr  Herzog:  Krankenvorstellung. 

15  jähr.  Junge  erkrankte  vor  über  1/4  Jahren  an  Encephalitis  epidemica 
und  zeigt  nun  den  Symptomenkomplex  des  Parkinsonismus,  ein  Geschehen, 
das  Vortragender  nun  schon  in  12  Fällen  beobachtet  hat.  Patient  zeigt 
blöden  Gesichtsausdruck,  offenen  Mund,  fortwährend  reichlichen  Speichelfluss 
und  gleicht  fast  einem  Mongoloiden.  Herzog  vergleicht  das  klinische 
Bild  mit  den  striären  extrapyramidalen  Lähmungen,  der  Wilson  sehen 
Krankheit  und  überlegt  die  Möglichkeit,  dass  es  sich  bei  diesen  Erscheinungen 
der  Encephalitis  lethargica,  wie  bei  der  Wilson  sehen  Krankheit  um 
toxische  Wirkungen  handeln  könnte;  es  bleibt  in  solchen  Fällen  das  patho¬ 
logisch-anatomische  Bild  hinter  den  Erwartungen  zurück;  erhebliche  Bes¬ 
serung  der  psychischen  Erscheinungen  (Apathie)  wurde  durch  Hyoszin  er¬ 
reicht.  Vortragender  betont  ferner  noch  einmal  die  Verschiedenheit  der  klini¬ 
schen  Erscheinungen  in  den  Epidemien  von  1889  und  1920/21  (vgl.  B.kl.W. 
1921  Nr.  10).  Neben  grosser  Mannigfaltigkeit  der  Zustandsbilder  der  letzt¬ 
jährigen  Epidemie  fällt  die  typische,  chronische  Erscheinungsform  des  Par¬ 
kinsonismus  auf. 

Herr  Herzog  trägt  vor  über  „Kopfschmerzen“  unter  Hervorhebung  von 
4  Quellen  falscher  Diagnosen. 

Diese  4  Quellen  stellen  sich  folgendermassen  dar; 

a)  Einstellung  mancher  Aerzte  auf  chronische  Leiden,  so  dass  sie 
an  Kopfschmerzen  als  Initialsymptom  akuter  Krankheiten  (Typhus  u.  a.)  nicht 

denken. 

b)  Neigung,  sich  vorzeitig  auf  eine  Diagnose  festzulegen,  z.  B.  auf 
Migräne,  die  in  ausgeprägter  Form  nicht  selten  Initialsymptom  einer  tuber¬ 
kulösen  Meningitis  ist;  oder  auf  sog.  Migräne-, .Aequivalente“  (ein  böses 
Kapitell);  ferner  auf  chronische  Nephritis  bei  gleichzeitiger  toxischer,  ortho- 
tischer  etc.  Albuminurie,  auf  Arteriosklerose  bei  manchen  toxischen  Cephal- 
algien  (Tabak);  auf  einfache  Gesichtsneuralgie  bei  Lues  cerebri,  progressiver 
Paralyse,  Ponserkrankungen  usw. 

c)  Neigung  mancher  Spezialisten,  einen  Kopfdruck  oder  eine  Pseudo¬ 
neuralgie  mit  leichten  Anomalien  ihres  Gebietes  (Stirnhöhlenkatarrh,  Muschel¬ 
schwellungen  und  anderen  Verengerungen  der  Nasenwege;  Akkommodations¬ 
krampf,  Insuffizienz  der  Interni,  vorzeitiger  Hyper-  und  Presbyopie,  leichten 
Refraktionsanomalien,  Dysmenorrhöe,  Zervixkatarrhen,  Hyperaciditas  hydro- 
chlor.  u.  a.)  ohne  weiteres  in  ursächliche  Verbindung  zu  bringen,  obwohl  beide 
Dinge  oft  nichts  mit  einander  zu  tun  haben  oder  koordinierte  Symptome 
eines  Allgemeinleidens  sind  oder  schliesslich  das  lokale  Uebel  nur  ein  ver¬ 
anlassendes  Moment  darstellt.  Oft  trägt  hier  auch  der  Rückschluss 
,,ex  juvantibus“  bei,  indem  manche  (dann  meist  vorübergehende)  „Heilung“  bei 
Neuropathen  und  Hysterikern  auf  die  intensive  Beschäftigung  mit  der  Persönlich¬ 
keit,  bei  anderen  (Erschöpften)  auf  die  mit  der  Ruhe-  oder  Dunkel-  oder  einem 
etwaigen  Eingriff  folgende  Liegekur  zurückgeführt  werden  kann.  Manche  un¬ 
angenehme  Korrektur  der  Diagnose  erfolgt  in  solchen  Fällen  durch  die  (be¬ 
sonders  nach  Kokaininjektionen)  in  Erregungszustände  versetzten  queru¬ 
lierenden  Psychopathen  und  reizbaren  Schwächlinge  in  deutlicher  Weise. 


Gemeingut  ist  gewiss  der  Zusammenhang  von  Gesichtsneuralgien  mit  Zahn¬ 
leiden  und  Kopfschmerzen.  Trotzdem  fallen  sicherlich  dem  Heilungsdrarg 
einerseits  noch  viel  zu  viel  gesunde  Zähne  zum  Opfer,  anderseits  ist  die 
Diagnose  der  Pulpitis  (auch  manchen  Zahnärzten)  noch  nicht  genügend  bekannt. 

d)  Die  Unkenntnis  des  Bildes  der  „Kopfgicht“  (Rheumatismus  der  Kopf¬ 
schwarte  mit  Knötchenbildung),  eines  sehr  dankbaren  Objektes  medikamentös¬ 
physikalischer  Therapie. 

Sitzung  vom  25.  Oktober  1921. 

Herr  Gg.  B.  Gruber:  Vorweisung  pathologisch-anatomischer  Befund¬ 
stücke,  unter  denen  die  Beobachtung  von  Druckgeschwüren  im  Dickdarm 
durch  Massen  liegen  gebliebenen,  verhärteten  Eubaryts  vor  einer  Stenose  des 
Darmrohres,  die  durch  metastatische  Lymphdrüsen  bedingt  war,  erwähnens¬ 
wert  ist;  der  betreffende  Patient  starb  infolge  Durchbruchs  dieser  Geschwüre 
an  Peritonitis. 

Herr  Gg.  B.  Gruber  trägt  im  Rahmen  einer  Gedächtnisrede  auf 
Rud.  Virchow  aus  Anlass  der"  100.  Wiederkehr  seines  Geburtstages 
über  unsere  heutige  Stellung  zur  Zellularpathologie  vor.  Kann  das  zellulare 
Anschauungs-  und  Forschungsprinzip  auch  nicht  in  dem  ursprünglich  streng 
lokalisierten  Sinn  des  anatomischen  Gedankens  aufrecht  erhalten  werden, 
so  ist  es  doch  auch  heute  noch  ein  guter  Leitfaden  der  biologischen 
Krankheitsforschung  und  steht  nicht  im  generellen  Widerspruch  zur  For¬ 
derung  der  physiologischen,  funktionellen  Fragestellung  der  modernen  Medizin. 
Die  Zellularpathologie  ist  heute  noch  nicht  überlebt,  kann  sie  auch  nicht  auf 
alle  Fragen  Antwort  geben,  die  ihr,  vielleicht  in  Verkennung  ihrer  Grenzen, 
gestellt  worden  sind. 


Münchener  Gesellschaft  für  Kinderheilkunue. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  9.  Juni  1921. 

Herr  Schmincke  demonstriert  Präparate  und  Bilder  von  folgenden 
Fällen: 

1.  5  Monate  altes  Kind  mit  Ikterus  und  biliärer  Zirrhose  bei  Aplasie  der 
grossen  Gallengänge. 

2.  4  Monate  altes  Kind  mit  erworbenem  hämolytischem  Ikterus:  die 
histologische  Untersuchung  der  Milz  ergab  starke  Blutfülle  der  Pulpa,  inten¬ 
sive  Eisenreaktion  der  Sinusendothelien ;  in  der  Leber  ausgedehnte  Gallen¬ 
thrombenbildung. 

3.  1)4  Jahre  altes  Kind  mit  Riesenzellenpneumonie  nach  Masern. 

4.  4  Monate  altes  Kind  mit  sporadischem  Kretinismus  bei  Hypothyreose. 
Die  Sphenookzipitalnaht  zeigte  Verschmälerung  der  Knorpelwucherungszone 
und  Verringerung  der  Knochenanbildung. 

5.  10  Jahre  altes  Mädchen  mit  schwerer  Rachitis  und  starker  Anämie, 
die  durch  fast  universelle  Vermauerung  der  Knochenmarksräume  durch  starke 
Osteoidproduktion  ihre  Erklärung  fand. 

6.  2  Monate  altes  Kind  mit  Analprolaps  und  ulzeröser  Proktitis  des  unter¬ 
sten  Rektums,  perforiertem  Duodenalgeschwür  und  multiplen  Magenge¬ 
schwüren.  Tod  an  eitriger  Peritonitis. 

7.  1  Jahr  altes  Kind  mit  angeborener  Blasenspalte. 

8.  Akzessorisches  Pankreas  in  der  Pylorusgegend  des  Magens  bei  einem 
4  Monate  alten  Kind. 

9.  Marchand  sehe  Nebennierenbildung  an  beiden  Samenleitern  bei 

einem  Neugeborenen. 

10.  9  Jahre  altes  Mädchen  mit  präsakraler  gliomatöser  Geschwulst  bei 
Spina  bifida  ant.  sacralis  und  präanaler  subkutan  gelegener  Dermoidzyste, 
Vagina  und  Uterus  duplex,  Kommunikation  des  Rektums  mit  dem  einen 
Scheidenkanal. 

11.  2  Fälle  von  angeborener  kavernöser  Lymphangiombildung  bei  einem 
3  Monate  alten  Mädchen  in  der  Schulterblatt-  und  bei  einem  2  Monate  alten 
Mädchen  in  der  Halsgegend. 

12.  Hochgradige  Vergrösserung  des  Herzens  bei  einem  Neugeborenen 
durch  diffuse  Rhabdomyombildung.  Mikroskopisch  zeigte  sich  ein  Aufbau  der 
Herzmuskelwandung  aus  embryonalem  undifferenziertem  Muskelgewebe. 

Aussprache;  Herren  Reinach,  Husler,  Gött,  Schmincke. 

Herr  K.  E.  Ranke  spricht  über  die  Entwicklungsformen  der  Tuber¬ 
kulose  und  ihre  klinische  Erkennung. 

Aussprache  vertagt. 


Würzburger  Aerzteabend. 

,  (Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  des  Aerztlichen  Bezirksverein,  s  vom  13.  De¬ 
zember  1921  im  Luitpoldkrankenhaus. 

Herr  Morawitz  demonstriert: 

1.  Endocarditis  lenta.  35  jähr.  Kriegsteilnehmer,  der  in  der  Kindheit 
Chorea,  aber  vor  seiner  Erkrankung  kein  Vitium  cordis  gehabt  hat.  Am 
Herzen  die  Erscheinungen  der  Aorten-  und  Mitralinsuffizienz,  im  Urin  wenig 
Eiweiss,  einige  Zylinder  und  Erythrozyten  als  Ausdruck  einer  embolischen 
Herdnephritis.  Aus  dem  Blute  wurden  keine  Streptokokken  gezüchtet.  Es 
wird  besonders  die  Proteinkörpertherapie  der  Endocarditis  lenta  besprochen. 
Im  vorliegenden  Falle  trat  Entfieberung  und  subjektive  Besserung  nach  intra¬ 
muskulären  Blutinjektionen  (alle  Woche  10  ccm  Blut  eines  Gesunden)  ein. 

2.  Parkinsonianismus  nach  Encephalitis  lethargica.  42  jähr.  Mann.  Im 
Sommer  1920  Enzephalitis,  dann  völlige  Erholung,  so  dass  der  Kranke  wieder 
arbeitsfähig  wird,  seit  dem  Sommer  dieses  Jahres  zunehmende  Bewegungs¬ 
armut,  Steifigkeit,  geistige  Unbeweglichkeit.  Jetzt  bietet  der  Kranke  das  Bild 
der  Paralysis  agitans  sine  agitatione.  Es  geht  daraus  hervor,  dass  der 
Parkinson  sehe  Symptomkomplex  lange  Zeit  nach  Ueberstehen  der  Enze¬ 
phalitis  zur  Entwicklung  kommen  kann. 

3.  L  i  1 1 1  e  sehe  Lähmung,  bei  einem  25  jähr.  Manne  von  Geburt  an  be¬ 
stehend.  Im  Sommer  1921  Enzephalitis.  Seitdem  choreatisch-athetotische 
Bewegungen.  Vielleicht  hat  die  von  Kindheit  an  bestehende  Veränderung  des 
Grosshirns  eine  Disposition  für  die  Enzephalitis  abgegeben. 

4.  Lungengangrän.  48  jähr.  Mann,  bei  dem  sich  Lungengangrän  im  An¬ 
schluss  an  eine  nicht  in  Lösung  übergegangene  Pneumonie  des  rechten  Ober¬ 
lappens  entwickelt  hatte.  Recht  guter  Erfolg  mit  Salvarsan. 

5.  Perniziöse  Anämie.  38  jähr.  Frau.  Im  Sommer  wurde  nach  unwirksam 
gebliebener  Arsentherapie  die  Milz  exstirpiert  (Geh.  Rat  König).  Danach 


66 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  2. 


vorübergehende  Remission.  Die  neuerdings  wieder  aufgetretene  Verschlim¬ 
merung  wird  erfolgreich  mit  intravenösen  und  intramuskulären  Blutinjektionen 
behandelt.  Ausführungen  über  die  Therapie  der  perniziösen  Anämie. 

Herr  König  stellt  die  beiden  Patienten  mit  Carcinoma  linguae  vor, 
welche  er  vor  3  Wochen  (Sitzung  vom  22.  XI.  1921)  gezeigt  hat.  rau  1 
verdächtig  durch  Wassermannreaktion  auf  Lues,  ist  inzwischen  operiert. 
Mikroskopisches  Präparat  deutliches  Karzinom.  Drüsen  vergrössert  ohne 
Karzinom. 

Fall  2:  Demonstriert  die  Vorzüge  des  vor  der  Durchsagung  des  Unter¬ 
kiefers  auf  der  linken  Seite  ausgeführten  Hautschnittes,  welcher  die  Fazialäste 
gegenüber  dem  alten  Verfahren  schont  und  die  gesamten  Drusengruppcti 
wirksamst  freilegt.  _ 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  25.  November  1921. 

Herr  H.  UM  mann:  Experimentelle  Transplantation  von  Papillomen. 

Herr  G.  Hofer:  Histologische  Untersuchungen  der  Trachea  nach 

^^Die  histologische  Untersuchung  ergibt  1.  Epithelveränderungen,  indem 
das  mehrmalige  Zylinderepithel  in  geschichtetes  Pflasterepithel  übergeht. 
2  Entzündung  mit  Exsudatbildung  und  Blutungen.  3.  Zunehmendes  Ver¬ 
schwinden  der  Drüsen.  Die  Ergebnisse  der  histologischen  Untersuchung 
klären  die  Komplikationen  nach  Tracheotomie  auf.  Zur  Beseitigung  der  Be¬ 
schwerden  hat  Haslinger  eine  Befeuchtungskanüle  konstruiert. 

Herr  H.  Haslinger:  Demonstration  eines  Befeuchtungsapparates  für 
die  Tracheotomiewunde. 

Herr  M.  Haiek:  Larynxstenosen. 

Der  demonstrierte  Pat.  wurde  (nach  einer  ersten  1  racheotomie  im 
Jahre  1913)  1920  wegen  Versteifung  der  Gelenke  ein  zweitesmal  tracheotomiert. 
Die  von  C  i  t  e  1 1  i  vorgeschlagene  partielle  Entfernung  der  Stimmbänder  wäre 
aussichtslos  gewesen.  Pat.  wollte  nach  der  Tracheotomie  seine  Kanüle 
absolut  los  werden  und  wollte  sprechen.  Pat.  hat  das  nach  Anweisung  des 
Vortr.  auch  erlernt.  Vortr.  ist  seiner  Zeit  durch  einen  anderen  Pat.,  der 
seine  Kanüle  wegwarf,  darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  dass  bei 
lockerem  Hemdkragen  und  rückwärtsgeneigtem  Haupt  das  Sprechen  nach 
Tracheotomie  ganz  gut  möglich  sei,  weil  der  aus  der  Trachea  kommende, 
de  norma  gegen  das  Ligam.  conicum  gerichtete  Luftstrom  unter  diesen  Um¬ 
ständen  gegen  die  Glottis  gelenkt  wird. 

Pat.  spricht  zwar  mit  exspiratorischer  Luftverschwendung.  2 — 3  Monate 
wird  es  noch  dauern,  bis  Pat.  dekanuliert  werden  kann,  weil  dann  die 
Trachealwunde  sich  nicht  verkleinern  wird.  Die  gleichbleibende  Grösse  der 
Kanülenöffnung  ist  aber  notwendige  Bedingung  für  das  Dekanülement. 

Herr  K.  Tschiassny:  Drainage  der  peritonsillären  Abszesse. 

Herr  K.  Haslinger  demonstriert  einen  37  jährigen  Landwirt  mit  einer 
durch  Kalkstiff Stoff  erzeugten  schweren  Dermatitis  und  teilweisen  Nekrose 


der  Haut. 

Herr  VV.  S  t  e  c  k  el:  Irrtümer,  Gefahren  und  Grenzen  der 


Psychoanalyse. 


Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 

Neuer  Standesverein  Münchener  Aerzte. 

Sitzung  vom  19.  Dezember  1921. 

Zu  Beginn  der  Sitzung  gedachte  der  Vorsitzende  Herr  Bergeat  mit 
ehrenden  Worten  der  jüngst  verstorbenen  Mitglieder,  Dr.  Wuth  und  Hofrat 
Heiss.  Die  Anwesenden  erhoben  sich  zum  Zeichen  der  Trauer  von  den 
Sitzen. 

Mit  Bezug  auf  eine  Bekanntmachung  im  Aerztlichen  Vereinsblatt  teilte 
Herr  Jordan  mit,  dass  von  den  bayerischen  F  ortbildungskursen 
Aerzte  des  befreundeten  Auslandes  wie  vor  dem  Kriege  Kenntnis  erhielten 
und  dass  solche  auch  an  den  Kursen  teilnehmen. 

Hierauf  berichtete  Herr  Bergeat  über  den  Hauptpunkt  der  Tages¬ 
ordnung  :  Revision  der  Verträge  mit  den  Krankenkassen 
bezüglich  der  Teuerungszuschläge.  Schon  auf  der  General¬ 
versammlung  des  Leipziger  Verbandes  in  Karlsruhe  konnte  S  t  r  e  f  f  e  r 
nichts  Günstiges  über  die  zentralen  Verhandlungen  mit  den  Kassen  berichten. 
Trotz  neuerlicher  Verhandlungen  und  Schiedssprüche  im  Oktober  und  wieder 
im  November  und  Dezember  wurde  eine  Einigung  nicht  erzielt,  weil  die 
Kassen  nicht  wollten.  Die  Schiedssprüche  haben  aber  auch  gezeigt,  dass  an 
der  Pauschalbezahlung  immer  noch  festgehalten  werden  soll.  Die  zentralen 
Verhandlungen  fürs  ganze  Reich  sind  nunmehr  vom  Leipziger  Verbände  preis¬ 
gegeben  worden  und  es  müssen  örtliche  Verhandlungen  stattfinden,  bei  uns 
wohl  für  ganz  Bayern. 

Befremdend  sei  es  zu  sehen,  führte  Ref.  weiter  aus,  dass  gerade  die 
Aerzte,  wie  kaum  ein  zweiter  Stand,  trotz  ihrer  Organisation  nicht  imstande 
gewesen  seien,  eine  zeitgemässe  Bezahlung  ihrer  Berufsarbeit  durchzusetzen. 
Ueberall,  wo  sie  in  Verhandlungen  stehen,  bei  den  Krankenkassen,  Berufs¬ 
genossenschaften,  Versicherungsgesellschaften,  Versicherungsanstalten,  be¬ 
gegne  man  demselben  Widerstand  eines  zähen  Unternehmergeistes.  Gerade 
die  Stellen,  welche  berufsmässig  in  sozialen  Fragen  arbeiten,  zeigen  ein 
auffallend  geringes  Empfinden  für  die  soziale  Lage  des  Aerztestandes,  auf 
dessen  Mitarbeit  sie  angewiesen  seien.  Während  sie  bezüglich  der  Ver¬ 
waltungsorgane  willig  der  Teuerung  folgen  (s.  Verwaltungskosten  der  Kassen), 
scheine  ihnen  vielfach  die  Teuerungsnot  für  die  Aerzte  nicht  vorhanden  zu 
sein.  Auf  diese  Weise  könne  es  nicht  ausbleiben,  dass  die  Aerzte  zu  Ab¬ 
wehr-  und  Druckmitteln  greifen. 

Herr  V  o  c  k  e  berichtete  über  ähnliche  Verhältnisse  bei  der  Versiche¬ 
rungsanstalt.  Seit  8  Monaten  strebe  man  das  Honorar  von  30  M.  für  das 
Gutachten  an.  Trotzdem  inzwischen  der  Geldwert  wieder  erheblich  ge¬ 
sunken  sei,  werde  dies  nicht  zugestanden  mit  der  Begründung,  es  würde 
den  Ruin  der  Anstalt  bedeuten.  Unverständlich  sei  diese  Stellungnahme, 
nachdem  doch  die  Versicherungsbeiträge  gegenüber  den  früheren  um  das 
Sechzehnfache  erhöht  worden  seien.  Sollte  der  Landesausschuss  nichts  er¬ 
reichen,  so  sei  man  auf  örtliches  Vorgehen  angewiesen. 

ln  der  D  i  s  k  u  s  s  i  o  n,  an  der  sich  die  Herren  C  r  ä  m  e  r,  N  o  b  i  1  i  n  g, 
Krausen,  Bergeat,  Vocke,  Spatz,  Hoferer  und  Grass- 
m  a  n  n  beteiligten,  wurde  besonders  betont,  dass  nur  der  verloren  sei,  der 
sich  für  verloren  gibt  und  dass  die  Aerzte  ihrer  Macht  sich  mehr  bewusst 


sein  sollten  und  dass  einen  Teil  der  Schuld  an  der  bisherigen  Erfolglosigkeit 
die  Schwerfälligkeit  der  Organisation  trage.  ■  . 

Herr  Bergeat  ging  noch  kurz  auf  die  von  den  Krankenkassen  oc- 
triebene  gesetzliche  Regelung  der  k  a  s  s  e  n  ä  r  z  1 1  ic  h  e  nV  e  r¬ 
hält  n  i  s  s  e  ein.  Der  Vorentwurf  der  Reichsregierung  (Nr.  43  der  Aerzti. 
Mitteilungen)  berücksichtige  in  der  Hauptsache  nur  die  Wünsche  der  Kassen 
und  würde  einer  Verewigung  des  unglücklichen  Berliner  Abkommens  gleich 
sein.  Von  Aerztefreundlichkeit  sei  in  dem  Entwurf  nichts  zu  finden. 

Die  Aerzte,  die  sich  dagegen  zur  Wehr  gesetzt  hätten,  seien  an  den 
Reichstag  verwiesen  worden.  Daraufhin  habe  der  Leipziger  Verband  einen 
Gesetzentwurf  (Nr.  50  der  Aerzti.  Mitt.)  herausgebracht,  der  unsere  Forde¬ 
rungen  ausspricht.  Der  Reichstag  habe  nun  zu  entscheiden;  ob  die  Parteien 
für  die  Bedürfnisse  der  Aerzte  Verständnis  zeigen  würden,  sei  fraglich,  ln 
Bayern  und  Süddeutschland  sei  vorläufig  eine  Einigung  erzielt,  mit  der  wir 
zufrieden  sein  könnten.  Diese  Verhältnisse  mussten  durch  ein  Zusammen¬ 
gehen  der  süddeutschen  Aerzte  mit  aller  Kraft  verteidigt  werden. 

Unter  Punkt  „Anregungen“  wurde  die  neuerlich  wiederholt  erfolgte 
Verleihung  des  Titels  eines  Justizrates  an  Rechtsanwälte  besprochen, 
während  die  Aerzte,  welche  doch  ihrem  Berufe  nach  mit  den  Rechtsanwälten 
auf  gleicher  Stufe  stehen,  dauernd  unberücksichtigt  bleiben.  Dieser  Zustand 
müsse  von  der  Aerzteschaft  mehr  und  mehr  als  eine  peinliche  Zurücksetzung 
ihres  Standes  empfunden  werden.  . 

Der  Vorsitzende  verwies  auf  die  diesbezüglichen  Ausführungen  in  Nr.  50 
der  Münch,  med.  Wochenschr.  und  die  Versammlung  erklärte  sich  voll¬ 
kommen  mit  denselben  einverstanden. 

Die  nun  folgenden  Wahlen  ergaben  die  Wiederwahl  der  bisherigen 
Vorstandschaft  (Bergeat,  Lukas,  K.  Goertz,  Kuchenbauei, 
Jochner,  Hoferer,  Grassmann)  und  des  Ehrengerichtes.  Für 
das  Jahr  1922  werden  nach  dem  Ergebnis  der  Auslosung  die  Herren 
V  ö  1  c  k  e  r  und  Steinhäuser  aus  der  Reihe  der  Mitglieder  regelmässig 
zu  den  Vorstandschaftssitzungen  beigezogen. 

Den  Schluss  der  Sitzung  bildete  die  Aufnahme  von  fünf  neuen  Mit¬ 
gliedern.  K.  Goertz. 


Kleine  Mitteilungen. 

Therapeutische  Notizen. 

Behandlung  der  Lepra.  Den  Public  Health  Reports  zufolge  \ 
werden  auf  dem  Lepraforschungsinstitut  zu  Kalihi  (Hawai)  und  auf  der  . 
Leprosenkolonie  zu  Kalaupapa  neuerdings  die  Aethylester  des  Chaulmoograöls  j 
(oleum  gynocardiae)  mit  recht  gutem  Erfolge  therapeutisch  angewandt.  Sie  I 
stellen  z.  Zt.  das  wertvollste  Mittel  zur  Bekämpfung  der  bisher  als  unheilbar 
geltenden  Lepra  dar  und  sind  dem  einfachen  Chaulmoograöl  durch  ihre  Ver-  . 
wendbarkeit  bei  allen  Patienten  und  die  Möglichkeit  einer  schmerz-  und 
gefahrlosen  subkutanen  Applikation  bei  guter  Resorption  überlegen.  Be¬ 
sonders  gut  ist  die  Wirkung  bei  jungen  Leuten  und  in  frischen  Fällen.  Bei  i« 
den  Kranken  der  angeführten  Stationen  pflegten  unter  der  Behandlung  die 
klinischen  Erscheinungen  zu  verschwinden  und  die  Krankheit  zum  Stillstand 
zu  kommen;  ob  jedoch  diese  Besserung  von  Bestand  ist,  kann  erst  längere 
Beobachtungszeit  lehren.  Bisher  haben  8  Proz.  der  Behandelten  Rückfälle  „• 
erlitten. 

Die  totale  Kolektomie,  ihre  Indikationen,  Technik 
und  Zufälle  bespricht  Arbuthnot  L  a  n  e  -  London  (Presse  medicale  1921, 

Nr.  62).  Neben  Karzinom  des  Kolon  und  Megakolon  bilden  schwere  Fälle 
von  Kolitis,  chronische  Darmverhaltung  (Stase)  und  gewisse  chronische 
Krankheiten,  wie  deformierender,  tuberkulöser  Rheumatismus  usw.  die  Indi¬ 
kationen  zur  totalen  Entfernung  des  Grimmdarms.  Die  Anzeige  zur  Operation  . 
bei  Darmverhaltung  ist  gegeben,  wenn  neben  den  Verdauungsstörungen  Er¬ 
scheinungen  von  Autointoxikation  vorhanden  sind  und  wenn  man  einen  der 
zahlreichen  pathologischen  Zustände,  die  als  Ausgangspunkt  die  Darmstase 
haben,  feststellt:  deformierender,  tuberkulöser  Rheumatismus,  Addison  - 
sche  Krankheit,  Exophthalmus,  Raynaud  sehe  Krankheit  usw.  Bei  all 
diesen  Krankheiten  muss  man  die  radioskopische  Untersuchung  des  Darmes 
vornehmen  und  bei  vorhandener  Stase  die  Kolektomie  ausführen.  Man  erlebt 
bedeutende  Besserung  und  Kräftigung  der  Patienten,  besonders  wenn  die 
Veränderungen  nicht  zu  alte  sind.  Die  Bedingungen  eines  Gelingens  der 
Operation  sind  folgende:  es  muss  eine  gute  Technik,  wie  sie  Verfasser  unter 
Beifügung  von  Abbildungen  genau  beschreibt,  zur  Anwendung  kommen,  nach¬ 
dem  die  Indikation  natürlich  auf  das  Gewissenhafteste  gestellt  ist  und  der 
Kranke  noch  mehrere  Monate  nach  der  Operation  überwacht  werden,  damit 
die  Darmfunktion  geregelt  wird.  Der  Arzt  muss  auch  andere  Folgezustände 
der  chronischen  Stercorämie,  wie  Driiseninsuffizienz,  Muskel-,  Nerven-  auch 
psychische  Störungen  zu  verbessern  versuchen.  Die  grosse  Mehrzahl  der 
Operierten  sind  nach  den  über  20  jähr.  Erfahrungen  L.s  wie  neugeboren:  Kopf¬ 
schmerzen  verschwinden,  ebenso  die  Blässe  der  Haut,  die  Menstruations¬ 
störungen  usw.,  die  chronischen  Krankheiten,  wie  deformierender,  tuberkulöser 
Rheumatismus,  B  r  i  g  h  t  sehe  Krankheit,  bessern  sich  bedeutend  oder  ver¬ 
schwinden  sogar,  wenn  der  Fall  am  Anfang  behandelt  wurde.  St. 

Hans  W  e  b  e  r  -  Zittau  teilt  2  Fälle  von  Luminalexant  he  m  mit, '-j 
das  mit  Angina  und  hohem  Fieber  einherging.  Das  Exanthem  liess  in  beiden 
Fällen  an  Skarlatina  denken,  wenn  nicht  manche  Punkte  dagegen  gesprochen  ; 
hätten;  von  diesen  insbesondere  das  gute  Allgemeinbefinden,  das  wenig  ver-  . 
änderte  Blutbild  mit  der  fehlenden  Leukozytose,  die  Albumenfreiheit  des 
Urins.  Das  Aussetzen  des  Luminals  brachte  sofort  Heilung:  in  einem  Falle  1 
konnte  das  Luminal  sogar  weiterhin,  ohne  neue  Störungen  hervorzurufen,  ; 
angewendet  werden.  (Ther.  Halbmonatshefte  1921,  15.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 


Bund  deutscher  Assistenzärzte. 

Rundschreiben  Nr.  9  (Bericht  über  den  diesjährigen  Vertretertag)  ist 
zusammen  mit  einem  Fragebogen,  dessen  statistisches  Ergebnis  einem 
Standardtarifvertrag  zugrunde  gelegt  werden  soll,  abgeschickt.  Es  wird  • 
dringend  gebeten,  den  ausgefüllten  Fragebogen  spätestens  innerhalb  14  Tagen, 
an  die  Geschäftsstelle  des  B.D.A.  einzuschicken. 

In  der  Facharztfrage,  deren  Regelung  jetzt  vielerorts  in  Angriff  ge¬ 
nommen  wird,  gibt  der  Bundesvorstand  den  Ortsgruppen  folgende  Richtlinien 
an  die  Hand: 


13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


67 


1.  Regelung  der  Facharztfrage  ist  wünschenswert,  allerdings  nicht  auf 
dem  Wege  des  Gesetzes  oder  der  Verordnung,  sondern  durch  Ueberwachung 
der  Zulassung  als  Facharzt  durch  die  örtlichen  Aerzteörganisationen  nach 
gemeinsam  mit  den  beteiligten  Aerategruppen  aufzustellenden  Gesichtspunkten 
(Fachärzteverband,  Aerztevereinsbund,  L.V.  und  B.D.A.).  Alle  Inter- 

;  essenten  gruppen  müssen  gehört  werden. 

2.  Für  diejenigen  Aerzte,  die  unter  den  bisherigen  Bedingungen  die 
Ausbildung  zuin  Facharzt  begonnen  haben,  besonders  für  Kriegsteilnehmer, 
müssen  Liebergangsbestimmungen  getroffen  werden. 

3.  Als  Ausbildungszeit  für  die  sog.  „kleinen  Fächer“  (Hals-Nasen-Ohren, 
Dermatologie,  Augen)  hält  der  Bundesvorstand  zwei  Jahre  für  ausreichend. 

4.  Wo  die  vom  Facharztverband  angestrebte  Ausbildungszeit  von 
4  Jahren  für  Chirurgie,  Innere  Medizin  und  Gynäkologie  in  Widerspruch 
steht  mit  einer  kürzeren  Befristung  der  Assistenzarztstellen,  ist  auf  eine 
entsprechende  Abänderung  der  Befristung  zu  dringen.  Unter  allen  Um¬ 
ständen  muss  gefordert  werden,  dass  die  Ausbildung  zum  Facharzt  in  einer 
Stelle  erworben  werden  kann. 

5.  Auf  die  Ausbildung  bei  geeigneten  Fachärzten,  auch  wenn  sie  keine 
Krankenhausabteilungen  etc.  leiten,  kann  bei  dem  heutigen  Stellenmangel 
nicht  verzichtet  werden. 

6.  Ausbildung  in  Volontärarztstellen  ist  anzunehmen,  wenn  in  ihnen  ge- 
h  nügend  Gelegenheit  gegeben  war,  sich  in  dem  betreffenden  Spezialfach  aus- 
|.  zubilden. 

7.  Als  Nachweis  der  Ausbildung  sind  Zeugnisse  über  Art  und  Dauer 
i  der  Tätigkeit  als  genügend  zu  betrachten.  Werturteile  der  ausbildenden 

Aerzte  dürfen  nicht  verlangt  werden. 


Die  Veröffentlichungen  des  Bundesvorstandes  werden  von  jetzt  ab 
ausser  in  den  „Aerztlichen  Mitteilungen“  auch  in  den  medizinischen  Wochen¬ 
schriften  (M.m.W.,  B.kl.W.,  D.m.W.,  Med.  Kl.)  erscheinen,  nachdem  sich  die 
Schriftleiter  dieser  Wochenschriften  zur  Aufnahme  bereit  erklärt  haben. 


Zusendungen,  Zuschriften  oder  Anfragen  an  die  Geschäftsstelle  des 
B.D.A.,  worauf  Antwort  oder  deren  Rücksendung  erwartet  oder  gewünscht 
wird,  ist  mit  Rücksicht  auf  die  hohen  Postgebühren  künftighin  Rückporto 
von  2  M.  beizulegen. 

Alle  Zuschriften  etc.  sind  zu  richten  an  die  Geschäftsstelle  des  Bundes 
Deutscher  Assistenzärzte,  Leipzig,  Dufourstr.  18/2. 

Der  Vorstand: 

1.  A.:  Dr.  Kortzeborn,  1.  Vorsitzender. 


Studenten  belange. 

Der  Kampf  des  Deutschtums  in  Südslawiien. 

Die  Bergakademie  in  Leoben  hat  die  südslawischen  Studenten  von  dem 
Studium  an  ihrer  Hochschule  ausgeschlossen  als  Antwort  auf  das  Verhalten 
der  südslawischen  Behörden  gegenüber  den  deutschen  Hochschulern  des 
Banats,  denen  sie  durch  Passverweigerung  das  Studium  an  österreichischen 
und  deutschen  Hochschulen  unmöglich  machen,  ln  der  südslawischen  Presse 
herrscht  grosse  Entrüstung  über  dieses  Vorgehen  der  Bergakademie  in 
Leoben;  man  macht  dafür  aber  nicht  die  eigenen  Behörden  verantwortlich, 
sondern  den  schwäbisch-deutschen  Kulturbund  in  Neusatz  (südslawischer 
Banat). 

Das  Neusatzer  „Deutsche  Volksblatt“  gibt  auf  diese  Anschuldigung  u.  a. 
folgende  Entgegnung:  „Man  müsste  mit  Blindheit  geschlagen  oder  gänzlich  in 
nationaler  Voreingenommenheit  befangen  sein,  um  darin,  etwas  anderes  zu 
erblicken  als  die  Reaktion  jugendlichen  Ueberschwanges  gegen  die  noch 
immer  vorkommende  Behinderung  schwäbischer  Heimatgenossen  am  Besuche 
deutscher  Hochschulen,  indem  ihnen  die  Reisepässe  unter  den  nichtigsten 
Vorwänden  vorenthalten  werden.  Wie  weit  man  in  dieser  Hinsicht  geht, 
beweist  die  Tatsache,  dass  heute  noch  ein  evangelischer  Theologe  vergebens 
auf  seinen  Reisepass  wartet,  obwohl  es  in  unserem  Staate  eine  evangelisch¬ 
theologische  Fakultät,  an  der  er  seinen  Studien  obliegen  könnte,  gar  nicht 
gibt.  Und  die  Mediziner,  die  knapp  vor  einem  Rigorosum  stehen  und 
durch  das  Uebelwollen  der  Passbehörden  zur  Untätigkeit  verurteilt  sind, 
während  ihre  slawischen  Kommilitonen  unangefochten  arbeiten  und  ihre 
Prüfungen  ablegen  können!  Wir  kennen  einen  serbischen  Mitbürger,  der, 
selbst  Arzt,  genau  weiss,  warum  er  seinen  Sohn  nach  Heidelberg  schickt, 
und  wir  freuen  uns  dieser  Anerkennung  der  deutschen  Wissenschaft  und 
deutschen  Arbeit,  ja  wir  wünschen  nichts  sehnlicher,  als  dass  recht  viele 
serbische,  kroatische  und  slowenische  Akademiker  nach  deutschen  Musen¬ 
sitzen  pilgern,  um  aus  eigener  Anschauung  deutsche  wissenschaftliche  Arbeit, 
aber  auch  deutsche  Kultur  im  Gegensatz  zu  westlicher  Zivilisation  kennen  zu 
lernen.  Aber  wir  werden  nie  und  nimmer  zugeben  können,  dass  es  unseren 
eigenen  Söhnen  nicht  gestattet  sein  soll,  ihre  wissenschaftliche  Ausbildung 
dort  zu  holen,  wo  unsere  slowenischen  Staatsgenossen  gastliche  Aufnahme 
finden.“  (Aus  „Hochschulbeilage  der  Deutschen  Zeitung“.) 

Den  Standpunkt  der  Neusatzer  Zeitung  können  wir  nur  voll  und  ganz 
teilen  und  dabei  hoffen,  dass  das  energische  Eintreten  unserer  südslawischen 
Kommilitonen  bei  ihren  heimatlichen  Behörden  zur  Beseitigung  dieser  unhalt¬ 
baren  Zustände  führt.  Sollte  dies  nicht  zum  Ziele  führen,  wird  die  deutsche 
Studentenschaft  die  weiteren  Schritte  unternehmen  müssen.  v.  V. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

Münche  n,  den  11.  Januar  1922. 

—  In  London  tagte  Mitte  Dezember  eine  vom  Gesundheits¬ 
rat  des  Völkerbundes  berufene  Versammlung  von  Sachver¬ 
ständigen  aus  dem  Gebiete  der  Serologie;  auch  nicht 
dem  Völkerbund  angehörige  Länder  waren  vertreten  (Deutschland 
durch  Kolle  und  H.  Sachs).  Der  Zweck  der  Tagung  war  die 
Vereinheitlichung  der  in  den  einzelnen  Ländern  verschiedentlich  darge¬ 
stellten  und  verschiedentlich  wirksamen  Sera.  Vier  Ausschüsse  wurden  ge¬ 
bildet.  Der  erste  unter  dem  Vorsitz  von  L.  Martin  beschäftigte  sich  mit 
dem  Antidiphtherie-  und  dem  Antitetanusserum.  Für  Diphtherie  kommen 
eigentlich  nur  2  Sera  in  Betracht,  das  des  Frankfurter  Instituts  für  experi¬ 
mentelle  Medizin  und  das  des  Sanitätsamtes  in  Washington;  beide  weichen 


nicht  wesentlich  voneinander  ab,  es  sollen  nur  Experimente  zum  genauen 
Vergleich  der  beiden  Sera  gemacht  werden,  ihre  Ergebnisse  werden  weiter¬ 
gegeben  an  das  staatliche  Seruminstitut  in  Kopenhagen  und  dort  kontrolliert. 
Tetanusserum  wird  von  4  verschiedenen  Ausgangspunkten  und  in  4  ver¬ 
schiedenen  Titren  hergestellt,  ihr  gegenseitiges  Verhältnis  soll  genau  studiert 
werden,  die  einzelnen  Forschungsplätze  sollen  ihre  Sera  austauschen  und 
gegenseitig  untersuchen,  und  so  versuchen  zu  einer  Vereinheitlichung  zu 
kommen.  Auch  hier  wirkt  das  Kopenhagener  Institut  als  Zentralstation. 

Ein  zweiter  Ausschuss  unter  Dr.  Dopters  Vorsitz  erörterte  die  Fragen 
des  Serum  bei  der  Meningokokken-  und  Pneumokokkeninfektion,  auch  hier 
sollen  die  einzelnen  Präparate  ausgetauscht  und  untersucht  werden;  die  Frage¬ 
stellungen  beziehen  sich  vorwiegend  auf  den  besten  Weg  der  Einführung 
(subkutan  oder  peritoneal),  auf  die  Titrierung  des  Serums,  auf  die  prophy¬ 
laktische  oder  spätere  Anwendung  und  auf  die  Monovalenz  und  Polyvalenz 
der  Seren. 

Prof.  Kolle  führte  den  Vorsitz  in  einem  dritten  Ausschuss,  der  sich 
mit  dem  Dysenterieserum  beschäftigte;  auch  hier  wird  ein  Austausch  der 
nach  verschiedenen  Prinzipien  hergestellten  und  bemessenen  Sera  stattfinden, 
Pferde  sollen  in  den  Experimenten  nur  mit  dem  Bacillus  dysenteriae  Shiga 
geimpft  werden,  während  die  Sera  von  mit  anderen  atoxischen  Stämmen  ge¬ 
impften  Tieren  vorläufig  unberücksichtigt  bleiben  sollen. 

Ein  vierter  Ausschuss  unter  Prof.  B  u  1 1  o  c  h  s  Leitung  beschäftigte  sich 
mit  der  Serodiagnose  der  Syphilis  und  kam  zu  folgenden  Vorschlägen:  in  einer 
Anzahl  von  Instituten  soll  die  Wassermannreaktion  mit  den  Methoden  von 
Sachs-Georg  i,  Meinicke  und  Dreyer-Ward  verglichen  werden 
und  zwar  so,  dass  in  jedem  Institut  1000  Fälle  von  zweifelloser  Lues  und 
1000  Fälle  von  möglichst  sicher  ausgeschlossener  Lues  geprüft  werden  sollen; 
bei  diesen  Prüfungen  soll  das  Serum  von  Kranken  mit  Syphilis  des  Zentral¬ 
nervensystems  und  der  Augen  besonders  berücksichtigt  werden,  die  einzelnen 
Forscher  sollen  sich  gegenseitig  in  ihren  Instituten  besuchen  und  die  Arbeit 
sollte  in  enger  Beziehung  mit  den  Kliniken  durchgeführt  werden.  Gewisse 
Kontrollmassregeln  werden  empfohlen  und  besonderer  Wert  wird  gelegt  auf 
folgende  Punkte:  Verlässlichkeit  des  Verfahrens,  Einfachheit  der  Technik, 
Zeitdauer  und  Kosten  der  Bestimmungen,  Leichtigkeit  und  Genauigkeit  der 
Beobachtung,  Prozentsatz  der  zweifelhaften  Fälle  und  schliesslich  Erreich¬ 
barkeit  quantitativer  Ergebnisse;  auch  hier  sollen  die  Einzelergebnisse  dem 
Kopenhagener  Institut  unterbreitet  werden. 

Somit  ist  zum  erstenmal  wieder  ein  internationaler  Arbeitsplan  für  ein 
grosses  wissenschaftliches  Werk  festgelegt  worden.  Der  gewandte  Leiter  des 
englischen  Gesundheitsamtes,  Sir  Alfred  Mond  (selbst  deutscher  Abkunft) 
drückte  bei  dem  Festmahl  noch  seine  Genugtuung  aus,  auch  Vertreter  der 
nicht  dem  Völkerbund  ungehörigen  Völker  auf  dem  Kongress  anwesend  zu 
sehen  (es  geht  eben  doch  nicht  ohne  die  deutsche  Mitarbeit).  In  6  Monaten 
soll  der  Kongress  sich  wieder  im  Pasteurinstitut  in  Paris  versammeln,  während 
die  Ausschüsse  in  der  Zwischenzeit  Weiterarbeiten. 

—  Der  preussische  Landesgesundheitsrat  hat  seine  Beratungen  über  den 
Entwurf  eines  preussischen  T  uberkulosegesetzes  abgeschlossen. 
Das  Wohlfahrtsministerium  wird  nunmehr  den  Gesetzentwurf  fertigstellen  und 
ihn  möglichst  bald  dem  Staatsministerium  zur  Beschlussfassung  vorlegen. 

—  Seit  dem  4.  Januar  befindet  sich  der  Aerzteverein  Rostock  mit  der 
grössten  Krankenkasse,  der  Allgem.  Ortskrankenkasse,  im  „Vertrags- 
losen  Zustan  d“,  weil  diese  Kasse  mit  über  18  000  Mitgliedern  sich 
weigert,  den  Aerzten  das  Honorar  zu  zahlen,  das  ihnen  für  die  letzten 

2  Quartale  durch  Entscheidung  des  Schiedsgerichts  beim  Oberversicherungs¬ 
amt  zusteht;  die  Kasse  hat  Berufung  an  das  —  nicht  bestehende  - — 

Reichsschiedsamt  eingelegt.  Die  Aerzteschaft  wird  von  den  Direktoren  und 
Assistenten  der  Üniversitätspolikliniken  wirksam  unterstützt. 

—  Der  Rostocker  Aerzteverein,  dessen  Taxsätze  wir  in  Nr.  49,  S.  1608 
d.  Wschr.  mitteilten,  hat  neuerdings  folgende  Honorarsätze  für  seine  Mit¬ 
glieder  als  Mindestsätze  verbindlich  gemacht:  Praktische  Aerzte:  Sprech¬ 
stunde:  I.  Kl.  15  M.,  11.  Kl.  20  M„  III.  Kl.  30  M.;  Besuch:  I.  Kl.  20  M.. 

II.  KI.  30  M.,  III.  Kl.  60  M.  Fachärzte:  Sprechstunde:  I.  Kl.  30  M.,  II.  Kl., 

40  M„  III.  Kl.  60  M.;  Besuch:  I.  Kl.  40  M„  II.  Kl.  60  M..  III.  Kl.  80  M. 
Professoren:  Sprechstunde:  I.  Kl.  40  M„  II.  KI.  60  M.,  III.  Kl.  80  M.;  Besuch: 
I.  Kl.  60  M.,  II.  Kl.  80  M.,  III.  Kl.  100  M.  Bei  gemeinsamen  Beratungen 
(Konsultationen)  wird  für  jeden  Beteiligten  die  Beratungs-  und  Hausbesuchs- 
gebühr  addiert. 

—  Ueber  Wiener  Arztpreise  berichtet  die  Voss.  Ztg. :  Nach 
einer  Vereinbarung  ihrer  Berufsorganisation  legen  die  Wiener  Aerzte  jetzt 
den  Patienten  gedruckte  Formulare  zur  Unterschrift  vor,  auf  denen  die  im 
Augenblick  geltenden  Preise  vermerkt  sind  und  bestätigt  wird,  dass  der  Arzt 
mit  dem  Patienten  kein  Sonderabkommen  getroffen  hat.  Das  Honorar  für  den 
Besuch  der  Sprechstunde  bei  einem  einfachen  Privatarzt  ist  auf  1000  Kronen, 
beim  Besuche  des  Arztes  in  der  Wohnung  des  Patienten  auf  2000  Kronen,  für 
die  Teilnahme  an  einem  Konsilium  auf  3000  Kronen  festgesetzt.  Fachärzte 
und  insbesondere  Chirurgen  berechnen  ein  um  durchschnittlich  100  v.  H. 
erhöhtes  Honorar.  Eine  Operation  wird  unter  dem  tarifmässigen  Preis  von 
100  000  Kronen  nicht  durchgeführt.  Infolgedessen  ist  die  Inanspruchnahme 
der  Privatärzte  ganz  ausserordentlich  zurückgegangen,  während  in  den 
Ambulatorien  der  Spitäler  der  Andrang  der  Patienten  sich  verdoppelt  hat. 
Unter  den  Armen,  die  in  den  Spitälern  behandelt  werden  und  den  Nachweis 
ihrer  Mittellosigkeit  erbringen,  befinden  sich  vor  allem  die  Pensionierten  und 
Beamten,  soweit  sie  nicht  Krankenkassen  angehören. 

Aus  der  Marcel  Benoist-Stiftung  wird,  wie  im  vorigen 
Jahre,  ein  Preis  von  20  000  Franken  ausgesetzt  für  die  nützlichste  wissen¬ 
schaftliche  Erfindung,  Entdeckung  oder  Studie,  vornehmlich  einer  solchen, 
die  für  das  menschliche  Leben  von  Bedeutung  ist,  die  ein  schweizerischer 
oder  seit  mindestens  5  Jahren  in  der  Schweiz  ansässiger  Gelehrter  während 
des  Jahres  1921  gemacht  hat.  Anmeldungsfrist  bis  31.  März  1922  beim 
Sekretariat  der  Stiftung  im  eidgenössischen  Departement  des  Innern  in  Bern. 

—  Auf  der  a.  o.  Tagung  des  Preussischen  Hebammen-Verbandes  in 
Köln  am  16.  Dezember  1921  wurde  einstimmig  folgender  Beschluss  gefasst: 
„Die  10.  Hauptversammlung  erblickt  in  der  Werbearbeit  der  Firma  Vollrath 
Wasmuth  in  Hamburg  für  das  Präparat  R  a  d  -  J  o  ein  marktschreierisches 
Vorgehen  für  ein  Geheimmittel,  das  erfahrungsgemäss  in  keiner  Weise  den 
in  den  Drucksachen  angepriesenen  Wirkungen  hinsichtlich  der  Erleichterung 
der  Geburt  entspricht.  Die  preussische  Hebammenschaft  lehnt  deshalb  jeg¬ 
liche  Verwendung  des  Rad-Jo  ab.“  (Pharm.  Ztg.) 

—  Mit  Beginn  des  neuen  Jahres  trat  San. -Rat  Dr.  P  1  e  1 1  n  e  r  -  Dresden 
von  seiner  Stellung  als  leitender  Arzt  der  chirurgisch-orthopädischen  Ab¬ 
teilung  der  Kinderheilanstalt  nach  20  jähriger  ehrenamtlich  versehener,  erfolg- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2. 


68 


reicher  Tätigkeit  zurück.  Et  wurde  in  Anerkennung  seiner  Verdienste  zum 
konsultierenden  Chirurgen  der  Anstalt  ernannt  Als  sein  ^WeN  mefs 
vom  Verwaltungsrat  der  Anstalt  der  Dresdner  Chirurg  Dr.  Hans  W  e  m  m  e  r  s 

gewählt.  (^eh  MedRat  pro5  Dr  Friedrich  Rinne  in  Berlin  {eie[*e  am 
2.  Januar  seinen  70.  Geburtstag.  Er  war  bis  zum  vorigen  Jahre  Leiter  der 
chirurgischen  Abteilung  des  Berliner  Elisabeth-Krankenh luses. 

—  Vom  6.— 18.  Februar  findet  in  M  a  g  d  e  b  u  r  g  ein  L«“r*a* 
aus  dem  Gebiete  der  Inneren  Medizin  statt.  Die  beiden 
medizinischen  Abteilungen,  sowohl  des  Altstädtischen  wie -Je s  Sudentanier 
Krankenhauses,  werden  für  diese  Zeit  ganz  in  de“  Dienst  beYund 
Fortbildung  gestellt.  Die  beiden  Direktoren,  Prof.  Schreiber  unu 
Prof  Ütten  halten  von  9 — 11  Uhr  vorm,  abwechselnd  medizinische  Klinik, 
woran  sich  dann  2  Stunden  Labora'toriumsarbeit  anschliessen.  Nachmittags 
finden  praktische  Kurse  und  theoretische  Vorträge  der  Kranken!« »«Oberärzte 
und  Assistenten  statt.  (Anmeldungen  an  Prof.  S  c  h  r  e  \  t l  e sr  -  Sudenbu  g.) 
In  ähnlicher  Weise  findet  vom  20.  Februar  bis  4.  März  em  Lehrgang 
der  Chirurgie  statt,  der  von  den  Professoren  H  a  b  s  und  W  e  n  ü  e  l 
gemeinsam  mit  den  Oberärzten  und  Assistenten  der  chirurgischen  Abteilungen 
abeehalTen  w  d  Anmeldungen  an  Prof.  Habs,  Altstädtisches  Krankenhaus, 
abgetanen  °  T  der  „freien  Vereinigung  für  Mikrobiologie 

soll  in  der  Woche  nach  Pfingsten  1922  in  Würzburg  (Hygienisches  Institut) 
stattfinden  Als  Referate  sind  in  Aussicht  genommen:  1.  Desinfektion  einschl. 
SwM«  '!■  Theorie  und  Praxis 

Anmeldungen  von  Vorträgen  werden  bis  zum  15.  Mai  1922  an  den  bchritt 
tuhrei_erbeten.n^hste  p  Q  r  t  b  j  i  d  u  n  g  s  k  u  r  s  für  A  e  r  z  t  e  an  d  er 
Staatlichen  Frauenklinik  zu  Dresden  findet  vom  3. 

.9.  ^P_riljn19“en Nürnberger  Fortbildungsvorträgen  (Nr.  50, 
S.  1641)  wird  am  21.  Januar  statt  Prof.  v.  N  o  o  r  d  e  n  O.-R.-M.-R.  Mayer 

sprechen. D_e  yersammlung  der  Vereinig  u in  g  n  i  e  de  r  r  heim  sch- 
westfälischer  Kinderärzte  (vergl.  d.  Wschr.  Nr.  1  S.  36)  findet 

am  29.  Januar  (statt  22  Januar)  statt. 

—  Am  15.  Januar  beginnt  in  Saragossa  ein  Kongress  für  Unfall¬ 
heilkunde.  T  „  '  , 

—  Pest  Italien.  In  Catania  wurden  vom  17.— 19.  Oktober  v.  J.  3  tödlich 
verlaufene  Pestfälle  bei  Arbeitern  einer  Getreidemühle  fes' gestellt;  in  Venedig 
erkrankte  am  27.  Oktober  1  Arbeiter  einer  Muhle.  A.uf  der  Insel  Rhodus 
wurden  am  13.  Oktober  3  Pesterkrankungen,  davon  1  mit  tödlichem  Ausgang, 
angezeigt.  —  Peru.  Vom  1.— 30.  September  45  Erkrankungen  (und  22  Todes¬ 
fälle).  —  Britisch  Ostafrika.  Vom  1. — 31.  Juli  v.  J.  41  Erkrankungen 

und  30  Todesfälle  in  Uganda.  ,,,  .  .„ 0A  no 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  18.  24.  De¬ 
zember  wurden  30  Erkrankungen  gemeldet,  davon  im  Flüchtlingslager  Heils- 
berg  (Reg.-Bez.  Königsberg)  11,  in  Hamburg  1  und  in  Frankfurt  a.  O  18 
(davon  17  bei  Wolgadeutschen  und  1  bei  einer  Krankenschwester).  Nach¬ 
träglich  wurden  für  die  Zeit  vom  4. — 10.  Dezember  noch  13  Erkrankungen 
bei  Heimkehrern  und  Kriegsgefangenen  mitgeteilt.  In  Frankfurt  a  O  wurden 
bei  einem  am  6.  Dezember  eingetroffenen  Transport  von  386  Wolgadeutschen 
bis  zum  17.  Dezember  insgesamt  241  Erkrankungen  und  16  Todesfälle  an 

Fleckfieber  festgestellt.  ,.tpn 

—  In  der  50.  Jahreswoche,  vom  11.  bis  17.  Dezember  1921,  hatten 

von  deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit 
Augsburg  mit  34,7,  die  geringste  Neukölln  mit  6,6  Todesfällen  pro  Jahr 

und  1000  Einwohner.  ,  V°  Wi-jt  vY+Y 

—  In  der  51.  Jahreswoche,  vom  18.  bis  24.  Dezember  1921,  hatten 

deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  „grösste  Sterblichkeit 


von 


Stuttgart  mit  32,1,  die  geringste  Neukölln  mit  9,3 
und  1000  Einwohner. 


Todesfällen  pro  Jahr 
Vöff.  R.-G.-A. 


Hochschulnachrichten. 

Berlin.  Prof.  Dr.  Franz  K  e  i  b  e  1  in  Königsberg  hat  den  Ruf  aut 
den  Lehrstuhl  der  allgemeinen  Anatomie  und  Entwicklungslehre  an  der 
Universität  Berlin  als  Nachfolger  Oskar  Hertwigs  angenommen,  (hk  ) 
—  Folgenden  Privatdozenten  wurde  die  Dienstbezeichnung  „ausserordent¬ 
licher  Professor“  verliehen:  Dr.  Ludwig  F.  Meyer  (Kinderheilkunde), 
Dr  Richard  Weissenberg  (Anatomie),  Dr.  med.  et  phil.  Franz  Hu  b- 
otter  (Chirurgie,  Geschichte  der  Medizin),  Dr.  Alfred  Güttich  (Ohren-, 
Nasen-  und  Halsheilkunde),  Dr.  Maximilian  W  e  i  n  g  a  e  rt  n  e  r  (Nasen-  und 
Kehlkopfheilkunde),  Dr.  Paul  Jungmann  (Innere  Medizin),  Dr  Friedrich 
Munk  (Innere  Medizin),  Dr.  Hermann  Z  o  n  d  e  k  (Innere  Medizin),  Dr.  Arnt 
Kohlrausch  (Physiologie),  Dr.  Georg  Joachimoglu  (Arzneimittel¬ 
lehre).  Dr.  Johannes  Guggenheimer  (Innere  Medizin),  Dr  Bernhard 
Martin  (Chirurgie),  Dr.  Hans  Se  eiert  (Psychiatrie  und  Neurologie, 
Dr.  Eugen  Kisch  (Chirurgie),  Dr.  Friedrich  Brüning  (Chirurgie), 
Dr  Franz  B  1  u  m  e  n  t  h  a  1  (Dermatologie),  Dr.  Otto  K  u  f  f  1  e  r  (Soziale 
Medizin),  Dr.  Alexander  v.  Lichtenberg  (Chirurgie),  Dr.  Edgar  Atzler 
(Physiologie),  Dr.  Franz  S  c  h  ü  c  k,  Dr.  Georg  W  alter  höfer  (Innere 

Medizin),  (hk.)  „  B  .. 

Frankfurt.  Dem  Privatdozenten  für  innere  Medizin,  Dr.^  cmil 
R  e  i  s  s  wurde  die  Dienstbezeichnung  „ausserordentlicher  Professor1  ver¬ 
liehen.  (hk.)  .  ,  ,  .  ....  .  , 

Giessen.  Die  Universität  weist  im  laufenden  Wintersemester 
1910  immatrikulierte  Studierende,  davon  105  Studentinnen,  auf.  Die  medi¬ 
zinische  Fakultät  zählt  318  Studierende.  Mit  den  285  Hörern,  Hörerinnen  und 
Hospitantinnen  beträgt  der  Gesamtbesuch  2195.  (hk.) 

Halle.  Im  laufenden  Winterhalbjahr  zählt  die  Universität  3221  immatri¬ 
kulierte  Studierende,  in  der  medizinischen  Fakultät  571,  davon  55  Studierende 
der  Zahnheilkunde,  (hk.)  —  Prof.  Straub  hat  den  Ruf  nach  Greifswald 
als  Nachfolger  von  Prof.  M  o  r  a  w  i  t  z  angenommen. 

Köln.  Der  Privatdozent  für  Anatomie  Dr.  med.  Otto  O  e  r  t  e  1  in 
Köln  wurde  zum  Abteilungsvorsteher  der  Abt.  für  topographische  Anatomie 
am  pathologischen  Institut  der  dortigen  Universität  ernannt,  (hk.) 

Marburg  Die  Zahl  der  Studierenden  betrug  im  Wintersemester 
1921/1922  2250  (im  S.-S.  1921  2488).  davon  1971  Männer,  279  Frauen  (im 
S.-S.  2175  und  313).  Die  medizinische  Fakultät  zählte  591  Männer  und 
51  Frauen  (692  und  62). 

W  U  r  z  b  u  r  g.  Den  Privatdozenten  in  der  medizinischen  Fakultät, 
Dr.  Ernst  L  e  u  p  o  1  d  (Allg.  Pathologie  und  pathol.  Anatomie),  Dr.  Wilhelm 


Nonnenbruch  (Innere  Medizin),  Dr.  Walter  V  o  g  t  (Anatomie)  i und 
Dr.  Georg  Ganter  (Innere  Medizin),  bisher  in  Greifswald,  ist  der  Titel 
und  Rang  eines  ausserordentlichen  Professors  verliehen  worden. 

Zu°  denf  ^bereits  erwähnten  (d.  Wschr.  1921,  Nr  52  S  1688)  Tode 
des  Hygienikers  Dr.  Gärtner  schreibt  uns  die  im  Seuchen-  und  Hunge 
gebiet  "Kasan  (Russland)  tätige  sanitäre  Hilfsexpedition  des  Deutschen  R 

KreUTiSeferschüttert  melden  wir  den  Verlust  unseres  Mitarbeiters ..  des .Privat¬ 
dozenten  der  Hygiene  an  der  Universität  Kiel,  Dr  pWr°pilH  schwere  Fleck- 
in  treuester  Pflichterfüllung  zog  sich  Gärtner  eine  schwere  riech 
typhuserkrankung  zu,  der  er  trotz  aufopferndster  Pflege  nach  hinzugetretener 
Nephritis  und  Pneumonie  am  13.  Tage  der  Erkrankung  >m  San.tatszuge  der 
Deutschen  Hilfsexpedition  am  10.  Dezember  1921  erlag 

Wolfgang  Gärtner  war  geboren  am  26.  Juni  1890  zu  Jena 
Sohne  des  bekannten  Hygienikers  August  G  ä  r  tn  e  r 

In  edler  Begeisterung  für  seinen  Spezialberuf  meldete  er  sich  im 
August  1921  sofort  zur  Hilfsexpedition  für  Russland  und  teilte  seit  4  Monaten 

mit  seinen  Karnernden  Freud  und  Leid.  .  .  ,  ,, 

Wolf  Gärtner  fiel  in  unerschrockener  Ausübung  seines  gefahrvollen 

BelUSein  Name  wird  unter  den  Heroen  der  deutschen  Aerzteschaft  unver¬ 
gesslich  bleiben.  r.  u  1  ^  s- 

In  Berlin  starb  der  frühere  Direktor  der  Städtischen  Irrenanstalt  in 
Dalldorf,  Geh.  Med.-Rat  Dr.  Wilhelm  Sander  im  84.  Lebensiah  tr  tand 
45  Jahre  im  Dienste  der  Berliner  städtischen  Irrenpflege,  um  deren  Organi¬ 
sation  er  sich  grosse  Verdienste  erworben  hat. 

(Berichtigung.)  In  der  Arbeit  des  Prof.  M  “  1  ’  6 
Einfluss  der  schwedischen  Spannbeuge  auf  die  Wirbelsäule  in  d  wschr.  19-1 
Nr.  47  sind  Abb.  2  und  4  vertauscht  worden.  Die  Unterschriften  unter  den 
Abbildungen  stehen  am  richtigen  Platze. 


Nr.  5187  a  1. 


Amtlicher  Erlass. 

(Bayern.) 

Staatsministerium  des  Innern. 


1. 


von 


Weihnachtsgabe  für  arme  Arztwitwen  in  Bayern. 


9.  Gabenverzeichnis,  zugleich  Quittung. 


Verordnung  über  die  Gebühren  für  ärztliche  Dienst¬ 
leistungen  bei  Behörden. 

Im  Hinblick  auf  die  fortdauernde  Teuerung  werden  zu  den  Gebühren  für  j 
ärztliche  Dienstleistungen  bei  Behörden,  Verordnung  vom 

17.  November  1902  GVB1  S.  715\und  deren  Aniage, 

4.  August  1910,  GVB1.  S.  415  J 

geändert  durch  die  Verordnung  vom  14.  August  1920,  GVB1.  S.  407,  folgende 
Teuerungszuschläge  gewährt. 

Die  Sätze  der  Verordnung  vom  17.  November  1902  GVB1.  S.  715. 
werden  in  §  3  Abs.  2  und  3  auf  das  Fünffache,  in  ö  11  Abs  2  aut 
das  Vierfache  erhöht.  Die  Vergütung  des  Vertreters  eines  Amtsarztes 
oder  des  Verwesers  einer  Amtsarztstelle  bemisst  sich  nach  §  9  Abs.  2 
der  Bek.  vom  23.  Januar  1912  über  den  bezirksärztlichen  Dienst 
MAB1.  S.  153,  und  §  8  Abs.  3  der  Bek.  vom  22.  Marz  1915  über 
den  landgerichtsärztlichen  Dienst,  MAB1.  S.  45,  IMAB1.  S.  19,  nach 
Massgabe  der  im  Hinblick  auf  die  Teuerung  bestimmten  Erhöhungen. 
Die  entgegenstehenden  Vorschriften  des  §  10  der  Verordnung  vom 
17.  November  1902  sind  aufgehoben. 

Die  Vergütungen  nach  der  Gebührenordnung  (Beilage  zur  Verordnung 
vom  17.  November  1902)  sind  bei  Ziff.  1,  4,  10  und  14  unter  Zu¬ 

grundelegung  des  Sechsfachen,  bei  Ziff.  2,  3,  5,  6,  7,  8,  9,  12  und  13 
unter  Zugrundelegung  des  Vierfachen,  bei  Ziff.  11  unter  Zugrundelegung 
des  Zweifachen  zu  berechnen. 

Diese  Verordnung  tritt  am  15.  Januar  1922  in  Kraft;  die  Verordnung 
14.  August  1920,  GVB1.  S.  407,  tritt  am  15.  Januar  1922  ausser  Geltung. 

München,  7.  Januar  1922. 

gez.  Dr.  S  c  h  w  e  y  e  r. 


Uebertrag:  59  717.75  M.  und  1  Dollar. 

B  e  v  e  r  -  Kempten  25  M.  —  Robert  Bing-  Nürnberg  50  M. 
Hering-  Bayreuth  30  M.  —  O.St.A.  Meier-  München  20  M.  — 
Schreiner  -  Simbach  30  M.  —  Frau  Hofrat  Eisenreich  -  München 
20  M.  —  H  e  i  d  -  Tapfheim  30  M.  —  Ludw.  Maier-  Oberstaufen  20  M.  — 
Öbermed.-Rat  M  a  r  z  e  1 1  -  München  10  M.  —  P  r  i  m  b  s-  Waldmünchen 
40M  —  Resch  -  Bad  Tölz  200  M.  —  Risshausen  -  Reisbach  a.  Vits 
50  M  _  Schiff  ne  r  -  Nürnberg  30  M.  —  S  c  h  i  f  f  n  e  r  -  Nürnberg  (ab¬ 
gelehntes  Honorar)  20  M.  —  Schnabelmaier  -  Dorfen  30  M. —  Kassen- 
ärztl  Abteilung  des  Bez.-Ver.  Starnberg  50  M.  —  V  e  i  t  h,  Kreisfürsorgearzt, 
Kinderheim  Wöllershof  25  M.  —  D  i  e  1 1  e  n  -  Neuendettelsau  (abgelehntes 
Honorar  des  Herrn  Dr.  Jobst  Krauss-  Nürnberg)  50  M.  —  Eckhard- 
Inzell  50  M.  —  San.-Rat  Strecker-  Bad  Brückenau  100  M.  —  San.-Rat 
Bergeat-  München  50  M.  —  Bez.-Arzt  Lauer-  Schwabach  25  M.  •— 
Mohr-  Nürnberg  40  M.  —  W  e  i  n  b  e  r  g  e  r  -  Gabersee  .20  M.  —  Diel¬ 
mann  -  Schweinfurt  30  M.  —  Max  Hönigsberger  -  München  50  M.  — 
Wilh  Pettenkof  e  r  -  München  100  M.  —  E.  Z.  in  M„  auf  Wunsch  des 
Herrn  Dr.  Rascher-  München  120  M.  —  Neresheimer  -  München 
50  M.  —  Obermed.-Rat  D  e  t  z  e  1  -  Rockenhausen  (Pfalz)  50  M.  —  Jäger- 
Geisenfeld  50  M.  Summa:  61  182.75  M.  und  1  Dollar. 


Ausserdem  erhielten  wir:  Vom  Aerzteverband  Bad  Tölz  2536  M.;  vom 
Kassenärztlichen  Verein  Gemünden-Lohr  5000  M.;  vorn  Bezirksverein  Hof 
(Lokalverband  Wunsiedel-Naila-Selb)  1275  M. 

Allen  Gebern  besten  Dank! 

Der  Kassier  der  Witwenkasse:  Dr.  H  o  1 1  e  r  b  u  s  c  h  -  Fürth. 
Druckfehlerberichtigung:  Im  letzten  Gabenverzeichnis  ist  statt  Herrn 
Kennerknecht  Fr  1.  Dr.  Kennerknecht  zu  setzen. 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  S.W.  2,  Paul  Heysestr.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  3. —  Jt.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 
•  •  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  •  •  • 

Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


i  • 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Amulfstr.  26  (Sprechstunden  8K— 1  Uhr) 
für  Bezug:  an],  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-'trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinstr.  2/I1I. 


Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  3.  20.  Januar  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  eich  das  ausschliessliche  Eecbt  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Bemerkungen  zur  klinischen  Diagnose  der  Entwicklungs- 
formen  der  menschlichen  Tuberkulose. 

Von  Dr.  Karl  Ernst  Ranke. 

Es  ist  in  dieser  Wochenschrift  schon  mehrfach  über  die  Möglichkeit 
berichtet  worden,  innerhalb  des  Formenkreises  der  menschlichen 
Tuberkulose  verschiedene  Entwicklungsstadien  zu  unterscheiden1). 
In  den  bisherigen  Arbeiten  ist,  wie  das  für  die  eingehende  Begründung 
einer  neuen  Auffassung  notwendig,  das  pathologisch-anatomische  Ver¬ 
halten  in  erster  Linie  berücksichtigt  worden.  Es  ist  daraus  vielfach 
gefolgert  worden,  dass  meine  Auffassung  im  wesentlichen  am  Sezier¬ 
tisch  entstanden  sei,  und  dass  für  die  Praxis  das  aufgefundene  System 
deshalb  noch  lange  nicht  verwertbar  zu  sein  brauche.  Es  liegt  mir 
deshalb  daran,  festzusteFlen,  dass  der  Gang  der  Entdeckungen  gerade 
der  umgekehrte  gewesen  ist.  In  der  klinischen  Beobachtung  war  ich 
an  grossem  Beobachtungsmaterial  auf  regelmässig  wiederkehrende  kli¬ 
nische  Differenzen  im  Krankheitsbild  der  Tuberkulose  gestossen,  die 
sich  unschwer  von  einander  hatten  unterscheiden  lassen  und  die  ihrer¬ 
seits  erst  die  Veranlassung  geworden  sind,  die  gleichsinnigen  Differenzen 
im  pathologisch-anatomischen  Substrat  näher  zu  untersuchen,  um  auf 
diese  Weise  noch  tiefer  in  das  Wesen  der  Unterschiede  einzudringen. 

Diese  klinischen  Differenzen  haben  sich  mir  in  einem  Zeitraum  von 
nunmehr  10  Jahren  als  für  die  Diagnose  mit  voller  Zuverlässigkeit  ver¬ 
wendbar  bewährt.  Ich  habe  trotzdem  bisher  mit  der  Besprechung  der 
klinischen  Bilder  gezögert,  weil  sie  ungleich  schwieriger  treffend  zu 
beschreiben  sind  als  das  zugehörige  pathologisch-anatomische  Struktur¬ 
bild,  das  neben  der  Beschreibung  noch  durch  schematische  Abbildung 
und  Photographie  unzweideutig  gekennzeichnet  werden  kann. 

ln  der  Zwischenzeit  sind  schon  mehrfach  von  anderer  Seite  ein¬ 
zelne  Teilgruppen  aus  dem  grossen  Gebiete  aufgegriffen  und  klinisch 
näher  beschrieben  worden.  Die  wichtigsten  Differenzpunkte  scheinen 
mir  dabei  noch  nicht  genügend  he  rausgeh  oben  worden  zu  sein.  Auch 
in  der  Diskussion  dieser  Fragen  mit  zahlreichen  Kollegen  stellt  sich 
dem  Verständnis  immer  die  Schwierigkeit  in  den  Weg.  dass  für  die 
Konzeption  des  allgemeinen  Krankheitsbildes  der  Tuberkulose  ihre 
Spätstadien  allzusehr  als  grundlegendes  Vorbild  benützt  werden.  Das 
gilt  namentlich  für  die  leichten  Formen  der  generalisierten  Tuberku¬ 
lose,  die  so  ungemein  häufig  sind,  und  deren  richtige  Beurteilung  ge¬ 
rade  für  den  praktischen  Arzt  von  der  allergrössten  Bedeutung  ist.  Ich 
möchte  deshalb  versuchen,  im  folgenden  die  wichtigsten  Gesichtspunkte 
für  die  klinische  Diagnose  der  allergischen  Entwicklungsformen  der 
Tuberkulose  kurz  zusammenzufassen.  Es  ist  selbstverständlich,  dass 
dabei  den  pathologisch-anatomischen  Schilderungen  gegenüber  nichts 
wesentlich  Neues  zutage  treten,  sondern  dass  es  sich  lediglich  um  die 
Erkennung  der  beschriebenen  anatomischen  Vorgänge  am  Lebenden 
handeln  kann. 

Es  hat  sich  gezeigt,  dass  für  die  Grundzüge  der  klinischen  Bilder 
die  Kombination  von  vier  verschiedenen  Ausbreitungsweisen  der 
tuberkulösen  Herderkrankungen  im  Körper  unter  sich  und  mit  drei 
deutlich  unterscheidbaren  Reaktionsweisen  des  befallenen  Organismus 
den  Ausschlag  geben.  Als  diese  vier  verschiedenen  Ausbreitungs¬ 
weisen  waren  bezeichnet  worden:  1.  das  Kontaktwachstum  des  Herdes, 
also  das  unmittelbare  Fortschreiten  der  Erkrankung  von  Zelle  zu  Zelle 
innerhalb  der  Randzonen  der  Herderkrankung  und  2.  drei  verschiedene 
Formen  der  Metastasierung  und  zwar  die  Verschleppung  auf  dem 
Lymphwege,  diejenige  innerhalb  der  Blutgefässe  und  schliesslich  noch 
diejenige  im  Lumen  aller  sonstigen  im  Körper  vorgebildeten  Hohlräume 
und  Röhrensysteme.  Neben  das  Kontaktwachstum  treten  also  die 
lymphogene,  die  hämatogene  und  die  von  mir  als  intrakanalikulär  be- 
zeichnete  Metastasierung.  An  Reaktionsweisen  konnte  eine  primäre, 
mit  der  die  Erkrankung  beginnt  von  einer  späteren  sekundären  mit 
;iusgesprochen  anaphylaktischen  Zügen  und  eine  dritte  mit  deutlichem 
Hervortreten  einer  eigenartigen  Teilimmunität  unterschieden  werden. 
Da  gerade  diese  letztere  Unterscheidung  der  Reaktionsweisen  und  ihrer 
Strukturbilder  —  der  histologischen  Allergien  —  früher  wenig  beachtet 
und  von  mir  erstmals  näher  beschrieben  worden  sind,  so  sollen  sie  auch 
hier  jeweils  bei  der  Schilderung  der  zugehörigen  klinischen  Bilder  noch 
einmal  charakterisiert  werden. 


)  M.m.W.  1913:  Die  Tuberkulose  der  verschiedenen  Lebensalter;  1914: 
Zur  Diagnose  der  kindlichen  Tuberkulose  und  1917:  Primäre,  sekundäre  und 
tertiäre  Tuberkulose  des  Menschen. 


Für  die  Ausbreitlingsweisen  gestaltet  sich  die  Erkennung  am 
Lebenden  sehr  einfach.  Die  Verschleppung  auf  dem  Lymphwege  führt 
ausser  einer  namentlich  in  der  Lunge  gelegentlich  auf  dem  Röntgenbild 
erkennbaren  Veränderung  der  Lymphgefässe  selbst  vor  allem  zu 
Drüsenerkrankungen.  Es  ist  von  Baumgarten  mit  Recht  darauf 
hingewiesen  worden,  dass  Lymphdrüsen  auch  hämatogen  erkranken 
können.  Das  muss  theoretisch  zugegeben  werden,  kann  aber  schon 
pathologisch-anatomisch  höchstens  im  Experiment  einmal  sicher  nach¬ 
weisbar  sein.  Am  Lebenden  werden  wir  gut  tun,  eine  Lympndrüsen- 
erkrankung  praktisch  als  Zeichen  einer  lymphogenen  Metastasierung 
zu  betrachten.  Ganz  sicher  ist  das  überall  da,  wo,  wie  so  ungeheuer 
häufig  in  dem  Frühstadium  der  Tuberkulose,  sich  in  deutlicher  Ab¬ 
hängigkeit  von  einem  Organherd  eine  Erkrankung  gerade  der  ihm 
regionären  Drüsen  eingestellt  hat.  Die  hämatogene  Metastasierung 
verrät  sich  ebenfalls  unmittelbar  durch  den  Sitz  des  Herdes.  Ein 
Tuberkel  in  der  Retina,  in  der  Nebenniere,  im  Nierenparenchym  oder 
sonst  irgendwo  an  den  zahlreichen  Körperstellen,  an  die  der  Tuberkel¬ 
bazillus  nur  auf  dem  Blutwege  hingelangen  kann,  wie  im  Knochen, 
in  den  Gelenken  etc.,  ist  überall  da,  wo  Kontaktwachstum  und  intra¬ 
kanalikuläre  Verschleppung  nicht  in  Frage  kommen  können,  eben 
hämatogen.  Das  gilt  z.  B.  auch  für  die  Mehrzahl  aller  Bindegewebs-, 
Knochen-  und  Gelenktuberkulosen.  Die  intrakanalikuläre  Verschlep¬ 
pung  endlich  ist  durch  die  gleichen  Beziehungen  des  Herdes  zu  Drüsen¬ 
gängen,  inklusive  ihrer  weiteren  Ausführungswege,  also  dem  Genital- 
trakt,  dem  Darmrohr,  dem  Bronchialbaum  und  ähnlichen  Hohlräumen 
gegeben. 

Die  klinischen  Eigentümlichkeiten  der  vollausgesprochenen  Haupt¬ 
formen  sind  in  zahlreichen  typischen  Bildern  dem  praktischen  Arzt  seit 
langem  geläufig.  Ihre  grossen  klinischen  Unterschiede  haben  von  jeher 
zu  einer  Abtrennung  der  wichtigsten  unter  ihnen  geführt.  Das  häufige 
Vorkommen  von  Zwischenformen  hat  aber  die  praktische  Unter¬ 
scheidung  solange  für  die  wissenschaftliche  Bearbeitung  der  ganzen 
Frage  unbrauchbar  gemacht,  als  es  nicht  gelungen  war.  in  das  eigent¬ 
liche  Wesen  des  Unterschieds  einzudringen. 

Dass  eine  tuberkulöse  Erkrankung,  die  ausschliesslich  die  Lunge 
befällt,  und  hier  in  jahrzehntelangem  Bestehen  zu  schwersten  Zer¬ 
störungen  und  schliesslich  zum  Tode  führt,  ohne  doch  jemals  auf  andere 
Gebiete  des  Körpers  überzugreifen,  etwas  anderes  ist  als  die  zahlreichen 
Tuberkulosen,  bei  denen  in  allen  möglichen  Organen  und  Geweben 
tuberkulöse  Herde  aufschiessen.  das  ist  schon  sehr  lange  Allgemeingut 
der  ärztlichen  Ueberzeugung.  Erst  die  Entdeckung  des  Tuberkel¬ 
bazillus  als  einheitliche  „Krankheitsursache“  hat  ja  die  Vereinigung 
dieser  Formen  unter  einem  einheitlichen  Krankheitsbegriff  zur  Folge  ge¬ 
habt.  Ein  Einblick  in  das  Wesen  dieser  Differenzen  ist  aber  dadurch 
in  hohem  Grade  erschwert  worden,  dass  es  neben  diesen  „isolierten 
Phthisen“  zahlreiche  Fälle  von  Lungentuberkulose  gibt,  bei  denen  auch 
andere  Organe  mitergriffen  sind.  Das  schien  die  Möglichkeit  einer  Ab¬ 
trennung  einheitlicher  Krankheitsbilder  aus  dem  vielgestaltigen  Ganzen 
auszuschliessen,  während  doch  wieder  im  ärztlichen  Bewusstsein 
Lungenschwindsucht  und  allgemeine  Tuberkulose  dauernd  als  Gegen¬ 
sätze  empfunden  wurden. 

Der  wichtigste  Schritt  zur  Lösung  der  Hauptschwierigkeit  scheint 
mir  in  dem  Augenblick  getan,  in  dem  wir  bei  der  Beurteilung  einer 
|  tuberkulösen  menschlichen  Erkrankung  den  Blick  nicht  mehr  auf  das 
befallene  Organ  oder  Organsystem’,  sondern  auf  das  Gesamtbild 
der  Erkrankung  des  Gesamtorganismus  richten.  Wir 
werden  also  nicht  mehr  von  Drüsentuberkulosen,  Knochen-  und  Gelenk¬ 
tuberkulosen,  oder  von  Weichteil’-,  Haut-  und  Lungentuberkulose 
sprechen,  sondern  wir  werden  zunächst  vollkommen  davon  absehen 
müssen,  welches  Organ  von  der  Krankheit  ergriffen  ist  Es  wird  sich 
zunächst  ausschliesslich  darum  handeln,  festzustellen,  welche  Aus¬ 
breitungsweisen  der  Tuberkulose  im  Körper  sich  aus  den  Krankheits- 
erscheinungen  zu  erkennen  geben  und  auf  welche  Weise  der  befallene 
Körper  gegen  die  Krankheit  reagiert. 

Es  bedarf  also,  wie  schon  erwähnt,  für  die  klinische  Erkennung  der 
Entwicklungsformen  keiner  neuen  Gesichtspunkte.  Es  genügen  die 
pathologisch-anatomisch  gewonnenen  Teilvorgänge,  und  die  Art  ihrer 
Zusammenstellung  zu  einem  Gesamtbild  der  Erkrankung.  Es  ergeben 
sich  damit  mehrere  wohldefinierte  und  leichtkenntliche  Krankheitsbilder. 
Wir  gewinnen  aber  auch  Richtlinien,  nach  denen  sich  uns  eine  Be¬ 
urteilung  der  wesentlichen  Eigenschaften  auch  der  ganz  atypischen 
Tuberkulosen  ermöglicht.  Besonders  wichtig  ist,  dass  sich  die  sog. 

.  konstitutionellen  Eigentümlichkeiten  nun  mit  viel  grösserer  Deutlichkeit 
!  von  einem  breiten  gleichmässigen  Grunde  abheben  können  und  sich  uns 


70 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


die  Aussicht  eröffnet,  auch  noch  innerhalb  der  rätselvollen  Sammel¬ 
begriffe  Konstitution  und  Disposition  erkennbare  Einzelvorgänge  auf- 
zufinden.  _ 

Beginnen  wir  mit  der  isolierten  primären  Tuberkulose,  so  treffen 
wir  auf  eine  Reihe  von  Eigentümlichkeiten,  die  sie  in  gewissem  Sinne 
neben  den  luetischen  Primäraffekt  stellen.  Wie  bei  diesem  neben  der 
Initialsklerose  die  indolenten  Bubonen  zur  Diagnose  notwendig  sind,  so 
ist  beim  tuberkulösen  Primärkomplex  die  Zusammensetzung  aus 
Primärherd  und  regionären  Drüsenveränderungen 
das  Massgebende.  Der  Primärherd  pflegt  sehr  klein  zu  sein.  Er  kann 
vor  allem  in  der  Lunge,  zweifellos  aber  auch  in  den  übrigen  erst¬ 
infizierten  Organen  mehrfach  vorhanden  sein.  Die  Infektion  kann 
ferner  auch  in  mehreren  Organen  zugleich  Fuss  fassen.  Der  Primär¬ 
herd  selbst  entzieht  sich  infolge  des  Fehlens  einer  intensiven  peri¬ 
fokalen  Entzündung  im  allgemeinen  zunächst  dem  Nachweis,  wenn  es 
sich  nicht  um  Haut-  oder  Schleimhautinfektionen  von  nicht  zu  gering¬ 
fügigem  Grade  und  an  für  die  Erkennung  günstig  gelegenem  Orte 
handelt. 

Wichtig  für  die  Erkennung  des  Primärkomplexes  ist  dagegen  die 
Tatsache,  dass  die  Drüsenveränderungen  an  Masse  den  Primäraffekt 
stets  beträchtlich  übertreffen.  Dadurch  wird  die  Drüsen¬ 
erkrankung  der  leichter  erkennbareT  eil  desPrimär  - 
komplexes.  Das  trifft  besonders  dann  zu,  wenn  die  Drüsen  der  Be¬ 
tastung  und  Betrachtung  mehr  oder  weniger  direkt  zugänglich  sind. 

Das  sind  also  in  allererster  Linie  die  verschiedenen  Drüsengruppen 
des  Halses,  in  zweiter  Linie  diejenigen  der  Extremitäten^  inkl.  der 
Axillar-  und  Inguinaldrüsen;  seit  der  Entdeckung  der  Röntgenstrahlen 
auch  die  Lungenwurzeldrüscn,  während  bei  den  peritonealen  Lymph- 
drüsen  meist  erst  beträchtliche  Schwellungen  oder  Verkalkungen  nach¬ 
weisbar  werden. 

Die  typische  Form  der  Heilung  eines  zunächst  makroskopisch  isoliert 
bleibenden  Primärkomplexes  mit  seiner  Verkalkung  macht  ihn  für  die 
Erkennung  auf  dem  Röntgenschirm  noch  ganz  besonders  geeignet. 
Kalkherde  in  Hilusdrüsen  und  im  Lungengewebe  sind  seit  der  Vervoll¬ 
kommnung  der  Durchleuchtungstechnik  heute  ein  alltäglicher  Befund 
geworden.  Sie  sind  mit  verschwindenden  Ausnahmen  als  Reste  tuber¬ 
kulöser  Primärkomplexe  anzusehen. 


Wo  der  Primärkomplex  isoliert  bleibt,  handelt  es  sich  stets  um 
„leichte“  Erkrankungen.  Seine  Erkennung,  die  gewöhnlich  erst  in  oder 
nach  der  Abheilung  erfolgt  bringt  uns  deshalb  meist  wenig  oder  keine 
Anhaltspunkte  für  die  Einleitung  irgendeiner  Behandlung.  Von  viel 
grösserer  praktischer  Bedeutung  ist  die  Erkennung  der  Frühformen  der 
generalisierenden  Tuberkulose.  Hier  handelt  es  sich  nicht  mehr  um 
eine  lokale  Veränderung,  sondern  um  eine  sehr  ausgesprochene  All¬ 
gemeinerkrankung.  Das  wichtigste  Kennzeichen  sind  die  Spuren 
hämatogener  Disseminationen.  Sie  gehen  ausnahmslos  Hand  in  Hand 
mit  toxischen  Wirkungen,  sei  es,  dass  die  Bazillen  selbst  erst  im 
Organismus  verarbeitet  werden,  oder,  was  ja  stets  unvermeidlich  ist, 
dass  ausser  den  Bazillen  auch  toxische  Substanzen  aus  den  bestehenden 
Herden  in  die  Zirkulation  geraten.  In  den  leichtesten  Formen  setzt  sich 
das  Bild  einer  beginnenden  chronisch  generalisierenden  Tuberkulose 
zusammen  aus  einem  nachweisbaren  Primärkomplex,  der  diesmal  sich 
mit  einer  entzündlichen  perifokalen  Zone  umgibt  und  einer  Allgemein¬ 
erkrankung,  die  neben  ganz  allgemeinen  Erscheinungen,  wie  Gewichts¬ 
abnahme,  Störungen  des  Wohlbefindens,  des  Gewebsturgors  und  der 
Körpertemperatur  noch  mehr  oder  weniger  direkte  Spuren  der  hämato¬ 
genen  Aussaat  erkennen  lässt.  Als  solche  sind  neben  dem  Neuauf¬ 
treten  dauernderer  hämatogener  Herderkrankungen  vor  allem  die 
Tuberkulide  und  die  Phlyktänen  zu  nennen. 

Eine  ganz  leichte  Erkrankung  der  Art  wird  etwa  unter  dem  fol¬ 
genden  Bild  verlaufen: 

Ein  gesund  erscheinendes  Kind  zeigt  eine  positive  Tuberkulin¬ 
hautreaktion.  Bei  sorgfältiger  täglicher  Beobachtung  lässt  sich  nun  in 
wechselnder  Reihenfolge  das  schubweise  Auftreten  von  vielleicht  nur 
ganz  vereinzelten  Tuberkuliden,  sowie  von  Drüsenschwellungen  fest- 
steilen.  Die  letzteren  sind  ausserhalb  dieser  Schubzeiten  gewöhnlich 
stabil,  offensichtlich  reizlos.  Bei  sorgfältiger  Beobachtung  des  Kindes 
zeigt  sich  aber,  dass  diese  Drüsen  gelegentlich  anschwellen,  schmerz¬ 
haft  werden  und  dann  nicht  mehr  so  scharf  für  den  tastenden  Finger 
von  der  Umgebung  abgegrenzt  sind.  Die  Temperaturmessung  verrät, 
dass  diese  Attacken  in  der  Regel  mit  Fieber  einsetzen  und  mehr  oder 
weniger  lang  von  ihm  auch  begleitet  sind.  Durchsucht  man  nun  die 
Haut,  so  finden  sich  auch  gerade  in  diesen  Zeiten  nicht  selten  Tuberku¬ 
lide  ?).  Nach  einigen  Tagen,  in  den  leichten  Fällen  spätestens  nach 
einigen  Wochen,  ist  alles  abgeklungen.  Die  Schmerzhaftigkeit  der 
Drüse  ist  verschwunden.  Die  Drüse  selbst  bleibt  im  ungünstigen  Falle 
über  den  früheren  Stand  hinaus  vergrössert,  im  günstigen  bildet  sie 
sich  zurück  auf  ihr  früheres  Volumen  oder  auch  unter  dasselbe.  Aus 
der  unscharfen  Begrenzung  der  Drüse,  die  zusammen  mit  der  Schmerz¬ 
haftigkeit  als  Folge  einer  Randreaktion  eines  tuberkulösen  Herdes  nach 
dem  Typus  der  2.  Allergieform,  d.  h.  also  als  akute  perifokale  Ent¬ 
zündung  aufzufassen  ist,  entwickelt  sich  nun  eine  mehr  oder  weniger 

*)  Dieses  Bild  des  akuten  Anfalls  ist  meines  Wissens  erstmals  beschrieben 
worden  von  Ibrahim  in:  Prognose  der  tuberkulösen  Infektion  im  frühen 
Säuglingsalter.  Beitr.  z.  Klin.  d.  Tuberk.  21,  Heft  2. 


deutliche  bindegewebige  Fixierung  der  nun  schmerzlosen  Drüse  an  ihre 
Umgebung.  , .  .  „  ,  _ , 

So  verliert  die  Drüse  allmählich  ihre  frühere 
rundliche  Kontur,  sie  verhärtet  undwird  mitder  Um¬ 
gebung  verlötet  drei  für  die  Diagnose  einer  ab¬ 
heilenden  tuberkulösen  Drüsenveränderung  ganz 
besonders  charakteristische  Symptome.  Im  Gegensatz 
dazu  sind  die  drei  vorgenannten  Erscheinungen:  die  entzündliche  Re¬ 
aktion  in  der  Drüse  und  ihrer  unmittelbaren  Umgebung,  das  Fieber  und 
das  Auftreten  von  Tuberkuliden  oder  Phlyktänen  als  Zeichen  eines 
akuten  Zwischenspiels  einer  aktiven,  wenn  auch  chronischen,  generali¬ 
sierenden  Tuberkulose  anzusehen.  Wo  Tuberkulide  vorhanden  sind, 
steht  es  fest,  dass  es  sich  dabei  um  den  klinischen  Ausdruck  einer  Re¬ 
aktion  auf  einen  Einbruch  von  Virus  in  ungelöstem  oder  doch  nur 
kolloidalem  Zustand  in  die  Blutbahn  handelt. 

Je  schwerer  die  Erkrankung  ist  um  so  deutlicher  werden  die  Er¬ 
scheinungen,  die  krankhaften  Veränderungen  immer  sinnfälliger,  die 
Herd-  und  Herdrandreaktionen  immer  stürmischer,  während  die  ge¬ 
setzten  Einzelherde  immer  weiter  wachsen.  Dabei  ist  daran  festzu¬ 
halten,  dass  die  anaphylaktische  Randreaktion  ein  Ausdruck  eines 
energischen  Kampfes  ist,  also  auch  starke  Abwehrkräfte  erschlossen 
lässt.  Gelingt  es  dem  Körper,  die  hämatogenen  Disseminationen  so  weit 
zu  beherrschen,  dass  eine  allgemeine  Miliartuberkulose  nicht  auf- 
kommen  kann,  so  entsteht  das  jedem  Praktiker  bekannte  Bild  der 
multiplen  Drüsen-,  Knochen-  und  Weichteiltuberkulose,  mit  ihren  aus¬ 
gedehnten  Einschmelzungen  und  Vereiterungen.  Die  hochgradige  spe¬ 
zifische  Ueberempfindlichkeit  kann  nun  das  Krankheitsbild  beherrschen. 
Wir  haben  dann  die  „skrofulöse“  Form  der  generalisierenden  Tuber¬ 
kulose  vor  uns. 

Es  ist  erstaunlich,  welche  ungeheueren  entzündlichen  Verände¬ 
rungen  in  diesem  Stadium  noch  einer  vollkommenen  Heilung  zugängig 
sind.  Das  ist  der  Formenkreis,  in  dem  die  Sonnenbehandlung,  vor  allem 
im  Hochgebirge,  ihre  verblüffendsten  Erfolge  zeitigt.  Jeder  kennt  aus 
den  Veröffentlichungen  von  Rolli  er,  Bäcker  u.  a.  die  Bilder  von 
Kindern  in  jämmerlichstem  Ernährungszustand  und  mit  verkrüppelten 
Gliedmassen,  aus  denen  unter  der  Einwirkung  der  Sonnenbehandlung 
blühende  gesunde  Geschöpfe  wurden,  die  aller  ihrer  Glieder  mächtig 
sind  und  nur  mehr  in  zahlreichen,  wenig  störenden  Narben  die  Spuren 
des  furchtbaren  Kampfes  tragen,  den  sie  siegreich  bestanden  haben. 
Jeder  kennt  aber  auch  die  traurigen  Endstadien,  in  denen  nach  oft  jahre¬ 
langem,  erstaunlich  hartnäckigem  Kampf  der  Organismus  schliesslich 
doch  noch  sehr  häufig  unter  dem  Bild  der  Miliartuberkulose  —  aber 
auch  dem  der  Erschöpfung  und  des  Amyloids  —  erliegt. 

Zwischen  diesen  beiden  Extremen  liegt  das  weite  Feld  derjenigen 
Erkrankungen,  in  denen  weder  der  Parasit  noch  der  Organismus  zu 
einem  endgültigen  Siege  gelangen. 

Für  die  Erkennung  des  chronisch-aktiven  Primärkomplexes  in  der 
Lunge  spielt  die  streng  lokalisierte  Bronchitis  in  dem  Abflussgebiet 
zwischen  Herd  und  Lungenwurzel  eine  Hauptrolle.  Bei  jahrelangem 
Bestehen  derselben  —  wie  es  die  meisten  abheilenden  chronischen 
Fälle  charakterisiert  —  wird  der  befallene  Bronchus  von  Bindegewebs- 
massen  schliesslich  geradezu  erwürgt.  Die  Schleimhaut  atrophiert  bis 
auf  geringfügige  Reste.  Es  entsteht  so  ein  vergleichsweise  sehr  wenig 
elastischer  Strang  mit  grosser  Neigung  zur  zentripetalen  Retraktion. 
Da  ähnliche  Vorgänge  auch  um  die  Blutgefässe  herum  stattfinden,  hier 
allerdings  meist  ohne  die  Durchgängigkeit  des  Blutgefässes  zu  alterieren. 
so  entsteht  ein  Strangsystem  in  dem  von  Toxin  durchflossenen  Lymph- 
gefässgebiet,  das  den  befallenen  Lungenteil  dauernd  verändert  Diese 
Stränge  sind  also  Bindegewebswucherungen,  ausgehend  von  den  Lymph- 
scheiden  um  Gefässe  und  Bronchien  und  sind  zum  weitaus  grössten  Teil 
als  Wirkung  der  Virusdurchströmung  bei  bestehender  histologischer  Gift¬ 
überempfindlichkeit  aufzufassen.  Nur  ein  ganz  geringer  Teil  der  Ver¬ 
änderungen  besteht  aus  echten  Tuberkeln,  verdankt  also  seine  Aus¬ 
bildung  der  Ansiedlung  einer  bazillären  Einzelkolonie. 

Diese  Stränge  sind  zunächst  auf  dem  Röntgenbild  gefunden  worden, 
auf  dem  sie  ja  auch  ganz  besonders  in  die  Augen  fallen.  Die  Ver¬ 
änderung  in  der  Lunge  macht  aber  auch  auskultatorisch  und  per¬ 
kutorisch  häufig  sehr  merkbare  Erscheinungen :  leichte  Dämpfungen,  oft 
mit  tympanitischem  Beiklang  infolge  der  Entspannung,  Nachschleppen 
bei  der  Atmung,  chronische,  mehr  oder  weniger  streng 
lokalisierte  Bronchitis  und  nicht  selten  auch  rauhes  und  leises 
Atmen  des  von  den  chronisch  veränderten  Bronchien  versorgten 
Lungengewebes.  Wer  die  schweren  Veränderungen  derartiger 
Bronchien  gesehen  hat,  begreift  dass  die  von  ihnen  versorgten  Lungen¬ 
gebiete  teilweise  oder  ganz  atelektatisch  werden  müssen.  Die  vollen 
Atelektasen  beschränken  sich  dabei  gewöhnlich  auf  kleinere  Einzel¬ 
gebiete,  während  die  Entspannung  und  relative  Luftleere  je  nach  der  Aus¬ 
dehnung  des  Primärkomplexes  auch  recht  beträchtliche  Partien  eines 
Lungenlappens  befallen  kann. 

Tritt  nun  im  Krankheitsablauf,  wie  bei  der  fortschreitenden  Tuber¬ 
kulose  in  der  Regel,  eine  schubweise  Verschlimmerung  auf,  an  der  sich 
derartige  veränderte  Lungenpartien  beteiligen,  so  müssen  notwendig 
alle  diese  Erscheinungen  sehr  wesentlich  verstärkt  werden.  Bei  starker 
seröser,  entzündlicher  Durchtränkung  des  ganzen  Gebiets  und  ver¬ 
mehrter  Sekretion  in  den  befallenen  Bronchien  müssen  die  Erschei¬ 
nungen  die  Diagnose  einer  akuten  Bronchopneumonie  sehr  nahelegen, 
um  so  mehr,  als  das  Allgemeinbefinden  mit  seiner  schweren  Störung  und 
dem  oft  sehr  hohen  Fieber  in  der  gleichen  Richtung  zu  deuten  scheint. 
Da  das  Ganze  bei  einem  offensichtlich  schwer  tuberkulösen  Kranxen 
auftritt,  so  macht  der  Arzt  sich  und  die  Angehörigen  auf  das  Aeusserste 


1 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


71 


gefasst  und  ist  dann  von  dem  nahezu  völligen  Verschwinden  der  alar¬ 
mierenden  Erscheinungen  bei  Abklingen  der  Reaktion  überrascht  und 
desavouiert. 

Ganz  ähnlich  liegen  die  Erscheinungen  bei  den,  sei  es  nun 
hämatogen,  lymphogen  oder  intrakanalikulär  entstandenen  sekundären 
Manifestationen.  Auch  hier  stehen  die  Erscheinungen  einer  geweb¬ 
lichen  Allergie  exsudativen  Charakters  durchaus  im  Vordergrund,  nur 
ist  alles  noch  gröber,  noch  sinnfälliger,  die  anatomischen  Zerstörungen 
viel  weitgehender,  die  Krankheitserscheinungen  noch  schwerer  und 
bedrohlicher.  Infiltrationen  und  Einschmelzungen  irreparabler  Art 
fangen  an,  im  Krankheitsbild  eine  beherrschende  Rolle  zu  spielen. 


Neue  Formen  treten  erst  auf,  wenn  sich  die  Reaktionsweise  des 
Organismus  noch  einmal  verändert. 

Je  weiter  der  allergische  Entwicklungsgang  der  Erkrankung  fort- 
i  schreitet,  desto  mehr  tritt  die  histologische  Ueberempfindlichkeit 
;  (Allergie  II)  und  mit  ihr  bei  der  Tuberkulinanwendung  die  Stich¬ 
reaktion  gegen  die  Bazillenstoffe  und  das  „Tuberkulin“  in  den 
Hintergrund.  Das  macht  sich  auch  in  den  klinischen  Krankheitszeichen 
bemerkbar.  Ueberall  wird  die  Natur  des  Kampfes  zwischen  Organismus 
und  Parasit  verändert.  Der  Bewegungskampf  und  mit  ihm  die  Meta¬ 
stasen  treten  auffallend  zurück.  Auch  die  gewaltigen  Sturmangriffe  der 
■  ersten  Kampfzeit  flauen  immer  mehr  und  mehr  ab.  An  die  Stelle  der 
mächtigen  aktiv  entzündlichen  Randzone  mit  ihrer  starken  ödematösen 
Durchtränkung  und  den  ungeheuren  Lymphozytenansammlungen,  zu¬ 
gleich  aber  auch  dem  massenhaften  Untergang  weisser  Blutzellen  in 
weitausgedehnten,  von  feinem  Kernschutt  erfüllten  Leichenfeldern,  tritt 
ein  immer  mehr  versumpfender  Grabenkrieg,  ein  Abriegeln  der  im 
Angriff  nicht  mehr  bewältigbaren  feindlichen  Positionen.  Damit  uitt 
der  eigentliche  tuberkulöse  Herd  in  den  Krankheitserscheinungen  immer 
mehr  in  den  Vordergrund. 

Besonders  deutlich  ist  das  in  der  Lunge,  in  der  sich  das  Spät¬ 
stadium  der  Tuberkulose  so  besonders  gern  festsetzt,  dass  die  isolierte 
Phthise,  die  Lungentuberkulose  ohne  humorale  Metastasen,  als  ihr 
Prototyp  angesehen  werden  muss.  Es  treten  nicht  nur  keine  humoralen 
Metastasen  mehr  auf,  sondern  es  liegt  in  der  reinen  Form  der  tuber¬ 
kulöse  Herd  auch  in  einer  vergleichsweise  wenig  veränderten  Um¬ 
gebung.  Die  chronisch-pneumonischen  Herderscheinungen  werden 
dauernd  und  stehen  ganz  im  Vordergrund  des  klinischen  Bildes.  Sie 
bleiben  lokalisiert  und  sind  nicht  mehr  von  so  weitreichenden  chronisch- 
bronchitischen  Erscheinungen  der  näheren  oder  ferneren  Uihgebung 
begleitet.  Man  kann  oft  direkt  neben  einem  grösseren  tertiär-tuberku¬ 
lösen  Lungenherd  klares  Vesikuläratmen  aus  vollkommen  reizfreiem, 
alveolär  gebauten  Gewebe  hören  und  das  gleiche  auch  auf  dem  Sek¬ 
tionstisch  zu  sehen  bekommen.  Dazu  ist  es  nicht  unbedingt  notwendig, 
dass  ein  solcher  Herd  bindegewebig  abgekapselt  ist. 

Das  krankhafte  Geschehen  spielt  sich  nun  für  die  klinische  Be¬ 
obachtung  also  vorwiegend  im  Herde  selbst  ab.  So  ist  das  „Trocken¬ 
werden  der  Herde“  und  das  Zurücktreten  frischer  Entzündungserschei¬ 
nungen  im  Herde  selbst  auch  klinisch  das  wichtigste  Zeichen  dafür,  dass 
der  Kampf  sich,  wenigstens  momentan,  zu  gunsten  des  Organismus  ge¬ 
wendet  hat.  Umgekehrt  ist  das  Auftreten  einer  entzündlichen  Reizung 
im  Herde  — -  auskultatorisch  also  Zunahme  der  Sekretion,  das  Feuchter¬ 
und  Zahireicherwerden  der  Geräusche  —  nicht  mehr  als  einfache,  viel¬ 
leicht  heilsame  Randreaktion,  sondern  meist  als  Zeichen  eines  Fort- 
schreitens  der  Erkrankung  zu  bewerten. 

Bei  allen  diesen  Veränderungen  des  tertiären  Befundes  ist  aber 
charakteristisch,  dass  sie  im  allgemeinen  sehr  langsam  erfolgen  und  im 
Vergleich  zu  den  Aenderungen  des  zweiten  Stadiums  geringfügiger 
sind,  dass  eine  Rückbildung  in  so  weitgehendem  Masse  wie  bei  den 
rein  reaktiven  Veränderungen  der  generalisierenden  Tuberkulose  nie¬ 
mals  vorkommt,  eben  weil  das  tuberkulös  zerstörte  Gewebe  selbst  hier 
die  augenfälligsten  klinischen  Erscheinungen  verursacht.  Die  vor¬ 
wiegende  Heilungsform  ist  nun  nicht  mehr  die  Verkalkung  wie  beim 
Primärkomplex  oder  eine  rasche  Einschmelzung  und  damit  eventuell 
Ausstossung  oder  Resorption  des  Herdes,  wie  bei  den  typisch  sekun¬ 
dären  Herden,  sondern  die  Abkapselung  und  bindegewebige  Vernarbung. 
In  der  Lunge  allerdings,  in  der  die  Krankheit  ein  sehr  zartes  zer¬ 
störungsfähiges  Gewebe  befällt,  bleiben  Einschmelzungen  noch  lange 
möglich.  Sie  scheinen  hier  zum  Teil  unter  dem  Einfluss  von  Misch¬ 
infektionen  zustande  zu  kommen,  wie  das  auch  für  die  akut-pneumo¬ 
nischen  Erkrankungen  der  voll  entwickelten  tertiären  Form  die  Regel 
ist.  Bei  dem  dauernden  Zusammenhang  zahlreicher  Lungenherde  mit 
der  Aussenwelt,  ist  eine  Mischinfektion  auf  die  Dauer  ebenso  unver¬ 
meidbar,  wie  bei  der  Darmtuberkulose.  Es  ist  aber  stets  daran  fest¬ 
zuhalten,  dass  die  Verflüssigung  des  tuberkulösen  Produktes  auch  in 
den  Spätformen  der  Tuberkulose  nur  z  u  r  ü  c  k  t  r  i  1 1  und  seltener 
wird,  nicht  aber  vollkommen  ausbleibt. 

Da  die  tertiären  Tuberkulosen  in  einem  vergleichsweise  hochgradig 
immunen  Körper  liegen  und  sich  ausbreiten  müssen,  ist  es  selbstver¬ 
ständlich,  dass  gerade  sie  zu  ihrem  Zustandekommen  lokal  oder  all¬ 
gemein  günstiger  Nebenbedingungen  bedürfen.  Im  allgemeinen  gilt  die 
Regel,  dass  je  „schwerer“  die  Infektion,  um  so  rascher  der  Verlauf  der 
üesamterkrankung  ist  und  um  so  geringfügiger  der  Einfluss  von  Organ¬ 
disposition  und  Konstitution1,  die  beide  für  den  Verlauf  und  ganz  be¬ 
sonders  für  die  Entstadien  der  ganz  chronischen  Formen  geradezu  aus- 
,  schlaggebend  sind. 

Es  verdient  beachtet  zu  werden,  dass  die  echt  tertiären  Erkran¬ 
kungen  so  gut  wie  ausschliesslich  in  der  Lunge,  also  in  einem  der 
Infektion  von  aussen  gegenüber  ganz  besonders  empfänglichen  Organ 

Nr.  3. 


beobachtet  werden.  Abgesehen  von  der  Lungentuberkulose,  den  Haut¬ 
tuberkulosen,  der  Darmtuberkulose  entstehen  alle  übrigen  Organ¬ 
tuberkulosen  notwendig  hämatogen  oder  doch  auf  dem  Zirkulations¬ 
wege.  So  häufig  nun  die  Inhalationstuberkulose  der  Lunge  ist,  so  gibt 
es  selbstverständlich  doch  auch  zahlreiche  hämatogen  entstehende 
Lungentuberkulosen.  Ihr  Prototyp  ist  aber  die  Miliartuberkulose,  wo¬ 
bei  nicht  nur  die  ganz  akuten  allgemeinen  Miliar¬ 
tuberkulosen  im  Auge  behalten  werden  dürfen.  Wir 
finden  in  der  Lunge  neben  multiplen  kleinknotigen  und  den  subakuten 
grossknotigen  auch  ganz  chronische,  weniger  ausgebreitete  hämatogene 
Tuberkulosen.  Eine  sehr  auffällige  Eigenart  mancher  nicht  unmittelbar 
das  ganze  Organ  befallender,  aber  doch  schwerer,  fortschreitender 
hämatogener  Lungentuberkulosen  ist  das  vorwiegende  Befallen  de¬ 
zentralen  Partien.  Zahlreiche  kleinknotige  Herde  im  hilusnahen  Lungen¬ 
gewebe  sind  deshalb  meist  der  röntgenologische  Ausdruck  einer  ganz 
besonders  gefährlichen  Form  des  Beginnes  in  der  Lunge. 

Die  Inhalationstuberkulose  ist  in  ihrer  typischsten  Form  durch  den 
Primärkomplex  vertreten.  Viel  verwickelter  ist  der  Ablauf  im  schon 
früher  infizierten,  mehr  oder  weniger  immunen  Individuum.  Hier  treten 
die  Hiluserscheinungen  mit  der  ausbleibenden  lymphogenen  Ver¬ 
breitung  und  ebenso  die  perifokale  Bronchitis  sehr  stark  in  den  Hinter¬ 
grund.  Die  Ausbreitung  geschieht  von  vornherein  vorwiegend  intra- 
bronchial  und  richtet  sich  gerade  in  diesen  Fällen  in  der  bekannten 
typischen  Weise  spitzenwärts.  Hier  gilt  also  das  allgemein  aus¬ 
gesprochene  Gesetz  noch  einmal  im  besonderen  innerhalb  der  Lunge, 
dass  in  den  tertiären  Formen  die  Lokaldisposition  zu  einem  ausschlag¬ 
gebenden  Faktor  wird. 

Ganz  besonders  eindrucksvoll  wird  der  Unterschied,  der  hier  für  die 
Lungentuberkulosen  kurz  skizziert  wurde,  bei  den  beiden  Hauptformen 
der  Kehlkopftuberkulose,  der  typischen  Kehlkopfphthise  als  Teil¬ 
erscheinung  einer  isolierten  tertiären  Lungenerkrankung  und  der 
durchaus  nicht  ganz  seltenen  primären  Kehlkopf-  und  Trachealtuberku- 
lose.  Im  ersteren  Falle  steht  der  eigentliche  Krankheitsherd  durchaus 
im  Mittelpunkt  des  krankhaften  Geschehens.  Sein  Sitz,  seine  Grösse, 
seine  Beschaffenheit  verursachen  unmittelbar  als  solche  die  krankhaften 
Erscheinungen.  Hustenreiz,  Heiserkeit,  Schluckbeschwerden  sind  die 
wichtigsten  Kennzeichen.  Auch  der  Druckschmerz  beim  Umgreifen 
des  Kehlkopfes  und  der  ausstrahlende  Schmerz  in  die  Ohrtrompeten 
und  das  Mittelohr  gehören  zu  solchen  direkten  Herdsymptomen.  Eine 
Erkrankung  in  den  regionären  Drüsen  fehlt  aber  oder 
ist  auf  das  eben  noch  erkennbare  Minimum  der 
typischen  abortiven  Metastasen  beschränkt.  Ganz 
anders  ist  es  bei  den  primären  und  frühsekundären  derartigen  Er¬ 
krankungen.  Hier  treten  die  Erscheinungen  der  Kehlkopferkrantumg  als 
solche  nicht  selten  geradezu  in  den  Hintergrund,  während  die  oft  un¬ 
geheuren  Drüsenpakete  zu  beiden  Seiten  des  Halses  und  eventuell  auch 
die  Folgen  einer  schweren  hämatogenen  Aussaat  mit  ihrem  Bild  einer 
schwersten  infektiösen  Gesamterkrankung  durchaus  im  Vordergrund 
stehen. 

Für  den  Praktiker  ist  es  wichtig,  dass  die  Reaktionsweise  der  ver¬ 
schiedenen  Entwicklungsformen  der  Tuberkulose  auch  dem  Tuberkulin 
gegenüber  die  gleichen  Grundzüge  wieder  erkennen  lässt,  hier  sogar  sie 
ganz  besonders  deutlich  zeigt.  Die  frühsekundären  Tuberkulosen  zeigen 
bei  kräftiger  Gegenwirkung  des  befallenen  Körpers  eine  sehr  hohe  Alt- 
tuberkulinempfindlichkeit  in  der  Form  der  Stichreaktion.  Ausgedehnte 
sehr  schmerzhafte  Infiltrate  mit  erysipelatöser  Rötung  der  darüber 
liegenden  Haut  in  noch  grösserem  Umfang,  auch  Blasenbildung  in  der¬ 
selben,  sind  hier  das  Gewöhnliche.  Ich  habe  in  einem  solchen  Fall  auf 
0,3  mg  Alttuberkulin  eine  Schwellung  und  erysipelatöse  Rötung  des 
ganzen  Armes  von  den  Fingerspitzen  bis  über  das  Schultergelenk 
hinaus  beobuentet,  die  jede  Bewegung  des  Armes  unmöglich  machte 
und  auch  nach  3  Wochen  noch  nicht  vollkommen  abgeklungen  war. 
Dieselbe  Kranke  zeigte  bei  einer  ca.  34  Jahr  späteren  Wiederholung 
noch  auf  ein  Millionstel  Milligramm  eine  starke  Stichreaktion.  Als  sie 
6  Jahre  später  mit  dem  Beginn  einer  tertiären  Lungentuberkulose 
wieder  vorübergehend  zur  Beobachtung  kam.  wurde  zwar  die  Tuber¬ 
kulininjektion  in  Erinnerung  an  die  früheren  Erlebnisse  verweigert,  aber 
eine  Hautimpfung  nach  Ponndorf  gestattet*.  Dieselbe  wurde  mit 
purem  Alttuberkulin  vorgenommen  und  ergab  trotzdem  nur  eine 
massige  Rötung  und  Schwellung  der  Impfschnittränder  ohne  wesent¬ 
lichen  Hof  Dabei  war  die  Kranke  aber  nicht  anergisch,  denn  sie  über¬ 
wand  die  neue  Attacke,  der  Krankheit  in  wenigen  Wochen. 

Bei  der  echten  Phthise,  dem  Prototyp  der  tertiären  Lungenerkran¬ 
kung,  tritt  nun  regelmässig  die  Stichreaktion,  d.  h.  also  der  Ausdruck 
der  allgemeinen  geweblichen  Anaphylaxie  in  den  Hintergrund,  während 
die  Reaktionsformen,  die  bei  der  sekundären  Tuberkulose  zurücktreten, 
nun  überwiegen.  So  hatte  die  oben  erwähnte  Kranke  in  der  Zeit  der 
ungeheueren  Stichreaktion  eine  Temperatursteigerung,  die  nicht  höher 
als  37,4  in  recto  im  Maximum  an  den  3  Tagen  nach  der  Einspritzung 
kam.  Allerdings  war  die  Temperatur  vor  der  Injektion  und  nach  den 
3  Reaktionstagen  nicht  höher  als  36,9  im  Maximum  gewesen.  Die 
Allgemeinerscheinungen  wurden  von  ihr  mit  dem  Gefühl  einer  leichten 
Influenza  beschrieben,  lassen  sich  also  auch  nicht  annähernd  mit  dem 
Grad  der  Stichreaktion  vergleichen.  Bei  der  echten  Phthise  sehen  wir 
zwar  Giftempfindlichkeit  ganz  ähnlichen  Grades,  aber  veränderten  Typs. 
Ein  Millionstel  Milligramm  Alttuberkulin  kann  jetzt  eine  deutliche 
Fieberreaktion  und  eine  dem  Kranken  sehr  schwer  fühlbare  Allgemein¬ 
reaktion  auslösen,  während  von  einer  Stichreaktion  dabei  vielleicht 
überhaupt  nichts  gesehen  werden  kann.  Es  ergibt  sich  daraus,  dass 
nicht  die  Giftüberempfindlichkeit  schlechthin  die  generalisierenden 

3 


72 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


tuberkulösen  Formen  charakterisiert,  sondern  gerade  die  histologische 
Allergie  nach  dem  sekundären  Typ,  die  uns  als  akute  exsudative  Ent¬ 
zündung  unmittelbar  an  der  Stelle  der  Einverleibung  des  üiftes  en  ¬ 
gegentritt,  dieses  hier  iesthält,  lokalisiert,  vielleicht  absattigt.  Damit  , 
wird  es  wahrscheinlich,  dass  die  Tuberkulintherapie  sich  diesen  Ver¬ 
hältnissen  anpassen  und  davon  vielleicht  auch  einigen  Vorteil  tur  di 
Behandlung  ziehen  kann.  _ _ 

Verfolgen  wir  diesen  Unterschied  in  der  Reaktionsweise  gegenüber 
dem  Alttuberkulin  noch  etwas  weiter,  so  sehen  wir,  dass  die  starke 
Stichreaktion  der  sekundären  Formen  sich  vollkommen  innerhalb  des 
Kreises  der  als  Anaphylaxie  beschriebenen  Erscheinungen  halt.  Die  Re¬ 
aktion  ist  eine  allgemein  entzündliche.  Man  kann  ihr  hei  der  ausseren 
Betrachtung  nicht  ohne  weiteres  ansehen,  mit  welchem  Stott  sie  aua- 
gelöst  wurde.  Erst  die  mikroskopische  Untersuchung  wurde  unter  Um¬ 
ständen  den  typischen  histologischen  Bau  einer  tuberkulösen  Gewebs¬ 
veränderung  im  Zentrum  des  künstlichen  Herdes  nachweisen  können. 
Im  Gegensatz  dazu  verrät  die  Wirkung  kleinster  Tuberkulinmengen  bei 
den  schweren  fortschreitenden  tertiären  Lungentuberkulosen  eine  aul¬ 
fallende  Aehnlichkeit  mit  der  von  Behring  entdeckten  spezifischen 
Giftüberempfindlichkeit  hochimmunisierter  Tiere  gegen  das  zur  Immuni¬ 
sierung  verwendete  Toxin  (Diphtherie  und  Tetanus).  Es  darf  deshalb 
wohl  nicht  als  Zufall  angesehen  werden,  dass  die  Verstärkung  der  mehr 
oder  weniger  spezifisch  tuberkulotoxischen  Wirkungen  gerade  beim 
Phthisiker,  also  ebenfalls  wieder  dem  Träger  einer  nachweisbaren  weit¬ 
gehenden  Immunität,  angetroffen  wird.  Wir  gewinnen  von  hier  aus 
einen  Ausblick  auf  Verständnismöglichkeiten  für  das  rätselvolle  Krank¬ 
heitsbild  der  isolierten  Phthise,  die  mir  heute  sehr  weitreichend  er¬ 
scheinen  wollen,  und  zweifellos  auch  für  die  Praxis  verwertbar  gemacht 
werden  können.  Schliesslich  sei  nicht  unerwähnt,  dass  es  sich  auch  bei 
der  Tetanus-  und  Diphtherieimmunität  nicht  um  eine  vollständige  und 
vollkommene,  sondern  um  eine  Teilimmunität  —  hier  gegen  ein  echtes 
Toxin  —  handelt.  Wir  werden  daraus  den  Schluss  ziehen,  dass  es  auch 
in  bezug  auf  die  Immunität  noch  allerhand  Dinge  zwischen  Himmel 
und  Erde  gibt,  die  wir  nicht  vorschnell  als  ausreichend  bekannt  ansehen 
dürfen.  Auch  die  Immunität  ist,  wie  jede  grosse  wissenschaftliche 
Intuition  ein  antizipierter  Begriff,  zunächst  nur  in  der  allgemeinsten 
Fassung  berechtigt,  im  Detail  aber  nur  auf  Probe  bis  zur  Bewahrung 
unserer  jeweiligen  Vorstellungen  an  der  Erfahrung  aufgestellt. 

Bleiben  wir  also  auch  für  unser  spezielles  Forschungsgebiet  des 
schönen  Satzes  von  Karl  Ernst  v.  Baer  eingedenk:  „Die  Wissen¬ 
schaft  ist  ewig  in  ihrem  Quell,  unermesslich  in  ihr e.m 
Umfang,  endlos  in  ihrer  Aufgabe,  unerreichbar  in 
ihrem  Ziele.“  _ 


Aus  der  II.  medizinischen  Klinik  der  Charitee  Berlin. 
(Direktor:  Geheimrat  Prof.  Dr.  Kraus.) 

Die  Behandlung  der  Lungentuberkulose  durch  Anregung 

des  Kreislaufs. 

(Mit  einer  Bemerkung  über  Eukupin.) 

Von  W.  Arnoldi,  Assistent  der  Klinik. 

Im  Jahre  1892  berichtete  Bruno  Alexander  über  die  Behandlung 
der  Lungentuberkulose  mit  subkutanen  Kampferinjektionen.  Fast  zu 
gleicher  Zeit  teilten  auch  Huchard  und  Faure-Miller  günstige 
Ergebnisse  dieser  Behandlungsmethode  mit  Alexander  ging  in  fol¬ 
gender  Weise  vor:  An  4  aufeinanderfolgenden  Tagen  wird  1  ccm  Oleum 
cbmphoratum  mite  injiziert.  Dieser  Turnus  wird  mehrfach,  mit  8  bis 
10  tägigen  Zwischenpausen  wiederholt.  Das  gilt  für  fieberfreie  Kranke, 
bei  Temperaturerhöhung  gibt  man  dagegen  nur  0,1  ccm  im  Anfang, 
und  wenn  diese  Dosis  gut  vertragen  wird,  späterhin  mehr.  Die  besten 
Erfolge  sah  der  Autor  bei  älteren  Fällen  von  Phthise  mit  Kavernen.  Aus¬ 
drücklich  wird  betont,  dass  nicht  immer  die  Wirkung  eine  günstige  war 
und  zuweilen  Misserfolge,  ja  sogar  Verschlimmerungen  vorkamen  Es 
handelt  sich  also  durchaus  nicht  um  ein  unbedingt  harmloses  Verfahren, 
und  zu  seiner  Anwendung  ist  eine  genügende  klinische  Erfahrung  not¬ 
wendig.  In  geeigneten  Fällen  schwinden  nach  Alexander  Nacht- 
schweisse,  Auswurf,  Fieber,  hebt  sich  der  Appetit,  und  die  Leistungs¬ 
fähigkeit,  sowie  auch  das  Aussehen  werden  gebessert.  Hämoptoe  bil¬ 
dete  keine  Kontraindikation,  eine  Angabe,  der  später  v.  Criegern 
widerspricht  in  seinem  Bericht  über  die  Erfahrungen  mit  der  Kampfer¬ 
behandlung  in  der  Klinik  von  Hoff  mann  in  Leipzig.  Hier  fand  man 
keinen  Einfluss  bei  unkomplizierter  Tuberkulose.  Bei  älteren  Fällen 
dagegen  mit  Kavernen  erwies  sich  der  Kampfer  unbedingt  als  nützlich. 
Unter  der  Behandlung  stieg  der  Blutdruck;  auf  die  Atemnot,  den  Husten¬ 
reiz  die  Schmerzen  und  mitunter  auch  den  Schlaf  wirkte  der  Kampfer 
nicht  förderlich  ein,  wohl  aber  auf  die  Arbeitslust,  die  Leistungsfähigkeit, 
die  Nachtschweisse  und  den  Auswurf.  Nach  jahrelangem  Gebrauch 
lässt  die  Wirkung  nach. 

Als  ich  vor  3  Jahren,  ebenso  zufällig  wie  Alexander,  und  ohne 
seine  Arbeiten  zu  kennen,  die  Kampferbehandlung  aufgriff,  machte  ich 
bald  die  gleichen  Erfahrungen  wie  dieser  Autor. 

Der  erste  Kranke  war  ein  Mann  von  33  Jahren  mit  ausgedehnter  Tuber¬ 
kulose  beider  Lungen  (Röntgenplatte),  der  sich  weigerte,  in  eine  Heilstätte 
zu  gehen,  oder  auch  nur  seine  anstrengende  berufliche  Tätigkeit  einzu¬ 
schränken.  Er  klagte  über  grosse  Schwäche,  Nachtschweisse,  starken  Husten 
und  mässig  starken  Auswurf.  Sein  Gewicht  hatte  in  den  letzten  6  Jahren 
um  45  Pfund  abgenommen.  Die  Temperatur  ist  nachmittags  ein  wenig  erhöht. 
Im  Auswurf  befinden  sich  zahllose  Tuberkelbazillen. 


Behandlung:  Jeden  2.  Tag  1  ccm  Ol.  camph  intramuskulär  Ferner 
Dürkheimer  Maxquelle.  Schnelle  Besserung  aller  Erscheinungen,  Gewichts¬ 
zunahme  in  3  Monaten  15  Pfund,  dann  weiter  5  Pfund  Sputum  wmd  bazillen- 
frei.  Seit  2 'A  Jahren  Wohlbefinden,  keine  weitere  Behandlung  erforderlich. 

Dieser  Erfolg  ermutigte  mich,  die  Methode  auch  bei  anderen  Fällen 
anzuwenden.  Neben  dem  Kampfer  verordnete  ich,  je  nach  den  Um¬ 
ständen,  Phosphorlebertran,  Kalzium  oder  Arsen  zeitweilig.  Ging  eine 
Hämoptoe  kurz  voraus,  so  leitete  ich  die  Behandlung  mit  Adonigen 
ein  3  mal  5—8  Tropfen.  Ich  werde  auf  dieses  Praparat  spater  noch 
zurückkommen.  Die  Fieberkurve  I  mit  Anmerkungen  über  die  Ver- 


Es  handelt  sich  um  einen  JO  jährigen  Mann  mit  ausgedehnter  Lungen¬ 
tuberkulose,  der  vor  14  Tagen  plötzlich  Blutauswurf  bemerkte,  ferner  Nacht¬ 
schweisse,  Husten  usw.  Ihm  war  bis  dahin  nichts  über  sein] 

Durch  die  Behandlung  rapider  Gewichtsanstieg  bis  auf  40  Pfund,  aus  Ke 
zeichnete  Besserung  aller  Erscheinungen  and  Wiedererlangen  der  vollen 
Arbeitsfähigkeit.  „  .  . ,  ,  .  ,  ...... 

Bei  manchen  Kranken  war  mehr  Geduld  und  Ausdauer  erforderlich, 
andere  sprachen  schneller  auf  die  Behandlung  an.  Im  Durchschnitt 
betrug  die  Dauer  der  Behandlung  etwa  Jahr,  wie  es  auch  Alexan¬ 
der  angibt.  Die  Höhe  der  Dosis,  wie  auch  die  Länge  der  Zwischen¬ 
pausen,  sind  stets  den  besonderen  Verhältnissen  des  Einzelfalles  an¬ 
zupassen.  Als  Richtschnur  für  die  Beurteilung  gelten  neben  dem  Unter¬ 
suchungsbefund  die  subjektiven  Empfindungen  der  Kranken  ).  Leichte 
Benommenheit,  Kopfschmerzen  oder  dergl.  treten  am  läge  der  ln" 
jektion  zuweilen  auf.  Das  ist  unbedenklich,  wenn  am  folgenden  läge 
die  Kranken  sich  Wohlbefinden.  Ferner  richte  man  sich  nach  der  lern- 
peratur.  Es  darf  nicht  zu  einer  längerdauernden  Fiebersteigerung 
kommen  Das  Gewicht  muss  genau  kontrolliert  werden  und  soll  bei 
abgemagerten  Personen  bis  zu  einem  normalen  Werte  ansteigen. 

Viel  schwieriger  als  bei  den  Fällen  mit  subfebrilen  oder  noimalen 
Temperaturen  gestaltet  sich  die  Behandlung  Lungentuberkulöser  mit 
stärkerem  Fieber.  Unter  solchen  Umständen  habe  ich  den  Kampier 
oder  das  Adonigen  mit  Eukupin  kombiniert.  Vorbehaltlich  der  Bestati- 
gung  durch  andere  Untersuchungsmethoden  und  von  seiten  anderer  Be¬ 
obachter  möchte  ich  annehmen,  das  das  Eukupin  sich  nicht  nur  bei 
der  Behandlung  von  fiebernden  Tuberkulösen  bewährt,  sondern  auch 
zur  Entscheidung  der  Frage  beitragen  kann,  ob  das  Fieber  durch  den 
tuberkulösen  Prozess  als  solchen,  oder  durch  eine  Mischinfektion  hervor¬ 
gerufen  wird.  ,  .  ,  ,  ,  .... 

Fall  II  betrifft  einen  59  jährigen  Kranken  mit  ausgedehnten  alteren 

und  frischeren  Lungenveränderungen. 

Seit  dem  22.  Lebensjahr  tuberkulös.  Im  Auswurf  keine  Tuberkelbazillen. 
Atemnot  und  leichte  Zyanose  bei  der  Aufnahme.  Lungenschwarte,  Bronchitis 
und  Peribronchitis  chronica.  Aus  der  Kurve  ist  ersichtlich,  wie  günstig  die 
kombinierte  Behandlung  mit  kleinen  Dosen  Adonigen,  Kampfer  und  Eukupin 

.  .  T7  _ —  _  ^  r,  ,  M  TT  ....  \r  t  AM  I  T  OTT71  PntC. 


Zunahme  20  Pfund. 

Die  geschilderte  Behandlungsmethode  war  wirkungslos  bei  einer 
Reihe  von  Kranken  mit  schwerer,  vorwiegend  exsudativer  Lungen¬ 
tuberkulose  im  letzten  Stadium.  Auch  bei  ausgeprägten  thyreotoxischen 
Erscheinungen  ist  der  Kampfer  nicht  angebracht,  viel  eher  das.  Adonigen, 
dessen  Wirkung  eine  mildere  und  auch  andersartige  ist.  Es  ist  ratsam, 
bei  jedem  fiebernden  Kranken  vorsichtig  „tastend“  die  Behandlung  zu 
beginnen,  zunächst  mit  Adonigen,  dem  in  kleinen  Dosen  und  unter  Um¬ 
ständen  grösseren  Zwischenpausen  Kampfereinspritzungen  folgen. 
Gelingt  es  dann,  ohne  Schaden,  zu  höheren  Dosen  Kampfer  über¬ 
zugehen,  so  ist  diese  Behandlung  wirkungsvoller,  als  die  mit  Adonigen 


Nicht  selten  sieht  man  nach  Injektionen  von  Kampferöl  allgemeine, 
sowie  Herdreaktionen  auftreten,  die  durchaus  denen  gleichen,  die  nach 
Tuberkulininjektionen  beobachtet  werden.  Ich  verweise  auf  Kurve  I 
und  führe  eine  weitere  Fieberkurve  II  an,  die  von  einem  desolaten 


Falle  von  Lungentuberkulose  im  letzten  Stadium  der  Erkrankung 
stammt.  Die  Fiebererhöhung  am  Tage  nach  der  Injektion  von  0,5  ccm 
Ol.  camphor.  ist  deutlich. 

Alexander  untersuchte  bereits  andere  Kreislaufmittel  in  ihrer 
Wirkung  auf  die  Tuberkulose.  Nur  das  Coffein,  natr.  benzoic.  erwies 

*)  Die  Angaben  der  Kranken  über  subjektive  Beschwerden  (Magen¬ 
schmerzen!)  sind  fast  so  wesentlich  wie  die  Temperaturmessung. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


n 


20.  Januar  1922. 

;icti  ihm  als  wirksam,  wenn  auch  in  geringerem  Grade  als  der  Kampfer. 
2s  war  diesem  Autor  entgangen,  dass  bereits  in  der  älteren  Literatur 
Beobachtungen  ähnlicher  Art  niedergelegt  sind.  Focke  berichtet 
leuerdings  über  Angaben  der  englischen  Aerzte  aus  dem  18.  und 
19.  Jahrhundert  über  die  Wirkung  der  Digitalis.  Sanders  erwähnt 
1808  dabei  auch  schon  den  Kampfer.  Ich  selbst  habe  zuweilen  Digitalis- 
iräparate  in  kleinen  Dosen  nicht  unwirksam  gefunden,  ebenso  Koffein, 
n  neuerer  Zeit  gebe  ich  dem  aus  Adonis  vernalis  hergestellten  und 
/on  C  i  t  r  o  n  experimentell  genau  untersuchten  Adonigen  als  einem 
nilden,  gut  verträglichen  und  wirksamen  Präparat  den  Vorzug.  Die 
<umulierung  tritt  nicht  so  bald  ein,  wie  bei  Digitalis.  Es  fehlt  die 
/agusreizung,  soweit  man  aus  den  bisherigen  klinischen  und  experimen- 
ellen  Untersuchungen  einen  Schluss  ziehen  kann.  Gerade  letzteres 
st  bei  den  an  sich  schon  häufig  „vagotonischen“  Lungenkranken  von 
/orteil.  Die  Indikationen,  sowie  die  Art  der  Anwendung  wurden 
rereits  geschildert. 

Der  Behandlung  mit  den  genannten,  sowie  mit  anderen  Kreislauf¬ 
nittein,  ist  die  Förderung  der  Zirkulation  und  wohl  auch  eine  Auto- 
nokulation  mit  dem  eigenen  Tuberkulin  des  Körpers  gemeinsam.  Man 
vird  deshalb  auch  die  gleiche  Wirkung  auf  ganz  andere  Weise  erzielen 
cönnen,  z.  B.  durch  methodische  Gymnastik  (Inma  n)  oder  Tief- 
itmungsiibungen  (H  o  f  b  a  u  e  r). 

Eine  sorgfältige  und  wenn  möglich  spezialärztliche  Untersuchung 
ind  Behandlung  der  oberen  Luftwege  (Rachenmandel),  ist  in  jedem 
7all  erforderlich.  Alle  Entzündungsprozesse  daselbst,  ja  schon  ein  ein- 
acher  Schnupfen,  kann  alle  Erfolge  durch  eine  neue  Verschlimmerung 
runichte  machen. 

Gegen  Beschwerden  von  seiten  des  Magendarmkanals  hat  sich  mir 
Uropin  (Sol.  Atrop.  sulf.  0,01/10  3  mal  täglich  5 — 8  Tropfen)  aus¬ 
gezeichnet  bewährt.  Durch  das  Nachlassen  der  Schmerzen  wird  die 
Nahrungsaufnahme  gebessert.  Bei  Durchfällen  ist  die  Kombination  von 
Uropin  mit  Opium,  bei  Obstipation  die  mit  Senna.  zweckmässig2). 


Zusammenfassung. 


1.  Bei  vorgeschrittenen  Fällen  von  beiderseitiger 
Lungentuberkulose  wird  die  Behandlung  mit  intramuskulären 
njektionen  von  Ol.  camphor.  mite,  jeden  2.  Tag  1  ccm,  als 
virksam  empfohlen. 

Bei  fiebernden  Kranken  ist  eine  Vorbehandlung 
;nit  einem  milderen  Kreislaufmittel,  z.  B.  Adonigen, 
atsam.  Dann  erst  kann  ein  vorsichtiger  Behandlungsversuch  mit 
deinen  Dosen  Kampferöl  unternommen  werden. 

2.  Nach  den  ersten  Kampferinjektionen  treten  mitunter  a  1 1  g  e  - 
neine  und  lokale  Herdreaktionen  auf,  die  den  mit 
fuberkulin  hervorgerufenen  Reaktionen  gleichen.  Später  setzt  dann 
neist  der  Kampfer  die  erhöhte  Temperatur  herab.  Das  Verhalten  ist 
Verschieden,  je  nach  der  Dosis  (grössere  Mengen  können  leichter 
'ieber  erzeugen)  und  nach  dem  Einzelfall. 

Es  dürften  Beziehungen  bestehen  zwischen  der  hier  mitgeteilten 
Behandlungsmethode  und  der  spezifischen  Therapie  mit  Tuberkulin,  in- 
ofern  durch  die  Anregung  des  Kreislaufs  im  Körper  vorhandenes  Tuber- 
ulin  mobilisiert  und  in  den  Kreislauf  geworfen  wird.  Die  Folgen 
vären  dann  die  genannten  Reaktionen. 

Neben  den  erwähnten  Kreislaufmitteln  dürften  auch  noch  andere 
eeignet  sein,  und  endlich  werden  wahrscheinlich  ähnliche  Effekte 
nrch  die  physikalische  Therapie,  etwa  dosierte  Muskelarbeit  oder 
iefatmung  erzielt  werden  können.  Auch  hierbei  treten  zuweilen  Re¬ 
ktionen,  allgemeiner  und  lokaler  Art,  auf. 


3.  Zur  Behandlung  des  Fiebers  bei  Lungentuberkulose  eignet  sich 
as  Eucupin.  b  i h  y d  r  o c h  1  o r  i  c.  oder  basic.,  3— 4  mal  täglich 
,25  g  in  Oblaten  nach  den  Mahlzeiten  verabfolgt,  sofern  das  Fieber 
n  wesentlichen  durch  eine  Mischinfektion  hervorgerufen  wird. 

4.  Bei  fiebernden  Tuberkulosekranken  wird  man  mit  der  Verordnung 
rösserer  Dosen  von  Kreislaufmitteln  vorsichtig  sein  müssen.  Der 
'rozess  kann  leicht  ungünstig  beeinflusst  werden;  es  können  Reaktionen 
on  längerer  Zeit  auftreten,  offenbar  dadurch,  dass  erhebliche  Mengen 
on  Tuberkulin  aus  den  erkrankten  Partien  in  den  Kreislauf  gelangen 
nd  die  Reaktionen  ausiösen. 

5.  Zur  Sicherung  des  Heilerfolges  ist  in  jedem  Fall  eine  sorgfältige 
«ntersuchung  und,  wenn  nötig,  Behandlung  der  oberen  Luftwege  er- 

nderlich. 


6.  Bei  Beschwerden  von  seiten  des  Magendarmkanals  bewährt  sich 
ie  Verordnung  kleiner  Mengen  von  Atropin,  unter  Umständen  mit 
inem  sehr  geringen  Zusatz  von  Opium. 


Anmerkung:  Seit  vielen  Jahren  bereits  habe  ich  bei  nicht  tuber- 
ulösen  Lungenerkrankungen,  z.  B.  hartnäckigen  Bronchitiden,  mit  grossem 
putzen  kleine  Mengen  von  Kreislaufmitteln  verwendet.  Namentlich  eignen 
ich  dafür  asthenische,  vagotonische  und  lymphatische  Personen.  Bei  diesen 
ann  ein  chronischer  Lungenkatarrh  durch  eine  Kreislaufschwäche  mitver- 
chuldet  werden.  Aber  auch  bei  beginnenden  tuberkulösen  Prozessen  unter- 
tützt  ein  derartiger  vorsichtiger  Behandlungsversuch  die  Heilstättenkur. 
donigen  bewährt  sich  hier  deshalb  recht  gut,  weil  es  anscheinend  nicht  über 
en  im  Reizzustand  befindlichen  Vagus  seine  Wirkung  auf  den  Kreislauf 
usübt. 


Adonigen  wird  an  de.i  chemisch-pharmazeutischen  Werken  Hom- 
urg  v.  d.  H.  hergestellt. 


?)  Z.  B.  als  Sennatropin  und  Opatropin  Silbe.  Kaiser-Friedrich-Apotheke. 

erlin,  Karlstr.  20  a. 


Aus  der  Frauenklinik  der  Universität  Leipzig. 

Der  Nabelschnurvorfall  und  seine  Behandlung*). 

Von  Prof.  Dr.  Bernhard  Schweitzer. 

Der  Nabelschnurvorfall  kann  nur  als  ein  äusserst  gefahrvolles 
Ereignis  für  das  in  der  Geburt  begriffene  Kind  gewürdigt  werden. 
Beim  Durchgehen  der  Geburtswege  entrinnt  es  nur  selten  der  Er¬ 
stickung.  Die  bisherigen  Resultate  der  Behandlung  können  noch 
keineswegs  voll  befriedigen.  Wenn  auch  Verluste  an  kindlichem  Leben 
bei  der  Natur  dieser  Komplikation  nie  ganz  ausgeschaltet  werden 
können,  so  wird  doch  jeder  Geburtshelfer  dann  an  der  dringend  er¬ 
wünschten  Besserung  der  Sterblichkeit  mitwirken,  wenn  er,  auf  dieses 
allerdings  nicht  allzu  näufige  Ereignis  immer  eingestellt,  im  Augenblick 
des  Geschehens  die  notwendige  Hilfe  nicht  .vermissen  lässt.  Wie  diese 
in  Klinik  und  Haus  am  besten  sich  gestaltet,  will  ich  an  dieser  Stelle 
darlegen. 

Um  meine  Ausführungen  genügend  fundieren  zu  können,  habe  ich 
die  in  der  Leipziger  Klinik  beobachteten  Fälle  vom  1.  Januar  1908  bis 
1.  Mai  1921  durchgearbeitet. 

In  dieser  Zeit  kamen  auf  18  934  Geburten  214  Fälle  von  Nabel¬ 
schnurvorfall,  was  einer  Häufigkeit  von  1,13  Proz.  entspricht. 
Somit  kommt  hier  ein  Nabelschnurvorfall  auf  88  Geburten,  eine  im 
Vergleich  zu  anderen  Mitteilungen  grosse  Häufigkeit,  die  wohl  nicht 
zuletzt  auf  Kosten  der  in  Sachsen  besonders  reichlich  vertretenen,  dis¬ 
ponierenden  engen  Becken  zu  buchen  ist.  In  einer  kleineren  Statistik 
hat  T  h  u  m  s  t  ä  d  t  e  r  an  der  hiesigen  Klinik  eine  Häufigkeit  von 
1,09  Proz.  berechnet. 

Unter  den  214  Fällen  meiner  Zusammenstellung  hatte  sich  der 
Nabelschnurvorfall  ereignet  bei  142  Kopflagen  (139  Hinterhaupts-, 
2  Stirn-  und  1  Gesichtslage),  ferner  bei  42  Beckenendlagen  (37  Fuss- 
und  5  Steisslagen)  und  bei  30  Querlagen. 

Die  bekannten  Ursachen  der  zu  besprechenden  Komplikation, 
welche  einen  mangelnden  Abschluss  des  unteren  Uterusabschnittes 
durch  den  vorliegenden  Kindsteil  bedingen,  treten  in  folgendem  zutage: 

Die  Mehrgebärenden  (150)  waren  in  Ueberzahl  gegenüber  den 
Erstgebärenden  (64)  vertreten,  jedoch  lange  nicht  in  dem  von  Seitz 
und  S  t  o  e  c  k  e  1  betonten  Verhältnis.  Der  relativ  grössere  Anteil  Erst¬ 
gebärender  liegt  wohl  darin  begründet,  dass,  wie  bereits  erwähnt,  die 
engen  Becken  hier  in  grösserer  Zahl  als  anderswo  in  Frage  kommen. 

Die  schmale  Beschaffenheit  und  falsche  Einstellung  des  vor¬ 
liegenden  Kindsteils  als  Ursache  des  Nabelschnurvorfalls  zeigt  sich  in 
der  verschiedenen  Beteiligung  der  Kindslagen.  Nach  Thumstädter 
kam  1  Nabelschnurvorfall  bei  Kopflagen  auf  129,  bei  Steisslagen  1  auf 
77,  bei  Fusslagen  1  auf  8  und  bei  Querlagen  1  auf  9  Fälle.  Es  erhellt 
hieraus,  dass  mit  den  in  erster  Linie  begünstigenden  Querlagen  die 
Fusslagen  konkurrieren  und  dass  die  Steisslagen,  welche  weitaus  sel¬ 
tener  sind,  jedoch  nicht  an  die  Seltenheit  der  Kopflagen  heranreichen, 
eine  gesonderte  Stellung  gegenüber  den  Fusslagen  einzunehmen  ver¬ 
dienen. 

Um  Zwillinge  hat  es  sich  5  mal  gehandelt,  um  Armvorfall  bei  Kopf¬ 
lage  6  mal. 

Enge  Becken  (112)  waren  in  52  Proz.  vorhanden  und  zwar 
rachitisch  platte  ersten  Grades  81,  zweiten  Grades  18,  dritten  Grades  5 
und  allgemeinverengte  ersten  Grades  6,  zweiten  Grades  1,  dritten 
Grades  1.  Bei  Erstgebärenden  war  das  Becken  34  mal  verengt,  also  in 
über  der  Hälfte  der  Fälle.  Wo  es  sich  bei  Erstgebärenden  um  nor¬ 
males  Becken  handelte,  war  die  Ursache  für  den  Nabelschnurvorfall 
12  mal  in  Beckenend-  bzw.  Querlage  zu  sehen. 

Von  dem  Kopf  den  Eintritt  ins  Becken  verwehrenden  Geschwülsten 
war  1  mal  ein  Ovarialkystom  vorhanden. 

Placenta  praevia  war  9  mal  gleichzeitige  Komplikation. 

Die  in  78  Proz.  länger  als  50  cm  gefundene  Nabelschnur  hatte  in 
nur  18  Proz.  zentrale  Insertion,  während  sie  sonst  seitlich  und  speziell 
in  44,2  Proz.  am  Rande  bzw.  in  den  Eihäuten  eingepflanzt  war. 

Hydramnion  war  in  2  Fällen  festgestellt.  (Entbindungsversuche 
ausserhalb  waren  8  mal  vorausgegangen.) 

Abgesehen  von  diesen  immer  schon  genannten  ätiologischen  Mo¬ 
menten  muss  ich  auf  eine  Gelegenheitsursache,  die  jedenfalls  nach 
unseren  Erfahrungen  Beachtung  verdient,  noch  besonders  aufmerksam 
machen,  ln  17  Fällen  haben  wir  den  Nabelschnurvorfall  nach 
Metreuryse  entstehen  sehen.  Wenn  nach  vorzeitigem  Blasen¬ 
sprung  die  Wehentätigkeit,  die  Erweiterung  und  Retraktion  zu  wün¬ 
schen  übrig  lässt,  pflegen  wir  von  dem  Einlegen  eines  Hystereurynters 
gern  Gebrauch  zu  machen.  War  der  Ballon  gross,  so  ist  das  Ereignis 
des  Nabelschnurvorfalls  im  allgemeinen  ohne  schlimmere  Folgen,  weil  bei 
Ausstossen  des  Ballons  ein  handdurchgängiger  Muttermund  erreicht  ist 
und  die  Therapie  weiterhin  auf  keine  besonderen  Schwierigkeiten  stösst. 
Anders  bei  dem  Vorkommen  nach  kleinem  Ballon,  nach  dessen  Aus- 
stossung  eine  schnelle  Entwicklung  des  Kindes  sich  verbietet. 

Auf  alle  Fälle  muss  der  Grundsatz  gelten,  nach  dem  Ausstossen 
jedes  Metreurynters  sofort  aufmerksam  auf  Nabelschnurvorfall  zu  unter¬ 
suchen,  um  gegebenenfalls  sofort  helfen  zu  können. 

Die  Häufung  des  Nabelschnurvorfalles  nach  Metreuryse  bei  diesem 
oder  jenem  Assistenten  legt  den  Gedanken  nahe,  dass  gewisse  Um¬ 
stände  beim  Einlegen  des  Metreurynters  begünstigend  wirken  müssen, 
die  vielleicht  unbewusst  von  anderen  vermieden  werden.  Man  hat  ge- 
wiss  eine  allzugrosse  Lockerung  oder  Verdrängung  des  eingestellten 

*)  In  der  Gesellschaft  für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  in  Leipzig 
am  17.  Oktober  1921  gehaltener  Vortrag. 


3* 


74 


1  *.]'<* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


Kindteils  zu  vermeiden.  Auch  wird  man  gut  daran  tun,  den  Metieu- 
rynter  auf  der  Rückenseite  des  Kindes  hochzuführen,  damit  der  nach  der 
Bauchseite  ausweichende  Kindsteil  der  Nabelschnur  eher  den  Weg  vei- 
legt. 

Die  Gesamtsterblichkeit  der  Kinder  war  bei  Berück- 
sichtigung  aller  214  Fälle  56,5  Proz.,  denn  121  endeten  mit  Iotgeburten. 

Um  die  Zufälligkeiten  des  Materials  auszuschliessen  und  einen 
besseren  Vergleich  mit  anderen  Statistiken  zu  ermöglichen,  hebe  ich 
noch  folgende  Sterblichkeitsziffern  hervor. 

Wenn  wir  alle  kurz  als  lebensunfähig  bezeichneten  Kinder  mit 
einem  Geburtsgewicht  unter  2000  g  ausser  Betracht  lassen,  ohne 
Rücksicht  darauf,  ob  sie  lebend  oder  tot  geboren  wurden,  so  ergibt 
sich  folgende  Gesamtmortalität  der  sog.  lebensfähigen  Kinder. 
Von  191  lebensfähigen  Kindern  kamen  104  tot  zur  Welt  ==  54,5  Pioz. 
Mortalität.  Diese  Zahl  zeigt  uns  die  Höhe  der  Gefahr  des  Nabelschnur¬ 
vorfalls  für  lebensfähige  Kinder  ohne  nähere  Berücksichtigung  einei 
rechtzeitigen  oder  verspäteten  Behandlungsmöglichkeit.  Je  nach  Lage 
war  die  Gefahrenhöhe  folgende: 

von  134  Kopflagen  wurden  totgeboren  73  =  54,5  Proz.  Mortalität, 

„  4  Steisslagen  „  2  —  50,0  ,.  „ 

„  29  Fusslagen  „  ,»  17  —  58,6  ,.  » 

„  24  Querlagen  „  12  50,0  ,.  » 

Aus  diesen  Zahlen  ergibt  sich,  falls  wir  die  durch  Ungleichheit 
der  Grundzählen  vielleicht  bedingten  Fehlerquellen  ausser  acht  lassen, 
dass  im  Endeffekt  die  lebenvernichtende  Wirkung  des  Nabelschnur¬ 
vorfalls  annähernd  gleich  hoch  ist,  gleichgültig  in  welcher  Lage  das  Kind 
sich  befindet,  wenn  auch  die  Mortalität  der  Lage  an  sich  durch  den 
Nabelschnurvorfall  in  verschiedenem  Grade  erhöht  wird  (vergl. 
Zangemeister). 

Es  ist  vielleicht  nur  auffallend,  dass  die  Fusslagen,  bei  welchen 
der  Druck  der  Nabelschnur  annehmbar  weitaus  geringer  wirken  sollte, 
nicht  besser  im  Enderfolg  abschneiden  als  die  übrigen  Lagen,  spezie  1 
die  Kopflagen,  mit  sicher  grösster  Druckwirkung.  Dieser  Widerspruch 
kommt  noch  mehr  zum  Ausdruck,  wenn  wir  allein  die  Moitalität  an- 
sehen,  welche  bereits  vor  Uebernahme  der  Behandlung  sich  ergeben 
hatte.’  Dabei  kommt  die  den  Lagen  sowieso  eigene  Lebensgefahr  noch 
nicht  voll  in  Betracht  und  auch  das  Moment  des  ärztlichen  Eingriifs 
spielt  noch  keine  etwa  einflussreiche  Rolle. 

Von  134  Kopflagen  kamen  schon  abgestorben  in  Behandl.  34  -=  25,4  Proz.  Mort., 
„  4  Steisslagen  „  ,,  »,  «  1  ~  25,0  „  „ 

„  29  Fusslagen  „  „  „  ..  »  11 H3'.’9  ”  ” 

„  24  Querlagen  „  „  „  >>  »  5  —  20,8  ,,  „ 

Die  bisher  genannten  Sterblichkeitsziffern  können  aber  nicht  dazu 
dienen,  den  Wert  einer  sachgemässen  Behandlung  darzulegen.  Um 
das  tun  zu  können,  müssen  wir,  wie  immer  schon  geschehen,  alle  die¬ 
jenigen  Fälle  ausscheiden,  welche  der  Therapie  von  vornherein  nicht 
mehr  zugängig,  nämlich  schon  bei  Aufnahme  in  die  Klinik  verloren 
waren.  Wollen  wir  ermessen,  was  unsere  Behandlung 
zu  leisten  imstande  ist,  so  dürfen  wir  nur  die  mit  noch 
lebendem  Kind  übernommenen  Fälle  allein  be¬ 
trachten. 

Von  140  lebenden  und  lebensfähigen  Kindern  wurden  durch  unsere 
Behandlung  gerettet  87,  wurden  totgeboren  53  =  37,9  Proz.  Mor¬ 
talität.  Und  zwar 


von  100  Kopflagen 

„  3  Steisslagen 

„  18  Fusslagen 

„  19  Querlagen 

Hier  zeigt  sich  nun 


wurden  totgeboren  39  —  39,0  Proz.  Mortalität, 

„  „  1  =  33,3  ,,  „ 

„  „  6  —  33,3  „ 

„  „  7  =  36,8  „ 

die  schlechtere  Aussicht  für  die  Kopflagen. 


Therapie. 

Ueber  die  ratsamste  Behandlung  des  Nabelschnurvorfalls  ist  durch 
das  neuerschienene  Handbuch  von  D  ö  d  e  r  1  e  i  n,  durch  die  neuen 
Lehrbücher  von  S  t  o  e  c  k  e  1  und  v.  Jaschke-Pankow  und  Auf¬ 
sätze  von  E.  Zweifel,  v.  Franque  und  Zangemeister  die 
Diskussion  wieder  in  Gang  gebracht  worden. 

1.  bei  Kopflagen:  Die  Reposition  der  vorgefallenen 
Nabelschnur,  sofern  sie  nicht  vor  der  Vulva  liegt,  wäre  an  sich  das 
in  erster  Linie  gegebene,  einfachst  erscheinende  Verfahren.  Oft  bleibt 
es  aber  bei  einem  vergeblichen  Versuch,  die  Nabelschnur  an  ihren 
physiologischen  Platz  über  den  vorangehenden  Kindsteil  zurück¬ 
zubringen,  auch  wenn  man  die  unterstützende  Beckenhochlagerung  in 
Seitenlage  oder  Knieellenbogenlage  hinzunimmt.  Misslingt  die  Re¬ 
position  bei  weitem  Muttermund,  so  ist  zur  Rettung  des  Kindes  immer 
noch  die  schnelle  Entwicklung  möglich;  ist  der  Muttermund  jedoch  eng, 
so  ist  erstens  die  Reposition  selbst  sehr  schwierig  und  zweitens  ist 
nach  den  langen  Versuchen  das  Kind  meist  verloren.  Auch  trotz  der 
erzielten  Reposition  stirbt  das  Kind  nicht  selten  ab.  Die  Reposition, 
wobei  wir  von  Instrumenten  keinen  Gebrauch  gemacht  haben,  wurde 
öfter  versucht  als  in  unseren  Protokollen  ausdrücklich  vermerkt.  Ge¬ 
lungen  ist  sie  in  12  Fällen  mit  dem  Erfolg,  dass  9  Kinder  lebend 
kamen  =  25  Proz.  Mortalität.  An  diesem  Resultat  hat  aber,  wie  ich 
betonen  muss,  nicht  die  Reposition  allein  Anteil,  denn  der  weitere  Ver¬ 
lauf  war  nur  2  mal  spontan  mit  1  toten  Kind,  2  mal  wurde  dagegen 
noch  die  Entwicklung  mit  der  Zange  notwendig,  jeweils  mit  lebendem 
Kind  ferner  veranlassten  3  Rezidive  des  Nabelschnurvorfalls  noch  die 
innere  Wendung  und  ganze  Extraktion  (1  totes  Kind).  Auch  die  von 
Bumm,  v.  Franque,  Runge,  Schmidt,  Stoeckel,  Zange¬ 
meister,  Zweifel  u.  a.  für  diese  Geburtskomplikation  empfohlene 


Metreuryse  haben  wir  anschliessend  an  die  Reposi- 
t  i  o  n  und  zwar  in  Fällen  von  engem  Muttermund  angewendet  im  ganzen  . 
5  mal.  4  Kinder  konnten  gerettet  werden  —  20,0  Proz.  Mortalität. 

Von  anderen  Dilatationsmethoden  haben  wir  nur  selten  Gebrauch 
gemacht.  Bei  digitaler  Erweiterung  haben  wir  kein  lebendes  Kind  erzielt. 
In  einem  Falle  habe  ich  durch  vaginale  Hysterotomie  mit  an-  j 
schliessender  Zange  ein  lebendes  Kind  entwickelt.  Sonst  war  die 
vaginale  schneidende  Methode  nicht  eingebürgert. 

Sicherlich  verdienen  im  Hinblick  auf  die  Besserungsbedurftigkeit 
der  Mortalität  die  Metreuryse  nach  Reposition  und  die  vaginale 
Hysterotomie  viel  mehr  angewendet  zu  werden.  Gerade  durch  das 
schneidende  Verfahren  sind  wir,  in  der  Klinik  wenigstens,  in  die  Lage 
versetzt,  binnen  kurzem  uns  die  Entwicklungsmöglichkeit  des 
zu  schaffen,  wo  sie  uns  infolge  mangelhafter  Erweiterung  des  Hals-  ; 
Kanals  noch  verwehrt  ist  und  dies  auch  ohne  die  nicht  so  zuvei  lässige  j 
Methode  der  Reposition.  Auf  die  Metreuryse  nach  Reposition  wird, 
zumal  in  der  Hauspraxis,  der  Facharzt  häufiger  hinauskommen  müssen, 
wenn  er  nicht  oft  auf  das  kindliche 'Leben  verzichten  will;  denn  die 
sonst  in  Frage  kommende  kombinierte  Wendung  vermag  doch  nur 
einen  Zufallserfolg  zu  versprechen.  Uns  hat  die  vorzeitige  innere  Wen¬ 
dung,  3  mal  angewendet,  3  mal  vollkommen  im  Stich  gelassen.  Iheore- 
tisch  hofft  man  zwar,  dass  nach  hergestellter  Fusslage  der  Nabel¬ 
schnurdruck  nicht  mehr  totbringend  sich  geltend  mache,  m  der  1  raxis 
zeigt  sich  aber,  dass  sowohl  die  kombinierte  Wendung  selbst,  als  auch 
der  nachfolgende  Weichteildruck  bei  der  spontanen  Ausstossung  zu 
oft  schädlich  wirken.  Denn  daran  müssen  wir  unbedingt  fest- 
halten,  dass  die  Extraktion  bei  unvollkommener  Eröffnung  des  Hals¬ 
kanals  wegen  der  Rissgefahr  mit  Rücksicht  auf  die  Mutter  un¬ 
erlaubt  ist. 


Becken  ausgeführt  mit  lebendem  Kind. 

Auch  die  abdominelle  Schnittentbindung  verdient  bei  der  gebühren¬ 
den  Einschätzung  des  kindlichen  Lebens  in  einer  weitaus  grösseren 
Anzahl  der  klinischen  Fälle  angewendet  zu  werden.  Die  Indikation 
dürfte  gleichzeitig  durch  das  so  häufig  kombinierte  enge  Becken  un¬ 
schwer  gegeben  sein,  vor  allem  in  Fällen  von  Erstgebärenden  und  von  I 
engem  Weichteilbefund,  weil  hier  die  Entwicklung  zu  grossen 
Schwierigkeiten  begegnen  kann,  ln  keiner  geringen  Anzahl  von  Fällen  ] 
hätte  das  Kind  durch  den  Kaiserschnitt  wohl  gerettet  werden  können, 
wie  wir  bei  nachträglicher  kritischer  Beurteilung  der  Fälle  sehen;  j, 
aber  es  schien  unter  dem  Eindruck  der  grossen  Gefahr  des  Nabel¬ 
schnurvorfalls  die  Gefahr  des  engen  Beckens  nicht  genügend  gewürdigt. 


Einfach  und  aussichtsreich  gestaltet  sich  die ,  Behandlung  des  j 
Nabelschnurvorfalls  und  -druckes,  wenn  er  erst  bei  vollkommener  oder 
nahezu  vollkommener  Eröffnung  des  Muttermunds  sich  ereignet.  Dann  ; 
ist  die  innere  Wendung  mit  an  geschlossener  ganzer 
Extraktion  die  beste  Methode,  ln  51  Fällen  haben  wir  so  ver- 
fahren  mit  einem  Verlust  von  10  Kindern  =  19,6  Proz.  Mortalität.^ 
Zur  richtigen  Einschätzung  dieses  Ergebnisses  muss  aber  ergänzend 
hinzugefügt  werden,  dass  6  tote  Kinder  auf  zum  Teil  hochgradig  ver¬ 
engte  Becken  entfallen.  Es  waren  Fälle,  die  zu  sicherem  Erfolg  dem 
Kaiserschnitt  hätten  zugeführt  werden  müssen.  Sofort  wird  das  Re¬ 
sultat  fraglicher,  wenn  wir  mit  der  Extraktion  zurückhaltender  sind. 
Bei  halber  Extraktion  nach  innerer  Wendung  kamen  in  3  Fallen 
2  Kinder  tot,  bei  Spontanverlauf  in  1  Fall  tot. 

Bei  der  Anwendung  der  Zange  bei  schnell  ins  Becken  ein¬ 
getretenem  Kopf  hatten  wir  verhältnismässig  viel  Glück.  Dass  hierbei 
nur  schnelles  Operieren  einen  Erfolg  versprechen  kann,  ist  klar,  wenn 
wir  bedenken,  dass  wir  nur  bei  feststehendem  Kopf  dieselbe  angelegt 
haben.  Von  19  Fällen  sind  15  gut  verlaufen  mit  lebendem  Kind 
=  21  Proz.  Mortalität.  Bemerkenswert  dabei  ist,  dass  die  atypische 
Zange  (15  Fälle  mit  2  toten  Kindern  =  12,7  Proz.)  besser  abschnitt  als 
die  typische  (4  Fälle  mit  2  toten  Kindern  =  50  Proz.).  Das  erklärt  , 
sich  wohl  ungezwungen  so,  dass  bis  zum  typischen  Zangengerecht-  i 
stand  des  Kopfes  tief  im  Becken  natürlich  eine  grössere  Schädigung  I 
des  Kindes  durch  längeren  und  intensiveren  Nabelschnurdruck  sich  : 
geltend  gemacht  hat  als  bis  zum  eben  erreichten  hohen  Querstand.  ; 
Auch  die  K  i  e  1 1  a  n  d  sehe  Zange  hat  an  dem  Erfolg  mitgewirkt. 

In  9  Fällen,  in  welchen  das  Kind  schnell  abstarb,  kam  die  Per¬ 
foration  zur  Ausführung,  in  6  anderen  derartigen  haben  wir  die 
Spontangeburt  abgewartet. 

Ueber  die  Therapie  bei  den  übrigen  Lagen  fasse  ich  mich  kurz:  I 

2.  bei  Fusslagen:  Ganze  Extraktion  10 mal:  1  tot,  halbe 
Extraktion  5 mal:  3  tot,  spontan  3 mal:  2  tot. 

3.  bei  Steisslagen:  Ganze  Extraktion  lmal:  0  tot.  halbe1 
Extraktion  2 mal:  1  tot. 

4.  bei  Querlagen:  Innere  Wendung  und  ganze  Extraktion 
12  mal:  4  tot,  innere  Wendung  und  halbe  Extraktion  2  mal:  1  tot.  kom-  ; 
binierte  Wendung  2  mal:  2  tot,  Kaiserschnitt  3  mal:  0  tot. 


Der  Kaiserschnitt  wurde  hierbei  wegen  gleichzeitiger 
Beckenverengerung  ausgeführt  und  zwar  zweimal  bei  ganz  engem 
Muttermund,  wo  dieser  Weg  der  Entbindung  unzweifelhaft  fürs  Kind 
der  sicherste  war. 

Für  die  Aussicht  auf  Erhaltung  des  kindlichen  Lebens  ist  unstreitig 
von  grosser  Bedeutung  die  Weite  der  Muttermundsöffnung 
im  Augenblick  des  Vorfalls  der  Nabelschnur.  Um  diesen  Einfluss  zahlen- 
mässig  zu  erforschen,  habe  ich  die  Sterblichkeit  der  Kinder  für  jede 
Muttermundsweite  errechnet.  Massgebend  war  die  Weite  zur  Zeit  der 
Diagnose. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


75 


Muttermund  weite 

Kopflagen 

Becken¬ 

endlagen 

Querlagen 

Handteller  bis  vollkommen  .  .  . 

28,3  o/o 

21,4% 

36,4%  _ 

2  Querfinger  bis  Kleinlinndteller 

55,0% 

57,1% 

50,0% 

Ist  der  Muttermund  enger  als  handtellergross,  so  steigt  die  Sterb¬ 
lichkeit  ganz  auffallend. 

Wollen  wir  die  Sterblichkeit  bessern,  so  müssen  wir,  wie  schon 
gesagt,  von  den  schnellen  Erweiterungsverfahren  mehr  Gebrauch 
machen  oder,  den  zervikovaginalen  Weg  ganz  umgehend,  die  abdominale 
Schnittentbindung  ausführen. 

Beim  vollendeten  Nabelschnurvorfall  mit  bereits  erkennbaren 
Druckerscheinungen  wird  unsere  Behandlung  —  abhängig  von  nicht 
unwesentlichen  Begleitumständen  (enges  Becken,  Weichteilschwierig¬ 
keiten,  zu  späte  Diagnose  etc.)  — -  stets  mit  Misserfolgen  rechnen 
müssen.  Anders  ist  es,  wenn  wir  den  Fall  im  Vorstadium  bereits  in 
Behandlung  bekommen,  wenn  es  sich  um  Vor  liegen  der  Nabel¬ 
schnur  handelt.  Hier  haben  wir  die  Situation  wesentlich  günstiger. 

Bei  Kopflagen  war  Vorliegen  der  Nabelschnur  in  22  Fällen 
i  erkannt;  2  Kinder  starben  =  9,1  P  r  o  z.  Mortalität.  Die  Be¬ 
handlung  bestand  darin,  dass  das  Erhaltensein  der  Fruchtblase  bis  zur 
vollkommenen  Eröffnung  des  Muttermundes  angestrebt  wurde,  um 
dann  die  entbindende  Operation  sofort  anzuschliessen.  Dies  wurde 
i  erreicht  durch  die  Schutz-Kolpeuryse  in  6  Fällen.  5  mal 
wurde  danach  durch  innere  Wendung  und  ganze  Extraktion  das  Kind 
lebend  entwickelt;  1  mal  starb  es  noch  ab  und  kam  spontan.  Ferner 
diente  in  3  Fällen  mit  nur  lebendem,  gewendetem  und  extrahiertem 
Kind  die  Schutz-Metreuryse.  Die  innere  Wendung  und  ganze  Ex¬ 
traktion  konnte  in  8  Fällen  zur  rechten  Zeit  gemacht  werden  mit 
vollem  Erfolg. 

Die  Zange  konnte  von  4  Kindern  3  retten. 

Der  einmal  ausgeführte  Kaiserschnitt  brachte  ein  lebendes  Kind. 

Bei  Fusslagen  war  3  mal  und  bei  Querlagen  1  mal  Vorliegen  der 
Nabelschnur  mit  jeweils  extrahiertem  lebenden  Kind  gesehen. 

Eine  Beobachtung  muss  ich  noch  besonders  hervorheben.  Wir 
haben  12  Fälle  erlebt,  in  welchen,  trotzdem  die  Nabelschnur 
zur  Zeit  der  Ausführung  der  Behandlung  bereits  puls  los  war.  das 
Kind  noch  lebend  entwickelt  werden  konnte.  Ent¬ 
scheidend  für  das  Leben  des  Kindes  waren  uns  die  Herztöne.  Dies 
betonen  auch  Runge,  v.  Jaschke-Pankow,  Baisch  u.  a.  Ich 
I  halte  diese  Beobachtung  für  ausserordentlich  wichtig,  weil  sie  uns  die 
Warnung  gibt,  allein  auf  das  Fehlen  der  Pulsation  hin  von  einer 
Therapie  Abstand  zu  nehmen,  vielmehr  uns  dringend  ermahnt,  in  jedem 
Falle  nur  die  Herztöne  entscheiden  zu  lassen  und  unbekümmert  um 
!  die  erloschene  Pulsation  alles  für  das  Kind  zu  tun.  Ja.  ich  möchte 
sogar  in  Fällen,  wo  nachweislich  eben  erst  auch  die  Herztöne  ver¬ 
klungen  sind  und  die  Entwicklung  des  Kindes  ohne  schneidende  Me¬ 
thoden  augenblicklich  möglich  ist,  raten,  so  zu  handeln,  wie  wenn  das 
Kind  noch  lebte. 

Die  Gesundheit  der  Mutter  wird  nur  indirekt  beim  Nabel¬ 
schnurvorfall  in  Mitleidenschaft  gezogen.  Neben  der  Infektionsgefahr 
besteht  die  Hauptgefahr  in  Nebenverletzungen  vor  allem  des  Hals¬ 
kanals,  wenn,  ohne  künstliche  Erweiterung  vorausgeschickt  zu  haben, 
auf  gut  Glück  das  Kind  schnell  entwickelt  wird.  Dabei  gelingt  es  in  der 
Regel  nicht  einmal,  das  kindliche  Leben  zu  retten. 

Das  Wichtigste  der  Therapie  des  Nabeschnurvorfalles  lässt  sich  in 
folgende  Leitsätze  zusammenfassen: 

Das  frühzeitige  Erkennen  der  Lageanomalie  der  Nabel¬ 
schnur  ist  vor  allem  anzustreben.  Bei  allen  zu  Nabelschnurvorfall  dis¬ 
ponierenden  Geburtskomplikationen  muss  an  die  Möglichkeit  gedacht 
werden.  Die  Kontrolle  der  kindlichen  Herztöne  und  das  Suchen  nach 
dem  Nabelschnurgeräusch  ist  schon  bei  stehender  Blase  wichtig.  Die 
Herztöne  pflegen  bei  Nabelschnurdruck  in  jeder  Wehenpause  sich  nur 
langsam  zu  erholen. 

Bei  Vorliegen  der  Nabelschnur  gilt  es,  die  Fruchtblase 
bis  zur  vollkommenen  Eröffnung  des  Muttermundes  zu  erhalten.  Dies 
kann  am  besten  durch  Einlegen  eines  Schutzballons  in  die  Scheide  ge- 
:  schelien.  Beckenhochlagerung  oder  entsprechende  Seitenlagerung  der 

Frau  kann  unterstützen. 

Ist  die  Entfaltung  des  Halskanals  vollendet,  so  wird  sofortige  innere 
Wendung  bei  stehender  Blase  und  anschliessend  ganze  Extraktion  das 
Kind  am  sichersten  retten.  Höchstens  bei  einer  Erstgebärenden  wird 
man  wegen  der  zu  erwartenden  Weichteilschwierigkeiten  an  das  Ein¬ 
pressen  des  Kopfes  unter  gleichzeitiger  Reposition  der  Nabelschnur 
denken  können.  Bei  engem  Becken  wird  man  in  der  Klinik  den  Kaiser¬ 
schnitt  in  Erwägung  ziehen. 

Um  den  Vorfall  der  Nabelschnur  rechtzeitig  zu  erkennen, 
muss  grundsätzlich  sofort  nach  Blasensprung  aufmerksam  vaginal 
untersucht  und  eine  exakte  Kontrolle  der  kindlichen  Herztöne  durch¬ 
geführt  werden.  Besonders  wichtig  ist  dieser  Brauch,  wenn  zuvor 
der  vorangehende  Kindsteil  noch  nicht  feststand. 

Bei  Vorfall  und  engerem  als  handtellergrossem  Muttermund  sind  in 
der  Klinik  bei  Missverhältnis  zwischen  Becken  und  Kopf  oder  bei  zu 
erwartenden  grossen  Weichteilschwierigkeiten  die  abdominelle  Schnitt¬ 
entbindung,  sonst  die  vaginale  Zervixspaltung  mit  sofort  angeschlossener 
entbindender  Operation  oder  die  Reposition  der  Nabelschnur  mit  nach¬ 
folgender  Metreuryse  die  aussichtsreichsten  Verfahren.  In  der  Haus¬ 
praxis  wird  neben  der  anzustrebenden  Reposition  mit  Metreuryse,  im 


Falle  der  Undurchfiihrbarkeit  die  kombinierte  Wendung,  jedoch  ohne 
sofortige  Extraktion,  gewählt  werden  müssen. 

Bei  mindestens  handtellergrosser  Eröffnung  des  Muttermunds  ist 
in  Anstalt  und  Haus  die  innere  Wendung  mit  angeschlossener  ganzer 
Extraktion  die  beste  Methode;  in  einzelnen  Fällen  von  schnellem  Ein¬ 
treten  des  Kopfes  ins  Becken  auch  die  Zange. 

Selbstverständlich  darf  eine  durch  Beckenverengerung  gegebene 
Indikation  zum  Kaiserschnitt  nicht  übersehen  werden. 

Bei  Steisslagen  wird  man  möglichst  bald  einen  Fuss  herunterholen 
und  am  besten  nach  Reposition,  um  sobald  als  möglich  und  nötig  die 
Extraktion  anschliessen  zu  können. 

Bei  Fusslagen  wird  man  eher  zunächst  abwarten  können  und  ein- 
greifen,  wenn  das  Kind  in  Gefahr  kommen  sollte. 

Bei  Querlagen  ist  schon  durch  die  regelwidrige  Lage  der  Weg  der 
Behandlung  vorgezeigt. 

Um  Zeit  zu  gewinnen  für  die  rite  auszuführende  Desinfektion  bzw. 
für  das  Herbeirufen  des  Arztes  und  die  Vorbereitung  zur  Operation 
ist  der  Hebamme  oder  assistierenden  Person  anzuraten,  in  Beckenhoch¬ 
lagerung  oder  Seitenlage  der  Gebärenden  den  vorangehenden  Kindsteil 
sachte  vom  Beckeneingang  wegzudrängen,  um  den  Nabelschnurdruck 
möglichst  auszuschalten. 

Bei  sicher  abgestorbenem  Kind  verlangt  der  Nabelschnurvorfall 
keine  Behandlung.  Entscheidend  für  den  Tod  des  Kindes  sind  die 
Herztöne  und  nicht  der  Nabelschnurpuls,  da  trotz  fehlender  Pulsation 
am  Nabelstrang  nicht  selten  ein  lebendes  Kind  entwickelt  werden 
konnte. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Jena. 

(Direktor;  Professor  Dr.  Henkel.) 

UeberZerreissungen  desTentoriums  und  der  Falx  cerebri 

unter  der  Geburt. 

Von  Privatdozent  Dr.  Robert  Zimmer  mann, 
Oberarzt  der  Klinik. 

Das  klinische  Interesse  an  den  intrakraniellen  Blutungen  bei  Neu¬ 
geborenen  wurde  von  Beneke  (M.mW.  1910  S.  2125)  und  durch  die 
bekannten  Arbeiten  von  S  e  i  t  z  geweckt.  Seitdem  ist  die  ätiologische 
Bedeutung  der  dem  Pathologen  schon  lange  bekannten  (Virchow; 
Ges.  Abhandl.  Bd.  2,  S.  878)  Tentoriumrisse  aufgedeckt.  Seitz 
glaubt  die  Hälfte  aller  intrakraniellen  Blutungen  auf  Tentoriumzer- 
reissungen  zurückführen  zu  können,  während  Beneke  in  ihnen  die 
häufigste  Ursache  erblickt.  Die  praktische  Bedeutung  der  Tentorium- 
zerreissungen  wird  dadurch  beleuchtet,  dass  z.  B.  Benthin  (Mschr.  f. 
Geburtsh.  36,  S.  309)  sie  unter  78  Sektionen  von  Neugeborenen  8  mal, 
Leopold  Meyer  (Verh.  d.  D.  Ges.  f.  Gyn.  1911  S.  766)  unter  64  Sek¬ 
tionen  28  mal  bei  1200  Geburten  fand,  in  12  von  L.  Meyers  Fällen 
war  die  Tentoriumzerreissung  die  Todesursache,  d.  h.  1  Proz.  aller 
Neugeborenen  gingen  daran  zugrunde.  Die  grosse  Häufigkeit  des  ge¬ 
fährlichen  Ereignisses  wurde  erst  bekannt,  seitdem  Neugeborene  nach 
der  von  Beneke  angegebenen  Technik  seziert  werden.  Diese  be¬ 
steht  bekanntlich  darin,  dass  die  Grosshirnhemisphären  zur  Sichtbar¬ 
machung  des  unberührten  Tentoriums  abgetragen  werden. 

Pott  (Zschr.  f.  Geburtsh.  1911,  69,  S.  674)  teilte  die  Tentorium- 
zerreissungen  in  3  Grade  ein.  1.  Es  blutet  zwischen  die  Blätter  des 
Tentoriums;  das  ist  die  leichteste  und  zugleich  häufigste  Form.  2.  Ein¬ 
riss  der  oberen  Tentoriumplatte,  wobei  die  Gefässplatte  des  Ten¬ 
toriums  mit  lädiert  wird  und  die  Blutung  sich  vorwiegend  oberhalb 
des  Tentoriums  ausbreitet.  3.  Querrisse  durch  die  freien  Tentorium- 
kanten,  oft  doppelseitig;  sie  stellen  die  schwerste  Form  dar,  es  blutet 
meist  nach  ober-  und  unterhalb  des  Tentoriums. 

Die  Ausbreitung  der  durch  Tentoriumriss  entstandenen  Blutungen 
ist  nach  Sitz  und  Menge  demnach  verschieden.  Sie  können  selbst  die 
ganze  Grosshirnoberfläche  einseitig  oder  doppelseitig  umspülen. 
Unterhalb  des  Tentoriums  ergossene  Blutmengen  verbreiten  sich  über 
die  Kleinhirnoberfläche  usw.  und  können  sogar  bis  in  den  Rücken¬ 
markskanal  Vordringen.  Dass  die  Blutung  oft  bedeutenden  Umfang  am¬ 
nimmt,  wenn  die  grossen  Blutleiter  angerissen  werden,  ist  begreiflich. 
Blutungen  in  die  Hirnsubstanz  selbst  werden  nur  selten  beobachtet. 

Nach  dem  Sitze  teilt  Seitz  die  intrakraniellen  Blutungen  ein  in: 
supra-  und  infratentoriale  und  in  Mischformen.  Die  meisten  Autoren 
nehmen  diese  Einteilung  an,  nur  Esch  (Zschr.  f.  Gyn.  1916  S.  324) 
erhebt  Bedenken.  Da  meistens  die  trennende  Tentoriumplatte  ein¬ 
gerissen  ist,  überwiegen  die  Mischformen,  und  die  reinen  supra-  oder 
infratentorialen  Blutungen  gehören  zu  den  Seltenheiten. 

Bei  rein  supratentorialen  Blutungen  ergeben  sich  je  nach  Mächtig¬ 
keit  des  Ergusses  verschieden  stark  ausgeprägte  und  symptomreiche 
Krankheitsbilder :  Spannung  oder  Vorwölbung  der  grossen  Fontanellen, 
stärkeres  Klaffen  der  Lambdanaht  auf  der  betroffenen.  Seite;  daneben 
Allgemeinsymptome,  wie  Unruhe,  Schreien,  Blässe  der  Haut,  Reiz- 
und  Lähmungserscheimmgen  am  Fazialis,  Hypoglossus,  den  Extremi¬ 
täten  usw. 

Demgegenüber  stehen  bei  rein  infratentorialen  Blutungen  Stö¬ 
rungen  des  Atemzentrums  im  Vordergründe  mit  Zyanose,  blassblauem 
Aussehen1;  daneben  bestehen  Spinalreizerscheimmgen,  wie  Nacken¬ 
starre,  Opisthotonus,  Starre  der  Glieder  usw.  Rindensymptome  und 
Vortreibung  der  Fontanellen  können  späterhin  durch  Rückstauung  und 
Gedern  hervorgerufen  werden;  sie  sind  dementsprechend  bilateral. 


76 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Die  Miscliformen  vereinigen  die  Symptome  der  reinen  Formen 
in  den  verschiedensten,  von  den  Verhältnissen  im  Einzelfalle  abhängigen 
Ausmassen. 

Die  Bedeutung  einer  solchen  Einteilung  in  diagnostischer  und 
therapeutischer  Hinsicht  liegt  auf  der  Hand.  Es  ist  daher  Esch  an 
sich  beizustimmen,  wenn  er  die  weitere  Forderung  nach  einer  örtlichen 
Lokalisation  aufstellt.  Es  fragt  sich  nur,  ob  diese  Forderung  erfüllbar 
ist.  Bei  dem  auch  von  ihm  betonten  Unterschiede  zwischen  dem 
Gehirn  des  Erwachsenen  und  dem  unentwickelten  Gehirn  des  Neu¬ 
geborenen,  welches  sich  gegen  Druck  und  Blutstauung  so  wenig  emp¬ 
findlich  zeigt,  wird  eine  genaue  Lokalisation  des  Ergusses  auf  der 
Hirnoberfläche  diagnostisch  nur  selten  möglich  sein.  Wir  werden  uns 
zufrieden  geben  müssen,  wenn  es  uns  gelingt,  rein  einseitige  und  supra- 
und  infratentoriale  Blutungen  zu  diagnostizieren.  Bei  der  Kleinheit  der 
Verhältnisse  im  kindlichen  Schädel  deckt  zudem  ein  Erguss  von  nur 
wenigen  Kubikzentimetern  einen  grossen  Teil  der  Hirnoberfläche.  Das 
Ueberwiegen  der  Mischformen  zieht  auch  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
allen  Bestrebungen  nach  genauer  topographischer  Diagnosestellung  eine 
schwer  überwindbare  Grenze. 

Wenn  im  folgenden  unsere  Erfahrungen  auf  diesem  Gebiete  mit¬ 
geteilt  werden,  so  findet  das  seine  Berechtigung  schon  in  der  prak¬ 
tischen  und  forensischen  Bedeutung  der  Tentoriumzerreissung. 
Ausserdem  hatten  wir  Gelegenheit,  bei  rein  infratentorialer  Blutung 
einen  merkwürdigen  Symptomenkomplex  zu  beobachten,  auf  den  weiter 
unten  näher  eingegangen  werden  soll. 

Fallt.  Nr.  33/1919.  Querlage  mit  Nabelschnurvorfall.  Becken  normal. 
Geburtsverlauf:  Wendung,  Extraktion.  $  3750  g,  56  cm,  blass,  scheintot. 
Sektionsbefund:  Im  hinteren  Teile  der  Konvexität  Blut  in  reichlicher  Menge, 
besonders  über  dem  Tentorium.  Im  Tentorium  zahlreiche  Dehiszenzen  in  den 
Faserlagern,  die  teilweise  durchblutet  sind.  —  Grosse  Thymus. 

F  a  1 1  2.  Nr.  36/1919.  II.  dorsoanteriore  Querlage.  Tiefsitzende  Pla¬ 
zenta.  Becken  normal.  Geburtsverlauf:  Wendung,  Extraktion.  2  2200  g, 
48  cm,  blass,  scheintot,  einige  schnappende  Atembewegungen.  Sektionsbefund: 
Infra-  und  supratentoride  Blutung.  Zahlreiche  Einrisse  und  Durchsetzung  mit 
Blutungen  im  Tentorium.  Hypertrophie  der  Schilddrüse.  Unreife. 

Fall  3.  Nr.  54/1919.  I.  dorso-anteriore  Querlage  mit  Vorfall  des  Armes 
in  die  Klinik  eingeliefert.  Keine  Herztöne.  Becken  normal.  Wendung,  Ex¬ 
traktion.  $  3000  g.  51  cm,  totfaul.  Sektionsbefund:  Im  Tentorium  r.  eine 
blutige  Stelle  im  hinteren  Teile,  ohne  Einriss. 

F  a  1 1  4.  Nr.  325/1920.  Luetische  Frühgeburt,  M.  IX,  1.  Schädellage. 
Becken  normal.  Geburtsverlauf:  spontan.  2  2150  g,  47  cm,  nicht  asphyk- 
tisch.  t  am  3.  Tage.  Luftwege  frei;  zeitweise  starke  Zyanose;  geringe 
Nahrungsaufnahme.  Am  3.  Tage  zunehmende  Atemstörungen,  L .  Sektions¬ 
befund:  Keine  Deformitäten  am  Schädel;  massige  Blutungen,  wahrscheinlich 
aus  Tentoriumrissen,  auf  den  hinteren  Abschnitten  beider  Grosshirnhemi- 
sphären;  alle  Ventrikel  strotzend  mit  Kruor  ausgefüllt.  Im  Tentorium  eine 
streifenförmige  Blutung  links.  Pneumonie  aller  Lungenlappen.  Nekrose  und 
Blutungen  der  Nebennieren. 

Fall  5.  Nr.  283/1920.  Frühgeburt  M.  VII,  11.  Steisslage.  Becken  nor¬ 
mal.  Geburtsverlauf  spontan.  $  1410  g,  40^4  cm,  wimmert,  atmet  regel¬ 
mässig;  am  2.  Tage  +.  Sektionsbefund:  Im  Tentorium  rechts  flächenhafte 
Blutung;  kein  Riss.  Unreife. 

Fall  6.  Nr.  ??/ 1921.  Uterusruptur  (in  Kaiserschnittsnarbe,  nach  weni¬ 
gen  Wehen).  Kind  in  Bauchhöhle  ausgetrieben.  Becken  plattrachitisch,  all¬ 
gemein  verengt  1°.  Geburtsverlauf:  Laparotomie.  2  Blauer  Scheintod. 
Wiederbelebung.  +  nach  36  Stunden  an  Atemstörung.  Keine  Konfiguration. 
Ueber  der  rechten  Hemisphäre  reichlich  Blut,  ebenso  links.  Tentorium  beider¬ 
seits  mit  Blut  bedeckt.  Tiefer  Riss  vom  Tentorium  zur  Falx.  Auch  unter  dem 
lentoiium  Blut.  Fötale  Endokarditis.  ♦ 

Fall  7.  Nr.  179/1921.  I.  Schädetlage.  Becken  allgemein  verengt,  platt¬ 
rachitisch  11°.  Geburtsverlauf:  Sectio  caesarea.  $  3310  g.  50  cm,  apnoisch 
mit  gut  pulsierender  Nabelschnur  entwickelt.  Schwere  Atemstörungen, 
Wiederbelebung  erfolglos.  Starke  Konfiguration  des  Kopfes.  Sektionsbefund: 
Riss  durch  die  Falx  cerebri  nach  der  Höhe  des  Scheitels,  Eröffnung  des 
Längsblutleiters.  Weiche  Hirnhäute  stark  blutgefüllt. 

F  a  1 1  8.  Nr.  140/1920.  I.  Schädellage.  Becken  plattrachitisch  I  n.  Ge¬ 
burt:  spontan.  Herztöne  beim  Durchschneiden  des  Kopfes  120 — 140.  Nabel¬ 
schnur  pulsiert  nach  Geburt  des  Kindes.  2  3460  g,  52  cm,  asphyktisch, 
atmet  einmal;  Erlöschen  der  Herzaktion,  +■  Grosse  Kopfgeschwulst.  Sek¬ 
tionsbefund:  Riss  im  Tentorium  rechts  mit  Blutung  in  die  weichen  Häute  des 
Kleinhirns  und  (geiinger)  die  Hinterhauptslappen. 

Fall  9.  Nr.  170/1920.  I.  Schädellage.  Hydramnion.  Becken:  allgemein 
verengt,  platt  1°.  Geburtsverlauf:  Forzeps  wegen  plötzlicher  Verschlechterung 
der  Herztöne  (96 — 88).  $  3000  g.  53  cm.  Nach  der  Geburt  macht  das  Kind 
einen  Atemzug,  darauf  Atemstillstand  und  schnelles  Verschwinden  des  Herz¬ 
schlages.  Starke  Konfiguration.  Sektionsbefund:  Blutung  in  die  weichen  Hirn¬ 
häute  an  der  Oberfläche  des  Kleinhirns.  Kleine  Blutung  im  Tentorium  und 
hanfkorngrosser  Riss  desselben  neben  dem  Sinus  rechts.  Am  Grosshirn  nichts 
Besonderes.  III.  Ventrikel  frei. 

Fall  10.  Nr.  25/1920.  I.  Schädellage.  Eklampsie.  Keine  Herztöne. 
Becken  normal.  Geburtsverlauf:  Forzeps.  2  reif  und  ausgetragen;  tot¬ 
geboren.  Sektionsbefund:  Ausserordentlich  starke  Durchblutung  der  weichen 
Häute  des  Gehirns.  Fragliche  Risse  in  der  Falx  (unsichere  Technik). 

Fall  11.  Nr.  324/1921.  II.  Schädellage.  Becken  normal.  Geburtsverlauf: 
spontan.  2  2530  g.  47)4  cm:  asphyktisch  (blau)  geboren.  Wiederbelebung.  Nach 
12  Stunden  Exitus  unter  Atemstörungen.  Sektionsbefund:  Ausgedehnter  Riss 
der  Falx  cerebri.  Haematocephalus  externus.  Parenchymatöse  Blutungen  des 
Magens,  Aspirationsblutungen  der  Lunge,  Blutungen  der  Haut  im  Bereiche  der 
Mamillen  und  des  Brustbeins.  Blutungen  des  parietalen  Peritoneums. 
Meckel  sches  Divertikel. 

Fall  12.  Nr.  4/1921.  I.  Schädellage.  Becken  allgemein  verengt,  platt  II  . 
Geburtsverlauf:  spontan.  Herztöne  beim  Durchschneiden  des  Kopfes  120. 
$  3260  g.  54  cm.  asphyktisch.  Nabelschnur  um  den  Hals  geschlungen,  pulsiert. 
Eine  Atembewegung,,  danach  unter  Aufhören  der  Herztätigkeit  Exitus. 
Nicht  seziert. 

Fall  13.  Nr.  402/1920.  I.  Schädellage.  Kreissend,  mit  einschneidendem 
Kopfe  eingeliefert.  Becken  allgemein  verengt,  platt  I".  Geburtsverlauf: 
snontan,  unmittelbar  nach  Einlieferung.  Herztöne  beim  Durchschneiden  110. 
2  2320  g,  49  cm,  totgeboren.  Nicht  seziert. 


Zur  Raumersparnis  wurde  das  Material  in  tabellarischer  Weise 
geordnet.  Es  umfasst  8  Fälle  mit  Tentoriumverletzung  und  3  Fälle 
mit  Zerreissung  der  Falx  cerebri.  Die  Läsionen  wurden  durch  Obduk¬ 
tion  festgestellt;  die  Einzelheiten  des  Befundes  sind  in  der  letzten 
Spalte  kurz  angegeben.  Ausserdem  sind  2  Fälle  angefügt  (Nr.  12 
und  13),  bei  denen  aus  äusseren  Gründen  die  Sektion  nicht  ausgeführt 
werden  konnte.  Die  Symptome  waren  aber  auch  hier  eindeutig  ge¬ 
nug,  um  die  Diagnose  zu  gestatten.  Die  Beobachtungen  verteilen  sich 
auf  1050  Geburten.  Die  Häufigkeit  des  Ereignisses  steht  im  Einklang 
mit  den  Erfahrungen  anderer  Autoren.  4  Kinder  waren  Frühgeburten, 
bei  denen  die  Ursache  der  Verletzung  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit 
in  der  geringen  Widerstandsfähigkeit  des  Gewebes  lag  und  bei  deren 
Geburt  Gewalteinwirkungen  keine  Rolle  spielten.  In  8  Fällen  war 
die  Verletzung  des  Tentoriums  die  einzige  Todesursache  (Fall  1.  2, 
4,  6,  7,  8,  9,  11)  wahrscheinlich,  aber  nicht  durch  Sektion  bewiesen, 
auch  im  Fall  12  und  13.  so  dass  bei  Einrechnung  derselben  diese  Zahl 
sich  auf  10  erhöht.  Sicher  nicht  die  Todesursache,  sondern  nur  ein 
mehr  weniger  belangreicher  Nebenbefund  war  die  Verletzung  des  Ten¬ 
toriums  in  Fall  3,  5,  10.  In  diesen  letzteren  und  im  Fall  4  handelte 
es  sich  um  Läsionen  1.  Grades,  alle  anderen  waren  Formen,  2.  bis 
3.  Grades  (Pot  t). 

In  6  Fällen  erfolgte  die  Geburt  spontan,  dabei  handelte  es  sich 
3  mal  um  normale  und  3  mal  um  in  mittlerem  Grade  verengte  Becken. 
Die  übrigen  Entbindungen  erfolgten  durch  Kunsthilfe. 

Die  Fälle  1,  2,  6  und  10  betrafen  Mischformen,  bei  denen  die  Aus¬ 
breitung  des  Blutergusses  sowohl  unterhalb  als  auch  oberhalb  des  Ten¬ 
toriums  erfolgt  war. 

Bei  Fall  1  handelte  es  sich  bei  normalem  Becken  und  grossem 
Kinde  um  Wendung  und  Extraktion  wegen  Querlage  mit  Nabelschnur¬ 
vorfall.  Ohne  Zweifel  war  das  Kind  schon  durch  die  Komplikation  ge¬ 
schädigt.  Nach  der  Geburt  gab  es  keine  Lebenszeichnen,  die  Wieder¬ 
belebungsversuche  blieben  erfolglos.  Bei  dieser  Sachlage  konnte  die 
intrakranielle  Blutung  nicht  erkannt  werden.  Der  Tod  des  Kindes 
wurde  zunächst  auf  die  Nabelschnurkomplikation  bezogen.  Beim  Durch¬ 
leiten  des  Kopfes  durch  den  Muttermund  waren  zwar  einige  Schwie¬ 
rigkeiten  entstanden,  doch  wurden  diese  schnell  und  ohne  grosse  Ge¬ 
waltanwendung  überwunden.  Trotzdem  ist  anzunehmen,  dass  hierbei 
die  Läsion  des  Tentoriums  eingetreten  ist. 

Im  Gegensätze  hierzu  war  das  Kind  II  unreif  und  klein,  und  von 
einem  Missverhältnis  konnte  nicht  die  Rede  sein.  Bei  der  leichten 
Operation  war  Kraftanwendung  überhaupt  nicht  nötig.  Die  Entwicklung 
erfolgte  mit  W  i  e  g  a  n  d  -  A.  Martin  schem  Handgriffe  nach  Inzision 
des  Muttermundes.  Man  kann  nicht  annehmen,  dass  der  Druck  der 
äusseren  Hand,  der  bei  den  geringen  Widerständen  nur  unbedeutend 
war,  die  Schuld  trägt.  Die  Ursache  ist  wohl  eher  in  der  Zerreisslich- 
keit  des  Gewebes  zu  suchen,  die  in  der  Unreife  des  Kindes  ihre  Er¬ 
klärung  findet. 

Ebenso  war  der  Befund  einer  intrakraniellen  Blutung  im  Falle  6 
überraschend.  Bei  der  Frau  war  1918  der  Kaiserschnitt  ausgeführt 
worden,  1919  hatte  sie  spontan  geboren  (Kind  lebt).  Auch  jetzt  schien 
kein  Missverhältnis  vorzuliegen,  welches  die  spontane  Entbindung  in 
Frage  gestellt  hätte,  die  vordere  Konvexität  des  Kopfes  sprang  jeden¬ 
falls  nicht  über  die  Symphyse  vor.  Nach  schwacher  Wehentätigkeit 
erfolgte  der  Blasensprung  bei  handtellergrossem  Muttermunde.  Da 
aber  der  Kopf  beweglich  über  dem  Becken  blieb,  so  wurde  innerlich 
untersucht  und  eine  Plazenta  praevia  marginalis  an  der  Hinterwand 
festgestellt.  Ohne  dieses  Hindernis  wäre  der  Kopf  sicher  ohne  grosse 
Schwierigkeiten  in  das  Becken  eingetreten.  Bei  Umlagerung  der  Frau 
erfolgte  ohne  irgendwelche  Vorzeichen  die  Ruptur  der  alten  Kaiserschnitt¬ 
narbe  des  Uterus.  Das  Kind  trat  in  die  Bauchhöhle  aus  und  die  Herz¬ 
töne  verschwanden.  Durch  sofortige  Laparotomie  wurde  es  in  blauem 
Scheintode  entwickelt,  ging  aber  nach  36  Stunden  unter  allgemeinen 
Konvulsionen  und  Atemstörungen  zugrunde.  Der  Kopf  des  Kindes  zeigte 
nicht  die  geringste  Konfiguration,  er  trug  nicht  einmal  eine  Kopf¬ 
geschwulst,  und  trotzdem  diese  schwere  Zerreissung  des  Tentoriums. 
Der  Uterus  wurde  exstirpiert,  die  Mutter  genas.  Der  Tod  des  Kindes 
ist  einwandfrei  auf  die  intrakranielle  Blutung  zurückzuführen. 

Im  Fall  10  war  das  Kind  infolge  der  Eklampsie  intrauterin  ab¬ 
gestorben.  Die  Entwicklung  des  toten  Kindes  mit  der  Zange  ver¬ 
ursachte  erst  die  intrakranielle  Blutung. 

Um  rein  supratentoriale  Blutungen  handelte  es  sich  in  Fall  4.  7 
und  11.  Das  Kind  4  wurde  im  9.  Schwangerschaftsmonate  von  der 
luetischen  Mutter  geboren;  dem  entsprach  sein  Reifezustand.  Nach 
der  Geburt  zeigte  es  zunächst  nichts  auffallendes,  dann  erfolgten  anfalls¬ 
weise  auftretende  Atemstörungen  mit  starker  Zyanose.  Die  Nahrungs¬ 
aufnahme  war  gering;  Unruhe,  Krämpfe  usw.  wurden  nicht  beobachtet. 
Unter  zunehmenden  Atemstörungen  erfolgte  am  3.  Tage  der  Tod.  Der 
Schädel  war  nicht  konfiguriert,  trotzdem  war  bei  der  Spontangeburt 
der  kleinen  Frucht  eine  Tentoriumzerreissung  eingetreten,  aus  der 
heraus  die  zunehmende  Blutung  erfolgte.  Wiederbelebungsversuche 
waren  nicht  gemacht  worden.  Trotz  der  beträchtlichen  Komplikationen 
seitens  der  Lungen  und  Nebennieren  ist  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit 
in  der  intrakraniellen  Blutung  die  Hauptursache  des  Todes  zu  erblicken 
Die  Symptome  entsprechen  den  allgemeinen  Erfahrungen. 

In  Fall  7,  Kaiserschnitt  bei  plattrachitischem  Becken  2.  Grades 
war  der  Kopf  sehr  stark  konfiguriert,  die  Läsion  durch  die  gewaltige 
Wehentätigkeit  erklärt.  Die  Zerreissung  der  Falx  mit  Eröffnung  des 
Längsblutleiters  macht  die  rein  supratentoriale  Blutung  verständlich 
1  Das  Kind  wurde  mit  gut  pulsierender  Nabelschnur  entwickelt,  atmete 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


77 


aber  nicht.  Wiederbelebungsversuche  blieben  erfolglos.  Der  Fall  ist 
eindeutig. 

Im  Falle  11  war  die  spontane  Geburt  bei  normalem  Becken  zum 
erwarteten  Termine  erfolgt,  das  Kind  jedoch  nicht  ganz  reif.  Die 
Gesamtgeburtsdauer  betrug  42%  Stunden.  Die  Konfiguration  des 
Kopfes  hielt  sich  in  durchaus  massigen  Grenzen;  ein  Missverständnis 
bestand  nicht.  Man  könnte  geneigt  sein,  der  langen  Geburtsdauer  die 
Schuld  für  den  grossen  Riss  in  der  Falx  beizulegen,  die  grössere  Wahr¬ 
scheinlichkeit  spricht  jedoch  dafür,  dass  eine  abnorme  Zerreisslichkeit 
des  kindlichen  Gewebes,  insonderheit  der  Gefässe,  bestand,  was  aus 
den  zahlreichen  Blutaustritten  an  anderen  Stellen  hervorgeht.  Das  Kind 
war  asphyktisch  zur  Welt  gekommen  und  wiederbelebt  worden,  starb 
aber  nach  12  Stunden.  Die  Symptome  einer  supratentorialen  Blutung 
waren  ausserordentlich  deutlich,  besonders  die  Vortreibung  der  Fonta¬ 
nellen  und  das  starke  Klaffen  der  Nähte.  Lambda-  und  Koronarnaht 
klafften  rechts  stärker  als  links. 

Um  Tentoriumzerreissungen  1.  Grades  handelte  es  sich  in  Fall  3 
und  5,  in  denen  eine  Blutung  auf  die  Gehirnoberfläche  nicht  erfolgt 
war.  Kind  3  war  totfaul,  Kind  5  unreif  und  lebensunfähig.  Die  Ver¬ 
letzung  kommt  in  beiden  Fällen  nicht  als  Todesursache  in  Frage. 

Reine  Formen  von  infratentorialen  Blutungen  stellen  Fall  8  und  9 
dar.  Im  ersteren  war  zwar  auch  eine  geringe  Blutung  noch  oberhalb 
des  Tentoriums  erfolgt,  sie  war  aber  so  gering,  dass  sie  das  Symptomen- 
bild  nicht  beeinflusste.  Das  Kind  war  gross  und  musste  ein  enges 
Becken  passieren,  die  Herztöne  gaben  aber  niemals  zu  Besorgnissen 
Veranlassung  und  wurden  noch  unmittelbar  vor  dem  Durchschneiden 
des  Kopfes  kontrolliert.  Das  Kind  kam  asphyktisch  zur  Welt  und 
wurde  sofort  abgenabelt.  Nach  dem  Abnabeln  machte  es  einen 
einzigen  spontanen  Atemzug,  die  Atmung  stand 
danach  vollständig  still,  und  die  Herztätigkeit  er¬ 
losch.  Wiederbelebungsversuche  blieben  erfolglos. 

Auch  im  Fall  9  handelte  es  sich  um  ein  reifes  Kind  bei  engem 
Becken.  Aus  kindlicher  Indikation  (verlangsamte  Herztöne)  wurde  die 
Zange  aus  Beckenmitte  gemacht.  Das  Kind  wurde  mit  gut  pulsierender 
Nabelschnur  geboren  und  sofort  abgenabelt.  Wie  im  vorhergehenden 
Falle  machte  es  einen  einzigen  spontanen  Atemzug,  dann  stand  die 
Atmung  vollkommen  still,  bald  auch  das  Herz.  Wiederbelebung  er¬ 
folglos.  In  beiden  Fällen  starke  Konfiguration  des  Schädels. 

In  beiden  Fällen  waren  die  Risse  am  Tentorium  unbedeutend  und 
die  Blutung  infratentorial.  Beide  Male  setzte  die  Atmung  spontan  ein; 
es  erfolgte  ein  kurzer  schnappender  Atemzug,  dem  unmittelbar  der 
Tod  des  Kindes  folgte. 

Während  supratentoriale  Blutungen  auch  bei  grosser  Ausdehnung 
über  die  Hirnoberfläche  häufig  genug  nur  geringe  Symptome  auslösen, 
oder  erst  später,  im  Verlaufe  von  Stunden  und  Tagen,  schwerere  Er¬ 
scheinungen  veranlassen,  ist  bei  unseren  beiden  Fällen  von  infra- 
tentorialer  Blutung  im  unmittelbaren  Anschluss  an  den  ersten  Atem¬ 
zug  der  Tod  eingetreten.  Die  Zirkulation  war  auch  bei  und  nach  der 
Geburt  im  Gange.  Auch  das  Atemzentrum  sprach  auf  die  physiologi¬ 
schen  Reize  am  Die  mit  dem  ersten  Atemzuge  einsetzende  Kata¬ 
strophe  ist  nur  so  zu  erklären,  dass  die  bei  der  Geburt  entstandene  Ver¬ 
letzung  zunächst  nicht  zu  einem  Blutaustritte  unter  das  Tentorium 
geführt  hatte,  der  genügend  gross  war,  um  eine  Beeinträchtigung  des 
Atemzentrums  herbeizuführen.  Erst  durch  die  Strömungsveränderungen 
im  Kreisläufe  des  Kindes  im  Gefolge  des  ersten  Atemzuges  wurde  ein 
stärkerer  Erguss  in  den  Raum  unter  dem  Tentorium  verursacht,  der 
bei  der  straffen  Ausspannung  des  Tentoriums  sehr  schnell  zu  dem  ver¬ 
derblichen  Drucke  auf  die  lebenswichtigen  Zentren  führte. 

Fall  12  und  13  kamen  aus  äusseren  Gründen  nicht  zur  Sektion. 
Wir  halten  uns  aber  nach  den  Erscheinungen,  die  sich  vor  und  noch 
der  Geburt  boten,  und  bei  dem  Fehlen  jeder  anderen  Todesursache, 
für  berechtigt,  auch  bei  ihnen  auf  Grund  unserer  Erfahrungen  eine  infra- 
tentoriale  Blutung  infolge  von  Tentoriumverletzung  anzunehmen.  Be¬ 
merkenswert  ist  in  dieser  Hinsicht  auch  Fall  2.  der  unter  denselben 
Symptomen  zugrunde  ging  und  bei  welchem  die  Sektion  zahlreiche 
Einrisse  und  Blutaustritte  im  Tentorium  aufdeckte.  Das  Tentorium 
trennte  jedoch  den  supra-  und  infratentorialen  Bluterguss.  Es  besteht 
die  Wahrscheinlichkeit,  dass  hier  die  supratentoriale  Blutung  von  unter¬ 
geordneter  Bedeutung  war,  und  dass  der  plötzliche  Tod  nach  dem  ersten 
Atemzuge  in  Analogie  zu  den  anderen  Fällen  auf  den  infratentorialen 
Bluterguss  zurückgeführt  werden  muss. 

Für  einen  Teil  der  infratentorialen  Blutung  besteht  mithin  die 
Möglichkeit  der  Diagnose  an  Hand  der  geschilderten  Erscheinungen. 
Fiir  ihr  Zustandekommen  scheint  mir  von  Belang  zu  sein,  dass  der 
Erguss  unter  dem  Tentorium  von  diesem  unter  Spannung  gehalten  wird. 
Voraussetzung  hierfür  ist,  dass  keine  offene  Verbindung  durch  das 
Tentorium  hindurch  mit  den  oberen  Abschnitten  des  Schädelraumes 
besteht. 

Blutungen  in  die  Gehirnsubstanz  wurden  in  keinem  unserer  Fälle 

beobachtet. 

Nachtrag  bei  der  Korrektur; 

Inzwischen  hat  sich  unser  Material  noch  vermehrt. 

1.  Nr.  387/1921.  II.  Schädellage,  vorzeitige  teilweise  Lösung  der  richtig 
sitzenden  Plazenta.  Becken  normal.  Spontangeburt  im  10.  Monat.  Herztöne 
dauernd  kontrolliert,  112 — 140.  Kind  2,  2600  g.  47.5  cm,  blau  scheintot. 
Wiederbelebungsversuche  erfolglos.  Sektionsbefund:  reichliche  infratentoriale, 
geringe  supratentoriale  Blutung,  flüssiges  Blut  im  Rückenmarkskanal.  Unter¬ 
fläche  des  Tentoriums  stark  durchblutet. 

(Es  handelt  sich  also  um  eine  Mischform  bei  Tentoriumverletzung  I.  °.) 

In  zwei  weiteren  Fällen  traten  ebenfalls  bei  leichten  Spontan¬ 
geburten,  einmal  handelte  es  sich  um  den  II.  Zwilling,  das  andere  Mal 


um  vorzeitige  Lösung  der  richtig  sitzenden  Plazenta,  subdurale  Blu¬ 
tungen  auf,  ohne  dass  die  Blutungsquelle  gefunden  werden  konnte. 
Falx  und  Tentorium  waren  in  beiden  Fällen  intakt.  Bei  dem  einen  Falle 
war  ante  partum  intrauteriner  Fruchttod  (durch  die  Plazentarlösung) 
erfolgt,  bei  dem  anderen  (II.  Zwilling)  war  die  Blase  gesprengt  und 
die  Austreibung  durch  K  r  i  s  t  e  1 1  e  r  sehe  Handgriffe  wegen  schlechter 
Herztöne  beschleunigt  worden.  Sie  erfolgte  ohne  Schwierigkeiten  in 
kürzester  Frist.  Das  Kind  (2,  2650)  kam  schwer  asphyktisch,  Wieder¬ 
belebungsversuche  waren  erfolglos. 


Aus  der  chirurgischen  Abteilung  des  Krankenhauses  München- 
Schwabing.  (Chefarzt:  Privatdozent  Dr.  Robert  Dax.) 

Zur  Kenntnis  der  akuten  Perforation  des  Ulcus  ventriculi 

aut  duodeni. 

Von  Dr.  Theodor  Brunner,  Assistenzarzt. 

In  den  ersten  zehn  Jahren  des  Bestehens  der  chirurgischen  Ab¬ 
teilung  des  Krankenhauses  München-Schwabing  (Geh.  Sanitätrat 
Dr.  Franz  Brunner)  wurden  dort  insgesamt  23  akut  perforierte 
Magen-  und  Duodenalgeschwüre  beobachtet,  davon  in  den  Jahren  vor 
dem  Krieg  nur  einzelne,  dann  steigend  mehr.  Vom  1.  VIII.  1920  bis 
1.  VIII.  1921  kamen  14  zur  Aufnahme,  nebst  einer  unter  demselben 
Bilde  verlaufenden  Karzinomperforation.  Eine  Mehrung,  die  mit  der 
Zunahme  sonstiger  operativer  Fälle  in  gar  keinem  Verhältnis  steht. 
Ueber  eine  ähnliche  Beobachtung  berichtet  auch  Rosenthal  bereits 
1918,  W.  Reinhard  1919.  Eine  erhebliche  Zunahme  der  überhaupt 
zur  chirurgischen  Behandlung  kommenden  Ulzera  verzeichnet 
v.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g  auf  dem  deutschen  Chirurgenkongress  1920  und  dem 
bayerischen  Chirurgentag  1921.  Er  führt  das  auf  für  Ulcuskranke 
besonders  ungünstige  Ernährungsverhältnisse  der  Kriegs-  und  Nach¬ 
kriegszeit  zurück.  Die  Mehrung  des  Vorkommens  der  für  den  Kranken 
verderblichsten  Komplikation  des  Ulcus  rotundum,  der  akuten  Per¬ 
foration  in  die  freie  Bauchhöhle,  die  in  München  in  früheren  Jahren 
relativ  selten  vorkam,  veranlasste  uns,  an  Hand  unserer  Fälle  den 
Praktiker,  von  dem  oft  in  hohem  Masse  das  Schicksal  des  Kranken 
abhängt,  neuerdings  darauf  hinzuweisen. 

Es  ist  eine  heute  allgemein  bekannte  Tatsache,  dass  die  Behand¬ 
lung  des  perforierten  Ulcus  nur  eine  operative  sein  kann.  Ebenso 
sicher  bestätigen  die  zahlreichen  Veröffentlichungen  über  diesen  Gegen¬ 
stand,  dass  die  Operation,  je  früher  ausgeführt,  desto  aussichtsvoller 
ist.  Bis  zu  12  Stunden  post  perforationem  ist  die  Prognose  der  Opera¬ 
tion  gut,  darüber  hinaus  wird  sie  rasch  schlechter.  Fälle,  die  durch 
Operation  am  2.  Tage  post  perforationem  und  später  noch  gerettet 
wurden,  sind  Ausnahmen,  die  meist  nur  unter  bestimmten  Voraus¬ 
setzungen  möglich  sind.  Ausserdem  bietet  die  Frühoperation  Aussicht 
auf  ein  kurzes  Krankenlager  und  die  Möglichkeit  der  Befreiung  von 
Ulcusbeschwerden  überhaupt,  zum  mindesten  Besserung  derselben. 
Bei  der  Spätoperation  bei  oft  ausgesprochener  eitriger  Peritonitis  und 
ihren  Folgen  ist,  wenn  sie  überhaupt  zu  Heilung  führt,  ein  langes 
Krankenlager  und  ein  schlechterer  Enderfolg  zu  erwarten.  Sie  muss 
dann  häufig  als  reine  Notoperation  ausgeführt  werden,  wobei  nicht  auf 
die  Beeinflussung  des  Ulcus  selbst  Rücksicht  genommen  werden  kann, 
wovon  später  zu  sprechen  sein  wird,  und  ein  mehr  oder  weniger 
grosser  Narbenbruch  nicht  zu  vermeiden  sein  wird. 

Die  frühzeitige  Diagnose  der  Perforation  hat  jedenfalls  eine  über¬ 
ragende  Bedeutung  über  die  Technik  der  Operation,  die  wiederum 
von  jener  weitgehend  abhängig  ist.  Für  das  frühzeitige  Erkennen  des 
Durchbruchs  bietet  schon  die  Anamnese,  deren  Erhebung  allerdings 
durch  den  schwerleidenden  Zustand  häufig  recht  erschwert  sein  kann, 
die  wichtigsten  Anhaltspunkte.  Aus  ihr  kann  in  der  grossen  Mehrzahl 
der  Fälle  der  Zeitpunkt  des  Eintrittes  der  Perforation  genau  bestimmt 
werden.  Meist  handelt  es  sich  um  Kranke,  die  schon  längere  Zeit, 
oft  schon  jahrelang  mehr  oder  weniger  schwer  magenleidend  waren, 
teilweise  unter  typischen  Ulcusbeschwerden.  Dies  trifft  für  unsere 
sämtlichen  Fälle  zu,  mit  Ausnahme  von  Fall  3,  bei  dessen  desolatem 
Zustand  eine  ordentliche  Anamnese  nicht  mehr  erhoben  werden  konnte. 
Der  Perforation  geht  meistens  eine  kürzere  oder  längere  AnfalPneriode 
voraus  (Fall  4  mit  14).  Doch  sei  betont,  das  zahlreiche  Fälle  be¬ 
schrieben  wurden,  in  denen  die  Perforation  vorher  anscheinend  völlig 
Gesunde  betraf.  Das  Ereignis  der  Perforation  selbst  wird  begleitet 
von  einem  ganz  plötzlich  einsetzenden  ausserordentlich  heftigen 
Schmerz  im  Leib,  der  verschieden  oder  gar  nicht  lokalisiert,  häufig  in 
die  Oberbauch-  und  Magengegend  verlegt  wird.  Seine  Beschreibung 
ist  in  alle  Lehrbücher  übergegangen.  In  mehr  oder  weniger  charakte¬ 
ristischer  Form  wird  er  so  gut  wie  immer  angegeben.  Er  kann  so 
stark  sein,  dass  ein  kräftiger  Mann  dabei  zusammenbricht  (z.  B.  Fall  6). 
Ein  Schmerz  von  solch  augenblicklicher  Heftigkeit  kommt  wohl  kaum 
bei  einer  anderen  abdominalen  Erkrankung  vor.  Er  kann  in  die  rechte 
oder  linke  Schulter  ausstrahlen.  Erbrechen  kann  den  Eintritt  der  Per¬ 
foration  begleiten. 

Der  Befund  bei  der  frischen  Perforation  eines  Ulcus  ventriculi 
aut  duodeni  in  die  freie  Bauchhöhle  ist  der  des  schwersten  peritonealen 
Schocks.  Das  eingefallene  Gesicht  ist  blass,  die  Lippen  sind  blutleer, 
manchmal  ist  zyanotische  Blässe  vorhanden,  die  Augen  sind  umrandet, 
die  Nase  und  die  Extremitäten  kühl,  manchmal  mit  kaltem  Schweiss 
bedeckt.  Die  Atmung  ist  beschleunigt,  kostal.  Der  vor  Schmerzen 
stöhnende  Kranke  macht  einen  schwerkranken  Eindruck.  In  über¬ 
raschendem  Gegensatz  dazu  steht  oft  der  relativ  langsame,  volle,  regel- 


78 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


massige  Puls.  Die  rektale  Temperatur  ist  meist  nicht  erhöht.  Der  Leib 
ist  oft  eingezogen,  jedenfalls  nicht  särker  aufgetrieben,  bretthart  ge¬ 
spannt,  besonders  die  Rekti  und  insbesondere  die  Oberbauchgegend, 
häufig  auch  die  rechte  Unterbauchseite  äusserst  druckschmerzhaft.  Die 
abdominale  Atmung  ist  infolgedessen  ganz  ausgeschaltet.  Daim- 
geräusche  sind  meist  nicht  mehr  zu  hören.  Stuhl  und  Winde  sind  an¬ 
gehalten.  Abnorme  Dämpfung  und  Nachweis  freier  Flüssigkeiten 
kommen  nur  bei  Austritt  sehr  grosser  Flüssigkeitsmengen  in  Frage. 
Das  Verschwinden  der  Leberdämpfung,  das  früher  als  wichtiges  Zeichen 
gewertet  wurde,  hat  keine  besondere  diagnostische  Bedeutung.  Es  ist 
abhängig  von  der  ausgetretenen  Gasmenge,  die  häufig  fehlen  kann  und 
wird  ebenso  hervorgerufen  durch  Blähung  des  Kolons  in  der.  liegend 
der  Flexura  hepatica  in  anderen  Erkrankungsfällen  (L  i  e  b  1  e  i  n,  F  l  n- 


s  t  c  r  c  r). 

Der  peritoneale  Schock  wird  zurückgeführt  auf  die  plötzliche  Ueber- 
schwemmung  des  intakten  Peritoneums  mit  fremden  Stoffen  (Fin¬ 
sterer).  Man  könnte  annehmen,  dass  dann  der  Schock  und  sein 
primäres  Symptom,  der  initiale  Schmerz,  desto,  heftiger  wäre.,  je  aus¬ 
giebiger  diese  Berührung  stattfände,  also  im  gleichen  Verhältnis  stünde 
zur  Menge  der  ergossenen  Flüssigkeit  und  der  Grösse  der  Oeffnung, 
wie  Reinhard  angab.  Aus  unseren  Fällen  kann  man  das  kaum 
ableiten.  Wenn  wir  die  bis  4  Stunden  post  Perforationen!  operierten 
Fälle  betrachten,  bei  denen  anzunehmen  ist,  dass  das  ursprüngliche 
Bild  noch  am  wenigsten  durch  sekundäre  Exsudation  des  Peritoneums 
verändert  ist,  so  finden  wir: 


Schwerer  Initialschmerz  und  viel  Exsudat  1  mal  (Fall  8). 
Schwerer  Initialschmerz  und  wenig  Exsudat  3  mal  (Fall  6,  7.  10). 
Geringerer  Initialschmerz  und  viel  Exsudat  1  mal  (Fall  11). 


Es  handelt  sich  in  allen  Fällen  um  kleine,  stecknadelkopf-  bis  blei¬ 
stiftdicke  Perforationen,  deren  grösste  sich  allerdings  bei  Fall  8  findet. 

Besonders  zu  betonen  ist  die  erwähnte  Beschaffenheit  des  Pulses, 
die  auf  Vagusreizung  zu  rückgeführt  wird.  Den  von  den  meisten  Beob¬ 
achtern  beschriebenen  kleinen  oder  über  Hundert  beschleunigten  Puls 
haben  wir  nur  bei  je  einem  Frühfall  gesehen  (Fall  8  und  6).  Petren 
hat  wohl  mit  der  Bewertung  des  Pulses  zwischen  80  und  100  als  gün¬ 
stiges  prognostisches  Zeichen  insofern  recht,  als  eine  darüber  hinaus- 
gehende  Pulsbeschleunigung  als  Anzeichen  von  Peritonitis  zu  betrachten 
ist,  die  schon  nach  wenigen  Stunden  einsetzen  und  das  ursprüngliche 
Bild  verändern  kann.  Für  den  peritonealen  Schock  ist  bei  herzgesunden 
kräftigen  Menschen  der  volle,  relativ  langsame,  rege.l-  und  gleich- 
mässige  Puls  typisch,  der  nicht  zu  Irrtiimem  in  der  Diagnose  Anlass 


Meist  dauern  in  den  nächsten  Stunden  die  heftigen,  häufig  im  .Ober¬ 
bauch  lokalisierten  Schmerzen  fort,  die  durch  kein  Mittel  wirklich  zu 
beseitigen  sind.  Ein  eigentliches  Ruhestadium  nach  dem  des 
Schocks  (Symmonds;  nach  Wetterstrand)  haben  wir  nicht 
beobachtet,  wenn  man  nicht  Fall  9  hier  anziehen  will.  Die.  alte  War¬ 
nung  vor  der  Morphiuminjektion  (per  os  ist  es  weniger  schlimm,  da  es 
doch  nicht  zur  Resorption  kommt),  wegen  ihrer  die  Diagnose  gefährlich 
verschleiernden  Wirkung  (Lennander,  Petren),  bedarf  nach 
unserer  Erfahrung  der  Wiederholung. 

Der  Zustand  des  Schocks  geht  mehr  oder  weniger  langsam  und 
fliessend  in  einigen  Stunden  in  das  bekannte  Bild  der  diffusen  Peri¬ 
tonitis  über.  Die  Schnelligkeit  dieser  Entwicklung  ist  abhängig  von 
der  Virulenz  der  eingedrungenen  Erreger  und  der  Menge  der  ergossenen 
Flüssigkeit,  auch  von  Sitz  und  Grösse  der  Perforation.  Diagnostisch 
wertvoll  ist,  dass  ein  langes  Bestehenbleiben  der  harten  Bauchdecken¬ 
spannung  im  Oberbauch  nach  Eintreten  meteoritischer  Auftreibung  des 
Leibes  häufig  zu  beobachten  ist  (Finsterer). 

Die  Perforation  betrifft  meist  ältere  Ulzera,  was  in  unserer  Be¬ 
obachtungsreihe  nach  Anamnese  und  autoptischen  Befund  ausnahmslos 
der  Fall  war.  Wie  viele  Ulzera  perforieren,  ist  schwer  zu  schätzen. 
Dementsprechend  schwanken  die  Angaben  der  Autoren  (1 — 18  Proz., 
Literatur  bei  Finsterer)  Wann  ein  Ulcus  durchbricht,  ist  ausser¬ 
ordentlich  verschieden.  Viele  perforieren  jedenfalls  im  Schlaf.  Ein 
Trauma  spielt  als  Entstehungsursache  nur  gelegentlich  eine  Rolle 
(Thiem).  Auch  die  Füllung  des  Magens  ist  von  untergeordneter  ur¬ 
sächlicher  Bedeutung.  Auch  bei  leerem  Magen  kommt .  der  Durch¬ 
bruch  vor.  Die  Perforation  kann  in  jedem  Lebensalter  eintreten,  bei 
7  jährigen  Mäddhen  und  80  jähriger  Greisin  wurde  sie  beobachtet 
(Brentano:  nach  Finsterer).  70jährige  wurden  mehrfach  ope¬ 
riert  und  geheilt  (Amberger).  Zweifellos  am  häufigsten  ist  sie  in 
Ten  kräftigsten  Lebensjahren. 


In  unseren  Fällen: 

bis  20  Jahre  1  mal 

20 — 30  Jahre  2  mal 

30 — 40  .,  5  mal 

40—50  „  2  mal 

50 — 60  ,.  4  mal. 


Bei  der  einzigen  Frau  (57  Jahre)  unter  unseren  Fällen  lag  keine 
Perforation  in  die  freie  Bauchhöhle,  sondern  ein  Abszess  der  Bursa 
omentalis  vor  (Fall  14).  Auffallend  ist,  dass  zahlreiche  Beobachter 
der  neueren  Zeit  das  Ueberwiegen  des  männlichen  Geschlechtes  sahen 
(Amberger,  C  i  t  r  o  n  b  1  a  1 1,  D  e  m  m  e  r,  Finsterer,  Petren, 
Wetterstrand  u.  a.).  während  Konrad  Brun  n  e  r  (nach  Wetter- 
Strand)  das  Verhältnis  der  Frauen  zu  den  Männern  gleich  4  zu  1 
angibt. 

Die  Prädilektionsstelle  der  Perforation  ist  beim  Magen  die  Vorder¬ 
wand  des  Pylorus  und  dessen  Umgebung  in  der  Nähe  der  kleinen  Kurva¬ 
tur  (Fall  1  mit  8,  10,  11,  12);  beim  Duodenum  die  Vorderwand  der 


Pars  horizontalis  superior  (Fall  9  u.  13).  Der  einzige  Durchbruch  an  der  ^ 
Magenhinterwand,  den  wir  sahen,  führte  zur  Abszedierung  in  der  Bursa 
omentalis  und  im  subphrenischen  Raum.  Auch  an  anderen  Stellen  I 
kommen  Durchbrüche  vor,  selten  ausserhalb  der  Magenstiasse  (Kardia,  I 
kleine  Kurvatur,  Pylorus),  wo  eben  die  nichtheilenden  alten  Geschwuie  | 
vorzugsweise  ihren  Sitz  haben.  Bei  3  Fällen  (10,  11,  12),  bei  denen  I 
die  Perforation  am  Pylorus  selbst  sass.  konnte  bei  der  Operation  nicht 
entschieden  werden,  ob  sie  dem  Magen  oder  Duodenum  angehörte.  I 
Zu  fühlen  ist  das  in  dem  kallösen  und  entzündlich  infiltrierten  Gewebe  I 
nicht.  Die  als  Grenze  anerkannte  Pylorusvene  ist  infolge  des  dicken  I 
Fibrinbelages  meistens  nicht  zu  sehen.  Das  Herausfliessen  von  Galle  j 
würde  in  einem  solchen  Falle  für  Duodenalperforation  sprechen,  d.  h.  I 
wenn  der  Pylorus  verschlossen  ist.  Ein  bei  der  bekannten  Multiphzrtat  1 
der  Ulzera  nicht  seltenes  Vorkommnis  ist  die  Perforation  von  2  Ge¬ 
schwüren.  Wir  haben  einen  Fall  (9)  durch  eine  wahrscheinlich  erst 
nachher  eingetretene  Perforation  eines  zweiten  Geschwürs  an  der  Hin- 
terwand  der  Pars  horizontalis  superior  duodeni  verloren,  gegenüber  j 
der  übernähten  an  der  Vorderwand.  Es  gibt  auch  eine  Beobachtung 
über  gleichzeitigen  Durchbruch  von  3  Geschwüren  (Jaboulay;  nach  1 
W  e  1 1  e  r  s  t  r  a  n  d).  Die  Form  der  Perforation  ist  meist  rund,  scharf-  1 
räudig.  Ihre  Grösse  schwankt:  5X8  und  6  X  6  cm  wurden  schon  j 
gesehen  (W  e  1 1  e  r  s  t  r  a  n  d).  Meist  ist  das  Loch  bis  etwa  erbsen¬ 
gross  Wir  sahen  4  grössere,  bis  zu  Zehnpfennigstückgrösse  (Fall  2,  j 
5  8,  14).  Das  Exsudat  ist  von  typischer  Beschaffenheit,  ähnelt  dem  j 
gewöhnlichen  Mageninhalt,  ist  trübe,  schleimig,  fibrinreich,  von  säucr- 
lichem  Geruch.  Es  wird  manchmal  durch  Getränke  oder  Nahrung  ge-  | 
färbt  oder  enthält  grobe  Nahrungsbestandteile  (Reste  von  Pilzen  Fall  2  j 
und  5).  Es  setzt  sich  zusammen  aus  dem  ergossenen  Mageninhalt  , 
und  der  Ausschwitzung  des  gereizter.  Bauchfells.  Später  wird  es  j 
eitrig,  erst  sehr  spät  jauchig  und  übelriechend.  Gas,  d.  h.  verschluckte  j 
Luft  findet  sich  manchmal  und  sichert  beim  Ausströmen  aus  der  La-  ,1 
parotomiewunde  sofort  die  Diagnose. 

Der  Weg,  den  nach  den  Untersuchungen  von  Mikulicz,  Len- 
n  a  n  d  e  r  u.  a.  (zit.  nach  L  i  e  b  1  e  i  n,  Melchior)  die  aus  der  Perfo-  , 
ration  ausströmende  Flüssigkeit  nimmt,  ist  von  grosser  praktischer  Be-  j 
deutung.  Beim  typischen  pylorusnahen  Ulcus  des  Magens  oder  Duo-  I 
denums  fliesst  die  aus  der  ja  meist  nur  kleinen  Oeffnung  langsam  i 
ausströmende  Flüssigkeit  in  der  Rinne  des  schwach  geneigten  Meso¬ 
colon  transversum  nach  rechts  ab,  aussen  am  Colon  ascendens  herunter  i 
und  sammelt  sich  in  der  Fossa  iliaca.  Dieser  Umstand  lässt  begreiflich  j 
erscheinen,  dass  dann  sehr  frühzeitig  der  Hauptsitz  der  Schmerzen, 
Spannung  und  Druckempfindlichkeit  in  der  rechten  Unterbauchseite 
gefunden  wird,  wo  sie  Veranlassung  zur  häufigsten  Fehldiagnose,  der  | 
der  Appendizitis,  geben.  Von  hier  aus  strömt  der  Erguss  in  das  kleine 
Becken  herab,  bei  kurzer  Anheftung  des  Colons  ascendens  schon 
weiter  oberhalb  dieses  überkreuzend.  Bei  rascherem  Ausströmen  von 
Magen-  oder  Darminhalt  oder  einem  Hindernis  irgendwelcher  Art 
auf  der  Strecke  des  beschriebenen  Weges  zur  Flexura  hepatica,  läuft 
die  Flüssigkeit  vorne  über  das  Netz  herunter.  Dies  erklärt,  dass  das  • 
Netz  frühzeitig  ausgeprägte  Entzündungserscheinungen  aufweist, 
während  der  Dünndarm  weniger  rasch  ergriffen  wird.  Beim  hochsitzen-  • 
den  Magengeschwür  entspricht  der  Weg  nach  links  zur  Flexura  lienalis  1 
und  am  Colon  descendens  dem  der  rechten  Seite.  Bei  der  selteneren  J 
derartigen  Lokalisation  des  Durchbruchs  kommt  er  weniger  in  Frage. 
Bei  grosser  Oeffnung  und  grossen  Mengen  erfolgt  .  die  Ausbreitung 
rascher  und  regelloser.  Beim  Durchbruch  an  der  Hinterwand  kommt 
es  leichter  zu  abgesackter  Peritonitis  (Fall  14),  da  hier  die  peri-  f 
gastritischen  Verwachsungen  beim  alten  Geschwür  weit  häufiger  und 
umfangreicher  sind  als  vorne,  wo  sie  nur  sehr  selten  zur  Anheftung  des 
Magens  an  der  vorderen  Bauchwand  führen. 

Die  Infektion  des  Peritoneums  nimmt  meist  keinen  stürmischen  . 
Verlauf,  da  die  Zahl  der  pathogenen  Keime  im  Magen  und  Duodenum 
an  sich  geringer  ist  als  in  unteren  Darmabschnitten  (z.  B.  Appendix), 
und  der  saure  Magensaft  die  Virulenz  herabsetzt  (Konrad  Brunner  j 
nach  L  i  e  b  1  e  i  n). 

Eine  besondere  Abart  der  Perforation  ist  die  gedeckte  Perforation,  , 
die  mit  der  subakuten  öfters  zusammengeworfen  wird.  Klarer  wäre 
es,  von  subakuter  Perforation  nur  in  Fällen  zu  sprechen,  in  denen  sie  | 
sich  langsamer  vollzieht,  vielleicht  durch  peritonealen  Reiz  angekündigt  j 
wird  (Moynihan,  V  i  1 1  a  r  d  und  P  i  n  a  t  e  1 1  e  nach  Petren)  oder 
auch  zu  weniger  stürmischen  Initialsymptomen  führt.  Die  Bezeichnung  ; 
„gedeckte  Perforation“  sollte  nur  für  die  Fälle  angewendet  werden,  I 
in  denen  der  Durchbruch  zwar  akut  eintritt,  aber  sekundär  eine  Deckung  I 
der  Oeffnung  stattfindet,  sei  es  durch  Fibrin,  Netz,  Leber,  Gallenblase, 
oder  vordere  Bauchwand.  Schnitzler  hat  ihr  eine  ausführliche  'j 
Beschreibung  gewidmet.  Derartige  Fälle  haben  schon  vorher  F  i  n  -■ 
stere  r,  Petren  u.  a.  gesehen  ohne  sie  besonders  zu  bewerten. 
Ersterer  hat  neuerdings  einen  Fall  gesondert  beschrieben.  Die  Deckung  | 
wird  nur  möglich  sein  bei  kleiner  Oeffnung,  geringer  Füllung  des  | 
Magens  oder  Duodenums,  so  dass  nur  kürzere  Zeit  Inhalt  ausfliesst, 
reichlicher  Fibrinbildung,  die  entweder  selbst  das  Loch  verstopft  oder 
die  Verklebung  mit  dem  Nachbarorgan  besorgt,  'und  bei  besonders  i 
geringer  Virulenz  und  Menge  der  ausgetretenen  Keime,  so  dass  cs  i 
nicht  oder  doch  erst  spät  zur  Eiterung,  allenfalls  Abszessbildung  kommt. 
Ihr  Vorkommen  gibt  die  Erklärung  für  manche  Fälle,  bei  denen  bei  der 
Operation  das  Loch  in  den  dicken  Fibrinpelzen  (Petren)  nicht  ge¬ 
funden  wurde,  und  für  den  milden  Verlauf,  der  die  Rettung  von  aus¬ 
gesprochenen  Spätfällen  durch  Operation  ermöglichte  (Fall  12.  42  Stun¬ 
den  post  perf.  operiert  und  geheilt,  Finsterer)  und  für  Fälle.  die  : 
ohne  Operation  in  Heilung  ausgingen.  Nach  Schnitzler  soll  bei  der 


I  20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


gedeckten  Perforation  nach  den  ersten  stürmischen  Symptomen  Er¬ 
holung  beobachtet  werden.  Bei  unserem  Fall  traf  das  nicht  zu.  Dass 
auch  diie  gedeckte  Perforation,  selbst  wenn  sie  diagnostiziert  wird 
(Finsterer;  möglichst  frühzeitig  operiert  werden  muss,  bedarf  bei 
dei  Unsicherheit  eines  derartigen  Verschlusses  wohl  kaum  besonderer 
Hervorhebung. 

.  Eei  voller  Ausprägung  des  Bildes  könnte  die  Frühdiagnose  sicher  in 
j  dreivieitel  der  Fälle,  bei  denen  der  Arzt  rechtzeitig  gerufen  wird, 
gestellt  werden.  Die  Frühdiagnose  ist  jedoch  keineswegs  so  häufig, 
lni  weiteren  Verlauf,  bei  schon  eingetretener  diffuser  Peritonitis  ist  die 
,  'asiiose  wesentlich  schwieriger.  Doch  kann  auch  hier  der  typische 
|  lnitialschmerz  den  richtigen  Weg  weisen.  Praktisch  ist  hier  die  Er¬ 
kennung  dei  ülcusperforation  als  solcher  zunächst  von  geringerer 
Bedeutung,  denn  mit  Ausnahme  von  ganz  desolaten  Fällen  wird  die 
'  Behandlung  immer  eine  operative  sein.  Meistens  wird  die  Fehldiagnose 
i  Appendizitis  gestellt.  Dies  hat  seinen  Grund  in  einer  gewissen  Aelm- 
■  lichkeit  der  Anamnese.  Auch  in  der  Appendizitisanamnese  spielen  oft 
angebliche  Magenschmerzen  eine  Rolle.  Doch  ist  der  Perforations- 
|  schmeiz  bei.  ihr  wohl  nie  ein  derartig  heftiger.  Die  erwähnte  Aus- 
ei tungs weise  des  Exsudats  erschwert  weiter  die  Differentialdiagnose. 
i  Ausgedehnte  Druckempfindlichkeit  und  Spannung  auch  in  der  Ober- 
:  bauchgegend  werden  bei  frischer  Appendizitis  auch  im  Fall  der  Per- 
I  selten  Vorkommen.  Diese  Verwechslung  hat  noch  keine  dele- 

i  tare  Bedeutung,  wenn  sie  nur  zur  sofortigen  Operation  führt  Bei 
1  dieser  gibt  die  Beschaffenheit  des  Exsudats  Aufklärung.  Auch  uns  sind 
i  LS,,  o  e  Fa  eu  b®SeSnet?.  ein  Frühfall  (Fall  8,  geheilt),  ein  Spätfall 
irall  2,  gestorben).  Im  übrigen  gibt  es  wohl  keine  akute  abdominale 
Erkrankung,  mit  der  die  ülcusperforation  nicht  schon  verwechselt  wor- 
1  den  wäre.  Die  Karzinomperforation  kann  dasselbe  Bild  wie  die  des 
I  V leus  rotundum  zeigen,  wie  auch  unser  Fall  15  beweist,  der  erst  bei 
der  mikroskopischen  Untersuchung  des  Sektionspräparates  als  Karzinom 
,  aulgedeckt  wurde.  Schlecht  abzugrenzen  sind  anderweitige  sel¬ 
tenere  Darmperforationen  (Meckelsches  Divertikel.  Darmtuberkulose, 
i yphus  ambulans).  .Geplatzte  Zysten  des  weiblichen  Genitales  führen 
;  zu  Erscheinungen,  die  meist  von  den  unteren  Bauchabschnitten  aus- 
j  sehen  und  dort  am  stärksten  ausgeprägt  sind,  abgesehen  von  der 
j  anamnestischen  Verschiedenheit.  Die  geplatzte  Tubargravidität  zeigt 
i  ausserdem  die  Symptome  der  intraabdominellen  Blutung.  Vor  der  Ver- 
wechslung  mit  Pneumonie  oder  tabischer  Krise  schützt  eine  ein¬ 
gehende  Untersuchung. 

'  „  ,Ein,en  Fall  sog.  Scheinperforation  (P  e  tr  e  n)  haben  wir  beobachtet. 

|  Es. handelte  sich  um  einen  34  jährigen  Mann,  der  vor  15  Jahren  einen 
1{  Deichselstoss  auf  den  Bauch  mit  nachfolgenden  langen  und  schweren 
I  Krankenlagern  erlitten  hatte.  Er  wies  alle  diagnostisch  wichtigen 
1  änamuestischen  und  Befundsmcrkmalc  einer  akuten  Ülcusperforation 
I  d],e  rv*  Euchhöhle  auf,  so  dass  an  der  Diagnose  kein  Zweifel  be- 
I  ,fnd-  Die  ,obere  mediane  Laparotomie  ergab  ausser  ausgedehnten 
alten  Verwachsungen,  die  den  Einblick  sehr  erschwerten,  nichts.  Auch 
die  zugänglich  gemachte  hintere  Magenwand  zeigte  keine  Spur  eines 
Ulcus.  Die  Gallenblase  war  in  Ordnung.  Vom  Pararektalschnitt  aus 
wurde  eine  Appendix  entfernt,  deren  Wand  etwas  verdickt  war  und 
deren  Schleimhaut  punktförmige  Blutungen  aufwies.  Mikroskopisch 
j  zeigte  die  Subserosa.  leichte  entzündliche  Infiltration.  Darnach  wTird 
!  niäii'  sie  kaum  als  Ursache  anschuldigen  können.  Der  Heilungsverluf 
war  ein  völlig  glatter  und  rascher.  Aufklärung  brachte  er  in  keiner 
Richtung.  Tabische  und  hysterische  Zeichen  fehlten  vollständig. 

Alle  zur  Aufnahme  gelangten  Fälle  von  ülcusperforation  wurden 
operiert.  Dass  der  Schockzustand  kein  Grund  zur  Aufschiebung  der 
Operation  sein  kann,  ist  klar,  wenn  man  weiss,  dass  er  in  diffuse  Peri¬ 
tonitis  übergeht. 

Der  Gang  der  Operation  war  grundsätzlich  folgender:  supra- 
umbilicale  mediane  Laparotomie,  Naht  der  Perforationsstelle,  erst  durch¬ 
greifend,  dann  ein-  bis  zweifache  Serosatibernähung  allenfalls  mit  Heran¬ 
ziehung  von  Netz.  Ausgiebige  Spülung  der  ganzen  Bauchhöhle  mit 
körperwarmer  physiologischer  Kochsalzlösung  unter  Eventration  des 
Dünndarms.  und  möglichster  Beseitigung  von  Belägen.  Gastro- 
enterostomia  retrocolica  posterior.  Völliger  Verschluss  der  Bauchwunde 
uurch  Schichtnaht,  ausser  bei  ausgesprochen  diffus  eitriger  Peritonitis, 
ohne  Rücksicht  auf  zurückgelassene  Spülflüssigkeit. 

Die  blosse  Naht  der  Perforation  genügt  jedenfalls,  die  Exzision  des 
Uicus  als  Verfahren  der  Wahl  hat  nur  noch  wenig  Anhänger  (D  e  a  v  e  r). 

••ii,  Uie  Sestielte  Netzplastik  wurde  nur  ausgeführt,  wenn  die  Serosa- 
nahte  allein  nicht  sicher  genug  schienen.  Anderes  Material  zu  ver¬ 
wenden,  hatten  wir  keine  Veranlassung  (z.  B.  Ra  ab  e,  freie  Peritoneal¬ 
transplantation). 


Die  von  Rehn  eingeführte  Spülung  mit  Eventration  des  Dünn- 
*nlSVT^ie  ei(ien  a^en  Streitpunkt  in  der  Peritonitisbehandlung  dar- 
steht  (Deutscher  Chir.-Kongr.  1909)  hat  in  ihrer  Anwendung  bei  der 
'Viagen-  und  Duodenalulcusperforation  in  neuerer  Zeit  sicher  Freunde 
gewonnen,  die  ihre  guten  Erfolge  darauf  zurückführen  (Amberger, 
Demmer,  Nötzel  [alle  R  e  h  n  sehe  Schule],  Bircher  Eberl  e, 
v.  Eiseisberg,  v.  Haberer,  Hohlbaum  [Payrsche  Klinik], 
wrogius,  Körte  u.  a.).  Gegenöffnungen  anzulegen  haben  wir  nicht 
*.4)"  gehalten.  Jedenfalls  muss  die  Spülung  ausgiebig  sein  (30  bis 
p  Fiter)  und  richtig  von  der  Tiefe  heraus  ausgeführt  werden.  Mit 
Keinhar  d  glauben,  wir,  dass  es  ein  Verdienst  der  Spülung  ist,  wenn 
Sen  me  ’n^ra‘lbdom'na^en  Abszesse  in  der  Nachbehandlung  beobachtet 

Die  Ausführung  der  Gastroenterostomie  beim  perforierten  Magen- 
und  Duodenalulcus  ist  eine  sehr  umstrittene  Frage  (Rovsing)  Ihr 

Nr.  3. 


Zweck  ist  zunächst  der,  eine  Entlastung  des  Magens  durch  rasche  Ent¬ 
leerung  und  Schutz  der  Naht  beim  pylorusnahen  oder  Duodenalulcus 
durch  Umgehung  des  Pylorus  zu  erreichen.  Darüber  hinaus  soll  sie 
ausserdem  das  Ulcus  in  der  Folge  heilend  beeinflussen.  Letzteres  liegt 
ausserhalb  des  Zieles  der  Operation  bei  der  Perforation,  die  bei  dem 
schweren  Zustand  des  Kranken  rasch  gemacht  werden  muss.  Je  nach- 
dem  dei  Chiruig  die  erste  Absicht  etwa  auf  eine  andere  Weise  besser 
verwirklichen  zu  können  glaubt  (z.  B.Salzman  n)  und  je  nach  seiner 
Wertschätzung  der  Gastroenterostomie  in  der  Ulcusbehandlung  über¬ 
haupt,  die  ja  eine  sehr  verschiedene  sein  kann  (v.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g. 
Deutsch.  Chir.-Kongr.  1920),  und  je  nach  der  Einschätzung  der  Wieder¬ 
standskraft,  des  Kranken  und  der  eigenen  Technik  wird  er  die  Gastro¬ 
enterostomie  nicht  oder  nur  unter  bestimmten  Voraussetzungen  oder 
gi  undsätzlich  anwenden.  Bei  vor  oder  durch  Operation  entstandener 
Pvlorussteno.se  hat  sie  jedenfalls  zahlreiche  Anhänger  (Arnberg  er 
Finsterer,  Petr  ein,  Wagner,  Wetterstrand  u.  a.).  Wir 
haben  die  Gastroenterostomie  in  unseren  sämtlichen  Fällen  freier 
Perforation  ausgeführt,  mit  Ausnahme  von  Fall  3,  wo  die  Operation 
wegen  des  desolaten  Zustandes  abgebrochen  und  deshalb  auch  nicht 
gespult  wurde,  und  in  Fall  8,  wo  sie  unterblieb,  weil  die  Operations¬ 
dauer  nach  vorausgegangener  Appendektomie  und  bei  Ausschluss  der 
btenosegefahr  ohne  zwingende  Gründe  nicht  weiter  verlängert  werden 


iNeuerdmgs  haben  Chirurgen,  die  in  der  Ulcusbehandlung  überhaupt 
zu  radikaleren  Methoden  hinneigen,  im  Vertrauen  auf  ihre  Technik  in 
günstig  gelagerten  Frühfällen  Resektionen  (Billroth  2  und  1.  Quer- 
resektion)  beim  perforierten  Ulcus  mehrfach  ausgeführt  und 'Erfolge 
berichtet  (Eberl  e,  Eu  nicke,  v.  Haberer,  Massari,  Petren) 
Lhe  Resektion  ist  jedoch  immer  ein  grosser  und  nicht  einfacher  Eingriff. 
Vur  glauben,  dass  es  wichtig  ist,  die  Operation  möglichst  abzukürzen. 
Eine  Resektion  kann,  wenn  nötig,  später  nach  Erholung  des  Kranken 
mit  grosserer  Ruhe  und  Sicherheit  ausgeführt  werden. 

Im  Notfall,  bei  Unmöglichkeit  des  Nahtverschlusses  der  Oeffnung, 
nat  man  sich  auf  Tamponade  mit  oder  ohne  Gastroenterostomie  be- 
schrankt,  die  schon  Fälle  gerettet  hat  (W  e  1 1  e  r  s  t  r  a  n  d).  Auch  die 

Fl?ria  i  Uerf°raFon  in  die  Bauchwunde  wurde  erfolgreich  aus- 

gefuhrt  (Bur k). 

Auf  Drainage  haben  wir  in  Frühfällen  verzichtet  und  den  Verschluss 
der  Laparotomiewunde  möglichst  ausgedehnt  anzuwenden  gesucht. 
Auch  dort,  wo  wie  in  Fall  12  und  13  das  Ziel  einer  festen  Narben- 
bhdung  ohne  Bruch  nicht  erreicht  wurde,  hat  sie  einen  anderen 
bchaden  nicht  angerichtet.  Zugegeben  ist.  dass  in  diesen  beiden  Fällen 
die  Vernärbung  bei  Anwendung  einer  Drainage  (Rehn  sehe  Schule) 
vielleicht  eine  bessere  geworden  wäre.  Breite  Tamponade  leistet  wohl 
nicht  mehr  wie  Drainage  und  führt  sicher  zum  Narbenbruch,  der  doch 
nicht  ganz  gleichgültig  sein  kann. 

Wir  hatten  unter  13  Fällen  freier  Perforation: 

8  Frühfälle  (bis  12  Stunden  p.  perf.) 
davon  bis  6  Stunden  p.  perf. 

6 — 12  Stunden  p.  perf. 

5  Spätfälle 

davon  12 — 24  Stunden  p.  perf. 

2.  Tag  p.  perf. 

3.  Tag  p.  perf. 

4.  Tag  p.  perf.  .  „  ^ 

Von  den  Frühfällen  erlag  einer  einer  Pneumonie  (Fall  1),  einer 

fp1  nf  ni  eriD0ni  jS  ^°lge  Perforation  eines  zweiten  Ulcus  duodeni 
irali  91.  Bei  den  Spätfällem  war  die  Todesursache  Peritonitis.  Diese 
spielt  m  der  Statistik  der  Todesursachen  der  Perforation  weitaus  die 
grösste  Rolle.  Sehr  häufig  sind  auch  Lungenkomplikationen  tödlich 
(Pneumonie,  Gangrän,  Empyem). 

Komplikationen  bei  Fällen  mit  glücklichem  Ausgang  sahen  wir: 
Bronchitis  i  mM  (Fall  13);  Pneumonie  2  mal  (Fall  6,  11);  Aszites  1  mal 
(Fall  4);  Ueuserscheinungen  1  mal  (Fall  11);  tiefer  Abszess  am  Ober¬ 
schenkel  1  mal  (Fall  11);  doppelseitige  eitrige  Parotitis  1  mal  (Fall  12). 

Ueber  die  Nachbehandlung  ist  besonderes  kaum  zu  sagen,  sie  unter- 
scheidet  sich  nicht  wesentlich  von  der  anderer  schwerer  Magen-  und 
abdominaler  Operationen.  Wert  legen  wir  auf  Schutz  vor  Abkühlung 
und  gute  Durchlüftung  der  Lunge,  geben  auch  frühzeitig  und  reichlich 
nerzmittel.  Von  Tropfeinläufen  machen  wir  ausgiebig  Gebrauch. 


6 

geh. 

2 

gest. 

6 

5 

geh. 

1 

gest. 

2 

1 

geh. 

1 

gest. 

2 

geh. 

3 

gest. 

2 

1 

geh. 

1 

gest. 

1 

1 

geh. 

0 

gest. 

1 

0 

geh. 

1 

gest. 

I 

0 

geh. 

1 

gest. 

iw  u  ji  k  c  u  ^  e  s  c  n  i  c  n  i  e  n. 


E  N.  G.,  Mann,  40  Jahre.  5.  VIII.  1920. 

Alte,  im  Felde  verschlimmerte  Versteifung  der  rechten  Hüfte.  Seit  einem 
Jahr  wiederholte  Magembeschwerden,  die  jetzt  seit  mehreren  Wochen  an- 
aauern  und  ganz  unabhängig  von  der  Nahrungsaufnahme  sind.  Zuweilen 
saures  Aufstossen,  nie  Erbrechen.  Appetit  gut.  Stuhl  stets  regelmässig. 
Früher  starker  Biertrinker.  Heute  vormittag  9  Uhr  erkrankte  er  bei  der 
Arbeit  nach  dem  Genuss  von  einem  Rollmops  und  einem  Glase  Bier  plötzlich 
mit  äusserst  heftigen  Schmerzen  im  Leib  und  mehrfachem  Erbrechen  Liess 
sich  sofort  ms  Krankenhaus  bringen.  Befund:  Schwer  krankes  Aussehen. 
Massiger  Ernährungszustand.  Blass,  trockene  Lippen,  umrandete  Augen 
Zunge  feucht,  wenig  belegt.  Temperatur  37,2  rektal.  Puls  96,  regelmässig! 
von  mittlerer  Füllung  und  Spannung.  Herz  und  Lunge  o.  B.  Leib  mässig 
aufgetrieben,  Bauchdecken  gespannt.  Starke  Druckempfindlichkeit,  besonders 
im  Oberbauch,  rechts  stärker  als  links,  weniger  rechte  Unterbauchseite 
Keine  Darmgeräusche.  Sofortige  Operation:  6)4  Stunden  post  perf.  Lap.  med! 
supraumb.  Am  Magen,  Vorderwand  dicht  am  Pylorus,  nahe  kleiner  Kurvatur 
erbsengrosse  Perforation.  In  der  Umgebung  in  Zweimarkstückgrösse  Fibrin- 
belage.  Geringe  Exsudatmenge,  in  der  Nähe  der  Perforationsstelle 
starker  eitrig,  mit  Flocken  durchsetzt.  Darm  injiziert.  Zweifache 
Naht  der  Perforation.  Dann  wird  noch  ein  Netzzipfel  darauf  genäht. 
Spülung.  Ga.E.  post.  Bauchdeckenschichtnaht.  Verlauf:  Während  die  peri- 

4 


80 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


srs,  »TÄÄg  j 

reste  an  Nahtstelle  und  unterem  Dünndarm.  Multiple  Ulzera  Um  magemunuu 

2.  A.  M„  Mann,  54  Jahre.  22.  IX.  1920.  ^c-hmerzen  im 

Vor  18  Jahren  Krankenhausbehandlung  wegen  heftige ^ 

Leib.  Sonst  angeblich  immer  gesund.  Am  19.  IX.  nach  m  Untergauch> 
(Schwämme)  mit  sehr  heftigen  Leibschmerzen,  besonders  Tagen 

SÜch  erkrank,.  Zunahme  de,  iuhJtr  ».Ih  S 

mit  Erbrechen  dunkelbrauner  Massen  21.  IX.  T  abends  erfolgte 

der  Bahn  von  Neumarkt  nach  München.  Am  selben  Tag  erfüWung 

sd  ^,iSe,;:chl sä' sä  hsfÄSTfü; 

schnitt  rechts  Reichliche  dunkelbraune  nicht  stinkende  Flüssigkeit,  ln 
sich  vereinzelt  Teile  der  Pilzmahlzeit  finden.  Serosa  des  Dünndarms  gerötet, 

SaumfeAnmder  ktoteü  Kurt, tu? 

mittein  ist  der  Radialpuls  nicht  mehr  fühlbar.  9  Uhr  15  Min.  abends  Exitus. 
FrüTie^ant^Uch^stet  gesund ^ Am  30L  X.  mittags  habe  er  sich  nach  dem 

5^rSr1k,xr12Sn^S^ÄÄ'ÄhÄSf; 

Befund-  Puls  fadenförmig,  fliegend,  Atmung  schwer,  beschleunigt,  ausg 
sprochene  Facies  abdomF  Na,.'  und  Extremität»  kahl  Leib 
aiifgetrieben  stark  druckempfindlich.  Keine  Darmgerausche.  Irotz 
infausten  Zustandes  Operation:  3.  Tag  post  perf.  Lap.  med.  supraumb.  Dünn¬ 
darm  hochgradig  gebläht,  eitrig  belegt.  Grosse  Menge .  ^ngp”’lorus  Übe5 
riechenden  Exsudates.  An  der  kleinen  Kurvatur  nahe  beim  Pylorus  ube 
erbsengrosse  Perforation,  aus  der  massenhaft  bräunlicher,  schaumiger,  säuer¬ 
lich  riechender,  mit  wenig  festen  Bestandteilen  gemischter  Mageninhalt  aus¬ 
strömt.  Doppelte  Naht  wegen  der  erheblichen  Auflockerung  der  schmierig 
belegten  Serosa  schwierig.  Einlegen  von  3  dicken  Streifen.  Bauchdecken¬ 
schichtnaht  2.  XL  mittags  Exitus.  Sektion:  diffuse  eitrige  Peritonitis. 
Lungenödem.  Thrombose  beider  Venae  femoralis.  Multiple,  altere  Ulcera 

rotunda  des  Magens. 

4.  J.  H.,  Mann,  58  Jahre.  5.  XI.  1920. 

Seit  20  Jahren  magenleidend,  mit  typischen  Ulcusbeschwerden.  Vor  einer 
Woche  setzte  ein  ungewöhnlich  schwerer  Anfall  ein.  Stuhl  seit  28.  A.  a  - 
gehalten  Seit  30.  X.  täglich  1—2  mal  Erbrechen  wässeriger  Massen  Starkes 
Aufstossen.  Vergangene  Nacht  setzten  ganz  plötzlich,  so  dass  « -  davon  er¬ 
wachte,  sehr  heftige  Leibschmerzen  ein,  die  in  der  Lebergegend  besannen  un< 
sich  dann  über  den  ganzen  Leib  ausbreiteten.  Befund:  Schwächlich  gebauter, 
abgemagerter  Mann.  Schwerkranker  Eindruck.  Facies  abdominalis.  Zunge 
weiss  belegt,  trocken.  Leib  eingezogen,  bretthart.  Ueberall  ausserst  druck¬ 
schmerzhaft.  Sofortige  Operation:  Etwa  12  Stunden  post  perf.  Lap.  med 
supraumb.  Am  Magen  nahe  dem  Pylorus  an  der  kleinen  Kurvatur  kleine 
Perforation.  Reichlich  Mageninhalt  in  der  Bauchhöhle.  Darmschlingen  teil¬ 
weise  fibrinös  belegt.  Zweifache  Naht  der  Perforation.  Netzdeckung.  Ga  E. 
post.  Spülung.  Bauchdeckenschichtnaht  bis  auf  3  dicke  Streifen.  In  der 
Folge  erhebt  sich  die  Temperatur  nie  über  38,1  rektal,  der  Puls  nicht  über  110. 
Stuhl  am  4.  Tage  post  operationem.  Langsame  Erholung.  Am  27  XI.  noch 
Aszites  nachweisbar.  Bei  Entlassung  am  20.  XII.  noch  Knöchelodem.  Ge¬ 
wicht  40  kg,  Grösse  158,5.  Nachuntersuchung  3.  IV.  1921.  Gewicht  49  kg, 
guter  Allgemeinzustand.  Keine  Beschwerden.  Kann  mit  Ausnahme  schwerer 
Speisen  alles  essen.  10.  X.  1921:  Sieht  gut  aus.  Mager  Beschwerdefrei. 
Bei  vorsichtiger,  geregelter  Lebensweise  voll  arbeitsfähig  (Beamter). 

5.  B.  Fr.,  Mann,  30  Jahre.  9.  XI.  1920. 

Seit  4  Jahren  magenleidend  mit  häufigen  krampfartigen  Schmerzanfallen. 
Seit  Januar  1919  erhebliche  Verschlechterung.  Häufig  heftige  Magen¬ 
schmerzen,  Appetitlosigkeit.  Nach  künstlich  hervorgerufenem  Erbrechen  Er¬ 
leichterung.  Stuhl  häufig  angehalten  mit  Durchfällen  wechselnd.  .  Am  4.  XI. 
neuerdings  starke  Schmerzen,  so  dass  er  ins  Bett  musste,  häufiges  massen¬ 
haftes  Erbrechen,  bräunlich-übelriechend.  6.  oder  7.  XI.  schwarzer  Stuhl. 
Am  8.  gegen  Mittag  ging  er  aus.  Auf  der  Strasse  brach  er  plötzlich  mit 
heftigen  Schmerzen  im  Leib  zusammen,  bekam  keine  Luft  mehr.  Zu  Hause 
dauerten  die  heftigen  Schmerzen  fort,  bis  er  nachts  ins  Krankenhaus  gebracht 
wurde.  Befund:  Kräftig  gebauter  Mann.  Facies  abdominalis.  Zunge  trocken, 
dick  belegt.  Kostale  Atmung.  Puls  112,  regelmässig,  klein,  Temperatur  38,3. 
Leib  flach,  bretthart  gespannt,  überall  sehr  druckempfindlich.  Keine  Darm¬ 
geräusche.  Operation:  Etwa  18  Stunden  post  perf.  Lap.  med.  supraumb. 
In  der  Bauchhöhle  reichliche  graugrünliche  Flüssigkeit,  die  Reste  einer  Pilz¬ 
mahlzeit  enthält.  Darmschlingen  injiziert,  Magen  gebläht.  An  der  kleinen 
Kurvatur  eine  etwa  pfenniggrosse  Perforation,  deren  Umgebung  in  gut  Fünf¬ 
markstückgrösse  derb  kallös  ist.  Zweifache  Naht.  Spülung.  Ga.E.  post. 
Bauchdeckenschichtnaht  bis  auf  3  Streifen.  Während  der  Operation  Kollaps, 
der  trotz  NaCl-Infusion,  reichlicher  Herzmittel  usw.  nicht  behoben  wird.  Der 
Radialpuls  wird  nicht  mehr  fühlbar.  Wohl  hauptsächlich  durch  Strophanthin 
wird  Exitus  bis  10.  XI.  nachmittags  4  Uhr  hinausgeschoben.  Sektion:  Eitrig¬ 
fibrinöse  Peritonitis,  ausgehend  von  Ulcus  callos.  perf.  des  Magens.  Oedem 
und  Hypostase  beider  Lungen. 

6.  N.  G.,  Mann,  33  Jahre.  20.  XI.  1920. 

Seit  längeren  Jahren  magenleidend.  Vor  2  Jahren  deswegen  im  Kranken¬ 
haus.  Zeitweise  schwarzer  Stuhl,  saures  Aufstossen,  Schmerzen  in  Magen¬ 
gegend.  Vor  4  Tagen  traten  wieder  Magenschmerzen  auf.  Arbeitete  weiter. 
Heute  vormittag  9%  Uhr  stand  er  an  einer  Maschine  und  wollte  eben  eine 
Anordnung  treffen,  als  ganz  plötzlich  äusserst  starke  Schmerzen  einsetzten, 
so  dass  er  zu  Boden  sank  und  starke  Atemnot  litt.  Sofortige  Verbringung  ins 
Krankenhaus.  Befund:  Kräftiger  Mann.  Blass,  etwas  zyanotisch.  Schwer¬ 
krankes  Aussehen.  Krümmt  sich  vor  Schmerz.  Atmung  26,  Puls  112.  Leib 
eingezogen,  gespannt,  überall,  besonders  in  Magengegend  druckschmerzhaft. 
Operation:  2 /*  Stunden  post  perf.  Lap.  med.  supraumb.  Am  Magen  an  der 
kleinen  Kurvatur  vor  dem  Pylorus  erbsengrosse  Perforation  in  weisslich- 
strahlender  Narbe.  Wenig  Exsudat.  Serosa  überall  glatt  und  glänzend. 


Dreifache  Naht.  Spulu.a  .  Oa.E  POSE,  Xt««“  »Ä“'  ' 

Glatte  Heilung  bis  auf  kleine  Eiterung  am ee  eins?tzend,  rasch  abklingend.  J 
pneumonie  beider  Unterlappen,  am  2.  ^  ^  erholt. 

9.  XII.  Entlassung.  Nachuntersuchung  8.  X.  1921. “  *„ach  un-  I 
Arbeitet  ständig  fühlte  sich  wohl  bis  vor  Nikotingenuss  häufig  morgens 

.ÄÄflSh  m! 

Shssssää 

;rem^raf,tUT^igerZtgenkontrolle  X  1*920  «gib  rasche  Entleerung  des 
bis  80,  6  Tag)  Röntgenkontrolle  tu.  ai^  ^  ^  def  Kranke  neUerdings 

wflmSKatarfhes  'der  SerenVuft’wege  und  allerlei  nervöser  Beschwerden  im 
Krankenhaus  Nach  4er  Operation  halten  hie  «Unbeschwerte»  aane  auf- 
gehört.  Zuletzt  wieder  etwas  saures  Aufstossen. 

Schon"  1  ä  ii'  g  er  e 11 Z  e  i  t 9  Mage  nie  sch  werde  n .  Vor  X  Jahr  deswegen  in  ärzt¬ 
licher  Behandlung.  Am  31.  XII.  1920  traten  QUSeu” 

Oberbauch  auf,  erstreckten  sich  auch  in  die  rechte  Unterbauchseite,  neu  ^ 
nachmittags  4  Uhr  bei  der  Arbeit  plötzlich  '™efsen  ’  Er¬ 

dass  er  sich  nicht  mehr  bewegen  konnte.  Hat  mittags  noch  gegessen,  r-r 
brechen  nachmittags  auf  künstlichen  Reiz.  Gegen  Abend  eingeliefert, 
fund  Junger  wenig  entwickelter,  kleiner,  schlanker  Mann.  Augenscheinlich 
grosse  Schmerzen."  Angaben  unsicher  langsam  Blasses  Gfcht  JUss, 
Lippen,  Augen  umrandet,  Zunge  feucht,  kaum  belegt.  Hände  und  Fusse  kuh  . 

P  ik  klein  um  80.  Temperatur  36,4  rektal.  Leib  eingezogen,  bretthart  Sehr 
grosse  Druckempfindlichkeit,  Spannung  und  Druckschmerz  am  stärksten  m 
der  rechten  Unterbauchseite,  wo  auch  spontan  jetzt  die  ärgsten  Schmerzen 
angegeben  werden.  Keine  abnorme  Dämpfung.  Diagnose:  Appendicitis  perf 
Operation:  3/2  Stunden  post  perf.  Pararektalschnitt  .\0.rllnege"derK°u""dnar"u 
auffallend  feucht,  gestaut.  An  der  Appendix  nur  Injektion  ein  Kotstein 
fühlen  Typische  Appendektomie.  Lateral  des  Zoekums  und  Golo 
ascendens  Ansammlung  reichlich  stark  getrübten  und  mit  durch¬ 

setzten  Exsudates.  Bauchdeckenschichtnaht.  Lap.  med.  supraumb.  Mage 
gebläht,  stark  gefüllt,  an  der  Vorderwand  nahe  der  kleinen  Kurvatur  da™ea‘ 
breit  vom  Pylorus  ein  Bleistiftdicke  haltendes  Loch  in  weisslich  narbiger 
Umgebung,  aus  dem  fortwährend  Mageninhalt  abfliesst.  Weiter  kardiawarts 
an  der  Vorderwand  eine  kleine,  weissliche,  strahlige  feste  Narbe.  Dreifaches 
Uebernähen  der  Perforation  unter  Heranziehen  eines  Netzzipfels.  sPulu"S- 
Von  Ga.E.  wird  mit  Rücksicht  auf  die  längere  Operationsdauer,  den  schweren 
Zustand  und  die  gute  Durchgängigkeit  des  Pybrus  abgesehen.  Bauchdecke  - 
schichtnaht.  Verlauf:  Beide  Wunden  heilen  p.  p.  Heilverlauf  glatt.  Röntgen 
kontrolle  4.  II.  1921  ergibt  gute  Entleerung  des  leicht  verzogenen  Magens. 
12.  II.  entlassen.  Nachuntersuchung  17.  X.  1921.  Hat  sich  kräftig  entwickelt. 
Frisches  Aussehen.  Volles  Gesicht.  Fühlt  sich  gesund.  Isst  alles.  Vo 
5  Wochen  einmal  leichtes  Magendrücken.  Trinkt  und  raucht  nicht.  Narben 
fest  mit  Keloidbildung. 

9.  Kö.  A.,  Mann,  23  Jahre.  5.  II.  1921. 

Während  des  Krieges  1  Jahr  Soldat.  Wegen  Anfällen  mit  Bewusstsein*- 
verlust,  Schreien  und  Krämpfen  entlassen.  Vor  einem  Jahr  erlitt  er  einen 
Schlag  mit  einem  schweren  Hammer  auf  die  Stirn.  °er  Vater  behauptet, 
seitdem  sei  sein  Sohn  „nicht  mehr  ganz  richtig“.  Seit  3—4  Monaten  dumpfe 
Schmerzen  in  der  Magengegend,  hauptsächlich  vor  dem  Essen.  Oft  braun¬ 
schwarzes  Erbrechen.  In  der  letzten  Woche  fühlte  er  sich  recht  unwohl 
Frösteln,  starker  Durst,  Appetitlosigkeit.  Nachmittags  A 5  Uhr  spurte  er  auf 
der  Strasse  einen  Riss  durch  die  Brust  und  den  Oberbauch.  Darauf  konnte 
er  sich  nur  noch  kriechend  in  ein  Geschäft  schleppen,  wo  er  ganz  zusammen¬ 
brach  Kein  Bewusstseinsverlust.  Reichlich  Erbrechen,  das  sich  mehrfach 
wiederholte.  Winde  und  Urin  seither  angehalten.  Wird  um  9  Uhr  abends 
eingeliefert.  Befund:  Gibt  nur  zögernd  und  schwerfällig  Auskunft.  Ruhig. 
Blass.  Lippen  rot.  Foetor  ex  ore.  Zunge  leicht  belegt,  feucht.  Puls  88, 
gut  gefüllt,  mässig  gespannt,  regel-  und  gleiohmässig.  Temp.  ax.  36,8.  nerz, 
Lunge  o.  B.  Leib  leicht  eingezogen,  im  ganzen  gespannt,  besonders  die 
Rekti  Druckempfindlichkeit  rechts  auf  der  ganzen  Seite  mehr  als  links,  doch 
nirgends  erheblich.  Flanken  frei.  Rechts  im  Unterbauch  Dämpfung.  In  den 
nächsten  2  Stunden  zweimal  galliges  Erbrechen.  Hat  etwas  geschlafen,  fühlt 
sich  wohler.  Sieht  nicht  verfallen  aus.  Puls  und  Temperatur  unverändert. 
Der  Kranke  ist  ruhig,  macht  einen  etwas  stumpfen  Eindruck.  Er  setzt  sich  im 
Bett  allein  auf.  Leib  leicht  eingezogen,  Rekti  deutlich  gespannt,  keine  erheb¬ 
liche  Druckempfindlichkeit.  In  der  rechten  Unterbauchseite  leichte  Dämpfung 
Die  Leberdämpfung  ist  in  ganzer  Ausdehnung  von  Tympame  überlagert 
Rektal  leichte  Druckempfindlichkeit  des  Douglas.  Diagnose:  Ulcus  ventricu 
aut  duodeni  perf.?  Operation:  6.  II.  1921  8  Stunden  post  perf.  Lap.  med 
supraumb.  Sofort  Vordringen  von  schmierigem  Exsudat.  An  der  Vorderseite 
des  Pylorus  erbsengrosse  Perforation,  aus  der  etwas  Galle  fliesst.  Zweifache 
Naht.  Dünndarmserosa  überall  getrübt,  injiziert,  reichlich  Skybala.  Ga.E 
post.  Bauchdeckenschichtnaht.  Verlauf:  In  den  nächsten  Tagen  zunächs 

Rückgang  der  peritonealen  Symptome.  Am  10.  II.  1921  rasche  Verschlech 
terung.  12.  II.  3  Uhr  morgens  Exitus.  Sektion:  1.  Ulcus  an  der  Vorderwani 
der  Pars  Ihoriz.  sub.  duodeni  genäht.  2.  Ulcus  an  der  Hinterwaiid  perforiert 
Jauchige  Peritonitis. 

10.  Sch.  G„  Mann,  33  Jahre.  16.  III.  1921. 

Seit  1910  magenleidend.  Hat  den  ganzen  Krieg  im  Feld  mitgemacht 
Letzte  Nacht  hatte  er  heftige  krampfartige  Magenschmerzen.  Als  er  heut 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


81 


1214  Uhr  mittags  spazieren  ging,  bekam  er  plötzlich  einen  stechenden  Schmerz 
im  Magern  der  zum  Nabel  und  zur  linken  Schulter  ausstrahlte.  Er  fühlte  ein 
schnelles  Schwinden  seiner  Kräfte.  Befund:  Aussehen  verfallen.  Zunge  kaum 
belegt,  feucht.  Puls  85,  voll,  regelmässig.  Kostale  Atmung.  Leib  nicht  auf¬ 
getrieben,  hart  gespannt,  starker  Druckschmerz,  am  meisten  im  Epigastrium, 
nach  abwärts  allmählich  abnehmend.  Keine  Dämpfung,  keine  Darmgeräusche. 
Operation:  3  Stunden  post  perf.  Lap.  med.  supraumb.  Sehr  spärliches 
Exsudat.  Magen  prall  gefüllt.  An  der  Pylorusvorderwand  hirsekorngrosse 
Perforation  in  derber  Umgebung.  Zweifache  Naht  und  Netzdeckung.  Spülung. 
Qa.E.  post.  Bauchdeckenschichtnaht.  Glatter  Verlauf.  Wunde  p.  p.  geheilt. 
Röntgenkontrolle  31.  III  1921  ergibt  gute  Entleerung  des  Magens.  Stauung 
im  Duodenum. 

11.  Sch.  J.,  Mann,  36  Jahre.  3.  IV.  1921. 

Seit  1916  magenleidend.  Im  Januar  d.  J.  wegen  Magengeschwür  in 
Krankenhausbehandlung.  Heute  vormittag  X>9  Uhr  plötzlich  Schmerzen  im 
Bauch,  etwas  Erbrechen.  Nach  einigen  Minuten  konnte  er  weitergehen,  musste 
sich  aber  bald  wieder  hmsetzen.  Befund:  Kräftiger,  gut  genährter  Mann. 
Leichte  Zyanose.  Pupillen  klein  (vorher  Mf.).  Puls  90,  regelmässig,  kräftig. 
Temperatur  37,4  rektal.  Oberbauch  besonders  rechts  bretthart  gespannt. 
Rechts  neben  Medianlinie  stärkste  Druckempfindlichkeit.  Unterbauch  frei. 
Spärliche  Darmgeräusche.  Operation:  Etwa  4  Stunden  post  perf.  Lap.  med. 
supraumb.  Entweichen  von  Gasen.  Diffuses  Exsudat.  Erbsengrosse  Per¬ 
foration  an  der  Pylorusvorderwand.  Zweifache  Naht.  Spülung.  Ga.E.  post. 
Bauchdeckenschichtnaht.  Der  weitere  Verlauf  war  durch  eine  Pneumonie  des 
rechten  Unterlappens,  grössere  Fadeneiterung  in  der  Wunde,  einen  aus¬ 
gedehnten  tiefen  Abszess  am  rechten  Oberschenkel  und  leichte  Ileuserschei- 
nungen  kompliziert.  14.  V.  1921  entlassen.  Bericht  vom  11.  X.  1921:  Fühlt 
sich  ganz  wohl  und  arbeitsfähig.  Kann  alles  essen. 

12.  B.  J.,  Mann,  29  Jahre.  21.  V.  1921. 

Seit  1917  magenleidend.  Während  des  Krieges  zweimal  wegen  Nerven- 
und  Magenleidens  vom  Militär  entlassen.  Vor  14  Tagen  neuerdings  heftige 
Schmerzen  in  der  Magengegend,  Erbrechen,  konnte  nur  noch  Milch  trinken. 
Vorgestern  nachmittags  wurde  ihm  im  Bureau  so  übel,  dass  er  heimgehen 
musste.  Auf  der  Strasse  konnte  er  nicht  mehr  weiter.  Ein  Herr  half  ihm. 
Zu  Hause  ging  er  mit  heftigen  Schmerzen  ins  Bett.  Als  er  um  L>4  Uhr  auf¬ 
stehen  wollte,  war  es  ihm  „als  ob  sich  unter  äusserst  heftigen  Schmerzen  der 
Magen  plötzlich  in  den  Darm  entleerte",  wobei  er  zusammenbrach.  Aerzt- 
liche  Behandlung  brachte  keine  Linderung.  Kein  Erbrechen.  Stuhl  und  Winde 
angehalten.  Als  Appendizitis  eingewiesen.  Befund:  Schlanker,  wenig  kräftiger 
Mann,  Facies  abdominalis,  Lippen  trocken.  Zunge  feucht,  stark  belegt.  Leib 
etwas  aufgetrieben.  Am  Oberbauch,  besonders  median  starke  Spannung  und 
Druckschmerz.  Beides  auch  auf  der  ganzen  rechten  Seite  vorhanden,  doch 
nicht  so  stark  wie  in  der  Mitte  oben.  Links  ist  Eindrücken  etwas  möglich. 
Sofortige  Operation:  42  Stunden  post  perf.  Lap.  med.  supraumb.  Vor  dem 
geblähten  Magen  wenig  stark  getrübtes  Exsudat.  Auf  der  Vorder  wand  des 
Pylorus  liegt  die  Leber  an.  Dazwischen  dicker  Fibrinbelag,  unter  dem  nach 
einigem  Suchen  vorne  oben  am  Pylorus  ein  stecknadelkopfgrosses  Loch  ge¬ 
funden  wird.  Zweifache  Naht.  Trübes,  nicht  übelriechendes  Exsudat  haupt¬ 
sächlich  in  der  rechten  Bauchseite  und  im  kleinen  Becken  angesammelt.  Netz 
hochgradig  gerötet.  Dünndarm  gebläht,  gestaut,  trübe.  An  rechts  gelegenen 
Schlingen  Fibrinauflagerung.  Im  Colon  descendens  und  sigmoideum  Skybala. 
Spülung.  Ga.E.  post.  Bauchdeckenschichtnaht.  Der  Verlauf  war  kompliziert 
durch  schwere  doppelseitige,  eitrige  Parotitis,  die  beiderseits  inzidiert  werden 
musste  und  Eiterung  an  der  Operationswunde,  wo  der  Faden  der  fortlaufenden 
Peritonealnaht  in  toto  zur  Abstossung  kam.  Am  30.  VI.  1921  hatte  sich  der 
Kranke  im  ganzen  sehr  gut  erholt,  war  ibeschwerdefrei,  konnte  entlassen 
werden.  Beginnender  Narbenbruch. 

13.  S.  J.,  Mann,  54  Jahre.  21.  VII.  1921. 

Seit  mehreren  Jahren  magenleidend.  6. — 11.  Juli  täglich  heftige 
Schmerzanfälle  mit  Erbrechen  und  Schlaflosigkeit.  Am  20.  morgens  Lcib- 
schimerzen,  weswegen  er  gegen  Mittag  zu  Bett  ging.  Als  er  nachmittags 
ruhig  dalag,  hatte  er  plötzlich  das  Gefühl,  als  ob  im  Oberbauch  etwas 
durchrisse.  .  Er  stiess  einen  lauten  Schrei  aus.  Gegen  die  heftigen  Schmerzen 
waren  ärztlich  verordnete  Medizin  und  Mf. -Injektionen  wirkungslos.  Befund: 
Vorgealterter  Mann,  mager,  Gesicht  eingefallen,  blass.  Stöhnt  und  jammert 
über  heftigste  Leibschmerzen.  Temp.  37,8,  Puls  100,  mässig  gefüllt.  Leib 
etwas  aufgetrieben,  stark  gespannt,'  überall  sehr  druckschmerzhaft,  besonders 
m  der  Mitte  der  Oberbauchgegend  und  rechts  davon.  Keine  Darmgeräusche 
Sofortige  Operation  etwa  18  Stunden  p.  perf.  Lap.  med.  supraumb.  Gas 
und  reichlich  stark  trübes,  galliges  Exsudat.  An  der  Vorderwand  der  Pars 
horiz.  sup.  duodeni  erbsengrosses  Loch,  aus  dem  Galle  ausfliesst.  Zweifache 
Naht.  Netz  stark  gerötet.  Dünndarm  in  den  oberen  Teilen  gebläht,  trübe 
mjmert  Einzelne  Fibrinbeläge.  Spülung.  Ga.E.  post.  Bauchdeckenschicht- 
naj  b-  er  Heilverlauf  wurde  gestört  durch  eine  schwere  eitrige  Bronchitis 
und  Eiterung  in  der  Wunde,  die  ganz  auseinanderwich.  Am  10.  X  1921 
war  er  noch  in  ambulanter  Behandlung.  Verspürt  noch  Druck  in  der  Magen¬ 
gegend.  Beginnender  Narbenbruch. 

14.  M.  B„  Frau,  57  Jahre,  14.  I.  21. 

Früher  ganz  gesund.  Seit  Mai  1920  immer  heftiger  werdende  Magen¬ 
beschwerden.  Vor  10  Tagen  wurde  sie  infolge  plötzlich  einsetzender  heftiger 
Schmerzen  im  Oberbauch  ohnmächtig.  Seither  mehrfach  Erbrechen  übel¬ 
riechender  Massen,  Auftreibung  des  Leibes,  Stuhl  und  Windverhaltung,  die 
nach  einigen  Tagen  wieder  behoben  werden  konnte.  Der  zugezogene  Arzt 
empfahl  Krankenhausaufnahme,  welchem  Rat  Sie  erst  heute  folgt.  Befund: 
^-tark  abgemagert.  Verfallenes  Aussehen.  Blass.  Zunge  trocken,  graubraun 
belegt.  Temp.  37,8  rektal.  Puls  104,  klein,  regelmässig.  Leib  im  ganzen 
stark  aufgetrieben.  Reflektorische  Bauohdeckenspannung  nur  in  der  rechten 
Oberbauchgegend.  Keine  abnorme  Dämpfung,  Leberdämpfung  regelrecht.  Leb¬ 
hafte  Darmbewegung  unterhalb  des  Nabels  sichtbar.  Diagnose:  Neoplasma 
ventriculi?  Operation:  5.  I.  1921,  12  Tage  post  perf.  Lap.  med.  supraumb. 
Man  stösst  auf  einen  zwischen  Leber-  und  Zwerchfell  liegenden  Abszess, 
aus  dem  stinkendes  Gas  entweicht  und  der  dünne,  trübe  Flüssigkeit  enthält. 
Leber  mit  Colon  transversum  fest  verklebt.  An  der  gegen  den  Magen  zu 
sehenden  Abszesswand  quillt  aus  einer  sondendünnen  Oeffnung  am  Leberrarid 
trübe,  stinkende  Flüssigkeit  vor.  Nach  Erweitern  der  Oeffnung  gelangt  man 
U?  die  Bursa  omentalis.  Nach  Austupfen  der  Jauche  erkennt  man  an  der 
ugenhinterwand  an  der  kleinen  Kurvatur  ein  etwa  zehnpfennigstückgrosses 
Loch.  Naht.  Gazestreifen  an  Perforationsstelle  und  Abszesshöhle,  Verkleine¬ 
rung  der  Bauchwunde  durch  Schichtnaht.  Die  Kranke  erholt  sich  nicht  mehr, 

6.  I.  1921  2  Uhr  morgens  Exitus.  Sektion:  Ausser  Bestätigung  des  Operations¬ 


fundes  weiche  Milz.  Thrombose  beider  Venae  fetnorales,  iliacae  und  der 
unteren  Hälfte  der  Kava. 

15.  R.  M„  Mann,  43  Jahre.  9.  V.  1921. 

Seit  mindestens  2lA  Jahren  (in  englischer  Kriegsgefangenschaft)  Magen¬ 
schmerzen.  8.  V.  1921  morgens  4  Uhr  erwachte  er  infolge  starken  Magen¬ 
drückens,  das  auf  heisse  Leibwickel  wieder  so  weit  zurückging,  dass  er 
einschlief.  Gegen  7  Uhr,  kurz  nachdem  er  aufgestanden  war,  befiel  ihn  ein 
so  heftiger  Schmerz  in  der  Magengegend,  dass  er  sich  auf  das  Bett  sinken 
Hess  und  sich  ganz  krümmte.  Durch  Arzt  vormittags  verordnete  Pulver 
konnten  die  dauernd  fortbestehenden  heftigen  Schmerzen  nicht  lindern.  Be¬ 
fund:  Massiger  Ernährungszustand.  Facies  abdominalis.  Zunge  belegt, 
trocken.  Puls  mässig  bescleunigt,  regelmässig,  kräftig.  Temp.  38,5.  Leib 
aufgetrieben,  hart  gespannt,  äusserst  druckempfindlich,  Oberbauch  am  meisten. 
Keine  Peristaltik.  Sofortige  Operation.  32  Stunden  post  perf.  Lap.  med. 
supraumb.  Gas  und  stark  trübes  Exsudat.  Unter  dem  sehr  grossen  linken 
Leberlappen  an  der  vorderen  Magenwand,  etwa  in  deren  Mitte,  erbsengrosses 
Loch  in  dicken  Fibrinbelägen.  Umgebung  in  Dreimarkstückgrösse  kallös. 
Zweifache  Naht.  Darmserosa  überall  trüb  injiziert.  Spülung.  Ga.E.  post. 
Bauchdeckenschichtnaht.  12.  V.  1921  Exitus  an  Peritonitis.  Sektion:  Diagnose 
'  Karzinom  erst  mikroskopisch  gestellt. 

Literatur. 

Amberger:  Arch.  f.  klin.  Chir.  1 12,  H.  3  u.  4.  —  B  i  r  c  h  e  r:  Verhdlg 
d.  Schweizer  Ges.  f.  Ghir.  1918,  ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920,  Nr.  14,  S.  335.  — 
Burk:  Zbl.  f.  Chir.  1920  Nr.  25.  —  C  i  t  r  o  n  b  1  a  1 1:  D.  Zschr.  f.  Chir.  1912, 
117.  H.  1  u.  2.  —  Deaver:  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920,  Nr.  28,  S.  872  — 
Demmer:  Bruns  Beitr.  1918,  111,  H.  2,  S.  400.  —  Eberle:  Zbl.  f.  Chir. 
1920  Nr.  45.  —  v.  Eiseisberg:  Arch.  f.  klin.  Chir.  1919,  112,  H.  3  u  4 
und  1920,  114,  H.  3.  —  Eunicke:  D.m.W.  1919  Nr.  28.  —  Finsterer- 
Bruns  Beitr.  1910,  68  und  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920,  Nr.  33,  S.  1013  —  v  Ha¬ 
ber61':  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920  Nr.  4,  S.  84.  —  H  o  h  1  b  a  u  m:  Ref.  Zbl.  f. 
Chir.  1920,  Nr.  36.  S.  1124.  —  Krogius:  XII.  Versamml.'  d.  Nordisch, 
g/hir.  Vereins  zu  Christiania  1914.  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1919,  Nr.  46,  S.  910 
und  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920,  Nr.  32,  S.  995.  —  L  i  e  b  1  e  i  n  und  Hilgen- 
r  ein  er:  D.  Chir.  Nr.  46  c,  S.  126.  —  Massari:  Ref.  Zbl.  f.  Chir. 

1920,  Nr.  30,  S.  432.  —  Melchior:  Neue  D.  Chir.  25,  S.  207  u.  ff 
—  Noetzel:  Verhandl.  d.  D.  Ges.  f.  Chir.  1909,  38,  II,  S.  638  ff.  und 
Arch.  f.  klin.  Chir.  1920,  114,  H.  2.  —  Petren:  Bruns  Beitr.  1911,  72, 
S.  139.  —  Raabe:  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1919  Nr.  44,  S.  878.  —  Rein¬ 
hard:  D.  Zschr.  f.  Chir.  1919.  149,  H.  3  u.  4,  S.  145—236.  —  Rosen¬ 
öl:  Bruns  Beitr.  1918  110,  H.  3,  S.  551.  —  Rovsing:  XII.  Versamml 
d.  Nordisch.  Chir.  Vereins  z.  Christiania  1919.  —  Salzmann:  M.m.W. 

1921,  Nr.  40,  S.  1294.  —  Schnitzler:  Verhdlg.  d.  D.  Ges.  f.  Chir.  1912! 
41,  I,  S.  189.  —  Thiem:  H.  d.  Unfallerkrankungen  1910,  2,  2  Teil  — 
Wagner:  D.  Zschr.  f.  Chir.  1913,  120,  H.  5  u.  6.  —  Wetterstrand' 
D.  Zschr.  f.  Chir.  1913,  121,  H.  5  u.  6 


Ueber  Bronchotomie  bei  tiefen  unheilbaren  Ver¬ 
engerungen  der  Luftröhre. 

Von  Aurel  Rethi-Pest. 

Die  im  unteren  Drittel  der  Trachea  sitzenden  Stenosen  sind  zu 
therapeutischen  Zwecken  im  allgemeinen  schwer  zugänglich.  Der 
grösste  Teil  ist  sogar  unheilbar.  Die  Stenose  ist  zumeist  ein  Folge¬ 
zustand  der  Kompression  durch  mediastinale  Tumoren  und  Aneurysmen, 
nicht  selten  sehen  wir  hochgradige  narbige  Stenosen,  ja  sogar  bös¬ 
artige  Tumoren  der  Trachea.  Das  Sklerom  kann  auch  Erstickungstod 
herbeiiiihren  durch  tiefsitzende  Stenosen. 

Während  im  oberen  Teil  der  Trachea  befindliche  Stenosen  gewöhn¬ 
ter1  durch  Tracheotomie  beeinflussbar  sind,  können  wir  bei  tiefsitzen¬ 
den  Stenosen  durch  die  Tracheotomie  meistens  kein  besonderes  Re¬ 
sultat  erhoffen.  Zur  Illustration  sollen  folgende  Krankengeschichten 
dienen: 

C7  ...  V  März  1916  wird  auf  die  Univers.itäts-Nasen-Kehlkopfklinik  eine 
57  jährige  Patientin  aufgenommen,  bei  der  ausserordentliche  Atembeschwerden 
j).es^ten- .  tracheotomiere  sofort,  aber  das  Atmen  bessert  sich  trotz  der 
Kanüle  nicht,  sondern  es  verschlechtert  sich.  Deshalb  appliziere  ich  eine 
lange,  spiralige  König  sehe  Kanüle,  die  durch  die  Stenose  durchdringend 
der  Patientin  das  Atmen  sichert.  Pat.  atmet  ruhig.  Der  interne  und  Röntgen¬ 
befund,  der  jetzt  schon  ruhig  erhoben  werden  konnte,  war  Aneurysma  aortae 
Nach  4  Tagen  verblutet  Pat.  durch  die  Trachea  infolge  Arrosion  des 
Aneurysma. 

2.  Am  20.  Dezember  1916  wird  ein  46  jähriger  Patient  von  der  I.  Medi¬ 
zinischen  Klinik  auf  die  Laryngologische  Klinik  mit  der  Diagnose  Aneurysma 
aortae  transferiert.  Die  Atembeschwerden  sind  sehr  erheblich.  Ich  mache 
sofort  die  Tracheotomie  und  lege  eine  lange,  spiralige  K  ö  n  i  g  sehe  Kanüle 
em.  Das  Atmen  ist  gut,  aber  Pat.  verblutet  nach  5  Tagen  durch  die  Trachea. 

3.  Im  Dezember  1915  machte  ich  eine  untere  Tracheotomie  bei  einem 
Patienten,  der  im  Bereiche  der  Bifurkation  eine  narbige  Stenose  infolge  von 
Lues  hatte.  Die  lokalen  Dilatationsversuche  waren  erfolglos  geblieben  Pat 
starb  nach  4  Monaten. 

In  den  genannten  Fällen  war  ich  dem  voraussichtlichen  Krankheits¬ 
verlaufe  gegenüber  gänzlich  machtlos.  Deshalb  lenkte  ich  meine  Auf¬ 
merksamkeit  auf  die  von  Glück  empfohlene  Bronchotomie,  welche 
uns  in  solchen  Fällen  allein  ermöglicht  dem  Kranken  Hilfe  zu  leisten. 
Den  Sinn  der  Operation  bietet  die  Erscheinung,  dass  der  Patient  durch 
eine  bronchiale  Fistel  bei  geschlossenem  Mund  und  Nase  atmet.  Die 
Luft  geht  also  nicht  durch  den  Kehlkopf  zu  den  bronchialen  Endästchen, 
sondern  in  retrograder  Richtung  vom  Bronchus  zur  Trachea  (retro¬ 
grade  Atmung). 

Glück  empfahl  ursprünglich  die  sog.  Bronchotomia 
postica,  deren  Sinn  darin  besteht,  dass  man,  neben  dem  Rückgrat 
euidringend,  nicht  die  Pleurahöhle  eröffnet,  sondern  die  Pleura  parie- 
talis  oberhalb  der  Wirbelsäule  abhebt  und  so  den  extrapleural  auf- 
gesuchten  Hauptbronchus  eröffnet.  Dieser  Weg  ist  aber  nicht  zweck- 

4* 


82 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


»lässig,  denn  er  birgt  wegen  der  Infektion  des  Mediastinums  und  dei 
Nähe  der  grossen  Gefässe  eine  eminente  Gefahr  in  sich,  denn  letztere 
werden  sehr  leicht  infolge  langer  Kanüle  arrodiert.  Dieser  Weg  ist  also 

aussichtslos.  ,  .  ,  , 

Viel  ermutigender  ist  es,  den  Hauptbronchus  im  Lungengewebe 
aufzusuchen  und  eine  ständige  perpulmonale  bronchiale  Fistel  anzulegen. 
In  diesem  Falle  müssen  wir  natürlich  die  Pneumothoraxbildung  verhin¬ 
dern  können.  Hochdruck  darf  nicht  angewendet  werden,  da,  wie  ein 
Fall  mich  lehrte,  der  hohe  Druck  einen  derartigen  Positionswechsel 
des  Aneurysmas  verursacht,  dass  eine  vollständige  Kompression  dei 
Trachea  entstehen  kann.  Es  ergab  sich  also  als  eine  wichtige  Erfahrungs¬ 
tatsache,  dass  man  bei  dieser  Operation  keinen  hohen  Druck  anwenüen 
darf. 

I.  Teil  (Pneumopexie).  Der  Zweck  ist  die  Verhinderung  des 
Pneumothorax  durch  Anbringung  einer,  die  Verwachsung  hervorrufen¬ 
den  Naht.  Hautschnitt  verläuft  parallel  zur  Wirbelsäule,  von  der 
Medianlinie  4  cm  entfernt,  beginnt  an  der  4.  Rippe,  setzt  sich  bis 
unter  die  9.  Rippe  fort  und  endet  am  oberen  Ende  in  einem  kurzen, 
am  unteren  Ende  in  einem  ungefähr  10  cm  langen  Querschnitt.  Wir 
legen  die  5.,  6.,  7.  und  8.  Rippe  frei,  und  während  wir  von  der  8.  Rippe 
entsprechend  der  Wunde  das  grösste  Stück  entfernen,  geschieht  dies 
bei  den  oberen  Rippen  stufenweise  weniger.  Die  interkostalen 
Arterien  werden  unterbunden,  und  die  interkostalen  Weichteile  werden 
von  der  Pleura  parietalis  behutsam  entfernt.  Bei  intensiver  Beleuch¬ 
tung  schimmert  die  entsprechend  der  Atmung  bewegte  marmorierte 
Oberfläche  der  Lunge  durch.  Hernach  umstechen  wir  mit  einer  fort¬ 
laufenden  Naht  am  Rande  der  Wunde  die  pleuralen  Blätter  (Fig.  1). 
Es  ist  eine  feine  Nadel  und  feine  Seide  notwendig,  und  beim  Nähen 
müssen  wir  darauf  achten,  dass  wir  beim  Ausstechen  die  Pleura  nicht 
mit  der  Nadel  nach  vorwärts  drücken  und  so  den  Stichkanal  erweitern. 
Als  Naht  wird  allgemein  die  sog.  Roux  sehe  Rückstichnaht  gebraucht. 
Ich  fand  es  in  meinen  Versuchen  viel  entsprechender  mit  einer  wellen¬ 
artigen,  doppelten,  in  den  Durchstechungspunkten  sich  treffenden  Naht 
zu  arbeiten  (Fig.  2),  welche  viel  sicherer  schliesst  als  die  Roux  sehe; 


war  Deshalb  versuchte  man  die  Anwendung  chemischer  Irritantien, 
u  a.  taucht  Karewsky  die  Seidenfäden  in  Terpentinöl  und  ver¬ 
sucht  durch  dessen  irritative  Wirkung  eine  Verwachsung  hervor- 

zurufen.  ,  , 

Den  eigentlichen  Zweck  des  ersten  'leiles  der  Operation,  und  zwar 
die  Verwachsung,  erreiche  ich  auf  ganz  einfache  Weise.  Da  die  Ver¬ 
wachsung  der  beiden  intakten  Pleuraflächen  durch  die  Naht  nicht  voll¬ 
ständig  gesichert  ist,  entferne  ich  nach  der  Naht  die  Pleura  parietalis 
(Fig.  3)  im  Bereiche  der  Naht.  Dadurch  erreiche  ich,  dass  die  die  Lunge 
bedeckende  Pleura  mit  der  Wundfläche  des  Mautlappens  in  Berührung 
kommt,  wodurch  eine  rasche  Verwachsung  zustande  kommt,  wir 
müssen  jedoch  daran  denken,  dass  wir  auf  den  Hautlappen  jene  Linie 
bezeichnen,  in  welche  wir  beim  zweiten  Hautschnitt  eindringen.  Des¬ 
wegen  legen  wir  beim  Zurückschlagen  des  Hautlappens  an  zwei 
Punkten,  oben  und  unten,  je  eine,  den  Lappen  nicht  durchstechende, 
oberflächliche  kleine  Naht  an,  deren  Spur  zwei  kleine  Narben,  den 
oberen,  bzw.  den  unteren  Endpunkt  des  zur  II.  Phase  gehörenden 
Hautschnitts,  darbietet  (Fig.  4).  Dadurch  sind  wir  dagegen  geschützt, 
dass  wir  den  Schnitt  auf  nicht  verwachsenes  Gebiet  fortsetzen.  Die 
Entfernung  zwischen  den  zwei  Punkten  muss  mindestens  8  cm 
betragen.  Der  Hautlappen  wird  mit  Knopfnähten  fixiert. 

II  Teil.  (Die  eigentliche  Br  onchotomie.)  Zwischen 
den  bei  der  ersten  Operation  mit  je  einer  Naht  bezeichneten  zwei 
Punkten  eindringend  und  die  Haut  durchschneidend,  durchbrennen  wir 
entsprechend  der  Schnittwunde  den  oberflächlichen  Teil  des  Lungen¬ 
gewebes  in  einer  Tiefe  von  2 — 3  cm  mit  dem  Theimokauter;  nachher 
ist  es  am  besten,  mittels  2  anatomischen  Pinzetten  stumpf  fort¬ 
zuarbeiten.  Richtung  sagittal.  Oft  finden  wir  ein  kleines  bronchiales 
Aestchen  auf,  dem  wir  folgen  müssen,  nachdem  es  unbedingt  in  den 
Hauptbronchus  des  Lappens  führt;  wir  erleichtern  die  Orientierung, 
wenn  wir  auf  einen  Moment  in  das  Bronchusästchen  eine  Sonde  ein¬ 
führen.  Es  ist  aber  ratsam,  vorläufig  den  kleinen  Bronchus  nicht  zu 
eröffnen,  bis  wir  zum  Hauptbronchus  des  Lappens  gelangen,  damit  ein 
eventuell  verletztes  üefäss  nicht  in  den  Bronchus  hineinblutet.  Wenn 
ein  grösseres  Gefäss  uns  im  Wege  liegt,  so  wird  es  im  vorhinein  um¬ 
stochen;  jedoch  können  wir  in  tieferen  Regionen  nicht  knüpfen.  Des¬ 
halb  lassen  einige  in  Bedarfsfällen  die  Pinzetten  durch  einige  Tage  in 
der  Wunde.  —  Das  ist  überflüssig,  und  ich  benütze  statt  dessen  ein 
ganz  einfaches  Verfahren.  Ich  wertde  nämlich  nach  der  Umstechung 
die  von  mir  vor  Jahren  konstruierte  und  als  Ersatz  der  Knüpfung  tief e i 
Nähte  empfohlenen  Plomben  an  (Fig.  5).  Die  zwei  Fäden  wenden  durch 
die  Plombe  gezogen.  Die  Plombe  wird  auf  die  entsprechende  Zange 
angebracht;  nach  dem  beliebigen  Zusammenpressen  des  beiliegenden 
Teiles  schliesse  ich  die  Zangen,  worauf  die  Plombe  die  Fäden  sicher 
fixiert.  Bei  Umstechung  ist  es  am  richtigsten,  mit  einem  Doppelfaden 
zu  umstechen  und  ein  Fadenpaar  von  der  _  Pinzette,  das  andere 
hinter  der  Pinzette  abzuplombieren.  Natürlich  darf  man  die 
freien  Fäden  nicht  abschneiden,  damit  die  Plomben  nach  einigen 
Tagen  mit  Hilfe  dieser  Fäden  entfernt  werden  können.  Ls 
ist  von  grosser  Wichtigkeit,  dass  das  Operationsgebiet  genügend 
übersichtlich  sei,  und  deshalb  soll  man  nicht  in  einer  engen  Rinne 
arbeiten.  Wenn  wir  den  grossen  Bronchus  eröffnet  haben,  so  fuhren 
wir  eine  Königsche  Kanüle  ein  und  tamponieren  die  Wunde  rings 
um  die  Kanüle  locker  aus;  später  müssen  wir  eine  entsprechende, 
spiralige  Kanüle  mit  ganz  offenem  Endteil  anfertigen  lassen. 

Schliesslich  muss  ich  betonen,  dass  wir  den  ersten  Teil  der  Opera¬ 
tion  erledigen  müssen,  so  lange  der  Kranke  noch  in  einem  vollkommen 
guten  Zustande  und  die  Stenose  nicht  derart  hochgradig  ist,  dass  beide 
Teile  der  Operation  wegen  der  Gefahr  der  Suffokation  in  einer  Sitzung 
ausgeführt  werden  müssen,  weil  in  diesem1  Falle  die  Prognose  wegen 
der  Gefahr  des  Pneumothorax  nicht  so  gut  ist. 

Die  Gebrauchsfähigkeit  der  Operation  will  ich  mit  folgendem 
charakteristischen  Beispiele  demonstrieren: 

Am  14.  April  1919  wird  K.  K.,  50  jähriger  Hotelangestellter,  aui  unsere 
Abteilung  aufgenommen,  von  dem  wir  erfahren,  dass  er  seit  3  Monaten  schwer 
atmet,  dass  sich  sein  Zustand  ständig  verschlimmert  und  zeitweise  auch  Lr- 
stickungsanfälle  eintreten.  Vor  20  Jahren  hatte  Pat.  ein  Geschwür.  Das 
Atmen  ist  bei  unserem  abgeschwächten  Pat.  stridorös  und  die  Aktion  der 
Hilfsmuskeln  gesteigert.  Durch  direkte  Tracheoskopie  erblicken  wir  im  Be¬ 
reiche  der  Bifurkation  ein  flach  hervorgewölbtes,  stark  pulsierendes,  tumor¬ 
artiges  Gebilde,  welches  den  grössten  Teil  des  Tracheallumens  ausfüllt. 

Der  Zustand  des  Pat.  verschlimmert  sich,  weshalb  ich  mich  zur  per¬ 
pulmonalen  Bronchotomie  des  rechten,  unteren  Lappens  entschliesse.  Den 
ersten  Teil  dieser  Operation  erledigte  ich  am  23..  Juni  1919,  die  Wunde  heilte 
per  primam.  Von  nun  an  beobachtete  ich  ruhig  die  Ereignisse,  denn  falls 
beim  Pat.  eine  schwere  Dyspnoe  eintreten  sollte,  könnte  ich  sofort  die 
Bronchotomie  machen,  ohne  der  Gefahr  des  Pneumothorax  ausgesetzt  zu  sein. 

Die  Atembeschwerden  steigern  sich  in  der  3.  Woche  nach  der  Operation. 
Am  16.  Juli  Erstickungsanfall  mit  Zyanose.  Bronchotomie.  Die  Zyanose  ver¬ 
schwindet  rasch,  der  Kranke  atmet  gut  durch  die  bronchiale  Fistel.  Pat.  ver¬ 
lässt  baldigst  sein  Bett.  Er  nimmt  an  Körpergewicht  zu,  sein  Atmen  ist  gut. 
Entsprechend  der  Kanüle  bildet  sich  ein  in  den  Bronchus  führender  Schlauch, 
welcher  sich  langsam  zu  epithelisieren  beginnt.  Wenn  wir,  4  Monate  nach 
der  Operation,  die  bronchiale  Wunde  zuhalten,  atmet  Pat.  verhältnismässig 
gut  durch  den  Mund.  Die  Erklärung  liegt  darin,  dass  die  am  unteren  Lappen 
rings  um  die  Mündungsstelle  gebildete  Narbe  einen  Zug  nach  rechts  hervorrief, 
durch  den  die  Trachea  vom  Druck  der  Aneurysma  befreit  wurde,  wodurch 
die  Kompression  der  Trachea  vermindert  wird.  Pat.  geht  tagsüber  spazieren, 
die  Nahrungsaufnahme  ist  gut,  Gesichtsfarbe  befriedigend,  an  Körpergewicht 
Zunahme.  Am  30.  November  1919  wird  Pat.  auf  die  laryngologische  Abteilung 
des  St.  Rochusspitals  aufgenommen,  wo  er  tadellos  behandelt  wird.  Der  in 
gutem  Zustande  befindliche  Pat.  wird  wegen  Platzmangel  auf  die  laryngo¬ 
logische  Abteilung  des  Zitaspitals  transportiert. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


83 


Ohne  den  Fall  kritisch  zu  behandeln,  möchte  ich  nur 
einige  Angaben  zur  Krankengeschichte  beilügen.  Ohne  mich 
zu  verständigen  wurde  auf  obengenannter  Abteilung  die 
Kanüle  entfernt  und  an  der  Wunde  ein  gut  schliessender  Verband 
angelegt.  Patient  atmet  wohl  durch  seinen  Mund,  wie  ich  das  zuvor 
erwähnt  habe,  aber  der  Speichel  konnte  mangels  Kanüle  nicht  ex- 
pektoriert  werden,  sondern  verursachte  die  Vereiterung  des  gebildeten 
Schlauches.  Beim  Patienten  traten  Temperaturerhöhungen  ein,  wes¬ 
halb  er  die  Entlassung  vom  Spital  verlangte.  Patient  wurde  auf  die 
Abteilung  des'Prof.  Po  ly  ak  im  neuen  St.  Johann-Spital  aufgenommen, 
aber  das  Fieber  dauerte  —  trotz  sorgfältigster  Behandlung  —  andauernd 
an.  Patient  wird  schwächer  und  der  Exitus  tritt  am  5.  September  1920 
ein.  Die  Obduktion  bestätigte  die  Diagnose.  Der  Patient  lebte  also 
14  Monate  und  12  Tage,  trotzdem  er  am  Tage  der  Operation  in  ultimis 
war.  Es  ist  höchst  wahrscheinlich,  dass  der  Exitus  nicht  eingetreten 
wäre,  wenn  man  die  Kanüle  nicht  entfernt  hätte,  um  so  mehr,  als  das 
Wachstum  der  Aneurysma  Stillstand.  In  dieser  Hinsicht  besteht  die 
Bedeutung  der  Operation  darin,  dass  die  Ueberanstrengung  der  Herz¬ 
tätigkeit,  welche  durch  das  langsame  und  forcierte  Atmen,  sowie  auch 
durch  die  Lungenhyperämie  bedingt  war,  eliminiert  wurde. 

Von  ausserordentlicher  Wichtigkeit  ist,  dass  bei  Aneurysma, 
welches  am  häufigsten  die  tiefe  Stenose  verursacht,  der  Internist  — 
falls  Atembeschwerden  auftreten  —  zwecks  Untersuchung  zur  rechten 
Zeit  den  Kranken  zum  Laryngologen  verweist,  nachdem  der  Grad  und 
die  Art  der  Stenose  durch  direkte  Tracheoskopie  sicher  feststellbar  ist. 
Auf  diese  Weise  können  wir  dem  Kranken  viel  Qual  ersparen  und 
sein  Leben  beträchtlich  verlängern. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  zu  Frankfurt  a.  M. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Q.  v.  Bergmann.) 

Azetonurie  und  experimentelle  Adrenalinglykämie  bei  Ruhr. 

Von  Dr.  Butten  wiese  r,  Assistent  der  Klinik.) 

Bekanntlich  treten  im  Hungerzustande  oder  bei  einseitiger  Be¬ 
schränkung  der  Kohlehydrate  in  der  Nahrung  sehr  rasch  Azetonkörper 
im  Urin  auf.  Seit  den  Untersuchungen  von  Embden  und  Isaac  fll 
haben  wir  die  Vorstellung,  dass  in  der  Leber  zwei  chemische  Reak¬ 
tionen  miteinander  konkurrieren.  Normalerweise  bildet  sich  dort  aus 
dem  Glykogen  und  dem  einströmenden  Nahrungszucker  Milchsäure. 
Falls  dieser  Prozess  durch  Verarmung  der  Leber  an  Glykogen,  durch 
Fehlen  der  Kohlehydrate  im  Leberblut  oder  durch  eine  pankreas¬ 
diabetische  Stoffwechselstörung  unterbunden  ist,  tritt  in  der  Leber  ein 
zweiter  Vorgang  verstärkt  hervor:  die  Azetessigsäurebildung  aus 
niederen  Fettsäuren  und  Aminofettsäuren.  Wenn  die  Kohlehydrat¬ 
karenz  einige  Tage  anhält,  gewinnt  die  Leber  die  Fähigkeit,  auch  aus 
Eiweiss  und  vielleicht  auch  aus  Fett  (Geelmuy  den  \2\)  Glykogen 
zu  bilden,  so  dass  die  Azetonkörperbildung  wieder  zum  Verschwinden 
kommt  oder  abnimmt.  Nur  bei  schwerem  Diabetes  ist  auch  die 
Glykogenbildung  aus  Eiweiss  behindert,  so  dass  dauernd  Azeton  im 
Urin  ausgeschieden  wird. 

Bei  der  diesjährigen  Ruhrepidemie  in  Frankfurt  a.  M.  kamen  auf 
die  Ruhrstation  der  Medizinischen  Klinik  sehr  viele  Patienten,  die  in 
den  ersten  Tagen  im  Urin  Azeton  und  zum  Teil  sogar  Azetessigsäure 
ausschieden.  Es  ist  nach  der  E  m  b  d  e  n  - 1  s  a  a  c  sehen  Auffassung 
zu  erwarten,  dass  eine  Glykogenverarmung  der  Leber  vorliegt.  Aus 
Untersuchungen  von  Herter,  Richards,  Blum,  Ringer  [3]  u.  a. 
wissen  wir,  dass  bei  Glykogenschwund  der  Leber  in  Tierversuchen  die 
nach  Adrenalininjektionen  konstant  einsetzende  Hyperglykämie  aus¬ 
bleibt.  Widersprechende  Angaben  über  Adrenalininjektionen  bei 
Hungertieren  von  Noel-Paton,  Fr  oe  lieh  u.  a.  RI  können  zum 
Teil  damit  erklärt  werden,  dass  bei  diesen  Tieren  nach  längerem  Hunger 
die  Leber  die  Fähigkeit  gewonnen  hat,  aus  Eiweiss  und  Fett  Glykogen 
zu  bilden,  so  dass  bei  diesen  Experimenten  kein  vollständiger  Glykogen¬ 
schwund  der  Leber  vorliegt. 

In  Tab.  1  sind  die  Befunde  für  die  Blutzuckerwerte  von  7  Ruhrpatienten 
mitgeteilt,  bei  denen  1  mg  Adrenalin  subkutan  injiziert  wurde.  Der  Blut¬ 
zucker  wurde  kurz  vor  der  Injektion,  eine  halbe  Stunde, *■  1  Stunde  und 
2  Stunden  nach  der  Injektion  bestimmt.  Die  Untersuchungen  wurden  mit 
der  neuen  Mikromethode  von  Bang  [4l  ausgeführt  (cf.  2.  Aufl.  „Mikrometho¬ 
den  zur  Blutuntersuchung“).  Es  fand  stets  eine  Doppelbestimmung  statt,  die 
Differenzen  betrugen  höchstens  0,009.  In  der  Tabelle  werden  die  Mittelwerte 
angeführt.  In  Tab.  2  sind  3  Kontrollversuche  bei  Ruhrpatienten  angestellt, 
deren  Urin  azetonfrei  war.  In  Tab.  3  wurde  bei  den  2  Patienten  der  Tab.  1, 
bei  denen  nach  Adrenalininjektionen  eine  Hyperglykämie  ausblieb,  am  folgen¬ 
den  Tage,  wo  beide  noch  Azeton  ausscheiden,  erneut  Adrenalin  gespritzt,  nach¬ 
dem  sie  eine  halbe  Stunde  vorher  100  g  Dextrose  per  os  zu  sich  genommen 
hatten. 

Aus  Tabelle  1  geht  hervor,  dass  nach  Adrenalininjektionen  bei 
2  Patienten  tatsächlich  die  Hyperglykämie  ausbleibt.  Auch  bei  den 
5  andern  Patienten  kommt  es  zu  einem  bedeutend  geringeren  Anstieg 
der  Glykämie  als  bei  den  3  azetonfreien  Patienten  der  Tabelle  2.  Auch 
Tomaszewski  [5l  fand  bei  seinen  zahlreichen  Versuchen  mit 
Adrenalininjektionen  ebenfalls  stets  höhere  Werte.  In  Tabelle  3  kommt 
es  nach  Darreichung  von  100  g  Dextrose  bei  nachfolgender  Adrenalin¬ 
injektion  zu  einem  bedeutenden  Anstieg  der  Glykämie. 

Meine  auf  Anregung  von  Prof.  Katsch  unternommenen  Unter¬ 
suchungen  sprechen  einerseits  für  die  heute  ja  fast  allgemein  vertretene 
Ansicht,  dass  die  Wirkung  des  Adrenalins  in  bezug  auf  Einsetzen  einer 
Hyperglykämie  die  Anwesenheit  von  Glykogen  in  der  Leber  voraus- 


Tabelle  1. 


Blutzucker 

Name 

Alter 

Diagnose 

Vor  der 

Adren.- 

Injekt. 

-  4) 

o3 

«tn 

Nach 

1  Stde. 

1  Nach 

j  2  Stdn. 

Urin 

1 

Do.  Wei. 

46  J. 

Dysenterie 

0,120 

0,121 

0,116 

0,118 

Azeton  \  ,  , 

Azetessigs.  j  '  “ 

2 

Ba.  Lin. 

69  J. 

19 

0,087 

0,09 

0,088 

0,082 

Azeton  |  , _ , 

Azetessigs.  )  "1  ' 

3 

Ev.  Hö. 

19  J 

ft 

0,093 

0,141 

0,148 

0,125 

Azeton  -R- (- 
Azetessigs.  0 

4 

Oe.  Och. 

27  J. 

ft 

0,078 

0,152 

0,143 

0,135 

Azeton  -f— h 
Azetessigs.  + 

5 

An.  Rü. 

22  J. 

ft 

0,086 

0,139 

0,151 

0,142 

Azeton  -| — (- 
Azetessigs.  -)- 

6 

An.  Slro. 

28  J. 

ft 

0,096 

0,156 

0,155 

0,143 

Azeton  -j- 
Azetessigs.  0 

7 

Js.  Wa. 

36  J 

ft 

Ta 

0,102 

bell 

0,158 

e  2. 

0,160 

0,132 

Azeton  + 
Azetessigs.  0 

1 

Cla.  Ou. 

27  J. 

ft 

0,108 

0,163 

0,198 

0,145 

2 

Chr.  Eck. 

57  j. 

ft 

0,098 

0,179 

0,209 

0,165 

Azeton  )  n 

Azetessigs.  / 

3 

Cla.  Ack. 

56  ] 

ft 

0,122 

0,198 

0,206 

0,174 

Tabelle  3.  (‘A  Stunde  vor  der  Adrenalin  Injektion  100  g 

Dextrose  per  os.) 


1 

Do.  Wei. 

46  J. 

ft 

0,092 

0,166 

0,288 

0,146 

Azeton  \  ,  . 

Azetessigs.  /  '  “ 

2 

Ba.  Lin. 

69  J. 

ft 

0,083 

0,175 

0,204 

0,159 

Azeton  +- 
Azetessigs  0 

setzt  und  bekräftigen  andererseits  die  Anschauung,  dass  ein  Auftreten 
von  Azetonurie  auf  einen  Glykogenmangel  der  Leber  hinweist 
(Embden  und  Isaac). 

Zusammenfassung. 

1.  Bei  7  Ruhrpatienten,  die  Azeton  im  Urin  ausschieden,  trat  nach 
Adrenalininjektion  in  2  Fällen  keine,  in  5  Fällen  eine  nur  geringe  Hyper¬ 
glykämie  auf. 

2.  Nach  vorheriger  Darreichung  von  100  g  Dextrose  steigt  bei 
Adrenalininjektion  die  Hyperglykämie  bei  Ruhrpatienten  mit  Azetou- 
ausscheidung  beträchtlich  an. 

Literatur. 

1.  Embden  und  Isaac:  Bildung  von  Milchsäure  und  Azetessigsäure 
in  der  diabetischen  Leber.  Zschr.  f.  physiol.  Chemie  1917,  99.  —  2.  Oeel- 
muyden:  Ueber  den  Gehalt  des  Blutes  an  Fett  und  über  den  Gehalt  der 
Leber  an  Fett  und  Glykogen.  Acta  rnedica  Scandinavica  1920.  Lit.  n.  Kon- 
gresszbl.  f.  inn.  M.  u.  Grenzgeb.,  20.  Sept.  1920.  —  3.  Zitiert  nach  Bang: 
Der  Blutzucker.  1913,  Verlag  Bergmann,  Wiesbaden.  —  4.  Bang:  Mikro¬ 
methoden  zur  Blutuntersuchung.  (2)  1920.  —  5.  Tomaszewski:  Beiträge 
zur  Kenntnis  der  Adrenalinglykosurie  bei  Menschen.  D.  Arch.  f.  klin.  M. 
1918,  124. 


Ueber  die  Brauchbarkeit  von  Meinickes  D.  M. 

Von  Prof.  Ruete,  Marburg. 

In  der  Literatur  findet  man  im  Vergleiche  mit  den  Arbeiten  über 
die  von  Sachs  und  Georgi  angegebene  Reaktion  nur  verhältnis¬ 
mässig  wenige,  die  sich  mit  der  von  M  e  i  n  i  c  k  e  angegebenen  „Li¬ 
poidbindungsreaktion“  (und  hier  besonders  mit  der  dritten,  vereinfach¬ 
ten  Modifikation)  beschäftigen,  so  dass  man  gewissermassen  den  Ein¬ 
druck  hat,  als  seien  die  meisten  Untersucher  durch  die  von  M  e  i  n  i  c  k  e 
angegebene  zweizeitige  Methode,  seine  Kochsalz-  und  Wassermethode, 
kopfscheu  gemacht  worden.  Diese  Methoden,  die  infolge  ihrer  Zwei- 
zeitigkeit  und  ihrer  genauen  Titriermöglichkeit  gewiss  manches  für 
sich  hatten,  waren  für  den  praktischen  Gebrauch  reichlich  umständlich, 
so  dass  es  verständlich  ist,  dass  sie  in  vielen  Laboratorien  für  die  laufen¬ 
den  Untersuchungen  nicht  durchgefuhrt  wurden.  Erst  mit  seiner 
dritten  Modifikation  (D.M.)  brachte  Me  in  icke  eine  Methode,  die, 
ebenso  wie  die  andern,  einzeitig  auszuführen  ist,  daher  äusserst  ein¬ 
fach  und  nach  den  vorliegenden  Resultaten  zum  mindesten  ebenso  zu¬ 
verlässig  ist  wie  die  andern  als  Ersatz  des  Wassermann  angegebenen 
Methoden. 

Da  über  die  Brauchbarkeit  einer  derartigen  Reaktion  nur  an  der 
Hand  eines  grösseren  Zahlenmaterials  entschieden  werden  kann,  habe 
ich  die  in  der  Literatur  gefundenen  Zahlen  zusammengestellt,  denen 
ich  die  von  uns  gefundenen  Werte  gleich  angeschlossen  habe.  Ueber 
besondere  von  uns  gemachte  Erfahrungen  sei  am  Schlüsse  kurz  be¬ 
richtet. 


Es  haben  untersucht: 

Blasius  1182  Fälle 

Gaethgens  1018  ,, 

Hübsch  mann  2800 

Schmitt  und  Pott  1333 

W  i  r  4796  ., 


Alle  Autoren  kommen  ungefähr  zu  demselben  Resultat,  dass  D.M. 
äusserst  einfach,  brauchbar  und  für  Lues  spezifisch  sei.  dass  sie  aber, 
ebenso  wie  die  anderen  Reaktionen,  nicht  imstande  sei,  die  WaR.  voll 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


84 


und  ganz  zu  ersetzen,  da  immer  noch  Unterschiede  mit  der  WaR.  auf- 
treten. 

Leider  lässt  sich  nach  den  bisherigen  Angaben  noch  nicht  mit 
voller  Sicherheit  angeben,  ob  dieser  Unterschied  mit  der  WaR.  zu¬ 
gunsten  oder  ungunsten  der  D.M.  ausfällt. 

Nach  Prozenten  berechnet  fanden 


1.  Uebereinstimmung: 


Blasius 
üaethgens 
Hiibschmann 
P  P  C  P  h 

Schmitt  u.  Pott 
Wir 


in  83,9  Proz. 
in  92,4 
in  83,0  „ 

in  96,4  „ 

in  94,5 
in  95,2  ,, 


2.  Differenzen: 


Blasius 

Qaethgens 

Hübschmann 

Pesch 

Schmitt  u.  Pott 
Wir 


in  16,1  Proz. 
in  7,6 
in  17,0 
in  3,6  „ 

in  5,5 
in  4,8  ,, 


verteilten  sich  auf: 


Von  diesen  Unterschieden 
a)  WaR.  +,  D.M.  — : 


bei  Blasius  2,54  Proz. 

bei  Q  a  e  t  h  g  e  n  s  5,0 

bei  Hübschmann  5,0  „ 

bei  Pesch  1,85 

bei  Schmitt  u.  Pott  3,9  ,, 

bei  Uns  2,77  „ 


b)  WaR.  — .  D.M.  +: 


bei  Blasius  4,49  Proz. 

bei  Qaethgens  0,78  „ 

bei  Hübschmann  12,0 
bei  Pesch  1,80  „ 

bei  Schmitt  u.  Pott  1,65 

bei  Uns  2,03  „ 


Aus  diesen  Tabellen  entnehmen  wir  einerseits,  dass  die  Ueber¬ 
einstimmung  zwischen  WaR.  und  D.M.  recht  erheblich  ist,  ander¬ 
seits,  dass  die  Prozentzahlen  der  einzelnen  Autoren  bei  Angabe  der 
Differenzen  sehr  stark  auseinandergehen. 

Qaethgens  und  Hübschmann  können  leider  nicht  angeben, 
um  was  für  Fälle  es  sich  gehandelt  hat,  bei  denen  beide  Reaktionen 
differieren.  Bei  Blasius  finden  wir  genauere  Aufzeichnungen,  da  die 
Patienten,  von  denen  das  Blut  stammte,  ihm  meistens  bekannt  waren. 
In  allen  differierenden  Fällen  handelte  es  sich  um  sichere  Lues. 

Primäraffekte  gaben  in  der  gleichen  Anzahl  Differenzen;  bei  je 
6  Fällen  war  D.M.  +,  WaR.  —  und  umgekehrt  D.M.  —  und  WaR.  +• 
Bei  den  andern  differierenden  Fällen  handelte  es  sich  um  Lues 


latens  und  um  Fälle  kurz  nach  der  Behandlung. 

Wägt  man  den  Wert  der  D.M.  gegen  die  WaR.  nach  den  Angaben 
von  Pesch  ab,  so  findet  man,  dass  unter  102  divergenten  Fällen 
40  mal  die  D.M.  dem  Wassermann  überlegen  war,  da  bei  WaR.  — , 
D.M.  +  23  mal  behandelte  Lues,  3  mal  alte  Lues,  1  mal  luetische  Drü¬ 
senschwellung,  1  mal  Alopecia  und  1  mal  Periostitis  luetica  vorlag. 
Einmal  gab  es  eine  unspezifische  Reaktion,  und  zwar  bei  einem  Falle 
von  Lungentuberkulose.  Umgekehrt  war  der  Wassermann  in  10  Fällen 
der  D.M.  überlegen.  Dafür  ergab  die  WaR.  15  unspezifische  Resultate 
gegen  1  bei  der  D.M. 

Etwas  anders  liegen  die  Verhältnisse  bei  Schmitt  und  Pott. 
Von  74  divergenten  Reaktionen  fallen  52  zugunsten  des  Wassermann 
aus.  Von  diesen  52  Fällen  betreffen  17  solche  mit  klinisch  sicherer 
Lues,  6  Fälle  waren  ohne  Angaben  und  6  mit  nur  unsicheren  Angaben. 
In  20  Fällen  trat  Eigenhemmung  auf  und  3  mal  handelte  es  sich  um 
einen  unabgestimmten  Wassermann,  da  Lues  auszuschliessen  war. 

Zugunsten  der  D.M.  fallen  22  Fälle  aus.  Von  diesen  hatten  11  eine 
sichere  Lues,  einer  einen  PA.  mit  positivem  Spirochätenbefund.  In 
den  anderen  Fällen  konnte  Lues  nicht  mit  Sicherheit  angenommen 
werden.  Die  Diagnosen  waren  folgende:  Polyneuritis,  Myokarditis, 
Kopfschmerzen  mit  Schwindel,  sekundäre  Anämie,  Gallenblasentumor 
mit  Ikterus,  Tbc.  pulmonum  gravis,  perniziöse  Anämie,  Diphtherie, 
Icterus  catarrhalis  und  Pyelitis.  In  allen  diesen  Fällen  soll  die  Aus¬ 
flockung  äusserst  gering  gewesen  sein. 

Bei  der  ersteren  Gruppe  können  wir  gleich  eine  ganze  Anzahl 
von  Fällen  abziehen;  denn  Fälle  ohne  oder  mit  nur  unsicherer.  Angabe 
können  wir  unmöglich  zugunsten  der  WaR.  rechnen,  noch  weniger  die¬ 
jenigen,  in  denen  eine  Lues  auszuschliessen  war. 

Es  bleiben  dann  nur  17  klinisch  sichere  LuesfäWe  übrig,  bei  denen 
die  D.M.  versagt  hat.  Ihnen  gegenüber  stehen  12  ebenfalls  einwand¬ 
freie  Fälle,  in  denen  die  D.M.  der  WaR.  überlegen  war.  Bei  den 
anderen  unspezifischen  Ausfällen  der  D.M.  soll  es  sich  nur  um  eine 
äusserst  minimale  Ausflockung  gehandelt  haben.  Leider  wird  nicht 
angegeben,  wie  diese  Flockung  war;  denn  eine  sehr  fein  verteilte  Aus¬ 
flockung,  die  man  nicht  als  positiven  Ausfall  rechnen  kann,  bekommt 


man  öfter  zu  sehen. 


« 


Zusammenfassung. 


1.  Nach  den  bisher  vorliegenden  Arbeiten,  die  11  129  Fälle  um¬ 
fassen,  finden  wir  eine  durchschnittliche  Uebereinstimmung  zwischen 
WaR.  und  D.M.  in  94,2  Proz. 

2.  Eine  Ueberlegenheit  der  Wa.R.  über  die  D.M.  ergibt  sich  im 
Durchschnitt  in  3,60  Proz. 

3.  Eine  Ueberlegenheit  der  D.M.  über  Wa.R.  ergibt  sich  im  Durch¬ 
schnitt  in  3,88  Proz. 

4.  Zahlenmässig  lässt  sich  eine  Ueberlegenheit  der  einen  Reaktion 
vor  der  anderen  nicht  nachweisen  D.M.  bietet  insofern  Vorteile,  als 
bei  ihr  keine  Eigenhemmung  zu  verzeichnen  ist. 

Ueber  die  an  unserer  Klinik  gemachten  Erfahrungen  sei  kurz 
folgendes  gesagt.  Die  Reaktion  wurde  stets  so  ausgeführt,  wie  sie 
von  Mein  icke  angegeben  wurde;  0,2  ccm  unverdünntes  Serum, 
das  Vi  Stunde  inaktiviert  worden  war.  wurde  mit  0,8  ccm  Extrakt 
in  der  vorgeschriebenen  Verdünnung  zusammengebracht,  d.  h.  eine 
bestimmte  Menge  Extrakt  wurde  mit  M>  Vol.  Aq.  dest.  gemischt, 
1  Stunde  bei  Zimmertemperatur  stehen  gelassen  und  ihm  dann  das 
siebenfache  Vol.  2  proz.  NaCl-Lösung  schnell  zugesetzt.  Als  Extrakt 
benutzten  wir  den  Originalextrakt  nach  M  e  i  n  i  c  k  e.  den  wir  aus  der 
Adlerapotheke  in  Hagen  i.  W.  bezogen.  Der  Extrakt  arbeitete  stets 


tadellos.  Wir  haben  uns  mit  Absicht  stets  an  die  genauen  Vor¬ 
schriften  gehalten,  und  nicht  versucht,  irgendwelche  Veränderungen 
der  Methode  vorzunehmen,  da  nur  so  der  Wert  der  Reaktion  nach¬ 
geprüft  werden  konnte.  . 

Die  Resultate  wurden  mit  blossem  Auge,  der  Lupe  und  im 
Agglutinoskop  abgelesen.  Dabei  macht  man  die  Erfahrung,  dass  viele 
Sera  eine  diffuse  Körnelung,  die  ich  mit  einer  gleichmässigen  Bakterien- 
aufschwemmung  vergleichen  möchte1,  aufweisen.  Derartige  Sera,  die 
bei  Betrachtung  mit  dem  blossen  Auge  oder  der  Lupe  keine  Flockung 
aufweisen,  bezeichnen  wir  als  negativ.  Bei  positiven  Seren  tritt  eine 
mehr  oder  weniger  stark  ausgesprochene  Agglutination  auf,  die  sich 
schon  dem  blossen  Auge,  besser  noch  unter  der  Lupe  oder  im  Ag¬ 
glutinoskop  als  deutliche  Flockenbildung  darstellt. 

Die  Sera  selbst  sind  so  rut  wie  immer  brauchbar;  ob  sie  schon 
längere  Zeit  gestanden  haben,  ob  sie  chylös.  leicht  hämorrhagisch 
oder  ikterisch  sind,  beeinflusst  den  Ausfall  der  Reaktion  nicht.  Dieser 
Punkt  ist  dann  besonders  angenehm,  wenn  es  sich  um  Seren  handelt, 
die  bei  der  Wassermann  sehen  Reaktion  eine  Eigenhemmung 
ergeben.  .  - 

Manchmal  kommt  es  vor,  dass  Sera  nach  24  ständigem  Aufenthalte 
im  Brutschrank  nach  D.M.  ein  negatives,  nach  Wassermann  aber 
ein  positives  Resultat  aufweisen.  Viele  Sera  werden  dann  nach 
12  ständigem  Stehen  bei  Zimmertemperatur  schwach  positiv. 

Die  stark  positiven  Sera  fallen  nach  24  ständigem  Stehen  derart 
aus,  dass  in  der  Kuppe  des  Reagenzglases  ein  deutlicher  Bodensatz  zu 
sehen  ist;  bei  nur  schwach  positiven  ist  das  nicht  der  Fall.  Diese 
Eigenschaft  könnte  vielleicht  als  Gradmesser  für  die  Bezeichnung 
der  Stärke  des  Ausfalles  benutzt  werden,  obgleich  wir  die  Erfahrung 
gemacht  haben,  dass  keine  absolute  Norm  dafür  aufgestellt  werden 
kann,  welche  Reaktionen  als  ganz  stark  positiv  und  welche  als  weniger 
stark  positiv  (z.  B.  H — h)  bezeichnet  werden  sollen.  _  Wir  fanden 
nämlich,  dass  an  manchen  Tagen  der  am  stärksten  positive  Ausschlag 
der  D.M.  nur  so  stark  war,  wie  wir  ihn  an  anderen  Tagen  mit  d  F 
bezeichnen  würden.  Man  muss  daher  sämtliche  Resultate  der  einen 
Serie  mit  einander  vergleichen  und  kann  nur  nach  dem  Vergleiche 
die  definitive  Bezeichnung  angeben. 

Wodurch  diese,  allerdings  nur  sehr  geringfügigen  Schwankungen 
hervorgerufen  werden,  können  wir  nicht  angeben.  Von  der  Annahme 
ausgehend,  dass  sie  unter  anderem  vielleicht  auch  von  Temperatur¬ 
unterschieden  im  Raum  ausgehen  könnten  und  unter  der  ferneren  Vor¬ 
aussetzung,  dass  durch  ' diese  Temperaturunterschiede  am  meisten  die 
im  Zimmer  stehende  Kochsalzlösung  beeinflusst  würde,  haben  wir  die- 
D.M.  mit  erwärmter,  bei  Zimmertemperatur  gehaltener  oder  durch 
Eis  abgekühlter  Kochsalzlösung  angesetzt.  Es  fanden  sich  aber  keine 
Unterschiede  im  Ausfall  der  Reaktion. 

Beschleunigen  lässt  sich  die  Flockung,  wie  wir  an  einer  grösseren 
Anzahl  von  Seren  feststellen  konnten,  durch  die  Zentrifugiermethode 
von  Gaethgens.  Wir  gingen  dabei  so  vor.  dass  wir  frische  und 
ältere  Meinickeansätze  zentrifugierten*.  Die  Ansätze,  die  schon  eine 
Zeitlang  gestanden  hatten,  oder  vorher  in  den  Brutschrank  gebracht 
waren,  flockten  im  Uebermass  und  unspezifisch.  Die  frischen  Ansätze 
dagegen,  die  sofort  nach  der  Bereitung  Vs  Stunde  lang  zentrifugiert 
wurden,  flockten  spezifisch.  Wir  erhielten  jedoch  einige  vom  Haupt¬ 
versuch  abweichende  Flockungen.  Aus  diesem  Grunde  können  wir  die 
Zentrifugiermethode  für  die  Praxis  nicht  empfehlen,  da  sie  mehr  un¬ 
spezifische  Resultate  ergibt.  Benutzt  man  sie  jedoch,  so  soll  man  nur 
ganz  frische  Ansätze  zentrifugieren,  also  nie  mehr  bereiten,  als  die 
Zentrifuge  Einsätze  hat.  Auch  scheint  es,  als  ob  nicht  jeder  Extrakt 
gleichmässig  gute  Resultate  beim  Zentrifugiern  ergibt.  Kleine  Diver¬ 
genzen  in  der  Zusammensetzung  und  Einstellung  können  grosse  Ab¬ 
weichungen  beim  Zentrifugieren  ergeben.  Durch  das  Zentrifugieren 
wird  die  Neigung  des  Ansatzes  zur  Flockenbildung  vermehrt  und  das 
nicht  immer  zugunsten  spezifischer  Resultate.  Wir  halten  die  Zentri¬ 
fugiermethode  jedoch  theoretisch  für  bedeutsam,  da  sie  vielleicht  dazu 
beitragen  kann,  unsere  physikalischen  Vorstellungen  über  das  Wesen 
des  Flockungsvorganges  zu  verbessern. 

Die  Wassermann  sehe  Reaktion  wurde  stets  nach  der  Original¬ 
vorschrift  mit  3  Extrakten,  darunter  einem  staatlich  geprüften,  gemacht. 

Unter  diesen  Bedingungen  wurden  nun  beide  Reaktionen  neben 
einander  angesetzt.  Ueber  die  Prozentverhältnisse  wurde  schon  be¬ 
richtet.  Die  Zahlenwerte  sind  folgende: 


Qesamtzahl  der  untersuchten  Fälle  4796 
Uebereinstimmung  4587 

D.M.  +,  WaR.  —  71 

D.M.  — ,  WaR.  +  138. 


Von  der  Gesamtsumme  der  divergierenden  Sera  müssen  wir  40 
abziehen,  die  uns  von  der  Frauenklinik  gesandt  waren,  und  diese  kurz 
einer  gesonderten  Besprechung  unterziehen.  Ein  grosser  Teil  des 
betreffenden  Blutes,  das  kurz  vor  der  Geburt,  während  und  nach  der 
Geburt  entnommen  war,  wies  ganz  eigenartige  Verhältnisse  auf,  die 
noch  dringend  einer  Klärung  bedürfen.  Ich  möchte  diese  Eigentümlich¬ 
keiten.  auf  die  schon  Opitz,  Esch  u.  a.  aufmeritsam  gemacht  haben, 
nur  ganz  kurz  streifen,  da  Herr  Prof.  Esch  diese  Angelegenheit  aus¬ 
führlicher  zu  bearbeiten  gedenkt. 

Von  den  40  divergierenden  Fällen,  deren  Krankengeschichten  wir 
genau  kennen,  ergaben  4  WaR.  — ,  D.M.  +  und  2  WaR.  — ,  D.M.  ±. 
Bei  4  von  diesen  Fällen  war  nichts  von  Lues  zu  finden.  Die  Kinder 
kamen  lebend  zur  Welt;  ihr  Gewicht  schwankte  zwischen  3400  und 
3690  g  und  ihre  Länge  zwischen  50  und  51  cm.  Es  waren  also  durchaus 
normale  Kinder.  Ganz  interessante  Verhältnisse  gibt  ein  Fall  wieder, 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


85 


bei  dem  das  Blut  während  der  Geburt  WaR.  — ,  D.M.  +  war,  das 
Nabelschnurblut  WaR.  — ,  D.M.  — ,  während  beide  Reaktionen  9  Tage 
später  einen  stark  positiven  Ausschlag  gaben.  Von  Lues  war  klinisch 
nichts  zu  finden;  eine  weitere  serologische  Reaktion  konnte  bisher 
noch  nicht  vorgenommen  werden.  In  2  Fällen  lag  eine  sichere  Lues 
vor.  Beide  waren  nach  Eintritt  der  Gravidität  infiziert,  hatten  eben 
ihre  Behandlung  beendigt  und  gebaren  durchaus  normale  Kinder. 

In  34  Fällen  war  WaR.  teils  schwach,  teils  stark  positiv,  während 
D.M.  negativ  war.  Unter  diesen  34  Patientinnen  waren  4  Frauen  mit 
Lues  II,  die  alle  4  auffälligerweise  nur  einen  ganz  schwach  positiven 
Wassermann  aufwiesen,  trotzdem  ein  Kind  am  2.  Lebenstage  an  Lues 
starb,  während  ein  anderes  am  29.  Tage  einer  phlegmonösen  Unterhaut¬ 
zellgewebsentzündung  erlag. 

Bei  den  andern,  zum  Teil  mit  stark  positivem  Wassermann,  war 
nichts  von  Lues  zu  finden;  die  Kinder  lebten  und  waren  normal  mit 
Ausnahme  von  zweien,  von  denen  das  eine  2410  g  wog,  48  cm  lang 
war  und  einen  Hydrops  hatte,  während  das  andere  wenige  Stunden 
nach  der  Geburt  starb. 

Ob  bei  diesen  Patientinnen  eine  Vermehrung  der  Globuline,  bei 
den  andern  vielleicht  eine  solche  der  Lipoide  stattgefunden  hat,  oder 
durch  welche  Umstände  sonst  die  Umstimmung  der  Reaktionen  erfolgt 
ist,  lässt  sich  zurzeit  noch  nicht  entscheiden.  Für  den  praktischen 
Gebrauch  dürfte  daraus  zu  schliessen  sein,  dass  bei  Schwangeren  oder 
Wöchnerinnen  aus  der  Seroreaktion  allein  kein  Schluss  auf  Lues  ge¬ 
zogen  werden  kann;  eine  Frage,  die  vielleicht  einmal  bei  der  Annahme 
einer  Amme  von  grosser  Wichtigkeit  werden  kann. 

Ziehen  wir  diese  Sera  und  noch  eine  Anzahl  von  uns  von  auswärts 
gesandten,  zu  denen  wir  keine  Diagnose  erhalten  konnten,  ab,  so 
verbleiben  26  Fälle  von  WaR.  —  und  D.M.  +  und  30  Fälle  von 
WaR.  +  und  D.M.  — ,  bei  denen  wir  die  Diagnosen  und  den  Zeitpunkt 
der  Entnahme  genau  kennen. 

Von  diesen  56  Seren  entfielen  12  auf  unspezifische  positive  Re¬ 
sultate  bei  der  WaR.,  während  D.M.  negativ  war.  Diese  Fälle  verteil¬ 
ten  sich  auf  Asthma  bronchiale  (2),  Migräne  (2),  Obstipation  (1),  Darm¬ 
leiden  (1),  Magenbeschwerden  (1),  Pityriasis  versicolor  (1),  Gonor¬ 
rhöe  (1).  Bei  2  Fällen  wurde  keine  genaue  Diagnose  angegeben,  nur 
betont,  dass  es  sich  nicht  um  Lues  handele;  ein  weiteres  Mal  handelte 
es  sich  um  einen  Säugling,  bei  dem  wir,  ebenso  wie  bei  seiner  Mutter, 
keine  Spuren  von  Lues  finden  konnten.  Bei  der  Pityriasis  versicolor 
war  die  WaR.  anfangs  H — K  nach  14  Tagen  — ,  während  die  D.M. 
immer  negativ  war. 

Umgekehrt  hatten  wir  2  unspezifische  positive  Resultate  bei  der 
D.M.,  und  zwar  einmal  bei  einer  Thrombose  und  einmal  bei  einem 
Fall,  bei  dem  ebenfalls  nur  angegeben  wurde,  dass  es  sich  nicht  um 
Lues  handele 

Bei  Primäraffekten  war  WaR.  — ,  D.M.  +  3  mal  (vor  der  Kur), 
WaR.  +,  D.M.  —  3  mal  (nach  der  Kur). 

Bei  Lues  III  war  1  mal  WaR.  +,  D.M.  — . 

In  den  übrigen  Fällen  handelte  es  sich  um  Lues  II,  teils  vor,  teils 
nach  der  Behandlung.  Sie  verteilten  sich  folgendermassen: 

Es  fanden  sich:  Vor  der  Kur: 

WaR.  — .  D.M.  +  12  mal 

WaR.  +,  D.M.  —  11  mal. 

Nach  der  Kur: 

WaR.  — .  D.M.  +  7  mal 

WaR.  +,  D.M.  —  4  mal. 

Einmal  fanden  wir  WaR.  — ,  D.M.  +  bei  einem  Säugling  mit 
einwandfreier  Lues,  wobei  die  Diagnose  durch  den  Befund  bei  der 
Mutter  erhärtet  wurde. 

Bei  den  Fällen  von  Lues  II,  in  denen  M  e  i  n  i  c  k  e  s  D.M.  der 
WaR.  überlegen  war,  handelte  es  sich  z.  T.  um  solche  Fälle,  die  ent¬ 
weder  seit  längerer  Zeit  nicht,  oder  um  solche,  die  nur  un¬ 
genügend  behandelt  waren.  In  anderen  Fällen  handelte  es  sich 
um  Patienten,  die  mit  Erscheinungen  gekommen  waren,  die  an  Lues 
maligna  erinnerten  und  früher  schon  sehr  energisch  behandelt  worden 
waren.  Bei  solchen  Fällen,  bei  denen  D.M.  am  Schlüsse  der  Kur 
noch  positiv  war,  behandelten  wir  weiter,  da  wir  die  Beobachtung  ge¬ 
macht  hatten,  dass  sonst  sehr  schnell  Rezidive  eintraten. 

Um  ähnliche  Fälle  handelte  es  sich  auch  bei  den  Seren,  bei  denen 
die  WaR.  der  D.M.  überlegen  war,  so  dass  beide  Reaktionen  in  dieser 
Beziehung  als  gleichwertig  anzusehen  wären,  wenn  nicht  die  Zahlen 
(19  D.M.  +  gegen  15  WaR.  +)  zugunsten  der  D.M.  sprechen  würden. 
Bei  Lues  III  finden  wir  einen  positiven  Wassermann  gegen  einen  nega¬ 
tiven  Meinicke,  während  bei  Lues  I  die  D.M.  in  3  Fällen  früher  posi¬ 
tiv  ausfiel  als  die  WaR.,  wogegen  in  3  Fällen  die  WaR.  länger  positiv 
blieb.  Bei  diesen  3  Fällen  gaben  beide  Reaktionen  vor  der  Behandlung 
einen  gleichmässig  positiven  Ausschlag.  Für  die  Sicherung  der  Dia¬ 
gnose  wird  aber  in  vielen  Fällen  der  frühere  positive  Ausfall  der  D.M. 
von  grosser  Wichtigkeit  sein,  das  längere  Anhalten  der  WaR.  ein  wich¬ 
tiger  Fingerzeig,  nicht  zu  früh  mit  der  Behandlung  aufzuhören. 

Bei  der  Untersuchung  von  Lumbalflüssigkeiten  finden  wir  eine 
starke  Ueberlegenheit  der  WaR.  Von  54  untersuchten  Liquoren  waren 
nach  WaR.  18  positiv,  nach  D.M.  nur  10.  Es  ergab  sich,  dass  die  D.M. 
nur  dann  einen  positiven  Ausschlag  ergibt,  wenn  bei  der  Auswertung 
nach  Hauptmann,  die  WaR.  in  fast  allen  Verdünnungen  positiv  ist. 

Schlusssätze. 

1.  D.M.  ist  äusserst  bequem,  einfach  und  zuverlässig. 

2.  D.M.  ergibt  weniger  unspezifische  Resultate  wie  WaR. 

3.  D.M.  ergibt  bei  Lues  mehr  positive  Resultate  als  WaR. 


4.  Ergeben  WaR.  oder  D.M.  am  Schlüsse  der  Behandlung  noch 
ein  schwach  positives  Resultat,  so  soll  die  Behandlung,  wenn  irgend 
möglich,  bis  zum  völligen  Negativwerden  fortgesetzt  werden.  Ein 
negatives  Resultat  der  WaR.  allein  genügt  nicht. 

5.  D.M.  ergibt  nur  bei  stark  positiven  Spinalflüssigkeiten  ein  posi¬ 
tives  Resultat.  In  allen  andern  Fällen  ist  die  WaR.  bedeutend  über¬ 
legen'. 

6.  In  manchen  Fällen  ergibt  die  WaR.  ein  positives  Resultat,  wo 
D.M.  negativ  ist.  Um  möglichst  viele  Luesfälle  zu  erfassen,  ist  es  da¬ 
her  unumgänglich  notwendig,  nicht  nur  die  eine  oder  andere  Reaktion 
auszuführen,  sondern  mindestens  alle  beide  anzuwenden. 

7.  Bei  Auswahl  von  Ammen  darf  man  sich  nicht  ohne  klinische 
Untersuchung  nur  auf  den  Ausfall  der  Seroreaktion  verlassen,  da  diese 
häufig  in  der  Geburtsperiode  unspezifische  Resultate  ergibt.  In  diesen 
Fällen  ist  die  D.M  bedeutend  spezifischer  als  die  WaR. 

8.  Bei  Benutzung  der  Zentrifugiermethode  nach  Gaethgens  nur 
ganz  frische  Ansätze  benutzen,  da  ältere  leicht  umspezifische  Flockungen 
ergeben! 


Aus  der  Universitäts-Hautklinik  in  Bonn  a.  Rh. 
(Direktor:  Prof.  E.  Hoff  mann.) 

Bemerkungen  über  die  Flockungsreaktionen  nach  Sachs- 
Georgi  und  Meinicke  (III.  Modifikation)  und  die 
Trübungsreaktion  nach  Dold. 

Von  Dr.  Rudolf  Strempel,  Assistent  der  Klinik. 

Nach  Einführung  der  Wassermann  sehen  Reaktion  war  das  Be¬ 
streben  einer  Anzahl  Autoren  darauf  gerichtet,'  eine  Serodiagnose  der 
Syphilis  zu  finden,  die  mit  spezifischem  Verhalten  einfacheres  Arbeiten 
verband  und  weniger  kostbares  Material  verlangte  als  die  Komplement¬ 
bindungsmethode.  Keine  der  zahlreich  angegebenen  Methoden  hat 
sich  einbürgern  können.  Erst  Sachs-Georgi  und  Meinicke  ge¬ 
lang  es,  sog.  Ausflockungsreaktionen  auszuarbeiten,  die  tausendfacher 
Nachprüfung  standgehalten  und  infolge  ihrer  Einfachheit  und  vor  allem 
wegen  ihrer  Spezifität  für  Lues  in  ausgedehntem  Masse  Eingang  in  die 
Praxis  gefunden  haben.  Es  hat  sich  weiter  herausgestellt,  dass  diese 
Flockungsreaktionen  teilweise  der  WaR.  überlegen  sind,  da  sie  in  man¬ 
chen  Fällen  von  Lues  feineren  Ausschlag  geben  als  diese.  Nachdem  ich 
mich  bereits  früher  mit  der  Nachprüfung  dieser  Methoden  beschäftigt 
und  auch  darüber  berichtet  habe  [1],  habe  ich  neuerdings  mein  Augen¬ 
merk  auf  vergleichende  Untersuchungen  der  dritten  Modifikation  von 
Meinicke  (D.M.)  und  der  Reaktion  von  Sachs-Georgi  mit 
WaR.  bei  klinisch  bekannten  Luesfällen  gerichtet  und  dabei  ebenfalls 
eine  Zunahme  der  serologisch  positiven  Resultate  gegenüber  der  alleini¬ 
gen  Anwendung  der  WaR.  erzielt.  Die  Ausflockungsreaktionen  wurden 
genau  nach  Angabe  der  Autoren  angestellt.  Zur  D.M.  wurde  nach  An¬ 
gabe  Meinickes  hergestellter  Extrakt  aus  der  Adlerapotheke  in 
Hagen  bezogen,  zur  SGR.  wurde  nach  Vorschrift  der  Autoren  angefer¬ 
tigter  und  genau  geprüfter  Extrakt  herangezogen.  Für  diese  Reaktion 
wurde  die  Brutschrankmethode  gewählt.  Die  WaR.  wird  im  Labora¬ 
torium  der  Hautklinik  in  der  üblichen  Weise  mit  2  Extrakten  angestellt. 
Auf  die  D.M.  möchte  ich  angesichts  der  verhältnismässig  wenigen  aus 
der  Literatur  ersichtlichen  Nachprüfungen  nochmals  hinweisen.  Zwi¬ 
schen  beiden  Flockungsreaktionen  besteht  ein  weitgehender  Parallelis¬ 
mus  hinsichtlich  der  Ergebnisse,  vorausgesetzt,  dass  genaues  Arbeiten 
und  richtige  Verwertung  der  Ablesung  erfolgt.  Die  D.M.  ist  empfind¬ 
licher  als  die  SGR.  Sie  gibt  häufiger  neben  WaR.  allein  positiven  Be¬ 
fund,  während  SGR.  negativ  ausfällt.  Was  die  Ausflockung  bei  D.M. 
betrifft,  so  ist  sie  bei  dieser  Reaktion  meist  stärker  und  grobkörniger 
als  bei  der  Schwesterreakti'on.  Eine  feine,  im  Agglutinoskop  nur 
schwache  Flockung  ist  bei  D.M.  nur  bedingt  zu  verwerten,  da  auch 
bestimmt  negative  Sera  nicht  selten  eine  feine  Ausflockung  zeigen.  Bei 
dem  Mangel  einer  Kontrolle  fällt  dieser  Faktor  sehr  ins  Gewicht.  Die 
SGR.  gibt  daher  ein  sichereres  Gefühl  der  Beurteilung  und  hat  deshalb 
auch  mehr  Anwendung  gefunden.  Dem  Vorschlag  G  u  t  f  e  1  d  s  [2], 
der  die  Anstellung  einer  Serumalkoholkontrolle  neben  den  Versuchs¬ 
röhrchen  für  die  D.M.  empfiehlt,  ist  daher  nur  zuzustimmen.  _  Was  nun 
den  Vergleich  beider  Reaktionen  mit  der  WaR.  betrifft,  d.  h.  in  welchen 
Grenzen  sich  die  Unterschiede  der  einzelnen  Methoden  bei  behandelten 
und  nichtbehandelten  Luesfällen  bewegen,  so  hat  sich  bei  über  1000 
Seren  eine  Uebereinstimmung  sämtlicher  3  Reaktionen  in  über  90  Proz. 
ergeben.  Das  untersuchte  Material  stammte  fast  durchweg  von  be¬ 
kannten  Luespatienten  aller  Stadien.  Die  Differenzen  machten  sich 
in  der  Hauptsache  bei  behandelten  Fällen  bemerkbar.  Hier  sind  die 
Flockungsreaktionen  ohne  Zweifel  überlegen,  da  sie  länger  positiv  blei¬ 
ben.  Im  Primärstadium  der  Lues,  bei  Primäraffekten,  sind  diese  Vor¬ 
teile  geringer,  wenn  sie  auch  öfters  eher  den  Beginn  des  seropositiven 
Stadiums  anzeigen  als  die  WaR.  Anderseits  gibt  es,  wenn  auch  selten, 
Versager  bei  positiver  WaR.  und  klinisch  sicherer  Syphilis,  so  dass 
keine  strenge  Gesetzmässigkeit  im  Ausfall  der  Reaktionen  zu  erkennen 
ist.  Gegenüber  der  WaR.  versagt  die  SGR.  öfters  als  die  D.M.  In 
folgender  Tabelle  habe  ich  einige  Ergebnisse  zusammengestellt: 


SGR. 

D.M. 

WaR. 

Lues  I  (Primäraffekt) 

+ 

+ 

— 

Lues  I  (Primäraffekt) 

+ 

+ 

— 

Lues  I  (Primäraffekt) 

— 

— 

++++ 

Lues  I  (Primäraffekt) 

+— 

+— 

++++ 

86 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


Lues  II  (gegen  Ende  der  Kur) 

SQR. 

++ 

D.M. 

++ 

WaR. 

Lues  II  (gegen  Ende  der  Kur) 

++ 

++ 

— 

Lues  III  (gegen  Ende  der  ersten  Kur) 

++ 

++ 

— 

Lues  latens  (während  der  Kur) 

++ 

■i — H 

— 

Lues  III  (während  der  ersten  Kur) 

— 

+ 

— 

Lues  II  (nach  Beendigung  der  ersten  Kur) 

— 

++ 

. — 

Lues  III  (vor  der  Kur) 

— 

— 

+++ 

Lues  II  (vor  der  zweiten  Kur) 

— 

++ 

++++ 

Lues  II  (vor  der  ersten  Kur) 

— 

++++ 

Lues  II  (nach  der  ersten  Injektion) 

— 

++ 

++++ 

Zusammenfassend  lässt  sich  sagen,  dass  sich  beide  Reaktionen  sehr 
bewährt  haben.  Neben  der  WaR.  ausgeführt,  zu  ihrer  Ergänzung  und 
Verschärfung,  sind  sie  eine  grosse  Bereicherung  der  serologischei? 
Luesdiagnostik  und  geben  auch  in  klinisch  unklaren  Fällen  mit  posi¬ 
tiver  WaR.  ein  grösseres  Gefühl  der  Sicherheit.  .Die  Reaktionen  ver¬ 
langen  erfahrene  Untersucher  im  Laboratorium,  für  den  praktischen 
Arzt  sind  sie  in  ihrer  jetzigen  Form  nicht  geeignet. 

Vor  kurzem  ist  von  Dold  [3]  eine  sog.  Trübungsreaktion  zum  sero¬ 
logischen  Luesnachweis  empfohlen  worden,  die  infolge  ihrer  einfachen 
Technik  auch  uns  zur  Nachprüfung  veranlasst  hat.  Gegenüber  der  WaR 
besitzen  die  Flockungsreaktionen  den  Nachteil,  das  sie  erst  einen  Tag 
später  abgelesen  werden  können  und  auch  die  Ablesung  selbst  wesent¬ 
lich  umständlicher  und  zeitraubender  ist  als  bei  der  WaR.  Dold 
wurde  von  der  Erwägung  geleitet,  dass  den  Flockungsreaktionen  wie 
auch  der  WaR.  primär  der  gleiche  Reaktionsvorgang,  eine  Präzipitation, 
zugrunde  liegt.  Der  sichtbaren  Flockenbildung  nach  Mischung  ge¬ 
eigneter  Extraktverdünnungen  mit  luetischen  Seren  läuft  ein  kolloidales 
Stadium  voraus,  das  sofort  nach  Zusatz  der  Extraktverdünnung  zum 
positiven  Serum  einsetzt.  Dieses  Anfangsstadium  suchte  Dold  sicht¬ 
bar  zu  machen.  Durch  Zusatz  geeigneter  Extraktverdünnungen  werden 
Luesseren  getrübt,  während  normale  Seren  nach  Extraktzusatz  nur  die 
leichte  Opaleszenz  des  Extraktes  erkennen  lassen.  Als  Extrakt  benutzt 
Dold  alkoholischen  cholestearinierten  Rinderherzextrakt,  wie  er  bei  der 
SGR.  Verwendung  findet.  Abgesehen  von  der  Aenderung  der  Mengen¬ 
verhältnisse  entspricht  die  Versuchsanordnung  genau  der  SGR.  Zu 
0.4  ccm  unverdünntem,  eine  halbe  Stunde  bei  55°  inaktiviertem  Serum 
werden  2  ccm  eines  1: 10  mit  physiologischer  Kochsalzlösung  verdünn¬ 
ten  Extraktes  zugefiigt.  Daneben  wird  eine  Serumkontrolle  mit  2  ccm 
einer  gleichartig  hergestellten  Verdünnung  96  proz.  Alkohols  mit 
0,4  Serum  angesetzt.  Ausserdem  eine  Extraktko’ntrolle  mit  0.4  Kochsalz 
plus  2.0  ccm  Extraktverdünnung.  Nach  zweistündigem  Aufenthalt  der 
Versuchsgestelle  im  Brutschrank  und  weiterem  zweistündigem  Stehen¬ 
lassen  bei  Zimmertemperatur  wird  abgelesen.  Nach  diesen  Angaben 
wurden  in  letzter  Zeit  im  Laboratorium  der  Hautklinik  eine  grössere 
Zahl  Sera  geprüft.  Im  Gegensatz  zu  Pöhlmann  [4],  der  einzigen  mir 
bisher  bekannten  Nachprüfung,  habe  ich  mich  von  der  Brauchbarkeit 
dieser  Methode  überzeugen  können.  Die  Gesamtzahl  der  nach  Dold 
neben  der  WaR.  untersuchten  Blutproben  beläuft  sich  auf  515.  Mit 
426  dieser  Seren  wurde  daneben  auch  die  SGR.  und  D.M.  angestellt. 
Dabei -ergab  sich  eine  Uebereinstimmung  zwischen  WaR.  und  Dold 
in  92  Proz.,  und  zwar  reagierten  übereinstimmend  positiv  mit  WaR. 
131  Sera,  übereinstimmend  negativ  343  Sera,  divergent  verhielten  sich 
41  Sera.  Bei  den  übereinstimmenden  Fällen  lässt  sich  erkennen,  dass 
die  Stärke  der  Trübung  sehr  oft  dem  Grade  der  Hemmung  parallel  geht, 
jedenfalls  häufiger,  als  dies  bei  den  Flockungsreaktionen  der  Fall  ist. 
Die  nach  WaR.  und  Dold1  schwach  positiven  Fälle  sind  es  allerdings 
auch,  die  die  meiste  Schwierigkeit  in  der  Beurteilung  machen,  da  sich 
die  schwache  Trübung  von  starker  Opaleszenz  oft  nur  schwer  unter¬ 
scheiden  lässt.  Bei  stark  positiven  Seren  dagegen  ist  die  Trübung  leicht 
zu  sehen.  Zu  Beginn  der  Untersuchungen  war  mir  die  Unterscheidung 
der  positiven  und  negativen  Seren  nicht  ganz  leicht.  Doch  schärft  sich 
das  Auge  rasch  für  die  Erkennung  der  Trübung.  Abgelesen  wurde 
nach  Angabe  Dolds  nur  bei  gutem  Tageslicht  gegen  das  Fensterkreuz 
auf  einige  Meter  Entferung.  Hierbei  lassen  die  negativen  Sera  gleich 
den  Kontrollen  das  Fensterkreuz  klar  und  ungetrübt  erscheinen, 
während  positive  Sera  einen  deutlichen  einem  Nebel  ähnlichen  Schleier 
über  dem  Kreuz  zeigen.  Ich  bin  insofern  von  den  Angaben  des  Ver¬ 
fassers  abgewichen,  als  ich  sofort  nach  dieser  Betrachtung  die  Röhr¬ 
chen  einer  Durchsicht  im  Kuhn-Woithe  sehen  Agelutinoskop  unter¬ 
warf.  Ich  war  erstaunt,  auch  hier  eine  deutliche  Differenz  zwischen 
positiven  und  negativen  Proben  zu  sehen.  Die  positiven  Gemische 
zeigten  auch  hier  starke  Trübung,  die  sich  zur  Wolke,  ja  bis  zur  flok- 
kigen  Wolke  oder  feinen  Flockenbildung  steigerte,  während  die  nega¬ 
tiven  Sera  klar  und  durchsichtig  erschienen.  Daher  dürfte  eine  Kom- 
bination  der  Betrachtung  gegen  das  Fensterkreuz  mit  Durchsicht  im 
Agglutinoskop  am  sichersten  sein.  Trübe  oder  hämolytische  Sera  lassen 
sich  nur  bedingt  verwenden.  Ein  leichterer  Grad  von  Trübung  macht 
keine  Schwierigkeiten  in  der  Beurteilung,  da  die  positiven  Seren  eben 
stärker  getrübt  sind,  stark  getrübte  oder  stark  hämolytische  Sera  sind 
von  der  Untersuchung  auszuschliessen.  Die  Untersuchung  bei  künst¬ 
lichem  Licht  oder  gegen  einen  dunklen  Hintergrund  hat  sich  nicht  so 
bewährt.  Hierbei  spielen  zu  viel  subjektive  Momente  mit.  Es  emp¬ 
fiehlt  sich,  für  jedes  Versuchsröhrchen  und  die  dazugehörige  Kontrolle 
gleichweite  Röhrchen  von  gleichmässi’g  glattem  Glase  zu  verwenden. 

Der  verschiedene  Ausfall  zwischen  Wassermannreaktion  und  Dold- 
rcaktion  ergibt  sich  aus  nachstehender  Tabelle. 

WaR.  —  +  —  -f 

Dold-Rcaktion  +  —  +  + 

Zahl  der  Fälle  15  19  2  5 


Die  15  nach  Dold  positiven,  nach  WaR.  negativen  Sera  rühren  von 
bekannten  Luespatienten  her.  In  der  Mehrzahl  waren  es  äitere  Fälle,  . 
die  bereits  längere  Zeit  in  Behandlung  standen.  Ein  nach  WaR.  sero¬ 
negativer  Primäraffekt  zeigte  positiven  Befund  nach  Dold  in  Ueber¬ 
einstimmung  mit  SGR.  und  D.M.  Bedeutsamer  ist  das  folgende  Ergeb¬ 
nis,  das  negative  Verhalten  der  Doldreaktion  bei  positiver  WaR.  Diese 
19  Blutproben  stammten  gleichfalls  von  luetischen  Personen,  teils  vor 
teils  in  Behandlung  stehend.  Auffallend  war,  dass  es  sich  um  frischere 
Syphilis  handelte.  Diese  Versager  sind  nicht  ohne  weiteres  zu  deuten.  • 
Sie  lassen  den  Schluss  zu,  dass  die  quantitativen  Verhältnisse  zwischen 
Serum  und  Extrakt  für  die  angegebene  Versuchsanordnung  nicht  immer 
die  optimalen  Bedingungen  darstellen. 

Der  Vergleich  der  Trübungreaktion  mit  SGR.  und  D.M.  fällt  etwas 
besser  aus.  Von  den  426  gemeinsam  untersuchten  Seren  zeigten  gleich- 
mässigen  Ausfall  399  Proben,  also  Uebereinstimmung  in  93,7  Proz.  . 
Bei  behandelten  Luesfällen  werden  nach  Dold  im  Verein  mit  SGR.  und 
D.M.  mehr  positive  Resultate  erzielt  als  nach  WaR.,  während  anderseits  I 
die  erwähnten  Fehlschläge  bei  den  Flockungsreaktionen  in  diesem 
Masse  ausbleiben.  Einwandfrei  negativer  Befund  nach  Dold  ergab 
öfters  positiven  Ausschlag  bei  allen  drei  übrigen  Methoden. 

Zur  weiteren  Prüfung  der  Ergebnisse  wurden  die  Versuchsgestelle  ■ 
über  Nacht  auf  den  Brutschrank  gesetzt  und  am  nächsten  Tage  erneut  ! 
abgelesen.  In  den  meisten  Fällen  war  in  den  positiven  Röhrchen 
Flockenbildung  eingetreten,  doch  eine  ganze  Reihe  bei  Ablesung  gegen  ; 
das  Fensterkreuz  deutlich  getrübter  Sera  liess  auch  jetzt  nur  Trübung 
oder  Wolkenbildung  ohne  Flockung  im  Agglutinoskop  erkennen.  Zu¬ 
sammenfassend  zeigen  die  Versuche,  dass  die  von  Dold  angegebene  , 
Trübungsreaktion  weitgehende  Uebereinstimmung  mit  den  übrigen  sero¬ 
diagnostischen  Luesmethoden  zeigt  und  zu  weiterer  Nachforschung 
berechtigt.  Die  Heranziehung  von  Sera  anderer  Krankheitsgruppen 
zur  Untersuchung  nach  Dold,  ev.  die  gleichzeitige  Verwendung  mehre-  < 
rer  Extrakte  im  Versuch  dürfte  lehrreich  und  zur  Beurteilung  wichtig  • 
sein.  Sehr  zu  denken  gibt  der  negative  Ausfall  der  Doldreaktion  bei  posi-  j 
tivem  Befund  der  übrigen  Reaktionen  und  klinisch  sicherer  Lues.  Ueber 
weitere  Nachprüfungen  soll  später  berichtet  werden. 

Literatur. 

1.  Med.  Kl.  1921  Nr.  3.  —  2.  D.m.W.  1921  Nr.  43.  —  3.  Med.  Kl.  1921 
Nr.  31.  —  4.  M.m.W.  1921  Nr.  42. 


Aus  dem  allgemeinen  Röntgeninstitut  des  Eppendorfer 
Krankenhauses  in  Hamburg. 

Ueber  einen  eigenartigen  Zwischenfall  bei  der  Anlegung 
eines  Pneumoperitoneums. 

Von  Privatdozent  Dr.  Alexander  Lorey, 

Oberarzt  für  das  Röntgenfach. 

Gelegentlich  eines  Besuches  im  Eppendorfer  Krankenhaus  im  Jahre 
1912  demonstrierte  Jakobäus  die  von  ihm  angegebene  Methode  ; 
der  Laparoskopie.  Zu  diesem  Zweck  wird  ein  Troikart  in  das  Abdomen  > 
eingestossen,  der  Aszites  abgelassen  und  dafür  Luft  eingeblasen,  und 
nun  durch  den  Troikart  ein  zystoskopartiges  Instrument  eingeführt,  mit 
dem  man  sich  das  Innere  der  Leibeshöhle  betrachtet.  Es  interessierte 
mich  nun  zu  sehen,  welche  Veränderungen  die  in  der  Bauchhöhle  zu¬ 
rückgebliebene  Luft  im  Röntgenbild  hervorruft.  Als  ich  einen  zuvor 
laparoskopierten  Mann  mit  Leberzirrhose  und  Aszites  vor  den  Rönt¬ 
genschirm  stellte,  bot  sich  mir  ein  eigenartiges  Bild.  Die  Luft  hatte 
Leber  und  Milz  vom  Zwerchfell  abgedrängt,  so  dass  deren  Konturen, 
soweit  sie  nicht  in  dem  mit  horizontalem  Niveau  sich  einstellenden 
Aszites  untergetaucht  waren,  scharf  zu  erkennen  waren.  Ich  habe 
dieses  Bild  auf  dem  Röntgenkongress  im  Jahre  1912  demonstriert  und 
auf  die  diagnostische  Bedeutung  der  Luftfüllung  der  Bauchhöhle  zur 
Erkennung  von  Erkrankungen  in  der  oberen  Hälfte  der  Bauchhöhle  hin¬ 
gewiesen.  Ich  habe  dann  bei  einer  Reihe  von  Patienten,  zunächst  bei 
solchen  mit,  dann  auch  ohne  Aszites  ein  Pneumoperitoneum  angelegt 
und  darüber  in  der  Sitzung  der  Biologischen  Abteilung  des  Aerztlichen 
Vereins  in  Hamburg  am  18.  XI.  13  berichtet  und  mehrere  Fälle  in  der 
Festschrift  zur  Feier  des  25  jährigen  Bestehens  des  Eppendorfer  Kran¬ 
kenhauses  im  Jahre  1914  mit  Abbildungen  veröffentlicht.  Ich  empfahl 
damals  in  der  Mittellinie  unterhalb  des  Nabels  in  Lokalanästhesie  eine 
kleine,  etwa  2  cm  lange  Inzision  zu  machen  und  das  Peritoneum  mit 
einer  stumpfen,  vorne  geschlossenen  Kanüle,  wie  sie  Brauer  bei  der 
Anlegung  des  Pneumothorax  nach  seiner  Schnittmethode  benutzt,  zu 
durchstossen.  Ich  selber  war  damals  allerdings  bereits  dazu  über¬ 
gegangen  die  Punktion  des  Abdomens  mit  einer  spitzen  Kanüle  ohne 
vorherige  Inzision  auszuführen,  scheute  mich  jedoch  noch,  diese  Me¬ 
thode  allgemein  zu  empfehlen,  da  ich  befürchtete,  dass  bei  unsach- 
gemässer  Ausführung  der  Punktion  ev.  eine  Darmverletzung  oder 
Luftembolie  eintreten  könnte,  wenn  die  Spitze  der  Kanüle  unglück¬ 
seligerweise  in  eine  Vene  gelangte.  Leider  war  das  Material,  welches 
mir  zur  weiteren  Erprobung  der  Methode  zur  Verfügung  stand, 
ein  relativ  kleines,  da  ich  keine  eigene  Krankenabteilung  habe, 
und  die  Leiter  der  Abteilungen,  die  mir  die  Kranken  zur 
Röntgenuntersuchung  überweisen,  sich  ziemlich  ablehnend  ver¬ 
hielten,  da  ihnen  dieser  Eingriff  zu  gewagt  vorkam.  Durch 
Beginn  des  Krieges  und  meine  Einziehung  zum  Heeresdienst 
wurden  diese  Untersuchungen  dann  gänzlich  unterbrochen.  Um 
so  mehr  freut  es  mich,  dass  durch  die  Arbeiten  von  Rautenberg 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


87 


und  besonders  Qoetze,  die  von  mir  zuerst  angegebene  Methode 
weiter  ausgebaut  ist  und  allgemeine  Verbreitung  und  Anerkennung 
gefunden  hat.  Namentlich  Qoetze  hat  durch  zahlreiche,  an  einem 
grossen  Material  systematisch  ausgeführte  Untersuchungen  die  In¬ 
dikation  für  die  pneumoperitoneale  Röntgendiagnostik  erweitert  und 
gezeigt,  dass  dadurch  nicht  nur  die  Diagnostik  der  Organe  in  der 
oberen  Hälfte  des  Abdomens  bereichert  wird,  sondern  dass  das 
Pneumoperitoneum  auch  bei  Erkrankungen  der  übrigen  Bauch-  und 
sogar  der  Beckenorgane  mit  Erfolg  angewendet  werden  kann.  So 
bildet  denn  heute  die  pneumoperitoneale  Röntgendiagnostik  eine  wert¬ 
volle  Bereicherung  der  Untersuchung  der  Bauchorgane  mit  Röntgen¬ 
strahlen,  wenn  ich  allerdings  auch  nicht  verschweigen  möchte,  dass  die 
diagnostischen  Ergebnisse  derselben  heute  von  manchen  Seiten  etwas 
überschätzt  werden  und  diese  Untersuchungsmethode  nur  da  angewandt 
werden  sollte,  wo  erfahrungsgemäss  eine  Förderung  der  Diagnose,  die 
auf  anderem  Wege  nicht  zu  erzielen  ist,  erwartet  werden  kann.  Denn 
eine  gewisse  Belästigung  ist  für  den  Patienten  fast  immer  damit  ver¬ 
bunden,  so  das  Gefühl  des  Aufgeblähtseins  und  vor  allem  der  manch¬ 
mal  recht  lästige  Schulterschmerz.  Diese  Beschwerden  lassen  sich  aller¬ 
dings  erheblich  mindern,  wenn  man  nach  der  Untersuchung  die  Luft 
wieder  möglichst  ablässt  und  darauf  achtet,  dass  die  Patienten  einige 
Tage  absolute  Bettruhe  einhalten  und  sich  auch  im  Bett  nicht  auf¬ 
richten. 

Im  übrigen  gilt  aber  heute  die  Anlegung  des  Pneumoperitoneums 
bei  sachgemässem  Vorgehen  und  Einhalten  der  von  mir  bereits  in 
meiner  ersten  Arbeit  angegebenen  Kontraindikationen  (frisch  entzünd¬ 
liche  oder  eitrige  Prozesse  in  der  Bauchhöhle,  wozu  noch  schwere 
Kreislaufstörungen  und  schwere  Erkrankungen  der  Atmungsorgane 
kommen)  und  bei  Beachtung  der  von  Qoetze  beschriebenen  Kau- 
telen  bei  der  Ausführung  desselben,  als  ein  relativ  harmloser  Eingriff. 
Dass  jedoch  auch  bei  sachgemässer  Ausführung  einmal  recht  un¬ 
angenehme  Komplikationen  auftreten  können,  beweist  folgender  Fall, 
den  ich  der  Oeffentlichkeit  um  so  weniger  vorenthalten  möchte,  als 
meines  Wissens  ein  derartiger  Zwischenfall  noch  nicht  beschrie¬ 
ben  ist. 

Eine  53  jährige  Patientin  mit  Ikterus  und  Lebertumor  wurde  wegen 
Verdacht  auf  malignen  Tumor  zur  Anlegung  eines  Pneumoperitoneums  und 
Röntgenuntersuchung  überwiesen.  Das  Pneumoperitoneum  gelang  mühelos,  es 
wurden  2  Liter  Luft  eingeblasen.  Die  Patientin  wurde  darauf  in  Bauch-, 
Rücken-  und  Seitenlage,  sowie  im  Stehen  durchleuchtet,  ohne  dass  sie 
ausser  Schulterschmerz  irgendwelche  Beschwerden  äusserte.  Es  w'urde 
dann  eine  Aufnahme  im  Liegen  angefertigt,  der  eine  im  Stehen  angeschlossen 
werden  sollte.  Kaum  stand  die  Patientin  auf  den  Füssen,  als  sie  plötzlich 
hochgradig  unruhig  und  erregt  wurde  und  rief:  „Mein  Hals  platzt,  ich  er¬ 
sticke“.  Als  ich  die  Patientin  wenige  Minuten  später  sah,  machte  sie  einen 
höchst  bedrohlichen  Eindruck.  Sie  war  ausserordentlich  unruhig  und  rang 
heftig  nach  Luft.  Das  Gesicht  war  etwas  gerötet,  der  Puls  klein  und  fre¬ 
quent.  Bei  der  Betrachtung  sah  man,  dass  der  Hals  in  den  seitlichen  Partien 
über  den  Schlüsselbeinen  geschwollen  war,  die  normale  Höhlung  der 
Schlüsselbeingruben  war  durch  ein  Polster  ausgefüllt,  welches  beim  Be¬ 
tasten  deutliches  Knistern  zeigte.  In  kurzer  Zeit  breitete  sich  die  Schwel¬ 
lung  und  das  Knistern  bis  zu  den  Kieferwinkeln  aus.  Es  hatte  sich  also 
in  kürzester  Zeit  ein  Hautemphysem  am  Halse  entwickelt,  während  am 
übrigen  Körper  nicht  das  geringste  von  Emphysem  nachzuweisen  war. 
Durch  kräftige  Morphiumdosen  gelang  es  ziemlich  schnell  die  grosse  Un¬ 
ruhe  der  Patientin  zu  beheben.  Am  nächsten  Tage  hatte  sich  das  Emphysem 
verteilt,  es  reichte  nach  oben  bis  zu  den  Schläfen,  nach  unten  bis  zum 
Rippenbogen.  Die  Atemnot  war  verschwunden,  der  Puls  wieder  regelrecht. 
Nach  2  weiteren  Tagen  war  von  dem  Emphysem  nichts  mehr  nachzuweisen. 

Wenn  wir  uns  fragen,  wie  das  Emphysem  zustandegekommen  sein 
kann,  so  ist  natürlich  der  am  nächsten  liegende  Gedanke,  dass  durch 
den  Stichkanal  Luft  ausgepresst  und  im  subkutanen  Gewebe  des  Ab¬ 
domens  und  des  Thorax  nach  oben  gewandert  war.  Dies  konnte  je¬ 
doch  durch  die  sofort  vorgenommene  Untersuchung  ausgeschlossen 
werden.  Denn  es  war  lediglich  in  den  Oberschlüsselbeingruben  und 
den  direkt  oberhalb  gelegenen  seitlichen  Partien  des  Halses  Emphysem 
nachzuweisen.  Die  Luft  musste  sich  vielmehr  längs  der  grossen  Ge- 
fässe  oder  der  Speiseröhre  einen  Weg  nach  oben  gebahnt  haben.  Nun 
ist  der  Peritonealraum  aber  ein  abgeschlossener  Sack,  aus  dem,  so¬ 
lange  er  unverletzt  ist.  Luft  nicht  austreten  kann.  Wir  müssen  also 
annehmen,  dass  das  Peritoneum  an  einer  Stelle  eingerissen  war.  Diese 
Annahme  bereitet  der  Erklärung  m.  E.  keine  Schwierigkeiten.  Durch 
das  Einblasen  der  Luft  in  die  Bauchhöhle  werden  Milz  und  Leber  von 
dem  Zwerchfell  abgedrängt.  Wenn  der  betreffende  Patient  nun  auf¬ 
rechte  Körperstellung  einnimmt,  so  baumein  diese  Organe  gewisser- 
massen  an  ihren  Aufhängebändern.  Durch  den  Zug  dieser  schweren 
Organe,  namentlich  der  Leber,  deren  Volumen  und  Gewicht  in  unserem 
Fall  noch  durch  Schwellung  derselben  vermehrt  war,  kommt  es  zu  einer 
Dehnung  dieser  Bänder  (Lig.  suspens.  hepatis,  Lig.  coronar.),  und  man 
kann  sich  leicht  vorstellen,  dass  dadurch  das  dünne  Peritoneum  ein- 
reisst.  Nun  hat  die  Luft  freie  Bahn,  und  vielleicht  noch  unterstützt 
durch  Erhöhung  des  intraabdominellen  Druckes  infolge  Anspannung 
der  Bauchmuskeln  beim  Aufrichten,  ist  sie  durch  diesen  Riss  gepresst 
worden  und  hat  sich  in  dem  lockeren  Bindegewebe  um  den  Oeso¬ 
phagus  herum  einen  Weg  durch  das  Zwerchfell  und  hintere  Mediastinum 
nach  oben  geoahnt.  Leider  war  die  Patientin  nicht  dazu  zu  bewegen, 
sich  nochmals  durchleuchten  zu  lassen,  man  hätte  sonst  vielleicht  das 
mediastinale  Emphysem  nachweisen  •können. 

Wenn  auch  der  anfangs  recht  drohend  aussehende  Zwischenfall 
für  die  Patientin  ohne  dauernde  Folgen  geblieben  ist,  so  muss  uns  doch 
dieses  Vorkommnis  zur  Warnung  dienen.  Wir  müssen  möglichst  ver¬ 
meiden  bei  Patienten  mit  Pneumoperitoneum  Bewegungen  auszu¬ 
führen,  bei  denen  die  Aufhängebänder  gezerrt  werden.  Wir  können 


allerdings  nicht  darauf  verzichten,  die  Patientin  in  allen  möglichen 
Durchleuchtungsrichtungen  zu  untersuchen  und  müssen  sic  dazu  auch 
oft  aufrechte  Körperstellung  einnehmen  lassen,  da  in  einer  Reihe  von 
Fällen  die  Untersuchung  in  dieser  Körperstellung  uns  besonders  wert¬ 
volle  Aufschlüsse  gibt.  Wir  müssen  aber  peinlich  darauf  achten,  dass 
die  Patienten  keine  schnellen  Bewegungen  ausführen,  bei  denen  die 
Lage  der  Leber  und  Milz  sich  schnell  ändert,  und  dürfen  nicht  zu¬ 
lassen,  dass  die  Patienten  sich  aus  eigener  Kraft  aufrichten,  sondern 
verlangen,  dass  sie  dabei  unterstützt  werden. 


Aus  dem  Zentralröntgenlaboratorinm  des  Allgemeinen  Kranken¬ 
hauses  in  Wien.  (Vorstand:  Prof.  Dr.  G.  Holzknecht.) 

Röntgenbehandlung  der  Perniones. 

Von  Dr.  Robert  Lenk. 

Die  grosse  Menge  von  Publikationen  für  und  gegen  die  Strahlen¬ 
behandlung  des  Karzinoms  hat  die  Autoren  und  Leser  der  Röntgen¬ 
literatur  derart  in  Anspruch  genommen,  dass  die  ganze  Reihe  der  übri¬ 
gen,  zum  grossen  Teil  ausgezeichneten  Indikationen  zur  Röntgen¬ 
bestrahlung  Unverdientermassen  in  den  Hintergrund  traten  und  der 
Vergessenheit  anheimzufallen  drohen.  Der  Praktiker,  in  dessen  Hand 
ja  die  Indikationsstellung  gelegen  ist,  kennt  sie  nicht  oder  nicht  mehr, 
sehr  zum  Schaden  vieler  Patienten,  denen  dadurch  ein  wichtiges  Heil¬ 
mittel  vorenthalten  wird. 

Im  folgenden  sei  an  eine  sehr  aktuelle,  anscheinend  in  Ver¬ 
gessenheit  geratene  Röntgenindikation  erinnert. 

Die  Perniones,  diese  so  sehr  verbreitete,  gewiss  nicht  gefähr¬ 
liche,  aber  äusserst  unangenehme  Affektion  ist  durch  die  meisten  ge¬ 
bräuchlichen,  zum  grossen  Teil  umständlichen  Behandlungsmethoden 
sehr  schwer  beeinflussbar.  Hingegen  bringt  in  den  allermeisten,  auch 
in  den  schwersten,  mit  Blasenbildung  und  Exfoliation  einhergehenden 
Fällen  eine  einzige  schwache  BestrahlungWerschwinden,  das  den  Win¬ 
ter  über  oder  mindestens  mehrere  Wochen  anhält.  Eventuelle  Rezi¬ 
dive  durch  neuerliche  Kälteeinwirkung  lassen  sich  dann  fast  immer 
wieder  rasch  beseitigen. 

Wirkungsmechanismus:  Beeinflussung  der  geschädigten 
Gefässe. 

Dauer  der  Behandlung:  Erfolg  meist  kurze  Zeit  nach  einer 
einzigen  Bestrahlung;  selten  Wiederholung  nach  14  Tagen  notwendig. 

Verlauf:  Mitunter  nach  rasch  vorübergehender  Exazerbation 
schwindet  der  Juckreiz  innerhalb  1 — 2  Tagen,  Rötung  und  Schwellung 
wenige  Tage  später.  Rezidive  kommen  vor,  reagieren  immer  wieder  gut. 

Unterstützende  Behandlung:  Bei  etwas  stärkerer  Früh¬ 
reaktion  wechselwarme  Bäder. 

Technik:  Harte  Therapieröhre,  0,5  mm  Al.-Filter,  % — %  Ery¬ 
themdosis. 


Aus  dem  Krankenhaus  Wattwil. 

(Direktion:  Chefarzt  Dr.  E.  Bau  mann.) 

Ueber  die  traumatische  Nierenzyste. 

Von  Dr.  Erwin  Bau  mann. 

Die  traumatische  Nierenzyste  ist  eine  äusserst  seltene  Erkrankung. 
In  manchen  Werken  der  Unfallmedizin  ist  sie  nicht  einmal  erwähnt, 
in  den  grössten  meist  nur  mit  einem  Satze  abgetan.  Daher  mag  die 
Mitteilung  eines  kürzlich  beobachteten  Falles  einer  grossen  trauma¬ 
tischen  Nierenzyste  gerechtfertigt  sein. 

M.  H.,  6  jähr.,  K.-G.  752/20.  Aus  der  Anamnese:  Das  früher  stets 
gesunde  Mädchen  fiel  am  8.  X.  1920  in  einer  Scheune  ca.  9  m  hoch  auf 
einen  Zementboden  herunter  und  blieb  dort  bewusstlos  liegen.  Der  herbei- 
gerufene  Arzt  konstatierte  starke  Blutunterlaufungen  beider  Augen,  besonders 
links,  mit  Bewusstseinstrübung  während  eines  Tages.  Keine  Ausfallserschei¬ 
nungen  seitens  des  Zentralnervensystems.  Ueber  dem  linken  Hiiftbeinkamm 
seitlich  ebenfalls  starke  Sugillationen,  die  sich  bis  zur  untersten  Rippe  in  der 
linken  Axillarlinie  ausdehnen.  Nie  Temperaturerhöhungen,  nie  beschleunigter 
oder  verlangsamter  Puls.  Urin  stets  normal.  Seit  dem  8.  Tage  nach  dem 
Unfall  klagte  Pat.  stets  über  ziehende  und  drückende  Schmerzen  in  der 
linken  Oberbauchgegend.  Ausser  einer  leichten  Schwellung  daselbst,  wenig 
druckempfindlich,  fand  der  Arzt  stets  normale  Verhältnisse.  Am  30.  X., 
23  Tage  nach  dem  Unfälle,  konstatierte  der  Arzt  zum  ersten  Male  in  der 
Gegend  des  Colon  descendens  eine  stark  druckempfindliche,  innerhalb  kurzer 
Zeit  rasch  gewachsene  Vorwölbung.  Da  damit  ziemlich  rascher  Kräfteverfall, 
motorische  Unruhe,  Temperaturerhöhungen  und  Erbrechen  eintrat,  wies  der 
behandelnde  Arzt  das  Kind  als  Notfall  in  das  Krankenhaus  ein. 

Eintrittsbefund  am  2.  XI.  1920:  a)  S  t  a  t.  univers.:  Stark 
anämisches,  mageres,  schwer  leidend  aussehendes  Kind.  Augen  blauschwarz 
umrändert,  Lippen  trocken,  blass,  borkig  belegt.  Atmung  oberflächlich, 
frequent,  kostal,  r.  >  I„  mit  exspiratorischem  Glucksen.  Strabismus  con- 
vergens.  Sensorium  teilweise  getrübt.  Schmerzstöhnen.  Extremitäten  blass, 
kühl;  Finger-  und  Zehennägel  zyanotisch.  Stuhl  und  Urin  angehalten.  Tem¬ 
peratur  38,2°,  Puls  104,  schwach,  unregelmässig,  Herztöne  leise,  rein,  frequent. 
Lungen  o.  B.  b)  S  t  a  t.  1  o  c  a  1. :  Abdomen  in  toto  aufgetrieben.  Der  linke 
Rippenbogen  ist  vorgewölbt.  Unter  ihm  tritt  eine  längsovoide,  kugelförmige 
Vorwölbung  zu  tage,  die,  kindskopfgross,  die  ganze  linke  Beckenhälfte  ein¬ 
nimmt.  Kein  freier  Erguss,  keine  Darmzeichnung.  Ueber  dem  ganzen  Ab¬ 
domen  sind  die  Bauchdecken  straff  angespannt,  diffus  druckempfindlich,  mit 
Defense  musc.  auf  der  linken  Seite  und  Entlastungsschmerz.  Ueber  der  Vor¬ 
wölbung  brettharte  Spannung,  so  dass  eine  genaue  Palpation  unmöglich  ist. 
Der  Tumor  scheint  glatt,  prall-elastisch  zu  sein.  In  der  Flanke  und  Lumbal- 


88 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


gegend  besteht  absolute  Dämpfung;  vorne  relative  Dampfung,  jedo.ch  mit  deut¬ 
lichem  Beiklang  von  Darmschall.  .  ,  ,  ,.  „ _ ..  „ 

Trotz  des  desolaten  Zustandes  wird  in  Aethernarkose  die  Operat 
frir  R  a  u  m  a  n  n)  vorgenommen;  Probelaparotomie  durch  kleinen,  ca. 
tanK»  l“n”sschnniu  °.,aL,ek,al  i»  Nab.lhtte  Bel.nd: 

ändert  Es  liegen  stark  kollabierte  Darmschlingen  vor.  Der  pa  pierenae 
Fincer  gelangt  auf  einen  retroperitoneal  liegenden  prallelastischen  fluktuieren¬ 
den  Tumo  ""von  der  unveränderten  Milz  bis  ins  kleine  Becken  reichend 

Die  I  aee  des  unverschieblichen  Tumors  weist  auf  die  linke  Niere  hin.  Nach 
Verschluss  des  Probeschnittes  wird  in  rechter  Seitenlagö 
tomieschnitt  nach  Bergmann  angelegt  und  die  linke  Nrnre  ^eig  gt 
Nach  Durchtrennung  der  nur  mässig  adharenten  äusseren  Nierenkap sei  liegt 
eine  blauschwarz  durchschimmernde  Zyste  vor,  aus  der  sich  nach  der  Inzismn 
im  Strahl  ca.  lH  Liter  klare,  gelb hohe  Flüssigkeit  entleert  D  e  äussere 
Wnrid  der  7vste  liegt  in  der  Kortikalis  un>d  ist  nur  ca.  2  3  mm  dicK.  men 

EnBernung  eines  Teiles  derselben  konstatiert  die  eingeführte  Hand  eine 
grosse  glattwandige  Höhle,  deren  Wand  von  einer  dickschleimigen,  teils 
rosa,  teils  schokoladebraun  gefärbten  Detritusmasse  beschlagen  ist.  D  e 
Wand  selber  besitzt  kein  eigentliches  Epithel,  sondern  setzt  sich  a 
Elementen  der  Rindenschicht  zusammen.  Mikroskopisch  lassen  sich  in  de 
Zyste  keine  morphologischen  Bestandteile,  bakteriologisch  keinfe  Mikroorgam  - 
men  nachweisen.  Im  Detritus  ist  Blutfarbstoff  vorhanden. 

Die  Zyste  wird  locker  mit  Pyoktaningaze  austamponiert  und  die  Wunde 

teilweise  verschloSfoigt  erstmals  Urinabgang,  der  nicht  blau  gefärbt  ist;  die 
Höhle  kommuniziert  also  nicht  mit  den  Ausführungsgängen  der  Niere.  Das 
Allgemeinbefinden  bessert  sich  zusehends  und  rasch.  Die  Temperatur  kehr 
nach  der  Operation  zur  Norm  zurück,  die  Höhle  sezermert  sozusagen  g 
nicht  Unter  Kürzung  der  Blaugaze  granuliert  sie  üppig  und  rasch  zu 

25  Tage  nach  der  Operation  ist  sie  fest  geschlossen  und  am  4.  XII.  wird 
das  Kind  als  vollständig  geheilt  mit  blühendem  Aussehen  bei  normalem  Urin- 
befund  aus  dem  Krankenhause  entlassen. 

Im  vorliegenden  Falle  hat  also  ein  6  Jahre  altes  Mädcnen  durch 
einen  9  m  hohen  Sturz  von  der  Tenne  auf  den  Zementboden  eine 
linksseitige  Wz  Liter  Inhalt  fassende  Nierenzyste  erlitten.  Die  ausser¬ 
ordentlich  seltenen  traumatischen  Nierenzysten  müssen  streng  von 
der  sog.  Zystenniere  getrennt  werden.  Letztere  kommt  nicht  so  sel¬ 
ten  vor  und  betrifft  häufiger  beide  als  nur  eine  Seite.  Wahrscheinlich 
ist  sie  stets  angeboren  und  beruht  meist  auf  einer  Entwicklungsstomn?. 
Pathologisch-anatomisch  wird  sie  von  der  Mehrzahl  dei  Autoren  für 
Retentionszysten  gehalten,  die  durch  Entzündungsvorgänge  (Vi  r  ch  o  w, 
Dur  lach  Thorn,  Arnold  u.  a.)  oder  aber  durch  Missbildungen 
(Kaufmann,  R  i  b  b  e  r  t,  H  i  1  d  e  b  r  a  n  d,  Meyeru.  a.)  verursacht 
werden.  Hieher  gehören  auch  die  sog.  vereinzelten  Zysten  der  Niere, 
die  bei  sonst  unveränderter  Niere  eine  beträchtliche  Grösse  erreichen 
können  und  nach  Braun  warth  nur  quantitativ  von  der  eigentlichen 
Zystenniere  abweichen.  Die  Höhle  ist  in  allen  diesen  Fallen  von 
Pflasterepithel  ausgekleidet,  der  Inhalt  kann  serös,  durch  Hamorrhagien 
auch  rot  oder  bräunlich  gefärbt  oder  bei  pathologisch  veränderten  Zellen 
kolloid  sein.  Im  Gegensatz  zu  diesen  primär  epithelial  umgrenzten 
Hohlräumen  steht  die  eigentliche  N  i  e  r  e  n  z  y  s  t  e,  ein  Hohlraum 
im  Nierengewebe,  die  ohne  eigene  Zystenwand  von.  Nierenparenchym 
umgrenzt  ist  (wie  in  unserem  Falle),  das  dann  allerdings  bei  längerem 
Bestehen  allmählich  durch  Untergang  der  Organzellen  zu  einer  Art 
von  Hülle  degenerieren  kann.  Diese  traumatische  Nierenzyste  entsteht 
ohne  Zweifel  so,  dass  im  Rindengebiet  der  Niere  oder  zwischen  den 
Kapselschichten  infolge  eines  Sturzes  oder  einer  Quetschung  eine 
Blutung  stattfindet,  die  dann  zur  Zystenbildung  führen  kann.  Der  peri¬ 
phere  Sitz  der  Blutung  bedingt  es,  dass  die  häufigste  Erscheinung  einer 
traumatischen  Nierenverletzung,  das  Blutharnen,  ausbleibt. 

Tritt  also  bei  einer  subkutanen  Läsion  der  Nierengegend,  sei  es 
durch  ein  direktes  oder  durch  ein  indirektes  Trauma,  ohne  Blutharnen 
eine  schmerzhafte  Schwellung  auf,  so  muss  man  neben  einer  Blutung 
in  das  pararenale  Gewebe  stets  an  die  Möglichkeit  einer  geschlossenen 
Nierenblutung  denken.  Die  sichere  Diagnose  wird,  wie  in  unserem 
Falle,  oft  erst  unter  dem  Messer  gestellt  werden  können. 


Zwanck- Schi  Hing  sehe  Hysterophor  mit  zwei  schmetterlings- 
fliigelartigen  Platten  und  für  ganz  schwere  Fälle  die  gestielten  Pessare, 
die  nach  Art  des  alten  S  c a  nz  on  i  -  Modelles  durch  einen  Beckengurt 
getragen  werden,  wie  z.  B.  der  La ve da n- Hysterophor. 

Alle  diese  Pessare  greifen  jedoch  die  Scheidenwände  nicht  fläch^u- 
haft  an  und  machen  daher  Druckerscheinungen.  Selbst  die  harmlose¬ 
sten  Pessare  können  tief  einwachsen,  wenn  sie  längere  Zeit  nicht  ge¬ 
wechselt  werden.  Beim  Zwanck  sehen  Pessar  sind  sogar  tiefe  Per¬ 
forationen  in  Blase  und  Mastdarm  beschrieben.  Ausserdem  sind  die 
bisher  genannten  Pessare  nicht  imstande,  die  Scheidenschleimhaut  voh- 
ständig  zurückzuhalten;  diese  pflegt  vielmehr  meistens  über  die  Pessar¬ 
bügel  hinweg  mehr  oder  weniger  stark  wieder  nach  aussen  zu  pro- 
la  hipren 

Aus  diesem  Grunde  werden  seit  den  ältesten  Zeiten  Pessare  ver¬ 
sucht,  die  die  Scheide  möglichst  ausfüllen.  Wie  Schröder  in  seinem 
Lehrbuche  der  Gynäkologie  erzählt,  hat  schon  Soranus  durch  zweck¬ 
mässige  Lagerung  der  Frau  den  Prolaps  reponiert  und /^Pessare 
aus  Wolle  in  die  Scheide  eingeführt.  Oskar  Frankl  (die  physika.i- 
schen  Heilmethoden  in  der  Gynäkologie)  berichtet,  dass  nach  Busen 
die  Naturvölker  Schwämme,  Nüsse,  Granatäpfel  und  zusammengerolltc 
Stoffstücke  und  nach  A b  u  1  c a s im  (10.  bis  11  Jahrhundert  in  Cordova) 
auch  aufgeblasene  tierische  Membranen  als  Pessare  verwandt  haben. 
In  südlichen  Ländern  werden  noch  heute  Zitronen  und  Orangen  a  s 
Pessare  eingeführt,  die  gleichzeitig  durch  die  Form  und  durch  ihre 
chemische  Eigenart  wirksam  sind.  Breisky  (Prager  med.  Wochen¬ 
schrift,  1884,  Nr.  33)  wählte  eiförmige  Pessare  aus  Hartgummi  deren 
Handhabung  aber  wegen  des  starren  Materials  nicht  leicht  ist  Neuer¬ 
dings  empfiehlt  D  u  r  1  a  c  h  e  r  -  Ettlingen  (M.m.W  1921,  Nr  44)  Gummi¬ 
ballons,  die  in  einen  Schlauch  mit  Ventil  auslaufen  und  durch  ei 
Handluftpumpe  in  der  Scheide  selber  gefüllt  werden.  Die  Patientinnen 
sollen  das  Wechseln  selber  vornehmen  und  zwar  täglich.  Du  rlacti  e  r 
nennt  den  Apparat  Luftkissenpessar.  Diese  Methode  ist  m.  E.  für 
die  Patientinnen  auf  die  Dauer  zu  umständlich.  Jedenfalls  sehe  ic 
nicht  den  geringsten  Vorteil  gegenüber  der  einfachen  Methode,  die 
vor  etwa  20  Jahren  von  Leopold  L  a  n  d  a  u  angegeben  ist;  diese 
besteht  darin,  dass  gewöhnliche,  glatte  Gummibälle  als  Pessare  ver¬ 
wandt  werden.  Diese  Bälle  sind  verhältnismassig  billig  und  leicht 
einzusetzen;  sie  machen  durchaus  keine  Druckerscheinungen  und  halten 
die  Scheidenschleimhaut  gut  zurück.  Ein  zu  kleiner  Ball  springt,  ohne 
zu  verletzen,  aus  der  Scheide  heraus;  und  hat  man  einen  zu  grossen 
Ball  gewählt,  so  merkt  dies  die  betreffende  Patientin  sofort  daran, 
dass  die  Urinentleerung  erschwert  oder  gar  unmöglich  wird,  und  wird 
von  selber  die  schleunige  Herausnahme  des  Balles  verlangen.  Die 
gebräuchlichsten  Grössen  sind  Bälle  von  5 — 10  cm  Durchmesser,  ^e  re 
Stauungen  hinter  dem  Ball  treten  nicht  ein.  Ich  hege  daher  auch  keine 
Bedenken,  den  Ball  bei  ulcerierten  Prolapsen  sofort  einzusetzen  und 
finde  stets,  dass  die  Dekubitalulcera  ohne  sonstige  Behandlung  hinter 
den  Bällen  abheilen.  Alle  6  Wochen  soll  der  Ball  gewechselt  werden. 
Dies  geschieht  in  der  Weise,  dass  auf  dem  Zeigefinger  der  einen 
Hand  eine  Kugelzange  an  den  Ball  herangeschoben  und  in  diesen  ein¬ 
gehakt  wird;  beim  Anziehen  entweicht  die  Luft,  und  der  Ball  kann 
wie  ein  leerer  Sack  aus  der  Scheide  herausgezogen  werden. 

Ich  habe  diese  Ballmethode  in  der  L  a  n  da  u  sehen  Klinik  in  Berlin 
und  in  meiner  Privatpraxis  seit  Jahren  in  grösserem  Umfange  duren- 
gefiihrt  und  möchte  sie  auf  Grund  guter  Erfolge  empfehlend  in  Er¬ 
innerung  bringen.  _ 


Natur  und  Entstehung  diastatischer  Fermente. 

(Eine  Erwiderung  zu  Prof.  Biedermanns  Bemerkungen 
in  dieser  Wochenschrift  1921,  Nr.  44.) 


1  T  _  TT»  * _ L  A _ TW- 


Literatur. 

Arnold:  Beitr.  z.  path.  Anat.  1890,  8.  —  Braun  warth:  Ueber 
Nierenzysten.  Virch.  Arch.  1906,  186.  —  Dur  lach:  Ueber  Entstehung  der 
Zystenniere.  Diss.  Bonn  1885.  —  H  i  1  d  eT>  ran  d :  Lange nb eck s  Arch. 
1884,  48.  —  Kaufmann:  Ueber  sog.  fötale  Rachitis.  1892.  Kretsch¬ 
mer:  Solitary  cysts  of  the  Kidney  (mit  Literatur).  Journ.  of  urology  Vol.  IV. 
N  6  1920  —Meyer:  M.m.W.  1903  Nr.  18.  —  Reichmann:  Nieren- 
zf stell.  Hb.  d.  ges.  Ther.  3.  -  Riblxsrt:  Verh.  d.  dtsch  patlu  Qes. 
1899.  —  Rovsing:  Zystenniere,  im  Lehrb.  d.  Chir.  3.  1  niem.  no. 

d.  Unf. -Erkrank.  2,  2.  —  Thorn:  Beitr.  z.  Genese  d.  Zystenniere.  Diss. 
Bonn,  1882.  —  Virchow:  Ges.  Abh.  1856. 


Die  Ballbehandlung  der  Prolapse. 

Von  Dr.  Siegfried  S  am  s  o  n  -  Hamburg. 

Genitalprolapse  jeglichen  Grades  sind  operative  Fälle. .  Es  bleiben 
aber  noch  eine  ganze  Reihe  von  Fällen  übrig,  bei  denen  die  Operation 
abgelehnt  wird  oder  wegen  hohen  Alters  oder  wegen  gleichzeitig  be¬ 
stehender  anderweitiger  Erkrankung  zeitig  oder  dauernd  nicht  in  frage 
kommt.  Und  schliesslich  gibt  es  eine  Reihe  von  Prolapsen,  die  selbst 
nach  den  weitgehendsten  Fixationsmethoden  wieder  rezidivieren. 

Für  diese  Fälle  sind  seit  Ambroise  Pa  re  Pessare  der  verschie¬ 
densten  Formen  konstruiert.  Am  meisten  gebraucht  werden  das 
H  o d g e pessar,  dann  das  Pessar  von  Thomas,  das  May  e  r  sehe 
Ringpessar,  Schultzes  Schlittenpessar,  das  Schatz-Prochow- 
n  ick  sehe  Sieb-Schalenpessar,  das  Menge  sehe  Keulenpessar,  der 


Durch  die  Bemerkungen  auf  meinen  Artikel  über  dieses  Thema 
(d.  Wschr.  1921,  Nr.  43)  macht  Prof.  Biedermann  aus  der  von 
mir  sachlich  gehaltenen  wissenschaftlichen  Differenz  eine  unliebsame 
Polemik.  Hätte  Prof.  Biedermann  meine  ausführliche  Arbeit,  die 
gleichzeitig  mit  genanntem  Artikel  an  die  „Fermentforschung  abging, 
vorerst  gelesen,  und  das  konnte  ich  deshalb  erwarten,  weil  auf  dieselbe 
ausdrücklich  verwiesen  war,  so  würde  er  billigerweise  nicht  dazu  ge¬ 
kommen  sein,  mir  Leichtfertigkeit  im  wissenschaftlichen  Vorgehen  in 
bezug  auf  Kenntnisnahme  der  Originalliteratur  sowie  der  Vcrsucas- 
technik  vorzuwerfen.  Hingegen  muss  ich  konstatieren,  dass  die  An¬ 
nahme  Biedermanns,  ich  hätte  für  meine  Versuche  eine  amylo¬ 
pektinreiche  Stärkelösung  verwendet,  eine  unrichtige 
Supposition  ist,  da  ich  in  dem  Artikel  dieser  Zeitschrift  unter  dem 
Verweise  auf  die  detaillierte;  Arbeit  gar  keine  methodischen  Angaben 
machte.  Aus  letzterer  aber  geht  hervor,  dass  in  allen  meinen  Versuchen 
stets  eine  amvlopektinfreie  Amyloselösung  zur  Unter¬ 
suchung  gelangte.  Damit  fällt  das  Hauptargument  Bieder¬ 
manns  gegen  meine  Versuchstechnik  u n d  ebenso 
seine  darauf  gestützten  Scnlüsse.  Diese  Lösung  bereitete 
ich  durch  Erwärmen  der  Stärke  in  1  proz.  Lösung  während  1  Stunde 
bei  80°,  weil  die  Resultate  ganz  Identisch  waren  mit  jenen  Versuchen, 
wo  die  Stärke  nur  auf  80 0  erwärmt  wurde.  Dies  in  voller  Ueberem- 
stimmung  mit  der  Angabe  von  Biedermann1),  wo  er  die  starke 
während  Va  Stunde  kochte  und  der  Versuch  ebenso  glatt  verlief! 


J)  Biedermann:  Fermentforschung  1916,  Nr.  5,  S.  388. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


89 


Was  den  Zeitfaktor  anlangt,  so  zitiere  ich  Biedermann2):  „Auch 
wenn  man  noch  so  sehr  auf  möglichste  Gleichartigkeit  der  Ver¬ 
suchsbedingungen  achtet,  so  fallen  doch  die  Zeiten  der  Umsetzung 
an  den  verschiedenen  Tagen  keineswegs  ganz  gleich  aus.  sondern  sind 
beträchtlichen  Schwankungen  unterworfen,  die  sich  unter 
Umständen  über  Stunden  erstrecken  können.“  Die  Auffassung 
Biedermanns  über  die  Thermostabilität  diastatischer  Fermente 
sei  durch  folgende  zwei  Zitate  charakterisiert:  „Für  den  Speichel  ergab 
sich  sogar,  dass  gekochte  Proben,  welche  stundenlang  ohne  Stärke¬ 
zusatz  stehen  blieben,  dabei  nicht  nur  nicht  an  diastatischer  Kraft  ge¬ 
wannen.  sondern  im  Gegenteil  bei  nachträglichem  Zusatz  von  Stärke 
sehr  bedeutend  verlangsamt  wirkten“  . . 3).  Ferner :  „Dass 
die  Thermostabilität  der  organischen  Grundlage  diastatischer  Fermente 
nur  eine  partielle  und  relative  ist,  das  Erhitzen  von  Speichel  oder 
reinen  Fermentlösungen  bis  zum  Kochen  nur  schwache  Spuren  von 
Wirksamkeit  hinterlässt,  die  erst  nach  langem  Stehen  (unter  Toluol¬ 
schutz)  wieder  etwas  zu  nimmt  etc.“4).  Das  ist  seine  These 
und  seine  Antithese. 

Wenn  nun  das  ganze  Problem  der  „Autolyse“  der  Stärke,  dieses 
an  sich  wichtige  Fermentproblem,  neuerdings  für  Biedermann5) 
nur  noch  geringes  Interesse  geniesst,  so  kann  ich  nicht  umhin,  die 
Ursache  in  dem  mehrfach  gelieferten  Beweis  der  Nichtexistenz  der¬ 
selben  zu  suchen.  Sollte  ich  schliesslich  Biedermann  davon  nicht 
überzeugen  können,  so  ist  das  auch  nicht  meine  besondere  Absicht, 
sondern  ich  warte  mit  Zuversicht  das  entscheidende  Urteil  vom  un¬ 
befangenen  Fachkreise  ab. 


Ich  habe  nicht  die  Absicht,  mich  mit  Herrn  Dr.  R  o  t  h  1  i  n  in 
weitere  Erörterungen  über  die  von  mir  nachgewiesene  Stärkeautolyse 
einzulassen  und  werde  auch  meinerseits  das  Urteil  eines  Fachmannes 
abwarten,  der  unbefangen  meine  überaus  einfachen  Versuche  gena u 
nach  Vorschrift  nachgeprüft.  Biedermann. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Frankfurt  a.  M. 
(Direktor:  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Seitz.) 

Nochmals  die  Frage  der  Gasvergiftung  im  Röntgenzimmer. 

(Erwiderung  an  Herrn  Friedrich  Lönne.) 

Von  Dr.  med.  et  phil.  Heinrich  Guthmann,  Oberarzt 

der  Klinik. 

In  Nr.  47  der  Münch,  med.  Wochenschrift  teilt  Lönne  mit,  dass  er 
die  von  mir  zur  Bestimmung  des  Ozons  in  der  Röntgenluft  benützte 
Methode1)2),  die  sich  auf  die  E  r  1  w  e  i  n  -  W  e  y  1  sehe  Reaktion 
gründet,  nicht  für  geeignet  halte.  Lönne  bezweifelt  vor  allem  die 
Spezifität  der  Erlwein-Weyl sehen  Reaktion  und  findet  eine  Farb¬ 
bildung  der  alkalischen  Metaphenylen-Diaminlösung  auch  bei  Zusätzen 
von  Wasserstoffsuperoxyd  und  Natriumnitrit  Diese  Angabe  ist  sicher 
falsch.  Ich  kann  nur  auf  Grund  meiner  vielen  exakten  und  unvor¬ 
eingenommenen  Untersuchungen  immer  wieder  darauf  hinweisen,  dass 
die  Reaktion,  natürlich  in  bestimmten,  genau  festgestellten  Grenzen, 
spezifisch  ist,  vorausgesetzt,  dass  absolut  reine  Reagentien  be¬ 
nützt  werden,  was  bei  den  Beobachtungen  von  Lönne 
sicher  nicht  der  Fall  gewesen  ist,  sonst  hätte  er  diese  Re¬ 
aktionen  nicht  bekommen  können.  Die  gelbbraunrote  Farbe,  die  das 
alkalische  Metaphenylen-Diamin  bei  der  Reaktion  mit  Ozon  bildet,  ist 
ja  zwar  etwas  unstabil,  jedoch  gelingt  es  bei  entsprechender  Technik 
sehr  leicht  eine  Vergleichsfarblösung,  wie  von  mir  angegeben,  inner¬ 
halb  einer  Zeit  herzustellen,  bei  der  die  Veränderung  der  Farbe  des 
Reagens  unmessbar  klein  ist.  Durch  lange  Beobachtung  habe  ich  fest¬ 
stellen  können,  dass  die  Farblösung  in  2  Stunden  eine  nur  sehr  geringe 
Nuancenänderung  zeigt  und  habe  den  Zeitraum  von  einer  Viertel¬ 
stunde  nur  gewählt,  um  absolut  sicher  zu  gehen.  Die  Empfindlichkeit 
der  Reaktion  ist  eine  derartige,  dass  es  sehr  leicht  ist,  0,08  mg  Ozon  in 
der  Luft  nachzuweisen.  Als  Hauptargument  gegen  die  Methode  wendet 
Lönne  ein,  dass  man  zum  Durchleiten  der  1000  Liter  Luft,  wie  er 
schreibt,  eine  Zeit  brauche,  die  so  gross  sei,  dass  das  Reagens  sich 
in  seiner  Farbe  wieder  verändere.  Das  wäre  auch  der  Fall,  wenn  es 
nötig  wäre,  mit  soviel  Luft  zu  arbeiten.  Lönne  übersieht  aber,  dass 
man,  um  die  zur  Messung  ausreichende  Farbtönung  zu  erhalten,  höch¬ 
stens  100  Liter  Luft  durch  die  Reagenzlösung  leiten  muss,  und  dass 
dies  in  einer  Viertelstunde  möglich  ist,  muss  sogar  Lönne  zugeben. 
Lönne  gibt  weiter  an,  dass  die  gewöhnliche  Luft  ebenfalls  fast  die 
gleiche  Reaktion  gibt.  Wie  war  diese  Luft  gereinigt?  Im  weiteren  Ver¬ 
lauf  der  Mitteilung  kommt  Lönne  auch  zu  meiner  Meinung,  dass  die 
Kaliumiodidmethode  zum  Nachweis  der  äusserst  geringen  Menge  von 
Ozon  und  nitrosen  Gasen  nicht  geeignet  sei.  Nichtsdestoweniger  be¬ 
nützt  er  die  Methode,  wie  er  einige  Zeilen  weiter  unten  schreibt,  zu 
Messungen  und  kommt  mit  deren  Hilfe  zu  Werten,  die  so  gering  sind 
(0,2  mg  Ozon,  salpetrige  Säure  etc.  in  1  cbm  Luft),  dass  nach  diesem 
Ergebnis  von  einer  Vergiftungsmöglichkeit  überhaupt  nicht  gesprochen 
weiden  könnte.  Trotzdem  aber  glaubt  Lönne  daran,  dass  das  Ozon 

f)  Biedermann:  Fermentforschnng  1916,  Nr.  5,  S.  427. 

■')  Biedermann:  Fermentforschung  1916,  Nr.  5,  S.  423. 

4)  Biedermann:  M.m.W.  1921,  Nr.  44,  S.  1428. 

5)  Biedermann:  M.m.W.  1921,  Nr.  44,  S.  1428. 

4)  Sitzungsberichte  der  Phys.-med.  Sozietät  in  Erlangen  1918/19.  50 — 51. 

')  Strahlentherapie  12,  Heft  1. 


,  mit  an  der  „Gasvergiftung  im  Röntgenzimmer“  beteiligt  sei.  Ich 
betrachte  dies  als  eine  stillschweigende  Anerkennung  der  allein  und  zu¬ 
erst  von  mir  durch  genaue  quantitative  Messungen  gewonnenen  Zahlen. 
I  Die  Schlussbemerkung,  dass  sich  beim  Betrieb  von  Quecksilberdampf¬ 
lampen  Ozon  bildet,  ist  ja  auch  nichts  Neues,  und  ist  es  von  jeher 
üblich  gewesen,  in  solchen  Räumen  für  gute  Ventilation  zu  sorgen. 


Für  die  Praxis. 

Die  Behandlung  des  Ulcus  corneae  serpens. 

Von  Bruno  Fleischer,  Erlangen. 

Die  eitrigen  Hornhautentzündungen  sind  für  jeden  praktischen  Arzt, 
der  nicht  in  der  Lage  oder  gewillt  ist,  diese  Fälle  ohne  weiteres  dem 
Spezialisten  zuzuweisen,  eine  der  wichtigsten  Augenerkrankungen  — 
wegen  der  Zahl  dieser  Fälle  und  wegen  der  schweren  möglichen  Fol¬ 
gen,  die  eine  nicht  sachgemässe  Behandlung  nach  sich  ziehen  kann, 
einerseits  und  wegen  der  günstigen  Erfolge,  die  eine  frühzeitige  und 
sachgemässe  Behandlung  anderseits  erzielen  kann.  Aus  der  grossen 
Menge  der  verschiedenen  eitrigen  Hornhautentzündungen  greife  ich 
in  der  heutigen  Besprechung  das  Ulcus  corneae  serpens  heraus, 
wegen  der  besonders  grossen  Verantwortung,  die  der  behandelnde  Arzt 
übernimmt,  und  wegen  der  Fortschritte,  die  die  Diagnose  und  Therapie 
desselben  gemacht  hat. 

Die  Diagnose  des  Ulcus  serpens  lässt  sich  vielfach  aus  dem 
äusserlichen  klinischen  Befund  stellen.  Meist  handelt  es  sich  um  die 
Folge  leichter  oberflächlicher  Verletzungen,  die  eine  geringfügige  Schür¬ 
fung  der  Hornhaut  zur  Folge  haben,  vielfach  im  landwirtschaftlichen  Be¬ 
trieb,  so  infolge  von  Verletzungen  mit  Stengeln  von  Pflanzen,  Stroh, 
kleinen  Aestchen,  Steinchen  usw.  Der  Sitz  ist  sehr  häufig  nahe  dem 
Zentrum  der  Hornhaut.  Die  Patienten  kommen  meist  erst  einige  Tage 
nach  der  Verletzung  zum  Arzt,  wenn  die  durch  die  Verletzung  ent¬ 
standene  Erosion  nicht  glatt  verheilt  ist  und  Beschwerden,  vielfach 
stärkere  ausstrahlende  Schmerzen  auftreten,  infolge  der  durch  die  In¬ 
fektion  entstandenen  eitrigen  Entzündung.  In  diesem  ersten  Stadium 
ist  das  klinische  Bild  vielfach  noch  kein  charakteristisches  und  kann 
in  einer  geringfügigen'  weisslich-gelblichen  Infiltration  bestehen,  meist 
mit  bereits  vorhandener  starker  Injektion  des  Auges  und  nicht  selten, 
aber  nicht  immer,  mit  bereits  vorhandenem  kleinen  Hypopyon  und 
begleitender  Iritis*  Dieses  Stadium  gibt  für  die  Behand¬ 
lung  noch  günstige  Prognose  und  es  muss  jeder  derartige 
Fall  sofort  in  sachgemässe  Behandlung  genommen  werden;  gefährlich 
ist  blosses  Abwarten  und  nichtspezifische  Behandlung  nur  mit  Atropin 
und  Verband.  Die  Infektion  erfolgt  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
vom1  Tränensack  aus,  aus  einer  vorher  bereits  bestandenen 
Dakryozystitis  infolge  einer  Stenose  der  Tränenwege.  Es  muss  daher 
in  jedem  Fall  durch  Druck  mit  dem  Finger  auf  die  Tränensackgegend 
darauf  untersucht  werden;  die  Möglichkeit  des  Ausdrückens  von  patho¬ 
logischem  Inhalt  aus  dem  Tränensäcke,  eitriger,  eitrig-schleimiger, 
schleimiger,  schleimig-wässeriger  oder  wässeriger  Natur,  unter  Um¬ 
ständen  nur  in  geringer  Menge,  lässt  die  Diagnose  stellen.  Zweck¬ 
mässig  ist  auch  das  Durchspülen  des  Sackes  im  Fall  des  Fehlens  von 
pathologischem  Inhalt,  wodurch  unter  Umständen  noch  ein  durch 
Ausdrücken  nicht  festzustellender  pathologischer  Inhalt  erkannt  werden 
kann.  —  Die  Feststellung  einer  Dakryozystitis  indiziert  im  allgemeinen 
die  sofortige  Behandlung  derselben,  am  zweckmässigsten  durch  Ex¬ 
stirpation  des  Sackes,  um  die  Infektionsquelle  auszuschalten.  Es  wird 
daher  der  Kranke  in  diesem'  Fall  im  allgemeinen  dem  Spezialisten 
zu  überweisen  sein,  wenn  zwar  auch  zuweilen  eine  Heilung  der  Horn¬ 
hautentzündung  bei  bestehender  Dakryozystitis  zu  beobachten  ist.  Da  die 
Ueberweisung  der  Patienten  an  den  Spezialisten  aber  doch  mehr  oder 
weniger  lange  Zeit  in  Anspruch  nehmen  kann,  so  wird  trotzdem  sofort 
auch  das  Ulcus  zu  behandeln  sein. 

Für  die  Behandlung  ist  die  Art  des  Infektions¬ 
erregers  von  grösster  Wichtigkeit  und  der  Versuch  der 
Diagnose  desselben  unbedingt  zu  machen.  Dies  ist  im  allgemeinen 
leicht  möglich  durch  einen  Abstrich  von  dem  eitrigen  Ulcus 
auf  ein  Deckglas  oder  einen  Objektträger:  mit  kleinem  sterilen  Spatel 
(oder  Nadel),  wie  er  zum  Fremdkörperentfernen  auf  der  Hornhaut  be¬ 
nützt  wird,  nach  vorheriger  Einträufelung  von  Kokain  (2 — 4  proz.)  wird 
von  der  infiltrierten  Partie,  am  besten  mit  dem  Instrument  unter  dem 
Epithel1,  das  ja  meist  erodiert  ist,  hervorschabend,  eine  geringe  Menge 
des  erweichten  Gewebes  abgestrichen  und  auf  dem  Objektträger  ver¬ 
strichen;  dabei  Schonung  des  gesunden  Gewebes,  nach  Trocknung 
Fixieren  durch  zweimaliges  Durchstreichen  über  der  Flamme;  Färbung 
am  besten  mit  abgekürzter  Grammethode:  Herstellung  der  ver¬ 
dünnten  Färbeflüssigkeit  für  denjenigen,  der  nicht  häufig  zu  färben  hat, 
am  besten  selbst  unmittelbar  vor  dem  Färben,  da  die  verdünnte 
Lösung  nicht  längere  Zeit  hält;  aus  einer  konzentrierten  alkoholischen, 
vorrätig  zu  haltenden  Lösung  von  Gentianaviolett  oder  Methvlviolett 
ein  Teil  (Tropfen)  und  2lA  proz.  Karbolwasser.  9  Teile;  darauf  Färben 
25  Sekunden,  Abspülen  mit  Wasser;  zwecks  Beizung  Aufträufeln  von 
Jod-Jodkalilösung  1:2:300  und  Beizung  damit  15  Sekunden,  ohne 
Abspülen.  Entfärben  in  96  proz.  Alkohol,  bis  keine  Farbstoffwolken 
mehr  abgehen.  Nachfärben  mit  rotem  Farbstoff,  am  besten  Safranin, 
5  proz.  wässerige  Lösung;  Abspülen,  Trocknen,  Untersuchen  unter 
Immersion. 

Das  Ulcus  serpens  kann  durch  verschiedene  Erreger  hervorgerufen 
werden:  in  erster  Linie  durch  Pneumokokken,  dann  Diplo- 


90 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


b  a  z  i  1 1  e  n,  viel  seltener  durch  andere  Bakterien,  die  im  allgemeinen 
nicht  das  typische  Bild  machen  (Staphylokokken,  Streptokokken,  Bac. 
pyocyaneus,  Schimmelpilze).  Die  Diagnose  ist  aus  dem  Abstrich  daher 
im  allgemeinen  leicht  zu  stellen:  Pneumokokken  Gram-positiv,  paarig, 
häufig' mit  Kapsel,  lanzettförmig  mit  der  Spitze  aneinander  zugekehrt; 
Diplobazillen  paarig,  plumpe,  wurstförmige,  Gram-negative  Stäbchen. 

Die  bakterielle  Diagnose  ist  so  wichtig  wegen  der  verschiedenen 
Behandlung,  die  die  verschiedenen  Erreger  verlangen:  Wahrend  früher 
meist  bei  allen  Formen  kauterisiert  wurde,  hat  sich  neuerdings  die 
Behandlung  mit  chemischen  Mitteln  bewährt  und  ist  wirksam  ins¬ 
besondere  in  frühen  Stadien:  die  chemische  Behandlung  ist  viel  weniger 
eingreifend,  da  sie  kein  gesundes  Gewebe  zerstört,  was  bei  der  zen¬ 
tralen  Lage  der  Ulcera  besonders  wichtig  ist.  Optochmum  hydrochlor. 
ist  Spezifikum  für  Pneumokokken,  Zinc.  sulfuricum  für  Diplobazillen. 
Und  die  chemische  Behandlung  ist  deswegen  von  so  grosser  Wichtig¬ 
keit  für  den  Praktiker,  weil  sie  kein  besonderes  Rüstzeug  verlangt. 

Die  Optochinbehandlung  des  Pneumokokkengeschwüres 
hat  sich  mir  durchaus  bewährt,  was  ich  gegenüber  manchen  anderen 
Erfahrungen  hervorheben  möchte.  Wichtig  ist  allerdings  die  Art  der 
Behandlung:  Man  kann  von  dem  Mittel  nur  eine  Wirkung  erwarten, 
wenn  es  mit  den  Pneumokokken  unmittelbar  in  Berührung  kommt  und 
wenn  die  Lösung  frisch  und  genügend  konzentriert  ist  Daher  An¬ 
fertigung  der  Lösung  selbst  stets  vor  Gebrauch:  2  proz.  Losung  talso 
Vorrätighalten  von  abgewogenen  Mengen  [0,2  g  zu  10  ccm  Wasser], 
Lösung  erfolgt  leicht).  Mit  der  2  proz.  Lösung  kleines  mit  Watte  um¬ 
wickeltes  (Glas-)  Stäbchen  tränken  und  damit  das  Geschwür  nach 
Kokainisierung  2  Minuten  lang  (Uhr  in  der  Hand)  betupfen ;  zweck¬ 
mässig  ist  in  der  2.  Minute  eine  Art  Ausreiben  oder  Auswischen  des 
Geschwürs  mit  dem  Wattestäbchen,  um  auch  die  unter  dem  Epithe' 
gelegenen  Infiltrationen  zu  treffen;  die  Behandlung  verursacht  etwas 
Brennen,  aber  keine  erheblichen  Beschwerden.  Die  Betupfung  bewirkt 
leichte  weissliche  Verätzung  des  Geschwürs,  eventuell  des  benach¬ 
barten  Epithels.  Darnach  Verband.  Behandlung  der  Iritis  mit  geringen 
Mengen  Atropin  (1  proz.,  bis  die  Pupille  weit  wird).  Nachsehen  am 
selben  Tag  oder  am  nächsten  Morgen;  meist  quellen  der  Geschwürsgrund 
und  die  Ränder  etwas  auf,  was  den  Eindruck  einer  stärkeren  Infiltiation 
machen  kann.  Bei  günstiger  Wirkung  dieser  einmaligen  Behandlung 
keine  weitere  Progression.  Zweckmäsig  ist  am  nächsten  Tag  Ein¬ 
streichen  von  1  proz.  Optochinsalbe,  um  Neuinfektion  zu  verhüten. 
Heilung  in  beginnenden  Fällen  auf  diese  Weise  meist  in  wenigen 
Tagen  unter  Zurückbleiben  einer  kleinen  oberflächlichen  Narbe;  Nach¬ 
behandlung  mit  gelber  Augensalbe  u.  a.  Schreitet  das  Geschwür  fort, 
eventuelle  nochmalige  Betupfung  am  folgenden  oder  übernächsten 
Tage.  Tritt  kein  Stillstand  ein,  sofortige  Ueberweisung  an  den  Spe¬ 
zialisten.  Tägliche,  womöglich  2  mal  tägliche  Nachschau,  ist  dringend 

erforderlich!  ,  ,  ,  . 

Diese  Behandlung  gibt  gute  Erfolge  auch  noch  dann,  wenn  das 
Geschwür  schon  das  charakteristische  Bild  bietet:  progressiver  wall¬ 
artiger  Rand  meist  nach  einer  Richtung  hin,  grösseres  Hypopyon  — 
wenn  es  nur  noch  oberflächlich  und  für  das  Mittel  zugänglich  ist.  Es 
wird  also  auch  dann  noch  vom  praktischen  Arzt  in  Behandlung  ge¬ 
nommen  werden  können,  bzw.  vorbehandelt  werden  können. 

Viel  schwieriger  liegen  die  Verhältnisse,  wenn  die  Infiltration 
schon  nach  der  Tiefe  fortgeschritten  ist  —  was  leider  vielfach  der  Fall 
ist,  da  die  Leute  zu  spät  zum  Arzt  gehen  —  oder  nicht  zeitig  sach- 
gemäss  behandelt  wird.  Man  kann  zwar  auch  in  diesen  Fällen  noch 
recht  gute  Wirkung  von  energischer  Optochinbehandlung  sehen,  aber 
sie  ist  unsicher  und  die  Nachbehandlung  auch  bei  günstiger  Wirkung 
schwieriger  und  langwierig,  wegen  der  Folgen  der  schwereren  Iritis, 
des  Hypopyöns,  der  eventuellen  Perforation  —  auch  bei  guter  Wirkung 
des  Mittels  — ,  des  Sekundärglaukoms.  Es  wird  also  in  solchen  Fallen 
rascheste  Ueberweisung  an  den  Spezialisten  unbedingt  indiziert  sein. 

Ergibt  die  bakteriologische  Untersuchung  Diplobazillen,  so 
ist  Behandlung  mit  Zincum  sulfuricum  angezeigt  und  ergibt  — 
auch  in  fortgeschritteneren  Fällen  —  noch  gute  Erfolge  und  zwar  m 
Form  von  Bädern  (mit  „Augenbadewanne“)  oder  mit  häufigen  Emtraut- 
lungen  von  XA  proz.  Lösung:  1 — 2  stündlich  einen  Tropfen:  darauf  meist 
Rückgang  der  Infiltration,  Verlieren  des  eitrigen  Charakters  derselben 
in  2—3  Tagen,  langsamer  Uebergang  in  Vernarbung.  Unterstützung 
der  Tropf enbehandlung  mit  Einstreichen  von  Zinc.  sulf.-Salbe  (/*  bis 
1  proz.)  nachts  und  Nachbehandlung  mit  dieser  Salbe. 

Bei  Mischinfektion  von  Pneumokokken  und  Diplobazillen,  oder  bei 
negativem  Ausstrich  kombinierte  Behandlung  mit  Optochmbetupfung 
und  Zinkeinträufelung.  Doch  sind  letztere  Fälle,  da  die  ätiologische 
Diagnose  nicht  sicher  ist,  bei  geringster  Progression  besser  m  spe- 
zialistische  Behandlung  zu  übergeben. 

Dasselbe  ist  bei  andersartigem  Befund  —  da  hier  spezifische  che¬ 
mische' Behandlung  nicht  möglich  ist  — ,  insbesondere  bei  bösartigem 
Charakter  der  Infektion,  starker  Injektion,  Iritis  und  Hypoyon,  indiziert. 

Wie  aus  dem  Gesagten  hervorgeht,  rede  ich  der  chemischen  Be¬ 
handlung  in  Anfangsstadien  das  Wort  —  insbesondere,  da  diese  Be¬ 
handlung  sofort  und  ohne  Instrumentarium  von  jedem  praktischen  Arzt 
ausgeführt  und  gute  Erfolge  haben  kann,  was  bei  den  schweren  Opfern, 
die  das  Ulcus  serpens  auch  heute  noch  fordert,  von  grossem  Nutzen 
sein  könnte.  Denn  viele  Augen  gehen  dadurch  zugrunde,  dass  mit  dei 
Behandlung  in  Anfangsstadien'  gezögert  wird,  in  denen  allein  ein  fast 
sicherer  Erfolg  ohne  wesentliche  Beeinträchtigung  der  Funktion  des 
Auges  möglich  ist.  In  solchen  Anfangsstadien  führen  freilich  auch  andere 
Verfahren  zum  Ziel,  so  der  Wessely  sehe  Dam  p  f  k  a  u  t  e  r  (durch 
strömenden  Dampf  erhitzte  Metallspitze),  der  keine  Zerstörung  gesun¬ 


den  Gewebes  zur  Folge  hat,  oder  die  Iontophorese  (Einleitung 
von  Metallionen  ins  Gewebe  durch  schwachen  galvanischen  ^trom). 
Letztere  Therapie  leistet  auch  bei  versagender  chemischer  Behandlung 
noch  manchmal  Gutes  und  sie  ist  noch  in  weitem  Masse  ausbaufähig. 
Auch  wird  in  beginnenden  Fällen  eine  kleine  Galvanokausis  den 
Herd  leicht  beseitigen  können,  aber  sie  zerstört  Gesundes  und  macht 
intensivere  Narben.  Diese  Behandlungsmethoden  verlangen  aber  be¬ 
sonderes  Instrumentarium,  das  nicht  sofort  und  überall  zur  Hand  ist 
und  daher  meist  dem  Spezialisten  zu  überlassen  sein  _  werden,  wie 
schliesslich  die  schweren  Fälle,  wo  vielleicht  noch  chirurgische  Be¬ 
handlung,  Spaltung  des  Geschwürs  nach  Saemisch  c.cn 
Prozess  zum  Stillstand'  bringen  kann  oder  wo  Behandlung  des 
Sekundärglaukoms  durch  entsprechende  Massnahmen  noch 
manche  Augen  retten  kann  oder  wo  Konjunktivaiplastik  nach 
K  u  h  n  t  gelegentlich  noch  Rettung  bringt.  , 

Wesentlich,  von  allergrösster  Bedeutung  ist  die  sofortige  Behand¬ 
lung  der  ersten  Stadien  des  Geschwürs  und  da  könnte  der  praktische 
Arzt  viel  Segensreiches  stiften.  Schliesslich  ist  aber  noch  die  vor- 

b  e  u  g  e  n  d  e  B  e  h  a  n  d 1 u  n  g  d  e  r  T  r  ä  n  e  n  k  a  n  a 1  -  u  n  d  Tränen¬ 
sackerkrankungen  zu  erwähnen;  jede  Dakryozystitis  soll  spe- 
zialistisch  behandelt  werden;  die  chirurgische  Behandhing  der  Tranen- 
sackentzündung  radikal  durch  die  Exstirpation  des  Sackes,  unter 
Erhaltung  der  Tränenabfuhr  durch  die  Schaffung  eines  neuen  Weges 
in  die  Nase  mit  vollständiger  oder  partieller  Resektion  der  nasalen 
Tränensackwand,  der  knöchernen  Wand,  der  Fossa  lacrimalis  und  der 
Nasenschleimhau,  (von  aussen  oder  ev.  von  der  Nase  aus)  bringt  m 
allgemeinen  die  pathologischen  Keime  (Pneumokokken  zum  Verschwin¬ 
den,  die  sonst  in  den  allermeisten  Fällen  die  Ursache  der  Homnaut- 
infektion  werden! 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Handbuch  der  vergleichenden  Physiologie,  unter  Mitarbeit  zahl¬ 
reicher  Fachgelehrten  herausgegeben  von  Hans  W  i  n  t  e  r  s  t  e  i  n.  Jena, 
Gustav  Fischer.  Lieferung  48—51,  je  M.  15.—. 

Dieses  für  alle  naturwissenschaftlichen  Kreise  wichtige  Handbuch, 
das  schon  bei  Ausbruch  des  Krieges  seiner  Vollendung  nahe  war.  hat 
mit  den  vorgenannten  4  Lieferungen  sein  Erscheinen  wieder  aui- 
genommen  und  soll  nunmehr  rasch  zu  Ende  geführt  werden 

Lieferung  48  und  Bogen  1—3  der  Lieferung  50  bringen  mit  Seite  919 
bis  1052  die  2.  Hälfte  des  I.  Bandes  zum  Abschluss  und  enthalten  die 
Atmung  der  Vögel  (Schluss)  und  der  Säugetiere,  bearbeitet  von 
F  B  ab  äk.  Gegenüber  der  ausschliesslich  auf  den  Menschen  und  einige 
wenige  Säugetiere  zugeschnittenen  Darstellung  der  Atmung  in  den  ge¬ 
bräuchlichen  Lehr-  und  Handbüchern  der  Physiologie  ist  die  hier  ge- 
gebene  Einführung  in  die  Mannigfaltigkeit  der  den  besonderen  Lebens¬ 
bedingungen  angepassten,  aber  überall  der  gleichen  Aufgabe  dienenden 

Einrichtungen  hCchst  bemerkenswert. 

Lieferung  49  und  Bogen  3—6  der  Lieferung  50  fuhren  mit  Seite  641 
bis  784  die  2.  Hälfte  des  II.  Bandes  weiter  und  enthalten  die  Exkretion 
der  Crustaceen  (Schluss)  von  B  u  r  i  a  n  und  M  u  t  h,  der  Tracheaten  von 
Ehrenberg,  der  Wirbeltiere  (anatomisch-histologischer  Teil)  von 
Noll.  Die  durch  zahlreiche  Abbildungen  erläuterte  Darstellung  legt 
bei  den  niederen  Tieren,  dem  gegenwärtigen  Stand  der  Kenntnisse  ent¬ 
sprechend,  das  'Schwergewicht  auf  die  morphologischen  Verhältnisse, 
mit  dem  Uebergang  zu  den  höheren  Formen  gewinnen  aber  auch  die 
funktionellen  und  chemischen  Vorgänge  mehr  und  mehr  an  Bedeutung. 

Lieferung  51  eröffnet  mit  Seite  461 — 556  die  zu  den  Aufgaben  der 
1  Hälfte  des  I.  Bandes  gehörige  Darstellung  der  zirkulierenden  Körper¬ 
säfte  durch  Bottazzi,  die  bis  zu  den  Würmern  fortschreitet.  Bei 
der  Vertrautheit  dieses  wie  der  vorgenannten  Darsteller  mit  den  von 
ihnen  übernommenen  Gebieten  gewinnen  die  ausführlichen  Literatur- 
nnniiurfiiep  k p p r Wert  M.  v.  Frey-  Wtirzburg. 


Handbuch  der  inneren  Medizin.  Herausgegeben  von  L.  Mohr  (t) 
und  R.  Stähelin.  Springers  Verlag  1919.  VI.  Band  Grenz¬ 
gebiete,  Vergiftungen,  Generalregister.  Weiss  broschiert  56  M., 

geb.  80  M.  ,  . 

Mit  dem  VI.  Band  ist  der  Abschluss  des  gross  angelegten  Werkes 
erschienen.  Der  eine  der  Herausgeber,  der  erfolgreiche  Forscher  und 
Arzt  L.  Mohr,  hat  das  Erscheinen  des  von  ihm  gegründeten  Werkes 
nicht  mehr  erlebt.  Auf  der  Rückkehr  aus  dem  Felde  ist  er  einer  heim¬ 
tückischen  Krankheit  erlegen.  Auch  mancher  der  Mitarbeiter  des  VI. 
und  der  früheren  Bände  ist  nicht  mehr,  und  wehmutsvoll  gedenken  wir 
beim  Durchblättern  des  vorliegenden  Werkes  der  herben  Verluste  die 
die  deutsche  medizinische  Wissenschaft  in  den  letzten  Jahren  erfahren 
hat  Die  Arbeit  dieser  Männer  aber  bleibt  in  der  Geschichte  der 
inneren  Medizin  ein  Markstein.  Würdig  reiht  sie  sich  an  die  grossen 
älteren  Werke,  so  an  das  klassische,  aber  in  den  meisten  Banden 
heute  veraltete  Nothnagel  sehe  Handbuch  an.  . 

Der  VI.  Band  ist  eine  Ergänzung  der  vorangehenden;  in  seiner 
Zusammenstellung  ein  Novum  überhaupt,  das  besonders  dankbai  auf¬ 
genommen  wird. '  Eingeleitet  wird  der  Band  durch  grosszügig  ergebnis¬ 
artig  abgefasste  Artikel  über  chirurgische  Eingriffe  bei  inneren  Krank¬ 
heiten.  Der  Baseler  Chirurge  Hotz  hat  eine  _  ausserordentlich  wert¬ 
volle  Zusammenfassung  der  chirurgischen  Eingriffe  bei  Erkrankung  der 
Thoraxorgane,  W.  K  o  t  z  e  n  b  e  r  g  -  Hamburg  die  chirurgischen  Ein¬ 
griffe  bei  Erkrankungen  der  Abdominalorgane  und  bei  solchen  der 
Drüsen  mit  innerer  Sekretion,  sowie  bei  Nervenkrankheiten  verfasst.. 


20.  Januar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


91 


In  allen  diesen  Aufsätzen,  aus  denen  die  grosse  eigene  Erfahrung 
spricht,  ist  auf  engem  Raum  das  zusammengestellt,  was  den  prak¬ 
tischen  Arzt  interessieren  muss.  Jede  Abschweifung  und  alles  zu 
Detaillierte  ist  mit  Recht  vermieden.  Man  erlebt  beim  Durchlesen  die 
grossen  Wandlungen1,  die  die  Beziehungen  der  inneren  Medizin  zur 
Chirurgie  durchgemacht  haben  und  lernt  fast  auf  jeder  Seite. 

Ein  Aehnliches  gilt  von  dem  Gebiet,  das  K  r  ö  n  i  g,  Schneider, 
Pankow,  Schlimpert  und  B  u  m  c  k  e  bearbeitet  haben.  Das  so 
überaus  wichtige  und  interessante  Kapitel  der  Beziehung  der  weib¬ 
lichen  Sexualorgane  zu  den  Erkrankungen  der  übrigen  Organe  be¬ 
handelt  viele  Einzelfragen,  die  täglich  an  den  Arzt  herantreten.  Es 
gibt  kaum  eine  Frage,  über  die  man  sich  hier  nicht  gern  und  mit 
Erfolg  Rat  holt.  Die  Krankheiten  des  Ohres  in  ihrem  Zusammenhang 
mit  internen  Leiden  sind  von  Wittmarck,  die  des  Auges  von 
Bach  und  Knapp  bearbeitet.  Die  recht  grossen  und  tiefgehenden 
Darstellungen  sind  eine  Fundgrube  für  jeden  praktisch  oder  wissen¬ 
schaftlich  arbeitenden  Arzt.  Es  finden  sich  hier  auch  Hinweise  der 
sonst  nicht  leicht  zugänglichen  Spezialuntersuchungen,  so  dass  die 
Bibliothek  des  Nichtspezialisten  schon  allein  durch  diese  Kapitel  auf 
das  wertvollste  ergänzt  wird.  In  dem  VI.  Band  sind  weiterhin  die 
Vergiftungen  von  C 1  o  e  t  ta  -  Zürich,  Faust-  Würzburg,  Hübener- 
Berlin,  Zangger  - Zürich  dargestellt.  Eingeleitet  werden  diese  Kapi¬ 
tel  durch  eine  allgemeine.  Uebersicht  von  Zangger,  die  entsprechend 
der  überragenden  Bedeutung  dieses  universellen  Forschers  mehr  bietet, 
als  der  Titel  sagt.  Aus  derselben  Feder  stammt  die  Bearbeitung  der 
anorganischen  und  organischen  Gifte,  die  sich  in  vorteilhafter  Weise 
von  den  älteren  Darstellungen  durch  die  moderne  Erfassung  des  chemi¬ 
schen  Problems  unterscheidet.  Die  Alkaloide  und  andere  Pflanzen¬ 
stoffe  sind  von  Cloetta,  die  Vergiftung  durch  tierische  Gifte  von 
Faust  in  übersichtlicher  und  umfassender  Weise  dargestellt.  Be¬ 
sonders  wichtig  ist  das  für  den  Praktiker  so  bedeutsame  Kapitel  der 
Nahrungsmittelvergiftungen,  das  in  Hüben  er  einen  berufenen  Be¬ 
arbeiter  gefunden  hat. 

In  allen  Abschnitten  finden  sich  ausführliche  Literaturzusammen¬ 
fassungen,  aus  denen  der  wissenschaftlich  arbeitende  Leser  sich  rasch 
über  die  einschlägigen  Arbeiten  orientiert.  So  reiht  sich  auch  dieser 
Schlussband  würdig  an  die  vorangehenden  an.  Er  ist  ein  weiterer 
Beweis  für  den  hohen  Stand,  auf  dem  allen  Verkleinerern  zum  Trotz 
die  deutsche  Wissenschaft  steht.  Möge  das  Werk,  dessen  buchhänd¬ 
lerischer  Erfolg  für  seine  Schätzung  spricht,  recht  bald  neue  Auf¬ 
lagen  erleben,  nachdem  die  früheren  Bände  zum  Teil  schon  vergriffen 
und  kaum  mehr  beim  Antiquar  aufzufinden  sind. 

Erich  Meyer-  Göttingen. 

W.  v.  G  a  z  a  -  Göttingen:  Grundriss  der  Wundversorgung  und 

Wundbehandlung.  Berlin,  S  p  r  i  n  g  e  r,  1921.  Preis  M.  61.60 

Ein  inhaltsreiches  Buch,  das  man  jedem  chirurgisch  tätigen  Arzte 
und  somit  jedem  Praktiker  dringend  empfehlen  möchte.  Verfasser  hat 
ganz  recht,  wenn  er  im  Vorwort  schreibt,  dass  in  der  Praxis  die  Grund¬ 
sätze  der  ersten  Wundversorgung  und  Wundbehandlung  nicht  genügend 
bekannt  sind.  Um  diese  Kenntnisse  sich  zu  erwerben,  muss  man  sich 
zunächst  einen  guten  Einblick  in  die  feineren  Vorgänge  bei  den  Ver¬ 
letzungen  und  bei  der  Wundheilung  verschaffen.  Verf.  bringt  darum  im 
ersten  Teil  seines  Buches  eine  sehr  klar  geschriebene  Darstellung  der 
Wundheilung  und  Wundinfektion,  in  welcher  auf  die  Stoffwechselvor¬ 
gänge  der  Wunde  und  auf  die  verschiedenen  Stadien  des  Heilungsver¬ 
laufes  besondere  Rücksicht  genommen  ist.  Nach  diesem  ersten  theo¬ 
retischen  Abschnitt  werden  in  den  weiteren  mehr  praktischen  Teilen 
zunächst  die  allgemeinen  Grundsätze  der  Wundversorgung  und  Wund¬ 
behandlung  entwickelt:  Umschneidung  der  Wunden,  Sorge  für  Sekret¬ 
abfluss,  Ruhigstellung  und  Lagerung,  orthopädische  Wundnachbehand¬ 
lung.  Nach  sehr  bedeutungsvollen  Bemerkungen  über  die  Asepsis  des 
Arztes  folgen  dann  die  Vorschriften  über  die  Behandlung  der  Zufalls- 
wunden  und  der  infizierten  Wunden.  Daran  schliessen  sich  Regeln  für 
die  Behandlung  der  geschlossenen  Infektionsherde  (Panaritium,  Furunkel, 
Abszesse,  Phlegmone),  die  Behandlung  der  tuberkulösen  Eiterung,  die 
Behandlung  des  Milzbrandes,  des  Rotzes,  der  Maul-  und  Klauenseuche, 
des  Ulcus  cruris,  des  Brandes  und  der  Infektion  bei  Diabetes.  Im  letzten 
Abschnitt  werden  die  einzelnen  Wundmittel  (Verbandstoffe,  Wund¬ 
pulver,  Antiseptika,  Oele,  Salben,  Pasten,  Wundplomben)  besprochen. 
Besondere  Kapitel  sind  der  Blutstillung,  dem  feuchten  Verband,  der 
Protoplasmaaktivierung,  der  Wundverklebung,  der  Hyperämiebehand¬ 
lung  gewidmet. 

Diese  kurze  Uebersicht  möge  dem  Leser  zeigen,  wie  ausserordent¬ 
lich  wichtig  und  mannigfaltig  der  Inhalt  des  G.schen  Buches  ist.  Man 
kann  keine  Seite  des  Werkes  aufschlagen  ohne  eine  für  die  Praxis  be¬ 
deutungsvolle  Anregung  über  Dinge  anzutreffen,  denen  man  sonst  in 
der  chirurgischen  Literatur  nicht  oder  wenigstens  nicht  in  dieser  voll¬ 
kommenen  Zusammenstellung  begegnet.  Gut  gewählte  Beispiele  sind 
überall  in  den  Text  eingestreut  und  erläutern  namentlich  die  Vor¬ 
schriften  für  die  Behandlung  der  frischen  Wunden.  Wer  das  G.sche 
Buch  immer  und  immer  wieder  mit  Eifer  und  Andacht  liest,  wird  davon 
für  sich  und  seine  Kranken  hohen  Gewinn  davontragen.  K  r  e  c  k  e. 

Verhandlungen  der  zweiten  Tagung  über  Verdauungs-  und  Stoff¬ 
wechselkrankheiten,  24. — 26.  IX.  1920.  Im  Aufträge  des  Vorstandes 
herausgegeben  von  dem  Schriftführer  der  Tagung.  Berlin  1921.  Verlag 
von  S.  Karger.  210  S.  Preis  28  M. 

Trotzdem  die  zweite  Tagung  über  Verdauungs-  und  Stoffwechsel¬ 
krankheiten  schon  über  Jahresfrist  hinter  uns  liegt  und  zufolge  der 
Verhältnisse  die  Verhandlungen  erst  vor  kurzem  der  Oeffentlichkeit 


übergeben  werden  konnten,  stehen  die  im  September  1920  behandelten 
Themata  auch  heute  noch  im  Brennpunkt  unseres  Interesses  und  zwar 
nicht  nur  des  engeren  Fachkollegen,  sondern  jedes  wissenschaftlichen 
Arztes  überhaupt.  Allen  voran  die  drei  Reierate  von  Suttner- 
Berlin,  S  c  h  m  i  e  d  e  n  -  Frankfurt  a.  M„  Schwarz- Wien  über  das 
Ulcus  duodeni,  seine  chirurgische  Behandlung,  sowie  seine  röntgeno¬ 
logischen  Symptome,  bieten  besonders  auch  durch  die  ausgiebige  Dis¬ 
kussion  und  die  dadurch  bedingte  Beleuchtung  der  Materie  von  den  ver¬ 
schiedensten  Seiten  soviel  des  Wissenswerten  und  Neuen,  dass 
schon  allein  um  deswillen  den  Verhandlungen  weiteste  Verbreitung  zu 
wünschen  wäre.  Weitere  nicht  minder  aktuelle  Referate  befassen  sich 
mit  der  Frage  des  Diabetes  im  Krieg,  Prof.  R  i  ch  t  e  r- Berlin,  der 
diagnostischen  Bedeutung  der  Lehre  von  der  inneren  Sekretion  iur 
die  Klinik  der  Verdauungs-  und  Stoffwechselkrankheiten,  B  i  e  d  1  -  Prag, 
sowie  schliesslich  der  Folgezustände  der  Ruhr  vom  diagnostischen  und 
therapeutischen  Standpunkt,  Strauss  -  Berlin.  Zusammenfassend 
lässt  sich  wohl  sagen,  dass  vorliegende  Verhandlungen  eine  Fülle  von 
Anregung  und  Belehrung  jedem  zu  bieten  vermögen,  der  nicht  nur 
gewohnt  ist,  oberflächlich  in  solchen  Tagungsberichten  zu  blättern. 

A.  Jordan  -  München. 

W.  A.  Collier:  Einführung  in  die  Variationsstatistik.  72  S.  Ber¬ 
lin  1921.  Springer.  33  M. 

Mehr  ein  Kompendium  als  eine  „Einführung“.  Leider  sind  die 
Methoden  Fechners,  die  m.  E.  nicht  weniger  gut  begründet  als  die 
Pearsons,  dabei  abei  erheblich  einfacher  sind,  nicht  berücksichtigt. 
Aus  der  Besprechung  der  „Zuverlässigkeitsbestimmungen“  wird  der 
Anfänger  kaum  entnehmen,  dass  es  sich  dabei  um  Berechnungen  des 
mittleren  Fehlers  der  kleinen  Zahl  handelt.  An  mehreren  Stellen  ist 
die  Ausdrucksweise  nicht  glücklich,  an  einzelnen  scheint  es  sich  um 
Missverständnisse  des  Verf.  zu  handeln.  L  e  n  z  -  München. 

F.  D  e  1  i  t  a  1  a:  GH  apparecchi  ortopedici.  Con  248  Illustrazioni. 
Bologna  (Cap p  eil i)  1921. 

Das  Buch  bringt  eine  kurze  Beschreibung  der  üblichen  orthopädi¬ 
schen  Apparate.  Leider  haben  die  vielen,  in  Deutschland  während  des 
Krieges  entstandenen  Neukonstruktionen  noch  keine  Berücksichtigung 
finden  können.  F.  Lange-  München. 

R.  Fürstenau,  M.  Immelmann  und  J.  S  c  h  ü  t  z  e  -  Berlin: 
Leitfaden  des  Röntgenverfahrens  für  das  röntgenologische  Hilfspersonal. 

4.  vermehrte  und  verbesserte  Auflage.  1921,  Verlag  Enke,  Stuttgart. 
Preis  geh.  102  M. 

Das  vor  7  Jahren  erstmals  erschienene  Buch  hat  sich  in  seinen 
rasch  folgenden  Auflagen  den  Fortschritten  der  Technik  immer  ange¬ 
passt;  es  bildet  einen  vollständigen  Lehrgang  für  Röntgenlaboranten, 
ist  das  einzige  in  seiner  Art  und  erfüllt  seinen  Zweck  ausgezeichnet. 
Es  vermittelt  physikalische,  technische,  anatomische,  photographische 
Kenntnisse  und  gibt  praktische  Anleitung  für  diagnostische  und  thera¬ 
peutische  Arbeiten,  ohne  den  Lernenden  zu  verleiten,  in  das  dem  Arzt 
vorbehaltene  Gebiet  hineinzudringen.  G. 

Schridde  und  Nägeli:  Die  hämatologische  Technik.  Zweite 

umgearbeitete  Auflage.  Jena,  Gustav  Fischer,  1921.  Preis  28.60  M. 

Die  zweite  Auflage  des  bewährten  Buches  sei  hier  kurz  empfohlen. 
Das  Gebiet  der  physikalisch-chemis'chen  Methoden  ist  beträchtlich  er¬ 
weitert  worden.  Praktisch  weniger  wichtige  Färbemethoden  des  Blut¬ 
ausstrichs  sind  nicht  mehr  berücksichtigt,  da  die  panoptische  May- 
Giemsafärbung  alle  anderen  überflügelt  hat.  Kämmerer  -  München. 

Dr.  Carl  Hochsinger:  Gesundheitspflege  des  Kindes  im  Eltern¬ 
hause.  5.  Auflage.  Franz  Deu  ticke,  Leipzig  und  Wien,  1921. 
270  Seiten.  Preis  broschiert  32  M. 

Auch  in  der  neuen,  vermehrten  und  verbesserten  Auflage  bewährt 
sich  das  bekannte  Buch  als  umsichtiger  und  höchst  bestimmter,  das  will 
sagen,  manchmal  reichlich  subjektiver  Ratgeber  in  allen  Fragen  der 
häuslichen  Hygiene  des  Kindes.  G  ö  1 1. 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Zeitschrift  für  physikalische  und  diätetische  Therapie  einschliesslich 
Balneologie  und  Klimatologie.  1921.  H.  11. 

August  Bier  zum  60.  Geburtstag  gewidmet. 

Kirchberg:  Zu  August  Biers  60.  Geburtstag. 

A.  M  a  1 1  w  i  t  z:  Die  Leibesübungen  als  Lehr-  und  Forschungsfach. 

Jede  wissenschaftliche  Hochschule  in  Deutschland  muss  sich  in  den 
nächsten  Jahren  um  eine  den  örtlichen  Verhältnissen  angepasste  Lösung 
dieser  Frage,  um  Einrichtung  gymnastischer  Abteilungen,  Vorlesungen  über 
Leibesübungen  etc.  bemühen,  wie  es  in  Berlin,  München,  Giessen,  Leipzig 
schon  begonnen  ist.  Der  praktische  Arzt  steht  diesen  Fragen  meist  noch 
hilflos  gegenüber,  ein  Zeichen  dafür,  wie  notwendig  die  praktische  und 
theoretische  Ausbildung  auf  diesem  Gebiet  während  der  Studienzeit  ist. 

A.  Zimmer:  Zur  Bäderreaktion. 

Verf.  zieht  eine  Parallele  zwischen  der  Wirkung  der  Bäder,  wie  sie  be¬ 
sonders  Schober  für  Wildbad  beschrieb  und  der  Reizkörpertherapie,  aus¬ 
führlich  auf  die  Allgemein-  und  Nebenwirkungen  der  letzteren  eingehend, 
wobei  er  auch  die  Reaktionen  nach  Röntgen-  und  Radiumbestrahlung  mit  zum 
Vergleich  heranzieht.  Die  Reizkörpertherapie  hat  ein  weiteres  Anwendungs¬ 
gebiet  und  ist  leichter  dosierbar,  macht  aber  die  Bäderbehandlung  nicht  über¬ 
flüssig,  da  man  nacheinander  mit  beiden  Methoden  oft  mehr  erreicht  und  durch 
die  Reizkörpertherapie  wertvolle  Anhaltspunkte  für  die  Reaktionsfähigkeit 
der  Kranken  gewinnt,  so  dass  man  die  Bäder  besser  dosieren  kann. 


02 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 1 


K  oh  1  r  a  u  s  c  h  -  Berlin:  Auffällige  Beherrschung  willkürlicher  und  Be-  ' 

einflussung  unwillkürlicher  Muskulatur.  „  .  ... 

Beschreibung  eines  in  Kliniken  viel  gezeigten  „Muskelmannes  ,  der  will¬ 
kürlich  verschiedene  Extremitätenmuskeln.  Rumpfmuskeln,  die  Unke  Zwerch¬ 
fellhälfte  kontrahieren  kann,  einseitige  PupiLlenveränderung  durch  geringe 
Kon-  oder  Divergenzbewegungen  hervorruft,  auch  Temperaturdifferenzen  der 
Haut,  Aussetzen  des  Pulses  über  5  Sekunden. 


Goldscheider:  Heilgymnastischer  Unterricht  für  körperlich  minder¬ 
wertige  Schulkinder.  ,  , 

Ebenso  wie  besonderen  Unterricht  für  Minderbegabte  brauchen  wir  1  urn- 
unterricht  für  körperlich  Minderwertige.  Vorschläge  zur  Organisation. 


L.  Jacob-  Bremen. 


Archiv  für  Iflinische  Chirurgie.  Band  117.  1.  Heft. 

Guleke:  Objektives  und  Subjektives  im  Krankheitsbild  der  Arthritis 

deformans^m  Besteher)  von  iauten  Gelenkgeräuschen  bei  Bewegungen  darf 
nicht  ohne  weiteres  auf  Arthritis  deformans  geschlossen  werden.  Auch  beim 
Gelenkrheumatismus  kommen  derartige  Geräusche  in  gleicher  Intensität  vor. 
Sie  entstehen  durch  Verschiebung  der  zottig  gewucherten  Synovialis,  die  bei 
beiden  Erkrankungen  vorkommt.  Trotz  dem  Fehlen  von  Gelenkgerauschen 
kann  eine  Arthritis  deformans  vorhanden  sein.  Die  subjektiven  Beschwerden 
zeigen  oft  grosse  Abweichungen  vom  objektiven  Befunde. 

ü  1  u  c  k:  Ueber  Osteoplastik.  „  „  ......  ia 

Vorgetragen  auf  dem  Chirurgenkongress  1921.  In  dieser  Zeitschrift  Nr.  1» 

bereits  referiert. 

Frangenheim:  Angeborene  Ostitis  fibrosa  als  Ursache  einer  intra¬ 
uterinen  Unterschenkelfraktur.  ..  ,  ...  1S 

Vorgetragen  auf  dem  Chirurgenkongress  1921.  In  dieser  Zeitschrift  Nr.  ls 

bereits  referiert. 

Brüning:  Die  Bedeutung  des  Neuroms  am  zentralen  Nervenende  für 
die  Entstehung  und  Heilung  trophischer  Gewebsschäden  nach  Nerven¬ 
verletzung.  ,  ,  .  ,  ,■ 

Narbendruck  und  Neurombildung  am  zentralen  Nervenende  sind  die 
hauptsächlichsten  Ursachen  für  trophische  Gewebsschädigungen  nach  Nerven¬ 
verletzungen.  Zur  Beseitigung  des  Reizzustandes  wird  die  Neurolyse  resp. 
Resektion  des  Neuroms  und  Nervennaht  empfohlen.  Bei  neuerlicher  Neurom¬ 
bildung  Entfernung  desselben  und  Versorgung,  des  Nervenstumpfes  _  in  der 
bei  Amputationen  üblichen  Weise.  Versagen  diese  Verfahren,  ist  die  peri- 
arterielle  Symathektomie  nach  L  e  r  i  c  h  e  und  erst  nach  erfolgloser  Er¬ 
schöpfung  aller  dieser  Massnahmen  die  Amputation  indiziert. 

Habe  rer:  Die  Bedeutung  des  Pylorus  für  das  Zustandekommen  des 


postoperativen  Jejunalulcus. 

Vorgetragen  auf  dem  Chirurgenkongress  1921. 
bereits  referiert. 


In  dieser  Zeitschrift  Nr.  17 


Kelling:  Ueber  die  Beziehungen  zwischen  Pylorusausschaltung  und 
peptischem  Jejunalgeschwür  und  über  die  Berücksichtigung  der  Gefäss- 
versorgung  bei  Magenoperationen.  . 

Individualisierendes  Verfahren  empfiehlt  sich  in  der  chirurgischen  Be¬ 
handlung  des  Magengeschwüres.  Im  allgemeinen  ist  die  Resektion  zu  bevor¬ 
zugen.  Das  Wesentlichste  zur  Verhütung  des  peptischen  Geschwüres  ist  in 
einer  sorgfältigen  Rücksichtnahme  auf  eine  gute  Gefässversorgung  des  Magen- 
stumpfes  zu  erblicken.  Bei  der  Resektionsmethode  nach  K  r  ö  n  1  e  i  n  werden 
peptische  Geschwüre  besonders  häufig  beobachtet,  da  bei  diesem  Verfahren 
die  Jejunalschlinge  ungünstig  beansprucht  wird.  In  der  Nachbehandlung  Ist 
vor  allem  zur  Ernährung  Milch  zu  empfehlen,  alle  stärker  gewürzten  und 
gesalzten,  sowie  grob-mechanischen  Speisen  zu  verbieten. 

Keysser:  Das  Versagen  der  Röntgentiefenbestrahlung  und  die  Be¬ 
deutung  der  biologischen  Prophylaxe  für  eine  erhebliche  Verbesserung  der 
operativen  Behandlung  bösartiger  Geschwülste. 

Vorgetragen  Chirurgenkongress  1921.  Referiert  in  dieser  Zeitschrift  Nr.  15. 

Hinz:  Die  unmittelbaren  und  Dauererfolge  der  Cholezystektomie. 

Die  besten  Dauererfolge  geben  die  akuten  auf  die  Gallenblase  be¬ 
schränkten  Entzündungen.  Nur  in  5  Proz.  dieser  Fälle  waren  postoperativ 
noch  Beschwerden  vorhanden.  Ungünstiger  sind  die  Resultate  bei  den 
chronischen  Gallensteinleiden  und  noch  ungünstiger  bei  den  akuten  Gallen¬ 
blasenentzündungen  mit  Mitbeteiligung  des  Choledochus.  Bei  diesen  ergab 
die  Nachuntersuchung  in  24  resp.  25  Proz.  der  Fälle  ungünstige  Resultate. 
Die  postoperativen  Beschwerden  sind  nur  zum  geringen  Teile  in  operativ 
bedingten  Adhäsionen  und  Narbenbildungen  zu  suchen,  sondern  zum  grössten 
Teile  in  Narbenveränderungen,  die  vor  der  Operation  infolge  der  langen  Dauer 
des  Leidens  schon  bestanden  haben.  Frühzeitige  Gallensteinoperation  ist  das 
einzige  Mittel,  die  Dauererfolge  günstiger  au  gestalten. 

Klose:  Die  reine  Synechie  und  der  plastische  Ersatz  des  Herzbeutels. 
I.  Chirurgisch-experimenteller  Teil. 

Vorgetragen  Chirurgenkongress  1921.  Referiert  in  dieser  Zeitschrift  Nr.  16. 

Lorentz:  Pseudarthrosen  unter  besonderer  Berücksichtigung  der 
Kriegsbeschädigten. 

Vorgetragen  Chirurgenkongress  1921.  Referiert  in  dieser  Zeitschrift  Nr.  18. 


Breitner:  Zwerchfellhernien. 

An  Hand  4  selbstbeobachteter  Fälle  von  traumatischen  Zwerchfellhernien 
und  der  darüber  in  der  Literatur  niedergelegten  Beobachtungen  wird  der  Ein¬ 
klemmungsmechanismus,  Symptome  und  Behandlung  des  Leidens  besprochen. 
Ist  das  Zwerchfell  an  einer  Stelle  derart  verletzt,  dass  ein  Prolaps  des 
Magens  in  den  Thorax  möglich  ist,  so  tritt  dieser  unmittelbar  nach  der  Ver¬ 
letzung  ein  und  bleibt  dauernd  bestehen.  Der  Magenprolaps  kann  ein 
partieller  (L  i  1 1  r  e  sehe  Magenhernie)  oder  ein  Totalprolaps  sein,  letzterer 
ist  stets  mit  einer  Drehung  um  seine  Längsachse  verbunden.  Diese  erste 
Torsion  bedingt  an  sich  noch  keine  Okklusion.  Erst  die  zweite  Drehung  um 
die  Vertikalachse  des  Körpers  durch  eine  gewaltsame  Lageveränderung  des 
Magens  infolge  schwerer  körperlicher  Anstrengung  führt  zu  völligem  Ver¬ 
schlüsse.  Diagnostisch  bedeutungsvoll  ist  vor  allem  die  sorgfältige  Be¬ 
urteilung  der  Art  und  Richtung  des  ehemaligen  Traumas  —  Rekonstruktion 
der  Schussrichtung.  Besonders  wichtig  ist  es,  an  das  Vorliegen  einer  Zwerch¬ 
fellhernie  zu  denken.  Operative  Behandlung  unbedingt  indiziert. 

Hohlbaum  -  Leipzig. 


Archiv  iiir  orthopädische  und  Unfallchirurgie.  Band  18.  Heft  3  u.  4. 

Heft  3.  E  r  1  a  c  h  e  r  -  Graz:  Ueber  die  Endergebnisse  der  direkten  Ver¬ 
letzungen  der  grossen  Gelenke.  . 

An  dem  grossen  Kriegsverletztenmaterial  Spitzys  in  Wien  mit  1539  1 
untersuchten  Fällen  bespricht  E.  die  verschiedenen  Verletzungen  der  einzelnen  ■ 
grossen  Gelenke:  12  Proz.  aller  Amputationen  im  Anschluss  an  direkte  Ge-  I 
lenkverletzung,  davon  die  Hälfte  wegen  Knie-,  30  Proz.  wegen  Fussver-  1 
letzung.  Fast  die  Hälfte  aller  Gelenkverletzungen  heilte  mit  knöcherner 
Ankylose.  lYi  Proz.  mit  Schlottergelenk  aus.  Am  Handgelenk  stört  an  sich  ' 
Ankylose  oder  Kontraktur,  wenn  in  guter  Stellung,  nicht  allzuviel,  jedoch 
hindert  schwer  die  Aufhebung  der  Drehung.  Ellenbogengelenk:  Resektionen 
hinterlassen  schwere  Schlottergelenke.  Versteifung  im  Winkel  von  etwa  90 
gibt  relativ  gute  Brauchbarkeit.  Schultergelenk:  Nach  Resektionen  und  Zer- 
trümmerungen  Schlottergelenke  mit  schwerer  Schädigung  der  Brauchbarkeit.  1 
Sprunggelenk:  Versteifung  im  rechten  Winkel  erlaubt  relativ  gutes  Gehen.  9 
Kniegelenk:  Resektion  bedingt  entweder  schweres  Schlottergelenk  mit  un¬ 
brauchbarem  Bein  oder  Ankylose,  die  bei  Strecksteilung  nicht  ungünstig  ist.  | 
Hüftgelenk:  Bei  Zertrümmerung  oder  Resektion  Schlottergelenk  oder  Ankylose.« 
Bei  letzterer  bedeutet  starke  Ab-  und  Adduktion  schlechten  Gang. 

W  a  g  n  e  r  -  Magdeburg:  Ueber  Osteochondritis  def.  cox.  iuv.  und  coxa 
vara  adol.,  zugleich  ein  Beitrag  zur  Pathogenese  dieser  Erkrankungen. 

Erkennt  das  Trauma  als  Hauptursache  an  und  glaubt  2  Fälle  von  Goxa 
vara  adol.  als  Folgezustände  juveniler  Osteochondritis  ansehen  zu  sollen.  ( 

M eye r -Göttingen :  Das  Verhalten  der  Epiphysenlinie  bei  der  Coxa  vara. 

Die  angeborene  Coxa  vara  lässt  sich  nur  mit  Vorbehalt  auf  dem*  j 
Röntgenbild  erkennen,  wegen  Aehnlichkeit  mit  Rachitis.  Die  nach  kongeni¬ 
taler  Luxation  erinnert  an  die  Perthes  sehe  Krankheit.  Die  rachitische 
ist  sehr  charakteristisch.  Die  Statica  wird  als  osteomalazischer  oder 
rachitischer  Prozess  erklärt. 

W  i  e  d  h  o  p  f -  Marburg:  Erfahrungen  mit  der  Arthrodesenoperation  der 
Schulter  zur  Behandlung  von  Schlottergelenken  nach  Schussverletzungen  mit 
Betrachtungen  über  den  nach  der  Operation  wirksamen  Gelenkmechanismus. 

Die  Operation  bringt  für  den  durch  Zerstörung  des  Schultergelenkes 
schwer  geschädigten  Arm  eine  wesentliche  Verbesserung  der  Funktion.  Aller-  | 
dings  sind  nicht  alle  Bewegungen  des  normalen  Schultergelenkes  wieder  her¬ 
zustellen:  Z.  B.  die  Erhebung  des  Armes  genau  nach  vorn,  die  vertikale 
Erhebung,  die  Rückwärtserhebung  sagittal  und  die  Kreiselung,  dagegen  ist  j 
die  Erhebung  seitlich  in  der  Frontalebene'  möglich  und  die  Rückwärts¬ 
bewegung  um  10 — 20°  auch  in  der  Frontalebene,  wenn  der  Arm  bei  der  i 
Operation,  wie  zweckmässig  geschehen  soll,  um  20  0  vor  diese  gestellt  wird,  j 

F  i  e  b  a  c  h  -  Königsberg:  Ein  Beitrag  zur  Kasuistik  der  traumatischen 
Kniegelenksluxationen. 

Ausser  den  Kreuzbändern  und  der  hinteren  Kapsel  zerreisst  unbedingt 
das  innere  Seitenband,  das  äussere  ist  weniger  gefährdet.  Bei  der  Repo¬ 
sition  bei  Luxation  nach  vorn  muss  grosse  Rücksicht  auf  die  Poplitealgefässe  i 
genommen  werden.  _ 

G  a  u  g  e  1  e  -  Zwickau :  Ueber  isolierte  Luxation  des  Kahnbeins  am  Fuss 
nach  unten. 

Von  dieser  seltenen  Verletzung  (nur  ein  Fall  von  T  h  i  e  m)  sah  G.  einen  i 
Fall  mit  vollständiger  Luxation  nach  innen  und  unten  durch  Aufschlagen 
mit  dem  rechten  Fuss  auf  einen  am  Boden  stehenden  Gerüstbock  beim  Sturz 
von  3  m  Höhe.  Anscheinend  indirekte  Gewalteinwirkung,  indem  Pat.  mit 
Vorderfuss  aufsprang,  wodurch  das  Kahnbein  bei  übermässiger  Dorsalflexion 
nach  unten  herausgesprengt  wurde. 

P  f  r  a  n  g  -  Würzburg:  Anatomische  Beschreibung  des  Skeletts  und  der 
Weichteile  eines  angeborenen  Klumpfusses. 

Im  Original  zu  lesen.  Das  Wichtigste  ist  die  mächtige  Entwickelung 
der  Peronei  und  die  Schwäche  der  Achillessehne,  ferner  die  starke  Ent¬ 
wickelung  der  Fibula  als  hinterer  und  lateraler  Standknochen  zum  Stützpunkt 
des  abnormen  Fussgewölbes,  die  Bewegung  des  Fusses  in  einem  neugebddeten 
Gelenk  zwischen  Tibia  und  Kalkaneus  und  in  dem  gegen  die  Norm  erheblich 
freieren  Gelenk  zwischen  Kuboid  und  5.  Metatarsus,  alles  Folgen  der  funk¬ 
tioneilen  Anpassung. 

B  r  i  x  -  Flensburg:  Eine  seltene  Strecksehnenverletzung  am  Finger. 

Schnitt  mit  einem  Glas  an  der  Streckseite  des  Fingers.  Die  beiden  End¬ 
glieder  stehen  in  Beugestellung,  können  aktiv  nicht  gestreckt  werden.  Werden 
sie  passiv  gestreckt,  kann  Pat.  die  Strecksteilung  halten.  Will  er  dieselben 
beugen,  so  schnellen  sie  in  starke  Beugestellung.  Operation  bestätigt  An¬ 
nahme  der  Spaltung  des  Streckapparates  in  der  Längsrichtung.  Die  Hälften 
waren  seitlich  am  Finger  heruntergerutscht  und  verwachsen.  Lösung  und 
Zusammennähung  über  dem  Gelenk  bringt  volle  Heilung. 

Heft  4.  Anton-Halle:  Was  bedeutet  die  Ent  Wicklungsmechanik  von 
W.  Roux  für  den  Arzt? 

Würdigung  der  Forscherpersönlichkeit  R  o  u  x  s  anlässlich  seines  70.  Ge¬ 
burtstages,  als  des  Schöpfers  der  Ursachenlehre  des  Werdens,  der  Gestalt 
und  Struktur  mit  Hilfe  experimenteller  Arbeiten,  wobei  die  Selbstregulierung, 
die  funktionelle  Anpassung  entdeckt  wurde.  Die  Orthopädie  verdankt  ihm 
für  ihr  Fach  vieles,  da  es  sich  bei  ihr  zumeist  um  die  Ausnutzung  der 
funktionellen  Anpassungsfähigkeit  der  Gewebe  handelt. 

W  i  r  t  z  -  Aachen :  Periostale  Ossifikation. 

Kommt  zu  dem  Resultat,  dass  es  eine  Myositis  ossificans  traumatica 
nicht  gibt,  sondern  dass  es  sich  um  Abriss  und  Verlagerung  des  Periosts 
handelt,  welches  einen  Kallus  bildet. 

M  e  y  e  r  -  Göttingen:  Schein-  oder  Hiifsbewegungen  bei  der  Radialis- 
lähmung. 

Erklärt  die  Tatsache,  dass  bei  manchen  Kriegsverletzten  mit  Radialis- 
lähmung  eine  Streckung  der  Hand  sowie  Streckung  und  Abduktion  des 
Daumens  bis  zu  einem  gewissen  Grad  trotz  vollkommener  Lähmung  der 
Streckmuskeln  möglich  ist.  Dieselbe  hängt  ab  von  der  Dehnbarkeit  der  ge¬ 
lähmten  Sehnen  und  Muskeln,  dem  Hebelarm  an  Hand-  und  Fingergelenken, 
der  Schwere  der  Hand,  der  Kraft  der  Interossei  und  einem  Geschick  des 
Verletzten,  Interossei  und  lange  Fingerbeuger  so  miteinander  in  Funktion  zu 
setzen,  dass  nacheinander  End-,  Mittel-  und  Grundphalangen  gebeugt  werden. 

Kazda  -  Wien:  Brüche  des  Fersenbeins. 

Beschreibung  der  verschiedenen  Formen,  Entstehungsart.  Symptome, 
Therapie  und  Prognose.  (Biegungs-,  Zertrümmerungs-  und  Rissbruch  und 
ihre  Kombinationen.) 

Uebersichten: 

Magnus- Jena:  Aus  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Lehre  von  den 
Knochenbrüchen  und  ihrer  Behandlung. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


93 


Wiemann-Würzburg:  Narkose,  örtliche  Betäubung.  Leitungsanästhesie. 

M  e  y  b  u  r  g  -  Plauen:  Amputationen  und  Prothesen. 

Bettmann  -  Leipzig:  Spezielle  Frakturformen. 

Bettmann  -  Leipzig:  Luxationen. 

HL  B  1  e  n  c  k  e  -  Magdeburg:  Orthopädische  Verbandtechnik  und  Appa- 
ratotherapie. 

B  e  1 1  m  a  n  n  -  Leipzig:  Heilgymnastik  und  Massage. 

S  c  h  1  e  e  -  Braunschweig:  Die  Fortschritte  in  der  sozialen  Fürsorge  für 
die  Gliederbehinderten. 

D  e  b  r  u  n  n  e  r  -  Berlin:  Bericht  über  XV.  Kongress  der  D.  orthopädi¬ 
schen  Gesellschaft. 

W  a  r  s  t  a  t  -  Königsberg:  Verstümmelnde  und  konservative  Extremitäten¬ 
operationen. 

Wiemann-Würzburg:  Ueber  die  operativen  Verfahren  zum  Ersatz 
des  Daumenverlustes.  Hohmann  -  München. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1921.  Nr.  52. 

M.  Trancu  R  a  i  n  e  r  -  Bukarest:  Ein  Fall  von  Netzlymphangiektasien  als 
Begleiterscheinung  eines  erweichten  Uterusflbroms. 

Es  handelt  sich  um  ein  ausgedehntes,  nekrotisches,  fibröses  Myom,  dessen 
Blut-  und  Lymphgefässe  sehr  erweitert  sind,  als  Begleiterscheinung  chronische 
Reizung  des  Netzes  und  ungewöhnlich  starke  Netzlymphangiektasien.  ^  Einer¬ 
seits  besteht  eine  starke  Blutzufuhr  durch  die  so  sehr  erweiterten  Gefässe, 
mancherseits  Lymphstauung,  die  sowohl  durch  die  starke  Entwickelung  des 
Netzbindegewebes,  wie  auch  durch  ein  Hindernis  im  Abfluss  der  Lymphe 
begünstigt  wird.  Durch  Exstirpation  des  Tumors  und  Resektion  des  Netzes 
wurden  andere  Zirkulationsstörungen  verursacht,  die  sich  durch  nacheinander 
an  verschiedenen  Körperteilen  auftretende  Oedeme  kundgaben.  bis  zuletzt  der 
normale  Zustand  wieder  hergestellt  war. 

H.  H  e  1 1  e  n  d  a  1 1  -  Düsseldorf:  Zur  Behandlung  entzündlicher  Adnex¬ 
erkrankungen  mit  Terpentineinspritzungen. 

Weiterer  Bericht  über  30  mit  Terpichin  behandelte  Fälle.  Die  Resultate 
sind  ungünstig.  Weitere  Versuche  anzuraten.  Werner-  Hamburg. 

Zeitschrift  für  Kinderheilkunde.  29.  Band.  5.  u.  6.  Heft.  1921. 

M.  Pfaundler-  München:  Ueber  die  Indizes  der  Körperfülle  und  über 
„Unterernährung“. 

Legt  die  sehr  einleuchtenden  Gründe  dar,  warum  die  Auswahl  speisungs¬ 
bedürftiger  Kinder  (Quäkerspeisung)  nach  Indizes,  die  vom  mathematischen 
Standpunkt  einwandfrei  die  Körperfülle  auszudrucken  gestatten,  so  oft  nicht 
gelingt,  ja  nicht  gelingen  kann.  In  den  Fällen,  wo  die  Indexwerte  brauch¬ 
bar  sind,  lässt  sich  die  Unterfülle  einfacher  durch  Vergleich  des  tatsächlichen 
Gewichtes  mit  dem  Längensollgewicht  feststellen.  Unterfülle  beweist  aber 
nicht  Unterernährung;  es  gibt  mehrere  Typen  von  „satten  Untervollen“,  denen 
also  mit  vermehrtem  Nahrungsangebot  nicht  zu  helfen  ist. 

J.  D  u  k  e  n  und  A.  Weingartner  -  Jena:  Klinischer  und  pathologisch- 
anatomischer  Befund  bei  einem  Fall  von  frühinfantiler,  progressiver,  spinaler 
Muskelatrophie  (W  erdnig-Hoffmann). 

Stellten  in  einem  angeborenen  Fall  von  W  erdnig-Hoffmann  neben 
schweren  Zerfallserscheinungen  an  Glia  und  Ganglienzellen  auch  einige  Fehl¬ 
bildungen  fest  (Heterotopie  weisser  Substanz,  Versprengung  von  Ganglien¬ 
zellen),  woraus  sie  auf  Resistenzlosigkeit  des  Nervensystems  gegen  funktio¬ 
nelle  Inanspruchnahme  schliessen. 

Kurt  S  c  h  e  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  die  Ursachen  der  Azidität  der 
Säuglingsfäzes. 

Stärker  säurebildend  als  die  Gram-negative  Flora  des  unteren  Dünn- 
und  oberen  Dickdarms  ist  die  Gram-positive  des  unteren  Dickdarms  (Bifidus); 
der  bakteriellen  Säurebildung  wirken  entgegen  neben  dem  Kalk  vor  allem 
die  Darmsekrete  und  die  fäulniserregenden  Bakterien. 

Hans  E  i  t  e  1  -  Charlottenburg:  Kongenitale  Stenose  des  oberen  Je¬ 
junums,  unter  dem  Bilde  einer  Atresie  verlaufend  (Ventilverschluss). 

Interessante  Kasuistik. 

Fritz  H  o  f  s  t  a  d  t  -  München:  Ueber  Spät-  und  Dauerschäden  nach  Ence¬ 
phalitis  epidemica  im  Kindesalter. 

Unterscheidet  im  klinischen  Verlauf  der  epidemischen  Enzephalitis,  die  er 
als  Krankheit  sui  generds  auffasst,  die  akute  Erkrankung  (1.  Teil)  und  die 
Spätschäden  und  Endzustände  (2.  Teil).  In  beiden  Teilen  manifestiert  sich 
das  Leiden  in  verschiedenartigen  Erscheinungsformen,  die  Verf.  an  grossem 
Material  schildert  und  die  hier  nur  aufgezählt  werden  können.  Im  akuten 
Stadium  erwähnt  er:  1.  Rein  enzephalitische  Bilder  (choreatische,  myoklonisch- 
lethargische,  choreatisch-athetotische  Unterformen).  2.  Unter  dem  Bilde  der 
Lan  dry  sehen  Paralyse  verlaufende,  tödlich  endende  Formen.  3.  Menin- 
gitische.  4.  Enzephalitische.  5.  Abortive  Formen.  In  dem  auf  dieses  erste 
Stadium  nach  kürzerem  oder  längerem  Intervall  folgenden  2.  Teil  ist  die 
häufigste  und  kennzeichnende  Form  die  Agrypnie,  aber  auch  als  chronische 
Chorea,  als  amyostatischer  Symptomkomplex,  als  psychische  Störungen,  viel¬ 
leicht  auch  als  adiposogenitaler  Komplex  tritt  der  Spätschaden  nach  Enze¬ 
phalitis  in  Erscheinung. 

A.  A  d  a  m  -  Heidelberg:  Ueber  Darmbakterien.  III.  Ueber  den  Einfluss 
der  H-Ionenkonzentration  des  Nährbodens  auf  die  Entwicklung  des  Bacillus 
bifidus. 

Die  Art  der  Darmflora  ist  abhängig  von  der  Wasserstoffzahl  des  Darm¬ 
inhaltes,  diese  wiederum  vom  Angebot  säure-  oder  basenbildender  Nahrung 
und  von  der  Produktion  von  Neutralisations-  und  Puffersubstanzen. 

Walter  K  a  h  n  -  Dortmund:  Ueber  die  Dauer  der  Darmpassage  im  Säug¬ 
lingsalter. 

Sie  schwankt  zwischen  4  und  20,  beträgt  im  Mittel  15  Stunden. 

L.  Wacker  und  F.  K.  B  e  c  k  -  München :  Untersuchungen  über  den 
Fett-  und  Cholesterinstoffwechsel  beim  Säugling. 

Massgebend  für  die  Cholesterinbilanz  ist  die  Fettausscheidung  im  Stuhl; 
sie  ist  um  so  schlechter,  je  niedriger  die  Fettresorption. 

H.  B  e  u  m  e  r  -  Königsberg:  Ueber  den  Verlauf  intravenöser  Zuckerinjek¬ 
tionen  bei  Säuglingen. 

Gesunde  und  ernährungsgestörte  Säuglinge  vertragen  relativ  grosse 
Mengen  intravenös  einverleibten  Zuckers  ohne  Schaden;  bei  einigen  Atro¬ 
phien  und  Toxikosen  konnten  sogar  geradezu  gute  Erfolge  durch  solche  In¬ 
jektionen  erzielt  werden. 

Otto  J  a  c  o  b  i  -  Greifswald :  Beitrag  zur  Frage  des  ätiologischen  Zu¬ 
sammenhanges  zwischen  Varizellen  und  einzelnen  Fällen  von  Herpes  zoster. 

Kasuistik.  Gott. 


Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Band  96.  Heft  1  u.  2. 

H.  Rasor:  Ueber  den  Einfluss  des  Milchzuckers  auf  die  Dünndarm- 
peristaitik.  (Aus  der  Heidelberger  Kinderklinik.) 

Röntgenologische  Beobachtungen  bei  Säuglingen  unter  Verfütterung  von 
Baryum-Milchzucker  und  Rohrzuckerbrei.  Bei  M.-Z.-Brei  erfolgte  der  Eintritt 
in  den  Dickdarm  durchschnittlich  um  3  Stunden  früher  als  bei  R.-Z.-Brei. 
Dementsprechend  zeigte  sich  der  erste  Baryumstuhl  bei  M.-Z.-Brei  in  sehr 
viel  kürzerer  Zeit  als  bei  R.-Z.-Brei.  Die  Versuche  lassen  also  vermuten, 
dass  der  M.-Z.  tatsächlich  in  spezifischer  Weise  die  Dünndarmbewegungen 
beschleunigt  und  somit  dem  M.-Z.  als  solchem  eine  physiologische  Reiz¬ 
wirkung  auf  die  Dünndarmperistaltik  zuzuerkennen  ist. 

E.  Freudenberg  und  P.  György:  Zur  Pathogenese  der  Tetanie. 
(Aus  der  Heidelberger  Kinderklinik.) 

Wertvoller  Beitrag  zum  Tetanieproblem,  jedoch  zu  kurzem  Referat  un¬ 
geeignet. 

Hans  Opitz:  Weiterer  Beitrag  zur  Frage  der  aktiven  Immunisierung 
gegen  Diphtherie  beim  Menschen.  (Aus  der  Universitätskinderklinik  zu 
Breslau.  Dir.:  Prof.  Dr.  S  t  o  1 1  e.) 

Die  Dosis  immunisatoria  minima  für  Diphtherietoxin  ist  beim  Menschen 
grösser  als  1  Ln-Dosis.  Fünffach  überneutratisierte  Toxin-Antitoxingemische, 
die  im  Tierversuch  weder  Toxoid-  noch  Toxonwirkung  erkennen  lassen, 
wirken  in  gleicher  Weise  aktiv  immunisierend  wie  reine  Toxinlösungen. 
Daraus  folgt,  dass  nicht  ein  etwaiger  kleiner  Toxinüberschuss  der  immuni¬ 
sierende  Faktor  ist,  sondern  dass  in  vivo  Toxin  aus  seiner  Bindung  mit 
dem  Antitoxin  wieder  frei  werden  muss.  Die  Bindung  Toxin-Antitoxin  ist 
also  reversibel. 

Erich  Krasemann:  Zur  Theorie  der  Buttermehlnahrung.  Vorläufige 
Mitteilung.  (Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  in  Rostock.  Dir.:  Prof.  Dr. 
H.  Brüning.) 

Bei  Untersuchungen  über  die  Blutalkaleszenz  bei  gesunden  und  kranken 
Säuglingen  nach  dem  R  o  h  o  n  y  sehen  Verfahren  konnte  Verf.  nach  Zusatz 
von  Fett  zur  Nahrung  regelmässig  eine  Verminderung  der  Blutalkaleszenz 
feststellen,  einige  Male  wurden  sogar  azidotische  Werte  gefunden.  Bei  Ver¬ 
abreichung  von  Buttermehlnahrung  blieb  die  erwartete  Herabsetzung  der 
Blutalkaleszenz  aus,  meistens  erfolgte  sogar  ein  geringer  Anstieg.  Nach 
Krasemann  ist  die  Ursache  hierfür  in  dem  Prozess  des  „Einbrennens“ 
zu  suchen,  wie  er  durch  Verfütterung  „gebräunter“  Butter  feststellen  konnte. 

O.  Zschocke:  Ueber  die  Scheinverkrümmung  der  unteren  Glied¬ 
massen  des  Neugeborenen. 

Eine  Verkrümmung  der  Tibia  mit  der  Konkavität  nach  einwärts  besteht 
in  Wirklichkeit  nicht,  wie  das  Skelettpräparat  zeigt;  sie  wird  vorgetäuscht 
durch  die  im  Verhältnis  zur  Schmalheit  der  Diaphyse  bedeutende  Dicke  der 
Gelenkenden,  durch  die  Retroflexion  des  Tibiakopfes,  durch  die  Auswärts- 
kreiselung  des  Unterschenkels  bei  gleichzeitiger  Adduktion  und  durch  den 
Einfluss  der  Gesamthaltung  des  Beines.  —  Ursache  für  die  dem  Fötus  und 
Neugeborenen  eigentümliche  Haltung  der  unteren  Gliedmassen  ist  das  Be¬ 
harren  in  der  Urform,  Gegeneinanderwendung  der  Fusssohlen  als  die  eines 
Klettertieres  nach  K  1  a  a  t  s  c  h. 

Fritz  Thoenes:  Ueber  Muskeluntersuchungen  an  Neugeborenen  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  kongenitalen  Lues.  (Aus  dem  pathol.- 
auatom.  Institut  am  Stadtkrankenhaus  Dresden-Friedrichstadt.  Dir.:  Geh. 
Med. -Rat  Dr.  S  c  h  m  o  r  I.) 

Da  ohne  Zusammenfassung  zu  kurzem  Referat  nicht  geeignet;  vergleiche 
die  Originalarbeit. 

E.  Freudenberg  und  O.  Heller:  Ueber  Darmgärung.  Dritte  Mit¬ 
teilung:  Der  Einfluss  verschiedener  Zuckerarten,  des  Fettes  sowie  der 
Nahrungskonzentration  auf  die  Gärung. 

Die  Bedeutung  der  Korrelation  Eiweisskalk  :  Milchzucker  für  die  Darm¬ 
gärung,  die  stärkere  Gärungsförderung  durch  Milchzucker  gegenüber  Rohr¬ 
zucker,  der  Einfluss  resorptionshemmender  Massnahmen  (Brennen  des  Rohr¬ 
zuckers)  lassen  sich  sehr  sinnfällig  durch  fortlaufende  Bestimmungen  der 
PH-Werte  im  Stuhl  zur  Anschauung  bringen.  —  Störung  der  Fettspaltung  und 
Fettresorption  führt  zur  Degeneration  der  Bruststuhlflora  bei  Brusternährung. 
Ebenso  wird  diese  geschädigt,  wenn  die  Frauenmilch  vor  der  Aufnahme  der 
Lipolyse  unterworfen  wird  bei  gleichzeitiger  Einengung.  Die  Konzentration 
des  Nahrungsgemisches  hat  keinen  Einfluss  auf  die  Gärung. 

Josef  Langer-  Prag:  Bromoderma  congenitum. 

Kasuistischer  Beitrag  dieser  seltenen  Hauterkrankung. 

Josef  Langer:  Ueber  symptomatische  Paralysis  agitans  bei  Kindern 
nach  Encephalitis  epidemica.  (Aus  der  deutschen  Universitäts-Kinderklinik 
im  deutschen  Kinderspitale  in  Prag.) 

Kasuistische  Mitteilung  dreier  Fälle  von  Paralysis  agitans  im  Anschluss 
an  „Grippe“.  Da  pathologisch-anatomische  Befunde  über  die  betreffenden 
Fälle  nicht  vorliegen,  dürften  nach  Analogie  ähnlicher  Fälle  Gefässalteration, 
Blutungen,  Untergang  von  Nervengewebe  und  Verkalkungen  wohl  die  Faktoren 
sein,  die  bei  dem  vorliegenden  Krankheitsbild  bestimmend  mitwirken. 

Erwin  Freundlich:  Zur  Kenntnis  der  Gallensteinbildung  im  frühen 
Kindesalter.  (Aus  dem  patholog.  Institut  der  Universität  Berlin.  Dir.:  Geh. 
Med.-Rat  Prof.  Dr.  Lu  bar  sch.)  Kasuistische  Mitteilung. 

Albrecht  Peiper:  Die  Minderwertigkeit  der  Kinder  alter  Eltern.  (Aus 
der  Universitäts-Kinderklinik  in  Berlin.) 

Lesenswerte  Arbeit,  welche  erkennen  lässt,  dass  mit  zunehmendem 
Geburtsalter  der  Eltern  die  Minderwertigkeit  der  Kinder  im  Verhältnis  stark 
zunimmt.  Ohne  weitgehende  rassenhygienische  Forderungen  auf  Grund  der 
gefundenen  Tatsachen  aufzustellen,  redet  Verf.  doch  mit  Ploetz  der 
„Frühehe“  (besonders  beim  Manne)  das  Wort. 

Erwin  Thomas:  Ueber  einige  Wirkungen  der  Soorbestandteile.  (Aus 
der  Kinderklinik  der  Universität  Köln  [Lindenburg].  Leiter:  Geh.  Rat  Prof. 
Dr.  S  i  e  g  e  r  t.)  Zu  kurzem  Referat  nicht  geeignet. 

Literaturbericht,  zusammengestellt  von  R.  Hamburger-  Berlin. 

Buchbesprechungen.  0.  Rommel-  München. 


Deutsche  Zeitschrift  für  Nervenheilkunde.  72.  Band.  5. — 6.  Heft. 

F.  E  d  e  1  m  a  n  n  -  Dresden:  Ein  Beitrag  zur  Vergiftung  mit  gasförmiger 
Blausäure,  insbesondere  zu  den  dabei  auftretenden  Gehirnveränderungen. 

Bei  der  Sektion  eines  an  subakuter  Blausäurevergiftung  zugrunde  ge¬ 
gangenen  Mannes  fanden  sich  im  Gehirn  ausgedehnte  Blutungen  und  Er¬ 
weichungsherde  im  Bereich  der  Linsenkerne.  Durch  die  histologische  Unter¬ 
suchung  Hess  sich  feststellen,  dass  diese  zum  grossen  Teil  im  unmittelbaren 


94 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


Zusammenhang  mit  Blutgefässen  standen,  deren  Wandungen  stark  geschädigt 
waren.  Auch  Thrombenbildung  war  in  ihnen  zu  beobachten.  Sonst  war  das 
Gehirn,  ausser  einer  allgemeinen  akuten  Ganglienzellenerkrankung,  nicht  be¬ 
troffen.  ...  1.1 

L.  B  c  li  ed  e  k  -  Klausenburg:  Auftreten  von  Sklerodermie  im  Anschluss 
an  psychogene  funktionelle  Störungen.  Ein  einschlägiger  Fall. 

P.  Schröder  -  Greifswald:  Encephalitis  epidemica  und  Wilson  sches 

Krankheitsbild.  „  ,  ....  , 

3  Fälle,  bei  denen  sich  nach  vorausgegangener  Encephalitis  lethargica 
und  einem  5— 7  monatigen,  völlig  beschwerdefreien  Intervall  das  Bild  einer 
Pseudosklerose  herausbildete.  In  einem  4.  Fall  ging  die  hyperkinetische  Form 
der  Enzephalitis  voraus,  dann  folgte  eine  Apoplexie  und  erst  spater  zeigte 
sich  das  Wilson  sehe  Syndrom,  aber  ohne  Augensymptome.  Milz  und 
Lebererscheinungen.  Skopolamin  wirkte  in  allen  Fallen  prompt  in  der  Dosis 
von  2  mg  pr.  d. 

W.  P  a  r  r  i  s  i  u  s  -  Tübingen:  Kapillarstudien  bei  Vasoneurosen. 

Auf  Grund  ausgedehnter  kapillarmikroskopischer  Beobachtungen  bei 
Vasoneurotikern  wird  die  innere  Verwandtschaft  der  ausserordentlich  zahl¬ 
reichen,  auf  konstitutioneller  Grundlage  entstehenden  Gefässneurosen  darge¬ 
legt  Die  alte  Einteilung  in  vasokonstriktorische  und  vasodilatatonsche 
Neurosen  wird  verlassen.  Es  zeigt  sich,  dass  ähnlich  wie  am  Verdauungs- 
traktus  rein  spastische  und  rein  atonische  Zustände  doch  nur  ausnahmsweise 
verkommen,  dass  vielmehr  bei  einem  und  demselben  Kranken  nicht  nur  zu 
verschiedenen  Zeiten,  sondern  zugleich  sowohl  spastische  wie  atonische 
Phänomene  beobachtet  werden.  Die  Gefässneurose  erscheint  somit  unter  dem 
allgemeinen  Gesichtspunkte  einer  Disharmonie  zwischen  sympathischen  und 
autonomen  Einflüssen.  Morphologisch  lässt  sich  der  Uebergang  von  leicht 
spastisch-atonischen  Kapillarveränderungen  bis  zu  den  schwersten  ZirkulaFons- 
störungen  mit  lokalem  Gewebstod  oder  bis  zur  Anhäufung  grosserer  Blut¬ 
massen  im  venösen  Anteil  des  üefässsystems  verfolgen.  Das  Krankheits¬ 
bild  der  bekannten  klagereichen  Patientin  wird  durch  die  vorliegenden  Be- 
obachtungen  aus  einem  rein  funktionellen  zu  einem  organischen.  Wer  die 
zahlreichen  Hautkapillaraneurysmen  dieser  Patienten  sieht,  wird  verstehen, 
dass  sie  ernstliche  Beschwerden  hervorzurufen  imstande  sind.  Durch  das 
häufige  Zusammenfallen  dieser  vasoneurotischen  Konstitution  mit  Geschwürs¬ 
bildungen  im  Magendarmkanal  und  am  Unterschenkel  wird  die  Frage  ange¬ 
schnitten,  ob  diese  Defekte  nicht  in  ähnlicher  Weise  erklärt  werden  können 
wie  die  Raynaud  sehe  Gangrän. 

A  B  i  n  g  e  1  -  Braunschweig:  Intralumbale  Lufteinblasung  zur  Höhen¬ 
diagnose  intradnraler.  extramedullärer  Prozesse  und  zur  Differentlaldiaguose 
gegenüber  intramedullären  Prozessen. 

„ln  2  Fällen  von  intraduralen  extramedullären  Rückenmarksprozessen 
löste  "die  Einblasung  von  Luft  in  den  Lumbalsack  Schmerzen  aus,  die  einen 
Schluss  auf  den  Höhensitz  zuliessen.  In  einem  Falle  von  völligem  Abschluss 
des  Duralsackes  Hess  sich  der  Rauminhalt  des  Duralsackes  von  der  Höhe 
der  Kanülenmündung  bis  zum  Abschluss  exakt  bestimmen,  es  konnte  daraus 
ein  Schluss  auf  die  Höhe  des  unteren  Abschlusses  gezogen  werden.  In 
2  Fällen  von  intramedullären  Prozessen  löste  der  Durchtritt  der  Luft  durch 
den  Duralsack  keinerlei  Empfindungen  aus,  dagegen  traten  Kopfschmerzen 
auf,  als  Zeichen  dafür,  dass  die  Luft  in  das  Gehirn  eingedrungen  war.“ 

Penner-  Augsburg. 


Archiv  für  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  91.  Band. 
3.,  4.  u.  5.  Heft. 

J.  Schüller  und  F.  A  t  h  m  e  r  -  Leipzig:  Ueber  den  Antagonismus  der 
Lokalanästhetika  gegenüber  Veratrineffekt  am  Muskel. 

Der  Veratrineffekt  am  quergestreiften  Muskel  lässt  sich  durch  die  ver¬ 
schiedensten  Lokalanästhetika  aufheben,  ohne  dass  man  bisher  entscheiden 
kann,  wo  die  Anästhetika  angreifen  und  ob  die  Verkürzung  tonisch  oder 
tetanisch  ist.  .... 

Cor  i- Wien:  Untersuchungen  über  die  Ursachen  der  Unterschiede  in 
der  Herznervenerregbarkeit  bei  Fröschen  zu  verschiedenen  Jahreszeiten.  Ein 
Beitrag  zur  Frage  des  peripheren  Antagonismus  von  Vagus  und  Sympathikus 
und  zur  Beeinflussung  der  Herznerven  durch  Schilddrüsensubstanzen. 

Verf.  konnte  einen  peripheren  Regulationsmechanismus  zwischen  Vagus 
und  Sympathikus  nachweisen  derart,  dass  wie  im  Zentralnervensystem  eine 
Steigerung  der  Erregbarkeit  des  einen  Systems  die  Erregbarkeit  des  anderen 
herabsetzt  und  umgekehrt.  Die  in  der  wärmeren  Jahreszeit  beim  Frosch 
fehlende  Vaguswirkung  bzw.  die  verstärkte  Tendenz  des  Herzens  auf  den 
Sympathikusreiz  anzusprechen,  hängt  mit  der  Funktion  der  Schilddrüse  zu¬ 
sammen,  vielleicht  in  der  Weise,  dass  die  im  Winterschlaf  eingetretene 
Involution  der  Schilddrüse  sich  wieder  ausgleicht  und  die  normale  Funktions¬ 
höhe  wieder  erreicht  wird.  Die  Schilddrüsensubstanzen  wirken  auf  die  sym¬ 
pathischen  Nervenendigungen  des  Froschherzens  erregbarkeitssteigernd. 

J  o  a  c  h  i  m  o  g  1  u  -  Berlin:  Weitere  Erfahrungen  über  Digitalis. 

Digitalistinktur  zeigte  nach  einjähriger  kühler  Aufbewahrung  keine  Ab¬ 
nahme  ihrer  Wirksamkeit.  Die  Auswertung  der  Digitalispräparate  am  Frosch 
ergab  im  Hochsommer  wegen  der  veränderten  Reaktion  der  Tiere  zu  geringe 
Werte.  Ausser  den  Herzglykosiden  fanden  sich  keine  für  Frösche  giftige 
Substanzen  in  den  Digitalispräparaten. 

F.  Re  ach- Wien:  Weitere  Untersuchungen  über  den  Choledochus- 
Sphinkter. 

In  früheren  Versuchen  hatte  Verf.  gezeigt,  dass  der  Choledochus-Sphinkter 
bei  Magenfullung  sich  schliesst,  bei  Magenentleerung  sich  öffnet.  Er  fand  das 
gleiche  Verhalten  beim  Meerschweinchen  nach  der  Dekapitation,  also  nach 
Ausschaltung  des  Gehirns. 

H.  R  h  o  d  e  -  Göttingen:  Untersuchungen  über  lokalanästhetische  Wirk¬ 
samkeit  bei  Antipyretizis,  Opiumalkaloiden  und  Salzen. 

W.  Nonnenbruch  -  Wurzburg:  Untersuchungen  über  die  Blutkonzen¬ 
tration.  1.  Mitteilung:  Intravenöse  Salzwassereinläuie  mit  und  ohne  Gummi- 
(Gelatine-)-Zusatz. 

Tierversuche  zeigten,  dass  die  gewöhnlich  benützte  6  proz.  Gummi- 
arabicum-Ringerlösung  (Baylisslösung)  keinen  besonderen  Vorteil  zur 
Auffüllung  des  Gefässsystems  vor  der  gewöhnlichen  Ringerlösung  hat,  da  die 
injizierten  Kolloide  selbst  bald  in  die  Gewebe  gehen  und  damit  ihr  wasser¬ 
bindender  Einfluss  im  Blut  wegfällt.  Nach  der  Entnierung  erfolgte  bei  Ka¬ 
ninchen  ein  starker  Einstrom  von  Wasser,  Kochsalz  und  Eiweiss  in  die  Ge- 
fässbahn,  eine  hydrämische  Plethora.  Vielleicht  ist  auch  die  Anämie  bei 
chronischer  Nephritis  teilweise  auf  eine  solche  zurückzuführen. 


Rosenthal  und  M  e  i  e  r  -  Breslau:  Ueber  den  Reaktionstypus  des 
Gallenfarbstoffs  und  über  die  quantitativen  Verhältnisse  von  Bilirubin  und 
Cholesterin  im  Blut  bei  verschiedenen  Itkerusformen.  ,. 

Beim  Ikterus  der  Neugeborenen  ist  das  Cholesterin  nicht  vermehrt,  die 
direkte  Diazoreaktion  stark  verzögert,  ähnliches  Verhalten  fanden  die  Ver¬ 
fasser  bei  der  Phenylhydrazinanämie  des  Hundes.  Ikterus  nach  loluylen- 
diamin  und  Phosphorvergiftung  zeigte  dagegen  beim  Hunde  den  lypus 
cholämischer  Blutbeschaffenheit  mit  Cholesterinvermehrung  und  direkter  posi¬ 
tiver  Diazoreaktion. 

H.  Freund -Heidelberg:  Studien  zur  unspezifischen  Reiztherapie. 

Verf.  hatte  in  früheren  Untersuchungen  gezeigt,  dass  im  Blut  ausserhalb 
der  üefässbahn  wirksame  Substanzen  durch  Zellzerfall  (beim  denbrinierten 
Blut  hauptsächlich  durch  Blutplättchenzerfall)  entstehen,  die  ähnliche  Wir¬ 
kungen  entfalten,  wie  man  sie  bei  den  Proteinkörperinjektionen  sieht.  F„r 
fand  nun,  dass  diese  wirksamen  Substanzen  extrahierbar  sind.  Beim  nor¬ 
malen  Kaninchen  und  Menschen  fehlen  sie  im  Frischblutextrakt,  jedoch  ge¬ 
lingt  der  Nachweis  dieser  hormonartigen  Stoffe  („Zellzerfallshormone  )  bei 
unspezifischer  Reiztherapie.  Stoffe  von  ähnlicher  Wirkung  entstehen  auch  bei 
der  Organfunktion,  wie  Versuche  am  tätigen,  isolierten  Froschherzen  zeigten. 

O.  Hess-Köln:  Die  Wirkung  intraarterieller  Adrenalininjektion  auf  den 
arteriellen  und  venösen  Blutdruck  beim  Menschen. 

Nach  intraarterieller  Injektion  des  Adrenalins  (in  die  Art.  radial,  oder 
cubital )  war  die  Blutdrucksteigerung  wesentlich  geringer  als  nach  intra¬ 
venöser  oder  subkutaner,  auch  die  typischen  Veränderungen  der  Leukozyten¬ 
kurve  waren  nicht  deutlich  oder  fehlten.  Man  muss  also  bei  Untersuchungen 
des  Adrenalingehaltes  des  Blutes  beim  Menschen  arterielles  Blut  benützen. 

N  o  t  h  m  a  n  n  -  Breslau:  Die  galvanische  Erregbarkeit  des  menschlichen 
Skelettmuskels  nach  intravenöser  Zufuhr  hochkonzentrierter  Kalziumlösungen. 

Es  war  nach  Injektion  von  25  ccm  10  proz.  CaCte-Lösung  beim  Cie- 
sunden  eine  starke  Herabsetzung  der  elektrischen  Erregbarkeit  nachzuweisen, 
die  nach  15 — 20  Minuten  am  stärksten  ist  und  einige  Stunden  anzuhalten 
sc]iejnt  L.  Jacob-  Bremen. 

Zeitschrift  für  Hygiene  und  Infektionskrankheiten.  1921.  94.  Band. 

2.  und  3.  Heft. 

Bruno  L  a  n  g  e  -  Berlin:  Untersuchungen  über  Superinfektion. 

Wenige  Tage  nach  der  ersten  Infektion  eines  Tieres  tritt  vielfach  bere.ts 
ein  Schutz  gegen  eine  nachfolgende  Superinfektion  auf.  Das  ist  aber  nicht 
bei  allen  Infektionen  in  gleichem  Masse  der  Fall.  Bei  der  Hühnercholera 
der  Meerschweinchen  scheint  er  nur  schwach  vorhanden  zu  se:n,  er  war 
auch  gering  bei  Mäusetyphus  und  Gärtnerinfektion.  Ein  hoher  Impfschutz 
zeigte  sich  aber  bei  Streptokokken-  und  Pneumokokkeninfektion  der  Ka¬ 
ninchen.  In  den  Fällen,  wo  der  Schutz  nicht  vorhanden  ist,  sind  die  Be¬ 
dingungen  gegeben,  um  die  Zustände  einer  chronischen,  latenten  oder  rezidi¬ 
vierenden  Infektion  entstehen  zu  lassen. 

H.  M  u  n  t  e  r  -  Berlin:  Ueber  Abspaltung  bakteriolytischer  und  hämo¬ 
lytischer  Ambozeptoren. 

Wieder  freigewordene  Bakteriolysine  Hessen  sich  im  Tierexperiment  und 
auch  in  vitro  nachweisen,  ebenso  gelang  die  Feststellung  abgespaltener  hämo¬ 
lytischer  Ambozeptoren.  Die  Anwesenheit  frischer,  unbeladener  Blutkörper¬ 
chen  ist  dabei  nicht  unbedingt  erforderlich. 

J.  Morgenroth  und  L.  A  b  r  a  h  a  m  -  Berlin:  Depressionsimmunität 
bei  intravenöser  Superinfektion  mit  Streptokokken. 

Nach  einer  Anzahl  von  Versuchen  kommen  die  Verfasser  zu  folgenden 
Schlussfolgerungen:  1.  Nach  subkutaner,  intraperitonealer  und  intravenöser, 
chronisch  verlaufender  Vorinfektion  mit  Streptokokken  tritt  bei  Mäusen 
innerhalb  1—3  Tagen  eine  Immunität  gegen  die  akut  verlaufende  intravenöse 
Nachinfektion  mit  Streptokokken  ein.  2.  Diese  Immunität  (Depressions¬ 
immunität)  führt  zu  einer  mehr  oder  weniger  ausgeprägten  Verzögerung  oder 
auch  zum  Ausbleiben  des  Todes. 

Selma  M  e  y  e  r  -  Düsseldorf :  Ein  experimenteller  Beitrag  zur  Frage  der 
Pathogenität  klinisch  virulenter  und  klinisch  avirulenter  Diphtherlebazillen. 

In  29  schweren  und  leichten  Diphtheriefällen  und  auch  von  Bazillenträgern 
wurden  Tierexperimente  angestellt.  In  den  schweren  Fällen  stimmten  die 
Tierversuche  mit  der  hohen  Pathogenität,  die  sich  beim  Menschen  gezeigt 
hatte,  uberein.  Leichtere  Erkrankugnen  lieferten  nicht  immer  Bazillen  mit 
gleicher  Virulenz,  vielfach  waren  letztere  hochvirulent.  Die  Erreger,  die  man 
aus  Bazillenträgern  oder  Rekonvaleszenten  isolierte,  waren  durchschnittlich 
sehr  pathogen,  so  dass  für  die  Praxis  diese  Kranken  etwa  noch  8  Wochen  lang 
als  Infektionsquellen  angesehen  werden  müssen. 

Willführ  und  W  e  n  d  1 1  a  n  d  t  -  Berlin:  Ueber  Massenerkrankuugen 
durch  Ratinkulturen. 

In  einer  brandenburgischen  Schul-  und  Fürsorgeerziehungsanstalt  er¬ 
krankten  95  Insassen  mit  Fieber,  Erbrechen  und  Durchfall,  nach  Art  einer  Para¬ 
typhusinfektion.  Trotz  mehrerer  ernsteren  Erkrankungen  ist  glücklicherweise 
Niemand  gestorben,  wenn  auch  die  Rekonvaleszenz  länger  dauerte.  Die 
Infektion  ist  zurückzuführen  auf  Reinkulturen  von  Ratinbazillen,  die 
aus  der  dortigen’  Apotheke  entnommen  waren  und  in  der  Anstaltsküche  zu 
Ködern  für  die  Ratten  verarbeitet  worden  sind.  Auf  diese  Weise  gelangten 
die  Bakterien  in  die  für  die  Mahlzeit  zugerichtete  Hauptspeise.  Von  69  Serum¬ 
proben  der  Erkrankten  agglutinierten  84  Proz.  mit  dem  homologen  Ratin¬ 
bazillenstamm.  Mit  verwandten  Stämmen  war  die  Agglutination  viel 
schwächer.  Es  war  also  damit  die  Infektion,  mit  dem  Ratinbazillenstamm 
erwiesen.  Diese  Fälle  mahnen  zur  Vorsicht,  weil  immer  noch  angenommen 
wird,  dass  die  Rattenvertilgungsbakterien  nicht  menschenpathogen  wären. 

A.  Luger,  E.  Landa  und  E.  Silberstein  -  Wien:  Das  Krankheits¬ 
bild  der  experimentellen  herpetischen  Allgemeininfektion  des  Kaninchens. 

Bei  13  Kaninchen,  welche  mit  dem  Inhalt  der  Bläschen  von  Herpes 
f  e  b  r  i  1  i  s  auf  die  Kornea  geimpft  worden  waren,  entwickelte  sich  die  charak¬ 
teristische  Keratitis  und  es  starben  an  der  Infektion  7  Tiere.  Die  Inkubations¬ 
zeit  dauerte  im  Mittel  7 — 14  Tage.  Währenddessen  zeigte  sich  Unruhe,  Erreg¬ 
barkeit,  Zittern  und  Fieber  bis  38  °.  Die  Allgemeinerscheinungen  dauerten 
1 — 5  Tage,  dann  trat  der  Tod  ein.  Eine  Infektion  mit  Gehirn-Rückenmarks¬ 
emulsion  von  verstorbenen  Tieren  gelang  sowohl  bei  intravenöser  wie  sub¬ 
duraler  Einverleibung  Bei  der  Allgemeinerkrankung  konnte  eine  protrahierte 
Attacke  und  ein  paroxysmaler  Anfall  unterschieden  werden,  obwohl  auch  alle 
Uebergänge  zu  sehen  waren.  Mit  dem  Blut,  Gehirn  und  Milzpulpa  ver¬ 
storbener  Tiere  liess  sich  eine  herpetische  Impfkeratitis  an  der  Kornea  hervor- 
rufen. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


95 


A.  I.ug  er  und  E.  La  n  da- Wien:  Ein  Beitrag  zur  Frage  der  Ueber- 
tragbarkeit  des  Herpes  zoster  auf  das  Kanineben. 

Im  Gegensatz  zum  Herpes  febrilis  führte  die  Ueberiinpiung  von 
Biäscheninhalt  des  Herpes  zoster  auf  der  Kornea  des  Kaninchens  zu 
keiner  charakteristischen  makroskopischen  Reaktion.  Die  Kornea  wird  auch 
nicht  immun  gegen  eine  neuerliche  Impfung  mit  Herpes  febrilis.  Auch  eine 
Allgemeininfektion  konnte  nach  der  Impfung  mit  Herpes  zoster  nicht  erzielt 
werden,  ganz  gleichgültig,  ob  mit  Bläscheninhalt  oder  Lumbalflüssigkeit  oder 
Serum  geimpft  wurde.  Die  Zosterkörperchen  von  L  i  p  s  c  h  ii  t  z  konnten 
nur  in  den  Zosterbläschen  'der  Haut  nachgewiesen  werden. 

Fritz  S  i  e  k  e  -  Frankfurt  a.  M.:  Phenolbildung  durch  Bakterien. 

Unter  den  bei  Gesunden  und  Kranken  häufig  auftretenden  Kolibakterien 
fanden  sich  zwei  anscheinend  voneinander  verschiedene  Stäbchen,  die 
Phenol  bilden.  Später  zeigte  sich  auch  die  Phenolbildung  bei  Hühner¬ 
cholera  und  bei  Ozaena.  Die  phenolbildenden  Kolistämme  sind  B  a  c  t.  coli 
phenologenes  und  Bact.  paracoliphenologenes  genannt 
worden.  Um  solche  phenolbildende  Kolistämme  leichter  zu  gewinnen,  wurden 
Nährboden  mit  Tyrosinzusatz  hergestellt,  aus  denen  die  Bakterien  das 
Phenol  abspalten.  Bei  der  Agglutinationsprüfung  ergab  sich,  dass  das  Coli 
phenologenes-Serum  nur  den  homologen  Stamm  agglutinierte  und  einen  Teil 
der  anderen  Coli  phenologenes-Stämme. 

Hans  Reiter  und  Hermann  Osthoff  -  Rostock:  Die  Bedeutung  endo¬ 
gener  und  exogener  Faktoren  bei  Kindern  der  Hilfsschule. 

Die  Verfasser  haben  400  Kinder  einer  Rostocker  Hilfsschule  untersucht 
auf  die  Einflüsse  für  die  Entstehung  des  jugendlichen  Schwach¬ 
sinns.  Sie  sind  dabei  zu  dem  Ergebnis  gekommen,  dass  der  Vererbung 
der  grösste  Einfluss  zuzuschreiben  ist.  Bei  weitem  weniger  kommen  in  Frage 
Geburtstraumen,  konstitutionelle  und  andere  Erkrankungen;  auch  für  Tuber¬ 
kulose  und  Syphilis  finden  sich  keine  besonderen  Anhaltspunkte.  Das  Milieu 
spielt  vielleicht  zwar  eine  Rolle,  aber  ein  entscheidender  Einfluss  konnte  nicht 
machgewiesen  werden.  In  Bezug  auf  die  wirksame  Verhütung  des  Schwach¬ 
sinns  sprechen  sich  die  Verfasser  sehr  pessimistisch  aus.  Die  Besserung  der 
sozialen  Verhältnisse  und  die  Bekämpfung  der  verschiedenen  Krankheiten 
dürften  kaum  eine  wirksame  Prophylaxe  gegen  den  angeborenen.  Schwach¬ 
sinn  sein. 

P.  Schmidt  und  H.  Hoppe-Halle:  Weitere  experimentelle  Studien 
zur  Anaphylaxiefrage. 

Im  Anschluss  an  seine  früheren  Untersuchungen,  hat  Schmidt  neue 
Versuche  mit  einem  nach  Kl  ostermann  völlig  eiweissfrei  gemachtem 
Agar  angestellt  und  fast  regelmässig  tödliche  anaphylaktische  Schocks  aus- 
lösen  können,  bei  Anwendung  inaktiver  Sera  blieb  dagegen  jede  Wirkung  aus. 
Berkefeldfiltration  macht  das  Agaranaphylatoxin  wirkungslos,  es  ist  also  wahr¬ 
scheinlich  nicht  völlig  gelöst.  Die  Wirkung  lässt  sich  am  wahrscheinlichsten 
so  erklären,  dass  ein  Gefässspasmus  eintritt  infolge  der  von  den  Endothelien 
adsorbierten  Agaranaphylatoxinteilchen.  Der  Tod  im  anaphylaktischen  Schock 
ist  ein  ausgesprochener  Erstickungstod,  kein  Herztod. 

K  1  o  s  t  e  r  m  a  n  n  -  Halle:  Ueber  eiweissfreien  Agar-Agar. 

Dem  Verf.  gelang  es  nach  dem  modifizierten  Verfahren  von  M  a  y  r  - 
h  o  f  e  r,  der  die  Stärke  eiweissfrei  machte,  auch  den  Agar  von  Eiweiss  zu 
befreien.  Solcher  Agar  gibt  keine  Ninhydrin-,  B'iuret-  und  Xanthoprotein¬ 
reaktion  mehr,  auch  nicht  die  Reaktion  nach  Lassaign  e. 

Eduard  R  e  i  c  h  e  n  o  w  -  Hamburg:  Untersuchungen  über  das  Verhalten 
von  Trypanosoma  gambiense  im  menschlichen  Körper. 

Nachdem  in  der  sehr  ausführlichen  Arbeit  eine  grosse  Zahl  interessanter 
Einzelbeobachtungen,  die  leider  hier  nicht  Platz  finden  können,  beschrieben 
sind,  werden  auch  Angaben  über  die  Beziehungen  von  Trypanosoma 
gambiense  und  Spirochaeta  pallida  zum  Zentralnervensystem 
gemacht  und  dabei  die  Uebereinstimmung  zwischen  beiden  Parasiten  betont, 
die  darin  liegt,  dass  sie  im  Laufe  der  ersten  Krankheitsmonate  die  Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit  befallen.  Da  beim  Vorhandensein  der  Spirochäten  im  Liquor 
keine  Erscheinungen  von  seiten  des  Zentralnervensystems  aufzutreten 
brauchen,  was  auch  bei  der  Schlafkrankheit  der  Fall  ist,  so  haben  wir  es  in 
beiden  Fällen  mit  einem  Latenzstadium  zu  tun,  aus  dem  im  einen  Falle  die 
schweren  Symptome  der  Schlafkrankheit,  im  anderen  Falle  Tabes  oder 
Paralyse  hervorgehen  können.  Die  Unterschiede  in  beiden  Infektionen  be¬ 
stehen  darin,  dass  bei  der  Zerebrospinalsyphilis  das  latente  Stadium  die  Regel 
ist,  bei  der  Schlafkrankheit  aber  die  Latenz  seltener  eintritt,  ausserdem  ist 
die  Latenzperiode  bei  der  Syphilis  viel  länger. 

Fr.  B  a  u  m  g  ä  r  t  e  1  -  Giessen:  Untersuchungen  über  gattungsspezifische 
Partialfunktionen  des  Typhusimmunkörpers  und  ihren  Einfluss  auf  die  Biologie 
der  Paratyphusbazillen. 

Masaaki  K  o  i  k  e  -  Berlin:  Die  Lebensdauer  der  Schildkröten-  und 
Trompetenbazillen  im  Meerschweinchen  und  ihr  kulturelles  und  biologisches 
Verhalten  bei  Tierpassagen. 

Im  Gegensatz  zu  den  vielbesprochenen  Beobachtungen  Kollos, 
Schloss  bergers  u.  a.,  wonach  Kaltblutertuberkelbazillen  im  Organismus 
des  Tieres  durch  Passagen  die  Pathogenität  von  echten  Tuberkelbazillen  er¬ 
reichen  könnten,  hat  der  Verf.  durch  seine  Versuche  festgestellt,  dass  dies 
weder  bei  den  Friedmannschen  Schildkrötenstämmen 
noch  mit  sog.  Trompetenbazillen  der  Fall  ist.  Interessenten  dieser 
Frage  werden  schon  wegen  der  verschiedenen  Resultate  zwischen  den 
Forschern  nicht  umhin  können,  die  belangreiche  Arbeit  genau  zu  studieren. 
Sie  bietet  ein  reiches  Material. 

G.  S  c  h  r  ö  d  e  r  -  Schömberg:  Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von 
B.  Lang  e:  Weitere  Untersuchungen  über  einige  den  Tuberkulosebazillen  ver¬ 
wandte  säurefeste  Saprophyten.  Band  93,  Heft  1.  1921. 

Bruno  L  a  n  g  e  -  Berlin:  Erwiderung  auf  vorstehende  Bemerkungen 
Schröders.  R.  O.  Neumann  -  Bonn. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  50. 

F.  Kraus  und  S.  G.  Z  o  n  d  e  k  -  Berlin :  Zur  Lehre  vom  Aktionsstrom. 

Zu  kurzem  Bericht  nicht  geeignet. 

A.  H  o  f  f  ni  a  u  n  -  Düsseldorf:  Ueber  Herzschmerzen. 

Der  Herzmuskel  selber  scheint  unempfindlich  zu  sein  im  Gegensatz  zum 
Perikard.  Echte  Herzschmerzen  finden  sich,  soweit  sie  nicht  psycho- 
neurotischer  Natur  sind,  in  der  Hauptsache  bei  Lues  der  Aorta  und  Arterio¬ 
sklerose  der  Kranzarterien.  Sonst  können  sie  vorgetäuscht  sein  durch  Er¬ 
krankungen  der  Thoraxwand  (Interkostalneuralgie,  Erkrankungen  der  Rippen 
und  des  Rippenfells)  oder  des  Mediastinums  (Drüsenschwellungen,  Senkungs¬ 


abszesse)  oder  veranlasst  sein  durch  Hochdrängung  des  Zwerchfelles  infolge 
irgendwelcher  Veränderungen  der  benachbarten  Bauchorgane. 

V.  Schilling-  Berlin:  Ein  „Hämatologisches  Besteck  fiir  die  Praxis“ 
mit  einigen  Neuerungen  für  einfache  Blutuntersuchung. 

Beschreibung  des  Bestecks  und  der  erforderlichen  Technik;  statt  der 
Thoma-Zeiss  sehen  Zählkammer  wird  die  von  B  ü  r  k  e  r  empfohlen. 
Beigegeben  ist  ein  „Zählfenster“  für  Blutplättchenzählung  nach  F  o  n  i  o. 

J.  Bauer-  Wien:  Die  hämoklastische  Krise. 

Der  nach  Einverleibung  von  200 — 300  g  Milch  im  nüchternen  Zustande 
im  Laufe  von  20  Minuten  bis  \XA  Stunden  zu  beobachtende  Leukozytensturz 
gibt  einen  wichtigen  Anhalt  für  eine  Insuffizienz  der  Lebertätigkeit  oder  einer 
Teilfunktion  der  Leber;  sein  Fehlen  ist  jedoch  kein  Beweis  gegen  eine  Leb  :r- 
ir.suffizienz. 

S.  G.  Z  o  n  d  e  k  -  Berlin:  Untersuchungen  über  das  Wesen  der  Vagus- 
iind  Sympathikuswirkung. 

Vortrag,  gehalten  am  24.  X.  1921  im  Ver.  f.  Inn.  Med.  u.  Kindhlk.  in 
Berlin  (Bericht  in  Nr.  44  der  M.m.W.). 

W.  S  c  h  o  1 1  z  und  C.  R  i  c  h  t  e  r  -  Königsberg:  Ueber  die  Wirkung  intra¬ 
venöser  Traubenzuckerinjektionen  auf  die  Haut  und  ihre  Erkrankungen. 

Intravenöse  Traubenzuckerinjektionen,  16 — 30  ccm  einer  50proz.  Lösung 
(—  S — 15  g),  bewirken  einen  Flüssigkeitsstrom  von  den  Geweben  nach  den 
Blutgefässen,  sowie  eine  Leistungssteigerung  in  den  Körperzellen.  Sie  sind 
empfehlenswert  bei  Pemphigus,  ferner  bei  frischen  Ekzemen  und  Dermatitiden 
(auch  Salvarsan-  und  Hg-Exantheme),  welche  der  lokalen  Behandlung  trotzen, 
auch  bei  Ekzemen,  welche  starke  Neigung  zur  Ausbreitung  haben. 

Steinberg  -  Königsberg:  Ueber  die  Erhöhung  der  spirilloziden 
Wirkung  des  Salvarsans  in  Verbindung  mit  Traubenzucker. 

Die  Kombination  des  Salvarsans  mit  Traubenzucker  zur  intravenösen 
Injektion  erzielt  eine  nahezu  doppelt  so  starke  Wirkung  auf  Spirochäten,  als 
Salvarsan  allein. 

E.  W.  T  a  sc  he  n  be  rg  -  München:  Zur  stomachalen  Kampfertheraoie. 
Camphochol,  ein  neues  Kampferpräparat. 

3 — 5  mal  täglich  eine  Camphocholtablette  (1  Tablette  =  0,028  Kampfer) 
wurden  bei  Herzinsuffizienzen,  bei  Angina  pectoris  und  bei  Infektionskrank¬ 
heiten,  Pneumonien,  Sepsis,  Erysipel  und  hochfiebernden  Lungentuberkulosen 
gegeben.  Die  Wirkung  war  im  allgemeinen  günstig,  wobei  einstweilen  dahin¬ 
gestellt  bleiben  muss,  wieweit  sie  das  Herz  selber  oder  das  Hirn  samt  Vaso¬ 
motorenzentrum  betrifft.  Rasch  beseitigt  wurde  die  Digitalisbradykardie. 

P.  B  o  r  i  n  s  k  i  -  Berlin:  Gesundheitsschädliche  Stempelfarben. 

Zwei  neue  Fälle  von  Säuglingsvergiftung  durch  anilinhaltdge  Wäsche¬ 
stempelfarbe  lässt  die  Vermeidung  derartiger  Farben  für  Säuglingswäsche 
notwendig  erscheinen. 

H.  R  o  g  g  e  -  Lübeck:  Das  Kochsalz  in  der  Wundbehandlung. 

Hochprozentige  Kochsalzlösungen  wirken  zwar  keimwidrig,  aber  auch 
stark  reizend.  Sie  sind  daher  nicht  zweckmässig  bei  frischen,  bereits 
infizierten,  noch  nicht  granulierenden  Wunden,  bei  älteren  Wunden  mit  ver¬ 
letzter  Granulationsdecke  und  Neigung  zu  lokaler  oder  allgemeiner  Infekt'on, 
bei  trophischen  und  varikösen  Geschwüren  sowie  bei  septischen  oder 
pyämischen  Wunden.  Für  gewöhnlich  genügen  0,5 — 2  proz.  Lösungen. 

A.  L  i  s  s  a  u  e  r  -  Münsterberg:  Eine  Aenderung  des  Perkussionshammers. 

Verlängerung  des  Stieles  auf  30 — 35  cm;  Erörterung  der  daraus  ab¬ 
geleiteten  Vorteile. 

O.  S  t  r  a  u  s  s  -  Berlin :  Ueber  postoperative  Bestrahlung  des  Karzinoms. 

Verf.  bekennt  sich  als  Anhänger  der  prophylaktischen  Nachbestrahlung, 
die  möglichst  bald  nach  der  Operation  beginnen,  "U  der  Hauteinheitsdosis 
nicht  überschreiten  und  nach  der  6.  Sitzung  für  Vi  Jahr  ausgesetzt  werden 
sollte. 

G.  L  e  d  d  e  r  h  o  s  e  -  München:  Chirurgische  Ratschläge  für  den  Prak¬ 
tiker.  Baum-  Augsburg. 

Medizinische  Klinik.  Heft  52. 

A.  Bum:  Die  Mobilisierung  in  der  Extremitätschirurgie. 

In  der  mobilisierenden  und  immobilisierenden  Behandlung  der  Extremi¬ 
tätenverletzungen  ist  eine  sorgfältige  Individualisierung  Erfordernis;  es  gibt 
keine  Universalmethode.  Nicht  ohne  Bedeutung  ist  auch  hier  die  kritische 
Verwertung  der  Radiologie,  da  anatomische  und  funktionelle  Heilung  nicht 
immer  zusammenfallen. 

F.  Reiche:  Zur  Behandlung  des  Keuchhustens  nach  V  i  o  I  i. 

Die  Behandlung  des  Keuchhustens  mit  dem  Serum  vakzinierter  Kälber 
hatte  in  der  Untersuchungsreihe  des  Verfassers  keinen  Einfluss  auf  die  Zahl 
und  Schwere  der  Anfälle  oder  auf  den  Ablauf  der  gesamten  Erkrankung. 

Nacke:  Seltener  Schwangerschafts-  und  Geburtsverlauf  bei  im  kleinen 
Becken  festgewachsenem  Uterus  myomatosus. 

5/4  Monate  vor  der  (3  Wochen  vor  Schwangerschaftsablauf)  einge- 
leiteten  Frühgeburt  Laparotomie  und  Reposition  des  Uterus  durch  manuelle 
Lösung  der  Verwachsungen.  Später  verlief  die  Wendung  auf  den  Fuss  und 
die  Geburt  ohne  wesentliche  Störung.  Mutter  und  Kind  am  Leben.  Tumor 
macht  jetzt  kaum  Beschwerden. 

F.  Po  r  des:  Methodenwahl  in  der  Röntgendiagnostik.  Die  unzweck¬ 
mässigen  und  die  zweckdienlichen  Wege. 

Ausführliche  Erläuterung  zu  dem  aufgeführten  Schema  und  für  die  Zu¬ 
sammenfassung  des'  gewonnenen  Befundes.  Die  beherzigenswerte  Arbeit  ver¬ 
dient  ausgedehnte  Berücksichtigung. 

L.  Strauss:  Ueber  vergleichende  quantitative  Fermentuntersuchungen 
im  Duodenalsaft  und  den  Fäzes,  zugleich  eine  Kritik  der  Fermentuntersuchungs- 
methoden  im  Stuhl. 

Kritische  Bemerkungen  und  Vorschriften  für  die  Untersuchung  auf 
Trypsin,  Diastase  und  Lipase. 

E.  Runge:  Geburtshilfe  der  Unfallstation.  S. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  49. 

E.  B  o  s  c  h  -  Zürich :  Beitrag  zur  Kasuistik  der  zentralen  Hüftgelenks- 
luxation. 

Verf.  beschreibt  13  Fälle  des  seltenen  Krankheitsbildes,  die  fast  alle 
später  nachuntersucht  werden  konnten. 

H.  Brun-Luzern:  Bemerkungen  zu  der  Publikation  von  Dr.  R.  Gla¬ 
ser:  „Die  Gallensteinkrankheit  und  die  Kolloidschutzlehre  von  L  i  c  h  t  w  i  t  z 
—  Cholsanin“. 

Es  ist  bisher  kein  Beweis  geliefert,  dass  Cholsanin  Gallensteine  auflöst. 
Einen  der  Fälle  G  läse  r  s,  bei  dem  auf  Grund  der  Röntgenuntersuchung 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


Heilung  angenommen  war.  hat  Verf.  später  wegen  sehr  zahlreicher ■  Steine 
operieren  lassen.  Gallensteine  sind  auf  der  Röntgenplatte  leichter  darzustellen, 
wenn  man  das  Kolon  vom  Anus  her  aufbläht,  so  dass  der  rechte  obere 
Quadrant  der  Bauchhöhle  aufgehellt  wird. 

J.  S  t  r  e  b  e  1  -  Luzern:  Phonometrische  Ermüdungsmessungen. 

Zu  kurzem  Referat  nicht  geeignet. 

de  Reynier  -  Leysin:  Nouveau  releveur  de  1  eplglotte. 

J  L.  Jacob  -  Bremen. 

Oesterrelchische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  51,  1921.  B.  L  i  p  s  c  h  ü  t  z  -  Wien:  Zur  Frage  der  experimentellen 

Erzeugung  der  Teerkarzinome.  , 

In  Bestätigung  der  Untersuchungen  anderer  konnte  L.  durch  leerpinse- 
lungen  bei  Mäusen  (45  Proz.)  Neoplasmen  erzielen,  welche  die  Struktur 
teils  von  Karzinomen,  teils  von  Sarkomen  aufwiesen  und  sich  in  einzelnen 
Fällen  subkutan  auf  gesunde  Tiere  transplantieren  bessern  Ausserdem  traten 
ungewöhnlich  geformte  Pigmentflecke  auf,  welche  nicht  durch  direkte  leer- 
wirkung  zu  erklären  sind.  Auch  das  Auftreten  miliarer  Zysten  in  der  Haut 
wurde  in  einem  Fall  beobachtet. 

H  Haar- Wien:  Ueber  den  diagnostischen  Wert  der  Globulinver- 
mehruiig  im  Liquor  cerebrospinalis  bei  Erkrankungen  des  Kindesalters. 

H.  fand  im  wesentlichen  folgendes:  Bei  urämisch-eklamptischen  und  be- 
sonders  gehäuften  spasmophilen  Krämpfen  erreicht  der  Globulingehalt  des 
Liquor  dieselbe  Höhe  wie  bei  Meningitis  tuberculosa.  Bei  funktionellen 
Krämpfen  ist  er  im  Krampfstadium  am  höchsten  und  sinkt  nach  Ablauf  der 
Krämpfe  während  er  bei  Meningitis  tuberculosa  vom  Reizstadium  bis  zum 
Tode  ständig  ansteigt.  Bei  einer  Reihe  von  Erkrankungen  des  Zentral- 
nervensystems  ist  der  Globulingehalt  ebenso  hoch  wie  bei  der  Meningitis 
tuberculosa.  Daher  ist  der  diagnostische  Wert  der  P  a  n  d  y  sehen  Reaktion 
für  die  Meningitis  tuberculosa  zwar  bei  negativem  Ausfall  ziemlich  beträcht¬ 
lich,  in  differentialdiagnostischer  Hinsicht  aber  beschränkt  und  hauptsächlich 
der’  kontinuierliche  Anstieg  der  positiven  Reaktion  von  Bedeutung. 

O.  Sachs -Wien:  Weitere  Beiträge  zur  Anatomie  und  Histologie  des 

weiblichen  Urethralwulstes.  .  ..... 

F.  H  ö  g  1  e  r  -  Wien:  Ueber  perineurale  Antipyrininjektionen  bei  Ischias. 

Die  perineurale  Antipyrininjektion  nach  Heidenhain  hat  in  21  Fällen 
rasche  Heilung  herbeigeführt,  nur  sind  grössere  Dosen  notwendig  (4—5  g 
Antipyrin  auf  10  ccm  Aq.  destill.  mit  Zusatz  von  0,5  1  ccm  einer  0,5  1  prom. 

Novokainlösung,  arn  schmerzhaftesten  Druckpunkt  des  Ischiadikus  am  Gesäss 
mit  langer  Nadel  auf  einmal  einzuspritzen).  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Wiener  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  50.  Klimatotherapie. 

K.  H  e  1 1  y  -  Wien:  Licht,  Luft  und  Volksgesundheit. 

K.  Biehl-Wien:  Höhenklima  und  Ohr. 

F.  Glas- Wien:  Die  Sonnenbehandlung  bei  Kehlkopftuberkulose. 

F.  H  a  n  s  y  -  Semmering:  Die  Indikationen  für  Höhenkuren. 

V.  H  e  c  h  t  -  Semmering:  Ueber  Mastkuren  im  Höhenklima. 

O.  H  o  v  o  r  k  a  -  Gugging:  Unterschied  zwischen  Luft-  und  Sonnen¬ 
bädern.  ,  ,  . 

N.  Jagic  und  G.  Spengler:  Zur  Klinik  des  Klimakteriums. 

P.  L  i  e  b  e  s  n  y  -  Wien:  Kapillarkrelslaufbeobachtungen  im  Höhenklima. 
A.  P  e  t  ö  -  Semmering:  Die  Intrakutanmethode  im  Rahmen  allgemeiner 

Tuberkulosetherapie. 

A.  Pilcz-Wien:  Klimatotherapie  und  Nervenkrankheiten. 

L.  Rethi-Wien:  Die  Bedeutung  der  Höhenkurorte  für  die  Stimme. 

J.  Schütz- Baden  b.  Wien:  Höhenklima  und  Nierenleiden. 

G.  Singer- Wien:  Höhenkuren  und  Krankheiten  der  Verdauung. 

H.  Spitzy-Wien:  Die  Krankheitserscheinungen  und  die  Behandlung 
der  Knochen-  und  Gelenkstuberkulose. 

J.  Sorgo-Wien:  Methodik  der  Behandlung  der  Lungentuberkulose  mit 
Sonnenlicht  und  künstlichem  Licht. 

Nr.  51.  M.  H  e  i  1 1  e  r  -  Wien:  Beeinflussung  des  Pulses  resp.  des 
Herzens  durch  die  normalen  Funktionen  des  Organismus. 

Der  Puls  und  das  Herz  reagieren  in  der  feinsten  Weise  auf  die  ver¬ 
schiedenartigen  Sinnes-  und  psychischen  Eindrücke,  Körperbewegungen, 
Funktionen  des  Magens,  des  Darmes  und  der  Blase,  Denken,  Sprechen  usf., 
und  zwar  durch  Grössenzunahme  des  Pulses  und  gleichzeitige  Verkleinerung 
der  Herzdämpfung  oder  Kleinerwerden  des  Pulses  und  Vergrösserung  der 
Herzdämpfung.  In  ähnlicher  Weise  reagiert  die  Zahl  des  Pulses.  Angabe 
zahlreicher  Beobachtungen  im  einzelnen. 

Nr.  52.  G.  S  c  h  e  r  b  e  r  -  Wien:  Die  Behandlung  der  Skabies  mit  Mitigal. 
Ohne  wesentlich  teuerer  zu  sein  als  andere  Mittel  und  bei  gleicher  Heil¬ 
wirkung  und  Reizlosigkeit  hat  das  Mitigal  den  Vorzug,  die  Berufstätigkeit 
des  Kranken  in  keiner  Weise  zu  beeinträchtigen.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Im  Druck  erschienene  Inauguraldissertationen. 

Universität  Rostock.  1921. 

Pierchalla  Ludwig:  Myasthenia  pseudoparalytica  mit  Thymushyper- 

plasie.  .  .  .  , 

Rohden  Ludwig:  Ueber  Syphilis  congenita  und  ihre  Beziehungen  zur 

Peritonitis  fetalis. 

Schmeertmann  Fritz:  Ein  Fall  von  Bulbärparalysc  bei  rachitischem 
Zwergwuchs. 

Sch  oop  Erich:  Myotonische  Dystrophie  mit  Tetanie. 

Schultz  Wilhelm:  Die  Lehre  von  den  Doppelbildungen. 

Seidel  Franz:  Ueber  verlagerte  Zähne  und  ihre  chirurgische  Bedeutung. 
Soeken  Gertrud:  Zur  Methodik  der  Säureuntersuchung  in  der  Scheide 
und  einige  Resultate. 

Timm  Heinr.  Aug.:  Ein  Fall  von  Tumor  des  linken  Schläfenlappens. 
Vahlensieck  Carl:  Ernährungserfolge  im  2.  Lebensjahre  bei  gesunden 
und  kranken  Kindern. 

Vogelsang  Hildegard:  Ueber  die  zystische  Entartung  der  Myome,  zu¬ 
gleich  ein  Fall  von  zystischem  Riesenmyom. 

Weber  Hanns:  Basedow-Krankheit  mit  Bronchitis  fibrinosa. 

Westphal  Fritz:  Ueber  das  leukozytäre  Blutbild,  insbesondere  die 
Eosinophylie  bei  der  Tuberkulose  im  Kindesalter. 

Wieling  Paul:  Ein  Fall  eines  gutartigen  Epithelioms  der  Haut. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Aerztiicher  Verein  zu  Danzig. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  1.  Dezember  1921. 

Herr  Vorderbrügge:  Ueber  Diagnose  und  Behandlung  der  Finger- 

r  Uebersichtsvortrag.  Hinweis  auf  die  Wichtigkeit  frühzeitiger  Diagnose 
der  einzelnen  Formen  der  Panaritien  und  die  Bedeutung  ihrer  funktions 
erhaltenden  Heilung.  Die  altbewährte  chirurgische  Behandlung  der  Panaritien 
kann  durch  neue  Methoden  (Stauung,  Proteinkörpertherapie  etc.)  nicht  ersetzt, 
sondern  nur  unterstützt  werden.  Das  Sehnenscheidenpanaritium  gehört  in 
klinische  Behandlung  und  soll  von  geübter  Hand  mit  dem  Ziel  der  Erhaltung 
der  Fingerbeweglichkeit  operiert  und  nachbehandelt  werden.  Beim  Knochen- 
panaritium  soll  nach  Entleerung  des  Eiters  die  Sequestrierung  abgewartet, 
nicht  primär  reseziert  werden.  Der  beste  Schutz  für  uns  Aerzte  vor  der 
gefährlichen  Operationsinfektion  ist  subjektive  Asepsis  und  antiseptische  Ver¬ 
sorgung  jeder  kleinsten  Verletzung. 

Herr  Hermann  Stalir:  Ueber  die  Milz  bei  Lymphogranulomatose. 

In  einer  übersichtlichen  Tabelle  wird  erläutert,  welche  Stellung  die 
Lymphogranulomatose  im  System  der  Hämoblastosen  einnimmt.  Klarheit 
konnte  nur  durch  Vermeidung  der  immer  noch  gebräuchlichen  Ausdrucke: 
Pseudoleukämie,  Hodgkin  und  Lymphosarkom  erreicht  werden,  deren  Ge¬ 
brauch  nun  nicht  mehr  zeitgemäss  ist.  Die  jetzige  Einteilung  beruht  auf  der 
feineren  histologischen  und  zytologischen  Diagnostik.  Unter  10  eigenen 
Fällen,  die  demnächst  in  der  „Medizinischen  Klinik“  eine  ausführlichere  Dar¬ 
stellung  finden  werden,  sind  6  Sektionen  enthalten.  Ausser  den  Veränderungen 
an  den  Lymphknoten,  die  besprochen  und  demonstriert  werden,  .ist  am 
wichtigsten  die  spezifische  Erkrankung  der  Milz,  die  in  5  unter  6  Sektions- 
fällen  festgestellt  werden  konnte  und  zwar  2  mal  die  grossknotige  Form 
(Präparate).  Am  Sektionstisch  kann  des  öfteren  nur  vorerst  die  Diagnose 
Hämoblastose  gestellt  werden.  Einzig  die  Erkrankung  der  Milz  liess  es  zu, 
dass  bei  einem  erst  vor  kurzem  erkrankten  42  jährigen  Manne  mit  einer  \  er- 
änderung  der  grossen  Gallengänge  (Photographie),  die  makroskopisch  an 
Karzinom  denken  Hess,  frühzeitig  Lymphogranulomatose  diagnostiziert  werden 
konnte  Eosinophilie  im  histologischen  Bilde  wurde  bei  Spätformen  fast  ganz 
vermisst,  wenn  sie  nicht  durch  Streptokokkeninfektion  kompliziert  waren. 
Des  öfteren  war  die  Leber,  einmal  die  Lunge  beteiligt.  Die  Milz  braucht 
keineswegs  jedesmal  miterkrankt  zu  sein.  Ebenfalls  Angaben,  die  für  mass¬ 
gebend  gehalten  werden,  widerspricht  es,  dass  5  (unter  10)  Patienten  das 
5.  Dezennium  erreicht  hatten,  ein  Mann  war  sogar  56  Jahre  alt. 

Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  17.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r. 

Schriftführer:  Herr  G  r  u  n  e  r  t  und  Herr  W  e  m  m  e  r  s. 

Tagesordnung. 

Herr  H  i  1 1  e  r 

epidemie.  ,  ,  . 

H.  berichtet  von  10  Fällen  epidemisch  auftretender  Myelitiden  mit 
besonderer  Bevorzugung  des  Rückenmarksgraus,  die  bis  auf  einen  Fall  seit 
Februar  1921  auf  der  I.  inneren  Abteilung  des  Krankenhauses  Dresden- 
Friedrichstadt  (Prof.  Dr.  P  ä  s  s  1  e  r)  beobachtet  worden  sind.  Alter  der 
Erkrankten  54—16  Jahre,  nur  ein  6  jähriges  Kind.  6  Fälle  von  Polio¬ 
myelitis  ant.,  3  diffuse  Poliomyelitiden  mit  leichter  Be- 
teiligung  der  weissen  Substanz,  eine  spinale  Blasenlähmung.  Aus  Gründen 
der  Epidemiologie,  des  Alters,  fehlender  Prodrome,  der  Eigenart  und  des 
Verlaufs  der  Lähmungen  erschien  eine  Einordnung  unter  die  n  e  1  n  e  - 
M  e  d  i  n  sehe  Krankheit  nicht  den  Tatsachen  gerecht  zu  werden.  _  Der 
Charakter  der  Erkrankung  zeigte  hingegen  Analogien  zur  Encephalitis 
epidemica.  Unter  Hinweis  auf  die  nicht  seltenen  Uebergänge  von 
Enzephalitis  und  Myelitis  (insbesondere  Poliomyelitis): 
„Enzephalomyelitide  n“,  sowie  auf  analoge  spinale  Erkran¬ 
kungen  der  Literatur  unserer  und  der  früheren  Influenzaepidemien  wird  die 
ausgesprochen,  dass  die  mitgeteilten  Fälle  mit  der  Ence- 
epidemica  eine  ätiologische  Einheit  bilden.  Ein  Zusammen- 
Erkrankung  mit  der  Influenza  wird  als  sehr  wahrscheinlich  an- 
Es  wird  schliesslich  darauf  hingewiesen,  dass  die  nicht  geringe 
Fälle  von  Heine-Medin  scher  Krankheit  bei  Er- 
Zeiten  von  Influenzaepidemien  beobachtet  wurden,  Fälle 


(a.  G.):  Ueber  epidemische  Myelitis  bei  der  Grippe- 


Vermutung 
p  h  a  1  i  t  i  s 
hang  dieser 
genommen. 

Zahl  sporadischer 
wachsenen,  die  zu 


der  mitgeteilten  Art  gewesen  sind.  Die  Schwierigkeit  der  Differentialdiagnose 
könnte  ihre  Erklärung  möglicherweise  in  der  Verwandtschaft  der  fraglichen 
Krankheitserreger  finden  (Ed.  Müller,  Levaditi).  Mancherlei  spricht  dafür, 
dass  eine  nicht  geringe  Anzahl  auch  der  spontanen  Hämatomyelien 
der  Literatur  akute  Myelitiden  (Myelitis  apoplectica  Leyden)  der  gleichen 

Aetiologie  gewesen  sind.  .  ,  i  ^  ...  ...  .. 

Aussprache:  Herr  Arnsperger  berichtet  über  gleichartige 

Krankheitsfälle.  Bei  einem  derartigen  Kranken  war  bemerkenswert,  dass  er 
mehrere  Jahre  vorher  genau  die  gleiche  Erkrankung  durchgemacht  hatte  mit 
Ausgang  in  völlige  Heilung.  Ein  anderer  Kranker  hat  angegeben,  dass  in 
seiner  Wohnung  dauernd  Gasgeruch  bemerkbar  gewesen  wäre  und  führte 
seine  Erkrankung  auf  chronische  Leuchtgasvergiftung  zurück.  Ganz  abzu¬ 
lehnen  ist  die  Möglichkeit  nicht,  da  wir  ja  wissen,  dass  die  Gasvergiftung 
auch  Bilder  machen  kann,  die  der  epidemischen  Enzephalitis  gleich  sind;  es 
wäre  die  Möglichkeit  zuzugeben,  dass  auch  tnyelitische  Veränderungen  gleicher 
Natur  durch  die  Gasvergiftung  zustande  kommen  können.  Bei  einem  weiteren 
Kranken  wurde  eine  antiluetische  Kur  trotz  Fehlens  des  Nachweises  der 
luetischen  Aetiologie  angewandt.  Auffallend  war,  wie  auf  die  Kur  das  bis> 
dahin  nicht  zur  Heilung  neigende  Krankheitsbild  sich  änderte  und  die  Besse¬ 
rung  bis  zu  fast  völliger  Heilung  rasche  Fortschritte  machte.  Bei  dem  ge¬ 
häuften  Auftreten  der  disseminierten  Myelitis,  wie  sie  der  Vortragende  sah, 
ist  die  Annahme  des  Zusammenhanges  mit  der  Encephalitis  epidemica  völlig 
berechtigt,  namentlich  da  ja  dieser  Zusammenhang  bei  ähnlichen  tödlich  ver¬ 
laufenden  Krankheitsfällen  durch  die  pathologisch-anatomischen  Unter¬ 
suchungen  gestutzt  wird. 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


97 


Herr  Pässler:  Die  Hauptfrage,  welche  sich  an  unsere  Beobachtungen 
knüpfte,  war  natürlich  die,  ob  die  Myelitisepidemie  von  dem  Virus  der 
Heine-Medin  sehen  Krankheit  oder  von  dem  Virus  der  jetzt  während 
der  Grippeepidemie  aufgetretenen  Enzephalitis  erzeugt  wurde.  Wenn  sich 
auch  keine  grundsätzlichen  Abweichungen  unserer  Fälle  von  dem  bei  Heine- 
Medin  scher  Krankheit  Möglichen  nachweisen  Hessen,  so  war  doch  vieles 
für  letztere  Krankheit  ungewöhnlich  (vorwiegende  Erkrankung  von  Er¬ 
wachsenen,  in  einigen  Fällen  blitzartiges  Auftreten  ohne  nachweisbare  Vor¬ 
läufer,  häufige  starke  Beteiligung  der  Blase,  überaus  lange  fortschreitende 
Besserung)  so  dass  wir  uns  bis  auf  weitere  Klärung  der  ganzen  Frage  für 
berechtigt  halten,  die  Myelitis  bei  Grippe  von  der  gewöhnlichen  epidemischen 
Kinderlähmung  (Heine-Medin  sehe  Krankheit)  zu  trennen. 

Herrn  Brückner  ist  aufgefallen,  dass  in  den  letzten  vier  Wochen 
besonders  viel  Fälle  von  frischer  Poliomyelitis  in  der  Kinderheilanstalt  zu¬ 
gegangen  sind. 

Herr  A.  Schanz: 'Die  Fälle,  welche  der  Herr  Vortragende  geschildert 
hat,  sieht  man  in  der  orthopädischen  Praxis  mit  gewisser  Regelmässigkeit. 
Um  die  Zeit  des  Kriegsbeginnes  bekam  ich  auffällig  viele  in  die  Hände,  ich 
hatte  damals  den  Eindruck  einer  Art  Epidemie. 

Herr  H  i  1 1  e  r  (Schlusswort). 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  17.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Grosser. 

Herr  v.  Bergmann:  Ueber  essentielle  arterielle  Hypertonie. 

v.  B.  stellt  sich  auf  den  Standpunkt,  dass  die  Abgrenzung  einer  sog. 
„essentiellen“  Hypertonie  klinisch  deshalb  berechtigt  sei,  weil  zahlreiche 
Fälle  von  Blutdruckerhöhung  Vorkommen,  bei  denen  kein  Anhaltspunkt  für 
eine  genuine  arteriosklerotische  Schrumpfniere  oder  eine  allgemeine  Arterio¬ 
sklerose  vorliegen.  Die  Nierenfunktion  ist  in  solchen  Fällen  intakt  und  der 
Schluss,  dass  obwohl  funktionell  keine  Nierenstörung  vorliegt,  dennoch  die 
Blutdruckerhöhung  Folge  einer  am  Lebenden  nicht  nachweisbaren  Nieren¬ 
erkrankung  sei,  in  keiner  Weise  zwingend.  Denn  erstens  fehlt  trotz  aller 
Theorien  noch  immer  eine  einleuchtende  Erklärung  wie  die  Schrumpfniere 
zum  Hypertonus  führt  und  zweitens  ist  die  Feststellung,  dass  Menschen,  die 
jahrzehntelang  eine  Blutdruckerhöhung  haben,  schliesslich  beim  Tode  Ver¬ 
änderungen  der  Niere  zeigen,  die  oft  so  geringfügig  sind,  dass  sie  sich  nur 
mikroskopisch  nachweisen  lassen,  kein  Beweis  für  die  These:  Hypertonie  ist 
Schrumpfniere. 

v.  B.  meint  in  Uebereinstimmung  mit  vielen  Autoren,  dass  der  erhöhte 
Blutdruck  zunächst  funktionell  nur  Folge  der  Enge  der  Arteriolen  sei.  (Der 
Ausdruck  Spasmus  der  Arteriolen  ist  nicht  ganz  glücklich.)  Folge  dieses 
erhöhten  Vasotonus  ist  schliesslich  Abnutzung  der  Gefässe,  anatomische  Ver¬ 
änderung  der  Arteriolen  (J  o  r  e  s).  So  entsteht  erst  in  vielen  Fällen  die 
primäre  Schrumpfniere  als  Folge  essentieller  Hypertonie.  Ja  die  funktionelle 
Enge  der  Gefässe  spielt  auch  noch  während  der  Schrumpfniere  wohl  eine 
wesentliche  Rolle.  Die  Enge  der  Arteriolen  kann  erklärt  werden  durch 
chemischen  Einfluss  auf  die  peripheren  feinsten  Gefässe,  adrenalinoide 
Wirkung  (das  Adrenalin  selbst  ist  es  nicht),  oder  durch  erhöhte  Reizbarkeit 
im  neuromuskulären  Apparat  der  kleinsten  Gefässe  ohne  Vermittlung  eines 
chemischen  Agens,  auch  an  physikalisch-chemische  Faktoren,  an  Ver¬ 
änderungen  in  der  Beziehung  Kapillaren  und  interzellulare  Flüssigkeit  wäre 
zu  denken.  Wieweit  die  Peripherie  primär  die  Arteriolenenge  bedingt,  bleibt 
ganz  hypothetisch.  Dagegen  lässt  sich  schon  heute  für  eine  veränderte  Vaso¬ 
motoreneinstellung  vom  Zentrum  aus  manches  wahrscheinliche  anführen.  Das 
Vasomotorenzentrum  bedingt  beim  Normalen  die  konstante  Einstellung  des 
Blutdrucks,  seine  Lähmung,  z.  B.  Bakterientoxine,  bedingt  Blutdruck¬ 
senkung,  seine  Reizung  Blutdruckerhöhung,  dauernd  erhöhter  Reizzustand  des 
Vasomotorenzentrums  bewirkt  durch  Arteriolenkontraktion  den  Hypertonus, 
ganz  analog  etwa  wie  beim  Fieberzentrum  das  erhöhte  Niveau  der  Febris 
continua.  Misst  man  mehrmals  täglich  den  Blutdruck  der  Hypertoniker,  so 
ist  eine  Hypertonie  vom  Kontinuatypus  nicht  häufig,  immerhin  bei  ausge¬ 
sprochener  Arteriosklerose  und  Schrumpfniere  öfters  zu  finden.  Dagegen 
Schwankungen  so,  dass  abendlich  Erhöhungen,  morgens  Erniedrigungen  be¬ 
stehen  (ganz  wie  bei  der  Regulation  des  Wärmezentrums),  das  häufigste 
Vorkommnis.  In  Praxis  und  Krankenhaus  sind  die  üblichen  Vormittags¬ 
messungen  geeignet,  viele  Fälle  von  Hypertonie  glatt  übersehen  zu  lassen.  Grosse 
intermittierende  Schwankungen  stützen  ebenfalls  die  Lehre  vom  reizbaren 
Vasomotorenzentrum.  (Demonstration  zahlreicher  Beispiele  an  Kurven.) 
Angst  vor  einem  kleinen  Eingriff,  psychische  Emotion,  sofort  beantwortet 
durch  steilen,  gelegentlich  ganz  kurzen  Blutdruckanstieg,  sprechen  neben 
anderen  dafür,  dass  nicht  immer  die  Gefässkrise  den  Schmerz  bedingt,  dass  ; 
auch  der  Schmerz  psychisch  den  Hypertonus  auslöst.  Die  grosse  Bedeutung 
der  von  Affekten  ausgelösten  Erregung  des  Vasotonuszentrums  ist  weit  mehr 
zu  beachten  wie  bisher,  gerade  auch  unter  therapeutischem  Gesichtspunkt. 

Psychische  und  körperliche  Ruhe  senkt  bei  diesen  Kranken  den  Blut-  1 
druck,  ebenso  wie  gelegentlich  die  Narkotika  des  Vasomotorenzentrums. 

Symptom  atolo  gisch  wird  bei  Hypertonikern  auf  schwerste 
Schwindelanfälle  hingewiesen,  die  zerebellaren  Eindruck  machen.  Auch 
Schmerzzustände  nicht  nur  am  Herzen  und  im  Abdomen  („Angina  pectoris“, 
„abdominis“),  auch  in  den  Beinen,  im  Kreuz,  einseitig  in  der  Hüfte,  lumbago¬ 
ähnlich  und  im  Hinterhaupt.  Offenbar  alles  lokalisierte  Angiospasmen,  zu 
denen  der  Hypertoniker  disponiert  ist;  auch  die  sog.  pseudourämischen 
Aequivalente  V  o  1  h  a  r  d  s  gehören  hierher. 

Ob  die  essentielle  Hypertonie  als  Krankheitseinheit  gelten  darf,  bleibe 
dahingestellt.  Ob  sie  nur  als  pathologische  Reaktion  des  Vasomotoren¬ 
zentrums  aufzufassen  ist,  bleibt  ebenfalls  zweifelhaft.  Auch  die  Ursachen 
dieser  Erregbarkeit  können  mannigfach  sein.  Zunächst  scheint  dem  Vor¬ 
tragenden  aber  ein  Fortschritt  gegeben,  wenn  gerade  durch  das  Studium 
ständiger  Blutdruckkurven  bei  der  Hypertonie  das  Interesse  sich  auf  die 
Zustände  im  Vasomotorenzentrum  konzentriert  und  die  Hypertonie  in  ihrer 
klinischen  Symptomatologie  wie  in  ihrer  Pathogenese  und  nach  therapeuti¬ 
schen  Gesichtspunkten  ausgebaut  wird,  als  wäre  sie  ein  Leiden  sui  generis, 
als  dessen  Folgen  Arteriolosklerose  und  Schrumpfniere  erscheinen. 

Analogien  zur  Lehre  vom  Fieber  als  der  veränderten  Einstellung  der 
Wärmeökonomie  vom  Wärmezentrum  aus  und  zur  Lehre  vom  Diabetes,  als 
der  geänderten  Kohlehydratmobilisierung  vom  Zuckerzentrum  aus  (Claude 


B  e  r  n  a  r  d),  ja  der  Auffassung  des  Diabetes  insipidus  als  einer  Störung  in 
der  zentralen  Regulation,  werden  auch  das  Problem  der  zentral  erfassten 
Hypertonie  fördern. 


Aerztlicher  Verein  in  Hamburg 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  3.  Januar  1922. 

Herr  Gross  zeigt  a)  einen  Patienten  mit  operativ  geheilter  Gallen¬ 
fistel,  b)  einen  Heftpflasterverband,  der  bei  Rippenfrakturen  den  Thorax  in 
Insprirationsstellung  fixieren  soll. 

Herr  D  r  e  i  f  u  s  s  stellt  einen  Fall  vor,  bei  dem  er  eine  Hernla  encystlca 
operiert  hat.  Wie  meist  in  diesen  Fällen,  konnte  die  Diagnose  erst  bei  der 
Operation  gestellt  werden. 

Herr  Könitz  zeigt  einen  Fall  von  chronischer  gutartiger  Hyperthyreoidie 
Hertoghe.  Die  Erkrankung  begann  im  Jahre  1892,  und  bis  vor  wenigen 
Wochen  konnte  der  Kranke  noch  seinem  Beruf  als  Maschinenbauer  nachgehen. 
U.  a.  zeigte  der  Kranke  erhöhte  Zuckertoleranz,  psychische  Verlangsamung, 
erheblich  unter  der  Norm  gelegenen  Grundumsatz,  verzögerte  Flüssigkeits¬ 
ausscheidung  beim  Wasserversuch,  schlechtes  Konzentrationsvermögen.  Be¬ 
sonders  an  den  beiden  letztgenannten  Erscheinungen  konnte  der  Erfolg  der 
Schilddrüsentabletten  ziffernmässig  demonstriert  werden. 

Herr  Embden  zeigt  einen  Fall  von  Manganvergiftung  bei  einem 
Braunsteinmüller.  Seit  seiner  ersten  Publikation  waren  infolge  der 
gewerbehygienischen  Massnahmen  solche  Vergiftungen  nicht  mehr  vorge¬ 
kommen.  Jetzt  wird  statt  des  südrussischen  der  stark  staubende  brasi¬ 
lianische  Braunstein  verarbeitet,  wodurch  wohl  das  neuerliche  Vorkommen 
eines  solchen  Falles  bedingt  ist.  Erstes  Symptom  war  Stottern;  daran 
schlossen  sich  an  Paralysis  agitans  erinnernde  Symptome,  Aktionstremor  be¬ 
sonders  bei  Verrichtungen  mit  erhobenen  Armen,  Mikrographie.  Berufs¬ 
wechsel  verhindert  zwar  das  Fortschreiten  der  Krankheit,  die  vorhandenen 
Symptome  werden  aber  nicht  beeinflusst. 

Herr  Schottmüller  berichtet  über  die  neuerliche  Influenzaepidemie. 
Influenzabazillen  wurden  nur  in  einem  Teil  der  Fälle  gefunden.  Das  Blut  war 
stets  steril.  Der  Erreger  dürfte  ein  filtrierbares  Virus  sein,  das  die  An¬ 
siedlung  von  Strepto-  und  Pneumokokken  und  von  Influenzabazillen  be¬ 
günstigt. 

Herr  Schmilinsky  berichtet  über  einen  Fall  von  Oesophago- 
Duodenalfistel  infolge  von  Syphilis.  Der  betreffende  Kranke  hat  gelernt,  durch 
bestimmte  Körperhaltung  beim  Essen  das  Hineingelangen  der  Speisen  in  die 
Luftwege  zu  vermeiden.  Bei  gelegentlichem  Erbrechen  gelang  ihm  dies  nicht. 

Besprechung  des  Vortrags  des  Herrn  Much:  Das  Neueste  über 
Wesen  und  Wert  der  Vakzinetherapie. 

Herren  Dreifuss,  Matthae  i.  E.  F.  Müller,  Richter, 
Wichmann,  Delbanco.  Barfurth,  Peiser. 

Fr.  W  o  h  1  w  i  1 1  -  Hamburg. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  7.  Dezember  1921. 

Herr  Biedermann:  Die  Behandlung  der  Zwerchfellhernien. 

Vortragender  operierte  vor  1/4  Jahren  eine  Hernia  diaphragmatica  trau¬ 
matica  falsa,  die  nach  Schussverletzung  entstanden  war.  Vorstellung  des 
geheilten  und  beschwerdefreien  Patienten.  Operation  erfolgte  vom  Bauche 
aus.  Schnitt  nach  Marwedel.  Durch  eine  für  die  Faust  durchgängige 
Lücke  im  Zwerchfell  waren  21 3  vom  Magen,  die  Milz,  Dickdarm  und  ein 
Netzzipfel  hindurchgetreten.  Naht  mit  Seidenknopfnähten.  Zur  Entspannung 
der  Naht  Rippenresektion  und  Infraktion  des  Rippenbogens.  Dauererfolg. 
Drei  Diapositive. 

Herr  Co  bet:  Ueber  die  therapeutischen  Eingriffe  bei  Pleuraerkran¬ 
kungen. 

Erscheint  in  der  Med.  Kl. 

Herr  Giese:  Ueber  gerichtsärztliche  Kunstfehler. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  20.  Oktober  1921. 

Herr  Brandt  demonstriert  einen  Patienten,  bei  dem  ein  eitriger  Bubo 
inguinalis  mit  Hilfe  des  W  e  1  a  n  d  e  r  sehen  Verfahrens  (Sticheröffnung  und 
Injektion  von  Arg.  nitric.  3:  1000  in  die  Eiterhöhle)  in  10  Tagen  ohne  Berufs¬ 
störung  zur  Heilung  gebracht  wurde  und  empfiehlt,  dieses  praktische  und 
bequeme  Verfahren  nicht  in  Vergessenheit  geraten  zu  lassen. 

Herr  Rahnenführer:  Ein  Fall  von  Brown-Sequard  scher 
Halbseitenläsion  infolge  Schussverletzung  des  Halsmarks. 

Der  Med.  Klinik  Altstadt  (Prof.  O  1 1  e  n)  wurde  ein  ehemaliger  Soldat 
zur  Begutachtung  überwiesen,  der  August  1917  durch  Granatsplitter  an  beiden 
Armen  und  am  linken  Unterschenkel  verwundet  war.  Gleichzeitig  war  eine 
schlaffe  Lähmung  beider  Arme  und  Beine  aufgetreten,  die  sich  allmählich 
zurückbildete.  Bei  der  jetzigen  Untersuchung,  4  Jahre  nach  der  Verletzung, 
fand  sich :  Herabsetzung  der  Schmerz-  und  Temperatur¬ 
empfindung  auf  der  rechten  Körperhälfte  von  der  Höhe  der  3.  Rippe 
resp.  2.  Brustwirbels  an  abwärts,  in  der  Mittellinie  scharf  begrenzt;  keine 
Störung  der  Berührungsempfindlichkeit;  Motilität  und  Re¬ 
flexe  rechts  normal.  Auf  der  linken  Seite  stark  gesteigerte  Periost-, 
Patellar-  und  Achillessehnenreflexe,  Fussklonus  und  positiver  Babinski;  ferner 
Parese  des  linken  Armes  mit  Beugekontraktur  der  Finger  und  Lähmung  des 
linken  Fusses.  Dazu  Pupillendifferenz  und  neuerdings  Anfälle  von  Be¬ 
wusstlosigkeit  und  Krämpfen.  Aus  den  Schussverletzungen  an  beiden  Armen 
und  am  linken  Unterschenkel  liess  sich  der  neurologische  Befund  nicht  er¬ 
klären. 

Die  Kreuzung  der  sensiblen  und  motorischen  Lähmung  wies  vielmehr 
auf  eine  Brown-Sdquard  sehe  Halbseitenläsion  des  Halsmarkes  hin. 
Deshalb  Röntgenaufnahmen  der  Halswirbelsäule,  die  einen  linsengrossen,  drei- 


98 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


eckigen  Granatsplitter  in  Höhe  des  5—6.  Halswirbels  im  Bereiche  des .  Hals- 
markes  selbst  erkennen  Hessen.  (Demonstration  der  Röntgenaufnahme  .) 

Der  kleine  Splitter  hatte  vermutlich  eine  so  geringe  äussere  Verletzung 
verursacht,  dass  sie  von  den  Untersuchern  ganz  übersehen  wurde  und  auch 
dem  Patienten  von  einer  solchen  Verletzung  nichts  bekannt  wai. 
dem  Als  Ursache  der  ursprünglichen  Tetraplegie  war  früher  eine  Verletzung 
des  Rückenmarkes  durch  Sturz  auf  den  Rücken  angenommen  worden.  Von 
einer  Extraktion  des  Splitters  wurde  jetzt  Abstand  genommen,  da  es  schwer 
sein  dürfte,  den  kleinen  Splitter  ohne  eine  neue  Läsion  von  Nervenbahnen  zu 

entfernem  die  Wichtigkeit  einer  rechtzeitigen  radiologischen 

Untersuchung  bei  unklaren  Erkrankungen  des  Rückenmarkes,  wenn  ana¬ 
mnestisch  ein  Trauma  in  Betracht  kommt. 

Herr  Böge:  Echinokokkus  der  Wirbelsäule  und  des  Rückenmarks. 

B.  berichtet  über  einen  Fall  von  Echinokokkus  der  Wirbel saule  bei  einem 
4»  iähr  Mälzer,  der  am  18.  IV.  1921  in  die  Medizinische  Klinik  Altstadt  (Prof. 
Otten)  kam.  Es  bestand  bei  dem  schwer  kachektischen  Kranken  eine  in 
wenigen  Wochen  entstandene  spastische  Paraplegie  beider  Beine  und 
Steigerung  der  Sehnenreflexe:  Babinski  beiderseits  positiv,  Sensibilität t  fu 
alle  Qualitäten  vom  6.  Dorsalsegment  ab  vollkommen  aufgehobem  ^"ho 
alvi  et  urinae.  Elektrische  Untersuchung  an  den  Beinen  o  B  .  KLop  a 
lichkeit  des  6—9.  Brustwirbeldornfortsatzes,  ausserdem  Defekt  m  der  8  Rippe 
in  der  linken  vorderen  Achsellinie,  aus  dem  sich  die  Lunge  wie  eine  Hernie 
vorwölbte.  Auf  dem  Röntgenbild  der  Wirbelsäule  zeigt  sich  unscharfe  B  - 
grenzung  der  Umrisse  des  5.-7.  Brustwirbels  mit  tedweiser  Zerstörung  der 
Brustwirbelkörper.  Thoraxaufnahme  zeigte  links  in  Hohe  der  6  9.  R I  pp 

dichten,  breiten  Schatten,  der  sich  vom  Hilus  zur  Peripherie  hinzieht.  Exitus 

^Nach  dem  klinischen  und  radiologischen  Befund  wurde  angenommen: 
teilweise  Zerstörung  des  5.-7.  Brustwirbelkörpers  durch  bösartige  Neu¬ 
bildung,  Zerstörung  des  Brustmarkes  durch  Kompression  oder  Tumormassen 
in  Höhe  des  6.  Dorsalsegmentes.  Metastase  in  der  linken  Thoraxwand  mit 
Zerstörung  der  8.  Rippe.  Sektion:  Bestätigung  des  klinischen  Befundes  nur 
hinsichtlich  der  Aetiologie  jetzt  erst  völlige  Klärung:  Unter  der  Pleura 
deV  6—9  Rippe  von  der  Achsellinie  bis  zur  Wirbelsäule  grosse  Hohle  mit 
zahllosen  Echinokokkusblasen  verschiedener  Grösse  Teilweise  Zer¬ 
störung  des  5.  und  6.  Wirbelkörpers  durch  Echinokokkusblasen  ipi  7  und 
9.  Brustwirbelkörper  je  eine  pfennigstückgrosse  Fistelöffnung  m  den  Wirbel- 
kanal  hinein.  Kompression  des  Rückenmarkes  an  diesen  Stellen  durch 
Echinokokkusblasen  mit  Nekrose  und  Leukozyteninfiltration  der  weissen  und 
grauen  Rückenmarkssubstanz.  Infektionsmodus  nicht  ermittelt.  (Demon¬ 
stration  der  Röntgenbilder  und  einer  Skizze  des  Sektionsbefundes.) 

Herr  Otten:  Zur  Diagnose  und  Therapie  der  Herzklappenfehler. 

O.  beginnt  eine  Vortragsreihe  über  Diagnose  und  Therapie  der  flerz- 
klappenfehler  mit  einer  Besprechung  der  Untersuchungsmethoden,  die  uns 
über  dieürösse.  LageundFormdesHerzen  s  Aufschluss  geben. 
Nach  einer  kritischen  Würdigung  der  Perkussions  methoden  erörtert  O. 
eingehender  Technik  und  Bedeutung  der  Orthodiagraphie  und  re  r  n  - 
Photographie  für  die  Untersuchung  des  gesunden  und  kranken  Herzens. 
Verwertbare  Ergebnisse  erhält  man  mit  der  Orthodiagraphie  nur  bei  voller 
Beherrschung  der  Methode  und  wenn  es  gelingt,  die  Herzumrisse  möglichst 
vollständig,  insbesondere  die  oft  im  Zwerchfellschatten  liegende  Herzspitze 
darzustellen.  Die  bei  der  Ausmessung  des  Orthodiagramms  gewonnenen  sog. 
Normalzahlen  sind  wegen  der  von  verschiedenen  Bedingungen  abhängigen 
Schwankungen  kritisch  zu  verwerten.  Technisch  einfacher  und  objektiver  ist 
die  Herzfernphotographie  in  2  m  Abstand.  Gegenüber  diesem 
Verfahren,  das  nur  ein  Momentbild  liefert,  gestattet  die  Orthodiagraphie  gleich¬ 
zeitig  die  Betrachtung  des  tätigen  Herzens.  Ebenso  wichtig  wie  die  Be¬ 
stimmung  der  Herzgrösse  und  der  Lage  des  Organs  im  Thorax,  ist  dei  duicli 
beide  Verfahren  gewährte  Aufschluss  über  die  Herz  form,  sowohl  im 
Frontalbild  wie  in  den  verschiedenen  Durchleuchtungsrichtungen.  O.  führt  im 
Lichtbild  eine  Reihe  von  orthodiagrapliischen  und  Herzfernaufnahmen  vor  und 
weist  besonders  auf  die  für  verschiedene  Herzklappenfehler  und 
andere  Herzerkrankungen  charakteristischen  Formveränderungen  hin. 

Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Gemeinsame  Sitzung  mit  der  Rhein,  naturforschenden 
Gesellschaft  Mainz  am  2.  November  1921. 

Herren  S  c  h  m  i  d  t  g  e  n  und  Gg.  B.  G  r  u  b  e  r  sprechen  über  innere 
Sekretion,  speziell  über  das  Steinach  sehe  Verjüngungsproblem. 

Schmidtgen  erklärt  zunächst  den  Begriff  „innere  Sekretion  , 
schildert  dann  ihre  Bedeutung  hinsichtlich  der  Keimdrüsen  und  der  sekun¬ 
dären  Geschlechtsmerkmale,  wie  sie  sich  aus  Kastrations-  und  Wieder¬ 
einpflanzungsversuchen  im  Experiment  dargetan  hat.  Hier  sind  von  be¬ 

sonderem  Interesse  die  Steinach  sehen  Experimente  über  Maskulimerung 
und  Feminierung  an  Meerschweinchen,  desgleichen  die  G  o  o  d  a  1  e  sehen  Vei- 
suche  an  Hähnen.  Steinachs  Verjüngungsversuche  an  Ratten  zeigen, 
dass  gewisse  Erscheinungen  des  Alters  auf  die  Atrophie  oder  Degeneiation 
von  endokrinen  Drüsen  und  damit  zusammenhängender  Verminderung  der 
Hormonbildung  zurückgeführt  werden,  dass  ausserdem  diese  sexuellen 
Ausfallserscheinungen  für  einige  Zeit  durch  erneute  Hormonbildung  behoben 
werden  können.  Durch  Ligatur  des  Samenabführungsweges  beim  Männchen 
oder  durch  Implantation  lebensfrischer  Keimdrüsen  wurde  solche  neue 
Hormonisierung  erreicht.  Schleid  t  hat  am  S  t  e  i  n  a  c  h  sehen  Ratten¬ 
material  gezeigt,  dass  der  Effekt  solchen  Vorgehens  komplizierter  Natur  ist, 
insoferne  es  sich  um  eine  Beeinflussung  der  Korrelation  verschiedener 
inkretorischer  Drüsen  handelt.  Auch  die  Harms  sehen  Versuche  an 
Hunden  werden  gewürdigt,  welche  für  die  Steinach  sehe  Deutung  der 
Verjüngungsexperimente  eine  Beschränkung  auf  die  Sexualsphäre  gezeigt 
haben.  Vortragender  vertritt  die  Anschauung,  dass  durch  Steinachs 
Versuche  nur  eine  partielle  Verjüngung  bei  Ratten  bewiesen  ist,  nämlich 
soweit  die  Alterserscheinungen  tatsächlich  Folge  eines  Ausfalls  endokriner 
Drüsenfunktion  sind.  Trotz  dieser  Einschränkung  sind  die  Steinach  sehen 
Forschungen  für  die  Kenntnis  der  Biologie  der  Inkretion  von  grossei  Be¬ 
deutung.  ,  ,  _  ,  .  .  , 

Gg.  B.  Gr  über  bespricht  die  Deutung,  welche  Steinach  und 
Kämmerer  den  Rattenverjüngungsversuchen  gegeben  haben.  Leider  lassen 


Steinachs  Ausführungen  einen  Mangel  in  der  histologischen  Befun  - 
darstellung  erkennen;  noch  mehr:  sie  bringen  Behauptungen  über  histologische 
Details  besonders  der  weiblichen  Keimdrüsen,  welche  von  histologischer  und 
pathologisch-histologischer  Seite  nicht  als  richtig  aner^"nt  J  a"c  h  s 

Dies  echt  sowohl  aus  der  S  t  i  e  v  e  sehen  Kritik  der  Deutung  Steinach, 
hervor  als  aus  den  Bekundungen  der  verschiedensten  Pathologen,  auf  der 
Jenaer’  Pathologentagung  1921.  Die  Zwischenzellen  des  H°^.ns  .sl^t  ^ 
die  Träger  der  Inkretion  der  Sexualhormone.  Sie  wirken,  wohl  als  nutntive 
Flemente  mit  den  Zellen  des  generativen  Bodenanteils  zusammen.  Von  der 
Anwesenheit  und  Beschaffenheit  und  Regenerationsfähigkeit  des  Keimepithels. 
b/w  von  der  Resorption  seiner  Stoffwechselprodukte  mögen  jene  Erschei¬ 
nungen  abzuleiten  sein,  welche  sich  imSteinach  sehen  Rat  enverjungungs- 
versuch  zeigten.  Besondere  weibliche  „Zwischenzeiten  entsprechend  den 
L  e  v  d  i  g  sehen  Zellen  des  Hodens  sind  unbekannt.  Es  gibt  eben  keine 
Pubertätsdrüse.  Ein  Vorkommen  dieser  fraglichen  Zellen  im  Homosexuellen¬ 
hoden  ist  nicht  bestätigt  worden.  Die  Schlüsse  über  Homosexualität,  'welche 
allzu  differenziert  aus  Steinachs  interessanten  Arbeiten  und  aus 
L  chtensterns  Hodentransplantation  auf  Homosexuelle  gezogen  worden 
sind  mü’ssen  auf  ihre  Berechtigung  noch  sorgfältigst  geprüft  werden.  Die 
Kämmerer  sehen  Ausführungen  über  Anwendung  des  Ver!U,1^u”^' 
gedankens  auf  den  Menschen  sind  verfrüht.  Die  Mitteilungen  S  t  e  l  n  a  c  h  s 
über  erfolgreiche  derartige  Operationen  bei  Männern  können  völlig  zwanglo. 
find  näherHegend  erklärt  werden;  hier  muss  weitere  Erfahrung  abgewartet 
werden  an  Beobachtungen,  die  eindeutiger  sind  Die  Anwendung  des 
Problems  auf  das  Weib  mittels  Röntgenbestrahlung  hat  ja  schon  S  t  e  i  n  a  c  h 
nur  ganz  vorsichtig  angedeutet.  Auch  ihr  Ergebnis  ist  mehrdeutig  und  zudem 
fraglich,  ja  nicht  ungefährlich.  Die  Ovarientransplantation  ist  mangels  Ueber- 
oflanzungsmaterials  praktisch  kaum  in  Frage  zu  ziehen.  Der  Kämmerer 
sehe  Hinweis  auf  erfolgreiche  amerikanische  heteroplastische  Ovarien- 
hnpbntation  von  der  Ziege  auf  den  Menschen,  deren  Erfo  g.  wie  er  sich  in 
der  Diskussion  eines  in  Mainz  gehaltenen  populären  Vortrages  ausdrucktt 
nur  eine  Frage  der  chirurgischen  Geschicklichkeit  und  Asepsis  sei,  ist  in 
jeder  Richtung  höchst  fragwürdig.  Eine  Lebensverlangerung  bautet  .^e{ 
St  ein  ach  sehe  „Verjüngung“  wohl  kaum.  S  t  e  l  n  a  ch  s  Verdienst  auf 
dem  Gebiet  der  inkretorischen  Keimdrüsentätigkeit  muss  durchaus  anerkannt 
werden’  aber  die  Deutung,  die  er  und  seine  Schule  dem  experimentellen 
Effekt  gegeben  haben,  ist  offenbar  irrtümlich,  die  Verheissung  einer  Lebens¬ 
verlängerung  durch  Anwendung  der  Experimente  auf  den  Menschen  ^un¬ 
bedingt  verfrüht.  _ _ _ 

Aerztlicher  Verein  zu  Marburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  23.  November  1921. 

Herr  Schwenkenbecher:  Keuchhusten  bei  Erwachsenen. 

Vortragender  berichtet  über  eine  kleine  Keuchhustenendemie  in  seiner 
Familie,  deren  Entstehung  er  in  längerer  Reihe  verfolgen  konnte.  Habei 

zeigte  es  sich,  dass  die  Erkrankung  eine  auffallend  grosse  Anzahl  von  E 

wachsenen  befallen  hatte.  .  i, *,.«««.,  al«  im 

Der  Keuchhusten  der  Erwachsenen  war  und  ist.  sicher  häufiger  als  im 

Allgemeinen  vermutet  wird.  Zeitweilig  aber  scheint  sich  auch  sein  Uharakter 
zu  verändern,  so  dass  aus  der  sonst  zumeist  auf  das  Kindesalter  beschrankten 
Infektion  eine  epidemieartige  Erkrankung  wird,  die  auch  Erwachsene  in 

grosser  Zahl  ergreift,  sofern  diese  sich  noch  nicht  durch  eine  uberstandene 
Pertussis  eine  dauernde  Immunität  gesichert  hatten. 

Herr  R  u  e  t  e:  Demonstration  der  Hofiraann  sehen  Leuchtbildmethode. 

R  geht  kurz  auf  die  Ausdehnung  der  Dunkelfelduntersuchungen  auf  ge¬ 
färbte  Ausstriche  und  Schnittpräparate  ein,  erläutert  die  Wichtigkeit  der  Ein¬ 
fügung  der  halbgeölten  Mattscheibe,  erwähnt  die  B  e  r  e  k  sehen  Unter¬ 
suchungen  (nicht  Fluoreszenz,  sondern  selektive  Beugung)  und  dl® 
schichte  der  Leuchtbildmethode  (Arinng,  S  i  e  d  e  n  topf,  O  e  1  z  e). 
Darauf  werden  die  Vorzüge  der  Beobachtung  im  farbigen  Licht  durch  Ein¬ 
schieben  von  farbigen  Filtern,  durch  die  der  Untergrund  bei  richtiger  An¬ 
wendung  vollkommen  zum  Verschwinden  gebracht  werden  kann,  besprochen. 

Die  Methode  hat  sich  bis  jetzt  bei  der  Untersuchung  auf  Tuberke  1- 
bazillen,  die  nach  Zieht  gefärbt  und  mit  blauem  Filter  betrachtet,  auf  voll¬ 
kommen  dunklem  Grunde  grünlich  hell  aufleuchten,  bewahrt.  Ferner  leistet 
sie  gute  Dienste  bei  der  Untersuchung  auf  Spirochaeta  pallida.  sowohl  im 
Schnitt  nach  L  e  v  a  d  i  t  i  wie  im  Ausstrich  nach  Schaudinn,  F  o  ntan  a, 
G  i  e  in  s  a  usw  gefärbt.  Die  Methode  ist  von  Wichtigkeit  zur  Fruherkennung 
der  Syphilis,  da  der  praktische  Arzt  jetzt  nur  auf  Objektträger  ausgestrichenes 
Reizserum  einzusenden  braucht,  das,  gefärbt  im  Dunkelfeld,  mehr  Spirochäten 
erkennen  lässt  als  im  Hellfeld. 

Nach  B  e  r  e  k  eignet  sich  die  Methode  besonders  gut  zu  Unterrichts- 
und  Demonstrationszwecken,  da  durch  Einschieben  geeigneter  Filter  das  Nicht¬ 
gewünschte  zum  Verschwinden  gebracht  werden  kann,  so  dass  nur  das,  was 
gezeigt  werden  soll,  übrig  bleibt.  Durch  Einschalten  des  Hellfeldes  kann 
dann  das  Objekt  leicht  erkannt  werden.  Demonstration  von  Präparaten. 

Diskussion:  Herr  Kein  in  g:  Die  Demonstration  wird  im  Gegen¬ 
satz  zur  herrschenden  Meinung  beweisen,  dass  fixiertes,  gefärbtes 
Material  brauchbare  Dunkelfeldbil  de  r  gestattet,  nicht 
jedoch,  dass  man  in  geeigneten  Fällen  mehr  sieht.  Nur  eigenes 
Erproben  der  Methode  unter  Wahrung  günstiger  optischer  Be¬ 
dingungen  kann  diesen  Beweis  erbringen.  Einen  grossen  Fort¬ 
schritt  für  das  Leuchtbild  bedeutet  die  F  ar  bi  ilt  er  metho  de 
nach  Berek.  Sie  gestattet  nicht  nur  eine  befriedigende  Erklä¬ 
rung  der  optischen  Phänomene  im  farbigen  Dunkelfelde,  sondern  bedeutet 
gleichzeitig  auch  eine  wesentliche  Bereicherung  unserer 
Mikroskopietechnik.  Dem  Kliniker  und  Naturwissenschaftler  wer¬ 
den  neue  Wege  für  zahlreiche  Spezial  untersuch  u  n  g  e  n  er¬ 
öffnet  Die  für  das  Dunkelfeld  brauchbaren  Farbstoffe  können 
spektral  analytisch  ausgesucht  werden,  während  sie  früher  durch 
wahlloses  Probieren  gefunden  werden  mussten.  F  ar  blösungen 
mit  scharfgetrennten  Absorptionsstreifen  im  Sjrektrum  er¬ 
möglichen  deutliche  Koutrastfärbungen  im  Dunkelfeld.  Bei 
verschleierten  resp.  teilweise  übereinandergelagcr- 
ten  Absorptionsstreifen  mancher  Farbstoffe  können  durch  Zwischen- 
Schaltung  passender  farbreiner  Filter  mit  trennenden 
Absorptionsstreifen  deutliche  Kontraste  erzielt  werden.  Durch  ent- 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


99 


sprechende  Filter  können  Farbkomponenten  des  farbigen 
Dunkelfeldleuchtbildes  ausgelöscht  resp.  verstärkt  werden,  so  dass 
man  objektive  Rückschlüsse  auf  die  selektive  Färbbar¬ 
keit  eines  Gewebes  oder  Gewebselementes  ziehen  kann. 
—  Das  Ausgeführte  wird  an  Hand  der  Demonstrationsobjekte  von  Herrn 
R  u  e  t  e  praktisch  vorgeführt. 

Herr  W  eckesser:  Vorführung  dermatologischer  Fälle. 

Fall  I:  Pemphigus  vegetans.  Typische  Lokalisation  an  Genitale  und 
Aftergegend,  in  der  linken  Achselhöhle,  Lippen  und  Mundschleimhaut;  be¬ 
sonders  bemerkenswert  drüsige,  plateauartige  Erhebungen  auf  dem  Kopf. 
Dunkelfelduntersuchungen,  die  verschiedensten  Spirochätenfärbungen,  Kul¬ 
turen  und  Tierversuche  lassen  nichts  Besonderes  finden.  Besserung  nach 
Behandlung  mit  Anästhesinsalbe  und  Salvarsan. 

F  a  1 1  II.  B  o  ec  k  sches  Sarcoid.  Hühnereigrosser,  ovaler  Tumor  auf  dem 
linken  Schulterrand  von  Hautgefässen  durchzogen,  im  Zentrum  etwas  einge- 
dellt.  Ein  gleicher  Tumor,  etwas  flacher,  an  der  Innenseite  des  rechten 
Unterschenkels.  Typisches  histologisches  Bild.  Erhebliche  Besserung  nach 
Röntgentherapie. 

Fall  III.  Erythema  exsudativum  multiforme.  In  batikmusterartiger  An¬ 
ordnung  über  die  ganzen  unteren  Extremitäten.  Heilung  nach  einigen  Tagen 
durch  Salizyl. 

Fall  IV.  Naevus  sebaceus.  Angeboren,  bei  18  jähr.  Mann,  kleine  bis 
erbsgrosse,  aneinandergereihte  Tumoren  vom  linken  Schulterblatt  bis  über 
die  Mitte  des  linken  Oberarms  linienförmig  ziehend. 


Naturforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostock. 

Sitzung  vom  10.  November  1921. 

Vorsitzender;  Herr  Peters.  Schriftführer:  Herr  Triebenstein. 

Herr  Schwarz:  Ueber  Röntgenbehandlung  von  Sarkomen. 

Herr  Sch.  berichtet  über  4  Fälle  von  Sarkom,  die  durch  Röntgenbestrah¬ 
lung  geheilt  wurden  (retroperitoneale  Metastasen  eines  erfolgreich  operierten 
Rundzellensarkoms  des  Hodens,  Spindelzellensarkom  des  Fusses,  Riesen¬ 
zellensarkom  des  oberen  Tibiaendes,  Sarkom  der  Schädelbasis),  weiter  über 
einige  Fälle  von  Mediastinaltumoren  mit  Demonstrationen  der  Röntgenbilder 
vor  und  nach  der  Bestrahlung. 

Aussprache:  Die  Herren  E  h  r  i  c  h,  Müller,  Pol,  Müller, 
v.  Brunn. 

Herr  Eggers:  Gelenkplastik  des  Kniegelenks  nach  Payr  bei 
Pyarthros. 

Herr  E.  stellt  ein  17  jähr.  Mädchen  vor,  bei  dem  er  eine  Kniegelenks¬ 
mobilisation  mit  Einlagerung  eines  Faszienstreifens  nach  Payr  ausgeführt 
hat.  Das  Knie  war  infolge  eines  Pyarthros,  der  mit  Drainage  im  Jahre  1920 
behandelt  war,  fast  vollständig  versteift.  8  Monate  nach  der  Operation 
besteht  jetzt  gute  Gehfähigkeit,  aktive  Streckung  bis  180°,  Beugung  bis  80 u. 
Leichte  seitliche  Wackelbewegungen  werden  durch  einen  leichten  Zelluloid¬ 
hülsenapparat  mit  Gelenk  beseitigt. 

Herr  M  e  t  g  e:  Ueber  Splanchnikusbetäubung. 

Kurzer  Ueberblick  über  die  Entwicklung  der  Splanchnikusbetäubung  nach 
Käppis  aus  der  Paravertebralanästhesie  und  über  unser  Wissen  über  die 
viszerale  Sensibilität  der  Bauchhöhle  überhaupt.  Bericht  über  die  53  bisher 
an  der  Klinik  in  Splanchnikusanästhesie  ausgeführten  Operationen.  Durchweg 
gute  Anästhesien,  z.  T.  erhebliche  Blutdrucksenkungen.  Besondere  Hervor¬ 
hebung  der  Todesfälle:  eine  Embolie  der  Art.  fern,  aus  Thrombose  der 
Bauchaorta,  ein  Kollaps  beim  Zusammentreffen  starker  Blutdrucksenkung  mit 
schwierigen,  blutreichem  Eingriff  (Magenresektion,  Ca.).  Im  allgemeinen 
mildert  die  Splanchnikusbetäubung  den  Operationsschock  bzw.  lässt  ihn 
schneller  überstehen. 

Herr  Eifel  dt:  Ueber  Wasserversuche  in  rder  chirurgischen  Nieren¬ 
diagnostik. 

Herr  E.  berichtet  über  Wasser-  und  Konzentrationsversuche  an  chirurgi¬ 
schen  Nierenkranken.  Die  zugrundelegenden  Befunde  erscheinen  demnächst 
als  ausführliche  Arbeit  in  den  Grenzgebieten  für  innere  Medizin  und  Chirurgie. 

Herr  Schwarz:  Ueber  primäre  Speicheldrüsenaktinomykose. 

Herr  Sch.  berichtet  über  einen  von  ihm  beobachteten  und  untersuchten 
Fall  von  primärer  und  isolierter  Speicheldrüsenaktinomykose,  in  dem  die 
Infektion  der  Speicheldrüse  auf  dem  Wege  des  Speichelganges  zustande  ge¬ 
kommen  war.  In  der  Speicheldrüse  fand  sich  zentral  ein  kleiner  Abszess  mit 
Getreidegranne  und  ihr  aufsitzenden  Aktinomyzesdrusen. 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

Sitzung  vom  12.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Stock.  Schriftführer:  Herr  Brösamlen. 

Herr  Jüngling:  Ostitis  tuberculosa  multiplex  cystica  und  ihre  Be¬ 
ziehungen  zum  Lupus  pernio. 

Der  Vortragende  demonstriert  das  Krankheitsbild  an  Hand  von  4  Fällen 
(zum  Teil  veröffentlicht  in  den  Fortschritten  auf  dem  Gebiet  der  Röntgen¬ 
strahlen  Bd.  27).  Die  stets  multipel  auftretende  Erkrankung  bevorzugt  die 
Phalangen,  Metakarpen  bzw.  Metatarsen,  kommt  aber  auch  in  anderen 
Knochen  vor:  Handwurzelknochen  (Fall  1),  Nasenbein  (Fall  3),  Epicondylus 
humeri  (Fall  von  Albers-Schönberg),  Malleolus  internus  und 
Kalkaneus  (Fraenkel).  Röntgenologisch  tritt  sie  in  zwei  inein¬ 
ander  übergehenden  Erscheinungsformen  auf:  im  floriden  Stadium  ist  unter 
Umständen  der  grösste  Teil  des  Knochens  von  wabigen,  konfluierenden  Auf¬ 
hellungen  durchzogen.  In  älteren  Fällen  während  der  Ausheilung  ziehen  sich 
die  Aufhellungen  immer  mehr  in  den  Köpfchen  der  Phalangen  bzw.  Metakarpen 
zusammen,  wo  sie  rundliche  bis  kartenherzförmige,  wie  mit  dem  Locheisen 
ausgestanzte  Defekte  erzeugen.  Periostitische  Reizerscheinungen  fehlen  voll¬ 
ständig,  die  Gelenke  sind  primär  nicht  befallen.  Klinisch  zeichnet  sich 
die  Erkrankung  aus  durch  sehr  langsamen  Verlauf,  Beginn  meist  in  der 
Pubertät.  Weiterhin  ist  charakteristisch  die  Kombination  mit  Weich¬ 
teil  Prozessen  und  zwar  in  Gestalt  von  Knotenbildung  in  den  Sehnen¬ 
scheiden,  den  Schleimbeuteln,  dem  Unterhautzellgewebe  und  der  Haut  selbst. 
Fälle  mit  diesen  gleichzeitigen  Weichteilveränderungen  werden  von  den 
Dermatologen  als  Lupus  pernio  bezeichnet.  Die  Weichteilveränderungen 


können  sekundär  sein,  indem  der  im  Knochen  beginnende  Prozess  in  die 
Weichteile,  ja  bis  durch  die  Haut  (Fall  2  und  4)  durchwuchert.  Meist  be¬ 
stehen  aber  die  Knochen-  und  Weichteilprozesse  koordiniert  neben¬ 
einander,  eine  sekundäre  Arrosion  des  Knochens  von  den  Weichteilen  her 
dürfte  wohl  nicht  Vorkommen.  Histologisch  sind  die  Prozesse 
identisch:  Knötchen  vorwiegend  aus  Epitheloidzellen  bestehend,  am  Rande 
wenige  Lymphojzyten,  meist  keine  Langhans  sehen  Riesenzellen,  im 
Schnitt  keine  Tuberkelbazillen  (Bericht  von  O  p  p  e  n  h  e  i  m  -  München). 
Analoge  Fälle  sind  in  der  letzten  Zeit  von  Muster,  Gans,  Hosemann, 
F  r  ä  n  k  e  1  bekanntgegeben  worden.  In  einem  der  vorgestellten  Fälle 
(Fall  4),  sowie  im  Fall  Gans  ist  der  Tierversuch  auf  T  uberkulose 
positiv  ausgefallen,  was  insofern  bemerkenswert  ist,  als  dieser  bei  Lupus 
pernio  im  allgemeinen  negativ  zu  sein  pflegt.  (Auch  in  Fall  2  der  vor¬ 
gestellten  Fälle  negativ;  der  Patient  ist  an  Lungen-  und  Wirbelsäulentuber¬ 
kulose  zugrunde  gegangen.) 

Von  der  landläufigen  Knochentuberkulose  unterscheidet  sich  die 
O.  t.  m.  c.  ganz  wesentlich,  vor  allem  durch  das  völlige  Fehlen  der  Nekrosen; 
Sequesterbildung  ist  nie  beobachtet.  Bricht  der  Prozess  nach  aussen  durch 
die  Haut  durch  (Fall  2  und  4),  so  wird  er  nicht  fistulös,  sondern  es  ragen 
einfach  trockene  Granulationen  aus  der  Perforationsöffnung  der  Haut  heraus. 
Die  Weichteilveränderungen  bei  dem  sog.  Lupus  pernio  rechnet  die  Mehrzahl 
der  Dermatologen  zu  den  Tuberkuliden.  Im  selben  Sinne  könnte  man  die 
O.  t.  m.  c.  als  Tuberkulid  des  Knochens  bezeichnen  in  Analogie  zu 
tuberkuliden  Prozessen,  die  auch  in  anderen  Organen  Vorkommen  (Lewan- 
d  o  w  s  k  y).  Differentialdiagnostisch  kommen  für  das  Röntgenbild  Enchon- 
drom,  Ostitis  fibrosa,  Lues  (mal  perforant)  in  Betracht.  Aus  Röntgenaufnahme 
+  klinischem  Bild  ist  die  Diagnose  wohl  immer  mit  Sicherheit  zu  stellen. 
Röntgenbehandlung  hat  in  den  meisten  Fällen  versagt. 

Diskussion:  Die  Herren  Schmidt,  Mönckeberg,  John 
Miller,  Stock,  Jüngling. 

Herr  Scheerer:  Krankenvorstellung.  1.  Fall  von  fulminierender  Er¬ 
blindung.  Klinisch  typischer  Fall,  der  aber  ophthalmoskopisch  auch  Synechien, 
Glaskörpertrübungen  und  einen  grossen  peripheren  Netzhautherd  aufwies. 
Alle  Erscheinungen  verschwanden  spurlos,  der  Visus  wurde  anscheinend 
wieder  normal  (3  jähr.  Knabe).  Aetiologie  unbekannt,  4  Wochen  vor  Er¬ 
blindung  wirkungslos  genommenes  Wurmmittel  als  Ursache  unwahrscheinlich. 

2.  Röntgenbestrahlung  bei  Iristuberkulose.  Ein  anscheinend  verlorenes 
Auge  wurde  innerhalb  5  Monaten  zweimal  mit  je  etwa  14  HED.  bestrahlt  und 
erholte  sich  jedesmal  überraschend  von  den  vorher  bestandenen  Reizzuständen 
(Knötchenbildung,  grosses  organisiertes  Kammerexsudat,  Sekundärglaukom). 
Der  Fall  ist  nicht  rein,  da  ausserdem  operiert  wurde,  was  aber  anscheinend 
ohne  nachhaltige  Wirkung  blieb,  ermuntert  aber  doch  zu  weiterer  Anwendung 
des  Verfahrens. 

3.  Demonstration  der  Seidel  sehen  Fluoreszinprobe  auf  Fistulation 
nach  E  1 1  i  o  t  scher  Trepanation  an  einem  beiderseitigen  juvenilen  Glaukom. 
Die  auf  einer  Seite  versuchte  plastische  Deckung  gelang  bisher  nicht. 

Diskussion:  Herr  J  ü  n  g  1  i  n  g,  Herr  Stock. 

Herr  K.  Alpers:  Beitrag  zum  Veronalnachweis  in  Leichenteilen. 

Der  Vortragende  hatte  Leichtenteile  auf  Veronal  und  andere  Gifte  zu 
untersuchen.  Die  Teile  stammten  von  einer  Frau  in  mittleren  Jahren,  welche 
im  6.  Monate  schwanger  war;  sie  war  unter  Vergiftungserscheinungen  am 
4.  Juli  nachmittags  erkrankt  und  etwa  24  Stunden  darauf  gestorben.  Die 
Teile  kamen  8  Tage  nach  der  Beeerdigung  zur  Untersuchung.  Es  steht  nach 
dem  Verlauf  der  Krankheit  und  nach  Zeugenaussagen  fest,  dass  die  Frau  am 
Nachmittage  des  4.  Juli  10  g  Veronal  eingenommen  hat.  Ausserdem  wurde 
die  Vermutung  ausgesprochen,  dass  die  Verstorbene  in  selbstmörderischer 
Absicht  oder  in  der  Absicht,  die  Leibesfrucht  abzutreiben,  vielleicht  noch 
anderes  Gift  genommen  haben  könnte.  Flüchtige  und  Metallgifte  waren  nicht 
nachzuweisen.  Die  Prüfung  auf  Veronal  wurde  aufs  sorgsamste  in  dem 
schwach  schwefelsauren  Auszug  von  0,5  kg  des  fein  zerschnittenen  Magen¬ 
darmkanals  vorgenommen.  Es  wurden  jedoch  nur  3  mg  einer  Substanz  ab¬ 
geschieden,  die  folgende  für  Veronal  bezeichnende  Reaktionen  gab:  Sie  zeigte 
saure  Reaktion  und  Kristallform  des  Veronals,  die  sublimierte  unzer- 
setzt;  sie  war  schwer  in  Wasser  löslich  und  gab  mit  salpetersaurem  Queck¬ 
silberoxyd  noch  in  grosser  Verdünnung  Niederschläge.  Versuche,  die  für  die 
Reaktionen  benutzte  Substanz  wieder  zu  gewinnen  und  für  die  Schmelzpunkt¬ 
bestimmung  zu  reinigen,  misslangen.  Es  kann  aber  angenommen  werden,  dass 
die  isolierte  Substanz  Veronal  gewesen  ist.  Bei  der  Prüfung  auf  Alkaloide 
wurden  Spuren  Koffein  gefunden.  Es  wurde  später  aus  den  Akten  festgestellt, 
dass  der  Arzt  der  Kranken  Koffeininjektionen  gegeben  hatte.  Der  Vortragende 
hält  es  für  unwahrscheinlich,  dass  zur  Zeit  des  Todes,  also  etwa  24  Stunden 
nach  Einnahme  von  10  g  Veronal,  sich  nur  noch  einige  Milligramme  desselben 
im  Magendarmkanal  vorgefunden  haben,  sondern  glaubt  vielmehr,  dass  nach 
dem,  was  wir  über  die  Resorption  des  Veronals  und  seine  Abscheidung 
durch  den  Harn  wissen,  bedeutend  mehr  Veronal  als  aufgefunden  zur  Zeit 
des  Todes  in  dem  Darm  vorhanden  gewesen  sein  muss,  dass  aber  eine  Zer¬ 
setzung  des  Veronals  in  den  acht  Tagen,  die  seit  der  Beerdigung  verstrichen 
waren,  vor  sich  gegangen  ist.  Der  Harn  der  Verstorbenen  stand  nicht  zur 
Verfügung,  er  war  von  dem  Arzte  der  Kranken  kurz  vor  ihrem  Tode  zu 
diagnostischen  Zwecken  abgenommen  worden. 

Herr  Alpers:  Ueber  die  Verschlechterung  des  Nähr-  und  Geldwertes 
der  Wurstwaren  während  und  nach  dem  Kriege  auf  Grund  der  Untersuchungen 
des  Hygienischen  Institutes. 

Es  gelangten  etwa  80  Proben  Wurst,  die  in  Metzgereien  Tübingens  und 
Hohenzollerns  vertraulich  angekauft  waren,  zur  Untersuchung  auf  Asche-, 
Wasser-,  Fett-  und  Proteingehalt  bzw.  Gehalt  an  organischem  Nichtfett  nach 
Feder,  sowie  auf  verbotene  Konservierungsmittel  und  stärkehaltige  Binde¬ 
mittel.  Aus  Fett-  und  Proteingehalt  wurde  der  Kalorienwert  der  Würste 
berechnet.  Aus  den  tabellarisch  zusammengestellten  Ergebnissen  sei  folgen¬ 
des  hervorgehoben: 

Es  fällt  ein  bedeutender  Rückgang  des  Fettgehaltes  während  der  Kriegs¬ 
und  Nachkriegszeit  auf.  So  zeigte  z.  B.  Schinkenwurst  1914  22,43  Proz.. 
1916/19  8,55  Proz.,  1921  (Januar  bis  April)  8,81  Proz.  mittleren  Fettgehalt. 
Die  Metzger  sind  also  bei  der  während  des  Krieges  angenommenen  Gewohn¬ 
heit,  aus  dem  Fettgewebe  der  Schlachttiere  das  Fett  gesondert  zu  gewinnen, 
auch  in  der  Nachkriegszeit  geblieben.  Während  der  letzten  Kriegsjahre  war 
allerdings  auch  die  Schwierigkeit,  fette  Schlachttiere  aufzuziehen,  an  der 
Fettverarmung  der  Wurst  schuld.  Der  absolute  und  relative  Wassergehalt 
der  Würste  ist  gegenüber  der  Friedenszeit  durchweg  erhöht.  Die  Erholung 


100 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 


ist  zum  Teil  auf  die  Fettverarmung,  zum  Teil  auf  Streckung  der  Wurst  mit 

WaS  Die  'wurstwaren  sind  gegenüber  den  meisten  anderen  Nahrungsrnitteln 
einseitig  verteuert,  wie  folgende  Zahlen  zeigen.  Manjrhiel  für  eine :  Mark ^an 
Kalorien  (sog.  Reinkalorien):  Schinkenwurst:  1914  -  1131^  19UI19  JW. 
1921  =  47.  Gewöhnliche  Leberwurst:  W14  -  1797, 1916/19  2b2r\9l\_  • 

Bessere  geräucherte  Leberwurst:  1914  -  2223,  1917  447^19 

Blutwurst  (schwarzer  Schwartenmagen):  1914  JJ67>  19"n  eeen‘  Erbsen; 

Presswurst:  1914  —  1582,  1917  377,  1921  ■  g_ 

1914  =  10  344  1921  =  827,  Kartoffeln:  1914  —  10  712,  1921  y52- 

Der  Rückgang  des  Kaloriengehaltes  ist  besonders  durch  die  Fettve  - 

armung  bedingt. 

Nachtrag  zum  Offiziellen  Protokoll  der  Sitzung  vom 

4.  Juli  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Mönckeberg.  Schriftführer:  Herr  B  r  o  s  a  m  1  e  n.  . 

Herr  Weitz  spricht  über  die  Vererbung  bei  Muskeldystroplne. 

Dem  Erbgang  der  Muskeldystrophie  wird  an  Hand  von  15  genealogisch 
genau  durchforschten  Familien,  in  denen  die  Krankheit  beobachtet  wurde  und 
eines  grossen,  aus  der  Literatur  gesammelten  Materials  nachgegangen.  Na_h 
dem  die  Möglichkeit,  dass  bei  der  Erkrankung  ein  dominanter,  ein  einfach 
rezessiver  ufid  ein  geschlechtsgebunden-rezessiver  Erbgang  nebeneinander 
vorkommt  ventiliert  ist,  und  nachdem  weiter  festgestellt  ist,  d£ss  so  das 
starke  Ueberwiegen  der  männlichen  Erkrankten  und  die  sicher  beobachtete 
Vererbung  der  Krankheitsanlage  durch  gesunde  Frauen  hindurch  auf  weibliche 
Personen  nicht  erklärt  werden  kann,  wird  die  Hypothese  aufgestellt,  dass  „die 
Krankheitsanlage  durch  Mutation  entstehe  (im  männlichen  und  weiblichen 
Geschlecht  wahrscheinlich  gleichhäufig),  dass  sie  dem  dominanten  Erbgang 
folge,  und  im  männlichen  Geschlecht,  ein  gewisses  Alter  des  Erkrankte 
vorausgesetzt  stets  die  Krankheit  bewirke,  dagegen  im  weiblichen  Geschlecht 
nur  bef  einem  gewissen  Teil,  und  dass  die  Eigentümlichkeit  des  Weibes,  das 
Leiden  trotz  bestehender  Anlage  nicht  zu  bekommen,  sich  in  manchen  Fal  cn 
stärker  zeige  als  in  anderen.“  Unter  den  durch  Mutation  krank  gewordenen 
Personen  kommen  nur  die  leichter  Erkrankten  zur  Fortpflanzung  und  werden 
die  Stammväter  oder  Stammütter  der  Familien  mit  dominantem  Erbgang,  die 
übrigen  bilden  isolierte  Fälle.  Die  gesunden  Frauen  mit  Kr^nk^‘tsan'^seeV^' 
erben  die  Anlage  im  Durchschnitt  auf  die  Hälfte  ihrer  Kinder.  Diese  er¬ 
scheinen,  wenn  mehrere  erkranken,  als  sog.  familiäre  Falle.  Wenn  m  eine 
Geschwisterreihe  ausser  Erkrankten  gesunde  weibliche  Personen  mit  der 
Krankheitsanlage  Vorkommen,  welche  die  Krankheit  auf  Deszendenten  ve  - 
erben,  so  wird,  wenn  nur  männliche  Personen  erkranken,  ein  geschlechts¬ 
gebunden-rezessiver  Erbgang  vorgetäuscht. 

Das  Bestehen  eines  Gesetzes  der  Anteposition  und  eines  progressiven, 
schwer  degenerativen  Charakters  der  Muskeldystroplne  innerhalb  einer 
Deszendentenlinie  wird  abgelehnt  nach  genauer  Darlegung  der  fa’schen 
Schlüsse,  durch  die  die  gegenteilige  Ansicht  gestutzt  scheint.  Auf  das  nicht 
seltene  Vorkommen  von  Homologie  und  Homochrome  bei  Aszendenten  und 
Deszendenten  wird  hingewiesen.  Das  häufige  Vorhandensein  der  Homo- 
chronie  und  Homologie  unter  Geschwistern  wird  bestätigt. 

Die  Erscheinungen  der  Homochrome  und  Homologie  und  das  nicht  seltene 
Vorkommen  der  Anteposition  werden  durch  das  Vorhandensein  von  vererb¬ 
baren  Modifikationsfaktoren,  welche  den  Grundfaktor,  die  Krankheitsanlage, 

beeinflussen,  zu  erklären  gesucht.  ....  .  „ 

Der  Auffassung,  dass  reine  Fälle  von  Muskeldystroplne  ausserst  selten 
seien  und  dass  zahlreiche  Uebergänge  zu  anderen  endogenen  Krankheiten  die 
Aufstellung  der  Krankheit  „heredofamiliäre  Degeneration*  erfordern,  wird 

widersprochen.  „  ,  ,  •  ■  v .  ,  Ä „ 

Das  Vorkommen  mehrerer  endogener  Erkrankungen  bei  einem  Kranken 
wird  durch  die  Annahme  erklärt,  dass  das  schädigende  Agens  in  dem  Keim, 
aus  dem  das  kranke  Individuum  hervorging,  mehrere  Krankheitsanlagen  ver- 
ursacht  habe 

Diskussion:  Die  Herren  Hoffman  n,  Gaupp,  Lehmann, 
Prell,  Weitz.  _ _ _ _ 

Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg. 

(Eigener  Bericht.) 

1.  Sitzung  vom  12.  Januar  1922. 

Herr  M.  Meyer:  Ueber  das  Karzinom  des  Siebbeines. 

M.  hat  5  Fälle  von  Siebbeinkarzinom  klinisch  und  anatomisch  untersucht 
Er  bespricht  besonders  die  Knochenbildung  an  4  der  Geschwülste.  Es  findet 
ausser  Umbau  mittels  Osteoblasten  und  Osteoklasten  am  praformierten 
Knochen  Knochenneubau  im  Geschwulststroma  selbst  statt  und  zwar  auf 
neoplastischem  und  metaplastischem  Wege,  auf  dem  Umwege  über  Knorpel 
und  schliesslich  an  schleimig  degeneriertem  Tumorstroma  durch  Kalk¬ 
ablagerungen,  aus  denen  schliesslich  Knochen  entsteht.  2  Geschwülste  zeigten 
z.  T.  hochgradige  schleimige  Degeneration.  3  mal  handelte  es  sich  um 
Adenokarzinome,  1  mal  um  ein  Carcinoma  solidum,  1  mal  um  ein  1  latten- 

epithelkarzinom.  . 

Herr  W.  Schmitt:  Untersuchungen  zur  Physiologie  der  Plazentar- 

gcfässc 

Experimentelle  Untersuchungen  an  den  Gefässen  des  fötalen  Blutkreis¬ 
laufes  in  der  Plazenta.  Bestätigung  der  Angabe,  dass  die  Gefasse  der 
Plazenta  und  Nabelschnur  nervenlos  sind  an  mit  der  Natronlauge-Silber¬ 
methode  nach  Schultze-Stöhr  gefärbten  Präparaten.  Die  Richtigkeit 
dieser  anatomischen  Befunde  vorausgesetzt  sind  diese  Gefasse  die  einzigen 
ohne  Innervation  und  eignen  sich  zur  Untersuchung  der  viel  umstrittenen 
Frage  nach  dem  Ursprung  des  peripheren  Gefässtonus  und  nach  dem  Angriffs¬ 
punkt  peripher  wirkender  Reize.  Methodik:  1.  Künstliche  Durchströmung 
ganz  frischer  Plazenten,  2.  Gefässstreifenmethode  nach  M  a  c  W  i  1 1  i  a  m  und 
v.  Frey.  Die  Plazentargefässe  reagierten  auf  diejenigen  Reize,  welche  an 
den  Gefässmuskeln  angreifen  (Histamin,  BaCb,  Pituglandol)  in  gleicher  oder 
ähnlicher  Weise,  wie  dies  von  den  Gefässen  der  übrigen  Organe  des  Warm¬ 
blüters  bekannt  ist.  Adrenalin  dagegen  wurde  nahezu  regelmässig  wirkungs¬ 
los  gefunden,  was  für  die  Annahme  L  a  n  g  1  e  y  s  spricht,  dass  Adrenalin 
an  den  Nervenendapparaten  in  der  Gefässwand  und  nicht  an  der  Gefäss- 
muskulatur  angreift.  Eine  besonders  hohe  Empfindlichkeit  zeigten  die  Pla¬ 
zentargefässe  gegenüber  dem  Sauerstoff.  Auf  Zuleitung  von  Sauerstoff  in 
den  Versuchszylinder  wurden  Verkürzungen  des  Gefässstreifens  um  40  bis 


50  Proz.  der  ursprünglichen  Gefässlänge  erzielt;  es  Hess  sich 
eine  bestimmte  Sauerstoffkonzentration  eine  bestimmte  Qe^ssweite  her 
ruft  Bei  Einleitung  eines  Gasgemisches  von  4,7  Vol.-Proz.  Sauerstoff 
ginnt  die  Kontraktion.  Bei  Zuleitung  von  Gasgemischen  von  hohe^emK^aV^' 
stoffgehalt  traten  stärkere  Gefässkontraktionen  auf  Zul®>tun« 
säure  oder  Stickstoff  erschlaffte  die  Gefasse  wieder.  Nach  diesen  Unter¬ 
suchungen  ist  es  wahrscheinlich,  dass  auch  im  lebenden  Organismus  die 
Gefässweite  in  der  Plazenta  von  dem  Sauerstoffgehalt  des  Blutes  abhängt. 
Die  Plazenta  stellt  das  Atemzentrum  des  Fötus  dar.  .... 

Aussprache:  Herr  P.  Hoffmann  weist  auf  eine  Arbeit  von 
Sleisch  (unter  Hess)  hin,  welche  sehr  geringen  Änderungen  des  Pa., 
welche  den  im  Blute  liegenden  entsprechen,  einen  starken  .^‘^“^ehau oten 
Regulation  der  Gefässweite  zuspricht.  Angaben  von  A  t  z  1  e  r  behaupte 
aber  das  Gegenteil.  Die  Untersuchungen  von  Schmitt  sprechen  für 

Sleisch  (Stickstoff  macht  Erstickung).  .  , 

Herr  v.  Frey  stimmt  der  Ansicht  vom  peripheren  Atemzentrum  in  aer 
Plazenta  zu.  Daneben  haben  auch  die  Gefässe  des  Fötus  ihrerseits  Anteil. 

Er  stellt  die  Frage,  wann  die  Gefässnerven  beim  Embryo  entstehen. 

Herr  Braus  berichtet  über  amerikanische  Arbeiten,  welche  eine  enge 
(1  mm)  und  eine  lange  spiralige  (10  cm)  Wicklung  der  parmmuskulatur  nach¬ 
wiesen,  deren  Kontraktion  Verengerung  resp.  Dilatation  macht  Beispiel, 
dass  Reiz  auf  Muskulatur  allein  ohne  Nerv  verschiedene  Wirkung  haben  kann. 

Herr  Schmitt:  Bei  den  Rindergefässen  macht  elektrischer  Reiz,  be¬ 
sonders  bei  den  dünnen  Gefässen,  meist  Verlängerung.  Mikroskopisch  findet 
sich  vorzugsweise  Ringmuskulatur.  Bei  den  Plazentargefassen  erfolgt  Ver¬ 
kürzung.  Mikroskopisch  ist  die  Längsmuskulatur  starker.  N. 

Verein  deutscher  Aerzte  in  Prag 

(Eigener  Bericht.) 

Dezember  1921. 

Jaksch-Wartenhorst:  1.  Fall  von  Chorea  Huntington.  Der 

Stammbaum  ergibt,  dass  das  Leiden  bereits  in  der  3  Generation  vorkommt 
und  auch  eine  Tochter  der  Pat.  zeigt  nervöse  Erscheinungen.  2.  Fall  von 
Chorea  postgripposa,  geheilt  durch  Injektion  von  100  ccm  Grippeserum. 

H.  H.  Schmid  bespricht  2  Kranke  mit  retropentonealen  Tumoren, 
die  beide  durch  Operation  geheilt  wurden.  Der  eine  war  ein  retroperitoneales 
Fibrosarkom,  der  andere  ein  unreifes  Spindelzellensarkom. 

Schubert  stellt  einen  Fall  von  echten  leukämischen  Tumoren  der  Haut 
vor.  Sämtliche  Lyinphdrüsen  des  Körpers  waren  stark  vergrossert.  Sub- 
leukämischer  Blutbefund:  4,5  Millionen  Erythrozyten,  19  000  weisse  Blut¬ 
körperchen,  darunter  78,8  Proz.  Lymphozyten  und  18,8  Proz.  Leukozyten. 

Elschnig  demonstriert  zum  ersten  Male  9  ophthalmologische  rilme. 

Ghon:  Zur  Altersbestimmung  der  Kindertuberkulose.  Kmd  mit  kongeni¬ 
taler  Lues,  das  sich  von  seiner  Mutter  überdies  mit  Tuberkulose  infizierte,  am 
Ende  der  17.  Lebenswoche  an  allgemeiner  Miliartuberkulose  starb.  Käsiger 
Primärherd  in  der  Lunge,  Lymphadenitis  der  regionären  Lymphknoten,  Anfang 
der  13.  Lebenswoche  intradermale  Tuberkulinreaktion  negativ,  Ende  der  15. 
positiv.  Der  tuberkulöse  Prozess  war  aerogen  erworben,  4  5,  höchstens 

7  Wochen  alt.  ,  ,  ,  .. 

Stark  enstein:  Pharmakologische  Beeinflussung  der  Flusslgkeits- 
abgabe.  Atophan  steigert  gewisse  Formen  der  Diurese,  ohne  selbst  auf  die 
normale  Harnsekretion  Einfluss  zu  nehmen.  Atophan  bringt  nicht  an  und 
für  sich  im  Körper  deponiertes  Wasser  zur  vermehrten  Ausscheidung,  sondern 
nur  solches,  das  der  Niere  zur  Disposition  gestellt  wird.  Diese  Vorbedingung 
ist  bei  jeder  Hydrämie  gegeben,  aber  auch  dann,  wenn  durch  ein  Diuretikum 
(Xanthinderivate)  mehr  Wasser  als  in  der  Norm  der  Niere  zugeführt  wird. 
In  diesem  Falle  steigert  dann  Atophan  die  Wirkung  des  Diuretikums  Die 
Wahl  des  Diuretikums  ist  von  der  jeweiligen  pathologischen  Ursache  der 
Wasserstauung  abhängig.  Der  Angriffspunkt  dieser  Atophanwirkung  liegt  in 
der  Niere  und  dürfte  durch  die  Lähmung  einer  Hemmung  (Sympathikus  t) 
bedingt  sein,  während  die  eigentlichen  Diuretika  extrarenal  angreifen. 

Pribram:  Klinische  Beobachtungen  über  die  Einwirkung  des  Atophans 
auf  die  durch  Diuretika  bewirkte  Harnausscheidung.  Es  werden  Kurven 
demonstriert,  die  zeigen,  dass  die  durch  entsprechende  Diuretika  (Digitalis 
mit  Koffein  bei  inkompensierten  Vitien,  Theobromin  und  Kalium  aceticum  bei 
Nephropathien)  bedingte  Diurese  nach  Atophanverabreichung  unter  Umständen 
einer  wesentlichen  Steigerung  fähig  ist. 

B  e  n  d  a  berichtet  über  Austritt  der  Fettmassen  aus  dem  Innern  einer 
Dermoidzyste  des'  Ovariums  (mikrochemischer  Nachweis),  teils  durch  die 
Lymphgefässe  der  Zystenwand,  teils  zwischen  den  Bindegewebslamellen  hin¬ 
durch.  ,  .  .  .  .  . 

Wodak  und  M.  H.  Fischer  haben  eine  neue,  bei  jeder  Art  von 
Vestibularisreizung  auftretende  Reaktion,  die  sie  als  Arm-Tonus-Reaktion 
bezeichnen,  gefunden.  Sie  beobachteten  nämlich  eine  durch  die  Vestibularis¬ 
reizung  entstehende  Aenderung  der  subjektiven  Schwereempfindung.  Lässt 
man  in  dieser  Phase  die  Versuchsperson  beide  Arme  horizontal  vor  sich 
hinhalten,  so  tritt  eine  Differenz  in  der  Höhe  auf,  der  Arm  der  subjektiv 
schweren  Körperhälfte  sinkt,  der  andere  steigt.  Dieses  Phänomen  dauert 
etwa  Vi — 34  Stunde  und  zeigt  je  nach  Art  der  Reizung  rascheren  oder  lang¬ 
sameren  häufigen  Umschlag. 

F.  P  i  c  k:  Es  hat  sich  herausgestellt,  dass  der  Fall  von  Huntington - 
scher  Chorea,  den  Jaksch  vorgestellt  hat,  die  Tochter  eines  Mannes  ist, 
den  P.  1895  wegen  des  gleichen  Leidens  sah  und  er  demonstriert  den  damals 
aufgestellten  Stammbaum. 

L  u  c  k  s  c  h  demonstriert  Zellelnschlüsse  bei  Encephalitis  epidemica,  die 

den  von  J  o  e  s  t  bei  der  Borna  sehen  Krankheit  der  Pferde  gefundenen 
sehr  ähnlich  sehen. 

Kleiner:  Alveolarpyorrhöe.  Zusammenfassender  Ueberblick  über  den 
derzeitigen  Stand  der  Aetiologie,  Klinik,  Diagnostik  iund  Therapie  dieser 
Krankheit.  Es  wird  auf  die  Wichtigkeit  der  Röntgenuntersuchung  hinge¬ 
wiesen.  Als  Therapie  wird  Schleimhautaufklappung  in  Verbindung  mit  medi¬ 
kamentöser  Behandlung  (60  proz.  Acid.  lact.)  empfohlen,  als  Befestigungsmittel 
die  Rhein  sehe  Schiene. 

W  o  t  z  i  1  k  a  -  Aussig:  Nasen-  und  Mundatmung.  Der  Atemstrom  findet 

in  der  Nase  grösseren  Widerstand  als  im  Munde,  daher  sind  die  Atem¬ 
bewegungen  des  Thorax  und  Zwerchfells  bei  Nasenatmung  grösser  als  bei 
Mundatmung.  Die  Weite  der  Nasenöffnung  wird  durch  das  Spiel  der  Nasen¬ 
flügel,  die  des  Nasenlumens  durch  den  Füllungsgrad  der  Corpora  cavernosa 


20.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


der  Nasenmuscheln  verändert.  Mit  zunehmender  Verengerung  der  Nase  wer¬ 
den  die  Thoraxbewegungen  kleiner,  die  Zwerchfellbewegungen  grösser.  Die 
intrapleuralen  Druckschwankungen  nehmen  in  kaudaler  Richtung  zu,  gehen 
den  Atembewegungen,  besonders  des  Zwerchfells,  parallel  und  sind  bei  Nasen¬ 
atmung  grösser  als  bei  Mundatmung.  Der  Atemstrom  jeder  Nasenseite  führt 
möglicherweise  in  die  gleichseitige  Lunge. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  3.  Dezember  1921. 

Herr  S.  Ehrmann  stellt  einen  Mann  mit  Lepra  tuberosa  vor. 

Herr  A.  T  h  i  e  m  e  (aus  München)  demonstriert  Uvachrombilder  von 
Dermatosen  und  Reproduktionen  von  Uvachrombildern  in  Farbendruck. 

Herr  M.  H  a  j  e  k  demonstriert  ein  Mädchen  nach  Dekanulement  nach 
Tracheotomie. 

Die  Kranke  kann  ohne  Kanüle  sehr  gut  sprechen  und  sogar  etwas  singen, 
weil  eine  Art  Ventilverschluss  dadurch  hergestellt  wird,  dass  die  Mm.  sterno- 
cleidoinastoidei  und  die  Mm.  sternohyoidei  sich  gleichzeitig  kontrahieren. 

Herr  Q.  Pleschner:  Fremdkörper  ln  der  Urethra. 

Herr  P.  Llebesny:  Untersuchungen  mit  dem  von  O.  Müller  an¬ 
gegebenen  Kapillarmikroskop. 

Herr  A.  Fei  sch  und  Herr  A.  Schüller:  Tuberkulöser  Kopfschmerz. 

Die  meisten  Pat.  sind  nicht  spitalsbedürftig.  Die  Kopfschmerzen  haben 
meist  den  Typus  der  neurasthenischen  Kopfschmerzen.  Therapeutisch  hat  sich 
die  Lumbalpunktion  gut  bewährt,  ebenso  Tuberkulin  in  grossen  Dosen. 

Sitzung  vom  9.  Dezember  1921. 

Herr  K.  Fleischmann  demonstriert  eine  Frau  mit  Ovarientransplan¬ 
tation. 

Die  Frau  litt  an  Amenorrhoe  und  an  Kinderlosigkeit.  Es  wurde  ihr  rechts 
und  links  in  den  M.  obliquus  externus  je  ein  halbes  Ovarium  einer  anderen 
Patientin  implantiert.  Der  Uterus  hat  sich  vergrössert,  Blutungen  mit  dem 
Typus  der  Menses  sind  aufgetreten;  in  der  linken  Tubenecke  sitzt  ein  Tumor. 

Herr  F.  D  e  m  m  e  r  demonstriert  ein  3  Monate  altes  Kind,  das  mit  einer 
halbeigrossen,  nicht  reponiblen  Geschwulst  in  der  Nabelgegend  zur  Auf¬ 
nahme  kam. 

Die  Operation  ergab,  dass  es  sich  um  ein  Darmstück  handelte;  das 
Mesenterium  fehlte  sektorenförmig.  Es  wurde  eine  Anastomose  zwischen 
dem  oberhalb  der  Atresiestelle  erweiterten  Dünndarm  und  dem  Colon 
ascendens  angelegt. 

Herr  G.  Riehl:  Starkstromwirkungen  an  der  Haut. 

Bei  Verbrennungen  spielt  die  Höhe  der  Temperatur  und  die  Dauer  der 
Wirkung  eine  Rolle.  Der  Starkstrom  kann  hingegen  alle  Gewebe  bis  auf  die 
Knochen  zertrümmern;  dagegen  sind  bei  Starkstromverletzungen  die  Haut¬ 
veränderungen  nur  mit  Verbrennungen  3.  Grades  zu  vergleichen.  Exitus  wird 
durch  die  Summe  der  Veränderungen  an  den  inneren  Organen  durch  die 
Joule  sehe  Wärme  bedingt.  K. 

Kleine  Mitteilungen. 

Ueber  eine  neue  Betäubungsmanie,  die  „C  h  1  o  r  o  d  i  n  -  S  u  c  h  t“  in 
England,  berichtet  die  Pharm.  Ztg. 

Chlorodin  übt  ähnliche  Wirkungen  aus  wie  Morphium  und  Kokain.  Die 
Mengen,  die  bisher  davon  im  freien  Verkauf  zu  erhalten  waren,  wirkten 
so  stark,  dass  sie  bei  längerem  Gebrauch  die  Gesundheit  völlig  untergruben. 
Der  Chlorodindämon  hat  besonders  Frauen  ergriffen;  er  scheint  zunächst 
von  aus  den  Tropen  Zurückgekehrten  eingeführt  worden  zu  sein,  die  dort 
Chlorodin  gegen  Ruhr  erhielten  und  sich  die  Droge  dann  nicht  mehr  abge- 
wöhnen  konnten.  Die  englischen  Behörden  haben  nun  in  Apotheken  den 
Verkauf  nur  noch  auf  ärztliche  Rezepte  hin  gestattet. 

Es  dürfte  sich  um  das  in  dem  British  Pharmaceutical  Codex  aufgeführte 
Chlorodyne  handeln,  das  als  wesentliche  Bestandteile  0,5  Proz.  Morphium 
hydrochloricum,  6  Proz.  Chloroform,  3  Proz.  Tinct.  Cannabis  Indicae  enthält. 

Therapeutische  Notizen. 

Zur  Impfbehandlung  der  akuten  gonorrhoischen 
Urethritis  bringt  Demonchy  (Presse  medicale  1921  Nr.  76)  eine 
kurze  Zusammenfassung  sowohl  über  die  Darstellung  des  Impfstoffes  wie 
über  seine  praktischen  Erfahrungen.  Er  hält  es  nicht  für  absolut  notwendig, 
dass  dem  zur  Reinkultur  dienenden  Nährboden  (gewöhnliche  Peptone  des 
Handels,  zu  2  Proz.  in  Bouillon  gelöst)  ein  vom  Menschen  oder  Tier  stammen¬ 
des  Serum  (Aszitesflüssigkeit,  Serum,  defibriniertes  Blut)  zugefügt  wird, 
sondern  es  genüge,  ein  an  Aminosäuren  reiches  Pepton  zu  wählen  und  nicht 
zu  stark  zu  alkalisieren.  Die  zu  injizierende  Dosis  der  Vakzine  muss  um  so 
geringer  sein,  je  ausgesprochener  die  Kongestionserscheinungen  sind.  Bei  der 
Irischen  akuten  Urethritis,  wenn  der  Ausfluss  erst  2—3  Tage  mit  zahlreichen 
extrazellulären  Gonokokken  besteht,  injiziert  man  anfangs  %  cg,  wenn  er  älter 
ist,  genügen  1—2  mg;  bei  subakuten  Formen,  die  25—30  Tage  zurück¬ 
datieren  und  noch  nicht  behandelt  worden  sind,  muss  man  anfangs  1 — 2  cg 
injizieren,  um  eine  beträchtliche  Allgemeinreaktion  hervorzurufen.  Bei  allen 
akuten  oder  subakuten  Komplikationen  (Orchitis,  Prostatitis)  verfährt  man 
ähnlich.  Die  Zahl  und  Folge  der  weiteren  Injektionen  richtet  sich  nach  dem 
klinischen  Bilde  und  den  mikroskopischen  Veränderungen  des  Ausflusses  (Zahl 
der  Gonokokken  im  Verhältnis  zu  den  Leukozyten).  Die  besten  Resultate 
werden  erzielt,  wenn  man  der  Vakzinetherapie  eine  Anzahl  (7)  täglicher 
Spülungen  folgen  lässt.  Wenn  man  hingegen  von  Anfang  an  mit  der  Lokal¬ 
behandlung  einsetzt,  so  sollten  nur  Spülungen  des  vorderen  Teils  der  Harn¬ 
röhre  gemacht  und  alle  3  Tage  Dosen  von  2 — 5  mg  injiziert  werden;  die  Dauer 
der  Behandlung  wird  im  allgemeinen  eine  längere  sein,  aber  die  Komplikationen 
sind  seltener,  wenn  man  die  grossen  Spülungen  und  die  höheren  Dosen  erst 
m  der  Periode  der  Besserung  anwendet,  als  wenn  man  erstere  schon  von 
Beginn  an  vornimmt.  Im  letzteren  Falle  ist  es  vorzuziehen,  die  Vakzine  im 
Endstadium  erst  anzuwenden;  man  erzielt  zahlreiche  Erfolge,  wenn  man  auf 

Dosen  von  2  5  mg  eine  starke  Dosis  von  2 — 5  cg  folgen  lässt.  Diese 
beiden  Methoden:  Impfung,  dann  Spülung  oder  umgekehrt  geben  gleicherweise 


101 


gute  Resultate  mit  den  Vakzinepräparaten,  welche  D.  nach  seiner  Technik 
herstellen  liess.  Die  zweite  hat  den  Vorzug  der  leichteren  Anwendbarkeit, 
aber  erstere  jenen,  rascher  zu  wirken  und  verdient  daher  unsere  spezielle 
Aufmerksamkeit.  St. 

Franz  Amon-  Erlangen  erprobte  das  von  der  Firma  Bayer  &  Co., 
Leverkusen  hergestellte  Antiskabiosum  „M  i  t  i  g  a  1“,  eine  organische 
Schwefelsäureverbindung,  an  der  Erlanger  dermatologischen  Klinik.  Bei 
allen  60  njit  dem  Mitigal  behandelten  Fällen  trat  ein  voller  Erfolg  ein.  Bei 
über  90  Proz  .der  Fälle  war  der  Juckreiz  bereits  nach  der  2.  Einreibung  des 
Oels  verschwunden;  die  objektiven  Erscheinungen  waren  oft  schon  nach  der 
ersten  Einreibung  im  Rückgänge.  Ein  Rezidiv  wurde  nicht  beobachtet.  Das 
Mittel  erwies  sich  als  vollkommen  unschädlich  auch  für  die  kindliche  Haut 
(der  jüngste  Patient  war  10  Wochen  alt).  Es  ist  in  der  Anwendung  sauber 
und  beschmutzt  die  Wäsche  nicht.  Der  Preis  für  eine  Flasche,  die  für  eine 
Kur  genügt,  beträgt  12  Mark.  (Therapeutische  Halbmonatshefte  1921,  11.) 

H.  T  h  i  e  r  r  y. 

W.  Rieder-  Frankfurt  a.  M.  berichtet  über  eine  Kombination 
von  Skopolamin  mit  Laudano  n,  wie  sie  bei  Röntgentiefenbestrah¬ 
lungen  in  der  Schmieden  sehen  Klinik  gegeben  wird.  Durch  eine  Ver¬ 
abreichung  von  0,04  g  Laudanon  zusammen  mit  0,0004  g  Skopolamin,  das  in 
sterilen  Ampullen  erhältlich  ist,  konnten  auch  die  sensibelsten  Patienten  die 
stundenlang  dauernden  Bestrahlungen  aushalten.  Sie  wurden  dadurch  in 
einen  Dämmerschlaf  versetzt,  der  7 — 8  Stunden  anhielt;  bei  noch  länger 
dauernden  Bestrahlungen  musste  noch  eine  halbe  bis  eine  ganze  Spritze 
nachgegeben  werden.  Unangenehme  Nebenwirkungen  der  Injektion  wurden 
nie  beobachtet  bei  den  über  200  bisher  damit  behandelten  Fällen. 

Auf  Grund  der  günstigen  Erfahrungen  rät  R.  zur  Anwendung  dieser 
Kombination  auch  im  Operationssaal  und  bei  der  Ausführung  des  Pneumo¬ 
peritoneums.  (Therapeutische  Halbmonatshefte  1921,  11.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 


Studentenbelange. 

Reichsbund  der  Kriegsteilnehmer. 

Der  Verband  der  Kriegsteilnehmer  deutscher  Hochschulen  erlässt  einen 
Aufruf,  in  dem  er  die  Notlage  der  akademischen  Kriegsteilnehmer  darstellt 
und  betont,  dass  grosse  Mittel  erforderlich  sind,  um  die  von  ihm  begonnene 
Nothilfe  fortzusetzen.  Er  will  durch  Gewährung  von  Darlehen  und  Unter¬ 
stützungen  den  bedürftigen  studierenden  Kriegsteilnehmern  die  Ablegung  des 
Examens  ermöglichen  und  ihnen  nach  dem  Examen  den  Eintritt  in  das 
Berufsleben  erleichtern.  Im  November  1921  wurden  zum  ersten  Male 
600  000  M.  an  Unterstützungen  ausgegeben.  Einzahlungen  sind  zu  leisten 
auf  das  Postscheckkonto  München  13  921  oder  auf  das  Bankkonto  230  der 
Städtischen  Sparkasse  München.  (Aus  Hochschulbl.  d.  Voss.  Ztg.)  v.  V. 

Zum  Verfassungskampf  in  der  deutschen  Studentenschaft. 

Im  Allgemeinen  studentischen  Pressedienst  ist  folgende  Bekanntmachung 
des  Vorstandes  der  deutschen  Studentenschaft  erschienen; 

„Am  Freitag,  den  9.  und  Sonnabend,  den  10.  Dezember  1921  tagte  in 
Göttingen  der  Spruchhof  der  reichsdeutschen  Studentenschaft,  der  sich  mit 
den  schwebenden  Verfassungsfragen  zu  beschäftigen  hatte.  In  der  Presse 
sind  bereits  die  widersprechendsten  Gerüchte  aufgetaucht  über  die  angeblich 
gefällte  Entscheidung.  Wir  warnen  davor,  weiterhin  mit  diesen  meist  recht 
tendenziös  gehaltenen  Ausführungen,  die  in  keiner  Weise  den  Tatsachen 
entsprechen,  die  studentische  Oeffentlichkeit  zu  beunruhigen.  Der  Entscheid 
des  Spruchhofes  wird  der  Oeffentlichkeit  sofort  bekanntgegeben,  nachdem 
er  Rechtskraft  erhalten  hat.“ 

Es  ist  zu  wünschen,  dass  die  Entscheidung  des  Spruchhofes  in  dieser 
wichtigen  Frage  möglichst  bald  der  Oeffentlichkeit  bekanntgegeben  wird, 
damit  endlich  Klarheit  herrscht  über  die  Verfassung  der  deutschen  Studenten¬ 
schaft.  v.  V. 


Bund  deutscher  Assistenzärzte. 

L  Die  in  Nr.  2,  1922  der  „Aerztl.  Mitt.“  veröffentlichten  und  den 
medizinischen  Wochenschriften  zur  Veröffentlichung  eingesandten  Richtlinien 
betreffs  der  Facharztfrage  wurden  in  ausführlich  begründeter  Form  auch 
dem  Vorstand  des  Verbandes  der  Fachärzte  Deutschlands  übermittelt. 
Gleichzeitig  wurde  dieser  gebeten,  seiner  Forderung,  dass  die  Fachärzte  ihre 
Assistenten  zeitentsprechend  besolden  sollen,  durch  Einwirkung  auf  seine 
Ortsgruppen  und  durch  erneuten  Hinweis  in  den  Fachärztl.  Mitteilungen 
Nachdruck  zu  verleihen.  Die  z.  Z.  oft  noch  recht  unzeitgemässe  Bezahlung 
der  Privatassistenten  wurde  dabei  besonders  betont.  Die  Frage  des  vom 
diesjährigen  Vertretertag  angeregten  Kartells  des  B.D.A.  mit  dem  V.d.F.D. 
ist  in  die  Wege  geleitet. 

2.  Die  Veröffentlichung  der  Notizen  des  B.D.A.  in  den  medizinischen 
Wochenschriften  bietet  nunmehr  die  Möglichkeit,  weitere  Kreise  mit  den 
Bestrebungen  des  B.D.A.  bekannt  zu  machen.  Die  Ortsgruppen  sind  zur 
Mitarbeit  eingeladen.  Etwaige  Beiträge  müssen  Rücksicht  nehmen  auf  die 
Kostbarkeit  des  Raumes  und  sind  an.  die  Geschäftsstelle  einzusenden,  wo  sie 
redigiert  werden. 

3.  Beitritt  zum  B.D.A.  erfolgt  durch  Anschluss  an  die  nächste  Ortsgruppe. 
Voraussetzung  ist  die  Mitgliedschaft  zum  L.V.  Der  B.D.A.  hat  keine  Einzel¬ 
mitglieder,  sondern  setzt  sich  zusammen  aus  Ortsgruppen  und  bildet  als 
Ganzes  eine  Sondergruppe  des  L.V.  Ortsgruppenverzeichnis  befindet  sich  im 
Neudruck  und  kann  demnächst  von  der  Geschäftsstelle  bezogen  werden. 

4.  Abzüge  vom  Gehalt  für  freie  Station  dürfen  nach  Beschluss  des  dies¬ 
jährigen  Vertretertages  höchstens  25—33%  Proz.  betragen. 

5.  Beschleunigte  Rücksendung  des  Fragebogens  ist  geboten,  ausführliche 
Berichte  über  die  gegenwärtige  Lage  bei  den  Ortsgruppen  sind  sehr  er¬ 
wünscht. 

Anfragen  etc.  unter  Beifügung  von  2  M.  für  Rückporto  an  die  Ge¬ 
schäftsstelle  des  B.D.A.,  Leipzig,  Dufourstr.  18,  2. 

Der  Vorstand: 

Dr.  Kortzeborn,  1.  Vorsitzender. 


102 


mHNCHFNER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ 


Nr.  3. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

t.  _  —  IC  Toninr 


München,  den  18.  Januar  1922. 


Die 


—  (iewerbeärzte,  wie  sie  in  anderen  Ländern  sich  bereits  be- 
Ctet ^ -  Zur ^  Unterstützung  der  technischen  Gewerbeaufsichtsbeamten  in  ge- 

ääss  satg  ”Hr 
sä  £1 .  ä 

“s*  vr  i,°ä s,nsn  m  *äk5 

r  SÄST  Är»Ä  d”f 
*ns  Bä 

Prüfung  und  Fortbildung  der  Gewerbearzte  erlasst  der  Minister  für  Volks 
Wohlfahrt  Qesetz  betreffend  Wochenhilfe  und  Wochenfür¬ 
sorge  vom  28.  Dezember  1921  bringt  gegenüber  der  bisherigen  ^chtslage 
nach  zwei  Richtungen  wesentliche  Aenderungen.  Einmal  wird  der  Betrag  des 
Stillgeldes  erhöht  und  zwar  gleichmässig  für  die  Versicherten-Wochenh  l 
die  F  unilien wochenhilfe  und  die  Wochenfürsorge  von  bisher  1.50  M.  täglich 
auf  LsS  M  täglich.  Ferner  wurde  die  sog.  .^nderbemittelu « 
der  Wochenfürsorge,  welche  letztmals  durch  Alt.  I  I  ZifL  2  des  Gesetzes 
vom  29  Juli  1921  auf  10  000  M.  erhöht  wurde,  nunmehr  auf  15  000  M.  neraut 
gesetzt.  Bei  dem  Erhöhungsbetrag  von  500  M.  für  jedes  vorhandene  Kind 
unter  15  Jahren  ist  es  auch  diesmal  verblieben.  Das  neue  Gesetz  ist  . 

am  5^Janimr  ds.  J^n -^Leipsdg  hat  aus  Gesundheitsrücksichten  sein 

Mandat  zum  vorläufigen  Reichswirtschaftsrat  niedergelegt.  An  seiner  Stelle 
wurde  *  Herr  Herzau-  Berlin  als  Ersatzmann  gewählt  und  berufen  Auch 
in  der  Schriftleitung  der  „Aerztlichen  Mitteilungen  lasst  sich  Herr  Ha 
In  ann  zurzeit  (von  Herrn  Dippe)  vertreten.  Die  Nachricht  von  der  Er¬ 
krankung  ihres  erprobten  Führers  erfüllt  die  Aerzteschaft  mit  ernster  Sorge. 
Dass  er  den  wir  schlechterdings  nicht  entbehren  können,  uns  bald  in  voller 
Kraft  wiedergegeben  werden  möge,  ist  der  aufrichtige  und  allgemeine  Wunsch 

der  ^non^rnzt^urde  ein  Arzt  wegen  angeblich  schlechter  Behandlung 

einer  Femurhalsfraktur,  entgegen  dem  Gutachten  der  sach¬ 
verständigen  Aerzte,  die  die  Behandlung  für  genügend  erklärt  hatten,  zur 
Zahlung  einer  hohen  Entschädigung  verurteilt.  Die  Jury  gründete  ihren 
Spruch  vornehmlich  darauf,  dass  der  Arzt  es  unterlassen  hatte 
Röntgenaufnahme  zu  machen. 

—  Die  Universum-Film-Aktiengesellschaft  Berlin,  Kothenerstr.  1  4  (Ufa), 

hat  unter  Benutzung  amtlichen  Materials  eine  Reihe  weiterer  medi¬ 
zinischer  Volksbelehrungsfilme  herausgegeben.  Es  sind  er¬ 
schienen  bzw.  stehen  vor  der  Vollendung  die  Filme:  Säuglingspflege. 
Krüppelnot  und  Krüppelhilfe;  die  Pocken,  ihre  Gefahren  und  deren  Be¬ 
kämpfung;  die  Wirkung  der  Hungerblockade  auf  die  Volksgesundheit,  ein 
Tuberkulosefilm;  Hygiene  des  häuslichen  Lebens  Andere  Filme  s'emher  A 
sind  in  Vorbereitung.  Ein  Erlass  des  preuss.  Ministers  für  Volkswohlfahrt 
ordnet  an.  die  Vorführung  auch  dieser  Volksbelehrungsfilme  nach  Möglichkeit 
zu  fördern,  insbesondere  auch  die  Kreismedizinalrate  auf  die  Filme  auf¬ 
merksam  zu  machen  und  ihnen  ihre  Verwertung  für  Vertragszwecke  zu 

empfehlen. g  Deut$che  ä  r  z  1 1  i  c  h  e  Gesellschaft  für  St  r  a  h  1  e  n- 
therapie  veranstaltet  vom  6.  März  bis  L  April  einen  4  wöchentlichen 
Fortbildungskurs,  welcher  unter  Leitung  von  Prof.  Dr.  V .  S  c  h  m  le  d  e  n 
in  den  Kliniken  und  Instituten  der  Universität  Frankfurt  a  M.  ab 
gehalten  wird.  Der  Kurs  soll  hauptsächlich  der  praktischen  Ausbildung 
der  Teilnehmer  in  der  Röntgentiefentherapie 
wird  vom  2.  bis  5.  April  in  Hamburg  an  der  Universitats-Hautklinik 
(Direktor-  Prof.  Dr.  A  r  n  i  n  g)  und  in  der  Lupusheilstätte  eine  Vortragsreihe 
für  D  e  r  m  a  t  o  1  o  g  e  n,  Vbm  24.  bis  29.  April  in  Tübingen  unter  Leitung 
von  Prof  Dr  Perthes  ein  Vortragszyklus  über  das  Gesamtgebiet  der 
Strahlentherapie  mit  Demonstrationen  und  praktischen  Uebungen  und  vom 
29.  April  bis  1.  Mai  eine  Radiumtagung  der  Gesellschaft  in  B  ad  Kreuz¬ 
nach  stattfinden.  Anmeldungen  für  das  Praktikum  in  Frankfurt  a.  M.  sind 
zu  richten  an  Dr  H.  H  o  1  f  e  1  d  e  r,  Chirurgische  Universitätsklinik,  für  den 
Kurs  in  Hamburg  an  Priv.-Doz.  Dr.  Hans  R  i  1 1  e  r,  Krankenhaus  St  Georg, 
für  den  Vortragszyklus  in  Tübingen  an  Priv.-Doz.  Dr.  O.  Jüngling, 
Chirurgische  Klinik  und  .für  die  Radiumtagung  an  Dr.  W  Engel  mann. 
Bad  Kreuznach,  Ludendorfstr.  12.  Beitrittserklärungen  für  die  Deutsche 
Gesellschaft  für  Strahlentherapie  nimmt  entgegen  der  Schriftführer  I  rof.  Hans 
Meyer,  Bremen,  Parkallee  73. 

—  Die  nächsten  Ferienkurse  der  Dozentenverei  n  l  g  uns  f  u  r 
ärztliche  Ferienkurse  in  Berlin  finden  vom  2.  bis  29.  Marz 
statt.  Monatskurse  werden  jeden  Monat  veranstaltet.  Sämtliche  Disziplinen 
finden  Berücksichtigung.  Programm  durch  die  Geschäftsstelle  Berlin  NW.  6, 
Luisenplatz  2—4  (Kaiserin-Friedrich-Haus). 

—  In  den  Nürnberger  Fortbildungsvortragen  sind 
folgende  weitere  Aenderungen  nötig  geworden:  Am  28.  Januar  spricht  nicht 
Oberarzt  S  c  h  e  i  d  e  m  a  n  d  e  1,  sondern  Geh.-Rat  v.  Noorden  und  am 
11.  Februar  spricht  statt  O.-R.-M.-R.  Mayr  O.-A.  Scheidemandel. 

—  Der  38.  Baineologenkongress,  der  vom  15.— 18.  Marz  1922 
unter  dem  Vorsitz  von  Wirkl.  Geh.  Ob. -Med. -Rat  Prof.  Dr.  Dietrich  m 
Berlin  (Kaiserin-Friedrich-Haus,  Luisenplatz  2—4)  tagen  wird,  wird  in  der 
Hauptsache  die  Beeinflussung  des  Stoffwechsels  und  der  Stoffwechselkrank¬ 
heiten  durch  die  Baineologischen  Heilfaktoren  behandeln.  In  dem  allgemeinen 
Teil  werden  Geh.-Rat  Strauss  und  Prof.  Bickel  über  den  Einfluss  der 
Bade-,  Klima-  und  Trinkkuren  auf  den  Stoffwechsel,  Prof.  Franz  Müller 
über  Balneologie  und  Stoffwechselfragen  früher  und  jetzt,  und  Prof.  Erich 


Müller  über  die  Stoffwechselkrankheiten  im  Kindesalter  sprechen, 
einzelnen  S.oBweeLeJtankhelte»  werten  i«  dnreh  enien  , n, ecken  Vortrnn 

eingelcitet.  Die  Einleitung  über  Diabetes  hat  Geh  -Rat  M  ink  o  w  s  k  i  ub 
nommen,  über  Gicht  Geh.-Rat  Hl  s,  über  Fettsucht  Prof.  Dr.  P.  E  K  •  C  J 
t  e  r,  über  innere  Sekretion  Geh.-Rat  Franz,  Pro  .  S  c  h  1 a  y  u 
Prof.  Mansfeld.  Auskunft  über  den  Kongress  erteilt  der  stellve  tr .  Ue 
neralsekretär  der  Baineologischen  Gesellschaft  Dr.  Hirse  h,  Charlottenburg, 

Fraunhof^str.A16v  zt)iche  Handbuch  für  Bayern,  das  infolge  der 

schwierigen  Verhältnisse  seit  1914  nicht  mehr  erscheinen  konnte,  wid» 
mehT  Anfang  April  durch  die  Fr.  Bassermannsche  Verlagsbuchhandlung 

in  München  neu  herausgegeben  werden.  Wn„h-  vnm  ,  b;s 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  l.  ms 

7.  Januar  wurden  in  Frankfurt  a.  O.  bei  einem  aus  dem  russischen  Hunger¬ 
gebiet  eingetroffenen  Transport  von  171  deutschstämmigen  Flucht  g 
57  Fleckfieberfälle  ermittelt.  Nachträglich  wurden  noch  mitgeteilt  iur  die 
Zeit  vom  S.  Dis  24.  Dezember  v.  1  8 

Kriegsgefangenen  in  Osternothafen  (Kreis  Usedom-Wollin,  Reg.-Bez  Stettin), 
vom'  25.  bis  31.  Dezember  v.  J.  17  Erkrankungen  —darunter  1  £rankenpflege- 
nerson  —  in  Frankfurt  a.  O.  —  Polen.  Vom  11.  September  bis  8.  Oktober 
v.  J.  693  Erkrankungen  (und  53  Todesfälle),  davon  in  der  Stadt  Warschau 

ix  (\)  in  den  Bezirken  Posen  6  und  Pommerellen  1. 

—  In  der  52.  Jahreswoche,  vom  25.  bis  31.  Dezember  1921, hatten  ^ von 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Wies¬ 
baden  mit  36,9,  die  geringste  Neukölln  mit  7,4  Todesfällen  pro  Jahr  un 
1000  Einwohner.  Voff‘  K.-U.-A. 


Hochschulnachrichten.  .  | 

Erlangen.  Der  Hofzahnarzt  Dr.  med.  dent.  et  phil.  Christian  j 

üreve,  vormals  in  München,  ist  unter  Verleihung  des  Titels  und  Ranges  1 
eines  ausserordentlichen  Professors  als  Privatdozent  für  Zahnheilkunde  in  die  j 
medizinische  Fakultät  der  Universität  Erlangen  aufgenommen  worden  j 

Dr  G  r  e  v  e  ist  als  Abteilungsvorstand  in  das  Erlanger  zahnärztliche  Institut  j 
eingetreten  und  hat  zugleich  einen  Lehrauftrag  für  konservierende  Zahnheil-  j 

künde  erhalten,  (hk.)  ....  ] 

Freiburg  i.  B.  Den  Privatdozenten  an  der  Universität  Freiburg  j 

Dr.  Karl  A  m  e  r  s  b  a  c  h  (Laryngo-,  Rhino-  und  Otologie),  Dr.  Hans  B  o  k  e  r 
(Anatomie,  vergl.  Anatomie  und  Entwicklungsgeschichte)  und  Dr.  Paul 

L  i  n  d  i  g  (Geburtshilfe  und  Gynäkologie)  wurde  die  Dienstbezeichnung 

ausserordentlicher  Professor  verliehen,  (hk.)  /  +ot.v,oihiahr 

Heidelberg.  Die  Universität  weist  an  diesem  Winterhalbjahr  I 

2424  immatrikulierte  Studierende  auf,  davon  in  der  medizinischen  Fakultät  3 
638,  darunter  136  Studierende  der  Zahnheilkunde,  (hk.)  .  .  .  ! 

Kiel  Prof  Dr  W.  Berblinger  wurde  vom  Preuss.  Ministerium  ] 
für  Wissenschaft,  Kunst  und  Volksbildung  mit  der  Vertretung  des  durch  das  j 
Ableben  von  Prof.  Löh  lein  erledigten  Ordinariats  für  allgemeine  Patho¬ 
logie  und  pathol.  Anatomie  an  der  Universität  Marburg  für  das  Winter¬ 
semester  1922  beauftragt.  ...  '  „  . 

München.  Habilitiert:  Dr.  Max  Nadoleczny  für  Sprach-  und 
Stimmstörungen.  Habilitationsschrift:  Untersuchungen  über  den  Kunstgesang 
Probevortrag:  Phonetik  und  Heilkunde.  —  Habilitiert:  Dr.  med.  Paul 
Martini,  Assistent  der  II.  med.  Klinik,  für  innere  Medizin.  Vortrag:  Ueber 

den  Muskeltonus.  Ferner  Dr.  med.  Johannes  L  a  n  g  e,  Assistent  der  - 

psychiatrischen  Klinik,  für  Psychiatrie.  Probevortrag:  Ueber  Gewohnungs- 
schwäche  und  krankhafte  Gewohnheiten.  ...  ,  . 

Münster.  Für  das  neugegründete  Extraordinariat  der  Zahnheilkunde 
ist  der  beauftragte  Dozent  und  Direktor  des  zahnärztlichen  Instituts  Prof. 
Max  A  p  f  e  1  s  t  a  e  d  t  ausersehen,  (hk.)  _  ,  ,  .3 

Würzburg.  Die  medizinische  Fakultät  der  Universität  Wurzburg  hat 
in  ihrer  Sitzung  vom  21.  XII.  1921  den  Dr.  Josef  Schneider-Preis  für  die 
beste  Arbeit  auf  dem  Gebiete  der  Erforschung  und  Bekämpfung  der  tuber¬ 
kulöse  während  der  letzten  10  Jahre  einstimmig  dem  a.  o.  Prof.  Dr.  Karl 
Ernst  Ranke  in  München  zuerkannt.  Die  nähere  Begründung  lautet:  „Sie 
haben  durch  Ihre  verdienstvollen  anatomischen  Untersuchungen  über  _  den 
Primärkomplex  und  das  sekundäre  Stadium  der  Tuberkulose  das  klinische 
Verständnis  für  den  Beginn  der  Tuberkuloseinfektion  vertieft  und  damit  die 
Brücke  geschlagen,  um  auf  dem  Boden  der  pathologischen  Anatomie  die 
Anfänge  der  Tuberkulose  -klinisch  besser  zu  verstehen.  Da  der  Kampf  gegen 
die  Tuberkulose  in  erster  Linie  ein  solcher  sein  wird,  der  sich  mit  den  ersten- 
Stadien  befasst,  so  kommt  Ihren  Untersuchungen  eine  grosse  praktische  Be¬ 
deutung  zu.“  Mit  dem  Preise,  der  hiermit  zum  ersten  Male  verteilt  wird,  ist 
die  Zuweisung  von  M.  5460. —  aus  den  Zinsen  der  Dr.  Josef  Schneider- 
Theresiastiftung  verbunden.  —  Die  medizinische  Fakultät  hat  den  Rinecker- 
Preis  (eine  silberne  Medaille  nebst  1000  M.)  dem  früheren  langjährigen  ord. 
Professor  an  der  Strassburger  Universität  Dr.  Franz  Hofmeister,  jetzt 
Honorarprofessor  für  physiologische  Chemie  in  Würzburg,  zuerkannt,  (hk.) 

Todesfall.  ^  u  u  t  < 

In  Berlin  starb  am  2.  ds.  der  bekannte  Verlagsbuchhändler  Geh.  notrat 
Alfred  K  r  ö  n  e  r.  60  Jahre  alt.  K  r  ö  n  e  r  s  Verlag  war  im  wesentlichen 
ein  philosophischer,  er  pflegte  aber  auch  die  Naturwissenschaften  und  ist  be- 
kannt  als  Verleger  der  Werke  Wundts,  Darwins  und  H  a  e  c  k  e  1  s. 
Lebhaft  interessierte  er  sich  für  die  junge  Wissenschaft  der  Vererbungslehre, 
zu  deren  Förderung  er  1913  bei  der  Bayerischen  Akademie  der  Wissen¬ 
schaften  eine  Stiftung  von  30  000  M.  machte. 


Korrespondenz. 


Kostenfreie  Lieferung  von  Sonderdrucken. 

Wie  früher  mitgeteilt  wurde,  haben  die  Verleger  der  grossen  medi¬ 
zinischen  Wochenschriften  wegen  der  unverhältnismässig  hohen  neuen  Druck- 
und  Papierpreise  die  früher  übliche  kostenfreie  Lieferung  von  Sonderdrucken  | 
von  Originalarbeiten  eingestellt  und  dafür  eine  entsprechende  Erhöhung  des  | 
Verfasserhoinorars  eintreten  lassen.  Da  diese  Abmachung  von  seiten  ariderer 
Verleger  nicht  eingehalten  und  sie  dadurch  hinfällig  geworden  ist,  wild  der 
Unterzeichnete  Verlag  in  Zukunft,  wie  früher,  von  Originalarbeiten  aut 
Wunsch  25  Sonderdrucke  kostenfrei  liefern,  gleichzeitig  aber,  um  diejenigen 
Verfasser,  die  keine  Sonderdrucke  beziehen,  nicht  schlechter  zu  stellen,  diesen 
einen  den  Herstellungskosten  von  25  Sonderdrucken  entsprechenden  Zuschlag 
zum  Honorar  gewähren.  L  F.  Lehmanns  Verlag. 


Verlag  von  J.  F.  L eh  m ann  in  München  S.W.  2,  Paul  Heysestr.  26.  -  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  3. - 1.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 

•  •  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  ... 

Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 


Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  4.  27.  Januar  1922.  Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz.  Arnulfstrasse  26. 

_ '  Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  daa  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Medizinischen  Klinik  Kiel. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Schittenhelm.) 

Ueber  cholämische  Lipämie. 

Von  Max  Bürger. 

ln  der  Erörterung  der  Pathogenese  der  Cholelithiasis  ist  der  Ur¬ 
sprung  des  Gallencholesterins  vielfach  diskutiert  worden.  Nach  der  alten 
N  a  u  n  y  n  sehen  Anschauung  ist  der  Gehalt  der  Galle  an  Cholesterin 
nahezu  konstant  und  rührt  in  erster  Linie  von  den  Mauserungsvor¬ 
gängen  der  Epithelien  der  Gallengänge  her.  Noch  neuere  Autoren  sind 
für  diese  Anschauung  eingetreten.  W  e  i  n  t  r  a  u  d  0  glaubt,  dass  die 
Leberzellen  weder  als  Bildungsstätte  noch  als  Ausscheidungsorgan  für 
das  im  Blute  dauernd  vorhandene  Cholesterin  anzusehen  seien.  Auch 
Hoppe-Seyler2)  schliesst  sich  dem  an.  Demgegenüber  haben 
A  s  c  h  o  f  f  und  seine  Schüler,  vor  allem  B  a  c  m  e  i  s  t  e  r 3),  der  Leber 
eine  wichtige  Bedeutung  im  Cholesterinhaushalt  zugeschrieben,  ln 
eigenen 4)  mit  B  e  u  m  e  r  durchgeführten  Untersuchungen  sind  wir  zu 
der  Ueberzeugung  gekommen,  dass  die  Leber  als  ein  Ausscheidungs¬ 
organ  für  das  Cholesterin  anzusehen  ist,  und  dass  ein  behinderter  Gallen¬ 
abfluss  eine  Riickstauung  von  Cholesterin  im  Blute  zur  Folge  haben 
muss.  Wir  wiesen  bereits  1913  darauf  hin,  dass  es  bei  Cholämie 
infolge  Gallenabflussbehinderung  zu  einer  Vermehrung  des  Cholesterins 
bis  auf  das  Vierfache  des  normalen  Wertes  kommen  kann, 
j  Unsere  damaligen  Mitteilungen  fanden  von  verschiedenen  Seiten 
Bestätigung  und  unsere  Auffassung  der  Leber  als  Ausscheidungsorgan 
des  Cholesterins  Zustimmung  [Hueck  und  Wacker5),  Rosen- 
t  h  a  1  und  Holzer5),  E  p  p  i  n  g  e  r 7),  L  i  c  h  t  w  i  t  z 8),  R  e  t  z  1  a  f  f 9)]. 
Gleichzeitig  wurde  damals  eine  erhebliche  Vermehrung  des  Gesamt- 
fettgehaits  des  Blutes  der  Ikterischen  von  uns  festgestellt,  die  ohne 
sichtbare  Trübung  des  Serums  einhergeht  (latente  Lipämie),  und  zwar 
fand  sich  diese  Erscheinung  trotz  fettarmer  Kost  der  untersuchten  Fälle. 

Eingehender  hat  sich  F  e  i  g  1 10)  mit  unseren  Resultaten  beschäftigt. 
Er  bestätigt  an  grösserem  Material  die  cholämische  Hypercholesterinämie, 
findet  Erhöhungen  bis  zum  Fünffachen  der  Norm.  Die  starke  Ver¬ 
mehrung  des  Gesamtfetts  wird  von  ihm  gleichfalls  festgestellt;  auch 
er  vermisst  eine  Trübung  bei  dieser  Form  der  Lipämie,  gebraucht  statt 
des  von  uns  eingeführten  Ausdrucks  „latent  e“,  die  Bezeichnung  „mas¬ 
kierte“  Lipämie.  Auch  die  später  noch  zu  erörternde  geringe  Ver¬ 
esterung  des  Cholesterins  bei  cholämischer  Hypercholesterinämie  wird 
von  ihm  nach  dem  Bloorschen  Verfahren  bestätigt. 

Diese  Befunde  regen  in  mehrfacher  Hinsicht  zur  Weiterarbeit  an. 
Einmal  wurde  durch  die  gleichzeitige  erhebliche  Vermehrung  der  Blut¬ 
fette,  Lipoide  und  des  Cholesterins  bei  behindertem  Gallenabfluss  ein 
helles  Schlaglicht  auf  die  Beziehungen  des  Cholesterins 
zum  intermediären  Fettstoff  Wechsel  geworfen.  Anderer¬ 
seits  ist  durch  die  jetzt  gegebene  Möglichkeit,  das  Bilirubin  im  Blute 
quantitativ  zu  bestimmen,  die  Frage  der  Erörterung  zugänglich  geworden, 
ob  sämtliche  Formen  von  Ikterus  mit  einer  der  Bilirubinvermehrung  ent¬ 
sprechenden  Steigerung  des  Blutcholesterins  einhergehen.  Nachdem  ich 
das  bereits  1913  getan,  ist  neuerdings  wieder  (u.  a.  von  R  o  s  e  n  t  h  a  1  und 
Holzer)  darauf  hingewiesen  worden,  dass  der  mechanische  Stauungs- 
ikterus  bei  Verlegung  der  Gallenwege  durch  Steine,  Karzinome,  Nar¬ 
ben  oder  geschwollene  Drüsen  von  einer  Rückstauung  sämtlicher 
Gallenbestandteile  ins  Blut  begleitet  Ist,  während  beim  dissoziier¬ 
ten  Ikterus  der  französischen  Autoren11)  lediglich  eine  Vermehrung 

D  Weint  raud:  v.  Noordens  Handb.  d.  Patli.  d.  Stoffw.  (2)  1,  741. 

2)  Hoppe-Seyler:  Quincke-Hoppe-Seyler,  Die  Krankheiten  der 
Leber,  Wien-Leipzig  1912  (2)  S.  53. 

*)  Ba'cmeister:  Bioch.  Zschr.  1910,  26.  223. 

)  Bürger  und  Beumer:  B.kl.W.  1913  Nr.  3.  —  Dieselben: 
Arch.  f.  exp.  Path.  u.  Pharm.  1913,  71,  311.  —  Dieselben:  Zschr.  f.  exp. 
Path.  u.  Pharm.  1913,  13.  —  Dieselben:  Ebenda  13.  —  Dieselben: 
Bioch.  Zschr.  1913,  56,  446. 

5)  Hueck  und  Wacker:  Biochem.  Zschr.  100,  93. 

”)  Rosen  thal  und  Holzer:  D.  Arch.  f.  klin.  M.  1921.  135,  257—280. 

)  Eppinger:  Die  hepato-lienalen  Erkrankungen,  Berlin  1920,  S.  146. 

8)  Licht  witz:  Klin.  Chemie,  Springer,  1918,  248. 

®)  Retzlaff:  D.m.W.  1921  Nr.  28. 

)  Joh.  F  e  i  g  Ii:  Ueber  das  Vorkommen  und  die  Verteilung  von  Fetten 
und  Lipoiden  im  menschlichen  Blutplasma  bei  Ikterus  und  Cholämie.  Bioch. 
Zschr.  1918,  90,  1. 

“)  Literatur  bei  Br  ul  6:  Ictires,  2.  Ed.,  Paris  1920,  Masson. 

)  Bürger:  Verh.  d.  D.  Kongr.  f.  inn.  M.  30,  331. 

Nr.  4. 


des  Gallenfarbstoffs  oder  der  Gallensäuren,  nicht  aber  eine  solche 
des  Cholesterins  im  Blute  stattfindet. 

Der  pleiochrome  Ikterus  zeigt  nun  eine  einseitige  Ver¬ 
mehrung  des  Bilirubins  im  Blute  ohne  gleichzeitige  Vermehrung  des 
Blutcholesterins.  Ich  fand  in  einem  Falle  von  hämolytischem  Ikterus, 
über  den  ich  auf  dem  Deutschen  Kongress  für  innere  Medizin,  Wies¬ 
baden  1  9  1  3 12)  berichtete,  folgende  Werte: 

1000  g  Serum  enthalten 


Trockensubstanz  83,985 

Eiweiss  69,631 

Totalextrakt  5,349 

freies  Cholesterin  0,129 

Cholesterin  als  Ester  1,547 


Gesamtcholesterin:  1,676 

Das  Serum  ist  intensiv  gelb  gefärbt  und  gibt  die  G  m  e  1  i  n  sehe 
Probe. 

In  einem  neuerdings  in  meine  Beobachtung  gekommenen  Fall 
von  hämolytischem  Ikterus  fanden  sich  folgende  Werte: 

Totalcholesterin  1,710 

davon  freies  Cholesterin  0,55 

gebundenes  Cholesterin  1,160 

in  1000  g  Serum. 

Das  Serum  enthält  nach  Hymans  van  den  Bergh  0,136  Prom. 
Bilirubin. 

In  diesen  beiden  Fällen  besteht  eine  hochgradig  ikterische  Ver¬ 
färbung  des  Serums  mit  erheblicher  Vermehrung  des  Bilirubins,  ohne 
dass  die  Werte  des  Cholesterins  entsprechend  wesentlich  erhöht  sind, 
sie  liegen  in  beiden  Fällen  noch  an  der  oberen  Grenze  der  Norm. 


Tabelle  1  Hämolytischer  Ikterus. 


1000  g  Serum  enthalten  : 

Gebund. 
Cholest. 
in  0/„  v. 
Total- 
cholest. 

Fall 

Nr. 

Autor 

Bilirubin 

Oesamt¬ 

fett 

Gesamt- 

cholest. 

Freies 

Cholest. 

Ester- 

cholest. 

Gehalt 
in  %  v. 
Totalfett 

1 

Bürger1)  (1913) 

sehr  reich  1. 

5,349 

1,676 

0,129 

1,547 

92,3 

31,3 

2 

Bürger  (1921) 

0,136 

1,710 

0,55 

1,160 

67,8 

2  a 

Rosenthal  und 
Holzer  (1921) 

18  Zeiteinh. 

- 

1,100 

— 

- 

— 

— 

1000  g  Blut  enthalten  : 

3 

Eppinger2)  (1920) 

5,434 

0,906 

0,491 

0,415 

45,8 

16,6 

4 

Eppinger  (1920) 

6,327 

1,167 

0,854 

0,313 

26,5 

18,4 

')  Bürger:  Kongress  für  in  iere  Medizin  1913.  S.  331. 

-)  Eppinger:  Die  liepatolienalen  Erkrankungen.  146.  Springer,  Berlin  1920. 

Auf  Tab.  1  sind  die  von  mir,  von  Eppinger,  von  Rosen  thal 
und  Holzer  untersuchten  Fälle  von  hämolytischem  Ikterus  zusammen¬ 
gestellt.  Die  von  Eppinger  übernommenen  Werte  sind  nicht  ohne 
weiteres  mit  den  meinen  vergleichbar,  da  sie  sich  auf  Gesamtblut  be¬ 
ziehen,  nicht  auf  Serum  wie  die  meinen.  Alle  Daten  zeigen  überein¬ 
stimmend,  dass  das  üesamtfett  jedenfalls  nicht  über  die  Norm  erhöht 
ist.  Besonders  hervorheben.  möchte  ich,  dass  das  Serumcholesterin 
meiner  Fälle  zu  einem  hohen  Prozentsatz  verestert  ist,  ganz  im  Gegen¬ 
satz  zu  dem  Verhalten  beim  mechanischen  Ikterus.  Die  entsprechen- 
denZahlen  liegen  bei  Eppinger  niedriger,  weil  bei  ihnen  das  Chole¬ 
sterin  der  Blutkörperchen  eingezogen  ist,  welches  wie  unsere  13)  alten 
Untersuchungen  am  Menschen  erwiesen  und  wie  Wacker  und 
Hueck  für  das  Tier  mehrfach  bestätigt- haben,  nur  freies  Chole- 
I  StG  rin  enthalten. 

Wir  haben  demnach  hier  das  Recht,  von  dissoziiertem  Ikterus  irn 
Sinne  der  französischen  Autoren  zu  sprechen. 

Gegenüber  diesen  Formen  von  hämolytischem  Ikterus,  die  ohne 
oder  ohne  wesentliche  Hypercholesterinämie  einhergehen,  wohl  aber 
mit  einer  gewaltigen  Vermehrung  des  Bilirubins  (pleiochromer  Ikterus) 
stehen  die  Fälle  mit  behindertem  Gallenabfluss,  die  eine  starke  Steige¬ 
rung  der  BIutcholesterinwert\ mit  sich  bringen. 

Es  muss  in  diesem  Zusammenhänge  aber  bemerkt  werden,  dass  die 
von  Grigaut  und  seinen  Schülern14)  und  meist  auch  von  Rosen- 

13)  B  e  u  m  e  r  und  Bürger:  1.  c„  speziell  Arch.  f.  exp.  Path.  u.  Pharm. 
1913.  71,  316  ff. 

”)  Grigaut:  Le  cycle  de  la  cholesterinemie,  Steinheil,  Paris  1913. 


104 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


t  h  a  1  und  Holzer  geübten  kolorinietrischen  Cholesterinbestimmungs- 
verfähren  besonders  bei  stark  farbstoffhaltigen  Seren  unzuverlässig 
sind,  worauf  ich  mit  Reinhardt13)  in  anderem  Zusammenhänge 
hingewiesen  habe  (Xanthosis  diabetica).  Eine  exakte  Reststellung  des 
dissoziierten  Ikterus  ist  nur  mit  der  von  piir  und  Beumer  )  in  die 
Klinik  eingeführten  Windaus  sehen  Cholesterinbestimmung  des 
Blutes  methodisch  möglich.  , 

Das  Bilirubin  wurde  nach  Hijmans  vandenBergh  )  bestimmt. 
Die  Modifikation  von  Thannhauser  und  Andersen  ).  die  eine 
wesentliche  Verbesserung  der  Methode  bedeutet,  konnte  noch  keine 

Berücksichtigung  erfahren.  , 

Das  Gesamtiett  wurde  nach  Ausfüllung  des  Serums  mit  der  zehn- 
fachen  Menge  Alkohol,  Auswaschung  des  Koagulats  mit  Alkohol  und 
Aether  bis  zur  Fett-  und  stets  kontrollierten  Cholesterinfreiheit,  Ab- 
destillieren  des  Filtrats  und  Aufnahme  des  Rückstands  in  Petroläther 
gewogen.  Es  wird  in  getrennten  Portionen  des  Filtrats  einmal  das 
freie,  in  einer  zweiten  Portion  nach  energischer  Verseifung  das  Ge¬ 
samtcholesterin  bestimmt.  Man  findet  bei  diesem  Vorgehen  ca.  5  g 
ätherlöslichen  Gesamtextrakt  in  1000  ccm  Serum,  ein  Wert,  der  sich 
mit  den  bei  früheren  Untersuchungen  gefundenen,  gut  deckt.  Ich  gebe 
zunächst  eine  Uebersicht  sämtlicher  von  mir  bei  Ikterischen  gefun¬ 
denen  Werte,  aus  welcher  hervorgeht,  dass  mit  Ausnahme  eines  Falles 
von  acholurischem  Ikterus  eine  beträchtliche  Vermehrung  der  Gesamt¬ 
fette  des  Serums  sich  findet.  Die  Zahlen  erreichen  im  Maximum  das 
Vierfache  der  Norm,  liegen  im  allgemeinen  2— 3  mal  so  hoch  als  unter 
physiologischen  Bedingungen.  Trotz  dieser  erheblichen  Zunahme  ist 
das  Serum  in  allen  diesen  Fällen  klar  und  nicht  milchig,  wie  bei  den 
übrigen  Formen  der  manifesten  Lipämie.  Zum  Unterschied  zu  jenen 
bezeichne  ich  diese  bei  Ikterischen  beobachtete  Blutfettanhäufung  als 
latente  cholämische  Lipämie.  (Tab.  2.) 


Tabelle  2.  Cholämische  Lipämien*). 


Lfd.  Nr. 

Spez.  Diagnose 

Dauer 

des 

Ikterus 

1000  ccm 
Serum  enth 

g  Totallett 

Lfd  Nr. 

Spez.  Diagnose 

Dauer 

des 

Ikterus 

1000  ccm 
Serum  entli 
g  Totalfett 

1 

Normal 

— 

4,020  1 

10 

Karzinom  der  Gallen¬ 
wege  (Sekt.-Befd.) 

? 

11,438 

Karzinom  der  Gallen- 
wege  (.Sekt.-Befd.) 

?  Mon 

22,395  1 

2 

11 

Choledochusverschl. 

(Stein) 

? 

9,893 

Katarrhal.  Ikterus 

16,701 

3 

12 

Duodenalulcus  (Ikt.) 

24Ta.e 

11,050 

Katarrhal.  Ikterus 

12Tasie 

15,783 

4 

13 

Sepsis  (Hämolytisch. 
Streptokokken) 

? 

10,237 

5 

Katarrhal.  Ikterus 

4  Woch 

13,633 

6 

Hypertroph.  Leber- 

?  Mon. 

12,551 

14 

Hepat.  Ikterus 

14  Tage 

9,166 

zirrhose 

15 

Hypertroph.  Leber¬ 
zirrhose 

lOTage 

8,987 

1 

Pankreaskarz.  Leber- 

4  Woch. 

11,625 

metastas.  (.Urämie 
Sekt.-Betd.) 

16 

Cholelithiasis 

?  Mon. 

9,092 

7a 

Katarrhal.  Ikterus 

lOTage 

9,66 

17 

Akute  gelbe  Leber- 
a  rophie  1 

6  Tage 

10,80 

Katarrhal.  Ikterus 

lOTage 

11,422 

8 

18 

Akute  gelbe  Ltber- 

5  Tage 

13,100 

9 

Chron.  Cholangitis 

? 

11,479 

atrophie  11 

*)  Ausführlich  mitgeteilt  in  einer  Dissertation  von  Hans  Krämer:  „Lieber  Cholelipämie“. 

Kiel  ly20. 

Diese  Erscheinung  ist  nach  zwei  Richtungen  hin  interessant.  Ein¬ 
mal  erscheint  es  paradox,  dass  bei  geringer  Fettzufuhr  und  der  durch 
den  Gallenschluss  resp.  verminderten  Zufluss  zum  Darm  erheblich  ver¬ 
schlechterten  Resorption  die  Fette  im  Blut  vermehrt  werden  und  auf¬ 
fälligerweise  die  festgestellte  Fettvermehrung  nicht  wie  sonst  nach 
der  Verdauung  oder  unter  pathologischen  Bedingungen,  z.  B.  beim  Dia¬ 
betes,  durch  milchige  Trübung  des  Serums  sichtbar  wird.  Ich  bin 
geneigt,  das  letzte  Phänomen,  wie  es  schon  in  der  mit  B  e  u  m  e  r  ge¬ 
meinsam  verfassten  Mitteilung  geschah,  mit  der  Retention  aer  gallen¬ 
sauren  Salze  in  Beziehung  zu  bringen.  Bekanntlich  können  die  Cholate 
erhebliche  Fettsäuremengen  in  Lösung  halten.  Von  Ochsengalle  werden 
4 — 5  Proz.  Oelsäure,  von  den  Fettsäuren  des  Schweineschmalzes 
3,5  Proz.  aufgenommen.  Vielleicht  spielen  bei  dem  Lösungsvermögen 
noch  andere  Derivate  der  Cholsäure  eine  Rolle,  z.  B.  Choleinsäure,  die 
ein  Kombinationsprodukt  aus  Desoxycholsäure  und  Fettsäuren  ist 
IW  i  e  1  a  n  d  19)J.  Sicher  scheint,  dass  die  Retention  solcher  Gallen¬ 
bestandteile  und  ihr  Uebertritt  ins  Blut  dort  der  Emulsionsbildung  des 
Fettes  entgegenwirkt. 

Warum  wird  nun  das  im  Blut  in  vermehrter  Menge  zirkulierende 
Fett  nicht  in  die  Zellen  aufgenommen  resp.  in  die  Depots  abgeführt? 
Hier  bewegen  sich  alle  Erklärungsversuche  auf  hypothetischem  Gebiet. 
Zunächst  ist  im  Auge  zu  behalten,  dass  die  Zellen  offenbar  auf  die  Auf- 


1B)  Bürger  und  Re  in  hart:  Z.  f.  ges.  exp.  M.  1918,  7,  119.  — 
Dieselben:  D.m.W.  1919  Nr.  16. 

1B)  Bürger  und  Beumer:  1.  e.,  Z.  f.  exp.  Path.  u.  Ther.  1913,  Kapitel 
Ikterus  und  Choiämie. 

1  ‘ )  Hijmans  v.  d.  Bergh:  Der  Galienfarbstoif  im  Blute.  Leipzig  1918. 
18)  Thannhauser  und  Andersen:  D.  Arch.  i.  klin.  M.  1921, 
137,  179. 

,n)  Wieland:  Zschr.  f.  phys.  Chemie  97,  H.  1. 


nähme  des  in  Form  der  Hämokonien  feinverteilten  Rettes  eingestellt 
sind.  Die  Emulsion  bedingt  eine  starke  Oberilachenvergrosserung  und 
bereitet  den  lipolytischen  Zellfermenten  eine  grössere  Angriffsfläche. 
Bleibt  die  Emulgierung  aus,  wird  deren  lätigkeit  erschwert.  Die 
Fettaufnahmefähigkeit  der  Zellen  soll  nach  neueren  Untersuchungen 
von  Lombroso durch  ein  inneres  Sekret  des  1  ankreas  unterstützt 
werden,  welches  die  Blutfette  resorptionsfähig  macht.  Nun  werden 
gerade  die  höchsten  Werte  für  das  Blutfett  bei  Choledochusverschluss 
gefunden,  und  es  ist  bekannt,  wie  häufig  bei  diesem  Zustand  das  Fan- 
kreas  mitaffiziert  wird  (Q  u  i  n  c  k  e  -  H  o  p  p  e  -  S  e  y  1  e  r,  S.  242) ;  durch 
eine  Beeinträchtigung  der  innersekretorischen  Pankreasfunktion  beim 

wiirripn  dip  Rlutfette  für  die  Zellen  mehr 


oder  minder  unangreifbar.  ,  .  .  1 

Ein  dritter  Erklärungsversuch  gründet  sich  auf  die  über  den  mter- 1 
mediären  Fettstoffwechsel  von  Hu  eck  und  Wacker*)  entwickel- 1 
ten  Vorstellungen.  Sie  glauben,  dass  der  Abbau  der  Fette  über  das  | 
Lezithin,  entweder  direkt  zu  den  Endprodukten  der  Oxydation  oder  I 
über  die  Kohlehydrate  führe.  Sie  denken  sich  die  Phosphatide  aus  I 
Triglyzeriden  durch  Austausch  eines  Fettsäurerestes  mit  einem  mit  j 
Phosphorsäure  gekuppelten  Cholinradikal  entstanden.  Verbindet  sich  j 
die  aus  dem  Triglyzerid  abgestossene  Fettsäure  mit  Cholesterin,  so  9 
wäre  neben  der  Vermehrung  des  Cholesterinesters  gleichzeitig  die- 
jenige  des  Lezithins  erklärt.  Durch  Mangel  an  Cholin  soll  die  Lezithin-  1 
bildung  verzögert  werden,  und  auf  diesem  Umwege  eine  Stagnation  des  1 
Fettabbaus  eintreten,  die  sich  in  einer  Lipämie  äussert.  Die  Vor-  . 
Stellung,  dass  generell  der  Abbau  der  Glyzeride  über  die  Phosphatide  j 
geht,  wird  sicher  auf- Widerspruch  stossen.  Soviel  erscheint  nach  dem 
vorliegenden  experimentellen  Material  gewiss,  dass  zwischen  deml 
Cholesterin  und  den  Lipoiden  einerseits  und  den  Glyzeriden  ander¬ 
seits  innige  Wechselbeziehungen  bestehen.  Es  gelang  Sakai*-)| 
durch  reichliche  Zuführung  von  Nahrungsfett  den  Cholesterinspiegel  m 
die  Höhe  zu  treiben.  Anderseits  ist  das  Cholesterin  befähigt,  den  Spie- 
ge  1  der  Gesamtlipoide  des  Blutserums  auf  das  4 — 4/4  fache  zu  erhöhen, 
wie  Hu  eck  und  Wacker29)  am  Kaninchen  zeigten.  Interessanter¬ 
weise  trat  diese  Vermehrung  in  manchen  Rällen  ein,  ohne  dass  es] 
zur  milchigen  Trübung  des  Serums  kommt,  also  dieselbe  Er-, 
scheinung,  die  wir  als  latente  Lipämie  bei  Ikterischen  aufianden.  I 

Die  Analogie,  die  alimentäre  Hypercholesterinämie  bei  den  Füt- 
terungsversuchen  und  die  Retentionshypercholesterinämie  der  Ikte¬ 
rischen,  ist  also  nur  insoweit  gewahrt,  als  es  in  beiden  Fällen  zu 
einer  Vermehrung  der  Gesamtlipoide  nach  Anreicherung  des  Chole¬ 
sterins  im  Blute  kommt.  Aber  gerade  dasjenige  Ereignis,  welches 
Wacker  und  Hu  eck  als  erklärendes  Moment  für  die  Vermehrung 
der  üesamtblutfette  anführen  können,  die  mehr  oder  weniger  intensive 
Veresterung  des  freien  Cholesterins,  das  also  eine  grosse  Menge  Fett¬ 
säuren  an  sich  gerissen  hat,  versagt  für  die  cholämische  Lipämie,  da 
hier  eben  die  Veresterung  ausbleibt.  Nach  meiner  Auffassung  spielei 
neben  den  von  Hu  eck  und  Wacker  gewürdigten  chemischen  Un 
Setzungen,  die  freilich,  wie  die  Autoren  selbst  zugeben,  noch  rein 
hypotetischer  Natur  sind,  physikalische  Verhältnisse  der 
Lösung  des  retinierten  freien  Cholesterins'  eine 
wesentliche  Rolle. 

Für  diese  Auffassung  spricht  auch  die  durch  uns  und  später  durch 
E  p  p  i  n  g  e  r 24)  festgestellte  Tatsache,  dass  es  beim  hämolytischen 
dissoziierten  Ikterus  trotz  grosser  Bilirubinmengen  im  Blute  nicht  zu 
einer  Vermehrung  der  Gesamtfette  gekommen  ist.  Die  Anreicherung 
der  Gallenfarbstoffe  und  ihrer  Derivate  im  Blute  steht  also  offenbar 
in  keinem  ursächlichen  Zusammenhang  mit  der  Vermehrung  der  Ge¬ 
samtfette  beim  Ikterus,  sondern  diese  ist  eine  zwangsläufige  Folge  der 
Zurückhaltung  von  freiem  Cholesterin  im  Blute. 

Als  letzter  Punkt,  der  in  diesem  Zusammenhänge  interessiert,  steht 
die  Frage  nach  dem  wechselseitigen  Verhalten  der 
Bilirubin  mengen  einerseits  und  der  Gesamtcholesterin¬ 
menge  andererseits  beim  abklingenden  Retentionsikterus  und  weiter¬ 
hin  das  wechselseitige  Verhalten  des  veresterten, 
zum  freien  Cholesterin  unter  diesen  Bedingungen 26).  Ich 
habe  an  einem  grossen  Material  dieses  Problem  seit  längerer  Zeit  ver¬ 


folgt  und  kann  nach  den  bisher  vorliegenden  Erfahrungen  an  unseren 
Fällen  sagen,  dass  bei  wiedereinsetzendem  Gallenabfluss  die  Bilirubin¬ 
werte  im  allgemeinen  rascher  zur  Norm  zurückkehren  als  die  Chole¬ 
sterinwerte.  Ich  gebe  dafür  ein  Beispiel  in  Tabelle  4. 

Eine  feste  zählenmässige  Beziehung  zwischen  Bilirubin-  und 
Cholesterinwerten  habe  ich  auch  beim  mechanischen  Ikterus  nicht 
auffinden  können. 

Gelegentlich  kommt  eine  Steigerung  des  Cholesteringehalts  beim 
totalen  Choledochusverschluss,  wie  Stepp  zuerst  betont  hat,  nicht  zu¬ 
stande,  das  liegt  meines  Erachtens  an  der  vollkommen  darniederliegenden 
Nahrungsresorption  und  der  bei  Karzinomatösen  bekannten  Deponierung 
des  Cholesterins  in  den  Retikulumzellen  der  Milz  und  des  Knochenmarks. 
Ein  ganz  paradoxes  Verhalten  beobachtete  ich  in  zwei  Fällen,  in  denen 
bei  sinkenden  Bi  l  i  r  u  bin  werten  die  Cholesterinwerte 
im  Serum  noch  ansteigen: 


2f<)  Lombroso:  Ann.  di  chir.  med.  1921  (11),  H.  2,  109 — 116. 

21)  Hueck  und  Wacker:  Biocli.  Zschr.  1919,  100,  S.  84. 

22)  Sakai:  Biochem.  Zschr.  1914,  62,  287. 

23)  Hueck  und  Wacker:  Ebenda  1919,  100,  S.  84. 

24)  Ep  p  in  g  er:  Die  hepatolien.  Erkrankungen.  Berlin  1920. 

25)  Die  erste  Frage  ist  von  Rosenthal  und  Holzer  1.  c.  stu¬ 
diert  worden:  sie  finden  bald  eine  zeitliche  Koinzidenz  der  Abnahme  von 
Bilirubin  und  Cholesterin  beim  abklingenden  mechanischen  Ikterus,  bald  sinkt 
das  Cholesterin,  bald  das  Bilirubin  rascher  ab. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


105 


Fall  22  der  Tabelle  3.  Seit  14  Tagen  Ikterus  „kath.“. 


Datum 

1 

00  g  Serum  enthalten: 

n  °/oo 

Bilirubin 

Total- 

cholest. 

Fre  es 
Cholest. 

Gebund. 

Cholest 

Geb.  Chol 
in  %  vom 
Totalch  1 

28.  VI. 

1,600 

1,230 

0,370 

23,1 

0,062 

9.  VII. 

1,870 

0,370 

1,500 

80,2 

0,232 

21.  VII. 

2,100 

0,870 

1,130 

56,5 

0,023 

11.  VIII. 

2,100 

0,620 

1,480 

70,4 

1 

0,007 

Schur.  Nr.  21  der  Tabelle  3.  Seit  8  Tagen  Ikterus  „kath.“. 


2.  VII. 

1,370 

0,910 

0,460 

33,5 

0,068 

12.  VII 

1,120 

1,080 

0,240 

21,4 

0,103 

21.  VII. 

2,370 

1,350 

1,020 

43,0 

0,031 

17.  VIII. 

•1,430 

0,710 

0,720 

50,3 

0,005 

Solche  Beobachtungen  bieten  dem  Verständnis  einige  Schwierig¬ 
keiten.  Offenbar  geht  die  Bilirubin  und  Cholesterinabscheidung  in  der 
Leber  nicht  an  der  gleichen  Stelle  vor  sich.  Mehr  kann  man 
vorsichtigerweise  nicht  sagen.  Es  ist  ja  verlockend  nach  den  histo¬ 
logischen  Untersuchungen  von  A  s  c  h  o  f  f 20),  den  K  u  p  f  f  e  r  sehen  Stern¬ 
zellen  eine  besondere  Rolle  im  Lipoidstoffwechsel  zu  vindizieren. 
Asch  off  sah  bei  Retentionsikterus  in  diesen  Zellen  eine  hochgradige 
Lipoidspeicherung.  Aber  die  chemische  Untersuchung  der  ganzen 
Leber  ergab  in  solchen  Fällen  keine  grossen  Ausschläge 27).  Ich  glaube, 
man  kommt  mit  folgender  Erklärung  gut  aus:  Bei  wiedereinsetzendem 
Gallenabfluss  ist  die  Cholesterinabscheidung  noch  relativ  behindert. 
Die  Anwesenheit  der  Galle  im  Darm  begünstigt  nun  schon  die  Fett- 
und  Cholesterinresorption  zu  einer  Zeit,  in  der  die  normalen  Abfluss¬ 
bedingungen  für  das  Cholesterin  aus  der  Leber  noch  nicht  gegeben 
sind;  es  summieren  sich  die  Faktoren  wiedereinsetzender  Resorption 
und  relativer  Abflussbehinderung  und  es  resultiert  Erhöhung  der 
Cholesterinwerte  bei  sinkendem  Bilirubin.  Dass  dem  so  ist,  zeigte 
auch  die  relative  Zunahme  des  Estercholesterins  bei  steigenden  Werten 
für  das  Gesamtcholesterin,  während  bei  Gallenabschluss  vom  Darm  die 
Komponente  des  freien  Cholesterins  dauernd  überwiegt,  wie  ich  Im 
folgenden  zeigen  werde: 


Tabelle  3.  Uebersicht. 


1000 

g  Serum  enthalten: 

Z 

Spezielle  Diagnose 

Dauer  des 

Ikterus  vor  der 

—i.  17) 

£  f 

°  I ^ 

< 

Untersuchung 

o  o 

H -= 

CJ 

ü.  •= 

u 

<L»  <U 

V)  *Q 

w  Je 

u 

0^0 

t>°« 

in  “V oo 

1 

la 

2 

3 

4 

5 

6 


Normal 

Normal 

Hämolyt.  Ikterus 
Hämolyt.  Ikterus 
Ikterus  katarrh. 
Hypertr.  Leberzirrh. 

Cholelithiasis 
Pankreaskar/  .Leber¬ 
metastasen  (Sekt  ) 
Ikterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh 
Ikterus  bei  Ulcus 
duodeni 

Ikterus  katarrh. 
Salvarsan-Ikterus 
Karz.  d  Gallenwege 
Sepsis 

Diabetes,  Ikterus 
Diabet  Saiv. -Ikterus 
Ikterus  katarrh. 
Salvarsan  Ikterus 
•kterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh. 
Uterus  katarrh. 
Salvarsan-Ikterus 
Ikterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh. 
Ikterus  katarrh. 
Uterus  katarrh. 
Salvarsan-Ikterus 
Akute  gelbe  Leber¬ 
atrophie  (Sektion)  I 
Akute  gelbe  Leber¬ 
atrophie  II 


Seit  7  Jahren 
Seit  der  Kindheit 
4  Tage 
19  Tage 
Monate 


10  Tage 
10  Tage 

24  Tage 

12  Tage 
4  Wochen 
Monate 
? 

4—6  Wochen 
20  Tage 
1  Vt  Monate 

3  Wochen 
ca  8  Wochen 

8  Tage 
14  Tage 

8  (?)  Tage 
8  Tage 
14  Tage 
8  Tage 

4  Wochen 


6  Tage 


1,465 

0,943 

'1,676 

1,710 

2,068 

2,218 

2,125 

2,106 

1,442 

1,735 

1,165 

1,529 

1,487 

3,854 

1,055 

2,320 

2,760 

1,500 

2,540 

2,560 

5,160 

1,3/0 

1,600 

1,590 

1,970 

1,720 

2,570 

2,100 

2,060 

2,130 

1,506 


0,645 
0,385 
i  ,129 
0,55 
0  831 
1,186 
1,2'  4 

1,318 

1,320 

1, t  94 

0,95S 

1,156 

1,293 

2, J69 
0,798 
1,830 
2,120 
1,230 
1,680 
1,340 
4,540 
i  ,910 
1,230 
0.7  0 
1  180 
1,5  1 
1,730 
1,240 
1,850 
1,110 

0,960 


1,490  1,070 


0,820 
0,558 
1,547 
1,160 
1,237 
1,1  >32 
0,921 

0,788 

0,1  2 

0,641 

0,207 

0,373 

0,194 

1,385 

0,257 

0,490 

0,640 

0,270 

0,860 

1,220 

0,670 

0,460 

0,370 

0,8’3 

0,790 

0,210 

0,840 

0,860 

0,210 

1,030 

0,546 

0,420 


56 

59.2 

92.3 

67.8 
59  8 

46.5 

43.3 

37.4 

8,5 

36.9 

17.7 

24.4 
13,0 

35.7 

24.3 

21.3 
23,2 
18,0 
33  8 

47.6 

12.9 

33.5 

23.1 

54.9 

40.1 

12.2 

32.6 

40.9 
10,2 
48,3 

36.2 

23.2 


0,002 

0,002 

Stark  Termciirt 
0,136 
0,0011 
0,0043 
0,0191 

0,0239 

0,0502 

0,0601 

0,0873 

0,1054 
0,i219 
Stark  erkühl 
Mark  erhebt 
0,164 
0,061 
0,1  24 
0,034 
0,096 
0,090 
0,068 
0,(62 
0,070 
0,046 
0,0402 
0,0167 
0,0411 
0,0444 

0,232 

0,220 


ringen  Retentionen  von  Gallenbestandteilen  gekommen,  Der  höchste 
Wert  der  Tabelle  (Fall  20)  beträgt  etwa  das  Vierfache  der  Norm  Das 
Serum  enthält  hier  5,16  g  Totalcholesterin.  Es  handelt  sich  um  ein 
Kind  von  12  Jahren  mit  schwerstem  katarrhalischen  Ikterus,  Leber¬ 
und  Milzschwellung. 

Ihm  folgt  Fall  13,  ein  seit  Monaten  bestehender  vollkommener 
Verschluss  des  Choledochus  durch  Karzinom  der  Qallenwege.  Der 
darauf  folgende  Wert  von  0,267  g  ist  kein  Fall  von  reinem  Ikterus 
sondern  durch  einen  leichten  Diabetes  kompliziert.  Im  allgemeinen 
scheinen  die  Werte  mit  zunehmender  Dauer  des  Choledochusver- 
schlusses  anzusteigen.  Werden  die  Gallenwege  wieder  frei,  so  wird 
das  Blutcholesterin  relativ  rasch  auf  seinen  Normalbestand  reduziert. 

Dafür  gebe  ich  folgendes  Beispiel:  Bei  einem  alten  Patienten  mit 
schwerem  Salvarsanikterus  werden  gefunden  in  1000  Serum: 


Tabelle  4. 


Datum 

Total- 

cholest 

Freies 

Cholest. 

Gebund 

Cholest. 

Geb  Chol, 
in  %  von 
fr.  Chol 

Bilirubin 

23.  5. 

? 

1,150 

? 

— 

0,053 

4.  6. 

2,510 

1,680 

0,860 

33,8 

0,034 

30.  6. 

1,550 

1,210 

0,340 

21,9 

0,004 

1,370 

0,370 

1,000 

72,9 

0,002 

Am  23.  V.  und  4.  VI.  ist  der  Stuhl  acholisch,  am  30.  VI.  ist  Sublimat¬ 
probe  wieder  positiv.  Die  Werte  für  das  Gesamtcholesterin  sind  am 
letzten  Untersuchungstage,  an  welchem  auch  das  Serumbilirubin  den 
Normalwert  wieder  erreicht  hat,  im  Bereich  der  physiologischen  Schwan¬ 
kungen  angelangt.  Es  besteht  offenbar  die  Tendenz,  bei  allen  Formen 
von  mechanischem  Ikterus,  sobald  die  Gallenwege  wieder  frei  werden, 
die  im  Blut  zurückgehaltenen  Cholesterinmengen  auf  dem  Wege  über 
die  Leber  mehr  oder  weniger  rasch  zu  eliminieren.  Bemerkenswerter- 
weise  ist  in  einem  Fail  von  akuter  gelber  Leberatrophie  eine  Erhöhung 
des  Cholesterinwerts  nicht  eingetreten,  obwohl  hier  weitaus  die  grösste 
Menge  Bilirubin  im  Serum  gefunden  wurde  (Fall  30).  Auch  dieser 
Fall  lehrt,  dass  Cholesterin  und  Bilirubin  in  der  Leber  nicht  die  gleichen 
Wege  gehen. 

Besonders  interessant  sind  die  Verhältnisse  der  Veresterung 
des  zurückgestauten  Cholesterins.  Während  normaler¬ 
weise  beim  Menschen  und  beim  Tier  gut  zwei  Drittel  -des  Gesamt¬ 
cholesterins  in  gebundener  Form  im  Blute  zirkulieren,  zeigt  die 
Tabelle  3,  dass  bei  der  cholämischen  Lipämie  die  Dinge  sich  umgekehrt 
verhalten,  d.  h.  der  grössere  Teil  des  Cholesterins  in  unverestertem, 
also  freiem  Zustande  sich  befindet.  Fast  den  niedrigsten  Wert  fand 
ich  bemerkenswerterweisc  gerade  in  dem  Falle,  in  welchem  der  höchste 
Wert  für  das  Gesamtcholesterin  gefunden  wurde  (Fall  20).  87,1  Proz. 
des  Cholesterins  fanden  sich  hier  im  freien  Zustande,  doch  sind  auch 
Fälle,  bei  denen  eine  starke  Vermehrung  des  Cholesterins  bisher  nicht 
eingetreten  ist,  mit  sehr  niedrigen  Esterwerten  in  der  Tabelle  vertreten, 
z.  B.  Fall  8,  Fall  12.  Soweit  ich  bisher  sehe,  scheint  die  Veresterung 
des  Cholesterins  um  so  schlechter  zu  sein,  je  länger  der  Ikterus  besteht 
und  je  vollkommener  der  Abschluss  der  Galle  vom  Darm  ist.  Das  ist 
durchaus  erklärlich.  Mit  zunehmender  Dauer  des  Ikterus  liegen  Appetit 
und  Nahrungsaufnahme  darnieder.  Die  zugeführten  Fettmengen  werden 
infolge  diätetischer  Vorschriften  sehr  niedrig  gehalten.  Die  Resorption 
derselben  ist  nach  den  bekannten  Erfahrungen  besonders  von 
F.  Müller29)  erheblich  verschlechtert.  Eine  Möglichkeit  zur  Ver¬ 
esterung  des  zurückgestauten  freien  Cholesterins  der  Galle  ist  daher 
erheblich  eingeschränkt  oder  vollkommen  aufgehoben. 

Dass  diese  Erklärung  das  Richtige  trifft,  zeigen  vor  allem  laufende 
Untersuchungen,  bei  denen  in  Abständen  von  12—14  Tagen  die  Be¬ 
stimmungen  wiederholt  werden.  In  dem  angeführten  Beispiel  sind  die 
prozentischen  Werte  für  gebundenes  Cholesterin  anfänglich  sehr  niedrig 
(33,8  resp.  21,9  Proz.).  Sobald  aber  die  Galle  wieder  freien  Abfluss 
hat,  wird  der  Normalwert  von  72,9  Proz.  veresterten  Cholesterin  wieder 
erreicht.  Die  gleiche  Erfahrung  habe  ich  bisher  in  6  weiteren  Fällen 
machen  können. 

Es  unterscheidet  sich  der  mechanische  Ikterus  vom  pleiochromen 
Ikterus  ohne  Störung  des  Gallenabflusses,  also  nicht  nur  durch  die  Er¬ 
höhung  des  Gesamtcholesterins  im  Serum,  sondern  auch  durch  die 
andersartige  Verteilung  von  ungebundenem  und  freiem  Cholesterin. 
Die  von  mir  untersuchten  Fälle  von  hämolytischem  Ikterus  hatten  92,3 
resp.  67,8  Proz.  gebundenes  Cholesterin,  Werte,  welche  von  keinem 
der  übrigen  Fälle  der  Tabelle  3  auch  nur  annähernd  erreicht  werden. 
Man  wird  in  differentialdiagnostisch  unklaren  Fällen  diese  Verhältnisse 
für  die  Sicherung  der  Diagnose  mit  heranziehen  können. 


Auf  der  Tabelle  3  sind  29  verschiedene  Fälle  von  Ikterus  wech¬ 
selnder  Aetiologie  zusammengestellt,  und  die  Werte  für  Totalcholesterin, 
freies  und  gebundenes  Cholesterin  eingetragen.  In  der  letzten  Spalte 
ist  das  gebundene  Cholesterin  in  Prozenten  vom  Totalcholesterin  er¬ 
rechnet.  Die  beiden  Fälle  mit  hämolytischem  Ikterus  der  Tabelle  1 
sind  hier  noch  einmal  aufgeführt.  • 

Die  Werte  für  das  Totalcholesterin  liegen  bei  3  Fällen  durchaus 
Bereiche  der  Norm  (Fall  10,  14  und  21).  Im  Falle  10  und  14  handelt 
es^sich  nicht  um  einen  totalen  Verschluss,  es  ist  hier  zu  relativ  ge- 

>  A  sc  ho  ff:  Verh.  d.  Naturf.-Ges.  zu  Freiburg,  Dezember  1913. 

')  Grigaut:  Le  cycle  de  la  Cholestdrindmie. 


Zusammenfassung. 

L  Bei  Fällen  von  mechanischem  Ikterus  findet  sich  eine  latente 
Iipämische  Cholämie,  worunter  eine  Vermehrung  der  Gesamtserumfette 
einschliesslich  der  Lipoide  ohne  Trübung  des  Serums  durch  Hämokonien 
verstanden  wird. 

2.  Bei  Fähen  von  hämolytischem  Ikterus  fehlt  sowohl  die  Ver¬ 
mehrung  des  Gesamtfettes  wie  die  des  Cholesterins. 


28)  Stepp:  Z.  f.  Biol.  69,  H.  10  u.  11.  —  D  e  r  s  e  1  b  e:  M.m.W.  1918 
Nr.  29  S.  781. 

20)  F.  Müller:  Untersuchungen  über  Ikterus.  Zschr.  f.  klin.  Med. 
12,  45,  1887. 


3* 


106 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT-. 


Nr.  4. 


3.  Bel  der  cholämischen  Lipämie  ist  die 
mit  Cholesterin  das  Primäre,  die  Vermehrung  der  Olyzeride  die  Folge 

Mit  zunehmender  Dauer  des  Uterus  und  zunehme^erVo^ 

ÄSSLS*  eSÄfÄÄ  Ikterus r  von  r^ängerer 


BluTholesterins65  scWechter  Bei  mechanischem  Ikterus  von  längerer 
ÄTalS  weniger  als  ein  Drittel  des  Cholesterins  in 
gebundener  Form  vorhanden,  beim  hämolytischen  Ikterus  sind  wie 
der  Norm  zwei  Drittel  oder  mehr  vom  Gesamtcholesterin  verestert. 

5  Bei  wiedereinsetzendem  Gallenabfluss  sinken  die  vorher  - 
höhten  Werte  des  Blutcholesterins  rasch  zur  Norm  ab  und  der  ver¬ 
eiterte  Anteil  des  Blutcholesterins  steigt  auf  den  physiologischen  Wert 

V  °"  6° In ^eitenen Fällen  kommt  es  bei  wiedereinsetzendem  Bilirubm- 
abfluss  zum  Darm  mit  fallenden  Serumbilirubinwerten  zu  einei  vorib 
gehenden  Steigerung  der  Blutcholesterinwerte. 


Ueber  den  Gehalt  der  Hypophysenhinterlappen-Extrakte 
an  uteruserregenden  Substanzen. 


Von  Paul  Trendelenburg  in  Rostock  i. 


M. 


sss  särzsssü,  ÄeE.  r„r“DeÄÄ 

mdft  verwendeten  Handelsextrakte  aus  Hypophysenhinterlappen  au 
ihren  Gehalt  an  wirksamer  Substanz  zu  prüfen.  Angesichts  d  r 
verschiedenen  Forschern  nachgewiesenen  grossen  Empfindlichkeit  der 
wirksamen  Substanzen  gegen  Alkali  und  Sauerstoff  und  ihrer  leichten 
A&7erbarkei waren  von  vorneherein  gewisse  Schwankungen  der 
Wirksamkeit zu  erwarten-,  aber  unsere  Versuchsergebnisse  ubertrafen 
die  Erwartung  bei  weitem  und  wiesen  eine  ausserordentlich  auftal  igt 
Minderwertigkeit  der  vorhandenen  Handelsextrakte  aut. 

Das  Ideal  einer  Wertbestimmung  der  wirksamen  Substanzen  des 
HypoPhysenh  nteZppens  würde  ihre  chemische  Isolierung  und  Wägung 
sS  Trotz  der  umfassenden  chemischen  Arbeiten  der  verflossene 
Jahre  ist  es  jedoch  bisher  noch  nicht  gelungen,  die  reinen  Körper  mit 
Sicherheit  zu  gewinnen  oder  gar  quantitativ  aus  dem  Drusenmaterial 
in  reiner  Form  darzustellen.  Das,  was  die  chemische  Methode  zur 
Zeit  nicht  leisten  kann,  vermag  —  wenn  auch  nicht  . s0  do 

in  oraktisch  genügender  Schärfe  der  pharmakologische  Nachweis  zu  er¬ 
setzen.  Denn  am  ausgeschnittenen  Uterus  des  Meerschweinchens  lassen 
sich  die  Extrakte  auf  ihre  Wirksamkeit  auswerten.  Wie  bei  allen  sol 
chen  pharmakologischen  Titrierungen  ist  die  Fehlerbreite  jeder  Be¬ 
stimmung  eine  weit  grössere  als  bei  exakten  chemischen  Analysen, 
und  selbst  bei  einwandfreier  Methodik 
beträgt  die  Genauigkeit  einer  Bestimmung 
höchstens  ±  20  Proz.  Immerhin  leistet  die 
pharmakologische  Auswertung  das,  was 
der  Praktiker  von  ihr  erwarten  darf:  sie 
gibt  Auskunft  darüber,  ob  ein  Handels¬ 
extrakt  den  nach  den  Angaben  der  Firmen 
über  die  Konzentration  desselben  zu  er¬ 
wartenden  Wert,  wie  ihn  ein  in  ent¬ 
sprechender  Konzentration  hergestellter 
Auszug  aus  frischem  Drüsenmaterial  auf¬ 
weist,  wirklich  annähernd  besitzt. 

Ueber  die  einzelnen  Punkte,  auf  die  bei  Hypophysenauswertung 
besonders  zu  achten  ist,  wurde  an  anderer  Stelle  )  ausfühl  lieh  ge¬ 
richtet.  Hier  sei  nur  kurz  erwähnt,  dass  die  Versuche  am  ausgeschmt- 
tenen  in  geeigneter  Salzlösung  aufgehängten  Uterushorn  des  Meer- 
schweinchens  in  der  Weise  ausgeführt  werden,  dass  zunächst  die  einer 
bestimmten  Menge  Hypophysenhinterlappensubstanz  entsprechende 
Menge  eines  mit  allen  notwendigen  Vorsichtsmassnahmen  selbst  be¬ 
reiteten  Extraktes  in  die  Salzlösung  zugegeben  wird;  sobald  der  Uterus 
die  der  zugesetzten  Menge  entsprechende  Zusammenziehung,  die  gra¬ 
phisch  registriert  wird,  ausgeführt  hat,  wird  mit  frischer  Salzlösung 
ausgespült  und  sobald  in  wenigen  Minuten  der  Uterus  wieder  er- 
schiafft  ist,  wird  die  der  ersten  Dosis  entsprechende  Hintedappen- 
menge  in  Form  des  zu  untersuchenden  Extraktes  zugegeben.  Dip  Ex¬ 
traktmenge  wird  dann  in  neuen  Versuchen  weiter  gesteigert,  bis  der 
Ausschlag  mit  dem  durch  den  Standardextrakt  bewirkten  uberein- 

stimmt.  .. 

Zur  Untersuchung  gelangten  folgende  Präparate: 

Coluitrin  von  Dr.  Freund  und  Dr.  Redlich,  Berlin: 

Hypophysal  von  Dr.  A.  Bernard  Nachf.,  Berlin, 

Hypophysenextrakt  Schering,  Berlin; 

Hypophysin  der  Höchster  Farbwerke: 

Pituglandol  der  Chemischen  Werke  Grenzach; 

Pituitrin  von  Parke,  Davis  &  Co.,  London; 

Physhormon  von  Queisser  &  Co.,  Hamburg. 

Von  allen  Präparaten  wurden  verschiedene,  durchweg  frisch  von 
den  Firmen  oder  aus  Apotheken  bezogene  Proben  (Pituitrin  erhielten 
wir  frisch  aus  der  Schweiz)  geprüft.  Bei  dem  Vergleich  dieser  Han¬ 
delsextrakte  mit  selbstbereiteten  Extrakten  erwiesen  sich  alle  als  we¬ 


sentlich  z  T.  als  ausserordentlich  unterwertig.  Um  am  ,^u,sKgesotr[“1.1*: 
tenen  Uterus  die  durch  0,1  mg  frische  Drüse  (als  selbstbereiteter 
Extrakt  zugegeben)  hervorgerufene  Kontraktion  zu  erreichen. -mussten 
bieder  Regel  nicht  weniger  als  5  mg  Drüse  in  Form  der  Hände ls- 
extroktc  zugesetzt  werden.  D.  h.  es  war  meist  nur  etwa  W,  der  zu 
—wartenden  wirksamen  Substanzen  vorhanden!  .  , 

Vum  Beleg  seien  einige  Kurven  wiedergegeben.  Bei  dem  in  dei 
Abbildung  1  wiedergegebenen  Versuch  wurden  3  Handelsextrakte  (der 
Firmen  4  C  F.)  mit  Extrakten  aus  4  Rinder'hypophysenhinterlappen, 
die  wir  selbst  bereitet-  hatten,  verglichen.  Von  letzteren  wurde  je¬ 
weils  die  0  1  mg  Drüse  entsprechende  Menge  zugegeben  und  diese 
Menge  genügte  jedesmal  'zur  starken  Kontraktionserregung  Dagegen 
hatte'  o  1  mg  Drüse  in  Form  der  Handelsextrakte  gar  keine,  die 
lü-fache  Menge  erst  eine  minimale  Wirkung  und  selbst  das  50-fache 
wirkte  tu  einem  Fall  noch  schwächer  als  01«  der  fnschen  Druse 
Ganz  ähnliche  Ergebnisse  sind  in  Abbildung  -  und  3  wiede 
gegeben:  2  weitere  Handelsextrakte  hatten  in  der  5  mg  resp.  2  mg 
Drüse  entsprechenden  Menge  eine  schwächere  Wirkung  als  0,12  mg 
frischer  Drüse.  Also  auch  hier  eine  sehr  starke  Minderwertigkei  . 

Schon  aus  den  mitgeteilten  Versuchen  folgt,  dass  die  Handels¬ 
extrakte  nicht  nur  von  herabgesetzter  Wirksamkeit  sind,  sondern 
weiter  auch,  dass  zwischen  den  einzelnen  Präparaten  sehr  eriiebhche 
Unterschiede  festzustellen  sind.  Diese  ergeben  sich  noch  klarer  aus 
einer  in  der  Tabelle  angeführten  Versuchsreihe,  in  der  die  Wertigkeit 
der  Extrakte  genauer,  als  es  in  den  wiedergegebenen  Versuchen  ge¬ 
schah  bestimmt  wurde  und  zwar  durch  Vergleich  der  Extraktwirkung 
mit  der  eines  chemisch  reinen  Körpers,  des  Histarnins,  das  in  ahnlic 
Weise  wie  die  Hypophysenhinterlappensubstanz  den  isolierten  Uteru 

erregt 

Wirksamkeit  von  1  g  feuchter  Hinterlappensubstanz  als  Handelsextrakt, 

,  in  Milligramm  Histamin-HCl  ausgedrückt.  . 

Firma  A:  =  0,8  mg  Histamin-HCl 

Firma  B:  =  I 

Firma  C:  =  0,25  mg 

Firma  D:  (2  Proben)  =  4  und  3  mg 


Firma  E: 

Firma  F:  (3  Proben) 
Firma  Q: 

Firma  H : 


=  1,5  mg 
=  8,  0,5  und  0,6  mg 
4  mg 
7  mg 


Demnach  liegt  der  Durchschnittswert  bei  2,8  mg  Histamin  für 
1  g  feuchte  Drüsensubstanz.  Die  Schwankungen  nach  oben  und  unten 
sind  sehr  grosse,  bis  8  mg  und  0,25  mg.  In  gleicher  Weise  wurde 
die  Wirksamkeit  frisch  bereiteter  Hinterlappenauszuge  mit  Histamin- 
lösung  verglichen.  Da  ergab  sich  als  Durchschnittswert  von  12  ver¬ 
schiedenen'  Extrakten:  1  g  feuchte  Hinterlappensubstanz  wirkt  wie 
170  mg  Histamin-HCl,  also  auch  in  dieser  Versuchsreihe  stellten  wir 
eine  ausserordentlich  auffallende  Minderwertigkeit  der  Handelsextraktc 
fest  (durchschnittlich  ist  die  Wirksamkeit  nur  le «  derjenigen,  welche 


Abb.  1. 


nach  der  Deklaration  verlangt  werden  könnte!).  Ueber  die  Grunde  für 
d;e  Minderwertigkeit  der  Handelsextrakte  lassen  sich  nur  Vermutungen 
äussern,  da  die  Herstellung  derselben  nicht  genau  bekannt  ist.  Ver¬ 
mutlich  werden  zur  Enteiweissung  unzweckmässige  Verfahren  ein¬ 
geschlagen  sodass  durch  Adsorption  Verluste  entstehen.  Auch  durfte 


/ 


J 


r 


0,1*. 


0,1  Aj 


0,1 X. 


o.v 


°S 


i,S  A«  r-° 

Abb.  2. 


QB 


l.o 

Abb.  3. 


i.O 


i)  p.  Trendelenburg  und  E.  Borgmann:  Biochem.  Zschr. 
1920,  106,  239. 


die  Reaktion  der  Extraktionsflüssigkeit  eine  grosse  Rolle  spielen  und 
schliesslich  weist  eine  Angabe  Fühne  r  s  )  darauf  hin,  dass  möglich 
weise  das  Ausgangsmaterial  schon  minderwertig  wan  Denn  F  u  hne 
stellte  fest,  dass  bei  der  Isolierung  der  wirksamen  Körper  aus  einem 
Hinterlappenextrakt  nach,  dem  Verfahren,  wie  es  die  Höchster  Farb¬ 
werke  bei  der  Hypophysindarstellung  anwenden,  keine  Verluste  ein- 
treten.  Nun  ist  aber  eine  Hypophysinlösung,  die  einem  20  prozentigen 
Extrakt  entspricht,  nach  meinen  Messungen  nicht  annähernd  so  wirk¬ 
sam,  wie  ein  aus  ganz  frischem  Material  gewonnener  gleich  starker 
Extrakt,  demnach  entstand  der  Verlust  schon  vor  (oder  wahrend)  der 
Extraktbereitung.  Bisher  haben  alle  Finnen  ihre  Extrakte  auf  bestimmte 


-)  H.  Fühner:  Biochem.  Zschr.  1916,  76,  232. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


107 


Menge  Ausgangsmaterial  eingestellt.  Meist  entspricht  1  ccm  des  Ex¬ 
traktes  0,2  g,  in  einigen  Fällen  0,1  g  frischer  Hinterlappensubstanz. 
Nach  unseren  Versuchsergebnissen  ist  diese  Form  der  Einstellung  un- 
zweckmässig  und  zu  ersetzen  durch  eine  pharmakologische  Einstellung. 
Auf  meine  Veranlassung  stellen  die  Chemischen  Werke  Grenzach  ihr 
Hinterlappenextrakt  Pituglandol  neuerdings  nicht  mehr  auf  das  Aus¬ 
gangsmaterial,  sondern  mit  der  geschilderten  Uterusmethode  auf  einen 
bestimmten  und,  soweit  die  Methode  dies  ermöglicht,  konstanten  Wirk¬ 
samkeitswert  ein.  Ich  bin  überzeugt,  dass  ein  solcher  Extrakt,  bei  dem 
durch  geeignete  Zusammensetzung  der  Extraktionsflüssigkeit  zudem 
der  beim  Lagern  der  Ampullen  eintretende  Wirksamkeitsverlust  auf  ein 
Minimum  herabgedrückt  ist,  in  der  Praxis  gleichmässigere  Wirkungen 
haben  wird,  als  sie  die  bisher  angebotenen  Handelsextrakte  haben 
konnten. 


Lieber  Proteinkörpertherapie. 

Von  Prof.  Dr.  Wolfgang  Weichardt,  Erlangen. 

Die  Grundlagen  der  Proteinkörpertherapie  liegen  weit  zurück. 
Schon  die  alten  Transfusoren  hatten,  wie  A.  Bier  nachweist,  oft  eine 
erstaunlich  richtige  Einstellung  auf  die  Erfordernisse  derselben  erreicht. 
Immerhin,  die  Protemkörpertherapie  beschänkte  sich,  von  den  Trans¬ 
fusionen  älterer  Aerzte  abgesehen,  auf  Versuche,  die  meist  einen 
inneren  Zusammenhang  vermissen  lassen  und  gewöhnlich  bald  wieder 
aufgegeben  wurden,  jedenfalls  keine  grössere  Verbreitung  gewannen. 

Man  kann  an  der  Hand  der  Literatur  leicht  nachweisen,  dass  die 
neue,  so  intensive  und  fruchtbringende  Bearbeitung  dieses  Gebietes 
erst  einsetzte,  nachdem  ihm  eine  einheitliche  Grundlage 
gegeben  worden  war. 

Die  Betrachtung  unter  dem  Gesichtswinkel  der  Leistungssteige¬ 
rung1)  hat  sich  praktisch  sehr  bewährt.  Von  diesem  Prinzipe  aus 
können  alle  Symptome  sowohl  wie  die  experimentellen  Untersuchungen 
über  den  Wirkungsmechanismus  einheitlich  zusammengefasst  werden. 

Es  kann  von  einer  bewussten  Therapie  mit  Proteinkörpern  erst  ge¬ 
sprochen  werden,  seitdem  die  Beurteilung  von  einem  Symptom  aus 
verlassen  worden  ist  und  die  Gesamtheit  der  Wirkungsmöglichkeiten 
in  Betracht  gezogen  wird.  Zahlreiche  Autoren  stellten  sich  in  der  letz¬ 
ten  Zeit  auf  diesen  Standpunkt  und  teilten  wertvolle  Neuauffin¬ 
dungen  mit. 

In  dieser  Wochenschrift  habe  ich  im  Jahre  1918  eine  Arbeit  über 
|  die  Proteinkörpertherapie  folgendermassen  beendet: 

„Es  gibt  wohl  fast  kein  Gebiet,  auf  welchem  nicht  Hilfsmittel  für 
die  Weiterforschung  nach  dieser  Richtung  gefunden  werden  können, 
um  so  grösser  ist  die  Gefahr,  dass  die  einheitliche  Auffassung  wieder 
verloren  geht.  Die  zweite  Gefahr  besteht  darin,  dass  Teilresultate  zu 
rasch  für  praktische  Zwecke  herangezogen  werden.“ 

Wie  die  neueste  Literatur  zeigt,  ist  es  durch  unsere  mannigfachen 
Bemühungen  in  der  gekennzeichneten  Richtung  gelungen,  nunmehr  die 
Einheitlichkeit  aufrecht  zu  erhalten.  Die  Arbeiten,  welche  die  Protein¬ 
körpertherapie  von  einem  Symptom  aus  beurteilen,  erscheinen  nur  noch 
in  verschwindender  Anzahl.  Es  ist  das  zweifellos  ein  Fortschritt.  Da¬ 
gegen  scheint  mir  die  zweite  Befürchtung  durchaus  noch  nicht  gegen¬ 
standslos  zu  sein.  Noch  unfertige  Teilresultate  der  experimentellen 
Forschung  werden  bereits  als  Grundlage  für  die  ganze  Therapie  an¬ 
genommen,  ja  sogar  zur  Namengebung  für  diese  Thera¬ 
pie  in  ihrer  Gesamtheit  herangezogen.  (Kolloidoklastische 
Therapie,  Kolloidtherapie,  Osmosetherapie,  Reiztherapie  u.  v.  a.  m.) 

Meines  Erachtens  ist  kein  Name  aufzufinden,  welcher  der  Viel¬ 
heit  der  Wirkungsmechanismeu  bei  der  Proteinkörpertherapie  gerecht 
werden  könnte.  Man  kann  diese  höchstens  im  einzelnen  studieren 
und  sie  durch  treffende  Definierungen  und  Benennungen  für  sich 
charakterisieren.  Nach  der  Klarstellung  im  einzelnen  gewinnen  wir  ein 
Bild  des  Gesamteffektes.  Das  eine  ist  auf  diesem  Gebiete  bisher  ganz 
sicher,  dass  es  prinzipiell  falsch  ist,  eine  einzige  Ursache  für  die  Vor¬ 
gänge  der  Proteinkörpertherapie  verantwortlich  zu  machen,  genau  so, 
wie  es  prinzipiell  falsch  war,  sie  von  einem  Symptom  aus  (Leukozytose, 
Antikörperbildung,  Fieber,  Entzündung  usf.)  beurteilen  zu  wollen. 

Die  Proteinkörpertherapie  hat  sich  als  leistungssteigernde 
Massnahme  praktisch  als  wertvoll  erwiesen.  Was  wir  bei  ihr 
sehen  oder  wenigstens  in  den  meisten  Fällen  erreichen  wollen,  ist 
lediglich  eine  Leistungssteigerung  des  Organismus  nach  einer  be¬ 
stimmten  oder  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin. 

Dass  bei  jedem  Eingriff  die  Kolloide  des  Körpers  verändert  werden 
können,  wird  niemand  bezweifeln.  Die  ganze  Therapie  aber  deshalb 
Kolloidtherapie  zu  nennen,  scheint  mir  kein  wesentlicher  Gewinn. 
Lediglich  das  experimentelle  Studium  der  Art  der  Veränderung  im  ein¬ 
zelnen  fördert  unsere  Erkenntnis.  Unter  Kolloidtherapie  verstand  man 
zuerst  die  Behandlung  mit  kolloidalen  Mitteln  (Luithlen). 

Ein  wesentlicher  Anteil  bei  der  Proteinkörpertherapie  ist  zweifellos 
Reizwirkung.  Ich  habe  in  meinen  früheren  experimentellen  Stu¬ 
dien  über  Aktivierung  das  genügend  gekennzeichnet.  An  zahlreichen 
Stellen  ist,  wo  es  mir  angebracht  schien,  direkt  das  Wort  „Reiz“  ge¬ 
braucht.  Noch  niemand  hat  wohl  unter  dem  Ausdruck  Aktivierung 


4)  Siehe  die  Arbeiten  über  uuspezifische  Leistungssteigerung  in  M.m.W. 
1921  Nr.  2  u.  12;  1920  Nr.  4  u.  38;  1919  Nr.  11;  1918  Nr.  22;  1915  Nr.  45. 
D.rn.W.  1921  Nr.  31;  B.kl.W.  1921  Nr.  31;  B.kl.W.  1907  Nr.  28;  s.  ferner 
Erg.  d.  Hyg.  etc.  5.  S.  275  u.  a.  a.  O.  Leistungssteigerung  der  Funktion 
hemmender  Nerven  kann  sich  natürlich  in  einer  Leistungsminderung  eines 
Organs  auswirken  und  wünschenswert  sein. 


etwas  anderes  verstanden  oder  wenigstens  verstehen  sollen,  als  eine 
Reizung  der  Zelle  oder  ihrer  Bestandteile  2). 

Nachdem  nun  aber  neuerdings  die  Begriffe  auf  diesem  Gebiete 
schärfer  herausgearbeitet  worden  sind,  sollte  man  es  meines  Erachtens 
vermeiden,  für  die  Leistungssteigerung  des  Gesamtorganismus  nach  den 
verschiedensten  Richtungen  hin  den  Reiz  als  einzige  Ursache  anzusehen. 
Den  Reiz  bezeichnete  ich  mit  aktiver  Leistungssteigerung, 
um  damit  zum  Aufdruck  zu  bringen,  dass  es  noch  eine  andere  gibt, 
welche  mit  dem  Reiz  an  sich  absolut  nichts  zu  tun  hat,  die  passive. 
In  Nr.  4  dieser  Wochenschrift  1920  sind  auf  S.  91  beide  Arten  der 
Leistungssteigerung  durch  Gegenüberstellung  charakterisiert. 

Die  Leistungssteigerung  ist  also  der  übergeordnete  Be¬ 
griff,  es  ist  auch  meines  Erachtens  unrichtig,  sie  ohne  weiteres  mit 
Erregung  gleichzusetzen. 

Die  Grenzen  der  aktiven  Leistungssteigerung,  also  des  Reizes,  sind 
früher  in  dieser  Wochenschrift  mehrfach  von  mir  gekennzeichnet.  So 
auf  S.  91,  1920  folgendermassen: 

„Sind  die  Wirkungen,  welche  man  mit  derartigen  aktivierenden 
Mitteln  hervorzubringen  vermag  auch  gewöhnlich  an  sich  viel  hoch¬ 
gradiger  als  bei  der  passiven  Steigerung,  so  ist  doch  zu  bedenken, 
dass  es  sich  um  organotrope  Mittel,  um  Reize3)  handelt, 
welche  sich  bei  der  Wiederholung  abschwächen  4)  und  vor  allem  bei 
erschöpften  Organen  versagen  können.“ 

Es  ist  also  nicht  nur  die  schwierige  Dosierungsfrage,  durch  die  uns 
sehr  bald  Grenzen  gezogen  sind.  Wie  früher  mehrfach  ausgeführt,  ist 
gross  und  klein  hier  ein  besonders  relativer  Begriff,  der  ganz  von  dem 
Zustande  des  jeweilig  zu  beeinflussenden  Organes  abhängt5).  Ja  es 
gehört  oft  eine  gewisse  experimentelle  Kunst  dazu,  die  Anregung  mit 
Proteinkörpern  zur  Anschauung  zu  bringen.  Der  Experimentator  trifft 
häufig  Organe,  bei  denen  die  geringste  Zustandsänderung,  die  sonst 
leistungsteigernd  wirkt,  in  jedem  Falle  lähmt. 

Vor  allem  haben  auch  gewisse  Eiweissspaltpro¬ 
dukte  durchaus  nur  lähmende  Wirkung.  In  meinen 
früheren  Arbeiten  ist  ausdrücklich  von  höhermolekularen  Eiweissabbau¬ 
produkten  die  Rede,  welche  in  kleinen  Dosen  anzuregen,  in  grossen  zu 
lähmen  pflegen.  Das  jetzt  viel  genannte  A  r  n  d  t -  S  ch  u  1  z  sehe  Ge¬ 
setz  sollte  meines  Erachtens  nicht  in  der  Verallgemeinerung,  wie  es 
gewöhnlich  geschieht,  ausgesprochen  werden,  wenn  es  den  experimen¬ 
tell  festzustellenden  Tatsachen  entsprechen  soll. 

Der  aktiven  Leistungssteigerung  (i.  e.  Reiz)  ist  also  durch  den 
jeweiligen  Zustand  des  Organes  sehr  bald  eine  Grenze  gesetzt. 

Dabei  versteht  es  sich  von  selbst,  dass  die  Wichtigkeit  der 
Virchow  sehen  Reizlehre,  wie  sie  in  besonders  eindringlicher  und 
klarer  Weise  von  B  i  e  r  in  dieser  Wochenschrift  1921,  Nr.  46  dargestellt 
worden  ist,  durchaus  nicht  verkannt  werden  soll.  Die  Bemühungen,  die 
praktische  Dosierungsfrage  nach  dieser  Richtung  zu  orientieren,  sind 
sehr  zu  begriissen.  In  der  letzten  Zeit  finden  sich  besonders  in  den 
Arbeiten  von  Zimmer6)  darüber  wertvolle  Angaben. 

In  Anbetracht  der  vielfach  ausschliesslichen  Betonung  des  Reizes 
scheint  es  mir  jedoch  nötig,  auf  die  anderen  Seiten  der  Beeinflussungs¬ 
möglichkeiten  der  Proteinkörpertheraoie  wieder  hinzuweisen7): 

Hierzu  gehören  alle  humoralen  Reaktionen,  die  zweifellos  bei  der 
Proteinkörpertherapie  ebenfalls  eine  Rolle  spielen.  Auch  hiernach  ist 
die  ganze  Therapie  meines  Erachtens  bereits  in  verfrühter  Weise  ge¬ 
nannt  worden-,  so  kolloidoklastische  Therapie  „wegen-  der 
günstigen  Veränderung,  die-  diese  Substanzen  in  dem  kolloidalen  Gleich¬ 
gewicht  unserer  Säfte  hervorbringen“  [Widal  und  Mitarbeiter8]). 
Diese  Vorstellungen  sind  freilich  ohne  experimentelle  Begründung  vage. 

Wie  ich  früher  ausgeführt  habe,  scheinen  zwar  viele  Symptome, 
die  bei  der  Proteinkörpertherapie  ausgelöst  werden,  durch  Erhöhung 
der  Antikörperbildung,  verstärkte  Leukozytentätigkeit.  Reizung  des 
bindegewebigen  Abwehrapparates  u.  a.  m.  erklärlich,  nicht  aber  der 
plötzliche  Umschlag,  der  oft  nach  parenteraler  Proteinkörperinjektion 
oder  auch  während  des  natürlichen  Verlaufes  einer  Infektion  als  Krise 
in  Erscheinung  tritt,  die  plötzliche  Ueberlegenheit  des  Körpers  dem 
Infektionsprozess  gegenüber,  welche  den  Infektionserreger  in  keiner 
Weise  mehr  aufkommen  lässt.  Eine  geradezu  ideale,  fast  mit  absoluter 
Immunität  vergleichbare  Abwehr  einer  kurz  vorher  noch  schweren  In¬ 
fektion. 

Ich  suchte  experimentell  das  Wesen  dieser  Immunität  zu  ergrün¬ 
den.  Man  kann  in  der  Tat  alkohol-  und  wasserlösliche  Extrakte  aus 
dem  Tierkörper  ausziehen,  welche  in  geringer  Menge  das  Wachstum 

-)  Vergl.  A.  Bier:  M.m.W.  1921  S.  1524. 

:>)  Im  Original  nicht  gesperrt. 

4)  Wenn  kein  sensibilisiertes  Organ  vorliegt. 

5)  Ein  gutes  Beispiel  sind  die  Froschherzen,  die  man  im  ermüdeten  Zu¬ 
stande  durch  auf  bestimmte  Weise  frisch  hergestellte  höhermolekulare  Eiweiss¬ 
spaltprodukte  im  Sinne  der  Leistungssteigerung  beeinflussen  kann  (s.  M.m.W. 
1915  S.  1526).  Die  gleichen  Dosen,  welche  im  Herbste  gleich  nach  dem 
Fange  anregen,  pflegen  später  zu  lähmen. 

6)  M.m.W.  1921  S.  539  und  B.kl.W.  1921  S.  508. 

7)  Wenn  auch  die  Wege,  welche  die  Forschung  nach  diesen  neuen  Rich¬ 
tungen  geht,  vorläufig  noch  unsichere  und  wenn  auch  manche  der  tastenden 
Versuche  noch  vieldeutig  und  die  Ansichten  angreifbar  sind,  so  sollte  man 
sie  doch  nicht  kurzweg  ablehnen,  lediglich,  weil  uns  ältere  Vorstellungen 
vertrauter  scheinen.  Wenn  es  auch  verfehlt  ist,  die  Proteinkörpertherapie 
als  Ganzes  nach  ihnen  zu  beurteilen  oder  sie  gar  nach  ihnen  zu  benennen, 
so  beruht  -doch  m.  E.  ein  gutes  Stück  Therapie  der  Zukunft  auf  diesen  Be¬ 
einflussungsmöglichkeiten.  Es  wird  aber,  das  muss  freilich  betont  werden, 
noch  viel  Einzelarbeit,  besonders  nach  chemischer  und  physikalischer  Seite 
bedürfen,  um  hier  sichereren  Boden  unter  den  Füssen  zu  haben. 

8)  Presse  med.  1921  Nr.  19. 


108 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  A. 


ausgesprochener  Parasiten,  d.  h.  solcher  Infektionserreger,  die  sich  in 
bezug  auf  ihre  Fermenttätigkeit  ganz  dem  lebenden  Körper  angepasst 
haben,  befördern,  sie  in  grösserer  Merge  aber  hemmen,  ja  vollkommen 
unterdrücken 9).  Zur  Demonstration  eignen  sich  am  besten  gewisse 
Streptokokkenstämme,  die  in  bezug  auf  ihr  Wachstum  auf  künstlichen 
Nährböden  wählerisch  sind.  In  kleinen  Mengen  regen  diese  Extrakte 
aus  dem  Organismus  die  Fermenttätigkeit  der  Streptokokken  deutlich 
an,  so  dass  sie  jetzt  auch  einfachere  organische  Substanzen,  wie  Natrium 
asparaginicum  und  Glyzerin  zu  verwerten  vermögen. 

Die  Hemmung  des  Wachstums  derartiger  Parasiten  in  grössei  e  n 
Konzentrationen  dieser  Extrakte  ist  m.  E.  am  ungezwungensten 
auf  p  h  y  s  i  k  a  1  i  s  c  h  e  Vorgänge  zurückzuführen,  denn  es  erfolgt  eine 
Hemmung,  obgleich  für  den  chemischen  Aufbau  genügend  geeignete 
Gruppen  vorhanden  sind.  . 

Am  wahrscheinlichsten  scheinen  mir  Fällungsvorgänge,  die  in  den 
klar  filtrierten  Extrakten  bei  Streptokokkenwachstum  reichlich'  zu  be¬ 
obachten  sind  Machen  sich  solche  Fällungen  in  den  Randpartien  des 
Bakterienplasmas  geltend,  so  müssen  sie  eine  Verminderung  der  Dis¬ 
persität  und  infolgedessen  des  Bakterienstoffwechsels  bedingen.  Die 
Vermehrung  der  Infektionserreger  würde  dadurch  erheblich  hint- 
angehaUen  Ausser  physikalischen  Prozessen  kommen  zweifellos  noch 
andere  mit  in  Betracht.  Jedenfalls  können  sich  derartige  Vorgänge 
rein  humoral  abspielen  und  eine  gesteigerte  Abwehr  eines  Infektions¬ 
prozesses  istauchohneReizung  der  Körperzellen  mog¬ 
ln  einer  sehr  interessanten  Abhandlung  aus  dem  Jahre  1901  „Die 
Transfusion  von  Blut,  insbesondere  von  fremdartigem  Blut  und  ihre 
Verwendbarkeit  zu  Heilzwecken  von  neuen  Gesichtspunkten  betrach¬ 
tet“  spricht  A.  B  i  e  r  bei  seinen  therapeutischen  Versuchen  über  Trans¬ 
fusion  von  Lammblut  von  „Aenderung  der  Zusammensetzung  des  Blu¬ 
tes,  welche  möglicherweise  auf  gewisse  Bakterienarten  tötend  oder 
abschwächend  wirken  könnte“  (d.  Wschr.  1901  Nr.  15  S.  569). 

Ohne  Reizung  der  Körperzellen  ist  ferner  noch  eine  andere  Art 
von  Leistungssteigerung  möglich,  die  Absättigung  lähmender  Gruppen, 
lieber  diesen  Begriff  siehe  die  bereits  genannte  Veröffentlichung  in 
dieser  Wochenschrift  1920  Nr.  4  S.  91. 

So  wichtig  also  auch  der  Reiz  auf  die  Körperzellen  bei  der  Protein¬ 
körpertherapie  ist,  es  wäre  m.  E.  verfehlt,  sich  jetzt  schon  auf  diesen 
Wirkungsmechanü  mus  allein  festzulegen,  er  schliesst  durchaus  nicht 
alle  anderen  Wirkungsmöglichkeiten,  deren  Resultat  Leistungssteige¬ 
rungen  im  Gesamtorganismus  sind,  in  sich  ein. 

Für  die  Praxis  der  Proteinkörpertherapie  kommt  die  Absättigung 
lähmender  oder  unerwünscht  wirkender  Gruppen  durch  chemisch  de¬ 
finierbare  Körper  m.  E.  vorerst  in  Frage,  wenn  es  sich  darum  handelt, 
besser  wirkende  Proteinkörperpräparate  herzustellen.  Wir  hätten  dann 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  ein  chemisches  Analogon  zur  sog.  Simul- 
tanimmunisierung  der  Immunitätsforschung,  in  diesem  Falle  eine  Aus¬ 
schaltung  lähmender  oder  unerwünscht  wirkender  Gruppen  aus  dem  Ge¬ 
misch  der  höhermolekularen  Ei weissabbauprodukte.  Auf  diesem  Wege 
bieten  sich  gerade  der  Proteinkörpertherapie  noch  aussichtsvolle  Aus¬ 
baumöglichkeiten  l0),  ferner  nach  der  Richtung,  dass  uns  die  spezifische 
Wirkung  der  einzelnen  Spaltprodukte  besser  bekannt  wird11). 

Aus  den  angeführten  Gründen  halte  ich  auch  den  Ausdruck  „orale 
Reiztherapie“  für  verfrüht,  solange  nicht  durch  quantitative  Stoffwechsel¬ 
untersuchungen  am  Gesamtorganismus  und  quantitative  Untei- 
suchungen  am  isolierten  Organe  die  Art  der  Wirkung  des  jeweils  an¬ 
gewendeten  Mittels  sichergestellt  worden  ist12)  (vergl.  auch  A.  Schi  t- 
tenhelm:  diese  Wochenschrift  1921  S.  1478).  Bis  dahin  sollte  eine 
derartige  Therapie  nach  dem  angewendeten  Mittel  und  nicht  nach  dem 
angenommenen  Wirkungsmechanismus  genannt  werden. 

Man  treibe  also  wie  bisher  Proteinkörpertherapie  und 
betrachte  sie  unter  dem  Gesichtswinkel  der  Leistungssteigerung.  Eine 
solche  kann  beruhen  auf: 

1.  organotroper  Wirkung 

a)  unspezifischer  Art  (beim  sensibilisierten  Organe  oder  beim 
spezifisch  eingestellten  mit  spezifischer  Auswirkung). 

b)  spezifischer  Art  (durch  Gruppen  mit  spezifischer  Wirkung); 

2.  humoraler  Wirkung 

a)  unspezifischer  Art  (Zustandsänderungen  der  Körpersäfte), 

b)  spezifischer  Art  (Absättigung  lähmender  Gruppen) 13). 

Den  höhermolekularen  nicht  oder  schwer  dialysablen  Eiweissabbau- 
produkten  ist  eine  Sonderstellung  zuzuweisen,  wie  ich  das  von  jeher 
getan  habe: 

1.  wegen  ihrer  physikalischen  Beschaffenheit  und 

2.  wegen  der  Vielheit  der  beim  Abbau  auftretenden  Gruppen,  welche 

für  die  Gesamtwirkung  ein  wesentlicher  Faktor  ist. 


9)  Erg.  d.  Hyg.  etc.  5,  S.  307.  Bei  Milchsäurebehandlung,  Infektion 
mit  Friedländer  etc.  wurden  diese,  das  Streptokokkenwachstum  befördernden 
Spaltprodukte  im  Organismus  vermehrt.  Zu  diesen  Versuchen  gehört  eine 
sehr  gute  bakteriologische  Zähltechnik. 

10)  Mir  scheinen  manche  Produkte  der  inneren  Sekretion  in  diesem 
Sinne  zu  wirken  und  es  wäre  zu  untersuchen,  ob  nicht  Präparate,  wie  die 
Milch,  ihre  besondere  Wirkung  bei  der  Proteinkörpertherapie  dem  Vorhanden¬ 
sein  solcher  Gruppen  verdanken. 

u)  Siehe  A.  S  c  h  i  1 1  e  n  h  e  1  m:  Zur  Frage  der  Proteinkörpertherapie. 
M.m.W.  1921  S.  1476. 

12)  Ueber  die  sekundäre  Abspaltung  leistungssteigernder  Gruppen  nach 
der  Einführung  differenter  Substanzen  und  nach  elektrischer  Reizung  s. 
M.m.W.  1918  S.  583/84.  Nach  neueren  Versuchen  von  O.  L  o  e  w  i  am  Herzen 
können  bereits  durch  die  Nervenreizung  allein  spezifische  Substanzen,  die 
im  Sinne  der  Nervenreizung  wirken,  entstehen. 


Im  allgemeinen  lässt  sich  die  begreifliche  Absicht  mancher  neuerer 
Forscher,  eine  möglichst  umschriebene  originelle  Ursache  für  die  Wir¬ 
kung  der  Proteinkörpertherapie  zu  finden,  nicht  verkennen;  so  sollen 
nach  einer  neueren  Arbeit  von  Rosenthal  und  Holzer  )  1  ara- 
sympathikus-  resp.  Sympathikusreize  von  ausschlaggebendem  Einfluss 
sein,  andere  sehen  wieder  in  der  entzündeten  Zelle  oder  den  Leukozyten 
den  Angelpunkt. 

Ich  möchte  diesen  Erklärungsversuchen  gegenüber  auf  Grund  lang¬ 
jähriger  Erfahrung  zunächst  eine  sehr  skeptische  Stellung  einnehmen. 
Die  Verhältnisse  auf  diesem  Gebiete  sind  zweifellos  viel  komplizierter, 
als  dass  eine  einheitliche  Ursache  angenommen  werden  könnte. 

In  der  Tat  konnte  L  ö  h  r 15)  an  der  Med.  Klinik  in  Kiel  die  Resultate 
von  R  o  s  e  n  t  h  a  1  und  Holzer  nicht  bestätigen. 

Was  den  Entzündungsbegriff  anbetrifft,  so  wird  in  der  letz¬ 
ten  Zeit  gegen  die  Bezeichnung  Heilentzündung  von  D  i  e  t  r  i  c  h  )  gel¬ 
tend  gemacht,  dass  ein  mystischer  Zweckbegriff  eingeführt  würde.  Es 
wird  nach  diesem  Autor  ein  Erfolg  in  den  Begriff  hineingebracht,  der 
in  einem  wunderlichen  Lichte  erscheint,  wenn  die  entzündlichen  Ei schei- 
n ungen  selbst  den  Untergang  bringen,  z.  B.  bei  Pneumonie. 

March  and17)  sieht  in  einer  zu  weiten  Ausdehnung  des  Ent¬ 
zündungsbegriffes  auf  die  allgemeinen  Abwehrreaktionen  des  Organis¬ 
mus  eine  Verwechslung  des  lokalen  reaktiven  Vorgangs  mit  einer 
Krankheit  (Infektion),  an  der  der  ganze  Organismus  mehr  oder  weniger 

teilnimmt 18}.  ,  . 

Einigkeit  über  den  Entzündungsbegriff  besteht  keineswegs. 

Für  die  praktischen  Zwecke  der  Proteinkörpertherapie  ist  m.  E. 
der  Begriff  der  Sensibilisierung  massgebend. 

Die  sensibilisierten  Zellen  oder  die  sensibilisierten  Organe  verhalten 
sich  anders  als  die  normalen.  Sie  reagieren  hochgradig  bei  spezifischer, 
weniger  stark  bei  imspezifischer  Beeinflussung.  Eine  sensibilisierte 
Zelle  ist  chemisch  oder  physikalisch  anders  als  die  normale. 
Diese  Veränderungen  des  sensibilisierten  Organs  äussern  sich  oft  so, 
dass  von  einer  Entzündung  gesprochen  werden  kann.  Das  braucht 
aber  durchaus  nicht  der  Fall  zu  sein. 


Der  Einfluss  gewisser  Lichtarten  auf  den  gesteigerten 

Blutdruck. 

Von  Dr.  Adolf  Kimmerle,  leit.  Arzt  des  Institutes  für 
physikal.  Therapie  des  Krankenhauses  Eppendorf-Hamburg. 

Gelegentlich  von  Beobachtungen  über  das  Verhalten  des  Blutdrucks  1 
nach  Bogenlampenlichtbestrahlungen  fand  ich  bei  einigen  Fällen  mit 
beträchtlich  erhöhtem  Blutdruck  eine  merkliche  Blutdrucksenkung.  Be¬ 
zogen  sich  die  ersten  Untersuchungen  lediglich  auf  solche  Fälle,  welche 
annähernd  normalen  Blutdruck,  eher  etwas  subnormale  Werte  zeigten, 
so  lag  der  Gedanke  nahe,  bei  krankhaft  gesteigertem  Blutdruck  thera¬ 
peutisch  diese  zunächst  mit  Recht  als  schädlich  erachtete  Blutdruck¬ 
senkung  zu  gebrauchen.  Waren  für  anämische  Zustände,  bei  welchen 
von  uns  die  Bogenlampenlichtbestrahlung  vor  allem  aus  therapeutischen 
Gründen  in  den  letzten  Jahren  angewandt  wird,  Blutdrucksenkungen 
eine  stets  überflüssige,  ja  meist  schädliche  Beigabe,  so  konnte  sie 
andererseits  bei  hypertonischen  Zuständen  vielleicht  nützlich  sein.  Man 
war  dazu  um  so  mehr  berechtigt,  als  es  ja  nach  unseren  Erfahrungen 
bei  der  Behandlung  der  Anämie  und  den  dabei  gemachten  Beobach¬ 
tungen  über  das  Verhalten  des  Blutdrucks  ohne  und  mit  Einatmung 
der  Lampenluft,  andere  Einflüsse  als  die  der  durch  blosse  Wärme  ent¬ 
standenen  Hyperämie  sein  müssen,  welche  den  Blutdruck  herunter¬ 
setzen.  Es  müssen  in  der  Lampenluft  Stoffe  enthalten  sein,  welche, 
eingeatmet,  auf  das  Herz  und  das  Gefässsvstem,  vermutlich  seine 
nervösen  Apparate,  einwirken.  Wie  dabei  die  Blutdrucksenkung  zu¬ 
standekommt,  ist  noch  unaufgeklärt,  wie  auch  über  das  Entstehen  des 
erhöhten  Blutdrucks  bei  den  verschiedenen  Veränderungen  des  Ge- 
fässsystems,  der  Nieren  usw.,  die  Ansichten  noch  geteilt  sind.  Man 
könnte  aber  denken,  dass  nach  Einatmung  der  Bogenlampenluft  ge¬ 
wisse  lähmende  Einflüsse  sich  geltend  machen,  welche  auf  irgendeine 
Weise,  wahrscheinlich  auf  chemischem  Wege,  den  Tonus  herabsetzen; 
es  sei  dahingestellt,  ob  es  eine  direkte  oder  reflektorische  E'nwirkung  j 
auf  die  Vasokonstriktoren  oder  Vasodilatatoren  ist.  Die  Blutdruck¬ 
senkung  könnte  bedingt  sein  durch  eine  Reizung  der  Vasodilatatoren,  , 
aber  ebensogut  könnte  sie  als  eine  reflektorische  Hemmungswirkung 
auf  das  Konstriktorenzentrum  in  der  Medulla  oblongata  aufgefasst 
werden.  —  Als  reflektorische  Reize  z.  B.  wirken  ausser  Kälte  und 
Wärme  auch  gewisse  Gifte.  Bestimmtes  lässt  sich  darüber  erst  dann 
aussagen  oder  wenigstens  schliessen,  wenn  man  weiss,  woraus  das 
Gasgemisch  der  Bogenlampenluft  besteht.  Es  gibt  ja  Mittel,  welche, 
per  os  genommen,  oder  ins  Gewebe  injiziert,  den  Blutdruck  herab¬ 
setzen,  so  das  Nitroglyzerin,  das  Vasotonin,  das  Papaverin,  aber  nie 
in  dem  Masse,  wie  ich  dies  in  manchen  Fällen  von  Hypertonien  nach  : 
der  Einatmung  der  Bogenlampenluft  beobachtet  habe.  Gewisse  Nitrit¬ 
verbindungen,  Nitroxylverbindungen  werden  in  der  Bogenlampenluft 
sicherlich  enthalten  sein.  Am  nächsten  käme  dieser  Verbindung  das  2 


13)  Oder  von  Gruppen  mit  unerwünschter  Wirkung. 

14)  Rosen  thal  und  Holzer:  B.kl.W.  1921,  Nr.  25,  S.  675. 

15)  Ther.  Halbmonatsh.  1921.  H.  12,  S.  303. 

16)  M.m.W.  1921  S.  1071.  17)  D.m.W.  1921  S.  1197. 

18)  Ueber  die  Entzündung  s.  vor  allem  R.  Virchows  Trennung  der 
Frage  nach  dem  Wesen  der  Entzündung  von  derjenigen  nach  den  Symptomen. 
L.  Asch  off:  D.m.W.  1921  S.  1187. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nitroglyzerin,  dessen  blutdruckherabsetzende  Wirkung  bei  manchen  Zu¬ 
ständen  benützt  wird.  Bei  der  künstlichen  Höhensonne  habe  ich  sowohl 
bei  der  Hypertonie  als  auch  bei  anderen  Fällen  diese  Wahrnehmung  nie 
gemacht,  nie  Blutdrucksenkungen  in  diesem  Umfange  beobachtet.  Mit 
der  Erfahrung  nach  Bogenlampenlichtbestrahlung  decken  sich  auch  die 
Beobachtungen,  welche  manche  Badeärzte  bei  der  Behandlung  chro¬ 
nischer  Nephritiden  mit  natürlichen  Sonnenbädern  gemacht  haben. 
Selbstverständlich  muss  die  Anwendung  des  Sonnenbades  sehr  vor¬ 
sichtig  abgestuft  werden  und  eignen  sich  lange  nicht  alle  chronischen 
Nephritiden  dazu.  Im  folgenden  kurz  die  Krankengeschichten  einiger 
Fälle.  Aus  leicht  ersichtlichen  Gründen  kann  ich  nicht  alle  Fälle  hier 
anführen,  sondern  ich  muss  mich  darauf  beschränken,  einzelne  mar¬ 
kante  Fälle  hcrauszugreifen. 

Wir  verwenden  stets  Gleichstrombogenlampen  von  40 — 50  Amp., 
wie  wir  sie  auch  zur  Behandlung  der  Anämie  benutzen,  setzen  den 
Patienten  in  40 — 50  cm  Abstand  vor  die  Bogenlampe  —  grössere  Ab¬ 
stände  verringern  die  Wirkung,  näher  heranzugehen  ist  nicht  erlaubt, 
wegen  der  zu  grossen  Hitzeentfaltung;  der  Schutz  der  Augen  durch 
schwarze  Gläser  ist  selbstverständlich. 

1.  Fall.  Frau  Anna  Gr.,  67  .Jahre  alt,  selbst  nie  ernstlich  krank  ge¬ 
wesen.  Am  15.  V.  1921  wurde  sie  schwindelig,  verspürte  Kopfschmerzen. 
Bei  der  Aufnahme  Befund  einer  ausgebildeten  Arteriosklerose,  verstärkter 

2.  Aortenton,  Blutdruck  190  mm  Hg  (R  i  v  a  -  R  o  c  c  i).  Bei  der  Aufnahme 
hatte  man  den  Eindruck,  dass  ein  leichter  apoplektischer  Insult  voraufgegangen 
war.  Mit  Rücksicht  auf  die  Angaben  der  Patientin  darf  man  annehmen,  dass 
unter  anderm  auch  eine  Arteriosklerose  der  Gehirnarterien  vorliege.  Der 
erhöhte  Blutdruck  war  in  den  mehr  oder  weniger  arteriosklerotisch  ver¬ 
änderten  kleineren  und  kleinsten  Gefässen  zu  suchen.  Der  Wasserversuch 
und  Konzentrationsversuch  bestätigten  die  Vermutung,  dass  es  sich  um 
eine  Nephrosklerose  handelte.  Patientin  erhielt  seit  dem  25.  V.  1921  salz¬ 
arme  Diät,  Bettruhe.  Die  Beschwerden,  der  Blutdruck  blieben  unverändert; 
am  9.  VII.  1921  wurde  mit  der  Bogenlampenbestrahlung  begonnen,  zunächst 
mit  10  Minuten  Dauer  bei  50  cm  Abstand.  Am  11.  VII.  1921  dauerte  die  Be¬ 
strahlung  und  somit  die  Einatmung  bereits  40  Minuten,  der  Blutdruck  ging 
von  193  auf  93  mm  Hg  zurück;  15  Minuten  nach  Beendigung  der  Bestrahlung 
war  der  Blutdruck  schon  wieder  128  mm  Hg.  Am  12.  VII.  1921  erreichte  man 
in  der  gleichen  Zeit  eine  Blutdrucksenkung  von  206  auf  88  mm  Hg.  Jetzt, 
es  war  zudem  ein  sehr  schwüler  und  heisser  Tag,  fühlte  Patientin  das  Be¬ 
dürfnis  sich  hinzulegen.  20  Minuten  nach  Beendigung  der  Bestrahlung  war 
der  Blutdruck  wieder  130  mm  Hg,  50  Minuten  später  bereits  175  mm  Hg. 
Nun  wurden  die  Bestrahlungen  wochenlang  fortgesetzt,  nachdem  Patientin  sich 
daran  gewöhnt  hatte,  diese  auch  ganz  gut  vertragen.  Die  Patientin  gab 
spontan  an,  dass  sie  keine  Kopfschmerzen  mehr  habe,  sich  besser  fühle.  Der 
Blutdruck  war  am  18.  VFI.  1921  vor  der  Bestrahlung  163  mm  Hg.  am  15.  IX. 
1921,  also  16  Tage  nachdem  die  Bestrahlung  ausgesetzt  war,  167  mm  Hg. 

Es  war  somit  eine  Blutdrucksenkung  erreicht  worden,  die  anfangs 
sich  stets  wieder  rasch  ausglich,  nach  wochenlanger  Bestrahlung  aber 
konstant  blieb.  Die  anfänglich  erzielten  Ausschläge  waren  ungewöhn¬ 
lich  gross,  später,  nach  Adaption,  schwankte  der  Ausschlag  im  Mtttel 
zwischen  167 — 137  mm  Hg. 

2.  Fall.  Wilhelm  Ha.,  72  Jahre  alt.  Früher  Pneumonie,  Typhus.  Im 

Krankenhause  vom  3.  VIII.  1920  bis  1.  IV.  1921.  3  Monate  vor  der  Ein¬ 

lieferung  starke  Zahnfleischblutung,  ietzt  perniziöse  Anämie,  Hämoglobin¬ 
gehalt  27  Proz.,  Blutdruck  195  mm  Hg  Am  1.  IX.  1921  Begin  der  Bogen¬ 
lampenbestrahlung  zur  Behandlung  der  Anämie. 

Bei  diesem  Falle  fielen  die  grossen  Schwankungen  auf  (183 — 150  mm  Hg, 
191 — 148  mm  Hg).  Die  näheren  Untersuchungen  ergaben  das  Vorhanden¬ 
sein  einer  Nephrosklerose.  Im  Laufe  der  Behandlung,  die  bis  zum  23.  XII. 

1920  fortgesetzt  wurde,  stieg  der  Hämoglobingehalt  bis  auf  80  Proz.,  ob  prop- 
ter  hoc  oder  post  hoc,  lasse  ich  dahingestellt.  Gleichzeitig  wurde  auch  der 
Blutdruck  niedriger,  so  dass  am  13.  XII.  1920  ein  Blutdruck  von  150  mm  Hg, 
am  6.  I.  1921  ein  solcher  von  180  mm  Hg  und  am  21.  I.  1921  ein  solcher  von 
155  mm  Hg  notiert  wurde. 

Auch  hier  eine  Blutdrucksenkung  von  der  Dauer  einiger  Wochen; 
die  Anämie  wurde  gebessert.  Es  kann  also  die  Blutdrucksenkung  nicht 
auf  die  zunehmende  Anämie  zurückgeführt  werden,  zudem  war  der 
Blutdruck  am  höchsten  als  der  Hämoglobingehalt  am  niedrigsten  war. 

3.  F  a  1 1.  Friederike  L.,  56  Jahre  alt,  sonst  gesund.  Jetzt  Diabetes  und 
Arteriosklerose.  Im  Krankenhaus  seit  16.  VII.  1921.  Blutdruck  200  mm  Hg. 
Seit  10.  IX.  21  Bestrahlung  mit  der  Bogenlampe.  Am  14.  IX.  1921  waren 
die  Ausschläge  1 93 H 73  mm  Hg.  am  15.  IX.  1921  205/150  mm  Hg,  am  17.  IX. 

1921  183'160  mm  Hg,  am  22.  IX.  1921  192/167  mm  Hg. 

Da  hier  gleichzeitig  ein  Diabetes  vorlag,  handelte  es  sich  nicht  aus¬ 
schliesslich  um  eine  Nephrosklerose,  sondern  auch  um  nephrotische  Ver¬ 
änderungen.  Die  einzelnen  Ausschläge  waren  jedenfalls  ziemlich  gross, 
doch  reagierte  der  Fall  nicht  so  prompt  und  so  nachhaltig,  wie  die 
beiden  ersteren. 

4.  Fall.  Claus  D.,  58  Jahre  alt.  Im  Krankenhaus  seit  5.  VII.  1921; 
mit  14  Jahren  Pneumonie,  1883  Lues,  Hg-Kur.  1884  Gonorrhöe,  1914  Krampf¬ 
zustände  in  beiden  Armen.  Seit  Januar  1920  zunehmende  Mattigkeit  und 
Kurzluftigkeit.  Im  Urin  damals  kein  Eiweiss. 

Status  praesens:  Geringe  Oedeme  der  Unterschenkel,  Haut  mässig  gut 
durchblutet,  Aorteninsuffizie.iz,  Blutdruck  250  mm  Hg.  Durch  Diät  und  Ruhe 
ging  der  Blutdruck  ruf  180  mm  Hg  zurück  (am  25.  VIII.  1921).  Nach  Wasser¬ 
versuch,  Konzentrationsversuch  und  der  klinischen  Beobachtung  Annahme 
einer  chronischen  Glomerulonephritis.  Am  31.  VII.  1921  Beginn  der  Bestrah¬ 
lung;  195 '175  mm  Hg,  am  7.  VI.  1921  Aussetzen  der  Bestrahlung,  am  14.  IX. 
1921  Wiederbeginn  der  Bestrahlung,  am  17.  IX.  1921  Schwankung 
180/160  mm  Hg  nach  40  Minuten.  Die  Kurve  lässt  hier  vielleicht  die  Ver¬ 
mutung  zu,  dass  jedesmal,  nachdem  die  Bestrahlung  einige  Zeit  lang  aus¬ 
geführt  war,  die  Diurese  anstieg  und  umgekehrt  bei  Aussetzen  nachliess. 

Hier  liegt  eine  Kombination  mit  einer  Aorteninsuffizienz  vor.  Es  ist 
nach  der  Anamnese  nicht  ausgeschlossen,  dass  die  früher  überstandene 
Lues  teilweise  die  jetzige  Nierenveränderung  bedingt  hat.  Die  klini¬ 
schen  Beobachtungen  lassen  ja  auch  eine  Glomerulonephritis  annehmen, 
wahrscheinlich  schon  mit  Uebergang  zur  Indurativform,  der  sog.  sekun¬ 
dären  Nephrosklerose. 


109 


Während  die  beiden  ersteren  Fälle  sich  in  der  Aetiologie  ähnlich 
waren  —  bei  ihnen  lag  wohl  sicher  eine  reine  Nephrosklerose  vor  — , 
handelt  es  sich  bei  den  beiden  letzteren  Fällen  nicht  nur  um  reine 
sklerotische  Veränderungen,  sondern  es  waren  auch  andere  Erschei¬ 
nungen  im  Vordergründe,  so  im  letzten  Falle  die  einer  chronischen 
Glomerulonephritis  mit  Uebergang  in  die  sekundäre  Indurativform. 

Die  ersten  3  Fälle  verhielten  sich  der  Behandlung  gegenüber  mehr 
oder  weniger  einheitlich,  die  Blutdrucksenkung  war  deutlicher  und 
ständiger,  im  letzteren  Falle  war  die  Blutdrucksenkung  nicht  so  offen¬ 
kundig,  auch  nicht  so  anhaltend. 

Die  Folgerung  aus  diesen  Fällen  könnte  sein,  dass  die  durch  reine 
Gefässveränderungen  (Arteriosklerosis)  bedingte  Biutdrucksteigerung 
durch  das  Einatmen  der  Lampenluft  günstig  beeinflusst  werden  kann. 
Der  Vorgang  wäre  so  zu  erklären,  dass  das  Gefässsystem  selbst  beein¬ 
flusst  wird,  vielleicht  geschmeidiger,  oder  vorübergehend  elastischer 
gemacht  wird.  Dabei  werden  auch  die  peripheren  Widerstände  ver¬ 
mindert,  der  Angriffspunkt  wäre  dann  also  das  veränderte  Gefässsystem. 
Ueber  das  Zustandekommen  des  hohen  Blutdrucks  bei  Nephrosklerose 
besteht  noch  keine  einheitliche  Ansicht:  Die  meisten  Autoren  stellen 
bei  diesem  Zustande  die  Nieren  mehr  oder  weniger  in  den  Mittelpunkt 
der  Betrachtungen,  dabei  nehmen  die  einen,  z.  B.  v.  Romberg, 
Fahr  u.  a.  an,  dass  die  Entstehung  der  Hypertonie  von  den  Vor¬ 
gängen  in  den  Nieren  selbst  abhängig  sei,  während  andere,  wie  Fried¬ 
rich  v.  Müller,  A  s  c  h  o  f  f  u.  a.  eine  Erkrankung  der  Nieren  nicht 
unbedingt  für  notwendig  halten.  Bei  dieser  letzten  Ansicht  liegt  der 
Gedanke  an  eine  Systemerkrankung  nahe,  indem  mehr  oder  weniger 
eine  über  den  ganzen  Körper  verbreitete  Arteriosklerose  der  kleinsten 
Arterien  angenommen  werden  dürfte.  Zur  Hvpertonie  kann  es  nur 
dann  kommen,  wenn  die  Erkrankung  der  Gefässe  sehr  ausgebreitet 
ist,  die  Mehrzahl  der  Gefässchen  verändert  ist.  Nach  der  klinischen 
Beobachtung  sind  die  beiden  ersten  Fälle  reine  Nephrosklerosen,  also 
jene  Form  der  Nierenerkrankung,  die  ohne  vorausgegangene  Nephritis 
entstanden  ist  und  prinzipiell  von  den  entzündlichen  Prozessen  zu  unter¬ 
scheiden  ist;  es  sind  also  rein  arteriosklerotische  Veränderungen  am 
Gefässapparat,  infolgedessen  auch  an  den  Nieren,  welche  den  hohen 
Blutdruck  bedingen.  —  Diese  beiden  Fälle  haben  am  besten  und  zwar 
dauernd  reagiert.  Wenn  also  Fälle  mit  reinen  Gefässveränderungen 
für  diese  Art  der  Behandlung  die  dankbarsten  Obiekte  sind,  dann  darf 
man  andererseits  schliessen,  dass  die  blutdrucksenkende  Wirkung 
darauf  beruht,  dass  in  erster  Linie  auf  den  Gefässapparat  direkt  ein¬ 
gewirkt  wird.  Wie  es  kommt,  dass  anscheinend  gut  und  noch  praktisch 
gesunde  Gefässapparate  weniger  stark  reagieren,  als  gerade  die 
arteriosklerotisch  veränderten  Gefässe,  ist  allerdings  sehr  merkwürdig. 

Bei  der  Glomerulonephritis  oder  bei  Parenchymschädigungen  der 
Nieren,  auch  bei  den  Mischformen,  tritt  keine  so  entschieden  nach¬ 
haltige  Wirkung  auf,  weil  die  oben  erwähnten  Angriffspunkte  mehr 
oder  weniger  fehlen  und  es  sich  nicht  um  reine  primäre  Gefäss- 
schädigungen  in  dem  Nierenapparat  handelt;  die  zu  überwindenden 
Widerstände  sind  also  anderer  Natur.  —  Weitere  Beobachtungen 
werden  nach  der  einen  oder  anderen  Seite  hin  Aufschluss  geben.  Wenn 
der  Einfluss  des  Bogenlampenlichtes  dazu  verwendet  werden  könnte, 
den  erhöhten  Blutdruck  dauernd  zu  senken,  so  wäre  dies  jedenfalls  eine 
verhältnismässig  einfache  Methode.  Die  Kr'anken  brauchten  der  Be¬ 
strahlung  gar  nicht  direkt  ausgesetzt  zu  werden,  sondern  man  könnte, 
wenn  die  nötigen  Einrichtungen  dafür  vorhanden  sind,  die  Lamnenluft 
absaugen  und  die  Patienten,  die  dabei  in-  einen  anderen  Raum  gesetzt 
werden  können,  direkt  diese  Luft  einatmen  lassen.  Man  würde  dadurch 
die  manchmal  sehr  unangenehme  und  lästig  sich  bemerkbar  machende 
strahlende  Wärme  ausschalten  können,  da  es  ja  nicht  nötig  ist,  letztere 
auf  den  nackten  Körper  einwirken  zu  lassen,  sondern  es  auf  die  Ein¬ 
atmung  der  in  der  Luft  enthaltenen  Gase  ankommt.  Wenn  nämlich  die 
Einatmung  dieser  Gase  verhindert  wird,  z.  B.  durch  Anlegen  einer 
Maske  im  Anschluss  an  einen  Saugapparat,  welcher  frische  Aussenluft 
zur  Atmung  liefert,  dann  bleibt  auch  bei  der  Hypertonie  die  Blutdruck¬ 
senkung  aus.  —  Um  eine  dauernde  Wirkung  zu  erzielen,  halte  ich 
es  aber  für  nötig,  dass  lange  genug  und  in  den  ersten  Wochen  kon¬ 
sequent  Tag  für  Tag  behandelt  wird,  Unterbrechungen  der  Behandlung 
machen  den  Erfolg  häufig  illusorisch.  Aehnlich  wie  bei  anderen  chro¬ 
nischen  Krankheiten  sind  auch  hierbei  Wiederholungen  der  Behandlung 
von  Zeit  zu  Zeit  nicht  zu  umgehen.  —  Unangenehme  Nebenerschei¬ 
nungen  habe  ich  bisher  nie  beobachtet. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  in  Innsbruck. 

lieber  Konstitution  und  Vererbung  erworbener  Eigen¬ 
schaften. 

Von  P.  Mathes. 

Kliniker  und  Pathologen  mühen  sich  in  gleicher  Weise  program¬ 
matisch  ab,  die  Konstitution  zum  Gegenstand  exakter  Forschung  zu 
machen.  Es  ertönt  der  Ruf  nach  einer  eigenen  Konstitutionspatho¬ 
logie,  nach  einer  eigenen  Methodik  sie  zu  betreiben:  wenn  schon  die 
„Gesamtkonstitution“  nicht  zu  erforschen  ist,  so  sollen  es  doch  wenig¬ 
stens  die  „Partialkonstitutionen“  sein  (Kraus,  T  o  e  n  i  e  s  s  e  n). 

Schon  mischen  sich  in  diese  Rufe  Töne,  die  wie  Misstrauen  und 
Resignation  klingen;  so  be!  Roessle1).  wenn  er  sagt:  „Gibt  denn 
die  heutige  Konstitutionspathologie  auf  die  Fragen  nach  dem  ,Wie?‘ 

‘)  M.m.W.  1921  Nr.  40. 


110 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  4. 


und  , Warum?“  eine  Antwort?  Nein,  denn  es  gibt  noch  fast  keine  Kon- 
stitutionspatholcgie“  —  und  später:  „Jedes  Gebiet  erfordert  seine 
eigene  Methodik,  eine  solche  ist  für  die  Konstitutionsforschung  nicht 
vorhanden“.  So  auch  bei  Toenniessen2):  „Wenn  wir  aber  .... 
nur  die  rein  ererbten  Eigenschaften  als  konstitutionell  gelten  lassen  .... 
dann  schrumpft  der  Begriff  der  Konstitution  auf  einen  so  klemen  Be¬ 
zirk  zusammen,  dass  er  bedeutungslos  und  überflüssig  wäre.  Miss¬ 
trauen  und  Resignation  sind  hier  am  Platze.  Eine  Pathologie 
der  K.  wird  es  nie  geben,  weil  Konstitution  nur  ein 
B  e  g  r  i  f  f  i  s  t. 

Wir  denken  mit  Begriffen;  wir  bilden  die  Begriffe,  indem  wir  aus 
möglichst  vielen  Einzelerscheinungen  möglichst  viele  gemeinsame  Merk¬ 
male  abziehen  (Abstraktionen)  und  sie  gedanklich  vereinigen  (Resyn- 
these);  wir  geben  den  Begriffen  Namen,  um  uns  mittels  dieser  über 
äussere  und  innere  Erlebnisse  zu  verständigen. 

Aus  den  vielen  Einzelfällen,  dass  die  Jungen  den  Elterntieren  glei¬ 
chen,  haben  wir  den  Begriff  der  Keimanlage  abstrahiert.  Der 
Begriff  hat  zum  Inhalt,  dass  eine  Keimanlage  der  anderen  jedesmal 
zum  mindesten  sehr  ähnlich  sein  muss,  dass  sie,  wenn  auch  nicht  Glei¬ 
ches,  so  doch  immer  Aehnliches  hervorbringen  muss,  dass  sie  von 
innen  durch  Teilung  und  durch  Paarung  nur  wenig,  von  aussen  gar 
nicht  veränderlich  ist;  wohlgemerkt:  nur  die  Anlage,  nicht  das, 
was  später  daraus  wird. 

Auf  die  menschliche  Pathologie  bezogen,  habe  ich  im  Jahre  1912 
vorgeschlagen 3 4),  den  eben  erörterten  Begriff  mit  dem  Namen  Kon¬ 
stitution  zu  belegen.  Ein  Name,  der  bis  dahin  für  die  verschieden¬ 
sten  Begriffe  gebraucht  worden  ist  (wie  es  auch  heute  wieder  ge¬ 
schieht,  Toeniesse  n).  Es  ist  Tandler  mit  seiner  Rede  auf  dem 
Anthropologenkongress  1913  gelungen,  diesem  Vorschläge  Eingang  m 
die  Literatur  zu  verschaffen,  wenn  er  dabei  auch  die  scharfe  Begriffs¬ 
abgrenzung  durch  Zutaten  wieder  verwischt  hat. 

K. -Forscher  werden  nun  jene  Beobachter  genannt,  die  bei  der 
Deutung  ihrer  Befunde  dem  Gedanken  Raum  geben,  dass  diese  Befunde 
mit  der  imaginären  Keimanlage  (mit  der  Anlage;  deren  vermeintliches, 
materielles  Substrat,  die  Chromosomen,  wollen  wir  aus  dem  Spiele 
lassen)  in  Beziehung  stehen.  Es  ist  unbillig,  von  diesen  Forschern  zu 
verlangen,  dass  sie  sich  bei  ihren  Untersuchungen  besonderer  Methoden 
bedienen1):  denn  K.  bedeutet  alles  und  sie  bedeutet  nichts;  sie 
bedeutet  alles,  denn  das  Sein  des  Untersuchungsobjektes  allein  ist 
schon  konstitutionell.  Gezeugtwerden  und  die  Fähigkeit,  zu  zeugen, 
sind  in  der  Anlage  bedingt,  sind  erblich  und  vererbbar 5).  Die  K.  be¬ 
deutet  für  die  Untersuchung  nichts,  denn  das  Objekt  der  Untersuchung 
ist  auch  für  die  K -Forscher  das  alte:  Der  gesunde  oder  kranke  Mensch, 
das  Einzelindividuum,  lebend  im  Kranken  —  tot  im  Seziersaal. 

Der  Methoden  für  Untersuchung  haben  wir  genug;  wir  müssen  sie 
nur  richtig  anzuwenden  und  ihre  Ergebnisse  zu  deuten  verstehen.  Es 
wird  nie  möglich  sein,  an  einem  solchen  Ergebnis  den  k.  Anteil  etwa 
so  festzustellen,  wie  man  den  Säuregehalt  einer  Lösung  durch  Titration 
bestimmt.  Die  K.  ist  nichts  Körperliches,  nichts  etwa  wie  ein 
feines  Gespinst,  das  das  ganze  „Soma“  durchzieht,  wie  es  sich 
Toeniessen  offenbar  vorstellt,  wenn  er  sagt:  „So  lange  eine  solche 
Somaschädigung  anhält,  ist  der  k.  Zustand  des  betreffenden  Organes 

verdeckt  und  nicht  exakt  .festzustellen  (sonst  ja?  d.  V.) - erst  wenn 

die  Somaschädigung  verschwindet,  tritt  die  k.  Eigenart  des  Organes 
wieder  unverändert  hervor.“  Umgekehrt!  Die  Reaktion  auf  Reize  ist 
ja  gerade  das,  was  uns  am  besten  zeigt,  von  welcher  Art  das  Einzel¬ 
organ  oder  das  Einzelindividuum  ist.  Das  gerade  Gegenteil  werden  wir 
anstreben.  Wir  werden  trachten,  das  Einzelindividuum  unter  den  ver¬ 
schiedensten  Bedingungen  beobachten  zu  können.  Sind  die  Be¬ 
dingungen  von  selbst  nicht  verschieden  genug,  so  werden  wir  sie 
künstlich  möglichst  verschieden  gestalten:  das  ist  ja  gerade  das  Wesen 
der  funktionellen  Prüfungen  (man  kann  sie  auch  biologische  nennen), 
es  ist  die  Methodik  der  experimentellen  Pathologie. 

Erst  wenn  das  fertige  Untersuchungsergebnis  vorliegt,  werden  wir 
darüber  nachzudenken  anfangen  können,  ob  und  wie  weit  sich  das  be¬ 
obachtete,  spezielle  Ergebnis  von  dem  nach  den  bisherigen  Erfahrungen 
zu  erwartenden  unterscheide,  was  also  dabei  durch  die  Anlage  des  unter¬ 
suchten  Objektes  bedingt  sein  mag.  Dass  es  .  so  ist,  liegt  in  der 
Definition  des  K. -Begriff es.  Das  Wie?  und  Warum?  rührt  an  die  letzten 
Fragen  nach  dem  Wesen  des  Lebens  überhaupt. 

Welche  Erwägungen  können  dazu  nun  angestellt  werden?  Jede 
Erwägung  ist  überflüssig,  wenn  nachgewiesen  werden  kann,  dass  die 

2)  M.m.W.  1921  Nr.  42. 

3)  Es  geschah  dies  in  einer  Monographie  mit  dem  schlecht  gewählten 
Titel  „Der  Infantilismus,  die  Asthenie  und  deren  Beziehungen  zum  Nerven¬ 
system.“  Sie  hätte  besser  genannt  werden  sollen:  „Das  Konstitutionsproblem 
beim  Weibe.“  Nebenbei  bemerkt  ist  Toeniessen  der  Einzige,  der  dieser 
geschichtlichen  Tatsache  Erwähnung  tut.  Ich  glaube  aber  annehmen  zu 
können,  dass  auch  ihm  das  Original  nicht  Vorgelegen  hat,  weil  er  sagt,  dass 
ich  diese  Ansicht  nicht  näher  bewiesen  und  gegen  die  anderen  Auffassungen 
nicht  gestützt  hätte.  Zu  beweisen  ist  an  einer  solchen  Denkhandlung  so  wenig 
wie  an  irgendeiner  motorischen  Handlung,  und  andere  Auffassungen  waren 
damals  nur  wenige  vorhanden.  Soweit  sie  aber  vorhanden  waren,  habe  ich 
sie  in  dem  5  Seiten  langen  Abschnitt  über  „Konstitution  und  Disposition“ 
eingehend  erörtert. 

4)  Das  Experiment  der  Züchtung  ist  auf  den  Menschen  nicht  anwendbar. 
Familientafeln  werden  uns  in  ausreichender  Menge  und  Genauigkeit  nie  zur 
Verfügung  stehen. 

s)  Diese  Erkenntnis  ist  nicht  so  alt  und  nicht  so  allgemein,  als  es  den 
Anschein  hat;  den  Australnegern  fehlt  sie  auch  heute  noch  (Sem  o  n:  Irrt 
australischen  Busch);  der  Zusammenhang  von  Geschlechtsakt  und  Fort¬ 
pflanzung  ist  ihnen  nicht  bekannt. 


in  Frage  stehende  Veränderung  in  der  Aszendenz  oder  Deszendenz  vor¬ 
gekommen  ist,  ein  in  der  menschlichen  Pethologie  wohl  nicht  allzu 
häufig  vorkommender  Fall.  Für  die  meisten  Fälle  wird  nur  das  übrig 
bleiben,  was  R  o  e  s  s  1  e  so  treffend  „jenes  künstlerische  Erraten,  die 
spezifische  Intuition“  genannt  hat. 

Um  uns  nicht  wieder  zu  verlieren,  ist  es  notwendig,  klar  zu  de¬ 
finieren,  was  mit  dem  Worte  Intuition  benannt  werden  soll.  Wenn 
der  geniale  Pflanzenzüchter  Luther  Burbank  auf  einem  Spaziergange 
im  südlichen  Frankreich  eine  wildwachsende,  unscheinbare  Prunusai't 
findet,  deren  Samen  nicht  in  eine  steinige  Hülle  eingeschlossen  ist. 
wenn  er  vermutet  dass  diese  Eigenschaft  vererbbar  ist  und  nun  daran 
geht,  diese  Prunusart  mit  anderen  hochgezüchteten,  wertvollen,  grossen 
Pflaumen  zu  kreuzen,  so  war  das  J.  Dass  er  richtig  „erraten“  hat, 
beweisen  die  herrlichen,  steinlosen  Pflaumen,  die  seine  Kreuzungs¬ 
versuche  ergeben  haben.  Wenn  Billroth  in  der  vorantiseptischen 
Zeit  findet/dass  peinliche  Sauberkeit  bei  Vornahme  von  Operationen 
deren  Resultate  günstig  beeinflusst,  so  war  das  J.;  wenn  es  auch  ein 
Irrtum  war,  deshalb  die  Antisepsis  abzulehnen,  die  mit  besseren  Gründen 
zur  modernen  Asepsis  geführt  hat. 

Intuition  können  wir  die  Fähigkeit  nennen,  mittels  gering¬ 
ster  äusserer  oder  innerer  Wahrnehmungen,  die  nicht  einmal  klar 
ins  Bewusstsein  zu  treten  brauchen,  Zusammenhänge,  zwischen  Tat¬ 
sachen  oder  Ideen  gewissermassen  nur  zu  fühlen,  nicht  einmal  klar 
zu  erkennen.  Darin  liegt  der  Kern  des  schöpferischen  Tuns  überhaupt  j 
und  so  ist  es  auch  in  der  medizinischen  Wissenschaft  und  Praxis. 
Darin  liegt  offenbar  auch  die  Macht  des  wahren  Naturheil-„Künstlers“, 
nicht  des  gewöhnlichen  Naturheil-. .Kundigen“,  denn  die  „Kunde“  muss 
erst  erworben  werden. 

Wenn  wir  nicht  wollen,  dass  schöpferisches  Laienempfinden  den  j 
Sieg  über  den  Professionalismus  davon  trage,  dann  müssen  wir  aka¬ 
demischen  Lehrer  bei  unseren  Schülern  die  Gabe  der  J.  zu  wecken 
versuchen:  durch  unmittelbare  Anschauung  am  Krankenbette,  nicht 
durch  Instanzenverschiebung  ins  Laboratorium  mit  Mikroskop  und  I 
Reagenzglas;  diese  Fähigkeiten  lassen  sich  leicht  nebenher  erlernen. 
Wir  müssen  unsere  Schüler  lehren,  den  ganzen  Menschen  in  seiner 
individuellen  Beschaffenheit  zu  erfassen,  die  V er- 
schiedenheiten  in  der  Beschaffenheit  der  einzelnen  Kranken  mit  einander  j 
zu  vergleichen;  die  Abweichungen  sind  im  ganzen  und  grossen  ja  immer  I 
nur  ein  Zuwenig  oder  ein  Zuviel  in  derEntwicklung.  seltener  desQanzen,  I 
öfters  seiner  Teile.  Dasist  dasZielund  derSinnder  söge-  I 
nannten  Konstitutionsforschung  im  einzelnen.  Wenn  I 
diese  Erkenntnis  als  Niederschlag  der  vielen  wohl  recht  fruchtlosen 
Erörterungen  über  den  K.-Begriff  erhalten  bleibt,  so  waren  diese  nicht  | 
umsonst;  vielleicht  war  aber  umgekehrt  das  Interesse  für  diese  Er-  j 
örterungen  schon  ein  Zeichen  dafür,  dass  diese  Art  der  Betrachtung  I 
der,  einzelnen  kranken  Menschen  sich  durchzusetzen  angefangen  hat  3 
gegen  die  frühere  Art,  die  vor  allem  das  Ziel  hatte,  abstrakte  Diagnosen-  I 
begriffe  zu  formulieren.  Es  wäre  zu  überlegen,  ob  es  nun  nicht  auch  1 
besser  wäre,  das  viel  umstrittene  und  viel  gedeutete  Wort  K.  wieder  I 
ganz- fallen  zu  lassen  und  ein  anderes  an  desen  Stelle  zu  setzen;  j 
Bauer  spricht  von  Körperverfassung,  Toeniessen  schon 
besser  von  Körperzustand.  Kretschmer")  von  K  ö  r  r>  e  r  h  n  u.  j 
ich  gebrauche  gerne  die  Wendung  „seit  jeher“  oder  „anlage- 
g  e  m  ä  s  s“.  _ 

Nach  diesen  Ausführungen  wird  es  leicht  sein,  sich  über  die  zweite  9 
Frage  der  Vererbung  erworbener  Eigenschaften  zu  ! 
einigen. 

Der  direkten  Vermehrung  bei  Einzelligen  durch  Teilung':' 
wird  die  der  indirekten  Vermehrung  bei  vielzelligen  Organismen 
durch  Keimzellen  begrifflich  gegenüber  gestellt.  Im  ersten  Falle  ; 
wird  das  gesamte  Einzelindividuum  durch  den  Vorgang  aufgebraucht,  - 
im  zweiten  Falle  beteiligt  sich  an  dem  Vorgänge  nur  eine  kleine  Gruppe 
von  Zellen;  diese  haben  sich  in  frühesten  Entwicklungsstadien  abge¬ 
sondert  (Weismanns  Keimbahn),  verharren  in  einem  wenig  differen¬ 
zierten,  aber  omnipotenten  Zustand  und  stehen  damit  in  einem  scharfen  j 
Gegensatz  zfi  den  Körperzellen,  die  die  verschiedensten  Arten  von 
Differenzierungen  durchgemacht  haben,  aus  denen  sie  in  ihren  früheren 
Zustand  nicht  wieder  zurückgeführt  werden  können:  sie  beher¬ 
bergen  die  Keimzellen  schon  da  wie  einen  selbstän¬ 
digen  Organismus.  Dabei  müssen  wir  uns  aber  dessen  be¬ 
wusst  bleiben,  dass  wir  mit  dieser  Begriffsbildung  zwei  Extreme  aus 
einer  natürlichen  Reihe  künstlich  ausschneiden.  In  diesen  Be¬ 
griffen  findet  nicht  mehr  Platz  die  Vermehrung  durch  Knosmmg  und 
noch  weniger  die  Tatsache,  dass  bei  einzelnen  Formen  beide  Arten 
der  Vermehrung  nebeneinander  Vorkommen,  ja.  dass  wie  z.  B.  bei 
Aszidien  die  ausgeschnittenen  Keimzellhaufen  aus  Somazellen  wieder 
ersetzt  werden  können.  \ 

Solchen  Tatsachen  gegenüber  nimmt  nun  der  biologische 
Forscher  einerseits  und  der  Praktiker  anderseits  einen  ganz 
verschiedenen  Standpunkt  ein.  Der  biologische.  Forscher 
wird  bestrebt  sein,  möglichst  viele  solcher  Zwischenstufen  in  den  Kreis 
seiner  experimentellen  Beobachtung  zu  ziehen.  So  hat  Kämmerer 
z.  B.  Aszidien  das  Ernährungsrohr  gekürzt  und  den  Tieren  dann  die 
Ovarien  entfernt:  Ovarien  sind  aus  dem  übrigen  Körperbestand  nach¬ 
gewachsen  und  die  aus  diesen  hervorgeangenen  Jungen  hatten  auch 
ein  kürzeres  Ernährungsrohr.  Man  braucht  die  Richtigkeit  dieser  Be¬ 
obachtungen  gar  nicht  anzuzweifeln:  die  neu  entstandenen  Keimzellen 
sind  eben  keine  Keimzellen  im  Sinne  der  früheren 

®)  Körperbau  und  Charakter.  Berlin,  Springer,  1921. 


7.  Januar  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


111 


»efinition  Ovarien  im  Sinne  unserer  Begriffsbildung  ersetzen 
ich  nicht  wieder  aus  Somazellen,  ein  solches  verloren  gegangenes 
ivariuin  bleibt  verloren;  dagegen  ist  es  wohl  begreiflich,  dass  die 
omazellen,  die  sich  bei  K.s  Versuchen  zu  Keimzellen  zurückver- 
andelt  haben,  etwas  von  dem  korrelativen  Einfluss  der  früher  erlittenen 
erstümmelung  in  ihre  neue  Funktion  der  Vermehrung  mit  hiniiber- 
enommen  haben.  Die  Versuche  sind  somit  kein  Experimentum  crucis 
ir  die  Vererbung  erworbener  Eigenschaften  überhaupt,  wie  Kam- 
lerer  behauptet. 

Der  praktische  Tierzüchter,  der  Eugeniker,  der  Arzt 
erden  trotzdem  auch  weiterhin  dem  biologischen  Forscher 
egenüber  an  ihrer  Ansicht  festhalten,  dass  die  Keimzellen  der  Objekte, 
üt  denen  sie  es  zu  tun  haben,  erfahrungsgemäss  dem  Einflüsse  der 
ussenwelt  und  damit  auch  der  Somazellen  entrückt  sind,  was  die  Er- 
altung  ihrer  ihnen  eigentümlichen  Entwicklungsrichtung  anbelangt; 
ie  werden  sich  dagegen  sträuben,  dass  der  biologische  Forscher  seine 
rfahrungen  verallgemeinert,  wie  dies  in  so  weitgehendem  Masse  Kam- 
lerer  getan  hat,  als  er  jüngst  in  einem  Vortrag  behauptete,  dass 
lies,  was  wir  zur  Vervollkommnung  unseres  Geistes  und  Charakters 
in,  auf  dem  Wege  der  Vererbung  unseren  Nachkommen  zugute 
omme.  Solche  Behauptungen  haben  vielleicht  ethischen  und  erzieh- 
chen,  aber  sie  haben  keinen  wissenschaftlichen  Wert.  Was  wir  für 
ie  Vervollkommnung  unserer  Selbst  tun  und  erstreben,  kommt  nur 
nseren  Mitmenschen  zugute,  unseren  Nachkommen  nur,  soweit  sie 
uch  unsere  Mitmenschen  sind. 


ots  dem  Mütter-  u.  Säuglingsheim  (O.-Arzt  Prof. Dr.  Schoedel) 
er  staatl.  Frauenklinik  (Direktor  Prof.  Dr.  Krull)  Chemnitz. 

Subjektive  und  objektive  Beeinflussung  der  Laktation. 

Von  Johannes  Schoedel. 

So  oft  Steigerung  der  Milchdrüsentätigkeit  einerseits  Arzt  und 
■lütter  erwünscht  erscheint,  beinahe  ebenso  oft  begegnet  man  ander- 
eits  nicht  nur  bei  der  Mutter,  sondern  auch  beim  Arzt  Irrtümern  über 
ie  Grenzen  der  Beeinflussungsmöglichkeit. 

Will  man  hier  auf  sicherem  Grunde  fussen,  so  ist  zunächst  einmal 
in  zuverlässiges  Bild  über  die  Stillfähigkeit  unserer  Bevölkerung  er¬ 
wünscht.  Erfahrungen  der  Fürsorgestellen  sind  in  dieser  Frage  un- 
uverlässig,  solche  der  Entbindungsanstalten  zu  kurz.  Mütterheime 
nit  ihrer  länger  währenden  Belegung  können  hier  tiefere  Einblicke 
:ewähren : 

Vollkommener  Milchmangel  wurde  wie  anderwärts  so  auch  in  der 
intbindungsabteilung  der  hiesigen  Frauenklinik  nie  beobachtet.  Trotz¬ 
dem  wäre  es  falsch,  von  100  Proz.  Stillfähigkeit  zu  reden.  Jeder 
uzt  weiss,  dass  der  Sekretfluss  allein  zur  Stillfähigkeit  nicht  genügt, 
lass  ohne  weiteres  schwerkranke  Mütter  ausscheiden  und  dass  auch 
•ei  einem  Tel  von  Bildungsfehlem  der  mütterlichen  Brust  wie  der 
indlichen  Saugwerkzeuge  alle  Mühe  vergebens  ist.  Geht  schon 
o  ein  Teil  der  100  Proz.  Stillfähigkeit  verloren,  so  gibt  es  noch 
us  vielen  anderen  Gründen  im  täglichen  Leben  zahlreiche  Versager 
m  Stillgeschäft,  sodass  ein  grosser  Teil  der  Kinder  nur  vorübergehend, 
mr  Tage  oder  Wochen  an  der  Brust  erhalten  wird.  Fragen  wir 
m  allgemeinen  nach  der  Stillfähigkeit  einer  Bevölkerung,  so  ver¬ 
teilen  wir  darunter  eine  auf  Wochen  und  Monate  ausgedehnte  Lak- 
ation.  In  diesem  Sinne  fand  sich  im  Jahre  1904  in  Chemnitz  durch 
Jmfrage  bei  Impfterminen  eine  Stillfähigkeit  von  32  Proz.  Unter  dem 
Einfluss  der  allgemeinen  Aufklärung,  besonders  aber  unter  der  Ein¬ 
wirkung  des  Gesetzes  über  Wochenhilfe  und  Wochenfürsorge  hat  sich 
lies  Zahlenverhältnis  bedeutend  gebessert  sodass  man  nach  den  Er- 
ährungen  der  hiesigen  Fürsorgesprechstunden  wohl  mindestens 
>ü — 70  Proz.  rechnen  darf.  Doch  auch  diese  Zahl  ist  noch  nicht  bewei¬ 
send  für  die  obere  Grenze  der  Möglichkeit.  In  der  Familie  ist  diese 
;aum  zu  erreichen,  nur  bei  Loslösung  der  Mutter  aus  dem  Kreise 
ler  Familie  und  der  sozialen  Bedrängnisse  wird  diese  Höchstgrenze 
ersichtlich  werden.  Deshalb  spiegelt  sich  die  Stillfähigkeit  der  hie¬ 
sigen  Bevölkerung  am  besten  in  den  Stillzahlen  des  Mütterheimes 
wieder.  Hier  stillten  in  den  Jahren  1919  und  1920  1 — 3  Monate  lang 
ausschliesslich  80  Proz., 

teilweise  16  Proz. 

'Nur  4  Proz.  stillten  in  der  Beobachtungszeit  ab. 

Wie  wurden  diese  hohen  Stillzahlen  erreicht?  Am  leichtesten 
relingt  das,  wo  die  subjektive  Beeinflussung  wirksam  ist, 
1.  h.  dort,  wo  die  Mutter  selbst  unsere  Absichten  unterstützt  und 

'^r  Suter  und  fester  Wille  unseren  Wünschen  entgegenkommt, 
wie  weit  der  Wille  der  Mutter  das  Stillgeschäft  fördert,  dafür  fol¬ 
gende  Beispiele: 

Es  gilt  im  allgemeinen  der  Lehrsatz,  dass  alleiniges  Abdrücken 
;der  Abpumpen  der  Brust  unter  Wegfall  des  kindlichen  Saugreizes 
ne  Absonderung  der  mütterlichen  Brust  auf  die  Dauer  nicht  unter¬ 
sten  kann.  Dagegen  ermöglichte  unter  unseren  Augen  eine  Mutter 
’ Monate  lang  den  Fortgang  der  Laktation  durch  unentwegtes  Ab- 
Irücken,  deren  Kind  durch  umfangreiche  Abszessbildung  monatelang 
ichwerst  geschädigt  war  und  infolgedessen  zum  Trinken  an  den  voll¬ 
ständigen  Hohlwarzen  der  mütterlichen  Brust  unfähig  war.  Eine  an- 
lere  Mutter  erhielt  6  Monate  lang  ihre  Brust  für  ihr  Kind,  eine  Früh¬ 
geburt,  durch  Abdrücken  im  Gange,  als  dieses  zunächst  wegen  Flach- 
varzen  in  seiner  Schwäche  nicht  trinken  wollte  und  später  bei  wach¬ 
enden  Kräften  nicht  mehr  an  die  Brust  zu  gewöhnen  war. 

Nr.  4. 


Es  wird  weiterhin  oft  auf  die  ungünstige  Beeinflussung  der  Milch¬ 
sekretion  durch  Erschütterungen  der  mütterlichen  Gesundheit  hinge¬ 
wiesen.  Dass  auch  'dies  Hindernis  bei  Willigkeit  zu  überwinden  ist, 
bewies  uns  eine  Mutter,  die  am  2.  Tage  nach  schwerer  Laparotomie 
ihr  Kind  wieder  an  die  Brust  nahm  und  bereits  nach  8  Tagen  —  sie 
war  von  graziler  Gestalt  —  ausschliessliche  Brusternährung  erzwang. 

Dass  mangelnde  Energie  der  Mutter  gegenteilig  wirkt,  ist  allgemein 
bekannt  und  könnte  mit  zahlreichen  Beispielen  belegt  werden.  Sehr 
lehrreich  war  in  dieser  Beziehung  folgender  Fall:  Wegen  Verheimlichung 
ihrer  unehelichen  Schwangerschaft  und  Geburt  vor  dem  Vater  be¬ 
stand  bei  einer  Insassin  des  Mütterheimes  zunächst  der  Wunsch  bal¬ 
digen  Abstillens,  um  das  Kind  schnell  anderwärts  in  Pflege  geben 
zu  können.  Nach  anfangs  sehr  erfolgreicher  Laktation  ging  die  Milch¬ 
menge  jetzt  schnell  zurück.  Als  durch  Vermittlung  der  Mutter  Rück¬ 
kehr  ins  Vaterhaus  mitsamt  dem  Kinde  in  Aussicht  gestellt  wurde, 
stieg  die  Tagestrinkmenge  binnen  wenigen  Tagen  wieder  auf  beach¬ 
tenswerte  Höhe.  Noch  beweisender  war  das  folgende  Erlebnis:  In 
der  Fürsorgestelle  fiel  ein  skelettös  abgemagertes  Brustkind  und 
gleichzeitig  die  gegenüber  diesem  Zustand  merkwürdige  Gleichgültig¬ 
keit  der  Mutter  auf.  Nach  ihrer  Aufnahme  ins  Mütterheim  erwies 
sie  sich  als  hochgradig  dement.  Unter  der  Einwirkung  ihrer  Umgebung 
hatte  sie  zu  Hause  gestillt;  das  Kind  war  dabei  an  der  Brust  fast 
buchstäblich  verhungert,  weil,  wie  sich  in  der  Klinik  erwies,  die  Mutter 
in  ihrer  Geistesschwäche  Sinn  und  Technik  der  Brusternährung  in 
keiner  Weise  begriff. 

Die  Erklärung  für  diese  subjektive  oder  eigentwillentliche  Be¬ 
einflussung  des  Milchflusses  geben  zum  Teil  die  Bechterewschen 
Tierversuche,  wobei  es  durch  Reizung  sensitiv-motorischer  Rinden¬ 
gebiete  gelang,  die  Milchsekretion  des  Mutterschafes  zu  beeinflussen. 
Es  bestehen  also  nervöse  Verbindungen  zwischen  Zentralnervensystem 
und  Brustdrüse.  Neben  dieser  unmittelbaren  nervösen  Beeinflussung 
wirken  wohl  aber  in  allen  Fällen  subjektiver  Beeinflussung  zwei  wei¬ 
tere  Kräfte  begünstigend  mit: 

1.  Die  instinktiv  geschickte  Unterstützung  des  Trinkaktes  durch 
die  Mutter  und 

2.  die  bewusst  genaue  Ausführung  aller  von  dritter  Seite  gegebenen 
Vorschriften,  also  die  vom  Willen  unterstützte  Ausnutzung  der 
objektiven  Beeinflussung. 

Wollen  wir  diese  ergründen,  so  müssen  wir  uns  zunächst  mit  den 
Kräften  befassen,  die  Wachstum  und  Sekretion  der  Brustdrüse  hervor- 
rufen.  Zwei  eindrucksvolle  Entwicklungsphasen  durchläuft  die  ur¬ 
sprüngliche  Anlage  der  weiblichen  Brustdrüse,  eine  unbedeutendere 
unter  dem  Einfluss  des  Pubertätsimpulses  und  eine  bedeutsame  und 
ausschlaggebende  unter  der  Einwirkung  des  Schwangerschaftsimpulses. 
Ob  nun  diese  letztere  durch  Hormone,  die  riaCh  H  a  1  b  a  n  dem 
plazentaren  Chorionepithel  entstammen,  oder  durch  endokrine  Reize, 
die  vom  Fötus  ausgehen,  ausgewirkt  werden,  das  bleibe  dahingestellt. 
Eine  Tatsache  ist  jedenfalls  festzuhalten:  Dieser  Reiz,  der  Schwan¬ 
gerschaftsimpuls,  ist  nur  ein  Wachstumsreiz,  der  die  Drüse  im  anato¬ 
mischen  Bau  bis  zur  Vollendung  führt,  der  aber  keinen  Milch  f  1  u  s  s 
erzeugt.  Für  ihn,  der  nach  Beendigung  der  Geburt  einsetzt,  kommen 
diese  chemisch-serologischen  Einflüsse  nicht  mehr  in  Frage.  Ihn  be¬ 
wirken  fast  ausschliesslich  ganz  anders  geformte  Reize,  nämlich  die 
mechanischen  Reize  des  Saugaktes.  Diese  Kenntnisse  müssen  wir  im 
Auge  behalten,  wenn  wir  sekretionsfördernd  wirken  wollen.  Denn 
immer  wieder  werden  chemische  Reize  versucht  und  doch  ist  man 
damit  auf  dem  Holzweg.  Deshalb  ist  die  Darreichung  von  Laktagol 
und  anderen  sogenannten  Laktagoga,  wie  Sanatogen,  Somatose,  Malz- 
tropon  u.  s.  f.  immer  wieder  erfolglos.  Erfolgreich  sind  sie  höch¬ 
stens  durch  ihre  suggestive  Wirkung:  Wir  gewinnen  bei  ihrer  Ver¬ 
wendung  oft  die  Zeit,  die  nötig  ist,  den  kindlichen  Saugreiz  voll  zur 
Auswirkung  kommen  zu  lassen.  Falsch  und  wirkungslos  ist  aus  dem¬ 
selben  Grunde  auch  der  jüngste  Versuch  auf  diesem  Gebiet,  die  Pro¬ 
toplasmaaktivierung  des  Milchdrüsenepithels  durch  Injektion  von 
Frauenmilch  und  Eiweisspräparaten  (Caseosan,  Aolan).  Durch  Eigen¬ 
versuche  haben  wir  uns  davon  überzeugt.  In  etwa  20  Fällen  haben 
uns  intramuskuläre  Injektionen  von  2 — 5  ccm  Muttermilch  keinen  Er¬ 
folg  gebracht.  Wir  haben  Milch  der  Mutter  selbst  verwandt,  aus¬ 
gehend  von  dem  Gedanken  der  reinen  Protoplasmaaktivierung  und 
haben  —  ohne  Erfolg  —  diese  Versuche  als  Einzelinjektionen  und 
in  Wiederholungen  angestellt.  Wir  haben  aber  auch  von  reichlich 
sezernierenden  Ammen  Milch  bei  milcharmen  Müttern  eingespritzt,  aus¬ 
gehend  von  der  Auffassung,  dass  vielleicht  doch  bei  milchreichen 
Müttern  reichliche  Mengen  biologisch  oder  chemisch  wirksamer  Reiz¬ 
stoffe  vorhanden  sein  möchten.  Die  Ergebnisse  waren  bei  uns  ebenso 
ungenügend  wie  andernorts.  Den  einen  oder  anderen  Scheinerfolg 
haben  auch  wir  erlebt,  so  vorübergehend  wie  gelegentlich  auch  ohne 
solche  therapeutische  Anstrengungen  unvermittelte  Steigerungen  der 
Tagestrinkmengen  von  einem  Tage  zum  anderen  zu  beobachten  sind; 
damit  ist  nicht  gesagt,  dass  man  solche  Einspritzungen  nicht  ebenfalls 
gelegentlich  suggestiv  verwenden  könnte. 

Unmittelbare  Beeinflussung  auf  chemischem  Wege  ist  unmöglich. 
Mittelbar  —  aber  nur  bei  gleichzeitiger  Einwirkung  des  mechanischen 
Reizes,  des  Saugreizes  —  ist  in  bescheidenem  Umfange  eine  Be¬ 
einflussung  der  Güte  und  Menge  der  Milch  wohl  möglich,  dann  nämlich, 
wenn  wir  die  Lebensverhältnisse  der  Mutter  so  gestalten,  dass  sie  ein 
Lebensoptimum  ergeben.  Wir  heben  dann  alle  Leistungen  des  mensch¬ 
lichen  Körpers,  wir  heben  also  auch  die  Leistungen  der  Milchdrüse. 
Das  sind  aber,  was  wir  nicht  vergessen  dürfen,  sicher  in  Bezug  auf 
Güte  und  Menge  der  Muttermilch  keine  allzugrossen  Erfolge,  jedenfalls 

4 


112 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


keine  so  grossen,  dass  wir  damit  allein  Milchmangel  und  Unterernäh¬ 
rung  des  Säuglings  je  beheben  könnten.  Thiemich  fasste  in  der 
Frage  des  Einflusses  guter  oder  mangelhafter  Ernährung  auf  die  Lak¬ 
tation  in  der  Nachkriegszeit  sein  Urteil  vorsichtig  dahin  zusammen, 
dass  „bei  der  knappen  Kriegsernährung  schwergehende  Brüste  schwäch¬ 
licher  Mütter  schneller  versiegen  als  früher“.  Damit  werden  alle 
die  häuslichen,  oft  genug  aber  auch  noch  ärztlich  verordneten  Versuche 
hinfällig,  erhöhte  Milchproduktion  durch  erhöhte  Kostzufuhr  (Milch, 
Mehlsuppen,  Malzbiere  u.  s.  f.)  zu  erzielen,  ebenso  hinfällig  wie  die 
volkstümlichen  Anschauungen  über  milchvermindernde  und  -verschlech¬ 
ternde  Einwirkungen  von  Zwiebel,  sauren  Gerichten,  frischem  Obst, 
Salat  u.  s.  f.  Unsere  guten  Erfolge  sind  mit  völlig  gemischter  Haus¬ 
mannskost  erzielt,  wobei  neben  1  Liter  Milch  täglich  alles  und  jedes 
gegeben  wird,  was  auch  sonst  auf  dem  bürgerlichen  Tische  steht. 

In  der  Hauptsache  erzielen  wir  aber  unseren  Erfolg  nicht  auf 
diesem  Wege,  sondern  weil  wir  die  mechanische  Beein¬ 
flussung  durch  den  Saugreiz  als  den  weitaus  wichtigsten 
Grund  erhöhter  Laktation  betrachten  und  auswerten.  An  dem  Satz 
ist  nicht  zu  deuteln :  Der  kindliche  Saugreiz  bringt  den 
Milchfluss  in  Gang.  Diesen  Reiz  muss  man  deshalb  in  seiner 
Wirkung  kennen  und  ausnützen,  wenn  man  vollen  Erfolg  haben  will. 
Glücklicherweise  ist  er  unter  Umständen  vielseitig  zur  Wirkung  zu 
bringen  bezw.  zu  ersetzen.  In  Kenntnis  und  Anwendung  dieser  Viel¬ 
seitigkeit  liegt  bei  schwacher  Veranlagung  der  Drüse  oft  der  ärztliche 
Erfolg,  sobald  man  mit  der  Gutwilligkeit  der  Mutter  rechnen  darf. 
Diese  Reizabwandlungen  bewegen  sich  in  folgenden  drei  Richtungen : 
In  der  Häufigkeit,  der  Mechanik  und  der  Dauer  des  Reizes. 

Einige  Bemerkungen  zur  Häufigkeit  der  Reiz  Wirkung: 
Wir  sind  jetzt  ärztlich  so  erzogen,  dass  wir  das  5-,  höchstens  6  malige 
Anlegen  des  Kindes  für  das  Ideal  ansehen,  weil  wir  damit  bei  dem 
Kinde  grosse  Appetenz,  bei  der  Mutter  das  jeweilige  Leertrinken 
der  Brust  erreichen.  Das  ist  und  bleibt  sicher  das  Ideal.  Wir  dürfen 
aber  nicht  vergessen,  dass  hier  nicht  immer  nur  die  Appetenz  des 
Kindes,  sondern  auch  seine  Saugkraft  in  Rechnung  zu  stellen  ist 
und  dass  im  Anfang,  ehe  die  Brust  in  Gang  kommt,  oft  ein  häufiger, 
wenn  auch  schwächerer  Reiz  wirksamer  ist  als  ein  seltener  stärkerer. 
Deshalb  ist  die  Regel  nach  unseren  Erfahrungen  besser  so  zu 
fassen:  Zunächst  Versuch  mit  5 — 6  maligem  Anlegen;  bei  geringen 
Trinkergebnissen  in  den  ersten  Wochen  jedoch  alsbald  7 — 8  Mahlzeiten 
und  erst  nach  Eintritt  guter  Leistungen  der  mütterlichen  Brust  — 
dann  allerdings  schnell  und  energisch  —  Rückgang  auf  6  und  5  Mahl¬ 
zeiten.  Durch  starres  Festhalten  an  geringer  Zahl  der  Darreichungen 
kommt  manche  schwergehende  Brust  nie  in  Gang,  manche  spärlich 
fliessende  nie  in  Fluss.  Hier  ist  hinzuzufügen,  dass  man  in  solchen 
Fällen  mangelhafter  Milcherzeugung  sogar  gelegentlich  von  der  gol¬ 
denen  Regel  nur  einseitigen  Anlegens  beim  einzelnen  Trinkakt  für 
kurze  Zeit  abweichen  und  zu  doppelseitiger  Brustdarreichung  über¬ 
gehen  kann.  Diese  Summation  der  Reize  ist  manchmal  in  unaus¬ 
giebigen  Fällen  recht  vorteilhaft.  Regel  muss  dann  natürlich  bleiben, 
dass  die  erste  Seite  ganz  leer  getrunken  wird  und  dass  bei  dem 
nächsten  Anlegen  die  zu  zweit  gereichte  Seite  zuerst  gegeben  wird. 

Was  die  Mechanik  des  Saugens  betrifft,  so  ist  die  Ent¬ 
leerung  der  Brustdrüse  nicht  etwa  der  Erfolg  einer  inspiratorischen 
Leerstellung  der  Mundhöhle,  wie  man  gemeinhin  annimmt.  Sie  hat 
mit  der  Inspiration  wohl  sehr  wenig  zu  tun.  Die  Entleerung  der  Brust 
vollzieht  sich  vielmehr  durch  zwei  andere  Kraftkomponenten:  1.  durch 
eine  Saugwirkung,  die  infolge  Herstellung  eines  negativen  Druckes 
in  der  durch  Senkung  von  Unterkiefer  und  Zunge  erweiterten  Mund¬ 
höhle  entsteht;  2.  durch  eine  Druckwirkung  auf  die  Sinus  galactiferi 
und  Milchausführungsgänge  bei  dem  folgenden  Kieferschluss.  Durch 
gleichzeitige  Darreichung  der  Mamilla  und  des  benachbarten  Warzen¬ 
hofteils,  nicht  nur  der  Mamilla,  wie  es  fehlerhafter  Weise  noch  oft 
geschieht,  sind  wir  in  der  Lage,  beide  Wirkungen  zu  verbessern. 
Dies  ergibt  dann  einmal  dichten  Mundschluss  bei  der  Kiefersenkung 
und  zum  anderen  gute  Druckwirkung  bei  dem  Kieferschluss. 

Die  Streitfrage,  ob  der  Saugreiz  des  Kindes  für  die  Entleerung 
der  Brust  als  fortgesetzt  wirksam  oder  nur  als  auslösende  Kraft 
anzusehen  ist,  sei  hier  nur  gestreift.  Für  manchen  Forscher  ist  es 
nicht  unwahrscheinlich,  dass  der  Saugreiz  nur  ein  auslösendes  Moment 
ist,  auf  dessen  Einwirkung  hin  die  Milchdrüse  sich  selbstständig  ent¬ 
leert.  Man  denke  nur  an  den  häufig  gleichzeitig  einsetzenden  un¬ 
freiwilligen  Milchabfluss  auf  der  Gegenseite.  Sicher  sind  Reflex¬ 
wirkungen  im  Spiel  und  in  gewissem  Grade  hat  Pfaundler  recht, 
wenn  er  sagt:  „Nicht  der  Säugling,  sondern  die  Mutter  entleert  die 
Milch  aus  der  Brustdrüse“.  Hier  liegt  vielleicht  das  Geheimnis  der 
leicht  und  schwer  gehenden  Brust,  sei  es,  dass  wir  es  im  Einzelfall 
mit  einer  leichten  oder  schweren  Auslösung  dieser  Reflexe  zu  tun 
haben. 

Einige  Worte  über  die  Dauer  der  Saugwirkung.  Sie  ist  eigentlich 
Angelegenheit  des  Kindes:  Es  trinkt,  solange  es  Appetit  und  Kraft  hat. 
Bei  gesundem  Kinde  und  gut  gehender  Brust  ist  das  die  einfache  und 
gute  Lösung.  Von  diesem  Kinde  wissen  wir,  dass  es  nicht  mehr  als 
15  Minuten  zum  Satttrinken  braucht:  in  dieser  Zeit  trinkt  es  die 
Brust  leer.  Doch  nicht  immer  hat  man  es  mit  saugkräftigen  und 
gesunden  Kindern  zu  tun  und  deshalb  darf  man  sich  an  diese  Regel 
nicht  unbedingt  halten.  Es  gibt  zwei  Ausnahmen:  Erstens  das  saug¬ 
schwache  Kind,  das  Neugeborene,  das  Früh-  und  Schwachgeborene,  das 
Geburtsgeschädigte.  Ihnen  muss  man  unter  Umständen  mehr  Zeit  zu¬ 
billigen.  20,  höchstens  25  Minuten  Dauer  bedeutet  natürlich  für  seine 
Mutter  eine  Anstrengung,  die  durch  entsprechende  Körperrühe,  im  Not¬ 


fälle  durch  Anlegen  im  Liegen  wettgemacht  werden  muss.  Zweit« j 
das  verwöhnte  Kind;  hat  man  bei  Saugschwachen  nachzugeben,  j 
hat  inan  hier  erzieherisch  zu  kürzen,  sonst  gefährdet  man  unnj 
die  Gesundheit  der  Mutter. 

Wir  mögen  nun  den  Saugreiz  entweder  nach  Häufigkeit  oder  n< 
Dauer  oder  nach  Art  der  Ausübung  beeinflussen,  Endziel  aller  , 
serer  Bemühungen,  objektiv  die  Mildidrüse  in  ihrer  Tätigkeit  zu  st 
gern,  muss  immer  eins  sein:  Das  Leertrinken  der  jeweils  gereich i 
Seite.  Denn  so  wahr  der  Satz  ist:  „Die  Brust  kommt  nur; 
Gang  bei  Einwirkung  des  Saugreizes“,  so  wahr  ist  der  zweite  Sa! 
„Die  Brust  bleibt  nur  in  Gang  bei  jedesmaligem  gründlichem  Lei 
trinken“.  Das  ist  das  zweite  Geheimnis  weitestgehender  Steigen | 
ihrer  Tätigkeit.  Aus  diesem  Grunde  müssen  wir  immer  wieder  baldij 
auf  5,  höchstens  6  Trinkzeiten  zukommen.  Denn  nur  so  erziehen  ' 
bei  dem  Kinde  die  nötige  Trinklust.  Dort,  wo  wir  diese  vollständ: 
Entleerung  der  Brust  wegen  Mangelhaftigkeit  des  Kindes  nicht 
reichen  können,  dort  müssen  wir  zu  den  Hilfsmitteln  greifen,  die  i 
für  solche  Fälle  zur  Verfügung  stehen,  nämlich  zu 

1.  dem  Ersatzkind,  dem  kräftigen  Zieher, 

2.  dem  manuellen  Entleeren:  dem  Abmelken  oder  Abspritzen, 

3.  dem  maschinellen  Entleeren:  dem  Abpumpen. 

Das  letztere  ist  das  mangelhafteste  Verfahren.  Dafür  benützen  \i 
das  biaspiratorische  Saughiitchen  (Teterelle)  oder  eine  IVUlchpurri 
(z.  B.  von  Jaschke). 

Warum  die  vollständige  Entleerung  nötig  ist,  das  entzieht  sj 
noch  in  seiner  tiefsten  Begründung  unserer  Beurteilung.  Am  besil 
greifen  wir  hier  wohl  auf  das  Gesetz  der  Erfolgssteigerung  duij 
Uebung  funktioneller  Tätigkeit  zurück.  Die  vollständige  Entleeru 
des  Milchbaumes  gibt  immer  wieder  die  Möglichkeit  reichster  Na 
bildung  des  Sekrets;  sie  verhindert  jedenfalls  weitgehendst  Innendri 
in  der  Drüse,  der  ihr  Parenchym,  ihren  Blut-  und  Lymphzufluss  l| 
heiligt. 

Endziel  ist  aber  nicht  nur  grösste  Ergiebigkeit,  sondii 
auch  Ergiebigkeit  von  Dauer.  Können  wir  die  Dauer  ( 
Milchflusses  beeinflussen?  Theoretisch  ist  sie  unbegrenzt.  Es  g 
Südseeinsulaner,  die  10  Jahre,  nordamerikanische  Indianer,  die  12  Jal; 
und  Eskimos,  die  15  Jahre  stillen.  Es  gibt  bei  uns  Anstaltsamrm 
die  über  2  Jahre  dienen.  Das  sind  jedoch  nicht  die  Grenzen,  ij 
denen  in  praxi  zu  rechnen  ist.  Hier  spielen  im  Volksleben  die  v« 
schiedensten  Gründe  abkürzend  mit.  Nicht  zu  unterschätzen  ist  k 
turell-degenerative  Funktionsschwäche,  wie  sie  geschlechterlang 
Grossstadtleben  mit  sich  bringt.  Bunges  sicher  übertriebene  ^ 
schauung  von  der  verheerenden  Wirkung  des  Alkohols,  wie  die  Set' 
digungen  der  Siedlungs-  und  Wohnungsdichte,  der  Bewegungsmanj 
und  der  Lufthunger,  der  Vitaminmangel  des  Grossstädters  gehör 
hierher.  Bei  dieser  Abart  von  Frau  und  Mutter  'hoher  und  niedeij 
Gesellschaftsklassen  versagt  trotz  besten  Willens  die  Brust  sehr  fri 
Mit  4,  6  und  8  Wochen  ist  sie  nicht  selten  am  Ende  ihrer  Leistum 
fähigkeit.  Wie  können  wir  hier,  wo  Degeneration  die  Ursache  v 
Misserfolgen  zu  werden  droht  und  wo  der  gute  Wille  der  Körpt 
schwäche  erliegen  will,  helfend  eingreifen? 

Hauptmassnahmen  bleiben  auch  hier  die  bekannten  zwei:  Kräftig 
und  richtig  angewandter  Saugreiz  und  regelmässiges  Leertrinken.  Do 
hier  kommt  noch  eine  dritte  Massregel  hinzu,  d.  i.  die  Verordnui 
körperlicher  und  seelischer  Ruhe.  Für  körperliches  Ai 
ruhen  sorgen  wir  im  Mütterheim,  besonders  für  die  erst  kurze  Z 
entbundenen  Wöchnerinnen,  in  ausgiebiger  Weise.  Die  tägliche 
beitsleistung  wird  beschränkt  und  dem  Kräftemass  angepasst;  ai 
giebige  und  rechtzeitige  Nachtruhe,  Mittagsruhe  und  sogar  gelegen 
liehe  Bettlage  im  Laufe  des  Vormittags  sind  Selbstverständlichkeit« 
So  gelingt  es  oft,  diese  körperlichen  Schwächeperioden  zu  üb« 
winden.  Ich  erwähne  den  Fall  einer  kümmerlichen  Mutter,  die  z 
nächst  nur  unter  Zwiemilchernährung  ihr  Kind  fördern  konnte,  langsa' 
aufblühte,  mit  8  Wochen  ausschliessliche  Brusternährung  durchfuhr 
und  mit  4  Monaten  als  Anstaltsamme  angeworben  wurde. 

Die  seelische  Ruhe  braucht  man  im  Mütterheim  seltener  zu  b 
denken,  da  die  Mutter  hier  häuslichem  Zwiespalt  mehr  oder  wenig 
entrückt  ist.  Im  Privatleben  ist  auf  solche  Betonung  des  seelisch« 
Gleichgewichtes  sicher  ausserordentlicher  Wert  zu  legen.  Die  „ze 
rende“  Sorge  ist  sicher  kein  leerer  Wahn,  und  psychische  Erschüttern 
gen,  Schmerz.  Schreck  und  Aufregungen  aller  Art  können  den  Milc 
fluss  beschränken,  ja  sogar  vorübergehend  zum  Stillstand  bringen.  D 
Arzt  darf  aber  nicht  vergessen,  dass  es  sich  hier  nur  um  vorübe 
gehende  Zustände  von  Stunden-  und  höchstens  Eintagsdauer  hande 
die  bei  zielbewusstem  Vorgehen  stets  zu  überwinden  sind.  Audi  ui 
stehen  Beispiele  zur  Verfügung,  wo  nach  operativem  Eingriff  die  Milc 
Sekretion  für  24  Stunden  fast  Stillstand  und  nach  Trauernachricht  d 
Tagesmenge  um  die  Hälfte  sank. 

Halten  wir  jetzt  noch  weitere  Umschau  nach  hier  gebraucht« 
Massnahmen,  so  wären  von  physiologischen  Hilfen  nur  noch  die  passh 
und  aktive  Hyperämie  zu  erwähnen.  Passiv  lassen  wir  bei  ungenüge« 
der  Leistung  2  mal  am  Tage  5 — 10  Minuten  die  Bier  sehe  Saugglocl 
wirken;  aktive  Blutüberfüllung  suchen  wir  durch  Föhnwirkung  zu  e 
zielen.  Ein  verlässliches  Urteil  über  den  Erfolg  abzugeben,  ist  nie 
möglich,  da  wir  diese  Mittel  nicht  ausschliesslich,  sondern  neben  de 
genannten  anderen  Hilfen  gebrauchen. 

Und  nun  zum  Schluss  noch  zwei  Klippen,  an  denen  nicht  in  d« 
Klinik,  aber  ausserhalb  die  Brusternährung  scheitert: 

Einmal:  Der  Praktiker  soll  nicht  vergessen,  dass  das  Verlass« 
des  Wochenbettes  der  Mutter  oft  die  bis  dahin  gestellte  Hilfe  nimn 


27.  Januar  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


113 


und  sie  wieder  verantwortlich  macht  für  alle  Arbeit  und  Sorge  des 
Haushaltes.  Hier  muss  fürsorgerisch  entlastend,  besonders  bei  der 
schwächlichen  Mutter,  eingegriffen  werden,  denn  das  ist  der  Grund 
weswegen  viele  Frauen  nur  2  und  3  Wochen  stillen  können. 

Zum  anderen:  Das  Wochengeld  wird  in  der  6.  Woche  post  partum, 
das  Stillgeld  in  der  12.  Woche  zum  letzten  Male  gezahlt.  Dem  Für¬ 
sorgearzt  ist  bekannt,  wie  oft  um  diese  Zeitgrenze  die  Mutterbrust 
plötzlich  versiegt.  Hier  liegen  nicht  physiologische  Gründe  für  das 
Versagen  vor,  sondern  suggestive  Einflüsse,  die  sich,  auf  Gewinnsucht 
und  Begehrlichkeit  gründen.  Hier  müssen  unsere  Bestrebungen  auf 
Hebung  der  völkischen  Ethik  gerichtet  sein,  um  den  guten  Willen  zum 
Stillen  an  diesem  Zeitpunkt  wieder  herzustellen. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  in  Hamburg,  Eppendorfer 
Krankenhaus.  (Prof.  Dr.  Heynemann.) 

Provokation  latenter  Gonorrhoe  bei  der  Frau. 

Von  Dr.  Hans  Nevermann,  Assistenzarzt  der  Klinik. 

Die  Erkennung,  ob  eine  Gonorrhöe  sicher  geheilt  ist,  und  mehr  noch 
der  Nachweis  von  Gonokokken  bei  einer  latenten  Gonorrhöe  gehören 
bei  der  Frau  zu  den  allergrössten  Schwierigkeiten.  Wir  verfügen  daher 
!  über  eine  grosse  Zahl  von  Provokationsmassnahmen.  Diese  zerfallen 
in  zwei  grosse  Gruppen:  in  solche,  die  lokal  angewandt  werden  (mecha¬ 
nische,  chemische,  thermische),  und  solche,  die  auf  dem  Umwege  über 
|  das  Blut  und  die  Abwehrkräfte  des  Körpers  wirken  wollen.  Dass 
den  lokal  angreifenden  Methoden,  bedingt  durch  den  anatomischen  Bau 
;  des  weiblichen  Urogenitaltraktus,  oft  in  ihrer  Anwendung  Grenzen 
gesetzt  sind,  bedarf  wohl  keiner  weiteren  Erklärung.  Und  für  die 
, Sprechstundenpraxis  trifft  dies  noch  mehr  zu  als  für  die  Klinik.  Aber 
auch  die  intravenöse  Provokation  kann  bei  den  oft  recht  schlecht  sicht- 
und  erreichbaren  Venen  der  Frau  auf  Schwierigkeiten  stossen,  ab- 
i  gesehen  davon,  dass  die  intravenöse  Einverleibung  der  Provokations¬ 
mittel  doch  auch  nicht  ganz  gefahrlos  ist.  Ausgehend  von  dem  Wunsch, 
j  einerseits  ein  in  der  Anwendungsweise  möglichst  einfaches  und  gefahr- 
:  loses,  andererseits  ein  möglichst  zuverlässiges  Provokationsmittel  für 
die  Gonorrhöe  bei  der  Frau  zu  finden,  stellten  wir  Untersuchungen  an 
ob  die  intrakutane  Injektion  verschiedener  Mittel  zum  Ziele  führe! 
Denn  die  intrakutane  Injektion  ist  wegen  ihrer  einfachen  und  wenig 
i  zeitraubenden  Technik  die  Methode,  die  von  allen  gebräuchlichen 
Vertahren  für  Arzt  und  Patientin  am  angenehmsten  ist. 

Bei  unseren  Untersuchungen  über  die  Brauchbarkeit  dieser  Methode 
und  der  verschiedenen  Mittel  gingen  wir  so  vor,  dass  zunächst  morgens 
vor  dem  Urinieren  aus  Urethra  und  Zervix  Abstriche  gemacht  wurden. 
Dann  wurde  die  intrakutane  Impfung  vorgenommen.  Am  folgenden 
Moigen,  zur  gleichen  Zeit  und  unter  den  gleichen  Bedingungen,  wurden 
wieder  Abstrichpräparate  angefertigt,  ln  einer  grossen  Anzahl  von 
ballen  wurden  am  3.  Tage  noch  weitere  Abstriche  vorgenommen.  Die 
sämtlichen  Präparate  eines  jeden  Falles  wurden  zusammen  gefärbt 
und  dann  die  Präparate  vor  der  Injektion  jeweils  mit  denen  nach  der  i 
Injektion  verglichen. 

Angeregt  durch  die  Veröffentlichung  von  E.  F.  M  ü  1 1  e  r 1),  welcher 
fand,  dass  Aolaninjektionen  bei  der  Gonorrhöe  des  Mannes  eine  Aus- 
rlussvermehrung  hervorriefen,  und  dass  man  mit  intrakutaner  Einver- 
eibung  geringer  Mengen  dieses  Mittels  die  gleiche  Reaktion  bekommen 
könne,  wie  mit  der  50 — 100  fachen  Dosis  bei  subkutaner  oder  intra¬ 
muskulärer  Anwendung,  wählten  wir  zunächst  zu  unseren  Versuchen 
das  Aolan.  Ueber  die  günstigen  Ergebnisse  dieser  Versuche  habe  ich 
bereits  früher,  ausführlich  berichtet2).  Das  Verfahren  wird  auch,  wie 
ich  aus  der  Literatur  ersehe  und  aus  persönlichen  Mitteilungen  weiss, 
bereits  vielfach  geübt. 

Nach  Lin  di g3)  soll  der  wirksame  Faktor  im  Aolan  und  bei  der 
Milchtherapie  überhaupt  das  Kasein  sein.  Dieses  ist  als  Caseosan 

Handel  und  bekannt.  Wir  dehnten  daher  unsere  Untersuchungen 
über  intrakutane  Gonorrhöeprovokationsmittel  auf  das  Caseosan  aus. 
Bevor  ich  über  diese  Untersuchungsresultate  berichte,  möchte  ich  meine 
Ergebnisse  bei  der  intrakutanen  Aolaninjektion  noch  einmal  kurz  hier 
wiederholen. 

Aolan. 

L  Bei  sicher  Gesunden  waren  die  Präparate  vor  und  nach  der  Imp- 
iung  gleich. 

Bei  sicher  Gonorrhöekranken  war  der  Ausfluss  nie  vermehrt.  Das 
Hräparat  zeigte  aber  stets  eine  Vermehrung  der  frischen,  d.  h.  gut  färb- 
üaren,  scharf  begrenzten  Leukozyten  und  eine  Vermehrung  der  Gono¬ 
kokken. 

,  Be*  wahllos  aus  den  Kranken  der  Abteilung  herausgegriffenen 
rallen  konnte  in  25  Proz.  von  28  registrierten  Fällen  nach  der  Impfung 
ane  Gonorrhöe  festgestellt  werden.  Stets  war  nach  der  Impfung  die 
£ahl  der  etwa  schon  vorher  vorhandenen  anderweitigen  Bakterien 
vermehrt  und  ebenso  die  der  Leukozyten.  Ausserdem  war  eine  Ans¬ 
chwemmung  frischer  Leukozyten  erfolgt.  Etwa  bestehender  Ausfluss 
■var  nicht  verändert  worden.  Das  Allgemeinbefinden  der  Patientinnen 
•vurde  niemals  durch  die  Injektion  beeinflusst.  Bemerkenswert  ist 
erner,  dass  sich  bei  einem  grossen  Teil  der  Gonorrhöekranken  an  der 
mpfstelle  eine  durch  Rötung,  Schwellung,  Infiltration  und  Jucken 

*)  B.kl.W.  1919,  Nr.  34,  S.  801. 

-)  M.m.W.  1921,  Nr.  5,  S.  141. 

3)  M.m.W.  1919,  Nr.  33,  S.  921. 


j  charakterisierte  Reaktion  zeigte,  welche  nach  1—2  Tagen  wieder  ab¬ 
klang.  Bei  nicht  Gonorrhöekranken  sahen  wir  diese  Reaktionen  niemals. 

Caseosan. 

Beim  Caseosan  war  ebenfalls  nach  der  Impfung  bei  Gesunden  keine 
Aenderung  im  Präparat  festzustellen. 

Bei  sicher  Gonorrhöekranken  verhielt  sich  in  der  Hälfte  der  Fälle  (8) 
das  Präparat  vor  und  nach  der  Impfung  gleich.  In  der  anderen  Hälfte 
der  Fälle  hatten  wir  eine  Vermehrung  der  frischen  Leukozyten  zu  ver¬ 
zeichnen;  eine  vermehrte  Ausschwemmung  von  Gonokokken  konnten 
wir  ein  einzigesmal  feststellen. 

Bei  allen  übrigen  mit  Caseosan  Geimpften  (55  Patientinnen),  meist 
f  yosalpingen,  Adnextumoren,  Beckenperitonitiden,  hatten  wir  nur  in 
60  Proz.  der  Fälle  eine  zelluläre  Aenderung  im  Präparat,  bestehend 
in  einer  Vermehrung  und  Ausschwemmung  frisdher  Leukozyten 
und  mitunter  auch  vermehrter  Ausschwemmung  sonstiger  Bakterien. 
Nur  in  4  Proz.  der  Fälle  wurde  das  Auftreten  von  Gonokokken  im  vor 
der  Impfung  negativen  Präparat,  also  eine  erfolgreiche  Provokation,  fest¬ 
gestellt.  In  40  Proz.  der  Fälle  dagegen  war  das  Präparat  nach  der 
Caseosanmjektion  genau  dem  vor  der  Injektion  gleichgeblieben.  Der 
vor  der  Impfung  vorhanden  gewesene  Ausfluss  war  durch  die  Injektion 
12  mal  etwas  vermehrt,  4  mal  verringert.  Ein  Zusammenhang  zwischen 
quantitativer  und  qualitativer  Ausflussveränderung  bestand  nicht.  Eine 
Herdreaktion,  erkennbar  an  stärkeren  Schmerzen  im  Unterleib,  war  nur 
ein  einzigesmal  zu  beobachten;  in  diesem  Falle  waren  aber  die  Prä¬ 
parate  gleichgeblieben,  ln  allen  anderen  untersuchten  Fällen  war 
weder  eine  Herd-  noch  jemals  eine  Allgemeinreaktion  aufgetreten. 

Auffallend  war  dagegen,  dass  stets,  ganz  gleich,  ob  es  sich  um 
sicher  Gesunde,  sicher  Gonorrhöekranke  oder  um  andere  Patientinnen 
handelte,  eine  Reaktion  an  der  Impfstelle  auftrat.  Diese  äusserte  sich 
in  Rötung,  Schwellung,  oft  auch  geringer  Infiltration  an  der  Einstich¬ 
stelle.  In  einem  1  eil  der  Fälle  war  die  Berührung  der  Impfstelle  ein 
klein  wenig  schmerzhaft,  in  einem  anderen  Teil  der  Fälle  trat  an  der 
Impfstelle  ein  mehr  oder  weniger  starkes  Jucken  auf.  Wie  schon 
gesagt,  fanden  wir  diese  Reaktion  stets.  Sie  hielt  1—3,  meist  2  Tage 

an-  Dabei  war  das  Vorhandensein  von  Gonokokken  ohne  jeden 
tinrluss  auf  Dauer  und  Stärke  der  Hautreaktion. 

Vielleicht  ist  in  diesem  Zusammenhang  auch  die  Beobachtung  von 
Interesse,  die  ich  aus  einigen  Probeinjektionen  an  mir  selbst  gemacht 
habe,  und  die  mir  auch  von  zwei  Schwestern  unserer  Klinik,  die  sich 
zur  Erprobung  der  Hautreaktion  zur  Verfügung  gestellt  hatten,  bestätigt 
wurde,  dass  nämlich  die  Injektion  des  Caseosans  schmerzhafter  und 
daher  unangenehmer  ist  als  die  des  Aolans. 

Diese  von  der  intrakutanen  Aolanimpfung  recht  abweichenden  Er¬ 
gebnisse  lassen  erkennen,  dass  das  Kasein  keineswegs  der  allein  wir¬ 
kende  Faktor  im  Aolan  ist. 

Pferdeserum. 

Im  Bestreben,  ein  möglichst  indifferentes  Mittel  bei  unseren  Ver¬ 
suchen  zu  verwenden,  machten  wir  bei  einer  Reihe  von  Patientinnen 
intrakutane  InjeKtionen  mit  einfachem  normalen  Pferdeserum.  Leider 
ist  hier  die  Zahl  unserer  Beobachtungen  nur  gering,  da  wir  bereits 
nach  10  Fällen  diese  Versuche  abbrachen.  Der  Grund  des  Aufgebens 
dieses  Mittels  war  der,  dass  wir  zweimal  nach  den  Injektionen  eine 
teils  mehr,  teils  weniger  schwere  Serumkrankheit  auftreten  sahen. 
Da  die  Ergebnisse  aber  auch  dieser  wenigen  Injektionen  nicht  ohne 
Interesse  sind,  soll  hier  über  sie  berichtet  werden.  Es  waren  nur 
Pyosalpingen  und  Beckenperitonitiden,  die  mit  Pferdeserum  intrakutan 
gespritzt  wurden. 

Einmal  war  eine  Herdreaktion  in  Form  von  stärker  auftretenden 
Schmerzen  im  Unterleib  zu  verzeichnen.  Ein  anderes  Mal  war  der 
schon  bestehende  Ausfluss  nach  der  Injektion  vermehrt.  Nur  bei  diesem 
Fall  sahen  wir  auch  eine  zelluläre  Aenderung  im  Präparat  nach  der 
Impfung,  nämlich  ein  vermehrtes  Auftreten  frischer  Leukozyten.  In 
allen  anderen  Fällen  waren  die  Präparate  nach  der  Impfung  vollkommen 
unverändert. 

Eine  Reaktion  an  der  Impfstelle  trat  in  sämtlichen  Fällen  auf,  und 
zwar  schon  wenige  Stunden  nach  der  Injektion.  Sie  äusserten  sich  in 
mehr  oder  weniger  starkem  Jucken,  zweimal  auch  in  Brennen,  sowie 
in  Rötung,  Infiltration  und  geringer  Schwellung  an  der  Injektionsstelle, 

11  klagten  die  Patientinnen  auch  über  ein  starkes  Hitze¬ 

gefühl  an  der  Impfstelle.  Die  Reaktion  war  aber  meist  nur  von  kurzer 
Dauer;  teils  war  sie  schon  am  gleichen,  teils  am  nächsten  Tage  ver¬ 
schwunden.  Einmal  hielt  sie  allerdings  auch  6  Tage  an. 

Arthigon. 

Hatten  wir  bisher  mit  unspezifischen  Mitteln  versucht,  die  Gono¬ 
kokken  bei  der  latenten  Gonorrhöe  zu  provozieren,  so  wandten  wir 
uns  nun  den  spezifischen  Mitteln  zu.  Unter  ihnen  sind  die  bekanntesten 
das  Arthigon  und  das  Gonargin.  Ich  berichte  zunächst  über  die  intra¬ 
kutanen  Injektionen  mit  Arthigon. 

Bei  Gesunden  fanden  wir  keine  Aenderung  im  Präparat. 

Bei  sicher  Gonorrhöekranken  war  in  etwa  der  Hälfte  von  7  Fällen 
(56  Proz.)  das  Präparat  vor  und  nach  der  Impfung  gleich.  In  der 
anderen  Hälfte  hatte  eine  Ausschwemmung  frischer  Leukozyten  statt¬ 
gefunden,  während  eine  vermehrte  Ausschwemmung  von  Gonokokken 
nur  einmal  zu  beobachten  gewesen  war.  Bei  allen  übrigen  mit  Arthigon 
Geimpften  (33  Patientinnen)  konnten  wir  in  18  Proz.  ein  Auftreten 
von  Gonokokken  im  vorher  negativen  Präparat  feststellen.  Eine  zellu¬ 
läre  Aenderung  im  Präparat,  ohne  dass  aber  Gonokokken  erschienen, 
fanden  wir  in  37  Proz.  der  Fälle;  sie  äusserte  sich  durch  Auftreten 

4* 


114 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


bzw.  vermehrte  Ausscheidung  von  irischen  Leukozyten  und  Bakterien, 
ln  den  restlichen  48  Proz.  der  Fälle  war  das  Präparat  vor  und  nach  der 
Impfung  gleich.  Eine  Herdreaktion  wurde  viermal  festgestellt  in  Form 
von  ziehenden  Schmerzen  im  Unterleib  und  Kreuz,  einmal  auch  ausser¬ 
dem  in  einer  geringen  Temperaturzacke.  Bei  zweien  dieser  Falle  war 
die  Provokation  gelungen.  Der  bestehende  Ausfluss  war  in  wenigen 
Fällen  etwas  vermehrt  nach  der  Impfung,  ohne  dass  er  aper  qualitativ 
verändert  war.  Im  allgemeinen  war  er  unverändert  geblieben.. 

Eine  Reaktion  an  der  Impfstelle  war  fast  in  allen  Fällen  deutlich  vor¬ 
handen.  Nur  einmal  war  die  Impfstelle  ganz,  viermal  iast  ganz  reak¬ 
tionslos.  Sonst  fanden  wir  stets  eine  Rötung,  Schwellung  und  Infiltra¬ 
tion  an  der  Impfstelle;  mitunter  waren  die  Stellen  etwas  schmerzhaft 
oder  sie  brannten.  Nach  1,  längstens  aber  2  Tagen  waren  diese  Er¬ 
scheinungen  wieder  geschwunden. 

Ich  möchte  an  dieser  Stelle  einfügen,  dass  nach  unserer  Beobachtung 
die  intrakutane  Anwendung  des  Arthigons  der  intravenösen  zum  Zwecke 
der  Provokation  entschieden  vorzuziehen  ist.  Ganz  abgesehen  von  der 
einfacheren  Technik,  wie  ich  bereits  erwähnte,  ist  doch  schon  der  Um¬ 
stand,  dass  wir  nach  intrakutaner  Anwendung  keinen  Schüttelfrost 
und  keinen  Fieberanstieg  sahen  —  die  eine  kleine  Fieberzacke  ist  ganz 
belanglos  gewesen  —  ein  Vorteil  vor  der  intravenösen  Applikation. 
Ferner  sahen  wir  viel  häufiger  nach  intrakutaner  Injektion  die  Pro¬ 
vokation  von  Erfolg  gekrönt,  als  nach  intravenöser  Injektion,  wo  uns 
die  Provokation  nur  ganz  ausnahmsweise  einmal  gelang. 

Einmal  konnte  ich  nach  vergeblichen  Provokationsversuchen  mit 
intrakutaner  Arthigoneinspritzung  durch  eine  intrakutane  Aolanimpiung 
Gonokokken  ins  Präparat  bringen. 


Gonargin. 

Einen  wesentlich  geringeren  Einfluss  übte  merkwürdigerweise 

das  Gonargin  aus.  ,  ,  ,  ,  T _ 

Bei  sicher  Gesunden  waren  die  Präparate  vor  und  nach  der  imp- 

fung  gleich. 

Bei  sicher  Gonorrhöekranken  war  in  82  Proz.  von  11  untersuchten 
Fällen  das  Präparat  dem  vor  der  Impfung  gleich.  Nur  in  18  Proz. 
fanden  wir  eine  Vermehrung  der  frischen  Leukozyten;  eine  vermehrte 
Gonokokkenausschwemmung  konnte  dagegen  nie  beobachtet  werden. 

Eine  Provokation  mit  intrakutaner  Gonargininjektion  gelang  uns 
niemals  bei  den  von  uns  untersuchten  übrigen  32  Fällen.  Wir  konnten 
auch  nur  in  30  Proz.  derselben  eine  zelluläre  Aenderung  im  Praparat 
nach  der  Impfung  feststellen,  während  in  70  Proz.  die  Präparate  nach 
der  Gonargininjektion  vollkommen  denen  vor  der  Injektion  glichen. 
Auch  eine  Herdreaktion  wurde  nie  beobachtet.  Ebenso  blieb  der  Aus- 
fluss  in  seiner  Intensität  unbeeinflusst. 

Stets  dagegen  konnten  wir  eine  ziemlich  intensive  Hautreaktion 
an  der  Impfstelle  feststellen.  Und  diese  Hautreaktion  war  in  allen 
Fällen  die  gleiche.  Sie  dauerte  2—3  Tage,  ganz  vereinzelt  4  Tage, 
und  äusserte  sich  stets  in  Rötung,  Infiltration,  Schwellung  und  Druck- 
Schmerzhaftigkeit  an  der  Impfstelle.  Dies  trat  am  auf  die  Impfung 
folgenden  Tage  am  stärksten  in  Erscheinung,  um  dann  allmählich  wieder 
abzuklingen.  Von  einem  Teil  der  Patientinnen  wurde  diese  Reaktion 
als  unangenehm  empfunden. 


Vergleichende  Zusammenstellung. 

Vergleichen  wir  unsere  Resultate  miteinander,  so  steht  am  gün¬ 
stigsten  das  Aolan  da  mit  25  Proz.  gelungener  Provokation;  dann  folgt 
das  Arthigon  mit  18  Proz.,  weiter  das  Caseosan  mit  4  Proz.  und 
schliesslich,  vom  Pferdeserum  mit  0  Proz.  abgesehen,  das  Gonargin  mit 
0  Proz.  Auch  wenn  wir  die  zelluläre  Aenderung  im  Ausstrichpräpaiat 
als  Kriterium  für  die  Wirksamkeit  betrachten,  kommen  wir  zu  ähnlicher 
Reihenfolge.  Beim  Aolan  war  stets  eine  Beeinflussung  des  Urethra- 
und  Zervixsekretes  zu  verzeichnen,  also  in  100  Proz.,  beim  Caseosan 
in  60  Proz.  beim  Arthigon  in  37  Proz.,  beim  Gonargin  in  18  Proz.  der 
Fälle.  Die  Untersuchungen  über  Pferdeserumimpfungen  ziehe  ich  nicht 
mit  zum  Vergleich  heran,  da  ihre  Zahl  zu  klein  ist. 

Auffallend  ist,  dass  gerade  im  umgekehrten  Verhältnis  eine  Re¬ 
aktion  an  der  Impfstelle  auftritt:  beim  Gonargin  und  Caseosan  in 
100  Proz.,  beim  Arthigon  in  85  Proz.,  beim  Aolan  in  18  Proz.  der  Fälle. 

Vielleicht  gibt  uns  das  einen  Anhaltspunkt,  Rückschlüsse  auf  die 
Brauchbarkeit  der  Mittel  und  auf  die  Wirkungsweise  der  lntrakutan- 
impfung  überhaupt  zu  ziehen.  Je  körperfremder  ein  einverleibter  Stoff 
ist,  desto  grössere  und  intensivere  Abwehrerscheinungen  ruft  er  am 
Ort  seiner  Deponierung  hervor.  Ferner  ist  bekannt,  dass  gleiche 
Mengen  gleicher  Mittel  bei  subkutaner  Einverleibung  ohne  jede  Wir¬ 
kung  sein  können,  während  sie  bei  intrakutaner  Injektion  erhebliche 
Wirkungen  ausüben  können1).  Dadurch  ist  bereits  eine  in  ihrem 
Wesen  noch  nicht  näher  zu  umgrenzende  Funktion  der  Haut  nach¬ 
gewiesen,  welche  imstande  ist,  an  anderen  erkrankten  Organen  und 
Gewebsteilen  Zustandsänderungen  hervorzurufen. 

Nach  meinen  Beobachtungen  werden  diese  Zustandsänderungen  an 
anderen  erkrankten  Organen,  hier  also  am  Urogenitaltraktus  der  Frau, 
in  einem  viel  höheren  Prozentsatz  der  Fälle  durch  die  Mittel  ausgelöst, 
die  sich  beim  gesunden  Organismus  ohne  entzündliche  Reaktion  in¬ 
jizieren  lassen.  Ferner  geht  aus  meinen  Untersuchungen  hervor,  dass 
diese  Wechselwirkung  zwischen  Haut  und  einem  anderen  erkrankten 
Organ,  die  wohl  als  Immunitätsreaktion  aufzufassen  ist,  durchaus  nicht 
immer  zustande  kommt.  Sie  tritt  in  erhöhtem  Masse  nur  dann  ein, 
wenn  wir  zum  Reiz  ein  Mittel  verwenden,  welches  auch  die  kleinste 


Schädigung  des  Hautgewebcs  durch  die  Impiung  vermeidet,  wie  wir  das 
aus  den  Reaktionen  am  gesunden  Körper  erkennen  können.  Man  sieht 
schon  aus  diesen  kurzen  Andeutungen,  dass  hier  wichtige  Fragen  der 
spezifischen  und  unspezifischen  Immunität  eine  grosse  Rolle  spielen,  zu 
deren  Klärung  auch  derartige  praktische  Beobachtungen,  wie  sie  sich 
aus  meinen  Untersuchungen  ergeben,  nicht  ohne  Wert  sind.  Dies  hier 
näh^r  vn  prnrto.m  würde  über  den  Rahmen  dieser  Arbeit  hinausgenen^ 


Praktische  Ergebnisse. 

Praktisch  haben  meine  Untersuchungen  ergeben,  dass  die  intra¬ 
kutane  Injektion  zur  Provokation  latenter  Gonorrhöe  bei  der  iau 
ein  technisch  einfaches,  bequemes  und  gefahrloses  Mittel  ist  Am 
besten  eignet  sich  hierzu  das  Aolan.  Weniger  wirksam  ist  das  Arthigon, 
während  Caseosan  und  Gonargin,  weil  nur  ganz  gering  wirkend,  nicht 

zu  empfehlen  sind.  ,  .  .  „  ... 

Irgendwelche  Rückschlüsse  auf  das  Vorhandensein  einer  Gonorrhoe 
lassen  sich  aus  den  Reaktionen  an  der  Injektionsstelle  nicht  ziehen. 
Höchstens  könnte  vielleicht  beim  Aolan  eine  vorhandene  Hautreaktion 
eine  erhöhte  Aufmerksamkeit  beim  Untosuchen  der  bekretpraparate 
gebieten.  Man  darf  sich  aber  aus  dem  Ueber^chätzen  einer  solchen 
Hautreaktion  beim  Aolan  nicht  zum  Stellen  der  Diagnose  auf  Gonorrhoe 
verleiten  lassen. 


Aus  der  Frankfurter  Kuranstalt  Hohe  Mark  i.  Taunus. 

Ueber  Mittel  und  Wege,  die  Wirksamkeit  des  Salvarsans 
auf  das  erkrankte  Nervensystem  zu  verstärken  ). 

Von  Dr.  Fritz  Kalberlah. 


Schon  bald  nachdem  das  Salvarsan  in  die  Therapie  durch  Eh  r- 
1  i  c  h  eingeführt  war.  setzten  die  Bemühungen  der  Kliniker  ein  die 
praktische  Brauchbarkeit  des  Mittels  zu  erhöhen,  die  heilende  Wirkung 
zu  vertiefen  und  nachhaltiger  zu  gestalten,  da  nach  der  ersten  Be¬ 
geisterung  sehr  bald  der  Rückschlag  kam  und  die  Erkenntnis,  dass 
wir  weder  die  erhoffte  Therapia  magna  sterilisans  im  Sinne  Eh  r- 
lichs  im  Salvarsan  erhalten  hatten,  noch  aucn  häufig  selbst  durch 
längere  grosse  Kuren  einen  befriedigenden  Heilerfolg  sahen.  Vor 
allem  enttäuschten  die  Fälle  von  sog.  Metalues  des  Nervensystems,  die 
Tabes  und  Paralyse,  so  dass  lange  Zeit  viele  Kjmiker  sich  dieser 
Behandlung  gegenüber  sehr  ablehnend  verhielten.  Man  hatte  und  hat 
noch  heute  bei  diesen  Erkrankungen  entschieden  den  Eindruck,  dass 
das  Salvarsan  nur  ungenügende  und  unzureichende  Angriffspunkte  :m 
nervösen  Gewebe  zu  gewinnen  imstande  ist,  also  nicht  in  ausi  eichender 
Menge  und  Konzentration  die  Krankheitsherde  erreicht,  um  hier  die 
Bedingungen  zum  Untergang  der  Spirochäten  zu  schaffen.  Um  in  der 
Sprache  Ehrl  ich  s  zu  reden,  es  fehlte  beim  Schuss  die  Zielsicherheit 
nach  dem  Herd.  Schon  Ehrlich  war  sich  dessen  bewusst  und 
unermüdlich  bemüht,  das  Mittel  zu  verbessern  und  wirksamer  aus¬ 
zubauen,  verfolgte  auch  alle  dahin  gerichteten  Untei  suchungen  der 
Kliniker  mit  grösstem  Interesse,  so  auch  die  Versuche,  über  die  ich 
heute  kurz  berichten  möchte,  und  die  ich  schon  zu  E  h  r  1 1  c  h  s  Leb¬ 
zeiten  begonnen  hatte.  ,  _  ,  .. 

Das  Problem,  die  therapeutische  Kraft  des  Salvarsans  allgemein 
und  besonders  im  Hinblick  auf  das  erkrankte,  aber  für  Mittel  schw  er 
zugängliche  Zentralnervensystem  zu  verstärken  und  zu  vertiefen,  kann 
auf  die  mannigfaltigste  Art  und  von  den  verschiedensten  Seiten  aus 
in  Angriff  genommen  werden.  Ehrlich  hat,  nachdem  er  von  der 
Arsanilsäure,  dem  sog.  Atoxyl,  durch  Reduktion  über  das  Diamido- 
arsenobenzol  zum  Altsalvarsan  gelangt  war,  den  aussichtsreichen  Weg 
weiter  verfolgt,  immer  mit  dem  planmässigen  Bemühen, _  die  pharrna- 
kodynamische  Wirkung  zu  erhöhen  und  die  pharmakotoxische  zu  ver¬ 
mindern,  und  K  o  1 1  e  hat  die  Arbeiten  im  gleichen  Sinn  in  glucklichstei 
Weise  aufgenommen  und  weiter  gefördert  durch  Ausbau  der  vor 
Ehrlich  schon  begonnenen  Versuche,  dem  Salvarsan  Metalle,  z.  d 
Gold  Kupfer  und  Silber  anzukuppeln,  von  denen  besonders  das  Silber- 
salvarsan  eine  grosse  praktische  Bedeutung  gewonnen  hat.  ohne  das; 
aber  dadurch  bisher  für  die  Erkrankungen  des  Zentralnervensystem: 
wesentlich  mehr  erreicht  worden  ist. 

Als  sich  zeigte,  dass  in  vielen  Fällen  Salvarsan  allein  nicht  ge¬ 
nügend  wirkte,  kombinierte  man  es  mit  anderen  schon  bekannten  spe 
zifischen  Mitteln,  vor  allem  mit  Quecksilber  und  mit  Jod,  indem  mai 
anfangs  diese  Mittel  neben-  oder  nacheinander  anwandte  und  in  letzte 
Zeit  auch  intravenös  gleichzeitig.  Ich  erinnere  Sie  an  du 
L  i  n  s  e  r  sehe  Sublimat-Salvarsaninjektion,  an  die  Kombination  mi 
Novasurol,  an  die  neuerdings  vorgeschlagene  Auflösung  des  Salvarsan 
in  Jod-Jodkalilösungen  etc. 

Alle  diese  Wege  sollen  heute  nicht  Gegenstand  unserer  Be 

trachtung  sein.  ,  .....  ,  .,  , 

Auch  nicht  die  technische  Frage  der  Applikation  des  Mittels  selbsi 
ob  die  intramuskuläre  oder  die  intravenöse  Injektion  die  wirksamer 
und  nachhaltigere  bei  nervösen  Fällen  ist  und  wie  weit  es  möglic 
ist,  das  Artilleriefeuer  des  Salvarsanangriffes  durch  die  Einspritzun 
des  Mittels  in  die  Carotis  oder  intrakraniell  oder  endolumbal  vit 
wirksamer  auf  das  Zentralnervensystem  zu  konzentrieren. 

Uns  sollen  heute  zwei  Möglichkeiten  beschäftigen,  das  Salvarsa 
in  verstärktem  Masse  im  Zentralnervensystem  als  den  uns  hier  besor 


*)  Nach  einem  in  der  Vereinigung  Frankfurter  Neurologen  gehaltene 
Vortrag  (15.  X.  1921). 


“)  E.  F.  M  ii  1 1  e  r:  M.m.W.  1921,  Nr.  29,  S.  912. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


115 


ders  interessierenden  Krankheitsherd  zur  Wirksamkeit  kommen  zu 
lassen,  nämlich  einmal  der  Versuch,  das  Salvarsan  mit  anderen  Mitteln 
zu  kombinieren,  die  an  sich  durchaus  unspezifisch  für  die  lulsche  Er¬ 
krankung-  sind,  aber  infolge  ihrer  ausgesprochenen  Neurotropie  bahnend 
auf  das  Spezifikum  einwirken  könnten,  und  dann  der  Weg,  der  darin 
besteht,  dass  wir  auf  irgendeine  Weise  dem  Salvarsan  den  Eintritt 
in  das  nervöse  Parenchym  öffnen  und  frei  machen,  indem  wir  die 
Durchlässigkeit  der  Zellmembranen  erhöhen. 

Schon  Ehrlich  hat  auf  die  Möglichkeit  hingewiesen,  dass  viel¬ 
leicht  manche  Substanzen  mit  ausgesprochener  Organotropie  auch  auf 
andere  gleichzeitig  verabreichte  Mittel  bahnend  und  richtunggebend 
wirken  könnten,  oder  wie  er  in  der  ihm  eigentümlichen  Art  plastischer, 
bilderreicher  Darstellung  sich  ausdrückte,  dass  sie  gleichsam  als  Gleit¬ 
schienen  oder  als  Transportvehikel  das  Pharmakon  an  den  gewünschten 
Ort  zu  dirigieren  imstande  seien.  Solche  Körper  würden  also  gewisser- 
massen  Schlepperdienste  im  Organismus  versehen,  ohne  selbst  am 
Heilprozess  beteiligt  zu  sein.  Wir  kennen  nun  mehrere  derartige 
Substanzen  aus  der  Anilinfarbstoffreihe,  die  sehr  ausgesprochen  neuro- 
trop  und  dabei  sowohl  für  den  tierischen  wie  menschlichen  Organismus 
bei  intravenöser  Einverleibung  unschädlich  sind,  ich  erinnere  nur  an 
das  Methylenblau,  das  Bismarckbraun  und  das  Chrysoidin.  Besteht 
diese  Auffassung  zu  Recht,  dann  muss  man  auch  im  Tierversuch  im 
Gehirn  höhere  Arsenmengen  finden,  wenn  man  Salvarsan  mit  solchen 
neurotropen  Substanzen  vereint  gibt,  als  wenn  man  es  allein  verab¬ 
reicht.  Ich  habe  nun  derartige  Untersuchungen  vor  einiger  Zeit  vor¬ 
genommen  und  möchte  Ihnen  kurz  darüber  berichten. 

Die  Versuche  wurden  in  der  Weise  angestellt,  dass  Kaninchen  in 
die  Ohrvene  0,1  Neosalvarsan  entweder  allein  oder  mit  einem  der 
oben  genannten  neurotropen,  natürlich  zuverlässig  arsenfreien  Farb¬ 
stoffe  kombiniert  erhielten.  Die  Tiere  wurden  dann  nach  1 — 3  Stun¬ 
den,  nach  3 — 24  Stunden  oder  nach  mehreren  Tagen  durch  Verbluten 
getötet,  das  völlig  blutleere  Gehirn  in  toto  herausgenommen,  genau 
gewogen  und  dann  nach  May-Hurter  verascht,  um  die  Arsen¬ 
mengen  genau  quantitativ  bestimmen  zu  können 1). 

Es  ergab  sich  nun  folgendes  Bild: 

In  der  Gruppe  I  (getötet  nach  1 — 3  Stunden)  betrug  der  Arsengehalt, 
umgerechnet  auf  10  p-  frische  Gehirnmasse: 

bei  Salvarsan  allein  im  Durchschnitt  0,056  mg  (2  Tiere) 
bei  Salvarsan  und  Methylenblau  0,071  mg  (2  Tiere) 

bei  Salvarsan  und  Bismarckbraun  0,157  mg  (2  Tiere). 

ln  der  Gruppe  II  (getötet  nach  3 — 24  Stunden): 

bei  Salvarsan  allein  nicht  messbare  Spuren  As.  (1  Tier) 
bei  Salvarsan  und  Bismarckbraun  0,023  mg  As.  (3  Tie  e) 

bei  Salvarsan  und  Chrysoidin  0,028  mg  As.  (2  Tiere). 

Und  bei  Gruppe  III  (getötet  nach  mehreren  Tagen): 

bei  Salvarsan  allein  Spuren  As.  (2  Tiere) 

bei  Salvarsan  und  Bismarckbraun  0,023  mg  As.  (3  Tiere) 

bei  Salvarsan  und  Chrysoidin  0,026  mg  As.  (2  Tiere). 

Die  Versuche  zeigen  also,  dass  es  durch  die  Kombination  des 
Salvarsans  mit  neutropen  Substanzen  möglich  ist,  dem  Gehirn  eine 
grössere,  zum  Teil  doppelt  bis  dreifach  so  grosse  Menge  Arsen  zu¬ 
zuführen,  als  bei  der  Applikation  des  Salvarsans  allein,  ausserdem  aber 
auch,  was  mir  noch  wichtiger  erscheint,  dass  es  dadurch  gelingt,  das 
Arsenik  länger  und  in  deutlich  erheblicherer  Menge  dort  festzuhalten, 
so  dass  es  zu  einer  Zeit  noch  quantitativ  einwandfrei  nachzuweisen 
ist,  in  der  bei  isolierter  Salvarsaninjektion  bereits  keine  messbaren 
Spuren  mehr  vorhanden  sind;  wodurch  die  therapeutische  Einwirkung 
vertieft  und  nachhaltiger  gestaltet  werden  könnte.  Wie  sich  im  ein¬ 
zelnen1  der  Vorgang  abspielt  und  wie  wir  uns  eigentlich  die  Schlepper¬ 
dienste  der  neurotropen  Substanzen  zu  denken  haben,  darüber  können 
wir  uns  vorläufig  keine  klaren  Vorstellungen  machen,  vielleicht  so, 
dass  die  Fähigkeit  dieser  Stoffe,  in  grosser  Menge  in  das  nervöse 
Parenchym  einzudringen,  die  Zellmembranen  vorübergehend  durch¬ 
gängiger  und  dadurch  dem  Heilmittel,  dem  allein  diese  Eigenschaft 
nicht  zukommt,  den  Weg  frei  macht.  Es  würde  sich  dann  um  Vor¬ 
gänge  handeln,  auf  die  ich  später  noch  zu  sprechen  komme.  Die 
neurotrope  Substanz  würde  dann  im  Sinne  Ehrlichs  tatsächlich  die 
Funktion  einer  Gleitschiene,  mehr  als  die  eines  Transportvehikels, 
übernehmen. 

Ich  bin  mir  natürlich  klar,  dass  aus  unserer  Versuchsanordnung 
und  ihren  Resultaten  noch  keine  einwandfreien  Schlüsse  auf  die  tat¬ 
sächlich  therapeutische  Brauchbarkeit  dieser  Kombination  gezosren.  und 
dass  das  Ergebnis  nicht  ohne  weiteres  auf  die  menschliche  Pathologie 
übertragen  werden  kann,  aber  immerhin  erscheint  mir  der  Versuch  er¬ 
laubt  und  begründet,  beim  erkrankten  Menschen,  vielleicht  zuerst  bei 
Paralytikern,  diese  kombinierte  Behandlungsform  anzuwenden. 

Von  ähnlichen  Vorstellungen  gingen  übrigens  Morgenrot  h, 
Berlin  u.  a.  aus,  wenn  sie  vorschlugen,  mit  dem  Salvarsan  Stoffe 
wie  Aethylhydrocuprein,  Salizylsäure,  Fibrolysin  und  ähnliches  als  Un¬ 
terstützungsmittel  zu  verbinden.  Für  unseren  besonderen  Fall  scheinen 
aber  diese  Substanzen  nicht  geeignet. 

Der  zweite  oben  bereits  geäusserte  Gedanke,  dass  das  Salvarsan 
dadurch  wirksamer  in  Aktion  treten  könnte,  wenn  es  uns  gelingen 
würde,  ihm  den  Weg  durch  die  sperrenden  Zellmembranen  der  Gefässe 
und  des  nervösen  Gewebes  überhaupt  zu  öffnen,  knüpft  an  die  Lehre 
von  der  Permeabilität  der  Plasmagrenzschichten,  besonders  auch  an 
die  Untersuchungen  Embdens  über  den  Phosphorstoffwechsel  an. 

*)  Die  Versuche  habe  icli  im  Physiologischen  Universitätsinstitut  (Pro¬ 
fessor  E  m  b  d  e  n)  ausgeführt,  die  Arsenbestimmungen  wurden  im  Labora¬ 
torium  des  Prof.  Popp  gemacht. 


Embden  konnte  nämlich  bei  seinen  Versuchen  zeigen,  dass  unter 
ganz  bestimmten  Bedingungen  die  in  den  Zellen  vorhandene  Phosphor¬ 
säure  aus  den  Zellen  (Muskeln,  Retina)  entweder  durch  Zunahme  der 
Permeabilität  der  Grenzschichten  austreten  oder  durch  Absperrung  in 
den  Zellen  festgehalten  werden  kann,  woraus  zu  folgern  ist  dass  die 
mehr  oder  weniger  grosse  Durchlässigkeit  der  Zellwände  auch  von 
wesentlicher  Bedeutung  für  die  Möglichkeit  sein  muss,  einem  Organ 
ein  Heilmittel  zuzuführen  resp.  dort  wirksam  werden  zu  lassen. 

Wir  wollen  nun  in  Folgendem  untersuchen,  welche  Wege  uns 
zu  diesem  Ziele  offen  stehen. 

In  erster  Linie  ist  es  die  Tätigkeit,  die  die  Zellwände  durch¬ 
gängiger  macht.  Es  ist  dies  für  den  arbeitenden  Muskel,  die  belichtete 
Retina,  übrigens  auch  für  das  Rückenmark  im  Institut  von  Prof. 
Embden  nachgewiesen.  Für  die  Therapie  würde  es  demnach  darauf 
ankommen,  einen  erhöhten  Tätigkeitszustand  der  Zellen  des  zu  be¬ 
handelnden  Organs,  hier  also  des  Zentralnervensystems,  künstlich  her¬ 
vorzurufen,  was  praktisch  allerdings  auf  Schwierigkeiten  stossen  dürfte. 
Speziell  bei  Paralytikern  dürfte  es  wohl  schwer  sein,  eine  erhöhte 
geistige  Tätigkeit  der  Salvarsaninjektion  vorangehen  zu  lassen.  Die 
Tatsache  übrigens,  dass  stumpf  gehemmte  Patienten  sich  dem  Mittel 
gegenüber  nicht  unzugänglicher  zeigen  wie  manisch  erregte  geistig 
produktive  Kranke,  lässt  es  nicht  gerade  aussichtsvoll  erscheinen,  auf 
diesem  Wege  mehr  zu  erreichen  wie  bisher.  Das  gleiche  gilt  wohl 
für  die  Steigerung  der  motorischen  Funktionen.  Am  günstigsten  wür¬ 
den  die  Bedingungen  beim  Paralytiker  vielleicht  nach  oder  bei  einem 
paralytischen  Krampfanfall  liegen,  der  theoretisch  wenigstens  einen 
Zustand  höchster  Zelldurchlässigkeit  bilden  muss. 

Von  besonderem  Interesse  ist  die  Tatsache,  dass  E  n  t  z  ü  n  - 
dungsvorgänge  in  den  Zellen  und  Fieber  überhaupt  die  Durch¬ 
lässigkeit  der  Zellmembranen  steigern,  wodurch  sich  auch  der  erhöhte 
Stoffwechsel  bei  diesen  Zuständen  erklären  lässt.  Es  wäre  das  ge- 
wissermassen  eine  Selbsthilfe  der  Natur,  die  mit  der  Erkrankung  zu¬ 
gleich  auch  der  Hilfe  den  Weg  freimacht.  Dass  solche  Vorgänge  tat¬ 
sächlich  eine  Rolle  spielen,  sieht  man  daran,  dass  man  in  tuberkulös 
erkrankten  Organen  einen  erhöhten  Jodgehalt  gefunden  hat.  Hoefer 
weist  mit  Recht  darauf  hin,  dass  das  Auftreten  von  Komplement  und 
Normalambozeptor  im  Liquor  bei  Paralyse  und  Meningitiden  und  der 
Durchtritt  aktiv  erzeugter  Agglutinine  eine  Zunahme  der  Permeabilität 
der  Meningen  etc.  bei  solchen  Erkrankungen  erkennen  lassen.  Das 
luetisch  erkrankte  Nervensystem  wäre  demnach  also  schon  an  sich  dem 
Mittel  zugänglicher  als  das  gesunde.  Allerdings  wird  die  Permeabilität 
bei  den  chronisch  entzündlichen  Prozessen  wie  bei  der  Paralyse  und 
Tabes  wahrscheinlich  weniger  gross  sein  als  bei  frischen  akuten  Fällen, 
also  bei  der  eigentlichen  Syphilis  des  Nervensystems.  Vielleicht  be¬ 
ruht  ja  die  akute  Hirnschwellung,  wie  sie  gelegentlich  bei  der  Behand¬ 
lung  der  Lues  nach  Salvarsan  auftritt,  darauf,  dass  die  akut  entzündlich 
affizierten  Gefässendothelien  und  dann  die  stark  durchlässig  gewor¬ 
denen  Nervenzellenmembranen  das  Salvarsan  plötzlich  in  bedrohlich 
grossen  Mengen  durchlassen. 

Praktisch  würde  für  die  Behandlung  in  erster  Linie  die  Hervor- 
rufung  eines  künstlichen  Fiebers  (durch  körperfremdes  Eiweiss  irgend¬ 
welcher  Art.  Infektionen  mit  Rekurrens.  Mährin  etc.)  zugleich  mit  Ver¬ 
abreichung  von  Salvarsan  auf  der  Höhe  des  Fiebers  in  Frage  kommen. 
Natürlich  müsste  man  mit  den  Dosen  sehr  vorsichtig  sein.  Immerhin 
findet  sich  hier  vielleicht  ein  gangbarer  Weg. 

Dahin  gehört  auch  der  Vorschlag  Hoefers,  diese  vermehrte 
Permeabilität  des  erkrankten  Zentralnervensystems  einerseits  und  eine 
aktiv  hervorgerufene  Steigerung  der  Liquorabsonderung  aus  dem  sal- 
varsangeschwängerten  Blute  anderseits  dazu  zu  benützen,  das  Heil¬ 
mittel  in  grösserer  Menge  an  die  im  Gewebe  gelagerten  Spirochäten 
heranzubringen.  Zu  diesem  Zweck  nimmt  er  kurz  nach  der  intravenösen 
Salvarsaninfusion  eine  recht  grosse  Liquorentleerung  durch  Lumbal¬ 
punktion  vor,  um  durch  den  dadurch  erzeugten,  dem  intrakraniellen 
Blutdruck  gegenüber  negativ  gewordenen  Druck  im  Liquorsystem,  der 
wahrscheinlich  auch  bis  in  die  feinsten  Lymphba'hnen  und  Gewebsliicken 
hineinreicht,  ein  schnelleres  Ausströmen  des  Gewebesaftes  in  die 
Linuorräume  und  damit  einen  vermehrten  Uebertritt  von  gelösten 
Substanzen  aus  den  Blutgefässen  hervorzurufen.  Die  nach  der  Punk¬ 
tion  entstandene  Hyperämie  des  Gehirns  unterstütze  dabei  den  ge¬ 
steigerten  Saftstrom  und  die  Möglichkeit  einer  erhöhten  Zufuhr  des 
Heilmittels,  wobei  die  Liquorabsonderung  durch  intravenöse  Kochsalz¬ 
infusionen  oder  Pilokarpin  ausserdem1  noch  künstlich  angeregt  werden 
könnte.  Erfahrungen  über  die  Brauchbarkeit  dieser  Methode  liegen 
allerdings  noch  nicht  vor. 

Eine  weitere  Möglichkeit,  die  Permeabilität  der  Zellen  zu  erhöhen, 
ist  die  lokale  Asphyxie,  die  Erstickung  allgemein  gesprochen. 
Embden  hat  mit  Recht  daran  erinnert,  dass  Bier  mit  seiner 
lokalen  Stauung  auf  diese  Weise  Jod  in  erheblich  grösserer  Dosis 
an  den  Herd  heranführen1  und  dort  intensiver  in  Wirksamkeit  treten 
lassen  will.  Wegen  der  besonderen  anatomischen  Verhältnisse  wird 
dieses  Hilfsmittel  der  Stauung  bei  der  Behandlung  des  zentralen  Ner¬ 
vensystems  wohl  kaum  in  Frage  kommen,  wohl  aber  eventuell  bei 
nerioheren  Prozessen  und  den  Gelenkerkrankungen  luetischer  Genese 
(Arthropathien). 

Besonders  aussichtsreich  erscheint  es,  unser  Ziel  durch  künstliche 
Zufuhr  solcher  Substanzen  zu  erreichen,  die  in  ausgesprochenem  Masse 
die  Fähigkeit  haben,  die  Zellwand  durchlässiger  zu  machen. 

Ich  habe  oben  schon  darauf  hingewiesen,  dass  vielleicht  die  Orga¬ 
notropie  auf  dieser  Fähigkeit,  die  Zellwände  ganz  bestimmter  Organe 
leichter  zu  durchdringen,  beruht,  auf  jeden  Fall  gibt  es  chemische 


1 16 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Körper,  die  die  Fähigkeit,  die  Permeabilität  der  Grenzschichten  zu 
erhöhen,  in  sicher  nachgewiesenem  Masse  'haben,  während  andere, 
z.  B.  Kalzium,  ausgesprochen  sperrend  wirken. 

Kennen  wir  erst  mehr  derartige  Körper,  die  diese  Eigenschaft  in 
zuverlässiger  Weise  und  vielleicht  möglichst  weitgehend  elektiv  für 
das  nervöse  Gewebe  besitzen,  dann  hätten  wir  die  Möglichkeit,  das 
Heilmittel  erst  sehr  ergiebig  in  das  erkrankte  Nervensystem  eintreten 
und  dann  dort  durch  nachträgliche  Sperrung  möglichst  lange  festhalten 
zu  können.  Vielleicht  finden  wir  ein  solches  Mittel  am  idealsten  unter 
den  hochkomplizierten  Substanzen,  wie  sie  die  Sekrete  innerer  Drüsen, 
die  Hormone,  darstellen.  So  wissen  wir  z.  B.,  dass  das  Schilddrüsen¬ 
sekret  die  Zellwände  öffnet,  Adrenalin  dagegen  abschliesst.  Möglicher¬ 
weise  wird  es  auch  Hormone  geben,  die  diese  Aufgaben  elektiv  für  das 
Nervensystem  zu  erfüllen  geeignet  sind.  Jedenfalls  sehen  wir  hier 
ein  weites  Feld  der  Forschung  und  experimentellen  Prüfung  vor  uns, 
das  vielleicht  einmal  praktisch  verwertbare  Früchte  bringt. 

Schliesslich  bleibt  noch  die  Betäubung  resp.  Narkose,  wo¬ 
durch  ebenfalls  die  Zellmembranen  eröffnet  werden,  zu  erwähnen 
übrig.  Doch  liegen  die  Verhältnisse  hier,  wenigstens  bei  der  Nar¬ 
kose,  anscheinend  dadurch  komplizierter,  dass  dabei  anfänglich  sogar 
eine  Sperrung  eintritt.  Das  ist  bereits  aus  anderweitigen  Unter¬ 
suchungen  bekannt,  fand  sich  auch  bei  2  Tierversuchen,  die  ich  vor¬ 
nahm,  bestätigt.  Bei  einem  mit  Alkohol  betäubten  Kaninchen  fanden 
sich  nach  der  Salvarsaninfusion  nur  ganz  geringe  Spuren  Arsen,  bei 
dem  mit  Urethan  narkotisierten  Tier  überhaupt  kein  Arsen  im  Gehirn. 
Wie  es  sich  jedoch  bei  länger  anhaltender  Narkose  verhalten  hätte, 
ob  dann  eine  beträchtlichere  Anreicherung  mit  Arsen  eingetreten  wäre, 
hatte  ich  keine  Gelegenheit  mehr  zu  untersuchen.  Sollte  es  der  Fall 
sein,  so  würde  sich  daraus  die  praktische  Möglichkeit  ergeben,  dem 
Gehirn  während  eines  tiefen  und  langen  Betäubungsschlafes,  wie  er 
durch  Hyoszin  oder  ein  starkes  Schlafmittel  zu  erreichen  wäre,  das 
Heilmittel  in  grösserer  Menge  zuzuführen. 

Damit  wären  wohl  die  Wege  im  wesentlichen  vorgezeichnet,  die 
uns  dem  Ziel,  die  Wirksamkeit  des  Salvarsans  auf  das  Gehirn  zu 
erhöhen,  näherbringen  könnten. 


Aus  der  Medizinischen  Klinik  der  Universität  Hamburg, 
Krankenhaus  Eppendorf.  (Direktor:  Prof.  Brauer.) 

Praktische  Anwendbarkeit  des  Auslöschphänomens 
bei  der  Differentialdiagnose  des  Scharlachs. 

Von  Dr.  Q.  Haselhorst. 

Bei  der  Differentialdiagnose  des  Scharlachs  stehen  uns  eine  Reihe 
von  Kriterien  zur  Verfügung:  prodromales  Erbrechen,  akuter  Beginn, 
Exanthem,  Angina,  Himbeerzunge,  periorale  Blässe,  Urobilinogenreak- 
tion,  Rumpei-Leede,  Döhle  sehe  Leukozyteneinschlüsse.  Trotz 
dieser  Fülle  von  Symptomen  ist  die  Diagnose  in  einigen  Fällen'  äusserst 
schwer  zu  stellen.  1917  wurde  von  Schulz  und  Charlton1)  ein 
neues  Hilfsmittel,  das  sogenannte  Auslöschphänomen  angegeben,  wel¬ 
ches  später  von  Paschen2)  und  Neumann8)  nachgeprüft  und  be¬ 
stätigt  wurde. 

Zunächst  kurz  das  Wesentliche  der  von  Schulz  und  Charlton 
entdeckten  Erscheinungen : 

1.  Normales  Serum,  ebenso  Scharlachrekonvaleszentenserum  (bei 
uns  nach  dem  25.  Krankheitstag  entnommen  und  kurz  Spätserum  ge¬ 
nannt).  einem'  Patienten  mit  Scharlach-Exanthem  intrakutan  injiziert, 
erzeugt  an  der  Injektionsstelle  eine  Auslöschung,  einen  weissen  Fleck, 
und  zwar  frühestens  nach  6 — 8  Stunden. 

2.  Scharlachfrühserum  (bei  uns  in  den  ersten  5  Krankheitstagen 
entnommen),  einem  Patienten  mit  Scharlachexanthem  intrakutan  inji¬ 
ziert.  verursacht  an  der  Injektionsstelle  keinerlei  Veränderung. 

3.  Die  Auslöschung  durch  Normal-  und  Spätserum  tritt  nur  bei 
Scharlachexanthem,  nicht  bei  anderen  Exanthemen  ein. 

Wir  haben  nun,  um  ein  Urteil  über  die  differential-diagnostische 
Verwertbarkeit  dieses  Phänomens  zu  erhalten,  dasselbe  an  einer  grös¬ 
seren  Reihe  von  Fällen  und  zwar  sowohl  bei  sicherem  Scharlach  als 
auch  bei  zweifelhafter  Diagnose  angewandt,  mit  folgender  Versuchs¬ 
anordnung: 

Es  wurden  3  verschiedene  Sera,  Normal-,  Scharlachspät-  und  Früh¬ 
serum  durch  Venenpunktion  gewonnen,  inaktiviert  und  in  Ampullen 
zu  1  ccm  steril  eingeschmolzen  (Bakteriologisches  Institut  Prof.  Much). 
Bei  jedem  Falle  wurden  alle  3  Sera  intrakutan  injiziert  und  zwar  an 
der  Stelle  des  bestausgebildeten  Exanthems,  gewöhnlich  auf  der  Brust, 
aber  auch  am  Bauch,  an  den  Ober-  und  Unterschenkeln.  Es  sei  be¬ 
merkt,  dass  Fehler  bei  der  Herstellung  der  Sera  und  der  Methodik  des 
Injizierens  ausgeschlossen  sind,  da  Aufzeichnungen  erst  nach  mehr¬ 
monatlichen  Vorversuchen  gemacht  wurden. 

Es  seien  zunächst  die  an  50  sicheren  Scharlachfällen  gewonnenen 


Ergebnisse  mitgeteilt: 

Aussparung 

schwach  + 

deutlich 

negativ 

1.  Normalserum 

14 

16 

20 

2.  Spätserum 

13 

27 

10 

3.  Frühserum 

0 

0 

50 

Die  Zusammenstellung  ergibt,  dass  Frühserum  in  allen  50  Fällen 
keine  Aussparung  erzeugt  hat.  Spätserum  hat  10  Versager,  Normal- 

*)  Zschr.  f.  Kindhlk.  1917.  2)  Derm.  Wsehr.  1919  Nr.  22. 

s)  D.m.W.  1920  Nr.  21. 


serum  sogar  20.  Auffallend  war,  dass  der  weisse  Hof  um  die  In¬ 
jektionsstelle  bei  Spätserum  fast  stets  deutlicher  war  als  bei  Normal¬ 
serum.  In  3  Fällen,  in  denen  bei  allen  3  Seren  keine  Aussparung  ein¬ 
trat.  handelte  es  sich  bei  hochrotem  Exanthem  um  sehr  trockene,  mit 
feinsten  Miliarien  übersäte  Haut. 

Ausser  diesen  50  sicheren  Scharlachfällen  wurden  noch  13  Fälle 
mit  toxischem,  Arznei-,  Masern-Exanthem,  Pityriasis  rubra  scalatiformis 
squamiformis,  sowie  Fieberröte  und  Erythema  solare  gespritzt.  In 
keinem  Falle  trat  eine  Aussparung  ein.  Ergebnis: 

1.  Friihserutn  löscht  niemals  aus. 

2.  Nur  Scharlachexanthem  wird  ausgelöscht  und  zwar  von  Spätscrum  in 
80  Proz.,  von  Normalserum  in  nur  60  Proz.  der  Fälle. 

Wenn  wir  auch  die  besseren  Resultate  bei  Verwendung  von  Schar¬ 
lachrekonvaleszentenserum  zu  Grunde  legen,  so  ergibt  sich  immer  noch 
ein  negativer  Ausfall  von  20  Proz..  eine  Zahl,  die  mit  Rücksicht  darauf, 
dass  sie  bei  klinisch  sicherer  Diagnose  gewonnen  wurde,  sehr  hoch  ist. 
Bedenken  wir  ferner,  dass  in  all  den  Fällen,  die  nur  ein  kurz  dauern¬ 
des  Exanthem  zeigen,  oder  die  erst  bei  dessen  Abklingen  eingeliefert 
werden,  das  Verfahren  nicht  anwendbar  ist,  so  erfährt  dadurch  die 
praktische  Brauchbarkeit  eine  erhebliche  Einschränkung. 

Es  ergibt  sich  noch  eine  weitere  Folgerung:  Entnimmt  man  einem 
zweifelhaften  Falle  Serum  und  injiziert  dasselbe  einem  Patienten  mit 
sicherem  Scharlachexanthem  zugleich  mit  Spätserum  und  löscht  dann 
letzteres  aus,  ersteres  dagegen  nicht,  so  handelt  es  sich  im  Zweifels¬ 
falle  um  Scharlach.  Das  erfordert  jedoch  erstens  viel  Zeit  und  schei¬ 
tert  zweitens  gewöhnlich  daran,  dass  selbst  auf  grösseren  Infektions¬ 
abteilungen  nicht  stets  frische  Fälle  mit  noch  deutlichem  Exanthem 
vorhanden  sind. 

Während  einer  Beobachtungszeit  von  mehr  als  einem  Jahre  er¬ 
hielten  wir  den  Eindruck,  dass  gerade  in  den  differential-diagnostisch 
schwierigen  Fällen  mit  geringem  Fieber,  ohne  typischen  Rachenbefund, 
mit  schwachem,  häufig  etwas  fleckigem,  schnell  vorübergehendem 
Exanthem  uns  das  Auslöschphänomen  gewöhnlich  ebenfalls  im  Stich 
liess. 

Hier  sei  nur  ein  Fall  aus  der  ersten  Zeit  unserer  Versuche  an¬ 
geführt  : 

Fräulein  H..  23  Jahre  alt,  wurde  wegen  einer  Verletzung  der  Kopf¬ 
schwarte  durch  Steinwurf  eingeliefert.  Auf  der  Mitte  des  Kopfes  befand  sich 
eine  3  cm  im  Durchmesser  messende,  bis  auf  den  Knochen  reichende,  ver¬ 
schmutzte  und  ziemlich  stark  sezernierende  Wunde.  2  Tage  später  plötzlicher 
Temperaturanstieg  auf  40,3°,  diffuse  Hautrötung,  mässige  Röte  des  Rachens, 
Zunge  etwas  weisslich  belegt,  nicht  himbeerfarben  und  -gezeichnet,  geringes 
Krankheitsgefühl,  keine  Milzschwellung,  Rumpei-Leede  zweifelhaft,  Uro- 
bilinogen  0. 

Differentialdiagnose:  Von  der  Kopfwunde  ausgehende  Allgemeininfektion  ?, 
Angina  ?,  Scharlach  ?. 

Das  Auslöschphänomen  fiel  negativ  aus;  die  Diagnose  Scharlach  wurde 
damit  abgelehnt.  In  den  nächsten  Tagen  fiel  die  Temperatur  schnell  zur  Norm 
ab.  Die  Kopfwunde  heilte  schnell;  keine  Drüsenschwellung,  keine  Schuppung, 
kein  Urinbefund,  so  dass  Patientin  2  Wochen  später  entlassen  werden  konnte. 
Nach  10  Tagen  wurde  sie  von  dem  sie  behandelnden  Arzt  zurückgeschickt  mit 
deutlicher  Schuppung  vom  ausgesprochenem  Typus  der  Scharlachschuppung. 
Es  lag  also  doch  Scharlach  vor.  Der  negative  Ausfall  des  Auslösch¬ 
phänomens  hatte  uns  -irregeführt.  In  einem  anderen  Fall  ging  es  uns  ähnlich. 

Trotzdem  bleiben  einzelne  Fälle  übrig,  in  denen  das  Hilfsmittel 
seinen  Zweck  erfüllt.  Wir  empfehlen  und  wenden  folgende  Methode  an: 

Auf  der  Aufnahmestation  wird  Scharlachspätserum  in  Ampullen 
zu  1  ccm  vorrätig  gehalten.  Jeder  zweifelhafte  Fall  erhält  2  Injektionen 
zu  je  0,5  ccm.  um  Fehler  beim  Injizieren  sicher  auszuschliessen.  Tritt 
nun  Aussparung  ein,  so  handelt  es  sich  um  sicheren  Scharlach.  Zeigen 
die  Injektionsstellen  mit  Ausnahme  einer  geringen  Rötung  des  Stich¬ 
kanals  keine  Veränderung,  so  spricht  das  mit  gewisser  Wahrscheinlich¬ 
keit  gegen  Scharlach.  Sichere  Schlüsse  können  wir  daraus  nicht  ziehen. 

Bemerkungen:  Einen  Grund  dafür,  dass  Rekonvaleszenten¬ 
serum  besser  auslöscht  als  Normalserum,  wissen  wir  nicht  anzugeben. 
Es  ist  anzunehmen,  dass  der  Immunitätsgrad  gegen  Scharlach  ein  ver¬ 
schiedener  ist,  je  nachdem  jemand  früher  oder  später  oder  noch  gar- 
nicht  scharlachkrank  war.  Wahrscheinlich  wird  der  Titer  auch  bei 
Leuten,  die  zwar  klinisch  noch  keinen  Scharlach  überstanden,  aber 
längere  Zeit  auf  Scharlachstationen  gearbeitet  haben,  durch  Summation 
geringster  spezifischer  Infektionen  ein  hoher  sein.  Wir  sind  der  Ansicht, 
dass  solche  immunbiologisch  sehr  interessanten  Fragen  mittels  des 
Auslöschphänomens,  wobei  Ausdehnung  und  Intensität  der  Aussparung 
die  Grundlage  für  die  Beurteilung  abgeben,  geklärt  werden  können. 
Wir  möchten  jedenfalls  die  Anregung  geben,  auch  andernorts  Versuche 
in  dieser  Richtung  anzustellen. 


Aus  der  Unterrichtsanstalt  für  Staatsarzneikunde 
der  Universität  Berlin. 

Darstellung  der  Hämochromogenkristalle  nach 
Takayama. 

Von  Dr.  Georg  Strassmann,  Assistent  der  Anstalt. 

Um  das  Vorhandensein  von  Blut  in  forensischen  Fällen  an  Gegen¬ 
ständen  festzustellen,  genügt  im  allgemeinen  der  mikrospektroskopische 
Nachweis  des  Hämochromogens  oder  des  Hämatoporphyrins.  Zweck¬ 
mässig  aber  kann  es  sein,  wenn  neben  dem  mikrospektroskopischen 
Blutnachweis  auch  die  mikroskopische  Darstellung  von  Blutkörperchen 
oder  Blutkristallen  gelingt.  Auf  die  Bedeutung  der  Hämochromogen- 


.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


117 


stalle,  die  gleichzeitig  das  charakteristische  Hämochromogenspektrum 
ben,  für  den  forensischen  Blutnachweis  ist  mehrfach  hingewiesen 
orden  [Puppe-Kürbitz1),  Heine2)  Leers3)  u.  a.].  Meist 
rd  dazu  das  Blutpartikelchen  mit  einem  Tropfen  Pyridin  und  frischem 
hwefelammonium  versetzt  [B  ü  r  k  e  r  *),  Lochte  5)1  oder  mit  Pyri- 
1  und  Hydrazinsulfat  [Heine2),  de  D  o  m  i  n  i  c  i  s  “)]  oder  Hydrazin- 
drat  [M  i  ta 5)]  und  erwärmt.  Auch  andere  Reagentien  sind  an¬ 
geben  worden.  Nur  die  Konservierung  der  bei  Luftzutritt  sehr  ver- 
nglichen  Kristalle  macht  Schwierigkeiten,  wenn  sie  auch  bisweilen 
durch  gelingt,  dass  man  die  Flüssigkeit  vorsichtig  verdunsten'  und 
inadabalsam  zufliessen  lässt  [Puppe-Kürbitz1),  Kalmus 5)]. 

Prof.  F  u  j  i  w  a  r  a  machte  mich  auf  eine  Arbeit  von  Takayama, 
:  in  der  japanischen  Zeitschrift  für  Staatsarzneikunde  1912  er- 
lienen  ist,  aufmerksam,  worin  er  zur  Darstellung  der  Hämochromogen- 
stalle  für  den  forensischen  Blutnachweis  2  Reagentien  empfahl,  die 
Japan  allgemein  gebraucht  werden,  bei  uns  anscheinend  weniger  be- 
nnt  sind.  Das  erste  lange  haltbare  Reagens  besteht  in  5  ccm  io  proz. 
aubenzuckerlösung,  10  ccm  10  proz.  Natronlauge,  65  ccm  destilliertem 
asser  und  20  ccm  Pyridin.  Von  dieser  Mischung  werden  zu  dem 
atpartikelchen  einige  Tropfen  auf  dem  Objektträger  zugesetzt  und 
:ses  vorsichtig  über  einer  kleinen  Flamme  erwärmt,  bis  die  erst  grün- 
ien  Blutschiippchen  sich  rosarot  färben.  Nach  einigen  Minuten  bilden 
h  Hämochromogeukristalle,  die  an  Zahl  immer  mehr  zunehmen,  und 
:  sich  in  der  Lösung  ohne  jedes  Konservierungsmittel  mehrere  Tage 
ten.  Nach  vorsichtiger  Umrandung  mit  Deckglaskitt  kann  man  sie 
ichenlang  konservieren,  noch  länger  nach  Umranden  mit  Kanada- 
Isam,  doch  können  dabei  eine  Anzahl  Kristalle  allmählich  ver¬ 
winden. 

Noch  wirksamer  erschien  mir  das  zweite  Reagens,  das  in  10  proz. 
tronlauge,  Pyridin  und  Traubenzucker  zu  gleichen  Teilen  ää  3  und 
üilliertem  Wasser  7  besteht.  Hier  bilden  sich  bereits  ohne  Erwärmen 
:h  einigen  Minuten  zahlreiche  Kristalle.  Bei  sehr  altem  Blut  dauert 
bisweilen  20  Minuten  oder  noch  länger,  ehe  sie  entstehen.  Auch 
r  halten  sich  die  Kristalle  ohne  Zusatz  mehrere  Tage  bis  1  Woche, 
:h  Umrandung  mit  Kitt  oder  mit  Kanadabalsam  erheblich  länger. 
2s  Reagens  verliert  nach  2 — 3  Wochen  an  Wirksamkeit  und  muss 
ui  neu  hergestellt  werden. 

Mir  scheinen  die  beiden  Reagentien  den  sonst  für  die  Darstellung 
Hämochromogenkristalle  üblichen  überlegen  zu  sein. 

Noch  an  20  Jahre  altem,  eingetrocknetem  Blut  gelang  mir  auf  diese 
eise  die  Kristalldarstellung. 

Der  Vorteil  der  Mischung  ist  hauptsächlich  der.  dass  sich  ohne 
les  Konservierungsmittel  die  Kristalle  tagelang  halten.  Es  beruht 
;  wohl  auf  dem  Zusatz  des  Traubenzuckers.  Auch  scheinen  die  Kri¬ 
lle  mir  an  Zahl  und  Grösse  besser  herstellbar  zu  sein,  als  mit  den 
ichen  Methoden. 

Ist  das  Blut  durch  chemische  Einwirkung  in  so  hohem  Grade  ver- 
iert,  dass  die  Kristalle  mit  keinem  der  gebräuchlichen  Reagentien 
:eugt  werden  können,  so  misslingt  auch  meist  die  Methode  von 
k  a  y  a  m  a. 

Sie  kann  in  forensischen  Fällen  mit  geringsten  Blutspuren  an- 
itellt  werden,  da  zum  mindesten  stets  eine  Umwandlung  des  Blut- 
bstoffes  in  Hämochromogen  erfolgt,  so  dass  selbst  dann,  wenn 
ne  Kristalle  sich  bilden  sollten,  was  aber  in  den  meisten  Fällen  se¬ 
icht,  der  mikrospektroskopische  Blutnachweis  stets  mit  Hilfe  dieser 
sungen  möglich  ist. 

Ich  glaubte  daher,  wegen  der  bequemen  Anwendbarkeit  auf  die 
thode  der  Hämochromogenkristalldarstellung  von  Takayama  auf- 
rksam  machen  zu  sollen. 


!wei  Fälle  von  chronischer  ankylosierender  Wirbel¬ 
versteifung. 

Von  Dr.  med.  J.  Brennsohn,  Riga. 

Aus  der  grossen  Gruppe  der  chronischen  Entzündungen  der  Wirbel- 
rie,  die  zur  Ankylose  derselben  führen  und  die  früher  unter  dem 
inkheitsbegriff  „chronischer  Rheumatismus  der  Wirbelsäule“  zu- 
nmengefasst  wurden,  sind  in  den  letzten  Jahrzehnten  ein  paar  Krank- 
tstypen  abgesondert  worden,  die  eine  Sonderstellung  einnehmen  und 
e  Nomenklatur,  wie  die  genaue  Schilderung  zweien  Nervenärzten,  den 
ifessoren  v.  Bechterew  und  v.  Strümpell  verdanken,  obgleich 

sich  im  Grunde  genommen  gar  nicht  um  eine  Nervenkrankheit 
idelt.  Zwar  nimmt  Bechterew  auf  Grund  eines  Sektionsbefundes 
e  Primärdegeneration  der  weissen  Hinter-  und  S  eiten - 
irkstränge  an,  welche  die  Veränderungen  der  Wirbelsäule  zur 
ge  habe,  gleichwie  die  Syringomyelie  zur  Skoliose  führe.  Andere 
toren  schliessen  sich  dieser  Ansicht  nicht  an  und  nehmen  eine  in 
an  Ursachen  noch  unaufgeklärte  besondere  Form  der  Gelenkerkran- 
ig  an,  die  sich  auf  die  Wirbelsäule  und  die  grossen  Gelenke  be- 
iränke  und  auf  die  bereits  Strümpell  im  Jahre  1884  in  seinem 
rannten  Lehrbuche  mit  einigen  Zeilen  hingewiesen  hat.  Im  Jahre 

*)  Med.  K I i ii .  1910  Nr.  38  und  Aerztl.  Sachverstand. -Ztg.  1909  Nr.  7. 

')  V.  {.  ger.  Med.  43,  1912. 

3)  Die  forensische  Blutuntersuchung.  Berlin,  J.  Springer,  1910. 

)  M.tn.W.  1909  Nr.  3. 

')  V.  f.  ger.  Med.  1910,  39  (Supplement). 

6)  B.kl.W.  1909  Nr.  36. 


1892  beschrieb  Bechterew  gleichzeitig  im  W ratsch  und  Neurol.  Zbl. 
zwei  Fälle  dieser  Krankheit.  Weitere  Veröffentlichungen  von 
ihm  (1897),  Strümpell,  Pierre  Marie  (1898)  u.  a.  folg¬ 
ten,  aus  deren  Vergleich  man  zwei  Typen  aufstellte,  die 
in  bestimmter  Weise  voneinander  abwichen  —  den  Bech¬ 
terew  sehen  und  Strümpell-Marie  sehen.  Bei  dem  ersten 
handle  es  sich  um  eine  Steifigkeit,  die  auf  die  Wirbel¬ 
säule  allein  beschränkt  bleibe,  in  den  oberen  Teilen  der  Wirbelsäule 
beginne,  sich  allmählich  nach  unten  ausbreite,  also  deszendierend 
sei.  zu  einer  Verkrümmung  im  Brustteil  führe,  mit  Schmerzen  beginne, 
eine  Anzahl  nervöser  Symptome  aufweise  und  in  deren  Aetiologie 
Heredität,  Trauma,  zuweilen  Syphilis  eine  Rolle  spielen. 

Bei  der  Strümpell-Marie  sehen  Form  befalle  die  Steifigkeit 
nicht  allein  die  Wirbelsäule,  sondern  auch  die  Hüftgelenke,  zuweilen 
auch  die  Schultergelenke.  Die  Krankheit  verlaufe  ohne  nennenswerte 
Schmerzen,  führe  zu  keiner  Verkrümmung  der  Wirbelsäule,  die  im 
Gegenteil  eine  abnorme  Geradheit  aufweise,  und  als  ätiologische 
Momente  seien  Infektionskrankheiten,  in  erster  Linie  Gonorrhöe,  dann 
auch  Tuberkulose,  akuter  Gelenkrheumatismus  und  Lues  zu  beobachten. 

Die  seltenen  Sektionsbefunde  typischer  Fälle  haben  bis  jetzt  über 
das  Wesen  der  Krankheit  keine  vollkommene  Aufklärung  gebracht. 
Die  Deutung,  die  Bechterew  der  von  ihm  beobachteten  Degenera¬ 
tion  der  Hinter-  und  Seitenmarkstränge  gab,  wird  von  anderen  Autoren 
nicht  geteilt,  die  der  Meinung  sind,  dass  diese  Degeneration  sich  auch 
bei  anderen  chronischen,  zum  Marasmus  führenden  Krankheiten  finde 
und  dass  sie  in  keiner  Beziehung  zur  typischen  Steifigkeit  stehe;  bei 
demselben,  später  an  Pneumonie  zu  Grunde  gegangenen  Kranken  fand 
Bechterew  auch  einzelne  Wirbel  völlig  miteinander  verbacken  und 
verwachsen,  die  Zwischenwirbelscheiben  atrophisch  oder  ganz  ge¬ 
schwunden,  wodurch  es  zur  Verwachsung  der  sich  berührenden  knö¬ 
chernen  Wirbelteile  gekommen  war.  Andere  Autoren  (Marie,  Schle- 
s  i  n  g  e  r  u.  a.)  fanden  Ossifikation  des  kurzen  Bandapparates  an  den 
Wiirbelgelenken  und  zwischen  den  Bögen  und  Dornfortsätzen,  Osteo- 
phytenbildung  und  Exostosen,  Bildung  von  Knochenbrücken,  Knochen¬ 
platten  und  -Spangen  an  den  Wirbelkörpern,  namentlich  an  den  seit¬ 
lichen  Partien  derselben.  Auch  an  einem  gleichzeitig  befallenen  Hüft¬ 
gelenk  fand  Marie  bei  Gelegenheit  der  Resektion  desselben  Ver¬ 
knöcherung  der  Bandmassen.  Durch  die  Atrophie  der  Knorpelscheiben 
einerseits,  wie  durch  die  Knochenwucherung  an  den  Gelenken  und 
Wirbelkörpern  andererseits  werde  die  Steifigkeit  resp.  die  Verkrümmung 
der  Wirbelsäule  hervorgerufen. 

Was  die  Aetiologie  betrifft,  so  nimmt  Bechterew  unter 
anderm  auch  traumatische  Ursachen  an.  Jedoch  bei  der  Häu¬ 
figkeit  von  Traumen  und  der  Seltenheit  dieser  Krankheit  kann  man 
kein  grosses  Gewicht  auf  dieses  ätiologische  Moment  legen.  Bei  den 
Fällen  des  S  t  r  ii  m  p  e  1 1  -  M  a  r  i  e  sehen  Typus  werden  Infektions¬ 
krankheiten,  besonders  Gonorrhoe,  als  Ursachen  angenommen.  Wir 
werden  bei  der  Schilderung  unserer  beiden  Fälle  sehen,  ob  wir  die  in 
ihrer  Anamnese  erwähnten  ätiologischen  Momente  nach  der  oben  ge¬ 
nannten  Richtung  hin  verwerten  können. 

1.  Der  erste  Kranke,  dessen  Krankheitsbild  mehr  dem  Bechterew¬ 
schen  Typus  entspricht,  hat  ausser  vielen  andern  Nervenärzten  auch  die 
beiden  konsultiert,  die  dieser  Krankheit  den  Namen  verliehen  haben, 
v.  B  e  c  h  t  e  r  e  w  und  v.  Strümpell.  Eine  Röntgenaufnahme  dieses  Falles 
war  hier  nicht  zu  ermöglichen,  da  der  Kranke  an  den  Rollstuhl  gefesselt 
war.  Durch  die  Liebenswürdigkeit  des  Herrn  Prof.  v.  Strümpell,  der 
eine  Röntgenaufnahme  dieses  Kranken  in 
Leipzig  im  Jahre  1910  anfertigen  diess,  be¬ 
sitze  ich  einen  Abzug  derselben;  doch  zeigt 
derselbe  ausser  einer  Knochenspange  nichts 
Charakteristisches.  Dagegen  charakterisieren 
ein  paar  photographische  Aufnahmen  den 
Fall  und  zeigen  namentlich  das  stetige  Fort¬ 
schreiten  des  Prozesses  in  prägnanter  Weise. 

Die  Aufnahme  des  ganzen  Körpers  links  fand 
in  der  Heilstätte  Zehlendorf  bei  Berlin -im 
Herbste  1910  statt  und  verdanke  ich  sie  der 
Liebenswürdigkeit  des  Herrn  Prof.  Laehr; 
die  beiden  anderen  sind  von  mir  im  Winter 
1911  in  der  Wohnung  des  Kranken  ange¬ 
fertigt  worden. 

Es  handelt  sich  um  einen  (im  Jahre  1913) 

23  jähr.  jungen  Mann,  dessen  Mutter  etwas 
„nervös“  war  und  41  J.  a.  an  einer  chro¬ 
nischen  Nephritis  starb.  Sein  Vater,  sein 
Bruder,  seine  ganze  Verwandtschaft  väter¬ 
licher-  und  mütterlicherseits  sind  vollständig 
gesund.  In  der  ganzen  Aszendenz  finden 
sich  keine  Knochen-  und  Gelenkerkran¬ 
kungen,  keine  konstitutionellen  Krankheiten, 
kein  Alkoholismus.  Er  wurde  rechtzeitig  ge¬ 
boren,  begann  rechtzeitig  zu  gehen  und  be¬ 
kam  ebenso  rechtzeitig  seine  Zähne.  Er  war 
ein  zwar  zartes,  aber  gesundes  Kind;  nur  als  er  in  das  geschlechtsreife 
Alter  kam,  begann  sich  die  nervöse  Anlage  von  seiner  Mutter  her  be¬ 
merkbar  zu  machen;  er  bekam  Anfälle  von  Migräne  und  Flimmern  vor  den 
Augen,  die  sich  in  regelmässigen  2 — 4  wöchigen  Zwischenräumen  wieder¬ 
holten,  mehrere  Jahre  andauerten  und  sich  dann  allmählich  verloren.  Er 
hielt  sich  schlecht  und  musste  oft  an  das  Einnehmen  einer  bessern 
Haltung  gemahnt  werden.  Masern  und  Scharlach  überstand  er  leicht  und 
ohne  Folgen.  Im  Jahre  1907,  als  er  18  Jahre  alt  war,  bezog  er  die  Dor- 
pater  Universität,  wo  er  sich  viel  mit  Paukiibungen  beschäftigte. 
Schmerzen,  die  sich  am  rechten  Schultergelenk  und  am 
rechten  Arm  einstetlten,  bezog  er  auf  diese  Uebungen  und  gab  die 
letztem  daher  eine  Zeitlang  auf.  Nachher  bildete  sich  aber  ohne  nentiens- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


118 

werte  Schmerzen  eine  Schwäche  des  rechten  Armes  aus, .  den 
er  nicht  mehr  erheben,  nicht  einmal  um  geringes  abduzieren  konnte,  während 
das  Ellbogen-  und  Handgelenk,  sowie  die  Fingergelenke  vollkommen  frei 
blieben.  Bald  nachher  fand  sich  eine  geringe  Empfindlichkeit  im  Rücken  ein, 
die  er  wenig  beachtete.  Aber  fast  2  Jahre  später,  im  Frühjahr  1909,  bekam 
er  heftige  Schmerzen  in  den  mittleren  und  unteren  Par¬ 
tien  der  Wirbelsäule,  die  nach  tfen  Seiten  und  vorn  hin  ausstrahlten 
und  in  der  Nacht  besonders  quälend  waren.  Er  hatte  auch  ein  ausgesprochenes 
G  ü  r  t  e  1  g  e  f  ü  h  1,  a's  ob  ein  eiserner  Reifen  ihm  um  den  Leib  gelegt  wäre. 
Zugleich  war  schon  damals  eine  Steifigkeit  der  Wirbelsäule  wahrnehm¬ 
bar.  Auch  im  linken  Hüftgelenk  hatte  er  schon  damals  zeitweise  Schmerzen, 
jedoch  ohne  Beeinträchtigung  seiner  Gehfähigkeit.  Eine  Badekur  im  Schwefel¬ 
bade  Kemmern  im  Sommer  1909  brachte  keine  Linderung,  eine  Röntgenauf¬ 
nahme  in  Riga  führte  zu  keiner  sicheren  Diagnose;  ein  Stützkorsett  ver¬ 
ringerte  nicht  seine  Beschwerden.  Den  Winter  1909/10  verbrachte  er  in 
St.  Remo  ohne  nennenswerte  Erleichterung.  Unterdes  machten  die  Ver¬ 
steifung  der  Wirbelsäule  und  die  Schmerzen  im  linken  Hüftgelenk  weitere 
infauste  Fortschritte.  Er  konnte  noch  längere  Spaziergänge  ausführen,  aber 
nur  kurze,  kleine  Schritte  machen.  Im  Frühjahr  1910  konsultierte  er 
v.  Bechterew  und  v.  Strümpell  und  unterzog  sich  dann  1910/11 
verschiedenen  physiko-therapeutischen  und  orthopädischen  Kuren  in  Zehlen¬ 
dorf  bei  Berlin  und  in  der  Berliner  chirurgischen  Universitätsklinik. 

Schon  im  Jahre  1913  befand  sich  der  Kranke  in  einem  bedauernswerten 
Zustande.  Die  Steifigkeit  und  Unbeweglichkeit  der  befallenen  Teile  —  der 
Wirbelsäule,  Hüftgelenke  und  des  rechten  Schultergelenkes  - —  war  schon 
damals  derartig,  dass  alle  diese  Teile  eine  zusammenhängende,  zum  Teil 
starre  Masse  bildeten.  Frei  beweglich  sind  nur  die  linke  untere  Extremität, 
vor^  der  rechten  oberen  die  Finger  und  Ellbogen-  und  Handgelenke  und  von 
den  beiden  unteren  Extremitäten  die  Zehen  und  Fussgelenke.  Die  geringen 
ihm  verbliebenen  Bewegungen  kann  er  nur  so  ausführen,  dass  er  den  Körper 
als  Ganzes  ein  wenig  dreht  und  bewegt.  Den  Kopf  hält  er  weit  vor¬ 
geschoben.  Beim  Liegen  stehen  der  Kopf'und  die  Halswirbelsäule  weit  vom 
Lager  ab  und  der  grosse  Zwischenraum  zwischen  Kopf,  Nacken  und  Unter¬ 
lage  muss  durch  untergelegte  Kissen  ausgefüllt  und  der  Nacken  dadurch 
gestutzt  werden. 

Die  Wirbelsäule  ist,  mit  Ausnahme  einer  geringen  Beweglichkeit 
im  Halsteil,  vollständig  versteift.  Die  Dornfortsätze  des  10.  bis  12.  Brust¬ 
wirbels,  sowie  des  1.  und  2.  Brustwirbels  prominieren  leicht,  bilden  einen 
flachen  Gibbus,  die  Lendenlordose  ist  ganz  aufgehoben.  An  beiden  S  y  n  - 
Chondros  es  sacro-iliacae  finden  sich  Exostosen,  an  der  rechten 
von  Haselnuss-,  an  der  linken  von  Walnussgrösse.  Die  frühere  spontane 
Schmerzhaftigkeit  der  Wirbelsäule  besteht  nicht  mehr,  die  Processus  spinosi 
sind  jedoch  noch  bei  Beklopfen  schmerzhaft.  Die  Wirbelsäule  als 
Ganzes  bildet  eine  nach  hinten  konvexe  Krümmung,  im  Brustteil  in  Form 
einer  bogigen  Kyphose.  Die  Muskulatur  des  Rückens  ist-  dünn  und  mager. 
Die  von  anderen  Autoren  angeführte  Derbheit  der  Rückenmarksmuskulatur 
ist  hier  nicht  bem’.rkbar.  Mit  besonderen  Kunstgriffen  wird  er  von  seinem 
Lager  auf  den  Rollstuhl  und  von  diesem  wieder  zurück  aufs  Lager  gebracht. 
Das  rechte  Hüftgelenk  ist  noch  in  geringem  Grade  beweglich,  das 
linke  in  einem  stumpfen  Winkel  fixiert,  so  dass  er  nicht  auf  den  Nates  auf¬ 
sitzt,  sondern  auf  den  mittleren  Partien  der  Oberschenkel  und  der  freie 
Zwischenraum  wieder  durch  Kissen  ausgefüllt  wird.  Im  linken  Hüftgelenk 
ist  nur  eine  minimale,  etwa  1  cm  weite  Adduktion  und  Abduktion  möglich. 
Zu  Zeiten  war  die  Schmerzhaftigkeit  in  diesem  Gelenk  eine  so  hochgradige, 
dass  die  leiseste  Erschütterung  irgendeines  Körperteils,  wie  beispielsweise 
das  Reichen  der  Hand  zur  Begriissung,  eine  ausserordentlich  schwere 
Schmerzattacke  auslöste.  Dabei  hatten  die  Schmerzen  zeitweise  ganz  den 
Charakter  einer  Ischias,  verliefen  in  den  Bahnen  des  Ischiadikus,  ohne  dass 
der  Nerv  selbst  auf  den  bekannten  Druckpunkten  druckempfindlich  war.  Die 
ganze  Figur  des  Kranken  lässt  sich  mit  einem  lateinischen  Z  vergleichen, 
worauf  schon  Pierre  Marie  hingewiesen  hat,  wobei  der  obere  Schenkel 
des  Z  von  der  Wirbelsäule,  der  mittlere  Teil  von  den  Oberschenkeln  und 
der  untere  Teil  von  den  Unterschenkeln  gebildet  wird,  die  sich  ebenfalls 
in  flektierter  Stellung  befinden. 

Die  Brust  ist  tief  eingefallen  und  abgeflacht;  der  frontale  und  sagittale 
Durchmesser  sind  stark  reduziert,  die  Zwischenrippenräume.  vertieft,  das 
Abdomen  wölbt  sich  kugelig  vor.  Die  Atmung  ist  vornehmlich  abdominal, 
das  Abdomen  wogt  förmlich  auf  und  ab.  während  die  kostale  Atmung  stark 
zurückgetreten  ist,  ohne  jedoch  ganz  aufgehoben  zu  sein,  wie  von  einzelnen 
Autoren  berichtet  wird.  Auffallend  flatterndes  Inspirium  ist  vorn 
rechts  hörbar,  an  den  übrigen  Teilen  normales  Atmen. 

Am  Herzen  kein  pathologischer  Befund.  Die  Muskulatur  des 
ganzen  Körpers  ist  entsprechend  der  Inaktivität  schlecht  entwickelt,  mässig 
atrophisch.  Absoluter  Schwund  der  Muskeln,  wie  etwa  im  Gefolge  der 
Heine-Medin  sehen  Krankheit  finden  wir  nirgends,  auch  nicht  an  der 
rechten  Schulter,  die  eine  Parese  aufweist,  aber  keine  wesentliche  Ver¬ 
steifung.  Das  linke  Bein  ist  dünner  und  magerer  als  das  rechte. 

Das  Nervensystem:  Von  seiten  der  Gehirnnerven  ist  nichts  Be¬ 
sonderes  zu  sagen;  Geruch.  Gehör,  Geschmack  sind  normal;  Pupillen  mittel¬ 
weit,  reagieren  träge,  Gesichtsfeldbeschränkungen  nicht  vorhanden.  Sensi¬ 
bilität  der  Haut  normal.  Die  Patellarreflexe  wesentlich  gesteigert,  besonders 
links,  desgleichen  die  Fusssohlenreflexe,  von  denen  wieder  der  linkseitige 
der  stärkere  ist.  Die  elektrische  Erregbarkeit  etwas  herabgesetzt,  aber  keine 
Entartungsreaktion.  Das  rechte  Schultergelenk  paretisch.  a>Die  nur  massige 
Atrophie  der  rechtsseitigen  Schultermuskulatur  steht  in  gar  keinem  Verhältnis 
zur  Funktionsstörung.  Der  Appetit  meist  gut.  Stuhl  etwas  erschwert, 
jedoch  regelmässig.  Harn  normal.  Die  Temperatur  war  leicht  erhöht,  zeit¬ 
weise  bis  38,0. 

Gegenwärtig  (1921),  ist  der  Prozess  vollständig  zum  Stillstand  gelangt. 
Schmerzen  sind  bereits  seit  langer  Zeit  gewichen.  Unbeweglichkeit  und 
Steifigkeit,  wie  oben  beschrieben.  Der  Kranke  verbringt  den  Tag  im  Roll¬ 
stuhl,  zur  Nacht  wird  er  mit  Hilfe  auf  das  kunstvoll  zubereitete  Lager  ge¬ 
bracht.  Geistig  hat  er  gar  nicht  gelitten;  er  beschäftigt  sich  mit  juristischen 
Arbeiten. 

In  diesem  Krankheitsbilde  interessieren  uns  mehrere  Fragen.  Ab¬ 
gesehen  von  der  pathologisch-anatomischen  Stellung,  die  wir  bereits 
kurz  berührt  haben,  in  erster  Reihe  die  Aetiologie.  Von1  heredi¬ 
tären  Momenten  könnte  in  unserem  Falle  nur  die  „Nervosität“  der 
Mutter  in  Betracht  kommen.  Wir  finden  dieses  Moment  in  seiner  neu¬ 
rotischen  Anlage,  in  seinen  Anfällen  von  Migräne,  in  seiner  grossen 
Reizbarkeit  und  Ueberempfindlichkeit.  Für  die  Entwickelung  seiner 


Grundkrankheit  kommt  aber  alles  dieses  nicht  in  Betracht.  Aehnlic 
verhält  es  sich  bei  unserem  Kranken  mit  dem  Trauma,  auf  welche 
Bechterew  so  grosses  Gewicht  legt.  Ohne  die  ätiologische  Be 
deutung  des  Traumas  für  viele  Krankheiten  herabsetzen  zu  wollen,  i; 
doch  zu  bedenken,  dass  im  Leben  jedes  Menschen  mehr  oder  wenige 
schwere  Traumen  Vorkommen,  ohne  irgendwelche  Störungen  zu  hit 
terlassen.  Auch  bei1  unserm  Kranken  finden  wir  ein  Trauma.  Ai 
einer  Schlittenfahrt  vor  Beginn  seiner  Krankheit  wurde  er  durch  da 
ruckweise  Anziehen  des  Pferdes  mit  dem  Rücken  gegen  die  Schütter 
lehne  geworfen.  Er  klagte  darnach  einige  Zeit  über  schmerzhaft 
Empfindungen  im  Rücken.  Sind  wir  berechtigt,  ein  solches  Traum; 
wie  es  im  Leben  fast  jedes  Einzelnen  vorkommt,  für  die  Entstehuri 
dieser  Krankheit  verantwortlich  zu  machen?  Marie  und  Asti 
fanden  in  einigen  Fällen  die  beiden  Momente  „Heredität“  un 
„Trauma“  so  ausgeprägt,  dass  sie  darnach  dieses  Krankheitsbi 
„erblich-traumatische  Kvphose“  nannten.  Auch  die  in  d^r  Aetjolog 
dieser  Krankheit  eine  Rolle  spielende  „Erkältung“  dürfte  kaum  in  ui 
serem  Falle  verwertet  werden.  Der  Kranke  gibt  an,  als  Student  i 
einem  kalten  Zimmer,  wo  er  beständig  fror,  gewohnt  zu  haben.  Abt 
auch  dieses  alltägliche  Vorkommnis  kann  für  die  Aetiologie  unsert 
Falles  nicht  in  Betracht  kommen.  Noch  weniger  sind  infektöse  U: 
Sachen  hier  nachweisbar:  keine  Lues,  keine  Gonorrhoe,  keine  It 
fluenza.  keine  Angina.  A  e  t  i  o  1  o  g  i  s  c  h  bleibt  dieser  Fall  g  a  n 
unaufgeklärt  Noch  ist  die  Frage  zu  erörtern,  welchem  von  be 
den  Typen  dieser  Fall  zuzuzählen  ist.  Unser  Kranker  zeigt  sowoi 
die  Symptome  des  Bechterewschen,  wie  des  Strümpell 
Marie  sehen  Typus.  Mit  Bechterew  hat  er  die  ausserordentlid 
Schmerzhaftigkeit  bei  Beginn  der  Erkrankung  gemeinsam,  ebenso  d 
ausgesprochene  Verkrümmung  der  Wirbelsäule,  die  den  Fällen  dt 
Strümpell-Marieschen  Typus  fehlt,  dagegen  ist  ihm  mit  Striimpel! 
Marie  gemeinsam  auch  das  Befallensein  der  Hilft-  und  Schulte 
gelenke,  die  zur  Nomenklatur  der  „chronisch-ankylosierenden  Entzüi 
düng  der  Wirbelsäule  und  der  Hüftgelenke“  und  zur  Bezeichnung  „Spoi 
dylosis  rhizomelica“  (von  spondylos  =  Wirbel  und  rhiza  =  Wurzel 
der  Erkrankung  der  Wirbelsäule  und  der  Wurzelgelenke  (Hüfte,  Schn 
ter)  Veranlassung  gegeben  hat. 

II.  Ein  Pendant  zu  diesem  Falle  bildet  der  folgende,  den  ich  seit  N' 
vember  1920  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte  und  der  ganz  dem  S  t  r  ü  m 
p  e  1 1  -  M  a  r  i  e  sehen  Typus  entspricht.  Es  handelt  sich  um  einen  58  jährigt 
Mann  von  grosser  Statur  und 
symmetrischem  Körperbau.  Er 
geht  mit  nach  vorn  gebeugtem 
Oberkörper,  mit  kurzen  schlei¬ 
fenden  Schritten,  wobei  er  mit 
den  Vorderteilen  der  Füsse 
auftritt.  Dieser  Gang  prägt 
sich  auch  an  den  Sohlen  seiner 
Stiefel  aus,  indem  gerade  die 
vorderen  Teile  abgenutzt  sind 
und  an  diesen  Stellen  oft  ge¬ 
flickt  werden  müssen.  Das 
rechte  Bein  zieht  er  nach. 

Auffallend  ist  die  Gerade¬ 
stellung  der  Wirbelsäule, 
indem  die  physiologischen  an- 
tero-posterioren  Krümmungen 
aufgehoben  sind.  An  Stelle 
der  physiologischen  Lenden¬ 
lordose  ist  eine  flache  Gib- 
bosität  der  Lendenwirbel  zu 
konstatieren,  und  an  Stelle 
der  physiologischen  Brust¬ 
kyphose  eine  flachvertiefte 
Lordositätderselben.  Man  sieht 
eine  lange,  vertiefte  Furche  an 
der  Brustwirbelsäule,  auf  deren 
Grund  die  Processus  spinosi 
fühlbar  sind.  Die  Verkrüm¬ 
mung  des  Rumpfes  ist  nur  eine 
scheinbare,  indem  der  Kranke 
j  beim  Gehen  die  Hüftgelenke 
gebeugt  hält.  Er  vermag  wohl 
seinen  Rumpf  gerade  aufzu¬ 
richten,  verliert  aber  dabei  das 
Gleichgewicht  und  fällt  hin, 
i  was  ihm  ohnehin  häufig  beim 
Gehen  passiert.  Der  Prozess 
!  ist  hier  ein  aszendieren- 
j  der,  hat  an  den  unteren  Par- 
]  tien  der  Wirbelsäule  begonnen  > 

1  und  steigt  allmählich  höher  Fall  2. 

hinauf,  was  auch  aus  dem 

Röntgenbild  ersichtlich  ist.  Die  unteren  Partien  der  Wirbelsäule  sind  verstei 
während  die  oberen  noch  mehr  weniger  beweglich  sind.  Die  Wirbelsäule  ist  jet 
spontan  wenig  empfindlich,  das  Beklopfen  der  Processus  spinosi  verursac 
i  überhaupt  keinen  Schmerz.  Ausser  der  Wirbelsäule  sind  auch  die  beid' 
Hüftgelenke  befallen.  Sie  sind  schmerzhaft,  versteift,  die  Bewegungen  de 
'  selben  wesentlich  verringert,  besonders  die  Abduktion.  Im  Frühjahr  19 
stellten  sich  auch  Schmerzen  und  Bewegungstörungen  in  der  rechten  Schult 
ein,  was  darauf  schliessen  lässt,  dass  der  Prozess  nun  auch  auf  die  Schulte 
gelenke  überzugehen  beginnt.  Diese  Affektion  der  Wirbelsäule,  der  Hü 
:  und  Schultergelenke  veranlasste  Pierre  Marie,  .die  Krankheit  als  Spondylot 
rhizomelica  zu  bezeichnen. 

Ferner  weist  unser  Patient  eine  Reihe  nervöser  Symptome  a 
Das  rechte  Bein  ist  atrophisch  und  paretisch.  Die  Reflexe  beider  Beine  si 
gesteigert,  insbesondere  der  linken  unteren  Extremität.  Es  bedarf  n 
'  einer  leichten  Beklopfung  der  Quadrizepssehne,  um  eine  heftige  Aeusseru 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


110 


27.  Januar  1922. 


des  Reflexes  hervorzurufen.  Ebenso  ist  der  Fussklonus  gesteigert,  wieder 
links  stärker.  Das  ßabinskiphänomen  ist  an  beiden  Füssen  festzustellen, 
namentlich  links  schön  ausgeprägt.  Auch  der  Bauchreflex  ist  gesteigert. 
F.r  leidet  auch  an  Parästhesien.  Er  hat  das  Gefühl  eines  fremden  Körpers 
zwischen  den  Fusssohlen  und  dem  Boden.  Die  Pupillen  sind  ungleich,  die 
inke  ist  etwas  weiter.  Beide  reagieren  träge  gegen  Licht. 

Diese  nervösen  Symptome  hat  unser  Fall  mit  dem  Bechterew¬ 
schen  Typus  der  Krankheit  gemeinsam,  während  sie  bei  Pierre 
Marie  und  Andre  L  e  r  i  nicht  hervorgehoben  werden. 

Die  A  e  t  ä  o  1  o  g  i  e  unseres  Falles  entspricht  aber  vollkommen  dem 
Pierre  Marie  sehen  Typus,  indem  Gonorrhöe  mit  der  grössten 
Wahrscheinlichkeit  als  Ursache  seiner  Krankheit  anzunehmen  ist.  Er 
hat  vor  16  Jahren  zum  dritten  Male  eine  rezidivierende  Gonorfhöe 
durchgemacht.  Fast  unmittelbar  daran  schloss  sich  eine  Gonitis  gonor¬ 
rhoica  dextra,  die  ziemlich  rasch  und  günstig  verlief,  keine  Versteifung 
des  Kniegelenkes,  wohl  aber  eine  Atrophie  des  rechten  Beines,  welches 
an  verschiedenen  Stellen  2 — 4  cm  dünner  als  das  linke  ist,  zurückliess. 

An  die  Gonitis  schloss  sich,  wie  der  Patient  sich  ausdrückt,  ein 
allgemeiner  Gelenkrheumatismus,  auch  der  kleinsten  Gelenke,  der  sich 
vollständig  zurückbildete,  aber  Schmerzen  in  der  Lumbo-sacro- 
coccygeal-Gegend  und  den  Hüften  zurückliess.  Diese  Erkrankung  aller 
Gelenke  ist  als  eine  gonorrhoische  aufzufassen  und  entspricht  ganz  der 
Schilderung  bei  Andre  L  e  r  i  im  2.  Band  von  Lewandowskys  Hb. 
jd.  Neurol.  S.  524 — 550.  Die  Schmerzperiode  dauerte  bei  unserem 
Kranken  sehr  lange  Zeit.  Erst  seit  2—3  Jahren  aber  sind  die  schweren 
Gehstörungen,  unter  denen  er  jetzt  leidet,  eingetreten  und  haben  sich 
besonders  im  Laufe  des  letzten  Jahres  gesteigert.  Nicht  nur  das  Gehen 
fällt  ihm  schwer,  sondern  auch  das  Sichniedersetzen  und  das  Sich- 
umdrehen  im  Stehen  und  Liegen. 

Was  die  Diagnose  dieses  Falles  betrifft,  so  kann  von  einer 
Verwechslung  mit  einer  anderen  Krankheit  kaum  die  Rede  sein.  Die 
Aetiologie,  der  Verlauf,  das  Befallensein  der  Wirbelsäule  und  der  Hüft¬ 
gelenke,  zugleich  die  nervösen  Symptome  lassen  eine  andere  Deutung 
gar  nicht  zu.  Jeder  Zweifel  wird  aber  beseitigt  durch  die  Röntgen¬ 
aufnahme  dieses  Falles.  Das  Röntgenogramm  zeigt  in  deutlichster 
Veise  die  Verknöcherung  des  Ligamentumsupraspinale, 
des  sog.  Ligamentum  apicum,  welches  die  Spitzen  der  Pro¬ 
cessus  spinosi  miteinander  verbindet,  zugleich  die  Verknöcherung  der 
antersten  Zwischenwirbelscheiben  der  Lendenwirbel  und  eine  Osteo¬ 
porose  der  Wirbel,  die,  wie  gewöhnlich,  so  auch  hier,  von 
ler  Peripherie  zum  Zentrum  fortschreitet.  Dieses  Rönt- 
;enogramm  stellt  vielleicht  ein  Unikum  dar. 
Es  zeigt  das  Charakteristische  und  Wesentliche  dieses  Pro¬ 
zesses,  die  Verknöcherung  des  Bandapparates,  in 
prägnanter  Weise.  Es  ist  eine  Verknöcherung  ohne  Hyperostose, 
ühne  Osteophytenbildung.  Dies  ist  um  so  bemerkenswerter,  als  alle 
andern  vertebralen  Erkrankungen  rheumatischer,  luetischer,  traumati¬ 
scher  und  tuberkulöser  Natur  von  der  Bildung  umfangreicher  Osteo- 
phyten  begleitet  sind.  In  der  Röntgenliteratur,  soweit  sie  mir  bis  jetzt 
zugänglich  war,  habe  ich  ein  so  schönes  Bild  einer  zusammenhängenden 
Verknöcherung  des  Bandapparates  nicht  gefunden. 

Erwähnenswert  ist  noch  aus  der  Anamnese,  dass  zugleich  mit 
ler  letzten  Gonorrhöe  auch  ein  „Ulcus  molle“  (?)  bestand.  Er  wurde 
deshalb  auch  einer  Salvarsanbehandlung  in  Petersburg  unterworfen, 
trotzdem  Wassermann  negativ  war.  Auch  eine  gegenwärtig  in 
Riga  ausgeführte  Wassermann  - Reaktion  verlief  negativ.  Am 
Herzen  ist  ein  langgezogenes  diastolisches  Geräusch  an  der  Herz¬ 
spitze  nachweisbar.  Zu  erwähnen  ist  noch,  dass  sein  einziges  Kind, 
rin  Töchterchen  von  etwa  9  Jahren,  geistig  in  der  Entwicklung  zurück¬ 
geblieben  ist. 

i  ..  Von  Interesse  ist  die  Deutung  der  nervösen  Symptome,  die  beiden 
Fällen  gemeinsam  sind  und  die  Bechterew  zur  Annahme  einer  pri¬ 
mären  Erkrankung  des  Rückenmarkes  veranlasst  haben.  Sie  lassen  sich 
.inschwer  aus  der  Reizung,  denen  die  austretenden  Rückenmarkswurzeln 
durch  die  verknöcherten  Bandmassen  (Ligam.  intercruralia  u.  flava) 
ausgesetzt  sind,  erklären.  Die  Osteoporose,  die  Entknöcherung, 
die  wir  an  dem  Röntgenbild  des  zweiten  Falles  beobachten,  soll  nach 
Andre  L  e  r  i  das  Primäre  sein  und  auf  infektiösen  Ursachen  beruhen. 
Da  nun  die  Knochen  infolgedessen  sich  abplatten  und  zusammen¬ 
fallen  würden,  so  komme  es  zu  einer  Verknöcherung  des  Bandapparates 
als  sekundärer  Vorgang,  gewissermassen  als  eine  funktionelle  Anpas¬ 
sung,  als  ausgleichender  Prozess.  Das  verknöcherte  Ligam.  apicum 
halte  demnach  die  Wirbel  zusammen,  gleichwie  die  Einsetzung  einer 
Knochenspange  zwischen  die  Processus  spinosi  der  tuberkulös  er¬ 
krankten  Wirbel  nach  A  1  b  e  e  das  Zusammenstürzen  der  Wirbel  ver¬ 
hindert. 

Therapeutisch  Hessen  sich  beide  Fälle  in  keiner  Weise  beein¬ 
flussen.  Bei  der  Schilderung  des  ersten  Falles  erwähnte  ich  bereits 
■ler  Fülle  von  therapeutischen  Massnahmen,  denen  sich  der  Patient 
Jahre  lang  unterwarf.  Hinzufügen  will  ich  noch,  dass  ich  ihn  auch 
mehrere  Zyklen  einer  diätetischen  Kur,  eine  kalkarme  Diät,  durch¬ 
machen  Hess.  Auch  im  zweiten  Fall  wurden  antisyphilitische.  anti- 
rheumatische  und  verschiedene  physikalische  Kuren  unternommen, 
Antigonokokkenserum  injiziert.  Vorübergehend  trat  bei  der  Galvanisa¬ 
tion  des  Rückens  mit  grossen  Plattenelektroden,  durch  Massage  und 
Uebungsbehandlung  der  Beine  eine  Besserung  des  Ganges  ein1,  die 
iber  nach  einigen  Wochen  dem  Status  quo  ante  wich. 

Zum  Schluss  noch  die  Frage,  ob  wir  es  mit  zwei  verschiedenen 
Krankheiten  oder  mit  zwei  Typen  derselben  Krankheit  zu  tun  haben? 
Ich  glaube,  mich  der  letzteren  Annahme  anschliessen  zu  dürfen  und 
meine,  dass  es  zu  einer  Kyphose  kommt,  falls  die  Entknöcherung  der 

Nr.  4. 


Verknöcherung  der  Bandmassen  sehr  vorauseilt,  dagegen  die  Gerad¬ 
heit  der  Wirbelsäule  zustande  kommt,  falls  die  Verknöcherung  der 
Bandmassen  mit  den  Folgen  der  Osteoporose  der  Knochen  gleichen 
Schritt  hält. 


Aus  der  orthopädischen  Universitäts-Poliklinik  München. 
(Direktor:  Geh.  Huirat  Prof.  Dr.  Fritz  Lange,  Oberarzt: 

Privatdozent  Dr.  Franz  Schede.) 

Eine  neue  Fixationsschiene  bei  Verletzungen  der  Finger¬ 
strecksehne. 

Von  Dr.  Flerbert  Alfred  Staub,  Assistenzarzt. 

Der  Abriss  der  Fingerstrecksehne  ist  in  den  letzten  Jahren  häufiger 
beschrieben  worden.  K  o  e  n  i  g  erwähnte  ihn  in  seinem  Lehrbuche 
der  Chirurgie  und  nimmt  in  dieser  Arbeit  Bezug  auf  eine  früher  von 
Busch  erfolgte  Veröffentlichung.  In  neuester  Zeit  haben  Selb  erg 
und  Graf  auf  das  Zustandekommen  des  Fingerstrecksehnenabrisses 
hingewiesen.  Der  Mechanismus  für  das  Zustandekommen  ist  nach 
Schöning,  der  Versuche  an  der  Leiche  zu  Grunde  legte:  ein 
starker  Druck  auf  den  Finger  am  Nagelgliedansatz  bei  in  Extension 
fixiertem  Interphalangealgelenk. 

Nach  Graf  kommt  er  durch  forcierten  Druck  oder  Schlag  auf  die 
gebeugten  Endglieder  bei  gestreckten  oder  häufiger  noch  halb¬ 
gestreckten  Grundgliedern  zustande. 

Graf  hat  sich  eine  derartige  Verletzung  beim  Hineinschlüpfen  mit 
der  Hand  in  den  Aermel  eines  Operationsmantels  aus  derber  Leinwand 
wand  zugezogen. 

Ich  selbst  erlitt  eine  Fingerstrecksehnendurchtrennung  durch  Einklemmung 
des  Ringfingers  der  rechten  Hand  beim  Oeffnen  einer  Trambahntüre  (Anfang 
Juni  d.  J.).  Unmittelbar  nach  dem  Unfall,  der  verhältnismässig  schmerzlos 
verlief,  stand  das  Endglied  des  Ringfingers  gegen  das  Mittelglied  in  halbem 
rechten  Winkel,  eine  Beobachtung  die  auch  Graf  gemacht  hat.  Bei  dem 
Versuche,  den  Finger  aktiv  zu  strecken,  verspürte  ich  einen  ausserordentlich 
starken,  blitzartigen  Schmerz,  der  wohl  mit  dem  Auseinanderweichen  der 
durchtrennten  Sehnenenden  zusammenhing.  Darauf  stand  das  Endglied  gegen 
das  Mittelglied  etwa  im  Winkel  von  110°  gebeugt.  Eine  vorgenommene 
Röntgenaufnahme  zeigte  eine  stecknadelkopfgrosse  Knochenabsprengung  von 
der  radialen  Partie  des  Endgliedes,  dicht  oberhalb  des  Gelenkspaltes. 

Geheimrat  Ledderhose,  den  ich  konsultierte,  riet  von  einer 
Sehnennaht  ab  mit  der  Begründung-,  dass  die  Sehnenenden  sicherlich 
völlig  aufgefasert  seien  —  eine  Ansicht,  die  nach  dem  Berichte  G  r  a  f  s 
auch  L  e  x  e  r  geäussert  hat  —  und  empfahl  Fixierung  in  Hyper¬ 
extension.  Ich  Hess  mir  darauf  eine  dorsale  Schiene  aus  Duranabronze 
anfertigen,  wie  sie  in  der  nachstehenden  Abbildung  dargestellt  ist. 


Fig.  1  veranschaulicht  das  ausgeschnittene  Duranablatt  vor  dem 
„Treiben“,  die  Zunge  d  wird  so  getrieben,  dass  sie  gegen  den  Körper  f  in 
der  punktierten  Linie  e  in  einem  Winkel  von  etwa  170°  gestellt  ist.  Die 
Oeffnung  c  liegt  über  dem  Gelenkspalt  und  ist  so  weit  zu  wählen,  als  etwa 
die  Sehnendiastase  beträgt.  Die  Flügelpaare  a  a  und  b  b  werden  zu  Ringen 
umgebogen,  ohne  jedoch  an  der  volaren  Seite  miteinander  vernietet  zu  werden. 
Die  Flügelenden,  die  als  Federn  wirken,  berühren  sich  nicht.  Die  ganze 
Schiene  wird  konkav  getrieben,  der  Rundung  des  Fingers  entsprechend. 

Auf  eine  ausreichende  Konkavität  ist  —  zur  Vermeidung  von  Druck  be¬ 
sonders  bei  dem  über  dem  Nagel  gelegenen.  Anteil  d  zu  achten. 

Fig.  2  veranschaulicht  die  fertige  Schiene  im  Profil. 

Diese  Schiene  habe  ich  während  2  Monaten  getragen.  Ich  habe 
die  Schiene  beim  Waschen,  auch  bei  feineren  manuellen  Verrich¬ 
tungen  (Gipsabgüssen  und  Verbänden)  heruntergenommen.  Ein  Her¬ 
unternehmen  wie  Wiederanziehen  der  Schiene  vollzog  sich  stets  ohne 
jegliche  Beschwerden.  In  den  ersten  Tagen  der  Benutzung  des  Appa¬ 
rates  bestand  in  den  unter  dem  Ausschnitte  c  gelegenen  Weichteil¬ 
anteilen  eine  leichte  Stauung,  die  jedoch  nicht  schmerzhaft  war.  Ich 
bin  der  Ansicht,  dass  infolge  dieser  Stauung  die  darunter  gelegenen 
Sehnenenden  zur  Proliferation  gereizt  wurden  und  so  eine  Regeneration 
der  durchtrennten  Sehne  in  die  Wege  geleitet  wurde.  Das  funktionelle 
wie  kosmetische  Resultat  ist  vorzüglich.  Ich  habe  eine  volle  aktive 
Streckung  des  Fingers  erhalten.  Nur  eine  ganz  geringe  Auftreibung 
am  radialen  Teile  des  Gelenkes  (Gegend  der  Knochenabsprengung)  lässt 
sich  bei  genauester  Betrachtung  feststellen.  Nach  etwa  einmonatlichem 
Tragen  der  Schiene  bagann  ich  täglich  mit  Massage  und  aktiven  Beuge- 
und  Streckübungen,  die  ich  etwa  einen  Monat  lang  fortsetzte.  Die 
von  mir  angegebene  und  erprobte  Schiene  hat  gegenüber  anderen 


120 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Methoden:  Lex  er:  Bindenzügel  vom  Ellenbogengelenk  her  nach  dem 
nach  oben  gebeugten  Finger.  Busch:  Gipsverband  in  Extension.  Sel- 
berg:  Däumling  mit  Schieneneinlage,  Walter:  Cramerschiene  auf 
Hohlhand,  vorn  die  Fingerkuppe  weit  überragend,  von  diesem  Ende 
aus  Heftpflasterextension  an  dem  verletzten  Finger,  Ziegler: 
Aluminiumrinne  mit  breitem  Ansatz  zur  Befestigung  in  der  Hohlhand, 
den  Vorzug  grösserer  Unbehinderung  der  übrigen  Finger  sowie  der 
Möglichkeit  einer  leichten  Abnähme  beim  Waschen. 

Die  von  Graf  angegebene  Schiene:  drei  Metallringe  durch  seit¬ 
liche  Metallbänder  miteinander  fixiert  (der  unterste  Ring  liegt  an  der 
Grundphalanx,  der  mittlere  an  Mittelphalanx,  der  oberste  umfasst  das 
verletzte  Endglied  und  zwar  so,  dass  es  in  stärkerer  Hyperextension 
gehalten  ist),  ist  für  den  Praktiker  schwerer  anzufertigen.  Ich  habe 
die  Graf  sehe  Schiene  in  der  Schede  sehen  Modifikation:  Halbring 
unter  Grundglied,  Halbring  über  Mittelglied,  Hohlrinne  unter  Endglied 
bei  einem  Kollegen,  der  6  Wochen  nach  einem  Strecksehnenabriss  am 
kleinen  Finger  der  rechten  Hand,  den  er  sich  durch  Sturz  auf  die  Hand 
beim  1  ennisspielen  zugezogen  hatte,  angewandt.  Es  bestand  eine  sehr 
schmerzhafte  beginnende  Beugekontraktur  von  etwa  136  Grad.  Infolge 
der  Beugekontraktur  war  ein  Hineinschlüpfen  in  die  eingangs  be¬ 
schriebene  Schiene  beschwerlich  —  hierdurch  ergibt  sich  gleich  eine 
Einschränkung  in  der  Indikation  meiner  Schiene,  die  ich  nur  bei 
frischen  Verletzungen  angewandt  wissen  möchte. 
Das  bei  dem  Kollegen,  der  sich  noch  in  meiner  Behandlung  befindet, 
in  6  Wochen  erreichte  Resultat  ist  eine  aktive  Beugung  im  End¬ 
glied  bis  150  Grad,  aus  dieser  Stellung  aktive  Streckung  bis  180  Grad. 

Literatur. 

Graf:  Ueber  den  Abriss  der  Fingerstrecksehnen  am  Endglied.  Naturw.- 
med.  Gesellschaft  Jena  17.  XII.  1919.  M.m.W.  1920,  Nr.  7,  S.  200.  * 
Koenig:  Lehrbuch  der  speziellen  Chirurgie.  3,  S.  317.  —  Selber  g: 
M.m.W.  1906  Nr.  14.  —  C.  Walter:  Vereinfachter  Fingerstreckverband. 
M.m.W.  1915,  Nr.  8,  Feldärztl.  Beil.  —  Ziegler:  Zur  Behandlung  der 
Fingerfrakturen.  Schweiz.  Korr. Bl.  1918  Nr.  13. 


Aus  der  II.  inneren  Abteilung  des  Auguste-Viktoria-KrankerT 
hauses  Berlin-Schöneberg.  (Dirig.  Arzt:  Prof.  Dr.  Q  las  er.) 

Ist  die  Glyzerinreaktion  nach  Gabbe  ein  Indikator  des 
Lipoidgehaltes  im  Blute  nach  Injektion  körperfremder 

Stoffe? 

Von  Dr.  med.  Bruno  Engelmann, 
Assistenzarzt  des  Krankenhauses. 

In  Nr.  43,  1921  der  M.m.W.  hat  Gabbe  [l]  Mitteilungen  gemacht 
über  regelmässige  Veränderungen  der  Lipoidmenge  des  Blutes  nach 
Injektion  körperfremder  Stoffe  und  zu  ihrer  Bestimmung  eine  Probe 
angegeben,  deren  Bedeutung  der  sog.  Kla  u  s  n  er  sehen  Reaktion  [2] 
entsprechen  soll,  die  als  Globulinfällung  aufgefasst  wird.  Man  über¬ 
schichtet  0,5  ccm  aktives,  frisches  Serum  mit  0,5  ccm  5  proz.  Glyzerin¬ 
lösung  und  liest  nach  24  stündigem  Aufenthalt  im  Brutschrank  bei  37 0 
ab.  Die  positive  Reaktion  zeigt  sich  in  einer  mehr  oder  weniger  deut¬ 
lichen  Trübung  in  der  Ueberschichtungszone  (Ringbildung).  Nach  G. 
sollen  nun  intravenöse  Injektionen  von  Kollargol,  Argoc'hrom,  Pferde¬ 
serum  etc.  in  Dosen,  die  keine  oder  nur  sehr  geringe  Temperatur¬ 
erhöhungen  hervorriefen,  regelmässig  eine  Verstärkung  der  Reaktion 
oder  Umwandlung  einer  negativen  in  eine  positive  zur  Folge  gehabt 
haben.  Dagegen  sollen  Injektionen  mit  anschliessendem  hohen  Fieber, 
Schüttelfrösten  etc.  eine  Abschwächung  der  Reaktion  bewirkt  haben 
mit  Negativwerden  einer  vorher  positiven  Reaktion,  event.  mit  nach¬ 
folgender  Verstärkung  der  Reaktion  über  die  ursprüngliche  Stärke  hinaus. 

Verfasser  gibt  am  Schlüsse  seiner  Arbeit  der  Hoffnung  Ausdruck, 
diese  Probe  werde  sich  zur  Kontrolle  der  therapeutischen  Wirkung 
und  zur  Feststellung  der  geeigneten  Dosierung  der  für  die  „Reiz¬ 
therapie“  empfohlenen  Mittel  eignen. 

Bei  dem  Bedürfnis  nach  einer  Massmethode,  das  sich  bei  den 
mannigfachen  und  immer  zahlreicher  werdenden  Anwendungsmöglich¬ 
keiten  der  Reiztherapie  immer  bemerkbarer  macht,  nahmen  wir  diese 
Anregung  an  und  machten  nun  unsererseits  diesbezügliche  Versuche. 

Die  Angabe  Gabbes,  dass  die  Ernährung  am  Injektionstage 
knapp  und  fettarm  gehalten  wurde,  veranlasste  uns  zunächst  zu  einer 
Reihe  von  Versuchen,  die  in  naher  Beziehung  zu  Untersuchungen 
standen,  die  auf  der  hiesigen  Abteilung  schon  vorher  längere  Zeit 
betreffend  Trübung  des  Serums  nach  oraler  Fettzufuhr  angestellt 
worden  waren.  Wie  schon  vorher  angenommen  und  durch  Versuche 
im  Dunkelfeld  [3l  bestätigt  wurde,  beruhte  diese  Trübung  auf  Anhäufung 
massenhafter,  feinster  Fettstäubchen  im  Blutserum. 

Wir  entnahmen  im  nüchternen  Zustande  Serum,  gaben  dann  eine 
Fettmahlzeit  mit  30 — 50  g  Fett  und  entnahmen  nach  2 — 3  Stunden  aber¬ 
mals  Serum.  Mit  beiden  Sera  nahmen  wir  dann  die  Ueberschichtungs- 
probe  vor.  Von  den  23  Fällen  mit  den  verschiedensten  Krankheiten 
(Angina,  Erysipel,  abgelaufener  Scharlach,  Diphtherie.  Lues  II,  Gonor¬ 
rhöe,  Pleuritis)  war  bei  16  das  Resultat  klar  und  eindeutig.  Das 
in  nüchternem  Zustande  entnommene  Serum  war  völlig  klar,  das  Serum 
nach  der  Fettmahlzeit  deutlich,  mehr  oder  weniger,  getrübt.  Bei  dem 
klaren  Serum  war  die  Glyzerinreaktion  einwandfrei  negativ,  bei  dem 
trüben  zeigte  sich  an  der  Grenzschicht  von  Serum  und  Glyzerin  eine 
deutliche  Trübung. 

In  einem  Falle  fiel  der  Versuch  negativ  aus,  in  3  Fällen  wurde 
durch  Hämolyse  die  Kontrolle  erschwert. 


Beachtenswert  sind  die  3  letzten  Fälle;  hier  handelte  es  sich  um 
ikterische  Kranke.  Vor  und  nach  der  Fettmahlzeit  waren  hier  die  Sera 
klar  und  bei  allen  fehlte  bei  der  Ueberschichtungsprobe  jede  Ring¬ 
bildung.  Der  Grund  ist  einleuchtend:  Die  gestörte  Fettverdauung  und 
-resorption. 

Blieben  wir  unter  der  oben  genannten  Fettmenge,  etwa  20  g  und 
weniger,  so  blieben  Trübung  und  positive  Glyzerinreaktion  aus. 

Im  Anschluss  an  diese  Versuche  gingen  wir,  uns  genau  an  die  An¬ 
gaben  von  Gabbe  haltend,  dazu  über,  das  Verhalten  der  Serumschicht¬ 
probe  nach  Injektion  körperfremder  Stoffe  zu  prüfen. 

Wir  haben  die  Probe  75  mal  angestellt  und  zwar  nach  Injektionen 
von  2  ccm  2  proz.  Kollargol  und  3—5  ccm  3  proz.  Kollargol  intravenös 
10  ccm  10  proz.  Kochsalzlösung,  Milch  5—10  ccm  intramuskulär. 
10—15  ccm  Pferdeserum  intravenös,  Yatren-Kasein  (stark)  1—5  ccm 
intramusk.,  Caseosan  0,5 — 1  ccm  intravenös,  Fulmargin  1  ccm  intravenös. 

Die  Einspritzungen  wurden  bei  den  verschiedensten  Krankheiten  vor¬ 
genommen,  bei  Angina,  Erysipel,  Skarlatina,  Diphtherie,  Ruhr,  Basedow, 
Paralysis  agitans,  Ischias,  Enzephalitis,  Kokainvergiftung,  Tuberculosis 
pulmonum,  Pleuritis  exsudativa.  Urtikaria,  Impetigo,  Ekzem,  Skabies, 
Furunkulose,  Pneumonie,  Paranephritis,  Zystitis,  Pyelitis,  Vitium  cordis, 
Cholelithiasis,  Ikterus,  Gonorrhöe.  Lues  I  und  II,  Monarthritis  gonor¬ 
rhoica,  Polyarthritis  rheumatica,  Stomatitis,  Arthritis  deformans.  Con¬ 
junctivitis  phyktaenulosa,  Kohlenoxydvergiftung. 

Die  Versuchsanordnung  war  folgende: 

In  den  ersten  Versuchsreihen  wurde  in  jedem  Fall  vor  und  2  bis 
3  Stunden  nach  «der  Injektion  Serum  entnommen  und  mit  beiden  Sera 
die  Reaktion  angestellt;  bei  den  folgenden  blieb  zwecks  weiterer  Kon¬ 
trolle  die  Entnahme  vor  der  Einspritzung  fort  und  statt  dessen  fanden 
noch  weitere  Serumentnahmen  nach  4 — 18 — 24  Stunden  nach  der  In¬ 
jektion  statt.  Die  Patienten  blieben  am  Tage  der  Injektion,  bis  zur 
letzten  Serumentnahme,  nüchtern  oder  erhielten  Tee.  Nur  bei  den 
Serumentnahmen  nach  24  Stunden  bekamen  die  Patienten  Tee  und 
Schleim,  die  Blutentnahme  erfolgte  am  anderen  Morgen  nüchtern. 

Die  Nahrung  war  also  immer  fettfrei,  nicht  „fettarm“,  wie  bei  den 
Versuchen  von  Gabbe. 

Im  einzelnen  wurden  die  Serumentnähmen  wie  folgt  vor- 
genommen:  Bei  den  34  Kollargolinjektionen,  darunter  2  mit  3 
und  5  ccm  3  proz.  Kollargol,  20  mal  2 — 3  Stunden,  14  mal  4  resp 
24  Stunden  nach  den  Einspritzungen,  bei  den  22  Injektionen  von 
Yatren-Kasein  (stark)  4  mal  2  und  4  Stunden,  3  mal  24  Stunden  nac 
denselben,  sonst  immer  2—3  Stunden  nach  der  Injektion.  Bei  allen 
anderen  Einspritzungen  immer  2 — 3  Stunden  nach  diesen. 

Wir  gelangten  so  zu  folgendem  Ergebnis:  In  4  Fällen  war  die 
Glyzerinreaktion  deutlich  positiv,  in  3  Fällen  schwach  positiv,  4  mal 
wegen  Hämolyse  und  anderweitig  bedingten  Trübungen  des  Serums 
zweifelhaft,  ln  allen  anderen  Fällen  fiel  die  Ueberschichtungsprobe  mit 
Glyzerin  einwandfrei  negativ  aus,  d.  h.  die  Ueberschichtungszone  blieb 
von  Trübung  völlig  frei,  es  bildete  sich  kein  Ring. 

Erhöhte  Temperaturen  und  Allgemeinreaktionen  fehlten  zum  Teil, 
zum  Teil  waren  sie  nur  in  geringem  Masse  vorhanden, 

Nur  in  8  Fällen  traten  stärkere  Allgemeinreaktionen,  Temperatur¬ 
anstiege  bis  40,4  und  Schüttelfröste  auf.  Einmal  nach  5  ccm  Yatren- 
Kasein  (stark)  intramuskulär  bei  Erysipel,  2  mal  nach  3  und  5  ccm 

3  proz.  Kollargol  bei  Angina,  die  übrigen  Male  nach  2  ccm  2  pro 
Kollargol  bei  Nephrolithiasis,  Polyarthritis  rheumatica,  Pneumonie, 
Pyelitis  und  Erysipel. 

Von  den  oben  genannten  4  positiven  Reaktionen  waren  2  unter 
diesen  eben  angeführten  Fällen.  In  dem  einen,  einem  Erysipel,  war  das 
Serum  vor  der  Injektion  von  5  ccm  Yatren-Kasein  (stark)  völlig  klar, 

4  Stunden  nach  derselben,  nach  Temperaturabfall,  war  dasselbe  deut¬ 
lich  getrübt  und  zeigte  deutliche  Ringbildung. 

In  dem  anderen  Falle,  einer  Polyarthritis  rheumatica,  war  das 
Serum  vor  der  Injektion  von  2  ccm  2  proz.  Kollargol  deutlich,  die  2  und 
4  Stunden  nach  der  Einspritzung  entnommenen  Sera  waren  leicht  ge¬ 
trübt,  bei  den  beiden  letzteren  bildete  sich  in  der  Ueberschichtungszone 
deutliche  Trübung. 

Bei  den  6  übrigen  Versuchen  fand  die  Serumentnahme  1  ma 
ca.  3  Stunden  nach  der  Einspritzung  statt,  1  mal  K  Stunde  nach  dein 
Schüttelfrost,  die  anderen  Male  nach  abgefallener  Temperatur  und 
Rückgang  der  Allgemeinerscheinungen.  Stets  waren  alle  Sera  klar  und 
bei  keinem  liess  sich  eine  positive  Reaktion  erzielen. 

Auch  in  allen  anderen  Fällen  waren  die  Sera,  ob  vor  ob  nach  der 
Injektion,  klar,  mit  Ausnahme  von  2  Versuchen,  wo  nach  2  ccm  2  proz 
Kollargol  die  Sera  leicht  getrübt,  aber  keine  positive  Glyzerinreaktion 
aufwiesen. 

Zusammenfassung. 

1.  Nach  Fettmahlzeit  mit  30 — 50  g  Fett  wird  das  Serum  trübe  und 
zeigt  bei  der  Ueberschichtung  mit  Glyzerin  an  der  Grenzzone  einen 
deutlichen  Ring. 

2.  Nach  Injektion  körperfremder  Stoffe  bei  fettfreier  Kost  tritt  fast 
niemals  eine  positive  Glyzerinreaktion  auf. 

3.  Es  ist  als  sicher  anzunehmen,  dass  die  positive  Glyzerinreaktion 
mit  der  Fettaufnahme  zusammenhängt,  also  nicht  als  Indikator  für  den 
wechselnden  Lipoidgehalt  im  Serum  gelten  kann. 

4.  Die  Ueberschichtungsprobe  mit  5  proz.  Glyzerinlösung  ist  dahe 
als  Dosierungsmethode  nicht  anwendbar. 


Literatur. 

1.  Gabbe:  M.m.W.  1921  Nr.  43.  —  2.  Klausner:  Biochem.  Zscln 
1912  Nr.  47.  — -  3.  Br  ule  und  Lu  mi  er  re:  Soc.  medical,  des  hbpit. 
de  Paris,  1910,  23.  Dez. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Aus  der  psychiatrischen  Klinik  in  Heidelberg. 

lieber  eine  neue  Spirochätendarstellung  im  Gefrierschnitt. 

Von  Q.  Steiner. 

Out  in  Formol  fixiertes  Material  wird  1  Stunde  in  fliessendem 
Wasser  ausgewaschen  und  Gefrierschnitte  von  10 — 20  Dicke  her¬ 
gestellt.  Die  Schnitte  werden  in  destilliertem  Wasser  ausgewaschen 
und  kommen  dann  einzeln  in  ein  Schälchen  mit  10  proz.  alkoholischer 
(angesetzt  mit  96  proz.  Alkohol)  Mastixlösung.  Die  Mastixlösung  darf 
nicht  trübe  sein  und  soll  nicht  zu  jung  sein.  Von  dem  Schnitt 
gehen  in  der  Mastixlösung  weisslich-wolkige  Schlieren  ab.  die  sich 
in  der  Mastixlösung  wieder  vollkommen  lösen  müssen.  Der  Schnitt 
darf  keine  Flecken  haben,  und  muss  überall  durchscheinend  sein.  In 
dieser  Mastixlösung  wird  der  Schnitt  höchstens  1 — 2  Minuten  gelassen, 
kommt  dann  in  eine  grosse  Schale  destillierten  Wassers,  wird  in  dieser 
etwas  hin-  und  hergeschwenkt  und  sofort  in  eine  weitere  Schale  destil¬ 
lierten  Wassers,  die  nicht  mehr  milchig  getrübt  sein  darf,  gebracht. 

Derartig  vorbehandelte  Schnitte  kommen  in  eine  0,1  proz.  Silber¬ 
nitratlösung  auf  24  Stunden  in  den  Brutschrank  bei  37  °.  In  die  Schale 
mit  Silbernitratlösung  können  einige  Schnitte,  aber  nicht  mehr  als  6  zu¬ 
sammen  verbracht  werden.  Kurzes  Auswaschen  in  heissem  destil¬ 
lierten  Wasser  (2  Minuten).  Die  Schnitte  kommen  in  eine  Mastix¬ 
lösung,  die  jedesmal  folgendermassen  hergestellt  wird:  Von  der  obigen, 
10  proz.,  alkoholischen  Stammlösung  entnimmt  man  mit  der  Pipette 
1  ccm,  gibt  10  ccm  96  proz.  Alkohol  dazu  und  fügt  nun  langsam  tropfen¬ 
weise  20 — 30  ccm  destillierten  Wassers  hinzu.  Die  Lösung  muss  dick- 
milchig  aussehen,  man  stellt  sie  am  besten  in  einem  Messzylinder  her. 
In  dieser  Lösung  bleiben  die  Schnitte  10  Minuten.  Kurzes  Auswaschen 
in  destilliertem  Wasser.  Uebertragen  in  eine  5  proz..  unmittelbar 
vorher  hergestellte  filtrierte  Hydrochinonlösung.  Die  Lösung  des 
Hydrochinons  muss  mit  kaltem  destillierten  Wasser  gemacht 
werden.  In  der  Hydrochinonlösung  bleiben  die  Schnitte  4 — 6  Stunden. 
Gründliches  Auswaschen  in  mehrfach  gewechseltem  destillierten 
Wasser.  Ansteigende  Alkoholreihe  —  Einbettung  in  Kanadabalsam. 
Kurz  zusammengefasst  gestaltet  sich  daher  die  Methode  wie  folgt: 

1.  Einlegen  für  1 — 2  Minuten  in  10  proz.  alkoholische  (96  proz.) 
Mastixlö'sung. 

2.  Kurz  destilliertes  Wasser  1  mal  gewechselt. 

3.  Einlegen  für  24  Stunden  bei  37  0  in  0,1  proz.  Silbernitratlösung. 

4.  Kurzes  Auswaschen  in  heissem  destillierten  Wasser. 

5.  Einlegen  für  10  Minuten  in  eine  milchige  Mastixlösung  (1  ccm 
Stammlösung  +  10  ccm  96  proz.  Alkohol  +  20 — 30  ccm  dest. 
Wasser. 

6.  Kurzes  Abspülen  in  destilliertem  Wasser. 

7.  Einlegen  für  4 — 6  Stunden  in  eine  frisch  bereitete,  5  proz. 
Hydrochinonlösung. 

8.  Gründliches  Auswaschen  in  mehrfach  gewechseltem  destillierten 
Wasser. 

9.  Alkoholreihe.  Karbolxylol,  Xylol.  Kanadabalsam. 

Bei  der  Ausarbeitung  der  Methode  hatten  mich  in  dankenswerter 
Weise  Herr  cand.  med.  Strauss  und  Frl.  Hof,  Laborantin,  unter¬ 
stützt. 


Aus  der  Klinik  für  Gemüts-  und  Nervenkrankheiten  in  Tübingen. 

(Prof.  Gau  pp.) 

Die  Anthropologie  und  ihre  Anwendung  auf  die  ärzt¬ 
liche  Praxis1). 

Von  Privatdozent  Dr.  Ernst  Kretschmer. 

Naturwissenchaftliche  Probleme  können  mehr  mit  anschaulich¬ 
beschreibenden  oder  mehr  mit  mathematisch-berechnenden  Methoden 
angefasst  werden.  Für  die  morphologische  Systematik  in  Botanik  und 
Zoologie  ist  bis  heute  vorwiegend  die  anschaulich-beschreibende  Me¬ 
thode  üblich.  Ebenso  ist  die  medizinische  Diagnostik  von  vornherein 
vorzugsweise  auf  der  anschaulichen  Beschreibung  aufgebaut.  Malende 
Ausdrücke,  wie  „hebender  Spitzenstoss“,  „schabende  Geräusche“,  „fass¬ 
förmiger  Thorax“  bilden  ihr  Grundgerüst.  Sie  sind  prägnant  genug  für 
den,  der  geschulte  Sinnesorgane  hat.  Man  berechnet  die  Krankheiten 
nicht,  sondern  man  beschreibt  sie. 

Nun  sind  wir  bei  der  Frage:  Wie  kommt  es,  dass  die  Anthropo¬ 
logie  trotz  ihrer  grossen  Wichtigkeit,  trotz  der  vorbildlichen  Gründ¬ 
lichkeit  und  Sorgfalt  ihrer  Vertreter  bisher  bei  den  klinischen  Medi¬ 
zinern  so  wenig  Aufnahme  gefunden  hat?  Hier  müssen  wir  dasselbe 
Zitat  heranziehen,  das  neulich  W.  Scheidt  hier  in  seinem  Aufsatz 
über  „Anthropometrie  und  Medizin“  verwendete:  „Wenn  jemand  von 
Mathematik  und  Physik  nicht  mehr  beherrscht,  als  die  einfachen  tri¬ 
gonometrischen  Funktionen  und  das  Hebelgesetz,  darf  er  es  nicht 
wagen,  mit  Mass  und  Zahl  an  die  Analyse  eines  Organismus  hcrau- 
zutreten.“  Bei  diesen  Worten  sehen  wir.  wie  es  in  den  Kreisen  der 
klinischen  Mediziner  sich  bedenklich  lichtet.  Denn  ihre  Erinnerungen 
an  die  Trigonometrie  sind  meist  etwas  verschwommen. 

Also:  wer  der  Anthropologie  Boden  in  der  klinischen  Medizin 
gewinnen  will,  darf  die  Mathematik  nicht  an  den  Eingang"  stellen. 

Der  klinische  Konstitutionsforscher  tritt  an  das  Körperbauproblem 

1)  Zu  dem  Aufsatz  von  W.  Scheidt:  Anthropometrie  und  Medizin. 

M.m.W.  1921  S.  1653. 


121 


mit  seinen  gewohnten  ärztlichen  Methoden,  also  von  einer  ganz  anderen 
Seite  heran:  er  will  sehen  und  tasten,  er  beobachtet  und  beschreibt 
dann  mit  Worten,  möglichst  anschaulich  und  genau.  Er  unterschätzt 
daneben  den  Wert  von  Mass  und  Zahl  durchaus  nicht.  Aber  die 
Messung  ist  für  ihn  nicht  der  Ausgangspunkt  für  mathematische  Be¬ 
rechnungen,  die  nur  der  anthropologische  Spezialist  leisten  kann;  son¬ 
dern  sie  ist  für  ihn  hauptsächlich  Kontrolle  dessen,  was  er  zuerst  ge¬ 
sehen  und  getastet  hat.  Annäherungswerte  genügen  ihm  für  diese 
Kontrollmessungen,  so  wie  sie  ihm  für  die  Aufzeichnung  seiner  per¬ 
kutorischen  Herz-  und  Lungengrenzen  auch  genügen. 

Dazu  kommt  ein  weiteres:  der  psychiatrische  Praktiker  könnte  die 
anfhropometrische  Messtechnik  nicht  einfach  für  seine  Zwecke  über¬ 
nehmen,  auch  wenn  er  dies  wollte.  Wir  sehen  hier  ganz  von  dem 
Kostenpunkt  ab,  der  heute  viele  Privatärzte,  kleinere  Institute  und 
Heilanstalten  bestimmt  von  Körperbauuntersuchungen  abhalten  würde, 
wenn  man  ihnen  zuerst  die  Beschaffung  eines  vollständigen  anthropo¬ 
logischen  Bestecks  zumutete;  auch  solche  Gesichtspunkte  muss  der¬ 
jenige  berücksichtigen,  der  das  Interesse  für  Körperbauuntersuchung 
in  weitere  ärztliche  Kreise  bringen  will.  Vor  allem  aber  verlangt  die 
Eigenart  des  psychiatrischen  Krankenmaterials  nach  Vereinfachung  des 
Instrumentariums.  Wenn  man  stundenlang  allein  in  unruhigen  Wach¬ 
sälen  arbeiten  muss,  so  kann  man  nicht  beständig  über  mehrere  Instru¬ 
mente  wachen,  damit  sie  nicht  zu  Selbstmord,  Zerstörung  oder  Unfug 
missbraucht  werden;  andere  Patienten  wieder  werden  schwierig  und 
misstrauisch,  wenn  sie  ein  grösseres  Instrumentarium  sehen;  sie  ver¬ 
bitten  sich,  dass  man  sie  „zum  Versuchskaninchen  verwendet“.  Des¬ 
halb  wurden  meine  Untersuchungen  zu  „Körperbau  und  Charakter“ 2) 
nur  mit  Tasterzirkel  und  Bandmass  ausgeführt,  was  verschiedene  tech¬ 
nische  Modifikationen  notwendig  machte.  Genauere  Anleitung  für  die 
Masstechnik  wurde  vermieden,  vielmehr  nur  das  nötigste  in  Stich¬ 
worten  angedeutet.  Der  Leser  soll  nicht  anthropologische  Technik 
aus  dem  Buch  lernen,  sondern  sie  in  den  einschlägigen  Fachbüchern, 
speziell  dem  bekannten  Hauptwerk  von  Martin  selbst  studieren. 
Es  soll  nur  in  den  flüchtigsten  Umrissen  angedeutet  werden,  in  wel¬ 
chen  Stücken  der  psychiatrische  Praktiker  die  offizielle  anthropologische 
Technik  für  seinen  klinischen  Gebrauch  zweckmässig  modifizieren  und 
ergänzen  kann;  deshalb  wurde  in  der  Hauptsache  nur  auf  die  Technik 
der  anschaulichen  Beschreibung  etwas  näher  eingegangen,  weil  sie  in 
der  anthropologischen  Literatur  vom  Standpunkt  des  Klinikers  aus 
oft  viel  zu  kurz  kommt;  denn  die  Reichweite  der  wörtlichen  Beschrei¬ 
bung  ist  viel  grösser,  als  die  der  Messung.  Im  übrigen  handelt  das 
Buch  nicht  von  der  Technik,  sondern  von  den  Problemen  selbst. 

Es  sei  aber  ausdrücklich  betont,  dass  unsere  klinische  Art  der 
Köroerbauuntersuchune  ilner  ganzen  Anlage  nach  nicht  für  subtile  Be¬ 
rechnungen  und  Vergleichungen  bestimmt  ist.  Wir  sind  vielmehr  mit 
Scheidt  der  Ansicht,  dass  man  sich  hierfür  grundsätzlich  streng 
an  das  anthropologische  Schema  halten  soll.  Wir  hoffen  auch,  dass  es 
auf  Grund  unserer  klinischen  Vorarbeiten  bald  möglich  werden  wird, 
für  die  konstitutionelle  Typenforschung  exaktere  zahlenmässige  Formu¬ 
lierungen  zu  finden;  dies  kann  aber  nur  unter  freundlicher  Mithilfe  der 
Fachanthropologen  geschehen. 

Wir  benutzen  also  diese  Gelegenheit,  nicht  um  gegen  die  Anthropo¬ 
logie  zu  polemisieren  oder  gar  sie  gering  zu  schätzen,  vielmehr  jeden 
für  klinische  Konstitutionsprobleme  Interessierten  nachdrücklich  auf 
sie  hinzuweisen.  Für  die  Technik  ist  das  Lehrbuch  von  R.  Martin 
grundlegend.  Aber  auch  die  anthropologischen  Probleme  selbst,  vor 
allem  die  Rassen-  und  Rassenkreuzungsprobleme  werden  von  dem 
klinischen  Konstitutionsforscher  immer  mehr  in  seinen  Gesichtskreis 
gezogen  werden  müssen;  wir  erinnern  hier  nur  an  die  hochinteressan¬ 
ten  Untersuchungen  von  Eugen  Fischer  über  die  Rehoboter  Bastards, 
auch  an  seinen  gedrängten  Üeberblick  über  die  anthropologische  Rassen¬ 
lehre  in  der  Erblichkeitslehre  und  Rassenhygiene  von  Baur- 
Fischer-Lenz. 

Die  Wissenschaft  vom  Menschen  ist  ein  zu  zentrales  und  um¬ 
fassendes  Problem,  als  dass  wir  sie  durch  Rivalitäten  zwischen  den 
Einzeldisziplinen  oder  durch  zunftniässige  Einzelkritik  in  ihrem  Auf¬ 
blühen  hemmen  möchten.  Zusammenarbeit  aller,  unter  einem  weiten, 
biologischen  Gesamthorizont  muss  unser  Leitgedanke  sein. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Rostock. 
(Direktor:  Geheimrat  M ü  1 1  e r.) 

Zur  Kritik  der  Tiefendosimetrie. 

(Zugleich  eine  Entgegnung  auf  die  Publikationen  der  Herren 
Mühlmann  und  Stettner  in  Nr.  41  und  48,  1921  ds.  Wschr.) 
Von  Privatdozent  Dr.  Lehman  n- Rostock: 

In  Nr.  41/1921  der  M.m.W.  beschreibt  Mühl  mann  eine  Zelluloid¬ 
schablone  zur  genauen  Auswertung  der  Tiefendosis;  in  Nr.  48  empfiehlt 
Stettner  auf  Grund  seiner  Erfahrungen  mit  einem  gleichartigen 
Modell  die  M  ü  h  1  m  a  n  n  sehe  Methode  angelegentlichst. 

Vor  fast  2  Jahren  habe  ich  in  Nr.  14/1920  dieser  Wochenschrift  ganz 
genau  dieselbe  Schablone  für  den  gleichen  Zweck  bereits  beschrieben. 
Fast  gleichzeitig,  2  Tage  nach  Erscheinen  meiner  Publikation,  brachte 
Holfelder  auf  dem  Röntgenkongress  seinen  Felderwähler  heraus, 
der  —  ebenfalls  eine  Schablone  —  mit  den  bekannten,  sehr  originellen 
Hilfsmitteln  ausgestattet,  dem  beabsichtigten  Zweck,  einer  möglichst 


~)  Berlin,  Springer  1922  (2.  Aufl.). 


5* 


122 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


genauen  Feststellung  der  Tiefendosis,  zweifellos  am  besten  gereclit 
wird.  Meiner  Schablone  gegenüber  hat  er  nur  den  Nachteil,  dass  er 
ungleich  komplizierter  herzustellen  ist.  Der  Gedanke,  mit  Hilfe  solcher 
Schablonen  die  technischen  Schwierigkeiten  in  der  Erfüllung  der  von 
Freiburg  und  Erlangen  ausgehenden  Regeln  der  Tiefentherapie  zu  über¬ 
winden,  lag  also  damals  in  der  Luft. 

Wie  ich  aus  den  Abbildungen  in  Holfelders  Arbeit  in  Band  12 
der  Strahlentherapie  schliessen  darf,  hat  er  den  ursprünglichen  Fehler, 
dass  er  die  Abnahme  der  Tiefendosis  nach  dem  Rande  des  Strahlen¬ 
kegels  zu  nicht  berücksichtigte,  inzwischen  beseitigt.  In  Mühl- 
manns  Abbildungen  taucht  der  Fehler  erneut  auf.  Wenn  man  sich 
bemüht,  technisch  so  genau  wie  möglich  zu  dosieren,  muss  aber  auch 
dieser  Fehler  vermieden  werden;  er  kann  zu  Unterdosierungen  führen. 

Die  von  Stettner  empfohlenen  Gradmesser  am  Röhrentopf 
haben  wir  zugleich  mit  der  Strahlenkegelschablone  eingeführt.  Ohne 
diese  Vorrichtung  wird  die  Genauigkeit  der  Berechnung  auf  der  Skizze 
illusorisch.  Es  wäre  daher  gut,  wenn  die  betreffenden  Firmen  ihre 
Röntgenstative  gleich  mit  solchen  Gradmessern  ausstatteten.  An  der 
Gabel  des  normalen  Wintzstativs  von  Reiniger,  Gebbert  &  Schall  ist 
es  bereits  geschehen. 

Leider  steht  —  gestehen  wir  es  ehrlich  —  diese  ganze  mühevoll 
aufgebaute  Exaktheit  in  der  technischen  Durchführung  der  Tiefen¬ 
therapie  auf  noch  recht  schwankendem  Boden:  Der  menschliche  Körper 
ist  eben  kein  vierkantiges  Wasserphantom  aus  einer  homogenen  Masse 
mit  geraden  Begrenzungsflächen. 

Die  Gynäkologen  haben  es  da  noch  am  leichtesten:  ihr  Objekt 
kommt  tatsächlich  den  Verhältnissen  des  Wasserkastens  am  nächsten. 
Vielleicht  ist  das  einer  der  Gründe  ihrer  Erfolge.  Die  unebenen  Be¬ 
grenzungsflächen,  die  exzentrische  Lage  bei  den  chirurgischen  Tumoren 
lassen  sich  z.  T.  durch  entsprechende  Paraffinstücke,  die  wir  mit  Papp¬ 
hülsen  einfach  dem  Bestrahlungstubus  aufsetzen,  oder  durch  Bolus¬ 
säckchen  korrigieren.  Viel  bedenklicher  sind  aber  die  Unregelmässig¬ 
keiten,  die  starre  Lufträume  (Kehlkopf  und  Luftröhre,  Lungen,  Gas¬ 
blasen  der  Intestina)  in  die  Rechnung  hineintragen.  Gelegentliche  ionto- 
quantimetrische  Stichproben  am  Lebenden  zeigten  mir  ganz  erhebliche 
Abweichungen  von  unserer  Rechnung. 

Mangel  an  Zeit  hinderte  mich  bisher,  diesen  Fehlern  genauer  nach¬ 
zugehen,  denn  die  Iontoquantimetermessungen  am  Lebenden  sind  sehr 
umständlich  und  zeitraubend;  sie  müssen  aber  gemacht  werden.  Aber 
selbst  wenn  auch  diese  Schwierigkeiten  überwunden  wären  und  wir 
wirklich  exakt  dosieren  könnten,  wäre  das  Problem  der  Tumoren¬ 
bestrahlung  nicht  annähernd  gelöst.  Biologische  Objekte  lassen  sich 
nun  mal  leider  nicht  nach  den  schönen  klaren  Gesetzen  der  Physik  be¬ 
handeln.  Das  ist  eine  Tatsache,  die  manchem  Mediziner  immer  und 
immer  wieder  gesagt  werden  muss  —  nicht  bloss  in  der  Strahlen¬ 
therapie!  Und  die  Strahlentherapie  ist  doch  letzten  Endes  kein  physi¬ 
kalisches,  sondern  ein  biologisches  Problem.  Karzinom-  und  Sarkom¬ 
dosis  waren  ein  schöner  Traum,  den  wohl  die  Mehrzahl  der  chirur¬ 
gischen  Strahlentherapeuten  längst  ausgeträumt  hat.  Die  Feststellung 
dieser  Tatsache  ist  kein  Novum,  sie  ist  aber  erst  recht  kein  Freibrief 
für  ein  sinnloses  Drauflosbestrahlen.  Nur  die  exakte  Tiefendosierung 
kann  uns  den  sicheren  Boden  geben,  auf  dem  weitere  Fortschritte  in 
der  Klärung  der  biologischen  Fragen  der  Tumortherapie  zu  erstreben 
sind.  Wieviele  unserer  Hoffnungen  wir  dann  zu  Grabe  tragen  werden, 
wie  oft  das  Karzinom  und  nicht  wir  Sieger  bleiben,  müssen  wir  ab- 
warten.  Es  gehört  aber  nicht  viel  Prophetengabe  dazu,  um  zu  sagen, 
dass  wir  unsere  Hoffnungen  in  recht  bescheidenen  Grenzen  halten 
müssen. 


Aus  dem  hygienischen  Institut  der  Universität  Graz. 
(Vorstand:  Hof  rar  Prof.  Dr.  W.  Prausnitz.) 

Ueber  Komplementkonservierung. 

(Zu  dem  Artikel  von  Dr.  K  a  r  1  K 1  e  i  n  in  Nr.  45,  1921  ds.  Wschr. 
Von  Priv.-Doz.  Dr.  phil  etmed.  JohannHammerschmidt 

Zu  dem  Vorschlag  (M.m.W.  1920  Nr.  48),  Ersparungen  bei  der 
Durchführung  der  WaR.  durch  Konservierung  des  Komplementserums 
mittels  Zusatz  von  10  Proz.  Natrium  aceticum  zu  erzielen,  verhält  sich 
Klein  ablehnend,  da  nach  seinen  Untersuchungen,  trotz  erhaltener 
lytischer  Fähigkeit  des  konservierten  Komplements  im  Vorversuch, 
beim  Hauptversuch  manchmal  1.  Neigung  zu  negativem  Reaktions¬ 
ausfall  bei  positiven  Kontrollseren.  2.  Neigung  zu  unspezifischer  Hem¬ 
mung  bei  über  7  Tage  altem  Komplement  zu  konstatieren  sei.  Ersteres 
erklärt  er  sich  durch  bakterielle  Verunreinigung  des  konservierten  Kom¬ 
plements  und  dadurch  zustande  kommende,  vom  Komplement  un¬ 
abhängige  Wirkung,  letzteres  durch  einfachen  Komplementschwund. 

Wir  haben  in  unserer  Untersuchungsstelle  seit  mehr  als  einem  Jahre 
die  erwähnte  Komplementkonservierung  mit  vollkommen  zufrieden¬ 
stellendem  Erfolge  in  Gebrauch;  wir  sind  dadurch  in  der  Lage,  in  jeder 
Woche  einen  zweiten  Untersuchungstag  einzuschalten,  ohne  ein  neues 
Meerschweinchen  opfern  zu  müssen.  Die  von  Klein  erwähnten 
Uebelstände  konnten  wir  trotz  eingehender  Beobachtung  vor  der  Ein¬ 
führung  der  Neuerung  und  auch  während  des  einjährigen  Gebrauches 
niemals  konstatieren,  weder  sehen  wir  jemals  Neigung  zur  Hämolvse 
bei  den  natürlich  entsprechend  zahlreichen  positiven  Kontrollseren,  noch 
einen  Komplementschwund;  letzteren  würde  uns  übrigens  der  nach  der 
K  au  p  sehen  Methode  mit  Serum  und  Antigen  ausgeführte  Vorversuch 
sofort  signalisieren.  Allerdings  entnehmen  wir  das  Komplementserum 


unter  sterilen  Kautelen  und  bewahren  es  steril  auf.  so  dass  bakterielle 
Verunreinigungen  möglichst  ausgeschlossen  sind;  ein  „oftmaliger  Ge¬ 
brauch  eines  und  desselben  Serums“  ist  natürlich  nicht  beabsichtigt. 
Anderseits  wird,  wie  erwähnt,  dieses  konservierte  Komplement  noch 
innerhalb  einer  Woche  verwendet,  in  welcher  Zeit  auch  Klein  keiner¬ 
lei  Komplementschwund  feststellen  konnte. 


Nachtrag  zur  „Behandlung  der  Zervixerkrankungen 
mit  Hilfe  von  Zelluloidkapseln“. 

Von  Dr.  W.  Pust-Jena. 

Das  Interesse,  welches  sich  für  diese  neue  Methode  kundgibt,  ver¬ 
anlasst  mich  zu  folgenden  kurzen  Ergänzungen:  Die  Kapseln  dürfen 
nicht  länger  als  3 — 4  Wochen  hintereinander  angewandt  werden.  Als¬ 
dann  empfiehlt  sich  eine  Pause  von  1 — 2  Tagen,  damit  sich  der  Ring 
um  die  Portio  erholt,  welcher  sich  durch  die  Saugwirkung  bildet. 
Ausserdem  steigert  sich  die  Hyperämie  der  Schleimhaut  —  gleichzeitig 
mit  der  Heilwirkung  —  durch  die  fortgesetzte  Saugwirkung  dann  so, 
dass  sie  bei  Berührung  leicht  blutet.  Statt  Höllensteinlösungen  kann 
zur  Aetzung  der  Erosionen  mit  noch  schnellerem  Effekt  ein  Stift  benützt 
werden.  Die  Beobachtung,  dass  die  Kappen  trotz  der  Periode  liegen 
bleiben,  hat  sich  ausnahmslos  bestätigt,  so  dass  sie  nunmehr  als  ge- 
setzmässig  anzusprechen  ist.  Das  ist  wegen  der  Ansteckungsgefahr 
und  Aussaat  auf  die  Scheide  gerade  zu  dieser  Zeit  von  erhöhtem  Wert. 
Nachteile  sind  bisher  in  keiner  Weise  hiervon  beobachtet. 

Herr  Dr.  Ignaz  S  au  d  e  ck  -  Brünn  hat  in  seiner  Arbeit:  Ueber 
das  Okklusivpessar  als  Schutzmittel  gegen  die  männliche  Gonorrhöe“ 
(M.K1.  1921,  Nr.  29)  bereits  auf  den  hohen  prophylaktischen  Wert  dieser 
Methode  hingewiesen.  Auch  er  kommt  —  allerdings  ohne  eigene  Be¬ 
obachtungen  —  zu  der  Vermutung,  dass  die  Zervixerkrankungen  durch 
Ruhigstellung  günstig  beeinflusst  werden  dürften. 

Ueber  Versuche  mit  künstlicher  Befruchtung  mit  Hilfe  der  Zelluloid¬ 
kapseln  wird  demnächst  berichtet  werden. 


Lehrer  und  Schüler.  Lehren  und  Lernen. 

Rede  anlässlich  des  60.  Geburtstages  von  Prof.  Moritz-Köln, 
gehalten  von  Prof.  Dr.  Schott,  I.  Oberarzt  der  Klinik. 

Akademischem  Brauch  folgen  wir  heute,  wenn  wir  im  Rahmen  der 
Klinik  den  60.  Geburtstag  unseres  Chefs  mit  einer  schlichten  Feier 
begehen,  ihm  unsere  Glückwünsche  darbringen  und  die  Gelegenheit 
benutzen,  um  ihm  unseren  Dank  zu  sagen  für  das,  was  er  als  Lehrer 
uns  gibt.  Es  wird  ja  im  allgemeinen  im  Verhältnis  zwische'n  Lehrer  und 
Schüler  nicht  viel  von  Dankbarkeit  gesprochen;  es  liegt  im  Wesen  der 
Lehrtätigkeit  als  Beruf  so  drinnen,  dass  sie  als  etwas  Selbstverständ¬ 
liches  vom  Lehrer  gegeben,  vom  Schüler  genommen  wird.  Und  viel¬ 
leicht  ist  das  auch  gut  so,  es  strafft  sich  das  Band,  das  Lehrer  und 
Schüler  umschliesst,  am  besten  dann,  wenn  am  wenigsten  die  Rede  da¬ 
von  ist.  Es  sind  zarte  Fäden  in  grosser  Zahl,  aus  denen  dies  Band 
sich  zusammensetzt  und  es  wäre  schade  um  jeden  einzelnen  von  ihnen, 
der  bei  unbefangenem  Geschehenlassen  erhalten  bliebe,  durch  grüb¬ 
lerische  Analyse  aber  zerreissen  könnte.  Das  Nachdenken  über  alle 
Beziehungen  zwischen  Menschen  führt  ja  in  die  Tiefe,  ja  bis  an  die 
Grenzen  unserer  Erkenntnis,  dahin  wo  das  Unfassbare  beginnt,  wo  es 
ein  Bekenntnis  der  Weltanschauung  werden  müsste,  wenn  man  sich 
darüber  äussern  wollte,  ob  man  glaubt,  dass  die  gegenseitige  Beein¬ 
flussung  zwischen  zwei  Menschen  mit  freiem  Willen,  aus  freier  Per¬ 
sönlichkeit  heraus  erfolgt  oder  ob  sie  anderswoher  gewollt,  in  ihrer 
Richtung  gelenkt  wird. 

Gewiss  aber  darf  der  Alltag  der  Selbstverständlichkeiten  gelegent¬ 
lich  einmal  durch  einen  Festtag  unterbrochen  werden,  und  als  einen 
solchen  lassen  Sie  uns  den  heutigen  Tag  ansehen  und  erlauben  Sie  mir 
daher  ein  paar  Bemerkungen  über  Lehren  und  Lernen,  über  Lehrer  und 
Schüler. 

Mannigfach  und  wechselnd  sind  die  Beziehungen,  welche  zwischen 
Lehrer  und  Schüler  im  Laufe  des  Lebens  bestehen.  Auf  der  Schule 
bildet  das  Eintreten  in  einen  ganz  bestimmten  Kreis  die  Regel; 
Schulen  und  Lehrkörper  der  Heimatstadt  nehmen  wahllos  alle  die¬ 
jenigen  in  ihren  Kreis  auf,  welche  zufällig  am  gleichen  Ort  wohnen. 
Ein  Wechsel  der  Schule,  ein  Wechsel  der  Lehrer  gehört  zu  den  seltenen 
Ausnahmen.  Der  Schüler  wird  eingezwängt  in  den  geistigen  Bann¬ 
kreis,  in  den  er  an  Ort  und  Stelle  wie  zufällig  bestimmt  wird.  Manches 
Gute  mag  daraus  entspringen,  manche  unsoziale  Eigenheit  mag  ab¬ 
geschliffen  werden  dann,  wenn  der  Schüler  selbst  nicht  aus  gar  zu 
hartem  Holz  geschnitten  ist.  Oft  genug  aber  und  gerade  dann,  wenn  es 
sich  bei  Lehrer  und  Schüler  um  besonders  ausgeprägte  Persönlichkeiten 
handelt  kann  es  hart  auf  hart  gehen,  zu  Konflikten  führen  und  so  kommt 
es,  dass  mancher  Lehrer  an  den  Schüler,  mancher  Schüler  an  den 
Lehrer  nur  mit  bitteren  Gefühlen  zurückzudenken  vermag. 

Wie  anders  ist  das  Verhältnis  auf  der  Universität!  Gewiss  sind 
es  auch  da  manchmal  Aeusserlichkeiten,  welche  Lehrer  und  Schüler  am 
gleichen  Orte  zusammenführen;  und  gerade  unsere  Zeit  bringt  mit 
der  Gründung  der  Grossstadt-Universitäten  diese  Möglichkeit  besonders 
nahe.  Aber  im  grossen  Rahmen  betrachtet,  bleiben  das  doch  Aus¬ 
nahmen.  Sehr  viel  häufiger  wählt  der  Schüler  seine  Universität  aus 
eigenem  Ermessen  nach  dem  Ruhm  der  Fakultät,  nach  dem  Rufe,  der 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


123 


den  Lehrern  der  Universität  vorangeht.  Je  grösser  der  Ruf  des  Lehrers, 
je  weiter  sein  Wort,  sein  Rufen  im  abstrakten  Sinne  reicht,  desto 
grösser  die  Zahl  der  Schüler.  Es  kommt  dazu  die  akademische  Freiheit. 
Je  mehr  der  Lehrer  seine  Schüler  fesselt,  um  so  häufiger  kommen  sic 
zu  ihm;  um  so  häufiger  kommen  solche  in  sein  Kolleg,  die  nicht  nur 
des  Examenszwanges  wegen  kommen,  sondern  um  des  Lehrers  und 
um  seiner  Lehre  willen.  Um  so  weniger  wird  Gebrauch  gemacht  von 
der  Möglichkeit,  ohne  Ahndung  dem  Unterricht  fern  zu  bleiben.  So 
wird,  schon  ganz  äusserlich  betrachtet,  das  Verhältnis  zwischen  Uni¬ 
versitätslehrer  und  -Schüler  ein  sehr  viel  persönlicheres  als  auf  dem 
Gymnasium. 

Und  nun  gar  das  Verhältnis  des  Lehrers  zu  denjenigen,  welche 
des  Meisters  Schüler  im  engsten  Sinne  werden  sollen!  Hier  ist  zu 
gedeihlicher  Zusammenarbeit  so  ausserordentlich  viel  nötig  von  per¬ 
sönlichem  gegenseitigen  Verständnis,  von  gleichgerichtetem  Streben, 
Wollen  und  Können,  bis  jenes  Fluidum  hergestellt  wird,  das  Meister  und 
Schüler  auf  ein  Leben  hinaus  verbinden  kann.  Der  polygame  Ehebund 
zwischen  Chef  und  Assistenten  ist  oft  genug  schwer  zu  schliessen, 
schwierig  ist  das  richtige  Zusammenleben,  die  richtige  Auswahl  zu 
treffen,  unter  denen,  welche  des  Meisters  Schüler  werden  wollen,  den¬ 
jenigen,  welche  der  Lehrer  zu  sich  ruft,  damit  sie  seine  Gesellen  werden 
—  und  schwieriger  ist  es  oft  auch  noch,  dass  die  Ehe  auf  Dauer  eine 
glückliche  bleibt. 

Was  heisst  das  denn,  wenn  man  sagt,  es  bildet  der  Lehrer  eine 
Schule  um  sich,  herum?  Es  gibt  in  allen  Fächern  und  vornehmlich 
auch  in  der  inneren  Medizin  eine  Unmenge  von  Dingen,  die  direkt 
lehr-  und  lernbar  sind.  Vieles  lässt  sich  lehrbuchmässig  darstellen  und 
aus  Büchern  erlernen.  Es  gibt  weiter,  wie  überall  so  auch  in  der 
inneren  Medizin  vieles  rein  mechanische,  das  einer  vom  anderen  ab¬ 
sieht,  das  in  einer  bestimmten  Schule  typisch  übernommen  wird  — 
kleine  Eigenheiten,  die  aber  manchmal  schon  die  Angehörigen  einer 
Schule  charakterisieren.  Soweit  dieser  Kreis  reicht,  werden  die  ein¬ 
zelnen  Schulen  und  ihre  Angehörigen  sich  nicht  in  grossen  Grundsätzen 
unterscheiden. 

Aber  das,  was  man  in  der  Lehre  schon  einmal  zu  sehen  bekommen 
hat,  was  der  Schüler  schon  unter  der  Aufsicht  des  Lehrers  einmal  aus¬ 
geführt  hat,  das  bildet  doch  nur  einen  Bruchteil,  in  mancher  Beziehung 
sogar  einen  geringen  Bruchteil  dessen,  was  das  Leben  dem  späterhin 
selbständig  Arbeitenden  an  Aufgaben  gegenüberstellt.  Das  ist  bei 
jedem  Handwerk  so,  wo  jeder  Auftrag  nicht  fabrikmässig,  sondern 
individuell,  gestaltet  wird.  Das  ist  in  allen  Einzelfächern  der  Medizin 
ganz  ähnlich  und  das  ist  vor  allem  so  in  der  inneren  Medizin.  Ich 
meine,  nirgendwo  kommen  so  viele  Varianten  vor,  nirgendwo  spielt 
die  Individualität  eine  so  grosse  Rolle,  die  subjektive  Empfänglichkeit 
gegen  Krankheit,  die  individuell  verschiedene  Reaktion  des  Kranken 
auf  Heilmittel,  die  verschieden  gute  Beeinflussbarkeit  der  Erkrankungs¬ 
form  des  einzelnen  Menschen  durch  therapeutische  Massnahmen  wie 
gerade  in  der  inneren  Medizin.  Auskultieren  und  Perkutieren,  mikro¬ 
skopisch  und  chemisch  und  physikalisch  zu  untersuchen,  das  können 
wir  direkt  lernen.  Nicht  lernen,  sondern  nur  in  der  Art  des  Denkens 
allmählich  beeinflusst  werden  können  wir  in  allem,  was  darüber  hinaus¬ 
geht.  Wir  lernen  in  der  inneren  Medizin  vom  Lehrer  nicht  das 
Aeussere,  nicht  das  „Räuspern  und  Spucken“,  sondern  es  werden  un¬ 
bewusst  Richtlinien  in  uns  eingepflanzt,  nach  denen  wir  in  den  so 
ausserordentlich  variabeln  Einzelfällen  dann  handeln.  Differential¬ 
diagnose  und  Therapie  sind  die  Punkte,  in  denen  der  Internist  nicht 
lehrbuchmässig  mehr  lernen  und  handeln  kann,  sondern  wo  das  ein¬ 
setzt,  was  ihm  für  die. Praxis  des  alltäglichen  Handelns  durch  die  Schule 
eingepflanzt  worden  ist,  durch  welche  er  ging.  Hier  vor  allem  zeigt 
es  sich,  wenn  der  Meister  eine  grosse  Persönlichkeit  ist,  wenn  er  nicht 
mehr  wie  ein  Repetitor  das  Lehrbuchmässige  übermittelt,  sondern  als 
Lehrer  im  akademischen  Sinne  den  Geist  und  das  Wesen  des  Lern¬ 
stoffes  überlegen  beherrscht  und  damit  die  ganze  Denkrichtung  seiner 
Schüler  beeinflusst.  Und  darin,  dass  die  ganze  Richtung  des  Denkens 
und  Handelns  im  Einzelfall  beim-  Internisten  vom  Lehrer  auf  den 
Schüler  übergegangen  sein  muss,  wenn  er  des  Lehrers  sich  würdig 
erweisen  will,  liegt  —  gerade  beim  Internisten  —  die  unvergleichliche 
Bedeutung  der  Schule,  durch  die  er  gegangen  ist. 

Noch  viel  mehr  gilt  das,  was  hier  für  die  Schule  der  Praxis  gesagt 
wurde,  "für  die  Schule  der  Forschung.  Fast  noch  grösser  wie  der  Ein¬ 
fluss  auf  das  praktische  Handeln  ist  beim  Internisten  in  der  Bildung 
seiner  Schule  sein  Einfluss  auf  die  Art  der  Forschungsrichtung,  auf 
die  Art  der  Erfolge  in  der  Forschung.  Es  wirkt  der  Lehrer  im  all¬ 
gemeinen  und  ganz  besonders  wieder  in  der  inneren  Medizin  befruch¬ 
tend  auf  den  Schüler.  Er  gibt  oft  genug  der  Forschung  einer  Anzahl 
von  Schülern  die.  Richtung.  Es  helfen  die  Schüler  den  Bau  aufrichten, 
dessen  Grundsteine  der  Lehrer  gelegt  hat  und  dessen  Architektur  von 
ihm  erfunden  wurde.  Gewiss  ist  die  Individualität  des  Schülers  dabei 
nicht  zu  vergessen,  der  sein  eigen  Teil  beiträgt  zur  Aufrichtung  des 
Baues.  Aus  der  Gesamtheit  von  Lehrern  und  Schülern  ersteht  die 
Schule  als  solche,,  aus  deren  Arbeiten  und  ihrem  praktischen  Handeln 
sich  schliesslich  nicht  mehr  übersehen  lässt,  wieviel  aus  eigenem  Den¬ 
ken  erstanden,  wieviel  auf  die  Befruchtung  durch  den  Meister  zurück¬ 
zuführen  ist  —  so  wenig  wie  beim  Kinde  durchschnittlich  die  Eigen¬ 
schaften  der  Eltern  im  einzelnen  sich  feststellen  lassen,  und  so  wenig 
wie  oft  im  chemischen  Endprodukt  die  Merkmale  der  einzelnen  Be¬ 
standteile  des  Reaktionsgemisches  noch  nachweisbar  sind.  Welches 
die.  glücklichsten  Ausgangsmaterialien  dabei  sind,  ob  möglichst  gleich¬ 
gerichtetes  Denken  und  technisches  Können  die  beste  Schulleistung 
verbürgen,  oder  ob  aus  verschiedenen,  wenn  nicht  gar  entgegengesetzt 


gerichteten  Komponenten  zwischen  Lehrer  und  Schüler  das  grössere 
hervorgeht  —  das  wird  im  Einzelfalle  sehr  verschieden  sein. 

Eine  Frage,  die  uns  in  der  inneren  Medizin  immer  ganz  besonders 
bewegt,  ist  die:  Wo  kommen  grössere  Leistungen  heraus,  bei  alles 
umfassendem  Wissen,  wo  das  Eindringen  in  Spezialkenntnisse  ein  ge¬ 
ringeres  bleiben  muss;  oder  bei  intensivstem  Studium  und  Kenntnis 
eines  Spezialgebietes  innerhalb  der  inneren  Medizin  und  dabei  ver¬ 
hältnismässig  geringerer  Kenntnis  der  übrigen  Teile?  Auch  dies  ist 
ein  Punkt  weitgreifender  Unterschiede  zwischen  den  einzelnen  Schu¬ 
len.  Je  weiter  umfassend  aber  der  Blick  des  Lehrers  ist  und  seine 
Kritik,  um  so  erspriesslicher  die  Arbeit. 

Einstmals  beherschte  ein  Arzt  das  Gesamtgebiet  der  Medizin;  in  eine 
ganze  Reihe  von  Sonderwissenschaften  ist  heute  die  Medizin  auf¬ 
gesplittert.  Vergleicht  man  das  medizinische  Wissen  mit  einem  Baume, 
so  ist  die  innere  Medizin  als  Stamm  von  dem  die  gesamte  Medizin 
in  Praxis  und  Forschung  beherrschenden  Arzte  übrig  geblieben.  Immer 
grösser  wird  die  Zahl  der  Aeste,  die  als  Stecklinge  aus  eigener  Kraft 
sich  w.eiterentwickeln.  Immer  weiter  aber  dehnen  sich  die  Spezial- 
kenntnisse  in  den  einzelnen  Kapiteln  auch  innerhalb  der  inneren  Medi¬ 
zin  selber  aus,  immer  grösser  wird  die  Zahl  der  Fächer,  die  für  sich 
allein  als  spezialistisches  Können  und  Wissen  erachtet  werden.  Man 
möchte  meinen,  einmal  müsste  es  jetzt  Einhalt  geben  für  die  Absonde¬ 
rung  noch  werterer  Zweige,  und  als  die  vornehmste  Aufgabe  für  uns 
alle  in  dieser  Richtung  erscheint  es,  dafür  Sorge  zu  tragen,  dass  nicht 
auch  ein  Gebiet  noch  abgesplittert  wird,  wofür  jetzt  eine  grosse  Ge¬ 
fahr  mir  zu  bestehen  scheint;  ich  meine  die  Neurologie,  ohne  deren 
Spezialkenntnis  ein  erfolgreiches  Wirken  für  den  inneren  Mediziner 
mir  undenkbar  erscheint. 

Es  kann  für  diejenigen,  welche  zurzeit  noch  zum  engsten  Kreise 
des  Lehrers  gehören,  nicht  die  Aufgabe  sein,  und  es  geziemt  sich  nicht 
für  sie,. die  Frage  zu  beantworten,  ob  unsere  Schule  ihre  Ziele  erreicht 
und  wieweit  sie  es  tut.  Freilich,  wenn  wir  es  unternehmen,  von 
unserer  Schule  zu  sprechen*  dann  kann  es  ja  nur  aus  der  Ueberzeugung 
heraus  geschehen,  dass  sie  in  etwa  den  Zielen  gerecht  wird,  wie  sie 
vorhin  gezeichnet  sind.  Es  kann  auch  nicht  meine  Befugnis  sein, 
eine  Würdigung  unseres  Lehrers  in  seinem  Wirken  zu  geben,  unsere 
Verehrung  soll  darin  schon  zum  Ausdruck  kommen,  dass  wir  zur  Feier 
Sie  zusammenbaten.  Ich  habe  zu  Beginn  gesagt,  dass  es  einem  aka¬ 
demischen  Brauch  entspricht,  wenn  wir  den  60.  Geburtstag  unseres 
Lehrers  mit  einer  Feier  begehen.  Ganz  gewiss  aber  ist  es  nicht  nur  die 
Tradition,  die  uns  hier  uns  versammeln  lässt,  nicht  nur  der  akademische 
Brauch  einer  zeremoniellen  Huldigung,  sondern  es  sind  von  Herzen 
kommende  Wünsche,  die  wir  ihm  darbringen  wollen.  Wir  wollen  ihm 
danken  für  all  das,  was  er  uns  als  Kliniker,  als  Lehrer  und  Mensch  gab 
und  gibt,  wir  wollen  das  Versprechen  ablegen,  dass  wir  die  Gesinnung 
fortpflanzen  werden,  die  aus  seinem  Murde  klingt,  wenn  er  von  seinem 
Lehrer  v.  Ziemssen  spricht,  und  wir  wollen  der  Hoffnung  Ausdruck 
verleihen,  dass  noch  viele  sich  weiterhin  seine  Schüler  werden  nennen 
dürfen,  noch  viele  und  ad  multos  annos. 


Für  die  Praxis. 

Ueber  Placenta  praevia. 

Von  A.  Döderlein. 

Noch  immer  reiht  sich  die  Placenta  praevia  mit  20  Proz.  mütter¬ 
licher-  Mortalität,  wie  sie  verschiedene  Landesstatistiken,  so  die  von 
J.  F  ü  t  h  für  den  Regierungsbezirk  Koblenz  und  die  von  v.  S  e  u  f  f  e  r  t 
für  das  Königreich  Bayern  aufweisen,  den  gefährlichsten  geburtshilf¬ 
lichen  Komplikationen  an.  Demgegenüber  steht  in  den  geburtshilflichen 
Anstalten  nur  eine  Sterblichkeit  von  höchstens  10  Proz.  Es  steht  fest, 
dass  die  Anstaltsgeburtshilfe  auch  hier,  wie  bei  so  manchen  anderen 
Komplikationen,  viele,  mindestens  die  Hälfte  der  sonst  verlorenen 
Mütterleben  zu  retten  vermag.  Wenn  eine  Statistik  eine  eindringliche 
Sprache  redet,  so  ist  dies  hier  der  Fall,  und  es  ergibt  sich  daraus  der 
vielleicht  von  manchen  bedauerte,  aber  unwiderlegliche  Schluss,  der 
smh  in  allen  Veröffentlichungen  der  neueren  Zeit  wiederholt,  dass  mit 
Placenta  praevia  behaftete  Schwangere  oder  Kreissende  einer  grossen 
Lebensgefahr  entgehen,  wenn  sie  in  Anstalten  verbracht  werden.  All 
die  Gründe  hiefür  aufzuführen,  verbietet  schon  die  Raumrücksicht  wäre 
auch  eine  heikle,  undankbare  Aufgabe.  Einen  Teil  der  Schuld  tragen 
die  Frauen  selbst  durch  zu  späte  Zuziehung  der  Aerzte;  viel  auch  mag 
der  Umstand  beitragen,  dass  die  hausärztliche  Geburtshilfe  hier  wie  bei 
so  vielen  anderen  Dystokien  auf  Behelfsmassnahmen  angewiesen  ist 
und  grössere,  unter  Umständen  aber  allein  lebensrettende  chirurgische 
Eingriffe  aus  äusseren  und  inneren  Gründen  unausführbar  sind.  Zur 
Aufmunterung  der  Geburtshelfer  mag  die  Tatsache  angeführt  werden, 
dass  besonders  geschulte  Fachärzte  auch  unter  den  ärmlichsten  Ver¬ 
hältnissen  des  Piivathauses  günstige  Resultate  zu  erzielen  vermögen, 
konnte  doch  S  i  g  w  a  r  t  in  der  Berliner  Poliklinik  von  71  mit  Placenta 
praevia  behafteten  Kreissenden  mit  kombinierter  Wendung  nach 
Braxton  Hicks  70  retten  und  darunter  befanden  sich  sogar  33  Fälle 
von  Placenta  praevia  centralis. 

Auch  die  Kindersterblichkeit  weist  in  der  Länderstatistik  mit  rund 
50  Proz.  eine  etwa  doDpelt  so  hohe  Mortalität  auf  wie  diejenige  in  den 
Anstalten,  verzeichneten  wir  doch  in  der  hiesigen  Frauenklinik  in  den 
Jahren  1907 — 1921  bei  316  Fällen  von  Placenta  praevia  bei  einer 
mütterlichen  Mortalität  von  9  Proz.  eine  kindliche  von  26,3  Proz.  bei 


124 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Einrechnung  auch  der  bereits  bei  Einlieferung  der  Mütter  abgestorbenen, 
wie  der  lebensschwadien  und  lebensunfähigen  Kinder. 

Zwei  Todesursachen  beherrschen  hier  das  Feld.  Zwei  Drittel  der 
Frauen  sterben  den  Verblutungstod,  ein  Drittel  erliegt  der  Sepsis. 

Dass  der  Verblutungstod  die  grössere  Gefahr  darstellt,  liegt  m  der 
Natur  dieser  Komplikation,  ist  aber  insofern©  von  besonderer  Be¬ 
deutung  als  ihn  zu  verhüten  mehr  in  die  Hand  des  Geburtshelfers  ge¬ 
geben  ist  als  die  der  Sepsis,  deren  Fernhaltung  zumal  im  Privathause 
bei  diesen  so  vielerlei  Eingriffe  notwendig  machenden  Geburten  ein 
ganz  besonders  schwieriges  Problem  ist.  Hält  sich  der  Arzt  bei  det 
Behandlung  einer  mit  Placenta  praevia  komplizierten  Geburt  diese 
beiden  Gefahren  bei  all  seinem'  Tun  und  Handeln  stets  vor  Augen,  so 
wird  er  sie  um  so  eher  bekämpfen  können  und  es  muss  seinen  Ehrgeiz 
auf  das  äusserste  reizen,  das  so  schwer  bedrohte  Leben  zu  letten, 
handelt  es  sich  doch  nur  um  eine  augenblickliche  Gefahr,  nach  deren 
Ueberwindung  die  Frau  wieder  blühend  gesund  ihrer  Familie  zuruck¬ 
gegeben  werden  kann.  Es  gibt  nicht  leicht  eine  mühevollere,  aber  auch 
dankbarere  Aufgabe  für  den  Arzt,  bei  derer  zeigen  kann,  was  er  zu 
leisten  vermag,  wenn  sein  Können  und  Wissen  auf  der  Hohe  der  Ent¬ 
wicklung  steht. 

Es  muss  bluten!  Denn  die  Plazenta  liegt  vor  dem  Wege  und  an 
einer  Stelle,  die.  sobald  der  Uterus  gegen  Ende  der  Schwangerschaft 
durch  die  insensiblen  Kontraktionen  in  Bewegung  gerät  und  damit 
durch  Retraktion  und  Distraktion  der  innere  Muttermund  auseinander¬ 
zuweichen  beginnt,  die  Ablösung  der  Plazenta  einleitet.  Andei  e  An¬ 
lässe  zu  Blutungen  in  dieser  Zeit  der  Schwangerschaft,  wie  auch  zu 
Beginn  der  Geburt  sind  demgegenüber  so  selten,  dass  schon  die  erste 
Blutung  die  Diagnose  nahezu  sicherstellt,  auch  wenn  der  objektive 
Befund  das  Plazentargewebe  über  dem  inneren  Muttermund  wegen 
mangelnder  Zugänglichkeit  noch  nicht  nachweisen.  lässt.  Mit  dieser 
Annahme  muss  sich  'der  Arzt  darüber  klar  sein;  dass  mit  fort- 
schreitender  Schwangerschaft  und  Geburt  die  Gefahr  sich  immer  mehr 
steigert,  da  diese  Erweiterung  und  Ablösung,  auch  wenn  sie  längere  Zeit 
zum  Stillstand  gekommen  ist,  wieder  einsetzen  muss.  Unser  ganzes 
Handeln  ist  von  Anfang  an  darauf  einzustellen,  der  kommenden  (jefahr 


begegnen  zu  können. 

Es  ist  deshalb  davor  zu  warnen,  solche  Schwangere  im  Privat¬ 
hause  einfach  mit  Bettruhe  und  sedativen  Mitteln  .zu  behandeln  in  der 
Hoffnung,  dass  die  Blutung  sich  nicht  wiederholt.  Die  Erfahrung  lehrt, 
dass  bei  solchen  Frauen  jeden  Augenblick  eine  sehr  profuse  Blutung 
eintreten  kann,  so  dass  sie,  bis  der  erst  dann  herbeigerufene  Arzt  zur 
Stelle  ist,  schon  in  grösster  Lebengefahr  schweben  oder  unrettbar  ver¬ 
loren  sein  können.  Befindet  sich  eine  mit  Placenta  praevia  behaftete 
Schwangere  in  einer  Anstalt,  wo  jede  Minute  geeignete  Hilfe  .zur  Ver¬ 
fügung  steht,  so  liegen  die  Dinge  anders.  Hier  kann  wohl  auch  im 
Interesse  des  Kinders  zugewartet  werden  und  darauf  beruht  wohl  zum 
Teil  auch  der  geringe  Kinderverlust  in  den  Anstalten.  Für  die  haus¬ 
ärztliche  Geburtshilfe  muss  aber  der  Rat  gegeben  werden,  die  Schwan¬ 
gere  sobald  wie  möglich  durch  Einleitung  und  Beendigung  der  Geburt 
diesen  präliminaren  Blutverlusten  zu  entreissen.  ohne  Rücksicht  auf  die 
weitere  Entwicklung  des  Kindes  zu  nehmen.  Wird  dies  gewünscht, 
dann  muss  unbedingt  die  Frau  unter  dauernde  Anstaltsobhut  gestellt 
werden,  wenn  anders  sie  nicht  selbst  um  ihres  Kindes  willen  grosser 
Lebensgefahr  entgegensehen  will.  . 

Wenn  auch  diesen  Schwangerschaftsblutungen  meistens  keine 
direkte  Lebensgefahr  innewohnt,  so  ist  doch  zu  bedenken,  dass  wochen- 
und  vielleicht  sogar  monatelang  anhaltende  Blutungen  bei  zeitweisen 
stärkeren  Ergüssen  um  so  verhängnisvoller  wirken,  als  diesen  Frauen 
eine  katastrophale  Geburt  bevorsteht,  die  zu  überstehen  sie  in  dem 
Masse  um  so  weniger  geeignet  sein  werdeh,  als  sie  eben  vorher 
anämisch  wurden.  Gerade  in  dieser  Summierung  der  Schädlichkeiten 
liegt  eine  besondere  Gefahr,  die  verhütet  werden  kann,  wenn  man 
diesen  Blutungen  in  der  Schwangerschaft  nicht  tatenlos  zusieht.  Dabei 
kommt  nicht  nur  der  besonders  in  der  Nachgeburtsperiode  zu  fürchtende 
Blutverlust  in  Betracht,  sondern  auch  die  grössere  Gefahr  nachträg¬ 
licher  septischer  Erkrankung,  gegen  die  sehr  ausgeblutete.  Frauen  er- 
fahrungsgemäss  viel  weniger  widerstandsfähig  sind.  All  dies  macht  es 
zur  Pflicht,  vom  ersten  Augenblick  an  alles  zu  tun.  um  diesen  Gefahren 
vorzubeugen.  Die  Behandlung  der  mit  Placenta  praevia  behafteten 
Schwangeren  muss  unter  dem  Motto  stehen:  „Spare  in  der  Zeit,  so 
hast  du  in  der  Not.“ 

Die  Verhütung  der  sicher  vorauszusehenden  Wiederholung  der  Blu¬ 
tung  in  der  Schwangerschaft  wird  am  besten  durch  ihre  alsbaldige 
Unterbrechung  gewährleistet  Dabei  ist  es  dann  mehr  als  bei  irgend¬ 
welchen  anderen  Geburtsvorkommnissen  Pflicht  des  Arztes,  bis  zur 
vollen  Beendigung  der  Geburt  anwesend  zu  sein:  denn  nur  so  kann 
er  den  jeden  Äugenblick  drohenden  Blutungen  tatkräftig  und  rechtzeitig 
entgegenwirken. 

Zur  Einleitung  der  Geburt  empfiehlt  sich  die  Punktion  der  Blase, 
gegebenenfalls  durch  die  Plazenta  hindurch.  Das  Entleeren  des  Frucht¬ 
wassers  und  die  dadurch  bedingte  Entspannung  des  Uterus  bewirkt  am 
promptesten  die  Wehen.  Die  Durchbohrung  des  Eies  mit  einem 
dünnen  Troikart,  nicht  etwa  mit  stumpfer  Gewalt  durch  Kornzange,  wo¬ 
durch  die  Plazenta  in  weiterem  Bereich  abgelöst  werden  könnte,  birgt 
keine  Gefahr. 

Zur  Bekämpfung  der  Blutung  bei  Placenta  praevia  in  der 
Schwangerschaft  und  beim  Beginne  der  Geburt  steht  dem  Arzt  ein 
ebenso  wirksames  als  leider  nicht  ungefährliches  Verfahren  zur  Ver¬ 
fügung,  das,  wenn  richtig  ausgeführt,  viel  Unheil  verhüten  könnte-  das 
ist  die  feste  Tamponade  der  Scheide  mit  steriler,  antiseptischer  Gaze. 


Zu  ihrer  Ausführung  ist  die  Frau  äusserlich  und  innerlich  zu  des¬ 
infizieren,  ins  Querbett  zu  legen  mit  zuriickgesc'hlagencn  Beinen;  die 
Scheide  wird  mit  einem  ausgekochten  Entenschnabelspekulum  entfaltet, 
der  Muttermund  eingestellt  und  mit  Hilfe  eines  Stopfinstrumentes  die 
Scheide  von  ihrem  Grunde  bis  zum  Scheideneingang  fest  ausgestopft 
Die  Benützung  eines  Spekulums  ist  nötig,  weil  sonst  die  Einführung 
der  Gaze  am  Introitus  durch  Reibung  so  heftige  Schmerzen  erzeugt, 
dass  es  kaum  möglich  wäre,  so  viel  Gaze  nacheinander  in  die  Scheide 
hinaufzuschieben,  als  zu  deren  Füllung  notwendig  ist,  eine  ungenügende 
Tamponade  aber  ist  wirkungslos.  ... 

So  schätzenswert  diese  zuverlässige  Wirkung  der  Tamponade  ist, 
so  gefürchtet  muss  sie  andererseits  werden',  denn  sie  ist  die  Trägerin 
der  zweiten  Todesursache  bei  Placenta  praevia,  der  Sepsis.  Deshalb 
darf  diese  Tamponade  nur  ein  augenblicklicher  Notbehelf  sein,  um  Zeit 
zu  weiteren  Taten  zu  gewinnen.  Ein  längeres  Verweilen  dieser  Gaze 
als  gerade  nötig,  bis  höchstens  6  Stunden,  bringt  auch  bei  aller  Anti¬ 
sepsis  und  Vorsicht  die  unvermeidbare  Gefahr  der  Bakterienentwicklung 
in  dem  Tamponadematerial  mit  sich. 

Es  ist  deshalb  wohl  verständlich,  wenn  gegen  diese  lamponade- 
behandlung  übehhaupt  Front  gemacht  wird;  aber  wenn  man  nicht  in 
der  Lage  ist,  alsbald  entbinden  zu  können,  dann  schwebt  die  Frau  eben 
ohne  Tamponade  in  der  Verblutungsgefahr,  und  wenn  es  sich  darum 
handelt,  Zeit  zu  gewinnen,  etwa  zum  Transport  in  eine  Anstalt  oder 
zur  Vorbereitung  der  operativen  Entbindung  durch  Herbeiholung  wei¬ 
terer  ärztlicher  Hilfe,  Instrumente  usw.,  so  ist  die  für  einige  Stunden 
vorgenommene  Schutztamponade  nicht  zu  umgehen  und  unter  den  ge¬ 
nannten  Vorsichtsmassregeln  wohl  kaum  so  zu  fürchten.,,  dass  man  sic 
grundsätzlich  zu  verwerfen  bräuchte.  Natürlich  ist  eine. nie  tamponierte 
Schwangere  und  Kreissende  weniger  in  Gefahr,  septisch  zu  werden. 

Nur  in  den  seltensten  Fällen,  in  meinem  Material  von  316  nur  in  3, 
verlief  während  der  kurzen  Zeit  der  Tamponadebehandlung  die  Geburt 
spontan.  Ein  Kind  war  tot;  die  anderen  2  wie  die  3  Mütter  blieben 
am  Leben.  Man  sieht  also,  dass  es  ja  wohl  auch  nicht  unmöglich  ist  mit 
der  Tamponadebehandlung  in  dieser  Einschränkung  einen  glatten  Ver¬ 
lauf  zu  erleben;  doch  darf  man  sich  nie  auf  diese  Ausnahmen  verlassen, 
so  wenig  etwa  wie  auf  Spontangeburt  bei  Querlage  eines  ausgetragenen 

Kindes.  . 

Unter  den  sonst  für  die  hausärztliche  Geburtshilie  in  Betracht 
kommenden  Behandlungsmethoden  steht  der  Blasensprung  als  die  un¬ 
gefährlichste  obenan.  Leider  ist  sie  aber  an  Voraussetzungen  ge¬ 
bunden,  die  auch  nur  in  einer  kleinen  Minderheit. von  Fällen  gegeben 
sind,  nämlich  dann,  wenn  zur  Zeit  des  Eingriffes  der  Muttermund 
mindestens  fünf  markstückgross  und  nur  an  einer  Stelle  auf  der  Seite 
Plazentarrand  zu  fühlen  ist,  sonst  überall  die  glatte  Fläche  der  Eihäute, 
also  Placenta  praevia  marginalis.  Hier  kann  man  hoffen,  dass  nach 
Eröffnung  des  Eies  die  Plazenta  mit  dem  Uterus  zurückweicht,  der  Kopf 
dann  eintreten  kann  und  die  Geburt  spontan  vor  sich  geht  Wesentlich 
unterstützen  kann  man  die  Wirkung  des  Blasenstiches,  der  ja  als 
solcher  schon  wehenfördernd  ist,  durch  die  so  schätzbaren  neueren 
Wehenmittel  aus  der  Glandula  pituitaria,  die  gerade  hier  eine  sehr 
dankenswerte  Bereicherung  unseres  Arzneischatzes  bilden.  In  meinem 
Material  wurden  38  Fälle  auf  diese  Weise  erledigt;  von  diesen  starben 
2  Mütter.  2  Kinder  wurden«  tot  geboren,  5  Kinder  waren  bereits  bei 
Einlieferung  der  Kreissenden  abgestorben. 

Das  Verfahren  der  Wahl  muss  für  die  hausärztliche  Geburtshilfe 
nach  dem  heutigen  Stande  unserer  Wissenschaft  die  im  Jahre  1860  von 
dem«  Londoner  Geburtshelfer  Braxton  Hicks  für  Placenta  praevia 
empfohlene  kombinierte  Wendung  genannt  werden,  für  deren  Verbrei¬ 
tung  in  Deutschland  sich  besonders  Hofmeier  und  A.  Martin 
verdient  gemacht  haben. 

Die  neuere  Sammelstatistik  ergibt,  dass,  unter  1266  klinisch  mit 
kombinierter  Wendung  behandelten  Fällen  die  mütterliche  Mortalität 
5,45  Proz.  und  die  kindliche  79,3  Proz.  betrug.  In  meinem  Material 
finden  sich  50  so  behandelte  Fälle,  unter  denen  5  Mütter  und  24  Kinder 


M41UCIL  # 

Die  Ausführung  dieser  kombinierten  Wendung  wird  nicht  sehr  ge¬ 
schulten  Geburtshelfern  oft  erhebliche  Schwierigkeiten  bereiten,  ist  es 
doch  nötig,  durch  einen  für  zwei  Finger  durchgängigen  Muttermund 
den  Fuss  des  Kindes  in  der  Eihöhle  zu  fangen  und  dann  herunter¬ 
zuziehen.  Beides  ist  nicht  leicht.  Zum  Erfassen  des  Fusses  muss  die 
äussere  Hand  der  inneren  gut  helfen.  Um  die  zwei  Finger  durch  den 
Muttermund  möglichst  hoch  hinaufführen  zu  können,  ist  es  nötig,,  die 
ganze  Hand  in  die  Scheide  einzuführen,  so  dass  man  die  ganze  Länge 
der  Finger  vom  Muttermund  ab  zur  Verfügung  für  den  Uterus  hat.  Bei 
eben  für  zwei  Finger  durchgängigem  Zervikalkanal  ist  dann  auch  das 
Herunterleiten  des  Fusses  durch  den  Muttermund  oft  mit  Schwierig¬ 
keiten1  verknüpft,  zumal1  die  glatte  Oberfläche  des  Gummihandschuhes 
hier  etwas  hinderlich  wird.  Ich  helfe  mir  in  diesen  Fällen  durch  Fassen 
des  Fusses  entweder  mit  der  gefensterten  Abortzange  oder  auch  mit 
einer  Krallenzange;  selbst  bei  lebendem  Kind  würde  dieser  Krallenbiss 
im  Fuss  des  Kindes  keine  bedenkliche  Verletzung  bedeuten.  Man  führe 
dann  den  Fuss  mit  der  Spitze  der  Zehen  voran  durch  den  Muttermund. 
Da  man  ja  in  der  Regel  bei  stehender  Blase  wendet,  ist  die  Umdrehung 
des  Kindes  leicht.  Den  heruntergezogenen  Fuss  belaste  man  dann  mit 
einem  Gewichte  von  1— VA  Pfund,  damit  er  nicht  zurückschlüpfen 
kann. 

Die  Wirkung  dieser  Wendung  ist  eine  frappante;  denn  vom  Augen¬ 
blick  an.  wo  das  Kind  nun  im  Muttermund  steckt,  und  mit  seinem  Steiss 
die  Plazenta  andrückt,  steht  die  Blutung  vollkommen.  Eindringlichst 
muss  nun  davor  gewarnt  werden,  nach  vollendeter  Wendung  die 


27.  Januar  1922. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


125 


Geburt  etwa  im  Interesse  des  sterbenden  Kindes  beschleunigen  zu 
wollen  oder  gar  zu  extrahieren.  Es  ist  dies  ein  verhängnisvoller  Fehler, 
der  noch  nicht  ganz  ausgemerzt  ist.  Unabänderlicher  Grundsatz  muss 
für  jeden  Geburtshelfer  sein,  das  Kind  nach  der  Wendung  seinem 
Schicksal  zu  überlassen,  denn  es  zu  retten,  bedeutet  die  mit  Recht  so 
gefürchtete  „gewaltsame“  Entbindung  („Accouohement  force“).  Ein¬ 
risse  in  der  Zervix  sind  dabei  unvermeidlich  und1  hier  bei  dem  Blut¬ 
reichtum  der  Plazentarstelle  ganz  besonders  zu  fürchten.  Die  Extrak¬ 
tion  würde  also  die  Mutter  in  eine  hohe  Lebensgefahr  bringen  und 
höchst  wahrscheinlich  das  Kind  doch  nicht  zu  retten  vermögen,  da  es 
nicht  möglich  ist,  bei  nicht  erweiterter  Zervix  das  Kind  so  rasch  zu 
extrahieren,  wie  es  die  Erhaltung  seines .  Lebens  nötig  macht.  Die 
Geburt  sollte  im  Gegenteil  nach  vollendeter  Wendung  verzögert  werden, 
denn  dies  ist  der  Zeitabschnitt,  der  zwischen  den  vorausgegangenen 
Blutungen  und  den  kommenden  eine  willkommene  Erholungspause  ein¬ 
schaltet.  Das  im  Muttermund  sitzende  Kind  übt  einen  genügenden 
Reiz  auf  die  Uterusnerven  aus,  um  die  Wehentätigkeit  nicht  erlahmen 
zu  lassen.  Wir  müssen  cs  also  geradezu  begrüssen.  wenn  die  Geburt 
hier  nicht  zu  rasch  vor  sich  geht.  Etwas  anderes  ist  es  natürlich,  wenn 
man  einen  erweiterten  Muttermund  antrifft,  der  dann  den  Vorteil  bietet 
die  „rechtzeitige  innere“  Wendung  ausführen  zu  können,  an  die  man 
dann  gleich  die  Extraktion  anschliessen  kann. 

Ich  verzeichne  25  derartige  Fälle  mit  3  mütterlichen  und  13  kind¬ 
lichen  Verlusten.  Zu  den  kindlichen  Verlusten  bemerke  ich  hier,  dass 
alle  Kinder  eingerechnet  sind,  sowohl  die  zur  Zeit  unserer  Hilfe  bereits 
intrauterin  abgestorbenen,  wie  die  totgeborenen,  wie  auch  die  in  den 
ersten  Tagen  nach  der  Geburt  etwa  an  Lebensschwäche  zugrunde- 
gegangenen. 

Die  neuerdings  von  verschiedenen  Seiten  empfohlene,  mit  der 
kombinierten  Wendung  konkurrierende  intraamniale  Metreuryse  lehne 
ich  für  die  praktische  Geburtshilfe  ab  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil 
ich  die  bei  der  Einlegung  des  Metreurynters  durch  das  Ei  auftretenden 
Blutungen  aus  eigener  wie  Anderer  Erfahrung  fürchte.  Verhältnis¬ 
mässig  leicht  wäre  es  noch,  den  Metreurynter  extraamnial  einzulegen, 
wie  ja  auch  empfohlen  worden  ist;  aber  schon  aus  theoretischen 
Gründen  halte  ich  dies  für  falsch,  denn  es  muss  ja  der  zwischen  Plazenta 
und  Uterus  eingelegte  Gummiballon  zur  weiteren  Ablösung  der  Plazenta 
führen.  Anders  natürlich  ist  die  Wirkung,  wenn  der  Metreurynter  wie 
der  Steiss  des  Kindes  nach  der  kombinierten  Wendung  vom  Eiinnern 
aus  die  Plazenta  gegen  die  Uterusw7and  drückt.  Zugegeben,  dass  hier 
die  Blutstillung  in  gleich  günstiger  Weise  erfolgt  und  auch  zugegeben, 
dass  damit  das  kindliche  Leben  naturgemäss  mehr  geschont  wird,  so 
überwiegt  dieser  Vorteil  doch  nicht  den  mit  der  Einführung  des  Metreu¬ 
rynters  durch  das  Ei  hindurch  verbundenen  Nachteil  der  schweren 
Blutung.  Auch  ist  die  Einführung  selbst  keineswegs  so  einfach,  wie 
man  vielleicht  denken  könnte;  ich  habe  erlebt,  dass  mit  der  ersten  Be¬ 
rührung  der  Plazenta  mit  dem  Pol  des  Metreurynters  eine  vehemente 
Blutung  eintrat,  die  sofort  zu  raschem  Handeln  zwang  und  zeigte,  dass, 
wenn  man  die  Metreuryse  erzwingen  wollte,  man  die  Mutter  unter  den 
Händen  verbluten  Hesse  und  Gleiches  hörte  ich  auch  von  Praktikern, 
die  mit  grosser  Scheu  von  der  Metreuryse  sprachen. 

Ich  habe  deshalb  nur  6  Fälle  von  Metreuryse  in  meinem  Material 
zu  verzeichnen,  darunter  keine  Mutter  verloren;  3  Kinder  waren 
lebend,  3  tot. 

Damit  sind  die  Behandlungsmethoden  der  Placenta  praevia  für  die 
hausärztliche  Geburtshilfe  erschöpft. 

Bemerkenswert  ist,  dass  in  26  Fällen  meines  Materials  bei  Fehlen 
bedrohlicher  Erscheinungen  die  Spontangeburt  abgewartet  werden 
konnte  oder  schliesslich  nach  Erfüllung  aller  Vorbedingungen  eine 
typische  Zangenoperation  ausgeführt  wurde.  Von  diesen  26  natürlich 
besonders  günstig  gelagerten  Fällen  verloren  wir  nur  2  Mütter  und 
8  Kinder. 

Zusammenfassend  würde  ich  raten: 

1.  Wegen  Placenta  praevia  blutende  Schwangere  sollen  entweder 
einer  klinischen  Beobachtung  zugeführt  oder  aber  sobald  als  mög¬ 
lich  entbunden  werden. 

2.  Die  Tamponade  ist  unentbehrlich,  aber  gefährlich  und  unter  allen 
Umständen  zeitlich  eng  zu  begrenzen. 

3.  Zum  Eihautstich  geeignete  Fälle  sind  sorgfältig  auszuwählen; 
wehenfördernde  Mittel  sind  hier  sehr  wertvoll. 

4  Das  beste  Verfahren  für  die  hausärztliche  Geburtshilfe  ist  auch 
heute  noch  die  kombinierte  Wendung  nach  Braxton  Hicks. 
Streng  zu  beachten  ist,  dass  die  Extraktion  nicht  augeschlossen 
wird,  die  Geburt  darnach  mit  Opferung  des  Kindes  spontan  vor 
sich  geht. 

5.  Wenn  die  „rechtzeitige“  Wendung  möglich  war.  kann  die  Extrak¬ 
tion  angeschlossen  werden. 

6.  Die  Metreuryse  ist  kein  für  die  hausärztliche  Geburtshilfe  ge¬ 
eignetes,  ungefährliches  Verfahren. 

Von  den  chirurgischen  Eingriffen,  vaginalem  und  abdominellem 
Kaiserschnitt,  sehe  ich  in  dieser  Abhandlung  ab,  da  ich  sie  ausschliess¬ 
lich  den  Anstalten  Vorbehalten  wissen  möchte. 

Unter  161  mit  vaginalem  Kaiserschnitt  von  mir  behandelten  Fällen 
starben  15.  Mütter,  wobei  auch  hier  keinerlei  Abzug  gemacht  wurde, 
trotzdem  ein  solcher  wohl  berechtigt  wäre.  So  starb  z.  B.  eine  Frau 
an  einem  weit  fortgeschrittenen  Rektumkarzinom  am  ersten  Tage  nach 
oer  Geburt  und  eine  andere  8  Tage  später  an  progredienter  Tuber¬ 
kulose.  Die  kindliche  Mortalität  betrug  40  =  17  Proz. 

Die  Hauptgefähr  droht  nun  den  mit  Placenta  praevia  behafteten 
Kreissenden  in  der  Nachgeburtsperiode.  Ich  empfehle  deshalb,  gleich 


nach  der  Geburt  des  Kindes  die  Nachgeburt  herauszubefördern,  ent¬ 
weder  durch  Cr  ehe  sehen  Handgriff  oder  auch  durch  Herausholen  mit 
der  Hand.  Ich  sage  hier  absichtlich  nicht  „manuelle  Lösung“,  denn 
darunter  verstehen  wir  die  Ablösung  der  Placenta  accreta  von  der 
Uteruswand,  und  diese  Fälle  sind  grundsätzlich  von  jenen  zu  scheiden, 
bei  denen  die  Plazenta  nicht  wegen  Adhärenz  gelöst  werden  muss, 
denn  hier  ist  sie  nur  locker  anhaftend  und  ein  einziger  Griff  fördert  sie 
sofort  zutage.  Nach  Lösung  der  Plazenta  hat  sofort  eine  feste  Utero- 
Vaginal-Tamponade  nach  D  ü  h  r  s  s  e  n  stattzufinden  und  hier  ist  für  die 
segensreiche  Erfindung  Dührssens  ein  besonders  dankbares  Feld, 
das  ich  je  länger,  um  so  mehr  schätzen  gelernt  habe.  Die  rasche  Auf¬ 
einanderfolge  dieser  Massnahmen,  Entbindung,  Plazentarexpression, 
Tamponade  bildet  ein  Ganzes,  ein  Behandlungssystem  getreu  dem 
Grundsätze,  in  jedem  Augenblick  der  Placenta  praevia-Geburt  so  blut¬ 
sparend  wie  möglich  zu  handeln. 

Die  Tamponade  wirkt  besonders  auch  durch  die  Beförderung  der 
Uteruskontraktion;  sie  versagt  bei  grösseren  Rissblutungen,  spritzenden 
Arterien,  oder  auch,  wenn  sehr  grosse  blutende  Flächen  im  nicht 
kontraktilen  Teile,  also  der  Zervix,  vorhanden  sind  und  hiezu  gehören 
jene  besonders  gefürchteten  Fälle  von  Placenta  praevia  cervicalis. 
Verstärkt  kann  die  Tamponadewirkung  in  diesen  verzweifelten  Fällen 
noch  dadurch  werden,  dass  das  Tamponadematerial  mit  Liquor  ferri- 
sesquichlorati  getränkt  wird.  Die  früher  dabei  gefürchtete  Verätzung 
kann  nach  P.  Zweifel  durch  Verwendung  von  säurefreiem  Liquor 
verhütet  werden 1). 

In  Anstalten  kommt  letzten  Endes  noch  in  jenen  Fällen,  bei  denen 
die  Blutstillung  schliesslich  nicht  anders  als  durch  die  grossen  operativen 
Eingriffe  möglich  ist,  Totalexstirpation  des  Uterus,  Unterbindung  oder 
Abklemmung  seiner  zuführenden  Gefässe  nach  P.  Z  w  e  i  f  e  1  in  Betracht. 


Soziale  Medizin  und  oerztiiche  standesangeiegenheiten. 

Die  Einrichtung  von  sporthygienischen  Untersuchungs¬ 
und  Beratungsstellen  und  ihre  Aufgaben. 

Von  Dr.  med.  K-  A.  Worringen,  Stadt-  und  Sportarzt 

in  Dortmund. 

Volksgesundheitspflege  ist  heute  Trumpf.  Fürsorge-  und  Beratungs¬ 
stellen  wachsen  wie  Pilze  aus  der  Erde.  Man  predigt  Abbau  des  ins 
Uferlose  angeschwollenen  Verwaltungsapparates  und  gründet  dauernd 
neue  Aemter.  Man  könnte  lächeln  bei  all  den  Erscheinungen  und 
Resultaten,  wenn  die  Sache  nicht  so  furchtbar  ernst  wäre.  Wir  haben 
sie  nämlich  nötig:  die  Säuglings-  und  Kleinkinderfürsorge,  in  der  Schule 
die  schulärztliche  Fürsorge,  die  bis  in  die  Fortbildungsschule  hinein¬ 
reichen  muss.  Dann  aber  ist  es  mit  der  ärztlichen  Auisicht  zu  Ende  — 
und  gerade  im  Alter  der  stärksten  Entwicklung,  zwischen  16  und  21. 

,,..?rülier  gab  es  !a  im  20-  Lebensjahre  durch  die  Aushebung  zum 
Militär  nochmals  eine  Untersuchung  der  ganzen  männlichen  Be¬ 
völkerung. 

Nun  ist  mit  der  Auflösung  der  deutschen  Armee  die  körperliche 
Ausbildungsstätte  itir  jährlich  300  000  junge  Männer  verloren  gegangen. 
Soll  das  deutsche  Volk  nicht  körperlich  verkümmern,  dann  müsste  ein 
Ersatz  geschaffen  werden.  Und  er  ist  im  Begriffe  zu  entstehen.  D  i  e 
Turn  -  und  Sportpflicht  der  Jugend  soll  gesetzmässig  fest¬ 
gelegt  werden.  Darnach  wird  „jeder  deutsche  Reichsangehörige  (Frauen 
und  Männer)  in  der  Zeit  vorn  der  Vollendung  des  schulpflichtigen  Alters 
bis  zur  Volljährigkeit  zur  körperlichen  Uebung  verpflichtet.  Die  Erfüllung 
dieser.  Pflicht  erfolgt  einmal  in.  öffentlichen  Unterrichtsanstalten,  ferner 
aber  in  Turn-  und  Sportvereinen,  die  von  der  oberen  Verwaltungs¬ 
behörde  als  dem  öffentlichen  Volkswohl  dienend  anerkannt  sind.“  So 
sehr  dieses  ganze  Gesetz  zu  begrüssen  ist,  so  fehlt  ihm  doch  eins  — 
die  Festsetzung  einer  ärztlichen  Auslese,  wie  wir  sie  früher  in  der 
Musterung  hatten  und  eine  genaue  ärztliche  Beaufsichtigung,  gerade 
für  diese  Zeit  der  wichtigsten  Enwicklungsperiode  des  Körpers. 

Ueberhaupt  steht  der  Arzt  bei  dem  ganzen  Betrieb  der  Leibes¬ 
übungen  noch  viel  zu  sehr  im  Hintergrund. 

Die  Jugendämter  werden  nur  von  Pädagogen  verwaltet  und 
doch  ist  schon  oft  lebhaft  die  Frage  besprochen  worden,  ob  zur  Leitung 
eines  Jugendamtes  ein  Arzt  oder  ein  Pädagoge  geeigneter  sei. 
Die  Städte  wollen  durch  das  Jugendamt  für  das  Gedeihen  eines  ge¬ 
sunden  Nachwuchses  sorgen,  und  dazu  gehört  eine  kritische,  bessernde, 
einheitliche  medizinische  Leitung  ebenso  gut  wie  eine  päd¬ 
agogische. 

Gewiss  haben  auch  die  Städte  an  die  ärztliche  Bearbeitung  sachlich¬ 
medizinischer  Fragen  beim  Jugendamt  gedacht,  aber  über  die  Art  ärzt¬ 
licher  Versorgung  haben  sie  sich  nicht  ausgesprochen.  Bei  den  hier 
auitauchenden  medizinischen  Fragen  ist  jedoch  ein  in  diesem  Gebiet 
bewanderter  Arzt  notwendig.  Ein  blosser  guter  Praktiker  genügt  hier 
nicht;  werden  doch  schon  an  Schulärzte  besondere  Anforderungen 
gestellt.  „Ein  Jugendamt  für  körperliche  und  geistige  Ertüchtigung  der 
Jugend  ohne  Arzt  kommt  mir  so  vor,  als  ob  man  eine  schöne  Orgel¬ 
kirche  baut,  einen  oder  mehrere  Geistliche  anstellt,  aber  keinen  Or¬ 
ganisten“  (Dr.  Landau-  Berlin). 


*)  Diese  besondere  Lösung  oder  das  hiezu  zu  verwendende  Ferrum 
sesquichlorati,  wovon  10  g  auf  50  g  Wasser  zu  lösen,  wären,  ist  vorrätig 
in  der  Sonnenapotheke  des  Dr.  Hiendlraayer,  München,  Karlsplatz  17. 


126 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Beim  Jugendamt  ist  also  ein  ständiger  Arzt  notwendig,  der  ver¬ 
eint  mit  dem  Pädagogen  die  speziellen,  die  körperliche,  pädagogische 
Ertüchtigung  der  Jugend  betreffenden  Fragen  beraten  muss.  Es  ist 
um  so  wichtiger,  diesen  immer  dem  Pädagogen  zur  Seite  zu  stellen, 
als  er  sich  zusammen  mit  ihm  in  die  Materie  einarbeiten  und  dem 
ganzen  Amt  die  Richtung  geben  muss.  Es  soll  sich  also  um  eine  täg¬ 
liche  ständige  Mitarbeit  mit  dem  Pädagogen  handeln,  um  mit  ihm  die 
jeden  Tag  in  grosser  Fülle  eingehenden  Entscheidungen  zu  treffen, 
und  zwar  sofort.  Man  denke  nur  an  die  Verschleppung,  die  not¬ 
gedrungen  erfolgen  muss,  wenn  das  Jugendamt  in  allen  medizinischen 
Fragen  genötigt  ist,  den  Rat  des  Medizinalamts  in  Anspruch  zu  nehmen. 
Grosse  prinzipielle  Fragen  müssen  natürlich  dem  Medizinalamt,  welches 
keine  verwaltende,  sondern  nur  eine  beratende  Behörde  sein  soll,  Vor¬ 
behalten  bleiben. 

Diese  ganze  Frage,  die  schon  oft  lebhaft  besprochen  wurde,  wäre 
nun  auf  das  einfachste  gelöst,  wenn  eben  die  Einrichtung  einer  sport¬ 
hygienischen  Beratungsstelle  als  Nebenabteilung  des  Jugendamtes  die 
Vermittlung  zwischen  Jugend-  und  Medizinalamt  hersteilen  würde. 

Kurz  möchte  ich  die  Wahl  des  Namens  „Sporthygienische  Unter- 
suchungs-  und  Beratungsstelle“  rechtfertigen.  Ich  bin  mir  wohl  be¬ 
wusst,  in  vielen  Kreisen  mit  diesem  Ausdruck  auf  Widerstand  zu 
stossen.  Wir  könnten  sagen  „Untersuchungsstelle  für  Turnen  und 
Sport“  oder  „Leibesübungen“.  Sie  werden  mir  aber  zugeben  müssen, 
dass  mit  diesen  Worten  nicht  das  Richtige  ausgedrückt  werden  kann. 
Es  ist  schwer,  einen  für  alle  Volkskreise  richtig  verständlichen  All¬ 
gemeinbegriff  zu  finden,  der  aber  zugleich  die  Hauptbegriffe  Turnen. 
Spiel,  Wandern,  Schwimmen  und  Sport  umfassend  zum  Ausdruck  bringt. 
Aber  auch  für  alle  diese  soll  die  sporthygienische  Untersuchungs-  und 
Beratungsstelle  da  sein,  und  ich  glaube  der  Ausdruck  „Sporthygiene“ 
hat  sich  auch  bereits  so  fest  eingebürgert,  dass  er  schwer  umzuändern 
sein  dürfte. 

Ich  habe  oben  die  Forderung  nach  der  ärztlichen  Untersuchung 
bei  der  Turn-  und  Sportpflicht  der  Jugend  erhoben.  Diese  Untersuchung 
und  die  genaue  ärztliche  Aufsicht  würde  auch  in  das  Aufgabengebiet 
der  sporthygienischen  Untersuchungsstelle  fallen.  Denn  nur  durch  eine 
solche  genaue  Beaufsichtigung  können  wir  körperlichen  Schädigungen 
durch  die  ungewohnte  körperliche  Arbeit  Vorbeugen. 

Erst  recht  ist  eine  sportärztliche  Untersuchung  vor  Beginn  des 
eigentlichen  technischen  Trainings  unerlässlich;  auch  während  und 
nach  seiner  Beendigung  ist  ein  ärztliches  Urteil  über  den  Gesundheits¬ 
zustand  wünschenswert.  Ja,  der  Berliner  Fussballehrer  Knesebeck 
verlangt  sogar,  dass  der  Uebungsleiter  oder,  wie  wir  früher  sagten, 
Trainer,  heute  am  besten  Arzt  sein  müsste,  um  immer  genauestens  auf 
die  Körpertätigkeit  seiner  Schützlinge  achten  zu  können. 

Das  ist  natürlich  heute  noch  ausgeschlossen.  Wenn  aber  unsere 
Jugend  mit  gesunden  Organen  unter  Aufsicht  des  Sportarztes  in  der 
sporthygienischen  Beratungsstelle  richtig  trainiert,  so  genügt  das  als 
Voraussetzung  zu  ausgiebigem  Betrieb  von  Körperübungen  aller  Art, 
um  irgendwelche  gesundheitlichen  Ueberraschungen  nach  den  bisherigen 
Erfahrungen  so  gut  wie  auszuschliessen. 

Dann  ist  es  aber  unumgänglich  notwendig,  dass  bei  diesen  gesund¬ 
heitlichen  Sportuntersuchungen  nicht  nur  einige  wichtige  Körpermasse 
zu  nehmen  sind,  sondern  auch  die  Funktionsfähigkeit  des  jugendlichen 
Organismus  zu  messen  ist.  Und  durch  Feststellung  der  Leistungs¬ 
grenzen  müssen  die  vorhandenen  Gefahrenkomplexe  erkannt  und  aus¬ 
geschaltet  werden.  Infolge  einer  ganzen  Reihe  heute  noch  unaufklär- 
barer  Umstände  ist  es  ganz  und  gar  ausgeschlossen,  aus  einigen  Körper¬ 
massen  abschliessende  Urteile  über  Körpereigenschaften  gewinnen  zu 
können.  Sehr  gute  Dienste  leisten  bei  diesen  ganzen  sportärztlichen 
Untersuchungen  die  Frage-  und  Untersuchungsbogen,  die  von  der 
Deutschen  Hochschule  für  Leibesübungen  herausgegeben  sind  und  von 
derselben  gern  als  Muster  abgegeben  werden.  Auf  einige  Beispiele, 
welche  die  Untersuchung  der  Funktionsfähigkeit  erläutern,  werde  ich 
weiter  unten  nochmals  zurückkommen. 

Ein  besonders  wichtiges  Kapitel  der  sporthygienischen  Unter¬ 
suchungsstelle  ist  auch  die  Befreiung  der  Kinder  vom  Turnunterricht. 
An  Stelle  der  bisherigen  Atteste  über  Befreiung  vom  Turnunterricht 
müssen  solche  treten,  in  denen  begründet  ist,  für  welche  Leibes¬ 
übungen  ein  Kind  nicht  befähigt  ist,  aber  welche  anderen  zur  Hebung 
seiner  Gesundheit  nun  erst  recht  notwendig  sind.  So  ist  z.  B.  für  Kin¬ 
der  mit  hohlem  Rücken  der  Turnunterricht  dringend  erforderlich,  sie 
müssen  aber  alle  Uebungen  vermeiden,  die  das  Kreuz  zu  sehr  durch¬ 
drücken,  wie  das  „Nest“  und  ähnliche  Biegungen  über  die  Rückenseite. 
Derartige  Fälle  Hessen  sich  noch  zahlreich  anführen. 

Dass  die  sporthygienische  Untersuchungs-  und  Beratungsstelle  sich 
auch  derjenigen  annimmt,  die  Verletzungen  im  Sport  davongetragen 
haben,  ist  wohl  ganz  selbstverständlich.  Ich  brauche  deshalb  darauf 
nicht  mehr  einzugehen.  Ich  möchte  nur  noch  hervorheben,  dass  es  nach 
Aussage  der  wenigen  Fachärzte  selbst,  ohne  Einblick  in  den  praktischen 
Betrieb  der  Leibesübungen  und  ohne  die  Erfahrungen  mit  Sportver¬ 
letzungen  sehr  schwer  ist,  rjchtige  Diagnosen  zu  treffen.  Natürlich  kann 
eine  Behandlung  in  der  Untersuchungs-  und  Beratungsstelle  nicht  statt¬ 
finden.  Es  würde  sich  nur  darum  handeln,  die  Verletzung  richtig  zu 
erkennen  und,  falls  ärztliche  Behandlung  erforderlich  ist,  dieselbe  in  rich¬ 
tiger  Weise  zu  vermitteln. 

Dass  für  eine  genaue  Untersuchung  auch  ein  Röntgenapparat  in 
eine  gut  eingerichtete  sporthygienische  Untersuchungs-  und  Beratungs¬ 
stelle  gehört,  ist  wohl  selbstverständlich.  Doch  glaube  ich,  dass  man 
im  Anfänge  auch  ohne  einen  solchen  und  überhaupt  mit  sehr  beschei¬ 
denen  Mitteln  auskommen  kann. 


Ein  weiteres  Tätigkeitsfeld  der  sporthygienischen  Untersuchungs¬ 
und  Beratungsstelle  ist  die  Psychologie  des  Sports,  mit  anderen  Worten 
die  Seele  im  Sport.  Sie  beschäftigt  sich  mit  der  Feststellung  der 
Eignung  für  bestimmte  sportliche  Leistungen  und  mit  der  Methode  der 
Leistungssteigerung.  Nach  dem  Grundsatz:  „Der  rechte  Mann  am  rech¬ 
ten  Platz“  prüft  sie  die  Befähigung  des  einzelnen  für  besondere  An¬ 
forderungen.  Es  erhellt,  dass  sie  dadurch  noch  bei  der  Berufswahl, 
hauptsächlich  bei  technischen  Berufen,  wie  z.  B.  dem  des  Kraftfahrers, 
Fliegers,  von  grösster  Wichtigkeit  ist.  Sie  untersucht  den  Sinn  für 
die  feine  Abstufung  der  Muskelkraft  beim  Boxer,  den  Treffsinn  des 
Fussballspielers,  den  Taktsinn  des  Ruderers,  überhaupt  die  Sinnes¬ 
tüchtigkeit.  Weiter  erforscht  sie  das  Vorstellungsleben  (AufmerKsam- 
keit,  Konzentration)  und  geht  dem  Wesen  des  Gefühlslebens  nach,  in¬ 
dem  sie  Mutproben  macht,  Schreckhaftigkeit  beobachtet.  Das  Willens¬ 
leben  ist  ein  nicht  minder  bedeutsames  Versuchsfeld.  Hier  wird  die 
Entschlusskraft  oder,  wie  der  Volksmund  sagt,  die  kurze  oder  lange 
Leitung  auf  die  Probe  gestellt.  Die  Versuche  der  Leistungssteigerung 
erstrecken  sich  auf  die  Aeusserungen  der  Kraft,  Geschicklichkeit, 
Schnelligkeit  und  Ausdauer.  Für  die  Prüfung  dieser  Eigenschaften  sind 
ganz  einfache  und  billige  Apparate  im  Handel  zu  haben  (konstruiert  von 
Dr.  S  c  h  u  1 1  e  -  Berlin),  die  man  sich  aber  auch  leicht  selbst  her¬ 
steilen  kann. 

Die  Leistungsfähigkeit  z.  B.  wird  durch  Hochziehen  an  einem  Kraft¬ 
messer  geprüft.  Bei  guter  Durchbildung  stellt  sich  dabei  ein  Verhält¬ 
nis  von  Leistung  zu  Körpergewicht  von  ungefähr  2:  1  heraus.  Ein 
Mensch  von  80  kg  Körpergewicht  zieht  an  dem  Kraftmesser  160  kg, 
während  der  noch  nicht  Ausgebildete  bei  etwa  83  kg  Körpergewicht  es 
meist  nur  auf  140  kg  Leistung  bringt.  Eine  regelmässige  Durchführung 
dieser  einfachen  Prüfungsart,  ermöglicht  es,  während  eines  Trainings 
jede  Leistungsstörung  sofort  festzustellen.  An  demselben  Apparat  lässt 
sich  in  ähnlich  einfacher  Weise  ohne  weiteres  feststellen,  ob  z.  B. 
jemand  besser  zum  Schnelläuier  über  kurze  oder  zum  Dauerläufer  über 
lange  Strecken  geeignet  ist.  Durch  Anwendung  solcher  Prüfungs¬ 
methoden  konnte  z.  B.  bei  einem  Schnelläufer  festgestellt  werden,  dass 
die  bisherigen  Mängel  seiner  Leistung  nicht  auf  einem  Mangel  an 
Uebung,  sondern  an  Körperkraft  beruhten.  Nachdem  er  daraufhin  einige 
Zeit  ausschliesslich  Kraftübungen  gemacht  hatte,  stiegen  seine  Lauf¬ 
leistungen  derart,  dass  er  seitdem  in  den  grössten  Wettbewerben  zahl¬ 
reiche  erste  Preise  erringen  konnte. 

Wir  kommen  nun  zu  der  Frage,  wer  soll  eine  solche  sporthygie¬ 
nische  Untersuchungs-  und  Beratungsstelle  verwalten.  Der  Leiter 
eines  solchen  Amtes  muss  aus  naheliegenden  Gründen  der  Sportarzt 
sein,  der  mit  den  verschiedenen  Zweigen  der  Leibesübung  auf  Grund 
eigener  Ausübung  praktisch  vertraut  ist.  Gegen  die  Zuständigkeit  der 
Aerzte  kann  geltend  gemacht  werden,  dass  der  praktische  Arzt  bei 
seiner  dauernden  Beschäftigung  mit  Kranken  allzu  leicht  einen  Mass¬ 
stab  für  die  Leistungsfähigkeit  der  Gesunden  verlieren  kann,  und  dass 
er  dann  im  Gefühl  seiner  Verantwortlichkeit  vor  allem  das  „nil  nocere“ 
(nur  nicht  schaden)  im  Auge  behalten  wird.  Prof.  Du  Bois  Rey- 
m  o  n  d,  der  bekannte  Physiologe  an  der  Berliner  Universität  sagt  zu 
dieser  Frage:  „Während  in  Deutschland  fast  alle  Aerzte,  die  sich  über 
Leibesübungen  äussern,  aufs  ängstlichste  vor  sportlichen  Uebertrei- 
bungen  warnen,  sind  in  England,  wo  doch  der  Sporteifer  viel  heftiger 
ist,  als  bei  uns,  Leute,  die  ihre  Gesundheit  durch  Ueberanstrengungen 
ruiniert  haben,  durchaus  nicht  häufig.“ 

Das  eine  bleibt  unumstösslich  bestehen,  was  Dr.  M  a  1 1  w  i  t  z,  der 
bekannte  Vorkämpfer  der  Sportärzte  in  Berlin  sagt:  „Wir  Aerzte  haben 
die  Pflicht,  dafür  zu  sorgen,  dass  der  Segen  der  sich  mit  Macht  aus- 
dehnenden  Sportbewegung  nicht  in  sein  Gegenteil  umgekehrt  wird, 
denn  die  Zahl  derjenigen,  deren  Gesundheit  Schaden  leidet,  weil  sie 
Leibesübungen  gar  nicht  oder  in  ungenügendem  Masse  betreiben,  ist 
unermesslich  viel  grösser  als  die  Zahl  derjenigen,  die  durch  Ueber- 
mass  der  Leibesübungen  ihre  Gesundheit  schädigen.“ 

Wo  haben  wir  nun  bereits  sporthygienische  Untersuchungs-  und 
Beratungsstellen?  Berlin  ist  mit  seiner  Hochschule  für  Leibesübungen, 
die  bekanntlich  zunächst  von  privater  Seite  eingerichtet  wurde,  ton¬ 
angebend.  In  Hannover  ist  etwa  vor  2  Jahren  und  in  Hamburg  etwa 
vor  1  Jahr  aus  privater  Initiative  eine  sporthygienische  Untersuchungs¬ 
und  Beratungsstelle  vom  Ausschuss  für  Leibesübungen  eingerichtet 
worden.  In  Gelsenkirchen  und  in  Dortmund  sind  sie  im  Entstehen  be¬ 
griffen.  Staat  und  Gemeinden,  denen  die  körperliche  Ertüchtigung  der 
Jugend  besonders  am  Herzen  liegen  sollten,  hinken  wie  immer  hinter¬ 
her.  Darum  aber  wird  es  höchste  Zeit,  sie  aufzuwecken  und  sie  an  ihre 
Pflicht  zu  erinnern.  Die  Kosten  für  die  Gemeinden  würden  sich  auf 
ein  paar  Tausend  Mark  beschränken,  da  sich  eine  solche  Beratungs¬ 
stelle  zunächst  mit  ganz  einfachen  Mitteln  (Blutdruckapparat,  Spiro¬ 
meter)  einrichten  lässt.  Sollten  die  Gemeinden  ihre  Pflicht  verkennen, 
so  appelliere  ich  allein  an  die  Verbände  und  Vereine  für  Leibesübungen; 
denn  an  der  finanziellen  Schwierigkeit  soll  die  Einrichtung  nicht  schei¬ 
tern  und  zur  Ueberwindung  derselben  würden  Verbände  und  Vereine, 
glaube  ich,  gern  beisteuern. 

Zum  Schluss  die  Aufgaben  der  sporthygienischen  Untersuchungs¬ 
und  Beratungsstellen  nochmals  kurz  Umrissen: 

1.  Beratung  und  Erledigung  aller  medizinischen  und  ärztlichen 
Fragen  des  Jugendamtes. 

2.  Aerztliche  Untersuchung  (eine  Art  Musterung)  und  gesundheit¬ 
liche  Beaufsichtigung  bei  der  gesetzlich  zu  regelnden  Turn-  und 
Sportpflicht  der  Jugend,  insbesondere  auch  Untersuchung  und 
Beratung  aller  Sportsleute,  die  sich  einem  regelrechten  Training 
unterziehen. 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


127 


3.  Befreiung  der  Kinder  vom  Turnunterricht. 

4.  Beratung  und  ev.  Ueberweisung  in  fachärztliche  Behandlung 
derjenigen,  die  beim  Sport  Verletzungen  davongetragen  haben. 

5.  Eignungsprüfungen  für  bestimmte  sportliche  Leistungen  und 
Methoden  der  Leistungssteigerung. 

Literatur. 

Mallwitz:  Jugendpflege  durch  Leibesübungen  vom  fachärztlichen 
Standpunkt.  1919.  (Veröffentl.  d.  Medizinalverw.  9.  Bd„  8.  Heft.)  — 
Schulte:  Leib  und  Seele  im  Sport  (Voikshochschulverlag,  Charlottcnburg, 
1921).  —  Turnen,  Spiel  und  Sport  1921  (Veröffentl.  d.  deutschen  Hochschule 
für  Leibesübungen). 


Fortmidüngsuorträge  und  ueherslchtsreferate. 

Aus  der  Klinik  und  Poliklinik  für  Haut-  und  Geschlechts¬ 
krankheiten  der  Universität  München.  (Direktor:  Professor 
Dr.  Leo  Ritter  von  Zumbusch.) 

Liquorveränderungen  bei  Frühsyphilis. 

Von  Dr.  Julius  K.  Mayr. 

Statistische  Erhebungen  über  Häufigkeit  und  Art  von  Liquorverän¬ 
derungen  in  den  Frühstadien  der  Syphilis  sind  in  grösserem  Umfange 
erst  innerhalb  des  letzten  Dezenniums  vorgenommen  worden.  Der  Grund 
dazu  mag  vor  allem  darin  liegen,  dass  wir  klinisch  manifeste  Symp¬ 
tome  bei  den  ersten  Erscheinungsformen  der  Syphilis,  wenn  wir  viel¬ 
leicht  von  den  Kopfschmerzen  absehen  wollen,  in  stärkerem  Ausmasse 
doch  nur  selten  zu  sehen  bekommen  und  den  meningitisdien  Prozessen 
eine  grössere  Bedeutung  nicht  zugesprochen  wurde.  Ferner  wurden 
die  Untersuchungsmethoden  der  Cerebrospinalflüssigkeit  gerade  in  dem 
letzten  Jahrzehnt  (Goldsolreaktion  1912)  um  einige  sehr  empfindliche 
Reaktionen  vermehrt,  die  imstande  sind,  eine  Reihe  von  Veränderungen 
im  Liquor  aufzudecken,  die  uns  bei  der  bisherigen  Untersuchung  ent¬ 
gangen  waren. 

Wollen  wir  zunächst  die  Frage  erörtern,  welche  Reaktionen  zur 
Liquordiagnose  notwendig  sind,  so  finden  wir  fast  bei  allen  Autoren 
die  gleichen  Methoden  angewandt.  Es  ist  klar,  dass  wir  bei  statistischer 
Verarbeitung  eines  Materials  den  Ausfall  der  Reaktionen  nicht  ver¬ 
werten  können,  deren  Beweiskraft  an  sich  noch  nicht  feststeht.  Aus 
der  grossen  Zahl  der  Methoden,  die  uns  Aufschluss  über  Liquorver¬ 
änderungen  überhaupt  geben,  eignet  sich  daher  nur  ein  Teil.  Auch 
diesen  Reaktionen  ist  eine  Spezifität  für  die  Syphilis  nicht  zuzuerken¬ 
nen,  abgesehen  von  der  Wasser  mann  sehen  Reaktion  und  viel¬ 
leicht,  wenigstens  bei  einer  ausgebildeten  Zacke,  der  Goldsolreaktion. 
Der  sich  aus  dieser  Unspezifität  ergebende  Missstand  in  der  Beurteilung 
der  Befunde  wird  dadurch  in  seiner  Wirkung  gemildert,  dass  sich  der 
ursächliche  Zusammenhang  zwischen  Lues  und  Liquorveränderungen 
wohl  nicht  allzu  schwer  hersteilen  lassen  wird,  unter  dem  Ausschluss 
anderer  ebenfalls  den  Liquor  beeinflussender  Prozesse.  Dieser  letzte 
Punkt  bedarf  indes  einer  gewissen  Einschränkung.  So  konnten  nämlich 
eine  Anzahl  von  Autoren  bei  Dermatosen,  Gonorrhoe  und  Ulcus  molle 
positive  Liquorbefunde  erheben,  also  bei  Patienten,  die  als  liquorgesund 
zum  Vergleiche  herangezogen  wurden.  Die  Prozentzahlen  bewegen 
sich  nach  S  c h  ö  n  f  e  Id  bei  der  Phase  I  auf  etwa  8  Proz.,  beim  Pandy 
auf  42  Proz.  Ferner  konnten  Stern,  Schmidts  und  andere  bei 
luesfreien  Fällen  Zell-  und  Eiweissvermehrung  feststellen.  Handelt  es 
sich  bei  diesen  Befunden  auch  nicht  um  sehr  ausgeprägte  Ergebnisse, 
so  scheinen  sie  doch  wegen  der  sich  aus  ihnen  ergebenden  Rück¬ 
schlüsse  mehr  Beachtung  zu  verdienen,  als  ihnen  gegeben  wird.  Sie 
können  bei  statistischer  Verwertung,  namentlich  an  Prostituiertem- 
Materlal,  das  meist  kombiniert  erkrankt  ist.  unter  Umständen  das 
richtige  Ergebnis  verschleiern.  Sie  auf  mangelnde  Untersuchungs¬ 
technik  zu  schieben  oder  die  Luesfreiheit  dieser  Fälle  anzuzweifeln, 
dürfte  dabei  abzulehnen  sein.  Die  vier  Reaktionen  Non  n  es.  Zell¬ 
zählung,  Phase  I  und  Gesamteiweissbestimmung  sowie  der  Wasser¬ 
mann,  reichen  heute  zur  Liquordiagnose  nicht  mehr  aus.  Zu  ihnen 
muss  noch  mindestens  eine  der  kolloidalen  Reaktionen  treten.  Der 
Ausfall  der  einzelnen  Reaktionen  ist  hinsichtlich  seiner  Bewertung 
nicht  übereinstimmend  betont.  Es  macht  sich  bei  den  sogenannten 
schwach  positiven  Befunden,  die  bei'  dem  ganzen  untersuchten  Material 
eine  nicht  unbedeutende  Rolle  spielen,  eine  verschiedene  Beurteilung 
geltend.  So  werden  z.  B.  von  einer  Anzahl  von  Autoren,  unter  ihnen 
auch  Nonne,  nur  Zellzahlen  bis  5  als  normal  angesehen,  im  Gegen¬ 
satz  zu  anderen,  wie  Gennerich  (bis  8),  Schönfeld  (bis  10). 
Französische  Autoren  erachten  im  Gegensatz  dazu  bereits  2  Zellen 
als  pathologisch.  Bei  der  Gesamteiweissbestimmung  nach  N  i  e  s  s  1 
werden  wohl  allgemein  Werte  über  0,02  Proz.  als  krankhaft  bezeichnet. 
Der  Ausfall  der  Phase  I  wird  verschieden  gewertet,  je  nachdem  er 
Spuren  von  Opaleszenz  oder  schwache  Opaleszenz  zeigt,  indem  er 
in  dem  ersteren  Falle  als  negativ  und  im  zweiten  als  positiv  gebucht 
wird.  Die  Pandy  sehe  Reaktion  wird  von  einer  Reihe  von  Autoren 
als  zu  empfindlich  abgelehnt.  Wir  vermissten  ihren  positiven  Aus¬ 
fall  niemals,  wenn  irgendeine  andere  Reaktion  positiv  war.  Unter 
den  kolloidalen  Reaktionen  ist  das  wichtigste  das  Goldsol.  Ihre  grosse 
Empfindlichkeit  hat  den  Nachteil,  dass  sie  uns  möglicherweise  Andeu¬ 
tungen  eines  positiven  Befundes  gibt,  in  Fällen,  wo  ein  solcher  nicht 
vorhanden  ist.  Da  nun  die  horizontale  Linie  bei  graphischer  Dar¬ 
stellung  des  Befundes  fast  zu  den  Seltenheiten  gehört  (K  y  r  1  e).  so 


dürfte  es  sich  als  zweckmässig  erweisen,  geringe  Farbdifferenzen, 
die  nur  bis  rotviolett  gehen,  als  negativ  anzusprechen,  was  von  einigen 
Autoren,  aber  nicht  allen  geschieht.  Es  kommt  auch  hinzu,  dass  die 
Herstellung  der  Goldlösung  trotz  purpurroter  Farbe  nicht  immer  gleich- 
mässig  gelingt,  wie  wir  besonders  an  Blutseren  gezeigt  haben,  wobei 
sich  herausstellte,  dass  die  Intensität  der  Rötung  bei  verschiedenen 
Lösungen  die  gleiche  war,  obwohl  dieselben  eine  andere  Empfindlichkeit 
besassen.  Nur  ein  Ausfall,  der  deutliche  Zackenbildung  aufweist,  darf 
als  einwandfreier  positiver  Befund  verwertet  werden.  Neben  der 
Goldsolreaktion  treten  die  übrigen  kolloidalen  Reaktionen  in  den  Hin¬ 
tergrund.  Sie  geben  zum  Teil,  wie  vor  allem  die  Mastixreaktion, 
ähnliche  Resultate,  ohne  in  irgendeiner  Weise  erstere  zu  übertreffen. 
Die  W  e  i  c  h  b  r  o  d  t  sehe  Sublimatreaktion,  die  von  einigen  Autoren 
zur  Diagnose  in  ausgedehntem  Maasse  herangezogen  wurde,  scheint 
wegen  einer  gewissen  übergrossen  Empfindlichkeit  keine  besondere 
praktische  Bedeutung  zu  erlangen,  Schönfeld  konnte  sie  bei  den 
oben  genannten  „Normalfällen“  in  50  Proz.  positiv  finden.  Ueber  die 
biologischen  Reaktionen,  wie  die  Hämolysinreaktion  nach  Kafka  und 
Weil,  liegen  grössere  Untersuchungsergebnisse  nicht  vor.  Bei  der 
Wassermann  sehen  Reaktion  ist  es  nach  Hauptmann- 
N  ö  s  s  1  i  nötig,  bei  steigenden  Konzentrationen  von  0,2  bis  konzen¬ 
triert  auszuwerten.  Auch  schwach  positive  Befunde  sind  im  Sinne 
einer  luetischen  Veränderung  zu  deuten.  Die  Frage  der  Druckmessung 
bedarf  noch  einer  besonderen  Erwähnung.  Die  Durchschnittshöhe  des 
Druckes  wird  ganz  verschieden  angegeben,  verschieden  beim  Liegen 
und  beim  Sitzen,  nach  Kopfhaltung,  verschieden  bei  den  einzelnen 
Autoren.  Ein  grosser  Teil  von  letzteren  hat  mit  Rücksicht  auf  die 
Unsicherheit  der  Druckmessung  davon  Abstand  genommen,  wenigstens 
bei  den  frühsyphilitischen  Stadien.  Diese  begnügen  sich  mit  der  Fest¬ 
stellung,  mit  welcher  Intensität  der  Liquor  heraustropft.  Wir  haben 
ebenfalls  aus  den  oben  erwähnten  Gründen  späterhin  auf  eine  Messung 
zichtet.  Blutbeimengung  zum  Liquor,  die  sich  in  manchen  Fällen  nicht 
eventueller  Drucksteigerung  durch  das  Quincke  sehe  Steigrohr  ver- 
vermeiden  lässt,  macht  diesen  für  die  meisten  Reaktionen  unbrauchbar, 
so  vor  allem  für  die  Goldsolreaktion.  Die  Zellzählung  hat  sofort  nach 
der  Entnahme  des  Liquors  zu  geschehen.  Desgleichen  muss  die  Gold¬ 
solreaktion  möglichst  sofort  nach  der  Entnahme  ausgeführt  werden, 
da  längeres  Stehen  bezw.  vor  allem  Lagerung  im  Eisschrank  die  Reak¬ 
tionsfähigkeit  des  Liquors  beeinträchtigen  kann.  Die  letzteren  beiden 
Untersuchungsmethoden  können  demnach  nicht,  wie  von  einigen  Seiten 
gefordert  wird,  von  einer  Zentralstelle  vorgenommen  werden. 

Der  Liquor  kann  einen  verschiedenen  Ausschlag  geben,  je  nach 
der  Liquorportion,  in  der  er  vorgenommen  ist.  Diese  Möglichkeit,  die 
besonders  nach  neueren  Untersuchungen  (W  eigelt)  nicht  von  der 
Hand  zu  weisen  ist,  wurde  bisher  so  gut  wie  ausschliesslich  vernach¬ 
lässigt.  Weinberg,  der  die  einzelnen  Liquorportionen  fraktioniert 
untersucht  hat,  mit  Rücksicht  darauf,  ob  sich  diese  in  den  einzelnen 
Abschnitten  identisch  verhalten,  fand  zum  Teil  ziemlich  bedeutende 
Unterschiede.  Während  er  beim  normalen  Liquor  keine  grösseren  Dif¬ 
ferenzen  beobachten  konnte,  zeigte  sich  bei  manchen  pathologischen 
Verhältnissen,  dass  solche  bei  der  Vornahme  in  drei  Portionen  zum 
Teil  in  sehr  starkem  Maasse  bestehen.  Besonders  deutlich  waren  die 
Verhältnisse  beim  Zellgehalt,  die  von  hoher  Vermehrung  in  der  ersten 
bis  zu  normalen  Werten  in  der  dritten  Portion  gingen,  bei  Zwischen¬ 
zahlen  in  der  mittleren.  Desgleichen  fanden  sich  Differenzen  im 
Globulingehalt.  Sogar  die  Wassermann  sehe  Reaktion  hat  stufen¬ 
weise  Unterschiede.  Es  ist  dringend  nötig,  diese  Ergebnisse  an  grös¬ 
serem  Material  nachzuprüfen.  Wir  selbst  haben  darüber  keine  Er¬ 
fahrung,  wie  eine  solche  auch  der  Mehrzahl  der  Autoren  zu  fehlen 
scheint.  Da  bei  Punktion  in  Seitenlage  der  Liquor  von  allen  Seiten 
Zuströmen  kann,  im  Gegensatz  zur  Liquorentnahme  im  Sitzen,  können 
auch  hieraus  verschiedene  Zusammensetzungen  des  Liquors  resultieren. 

Es  ist  leider  nicht  absolut  möglich,  die  Untersuchungsergebnisse 
der  einzelnen  Autoren  von  einer  gemeinsamen  Basis  aus  zu  betrach¬ 
ten,  da  nach  verschiedenen  Voraussetzungen  und  nach  verschiedener 
Fragestellung  untersucht  worden  ist,  ohne  dass  erstere  immer  deutlich 
genug  angegeben  wären.  Es  ist  daher  nicht  gestattet,  aus  den  Befunden 
gleichsam  das  Mittel  zu  nehmen  und  das  Ergebnis  daraus  als  Durch¬ 
schnittswert  zu  proklamieren.  Es  ist  klar,  dass  wir  verschiedene 
Zahlen  bekommen  müssen,  wenn  wir  z.  B.  bei  der  Lues  I  ohne  Rück¬ 
sicht  auf  negativen  oder  positiven  Wassermann  untersuchen  oder  den 
Begriff  der  Frühsyphilis  von  zwei  auf  fünf  Jahre  ausdehnen.  So  finden 
wir  in  den  Untersuchungen,  auch  noch  der  letzten  Jahre,  obwohl  das 
Material  identisch  genannt  wurde,  Differenzen  zwischen  10  und  86  Proz. 
Wir  müssen  bedenken,  dass  die  Schwankungen  in  den  Prozentzahlen 
in  Gründen  liegen,  die  wir,  wenigstens  zum  Teil,  kennen.  Diese  sind 
verschiedene  Einschätzung  sogenannter  schwach  positiver  Befunde, 
die  unterschiedliche  Punktion  im  Liegen  oder  Sitzen,  die  Möglichkeit 
von  Schichtung  des  Liquors,  die  Differenzen  im  Infektionsalter  der 
Punktierten,  die  Verschiedenheiten  etwa  vorausgegangener  Therapie, 
ein  eventuelles  Vorkommen  positiver  Liquorbefunde  bei  Nichtsyphiliti- 
kern,  unterschiedliches  Auffassen  in  der  Dauer  der  einzelnen  Stadien 
usw.  Wie  immer  ist  es  selbstverständlich,  dass  wir  prinzipiell  einem 
positiven  Befund  mehr  Beweiskraft  schenken,  als  einem  negativen. 

Die  wenigsten  Untersuchungen  liegen  über  die  primäre  Lues  vor. 
Im  seronegativen  Stadium  fand  Gennerich  Veränderungen  in 
7  Proz.,  K  ö  n  i  g  s  t  e  i  n  in  5  Proz.,  während  Rost  und  Kyrie  in 
keinem  Falle  einen  positiven  Befund  erheben  konnten.  Es  ergibt  sich 
also  die  Tatsache,  dass  bereits  in  diesen  frühen  Stadien  Infektionen 
des  Liquors  Vorkommen.  Bei  einem  Umschlagen  des  Wassermanns 


1 28 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


gehen  die  positiven  Befunde  in  die  Höhe,  indem  hier  bereits  Fleisch- 
ni a n n  56  Proz.  und  Fu'hs  und  Schallinger  64  Proz.  positive 
Befunde  erheben  konnten.  Es  handelt  sich  dabei  um  durchwegs  un¬ 
behandelte  Fälle.  Die  Veränderungen  bestanden,  abgesehen  von  Druck¬ 
steigerung,  in  Zellvermehrung  bis  zu  125  Zellen,  in  meist  schwach 
positivem  Nonne  und  in  Beeinflussung  der  Goldsollösung.  Sehr  inter¬ 
essant  sind  die  Ergebnisse  bei  Fleischmann,  der  bereits  bei 
seronegativer  Lues  I  bei  3  Proz.  positiven  Liquorwassermann  sah. 
Bei  sämtlichen  Fällen  war  es  bereits  zu  einer  sichtbaren  Skleradenitis 
gekommen,  es  dürfte  sich  demnach  wohl  um  die  Zeit  des  Umschlagens 
des  Wassermanns  gehandelt  haben.  Aehnlich  hohe  Befunde  von 
Liquorwassermann  bei  negativem  Blutwassermann  der  Lues  I,  der 
auch  von  anderen  Autoren  vereinzelt  gefunden  wurde,  sind  in  der 
Literatur  nicht  mehr  angegeben.  Der  ebengenannte  Autoi  fand  hei 
seropositiver  primärer  Lues  in  7  Proz.  den  Liquorwassermann  positiv. 
Objektiv  nachweisbare  Nervenschädigungen  sind  im  ersten  Stadium 
der  Syphilis  bisher  noch  nicht  beobachtet.  Die  Ergebnisse  _  bei  pri¬ 
märer  Lues  beweisen  uns,  dass  der  Liquor  etwa  um  die  gleiche  Zeit 
infiziert  werden  kann,  in  der  die  Spirochäten  ins  Blut  übertreten. 

Ueber  Untersuchungen  bei  sekundärer  Syphilis  liegen  umfangreiche 
Berichte  vor,  die  sich  zum  Teil  auf  mehr  als  tausend  Fälle  stützen 
können.  Die  Differenzen  bei;  den  einzelnen  Autoren,  die  bei  der 
primären  Lues  sich  in  durchaus  erträglichem  Masse  halten,  sind  hier 
sehr  hoch.  So  fanden  z.  B.  Rost  Veränderungen  in  12  Proz., 
Frühwald  in  48  Proz.,  Behring  in  69  Proz.,  Altmann  und 
D  r  e  y  f  u  s  s  in  78  Proz.,  Wechselmann  in  86  Proz.  Es  handelt 
sich  bei  diesen  Zahlen  um  Fälle  mit  und  ohne  bisherige  Behandlung, 
also  um  Material,  das  unter  sich  sehr  verschieden  ist.  Unsere  eigenen 
Untersuchungen  (Mayr  und  Harlsse).  die  sich  auf  gegen  hundert 
Fälle  (fast  ausschliesslich  Frauen)  belaufen,  entsprechen  den  Befunden 
bei  denjenigen  Autoren,  die  die  spärlichsten  Veränderungen  fanden. 
Soweit  detaillierte  Berichte  über  die  Zeitdauer  der  Infektion  ange¬ 
geben  sind,  sehen  wir  bei  einigen  Autoren,  dass  die  Prozentzahlen  in 
den  ersten  beiden  Jahren  mit  der  Dauer  der  Infektion  weiter  steigen, 
so  bei  Rost  von  12  auf  28  Proz.,  bei  Kohrs  von  54  auf  65  Proz., 
bei  Kyrie  von  40  auf  67  Proz.  Diese  Ergebnisse  stimmen  nicht 
ganz  mit  denjenigen  von  Königstein  und  Goldberger  über¬ 
ein,  die  bei  sekundärer  Lues  ein  Steigen  der  Liquorveränd'erungen  nur 
bis  zum  10.  Monat  nach  der  Infektion  beobachteten,  nach  diesem  Termin 
ist  nach  ihnen  ein  Rückgang  zu  verzeichnen.  So  fanden  sie  im 
6.  Monat  44,2  Proz.,  im  8.  51,7  Proz.,  im  10.  57,9  Proz.,  im  12.  ein 
Fallen  auf  46,5  Proz.  und  nach  dem  ersten  Jahre  32  Proz.  Da  die 
von  den  erstgenannten  Autoren  angegebenen  Befunde  über  ein  Steigen 
bis  zum  zweiten  Jahre  keine  näheren  Angaben  darüber  enthalten,  ob 
zu  Beginn  oder  Ende  des  zweiten  Jahres  untersucht  ist,  werden  sich 
möglicherweise  die  aus  beiden  Berichten  ergebenden  Differenzen  den¬ 
noch  auf  eine  gemeinsame  Basis  bringen  lassen.  Wir  dürfen  diese 
Zahlen  ja  doch  nicht  als  unverrückbare  Schemata  betrachten.  Sie  kön¬ 
nen  uns  immer  nur  einen  gewissen  Massstab  geben.  Als  regelmässige 
pathologische  Reaktionen  fanden  sich  bei  der  sekundären  Syphilis 
Pleozytosen  z.  T.  sehr  hoher  Grade,  meist  deutliche  Opaleszenz  bei 
der  Phase  I,  typische  Lueszacke  beim  Goldsol.  Die  Wassermann - 
sehe  Reaktion  war  nach  Fleischmann  etwa  in  16  Proz.  positiv, 
also  nicht  häufiger  als  bei  seropositiver  primärer  Lues.  Es  handelte 
sich  ausschliesslich  um  unbehandelte  Fälle.  Untersuchungen  über  die 
Häufigkeit  der  Liquorveränderungen  bei  bestimmten  Exanthemformen 
im  Verhältnis  zu  dem  ganzen  Material,  die  von  einigen  Autoren  erhoben 
wurden,  so  von  Königstein,  der  bei  papulösen  Ausschlägen  45  Proz. 
und  bei  makulösen  nur  34  Proz.  fand,  und  von  Gennerich,  der  bei 
Lues  maligna  so  gut  wie  keinen  Liquorbefund  beobachtete,  blieben  im 
Allgemeinen  resultatlos.  Dagegen  war  die  Alopecia  spezifica  häufiger, 
als  dem  Durchschnitt  entsprechen  würde,  mit  stark  positivem  Liquor 
kombiniert.  So  berichten  Gennerich  über  90  Proz.,  Frühwal1  d 
über  56  Proz.,  Königstein  über  73  Proz.  und  Fuhs  und  Schal¬ 
linger  über  95  Proz.  Ueberblicken  wir  die  positiven  Liquorbefunde 
bei  der  sekundären  Lues,  so  sehen  wir  eine  sehr  hohe  Beteiligung  des 
Liquors  an  der  Infektion  als  Ausdruck  eines  fortschreitenden  Prozesses. 
Nicht  nur  die  Häufigkeit  an  sich  hat  zugenommen,  sondern  auch  die 
einzelnen  Reaktionen  geben  stärkere  Ausschläge.  Mehr  lässt  sich 
zunächst  aus  dem  vorliegenden  Material  nicht  ableiten. 

Die  Untersuchungen  bei  latenter  Lues  lauten  sehr  verschieden. 
Wir  finden  hier  häufig  keine  näheren  Angaben  darüber,  ob  es  sich  um 
Früh-  oder  um  Spätlatens  handelt.  Wir  finden  im  Durchschnitt  etwa 
folgende  Zahlen:  Altmann  und  Dreyfus  23  Proz..  Genne¬ 
rich  33  Proz.,  Fleischmann  35  Proz.,  Kyrie  50  Proz.  und 
Kohrs  54  Proz.,  im  allgemeinen  niederere  Zahlen  als  bei  der  mani¬ 
festen  Frühlues.  Die  Veränderungen  waren  auch  hier  in  der  Haupt¬ 
sache  Pleozytosen,  Eiweissvermehrung,  positive  Goldsolreaktion  und 
vereinzelt  positiver  Wassermann.  Letzterer  wird  bis  30,2  Proz. 
bei  ungenügend  behandelten  Fällen  angegeben  (F  1  e  i  s  c  h  m  a  n  n). 
Wir  finden  demnach,  dass  bei  der  latenten  Lues  die  Prozentzahlen  an 
positiven  Liquorbefunden  im  allgemeinen  bei  den  Autoren  wieder  ab¬ 
genommen  haben,  zunächst  ohne  näheres  Eingehen  darauf,  ob  eine 
Behandlung  vorausgegangen  ist.  Die  Prozentzahlen  sind  fast  gleich  bei 
Wassermann-negativer  bezw.  -positiver  latenter  Lues. 

Untersuchen  wir  das  ganze  Material  daraufhin,  ob  behandelt  ist 
oder  nicht,  so  ergibt  sich  die  Tatsache,  dass  sich  gleich  hohe  Pro¬ 
zentzahlen  bei  behandelten  und  unbehandelten  Fällen  finden.  Bei 
einigen  Autoren  schwanken  sogar  die  diesbezüglichen  Zahlen  zu  un- 
gunsten  der  behandelten  Fälle,  so  bei  Kohrs  von  37  auf  54  Proz., 


bei  Fleisch  mann  von  33,4  auf  66,9  Proz.,  bei  Schäber  von 
13  auf  15  Proz.  G  e  n  n  e  r  i  ch  hat  besonders  auf  die  grossen  Unter¬ 
schiede  hingewiesen,  die  sich  bei  reiner  Quecksilberbehandlung  und 
solcher  mit  Quecksilber  und  Salvarsan  finden.  Die  Differenzen  be¬ 
tragen  nach  ihm  unter  Umständen  bis  54  Proz.  zu  ungunsten  der  kom¬ 
biniert  behandelten  Fälle.  Gennerich  schliesst  aus  diesen  Tat¬ 
sachen,  dass  seit  Einführung  des  Salvarsans  eine  Zunahme  der  Ner- 
vensyphilis  in  der  Frühperiode  verzeichnet  werden  muss.  Den  Grund 
sieht  auch  er  nicht  in  dem  Salvarsan  an  sich,  sondern  in  einer  un¬ 
genügenden  Salvarsanapplikation  bezw.  in  einer  alleinigen  An¬ 
wendung  des  Mittels.  Auch  Nonne  erwähnt,  dass  eine  stärkere 
Zunahme  der  syphilitischen  Nervenerkrankungen  erfolgt  ist.  Auf 
die  sich  aus  diesen  Tatsachen  ergebenden  Folgerungen  wollen  wir 
weiter  unten  näher  eingehen. 

In  welchem  Verhältnis  steht  die  Zahl  der  positiven  Liquorbefunde 
zu  der  der  klinisch  manifesten  Nervensymptome?  Nach  dieser  Seite 
hin  sind  ebenfalls  grössere  Erhebungen  angestellt  worden.  Nicht 
selten  fehlen  trotz  kompletten  Liquorbefundes  jegliche  Symptome  am 
Zentralnervensystem  (Frühwald,  Gutmann,  Kyrie,  Nonne, 
Schönfeld  u.  a.).  Wie  nun  nicht  alle  positiven  Liquor¬ 
befunde  demnach  mit  klinisch  manifesten  Erscheinungen  einher¬ 
gehen,  so  finden  sich  auch  nicht  bei  allen  klinischen  Erscheinun¬ 
gen,  die  auf  eine  Mitbeteiligung  des  Zentralnervensystems  schliessen 
lassen,  positive  Liquorbefunde.  Trotz  sicherer  Erkrankung  des  Zen¬ 
tralnervensystems  können  alle  Reaktionen  negative  Werte  ergeben. 

Es  erhebt  sich  nun  die  Frage:  werden  die  Liquorveränderungen 
bezw.  die  klinischen  Nervenbefunde  durch  die  Therapie  beeinflusst? 
Verfolgen  wir  das  Schicksal  der  Fälle  mit  positivem  Liquor,  so  zeigt 
sich  nach  der  Zusammenstellung  von  Brandt  und  Mras,  dass  Ver¬ 
änderungen,  die  die  Sekundärperiode  überdauern,  ziemlich  resistent 
erscheinen,  dass  jedoch  die  Befunde  aus  der  Latenzzeit  gegenüber 
denen  bei  manifester  zweiter  Lues  fast  um  die  Hälfte  Zurückbleiben. 
Da  ein  Rückgang  der  Veränderungen  auch  ohne  jede  Behandlung  ein- 
treten  kann,  ergibt  sich  die  Möglichkeit  von  Spontanheilungen  bezw. 
-Besserungen.  Im  Gegensatz  dazu  kann  trotz,  nach  unseren  jetzigen 
Begriffen  ausreichender  Behandlung  ein  anderer  Teil  zu  metaluetischen 
Prozessen  führen.  Es  erscheint  zunächst  hoffnungslos,  die  Therapie 
in  Zusammenhang  mit  einer  Sanierung  des  Liquors  zu  bringen,  da 
wir  ja  gleich  hohe  Prozentzahlen  von  Liquorveränderung  bei  behan¬ 
delter  und  unbehandelter  Lues  vorgefunden  haben..  Trotzdem  ist  eine 
ausreichende  Therapie,  über  deren  Höhe  freilich  die  Meinungen 
noch  weit  auseinander  gehen,  imstande,  den  Liquor  zu  bessern  oder 
negativ  zu  machen.  So  führt  S  c  h  ö  nf  e  1  d  eine  Reihe  von  mehrmals 
punktierten,  genau  untersuchten  Fällen  an,  bei  denen  eine  prompte 
Beeinflussung  der  Befunde  erzielt  wurde  (Herabsetzung  des  Zell¬ 
gehaltes,  Negativwerden  der  Phase  I  des  Wassermanns).  Dagegen 
konnte  ein  Zurückgehen  sämtlicher  Befunde  nicht  erreicht  werden. 
Auch  die  vorhandenen  klinischen  Erscheinungen  erwiesen  sich  als  der 
Rückbildung  zugängig.  Wie  aus  allen  Untersuchungen  hervorgeht, 
sinkt  die  Beeinflussungsmöglichkeit  mit  der  Dauer  des  Prozesses.  Es 
scheint  ferner  zu  den  Ausnahmen  zu  gehören,  wenn  ein  einmal  negativ 
gewordener  Liquor,  sei  es  nach  Behandlung  oder  nach  Spontanheilung, 
wieder  umschlägt.  Die  einzelnen  Liquorveränderungen  sind  verschieden 
leicht  zu  beeinflussen.  Am  Günstigsten  scheinen  die  Verhältnisse  bei 
den  reinen  Pleozytosen  zu  liegen,  die  auch  am  häufigsten  Spontan¬ 
heilungen  ergeben.  Eine  ziemlich  bedeutende  Resistenz  zeigen  fast 
ausschliesslich  der  Wassermann  und  die  Goldsolreaktion.  Von  einigen 
Autoren  wird  letzterer  überhaupt  jede  Beeinflussbarkeit  abgesprochen. 
Geringfügige  positive  Befunde,  wie  Grenzwerte  von  Zellzahten,  Spuren 
von  Opaleszenz  können  sich  der  Behandlung  gegenüber  in  manchen 
Fällen  kaum  weniger  resistent  erweisen  als  komplette  Befunde. 

Welche  Behandlung  wird  sich  am  geeignetsten  zur  Liquorsanierung 
erweisen?  Es  .erweckt  vielleicht  zunächst  den  Anschein,  als  ob  einer 
reinen  Quecksilberbehandlung  der  Vorzug  zu  geben  wäre,  im  Hinblick 
darauf,  dass  seit  Einführung  des  Salvarsans  eine  Vermehrung  der 
Liquorbefunde  beobachtet  wird.  Ist  diese  Tatsache  geeignet,  das  Sal¬ 
varsan  zu  diskreditieren?  Wohl  nur  dann,  wenn  wir  die  Dosen  zu 
gering  nehmen.  Es  wäre  nicht  zu  verantworten,  auf  ein  so  wertvolles 
Mittel  wie  das  Salvarsan  zu  verzichten,  nür  aus  dem  Grunde,  weil 
es  durch  ungenügende  und  zu  geringe  Dosierung  Verschlechterung 
eines  Prozesses  nach  sich  ziehen  kann,  der  bei  entsprechender  Be¬ 
handlung  mit  dem  gleichen  Mittel  günstig  beeinflusst  wird.  Dass 
aber  eine  rein  symptomatische  Salvarsanbehandlung.  die  nur  bis  zum 
Verschwinden  der  klinischen  Symptome  fortgesetzt  wird,  bei  sekun¬ 
därer  Lues  keine  ausreichende  Dosierung  darstellt,  zeigen  die  Beo¬ 
bachtungen.  dass  diese  Fälle  fast  durchwegs  eine  Verschlechterung 
aufwiesen.  Nonne  stellt  für  die  Gesamtbehandlung  der  Lues  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  Nervenlues  Quecksilber  und  Jod  in 
den  Vordergrund,  betont  besonders  den  Wert  einer  energischen  Schmier¬ 
kur.  während  er  die  grosse  Bedeutung  des  Salvarsans  besonders  mit 
Rücksicht  auf  dessen  symptomatische  Verwendbarkeit  voll  anerkennt. 
Da  sich  nun  nach  den  Erfahrungen  einiger  Autoren  (bes.  Brandt  und 
Mras)  Fällen,  deren  Blutwassermann  sich  als  resistent  gegenüber 
jeglicher  Behandlung  erweist,  auch  häufig  eine  geringere  Beeinflussbar¬ 
keit  der  Liquorveränderungen  zur  Seite  steht,  so  ist  diesen  erhöhte 
Aufmerksamkeit  zu  schenken  und  wenn  es  sich  mit  der  Kur  irgendwie 
verträgt,  diese  bis  zum  Negativwerden  des  Blutwassermanns,  der  ja 
schliesslich  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auch  nur  ein  Symptom  der 
Lues  darstellt,  fortzusetzen.  Es  besteht  ein  Widerspruch  darin,  wenn 
wir  auf  der  einen  Seite  das  Verschwinden  von  Liquorerscheinungen 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


129 


>7.  Januar  1922, 

ils  ein  erstrebenswertes  Ziel  hinstellen,  während  auf  der  anderen 
Seite  einem  positiven  Blutwassermann  nicht  die  gleiche  Bedeutung 
uerkannt  wird.  Kräftige  Schmierkuren  scheinen  besonders  geeignet, 
len  Liquor  zu  sanieren.  Die  endolumbale  Salvarsanbehandlung,  die 
on  Qennerich  bekanntlich,  übrigens  immer  im  Verein  mit  intra¬ 
venöser  Injektion,  auch  bei  den  Frühstadien  der  Liquorlues  (N  a  s  t) 
efordert  wird,  ist  bisher  in  ausgedehntem  Maasse  eigentlich  nur  von 
tim  selbst  in  Anwendung  gebracht  worden.  Von  der  Mehrzahl  der 
vutoren,  unter  ihnen  auch  Nonne,  wird  die  endolumbale  Behandlung 
ehr  vorsichtig  gewertet,  bzw.  ihr  jeder  Erfolg  abgesprochen  (Kohr  s). 
ton  einigen  Seiten  (Wa  g  n  e  r- J  a  u  r  e  g  g,  Brandt  und  Mras) 
vurde  versucht,  die  kombinierte  Kur  mit  einer  Fiebertherapie  zu  Unter¬ 
hitzen  durch  parenterale  Gaben  von  Milch,  Kasein  und  dgl.  Wir 
aben  bereits  oben  darauf  hingewiesen,  dass  es  Veränderungen  des 
Zentralnervensystems  gibt,  die  frei  von  Liquorerscheinungen  sind,  da 
dcht  jede  Affektion  des  ZNS.  auch  zu  einer  gleichzeitigen  Erkrankung 
einer  Häute  führen  muss  (Ros  t).  Es  besteht  daher  die  Möglichkeit, 
lass  beide  Prozesse  getrennt  vorhanden  sind,  dass  die  Behandlung 
vohl  die  meningealen  Symptome  zum  Schwinden  bringen  kann,  ohne 
lass  auch  die  zerebralen  Erscheinungen  den  gleichen  Rückgang  zeigen. 
)enn  es  finden  sich  Fälle,  bei  denen  trotz  Rückgangs  der  Liquorverän- 
lerungen  ein  Fortschreiten  des  Prozesses  beobachtet  wird.  Bei  an- 
leren  Fällen  kann  trotz  nach  unseren  Anschauungen  ausreichender 
Behandlung  sich,  sogar  unter  der  Behandlung,  aus  einem  schwach  posi- 
iven  Befund  ein  kompletter  entwickeln,  bzw.  können  Veränderungen 
iberhaupt  erst  in  Erscheinung  treten.  Möglicherweise  handelt  es  sich 
iei  diesen  Fällen  um  eine  Erscheinung,  die  analog  dem  Auftreten 
on  Liquorveränderungen  bei  unzureichender  Salvarsanbehandlung  ist, 
udem  die  ersten  Salvarsandosen  im  Sinne  eines  Reizes  wirken,  ohne 
lass  die  durch  diese  erzeugten  Veränderungen  sofort  wieder  durch  die 
veitergehende  Therapie  beeinflusst  werden. 

Die  prognostische  Bedeutung  der  Liquorbefunde  ist  sehr  schwie- 
ig.  Ohne  dass  es  zu  irgendwelchen  klinischen  Manifestationen  kom¬ 
men  muss,  kann  ein  Liquor  über  Jahre  und  vielleicht  dauernd  positiv 
lileiben.  Ob  damit  gesagt  ist,  dass  diese  Liquorbefunde  oder  ein  Teil 
ron  ihnen  für  den  Träger  deshalb  mehr  oder  weniger  irrelevant  sind, 
nuss  nach  den  Erfahrungen  K  y  r  1  e  s  angezweifelt  werden,  der  bei 
ositivem  Liquor  10  mal  häufiger  auch  positive  Nervensymptome  fand, 
ls  beim  Fehlen  von  pathologischen  Veränderungen.  Nach  Drey- 
us  bedeutet  ein  positiver  Liquor  trotz  12  monatlicher  energischer 
Behandlung  (er  gab  bis  zu  10  g  Salvarsannatrium)  ein  sehr  un- 
iinstiges  Zeichen.  Desgleichen  ist  eine  deutliche,  ausgeprägte  Gold- 
olreaktion  nicht  gleichgültig,  weil  sie  in  der  Regel1  irreversible  Ver- 
nderungen  anzeigt.  Wir  unterscheiden  am  besten  bei  der  Frage  der 
prognostischen  Bedeutung  zwei  Momente:  Können  wir  erstens  erwar- 
en,  den  Liquor  negativ  zu  machen  und  zweitens,  welche  Aussichten 
jiestehen  für  den  Träger  eines  anscheinend  nicht  beeinflussbaren 
Jquors.  Die  erste  Frage  fällt  mit  der  der  Therapie  zusammen.  Die 
weite  ist  durch  alle  Untersuchungen  nicht  gelöst.  Nach  wie  vor  hat 
ie  Diskussion,  warum  nur  wenige  Prozent  der  Syphilitiker  an  Metalues 
rkranken,  warum  trotz  starker  Liquorlues  keine  Nervenlues  besteht, 
u  keinem  eindeutigen  Ergebnis  geführt.  Solange  alle  diese  Fragen 
icht  gelöst  sind,  scheint  den  prognostischen  Deutungen  der  rechte 
Irund  zu  fehlen.  Man  wird  sich  zunächst  wohl  am  besten  dem  Ans¬ 
pruch  N  o  n  n  e  s  anschliessen,  der  sagt,  man  müsse  sich  hüten,  den 
■rognostischen  Wert  positiver  Liquorreaktionen  im  ungünstigen  Sinne 
u  überschätzen.  Von  einer  regelmässig  vorzunehmenden  Punktion, 
vie  manche  Autoren  bereits  Vorschlägen,  kann  für  den  Praktiker  schon 
us  rein  äusseren  Gründen  gar  keine  Rede  sein,  abgesehen  davon, 
ass  wir  prognostisch  nur  aus  den  Ergebnissen  mehrmaliger  Punktion 
'chlü'sse  ziehen  können.  Für  ihn  kann  es  sich  in  der  Hauptsache 
lur  darum  handeln,  die  sich  aus  den  Liquoruntersuchungen  ergebenden 
torderungen  hinsichtlich  der  Therapie  bei  jeder  Lues  zu  ziehen,  und 
war  vom  Anfang  der  ganzen  Behandlung  an.  Dieses  therapeutische 
landein  wird  sich  in  der  Regel  auch  dann  nicht  anders  verhalten 
:önnen,  wenn  ein  positiver  Liquorbefund  bekannt  ist.  Aus  der  Zähl 
nd  Grösse  der  vorangegangenen  Kuren  wird  sich  bei  Patienten,  die  bis- 
er  durch  eine  andere  Stelle  behandelt  worden  sind  —  es  dürfte  sich 
rnpfehlen,  dass  jeder  Arzt  dem  Patienten  Aufschluss,  am  besten 
■chriftlich  über  die  Art  und  Dosierung  der  durch  ihn  vorgenommenen 
(uren  gibt  —  auch  ein  gewisser  Wahrscheiolichkeitsbefund  über  den 
-iquor  feststellen  lassen.  Die  Resistenz  eines  Blutwassermanns  kann 
ms  ja,  wie  oben  erwähnt,  auch  einen  gewissen  Anhaltspunkt  dafür 
eben.  Die  Kuren  haben  intermittierenden  Charakter  zu  tragen  und 
war  derart,  dass  zu  Beginn  der  Erkrankung  der  Zwischenraum  nicht 
ber  2  bzw.  3  Monate  beträgt.  Die  Gabe  von  3  g  Salvarsan  bei  den 
rsten  Kuren  erscheint  uns  zu  niedrig.  Sie  wird  am  geeignetsten  gegen 
g  betragen  und  mit  den  entsprechenden  Mengen  Quecksilber,  die  sich 
us  der  Zeitdauer  der  Salvarsanbehandlung  ergeben,  kombiniert.  Das  Fehlen 
ines  Wassermanns  im  Blute  kann,  wenn  die  Lues  noch  als  bestehende 
ugenommen  werden  muss,  auf  Grund  der  vorausgegangenen  Behand- 
ung  niemals  eine  Kontraindikation  für  eine  Behandlung  geben,  da  uns 
a  auch  wieder  die  Liquoruntersuchung  durch  die  Möglichkeit  von  Ver- 
nderungen  trotz  negativen  Blutwassermanns  die  Grenzen  der 
.eistungsfähigkeit  der  W  a  s  s  e  r  ma  n  n  sehen  Reaktion  betreff  der 
■uesdiagnose  gezeigt  hat.  Es  wird  dadurch  in  solchen  Fällen,  wo  die 
Vahrscheinlicbkeit  der  Ausheilung  eines  luetischen  Prozesses  bewie- 
en  werden  soll,  eine  solche  nur  nach  einem  negativen  Liquorbefund 
eben.  Gennerich  hat  vorgeschlagen,  bei  diesen  Fällen  vorher 
'rovokatorisch  Salvarsan  zu  geben  und  erst  im  Anschluss  daran  die 


Punktion  vorzunehmen.  Uns  erscheint  dieser  Vorschlag  nicht  un¬ 
bedenklich,  wenn  man  überblickt,  dass  möglicherweise  die  durch  diese 
Provokation  hervorgebrachten  Liquorveränderungen  auch  durch  sofort 
einsetzende  Therapie  nicht  mehr  zurückgebildet  bzw.  erst  später,  als 
die  Punktion  erfolgt,  manifest  werden,  ohne  dass  in  diesen  Fällen  sofort 
behandelt  wird.  Wir  werden  vielleicht  überhaupt  die  ganze  Provokation, 
auch  die  zum  Positivwerden  eines  Blutwassermanns,  nicht  mehr  als 
unbedeutenden  Eingriff  bewerten  dürfen,  besonders  da  die  etwa  ein¬ 
geleitete  Behandlung  doch  erst  nach  10  bis  14  Tagen  erfolgt  und 
sich  das  Auftreten  von  Liquorveränderungen  nach  den  vorliegenden 
Untersuchungen  durch  Repunktionen  bereits  in  kürzerer  Zeit  einstellen 
kann.  Die  Liquoruntersuchung  wird  stets  dann  gefordert  werden  müs¬ 
sen,  wenn  irgendwelche  Nervensymptome  auf  eine  Beteiligung  des 
Zentralnervensystems  hinweisen.  Die  endolumbale  Behandlung  wird 
für  die  Praxis  nicht  in  Frage  kommen.  Es  ist  zu  hoffen,  dass  durch 
die  durch  Plaut  angegebene  Methode  der  Punktion  beim  Kaninchen, 
die  es  ermöglicht,  wiederholt  bei  demselben  Tier  durch  Einstechen 
der  Punktionsnadel  durch  das  Ligamentum  obturatorium  in  das  Foramen 
magnum  Zerebrospinalflüssigkeit  zu  entnehmen,  durch  systematische 
Untersuchungen  am  Experiment  eine  Reihe  schwebender  Fragen  einer 
näheren  Durchforschung  unterzogen  werden.  Die  bisher  vorliegenden 
Ergebnisse  von  Plaut  und  M  u  1  z  e  r,  die  bei  syphilitischen  Kaninchen 
unter  43  Punktionen  in  27  Fällen  positive  Liquorbefunde  erheben 
konnten,  sprechen  in  diesem  Sinne.  Diese  Untersuchungsmöglich¬ 
keiten,  die  uns  natürlich  wegen  der  Verschiedenheiten  von  Menschen- 
und  Kaninchensyphilis  niemals  die  Beobachtungen  am  Menschen  er¬ 
setzen  können,  werden  uns  voraussichtlich  bei  Fragen  der  Liquor¬ 
syphilis  eine  wertvolle  Unterstützung  geben,  vor  allem  deshalb,  weil 
wir  genau  über  das  Alter  der  Infektion  unterrichtet  sind.  Wir  können 
hier  auch  wirklich  identische  Fälle .  miteinander  vergleichen.  Diese 
Aussicht  ist  deshalb  umso  erfreulicher,  weil  noch  über  so  vielen 
Fragen  betreffs  Verhältnis  von  Syphilis  und  Liquorveränderungen  ein 
Schleier  liegt. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

J.  S  a  I  p  e  t  e  r  -  Wien:  Einführung  in  die  höhere  Mathematik  für 
Naturforscher  und  Aerzte.  2.  Auflage.  385  Seiten  mit  153  Figuren 
im  Text.  Verlag  von  G.  Fischer,  Jena  1921.  Preis  M.  70,  gebunden 
M.  80. 

Immer  wieder  wird  von  Mathematikern  der  Versuch  gemacht,  ihre 
hehre,  aber  auch  durch  ihre  unerbittliche  Strenge  in  mancher  Hinsicht 
herbe  Wissenschaft  den  Aerzten  zugängig  zu  machen.  Die  Vielfältig¬ 
keit  dieser  Versuche  beweist  aber,  dass  bei  aller  anerkannten  Not¬ 
wendigkeit,  das  Ziel  zu  erreichen,  die  Bemühungen  doch  als  nicht  hin¬ 
reichend  angesehen  werden.  Auch  das  vorliegende  Buch  ist  aus  dem 
Grunde  entstanden,  weil  der  Verfasser  kein  Lehrbuch  fand,  das  seinen 
Anforderungen  sowohl  in  bezug  auf  die  Behandlung  als  auch  in  bezug 
auf  die  Auswahl  des  Stoffes  gerecht  wurde. 

Was  die  Behandlung  des  Stoffes  betrifft,  so  will  Verfasser 
die  Strenge  und  Exaktheit  der  Definitionen  und  Beweisführungen  auf 
das  gerade  notwendige  Mass  beschränken  und  nur  die  „vernünftigen 
Funktionen“  in  den  Kreis  der  Betrachtung  ziehen,  wobei  er  ausgiebigen 
Gebrauch  von  der  „naiven  geometrischen  Anschauung“  machen  will. 
Dass  dabei  vielfach  andere  Wege  als  in  den  gangbaren  Lehrbüchern 
der  Infinitesimalrechnung  eingeschlagen  werden,  erhöht  den  Wert  des 
Buches. 

Die  Auswahl  des  Stoffes  wurde  so  getroffen,  dass  der  Leser 
sich  das  Wesen  der  mathematischen  Behandlung  naturwissenschaft¬ 
licher  Probleme  an  vielen  Beispielen  klarzumachen  vermag. 

Der  erste  Teil  des  Buches  bringt  die  Differential-,  der  zweite  die 
Integralrechnung,  der  dritte  Unendliche  Reihen  und  Reihenentwick¬ 
lungen  von  Funktionen.  In  einem  Anhang  werden  noch  stetige  und 
unstetige  Funktionen  behandelt. 

Vom  Standpunkte  des  die  Mathematik  liebenden  Mediziners  —  und 
nur  um  diesen  soll  es  sich  hier  handeln  —  muss  die  Darstellung  als 
sehr  anziehend,  förderlich  und  durch  die  vielfältigen  Anwendungen  sehr 
lehrreich  bezeichnet  werden.  An  manchen  Stellen  wäre  freilich  er¬ 
wünscht,  wenn  dem  vom  Gymnasium  her  mit  recht  wenig  Vorkennt¬ 
nissen  ausgestatteten  Mediziner  eine  grössere  Atempause  gegönnt 
würde,  denn  die  Fülle  der  mathematischen  Gesichte  ist  an  solchen  Stel¬ 
len  eine  recht  grosse.  Vorbildlich  erscheint  in  dieser  Beziehung  dem 
Referenten  das  Lehrbuch  von  F.  Autenheimer.  Sehr  nützlich  sind 
in  dem  Salpeter  sehen  Buche  auch  die  überall  den  einzelnen  Kapiteln 
angefügten  Uebungen.  K.  Bürker-  Giessen. 

Arbeiten  aus  dein  Pathologischen  Institut  der  Universität  Helsingfors, 

herausgegeben  von  E.  A.  H  o  in  e  n  und  Axel  W  a  1 1  g  r  e  n.  Neue  Folge. 
Zweiter  Band.  Drittes  und  viertes  Heft.  6  Tafeln.  Jena,  Gustav 
Fischer,  1921. 

1.  E.  A.  Homen:  Experimentelle  und  pathologische 
Beiträge  zur  Kenntnis  der  infektiös-toxischen, 
meningealen  Veränderungen  nebst  einem  bakterio¬ 
logischen  Anhang  von  C.  N  y  b  e  r  g. 

Die  Arbeit  stellt  eine  Fortsetzung  der  im  ersten  Hefte  erschienenen 
Untersuchungen  über  die  infektiös-toxische,  nicht  eitrige  Enzephalitis 
dar.  In  ausführlicher  Weise  wird  der  Verlauf  der  Menigitis  bei  ver¬ 
schiedenen  Infektionserregern  im  histologischen  Bilde  geschildert.  Die 
Untersuchungen  führen  zu  bemerkenswerten  Schlüssen:  Von  grösster 


130 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  4. 


Bedeutung  für  dis  gewebliche  Reaktion  in  den  Meningen  bei  ihrer 
Infektion  ist  ihre  Affinität  zu  den  betreffenden  Infektionserregern,  wenn 
auch  Virulenzgrad,  Menge,  momentane  Disposition  des  Individuums 
wichtige  Unterfaktoren  bilden.  Der  Staphylococcus  aureus  hat  fast 
keine  Affinität  zu  den  Hirnhäuten,  die  von  ihm  passiert  werden,  ohne 
dass  er  sich  ansiedclt  und  ohne  eigentliche  meningitische  Veränderungen 
hervorzurufen;  zum  Gehirn  hingegen  hat  der  Staphylococcus  aureus 
grosse  Affinität.  Aehnlich  verhalten  sich  Typhus-  und  Kolibazillen. 
Schwache  Affinität  zu  den  Meningen  besitzt  der  Streptococcus  pyo¬ 
genes,  der  Diplococcus  pneumoniae  und  der  Streptococcus  mucosus. 
Wenn  sie  auch  für  gewöhnlich  nur  unerhebliche  Veränderungen  in  den 
Meningen  auslösen,  können  sie  bei  starker  Virulenz  oder  bei  abge- 
schwächter  Widerstandskraft  des  Individuums  schwerere  leukozytäre 
Exsudationen  hervorrufen.  Die  Bakterien  finden  sich  dabei  frei  im 
Gewebe,  zum  Teil  in  grösserer  Menge  in  thrombosierten  Gefässen. 
Grosse  Affinität  zu  den  Meningen  kommt  den  Meningokokken,  den 
Influenzastäbchen,  der  Spirochaete  pallida  zu;  bei  ihnen  setzt  das  Ex¬ 
sudat  auffallend  frühzeitig  ein.  Der  histologische  Ablauf  der  Infektionen 
hat,  wenn  auch  graduell  ausserordentlich  verschieden,  bei  den  ein¬ 
zelnen  Gruppen  grosse  Aehnlichkeit:  den  das  Bild  zuerst  beherrschen¬ 
den  Leukozyten  mengen  sich  allmählich  mehr  und  mehr  Lymphoid- 
zellen,  dann  grössere  Lymphozyten  und  Plasmazellen  bei;  verschieden 
ist  die  Neigung  zur  Fibrillenbildung  im  entzündeten  Gewebe;  bei  Svm- 
biose  der  hauptsächlich  Meningitis  erregenden  Bakterien  mit  Anaero¬ 
biern  ist  der  meningitische  Prozess  meist  stärker  ausgebildet,  bei 
Toxinämien  ohne  Anwesenheit  von  Bakterien  ist  die  Meninxreaktion 
ausserordentlich  gering. 

Im  Anschluss  an  Homens  Untersuchungen  beschreibt  C.  Ny¬ 
berg  die  bakteriologische  Identifizierung  der  bei  menschlicher  Menin¬ 
gitis  gefundenen  Infektionserreger. 

2.  Ludwig  I.  Lindström;  Studien  über  maligne 
Nierentumoren. 

An  reichem  Beobachtungmaterial  wird  die  histologische  Struktur 
der  malignen  Nierentumoren  eingehend  erörtert,  darnach  werden  die 
Nierengeschwülste  eingeteilt  in  Mischgeschwülste,  in  Nierensarkome,  in 
Nierenkarzinome,  in  Nierenbeckenkarzinome,  in  Grawitzsche  Tu¬ 
moren.  Mischgeschwülste  wie  Grawitzsche  Tumoren  werden  von 
embryonal  aberrierten  Zellen  abgeleitet.  Die  Nierensarkome  der 
Kinder  stehen  den  Mischgeschwülsten  nahe,  während  die  der  Er¬ 
wachsenen  auch  von  entwickeltem  Bindegewebe  ausgehen  können. 
Ableitung  der  Grawitzschen  Tumoren  von  versprengten  Neben¬ 
nierenkeimen  wird  abgelehnt.  Matrix  für  sie  sind  Nierenelemente. 
Der  Name  Grawitzsche  Tumoren  ist  beizubehalten,  da  unter  ihnen 
die  überaus  mannigfaltigen  histologischen  Bilder  der  Geschwulstgruppe 
zusammengefasst  werden  können. 

Die  anatomische  Einteilung  der  Nierengeschwülste  ist  klinisch  kaum 
zu  verwenden,  da  die  Symptome  bei  den  verschiedenen  Typen  völlig 
gleich  sein  können.  Der  Verlauf  ist  auch  verschieden  bei  Kindern 
und  bei  Erwachsenen.  Die  Therapie  kann  nur  eine  operative  _  sein; 
ausserordentlich  schlecht  ist  die  Prognose  bei  Operation  von  Kindern 
unter  15  Jahren;  alle  erlagen  innerhalb  9  Monaten  nach  der  Operation. 
Bei  Erwachsenen  kann  man  auf  eine  Heilung  von  %  bis  LS  der 
operierten  Fälle  rechnen.  Eine  unterschiedliche  Prognose  bei  den  ver¬ 
schiedenen  Geschwulsttypen  aufzustellen,  ist  nicht  berechtigt.  Im  | 
allgemeinen  verlaufen  anablastische  Geschwülste  rascher  und  bösartiger 
als  mehr  differenzierte. 

3.  W.  Kankaanpää:  Experimentelle  Beiträge  zur 
Kenntnis  der  Lymphdrüsen  Veränderungen-  bei  ver¬ 
schiedenen  Infektionen. 

Als  Infektionserreger  wurden  verwendet  Bacillus  pyocyaneus, 
Staphylococcus  aureus,  Bacillus  typhi,  Streptocccus  longus.  Die  Ver¬ 
änderungen,  die  sie  in  Lymphdrüsen  setzen,  verlaufen  ausserordentlich 
ähnlich.  Der  Infektionsmodus  ist  also  hiefür  ziemlich  gleichgültig.  In 
den  ersten  Stunden  tritt  stärkere  Blutüberfüllung  in  den  Lymphdrüsen 
auf,  mit  Blutaustritten  in  die  Sinus  und  die  Rindenknötchen.  Diesem 
Stadium  folgt  eine  stärkere  Proliferation  der  Lymphozyten,  besonders 
in  den  Knötchenzentren  (zahlreiche  Mitosen).  Auch  granulierte,  aus  den 
Blutgefässen  stammende  Zellen  treten  häufiger  auf;  sie  sind  aber 
ausserordentlich  labil;  Degenerationserscheinungen  stellen  sich 
rasch  ein.  Die  Bakterien  verschwinden  im  allgemeinen  verhältnis¬ 
mässig  rasch  aus  den  Drüsen,  lassen  sich  beim  genesenden  Tier  nicht 
mehr  nachweisen,  finden  sich  dagegen  reichlicher  bei  schwer  krankem 
oder  agonalem  Zustand.  Die  Proliferation  der  Lymphozyten  dauert 
2 — 3  Wochen.  In  ganz  schweren  Fällen  tritt  die  Lympho¬ 
zytenproliferation  gegenüber  regressiven  Metamorphosen  zurück.  Aus¬ 
gedehnte  Nekrosen  treten  auf.  Lymphozytenzahl  ist  stark  vermindert, 
granulierte  Zellen  fehlen  in  diesen  Fällen  vollständig. 

Oberndorfer  -  München. 

R.  Weiss:  Die  schnellsten  und  einfachsten  qualitativen  und 
quantitativen  Untersuchungsmethoden  zur  klinischen  Diagnostik.  Berlin. 

Fischers  mediz.  Buchhandlung  H.  Kornfeld',  1921.  Zweite  ver- 
grösserte  Auflage.  Preis  24  M. 

Ausarbeitung  und  Zusammenstellung  einer  Reihe  einfacher  prak¬ 
tischer  Methoden  zur  schnellen  Ausführung  qualitativer  und  quanti¬ 
tativer  chemischer  Bestimmungen,  wie  sie  sich  für  den  Kliniker  eignen. 
In  die  zweite,  wesentlich  erweiterte  Auflage  wurde  unter  Mitarbeit  von 
Dr.  Engelen  eine  Anzahl  weiterer  Untersuchungsmethoden  aufge¬ 
nommen.  Man  findet  Untersuchungsmethoden  des  Harns,  des  Magen¬ 
inhalts.  des  Stuhls,  des  Blutes,  der  Spinalflüssigkeit,  der  Nieren-  und 
Leberfunktion,  sowie  bakteriologische  Färbungen.  Auf  eine  grosse 


Anzahl  billiger  und  einfacher  Apparate  und  volumetrischer  Glasgefässe 
zur  Ausführung  der  Bestimmungen  wird  hingewiesen.  Ob  wirklich  alle 
angegebenen  Methoden  den  Anforderungen  auf  Exaktheit,  die  auch  der 
Kliniker  stellen  muss,  in  gleicher  Weise  genügen,^  möchte  ich  dahin¬ 
gestellt  sein  lassen,  das  muss  durch  zahlreiche  Einzeluntersuchungen 
entschieden  werden.  Jedenfalls  ist  das  Buch  für  jedes  klinische 
Laboratorium  empfehlenswert,  besonders  in  der  jetzigen  Zeit,  in  der 
man  so  sehr  mit  Chemikalien  sparen  muss  und  das  Anschaffen  kost¬ 
spieliger  Apparate  meist  unmöglich  geworden  ist. 

Kämmerer  -  München. 

Pincussen  (II.  med.  Klinik  Berlin) :  Mikromethodik.  Leipzig  1921. 
Georg  Th  i  e  me -Verlag.  Preis  14.40  M.  '  . 

Während  das  oben  besprochene  Weiss  sehe  Büchlein  den  Haupt- ! 
nachdruck  auf  Einfachheit  und  Schnelligkeit  legt,  ist  hier  der  Kernpunkt 
die  kleinste  notwendige  Menge  des  Untersuchungsmaterials.  Verf.  be¬ 
tont  mit  Recht,  dass  aber  nur  solche  Mikrobestimmungen  Wert  haben, 
deren  Ergebnisse  denen  der  üblichen  Makrobestimmungen  durchaus  < 
gleichwertig  sind.  Für  die  Blutuntersuchungen  sind  grossenteils,  aber 
nicht  ausschliesslich,  die  Bang  sehen  Mikromethoden  beschrieben,  auch  | 
auf  die  kolorimetrischen  Methoden,  das  Arbeiten  mit  der  Torsionswage 
und  die  Nephelometrie  geht  Verf.  ein.  Ein  letztes  Kapitel  beschäftigt ! 
sich  mit  der  Blutuntersuchung  durch  Gasanalyse,  in  einem  Anhang; 
ist  die  Michaelis  sehe  Indikatorenbestimmung  der  Wasserstoffionen¬ 
konzentration  dargestellt.  Auch  dieses  Buch  wird  dem  klinisch¬ 
chemischen  Untersucher  gute  Dienste  leisten. 

Kämmerer  -  München. 

Deutsche  Orthopädie.  Herausgegeben  von  Hermann  Gocht 

4.  u.  5.  Band.  F.  Enke.  Stuttgart.  1921. 

Es  ist  als  ein  Zeichen  ungebrochenen  Mutes  zu  begrüssen,  dass! 
die  Ergebnisse  der  während  des  Krieges  geleisteten  wissenschaftlichen 
Arbeit' für  die  Zukunft  festgehalten  werden,  deshalb  erwerben  sich  die; 
Verfasser,  der  Herausgeber  und  der  Verleger  der  vorliegenden  Bände; 
ein  besonderes  Verdienst.  Stoffel  hat  die  reichen  Erfahrungen  in 
Muskel-  und  Sehnenoperationen,  die  er  während  des  Krieges  gemacht 
hat.  in  vortrefflicher  Form  niedergelegt.  B 1  en  ck e  hat  die.  Amputabons-I 
Stümpfe,  Morn  ms  en  Kontrakturen  und  Ankylosen,  Möhring  die 
Uebungsbehandlung  und  P  e  1 1  e  s  oh  n  und  Singer  die  hysterischen 
Deformitäten  bearbeitet.  Eine  wahre  Fundgrube  von  guten  Beobach¬ 
tungen  bringt  die  Darstellung  der  Nervenoperationen  von  Spitzy, 
Wien. 

In  einem  gesonderten  Band  berichtet  Georg  Hohmann  über 
die  Behandlung  der  Pseudarthrosen  und  die  durch  Knochendefekte  ent¬ 
standenen  Schlottergelenke.  Wichtig  für  die  allgemeine  Praxis  ist.  dass 
vor  der  frühzeitigen  Entfernung  von  Splittern  bei  komplizierten 
Knochenbrüchen  dringend  zu  warnen  ist,  weil  eine  grosse  Anzahl  von 
Pseudarthrosen  auf  dieser  Grundlage  entstehen.  Für  Pseudarthrosen 
im  Humerus  und  Femur  empfiehlt  Hohmann  gründliche  Anfrischung. 
Im  Vorderarm  und  im  Unterarm  zieht  er  in  der  Regel  die  Einpflanzung 
eines  Knochenspanes  vor.  F.  L  a  n  g  e  -  München. 

Spätfolgen  der  Unfallverletzungen.  Ihre  Untersuchung  und  Be¬ 
gutachtung.  Von  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  G.  Ledderhose  in 
München.  Stuttgart.  Verlag  von  F.  Enke.  1921.  Seitenzahl  186 

Die  naheliegende  Frage,  ob  neben  den  bekannten  grösseren  Werken 
über  Unfallmedizin,  Begutachtung  etc.  ein  knapper  gestaltetes  Werk, 
wie  das  vorliegende,  eine  Existenzberechtigung  für  sich  beanspruchen 
könne,  darf  auf  Grund  näherer  Kenntnis  der  hier  gegebenen  Darstel¬ 
lung  der  Materie  mit  gutem  Gewissen  bejaht  werden.  Denn  es  ent¬ 
hält  tatsächlich  eine  Fülle  sehr  schätzbarer,  aus  reichster  persön¬ 
licher  Erfahrung  des  Verfassers  messender  Ratschläge  und  Gesichts¬ 
punkte.  Die  einleitende  Zusammenfassung  der  wesentlichsten  gesetz¬ 
lichen  Grundlagen  für  die  ärztliche  Begutachtung  im  Gebiete  der  RVO. 
bringt  in  knappster  Form  das  Notwendige,  was  der  Gutachter  unbedingt 
wissen  muss,  wenn  seine  Arbeit  im  Spruchverfahren  etwas  nützen  soll, 
also  die  Bestimmungen  vornehmlich  über  Krankenbehandlung  Unfall-, 
verletzter,  Wartezeit,  Rentengewährung,  Gewöhnung,  Wiedergewäh- 
rung  von  Renten  etc.,  auch  das  Wichtigste  aus  den  Bestimmungen 
der' RVO.  für  die  Krankenversicherung.  (Die  Invalidenversicherung  is! 
nicht  berücksichtigt.)  In  den  allgemeinen  Kapiteln  über  Gutachten  und 
Untersuchung  wendet  sich  L.  mit  Recht  (ob  aber  mit  Erfolg?)  gegen 
die  Prozenten-Fuchserei',  welche  dem  Gutachter  sehr  wider  seinen 
Willen  von  den  Versicherungsträgern  und  Spruchbehörden  so  oft  auf¬ 
gehalst  wird.  Aus  den  eigenen  wissenschaftlichen  Beiträgen  des  Ver¬ 
fassers  ist  besonders  das  Studium  und  die  praktische  Auswertung 
über  Arthritis  deformans  und  die  nach  L.  damit  zusammenhängend-. 
Erkrankung  der  Palmarfaszie  zu  erwähnen.  In  der  Simulationsfragt 
nimmt  Verfasser  mit  Recht  einen  Standpunkt  ein.  den  man  als  einer 
..affektfreien“  bezeichnen  und  schätzen  darf1.  Betreffs  der  Symp¬ 
tomatologie  der  Unfallneurosen  pflückt  L.  manches  Blättlern  weg,  da; 
man  gewöhnt  war,  als  nicht  ganz  unwesentlich  für  die  Diagnose  z> 
betrachten,  z.  B.  das  Verhalten  von  Reflexen,  den  Dermographismus 
die  ehedem  hochgeschätzte  konzentrische  Gesichtsfeld-Einengung  um 
dergl.  Die  Oppenheim  sehe  Lehre  von  der  traumatischen  Neurosr 
ist  ia  nicht  mehr  anerkannt.  Aus  dem  speziellen  Teil  der  Unfallfolger 
an  den  verschiedenen  Regionen  des  Körpers  soll  hier  nichts  heraus¬ 
gehoben  werden,  als  z.  B.  die  Darstellung  über  die  Untersuchung  um 
Begutachtung  betr.  der  Hernien,  wo  L.  einen  in  mancher  Hinsicht  vor 
der  Spruchgewohnheit  des  RVA.  abweichenden  Standpunkt  einnimmt 
dann  die  besonders  verdienstlichen  Ausführungen  über  das  Kapitel  de 


27.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


131 


„Rückenschmerzen“,  endlich  die  Auseinandersetzungen  über  Osteo¬ 
myelitis,  Tuberkulose,  Arthritis  deformans,  über  die  Methoden  des 
Messens  an  den  Extremitäten,  über  die  Bedeutung  der  Schwielen,  die 
Erkennung  der  Rechts-  oder  Linkshändigkeit.  Die  praktisch  dienlichste 
Form  der  Untersuchung  bei  Bewegungsstörungen,  z.  B.  der  Fuss- 
gelenke,  welche  durchaus  nicht  als  Gemeingut  aller  Begutachter  gelten 
kann,  findet  eine  sehr  anschauliche  und  instruktive  Darstellung.  Hand¬ 
griffe  und  Finessen  mancher  Art  finden  sich  da  verzeichnet,  welche 
sich  nur  dem  langjährigen  Untersucher  von  Rentenbewerbern  nach 
und  nach  auftun,  aber  jedem  Begutachter  nützlich  sidh  erweisen  wer¬ 
den,  wenn  er  sie  nur  einmal  erfahren  hat.  Durch  den  völligen  Ver¬ 
zicht  auf  Bilder  und  Literatur  ist  in  dem  nicht  umfänglichen  Werke 
eine  Unmenge  sehr  wissenswerten  Erfa’hrungs-  und  Lehrstoffes  auf¬ 
gehäuft,  so  dass  es  sicher  auch  kein  Erfahrener  aus  der  Hand  legen 
wird,  ohne  etwas  Neues  daraus  gelernt  zu  haben. 

Grassmann  -  München. 

Heinrich  Marzeil:  Neues  illustriertes  Kräuterbuch.  Mit  Beiträgen 
von  Apotheker  Dr.  Hugo  Ziegenspeck,  Dr.  med.  K.  K a h n  t  und 
Prof.  Dr.  Heinrich  M  a  r  z  e  1 1  senior.  Reutlingen,  Ensslin  und 
Laib  lins  Verlagsbuchhandlung.  Ladenpreis  M.  32. — . 

Das  711  Seiten  starke  Buch  bietet  eigentlich  viel  mehr  als  der  Name 
sagt.  Es  will  den  botanischen  Laien  in  die  Kenntnis  der  in  Mittel¬ 
europa  wildwachsenden  und  der  angebauten  Gewächse  einführen  und 
ihm  deren  praktische  Verwendung,  in  erster  Linie  in  der  Heilkunde, 
dann  im  Haushalte,  in  der  Industrie,  Technik  usw.  darlegen.  Das  Auf¬ 
suchen  („Bestimmen“)  einer  Pflanze  geschieht  in  sehr  einfacher,  ge¬ 
schickter  und  origineller  Weise,  und  zwar  nicht  nach  der  althergebrach¬ 
ten  Art  der  sonst  allgemein  üblichen  Bestimmungsschlüssel,  die  alle 
mehr  oder  weniger  auf  den  feineren  Blütertbau  Rücksicht  nehmen,  son¬ 
dern  nach  leicht  erkennbaren  Merkmalen  (Wuchsform,  Blütenfarbe)  und 
vor  allem  nach  dem  Standort  der  Pflanze  (Wiese,  Wald,  Moor,  Wasser, 
Ackerland,  Sandboden  usw.).  Diese  Anordnung  ermöglicht  es  _  denn 
auch  dem  Nichtfachmanne,  sich  verhältnismässig  leicht  zurechtzufinden. 
Die  botanischen  Kunstausdrücke  sind  in  einem  kurzen,  den  Bau  und 
das  Leben  der  Pflanze  behandelnden  Teile  erklärt.  Ganz  besondere 
Beachtung  hat  der  Verfasser  den  deutschen  Volksnamen  und  der 
Pflanze  im  Volksglauben  gewidmet,  auf  welchem  Spezialgebiet 
Dr.  Mar  zell  seit  Jahren  bekanntlich  erfolgreich  schöpferisch  tätig  ist. 
Kein  anderes  Kräuterbuch  enthält  so  viel  Volksnamen  (gegen  6000)  aus 
allen  Teilen  des  deutschen  Sprachgebietes.  Weitere  Kapitel  beschäfti¬ 
gen  sich  mit  den  Ersatzstoffen  für  Drogen,  Genussmittel,  Faserstoffe, 
andere  mit  dem  Einsammeln  und  der  Aufbewahrung  der  Heilpflanzen, 
mit  der  Zubereitung  und  den  Bezugsquellen  der  Drogen,  mit  dem  Pflan¬ 
zenschutz  usw.  Ein  wertvolles  Literaturverzeichnis  und  ein  umfang¬ 
reiches  alphabetisches  Register  schliessen  das  sehr  vielseitige,  zuver¬ 
lässige  und  kritisch  durchgearbeitete  Buch,  das  auch  grösseren  An¬ 
sprüchen  gewachsen  ist.  Das  Buch  enthält  32  prächtige  Farbentafeln 
von  dem  wohlbekannten  naturwissenschaftlichen  Zeichner  Prof.  Morin 
in  München,  ausserdem  noch  eine  grosse  Anzahl  Textabbildungen.  Mit 
Rücksicht  auf  die  heutigen  Verhältnisse  ist  die  Ausstattung  des  Buches, 
das  für  jeden  Pflanzenliebhaber  eine  reiche  Fundgrube  bietet,  eine  vor¬ 
treffliche.  Gustav  Hegi. 

Carl  Posner:  Rudolf  Virchow.  3.  Auflage.  Rikolaveriag, 
Wien,  Berlin,  Leipzig,  München  1921.  91  Seiten  8  °.  Mit  einem  Bildnis. 

Wer  einen  Führer  durch  die  Lebensarbeit  des  Phänomens  Rudolf 
Virchow  braucht  —  und  jeder  Arzt  sollte  einen  solchen  besitzen  — , 
der  sei  auf  dieses  kleine,  mit  Verständnis  und  Herzenswärme  ge¬ 
schriebene  Büchlein  aufmerksam  gemacht.  Die  schöpferischen  Lei¬ 
stungen  V  i  r  c  h  o  w  s  auf  dem  Gebiete  der  Pathologie  und  medizini¬ 
schen  Theorie,  die  einem  halben  Jahrhundert  den  Stempel  aufdrückten, 
sind  klar  herausgearbeitet,  aber  auch  die  sehr  interessante  Tätigkeit 
Virchow  s  auf  anderen  Gebieten,  vor  allem  auf  politischem  Gebiete, 
nicht  übersehen.  Das  Heft  ist  das  erste  Bändchen  einer^  von  Neu¬ 
burger  herauszugebenden  Serie  „Meister  der  Heilkunde“. 

Kerschenstein  er. 

Pharmazeutische  Rundschau. 

Von  Oberapotheker  Dr.  Rapp  in  München. 

Es  sind  11  Jahre  verflossen,  seitdem  das  letzte  deutsche  Arznei¬ 
buch  (5.  Auflage)  erschienen  ist.  Wie  berichtet  wird,  arbeitet  man 
bereits  an  der  neuen  Auflage,  jedoch  soll  deren  Herausgabe  noch 
längere  Zeit  beanspruchen.  Es  dürfte  daher  nicht  zu  spät  sein,  einige 
Kapitel  des  Arzneibuches  vom  medizinischen  und  pharmazeutischen 
Standpunkte  aus  zu  besprechen.  Ich  habe  als  Thema  der  vorliegenden 
Rundschau  „1.  Maximaldosen  und  2.  Dosierung  der  neueren  Arznei¬ 
mittel“  gewählt;  andere  Kapitel  sollen  im  Laufe  des  Jahres  folgen. 

In  den  26  existierenden  Arzneibüchern  haben  21  Staaten  _  Listen 
für  Höchstgaben  oder  Maximaldosen  aufgenommen  und  zugleich  'be¬ 
stimmt,  dass  die  Maximaldosen  nur  dann  überschritten  werden  dürfen, 
wenn  der  Arzt  die  höheren  Gaben  ausdrücklich  durch  Beifügen  eines 
Ausrufzeichens  (!)  verlangt. 

Nur  in  den  Arzneibüchern  von  5  Staaten  fehlen  die  Höchstgaben, 
und  zwar  in  den  Pharmakopoen  von  England,  Spanien.  Portugal  und 
den  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas. 

Die  Anzahl  der  aufgenommenen  Maximaldosen  schwankt  zwischen 
1153  und  54  Aufzeichnungen.  Die  festgelegten  Dosen  der  verschiedenen 


Staaten  weichen  oft  stark,  bis  zum  3 — 4  fachen,  voneinander  ab.  Die 
Maxiinal-Einzelgabe  zur  Maximal-Tagesgabe  verhält  sich  meist  1:2, 
nicht  selten  beträgt  der  Unterschied  das  3 — 4  fache,  vereinzelt  das 
5  und  10  fache. 

Ueber  den  Wert  der  Maximaldosen  seien  folgende  im  Schrifttum 
verzeichnete  Aeusserungen  mitgeteilt: 

Die  Bearbeiter  der  portugiesischen  Pharmakopoe  heben  hervor, 
dass  es  nichts  Zufälligeres  gäbe  als  die  Grenzen  der  Unschädlichkeit 
der  Arzneimittel.  Diese  hängen  ab  von  den  Krankheiten,  von  den 
Kranken,  vom  Alter  und  Geschlecht,  von  der  Idiosynkrasie,  von  der 
Immunität,  von  der  Rasse  und  von  der  Konstitution  der  Patienten. 
Was  heute  eine  „Dosis  tberapeutica“  wäre,  könne  morgen  schon  eine 
„Dosis  toxica“  sein.  Eine  Gabe,  die  vielen  Kranken  verderblich  sei, 
würde  bei  Alkoholismus  oder  Starrkrampf  oft  wirkungslos  sein. 

Die  Bearbeiter  der  Arzneibücher  von  Argentinien,  Spanien  und  den 
Vereinigten  Staaten  erwähnen  die  Höchstgaben  überhaupt  nicht;  auch 
in  der  englischen  Pharmakopoe  fehlt  ein  Hinweis  hierüber.  In  Eng¬ 
land  besteht  nur  die  Bestimmung,  dass  der  Apotheker  die  vom  Arzte 
verordneten  Gaben  aller,  auch  der  schwach  wirkenden  Mittel  prüfen 
muss,  ob  sie  nicht  ungewöhnlich  gross  sind.  Welche  Richtlinien  hiebei 
einzuhalten  sind,  darüber  schweigt  sich  das  englische  Arzneibuch  aus. 

Dazu  ist  zu  bemerken,  dass  die  Maximaldosen  ihren  Zweck,  vor¬ 
übergehend  Schädigungen  der  Kranken  oder  gar  Vergiftungen  zu  ver¬ 
hüten,  überhaupt  nur  beschränkt  erfüllen  können;  denn  einerseits  ist 
jede  derartige  Tabelle  unvollkommen,  da  nur  ein  Teil  der  Mittel  Auf¬ 
nahme  finden  kann,  und  anderseits  werden  sich  die  Ansichten  der 
Kommissionsmitglieder,  welche  die  Maximaldosen  festlegen,  auf  Grund 
der  Erfahrungen  in  der  Praxis  im  Laufe  der  Zeit  immer  wieder  ändern. 

Die  Bearbeiter  der  21  Arzneibücher,  welche  Maximadosen  in  diesen 
aufnähmen,  haben  sicher  alle  obigen  Gesichtspunkte  in  Betracht  ge¬ 
zogen;  die  Zweckmässigkeit  der  Tabellen  war  für  sie  das  ausschlag¬ 
gebende  Moment.  Harnack  sagt  ganz  richtig,  in  einem  Vortrage  zur 
Verbesserung  der  Gewichtsbezeichnung  auf  Rezepten  (D.m.W.  1912 
S.  1842):  „Wo  es  sich  um  Geld  handelt,  auf  Wechseln,  Quittungen  usw., 
hält  man  es  für  selbstverständlich,  sich  nicht  nur  auf  Ziffern  zu  be¬ 
schränken,  wo  es  sich  um  die  viel  wertvollere  Gesundheit  handelt,  er¬ 
scheint  eine  Ergänzung  der  Zahlen  noch  in  Worten  als  überflüssige 
Vorsicht!  Das  Weglassen  einer  Null  bedeutet  stets  die  10  fache  Dosis 
und  die  10  fache  der  wirksamen  ist  nicht  selten  die  tödliche.  Wie  viel 
Unglücksfälle  durch  die  eine  zu  irrig  gesetzte  Null  schon  entstanden 
sind,  das  ist  gar  nicht  zu  berechnen.“ 

Weit  grösser  dürfte  wohl  —  wie  mir  jeder  Kollege  bestätigen 
kann  —  die  Zahl  der  Fälle  sein,  in  welchen  durch  das  rechtzeitige  Ein¬ 
greifen  des  die  Arznei  anfertigenden  Apothekers  weiteres  Unheil  ab¬ 
gewendet  worden  ist.  Und  damit  kommen  wir  auf  den  Kernpunkt  der 
ganzen  Frage. 

Nicht  als  Polizeivorschrift  dürfen  die  Maximaldosen  aufgefasst 
werden,  sondern  als  Schutzdosen,  um  Arzneischädigungen  oder 
gar  Vergiftungen  zu  verhüten,  die  durch  irrige  Verschreibweise  in  den 
Kommastellen  entstehen  können.  Nicht  die  ärztliche  Freiheit  im  Ordi¬ 
nieren  soll  durch  Aufnahme  von  Maximaldosen  geschmälert  werden, 
sondern  vielmehr  die  Sicherheit  der  Kranken  vor  Schädigung  soll  unter 
allen  Umständen  gewahrt  bleiben.  Es  ist  eine  bekannte  Tatsache,  dass 
man  sowohl  beim  Mediziner  als  auch  in  der  Pharmazie  grossen  Wert 
legt  auf  das  absolute  Vertrautsein  mit  den  Maximaldosen.  Der  Zweck 
ist  ein  doppelter.  Für  den  Arzt  sind  die  Maximaldosen  Rieht  linien 
über  Höhe  der  Dosen  von  starkwirkenden  Arzneimitteln:  dem  Apo¬ 
theker  sollen  es  Warnungssignale  sein,  bei  ihrer  Ueberschreitung  ohne 
besonderes  ärztliches  Merkzeichen  vorsorglich  beim  Arzte  Er¬ 
kundigung  einzuziehen. 

Die  Wichtigkeit  dieser  Zusammenarbeit  zwischen  Arzt  und  Apo¬ 
theker  dürfte  am  besten  durch  folgende  Erwägungen  klar  werden.  Nach 
der  deutschen  Gesetzgebung,  insbesondere  infolge  der  Haftpflicht,  kann 
der  Arzt  nicht  nachdrücklich  genug  auf  die  Gefahr  hingewiesen  werden, 
die  eine  fehlerhafte  Verschreibweise  nicht  nur  für  den  Patienten,  son¬ 
dern  auch  für  den  haftpflichtigen  Arzt  selbst  zur  Folge  haben  kann. 
Es  wird  immer  noch  zu  wenig  beachtet,  dass  die  ärztlichen  Verord¬ 
nungen  nach  der  Entscheidung  des  Reichsgerichts  vom  12.  Oktober  1888 
als  Privaturkunden  gelten  und  bestimmt  sind,  als  Belege  rechtserheb¬ 
licher  Tatsachen  zu  dienen.  Der  Arzt  haftet  nicht  bloss  für  den 
Schaden  bei  fehlerhafter  Verschreibweise,  sondern  auch  für  jeden 
Schaden  bei  ungenau  gegebener  Gebrauchsanweisung.  Diese  Haftpflicht 
kann  dem  Arzte,  der  die  Verschreibweise  von  Rezepten  auf  die  leichte 
Schulter  nimmt,  teuer  zu  stehen  kommen. 

Unter  diesen  Umständen  haben  Arzt  und  Apotheker  das  grösste 
Interesse  daran,  dass  in  der  neuen  Auflage  des  deutschen  Arzneibuches 
die  Maximaldosen  beibehalten  werden.  Sie  müssen  weiterhin  für  Ver¬ 
besserungen  im  Arzneibuche  eintreten,  dahingehend,  dass  auch  Höchst¬ 
dosen  für  Kinder  festgesetzt  werden  und  eine  Erweiterung  der  Maximal¬ 
dosen  erfolgt  auch  für  eine  möglichst  grosse  Anzahl  nicht  offizineller, 
viel  verordneter  Arzneigifte.  Zweckmässig  wäre  auch  die  Aufnahme 
einer  Vorschrift,  dass  bei  Verordnung  aller  starkwirkenden  Arzneimittel 
stets  vom  Arzte  eine  genaue  Gebrauchsanweisung  zu  geben  ist  und 
die  Gewichtsmengen  auf  Rezepten  ausser  in  Zahlen  auch  in  Worten  zu 
verzeichnen  sind. 

Als  Unterlagen  für  Kinderdosen  kann  ein  Referat  von  G  ö  p  p  e  r  t  - 
Göttingen  dienen,  mitgeteilt  in  den  Therapeutischen  Halbmonats¬ 
schriften,  Januar  1920,  das  sich  speziell  auf  Dosierung  der  Beruhigungs¬ 
mittel  im  Säuglings-  und  Kindesalter  erstreckt  und  die  Dosen  für  stark¬ 
wirkende  Mittel  in  tabellarischer  Anordnung  bringt. 


132 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Ebenso  müssen  ausser  der  verhältnismässig  kleinen  Anzahl  von 
Maximaldosen  der  offizineilen  Mittel  die  Maximaldosen  nicht  offizineller 
Mittel  in  einer  Tabelle  Aufnahme  finden.  Letztere  Mittel  werden  heute 
fast  häufiger  wie  erstere  verordnet. 

Auch  findet  sich  im  Arzneibuch  keinerlei  Hinweis  über  die  Auf¬ 
nahmefähigkeit  der  Einnehmelöffel  (Ess-  resp.  Kaffeelöffel)  für  flüssige 
Arzneien  nach  Grammen  berechnet;  ebensowenig  über  genaue  Eichung 
der  Arzneispritzen  für  subkutane,  intramuskuläre  und  intravenöse  In¬ 
jektionen  und  Dosierung  der  hiefür  in  Betracht  kommenden  Mittel 
(Salvarsan,  Quecksilberalze  u.  dgl.  m.).  Auch  diese  Punkte  verdienen 
bei  einer  Neubearbeitung  des  Arzneibuches  entsprechende  Berück¬ 
sichtigung. 

Ein  derart  verbessertes  und  erweitertes  Arzneibuch  brächte  dem 
Arzte  manche  Erleichterung  und  würde  für  ihn  ein  wertvolles  Nach- 
schlagebuch  sein,  wenn  event.  noch  die  genaue  Dosierung  und  das 
Indikationsgebiet  für  die  einzelnen  Arzneimittel  angegliedert  werden 
könnte. 

Vorbildlich  in  dieser  Beziehung  hinsichtlich  Anordnung  des  Stoffes 
sind,  wie  ich  das  schon  anderwärts  betonte,  die  grossen  wissenschaft¬ 
lichen  Broschüren  über  neuere  Arzneimittel  unserer  chemisch-pharma¬ 
zeutischen  Grossindustrie.  Es  ist  wohl  zu  erwarten,  dass  das  neue 
Arzneibuch  auch  eine  grössere  Anzahl  bewährter  neuer  Präparate  be¬ 
rücksichtigen  wird,  die  sich  im  Laufe  der  letzten  Jahre  eingebürgert 
haben  und  als  Bereicherung  des  Arzneischatzes  gelten  können. 

Durch  ein  neues  Arzneibuch  mit  Maximaldosen  für  Erwachsene  und 
Kinder,  mit  Höchstgaben  von  nicht  offizineilen  Mitteln,  mit  Angabe 
genauer  Dosierung  von  neueren  Arzneimitteln,  würde  nicht  nur  dem 
Apotheker  Freude  bereitet,  sondern  auch  für  den  Arzt,  der  das  Arznei¬ 
buch  bisher  zu  wenig  kannte,  ein  wertvolles  Nachschlagewerk  ge¬ 
schaffen  werden. 

Neuere  Arzneimittel,  Geheimmiittel,  Spezialitäten, 

zusammengestellt  von  April  bis  Oktober  1921. 

Die  in  den  letzten  Monaten  einsetzende  Hausse  auf  dem  Arznei¬ 
mittelmarkt  hat  auch  die  Spezialitäten  mitergriffen.  Die  Arzneimittel 
sind  leider  im  neuen  Staatswesen  gleichfalls  Spekulationsartikel  ge¬ 
worden.  Wir  haben  heute  bereits  die  exorbitant  hohen  Preise,  wie 
sie  im  Frühjahr  1919  waren,  zu  verzeichnen  und  dabei  ist  noch  kein 
Ende  der  Aufwärtsbewegung  zu  erkennen.  Neuere  Arzneimittel  sind, 
wie  nachfolgende  Zusammenstellung  zeigt,  in  reichlichem  Masse  be¬ 
kannt  geworden,  von  denen  ich  wie  bisher  nur  eine  kleinere  Anzahl 
aufnehmen  konnte. 

1.  Als  Antipyretika,  Antineuralgika  sind  zu  nennen: 

Aspochin  —  azetylsalizylsaures  Salz  des  azetylsalizylsauren  Chininesters 
mit  48,4  Proz.  Chinin  und  51,6  Proz.  Azetylsalizylsäure,  empfohlen  bei 
Neuralgie  des  Trigeminus,  bei  allen  Formen  von  Migräne,  bei  An¬ 
fällen  von  Bronchialasthma.  Fabrikant:  Prof.  Dr.  H.  Gold- 
Schmidt-  CharLottenburg  5. 

Novalgin  =  Methylmelubrin.  Fabrikant:  Farbwerke  vorm.  Meister, 
Lucius  &  Brüning-Höchst  a.  M. 

Novazetyl  =  azetylsalizylsaures  Magnesium  mit  94  Proz.  Azetylsalizyl¬ 
säure.  Darsteller:  Chem.  Fabrik  Joh.  Kayser  &  Co.,  G.m.b.H.- 
Braunschweig. 

II.  Als  Antirheumatika,  Gichtmittel  sind  zu  erwähnen: 
Jod-Dermasan  =  starkes  Jod-Ester-Dermasan.  Darsteller:  Dr.  R.  Reiss- 
Berlin-Charlottenburg. 

Rheumakesin  =  enthält  Terpene,  Camphene,  ätherische  Oele,  geringe 
Mengen  Jod  und  ein  Gleitmittel.  Darsteller:  Dr.  Ivo  Deiglmayr- 
München  25. 

III.  Als  Hypnotika  sind  mitzuteilen: 

Somnifen  „Roch  e“  =  20  proz.  Lösung  der  Diäthylaminsalze  der 
Diäthyl-  und  Dipropylbarbitursäure.  Fabrikant:  Hoffmann  La- 
Roche-Basel. 

Somnospasmosan  *=  nach  Prof.  v.  Noordens  Angabe  Natr. 

diaethylbarbituric.,  Pyrazolon,  Kodein,  Bromalkalien,  Kalzium- 
glyzerophosphate.  Fabrikant:  Chem.  Fabrik  Dr.  R.  und  Dr.  O.  Weil- 
Frankfuit  a.  M. 

IV.  Als  Sedativa  sind  zu  nennen: 

Extr.  Valeria  nae  aromaticum  ,,Dr.  Schmitz“  =  ein  neues 
alkoholfreies  Fluidextrakt  mit  hohem  Extraktgehalt  und  aromatischen 
Zusätzen.  Hersteller:  Fabrik  pharmazeutisch-chemischer  Präparate 
Dr.  K.  Schmitz-  Breslau  7. 

Hypotonin  =  Anlinoverbindung  der  Isovaleriansäure.  Hersteller:  Prof.  Dr. 
H.  Goldschmidt-Charlottenburg  5. 

V.  Kardiaka,  Diuretika,  Gefässmittel.  Hierher  gehören: 
Adonigen  =  enthält  die  wirksamen  Bestandteile  von  Herba  Adonidis 
vernalis  in  stets  gleichbleibender  Zusammensetzung  ohne  störende 
Nebenstoffe.  Fabrikant:  Chem.-pharmaz.  Werke  A.-G.-Bad  Homburg. 
D  i  g  i  t  r  a  t  „Kahlbau  m“.  Durch  Extraktion  der  Droge  mit  absolutem 
Alkohol  hergestellte,  titrierte  Digitalistinktur,  von  unangenehmen 
Nebenwirkung  freies  Präparat.  Fabrikant:  Chem.  Fabrik  Kahlbaum- 
Adlershof. 

D  i  g  i  t  y  1  =  auserlesene  Digitalisblätter-Bestandteile  in  der  gleichen  natür¬ 
lichen  Lagerung  wie  in  der  lebenden  Pflanze.  Hersteller:  Präpa- 
ratengesellschaft  m.b.H.-Berlin-Schöneberg. 

Lobelin  hydrochloric.  cryst.  —  salzsaures  Salz  eines  neuen,  beständigen 
Alkaloids  der  Lobelia  inflata  als  Erregungsmittel  des  Atemzentrums 
empfohlen.  Fabrikant:  C.  H.  Böhringer  Sohn-Nieder-Ingelheim  a.  Rh. 


VI.  Mittel  bei  Erkrankung  des  Digestionstraktes. 

Es  sind  zu  erwähnen: 

Als  Magen-  und  Darmmittcl. 

A  1 1  i  q  u  i  d  i  n  =  ein  alkoholisches  Zwiebelextrakt,  empfohlen  bei  Sub¬ 
azidität  und  infektiösen  Durchfällen.  Hersteller:  Löwenapotheke 
Landeshut  (Schlesien). 

Artopon  —  Resorcinylkarbinol  mit  kolloidgebundenem  Wasser  bei  Durch¬ 
fällen  und  Ruhr  angezeigt.  Fabrikant:  Chem.  Fabrik  Reisholz-  j 
Reisholz  bei  Düsseldorf. 

Ichthysmut  :  Bismuth.  subsulfoichthyolic.  bei  Magen-  und  Darmerkran¬ 
kungen.  Hersteller:  Dr.  Ermer  und  Dr.  Busch-Nürnberg. 

Als  Gallensteinmittel. 

F  e  1  a  m  i  n  =  besteht  aus  Hexamethylentetramin  und  dem  wirksamen  Prinzip  i 
der  Ochsengalle.  Hersteller:  Chem.  Fabrik  vorm.  Sandoz-Busei. 

Als  Wurmmittel. 

Santoveronin  =  ein  Präparat,  das  nach  Untersuchung  von  Dr.  Bo-; 

dinus  (Pharm.  Ztg.  1921  Nr.  66)  54,7  Proz.  Kupfer  enthält.  Her-  j 
steiler:  Chem.  Fabrik  joh.  Kayser  &  Co.,  G.m.b.H. -Braunschweig. 

VII.  Nähr-  und  Blutpräparate  (Tonika,  Roborantia). 

Hier  sind  zu  nennen: 

Albucitin  =  Nervennähr-  und  Kräftigungsmittel,  enthält  Trockenmilch,  ; 
eilezithinreiches  Biskuitmehl,  Eisen  usw.  Darsteller:  Ackermann  & 
Ochs-Elbing. 

G  e  r  i  1  —  ein  Nährpräparat,  das  als  ideales  Diätetikum,  Stomachikum,  i 
Neurotonikum,  Roborans  für  Eisen-,  Phosphor-,  Kalk-,  Lezithinkuren  j 
empfohlen  wird.  Hersteller:  Geril  G.m.b.H.,  Berlin  O.  27. 

K  i  n  d  e  r  n  a  h  r  u  n  g  „A  p  o  t  h.  D  r.  Zivis“  =  50  proz.  sterilisierte,  ent-  I 
fettete  Alpenmilch  mit  leicht  löslichem  phosphorsaurem  Kalk  und  i 
Nährsalzen.  Hersteller:  Gebr.  Eppstein-Freiburg  i.  Br. 

Milo  ein  malz-  und  dextrinhaltiges,  diätetisches  Nährmittel  ohne  Milch- 
und  Zuckerzusatz.  Hersteller:  Nestld  Gesellschaft-Vevey. 

O  s  s  a  =  Dr.  med.  Baumgartens  Kalknährmittel  =  milchsaurer,  phosphor¬ 
saurer  und  glyzerinphosphorsaurer  Kalk,  Kalziumchlorid  und  Zucker. 
Hersteller:  Erich  Otto-Stuttgart,  Bismarckstr.  36. 

Perl-Eiweiss  —  Nährpräparat  mit  92  Proz.  Gesamteiweissstoffen.  Her-  ■ 
steiler:  R.  Haberer  &  Co. -Osterwick  a.  Harz. 

Vitaminose  —  Tabletten  ohne  Erhitzung  aus  frischem  Spinat  und  schluin-  I 
mernden  Getreidekörnern  hergestellt.  Fabrikant:  Dr.  Volkmar 
Klopfer-Dresden-Leubnitz. 

Arsaniontabletten  stellt  nicht  der  M.B.K.-Betrieb  her,  wie  irrtümlich  i 
aus  anderen  Zeitschriften  übernommen  wurde.  Der  M.B.K.-Betrieb  , 
fabriziert  nach  wie  vor  nur  Astonin-Ampullen. 

VIII.  Dermatika,  Hautmittel.  Hieher  gehören: 

Kupfer-Dermasan  =  a)  mit  Tiefenwirkung  (0,3  Proz.  Kupfer),  b)  mit 
Oberflächenwirkung  (0,15  Proz.  Kupfer).  Hersteller:  Dr.  R.  Reiss-  i 
Berlin-Charlottenburg. 

Makabrin  =  Name  für  1  proz.  Sozojodolquecksilbersalbe.  Hersteller: 
Chem.  Fabrik  H.  Trommsdorf-Aachen. 

M  i  1  a  n  o  1  =  Salbe,  die  als  wirksamen  Stoff  basisch  trichlorbutyl-malonsaures 
Wismut  enthält.  Hersteller:  Athenstaedt  &  Redeker-Hermelingen. 

Nohaesasalbe  =  Hämorrhoidaisalbe  nach  Vorschrift  von  Geh.  Rat 
v.  Noorden-Homburg  aus  Campfer-Chloral-Menthol  bestehend.  Her¬ 
steller:  Chem. -pharm.  Werke-Bad  Homburg  A.G. 

Novitan  =  neutrale  Salbengrundlage  mit  hoher  Wasseraufnahmefähigkeit.  ! 
Fabrikant:  Präparatengeseilschaft  m.b.H.-Berlin-Schöneberg. 

S  u  1  f  u  1  a  n  „C  a  s  e  1 1  a“  =  früher  Prosulfan  ist  xanthogensaures  Natrium. 
Fabrikant:  L.  Casella  &  Co.-Frankfurt  a.  M. 

Terpestrol  —  ein  gutes,  granulationsfähiges  Wundstreupulver,  bestehend 
aus  Milchpulver,  Elaeosaccharum  Ol.  Terebinthinae  5  Proz.  und 
Hexamethylentetramin  10  Proz.  nach  Vorschrift  von  Prof.  Dr.  Heinz- 
Erlangen.  Fabrikant:  Chem.  Fabrik  Dr.  Ivo  Deiglmayr-München. 

Z  e  r  g  a  1  i  n  =  basische  Verbindung  der  Cer-Erden  mit  Gallussäuren  zur 
Behandlung  oberflächlicher  Hautleiden.  Fabrikant:  Chem.  Fabrik 
C.  A.  F.  Kahlbaum-Berlin-Adlershof. 

IX.  Als  Antisyphilitikum  ist  zu  erwähnen: 

M  i  r  i  o  n  =  eine  organische  Jodverbindung  mit  1,7  Proz.  Jod.  Es  soll  die 
Jodspeicherung  im  syphilitischen  Gewebe  in  weit  grösserem  Umfange 
stattfinden  als  bei  den  bisher  gebrauchten  Jodpräparaten.  Fabrikant:  ■ 
Suchywerke  A.G.,  Pharm.  Abt.,  Wien  I. 

X.  Antiseptika,  Desinüzientia.  Hieher  gehören: 

Allactol  =  milchweinsaures  Aluminium.  Hersteller:  Pharmax  G.m.b.H.- 
Berlin. 

A  p  h  1  o  g  o  1  =  eine  Mischung  von  kristallisierter  Karbolsäure  und  Kampfer. 
Hersteller:  Kaiser-Friedrich-Apotheke-Berlin  NW.  6. 

J  u  n  i  j  o  t  =  ein  weingeistiger  Perkolatauszug  von  einer  in  Deutschland 
wildwachsenden  Cupressinee,  der  nach  dem  Verdunsten  ein  dünnes 
Häutchen  auf  der  Haut  zurücklässt.  Hersteller:  A.G.  für  medizinische 
Produkte-Berlin. 

M  i  a  n  i  n  =  p.  Toluolsulfomonochloramidnatrium  mit  einem  Gehalte  von 
25,2  Proz.  aktiven  Chlor.  Hersteller:  Saccharinfabrik  A.G.  vorm. 
Fahlberg,  List  &  Co. -Magdeburg  Südost. 

XI.  Mittel  bei  Erkrankungen  der  Atmungsorgane  und  Tuberkuloseheilmittel  sind: 

Heufieber  polyvalentes  Nr.  312  =  aus  den  Pollen  von  Roggen  und 
Gräsern  hergestellt,  hat  den  Vorzug  der  höchstmöglichen  Reinheit. 

Hersteller:  Chem.  Fabrik  Dr.  Brunnengräber-Rostock. 

1  e  r  o  1  i  n  =  Lebertranemulsion  der  Firma  Riedel  A.G.-Berlin-Britz. 

Proteogen  Nr.  3  =  ein  amerikanisches  Tuberkuloseheilmittel.  Für 
deutsche  Aerzte  durch  Züpplin-Cincinnati  V.St.A.  zu  erhalten. 

XII.  Organotherapeutische  Präparate.  Hierher  gehören: 

Anitnasa  =  eine  aus  der  Innenhaut  der  Aorta  junger  Tiere  gewonnene 
fermentative  Substanz  als  Mittel  gegen  Arteriosklerose.  Fabrikant: 
Organotherap.  Werke-Neuenkirchen  b.  Oldenburg. 


27.  Januar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


133 


Asthmaitrin  =  Asthmamdttel,  aus  Physormon,  Nebennierenhormon  und 
Papaverin  bestehend.  Fabrikant:  Queisser  6c.  Co.  G.m.b.H.,  Organo- 
Abt.,  Hamburg. 

Eatan  —  Hydrolysate  tierischer  Eiweisskörper  und  Organe.  Hersteller: 
Eatinon  G.m.b.H. -München.  Karolinenplatz  3. 

Gefässpräparat-Heilner  —  enthält  alle  physiologischen  Wirkungs¬ 
werte  der  Gefässwand  in  bestimmter  Verarbeitung  zusammengefasst 
und  soll  die  stetige  fermentative  Erneuerung  des  darmederliegendcn 
lokalen  Gewebsschutzes  der  Gefässwände  bewirken.  Hersteller: 
Luitpoldwerke-München  41. 

Hypernephrin  =  das  synthetische  Hormon  des  Nebennierenmarkes. 
Hersteller:  Ges.  für  Fein-Chemie  m.b.H. -Berlin  NW.  7. 

Physormon  =  Hypophysenextrakt  der  Firma  Oueisser  6c  Co.  G.m.b.H., 
Organo-Abt.,  Hamburg. 

Plazentaopton  —  ein  nach  Abderhalden  aus  Plazenta  hergestelltes 
Organpräparat.  Hersteller:  E.  Merck,  chem.  Fabrik,  Darmstadt. 

XIII.  Bakteriotherapeutisches  Präparat. 

üripkalen  =  Grippeimpfstoff  „Kalle"  aus  dem  Pfeifferschen  Bazillus  nach 
besonderer  Methode  hergestellt.  Hersteller:  Kalle  6c  Co.  A.G.- 
Biebrich  a.  Rh. 

XIV.  Zur  parenteralen  Therapie. 

A  b  i  j  o  u  =  ist  der  jetzige  Name  für  Ophthalmosan,  ein  keimfreies  Milch¬ 
präparat.  Fabrikant:  Sächsisches  Serumwerk-Dresden. 

A  1  b  u  s  o  1  =  ein  Eiweisskörper,  der  rein  chemisch-physiologische  Wirkung 
enthalten,  keine  örtliche  Reaktion,  keine  Anaphylaxie  verursachen 
soll  (M.m.W.  1921  Nr.  24).  Hersteller:  Chem.  Fabrik  Dr.  Ivo  Deigl- 
mayr-München  25. 

Yatren  -Casein  stark  =  mit  5  Proz.  Casein  und  2,5  Proz.  Yatren. 
Hersteller:  Westlaboratorium-Hamburg,  Billrookdeich  42. 


Zeitschriften- Uebersicht. 

Zeitschrift  für  Tuberkulose.  Band  34.  Heft  1  *). 

Selter  und  N  e  h  r  i  n  g  -  Königsberg:  Einfluss  der  Ernährung  auf  die 
T  uberkulosesterblichkeit. 

Unter  Beigabe  mehrerer  Kurven  wird  dargetan,  dass  zwar  die  Bedeutung 
der  Wohnung  für  die  Ausbreitung  der  Tuberkulose  nicht  verkannt  werden 
darf,  dass  aber  die  Ernährung  zweifellos  der  wichtigste  soziale  Faktor  für 
die  Tuberkulosesterblichkeit  ist. 

Franz  I  c  k  e  r  t  -  Stettin:  Ueber  die  Tuberkulose  der  Kinder  und  Jugend¬ 
lichen  nach  den  Sterblichkeitsziffern  der  Kriegsjahre. 

Die  Sterblichkeit  der  Kinder  und  Jugendlichen  an  Tuberkulose  hat  im 
Kriege  in  Deutschland  und  in  Holland  wesentlich  zugenommen,  in  Deutsch¬ 
land  aber  10  mal  mehr  als  in  Holland.  Daraus  ergibt  sich  die  Notwendigkeit 
sehr  energischer  Bekämpfung  der  Kindertuberkulose.  Die  bisherige  Fürsorge 
ist  auszubauen;  die  Heilungstendenz  der  Schulaltertuberkulose  kommt  dabei 
günstig  in  Frage.  Im  Kleinkindesalter  ist  besonders  die  Expositions¬ 
prophylaxe  zu  vergrössern.  „Die  Schaffung  von  einwandfreiem  Milieu  und 
von  einwandfreier  Pflege  für  die  Kleinkinder  scheint  sich  als  das  A  oder  O 
der  Tuberkulosebekämpfung  herauszukristallisieren.“ 

Kurt  E  i  c  h  w  a  1  d  -  Berlin:  Konstitutionelle  Anomalien  bei  Tuberkulose. 

Unbeschadet  der  anatomischen  Kennzeichen  einer  Tuberkulose  muss  man 
auch  versuchen,  dem  Konstitutions-  und  Dispositionsprobleme  auf  immun¬ 
biologischem  Wege  beizukommen. 

Heinrich  F  e  i  b  e  s  -  Düsseldorf :  Ueber  spezifische  Tuberkulosebehand- 
lung  unter  besonderer  Berücksichtigung  des  MTbR.-Verfahrens  nach 
Deycke-Much. 

Schädigungen  sind  .bei  dieser  Behandlung  nicht  beobachtet  worden. 
MTbR.  kann  aber  Alttuberkulin  nicht  in  allen  Fällen  ersetzen. 

Karl  Dietl-Wien:  Allgemeine  und  kutane  Tuberkulinallergie. 

„Wir  sind  vielleicht  berechtigt,  der  innersekretorischen  Funktion  des 
Hautorgans  in  den  Abwehrbestrebungen  des  Organismus  gegen  die  Tuber¬ 
kulose  eine  wichtige  Rolle  einzuräumen.  Dann  bedeutet  aber  eine  lebhafte 
kutane  Allergie  nicht  allein  einen  Indikator  für  das  Vorhandensein  reichlicher 
Antikörpermengen,  sie  stellt  auch  ein  Zeichen  eines  überhaupt  kräftig 
funkt.ionierenden  Hautorganes  dar.  Dass  die  kutane  Allergie  von  der  Be¬ 
schaffenheit  der  Haut  bis  zu  einem  gewissen  Grade  abhängig  ist,  geht  wieder 
aus  den  Untersuchungen  Karczags  hervor,  der  nachweisen  konnte,  dass 
die  Allergie  der  weissen  Meerschweinchen  zwar  grösser  ist  als  die  der 
farbigen,  dass  sie  aber  mit  dem  Fortschreiten  des  Krankheitsprozesses  ab¬ 
nimmt,  während  die  Allergie  der  farbigen  Tiere  eine  Zunahme  zeigt.  Wir 
können  uns  vorstellen,  dass  die  Haut,  geradeso  wie  sie  auf  das  von  aussen 
zugeführte  tuberkulöse  Gift,  auf  das  Tuberkulin,  kräftig  reagiert  und  es  da¬ 
durch  abzubauen  bestrebt  ist,  auch  auf  die  in  den  kranken  Lungenherden  ent¬ 
stehenden  Gifte  in  ähnlicher  Weise  einzuwirken  vermag.  Die  Tuberkulin¬ 
therapie  ist  dann  nicht  nur  eine  spezifische  Antigentherapie,  sie  scheint  auch 
imstande  zu  sein,  durch  kutane  Leistungssteigerung  die  Progredienz  des 
tuberkulösen  Lungenprozesses  zu  bekämpfen.“ 

H.  H  a  u  p  t  -  Dresden :  Die  staatliche  Bekämpfung  der  Rindertuberkulose 
im  Deutschen  Reiche. 

Heft  2. 

Wilhelm  S  t  e  p  h  a  n  -  Mannheim:  Lungentuberkulose  im  Rückbildungs¬ 
alter  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Kriegseinflüsse. 

„Die  verhängnisvollen  Folgen  des  Krieges  zeigen  sich  auch  in  einer 
erheblichen  Zunahme  der  Todesfälle  an  Lungentuberkulose  im  Rückbildungs¬ 
alter,  die  bei  den  Frauen  sogar  stärker  ist  als  die  durchschnittliche  Zu¬ 
nahme  der  Todesfälle  an  Lungentuberkulose  aller  Altersklassen.  Gleichzeitig 
können  wir  einen  schnelleren  Verlauf  der  Erkrankung  beobachten. 

Im  klinischen  Bilde  ist  besonders  auffallend  der  niedrige  Blutdruck,  der 
auf  toxische  Einflüsse  zurückgeführt  werden  muss,  welche  die  blutdruck¬ 
steigernden  Momente  paralysieren. 

Als  Reaktion  einer  Hypertonie  (Nierensklerose),  die  im  Laufe  der  chro¬ 
nischen  Lungenerkrankung  ihr  Hauptsymptom,  die  Blutsteigerung,  einbüsst, 
ist  die  auch  autoptisch  recht  häufig  nachweisbare  Hypertrophie  und  Dila¬ 
tation  des  linken  Ventrikels  anzusehen  (Herztod). 


*)  Verspätet,  da  anscheinend  die  betr.  Handschrift  verloren  ging.  L. 


Die  Therapie  bei  Alterstuberkulo.se  bedarf  gewisser  Modifikationen.  Be¬ 
sonders  zu  warnen  ist  vor  kritikloser  Anwendung  von  Kaltwasserprozeduren 
wegen  der  herabgesetzten  Wärmeersatzfähigkeit  im  Rückbildungsalter.“ 

August  O  fi  r  e  m  -  Honnef  a.  Rh.:  Zur  Methodik  der  Tuberkulinbehand- 
lung.  (Ein  Beitrag  zur  Frage  der  Ueberempfindiichkelt.) 

„Die  Ueberempfindlichkcitserscheinungen  bei  der  Tuberkulose  werden 
wahrscheinlich  hervorgerufen  durch  zu  langsamen  Abbau  der  Endotoxine  bzw. 
der  künstlich  zugeführten  Antigene  (Tuberkulin)  infolge  zu  geringen  Bestandes 
an  Antikörpern,  so  dass  giftige  Zwischenprodukte  entstehen,  die  zu  Mattig¬ 
keit,  Fieber,  Herdreaktionen  führen. 

Der  Zustand  der  Ueberempfindlichkeit  kann  über  lange  Zeit  bestehen 
bleiben,  wenn  die  Antigenmengen  (Endotoxin,  Tuberkulin)  dauernd  zu  klein 
sind,  als  dass  sie  über  die  Ueberempfindlichkeitserscheinungen  hinaus  eine 
Anregung  der  Zellen  zur  Luxusproduktion  von  Antikörpern  hervorzurufen  ver-  - 
möchten.  Es  zeigt  sich  dies  besonders  bei  den  prognostisch  günstigen 
Initialfällen. 

In  diesen  Fällen  ist  am  ehesten  durch  eine  konsequent  gesteigerte 
Antigenzufuhr  eine  Ueberwindung  der  Ueberempfindlichkeit  zu  erwarten.“ 

E.  L  i  e  b  h  a  r  d  t  -  Nürnberg:  Der  Nachweis  aktiver  Tuberkulose  durch 
die  Eigenharnreaktion  von  W  i  1  d  b  o  1  z. 

Die  Eigenharnreaktion  ist  eine  spezifische  Reaktion  bei  Menschen,  die 
an  aktiver  Tuberkulose  erkrankt  sind.  Die  Reaktion  ist  von  zu  geringer 
Intensität;  sie  ist  ferner  zu  inkonstant,  um  für  die  praktische  Verwertung  in 
ihrer  jetzigen  Form  grössere  Bedeutung  zu  besitzen. 

R.  L  u  b  o  j  a  c  k  y  -  Gewitsch  (Mähren):  Ein  neuer  Apparat  zur  Durch¬ 
führung  des  künstlichen  Pneumothorax. 

H.  M  a  e  n  d  1  -  Alland:  Nachtrag. 

Weitere  interessante  Mitteilungen  über  Spontanpneumothorax. 

G.  S  c  h  r  öd  e  r  -  Schömberg:  Ueber  neue  Medikamente  und  Nährmittel 
zur  Behandlung  der  Tuberkulose. 

Der  bekannte  Schröder  sehe  zusammenfassende  Bericht.  Dass  der 
Verf.  ihn  dazu  verwendet,  einen  ganz  unwissenschaftlichen  und  darum  weite 
Kreise  umsomehr  irreführenden  Aufsatz  von  Prof.  Lindner  über  Heil¬ 
wirkung  des  Alkohols  im  „Kosmos“  in  aller  Schärfe  zu  widerlegen,  verdient 
die  grösste  Anerkennung,  ganz  gleich,  wie  sich  der  Einzelne  zur  Verwendung 
des  Alkohols  im  besonderen  Falle  stellt. 

Die  Heilstätten  beilage  enthält  einen  Jahresbericht  über 
Scheidegg  von  K  1  a  r  e.  Liebe-  Waldhof-Elgershausen. 

Mitteilungen  aus  den  Grenzgebieten  der  Medizin  und  Chirurgie. 

Band  34,  Heft  2.  Jena  1921,  Gustav  Fischer. 

Naunyn:  Nachruf  auf  Wilhelm  Erb. 

G  r  o  e  d  e  1  -  Frankfurt  a.  M. :  Röntgensymptomatologie  des  Ulcus 
duodeni. 

Kritik  der  röntgenologischen  Symptome;  im  Zusammenhang  mit  Ana¬ 
mnese  und  klinischem  Befund  lässt  sich  die  Diagnose  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  stellen.  G.  bevorzugt  die  Durchleuchtung  und  Aufnahme  im  Stehen 
mit  leichter  Kompression  durch  Anpressen  des  Kranken  an  die  Kassette. 
Allenfalls  ist  noch  eine  Aufnahme  in  schräger  Bauchlage  hinzuzufügen. 

Max  Rosenberg:  Der  Wert  der  A  m  b  a  r  d  sehen  Konstante  als 
Methode  der  Nierenfunktionsprüfung.  (Aus  der  1.  inneren  Abt.  d.  Stadt. 
Krankenhauses  Charlottenburg- Westend.) 

A  m  b  a  r  d  hat  1911  den  Harnstoffgehalt  des  Blutes  und  die  Harnstoff¬ 
ausscheidung  im  Harn  in  Beziehung  zueinander  gesetzt  und  eine  Normal¬ 
formel  angegeben.  R.  findet  zwar,  dass  bei  richtig  durchgeführtem  Wasser- 
und  Konzentrationsversuch  jede  Störung  der  Harnstoffelimination  manifest 
werden  muss,  findet  die  Konstante  aber  tauglich  als  kurzfristige  Unter¬ 
suchungsmethode,  besonders  für  ambulante  Beobachtungen.  Nur  ist  zu  be¬ 
rücksichtigen,  dass  bei  normaler  Konstante  schwere  Funktionsstörungen  nicht 
ausgeschlossen  sind. 

Th.  E.  Hess  Thaysen:  Die  Koloptose  als  Ursache  der  Obstipation. 
(Aus  der  Med.  Universitätsklinik  Kopenhagen.) 

Die  normale  Lage  des  Transversum  im  Stehen  wechselt  von  Nabelhöhe 
bis  13  cm  tiefer.  Die  Form  der  rechten  Flexur  ist  bei  Aszendensobstipation 
nicht  häufiger  als  bei  normalen  Menschen  spitzwinklig,  ebensowenig  die  linke 
Flexur  bei  Transversumobstipation.  Es  erscheint  Verf.  sehr  zweifelhaft,  ob 
die  „Koloptose“  Bedeutung  für  die  Entstehung  der  Obstipation  hat.  Auch 
das  klinische  Bild  der  habituellen  spricht  gegen  eine  rein  mechanische 
Ursache.  Wahrscheinlicher  ist  funktionelle  Störung.  Fixierte  spitz¬ 
winklige  Flexuren  infolge  Adhäsionen  geben  mechanische  Hindernisse  ab. 

0.  Winterstein:  Zur  Phrenikuslähmung  bei  Lähmung  des  Plexus 
brachialis.  (Aus  der  Chir.  Klinik  Zürich.) 

6  fremden  Beobachtungen  fügt  W.  eine  eigene  hinzu.  Plexuslähmung 
infolge  Sturzes  mit  der  linken  Schulter  auf  einen  Stein.  Neurolyse  besserte 
nur  die  Parästhesien.  Die  am  Ansatz  frakturierte  1.  Rippe  war  kaudalwärts 
disloziert,  auch  Wirbelfortsätze  schienen  fräkturiert.  Die  linkseitige 
Phrenikuslähmung,  welche  keinerlei  subjektive  Störung  verursacht  hatte, 
wurde  durch  Röntgendurchleuchtung  'sichergestellt,  welche  diesen  Befund  bei 
traumatischer  Plexuslähmung  häufiger  aufdecken  dürfte. 

Rieh.  Stephan:  Polyperiostitis  hyperaesthetica.  (Aus  der  Med.  Klinik 
des  St.  Marien-Krankenhauses  Frankfurt  a.  M.) 

Mit  obigem  Namen  bezeichnet  St.  ein  an  5  weiblichen  Kranken  genau 
studiertes  Krankheitsbild:  eine  Systemerkrankung  des  gesamten  Periostes, 
sehr  chronisch  in  Perioden  mit  subfebrilen  Temperaturerhöhungen  verlaufend, 
anfangs  umschrieben,  später  generalisiert.  Den  sehr  schmerzhaften  peri- 
ostitischen  Herden  entsprechen  —  im  Sinne  Head  scher  Zonen  —  Gebiete 
starker  Hauthyperästhesie,  wobei  das  Unterhautbindegewebe  ausserordentlich 
stark  auf  subkutan  injizierte  Medikamente  (Trypaflavin,  Tuberkulin)  reagiert. 
Aetiologie  dunkel.  Keine  Beziehung  zu  Tuberkulose  oder  Lues.  Thera¬ 
peutisch  wirkten  nur  lokale  kleinste  Röntgendosen. 

W.  Löhr:  Die  Senkungsgeschwindigkeit  der  roten  Blutkörperchen  als 
diagnostisches  Hilfsmittel  bei  chirurgischen  Erkrankungen.  (Aus  der  Chir 
Universitätsklinik  Kiel.) 

Die  Blutsenkungsbeschleunigung  geht  bei  allen  Krankheitsgruppen  pro¬ 
portional  der  Grösse  des  Zellzerfalls  und  der  Resorption  der  Zellzerfalls¬ 
produkte.  Die  Methode  gestattet  eine  differentialdiagnostische  Abgrenzung 
der  Entzündungen  gegenüber  nichtentzündlichen  Prozessen,  aber  nicht  gegen¬ 
über  Tumoren,  z.  B.  bei  Knochenerkrankungen.  Tritt  bei  klinisch  und 
röntgenologisch  einigermassen  sicherem  Ulcus  pylori  oder  duodeni  beschleu¬ 
nigte  B.S.  auf,  so  sind  Entzündungen  im  Spiele.  Die  Reaktion  ist  so  fein, 


M 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


dass  sie  auch  einen  Gradmesser  für  Grösse  und  Heftigkeit  des  Zellzerfalls 
abgibt. 

R.  Schräder:  Ueber  Veränderungen  im  Verhalten  der  Dichte  der 
Kapillarwandung  und  deren  Nachweis  durch  das  Endothelsymptom.  (Aus  der 
Med.  Klinik  des  St.  Marien-Krankenhauses  Frankfurt  a.  M.) 

Das  von  Rumpel  und  L  e  e  d  e  zunächst  bei  Scharlach  gefundene, 
dann  von  Stephan  bei  Grippe  und  Rachitis  tarda  beobachtete  Endothel¬ 
symptom  besteht  darin,  dass  nach  Anlegung  einer  Gummibinde  für  5  Minuten 
am  Oberarm  feine  Hautblutungen  unterhalb  der  Binde,  besonders  in  der 
Ellenbeuge,  auftreten.  Verf.  berichtet  über  weitere  Beobachtungen  und  Unter¬ 
suchungen.  Die  vermehrte  Durchlässigkeit  der  Kapillarwandungen  wird  her¬ 
vorgerufen  durch  bestimmte  Gifte  (Grippetoxin,  Salvarsan,  Spirochätenstoff¬ 
wechseltoxine,  Chloroform,  Anaphylatoxin  u.  .a),  welche  elektiv  schädigend 
auf  die  Zellstruktur  des  Endothelapparates  wirken,  ferner  bewirken  Störungen 
im  endokrinen  Gleichgewicht  (Menstruation,  Basedow,  Klimakterium  u.  a.) 
sekundär  über  die  Milz  beträchtliche  Schwankungen  im  Tonus  der 
Epithelzellen.  G  r  a  s  h  e  y  -  München 

Archiv  für  klinische  Chirurgie.  Bd.  117.  2.  Heft. 

Klimm  eil:  Zur  Operation  des  Kardiospasmus  und  des  Oesophagus¬ 
karzinoms.  Chirurgenkongress  1921.  Referiert  Nr.  17. 

Kir  schner:  Zur  Radikalbehandlung  des  chronischen  Pleuraempyems. 

Chirurgenkongress  1921.  Referiert  Nr.  17. 

Bleichsteiner:  Der  Einfluss  der  Alkoholanästhesie  des  Ganglion 
Gasseri  auf  die  Kautätigkeit. 

Durch  Ausschaltung  des  motorischen  Trigeminus  treten,  nach  Alkohol¬ 
injektionen  in  das  Ganglion  Gasseri  Störungen  der  Kauarbeit  auf.  Die 
Oeffnungsbewegungen  des  Unterkiefers  gehen  nicht  mehr  in  sagittaler  Richtung 
vor  sich,  sondern  infolge  Lähmung  einzelner  Muskelgruppen  tritt  eine  Ver¬ 
schiebung  des  Kinnes  nach  der  Injektionsseite  bei  Oeffnung  des  Mundes  auf. 
Die  Patienten  benutzen  die  nicht  gelähmte  Seite  zum  Kauen,  dabei  wird  der 
Unterkiefer  von  der  gelähmten  Seite  zur  nicht  gelähmten  hinübergezogen  und 
so  wieder  die  Okklusion  erreicht.  An  Stelle  der  sagittalen  Oeffnungs¬ 
bewegungen  sind  also  komplizierte  Drehungsbewegungen  getreten.  Trotz 
dieser  bedeutenden  Veränderungen  gegenüber  der  Norm  sind  die  subjektiven 
und  objektiven  Folgen  nur  sehr  geringe  und  erheischen  kaum  eine  Behandlung. 

Hadda:  Totale  Emaskulation  bei  ausgedehntem  Peniskarzinom. 

Mitteilung  eines  selbst  beobachteten  solchen  Falles  und  Zusammen¬ 
stellung  sämtlicher  in  der  Literatur  bekannt  gewordenen  Fälle.  Die  totale 
Emaskulation  ist  stets  indiziert  bei  sehr  vorgeschrittenem  Peniskarzinom,  das 
die  Grenze  des  Penis  überschritten,  auf  Skrotum  und  seinen  Inhalt  über¬ 
gegriffen  hat.  Psychische  Störung  nach  Entfernung  beider  Hoden  ist 
bisher  nicht  beobachtet  worden.  Der  Eingriff  ist  technisch  einfach,  die  Erfolge 
ermutigend. 

Wechsler:  Zur  Sternumspaltung. 

Die  mediane  Sternumspaltung  ist  als  Voroperation  bei  rein  intrathora¬ 
kalen  Strumen  indiziert  und  kommt  als  Palliativeingriff  bei  allen  thorakalen 
Tumoren  in  Betracht,  wenn  es  sich  darum  handelt,  die  Luftwege  von  einer 
erheblichen  Kompression  rasch  und  wirksam  zu  befreien.  Mitteilung  von  4 
einschlägigen  Fällen. 

Pick:  Zur  Diagnose  der  Fremdkörperperitonitis. 

Auseinandersetzung  der  Schwierigkeiten,  die  die  Differentialdiagnose 
zwischen  tuberkulöser  Peritonitis  und  Fremdkörperperitonitis  bereiten  kann 
an  Hand  eines  selbstbeobachteten  Falles.  Durch  vorgenommene  Tierexperi¬ 
mente  konnte  der  Autor  den  Nachweis  erbringen,  dass  die  Entwicklung  von 
Fremdkörperknötchen  nur  bei  länger  dauerndem  Fremdkörperreize  auf  das 
Peritoneum  und  bei  nichtresorbierbaren  Fremdkörpern  stattfinden  kann. 

Erd  heim:  Anatomische  und  klinische  Untersuchungen  über  Primärge¬ 
schwülste  vortäuschende  Metastasen,  insonderheit  solcher  des  Adenokarzinoms 
der  Schilddrüse. 

Mitteilung  von  einigen  Fällen,  bei  denen  eine  Metastase  das  einzig  klinisch 
nachweisbare  Krankheitssymptom  darbot,  während  der  Primärtumor  symptom¬ 
los  bestanden  hatte  oder  zur  Zeit  überhaupt  nicht  resp.  erst  längere  Zeit 
später  nachweisbar  war.  Vorzugsweise  handelt  es  sich  um  Metastasen  nach 
Hypernephrom,  Schilddrüsen-  und  Prostatakarzinom.  Die  operative  Ent¬ 
fernung  solcher  solitärer  Metastasen  mit  womöglich  gleichzeitiger  Entfernung 
des  Primärtumors  ist  indiziert. 

K  e  y  s  s  e  r:  Weitere  Untersuchungen  über  experimentell  nach  Einimpfung 
von  menschlichen  Karzinomen  und  Sarkomen  entstandene  Mäusegeschwülste. 

Durch  entsprechende  Auswahl  und  Vorbehandlung  (Reizzustand,  Sensi¬ 
bilisierung)  ist  es  möglich,  menschliche  Geschwülste  auf  weisse  Mäuse  zu 
übertragen,  so  dass  an  der  Einpflanzungsstelle  auch  böartige  Geschwülste  ent¬ 
stehen.  Die  Entwicklungsdauer  solcher  übertragener  Geschwülste  beträgt  im 
Durchschnitt  10  Monate.  Die  erste  Impfausbeute  ist  gering  (2  Proz.),  kann 
aber  durch  weitere  Impfung  in  Generationen  bis  auf  30  Proz.  gesteigert 
werden.  Ob  diese  Beobachtungen  im  Sinne  einer  infektiösen  Aetiologie  des 
Karzinoms  zu  verwerten  sind,  bleibt  noch  dahingestellt. 

Nie  den:  Beitrag  zur  Aetiologie  der  akuten  Magenlähmung. 

Klinische,  pathologisch-anatomische  und  experimentelle  Studien  haben 
den  Autor  zu  folgender  Auffassung  dieses  Krankheitsbildes  geführt.  Die  Ur¬ 
sache  der  akuten  Magenlähmung  ist  in  einer  individuellen  nervösen  Dispo¬ 
sition  zu  suchen.  Experimentell  gelingt  es  nicht,  eine  akute  Magenlähmung 
hervorzurufen.  Doppelseitige  Vagusdurchtrennung  hat  auf  die  Peristaltik  des 
Hundemagens  nur  einen  sehr  geringen  Einfluss.  Dagegen  tritt  eine  Ausweitung 
des  Magens  im  Fündusteile  und  eine  erhebliche  Verzögerung  der  Austreibungs¬ 
zeit  durch  Herabsetzung  des  Tonus  der  Magenwand  auf.  Ausschaltung  der 
sympathischen  Nervenversorgung  des  Hundemagens  ändert  Motilität  und  Ent¬ 
leerungsdauer  desselben  nicht  wesentlich.  Morphiumgaben  hatten  nach  Aus¬ 
schaltung  des  Vagus,  sowie  nach  gleichzeitiger  Ausschaltung  von  Vagus  und 
Sympathikus  eine  erhebliche  Verzögerung  der  Austreibungszeit  zur  Folge.  Bei 
intakter  Vagusinriervation  hat  Morphium  keinen  Einfluss  auf  die  Magen- 
motilität.  Bei  postoperativen  Magenstörungen  und  Magenlähmungen  ver¬ 
bietet  sich  die  Verabreichung  von  Morphium.  H  o  h  1  b  a  u  m  -  Leipzig. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  167.  Band.  1. — 2.  Heft. 

Eugen  Polya-Pest:  Beiträge  zur  Kenntnis  der  retrograden  In¬ 
karzeration. 

Weitere  eigene  9  und  6  Fälle  aus  der  ungarischen  Literatur,  die  Zahl  der 
veröffentlichten  Fälle  steigt  damit  auf  über  100.  Des  Verfassers  Ansicht, 
dass  es  sich  bei  der  rertograden  Darminkarzeration  immer  um  die  Ein¬ 


klemmung  des  Verbindungsschiingenmesenteriums  handle,  wird  durch  die  Ge-  ? 
samtliteratur  bestätigt.  .  ,  .  , 

Entweder  steigen  2  oder  3  Darmschlingen  durch  eine  breite  Bruchpforte 
in  den  Bruchsack  hinab  oder  es  wandert  die  Kuppe  des  im  Bruchsack 
befindlichen  Darms  in  die  Bauchhöhle  zurück.  Die  Einklemmung  des  Ver- 
bindungsschlingenmesenteriums  entweder  durch  die  Verengerung  infolge  der 
Passage  der  4  Darmlumina  anstatt  zweier  oder  durch  Einbeziehung  der  nach 
oben  geschlagenen  Verbindungsschlinge  in  den  Bruchring.  Die  Ernährungs¬ 
störung  der  Verbindungsschlinge  ist  grösser  als  die  der  Bruchschlinge. 

Durch  Blähung  der  Verbindungsschlinge  kann  ihr  Mesenterium  aus  dem  ' 
Bruchringe  herausgerissen  werden,  wodurch  eine  partielle  oder  totale  Lösung 
der  Inkarzeration  bewirkt  werden  kann. 

Die  grosse  klinische  Bedeutung  der  retrograden  Inkarzeration  liegt  darin, 
dass  trotz  gar  nicht  oder  wenig  veränderter  Schlingen  im  Bruchsack  eine 
Nekrose  einer  intraabdominellen  Schlinge  bestehen  kann.  Die  Häufigkeit  der 
retrograden  Inkarzeration  beträgt  nach  dem  Material  des  Verf.  2/4  Proz. 
der  Fälle.  Auffallend  ist  der  grosse  Prozentsatz  bei  den  Nabelbrüchen,  unter 
27  eingeklemmten  Nabelbrüchen  waren  3  retrograd  inkarzeriert. 

Diagnostisch  wichtig  sind:  Disharmonie  zwischen  schweren  Allgemein¬ 
symptomen  und  kurzer  Zeit  der  Inkarzeration,  palpable  harte  Schlinge  oder 
Resistenz  im  Bruch  über  der  Inkarzerationsstelle,  asymmetrische  Bruchge¬ 
schwulst. 

Alfred  Schubert:  Die  Ursachen  der  angeborenen  Schlefhalserkran- 
kungen.  (Aus  der  chir.  Universitätsklinik  zu  Königsberg  i.  Pr.  Direktor: 
Prof.  Dr.  K  i  r  s  c  h  n  e  r.) 

Heredität,  falsche  Regeneration,  Schädelasymmetrie  und  Mitbeteiligung 
der  benachbarten  Muskeln  und  faszialer  Scheiden  an  der  Degeneration  des 
Kopfnickers  machen  die  Annahme  einer  primären,  zentralen,  nervösen  Störung 
wahrscheinlich,  die  alle  Symptome  des  Krankheitsbildes  zu  erklären  vermag. 

Conrad  Blaesen:  Kongenitale,  mediale  und  laterale  Halsfisteln.  (Aus  ; 
der  Chir.  Klinik  der  Universität  Bonn.  Direktor:  Geh.  Med. -Rat  Prof. 

Dr.  G  a  r  r  ö.) 

9  Fälle  kongenitaler  Halsfisteln,  die  allein  erfolgreiche  Behandlung  ist 
die  Radikaloperation. 

R.  R.  Niemeyer:  Ueber  die  Hypertrophie  der  Vorsteherdrüse.  (Aus  _ 
dem  pathologisch-anatomischen  Institut  der  Universität  Köln.  Direktor:  Prof. 

Dr.  A.  D  i  e  t  r  i  c  h.) 

Bei  geringgradigen  Veränderungen  ist  eine  kompensatorische  Hyperplasie 
auf  dem  Boden  seniler  Involution  anzunehmen,  die  schweren  Fälle  sind  als 
echte  Geschwulstbildungen  (Fibromyoadenome,  Fibromyom)  aus  dem  Gebiet 
der  Innendrüse  aufzufassen.  Weder  entzündliche  Vorgänge  noch  die  Athero-  . 
Sklerose  sind  die  Ursache  der  Erkrankung. 

Arthur  Lukowsky:  Ueber  die  diffuse  Fibromatose  der  Mamma  und 
ihren  Uebergang  in  Karzinom.  (Aus  dem  pathologischen  Institut  der  Uni-  a 
versität  Köln.  Direktor:  Prof.  Dr.  A.  Dietrich.) 

Die  diffuse  Fibromatose  der  Mamma  (Mastitis  chron.  cystica)  ist  ein 
chronischer  Reizzustand  mit  lebhafter  Bindegewebshyperplasie,  die  die 
primäre  Veränderung  darstellt.  Zystenbildung  und  Epithelproliferation  sind 
sekundäre  Erscheinungen.  Unizentrische  und  pleuriatrische  Karzinoment¬ 
wicklung  auf  dem  Boden  der  Fibromatose  ist  nicht  selten,  ihre  Diagnose  ist 
aus  dem  destruierendem  Wachstum  leicht  zu  stellen. 

W.  Noetzel:  Zur  Operation  des  perforierten  Magengeschwürs.  (Aus 
der  chir.  Abteilung  des  Biirgerspitals  zu  Saarbrücken.) 

N.  betont  gegenüber  S  c  h  ü  1  e  i  n  (161.  Bd.  d.  D.  Zschr.  f.  Chir.),  dass 
er  (vgl.  Bruns  Beitr.  110)  nicht  mehr  die  Exzision  des  Geschwürs,  sondern 
die  Uebernähung  möglichst  mit  G.E.  als  Normalverfahren  bei  der  Behandlung 
des  perforierten  Ulcus  ausführt.  Ferner  wird  die  Nahtstelle  nicht  mehr 
tamponiert,  wenn  nicht  die  morschen  Ränder  dazu  zwingen.  Die  Spülung 
wird  so  ausgefü’hrt,  dass  durch  einen  Knopflochschnitt  unterhalb  des  Nabels 
ein  Drain  ins  Becken  kommt  und  dann  durch  die  Operationswunde  gespült 
wird.  Ausserdem  Drainage  des  subhepatischen  Raumes  rechts.  Möglichst 
baldiges  Verbringen  des  Operierten  in  einen  Sessel.  Von  26  seit  1911 
operierten  Fällen  starben  10.  Die  Resektion  beim  perforierten  Geschwür 
als  Normalverfahren  wird  mit  v.  R  e  d  w  i  t  z  abgelehnt. 

Adolf  Sohn:  Zur  Kasuistik  des  Darmverschlusses  infolge  innerer 
Einklemmung  in  einer  Mesenteriallücke  und  über  den  Volvulus  des  Sanduhr¬ 
magens.  (Aus  der  chir.  Abt.  des  Städt.  Krankenhauses  zu  St.  Georg  in 
Leipzig.  Leit.  Arzt:  Prof.  Dr.  Heller.) 

Bericht  über  einen  Fall  von  Dünndarminkarzeration  in  eine  Mesen¬ 
teriallücke  kurz  oberhalb  der  B  a  u  h  i  n  sehen  Klappe,  Resektion,  Ileozoeko- 
stomie,  Heilung. 

In  dem  2.  Fall  war  der  pylorische  Teil  eines  Sanduhrmagens  durch  eine 
Mesokolonlücke  nach  unten  getreten  und  hatte  eine  Achsendrehung  um  180 0 
erfahren.  Detorsion,  G.E.,  Exitus. 

Der  häufige  Befund  eines  Ulcus  bei  Mesokolonlücke  ist  wohl  durch  Zirku¬ 
lationsstörungen  am  Magen  zu  erklären.  Hinweis  auf  die  Arbeit  von  Feder-  I  ; 
Schmidt  (D.  Zschr.  f.  Chir.  118). 

Kurtzahn:  Verfahren  einer  Erzielung  der  Kontinenz  bei  Anus  praeter¬ 
naturalis.  (Aus  der  chir.  Universitätsklinik  zu  Königsberg  i.  Pr.  Direktor: 
Prof.  Dr.  M.  Kirschner.) 

Der  Vorschlag  des  Verf.,  durch  Kompression  des  Darmendes  zwischen 
einen  Hautschlauch  und  der  äusseren  Haut  eine  Kontinenz  bei  Anus  iliacus  ; 
zu  erzielen,  wurde  2  mal  von  Kirschner  praktisch  erprobt  (technische 
Einzelheiten  im  Original),  dabei  ergab  sich  als  bestes  Verfahren,  in  den 
Hautschlauch  einen  Gummischlauch  einzuführen  und  dagegen  eine  kompressive 
und  federnde  Bruchbandpelotte  auszuüben.  Es  wurde  eine  vollständige 
Kontinenz  ohne  Beschwerden  erzielt.  H.  F  1  ö  r  c  k  e  n  -  Frankfurt  a.  M. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  1. 

E.  P  a  y  r  -  Leipzig:  Ueber  eine  keimfreie,  kolloidale  Pepsinlösung  zur 
Narbenerweichung,  Verhütung  und  Lösung  von  Verklebungen. 

Verf.  berichtet  ausführlich  über  seine  Versuche  mit  keimfreien  Pepsin, 
dessen  peptische  Kraft  nicht  abgetötet  wurde,  Narben  zu  lösen  und  zu  er¬ 
weichen,  Adhäsionen  vorzubeugen  oder  zu  bekämpfen;  er  bespricht  ein¬ 
gehend  die  Bedingungen,  Anwendungsgebiete,  die  Technik  und  die  Erfolge 
bei  der  Anwendung  seiner  sterilen  Pepsinlösung.  Um  eine  wasserklare 
Lösung  und  sichere  Keimfreiheit  bei  Erhaltung  der  peptdschen  Kraft  zu 
erzielen,  löst  er  reinstes  Pepsin  Merck  in  der  P  r  e  g  1  sehen  isotonischen 
Jodlösung;  er  stellt  eine  1  proz.  Lösung  her,  die  klar  und  schwach  alkalisch 
ist,  den  Zusatz  von  Novokain-Adrenalin  verträgt;  1 — 2  Tropfen  5  proz.  Milch- 


7.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


135 


iure  auf  5  ccm  der  Lösung  genügen,  um  eine  saure  Reaktion  hervorzurufen 
nd  die  verdauende  Wirkung  der  Pepsin-Pregl-Lösung  zu  erhöhen.  Die 
i/irkung  des  Pepsins  im  Organismus  erklärt  sich  dadurch,  dass  bei  un- 
enügender  Blutversorgung  eines  Gewebes  oder  Wundgebietes  eine  ver¬ 
ehrte  Säurebildung,  eine  Säurestauung  auftritt,  die  auf  das  einverleibte 
epsin  aktivierend  einwirkt,  wodurch  die  Gewebskolloide  der  Resorption  zu- 
inglich  gemacht  werden.  Mit  dieser  Narbenerweichung  geht  einher  eine 
ändige  Gewebsdesinfektion,  da  durch  die  in  den  Geweben  vorhandenen 
äuren  immer  Jod  abgespalten  wird.  Ein  Aufflackern  einer  alten  Infektion 
t  demnach  nicht  zu  befurchten.  Die  einzelnen  Anwendungsgebiete  werden 
inn  aufgezählt,  die  Technik  der  Einspritzung  und  ihre  Erfolge  besprochen, 
ie  vorzügliche  Arbeit  verdient  eingehendes  Studium,  da  das  neue  Verfahren 
denfalls  eine  grosse  Zukunft  hat. 

Ed.  M  e  1  c  h  i  o  r  -  Breslau:  Zur  ScHnittführung  bei  der  Brauer  sehen 
ardiolyse. 

Da  Verf.  bei  der  Bildung  des  typischen  türflügelartigen  Lappens  2  mal 
ekrosen  des  Lappenrandes  bzw.  eines  Lappenteiles  beobachtete,  empfiehlt 
;  einen  ausgiebigen  Längsschnitt  über  die  V.  Rippe  zu  machen,  der  be- 
uemen  Zugang  zum  Herzen  verschafft  und  gleichzeitig  die  erwähnten  Wund- 
örungen  vermeidet. 

A.  H.  H  o  f  m  a  n  n  -  Offenburg:  Regenerationsfähigkeit  des  Colon 
•rcendens  und  transversum. 

An  4  Röntgenbildern  zeigt  Verf.  das  Bestreben  des  Kolons,  nicht  bloss 
perativ  geschaffene  Lücken  auszufüllen,  sondern  auch  die  verloren  ge¬ 
angenen  Teile  direkt  zu  ersetzen.  Die  Haustren  erscheinen  durch  den  Druck 
er  Darmgase  ausgezogen,  abgeflacht  und  bedingen  dadurch  eine  Ver- 
ngerung  des  ganzen  Darmes  oder  ein  Auswachsen  des  Kolons. 

E.  G  1  a  s  s  -  Hamburg:  Nachtrag  zu  meiner  Mitteilung  in  Nr.  12  des  Zbl. 
on  1920:  Ein  selten  grosser  „freier  Körper“  in  einer  Hydrocele  testis.  Zur 
rage  der  Entstehungsmöglichkeiten. 

Verf.  fand  kürzlich  in  einem  Hydrozelensack  eine  derbe,  kugelige,  nur 
ji  einer  dünnen  Stelle  mit  dem  Hodentiberzug  verwachsene  Geschwulst,  die 
1s  Fibrom  anzusprechen  war;  wahrscheinlich  hat  sich  dieser  Tumor  all- 
lählich  mehr  und  mehr  abgeschnürt  und  war  im  Begriff,  sich  zu  einem  freien 
ydrozelenkörper  zu  entwickeln.  Mit  1  Abbildung. 

William  Levy- Berlin:  Bild  der  Trommlerlähmung  (Ausfall  der  Funktion 
es  Extens.  pollic.  long.)  durch  typischen  Radiusbruch. 

Verfasser  beobachtete  kürzlich  2  mal  nach  Radiusbruch  den  Ausfall  der 
unktion  des  langen  Daumenstreckers.  Dieser  Defekt  ist  bekannt  als 
rommlerlähmung  und  bedingt  durch  eine  Zerreissung  dieser  Strecksehne 
ach  entzündlichen  Veränderungen.  Wodurch  die  Trommlerlähmung  in  den 
eiden  vom  Verf.  beobachteten  Fällen  zustande  kam.  kann  Verf.  noch  nicht 
hgeben;  möglich  wäre,  dass  das  Tuberculum  radii  (Henke)  bei  seiner  Ver- 
tzung  die  lange  Daumenstrecksehne  mit  zerreisst. 

E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndorf. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  1. 

C.  M  e  n  g  e  -  Heidelberg:  Das  Korpusadenom  der  Matrone. 

Bei  dem  Korpusadenom  der  Matrone  handelt  es  sich  um  ein  Gebilde, 
as  seiner  anatomischen  Struktur  nach  vollkommen  gutartig  ist,  welches 
ladurch  als  echtes  Neoplasma  charakterisiert  ist,  dass  es  sich  erst  mehrere, 
rweilen  sogar  viele  Jahre  nach  eingetretener  Matronenatrophie  des  Genital- 
pparates  durch  eine  planimetrisch  angelegte  Epithelproliferation  aus  einem 
;hon  mehr  oder  weniger  atrophisch  gewordenen  Schleimhautmutterboden 
ieschwulstartig  heraushebt.  Die  Entfernung  mit  der  Eihautzange  ist  leicht, 
ezidive  bleiben  aus.  8  Fälle. 

F.  L  i  c  h  t  e  n  s  t  e  i  n  -  Leipzig:  Zehn  Jahre  geburtshilflich  ab  wartender 

klampsiebehandlung. 

L.  nimmt  in  einer  eingehenden  kritischen  Besprechung  und  Statistik 
10  Seiten!)  Stellung  zu  den  zur  Zeit  modernen  Eklampsietheorien  und  An- 
chten  und  gibt  eine  Zusammenstellung,  die  das  therapeutische  Vorgehen 
er  Zweifelschen  Schule:  Aderlass,  Narkotika  als  berechtigt  erscheinen 
issen.  Diese  geburtshilflich  abwartende  Behandlung  hat  sich  in  10  jähr. 
nwendung  .bewährt.  Sie  verdient  den  Vorzug  vor  der  Schnellentbindung, 
'eil  damit  1.  viele  Eklampsien  interkurrent  heilen  und  dieser  Verlauf  wissen- 
chaftlich  fördernd  ist,  2.  keine  tödlichen  Verletz/ungen  (Verblutung,  Infektion) 
esetzt  werden,  3.  keine  gesundheitsschädlichen  Verletzungen  für  Ueber- 
:bende  vorhanden  sind  (Fisteln,  Zervixnarben),  4.  die  Mortalität  der  Mütter 
nd  Kinder  auf  etwa  die  Hälfte  gegen  früher  herabgesetzt  ist,  5.  der  auf 
ich  selbst  gestellte  praktische  Arzt  die  Eklampsie  zweckmässiger  behandeln 
ann  als  mit  grossen  Operationen. 

H.  K  ü's  t  e  r  -  Weisser  Hirsch  (Dresden):  Ein  Vorschlag  zur  Verminde- 
nng  der  Abortgefahr  bei  Operationen  an  der  schwangeren  Gebärmutter. 

Die  Infiltration  der  Zervix  mit  1  proz.  Novokain-Suprareninlösung  setzt 
en  durch  die  am  Uterus  erfolgende  Operation  gesetzten  Reiz  herab  und 
erhindert  die  Entstehung  des  Aborts.  2  Fälle. 

W.  S.  F  1  a  t  a  u  -  Nürnberg:  Eine  Verbesserung  der  intrauterinen  Radiuiti- 
nwendung. 

Angabe  eines  neuen  Radiumträgers,  der  den  gleichzeitigen  Abfluss  des 
itrauterinen  Sekrets  während  des  Tragens  des  Radiums  ermöglicht:  Breit 
efensterter  Hohlzylinder  aus  Neusilber.  Verfertiger:  Paul  W  a  1  b  -  Nürnberg. 

Erich  Färber-Prag:  Ein  einfacher  Beckemnesser  für  alle  erreichbaren 
»istanzen  des  weiblichen  Beckens.  Werner-  Hamburg. 

Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Band  96.  Heft  3  u.  4. 

Hans  Mautner:  Beiträge  zur  Entwicklungsmechanik,  Pathologie  und 
linik  angeborener  Herzfehler.  (Aus  dem  Karolinen-Kinderspital  in  Wien, 
’rimarius:  Prof.  Dr.  W.  Knöpfelmacher  in  Wien.)  (Mit  10  Ab- 

ildungen.)  Zur  Entwicklungsmechanik  (die  S  p  i  t  z  e  r  sehe  Theorie  der 

ransposition). 

Die  eingehende  und  wertvolle  Arbeit  ist  zu  kurzem  Referate  nicht  ge- 
ignet.  Auch  die  verfeinerten  klinischen  Methoden  lassen  nach  M.  meist  nur 
ie  Diagnose  auf  „Vitium  congenitum“  stellen.  Ein  ausführliches  Literatur- 
erzeichnis  erhöht  den  Wert  der  Arbeit. 

;  #  Marcus  A.  T  s  o  u  m  a  r  a  s  -  Athen:  Ueber  eine  paragonokokkisch- 
pidemische  Vulvovaginitis. 

Kasuistische  Mitteilung  ohne  wesentlich  neue  Gesichtspunkte. 

'  P.  Hoff  mann  und  S.  Rosen  bäum:  Zur  Pathogenese  der  akuten 
limentären  Ernährungsstörungen.  Dritte  Mitteilung:  Die  Magenzuckerkurve 
nd  ihre  Bedeutung.  (Aus  der  Universitäts-Kinderk'^k  in  Marburg.) 


Nach  50  bei  Säuglingen  jeden  Alters  vorgenommenen  Versuchen  ergab 
sich  eine  Abnahme  der  Konzentration  irrt  Ausgeheberten,  sobald  der  Eiweiss¬ 
gehalt  den  der  Frauenmilch  überschreitet;  diese  Erscheinung  erklärt  sich 
aus  einer  dem  Säuglingsmagen  eigentümlichen  „Verdünnungssekretion“  gegen¬ 
über  eiweissreicheren  Nahrungsgemischen  als  Frauenmilch.  Nach  den  Ver¬ 
fassern  dürfte  die  Bestimmung  der  „Magenzuckerkurve“  bei  Nahrungen  mit 
einheitlichem  Kohlehydrat  eine  brauchbare  Methode  zur  Bestimmung  der 
Magensaftsekretion  darstellen. 

J.  Z  e  i  s  s  1  e  r  und  R.  K  ä  c  k  e  1 1:  Die  ätiologische  Diagnose  des  Nabel¬ 
tetanus  beim  Neugeborenen.  (Aus  der  Kinderklinik  der  Universität  in  Ham¬ 
burg  [Prof.  Kleinschmidt]  und  dem  Bakteriologischen  Untersuchungs¬ 
amt  der  Stadt  Altona  [Dr.  J.  Z  e  i  s  s  1  e  r]). 

Kasuistischer  Beitrag  eines  einschlägigen  Falles  mit  Sicherung  der  Dia¬ 
gnose  durch  Züchtung  des  Starrkrampferregers  in  Reinkultur,  morphologischer, 
kultureller  und  biologischer  Prüfung,  sowie  durch  Tierversuch  an  Mäusen. 

Karl  Benjamin:  Der  Wassergehalt  des  Blutes  bei  hydropischer  Kon¬ 
stitution.  (Mit  7  Abbildungen.)  (Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  zu  Berlin.) 

Bei  Kindern  mit  hydropischer  Konstitution  ist  der  Blutwassergehalt 
höher  und  wahrscheinlich  auch  labiler  als  bei  gesunden  Kindern  gleichen 
Alters.  Während  bei  Neugeborenen  das  Blut  am  Wasserhaushalte  des  Ge¬ 
samtorganismus  lebhaft  beteiligt  ist,  wird  seine  Konzentration  mit  fort¬ 
schreitendem  Alter  zunehmend  stabiler,  damit  nimmt  auch  die  Möglichkeit, 
den  Wassergehalt  des  Gesamtorganismus  besonders  aber  denjenigen  des 
Blutes  durch  die  Nahrung  zu  beeinflussen,  mit  zunehmendem  Alter  ab.  Die 
Zusammensetzung  der  Nahrung  (Kohlehydratreichtum)  und  ihr  kalorischer 
Wert  sind  von  grösserer  Bedeutung  für  den  Wasseransatz  als  die  zugeführte 
Wassermenge. 

Richard  L  e  d  e  r  e  r  -  Wien:  Die  chronischen  nichttuberkulösen  Atmungs¬ 
erkrankungen  des  Kindesalters. 

Auch  diese  Arbeit  eignet  sich  nicht  zu  kurzem  Referat,  doch  sei  ihre 
Lektüre  im  Original  angelegentlich  empfohlen.  Sie  zeigt  so  recht  die  dia¬ 
gnostischen  Schwierigkeiten  der  Krankheiten  der  Atmungsorgane  im  Kindes¬ 
alter.  In  Bezug  auf  die  Aetiologie  hebt  sie  mehr  als  dies  bislang  geschehen 
ist,  schwere  protrahierte  Geburt,  Prophylaxe  gegenüber  Infektion  durch  „er¬ 
kältete“  Personen  in  der  Pflege  des  Neugeborenen  hervor.  Auch  familiäre 
dispositioneile  Momente  werden  gebührend  hervorgehoben.  In  der  Unter¬ 
haltung  der  Erkrankungen  spielen,  nach  Lederer,  weniger  eine  bestehende 
exsudative  Diathese  eine  Rolle  (?  Ref.)  —  als  das  Bestehen  von  Rachitis, 
interkurrente  Infekte,  und  feuchte  und  kalte  Wohnung  (auch  Grossstadt-  und 
Schulschädigungen  Ref.).  Ob  die  von  L.  gewählte  neue  Einteilung  der  Er¬ 
krankungen  der  Luftwege  allgemeine  Anerkennung  finden  wird,  erscheint 
zweifelhaft.  In  Bezug  auf  Therapie  lobt  der  Verf.  für  die  Fälle  rezidivierender 
Bronchitis  die  Bestrahlung  mit  künstlicher  Höhensonne,  während  er  in  Bezug 
auf  den  kurativen  Erfolg  der  Adenotomie  einen  vorsichtig  zurückhaltenden 
Standpunkt  einn.immt  und  die  Entfernung  der  Wucherungen  nur  dann  für  ge¬ 
boten  hält,  wenn  wirklich  ein  mechanisches  Hindernis  besteht.  (In  Bezug  auf 
Therapie  liesse  sich  wohl  noch  manches  sagen  —  wie  Atemgymnastik,  Klima¬ 
behandlung,  Ca-Darreichung  —  Ref.) 

Sitzungsbericht  der  Münchener  Gesellschaft  für  Kinderheilkunde. 

Literaturbericht.  O.  Rommel-  München. 

Archiv  für  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  91.  Bd. 

6.  Heit. 

Dresel  und  F  r  e  u  n  d  -  Heidelberg:  Studien  zur  unspezifischen  Reiz¬ 
therapie.  2.  Mitteilung:  Ueber  die  experimentelle  Steigerung  der  Anthrako- 
zidie  im  Blut. 

Nach  der  Entdeckung  von  G  r  u  b  e  r  u.  a.  enthalten  die  Blutplättchen 
von  Kaninchen,  Ratte  und  Pferd  bakterizide  Stoffe  gegen  den  Milzbrand¬ 
bazillus.  Es  gelang  nun  den  Verfassern  durch  Caseosan,  Typhusimpfstoff  in 
kleinen  Dosen,  wiederholte  Aderlässe,  Röntgenbestrahlung  in  kleinen  Dosen 
eine  recht  erhebliche  Steigerung  dieser  Stoffe  beim  Kaninchen  hervorzurufen, 
die  im  Plasma,  Serum  und  Frischblutextrakt  nachweisbar  war.  Das  ist  eine 
neue  Stütze  für  die  Theorie  von  Freund,  dass  die  Proteinkörper  und  die 
unspezifische  Reiztherapie  zum  Teil  auf  dem  Umwege  über  den  Plättchen¬ 
zerfall  wirken.  Es  kann  aber  guch  menschliches  Serum,  das  normalerweise 
nicht  anthrakozid  wirkt,  milzbrandfeindliche  Kraft  erlangen.  So  fanden  die 
Verfasser  bei  Frauen  in  den  letzten  Wochen  der  Schwangerschaft  grosse 
Mengen  dieser  Stoffe,  ebenso  beim  Menschen  nach  kleinen  Caseosangaben, 
bei  nichtbehandelten  Luetikern. 

N  o  n  n  e  n  b  r  u  c  h  -  Würzburg:  Untersuchungen  über  die  Blutkonzen¬ 
tration.  2.  Mitteilung:  Ueber  die  Wirkung  der  Diuretika  der  Purinreihe  auf 
den  Stoffaustausch  zwischen  Geweben  und  Blut. 

Bei  Theocin,  Theophylin,  Euphyllin  erfolgte  zunächst  ein  Abstrom  von 
Wasser  aus  dem  Blut,  dem  bald  ein  oft  überschiessender  Einstrom  folgte. 
Das  Serumeiweiss  nahm  oft  durch  absolute  Vermehrung  erheblich  zu,  auch 
beim  entnierten  Tier.  Für  die  Purindiurese  ist  neben  dem  Zustand  der  Niere 
vor  allem  die  Füllung  des  üewebsdepots  mit  Wasser  und  Salzen  und  die 
Bindung  des  Wassers  im  Blut  und  den  Geweben  bestimmend. 

O.  R  i  e  s  s  e  r  und  .1.  M.  Neuschloss  -  Frankfurt  a.  M. :  Physio¬ 
logische  und  kolloidchemische  Untersuchungen  über  den  Mechanismus  der 
durch  Gifte  bewirkten  Kontraktur  quergestreifter  Muskeln.  I.  Ueber  die 
durch  Azetylcholin  bewirkte  Erregungskontraktur  des  Froschmuskels  und  ihre 
antagonistische  Beeinflussung  durch  Atropin,  Novokain  und  Kurare. 

Das  kennzeichnende  Merkmal  der  Azetylcholinwirkung  ist  die  Erregung 
bestimmt  lokalisierter,  nervöser  bzw.  „neuromuskulärer“  Apparate  des 

Muskels.  Die  Azetylcholinkontraktur  ist  als  das  Paradigma  einer  tonischen 
Funktion  des  Muskels  zu  betrachten,  d.  h.  einer  nicht  durch  zentral¬ 

motorische,  sondern  durch  andersartige  nervöse  Erregungen  vielleicht  vegeta¬ 
tiver  Natur  ausgelösten  Dauerwirkung.  Der  nervöse  Erregungsapparat 
dieser  tonischen  Funktion  gehört  vielleicht  dem  parasympathischen 
System  an. 

G  e  s  s  1  e  r  -  Heidelberg:  Ueber  die  Gewebsatmung  bei  der  Ent¬ 
zündung. 

Verf.  hat  an  exzidierten  Hautstücken  vom  Schwein  nach  der  War- 
b  u  r  g  sehen  Methode  den  Sauerstoffverbrauch  bestimmt  und  dabei  normales 
und  entzündetes  Gewebe  verglichen.  Er  fand  immer  Steigerung  des  Sauer¬ 
stoffverbrauches  in  der  Peripherie  des  Entzündungsherdes,  und  zwar  um 

36  57  Proz.  je  nach  Stärke  der  Entzündung  und  Zeitpunkt  der  Entnahme. 

Damit  ist  also  eine  Steigerung  des  Stoffwechsels  in  der  Peripherie  des 

Entzündungsherdes  bewiesen.  L.  Jacob-  Bremen. 


I.% 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4. 


Medizinische  Klinik.  1922.  Heft  1. 

M.  Kirschner:  Die  chirurgische  Behandlung  der  Kriegsverletzungen 
der  peripheren  Nerven  und  ihre  Heilungsmöglichkeit  durch  operative  Eingriffe. 

Als  Richtpunkte  zur  Indikationsstellung  seien  aus  dem  zusammenfassenden 
und  übersichtlichen  Vortrage  folgende  hervorgehoben:  Im  ersten  Monat  nach 
einer  Schussverletzung  gibt  die  Nervenlähmung  an  sich  keine  Veranlassung 
zur  Operation.  Freilegung  ist  hingegen  im  weiteren  Verlaufe  dann  geboten, 
wenn  die  Lähmung  ungebessert  oder  gar  verschlechtert  fortbesteht,  wobei 
sowohl  die  elektrische  Untersuchung  als  vor  allem  auch  der  klinische  Befund 
berücksichtigt  werden  muss.  Drei  Jahre  nach  der  Verletzung  sind  die  Aus¬ 
sichten  einer  Nervennaht  nur  noch  gering,  fünf  Jahre  darnach  sind  sie  als 
erloschen  zu  betrachten.  Gewisse  Kontraindikationen  gegen  den  Eingriff 
sind  zu  beachten;  zu  ihnen  gehört  aber  nicht  die  Tatsache  vorausgegangener 
erfolgloser  Operationen.  ...... 

R.  Schmidt:  Zur  Kenntnis  der  Aortalgien  (Angina  pectoris)  und  über 
das  Symptom  des  anginösen  linkseitigen  Plexusschmerzes. 

Klinische  Abhandlung  mit  bemerkenswerten  Befunden  und  Erörterungen, 
zu  kurzem  Bericht  nicht  geeignet. 

A.  Kühn:  Ueber  Kieselsäureinjektionen. 

Aeusserst  vorsichtige  Schlussfolgerungen  aus  günstigen  Resultaten  und 
Untersuchungsbefunden  (Blutbild)  bei  längerer  Anwendung  der  Kieselsäure¬ 
therapie  bei  Tuberkulose.  Jedenfalls  ein  wertvoller  Beitrag  zu  dem  noch 
wenig  geklärten  Problem.  „ 

E.  Stransky  und  E.  Schiller:  Beiträge  zur  Klinik  der  Lues 

congenita.  , 

Klinischer  und  pathologisch-anatomischer  Beitrag  durch  Mitteilung  zweier 


E.  Langer:  Die  Behandlung  der  gonorrhoischen  Gelenk-  und  Sehnen¬ 
scheidenentzündung.  .„  .  ,  _. 

Die  Behandlung  ist  eine  kombinierende:  Ruhe,  Wärme  (Heissluft,  Stau¬ 
ung,  Sonne,  Packung,  Bäder),  dazu  immunotherapeutische  Massnahmen  ver¬ 
schiedener  Art  und  Stärke.  Wichtig  ist  die  Nachbehandlung  nach  Abklingen 
der  akuten  Erscheinungen  (Massage,  Bäder,  Elektrizität  usw.). 

A.  Gross:  Die  Blutbehandlung  der  Anämien. 

Die  Therapie  wirkt  durch  Protoplasmaaktivierung  des  zugeführten 
Serumeiweisses  und  durch  die  parenterale  .Eiseneinverleibung.  Die  Art  des 
verwendeten  Blutes  scheint  gleichgültig  zu  sein.  Bei  schweren  Anämien 
empfiehlt  sich  zuerst  eine  grosse  Zitratbluttransfusion,  dann  Nachbehandlung 
mit  Injektionen  kleiner  Mengen. 

J.  R.  Thim:  Ein  neues  Fläschchen  nach  Hinz-Thim  zur  sterilen 
Aufbewahrung  von  Medikamenten  und  direkten  Entnahme  derselben  mit  der 
Rekordspritze. 

Hilgermann,  Lauxen  und  Shaw:  Bakteriologische  Unter¬ 
suchungsbefunde  bei  Encephalitis  lethargica. 

3.  Mitteilung  über  die  von  den  Verfassern  gesehenen  Entwicklungs-  und 
arterhaltenden  Formen  parasitischer  Protozoen. 

K.  Blühdorn:  Die  akuten  Magen-Darmerkrankungen. 

Für  die  Praxis  der  Ernährungsstörungen  des  Säuglingsalters.  S. 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  51. 

J  e  n  t  z  e  r  -  Genf :  Des  Operations  endo-craniennes  contre  la  Nevralgie 
Faciale  Retelle. 

W  y  r  s  c  h  -  Zürich:  Zur  Frage  der  geographischen  Verbreitung  und  poli¬ 
klinischen  Behandlung  der  Epilepsie. 

Statistische  Bearbeitung  von  618  Fällen,  Vergleich  der  Verbreitung  in 
Unterwalden  und  Zürich.  Konsequente  ambulante  Behandlung  mit  Sedobrol 
oder  Brom  und  salzarmer  Kost  ergab  78  Proz.  Besserungen.  Mehr  als  ~ls 
der  Fälle,  die  auf  Brom  allein  ungenügend  reagierten,  besserten  sich  mit 
kombinierter,  kochsalzarmer  Brom-Luminaltherapie.  Durch  0,05 — 0,1  Luminal 
pro  die  kann  1,5— 2  g  Brom  gespart  werden.  Vorsicht  bei  Luminal  ist  ge¬ 
boten  wegen  der  toxischen  Wirkung. 

0  p  p  r  e  c  h  t  -  Zürich:  Ein  Beitrag  zum  Morbus  Banti. 

lljähr.  Kranker  mit  dem  Symptomenbild  des  III.  Stadiums,  durch 
Splenektomie  vor  6  Monaten  geheilt. 

S  e  i  1  e  r  -  Interlaken:  Wirkung  von  Orangenschalendestillat  auf  Gallen¬ 
steinaffektionen. 

Wesentliche  Besserung  in  einem  Fall,  bei  dem  andere  Massnahmen  er¬ 
folglos  waren.  L.  Jacob-  Bremen. 


Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  1.  A.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g  -  Wien:  Ueber  die  Behandlung  der  Tetania 
parathyreopriva. 

Siehe  M.m.W.  1921  S.  1540. 

V.  Blum- Wien:  Ist  die  Verjüngung  nach  der  Prostatektomie  als 
„Steinach-Effekt“  aufzufassen? 

Durch  die  Prostatahypertrophie  (besser  das  prostatische  Adenom) 
werden  die  Ductus  ejaculatorii  verdrängt  und  komprimiert;  der  Theorie  nach 
müsste  also  hierdurch  eine  Steinach-Verjüngung  erfolgen.  Der  körperliche 
und  psychische  Aufschwung,  welcher  der  Prostatektomie  zu  folgen  pflegt, 
beruht  gerade  auf  der  wiedereintretenden  Wegsamkeit  der  Ductus  ejaculatorii 
und  dem  Schwinden  der  chronischen  Urotoxämie  und  wahrscheinlich  auf  der 
Wiederherstellung  der  normalen  Sekretion  und  Innensekretion  der  Prostata. 

L.  Rethi-Wien:  Untersuchungen  über  die  Schalleitung  in  der  Nase 
und  über  den  Einfluss  der  Nasenweite  namentlich  auf  die  Singstimme. 

R.  H  o  f  f  m  a  n  n  -  Wien:  Ueber  das  Novatropin. 

Das  Novatropin  (Nitrat  des  methylierten  Homatropins)  ist  bei  30 — 50  mal 
geringerer  Giftigkeit  dem  Atropinsulfat  therapeutisch  ganz  gleichwertig.  Der 
Wegfall  zentraler  Reizerscheinungen  erleichtert  wesentlich  die  einschlägige 
Therapie,  wobei  die  grössere,  Dosierungsbreite  und  die  Möglichkeit  der  intra¬ 
venösen  Anwendung  von  Vorteil  sind.  « 

H.  Kahler- Wien:  Ueber  Veränderungen  des  Zuckergehaltes  in  der 
Zerebrospinalflüssigkeit  bei  inneren  und  Nervenerkrankungen. 

Kurzes  Ergebnis:  Bei  Spinalprozessen  fast  durchgehends  normale  Liquor¬ 
zuckerwerte.  Häufige  Erhöhung  bei  Blutdrucksteigerung  und  fast  ausschliess¬ 
lich  bei  essentieller  Hypertonie  infolge  eines  Reizzustandes  des  Vasomotoren¬ 
zentrums.  Liquorzuckervermehrung  bei  normalem  Blutzuckergehalt  scheint 
besonders  bei  Reizzuständen  des  Gehirnes  vorzukommen,  z.  B.  bei  der 
bulbären  Form  der  essentiellen  Hypertonie. 


K.  F  i  s  c  h  e  r  -  Wien:  Ueber  Behandlung  der  Krampfadern  mit  Sublimat¬ 
injektionen  nach  L  i  n  s  e  r  und  über  Behandlung  der  Beingeschwüre. 

Die  von  Z  i  r  n  (M.m.W.  1919  Nr.  14)  beschriebene  Sublimatbehandlung 
hat  sich  bei  Varizen  und  den  dadurch  bedingten  Geschwüren  sehr  gut  be¬ 
währt.  Bei  schmierigen  Geschwüren  dient  eine  10  proz.  Terpentinemulsion 
mit  Wasser  (Ränder  mit  Zinkpaste  bestreichen,  über  das  Ganze  Billrothbattist) 
zur  raschen  Reinigung;  dann  Ausheilung  nur  unter  Billrothbattistbedeckung. 

W.  L  o  e  w  -  Franzensbad :  Ueber  Schwankungen  des  Komplementgehaltes 
bei  Meerschweinchen. 

H.  Zweig:  Ueber  einen  atypisch  verlaufenden  Fall  von  lyphus 

abdominalis.  _  ,  .  , 

Vom  Darm  ausgegangene  aber  ohne  wesentliche  Darmerscheinungen  ab¬ 
laufende  sekundäre  typhöse  Septikämie.  Obduktionsbefund. 

M.  R  o  s  e  n  s  t  e  i  n  -  Mähr.  Ostrau:  Jodinjektionen  (Mirlon)  bei  Keratitis 
parenchymatosa  und  Lues  hereditaria. 

Günstige  Erfolge.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Im  Druck  erschienene  Inauguraldissertationen. 

Universität  Marburg.  2.  Halbjahr  1921. 

Feuer  riegel  Otto:  Proteinkörpertherapie  mit  Berücksichtigung  des 
Aolans. 

Henze  Ludwig:  Kasuistisches  zur  Spätrachitis. 

Levy-Sonneborn  Ludwig:  Ueber  Volvulus  der  Flexura  sigmoidea, 
insbesondere  die  schwere  akute  Form  mit  Gangrän  der  Flexur. 

Moog  Otto:  Die  Serumbehandlung  des  Scharlachs  und  ihre  Beziehung  zur 
Proteinkörpertherapie.  (Habil. -Schrift.) 

Querfeld  Erwin:  Ein  Fall  von  paranephritischem  Abszess,  zugleich  ein 
Beitrag  zur  Frage  seiner  Verwechslungsmöglichkeit  mit  Koxitis. 
Schmiemann  Erna:  Ueber  die  Anwendung  von  Eukupin-Terpentin- 
injektionen  bei  entzündlichen  Adnextumoren  und  Parametritis  exsudativa. 
Seeger  Wilhelm:  Zur  Differentialdiagnose  des  Ulcus  pepticum  oesophagi. 
Wiedemann  Helene:  Die  sog.  Idiosynkrasien.  Klinisches  Bild,  Wesen 
und  Behandlung. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Januar  1922. 

Tagesordnung: 

Herr  Paul  Rosen  st  ein:  Erfahrungen  mit  der  Pneuino-Radiographit 
des  Nierenlagers.  (Mit  Demonstrationen  und  Lichtbildern.) 

Vortragender  führt  zunächst  aus,  dass  ihm  die  Priorität  gegenübei 
C  a  r  r  e  1 1  i  zukommt.  Die  Methode  hat  zum  Ziele,  die  Niere  durch  Um¬ 
hüllung  mit  Gas,  im  speziellen  mit  Sauerstoff,  in  ihren  Grenzen  sichtbar  zv 
machen.  Man  kann  dies  ohne  das  Peritoneum  zu  beschädigen,  erreichen 
indem  man  von  der  Lendengegend  aus  in  Seitenlage  in  den  Rückenwuls 
unterhalb  der  12.  Rippe  einsticht.  Unter  Benutzung  des  Brauer  schei 
Pneumothoraxapparats  werden  bis  500  ccm  Sauerstoff  eingelassen.  Bei  Re 
achtung  dieses  Vorgehens  ist  die  Gefahr  einer  Luftembolie  ausgeschlossen 
Nach  dem  Einstich  muss  man  darauf  achten,  ob  nicht  Harn  oder  Blut  aus  de 
Nadel  ausfliesst.  Ersteres  um  bei  Hydronephrose,  bei  welcher  das  Verfahrei 
kontraindiziert  ist,  die  weitere  Ausführung  des  Eingriffs  zu  unterlassen 
Ebenso  ist  die  Anwendung  der  Methode  bei  akuten  Prozessen  kontraindiziert 
Einstich  in  den  Psoas  hat  unangenehme  Schmerzen,  die  bis  in  den  Unter 
Schenkel  ausstrahlen,  so  dass  dieses  Vorgehen  zu  vermeiden  ist.  Die  Methode 
ist  eine  Ergänzung  der  übrigen  Untersuchungsmethoden,  die  bei  der  Röntgen 
durchleuchtung  und  stereoskopischen  Aufnahme  dann  Aufschlüsse  gibt. 

Aussprache:  Herr  Ziegler:  Durch  die  Methode  ist  der  ober 
Nierenpol  sichtbar  zu  machen,  was  mit  anderen  Methoden  nicht  gelingt.  Ar 
wichtigsten  ist  die  Ausführung  der  Durchleuchtung,  welche  man'  in  den  ver 
schiedensten  Körperstellungen,  im  Liegen  und  Sitzen,  vornehmen  muss.  I 

Herr  Joseph  spricht  über  die  Anwendbarkeit  der  Methode  bei  Hydro 
nephrosen.  wobei  es  oft  zu  Auftreten  septischen  Fiebers  kommt. 

Herr  Hirschberg  möchte  die  Methode  Pneumo-Aktinographie  benann 
wissen. 

Herr  B  e  n  d  a  macht  darauf  aufmerksam,  dass  die  Nähe  der  Vena  cav 
die  Gefahr  der  Luftembolie  bietet,  was  besonders  bei  dem  Verfahren  vo 
C  a  r  e  1 1  i  in  Betracht  kommt.  Herr  Kraut  dagegen  leugnet,  dass  dies 
Gefahr  besteht. 

Herr  Nagelschmidt:  Ueber  die  Praxis  der  Röntgentiefendosierum 

Die  Dosierung  ist  bekanntlich  bei  der  therapeutischen  Anwendung  vo 
Röntgenstrahlen  das  notwendigste,  und  die  von  ihm  hier  verwendete  Methr 
dik  setzt  er  auseinander. 

Aussprache:  Herr  B  u  c  k  y  hebt  hervor,  dass  die  physikalische  Do 
sierungsarbeit  sehr  weit  entwickelt  sei,  während  die  biologische  Ausarbeitur 
noch  im  argen  läge.  An  diesem  Punkt  hat  die  weitere  Arbeit  einzusetzei 

Herr  S  c  li  u  h  m  a  c  h  e  r:  Ueber  die  Wirkung  der  Silbcrsalze  auf  di 
Zelle.  (Mit  Demonstration.) 

Die  Wirkung  der  Schwermetallsalze  beruht  auf  der  Anwesenheit  dt 
Mstallions.  Die  Substitution  war  bisher  unbekannt,  und  er  weist  nach,  da1 
sie  mit  den  Nukleinsäuren  erfolgt.  Als  Gesetz  der  Desinfektion  bezeichn 
er  die  Tatsache  der  Affinität  zu  den  Nukleinsäuren  und  bezeichnet  Desinfel 
tionsmittel  als  solche,  welche  diese  Affinität  haben. 

Aussprache:  Herr  Ben  da  weist  auf  die  Verschiedenheit  in  de 
Bindungsverhältnissen  des  toten  und  lebenden  Gewebes  hin.  W. 

Sitzung  vom  18.  Januar  1922. 

Vor  der  Tagesordnung  stellt  Herr  Homburger  ein  9  jähriges  Kii 
mit  plötzlicher  hysterischer  Erblindung  vor.  Das  Kind  fixierte  vorgehaltei 
Finger,  die  Pupille  reagierte. 

Herr  W.  Li  ep  mann:  a)  Neue  Instrumente  und  ihre  Anwendung 
der  Geburtshilfe. 

An  Stelle  des  stumpfen  Hakens  empfiehlt  er  eine  Schlinge,  die  an  ein' 
Seite  mit  Kupferdraht  montiert  ist  und  alle  Vorzüge  des  stumpfen  Hakens  ohi 
seine  Nachteile  besitzt.  Er  empfiehlt,  zur  Verminderung  des  Drucks  rr 
2  Schlingen  zu  arbeiten.  —  Bei  hochstehendem  Kopf  ist  die  von  B  u  m 
empfohlene  Achsenzugzange  zur  Vermeidung  der  Symphysenreibung  nicht  . 


Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


137 


,  behren.  Er  ersetzt  den  Achsenzug  durch  2  Schnüre,  die  an  der  gewölin- 
len  Zange  zu  montieren  sind.  Die  Richtung  des  Zuges  wird  durch  eine 

Spatel  vom  Damm  aus  reguliert.  —  Drittens:  eine  elastische  zweckmässige 
'  ichenbettsbinde. 

b)  Der  hohe  Gradstand.  Vortr.  glaubt,  dass  der  Kopf  meist  durch  völ¬ 
ligen  Blasensprung  in  die  Lage  emgestrudelt  wird.  In  einem  solchen  Falle 
i  ang  die  Entbindung  eines  lebenden  Kindes  nur  durch  zervikalen  Kaiser- 
■  initt.  Aether  ist  bei  Geburten  vorzüglich,  da  es  wehenerregend  und  riach- 
:  lurtfördernd  wirkt.  Die  Kinder  werden  sehr  frisch  geboren.  Ein  zweiter 
nloger  Fall  von  hohem  Gradstand  Hess  sich  mit  seiner  modifizierten  Achsen- 
::zange  extrahieren. 

Aussprache:  Herr  Sachs  zeigt  die  Zangemeister  sehen 
Iken.  deren  Wirkung  er  für  besser  hält.  Er  glaubt,  dass  in  praxi  bei  fest- 
ihendem  Steiss  die  beiden  Schläuche  sich  nicht  einführen  lassen  werden. 

Herr  Po  eich  au:  Ueber  die  Methoden  der  Messung  der  Körpertem- 
r  atur  und  ein  neues  Verfahren  der  Schnellmessung. 

Voitr.  empfiehlt  die  Messung  der  Temperatur  des  Harnstrahls.  Er  be¬ 
sieht  vergleichend  die  Messungen  in  axilla,  im  Mund,  im  Darm.  Die  Urin- 
t  iperatur  entspricht  der  Körpertemperatur  genau  (Engländer  und 
( i  i  n  c  k  e). 

Aussprache:  Herr  Fürbringer:  Die  Harnmenge  in  der  Sprech¬ 
ende  genügt  oft  nicht,  ebensooft  nicht  die  Technik  des  Kranken.  Der  Arzt 
r  ss  bei  dem  Akt  selbst  Zusehen,  was  bei  Damen  nicht  geschehen  kann. 

Herr  Kraus  begrüsst  die  Aussprache  eines  Praktikers  über  einen  ein- 
i  hen,  aber  wichtigen  Punkt. 

Herr  Rosenthal,  über  neueste  Bestrebungen  der  Hodenüberpflanzung, 
sicht  über  die  Berechtigung,  die  er  für  die  allermeisten  Fälle  ablehnt, 
tmoplastische  Ueberpflanzungen  sind  schon  trotz  Zustimmung  des  Spenders 
blenklich,  wenn  auch  nicht  vom  juristischen  Standpunkt  .  Mit  Hoden  ist  ge- 
r  ezu  schon  Kettenhandel  getrieben  worden. 

Aussprache:  Herr  Stabei  gibt  eine  Uebersicht  über  vorliegende 
fcibachtungen  und  bestreitet,  dass  bei  Homosexuellen  eine  Aenderung  der 
lebrichtung  durch  Hodenüberpflanzung  herbeigeführt  werden  kann. 

Herr  Rosenthal:  Schlusswort.  Wolff-Eisner. 


k  rein  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  zu  Berlin. 

Pädiatrische  Sektion. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  16.  Januar  1922. 

Herr  Hamburger:  Behandlung  der  Rachitis.  (Referat.) 

Herr  Woillenberg:  Orthopädische  Behandlungsmittel  zur  Bekämpfung 
i  rachitischen  Deformitäten. 

L  Physikalische:  a)  Massage  (M  ü  1 1  e  r  -  München-Gladbach)  haupt- 
äjhlich  zur  Nachbehandlung.  Nervöse  Erscheinungen  verschwinden,  De- 
(jnitäten  werden  geringer,  Muskulatur  wird  gekräftigt;  b)  Hyperämie  (Heiss- 
t),  Diathermie) ;  c)  aktive,  passive  Gymnastik;  d)  Strahlentherapie.  Sie  hat 
i| sich  schöne  Erfolge,  aber  man  darf  keine  übertriebenen  Hoffnungen  hegen, 
«tiklose  Anwendung  führt  zur  vorzeitigen  Befestigung  der  Deformitäten. 
Gtt  Höhensonne  auch  Bogenlicht.) 

2.  Mechanische  Therapie:  Wo  Knochen  völlig  biegsam  und  weich,  sind 
r  b  ä  n  d  e  und  Apparate  anzuwenden.  Nachteil  bedeutet  die  Langsam- 

c  der  Wirkung. 

3.  Blutige  und  unblutige  Eingriffe:  Ueberleitung  durch  schonende  Re- 
issements  nur  in  gewisser  Periode  der  gänzlichen  Weichheit  des  Knochens 
Hlich.  Vor  dem  Redressement  Erweichen  durch  Ruhigstellung  in  Gips 
i  g.  Osteoklase  wird  durch  allmähliche  Ueberdehnung  des  Knochens 
)  zur  Infraktur  herbeigeführt.  Abart  der  Osteoklase:  unblutige  Epiphysen- 
iing  (in  Deutschland  nicht  gebräuchlich,  dafür  blutige  Durchtrennung  im 
3  eich  der  Epiphysenlösung).  Osteotomie,  Keilresektion  nach  plan- 
r:;siger  Berechnung.  Einfache  oder  mehrfache  Durchsägung.  Auch  Aus¬ 
malung  der  ganzen  Diaphyse  aus  dem  Periost  und  Füllung  des  Periost- 
mlauchs  mit  Jodoformplombe  oder  mit  der  zersägten  Knochendiaphyse. 
-e  Erfolge,  doch  1,5  Proz.  Embolien.  In  der  Regel  hat  Osteoklase  gute 
-)lge  (S  p  i  t  z  y  von  140  Fällen  90  Heilungen).  Die  Osteotomie  besitzt  ge¬ 
äste  Gefahr  für  Embolie,  aber  Gefahr  für  Peroneuslähmung  und  Gefahr  der 
Lokation  der  Fragmente  (nicht  ganz  durchmeisseln,  Rest  einbrechen). 

I.  Orthopädische  Beeinflussung:  1.  der  Kyphose:  Rauchfussschwebe, 

'  inationsgipsbett  (Lagerung  nur  vorübergehend).  Schedes  Lagerungs¬ 
ort  (wenn  Kinder  sich  auf  Arme  stützen  können).  G  o  c  h  t  s  schiefe  Ebene, 
•stein  scher  Schaukelstuhl.  Gipsbett  mit  Führung  des  Bogens  nach  der 
reren  Seite,  event.  auch  fragezeichenartig. 

2.  Der  Thoraxdeformitäten:  Wicklung  des  Bauches,  wo  nur  Bauchatmen 
’  e"t.  Behandlung  der  Hühnerbrust  im  Gipsbett  mit  elastischer  Pelotte  und 
<  rektiir  der  seitlichen  Thoraxausladung  durch  elastischen  Zug. 
ü  3  Coxa  vara:  entweder  unblutiges  Redressement  mit  funktionell  guten 
-plgen  oder  blutige  Osteotomie  bei  Adoleszenten,  aber  Beherrschung  der 
■tmente  schwierig. 

J  Genu  valgum:  Apparatbehandlung  mit  Hessingapparaten  oder  Muskat- 
- merapnarat  oder  suprakondylärer  Osteotomie  mit  schrägem  Schnitt. 

5.  Genu  varum:  Apparatbehandlung  oder  operative  Behandlung  oberhalb 
'  unterhalb  des  Kniegelenks. 

6.  Knickfuss,  Plattfuss:  durch  mechanische  Behandlung  und  Einlagen, 
Tei  Fersenkorrektion  das  wichtigste  ist. 

Au  ssprache:  Herr  P  e  1  t  e  s  o  h  n  spricht  der  langdauernden  Massage 
.  ort.  Der  Vorwurf,  dass  die  Orthopäden  die  Skoliose  vernachlässigten, 
glicht  unberechtigt.  Ferner  erinnert  er  an  die  guten  Erfolge  Joachims- 
•  s  mit  der  Korrektur  des  Genu  valgum  im  erstarrenden  Gipsverband  mit 
folgender  gründlicher  Kräftigung  der  Muskel  und  Bänder. 

Herr  Böhm  betont,  dass  es  eine  Schulskoliose  im  eigentlichen  Sinne 
1 1  gebe,  sondern  es  besteht  immer  eine  rachitische  Aetiologie.  Pädiater 
'  Orthopäden  müssten  zusammenstehen  und  im  2.  und  3.  Lebensjahr  die 
’inge  feststellen  und  behandeln,  dann  wäre  die  Chance  der  Bekämpfung 
6  •Skoliose  viel  besser  als  im  7.  oder  10.  Jahre. 

Herr  Brunner. hält  es  für  einen  wesentlichen  Vorteil,  im  frühen  Alter 
-  Jahren  zu  operieren.  Er  hat  glänzende  Erfolge  mit  der  Osteoklase  in 
''2m  Alter. 

.^..err  Brosch  gibt  Ratschläge  zur  Behandlung  fortgeschrittener  De- 
1 'itaten  mit  aktiver  Gymnastik,  Höhensonne  und  Massage. 


Herr  Muskat  verweist  auf  die  Vererblichkeit  von  Deformitäten  und  die 
Notwendigkeit  familiärer  Prophylaxe. 

Herr  Rosenstern  betont  neben  der  Strahlenbehandlung  die  Kompo¬ 
nente  der  Freiluftbehandlung,  die  itn  Winter  bei  den  gut  eingepackten  Kindern 
in  Buch  durchgeführt  wurde.  W.  (F.  M  e  y  e  r). 


Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  24.  0  k  t  o  0  e  r  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Mann.  Schriftführer:  Herren  Grunert  u.  Wemmers. 

Vor  der  Tagesordnung. 

Herr  Becker  stellt  einen  Fall  von  linkseitigem  Exophthalmus  con- 
genitus  und  rechtseitigem  Mikrophthalmus  congenitus  vor. 

In  die  Augenabteilung  des  Johannstädter  Stadtkrankenhauses  war  ein 
7  Tage  altes  Mädchen  eingeliefert,  bei  dem  der  linke  Augapfel  1,5  cm  aus 
der  Augenhöhle  hervorragte.  Hauptsächlich  aus  der  Kleinheit  der  voll¬ 
kommen  glanzlosen  und  trüben  Hornhaut,  deren  Durchmesser  7  mm  betrug, 
konnte  man  schliessen,  dass  es  sich  hier  ebenso  wie  beim  rechten  Auge  um 
einen  Mikrophthalmus  handelte.  Die  Bindehaut  des  vorgetriebenen  Augapfels 
war  hochgradig  gerötet  und  geschwollen,  zumal  die  Lider  weder  die  Horn¬ 
haut,  noch  den  angrenzenden  vorderen  Teil  des  Bulbus  bedeckten.  Infolge 
der  andauernden  schleimig-eitrigen,  konjunktivalen  Sekretion  war  die  stark 
getrübte  Hornhaut  fast  in  toto  andauernd  von  einer  schleimig-eitrigen  Schicht 
bedeckt.  Eine  Augenspiegeluntersuchung  konnte  wegen  der  eingetrockneten 
und  undurchsichtigen  Hornhaut  nicht  ausgeführt  werden.  Aus  derselben  Ur¬ 
sache  bestand  auch  völlige  Amaurose.  Der  vorgetriebene  Bulbus  war  voll¬ 
ständig  unbeweglich,  wie  eingemauert.  Entsprechend  der  oberen  und  schläfen- 
wärts  gelegenen  knöchernen  Grenze  der  Augenhöhle  findet  man  eine 
Schwellung,  welche  schläfenwärts  am  stärksten  ausgebildet  ist.  Die  palpieren¬ 
den  Finger  fühlen  hier  eine  weiche  Geschwulst,  welche  wohl  als  die  Ursache 
für  die  Verdrängung  des  Bulbus  aus  der  Augenhöhle  anzusehen  ist. 

Während  die  linke  Lidspalte  28  mm  lang  ist,  beträgt  die  Länge  der 
rechten  Lidspalte  nur  18  mm.  Der  rechte  Augapfel  ist  regulär  ausgebildet, 
aber  im  ganzen  kleiner  als  normal.  Der  Durchmesser  der  Hornhaut  beträgt 
auch  hier  wie  beim  linken  Auge  7  mm.  Da  die  Pupille  auf  Lichteinfall  nicht 
reagiert  und  der  Optikus  vollkommen  atrophisch  und  blass  ist,  muss  man 
annehmen,  dass  Amaurose  besteht.  Die  ophthalmoskopische  Untersuchung, 
welche  bei  vollkommener  Klarheit  der  brechenden  Medien  trotz  der  Unruhe 
des  Säuglings  ausgeführt  werden  kann,  ergibt  ausserdem  in  der  Umgebung 
des  atrophischen  Optikus  verschiedene,  mehr  weniger  ausgedehnte,  radiär  zum 
Sehnerven  liegende  Chorioidealatrophien,  von  denen  sich  einige  direkt  an  den 
Sehnerven  anschliessen.  Auf  diesen,  verschieden  grossen,  hellweiss  glänzen¬ 
den  Flächen,  welche  zum  Teil  stark  mit  Pigment  umrahmt  sind,  erblickt  man 
ausser  Retinal-  und  Chorioidealgefässen  stärker  gehäufte  Pigmentansamm¬ 
lungen. 

Im  übrigen  ist  das  Kind,  welches  bei  der  Geburt  4 XA  kg  wog,  wohl- 
ausgebildet  und  kräftig.  Verschiedene,  von  Herrn  Dr.  Saupe  im  Johann¬ 
städter  Krankenhaus  ausgeführte  Röntgenaufnahmen  haben  nichts  Besonderes 
ergeben. 

Becker  erwähnt  im  Anschluss  an  die  Demonstration,  dass  der  ange¬ 
borene  Exophthalmus  von  Bertram  (Prof.  Peters:  Die  angeborenen 
Fehler  und  Erkrankungen  des  Auges,  Seite  213)  auch  doppelseitig  beobachtet 
worden  ist. 

Ausserdem  zeigt  Becker  2  Photographien  von  einem  dem  soeben 
demonstrierten  ähnlichen  Falle,  den  er  im  Jahre  1896  in  der  früheren  Königl 
Frauenklinik  in  Dresden  zu  untersuchen  Gelegenheit  hatte.  Es  handelte  sich 
damals  um  einen  rechtseitigen  Exophthalmus,  welcher  durch  einen  retro¬ 
bulbären  Tumor  verursacht  war. 

Ferner  erinnert  Becker  daran,  dass  er,  wie  aus  dem  Jahresbericht  der 
Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  vom  Jahre  1899/1900  hervorgeht,  am 
11.  November  1899  in  der  Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  einen  Fall 
von  Anophthalmus  congenitus  duplex  vorgestellt  hat.  Er  zeigt  2  Photogra¬ 
phien  von  einem  fünfjährigen  Knaben,  welcher  trotz  seiner  5  Jahre  weder 
stehen  noch  gehen,  noch  sprechen  konnte.  Derselbe  starb  im  Alter  von 
5%  Jahren. 

Tagesordnung. 

Herr  Gafewsky:  Kriegsblockade  und  Hautkrankheiten,  ein  Rückblick. 

Vortragender  zeigt  an  einem  umschriebenen  Gebiete,  dem  der  Hautkrank¬ 
heiten,  die  unendlichen  Schädigungen,  die  die  Kriegsblockade  über  Deutsch- 
land  gebracht  hat.  Er  weist  nach,  dass  durch  den  Mangel  an  Fetten,  Oelen, 
Medikamenten  etc.  die  ganze  Hauttherapie  auf  Ersatzpräparate  angewiesen 
war,  die  z.  T.  schädlich  bereits  die  gesunde  Haut  und  noch  viel  mehr  die 
kranke  Haut  beeinflussten.  Er  bespricht  dann  noch  die  Schädigungen  durch 
die  schlechte  Ernährung  und  die  durch  den  Mangel  an.  Wäsche  und  Seife 
und  die  damit  zusammenhängende  Einschleppung  von  Ungeziefer  verursachten 
Hautkrankheiten  sowie  die  rrichophytieepidemie.  Ganz  besonders  eingehend 
behandelt  er  die  Melanodermien  und  Melanosen,  wie  sie  sich  als  Folge  des 
schlechten  Schmieröls  und  als  Folge  der  mangelhaften  Ernährung  im  Sinne 
Riehls  in  Deutschland  und  Oesterreich  gezeigt  haben.  Er  erwähnt  die 
auffallende  Tatsache,  dass  mit  dem  Aufhören  der  schlechten  Ernährung  auch 
diese  Melanosen  verschwunden  sind.  Sie  sind  wahrscheinlich  als  Folgen 
irgendeiner  toxischen  Beeinflussung  der  durch  das  Licht  sensibilisierten  Haut 
zu  verstehen. 

Den  Schluss  des  Vortrages,  der  in  der  in  St.  Louis  herausgegebenen 
„Urologie  and  cutaneous  Review“  erscheint,  bildete  ein  kurzer  Rückblick 
auf  die  Ergebnisse  in  der  Erkenntnis  der  betreffenden  Hautkrankheiten  und 
die  medizinischen  Fortschritte,  welche  wir  erzielt  haben. 

Aussprache:  Herr  Bahr  dt  hat  am  hiesigen  Säuglingsheim  wäh¬ 
rend  des  Krieges  eine  Abnahme  der  konstitutionellen  Ekzeme  und  eine  Zu¬ 
nahme  der  Pyodermatosen  beobachtet.  Mit  der  Steigerung  der  Milchmenge 
ist  neuerdings  wieder  eine  Zunahme  der  Ekzeme  zu  konstatieren. 

Herr  R  o  s  t  o  s  k  i  fragt,  ob  sich  bei  Pyodermatosen  gleichzeitig  Strepto¬ 
kokken  und  Staphylokokken  finden,  wie  der  Vortragende  angegeben  hat.. 

Herrn  R  u  p  p  r  e  c  h  t  ist  an  seinem  Augenmaterial  ein  häufiges  Auftreten 
von  Herpes  aufgefallen;  er  fragt  an,  ob  die  Hautärzte  die  gleiche  Entdeckung 
gemacht  haben. 

Herr  Galewsky;  Schlusswort. 


138 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 


(Offizielles  Protokoll.)  . 

Sitzung  vom  7.  November  1921. 
Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Grosser. 


Herr  Stephan:  Demonstration  eines  geheilten  Falles  von  Endocarditls 

W0H«,?O.™D'S?lIf*,!lpÄl«*.  Richtlinien  bei  Isolierten  svphilo- 

Ee,“e  Vortr. “''berichtet*  über  das  Ergebnis  mehr  als  10  jähriger  Studien  unter 
einheitlichen  Gesichtspunkten  an  107  Kranken  mit  isolierten  syphilogenen 


einneiuicrien  cicstciuaijuiin.icin  «u  -  .  , _ .  ,  A-  H„r 

Pupillenstörungen,  Kranken,  bei  denen  jede  andere  Aetiologie  als  die  der 
Syphilis  für  die  beobachtete  Pupillenanomalie  mit  Sicherheit  ausgeschlossen 


werden  konnte.  ,  „  ..  , _ 

Die  Pupillenstörungen  betrafen  Anomalien  der  Grosse,  der  Rundung, 
der  Licht-  und  Konvergenzreaktion  in  allen  nur  denkbaren  ein-  resp.  doppel¬ 
seitigen  Kombinationen.  ,  2/ 

Von  den  107  Kranken  konnten  insgesamt  65,  d.  h.  also  nahezu  1.1 

aller  Fälle,  1 — 9  Jahre  verfolgt  werden,  fast  die  Hälfte  aller  Kranken  wuide 

nach  mehr  als  3  Jahren  nachuntersucht.  .  .  ,  ; 

Es  stellte  sich  alsbald  heraus,  dass  die  Art  der  Pupillenstorung  keinerlei 
Hinweis  gibt,  wie  sich  das  fernere  Schicksal  der  Kranken  gestaltet.  Die 
Nachuntersuchungen  zeigten  in  einwandfreier  Weise,  dass  man  lediglich  au 
Grund  des  Liquorbefundes  instand  gesetzt  wird,  prognostische  Schlüsse  zu 

Z'eh<So  kam  Vortr.  zu  der  Einteilung  in  primärliquorpositive  (66  Proz.)  und 
in  primärliquornegative  Gruppen  (34  Proz.).  Die  Serumreaktion  für  sich 
allein  ist  in  prognostischer  Hinsicht  nicht  verwertbar,  da  von  den  liquor¬ 
positiven  etwa  %  positive  Wassermannreaktion  im  Blut  aufwiesen. 

Von  39  nachuntersuchten  liquorpositiven  Kranken  waren  zur  Zeit  der 
Nachuntersuchung  26  progredient  (die  Mehrzahl  dieser  Patienten  erkrankte 

resp.  ging  zugrunde  an  Paralyse  und  Tabes).  13  waren  bisher  stationär. 

Von  den  19  nachuntersuchten  liquornegativen  Kranken  blieben  alle  unver¬ 
ändert  (mit  Ausnahme  eines  klinisch  ungeklärten  Falles).  Während  bei  Zu¬ 
nahme  der  Beobachtungsdauer  die  Zahl  der  Erkrankten  der  liquorpositiven 
Gruppe  immer  mehr  zunahm,  blieben  die  liquornegativen  Kranken  in  der 

gleichen  Zeitspanne  unverändert.  ,  .. 

So  gelangt  D  r  e  y  f  u  s  zu  der  Ueberzeugung.  dass  je  nach  dem  Ausiau 
der  Liquoruntersuchung  (wobei  allerdings  vorausgesetzt  wird,  dass  solche 
Patienten  seit  Jahren  nicht  behandelt  worden  sind  daher  die  Bezeichnung 
primär  liquorpositiv  und  primär  liquornegativ)  einschlägige  Kranke  pro¬ 
gnostisch  grundsätzlich  verschieden  zu  bewerten  sind: 

Primär  liquorpositive  Kranke  mit  isolierten  syphilogenen  Pupillen- 
störungen  leiden  an  aktiver,  mehr  oder  weniger  rasch  progredienter  Hirn¬ 
syphilis.  Ueber  ihnen  schwebt  ein  Damoklesschwert,  sie  bedürfen  chronisch¬ 
intermittierender  Behandlung.  .. 

Bei  primär  liquornegativen,  einschlägigen  Kranken  ist  mit  allergiosster 
Wahrscheinlichkeit  die  Hirnlues  zum  Stillstand  gekommen.  Sind  sie  sero¬ 
negativ,  so  bedürfen  sie  keiner  Behandlung. 

(Der  Vortrag  erschien  im  Herbst  1921  mit  allen  Belegen  und  detaillierten 
Untersuchungsergebnissen  im  Verlag  von  Gustav  Fisch  e  r,^  Jena,  unter 
dem  Titel:  „Isolierte  Pupillenstörung  und  Liquor  cerebrospinalis“  ,  ein  Beitrag 
zur  Pathologie  der  Lues  des  Nervensystems.  Eine  kürzere  Zusammenfassung 
des  Vortrags  ist  in  der  Med.  Kl.  veröffentlicht,  November  1921.) 

Herr  A.  Bloch:  Ueber  Retentionsgeschwülste  der  Nieren. 

B.  schildert  die  Aetiologie.  Pathologie  und  chirurgische  Therapie  dieser 
Erkrankungen  an  grösserem,  selbst  beobachtetem  Material.  Als  angeborene 
Ursachen  hat  er  am  häufigsten  akzessorische  Nierenarterien  gefunden,  welche 
den  Harnleiter  an  seiner  Abgangsstelle  aus  dem  Nierenbecken  abknickten, 
unter  den  erworbenen  Ursachen  führt  er  operierte  Fälle  von  Uretersteinen, 
chronischen  Pyelitiden,  Harnleiterstrikturen  und  gesenkten  Nieren  an,  die  zur 
Hydronephrosenbildung  geführt  hatten.  Unter  letzteren  ist  ein  Fall  er- 
wähnenswert,  wo  aus  einer  durch  Skoliose  der  Brust-Lendenwirbelsäule 
verdrängten  und  gedrehten  Niere  monatelange,  kontinuierliche,  schwere 
Hämaturien  entstanden  waren,  die  nach  Suspension  und  Fixation  der  ver¬ 
drängten  Niere  mit  Drainage  des  erweiterten  Nierenbeckens  völlig  ver¬ 
schwanden.  Neu  sind  die  Fälle  von  beginnender  Hydronephrosenbildung  nach 
Appendizitis  einer  retroperitoneal  liegenden,  nach  oben  geschlagenen  Appen¬ 
dix,  die  B.  durch  Operation  nachgewiesen  hat  und  auf  eine  auf  dem  Lymph- 
wege  fortgeleitete  Peripyelitis  mit  Verwachsung  des  Harnleiterhalses  im 
Nierenbecken  und  dadurch  entstandener  Harnstauung  im  Nierenbecken  zu¬ 
rückführt.  In  einem  Falle  war  eine  ebenfalls  operierte  Hydronephrose  auf 
längere  Zeit  hindurch  aufgetretene  Ureterspasmen  und  Blasentenesmen  zurück¬ 
zuführen,  die  bei  stets  völlig  klarem  Urin  bestanden  hatten,  also  offenbar 
lediglich  neurotischer  Natur  waren.  Operativ  konnte  in  12  Fällen  durch 
konservative  Operationen,  die  das  primäre  AbfLusshindernis  und  ev.  sekun¬ 
däre  Veränderungen  des  Nierenbeckens  beseitigten,  Heilung  erzielt  werden, 
während  in  3  Fällen  nur  die  Exstirpation  der  Niere  klinische  Heilung  bringen 
konnte.  An  einer  Reihe  von  Pyelogrammen  werden  die  einzelnen  Formen 
der  Hydronephrose  zum  Schluss  erläutert. 


I11  Ausführungen,  die  im  wesentlichen  theoretisches  Interesse  haben,  wir 
gezeigt,  dass  die  Linse  bei  den  verschiedenen  Tierarten,  teils  durch  Selbst 
differenzierung,  teils  durch  abhängige  Differenzierung  entsteht.  Die  formative 
Reize  sind  im  wesentlichen  chemischer  Natur;  sie  gehen  von  der  Retina  au 
und  setzen  den  oberen  Irisrand  in  die  Lage,  eine  Linse  zti ‘  bilden 

Herr  Hell  wie:  Klinische  Narkoseversuche  mit  Methylenchlorid. 

Narkoseversuche  mit  Methylenchlorid  hatten  folgende  Ergebnisse:  ts  tri 
sehr  rasch  Bewusstseinsverlust  und  vollkommene  Analgesie  auf.  Das  Exz 
tationsstadium  verläuft  mit  sehr  schweren  Krämpfen.  Während  des  Ioleran; 
Stadiums  wird  Salivation  und  Schweissausbruch  beobachtet.  Nach  dem  Wad 
werden  klagen  die  Patienten  über  erhebliches  Durstgefühl  und  starke  Kop 
schmerzen.  Methylenchlorid  ist  also  zur  Vollnarkose  nicht  geeignet,  scheu 
aber  als  Mittel  zur  Einleitung  der  Narkose,  zu  Rauschnarkosen  im  polikhn 
sehen  Betrieb  und  schliesslich  zur  stundenlangen  Aufrechterhaltung  eine 
analgetischen  Stadiums  im  Zusammenhang  mit  Lokalanästhesie  eine  Zukun 
zu  haben  Schädliche  Wirkungen  auf  Herz,  Leber  und  Nieren  wurden  nid 
beobachtet.  J.  E.  K  a  y  s  e  r  -  P  e  t  e  r  s  e  n. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 


Herr 


(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  9.  November  1921. 

Anton:  Encephalitis  und  Lähmung  der  automatischen 


Bi 


\y  cgungen.  pönitz:  Therapie  der  Enzephalitis  mit  der  P  r  e  g  I  sein 


Herr  Bickel  spricht  über  kontinuierliche  Blutdruckmessung.  Schild 

rung  des  U  s  k  0  f  f  sehen  Sphygmotonographen.  Aus  Kurven,  die  unt 
gleichbleibendem  Manschettendruck  von  bestimmter  Höhe  am  Menschen  au 
genommen  sind,  können  Veränderungen  des  Blutdruckes  von  Augenblick  , 
Augenblick  abgelesen  werden.  Die  Veränderungen  durch  psychische  Vo 
gänge.  namentlich  durch  geistige  Arbeit,  an  der  Blutdruckkurve  und  an  ve 
schiedenen  plethysmographischen  Kurven  werden  demonstriert.  Die  A 
nähme  einzelner,  neuerdings  de  J  o  n  g  s,  dass  die  Atmungsschwankungen  d' 
Armplethysmographen  Kunstprodukte  infolge  von  Bewegungen  des  Arm 
seien  ist  falsch,  weil  deutlich  Atmungsschwankungen  auch  am  nir 
Plethysmogramm  Vorkommen.  In  3  Fällen  von  Encephalitis  epidemica  ve 
hielten  sich  die  Reaktionen  auf  geistige  Arbeit  normal,  so  dass  der  Weg,  di 
die  vasokonstriktorischen  Impulse  von  der  Hirnrinde  nach  dem  Gefasssyste 
nehmen,  durch  diesen  Krankheitsprozess  nicht  gestört  erscheint. 


Medizinisch-biolog.  Abend  der  Universität  Frankfurt  a.  M. 

(Eigener  Bericht.) 


Dienstag,  den  10.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Voss.  Schriftführer:  Herr  V  ö  1  g  e  r. 

Herr  Nathan:  Ueber  entzündungserregende  Wirkung  von  Extrakten  aus 
normaler  und  pathologisch  veränderter  Haut  bei  Meerschweinchen. 

Durch  Vorversuche  wurde  festgestellt,  dass  nach  intrakutaner  Injektion 
eines  mit  Karbollösung  versetzten  Kochsalzextraktes  aus  normaler  Meer¬ 
schweinchenhaut  in  einem  gewissen  Prozentsatz  der  Fälle  entzündliche  In¬ 
filtrate  mit  nachfolgender  Schuppung  auftreten.  Es  wurden  dann  Hautstellen 
durch  Quarzlampenbestrahlung  in  einen  Entzündungszustand  gebracht  und  es 
erwies  sich,  dass  die  Extrakte  aus  dieser  pathologisch  veränderten  Haut  zu 
intensiveren  Entzündungserscheinungen  mit  starker,  oft  lamellöser  Schuppung 
führten. 

Herr  H  e  r  t  w  i  g:  Die  Entwicklung  des  Auges  im  Lichte  neuer  experi¬ 
menteller  Untersuchungen. 


Aerztlicher  Verein  in  Hamburg. 


(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  17.  Januar  1922. 

Herr  G  1  a  s  s  demonstriert  einen  Pat.  mit  benignem  Tumor  des  weich 
Gaumens,  vielleicht  Mischgeschwulst,  analog  denjenigen  der  Parotis. 

Herr  Lichtwitz  berichtet  über  einen  Fall  von  „S  1  m  m  o  n  d  s  sch 
Krankheit“  (hypophysärer  Kachexie).  Bisher  wurde  diese  nur  bei  Frau 
beobachtet.  Sein  Fall  betrifft  einen  jungen  Mann,  der  plötzlich  an  Diabet 
insipidus,  schnell  zunehmender  Abmagerung,  Ausfall  der  Bart-,  Achsel-  u 
Schamhaare  erkrankte.  Es  fand  sich  ausserdem  Hemianopsie,  psychisc, 
Hemmung,  ein  Kalkschatten  in  der  Sella  turcica.  Dann  spontaner  Stillsta 
des  Krankheitsprozesses.  Röntgenbehandlung  und  Pituglandol  brachten  v 
allem  psychische  Besserung.  Des  weiteren  zeigt  Vortr.  Rontgenbilder  v 
Fällen  von  Akromegalie  sowie  eines  von  Lipodystrophie,  das  einen  bcliati 

über  dem  Proc.  clinoid.  anter.  zeigt. 

Herr  Deutschmann  hat,  ausgehend  von  dem  Gedanken,  dass 
sich  beim  Karzinom  um  Wucherung  embryonaler  Zellen  handle,  denen  <1 
alternde  Organismus  nicht  genügend  Widerstand  entgegensetzen  könne,  > 
Serum  zur  Krebsbehandlung  dadurch  hergestellt,  dass  er  Tieren  Keimzel 
in  Gestalt  von  Ovarialsubstanz  injizierte.  Mit  dem  solchen  Deren  e 
nommenen  Serum  hat  er  2  Fälle  von  bis  dahin  erfolglos  radiotherapeuti! 
behandeltem  Lidkarzinom  sehr  erheblich  gebessert  bzw.  (seit  7  Monaten)  l 
heilt.  Er  bittet,  das  Serum,  das  gleichzeitig  lokal  Unterspritzung 
Tumors  —  und  intravenös  anzuwenden  ist,  bei  inoperablen  Krebsiallen 

versuchen.  • 

Herr  Oe  h  lecker  bespricht  unter  Demonstration  von  Patienten  1 

Bildern  den  plastischen  Ersatz  bzw.  die  plastische  Verlängerung  des  v 
letzten  Daumens  sowohl  durch  Ueberwandernlassen  einer  benachbar 
Phalanx  als  durch  Transplantation  der  grossen  Zehe.  In  einem  Falle  gen 
es  ihm  bei  einem  Kranken  nach  Verlust  der  ganzen  Hand  eu 
oppositions-,  pronations-  und  supinationsfähigen  Daumen  zu  bilden,  indem 
durch  Resektion  das  untere  Radiusende  —  unter  Erhaltung  der  Epiphysenfi 
—  verkürzte  und  auf  den  so  gebildeten  Stumpf  die  grosse  Zehe  transplantiei 
die  der  Ulzera  gegenüber  die  genannten  Bewegungen  ausführen  kann.  1 
merkenswert  war,  dass  die  Radiusepiphysenfuge  verloren  ging,  diejen 
der  transplantierten  Zehenphalanx  dagegen  erhalten  blieb. 

Herr  B  i  e  m  a  n  n  berichtet,  dass  er  bei  12  Fällen  von  Keuchhusten, 
er  nach  Spiess  mit  N  0  v  0  k  a  i  n  -  A  1  k  o  h  0  1  i  n  j  e  k  1 1  0  n  e n  in  1 
Nerv,  laryngeus  super,  behandelt  hat,  einmal  einen  Erfolg 
sehen,  dagegen  zweimal  das  sofortige  Auftreten  des  Horn  ersehen  Sy* 
droms  beobachtet  hat,  das  erst  nach  mehreren  Monaten  zurückging, 
warnt  daher  vor  dieser  Behandlung. 

Schluss  der  Besprechung  des  Vortrags  von  Herrn  Much: 
Herren  Kümmell,  Bauer,  Peemöller,  Diesing,  Weygan 
]^uch.  F.  Wohlwill  -  Hamburg 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 


(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  3.  November  1921. 

Herr  Meier:  Beitrag  zum  Zuckerstoffwechsel. 

M.  berichtet  über  Untersuchungen,  die  er  im  Anschluss  an  Versuche 
Staub  und  Traugott  vorgenommen  hat.  Er  prüfte  das  Verhalten 
Zuckerspiegels,  indem  er  verschiedenen  Menschen  nüchtern  20  g  Dexti 
gab  und  nach  einer  weiteren  Stunde  nochmals  100  g.  Die  Bestimmun 


j  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


139 


■  rden  nach  der  Mikroniethode  von  Bang  ausgeführt.  Bei  Gesunden  fand 
(  dabei  nach  der  Portion  von  100  g  kein  weiteres  Ansteigen  des  Blutzuckers, 
>  hrend  Kranke  mit  Ikterus,  Nitrobenzolvergiftung,  starker  Adipositas,  die 
:  eine  endokrine  Störung  bezogen  wurde,  und  schweren  Neurosen  mit  einer 
1  löhung  des  Blutzuckers  auch  nacli  den  100  g  Dextrose  antworteten, 
i  m  Diabetiker  trat  auf  10  g  Dextrose  als  zweite  Gabe,  nachdem  als  erste 
:  h  nur  10  g  gegeben  waren,  ebenfalls  eine  Erhöhung  des  Blutzuckerspiegels 

i .  Vortr.  erklärt  das  Resultat  seiner  Untersuchungen  mit  einer  Störung  der 
\  l  1  s  a  a  c  angegebenen  Gleichgewichtsverhältnisse  in  der  Leber  zwischen 
( kogen  und  Dextrose.  Er  sieht  in  dieser  Untersuchungsmethode  keine 
[  iktionsprüfung  der  Leber,  sondern  nur  eine  Prüfung  des  gesamten  Apparates, 
t  für  die  Aufrechterhaltung  und  Regulierung  des  Blutzuckerspiegels  ver- 
l  wörtlich  ist.  Bei  den  Versuchen  wurde  auch  festgestellt,  dass  die 
l  -kosurie  nicht  allein  von  dem  Blutzuckerspiegel  abhängig  ist.  Es  kommt 
\  -,  dass  bei  hohem  Blutzuckerwert  im  Urin  kein  Zucker  auftritt,  während 
t  nchmal  bei  niedrigen  Werten  im  Blut  Zucker  im  Urin  nachgewiesen  werden 
I  in.  Vortr.  betont  deshalb  ausdrücklich  die  Notwendigkeit  von  fort- 
I  fenden  Blutzucker  bestimmungen  beim  Diabetiker  und  weist  be- 
nders  darauf  hin,  dass  die  Schwere  eines  Diabetesfalles  nicht  nach  dem 
Uschwinden  des  Zuckers  im  Urin,  sondern  nach  der  Beeinflussbarkeit  des 
t  itzuckerspiegels  beurteilt  werden  muss. 

Herr  Schreiber:  Ueber  Wesen  und  Behandlung  des  Diabetes. 

Der  Vortragende  bespricht  zunächst  die  heutigen  Anschauungen  über  das 
Lsen  des  Diabetes,  insbesondere  die  von  Isaac  aufgestellte  Theorie.  Bei 
c  Therapie  werden  dann  ausführlich  die  von  v.  Noorden  und  F  a  1 1  a  vor- 

j. chlagenen  diätetischen  Kuren  besprochen. 

Sehr,  kommt  zu  dem  Schluss,  dass  der  v.  Noorden  sehe  Behaudlungs- 
pn  sich  wegen  der  starken  Einschränkungen  nur  für  kurzfristige  Kuren 
:net.  Das  F  a  1 1  a  sehe  Verfahren  bedeutet  wegen  seiner  geschickten  und 
5  jenehmen  Abwechslung  der  Kost  einen  Fortschritt. 

Diskussion:  Herren  H  i  1  g  e  r,  Alt  und  Friedeberg. 

Herr  Bauereisen  demonstriert  einen  Rezidivtumor  in  dem  infolge 
(literation  des  Orif.  int.  nach  Mesothoriumbestrahlung  zu  einem  zystischen 
!mor  veränderten  Corpus  uteri. 

55  jähr.  Patientin.  1916  in  desolatem,  ausgeblutetem  Zustande  in  die 
‘dt.  Frauenklinik  aufgenommen.  Diagnose:  Carcinoma  corporis  uteri. 
lialige  Bestrahlung  von  je  1200  mg  h.  Mesoth.  (Weinbrenner).  Allmähliche 
Eiolung,  Amenorrhoe  und  Gewichtszunahme. 

Nach  5  Jahren  Blasen-  und  Darmstörungen.  Am  30.  VIII.  1921  Unter- 
=  hung  in  der  Sprechstunde:  Glatte  hochstehende  Portio.  Im  Beckeneingang 
itsitzender  Tumor,  der  sich  in  Mannskopfgrösse  bis  fast  zum  Nabel  er- 
? eckt.  Zystische  Konsistenz.  Diagnose:  Kombination  von  Metastasentumor 
r  Ovarialtumor?  Operation  empfohlen.  Erst  am  18.  X.  1921  erscheint  die 
Itientin  zur  Aufnahme  in  schlechtem  Allgemeinzustand.  Ileus.  Urin: 
'linder  und  Albumen.  Puls  klein  und  beschleunigt.  Nach  Anregungsmitteln 
Darotomie  am  19.  X.  1921  in  lumbaler  Anästhesie:  Zystischer  Uterustumor, 
c  mit  einem  Pol  neben  dem  Rektum  adhärent  ist.  Beschleunigte  Operation 
c  ch  supravaginale  Amputation.  Enorme  Füllung  des  Rektums  und  der 
xura  sigmoidea.  Keine  Metastasen  im  Becken. 

Rekonvaleszenz  verläuft  glatt.  Albuminurie  dauert  an.  Entlassung  am 
I XI.  in  gutem  Zustand. 

Präparat:  Orif.  int.  obliteriert.  Tumor  prall  gefüllt  mit  sanguinolenter 
fissigkeit.  Wand  setzt  sich  aus  Muskellamellen  und  Bindegewebe  zu- 
snmen.  Innenfläche  ohne  Schleimhaut.  Rechts  oben  sitzt  breitbasig  ein 
1 5 :  *4  cm  messender  markiger  Tumor.  Oberfläche  zerfallen,  im  Innern 
fitungen.  Mikroskopische  Untersuchung  (Prof.  Ricker):  Scharfe  Ah¬ 
nung  von  der  Sackwand.  Teils  Zylinderzellenkarzinom,  teils  solides,  klein¬ 
sles  (sarkomähnliches)  Karzinom  mit  Andeutung  papillärer  Struktur. 

Epikrise:  Nach  5  Jahren  zurückliegender  Mesothoriumbestrahlung  Ent- 
v;klung  eines  Rezidivtumors  im  Corpus  uteri,  dessen  Sekretion  zu  einem 
gissen  zystischen  Tumor  infolge  eingetretener  Obliteration  des  Orif.  int. 
aünrt  hat.  Ileus. 

Diskussion:  Herr  Kolde  berichtet  über  einen  analogen  Fall,  der 
Uh  vor  5  Jahren  mit  Mesothorium  bestrahlt  worden  und  bis  vor  Vi  Jahr 
uz  gesund  war.  Jetzt  grosser  Rezidivtumor  und  Exitus  ohne  Operation. 

Aerztlicher  Kreisverein  Mainz, 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  15.  November  1921. 

Herr  B.  Werner:  Ueber  moderne  chirurgische  Behandlung  der  Er- 
1  inkungen  des  Herzens,  Herzbeutels  und  der  Gefässe. 

Breite  Ausführungen  der  Möglichkeiten  und  Erfolge  der  Herz-  und  Gefäss- 
‘rurgie  auf  Grund  eigener  und  literarischer  Erfahrungen.  Bei  der  Herz- 
J  iktion  ist  vor  dem  allzu  nahen  Einstich  am  Rand  des  Sternums  wegen  der 
j  ?e  der  Mammaria  interna  zu  warnen.  Der  Drainage  der  tuberkulösen  Peri- 
J-  ditis  steht  Vortragender  sehr  skeptisch  gegenüber.  Bisher  hatte  eigent- 
'  le  Herzchirurgie  nur  Erfolg,  wenn  es  sich  um  Verletzungen  des  Myokards 
1  :huss  oder  Stich)  handelte,  während  operatives  Vorgehen  am  Klappen- 

■  Jarat  beim  Menschen  noch  nie  zum  Erfolg  führte  —  im  Gegensatz  zur 
uerimentellen  Erfahrung  an  Ratten.  Fremdkörperentfernung  aus  dem  Herz- 
^  eren  sind  gelungen.  Sie  können  höchst  schwierig  werden,  wenn  sich  der 

imdkörper  in  der  Wandmuskulatur  verfangen  hat  und  wenn  er  dort  durch 
tombotischen  Filz  festgehalten  und  umhüllt  ist.  Operationen  an  der  Aorta 
^gen  noch  nicht  über  das  experimentelle  Stadium  hinaus.  Dagegen  erscheint 

-  Chirurgie  der  Venen  erfolgreicher,  einschliesslich  der  Art.  pulmonalis 
7  t-nung  von.  Embolie.  Bei  Besprechung  der  Chirurgie  der  klei- 
ien  Gefässe  vertritt  Vortragender  den  Standpunkt,  dass  die  Unterbindung 
f  Karotis  einer  Seite  immer  zu  Gehirnveränderung  führt,  selbst  wenn  die 

■otis  der  anderen  Seite  gut  entwickelt  und  ein  weiter  Kollateralkreis  an 

-  Hirnbasis  vorhanden  ist. 

Herr  Michael  demonstriert  einen  neu  konstruierten  Apparat  zur 

'  rzbeutelpunktion. 

Aussprache:  Herr  Plass  betont  die  Wichtigkeit  der  Unterbindung 

-  Vena  ileocolica  bei  pyämischen  Erscheinungen  im  Zusammenhang  mit 
•  egmonüser  Epityphlitis  vor  Herausnahme  des  kranken  Wurmfortsatzes.  — 
Tr  R  1  c  h  t  e  r  hat  3  Fälle  von  Herzmuskelsteckschuss  behandelt.  Bei  dem 
-en  Patienten,  der  im  wesentlichen  subjektive  Beschwerden  bot,  folgte  der 
'i  einem  beratenden  Chirurgen  durchgeführten  Ausschneidung  des  Ge¬ 


schosses  aus  der  Wand  des  rechten  Ventrikels  nahe  der  Herzspitze  eine 
eiterige  Perikarditis  und  Pleuritis,  die  zum  Exitus  führte.  (Vergl.  Bruns 
Beitr.  1917,  107,  H.  1,  Arbeit  von  T  h  ö  1  e.)  Im  zweiten  Fall  handelte  es  sich 
um  einen  Geschosssplitter  in  der  linken  Wandmuskulatur.  Konservative  Be¬ 
handlung.  Heilung.  Der  dritte  Fall  betraf  einen  links  vom  Sternum  etwas 
über  der  6.  Rippe  getroffenen  Mann,  der  schon  mehrere  Tage  nach  der  Ver¬ 
letzung  unterwegs  gewesen  und  der  bei  der  Lazaretteinlieferung  zunächst 
nichts  Besonderes  zeigte.  Eine  plötzlich  eintretende  Blutung  aus  der  Art. 
mammaria  interna  erforderte  operatives  Eingehen.  Dabei  fand  sich  ein  Hämo- 
perikard  mit  Perforationsstelle  des  Herzbeutels  und  einem  Minensplitter  in  die 
Herzspitze  leicht  eingespiesst.  Primäre  Naht  —  bei  offen  gelassener  Weich¬ 
teilwunde,  welche  granulierend  heilte.  —  Herr  R  e  i  s  i  n  g  e  r  referiert  über 
die  Beobachtung  eines  Pneumoperikards,  das  nach  einer  Oesophagoskoplerung 
bemerkt  wurde,  Anlass  zur  üeffnung  des  Herzbeutels  gab  und  zum  Tode 
führte.  Sektion  schloss  eine  Perforation  durch  das  Oesophagoskop  aus.  Eine 
ursprünglich  gegen  den  Halsarzt  erhobene  Beschuldigung  dieser  Art  erwies 
sich  als  hinfällig.  Es  handelte  sich  wohl  um  eine  Mobilisierung  einer  alten, 
ruhenden  Perikarditis  mit  Aktivierung  gasbildender  Keime  im  Herzbeutel.  — 
Herr  G  r  u  b  e  r  weist  auf  die  von  ihm  beobachteten,  von  Roth  veröffent¬ 
lichten  (Virch.  Arch.  233)  Fälle  von  Herzverletzungen  ohne  Perforation  des 
Herzbeutels  hin.  Gr. 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Januar  1922. 

Herr  Jansen:  Knochenveränderungen  bei  Tabes  dorsalis.  Mit  Kranken¬ 
vorstellungen. 

Vortr.  stellt  vier  Tabeskranke  mit  sehr  schweren  Knochenveränderungen 
vor.  Die  vier  Kranken  zeigten  die  Kardinalsymptome  der  Tabes  dorsalis 
und  folgende  Knochenveränderungen,  die  ohne  äussere  traumatische  Ein¬ 
wirkung  entstanden  waren: 

Fall  1 :  Rechte  Schenkelhalsfraktur. 

Fall  2:  Rechtsseitiger  Beckenbruch,  doppelseitige  Schenkelhalsfraktur, 
Arthropathien  beider  Kniegelenke,  rechts  durch  Absprengung  des  kondylären 
Femurteiles  und  Dislokation  des  abgesprengten  Stückes  vor  dem  Femurschaft, 
links  durch  Absprengung  des  medialen,  Kondylus  und  Infraktion  des  kondylären 
Femurteiles,  schwere  Kyphoskoliose  im  Anschluss  an  die  Beckendeformität. 

F  a  1 1  3:  Kompression  des  1.  Lendenwirbels  und  Subluxation  des  12.  Brust¬ 
wirbels  mit  Kompressionserscheinungen  seitens  des  Rückenmarks. 

Fall  4:  Linksseitige  intrakapsuläre  Schenkelhalsfraktur,  rechtsseitige 
extrakapsuläre  Schenkelhalsfraktur,  rechtsseitige  doppelte  Unterschenkel¬ 
fraktur  mit  Pseudarthrose  zwischen  proximalem  und  mittlerem  Bruch¬ 
fragment,  Arthropathien  beider  Kniegelenke,  rechts  vereinzelte  Knochen¬ 
absprengung  mit  hyperplastischen  Prozessen,  links  Rissfrakturen  der  Patella 
oben  und  unten  mit  Dislokation  der  Fragmente,  schwerste  Form  von  „pes 
tabicus“  beiderseits,  mit  linksseitigen  Frakturen  im  Talokrural-  und  Talo- 
kalkanealgelenk. 

In  einer  grösseren  Zahl  von  Röntgenaufnahmen  wurden  die  einzelnen 
Frakturen  und  die  Struktur  ihrer  knöchernen  Teile  genau  studiert.  Die 
Schenkelhalsfrakturen  zeichneten  sich  meist  durch  Schwund  des  Kopfes  und 
Halses,  zum  Teil  durch  starke  Dislokation  aus.  In  die  alten  und  auch  neu- 
gebildeten  Knochentrümmer  tauchte  vielfach  der  Femurschaft  ein.  Die 
tabischen  Fusswurzelknochen  hatten  ihre  Knochenstruktur  und  desgleichen  ihre 
Gelenkverbindungen  völlig  verloren,  waren  zusammengesintert  oder  mit¬ 
einander  verschmolzen.  Es  fanden  sich  Verkalkungszentren,  von  denen  aus 
radialwärts  die  Knochenbälkchen  angeordnet  waren.  Die  erkrankten  Knochen¬ 
teile  zeigten  deutlich  schwerste  Atrophie,  bzw.  Schwund  der  Knochenbälkchen. 
Auffaserung  bzw.  extremste  Verdünnung  ihrer  Kompakta.  Neben  diesen 
regressiven  Veränderungen  fanden  sich  hyperplastische  Prozesse,  haupt¬ 
sächlich  an  den  knöchernen,  Gelenkenden,  aber  auch  am  Periost  der  langen 
Röhrenknochen,  so  dass  knöcherne  Brücken  zwischen  zwei  benachbarten 
Knochen,  z.  B.  Tibia  und  Fibula,  vielfach  zu  sehen  waren.  Der  Hauptbefund 
neben  diesen  schweren  Kontinuitätstrennungen  der  Knochen  war  immer  die 
Analgesie.  Es  wurde  gezeigt,  dass  bei  bestehender  Analgesie  der 
Knochenteile  die  Schmerzempfindung  der  zugehörigen  Weichteile  entweder 
nur  herabgesetzt,  oder  selbst  noch  erhalten  war. 

Vortr.  kommt  kurz  auf  Grund  der  Röntgenanalysen  der  Knochenstruktur 
auf  die  Pathogenese  der  tabischen  Veränderungen  zu  sprechen.  Er 
erläutert  kurz  die  allgemeine  Auffassung,  nach  welcher  mit  Verlust  der 
Schmerzempfindung  die  Regulation  der  normalen  Gelenkfunktion  verloren  geht 
und  somit  auch  der  Schutz  der  Gelenke  gegen  äussere  Gewalteinwirkung.  Die 
bei  allen  Fällen  deutlich  hervortretende  Ueberdehnung  des  Kapsel-Bänder¬ 
apparates  der  Gelenke,  sowie  die  Muskelschlaffheit  ändern  die  Funktion  der 
Gelenkenden  zueinander  und  somit  die  ganze  Statik  und  Dynamik  der  Gelenk¬ 
funktion.  Der  Verlust  der  Schmerzempfindung  und  des  Tonus  der  Weichteile, 
somit  der  Ausfall  des  Schmerzes  als  Warner  und  Schutz  fü*hrt  bei  äusserer 
Gewalteinwirkung  zu  diesen  schweren  Deformitäten  der  Knochen. 

Vortr.  hält  diese  Auffassung  für  nur  bedingt  richtig.  ,  Denn  bei  den 
demonstrierten  Fällen  hat  überhaupt  keine  äussere  Gewalteinwirkung  bei 
Entstehung  der  Zerstörungen  mitgewirkt.  Ferner  war  in  allen  Fällen  die 
Weichteilsensibilität  nicht  ganz  aufgehoben,  bzw.  noch  intakt,  die  also  einen 
relativen  Schutz  gegen  äussere  Gewalt  bedeuten  konnte.  Andrerseits  gibt  es 
Krankheiten  mit  Muskelhypotonien  und  -atrophien,  die  ohne  Osteoarthro¬ 
pathien  verlaufen.  —  Vortr.  betont  an  der  Hand  seiner  demonstrierten  Fälle, 
dass  die  primäre  Ursache  der  schweren  Zerstörungen  im  Knochen  selbst  liegt 
und  in  der  Veränderung  der  Knochensubstanz,  d.  h.  in  der  Atrophie  der 
Bälkchen  und  der  Substantia  compacta  besteht.  Er  zeigte  in  Röntgenbildern 
von  ganz  intakten  Knochen  der  oberen  Extremität  eines  der  demonstrierten 
Kranken,  dass  sowohl  Auffaserung  und  Verdünnung  der  Substantia  compacta. 
als  auch  Schwund  von  Knochenbälkchen  und  Ersatz  dieser  durch  Bildung  von 
Kalkinseln  neben  Wucherungsprozessen  des  Periostes  vorhanden  waren. 
Damit  erscheint  ihm  die  Bereitschaft  der  Knochen,  zu  brechen,  erwiesen! 
Diese  Knochenbrüchigkeit  wird  durch  den  Verlust  der  anorganischen  Substanz 
bewirkt,  einer  komplizierten,  unlöslichen  Kalziumphosphatkarbonatverbindunt. 
die  nur  in  Säure  löslich  ist.  Die  zur  Lösung  notwendigen  Säuregrade 
dürften  aber  kaum  in  der  Gewebsflüssigkeit  vorhanden  sein,  wenigstens  sind 
j  sie  im  Blut  der  betreffenden  Kranken  nicht  nachweisbar.  Es  muss  also  der 
Abbau  eine  vitale  Zellfunktion  der  Knochenzellen  sein,  der  Osteoklasten  und 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


14t) 

Osteoblasten.  Die  Funktion  dieser  Zellen  dürfte  schon  normaler  Weise  in 
ihrem  Chemismus,  d.  h.  einerseits  in  der  Bildung  der  unlöslichen  Kalzium- 
phosphatkarbonatverbindung  aus  ihren  im  Gewebssaft  bzw.  im  Blut  gelösten 
Komponenten,  andererseits  in  der  Lösung  dieses  an  und  für  sich  schwer  lös¬ 
lichen  Knochensubstrates  bestehen.  Jede  Zellfunktion  unterliegt  aber  nervöser 
Beeinflussung,  und  es  ist  bekannt,  dass  Innervationsstörungen  die  Zellfunktion 
und  somit  den  an  sie  gebundenen  Chemismus  ändern.  Vielfach  geleugnete 
Knocheninnervation  besteht  zu  Recht  und  ist  bereits  bewiesen.  Die  sensiblen 
Knochenfasern  haben  im  Rückenmark  andere  Bahnen  als  die  der  dazugehörigen 
Weichteile.  Der  schon  genannte  Hauptbefund  der  Knochenanalgesie  und  der 
in  ihrer  Folge  von  Grund  aus  gestörte  Chemismus  der  Knochenzellen  als 
Ausdruck  ihrer  spezifischen  Funktion,  bei  dem  die  anorganische  Knochen¬ 
substanz  verloren  geht,  ist  das  Primäre  bei  der  Pathogenese  der  Osteoarthro¬ 
pathie,  der  Tonusverlust  der  Weichteile  und  somit  die  herabgesetzte  Wider¬ 
standskraft  gegen  äussere  und  innere  Traumen  kommt  nur  noch  als  Hilfs¬ 
ursache  in  Frage. 

Herr  Höflmayr  berichtet  über  einen  eigenen  Fall  von  beginnender 
tabischer  Arthropathie,  der  nach  Verabfolgung  von  Hg  und  Jod 
symptomlos  wurde. 

Herr  H.  v.  Hattingberg:  Bericht  über  die  Tätigkeit  des  Ausschusses 
zum  Studium  sog.  okkulter  Phänomene. 

Auf  Antrag  des  Herrn  v.  Zumbusch  beschliesst  der  Verein  nahezu 
einstimmig,  den  Ausschuss  als  Organ  des  Vereins  nicht  fortbestehen  zu 
lassen. 

Diskussion  zum  Vortrag  der  Herren  C  r  a  e  m  e  r  und  Krecke 
über  Ulcus  ventriculi. 

Herr  Oberndorfer  spricht  zur  Aetiologie  und  Heilungsfähigkeit  des 
Magengeschwürs.  Hyperazidität  ist  als  ätiologischer  Faktor  abzulehnen. 
Traumen  chemischer,  thermischer  und  mechanischer  Art  mögen  wohl  eine 
gewisse  Rolle  spielen  beim  Zustandekommen  des  Ulcus  ventriculi,  dafür 
spricht  auch  die  gewöhnliche  Lokalisation  in  der  Magenstrasse;  das  Haupt¬ 
gewicht  legt  Vortr.  jedoch  in  dieser  Frage  auf  Störungen  der  Zirkulation, 
venöse  Stauungen  infolge  von  Schwankungen  in  der  Pfortaderstrombahn.  Als 
unterstützende  Momente  mögen  vielleicht  nervöse  Störungen  hinzutreten,  etwa 
Spasmen  in  der  Muscularis  mucosae,  die  ihrerseits  wiederum  Stase  bedingen 
können.  So  kommt  es  zum  hämorrhagischen  Infarkte  und  über  die  hämor¬ 
rhagische  Erosion,  den  gewöhnlicher  Vorläufer  des  Ulcus  zu  diesem.  Von 
der  Grösse  des  Defektes  wird  wesentlich  die  Heilungsfähigkeit  abhängen. 
Die  übliche  Vorstellung  von  einem  wie  mit  dem  Locheisen  ausgestanzten,  also 
zylindrischen,  am  Grunde  gereinigten  Defekte  entspricht  übrigens  nicht  den 
Tatsachen,  der  Defekt  verläuft  vielmehr  keilförmig,  die  Spitze  schräg  gegen 
die  Kardia  zu  gerichtet,  wodurch  die  Zurückhaltung  von  Speiseteilchen  im  Ge¬ 
schwürsgrund  sehr  erleichtert  wird.  Der  Geschwürsgrund  ist  gewöhnlich 
bei  älterem  Ulcus  mit  nekrotischem  Schorf  bedeckt.  Bei  mikroskopischer 
Untersuchung  findet  man  die  Zeugen  entzündlicher  Vorgänge:  Leukozyten, 
Schleim,  nekrotische  Massen  und  schliesslich  zu  unterst  Granulationsgewebe 
auf  normalem  oder  narbig  verändertem  Grunde.  Das  Wesentliche  des  chro¬ 
nischen  Geschwürs  ist  die  chronische  Entzündung,  Phasen  stärkerer  Heilungs¬ 
tendenz  mit  Narbenbildung  wechseln  ab  mit  Stadien  stärkeren  Abbaues;  ein 
Beweis  dafür  ist,  dass  vielfach  im  Bereich  des  Geschwürsgrundes  derbes 
Knochengewebe  an  Stelle  der  Muscularis  propria  liegt,  was  nur  durch  ein 
vorausgegangenes  Stadium  stärkerer  Granulationsbildung  erklärt  werden 
kann.  Ob  bei  den  entzündlichen  Prozessen,  wie  Askanazy  annimmt, 
Soorpilze  hauptbeteiligt  sind,  bleibt  unentschieden.  Warum  trotz  der  immer 
wieder  einsetzenden  Heilungstendenz  grössere  Geschwüre  vielfach  dennoch 
dauernd  offen  bleiben,  erklärt  sich  vielleicht  durch  das  Verhalten  der  Muscu¬ 
laris  propria,  die  am  Geschwürsgrund  inseriert  und  diesen  folglich  bei  jeder 
Kontraktion  auseinanderreisst  und  an  endgültiger  Verklebung  hindert,  die 
Entzündungserscheinungen  nicht  zur  Ruhe  kommen  lässt.  Vom  Standpunkte 
des' Pathologen  aus  müsste  sich  als  einfache  Therapie  ein  Ausschaben  der 
Ulzera,  Beseitigung  der  Entzündungszone  und  darauffolgendes  Vereinigen  der 
gereinigten  Ränder  empfehlen. 

Herr  P  1  o  e  g  e  r  stellt  folgende  Forderungen  an  eine  einwandfreie  opera¬ 
tive  Behandlung  des  Magengeschwürs:  1.  Beseitigung  des  primären  Ulcus, 

2.  Erzielung  beschwerdefreier  Magenfunktion,  3.  Verhinderung  der  Bildung 
neuer  Magenulzera,  4.  Vermeidung  jeder  direkten  Schädigung  durch  die  Opera¬ 
tion.  Die  Lösung  dieser  Bedingungen  wird  durch  keine  vorzeitige  Opera¬ 
tionsmethode  vollständig  erreicht,  immerhin  kommt  ihr  die  partielle  Resek¬ 
tion  des  Magens  in  fast  allen  Punkten  näher  als  die  Gastroenterostomie,  doch 
ist  die  Mortalität  der  Resektion  noch  durchschnittlich  10  Proz.  Nach 
Schmieden  zeitigt  die  Gastroenterostomie  bessere  Früh-,  die  Resektion 
bessere  Spätresuitate.  Die  Wahl  der  Methode  wird  letzten  Endes  von  Sitz 
und  Art  des  Geschwürs  abhängen,  bei  einfachen,  nicht  kallösen  Ulzera  wird 
man  wohl  mit  Gastroenterostomie  und  Pylorusverschluss  auskommen.  In 
bezug  auf  Nachblutungen  hat  Vortragender  mit  der  Resektion  bessere  Er¬ 
fahrungen  gemacht. 

Herr  P  e  r  u  t  z  gelangt  auf  Grund  reicher  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete 
der  Ulcustherapie  zur  Ansicht,  dass  man  nur  bei  Stenosen  operieren  solle 
oder  bei  Fällen,  die  gegen  durch  lange  Zeit  hin  angewandte  mannigfache 
interne  Therapie  refraktär  bleiben.  Häufig  bringt  längerer  Landaufenthalt 
überraschende  Besserung.  Besonders  vorsichtig  sei  der  Chirurg  gegenüber 
Personen  mit  neurotischem  Einschlag  und  bei  Kombination  von  Ulcus  und 
Tuberkulose. 

Herr  G  i  1  m  e  r  hat  wie  P  1  o  e  g  e  r  die  besten  Erfolge  von  partieller 
Magenresektion  gesehen.  Bei  hoch  an  der  Kardia  sitzenden  oder  sehr  grossen 
Geschwüren  empfiehlt  sich  auch  reine  Gastroenterostomie  und  Verschluss  des 
Pylorus  durch  Raffnähte,  was  nie  versäumt  werden  sollte,  da  sonst  der  Pylorus 
durchgängig  bleibt.  Vielfach  kann  man  sich  auch  auf  Exzision  des  Ulcus 
und  seiner  nächsten  Umgebung  und  Uebernähung  des  Defektes  beschränken. 
Grossen  Wert  lege  inan  stets  auf  rasche  Beendigung  des  Eingriffs. 

Herr  Neubauer  hat  auf  seiner  Abteilung  das  allzu  teure  Wismut 
durch  Baryumsulfat  ersetzt  und  damit  gleich  gute  Milderung  oder  Aufhebung 
der  Beschwerden  erzielt.  Ob  in  solchen  Fällen  nur  Latenz  oder  Heilung 
eingetreten  ist,  lässt  sich  röntgenologisch  nicht  entscheiden,  da  hier  negative 
Befunde  keineswegs  beweisend  sind.  Sichere  Aufklärung  darüber  vermag 
jedoch  die  Gastroskopie  zu  geben,  eine  klinische  Untersuchungsmethode,  die 
ganz  mit  Unrecht  als  Quälerei  verrufen  ist.  Die  in  den  letzten  Monaten  auf 
der  Abteilung  des  Vortragenden  ausgeführten  mehr  als  100  gastroskopischen 
Untersuchungen  wurden  von  den  Patienten  widerstandslos  ertragen  und  haben 
den  Beweis  geliefert,  dass  zuweilen  Ulcera  ohne  jedes  Symptom  bestehen 


können.  Herr  Schindler  wird  in  der  nächsten  Sitzung  des  Vereins  au 
führlich  über  die  Gastroskopie  referieren. 

Herr  Schmitt  erwähnt  als  Beitrag  zur  traumatischen  Genese  di 
Ulcus,  dass  er  innerhalb  kurzer  Zeit  11  Fälle  von  starker  Gastrektas: 
darunter  9  mal  zugleich  sicheres  Ulcus  ventriculi  beobachtet  habe,  die  sämtlk 
aus  dem  gleichen  Dorfe  stammten,  das  wegen  seiner  Gefrässigkeit  berüchti 
sei.  Referent  hält  die  Gastroenterostomie  für  die  Normaloperation  des  Mage 
geschwürs  und  hat  Exzision  der  Geschwüre  wegen  erhöhter  Nachblutung 
gefahr  ganz  verlassen.  Bei  ausgedehnten  Resektionen  war  Vortragender  c 
überrascht  durch  die  gute  Funktion  des  sich  dehnenden  Magenrestes. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  16.  Dezember  1921. 

Herr  Hutter  stellt  eine  Kranke  vor,  bei  der  er  eine  Arthritis  d 
Articulatio  cricoarytaenoidea  beobachtet  hat. 

Nach  einem  Gelenkrheumatismus  trat  leichte  Atemnot  auf.  Die  laryng 
skopische  Untersuchung  ergab  Oedem  und  Rötung  in  der  Gegend  des  rechti 
Aryknorpel.  Das  obere  Schildknorpelhorn  r.  war  druckempfindlich,  eben') 
der  r.  Ringknorpel  in  seinem  hinteren  Anteil,  auf  dem  die  Aryknorpel  ad 
sitzen.  Der  rheumatische  Charakter  der  Erkrankung  ging  aus  der  Anamne! 
und  der  guten  Wirksamkeit  des  Aspirins  hervor.  Die  Parese  der  Stimij 
bänder  dauerte  etwas  länger.  Perichondritis  der  Aryknorpel  mit  sekundäre] 
Uebergreifen  auf  die  Stimmbänder  anzunehmen,  war  vollkommen  unbegründi! 
Nur  eine  Arthritis  cricoarytaenoidea  kann  Vorgelegen  haben.  Auch  d 
Ueberdauern  der  Stimmbandparese  spricht  dafür. 

Vortr.  hat  den  Fall  vorgestellt,  weil  bei  den  ephemären  sonstigen  t 
scheinungen  im  übrigen  Körper  die  Hauptlokalisation  des  Rheumatismus  : 
Kehlkopf  eine  grosse  Seltenheit  darstellt. 

Herr  K.  Lederer:  Hypogalaktie. 

Hypogalaktie  kommt  konstitutionell  selten,  aber  sicher  vor;  ist  vj 
häufiger  Folge  mangelhafter  Stilltechnik,  schlechter  Ernährung  oder  ve 
schiedener  Krankheiten. 

’  Die  qualitative  Hypogalaktie  wurde  bisher  angenommen,  aber  nie  n 
Sicherheit  nachgewiesen.  Man  nahm  ihr  Vorhandensein  an,  weil  man  andej 
nicht  erklären  konnte.  In  dem  literarischen  Streit  vertrat  eine  Richtung  <i 
Existenz  der  qualitativen  Hypogalaktie,  eine  andere  widersprach,  eine  dri 
nahm  psychische  Einflüsse  an.  Czerny  vertrat  die  Ansicht,  dass  c 
Fettgehalt  vermindert  sei,  hat  aber  keine  Analysenzahlen  veröffentlicht.  I 
Ansicht  Czernys  fand  Unterstützung,  Analysenzahlen  liegen  aber  nie 
vor.  Vortr.  hat  durch  Milchanalysen  festgestellt,  dass  im  Vergleich  j 
normaler  Frauenmilch  der  Gehalt  an  Fett,  Eiweiss  und  Zucker  vermindert  i 
die  Differenz  betrug  etwas  mehr  als  100  Kalorien.  Butterzusatz  zur  Frau;, 
milch  erhöht  den  Nährwert;  das  Gewicht  steigt  rasch. 

Herr  A.  Kneucker:  Anästhesie  bei  Zahnextraktionen.  K 


Kleine  Mitteilungen. 

Austausch  von  Gesundheitszeugnissen  vor  der  Eheschliessung. 

Das  Korrespondenzblatt  der  ärztlichen  Kreis-  und  Bezirksvereine 
Sachsen  veröffentlicht  einen  Auszug  aus  der  Niederschrift  über  die  dritte 
weiterte  Sitzung  der  1.  Abteilung  des  Landesgesundheitsamtes  am  12.  I 
zember  1921  betreffend  Austausch  von  Gesundheitszeugnissen  vor  der  El 
Schliessung  und  Herausgabe  von  Richtlinien  für  die  ärztliche  Untersuchs 
und  Beratung  vor  der  Eheschliessung.  Diesem  Auszug  zufolge  -hat  der  1] 
richterstatter,  Herr  Schmaltz,  durch  mehrere  über  das  Verhandlungsthe 
kürzlich  erschienene  Arbeiten  an  der  Durchführbarkeit  einer  so  einschneidi 
den  und  in  die  persönliche  Freiheit  tiefeingreifenden  Massregel  irregemac 
seine  früher  aufgestellten  Leitsätze  bedeutend  eingeschränkt.  Dagegen  ti 
Herr  Kuhn  auf,  der  es  für  nötig  hält,  dass  der  Austausch  von  Gesundhei: 
Zeugnissen  vor  der  Ehe,  wenn  auch  nur  schrittweise,  angestrebt  were 
müsse,  und  dass  für  die  weiten  Kreise,  denen  ein  Hausarzt  fehlt,  stand 
amtlich  registrierte  Eheberater  eintreten  müssten.  Er  stellt  folgende  Li 
Sätze  auf: 

1.  Um  die  körperlich  oder  geistig  für  die  Ehe  und  die  Zeugung  gesum 
Kinder  Untauglichen  von  der  Eheschliessung  und  der  Zeugung  abzuhalten, 
die  Ausbreitung  der  Lehren  der  Rassenhygiene  in  unserem  Volke  zu  fördc 

2.  Dazu  ist  zunächst  sofortige  Ausbildung  der  Mediziner  auf  der  L 
versität  in  Vererbungslehre  und  Rassenhygiene  und  die  Abhaltung  von  Fc 
bildungskursen  für  Aerzte  in  denselben  Fächern  nötig. 

3.  Besonders  sind  hierbei  Richtlinien  für  die  ärztliche  Untersuchung  i 
Beratung  vor  der  Eheschliessung  zu  geben. 

4.  In  diesen  Richtlinien  sind  nicht  nur  die  übertragbaren  Krankheit 
die  den  Ehepartner  und  die  Nachkommenschaft  gefährden,  wie  Geschlech 
krankheiten  und  Tuberkulose,  sondern  auch  die  vererbbaren  Krankheit 
krankhaften  Anlagen  sowie  Missbildungen  zu  berücksichtigen. 

5.  Es  ist  dahin  zu  streben,  dass  die  Hausärzte  nach  gründlicher  A 
bildung  die  i'men  anvertraute  Jugend  vor  der  Ehe  untersuchen  und  berat 

6.  Ferner  ist  die  Niederlassung  besonders  in  der  Erkennung  der  1 
schlechtskrankheiten  und  anderer  ansteckender  Krankheiten  sowie  den  \ 
erbungsfragen  vorgebildeter  Eheberater  notwendig,  die  namentlich  die  gro 
Masse  des  Volkes  ohne  Hausarzt  zu  beraten  haben. 

7.  Die  Standesämter  haben  Listen  derjenigen  Aerzte  zu  führen,  die  ih 
ihre  Niederlassung  als  Eheberater  angezeigt  haben. 

8.  Die  Untersuchung  und  Beratung  hat  am  besten  vor  der  Verlob 
stattzufinden  und  sollte  vor  der  Eheschliessung  wiederholt  werden,  falls 
Möglichkeit  besteht,  dass  ein  Ehebewerber  inzwischen  eine  ansteckende  Kra 
heit  erworben  hat. 

9.  Sobald  im  Bereiche  aller  Standesämter  Eheberater  vorhanden  s 
ist  die  gesetzliche  Beibringung  von  Gesundheitszeugnissen  vor  der  Ehe 
verlangen. 

10.  Die  Form  der  Zeugnisse  wird  auf  Grund  der  vorliegenden  Erfahrun 
festzulegen  sein. 

11.  Die  Zulassung  der  Eheschliessung  ist  von  dem  Inhalt  der  Zeugn 
abhängig  zu  machen,  sobald  das  Volksempfinden  das  Eingehen  der  Ehe  ti 
ablehnenden  Zeugnisses  verurteilt. 


17.  Januar  1922. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


141 


Daran  knüpft  sich  eine  längere  Diskussion,  als  deren  Ergebnis  Kuhns 
-ätze  8 — 11  lediglich  als  Anregung  für  die  Zukunft  entgegengenommen  werden, 
während  nachstehende  Verschmelzung  der  Schmal  tz-  und  K  u  h  n  sehen 
.eitsätze  nebst  kleineren  Zusätzen  anderer  Redner  zur  Annahme  gelangt: 

1.  Erforderlich  ist  eine  möglichst  weitgehende  Aufklärung  der  Bevölkerung 
ber  die  Lehren  der  Rassenhygiene  sowie  eine  Belehrung  der  Aerzte  durch 
orlesungen  während  des  Studiums  und  durch  Fortbildungskurse  über  Ver- 
rbungslehre  und  Rassenhygiene. 

2.  Zu  empfehlen  ist  ferner  die  Herausgabe  von  Richtlinien  für  die  Unter- 
uchung  und  Beratung  von  Ehebewerbern  an  alle  Aerzte.  Dabei  sind  vor 
llem  auch  die  vererbbaren  Krankheiten,  krankhaften  Anlagen  sowie  Miss- 
ildungen  zu  berücksichtigen. 

3.  Die  Einführung  von  obligatorischen  Ehezeugnissen  und  die  Anstellung 
esonderer  Eheberater  empfiehlt  sich  vorläufig  nicht,  dagegen  sollen  die 
Standesämter  verpflichtet  sein,  beiden  Verlobten  gleichzeitig  mit  dem  Merk- 
latt  für  Eheschliessende  den  Vordruck  zu  einem  einheitlichen  Gesundheits- 
eugnis  auszuhändigen,  durch  das  ausgesprochen  werden  soll,  dass  zur  Zeit 
er  Untersuchung  keine  ärztlichen  Bedenken  gegen  eine  Verheiratung  zu  er¬ 
geben  sind.  Diese  Vordrucke  sollen  auch  jederzeit  auf  Verlangen  vom 
itandesamt  abgegeben  werden.  Bestehen  Bedenken,  so  wird  ein  Zeugnis 
icht  ausgestellt.  Der  Arzt  hat  sich  in  diesem  Falle  auf  mündliche  Belehrung 
u  beschränken. 

Ill'  . 

Schadenersatzgefahr  bei  versäumter  ärztlicher  Eheberatung. 

Mit  diesem  Gegenstände  befasst  sich  Reichsgerichtsrat  Dr.  Z  e  i  1  e  r 
u  einem  in  der  Vossischen  Zeitung  vom  23.  Dezember  1921  erschienenen 
iufsatze,  der  für  die  Aerztewelt  von  Interesse  sein  wird.  Denn  die  in  dem 
iufsatze  entwickelten  Gedanken  sind  den  meisten  Lesern  ganz  fremd,  und 
er  Arzt  wird  häufig  Gelegenheit  haben,  auf  sie  hinzuweisen.  Z  e  i  1  e  r 
chreibt: 

i  Wenn  ein  minderjähriges  Mädchen  heiratet,  das  unter  Vormundschaft 
teht,  so  ist  bekanntlich  zur  Anordnung  des  standesamtlichen  Aufgebots  er- 
rrderlich,  dass  der  Vormund  oder  die  Vormünderin  dem  Standesamt  gegen- 
ber  die  Einwilligung  zu  der  geplanten  Eheschliessung  erklärt.  Vielfach 
lauben  Vormünder,  dass  es  sich  hierbei  um  eine  völlig  bedeutungslose  Förm- 
chkeit  handle,  und  erteilen  die  Einwilligung  ohne  nähere  Prüfung.  Wie 
rig  eine  solche  Ansicht  ist,  wie  bedeutungsvoll  dieser  Vorgang  sowohl  für 
en  Mündel  als  für  den  Vormund  selbst  sein  kann,  wird  in  einem  beachtens¬ 
werten  Aufsatze  von  Amtsgerichtsrat  Dr.  K  r  e  s  s  in  der  Leipziger  „Zeitschrift 
ir  Deutsches  Recht“  1921,  S.  296,  dargelegt.  Kress  erörtert  folgenden 
all:  Der  Vormund  hat  vor  Anordnung  des  Aufgebots  von  dem  Standesamt 
as  bekannte  Merkblatt  erhalten,  in  welchem  auf  die  Wichtigkeit  ärztlichen 
:lates  bei  der  Eheschliessung  hingewiesen  wird.  Dieses  vom  Reichsgesund- 
ieitsamt  verfasste  Merkblatt  beachtet  der  Vormund  aber  nicht,  holt  nicht, 
ie  dort  dringend  empfohlen  wird,  ein  ärztliches  Gesundheitszeugnis  über  den 
'■räutigam  ein,  sondern  erteilt  ohne  dieses  die  Eheeinwilligung.  Alsbald  nach 
er  Heirat  wird  die  junge  Frau  von  dem  Manne  angesteckt,  der  sich  im 
elde  eine  Krankheit  zugezogen  hatte.  Die  Frau  ficht  mit  Erfolg  die  Ehe 
n  und  verlangt  nun  Ersatz  ihres  bedeutenden  Vermögensschadens,  aber  nicht 
on  dem  mittellosen  Manne,  sondern  von  dem  begüterten  Vormunde.  Kress 
:gt  dar,  dass  dieser  Prozess  für  den  Vormund  sehr  bedenklich  liege,  weil 
!ie  Verseuchung,  die  während  der  Kriegsjahre  eingetreten  ist,  allbekannt  sei, 
nd  weil  ausserdem  das  Reichsgesundheitsamt  in  dem  Merkblatte  auf  diese 
'inge  besonders  hinweist.  In  der  Tat  kann  hier  dem  Vormunde  ein  Fahr- 
iissigkeitsvorwurf  gemacht  werden,  der  schlimme  Folgen  für  ihn  haben  kann. 
:s  ist  nützlich,  sich  dies  klar  zu  machen  und  auch  aus  diesem  Grunde  die 
eilsamen  Ratschläge  des  Reichsgesundheitsamtes  in  dem  Eheschliessungs- 
lerkblatte  zu  befolgen.  Besser  bewahrt,  als  beklagt! 

Reichsgerichtsrat  Dr.  Z  e  i  1  e  r. 

Unerwähnt  lässt  Z  e  i  1  e  r  die  Schadensersatzpflicht  des  kranken  Verlobten 
Jlbst.  a  Dass  sie  besteht,  wenn  jemand  leichtfertig  heiratet,  ehe  ihn  der 
rzt  für  geheilt  und  wieder  ehefähig  erklärt  hat,  ist  ja  bekannter,  und  das 
ufgebotsmerkblatt  des  Reichsgesundheitsamtes  hebt  das  auch  hervor. 

Amtsgerichtsrat  Dr.  Schubart  -  Charlottenburg. 

Therapeutische  Notizen. 

Arzt  und  Opsonogen.  Der  ärztliche  Beruf  bringt  es  mit  sich, 
iss  Aerzte  nicht  selten  an  Staphylokokkeninfektionen  der  Haut  und  nament- 
ch  auch  an  Furunkulose  erkranken.  Furunkulose  aber  ist  bei  der  Berufs- 
usübung  oft  in  hohem  Grade  hinderlich,  ja  sie  kann  dieselbe  für  kürzere  oder 
mgere,  manchmal  sehr  lange  Zeit  unmöglich  machen. 

Ich  habe  mich  nun  in  der  Literatur  umgesehen,  welche  Behandlung  der 
igenen  Furunkulose  von  den  Aerzten  bevorzugt  und  als  die  wirksamste  be- 
sichnet  wird.  Dies  scheint  mir  die  Vakzination  mit  Opsonogen  zu  sein.  In 
en  letzten  Jahren  veröffentlichen  fünf  Aerzte  erfolgreiche  Opsonogenbehand- 
n'g  ihrer  Furunkulose:  DDr.  v.  Einsiedel  (D.m.W.),  Fried  (M.m.W.), 
erzJer«  (M.m.W.),  Jaeger  (Inauguraldissertation)  und  Neumayer 
i'mu  ')'  *n  a"en  lagen  besonders  schwere,  viele-  Monate  bis  zu 

Jahren  bestehende  Krankheiten  vor.  In  allen  Fällen  versagte  jede  andere 
herapie  und  Opsonogen  brachte  völlige,  rezidivfreie  Heilung.  Gerade  diesen 
tzten  Umstand,  die  Rezidivfreiheit,  möchte  ich  hier  betonen,  weil  sie  ein 
rfolg  der  spezifischen  Vakzinewirkung  ist.  In  den  nicht  allzu  hartnäckigen 
rankheitsfällen,  welche  die  allergrösste  Mehrzahl  bilden,  genügen  meist 
nige,  selbst  1  2  Opsonogeninjektionen  zur  Erzielung  des  Erfolgs. 

Zur  Mitverwertung  bei  dieser  Publikation  stellt  Dr.  Fischer  in 
eipzig-Möckern  die  kurzgefasste  eigene  Krankengeschichte  zur  Verfügung: 
ich  litt  im  Felde  vom  März  1918  ab  an  sehr  ausgedehnter  und  schmerzhafter 
urunkulose  des  Kopfes.  Alle  operativen  Methoden,  wie  Inzision  und  Saug- 
ockenbehandlung,  erreichten  bestenfalls  die  Abheilung  eines  Furunkels  nach 
mger  Zeit,  konnten  aber  niemals  Rezidive  verhindern.  Umschläge  und 
nere  Darreichung  von  Bierhefe  und  Lävulose  hatten  keinen  Erfolg.  Im 
ezember  1918  benutzte  ich  zum  ersten  Male  Opsonogen,  und  zwar  in 
bständen  von  je  7  Tagen  3  Spritzen  von  je  500  Millionen  Keimen,  die  nur 
mz  geringe  örtliche  Reaktion  auslösten.  Der  Erfolg  war  überraschend, 
ie  Furunkel  erweichten  und  bildeten  sich  gänzlich  zurück.  Ueber  ein  Jahr 
^eb  ich  rezidivfrei.  Im  Mai  1920  bekam  ich  wiederum  einen  Furunkel 
-r  Kopfhaut,  der  nach  2  Injektionen  von  Opsonogen  verschwand.  Seitdem 
ibe  ich  keinerlei  Rezidiv  wieder  gehabt.“ 


Durch  den  prompten  und  anhaltenden  Erfolg  ist  Fischer  —  wie  seine 
briefliche  Mitteilung  erkennen  lässt  —  ebenso  enthusiasmiert  wie  die  oben 
angeführten  fünf  Kollegen,  die  in  der  Literatur  selbst  über  ihre  Erkrankung 
an  Furunkulose  und  Heilung  durch  Opsonogen  berichten. 

Die  heutige  Publikation  bezweckt,  dem  Praktiker  die  Opsonogenbehand- 
lung  der  chronischen  Furunkulose  in  Erinnerung  zu  rufen  und  ihn  zur  Nach¬ 
prüfung  aufzufordern.  Dr.  Stephan-  Brandenburg  (Havel). 


Studenten  belange. 

Beendigung  des  Kampfes  um  die  Verfassung  der  deutschen 
Studentenschaft? 

Am  9.  Januar  fand  eine  Sitzung  des  Hauptausschusses  der  deutschen 
Studentenschaft,  der  durch  die  Führer  des  „Hochschulrings  deutscher  Art“ 
und  Vertreter  der  freiheitlichen  Studenten  in  Oesterreich  und  Böhmen  er¬ 
weitert  war,  statt  zur  Beratung  über  die  Verfassung  der  deutschen  Studenten¬ 
schaft.  Die  Beratungen  sind  nach  den  letzten  Meldungen  noch  nicht  abge¬ 
schlossen.  Nach  einer  Mitteilung  der  „Hochschulblätter  der  Vossischen 
Zeitung“  soll  die  Neuordnung  etwa  in  folgender  Weise  erfolgen: 

Die  DeutscheStudentenschaft  besteht  aus  den  Studenten¬ 
schaften  der  Hochschulen  des  Deutschen  Reiches. 

Zur  Einzel  Studentenschaft  gehören: 

1.  Die  Studierenden  deutscher  Staatsangehörigkeit. 

2.  Die  Studierenden,  die  bis  zum  Inkrafttreten  des  Friedensvertrages  die 
deutsche  Staatsangehörigkeit  besassen. 

3.  Die  Studierenden  deutsch-österreichischer  Staatsangehörigkeit. 

•4.  Die  auslandsdeutschen  Studierenden  (Deutsch-Böhmen,  Deutsch-Balten, 
Deutsche  aus  der  Diaspora)  ohne  Rücksicht  auf  Rasse  und  Bekenntnis. 

Die  Aufgaben  der  Einzelstudentenschaft  sind: 

1.  Erfüllung  der  hochschulbürgerlichen  Rechte  und  Pflichten  durch  Ent¬ 
sendung  von  Vertretern  in  die  Ausschüsse  der  Hochschule,  in  denen  nach 
Anordnung  des  Ministers  oder  der  Hochschule  die  Mitarbeit  der  Studenten¬ 
schaft  vorgesehen  ist  (Immatrikulation,  Disziplinär-  und  Ehrenordnung,  Stu¬ 
dienwesen,  Leibesübungen). 

2.  Wirtschaftliche  Fürsorge  für  die  Mitglieder  der  Studentenschaft. 

Bei  der  Erfüllung  dieser  Aufgaben  ist  der  Austrag  politischer  und  welt¬ 
anschaulicher  Gegensätze  ausgeschlossen. 

Die  Aufgaben  des  Gesamtverbandes  („Deutsche  Studenten¬ 
schaft“)  sind: 

1.  Erfüllung  der  Aufgaben  der  Einzelstudentenschaften,  die  für  alle  Stu¬ 
dentenschaften  gemeinsam  bearbeitet  werden  müssen. 

2.  Vertretung  der  „Deutschen  Studentenschaft“  gegenüber  den  aus¬ 
ländischen  Studentenschaften. 

Man  muss  abwarten,  ob  diese  Festsetzung  sich  in  allen  Punkten  be¬ 
wahrheitet  und  ob  dadurch  tatsächlich  Ruhe  und  Frieden  bei  der  deutschen 
Studentenschaft  einkehren  wird,  was  sehr  zu  bezweifeln  ist.  v.  V. 

Wie  sehr  die  Zweifel  unseres  Mitarbeiters  berechtigt  sind,  beweist  eine 
Erklärung  des  Hochschulkreises  Bayern  vom  22.  Januar,  er  könne  die  in 
Göttingen  verfügte  Notverfassung  nicht  anerkennen,  da  sie  jeder  Rechtsgrund¬ 
lage  entbehre.  Die  Vertreter  in  Göttingen  hätten  ohne  satzungsmässige  Voll¬ 
macht  ihrer  Körperschaften  eigenmächtig  der  deutschen  Studentenschaft  die 
neue  Verfassung  diktatorisch  aufgezwungen.  Der  Kreis  Bayern  stehe  auf  dem 
Boden  der  allein  rechtsgültigen  alten  Göttinger  Verfassung;  er  hat  den  bis¬ 
herigen  Leiter  des  Kreises,  cand.  rer.  pol.  S  i  e  g  e  r  t,  wegen  Ueberschreitung 
seiner  Befugnisse  seines  Amtes  enthoben.  Nach  dieser  Erklärung  scheinen  wir 
von  einer  Einigung  innerhalb  der  deutschen  Studentenschaft  weiter  wie  je 
entfernt  zu  sein. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  25.  Januar  1922. 

Die  Gesundheitskommission  des  Völkerbundes 
hat  in  einem  ersten  Hefte  begonnen  die  Ergebnisse  ihrer  epidemiologi¬ 
schen  und  sanitären  Studien  in  Osteuropa  vom  Jahre  1921 
herauszugeben.  In  einer  stattlichen  Reihe  von  statistischen  Tabellen  und 
Kartenskizzen  wird  ein  interessantes  Bild  entworfen  von  der  Häufigkeit  und 
Verbreitung  der  wichtigsten  Infektionskrankheiten  und  des  Skorbuts  in  Russ¬ 
land  und  den  übrigen  slavischen  Staaten,  in  den  baltischen  Ländern  und 
teilweise  auch  in  Oesterreich  und  Deutschland.  Auch  eine  Statistik  über 
die  Verteilung,  Art  und  Leistungsfähigkeit  von  Sanitäts-  und  Verpflegungs¬ 
stationen  in  Westrussland  und  der  Ukraine  ist  gegeben.  Zur  Kritik  der 
vielen  über  die  Bevölkerungsabnahme  in  Russland  umlaufenden  Gerüchte  und 
Zahlen  ist  ein  Artikel  über  die  Geschichte  der  russischen  Volkszählung  von 
Bedeutung.  Demnach  hat  die  letzte  allgemeine  Zählung  1897  stattgefunden, 
seit  1906  wurden  dann  jährliche  Ueberschlagsschätzungen  eingeführt.  Erst 
1920  wurde  wieder  der  Versuch  einer  allgemeinen  Zählung  gemacht,  scheiterte 
jedoch  daran,  dass  13  Gouvernements  durch  Kriegs-  und  Revolutionswirren 
unzugänglich  waren.  Die  in  immerhin  68  Bezirken  durchgeführte  Zählung 
lässt  unter  anderem  erkennen,  dass  die  Bevölkerung  überall  stark  abgenommen 
hat  und  dass  die  grossen  Städte  besonders  grosse  Einbusse  erlitten.  Alle 
Vergleiche  mit  den  Zahlen  vor  dem  Kriege  sind  jedoch  sehr  erschwert  infolge 
von  Veränderungen  der  Bezirksgrenzen  seit  der  Revolution  und  von  Ab¬ 
spaltung  der  selbständig  gewordenen  Randstaaten. 

Die  schon  mehrfach  erwähnte  internationale  Konferenz  zur 
Standardisierung  der  Heilsera,  die  vom  12. — 14.  Dezember  in 
London  stattfand  und  die  sich  durch  die  Zuziehung  von  Vertretern  Deutsch¬ 
lands  vorteilhaft  von  anderen  internationalen  Veranstaltungen  unterschied,  hat 
an  Frau  v.  B  e  h  r  i  n  g  in  Marburg  und  an  Frau  Ehrlich  in  Frankfurt  ä  M 
folgendes  Telegramm  gesandt: 

Die  in  London  versammelte  Konferenz  für  Serumprufung  des  Hygiene¬ 
komitee  des  Völkerbundes  hat  mit  Einstimmigkeit  beschlossen,  in  Aner¬ 
kennung  der  grossen  Verdienste,  die  Emil  v.  Behring  und  Paul  Ehr- 
1  i  c  h  um  die  Serumtherapie  und  die  Wertbestimmung  der  Sera  haben 
Ihnen  diese  Mitteilung  der  pietätvollen  Würdigung  Ihres  verstorbenen  Gatten 
zu  übermitteln.  Prof.  M  a  d  s  e  n,  Konferenz-Präsident. 

Auch  an  den  Direktor  des  Pasteurinstitutes  in  Paris,  Dr.  Roux  und  au 
1  roh  Kitasato  in  Tokio  wurden  Begrüssungstelegramme  gesandt. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


142 


Nr. 


—  Das  Preisausschreiben  der  Lingnerstiftu  n  g  (vergl. 
d.  W.  1921  S.  658)  über  hygienische  Fragen  für  Schüler  un 
Freistaat  Sachsen  1921  wurde  wiederum  zu  Weihnachten  abgeschlossen.  Es 
stellte  den  höheren  Schulen  von  Untertertia  an  als  Aufgabe:  „Kampf  den 
Genussgiften“  und  „Wie  schütze  ich  mich  und  meine  Kameraden  gegen  den 
Schmutz  in  Wort  und  Bild?“,  den  Berufsschülern:  „Wo  sucht  der  Mensch 
seine  Erholung  und  wo  findet  er  sie?“,  den  Berufsschülerinnen:  Was  kann 
ich  zur  Gesunderhaltung  der  mir  anvertrauten  Kiemen  tun?“,  den^  Volks¬ 
schülern  im  letzten  Schuljahr:  „Du,  Deine  Gesundheit  und  das  Wetter  .  Ver¬ 
teilt  wurden  3  erste  Preise  in  der  Höhe  von  je  150  M„  10  weitere  Preise  zu 
je  100  M.  und  25  dritte  Preise  zu  je  50  M.  Die  Preise  bestanden  in  prak¬ 
tischen  Gegenständen  für  Sport,  Tarnen,  Wandern  bzw.  in  Beschaffungs¬ 
beihilfen  für  Bedarfsstücke  und  grössere  Buchwerke.  Ausserdem  wurden 
noch  40  Bücher  als  Anerkennungen  weiteren  Bearbeitern  zugesprochen.  Die 
Arbeiten  zeigten  wiederum  neben  grossem  Fleiss  und  guten  Kenntnissen  das 
ernste  Streben  bei  unserer  Jugend  nach  tieferer  Lebensauffassung  und  ver¬ 
ständiger  Lebensführung. 

—  Im  preuss.  Ministerium  für  Volkswohlfahrt  wurde  ein  neues  Muster 
für  die  Jahresgesundheitsberichte  der  Kreismedizinalräte  aus¬ 
gearbeitet,  das  in  einer  Beilage  zum  Amtsblatt  des  Ministeriums  der  „Volks¬ 
wohlfahrt“  veröffentlicht  ist.  ... 

—  Im  Haushalt  des  preuss.  Kultusministeriums  waren  800  000  M.  für  die 
Arbeiten  des  Ausschusses  zur  Prüfung  des  F  r  i  e  d  m  a  n  n  sehen  Mittels  ein¬ 
gestellt  worden.  Nach  Antrag  des  Geh.  Rats  Dr.  Lubarsch,  des  Vor¬ 
sitzenden  des  genannten  Ausschusses,  wurde  die  geforderte  Summe  für 
„Tuberkuloseforschung“  bewilligt. 

—  Der  Kampf  der  Rostocker  Aerzteschaft  mit  der 
Allgemeinen  Ortskrankenkasse  hat  nach  14  tägigem  Ringen  mit 
einem  vollen  Erfolg  der  Aerzte  geendet  dank  der  geschlossenen  Einigkeit  der 

Kollegenschaft.  . 

—  Man  schreibt  uns  aus  Wien:  Der  Streik  der  K.a  ssenarzte, 
der  sechs  lange,  bange  Wochen  gedauert  hat,  endigt  mit  einem  v  o  1 1  e  n 
Erfolge  der  Aerzteschaft.  Die  Wirtschaftliche  Organisation  der 
Aerzte  Wiens  hat  den  Kampf  der  Aerzte  mit  grosser  Energie  geführt,  die 
ärztliche  Leitung  des  Volksgesundheitsamtes  mit  Erfolg  in  die  Angelegenheit 
eingegriffen  und  die  Kassenmitglieder  haben  sich  zugunsten  der  Aerzte  aus¬ 
gesprochen.  Der  volle  Dienst  der  Kassenärzte  wurde  bereits  aufgenommen, 
da  die  Hauptbedingungen  erfüllt  sind.  Nunmehr  erhalten  die  jüngsten  Kassen¬ 
ärzte  ca.  600  000  österreichische  Kronen  als  jährliches  Fixum,  einen  Betrag, 
der  trotz  der  Armseligkeit  der  österreichischen  Krone  die  bescheidene  Lebens¬ 
führung  ermöglicht;  über  einige  Verhandlungspunkte  wird  noch  beraten.  K. 

—  Ein  Gesetz  vom  16.  Dezember  1921  ermächtigt  die  österreichische 
Regierung,  privaten  Einrichtungen  der  sozialen  Fürsorge,  bei  denen 
Fürsorgekräfte  in  einer  sie  vorwiegend  beschäftigenden  Weise  beruflich  tätig 
sind,  Zuschüsse  zu  gewähren,  um  die  Dienstbezüge  des  Personals  an  die 
Dienstbezü'ge  des  im  öffentlichen  Dienste  stehenden  Dienstpersonals  anzu¬ 
gleichen.  ,  ,  , 

—  Der  Berliner  Polizeipräsident  hat  gegen  den  bekannten 
Heilanstaltsbesitzer  Paul  Mistelsky  eine  Verfügung  erlassen,  in  der  er 
aufgefordert  wird,  innerhalb  zweier  Wochen  die  Bezeichnung  „Professor 
Dr.  med.  Arzt,  im  Auslande  approbiert,  von  der  deutschen  Regierung  an¬ 
erkannt“,  von  seinen  Namens-  und  Geschäftsschildern,  wie  von  seinen 
Geschäftspapieren  zu  entfernen  und  in  den  öffentlichen  Ankündigungen  seiner 
heilgewerblichen  Tätigkeit  in  der  Presse  die  vorstehend  beanstandeten  Be¬ 
zeichnungen  fortzulassen.  Für  den  Fall,  dass  Mistelsky  dieser  Verfügung 
nicht  innerhalb  der  gestellten  Frist  nachkommen  sollte,  behält  sich  das  Polizei¬ 
präsidium  vor,  das  Publikum  über  die  Nichtberechtigung  Mistelsky  s  zur 
Führung  der  beanstandeten  Titel  öffentlich  durch  die  Tagespresse  zu  belehren. 

—  Prof.  Max  F  1  e  s  c  h  in  Frankfurt  a.  M.  feierte  seinen  70.  Geburtstag. 

—  An  der  Staatsanstalt  für  Krankengymnastik  und 
Massage  in  Dresden  findet  vom  20.  März  bis  8.  April  d.  J.  ein  weiterer 
Lehrgang  für  Aerzte  statt.  Näheres  im  Anzeigenteil  d.  Nr. 

—  Die  Bonner  Röntgenvereinigung  veranstaltet  vom  2.  bis  8.  März  1922 
einen  Röntgenkursus  für  Therapie  und  Diagnostik  unter 
besonderer  Berücksichtigung  der  neuesten  Fortschritte.  Anmeldung  an  Privat¬ 
dozent  Dr.  M  a  r  t  i  u  s  -  Bonn,  Frauenklinik,  Theaterstr.  5.  Zur  Deckung  der 
Unkosten  wird  ein  Betrag  von  150  M.  erhoben. 

—  In  der  Zeit  vom  6.  bis  11.  März  wird  ein  Lehrgang  für  Aerzte 
über  Schulgesundheitspflege  in  Chemnitz  abgehalten.  Der 
Lehrgang  ist  in  erster  Linie  für  diejenigen  Aerzte  Sachsens  bestimmt,  die  als 
Schulärzte  angestellt  sind  oder  später  als  solche  praktisch  tätig  werden 
wollen,  ferner  für  Bezirksärzte.  Anmeldungen  bis  zum  1.  Februar  an  den 
Stadtbezirksarzt  von  Chemnitz,  Stadtobermedizinalrat  Dr.  Hauffe,  Stadt¬ 
haus,  Lange-Strasse  54. 

—  Auf  Anregung  des  uruguayischen  Gesandten  Dr.  G  u  a  r  c  h  finden  im 
März  d.  J.  in  Berlin  unter  Mitwirkung  der  medizinischen  Fakultät  und  der 
Dozentenvereinigung  für  Aerzte  spanischer  und  portugie¬ 
sischer  Zunge  Fortbildungskurse  aus  allen  Gebieten  der 
Medizin  statt.  Besondere  Berücksichtigung  finden  Syphilis,  Tuberkulose,  Herz¬ 
krankheiten,  Strahlenkunde  (Röntgen,  Radium  usw.).  Im  Anschluss  hieran  soll 
bei  genügender  Beteiligung  im  April  eine  ärztliche  Studienreise  durch  Deutsch¬ 
lands  Universitäten  und  Badeorte  unternommen  werden.  Nähere  Auskunft 
erteilt  das  Kaiserin-Friedrich-Haus,  Berlin  NW.  6,  Luisenplatz  2 — 4. 

—  Das  Jodbad  Sulzbrunn  bei  Kempten  ist  aus  dem  Besitz  des 
Roten  Kreuzes  an  eine  G.  m.  b.  H.  übergegangen.  Die  ärztliche  Leitung  ist 
Herrn  Dr.  E.  P  ö  s  c  h  e  1,  bisherigen  Abteilungsarzt  der  Kuranstalt  Neuwittels¬ 
bach  in  München  (Geheimrat  R.  v.  H  ö  s  s  1  i  n)  übertragen. 

—  Die  Richtlinien  für  die  Anwendung  der  Salvarsan- 
präparate  (M.m.W.  1921  S.  1641)  sind  bei  Julius  Springer,  Berlin  W.  9, 
Linkstr.  23/24,  erschienen.  Einzeln  50  Pf.,  100  Stück  30  M.,  300  Stück  55  M., 
500  Stück  80  M. 

—  Cholera.  Lettland.  Vom  15. — 23.  Oktober  v.  J.  wurde  in  der 
Quarantänestation  Riga  1  Erkrankung  festgestellt. 

—  Pest.  Italien.  Am  15.  und  19.  November  v.  J.  wurden  in  Catania 
2  Pestfälle,  davon  1  mit  tödlichem  Verlauf,  festgestellt. 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  8.  bis 
14.  Januar  wurden  2  Erkrankungen  bei  Rückwanderern  in  Frankfurt  a.  O. 
gemeldet.  Nachträglich  wurden  noch  mitgeteilt  für  die  Zeit  vom  25. — 31.  De¬ 
zember  v.  J.  2  Erkrankungen,  und  zwar  in  Heilsberg  (Reg.-Bez.  Königsberg) 
und  in  Eydtkuhnen  (Kreis  Stallupönen,  Reg.-Bez.  Gumbinnen)  je  1;  vom 
1. — 7.  Januar  24  Erkrankungen  in  Frankfurt  a.  O.  —  Oesterreich.  Vom  25. 


bis  31.  Dezember  v.  J.  8  Erkrankungen  in  Wien;  vom  18.  24.  Dezemb' 

v.  J.  noch  1  Erkrankung  in  Linz.  J 

—  Die  Gesamtheit  der  49  deutschen  Orte  mit  100  000  und  mehr  Ei 
wohnern  hatte  im  Jahr  1921  eine  Sterblichkeit  von  12.6,  auf  1000  F.i 
wohner  und  aufs  Jahr  berechnet. 

Hochschulnachrichten.  .  _ 

Berlin.  Der  bisherige  I.  Assistent  am  Hygienischen  Institut  Bast 
Dr.  Alfred  Schnabel,  wurde  zum  Abteilungsleiter  bei  dem  Institut  f 
Infektionskrankheiten  „Robert  Koch“  ernannt. 

B  o  n  n.  Prof.  Dr.  med.  et  phil.  August  P  ü  1 1  e  r,  Privatdozent  f 
Physiologie,  hat  einen  Ruf  als  Abteilungsvorstand  an  das  physiologiscl 
Institut  nach  Kiel  erhalten  und  angenommen.  Er  ist  gleichzeitig  zum  persö 
liehen  Ordinarius  ernannt.  —  Dem  Direktor  der  Psychiatrischen  Klin 
Geh.  Rat  Prof.  Dr.  W  e  s  t  p  h  a  1  ist  das  neugegründete  Ordinariat  f 
Psychiatrie  an  der  Universität  übertragen  worden.  —  Privatdoze 
Dr/  Fischer  hat  zürn  1.  April  1922  einen  Ruf  als  ordentlicher  Professor  f 
Pathologie  an  die  Universität  Rostock  als  Nachfolger  des  Prof.  H  u  e  c  k  e 
halten,  (hk.) 

Breslau.  Die  ärztliche  Prüfungskommission  für  d: 
Prüfungsjahr  1921/22  an  der  Breslauer  medizinischen  Fakultät  ist  wie  fol 
zusammengesetzt:  Vorsitzender:  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  H  ü  r  t  h  1 
sein  Stellvertreter  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  Pfeiffer;  Examinatorei 

1.  für  pathologische  Anatomie  und  allgemeine  Pathologie  Prof.  Dr.  Henk 

2.  Medizinischer  Teil  a):  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Minkowski  und  Prt 
Dr.  Bittorf;  b):  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Pohl;  c):  Geh.  Med.-Rat  Pn 
Dr.  Jadassohn;  d):  Prof.  Dr.  S  t  o  1 1  z.  3.  Chirurgischer  Teil:  a)  bis  c 
Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Küttner  und  Prof.  Dr.  Coenen;  d):  Nachfolg 
des  Prof.  Dr.  Kallius;  e):  Prof.  Dr.  H  i  n  s  b  e  r  g.  4.  Geburtshilflic 
gynäkologischer  Teil:  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Küstner  (bis  zum  Amt 
antritt  seines  Nachfolgers)  und  die  Professoren  Dr.  F  r  ä  n  k  e  1  ui 
Dr.  Hannes  (abwechselnd  miteinander).  5.  Augenheilkunde:  Geh.  Med.-R 
Prof.  Dr.  U  h  t  h  o  f  f  (bis  zum  Amtsantritt  seines  Nachfolgers). 

Greifswald.  Der  Ordinarius  der  inneren  Medizin  Prof.  Dr.  Hermai 
Straub  in  Halle  wurde  in  gleicher  Eigenschaft  an  die  Universität  Greifswa 
versetzt,  (hk.)  —  1242  immatrikulierte  Studierende  zählt  die  Greifswald 
Universität  in  diesem  Winterhalbjahr,  davon  in  der  medizinischen  Fakultät  35 
darunter  83  Studierende  der  Zahnheilkunde,  (hk.) 

Königsberg.  Von  der  medizinischen  Fakultät  der  Universit 
wird  für  das  Jahr  1922  folgende  Preisaufgabe  gestellt:  Es  sollen  d 
Gesundheitsstörungen  durch  Alkoholmissbrauch  —  mit  besonderer  Berüc 
sichtigung  der  psychotischen  und  nervösen  Erscheinungen  — ,  die  seit  Eni 
des  Krieges  in  Deutschland  und  anderen  Ländern  beobachtet  sind,  unter  B 
Ziehung  auf  die  Kriegs-  und  Vorkriegszeit  untersucht  werden  und  gleichzeit 
die  zum  Zwecke  ihrer  Beseitigung  geltenden  und  geplanten  gesetzlichen  ui 
anderen  Massnahmen  bei  uns  und  in  anderen  Ländern  geprüft  werden.  D 
Preisarbeiten  sind  bis  spätestens  zum  18.  Dezember  1922  in  B 
gleitung  eines  versiegelten  Zettels  mit  dem  Namen  des  Verfassers  und  eine 
äusserlich  verzeichnten  Kennwort,  demjenigen  der  Arbeit  selbst  entsprechen 
an  den  zuständigen  Dekan  abzuliefern. 

Leipzig.  Der  Privatdozent  Dr.  Max  Goldschmidt,  Assiste 
an  der  Universitäts-Augenklinik,  wurde  zum  nichtplanmässigen  ausserorder 
liehen  Professor  ernannt. 

Marburg.  Für  die  Nachfolge  von  Prof.  B  e  s  s  a  u  wird  vorgeschlage 
1.  Vogt-  Magdeburg;  2.  Freuden  b  erg  -  Heidelberg;  3.  G  ö  1 1  -  Münch' 
und  Thomas-  Köln. 

München.  Der  a.  o.  Professor  für  Gerichtliche  Medizin  Dr.  Heri 
Merkel  wurde  in  seiner  Eigenschaft  als  Landgerichtsarzt  zum  etat 
mässigen  Obermedizinalrat  (unter  Einreihung  in  Gruppe  XII)  befördert.  • 
ln  einer  eindrucksvollen  Feier  wurden  am  18.  ds.  in  der  Universität  d 
Ehrentafeln  mit  den  Namen  der  im  Kriege  gefallenen  Studierenden  der  Ui 
versität  München  enthüllt. 

Rostock.  Es  habilitierte  sich  für  Augenheilkunde  der  Oberarzt  an  d 
Universitäts-Augenklinik,  Dr.  Triebenstein,  mit  einer  Probevorlesui 
über  „Die  Entstehung  der  Kurzsichtigkeit.“  —  Dem  Privatdozenten  f 
Botanik,  Generaloberarzt  Dr.  Krause,  ist  die  Dienstbezeichnung  als  ausse 
planmässiger  ausserordentlicher  Professor  beigelegt  worden.  —  Nachde 
Prof.  Dr.  S  c  h  u  1 1  z  e,  Prosektor  am  Landkrankenhaus  in  Braunschwei 
den  Ruf  als  ord.  Professor  und  Direktor  des  Pathologischen  Instituts  abg 
lehnt  hat,  ist  Privatdozent  Dr.  Walter  Fischer  in  Bonn  berufen  worde 

Tübingen.  Prof.  Schmincke  in  Graz  hat  einen  Ruf  als  Nachfolg 
von  Prof.  Mönckeberg  als  Ordinarius  für  pathologische  Anatomie  e 
halten. 

Helsdngfors.  Die  Gesellschaft  der  Aerzte  Finnlands  ernann 
Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Th.  A  x  e  n  f  e  1  d  in  Freiburg  i.  Br.  zum  Ehrenmitglie 


Korrespondenz. 

Ueber  die  Kolloidnatur  des  Quecksilbers  bei  der  intravenösen  Injektit 
von  Neosalvarsan-Quecksilbersalzmischungen. 

Zusatz  zu  meiner  Veröffentlichung  in  Nr.  1  dieser  Wochenschrift. 

O  e  1  z  e  —  dermatologische  Klinik  der  Universität  Leipzig  —  macht  mii 
darauf  aufmerksam,  dass  nicht,  wie  aus  meinem  Artikel  hervorgehen  kan 
Lenzmann,  sondern  er  das  Cyarsal  in  die  Therapie  eingeführt  habe. 

O  e  1  z  e  stellte  nach  systematischen  Versuchen  mit  dem  Chemik 
Dr.  B  o  e  d  e  c  k  e  r  -  Tempelhof  synthetisch  eine  Gruppe  einheitlicher  Ve 
bindungen  her,  die  Hg  so  fest  gebunden  enthielten,  dass  es  vom  Salvarsi 
bei  kurzer  Einwirkung  nicht  herauszureissen  war.  Unter  ihnen  erschien  d 
„Cyarsal“,  das  Kaliumsalz  einer  kernmerkurierten  Oxybenzoesäure,  am  best 
geeignet  für  die  Therapie  sowohl  im  allgemeinen,  als  auch,  weil  wegen  d 
eben  genannten  Eigenschaften  die  Mischung  mit  Salvarsan  zunächst  glaskl 
bleibt,  also  genau  so  leicht,  wie  eine  reine  Salvarsanlösung  injiziert  werd 
kann.  So  konnte  O  e  1  z  e  das  Cyarsal  besonders  für  die  Mischspritze  em 
fehlen. 

Bei  dieser  Gelegenheit  möchte  ich  nicht  unerwähnt  lassen,  dass  die  Firr 
Klopfer  nunmehr  ein  flüssiges  kolloidales  Hg-Präparat  in  handlichen  Ar 
pullen  in  den  Handel  bringt.  Sollte  das  Präparat,  wie  ich  hoffe,  haltbar  sei 
glaube  ich,  würde  es  lohnend  sein.  Versuche  mit  ihm  anzustellen,  nicht  n 
bei  Syphilis,  sondern  auch  bei  anderen  infektiösen  Krankheiten. 


Dr.  med.  C.  T  o  1 1  e  n  s, 

=  ..  ■  ~  r ■  ■  i,— ,  ,a 

Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  S.W.  2,  Pani  Heysestr.  26.  —  Druck  von  E.  Mühllhaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  3.—  M.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 
•  •  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  •  .  . 

Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


...  Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung; :  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8^—1  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-  trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinstr.  2/III. 


Medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  5.  3.  Februar  1922. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 

Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 

Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  eich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Preuss.  Polizeischule  für  Leibesübungen  in  Spandau. 
(Sportarzt:  Dr.  med.  H.  Herxheimer.) 

Zur  Wirkung  des  Alkohols  auf  die  sportliche  Leistung. 

Von  Dr.  med.  Herbert  Herxheimer. 

Einleitung. 

Die  Wirkung  des  Alkohols  auf  die  Funktionen  des  Körpers  ist  seit 
langer  Zeit  Gegenstand  eingehender  Forschungen  gewesen.  Bei  Be¬ 
trachtung  der  Ergebnisse  trennt  man  am  besten  zwei  Wirkungsgebiete: 
Das  Nervensystem  und  das  Muskelsystem.  Die  Wirkung  auf  das 
Nervensystem  ist  bekannt  und  kaum  bestritten:  Herabsetzung  der 
sensoriellen  und  intellektuellen  Funktionen  bei  anfänglicher  Steigerung 
der  motorischen.  Ob  das  letztere  die  Folge  zentraler  Erregung  oder 
des  Wegfalles  von  Hemmungen  ist,  kann  ausser  Diskussion  bleiben. 

Schwieriger  ist  die  Entscheidung  der  Frage  nach  der  reinen  Muskel¬ 
wirkung  des  Alkohols.  Hier  sind  es  Ergographenversuche  gewesen, 
die  einen  gewissen  Aufschluss  über  diese  Verhältnisse  gaben.  Die 
grundlegenden  Arbeiten  von  Lombard  [X],  Rossi  [2],  Taver- 
n  a  r  i  3],  Frey  [4l.  Schumburg  [5 1.  S  c  h  e  f  f  e  r  [6j,  Kraepe- 
1  i  n  [7 j  entstanden  in  den  90  er  Jahren.  Ihre  Ergebnisse  lassen  sich 
im  allgemeinen  miteinander  in  Einklang  bringen.  Sie  fanden  im  An¬ 
fang,  kurz  nach  der  Aufnahme,  eine  Steigerung  und  darauf  ein  erheb¬ 
liches  Absinken  der  Leistungen.  Nur  Frey  erhielt  etwas  andere 
Resultate.  Er  fand  die  anfängliche  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit 
nur  am  ermüdeten  Muskel,  nicht  aber  am  frischen. 

1901  konnten  dann  K  r  a  e  p  e  1  i  h  und  0  s  e  r  e  t  z  k  o  w  s  k  y  [8]  die 
Leistung  am  Ergographen  in  zwei  Komponenten  zerlegen,  nämlich 
in  Hubhöhe  und  Hubzahl.  Sie  zeigten,  dass  die  Hubhöhe  —  die  eigent¬ 
liche  Muskelleistung  —  auch  gleich  nach  der  Aufnahme  keine  Stei- ' 
gerung  erfuhr,  während  die  Zahl  der  Hebungen,  die  Hubzahl,  längere 
Zeit  höher  als  vor  der  Aufnahme  blieb  und  dadurch  die  anfängliche 
Steigerung  der  Gesamtleistung  hervorrief,  die  früher  gefunden  worden 
war.  Zu  ähnlichen  Ergebnissen  kam  später  Joteyko  [9],  Sie  führte 
die  Steigerung  der  Hubzahl  darauf  zurück,  dass  sich  die  Erholungsfähig- 
<eit  des  Muskels  bessere.  Hellsten  [10]  fand  bei  Gaben  von  25 
ois  50  ccm  Alkohol  5 — 10  Minuten  nach  der  Aufnahme  Steigerung, 
12  bis  40  Minuten  nachher  Abnahme  der  Leistungsfähigkeit.  Die  Ab- 
lahme  trat  um  so  schneller  und  nachhaltiger  ein,  je  grösser  die  Dosis 
war.  Die  Sekundenarbeit  (analog  der  Hubhöhe)  war  jedoch  durchweg 
geringer.  Später  fand  Hellsten  bei  isometrischer  Muskelarbeit  die 
tnfängliche  Leistungssteigerung  durch  Alkoholaufnahme  bestätigt  [11]. 

Die  Anwendung  all  dieser  Ergebnisse  auf  die  Praxis  der  körper- 
ichen  Arbeit,  und  zwar  der  Arbeit  des  Sportmannes  scheint  leicht,  da 
>ie  ziemlich  eindeutig  sind.  Sie  besagen  im  grossen  und  ganzen,  dass 
ier  Alkohol  kurz  nach  der  Aufnahme  die  Leistung  dadurch  steigert, 
lass  zwar  nicht  die  Kraft  des  Muskels  bei  der  einzelnen  Zusammen¬ 
stellung  zunimmt,  aber  ihm  mehr  Willensimpulse  in  der  Zeiteinheit  zu¬ 
geführt  werden.  Man  findet  denn  auch  in  Spörtkreisen  und  in  populären 
5portlehrbüchern  die  Ansicht  vertreten,  dass  der  Alkohol  im  allgemeinen 
5war  schädlich,  aber  in  kleinen  Mengen  kurz  vor  dem  Wettkampf  zu¬ 
weilen  empfehlenswert  sei.  Gestützt  wird  diese  durch  die  angenehm 
wirkende  Beseitigung  des  Ermüdungsgefühls,  die  der  Alkohol  im  Ge- 
iolge  hat. 

Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  dass  die  sportliche  Betätigung  nicht 
ihne  weiteres  mit  Ergographenversuchen  verglichen  werden  kann.  Zu- 
lächst  sind  bei  den  letzteren  nur  wenige,  bei  der  ersteren  dagegen 
die  Muskelgruppen  des  Körpers  tätig  —  ein  wesentlicher  quantitativer 
Jnterschied.  Dann  aber  spielen  die  zentralen  Einflüsse  von  seiten  des 
'lervensystems  bei  der  sportlichen  Arbeit  eine  grössere  Rolle  und  sind 
.-on  der  reinen  Muskelarbeit  gar  nicht  zu  trennen. 

Es  lag  nun  nahe,  zu  untersuchen,  ob  tatsächlich  der  Alkohol  für  die 
sportliche  Leistung  unter  gewissen  Bedingungen  von  Vorteil  sein  kann. 
Exakte  Versuche  darüber  sind  bisher  nicht  angestellt  worden. 

J  u  r  i  g  [12]  fand,  dass  der  Alkohol  bei  Bergsteigern  die  Arbeitsleistung 
/erringerte.  Er  führte  das  grossenteils  auf  das  unrationelle  Arbeiten 
ier  menschlichen  Maschine  infolge  der  leichten  Koord'inationsstörungen 
airück. 

Für  uns  konnten  nur  solche  Arten  sportlicher  Arbeit  in  Frage 
iommen,  die  sehr  kurze  Zeit  dauerten,  die  ferner,  unmittelbar  nach  der 
Ukoholaufnahme  ausgeführt,  nur  den  anfänglichen  leistungssteigernden 
Einfluss  des  Alkohols  zeigen  konnten  und  vor  dem  Eintritt  der  lähmen- 

Nr.  5. 


den  Wirkung  beendet  waren.  (Die  Uebung  Durigs,  das  Bergsteigen, 
erscheint  infolge  ihrer  längeren  Dauer  dafür  nicht  geeignet.)  Die 
betr.  Uebung  musste  ferner  auch  technisch  einfach  sein  und  keine  zu 
grossen  Anforderungen  an  die  Koordinationsfähigkeit  der  Muskulatur 
stellen.  Der  Einfluss  von  seiten  des  Zentralnervensystems  musste 
möglichst  gering  sein. 

Ausscheiden  kann  für  unsere  Untersuchungen  die  Beeinflussung 
des  ermüdeten  oder  erschöpften  Körpers.  Denn  erstens  tritt  der  Kör¬ 
per  an  sportliche  Leistungen  in  frischem',  ausgeru'htem  Zustande  heran, 
und  zweitens  wird  bei  ermüdetem  Körper  die  Alkoholwirkung  noch  von 
anderen  Faktoren  beeinflusst.  Dazu  gehört  die  Beseitigung  des 
Ermüdungsgefühls  und  die  Zufuhr  von,  wenn  auch  geringen.  Mengen 
Brennmaterial  nach  den  erschöpften  Geweben. 

Als  Uebungsart,  die  den  oben  geschilderten  Anforderungen  ent¬ 
sprach,  wurde  der  100-m-Lauf  gewählt.  Er  ist  eine  sehr  konzentrierte 
Arbeitsleistung,  die  nur  12 — 13  Sekunden  dauert  und  die  auch  —  als 
reiner  Lauf  —  keine  grossen  Anforderungen  an  die  Koordinationsfähig¬ 
keit  stellt. 

Die  Methodik  der  Versuche  bedarf  eingehender  Schilderung. 

Allgemeines  zur  Methodik. 

Experimentelle  Untersuchungen  bei  sportlichen  Leistungen  sind 
sehr  schwierig,  wenn  man  ein  exaktes  Ergebnis  erhalten  will.  Die 
Verhältnisse  sind  ganz  andere  als  beim  Laboratoriumsversuch,  bei  dem 
man  alle  Nebenumstände,  die  für  den  Ausfall  des  Versuches  mit  in 
Frage  kommen,  zu  einem  erheblichen  Teil  auszuschalten  in  der  Lage 
ist.  Beim  Experiment  mit  der  sportlichen  Arbeit  der  Praxis  lässt  sich 
das  nicht  durchführen,  denn  die  äusseren  Verhältnisse  gestatten  meist 
nicht  eine  lange  und  vorsichtige  Auswahl  der  Versuchspersonen  und 
eine  Ausdehnung  der  Versuche  an  den  gleichen  Menschen  über  lange 
Zeiträume  hinaus.  Im  Gegenteil,  der  Untersuchende  muss  zufrieden 
sein,  wenn  ihm  überhaupt  Zeit  und  Gelegenheit  zu  Untersuchungen  ge¬ 
geben  wird,  denn  es  handelt  sich  ja  hier  nicht  um  Kranke,  sondern 
um  Gesunde,  deren  Neigung  zu  wiederholten  Untersuchungen  irgend¬ 
welcher  Art  nicht  eben  gross  ist. 

So  kommt  es,  dass  eine  Unzahl  von  Faktoren  bei  den  Experimenten 
auf  allen  sportlichen  Gebieten  mitspricht.  Wir  können  von  ihnen 
nur  einen  geringen  Teil  ausschalten. 

Um  ein  exaktes  Ergebnis  zu  erhalten,  muss  deshalb  ein  anderer 
Weg  eingeschlagen  werden:  Die  Wirkung  der  nicht  auszuschaltenden 
Faktoren  muss  erforscht  und  in  Rechnung  gestellt  werden,  was  bei 
ihrer  Vielheit  nicht  ganz  leicht  ist.  Aus  diesem  Grunde  wird  sich  die 
Einleitung  zu  jeder  derartigen  Untersuchung  eingehend  mit  der  an¬ 
gewandten  Methodik  zu  beschäftigen  haben,  damit  der  Leser  sieht, 
welche  Nebenumstände  berücksichtigt  sind;  fehlt  auch  nur  ein  einziger, 
einigermassen  bedeutender  Faktor  von  den  vielen,  so  kann  das  Er¬ 
gebnis  mit  Recht  angezweifelt  werden.  Die  Art  und  Zahl  dieser  Kom¬ 
ponenten  ist  übrigens  bei  jeder  Art  körperlicher  Uebung  völlig  ver¬ 
schieden. 

Für  den  Untersuchenden  ist  es  von  grossem  Vorteil,  wenn  er  die 
Uebungen,  mit  welchen  er  experimentiert,  selbst  beherrscht;  nur  dann 
ist  er  in  der  Lage,  wirklich  vom  wissenschaftlichen  Standpunkt  aus  be¬ 
urteilen  zu  können,  was  berücksichtigt  werden  muss. 

Die  nachfolgenden  Untersuchungen  beziehen  sich,  wie  oben  er¬ 
wähnt,  zum  grossen  Teil  auf  den  lOOm-Lauf,  eine  Uebung,  die  zum 
Gebiet  der  sog.  Leichtathletik  gehört,  und  die  sich  seit  langen  Jahren 
grosser  Beliebtheit  und  Verbreitung  in  allen  Ländern  erfreut,  in  denen 
Leichtathletik  getrieben  wird.  Es  ist  eine  Schnelligkeitsübung,  deren 
Dauer  sehr  kurz  ist,  und  welche  Konzentrierung  aller  verfügbaren 
Körperkraft  und  Gewandtheit  auf  einen  sehr  kurzen  Zeitraum  verlangt. 
Die  deutsche  Bestleistung  ist  10,5  Sekunden,  die  Weltbestleistung 
10,2  Sekunden.  Bei  dem  gesunden  Mann  von  Durchschnittskonstitution 
zwischen  18  und  32  Jahren  werden  in  Deutschland  gegenwärtig  13,4  Se¬ 
kunden  als  Zeichen  guter  körperlicher  Allgemeindurchbildung  an¬ 
erkannt. 

Zunächst  sollen  hier  die  Umstände  besprochen  werden,  welche  auf 
den  Ausfall  der  Versuche  einwirkten.  Es  sind  zu  unterscheiden  Fak¬ 
toren,  die  ausserhalb  der  Versuchspersonen  liegen  und  solche,  deren 
Grösse  durch  den  körperlichen  oder  geistigen  Zustand  der  Versuchs¬ 
personen  selbst  bestimmt  wird. 

Aeussere  Faktoren. 

1.  Laufbahn:  Bei  unseren  Versuchen  wurde,  wie  fast  überall 
üblich,  auf  einer  Aschenbahn  gelaufen,  und  zwar  fast  immer  auf  der¬ 
selben.  Von  dem  Zustand  der  Bahn  wird  die  Zeit  des  Laufes  beein- 


144 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


flusst.  Je  nachdem  die  Bahn  härter,  weicher,  elastischer  odei  weniger 
elastisch  ist,  wird  die  erzielte  Zeit  besser  oder  schlechter.  Der  Zustand 
der  Bahn  wechselt  mit  der  Feuchtigkeit  des  Erdbodens,  also  mit  der 
Witterung.  Da  sich  die  Versuche  über  viele  Wochen  erstreckten, 
konnte  eine  Qleichmässigkeit  der  Bahn  nicht  erzielt  werden.  Die  Ein¬ 
wirkung  kann  auch  nicht  zahlenmässig  errechnet  werden.  Sie  muss 
deshalb  dadurch  ausgeschaltet  werden,  dass  jeder  einzelne  Versuch  tur 
sich  Resultate  ergibt  und  die  Möglichkeit  zur  Kontrolle  bietet,  Für 
einen  Versuch,  der  sich  nur  über  kurze  Zeit  erstreckt  —  etwa  30  — - 
ist  der  Zustand  der  Bahn  praktisch  gleichmässig.  So  lassen  sich  die 
innerhalb  eines  solchen  Zeitraumes  angestellten  Versuche  -  eine  ver¬ 
suchsgruppe  —  in  ihren  Resultaten  miteinander  vergleichen. 

2.  Wind:  Seine  Rolle  ist  noch  wichtiger  für  die  absolute  Zeit  des 
Laufes.  Selbst  bei  kleinen  Unterschieden  in  der  Stärke  und  Richtung 
des  Windes  kann  die  Differenz  der  erzielten  Zeiten  über  1  Sekunde 
betragen,  was  bei  der  100-m-Strecke,  wo  es  auf  Zehntelsekunden  an¬ 
kommt,  recht  viel  ist.  Da  der  Wind  ja  täglich  und  stündlich  wechselt, 
kommt  zur  Ausschaltung  seiner  Wirkung  nur  das  unter  1  schon  Ge¬ 
sagte  in  Frage:  Nur  die  innerhalb  einer  Versuchsgruppe  erzielten  Er¬ 
gebnisse  können  mit  Recht  miteinander  verglichen  werden. 

3.  Tageszeit:  Der  Einfluss  der  Tageszeit  (in  diesem  Begriff  ver¬ 
einigen  sich  mehrere  Komponenten)  ist  verhältnismässig  gering.  Er 
wurde  dadurch  ausgeschaltet,  dass  alle  Versuche  um  die  gleiche  Tages¬ 
zeit  stattfanden,  nämlich  um  9  Uhr  vormittags. 

4.  Witterung:  Grösser  ist  der  Einfluss  der  Witterung.  Sowohl 

Temperatur  als  auch  Luftfeuchtigkeit  und  Luftdruck  üben  eine  Wir¬ 
kung  aus:  die  beiden  ersten  wahrscheinlich  direkt  auf  die  Muskelarbeit, 
der  letztere  mehr  auf  die  geistige  Verfassung.  Die  beiden  ersten  konn¬ 
ten  wirksam  mit  Hilfe  der  unter  1  und  2  geschilderten  Massnahmen 
ausgeschaltet  werden.  Die  Einwirkung  der  Witterung  auf  die  Stim¬ 
mung  der  Versuchspersonen  ist  jedoch  bei  den  einzelnen  Ver¬ 
suchspersonen  so  verschieden,  dass  eine  genaue  Ausschaltung  dieser 
Fehlerquelle  nicht  erreicht  werden  konnte,  zumal  sich  der  Grad  der 
Einwirkung  nach  dem  Stande  unserer  Kenntnisse  darüber  nicht  er- 
rechnen  lässt  *  # 

5.  Messinstrumente:  Die  Messinstrumente  können  leicht 
Anlass  grosser  Irrtümer  werden.  Die  gebräuchlichen  Stoppuhren  sind 
sehr  empfindlich  und  gehen  oft  ungleichmässig.  Sie  wurden  deshalb 
vor  jedem  Versuch  verglichen.  Ausserdem  erfordert  das  Zeitnehmen 
Uebung,  da  es  sich  um  geringe  Zeitdifferenzen  handelt.  Aus  diesem 
Grunde  habe  ich  das  Zeitnehmen,  das  ich  seit  langen  Jahren  praktisch 
oft  ausgeführt  habe,  immer  selbst  vorgenommen. 

Innere  Faktoren. 

6.  Das  Wettkampfmoment.  Erfahrungsgemäss  ist  es  ein 
grosser  Unterschied!,  ob  ein  Läufer  allein  läuft  oder  mit  einem  Kon¬ 
kurrenten.  Die  erzielte  Zeit  ist  wesentlich  kürzer,  sobald  ein  Wett¬ 
kampf  zwischen  beiden  entsteht,  und  zwar  ist  sie  um  so  besser,  je 
schärfer  der  Wettkampf  ist,  d.  h.  je  näher  sich  die  Kämpfer  auf  der 
Strecke  sind.  Ein  guter  Läufer  wird  also  eine  gute  Zeit  laufen,  wenn 
er  mit  einem  Konkurrenten  zusammen  startet,  der  etwa  ebenso  gut  läuft 
wie  er  selbst.  Er  wird  aber  wesentlich  schlechter  laufen,  wenn  er  mit 
einem  viel  schlechteren  Konkurrenten  zusammengestellt  wird.  Die 
Ausschaltung  dieser  Fehlerquelle  wurde  dadurch  versucht,  dass  immer 
dieselben  Versuchspersonen  zusammen  liefen  —  es  waren  meist  Grup¬ 
pen  zu  dreien.  Ganz  auszuschalten  war  er  nicht,  da  auch  innerhalb 
der  einzelnen  Gruppen  der  eine  oder  andere  einmal  einen  schlechten 
Tag  hatte  und  den  beiden  anderen  infolgedessen  keinen  so  scharfen 
Kampf  bot. 

7.  Arbeitsleistung  vor  dem  Versuch:  Als  wichtig  er¬ 
wies  sich  auch  das  Mass  der  vor  dem  Versuch  geleisteten  Arbeit.  Die 
Versuchspersonen  waren  Teilnehmer  an  einem  Kursus,  durch  den  sie 
als  Sportlehrer  ausgebildet  werden  sollten.  Sie  wurden  körperlich 
sehr  stark  in  Anspruch  genommen.  An  den  Versuchstagen  lagen  je¬ 
doch  keine  Anstrengungen  in  der  Zeit  vor  dem  Versuch,  zumal  dieser 
immer  um  9  Uhr  vormittags  stattfand.  Es  zeigte  sich  ferner,  dass 
auch  die  Anstrengung  vom  Tage  vorher  nachwirkte,  wenn  sie  einmal 
besonders  gross  gewesen  war.  Da  dieser  Umstand  sich  aber  gleich¬ 
mässig  bei  allen  Versuchspersonen  geltend  machte,  konnte  seine  Ein¬ 
wirkung  wie  unter  1  und  2  ausgeschaltet  werden. 

8.  Geschlechtsverkehr:  Infolge  der  starken  körperlichen 
Anstrengung  war  das  Bedürfnis  nach  Geschlechtsverkehr  bei  den  Ver¬ 
suchspersonen  gering,  ebenso  die  Lust  zu  irgendwelchen  besonderen 
Ausschweifungen  in  Baccho.  Von  dieser  Seite  waren  also  keine  oder 
nur  sehr  selten  Störungen  zu  erwarten,  die  bei  der  grossen  Zahl  der 
Versuche  nicht  ins  Gewicht  fallen. 

9.  Allgemeiner  Kräftezustand:  Der  allgemeine  Kräfte¬ 
zustand  erwies  sich  als  bedeutender  Faktor,  da  er  bei  den  einzelnen 
Versuchspersonen  verschieden  war  und  vor  allen  Dingen  verschieden 
stark  wechselte.  Dieser  Wechsel  vollzog  sich  jedoch  glücklicherweise 
ziemlich  langsam,  d.  h.  im  Verlauf  mehrerer  Wochen,  so  dass  er  nicht 
allzu  sehr  störte.  Nur  gegen  Ende  des  Kursus,  wo  sich  die  starken 
körperlichen  Anstrengungen  während  12  Wochen  durch  Uebertraining 
bemerkbar  machten,  traten  die  Unterschiede  durch  den  verschieden¬ 
artigen  Wechsel  im  Kräftezustand  der  einzelnen  Versuchspersonen  deut¬ 
licher  in  Erscheinung.  Aus  diesem  Grunde  wurden  die  Versuche  an 
diesen  Leuten  abgebrochen,  da  die  Ausschaltung  dieses  allzu  stören¬ 
den  Einflusses  nicht  möglich  schien. 

10.  Laune:  Die  Stimmung  des  einzelnen  spricht  bei  dem  Resultat 
des  Laufes  ebenfalls  mit.  Da  sie  bei  jedem  einzelnen  verschieden 


wechselt  —  die  Witterung  spielt  hier,  wie  oben  erwähnt,  eine  gewisse 
Rolle  —  und  ihre  Einwirkung  nicht  errechnet  werden  kann,  ist  sie  in.  E. 
nicht  ganz  auszuschalten.  Sie  ist  deshalb  eine  der  praktisch  '"gn- 
tigsten  Fehlerquellen  und  ihre  Wirkung  nur  durch  eine  möglichst  giosse  ^ 
Anzahl  von  Versuchen  unschädlich  zu  machen. 

11.  Ein  weiterer  Faktor  ist  die  Uebung:  Ein  Ungeübter  wird 
anfangs  schlechte  Zeiten  erzielen  und  seine  Leistung  mit  fortschreiten¬ 
der  Uebung  allmählich  verbessern.  Bei  den  Kurzstreckenläufern  ist  es  - 
aber  nicht  so  wie  bei  manchen  anderen  Uebungen,  dass  die  ver¬ 
bessernde  Wirkung  des  Trainings  anhält  und  dadurch  zu  einer  ständig 
fortschreitenden  Verbesserung  der  Leistung  führt.  Wenn  vielmehr  nach 
einiger  Zeit  eifrigen  Trainings  eine  bestimmte  Höhe  der  Leistung  er-  I 
reicht  ist,  dann  bleibt  sie  stehen,  verbessert  sich  nicht  mehr  und  ,5 
schwankt  nur  etwas  nach  oben  und  unten.  Um  eine  Störung  der  Ver-  J 
Suchsergebnisse  von  dieser  Seite  zu  vermeiden,  wurden  deshalb  nur 
solche  Leute  ausgewählt,  die  längst  über  das  Anfangsstadium  hinaus  ’• 
und  deren  Leistungen  infolgedessen  stetige  waren. 

Die  Versuche. 

Unter  Berücksichtigung  aller  dieser  Dinge  wurde  die  Versuchs-^ 
anordnung  folgendermassen  getroffen:  Es  wurden  zunächst  31  Leute  • 
ausgewählt,  deren  Leistung  gut  war  oder  wenigstens  auf  dem  Durch- 
Schnittsniveau  stand  und  von  denen  man  annehmen  durfte,  dass 
ziemlich  gleichmässig  sein  würde.  Die  Leistung  dieser  31  Leute  im« 
IOU-m-Lauf  wurde  unter  den  oben  angeführten  Kautelen  4  mal  bei 
einigen  nur  3 mal  —  festgestellt:  d.  h.  jedesmal  um  die  gleiche  Zeit 
(9  Uhr  vormittags)  und  so,  dass  immer  die  gleichen  Leute  miteinander 
liefen.  Es  stellte  sich  heraus,  dass  tatsächlich,  wenn  die  ausseren  Um¬ 
stände,  insbesondere  der  Wind,  etwa  gleich  waren,  die .  Leistungen* 
der  einzelnen  Leute  recht  gleichmässig  ausfielen.  Sie  differierten  meist 
nur  um  wenige  Zehntelsekunden. 

Diese  4  malige  Prüfung  bildete  die  Grundlage  der  späteren  Ver¬ 
suche.  Aus  ihrem  Resultate  wurde  sowohl  die  bisherige  Durchschnitts¬ 
leistung  wie  die  Bestleistung  errechnet.  Hatte  z.  B.  P.  die  100  m 
2  mal  in  12,7  Sek.  und  2  mal  in  je  12,9  Sek.  durchlaufen,  so  betrug 
seine  Bestleistung  12,7  Sek.,  seine  Durchschnittsleistung  12,8  Sek. 
Auf  diese  Werte  wurden  die  späteren  unter  dem  Einfluss  von  Alkohol 
gewonnenen  Ergebnisse  bezogen. 

Wie  oben  erwähnt,  ist  es  wegen  der  Verschiedenheit  der  äusseren 
Umstände  nicht  möglich,  die  absoluten  Leistungen  eines  einzigen  Läu¬ 
fers  an  verschiedenen  Tagen  miteinander  zu  vergleichen.  Es  musste  . 
deshalb  eine  ganze  Reihe  von  Versuchen  am  gleichen  Tage  und  zur 
gleichen  Tageszeit  ausgeführt  werden.  Die  so  an  verschiedenen  Leu¬ 
ten  unter  gleichen  äusseren  Bedingungen  gewonnenen  Ergebnisse 
lassen  sich  mit  Erfolg  vergleichen  und  auch  mit  den  früheren  Leistungen 
in  Beziehung  bringen.  Es  wurde  deshalb  folgendermassen  verfahren: 
An  einem  Morgen  liefen  12  Mann  100  m.  Von  ihnen  erhielten  6  Mann 
—  also  die  Hälfte  —  Alkohol,  die  anderen  6  einen  Scheintrank,  von 
dem  sie  infolge  vorheriger  mündlicher  Belehrung  die  gleiche  Wirkung 
wie  von  dem  Alkohol  erwarteten,  nämlich  eine  Anregung.  Eine  ev. 
vorhandene  Autosuggestion  musste  sich  dann  gleichmässig  bei  allen 
Versuchspersonen  geltend  machen.  Von  allen  12  war  die  Durchschnitts¬ 
leistung  und  die  Bestleistung  bekannt.  Ergab  sich  nun,  dass  die  6  Leute, 
die  Alkohol  bekommen  hatten,  unter  ihrer  Durchschnittsleistung  blieben, 
die  Leute  ohne  Alkohol  dagegen  ihre  Durchschnittsleistung  erreichten, 
so  war  damit  eine  nachteilige  Wirkung  des  Alkohols  erwiesen.  Es  wurde 
also  nicht  die  Beziehung  der  jetzigen  Leistung  des  einzelnen  zu 
seiner  Durchschnittsleistung  festgestellt,  sondern  der  Unterschied  der 
jetzigen  Leistung  einer  Mehrzahl  von  Leuten  im  Gegensatz  zu  ihrer 
bisherigen  Best-  und  Durchschnittsleistung  gestellt. 

Durch  dies  Verfahren,  das  nur  Durchschnittsleistungen  berück¬ 
sichtigt,  werden  alle  möglichen  Fehler  in  ihrer  Bedeutung  erheblich 
herabgesetzt.  Da  mit  diesen  31  Personen  eine  genügend  grosse  Anzahl 
von  Versuchen  angestellt  werden  konnte,  die  zu  einzelnen  Versuchs- 
gruppen  zusammengefasst  wurden,  so  kann  die  eingeschlagene  Methode 
als  genügend  objektiv  angesprochen  werden. 

Die  Menge  Alkohol,  die  gegeben  wurde,  betrug  7  g  96  proz.  Alkohol 
in  wässriger  Lösung,  die  etwas  aromatisch  gemacht  war.  Diese  Menge 
Alkohol  entspricht  etwa  der  in  einem  mittelgrossen  Likörglas  enthal¬ 
tenen  Menge.  Sie  erscheint  im  Verhältnis  zu  den  von  K  r  a  e  p  e  H  n  und 
Hellsten  u.  a.  verwandten  Mengen  etwas  gering.  Nach  den  Resul¬ 
taten  H  e  1 1  s  t  e  n  s  und  nach  den  allgemeinen  pharmakologischen  Er¬ 
fahrungen  war  aber  anzunehmen,  dass  das  anfängliche  Erregungs- 
stadium  um  so  deutlicher  hervortreten  würde,  je  geringer  die  an¬ 
gewandte  Menge  war.  Bei  grösseren  Dosen  war  zu  befürchten,  dass 
das  Stadium  der  Leistungssteigerung  zu  kurz  sein  würde,  um  im  Ver¬ 
lauf  des  Versuches  zum  Ausdruck  kommen  zu  können. 

Aus  dem  gleichen  Grunde  wurde  der  Zeitabstand  zwischen  Ein¬ 
nahme  von  Alkohol  und  Leistung  sehr  gering  bemessen.  4 — 6  Minuten 
nach  der  Einnahme  fand  der  100  m-Lauf  statt,  ln  dieser  Zeit  musste 
also  eine  Leistungssteigerung  von  praktischer  Bedeutung  zur  Be¬ 
obachtung  kommen,  wenn  sie  überhaupt  vorhanden  war. 

Versucht.  18.  Vlll.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Ba.,  Wü„  Gn.,  Fe.. 
Scheintrank  Sa.,  Pu.,  Ra.,  Bau. 

Ergebnis: 

Es  brauchten  alle  schlechtere  Zeiten: 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,27  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,25  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,22  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,14  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 


3.  Februar  1 922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


145 


Versuch  2.  22.  VIII.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Pu.,  Bau.,  Ku., 

Wi„  Ra.,  Scheintrank  Sa.,  ün.,  Ba„  Wti.,  Pe. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,38  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,08  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,21  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,01  Sek.  besser  als  Durchschnittsleistung. 

Versuch  3.  23.  VIII.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Ho.,  St.,  Je.,  Go., 
Th.,  Scheintrank  Kr.,  Lo.,  Ha.,  Ro.,  Hä. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,34  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,04  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,09  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,08  Sek.  besser  als  Durchschnittsleistung. 

V  e  r  s  u  c  h  4.  24.  VIII.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Ge„  Bl.,  Sch.,  Sa., 
Ba„  Wü.,  Kr.,  Scheintrank  Br.,  Be.,  Ku.,  Bau.,  Gn„  KL,  Pu. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,81  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,59  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,64  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,40  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung 

V  e  r  s  u  c  h  5.  25.  VIII.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Thi„  Ha..  Lo., 

Kr.,  Ro„  Scheintrank  Ho.,  St.,  Th.,  Go„  Hä.,  Je. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,70  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,65  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,48  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,41  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Diese  Versuche  fanden  im  Sommer  statt.  Obwohl  ihr  Ergebnis 
ziemlich  eindeutig  ist,  wurden  im  Winter  zur  Kontrolle  ähnliche  Ver¬ 
suche  beim  Schwimmen  angestellt.  Die  verlangte  Leistung  betrug 
100-m-Schwimmen ;  dies  entspricht  etwa  dem  400-m-Lauf.  Die  Leistung 
war  also  grösser  als  die  bisher  verlangte.  Die  Fehlerquellen  wurden 
malog  der  oben  geschilderten  Art  und  Weise  in  Rechnung  gestellt  bzw. 
tusgeschaltet.  Die  Versuchspersonen  waren  andere  als  vorher. 

Versuch  6.  28.  XI.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  We„  Sch.,  Ra.,  Gii., 
scheintrank  Me.,  Br.,  Kö.,  Ri. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  2,75  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  2,3  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung. 

Die  Leute  mit  Alkohol  0,8  Sek.  besser  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  1,9  Sek.  besser  als  Durchschnittsleistung. 

Versuch  7.  5.  XII.  1921.  Es  erhielten  Alkohol  Kö.,  Sehr,  Ri,  Br. 
't>cheintrank  Schw.,  Schi.,  Gü„  Ra. 

Ergebnis: 

Die  Leute  mit  Alkohol  4,0  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung 

Die  Leute  ohne  Alkohol  2,5  Sek.  schlechter  als  Höchstleistung 

.  Die  Leute  mit  Alkohol  1,2  Sek.  schlechter  als  Durchschnittsleistung. 

Die  Leute  ohne  Alkohol  0,02  Sek.  besser  als  Durchschnittsleistung. 

Fassen  wir  diese  Ergebnisse  ins  Auge,  so  müssen  wir  zunächst 
eststellen,  dass  die  Durchschnittsleistung  für  uns  sehr  viel  wertvoller 
st  als  die  Bestleistung  (Höchstleistung).  Denn  bei  Individuen  mit 
stärkeren  Schwankungen  in  der  Leistung  gibt  die  bisherige  Durch- 
ichnittsleistung  einen  besseren  Anhalt  darüber,  was  von  ihm  im 
Ukoholv ersuch  erwartet  werden  kann  als  die  nur  ein  einzigesmal  er- 
eichte  Bestleistung. 

Wir  sehen,  dass  die  Differenzen  zwischen  der  Leistung  im  Ver¬ 
lieh  und  der  bisherigen  Durchschnittsleistung  ein  vollkommen  ein- 
teutiges  Bild  ergeben.  Be;  der  Bestleistung  ist  es  nicht  in  diesem 
/lasse  der  Fall,  obwohl  sich  auch  hier  meistens  das  gleiche  Verhältnis 
indet.  Jedesmal  erzielten  die  Alkoholleute  ein  schlechteres  Ergebnis 
ls  die  Kontrolleute.  In  Versuch  1  und  5  sind  die  Unterschiede  gering 
iber  deutlich,  in  Versuch  2,  3  und  4  sehr  erheblich.  Hier  sind  die 
.cute  ohne  Alkohol  durchschnittlich  2  Zehntel  Sekunden  besser  ge¬ 
rufen,  als  die,  welche  Alkohol  bekommen  hatten.  Dies  entspricht  auf 
er  Laufbahn  dem  recht  bedeutenden  Abstand  von  etwa  2  m.  Die 
Ukoholleute  sind  also  durch  ihn  stark  beeinträchtigt  worden.  Bei  den 
schwimm  versuch  en  (6  und  7)  sehen  wir  das  entsprechende  Bild. 

Wie  haben  wir  uns  nun  diese  nachteilige  Wirkung  des  Alkohols 
u  erklären,  trotzdem  seine  Menge  sehr  gering  war  und  er  fast  un¬ 
mittelbar  vor  der  Arbeitsleistung  genommen  wurde,  die  Bedingungen 
Llr  das  Auftreten  des  leistungssteigernden  Stadiums  also  äusserst 
mistig  waren?  Unsere  Ergebnisse  stehen  im  Widerspruch  zu  den 
Tgographen versuchen.  Dieser  Widerspruch  ist  aber  vielleicht  nur 
ch einbar:  Die  Ergographenarbeit  darf  eben  nicht  ohne  weiteres  mit 
er  sportlichen  Arbeit  verglichen  werden.  Der  Unterschied  ist  quanti- 
ftiv  und  qualitativ  sehr  »gross,  und  man  könnte  sich  vorstellen  dass 
ic  Grosse  der  einzelnen  Muskelkontraktion,  auf  die  es  beim  Schnell- 
iuf  sehr  ankommt,  vom  Alkohol  so  herabgesetzt  wird,  dass  diese 
erabsetzung  die  anfängliche  Steigerung  der  Zahl  der  Kontraktionen 
Verwiegt.  Wahrscheinlicher  erscheint  mir  jedoch,  dass  leichte  Koordi- 
ationsstörungen  die  Leistung  schädlich  beeinflussen,  wie  dies  schon 
'  u  r  i  g  angenommen  hat.  Es  soll  hier  nicht  bestritten  werden,  dass 
ei  einer  technisch  so  leichten  und  quantitativ  so  geringen  Arbeit 
•  ie  am  Ergographen  zunächst  ein  leistungssteigerndes  Stadium  eintritt. 
portliche  Arbeit  lässt  sich  aber  nicht  so  gering  dosieren;  sie  wird 
nmer  grössere  Anspräche  an  die  Koordinationsfähigkeit  der  Muskeln 
teilen  und  auch  quantitativ  stärker  ausfallen.  Bei  ihr  wird  wahr¬ 
scheinlich  das  anfängliche  leistungssteigernde  Stadium  von  den 
istungshemmenden  Alkoholwirkungen  verdeckt. 

Zusammenfassung. 

1.  Unter  genauen  Kautelen  am  100-m-Laufen  und  am  100-rri- 
chwimmen  ausgeführte  Versuche  ergaben,  dass  die  Einnahme  selbst 


ganz  geringer  Alkoholmengen  kurz  vor  der  sportlichen  Arbeit  die 
Leistung  beeinträchtigt. 

2.  Hieraus  ergibt  sich  die  Unrichtigkeit  der  weitverbreiteten 
Meinung  von  dem  Nutzen  geringer  Alkoholmengen  kurz  vor  der  An¬ 
strengung. 

Literatur. 

1.  Lombard:  Journal  of  Physiol.  1892.  Vol.  13.  —  2.  Rossi: 
Rivista  sperimentale  di  freniatria.  2U.  1894.  —  3.  Tavernari:  Ebenda. 
23.  1897.  —  4.  Frey:  Mitteilungen  aus  Kliniken  und  medizinischen  Instituten 
der  Schweiz  1896,  4.  Reihe.  —  5.  Schumburg:  Ueber  die  Bedeutung  von 
Kola,  Kaffee,  Tee;  Matd  und  Alkohol  für  die  Leistung  des  Muskels.  Arch. 
f.  Anat.  u.  Phys.  Physiol.  Abt.  Supplementband  1899.  —  6.  Sch  eff  er: 
Studien  über  den  Einfluss  des  Alkohols  auf  die  Muskelarbeit.  Arch.  f.  exper. 
Path.  1900,  44.  —  7.  Kraepelin:  Ueber  die  Beeinflussung  einiger  ein¬ 
facher  psychischer  Vorgänge  durch  einige  Arzneimittel.  Jena  1892.  — • 
8.  Kraepelin:  Psychologische  Arbeiten  1901,  3.  —  9.  Joteyko:  Travaux 
Inst.  Solvay.  6.  Fase.  4.  1904.  —  10.  Hellsten:  Ueber  den  Einfluss  von 
Alkohol,  Zucker,  Tee  auf  die  Leistungsfähigkeit  des  Muskels.  Skand.  Arch.  f. 
Physiol.  1904,  16.  —  11.  Hellsten:  Ueber  die  Einwirkung  des  Alkohols 
auf  die  Leistungsfähigkeit  des  Muskels  bei  isometrischer  Arbeitsweise 
Skand.  Arch.  f.  Physiol.  1907,  19.  —  12.  Durig:  Pflü'gers  Arch.  1906,  113. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  in  Graz. 

Ueber  die  willkürliche  Betätigung  der  glatten  Muskeln. 

Von  Prof.  Franz  Hamburger. 

Ganz  allgemein  gilt  auch  heute  noch  der  Grundsatz,  dass  sich  die 
glatte  von  der  quergestreiften  Muskulatur  vor  allen  Dingen  dadurch 
unterscheidet,  dass  sie  willkürlich  nicht  betätigt  'werden  könne.  Der 
Herzmuskel  bleibt  dabei  ganz  ausser  Frage.  Ich  bin  überzeugt,  dass 
schon  da  und  dort  in  alten  und  neuen  Arbeiten  Andeutungen  oder 
sogar  ausführlich  begründete  Darlegungen  zu  finden  sind,  welche  die 
Richtigkeit  dieser  Lehre  anzweifeln,  ja  ihre  Unrichtigkeit  bewiesen 
haben.  Wer  genauer  zusieht,  kann  nicht  die  Meinung  aufrecht  erhalten, 
dass  die  glatte  Muskulatur  im  Gegensatz  zur  quergestreiften  Muskulatur 
dem  Willen  entzogen  sei.  Es  gibt  eine  ganze  Anzahl  von  Beispielen, 
welche  beweisen,  dass  der  Mensch  wenigstens  bestimmte  Gruppen 
glatter  Muskeln  unter  seinem  Willen  hat.  Ganz  besonders  zeigt  sich 
dies  an  der  Blasenmuskulatur.  Jeder  gesunde  Mensch  ist  imstande, 
seine  Blase  zu  entleeren,  wann  er  will,  und  den  Harn  zurückzuhalten, 
wann  er  will.  Selbst  Kinder  sind,  wie  aus  gelegentlichen  Unter¬ 
suchungen  bei  der  lordotischen  Albuminurie  hervorgeht,  imstande,  ihre 
Blase  alle  10  oder  15  Minuten  zu  entleeren.  Darauf  hat  schon  J  e  h  1  e 
hingewiesen.  Diese  Tatsache  ist  ein  schlagender  und  unwiderleglicher 
Beweis  dafür,  dass  die  bei  der  Harnentleerung  in  Betracht  kommenden 
Blasenmuskelteile  vollständig  willkürlich  betätigt  werden  können.  Ich 
sage  ausdrücklich,  das  ist  ein  klarer  und  unwiderleglicher  Beweis  und 
halte  mich  dabei  an  den  festen  Grundsatz,  der  in  der  Medizin  leider' 
viel  zu  wenig  Beachtung  findet.  Das  ist  der  Satz  vom  zu¬ 
reichenden  Grunde.  Es  gibt  gewisse  Ueberlegungen,  welche 
richtig  sein  müssen.  Ein  solcher  Satz  ist  auch  dieser.  Hier  gibt  es 
keine  andere  Erklärung  als  die,  dass  die  Blasenmuskeln,  also 
glatte  Muskelfasern  willkürlich  betätigt  werden 
können. 

Der  Physiologe  Exner  hat  schon  vor  vielen  Jahren  darauf  hin¬ 
gewiesen,  dass  die  (quergestreifte)  Muskulatur  immer  in  Hinsicht  auf 
das  Ergebnis  der  Muskeltätigkeit  mehr  oder  weniger  stark  innerviert 
wird,  das  heist,  dass  sie  immer  „auf  den  Effekt“  arbeitet.  Wir  können 
das  auch  so  ausdrücken,  dass  wir  sagen,  wir  lernen  die  quergestreifte 
Muskulatur  willkürlich  betätigen,  dadurch,  dass  wir  den  Effekt  der 
Leistung  mit  unseren  Sinnesorganen  beurteilen  und  dementsprechend 
dann  die  Muskeln  mnerviereni,  d.  h.  unter  unseren  Willen  bekommen. 
Wir  sind  nun  gewöhnlich  in  der  Lage,  die  Tätigkeit  der  quergestreiften, 
aber  nicht  die  der  glatten  Muskeln  in  ihrem  Ergebnis,  in  ihrer  Leistung 
zu  beobachten.  Wenn  sich  die  Dünndarm-  oder  auch  die  obere  DicK- 
darmmuskulatur  bewegt,  so  können  wir  das  mit  keinem  Sinnesorgan 
beobachten.  Wenn  wir  aber  unsere  Basenmuskulatur  innervieren,  so 
können  wir  das  sehr  wohl  unmittelbar  mit  unseren  Sinnen  beobachten. 

Das,  was  für  die  Blasenirmskulatur  gilt,  dürfte  wohl  auch  für  andere 
glatte  Muskeln  gelten,  unter  der  Voraussetzung,  dass  wir  ihre  Tätigkeit 
mit  unseren  Sinnen  beobachten  können.  Ein  Beispiel  dafür,  dass  auch 
die  _  Magenmuskulatur  unter  Umständen  wenigstens  in  ihrer  gegen¬ 
läufigen  (antiperistaltischen)  Bewegung  dem  Willen  unterworfen  sein 
kann,  ist  ein  Künstler,  der  sich  vor  dem  Krieg  auf  allen  möglichen 
„Bühnen“  gezeigt  hat:  er  war  imstande  5  und  mehr  Liter  Flüssigkeit 
sich  in  den  Magen  einzugiessen  und  konnte  dann,  je  nach  Wunsch  von 
diesem  Mageninhalte  in  grossen  oder  kleinen  Zwischenräumen  grosse 
oder  kleine  Mengen  wieder  ausspeien.  Will  hier  jemand  daran  zwei¬ 
feln,  dass  der  Betreffende  willkürlich  imstande  war.  seine  Magen¬ 
muskulatur  aufs  äusserste  zu  entspannen,  um  sie  gleich  wieder  darauf 
in  grösserer  oder  geringerer  Stärke  gegenläufig  arbeiten  zu  lassen? 

Ich  könnte  auch  an  die  Schuljungenübung  erinnern,  Luft  in  be¬ 
liebiger  Menge  in  den  Magen  hinabzuschlucken,  um  sie  dann  wieder 
unter  Rülpsen  in  grossem  oder  kleinen  Mengen  nach  aussen  zu  ent¬ 
fernen.  Wenn  auch  in  diesem  letzten  Beispiel  der  Fall  nicht  so  abso¬ 
lut  klar  ist,  wie  in  dem  des  Trink-  und  Speikünstlers,  so  möchte  ich  es 
doch  auch  als  Wahrscheinlichkeitsbeweis  für  die  Möglichkeit  einer 
willkürlichen  Betätigung  der  Magenmuskulatur  halten.  Ich  sage  hier 
ausdrücklich  vorsichtigerweise  „Wahrscheinlichkeitsbeweis“,  wreil 

4* 


146 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


immerhin  noch  der  Einwand  gemacht  werden  könnte,  dass  im  halle  des 
Luftschluckens  die  Luft  nur  bis  zur  Kardia  hinabgeschluckt  worden  sei 
und  in  der  Speiseröhre  sich  in  grösseren  Mengen  aiigesammelt  habe,  . 
um  dann  bei  entsprechender  Erschlaffung  der  quergestreiften  Rachen-  j 
rnuskulatur  wieder  selbsttätig  nach  aussen  befördert  zu  werden.  Dieser 
Ein  wand  wäre  bei  dem  I  rink-  und  Speikiinstlei  gewiss  völlig  un-  , 
gerechtfertigt. 

Wie  lernt  der  Mensch  nun  gerade  die  Magenmuskulatur  betätigen? 
Die  Erklärung  finden  wir  in  dem  auf  die  glatte  Muskulatur  angewende-  > 
ten  Lehrsatz  von  E  x  n  c  r,  sie  lautet:  weil  wir  eben  in  der  Lage  sind,  , 
das  Ergebnis  der  rückläufigen  Tätigkeit  des  Magens  mit  unseren  Sinnen 
zu  beobachten.  Die  gewöhnliche,  rechtläufige  (peristaltische)  Magen¬ 
tätigkeit  können  wir  aber  nicht  beobachten,  denn  wir  sehen  und  hören  | 
und  empfinden  nicht  das  Eintreten  des  Speisebreis  aus  dem  Magen  in 
den  Dünndarm,  wohl  aber  hören,  sehen,  fühlen,  schmecken  wir  die  nick-  j 
läufige  Magentätigkeit.  .  . 

Ein  weiteres  Beispiel  für  die  Möglichkeit,  die  glatte  Muskulatur 
willkürlich  zu  betätigen,  ist  das  Beispiel  von  der  willkürlich  hervor-  | 
gerufenen  Gänsehaut.  Sehr  viele  Menschen  sind  imstande,  diese  Er¬ 
scheinung  an  sich  willkürlich  hervorzurufen,  dadurch  dass  sie  sich  leb¬ 
haft  eine  Kälteempfindung  oder  das  Kratzen  eines  Griffels  über  die 
Schiefertafel  vorstellen.  Darauf  ist  schon  von  verschiedener  Seite  auf-  | 
merksam  gemacht  worden.  L.  R.  Müller,  dem  wir  verschiedene  Be- 
obachtungen  in  dieser  Richtung  verdanken,  hat  auch  einen  sehr  lehi- 
reichen  ball  berichtet,  wo  ein  Mann  bei  Erinnerung  an  ein  bestimmtes 
Erlebnis  eine  erhöhte  Blutfülle  auf  der  einen  Körperhälfte  und  eine 
Gänsehaut  auf  der  andern  hervorrufen  konnte.  _ 

Die  Erinnerung  an  ein  Erlebnis,  also  die  Erfahrung  wird  auch  bei 
der  Betätigung  der  quergestreiften  Muskeln  immer  wieder  verwendet. 
Auf  diese  Weise  lernen  die  Menschen  alle  möglichen  quergestreiften 
Muskeln,  ja  wohl  oft  nur  einige  Fasergruppen  von  Muskeln  genau  so 
stark  betätigen  wie  sie  wollen.  Dabei  werden  sie  immer  von  der  Vor¬ 
stellung  und  der  Erfahrung  geleitet.  Jemand,  der  einen  Papphantel  tür 
Eisen  haltend,  nach  dem  Aussehen  auf  30  kg  schätzt,  und  unter  diesei 
Voraussetzung  an.  den  Hantel  herantritt  und  ihn  aufheben  will,  der  wird 
unverweigerlic'h  auf  den  Boden  fallen.  Er  hat  zu  stark  innerviert.  Wie 
stark  jemand  zu  innervieren  hat,  lernt  er  eben  aus  der  Erfahrung,  wo¬ 
bei  ihm  die  Sinnesorgane  unersetzliche  Dienste  leisten. 

Dabei  ist  nicht  zu  vergessen,  dass  der  Mensch  nicht  nur  seine 
quergestreiften  sondern  auch  seine  glatten  Muskeln  willkürlich  betätigen 
lernt  unter  der  Voraussetzung,  dass  er  das  Tätigkeitsergebnis  mit  den 
Sinnesorganen  unmittelbar  beobachten  kann.  Auch  queigestieifte  Mus¬ 
kel  sind  nicht  immer  so  ganz  willkürlich  zu  betätigen,  wie  man  glauben 
sollte.  Wer  kann  seine  Bauchmuskeln  einzeln  entspannen  oder  an¬ 
spannen  usw.?  Wir  betätigen  eben  immer  unsere  Muskeln,  auch 
quergestreifte,  nur  im  Hinblick  auf  das  merkbare  Leistungsergebnis. 

Was  ich  hier  mitteile,  erscheint  mir  selbst  nicht  absolut  neu,  aber 
doch  richtig  und  wahr.  Und  weil  diese  Wahrheit  noch  sehr  wenig  unter 
die  Aerzte  gedrungen  ist, -so  möchte  ich  glauben,  dass  es  gerechtfertigt 
ist,  wieder  einmal  die  Aufmerksamkeit  der  Aerztewelt  darauf  hinzu¬ 
lenken.  Es  wird  gar  vieles  physiologische  und  pathologische  Ge¬ 
schehen  aufgeklärt,  wenn  man  sich  vor  Augen  hält,  dass  ein  durch¬ 
greifender  Unterschied  zwischen  der  Betätigung  glatter  und  quer¬ 
gestreifter  Muskulatur  nicht  besteht. 


Aus  dem  Hygien.  Institute  der  Tierärztl.  Hochschule  zu  Dresden. 

(Direktor:  Obermedizinalrat  Prof.  Dr.  M.  Klimm  er.) 

Ist  das  Korynebakterium  Abortus  infectiosi  Bang  für 
Menschen  pathogen? 

Von  M.  Klimme r  und  H.  Haupt. 

Wie  beim  Menschen,  so  sind  auch  bei  den  landwirtschaftlichen 
Haustieren  Fehl-  und  Frühgeburten  nicht  selten.  Als  Ursache  nahm 
man  bei  den  Haustieren  früher  vor  allem  körperliche  Ueberanstrengung, 
Stösse  gegen -den  Leib,  Aufnahme  von  kaltem  Wasser  und  Futter,  be¬ 
fallenen  und  verdorbenen  Futtermitteln  u.  dergl.  an.  Auch  im  Ver¬ 
laufe  verschiedener  Infektionskrankheiten  (Maul-  und  Klauenseuche, 
Milzbrand,  Tuberkulose  etc.)  sah  man  Abortusfälle  auftreten.  Durch 
die  Untersuchungen  von  Bang  und  S  t  r  i  b  o  1 1  ist  im  Jahre  1897  der 
Beweis  erbracht  worden,  dass  es  sich  beim  Verkalben  der  Kühe  zu¬ 
meist  um  eine  Infektionskrankheit  sui  generis  handelt,  die  ganz  vor¬ 
wiegend  nur  unter  den  Erscheinungen  des  Abortus  verläuft.  Diese 
Tatsache  ist  inzwischen  von  zahlreichen  Autoren  des  In-  und  Auslandes 
vieltausendfach  bestätigt  worden.  Aehnlich  liegen  die  Verhältnisse  auch 
beim  Verfohlen  der  Stuten,  nur  ätiologisch  besteht  hier  insofern  ein 
bemerkenswerter  Unterschied,  als  das  infektiöse  Verkalben  vorwiegend 
durch  den  Bacillus  abortus  infectiosi  Bang,  hingegen  das  infektiöse  Ver¬ 
fohlen  vorwiegend  durch  Bakterien  veranlasst  wird,  die  zur  Gruppe 
des  Paratyphus-B-Bazillus  gehören. 

Der  Erreger  des  Verwerfens  der  Kühe,  der  Bacillus  s.  Corynebac- 
terium  abortus  infectiosi  Bang  ist  inzwischen  Gegenstand  zahlreicher 
Untersuchungen  über  sein  Verhalten  verschiedenen  Tierarten  gegen¬ 
über  gewesen,  deren  in  der  Literatur  weit  verstreuten  Ergebnisse  u.  E. 
auch  für  die  menschliche  Medizin  nicht  ohne  Bedeutung  sein  dürften. 

Die  künstliche  Kultur,  dieses  kurzen,  meistens.  kokken-,  selten  diph¬ 
theriebazillenähnlichen  Stäbchens  gelingt  aus  abortierten  Rinderföten  un¬ 
schwer,  wenn  die  für  diesen  Bazillus  optimale  Sauerstoffspannung  (etwas 
unter  21  oder  unter  100  Proz.  O2)  geboten  wird.  Bekannt  ist  das  Wachstum 


in  hoher  Schicht  von  Serumagar,  das  1 — lUcm  unterhalb  der  Oberfläche 
in  einer  etwa  1  cm  breiten  Zone  stattfindet,  während  ober-  und  unterhalb 
dieses  Streifens  kein  Wachstum  erfolgt.  Diese  optimalen  Stiuerstoffspannungen 
kann  man  auf  der  Oberfläche  von  Schrägagar  dadurch  erreichen,  dass  man 
entweder  die  Luft  in  den  Röhrchen  fast  vollständig  durch  O»  ersetzt  oder 
die  Luft  geringgradig  des  Sauerstoffes  beraubt.  Der  letztgenannte  Zustand 
wird  u  a  durch  das  gleichzeitige  Auswachsenlassen  von  Sauerstoff  ver¬ 
brauchenden  Bakterienarten  (Milzbrand,  Heubazillus  etc.  )  in  einem  ge¬ 
schlossenen  Glusgefäss  (Spargelbüchse)  erreicht,  in  das  die  Abortusaufstnche 
eingestellt  werden.  Durch  öfteres  Umstechen  auf  künstliche  Nährboden  gelingt 
es,  den  Abortusbazillus  an  ein  Oberflächenwachstum  bei  der  Sauerstoff- 
Spannung  der  gewöhnlichen  Atmosphäre  zu  gewöhnen.  Er  wächst  dann  auf 
der  Oberfläche  in  Gestalt  von  Stecknadelkopf-  bis  hanfkorngrossen  bräunlich 
opaleszierenden  Kolonien,  die  bei  dichter  Aussaat  Zusammenflüssen.  Ueber 
die  nahen  Beziehungen  des  Abortusbazillus  zum  Erreger  des  Maltafiebers 
vergl.  den  Schluss  dieser  Abhandlung. 

Ausser  beim  Rinde,  wo  der  Bang  sehe  Bazillus  in  den  meisten 
Fällen  von  Verwerfen  als  Ursache  in  Frage  kommt,  ist  dieses  Bac- 
terium  bei  einigen  Abortusfällen  der  Ziege,  des  Schates 
und  Schweines  gefunden  worden.  Künstliche  Uebertragungs- 
versuche  haben  hingegen  die  Pathogenität  des  Bang  sehen 
Abortusbazillus  für  nahezu  alle  Säugetierarten  erwiesen. 

Bevor  wir  auf  die  Pathogenität  des  Abortusbazillus  für  Menschen 
eingehen,  wollen  wir  die  gut  bekannten  Verhältnisse  beim  Tier  voraus¬ 
schicken. 

Am  eingehendsten  ist  natürlich  die  krankmachende  Wirkung  des  Abortus¬ 
bazillus  auf  das  Rind  untersucht  worden.  Bei  tragenden  Kühen  verursacht 
er  eine  exsudative,  nekrotisierende  Entzündung  der  Uterusschleimhaut,  die 
später  auf  das  anliegende  Chorion  übergreift.  Die  Frucht-  und  Mutterkuchen 
werden  meistens  erst  zuletzt  von  der  Entzündung  ergriffen.  Die  Folge  dieser 
Entzündung  ist  eine  Lösung  der  Verbindung  zwischen  Fötus  und  Muttertier. 
Die  Abortusbazillen  sind  —  vorzugsweise  in  Zellen  eingeschlossen  — 
im  Exsudat  zwischen  Uterus  und  Eihäuten,  sowie  im  Labmageninhalt  des 
Fötus  besonders  reichlich  vorhanden.  Die  Infektion  des  Fötus  kann  sowohl 
durch  den  fötalen  Blutkreislauf  als  auch  durch  Abschlucken  der  bazillen¬ 
haltigen  Amnionflüssigkeit  entstanden  gedacht  werden. 

Sie  löst  bei  den  Föten  meist  eine  Magen-  und  Dünndarm¬ 
entzündung,  sehr  oft  auch  eine  exsudative,  serofibrinöse  Entzün¬ 
dung  d  e  r  serösen  Häute  der  Brust-  und  Bauchhöhle  aus..  Selbst  eine 
hochgradige  fibrinöse  Herzbeutelentzündung  eines  abortierten  Fötus  konnten 
wir  ätiologisch  auf  den  Bang  sehen  Bazillus  zurückführen. 

Die  Föten  kommen  sehr  oft  tot  zur  Welt.  Der  Tod  ist  jedoch  nur 
selten  durch  anatomische  Veränderungen  erklärlich. 
Eine  allgemeine  Verbreitung  der  Abortusbazillen  im  fötalen  Organismus  oder 
eine  Intoxikation  (ähnlich  der  bei  Tuberkulose)  ist  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
anzunehmen,  ln  etwa  der  Hälfte  der  Fälle  sind  im  Herzblute  von  Kalbs¬ 
föten  Abortusbazillen  gefunden  worden,  während  eine  Q  i  f  t  w  i  r  k  u  n  g  »aus 
der  dem  Tuberkulin  ähnlichen  Wirkung  von  Abortusbazillenextrakten  ge¬ 
folgert  werden  kann.  ) 

Die  günstigsten  lebensbedingungen  findet  der 
Abortusbazillus  bei  der  trächtigen  Kuh  im  Uterus  und  seinem  In¬ 
halte.  Nach  Ausstossung  der  Frucht  verschwindet  er  in  kurzer  Zeil 
aus  der  Gebärmutter  bis  zur  erneuten  Trächtigkeit.  Nahezu  gleich 
günstige  Lebensbedingungen  bietet  die  Milchdrüse,  und1  zwar 
gleichgültig  ob  sie  in  Funktion  ist  oder  ruht.  Während  der  Abortus-; 
bazillus  jedoch  im  Uterus  recht  erhebliche  Entzündungserscheinunger 
verursacht,  sind  anatomische  Veränderungen  des  Euters  trotz  der  nach¬ 
weislichen  Infektion  bisher  nicht  gefunden  worden.  Mit  dem  Bang- 
sehen  Bazillus  infizierte  Tiere  scheiden  lange  Zeit  (maxi¬ 
mal  bis  zu  7  Jahren  nach  dem  Abortus)' schubweise,  und  zwar  nach 
unseren  Erfahrungen  zu  etwa  40  Proz.  Abortusbazillen  aus.  Be 
der  ausserordentlichen  Verbreitung  dieser  Rinderseuche  nimmt  es  niclr 
wunder,  dass  nach  Untersuchungen,  die  in  unserem  Institute  durch¬ 
geführt  wurden,  in  32  Proz.  von  insgesamt  22  Dresdener  Markt¬ 
milch  proben  Abortusbazillen  festgestellt  wurden.  ~ 

Während  man  früher  annahm,  .dass  zu  jeder  neuen  Trächtigkeitsperioih 
des  Rindes  eine  Reinfektion  von  aussen  stattfinde  oder  der  Uterus  latem 
infiziert  bleibe,  ist  man  auf  Grund  der  neueren  Untersuchungen  genötigt,  eim 
Reinfektion  der  Gebärmutter  vom  Euter  aus  anzunehmen 
Bazillenträger  und  Dauerausscheider  erschweren  natürhcl 
den  Kampf  gegen  diese  Seuche  ausserordentlich,  die  wie  keine  andere  dif 
Milch-  und  Käiberproduktion  gefährdet. 

Beim  Bullen  sind  in  einigen  Fällen  nekrotische  Emschmelzungen  in 
Hoden  oder  Nebenhoden  als  Folge  der  Infektion  mit  Abortusbazillen  beob 
achtet  worden. 

Die  Infektion  geschieht  bei  den  Rindern  vorzüglich  durch  Aufnahp 
von  Futter,  -das  durch  bazillenhaltige  Abgänge  von  Abortusfällen  infiziert  ist 
Erst  in  zweiter  Linie  kommt  als  Infektionspforje  die  Scheide  in  Betracht 
Auch  eine  Ansteckung  vom  Euter  aus  ist  wohl  möglich. 

Die  wenigen  Fälle  natürlicher  Infektion  (Abortus)  von  Schwein 
Ziege  und  Schaf  haben  umfassende  Feststellungen  über  die  Epidemio 
logie,  pathologische  Anatomie  etc.  bei  diesen  Tierarten  nicht  zugelassen 
Die  abortierende  Wirkung  des  Abortusbazillus  ist  ausser  he 
den  genannten  Tierarten,  bei  denen  natürliche  Infektionen  beobachte 
wurden,  durch  künstliche  Infekti  an  auch  bei  der  Stute 
der  H  ü  n  d  i  n,  beim  Affen,  Kaninchen  und  Meerschwein 
chen  festgestellt  worden. 

Die  sonstige  pathogene  Wirkung  des  Abortusbazillu 
auf  nichtträchtige  Versuchstiere  hat  die  Infektiosität  des  Bang  schei 
Bazillus  für  alle  untersuchten  Tierarten  erwiesen. 

Affen,  Kaninchen,  Ratten  und  Tauben  erkranken  au 
Infektion  mit  Abortusbazillen  nicht  sichtbar;  bei  der  Sektion  ist  mei 
stens  eine  geringgradige  Milzschwellung  festzustellen.  In  der  Milz  sin< 
bis  zu  12  (Affe),  15  (Kaninchen),  9  (Ratte)  oder  18  (Taube)  Woche; 
nach  der  Infektion  Abortusbazillen  nachweisbar.  W  e  i  s  s  e  un 


3.  Februar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


147 


;raue  Hausmäuse  sowie  bunte  Ratten  sind  für  manche 
Stämme  des  Bang  sehen  Bazillus  hochempfänglich  (schwere  Erkran¬ 
kung,  mitunter  Tod  in  wenigen  Tagen),  während  andere  Stämme  bei 
diesen  Tieren  nur  geringgradige  Milzschwellung  innerhalb  2XA  bis 
3  Monate  verursachen.  In  der  Milz  von  künstlich  infizierten  Mäusen 
und  bis  zur  22.  Woche  p.  inf.  Abortusbazillen  nachgewiesen  worden. 

Markante  anatomische  Veränderungen  verursacht 
ler  Abortusbazillus  beim  Meerschweinchen.  Amerikanische 
\utoren  (Th.  Smith  sowie  Schroeder  und  Cotton)  beobachte- 
:en  gelegentlich  von  Verimpfung  von  Milch  auf  Meer¬ 
schweinchen  zur  Feststellung  vonTuberkulose  zufällig 
;  ine  der  Tuberkulose  weitgehend  ähnliche  E  r  k  r  a  ii  - 
(ung  der  Versuchstiere,  die  sie  später  auf  Infektion  m  i  t 
lern  Ballig  sehen  Bazillus  zurückführen  konnten.  Die  Impf- 
crankheit  der  Meerschweinchen  im  Anschluss  an  Verimpfung  von 
rbortusbazillenhaltigem  Materiale  (Milch.  Eihäute  etc.)  verläuft  nach 
inseren  Erfahrungen,  die  mit  denen,  der  meisten  anderen  Untersucher 
ibereinstimmen,  in  folgender  Weise: 

Nach  anfänglichem  Gewichtsverlust  nehmen  die  Tiere  weiterhin  regel- 
nässig  zu.  Frühestens  17  Tage  nach  der  Infektion  konnten  wir  geringe  Milz- 
;chwellung  feststellen.  Ihren  Höhepunkt  erreichte  die  Erkrankung  in  der 
k— 9.  Woche;  von  der  10. — 11.  Woche  an  beginnen  die  anatomischen  Ver¬ 
änderungen  sich  zurückzubilden.  Die  Krankheit  geht  meistens  in  Heilung  über 
md  verläuft  nur  selten  tödlich. 

Das  Sektionsbild  zur  7. — 9.  Woche  nach  der  Infektion  ist  durch 
lekrotische  Herde  in  den  Lymphknoten  und  den  grossen  Parenchymen 
;ekennzeichnet.  An  der  Impfstelle  hat  sich  ein  meist  abgekapselter  Abszess 
;ebildet.  Sämtliche  Lymphknoten  sind  geschwollen,  meist  zentral  rahmig 
'erkäst.  Die  Milz  ist  um  das  2-  bis  30  fache  vergrössert,  ihre  Grundfarbe 
iläulichrot.  In  Leber,  Lunge  und  Milz,  bisweilen  auch  in  den  Nieren,  sind 
niliare,  bis  hanfkorngrosse  Knötchen  nachweisbar,  von  denen  nur  die 
;rösseren  zentral  rahmigen  Eiter  aufweisen.  Milz  und  Leber  erhalten  durch 
olche  dichtstehende  graüweisse  bis  graugelbliche  Herde  mitunter  ein  ge- 
prenkeltes  Aussehen.  In  Hoden  und  Nebenhoden  sind  rahmige  Ein- 
chmelzungen  sowie  Schwund  des  Parenchyms  beobachtet  worden.  Auch 
[ironische  Entzündungen  der  Binde-  und  Hornhaut  des  Auges  treten  gelegent- 
ich  auf.  Aus  allen  veränderten  Organen  kann  der  Bang  sehe  Bazillus  in 
Jeinkultur  gewonnen  werden.  Für  den  Fall,  dass  die  Kultur  misslingt,  kann 
ie  stattgefundene  geringfügige  oder  schon  überstandene  Infektion  indirekt 
urcli  die  Agglutinationsprobe  mit  dem  Meerschweinchenserum  nachgewiesen 
werden. 

Zur  Diagnostik  des  infektiösen  Abortus  der  Rinder  wird  der  Meer- 
chweinchenversuch  nur  selten  herangezogen.  In  den  meisten  Fällen  bedient 
lan  sich  zur  Feststellung  der  Aetiologie  eines  Verkalbefalles  der  Agglutination 
der  Komplementbindung.  Der  direkte  kulturelle  Nachweis  wird  nur  ganz 
eiten  zur  Diagnostik  herangezogen,  da  er  nur  aus  ganz  frischem,  mit  anderen 
lakterien  nicht  verunreinigtem  Materiale  (z.  B.  dem  Labmagen  totgeborener 
öten)  Aussicht  auf  Erfolg  hat. 

Vom  hygienischen  Standpunkte  erscheint  es  uns  von 
Dichtigkeit  darauf  besonders  zu  verweisen,  dass  die  Kuhmilch  z  u 
inem  hohe  n  Prozentsätze  Bangsche  Abortus- 
azillen  enthält  und  dass  diese  nach  den  bisherigen  Ergebnissen 
ir  die  verschiedensten  Tierarten  krankmachend 
>'  i  r  k  e  n.  Bei  der  grossen  Lebenszähigkeit  der  Abortusbazillen  in 
uten  Nährmedien,  wozu  die  Milch  in  erster  Linie  mitzurechnen  ist, 
ind  die  Molkereiprodukte  (Butter,  Käse,  Quark  etc.)  in  gleichem 
inifange,  wie  die  Milch  selbst,  als  infiziert  anzusehen.  Es  besteht 
Iso  die  Tatsache,  dass  der  Mensch  mit  der  Milch  und  deren  Erzeug¬ 
ten  Bakterien  aufnimmt,  die  sich  im  Versuch  bei  allen  geprüften 
ierarten  als  mehr  oder  weniger  infektiös  erwiesen  haben. 

Im  Vordergründe  des  Interesses  steht  natürlicherweise  die  abor- 
ierende  Wirkung  dieses  Bazillus,  die  bei  allen  bisher 
n  die  Untersuchung  einbezogenen  Säugetieren 
ach  ge  wiesen  werden  konnte.  Von  verschiedenen  Seiten  ist  auf 
ie  Beobachtung  hingewiesen  worden,  dass  vollständig  gesunde 
andwirtsf  rauen  Fehlgeburten  hatten,  ohne  dass  eine  er- 
ichtliche  Ursache  festgestellt  worden  wäre.  Spätere  Ermittelungen 
rgaben  eine  Infektion  des  Rinderbestandes  mit  ansteckendem  Verkalben. 
wie  die  Tatsache,  dass  die  betreffenden  Frauen  rohe  Kuhmilch  ge- 
ossen  hatten.  Einen  Zusammenhang  dieser  Enzootie  mit  den  Fehl- 
eburten  anzunehmen,  erscheint  uns  nach  dem  Obigen  nicht  un- 
erechtigt. 

Amerikanische  Autoren,  die  auf  diese  Möglichkeit  in  Zusammcn- 
ang  mit  ihrer  Entdeckung  des  Abortusbazillus  in  der  Milch  zuerst 
ingewiesen  hatten,  haben  (Möhler  und  Traum)  bei  der  Unter¬ 
teilung  von  56  Tonsillen  in  einem  Falle  Abortusbazillen  nachweisen 
atmen;  die  Mandeln  stammten  von  einem  mit  Kuhmilch  ernährten 
i n d e.  Andere  ebenfalls  amerikanische  Forscher  (Larson  und 
e  d  g  w  i  c  k)  wiesen  bei  72  von  425  mit  Kuhmilch  ernährten  Kinder  n 
ft  Hilfe  der  Komplemefttbindungsmethode  Ambozeptoren 
tgen  Abortusbazillenantigen  nach.  Später  haben  N  i  c  h  o  1 1 
ad  Prath  sowie  Ramsey  die  Ergebnisse  der  genannten  bestätigt, 
uch  sie  stellten  bei  mit  Kuhmilch  ernährten  Kindern  Antikörper  gegen 
bortusbazillen  fest.  Es  ist  darnach  zu  vermuten,  dass  der  Abortus- 
azillusauch  imMen sehen  seineLebensbedingungen 
mdet  und  vom  V  e  r  d  a  u  u  n  g  s  w  e  g  e  aus  in  den  men  sch  - 
chen  Organismus  einzudringen  vermag.  Diese  Tat- 
icheu  erscheinen  uns  schwerwiegend  genug,  die  bei  allen  bisher  unter¬ 
teilten  Säugetieren  beobachtete  Vorliebe  des  Abortusbazillus  für  den 
raviden  Uterus  auch  beim  Menschen  als  bestehend  anzunehmen  und 
jf  Grund  dieser  Arbeitshypothese  Untersuchungen  zur  Klarstellung 
'eser  —  auch  milchhygienisch  bedeutsamen  —  Frage  anzuregen 
oolidge  ist  zwar  der  Ansicht, dass  die  serologischen  Untersuchungs- 


ergebnissc  auch  durch  eine  Resorption  und  Stapelung  von  mit  der 
Kuhmilch  gleichzeitig  aufgenommenen  Antikörpern  oder  auch  durch  eine 
aktive  Immunisierung  durch  Resorption  halbverdauter  Bazil'er  vom 
Darm  aus  erklärlich  seien,  also  nicht  ohne  weiteres  für  eine  Infektion 
sprechen.  Uns  erscheint  diese  Erklärung  etwas  gesucht;  wir  neigen 
mehr  der  Ansicht  zu,  dass  die  Antikörperbildung  auf  ein  Eindringen 
lebender  Abortusbazillen  vom  Darme  aus,  also  auf  eine  Infektion  hin¬ 
deutet. 

Zur  Klärung  der  Frage,  ob  dem  B  a  n  g  sehen  Bazillus  eine  Be¬ 
deutung  für  Früh-  lind  Fehlgeburten  des  Menschen  zukommt,  erscheint 
ein  Material  aus  ländlichen  Kreisen  als  das  geeignetste.  Zur  Diagnostik 
käme  namentlich  eine  serologische  Untersuchung  (Agglutination  und 
Komplementbindung)  in  Frage  *).. 

Anhangsweise  sei  noch  kurz  erwähnt,  dass  der  im  Verlaufe  der 
Abortusinfektion  auftretende  oft  geringfügige  Magendarmkatarrh 
der  Früchte  kurze  Zeit  post  partum  zum  Tode  unter  rühr  ähnlichen 
Ersehe  i  n  ti  n  g  e  n  führen  kann.  Hierbei  ist  in  einigen  Fällen  im  Kote 
der  Abortusbazillus  gefunden  worden,  während  in  den  meisten  Fällen 
gewöhnliche  Kälberruhrerreger  (Koli.  Parakoli  etc.)  nachgewiesen 
wurden,  deren  pathogene  Wirkung  annehmbar  durch  den  angeborenen 
Darmkatarrh  begünstigt,  worden  ist. 

Endlich  ist  auch  auf  die  weitgehende  Aehnlichkeit  des 
Bang  sehen  Bazillus  mit  dem  Erreger  des  Maltafiebers 
hinzuweisen.  Nach  den  Untersuchungen  von  Zeller  können  beide 
Mikroorganismen  mikroskopisch,  kulturell:  serologisch,  mit  Hilfe  von 
allergischen  Reaktionen  oder  mit  Hilfe  des  Tierversuches  nicht  getrennt 
werden.  Der  Micrococcus  melitensis  ist  als  Erreger  einer  endemischen 
Krankheit  des  Menschen  im  Mittelmeergebiet  seit  langem  bekannt. 


Ueber  die  Ursache  des  juckenden  Winterausschlags. 

(Eczema  biemale  pruriens.) 

Von  Prof.  Friedrich  Schultze  in  Bonn. 

Die  „therapeutische  Notiz“  des  Herrn  Prof.  L.  Heidenhain  in 
Nr.  42,  1921  d.  Wschr.  ermutigt  mich,  folgendes  mitzuteilen: 

Schon  seit  der  Mitte  meiner  dreissiger  Jahre  leide  ich  jeden  Winter 
an  einem  oft  sehr  heftig  juckenden  Ausschlage  fast  nur  an  den  Beinen,  am 
meisten  an  den  Unterschenkeln.  Dieses  Jucken  tritt  hauptsächlich  nachts  auf. 
im  Bette,  schwindet  gegen  Morgen  und  am  Tage,  kann  aber  auch  schon 
am  späteren  Abend,  besonders  bei  Aufenthalt  in  einem  warmen  Zimmer, 
wieder  von  neuem  auftreten.  Es  stört  besonders  in  der  eisten  Hälfte  der 
Nacht  sehr  stark  den  Schlaf,  verliert  sich  allmählich  im  Laufe  des  Frühjahrs 
und  bleibt  im  Sommer  und  Herbste  fort. 

Es  liegt  also  kein  einfacher  Pruritus  vor.  erst  recht  kein  Pruritus  senilis, 
wenn  auch  das  Jucken  noch  bis  heute,  in  mein  höheres  Alter  hinein,  fort¬ 
dauert.  Allerdings  ist  es  jetzt,  dank  meiner  später  zu  erwähnenden  Heil¬ 
methode,  viel  geringer  als  früher. 

Mit  dem  Juckreiz  zugleich  entstehen  kleine  Papeln  von  leicht  rötlicher 
Farbe,  von  denen  der  Juckreiz  ausgeht.  An  manchen  Stellen  der  Haut  ent¬ 
wickeln  sich  aber  auch  breitere,  mehr  quaddelartige,  mehr  fühlbare  als  sicht¬ 
bare  Verdickungen  in  den  obersten  Schichten  der  Haut,  höchstens  von  dem 
Umfange  einer  Quaddel  nach  einem  Mückenstich.  Die  Haut  wird  im  Verlaufe 
der  Erkrankung  allmählich  rot;  eine  Menge  von  Papeln  bildet  zusammen¬ 
tretend  einen  grösseren  Ausschlagsbezirk,  der  bis  zu  Handflächengrösse  sich 
ausbreiten  kann.  An  der  Oberfläche  entstehen  allmählich  kleine  Schuppen, 
so  dass  das  Bild  eines  Eczema  squamosum  entsteht,  das  nun  Wochen-  bis 
monatelang  bestehen  kann  und  erst  gegen  das  Frühjahr  hin  spurlos  ver¬ 
schwindet.  Die  vorhandene  Röte  weicht  dem-  Fingerdrucke  nicht.  Dabei  ist 
die  Haut  ausserhalb  der  erkrankten  Stellen  völlig  regelrecht  beschaffen,  vor 
allem  nicht  trocken  oder  gar  atrophisch.  Sie  schwitzt  leicht  und  hat  den 
gewöhnlichen  „Turgor“.  Von  einer  Abnahme  ihres  Fettgehaltes  ist  nichts  zu 
bemerken.  Ein  Abschilfern  hat  niemals  bestanden. 

Es  handelt  sich  somit  um  kein  Ekzem  im  engsten  Wortsinne,  um 
kein  nässendes  Ekzem,  aber  auch  nicht  um  eine  gewöhnliche  Urtikaria, 
an  der  ich  nie  gelitten  habe.  Auch  bestand  niemals  eine  Urticaria 
factitia.  Wenn  man  will-,  kann  man  von  einem  urtikariellen  Ekzem 
sprechen.  Indessen  entspricht  wohl  die  einfache  Bezeichnung  eines 
juckenden  Winterausschlags  am  einfachsten  der  Sachlage. 

Was  ähnliche  Krankheitszustände  von  Pruritus  und  Ekzemen  an¬ 
geht,  die  in  den  Lehrbüchern  über  Hautkrankheiten  nicht  sehr  eingehend 
behandelt  zu  werden  pflegen,  am  genauesten  in  der  deutschen  Literatur 
von  N  e  i  s  s  e  r  0  und-  von  N  c  i  s  s  e  r  und  Ja-dassoh  n  2),  so  verdanke 
ich  einem  Hinweis  meines  Kollegen  Prof.  Erich  Hoff  mann  die  Notiz, 
dass  ein  amerikanischer  Arzt,  Stell. wagon,  in  seinem  Treatise  on 
the  Diseases  of  the  Skin  :i)  bei  Besprechung  des  Pruritus  hiemalis  er¬ 
wähnt,  es  könne  bei  einem  derartigen  Pruritus  in  seltenen  Fällen 
schliesslich  zu  einem  leicht  ekzematösen  Ausschlage  kommen. 

Als  Ergebnis  des  ununterd'riickbaren  Kratzens  könnten  ferner  Hyper¬ 
ämie  und  Exkoriationen  der  Haut  entstehen.  In  meinem  eigenen  Falle 
hat  natürlich  auch  das  gelegentliche  Kratzen  zu  derartigen  Folgen  ge¬ 
führt,  aber  der  eigentliche  Hautausschlag  entstand  stets  ganz  unab¬ 
hängig  davon. 


*)  Zur  Untersuchung  von  entsprechendem  Materiale:  Blutproben  von 
Müttern,  die  abortiert  haben,  event.  auch  von  frischen,  totgeborenen  Föten 
sind  wir  gern  bereit  und  Bitten  solches  Material  an  das  Hygienische  Institut 
der  Tierärztlichen  Hochschule  zu  Dresden.  Zirk-usstr.  40,  gelangen  zu  lassen. 

0  Neisser:  Deutsche  Klinik  Bd.  10,  2,  S.  29  ff. 

"’)  Neisser  und  Jadassohn:  Handbuch  der  praktischen  Medizin 
von  Ebstein  und  Schwalbe  Bd.  3,  2. 

3)  Philadelphia’’ und  London.  5.  Auflage,  1907,  S.  881. 


148 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Was  nun  die  Vorbedingungen  oder  die  Ursachen  des 
Leidens  angeht,  so  muss  natürlich  vor  allem  eine  gewisse  regelwidrige 
Empfindlichkeit  und  Reizbarkeit  der  Haut  besonderer  Art  vorhanden 
sein  Ob  sie  bei  mir  mit  einer  massigen  „exsudativen  Diathese  zu¬ 
sammenhängt,  die  ich  hatte,  muss  dahingestellt  bleiben,  ist 
aber  wahrscheinlich.  Auch  litt  ich  im  späteren  Lebensalter  Otters 
an  einfachen  nässenden  Ekzemen.  Gichtische  Erscheinungen  fehlten 
und  fehlen  vollkommen.  Eine  Neigung  zu  Lumbago  liess  sich 
nicht  auf  Gicht  zurückführen.  Auf  dem  Gebiete  des  Nervensystems 
besteht  seit  der  Jugend  starke  Hemikranie,  so  dass  besonders  fran¬ 
zösische  Aerzte  geneigt  sein  könnten,  von  einer  Neurodermatitis  zu 
sprechen,  die  besonders  bei  nervösen  Menschen  einzutreten  pflege. 

Mit  der  „Dermatitis  Lichenoides  (chronica  circum¬ 
scripta)  p  r  u  r  i  e  n  s“  von  N  e  i  s  s  e  r,  die  Brocq  als  Neuro¬ 
dermatitis  chronica  circumscripta  bezeichnet,  besteht  allerdings  eine 
gewisse  Aehnlichkeit.  Auch  bei  dieser  ist  das  Jucken  ein  wesentlicher 
Bestandteil  der  Krankheit.  Aber  es  geht  der  zuerst  lichenartige  Aus¬ 
schlag  allmählich  in  akute  Entzündungszustände  von  der  Art  des  ge¬ 
wöhnlichen  nässenden  Ekzems  über.  Weitethin  bestehen  die  Krank¬ 
heitsherde  bei  der  von  N  e  i  s  s  e  r  und  Brocq  beschriebenen  Krank¬ 
heitsform  unterbrechungslos  jahrelang  hintereinander,  finden  sich  auch 
zugleich  am  Nacken,  an  den  Armen  und  am  Rumpfe  und  sind  von 
winterlichen  Einflüssen,  wie  es  scheint,  unabhängig. 

Diese  winterlichen  Einflüsse  sind  nun  aber  bei  dem  Eczema 
hiemale  sowie  bei  dem  Pruritus  hiemalis  von  besonderer  Bedeutung. 
Sie  beruhen  aber  nicht  auf  der  Winterkälte  an  sich,  sondern  unzweifel¬ 
haft  auf  der  Trockenheit  der  Zimmerluft  in  den  geheizten 
Räumen.  Ich  bemerkte  zunächst,  dass  bei  milderem  Wetter,  besonders 
bei  Regen,  das  nächtliche  Jucken  weniger  stark  war.  als  bei  stärkerer 
trockener  Kälte,  ganz  ähnlich,  wie  ich  das  von  S t e  1 1  wa g o n  für  den 
einfachen  Pruritus  hiemalis  angeführt  finde.  Sodann  fand  sich,  dass 
beim  Feuchthalten  meines  Arbeitszimmers,  besonders  bei  der  Auf¬ 
stellung  des  bekannten  Bellariapparates  der  Ausschlag  und  das  Jucken 
an  Stärke  abnahmen.  Besonders  konnte  ich  dann  aber  durch  Feucht¬ 
halten  des  Bettes  am  Fussende  durch  Einlegen  von  nassen  Tüchern 
und  vor  allem  direkt  durch  Kaltwasserumschläge  auf  die  juckenden 
Stellen  das  Jucken  beseitigen  und  die  Ausbreitung  des  Juckens  in 
Schranken  halten.  Schon  früher  hatten  auch  Einreibungen  von  Unguen¬ 
tum  Glycerini  (mit. und  ohne  Zinklanolin)  und  mit  Zinklanolin  allein 
gutgetan;  ebenso  wie  Herr  Prof.  Heidenhai  n  durch  das  Bestreichen 
mit  dem  wasseranziehenden  Lanolin  ganz  erhebliche  Besserung  und 
zeitweiliges  Verschwinden  seines  Pruritus  erzielte.  ^ Auch  Stell¬ 
wagon  empfahl  Lanolin  und  schwache  „Glyzerinlotion“.  Auch  er  be¬ 
schuldigt  wie  Heidenhain  und  früher  Duhr  in  g  eine  abnorme 
Trockenheit  der  Haut  als  mitwirkende  Ursache.  Sie  ist  aber  auch  nach 
Stellwagon,  ebenso  wie  nadi  Kaposi  keineswegs  stets  vor¬ 
handen,  ebenso  wenig  wie  in  meinem  Falle. 

Dass  die  Bettwärme  das  Jucken  vermehrt  und  das  Entstehen  und 
die  Ausbreitung  des  Ausschlags  begünstigt,  beruht  unzweifelhaft  auf 
der  durch  sie  hervorgerufenen  Hyperämie,  wie  denn  auch  der  Genuss 
von  Alkohol  den  Juckreiz  schon  am  Tage  erzeugen  kann.  Die  Bevor¬ 
zugung  der  Haut  der  Beine  bei  dem  Auftreten  des  Ausschlags  beruht 
wohl  auf  der  stärkeren  Reibung  der  Haut  durch  die  Unterbeinkleider 
oder  durch  die  Strümpfe  beim  Gehen.  Selbstverständlich  muss  ein 
besonders  glattes  und  weiches  Unterzeug  zum  Tragen  gewählt  werden. 


Ueber  die  psychogene  Komponente  des  Pruritus  und 
der  pruriginösen  Dermatosen. 

Von  Dr.  Waldemar  Th.  Sack,  Hautarzt  in  Baden-Baden. 

Die  Beziehungen  zwischen  bestimmten  Formen  des  Pruritus  und 
Alterationen  der  Psyche  sind  der  heutigen  medizinischen  Wissenschaft 
nicht  unbekannt.  Jeder  Psychotherapeut  kennt  die  Klagen  seiner 
Patienten  über  allerhand  Parästhesien,  unter  denen  häufig  auch  Pru¬ 
ritus  angeführt  wird.  Ebenso  erwähnen  auch  die  einschlägigen  der¬ 
matologischen  Lehrbücher  das  häufige  Vorkommen  des  Pruritus  bei 
Nervösen  und  Psychopathen,  und  seitdem  durch  L.  Brocq-  Paris  und 
seine  Schule  der  alte  Lichen  chronic,  simpl.  in  Neurodermitis  umgetauft 
wurde,  hat  sich  der  grösste  Teil  der  Dermatologen  zu  der  Auffassung 
bekehren  lassen,  dass  wir  es  bei  dieser  Dermatose  mit  einer  sekun¬ 
dären  Hautveränderung  zu  tun  haben,  die  artifiziell  durch  Kratzen  im 
Anschluss  an  einen  Pruritus  bei  „Nervösen“  hervorgerufen  wird.  Diese 
Tatsachen  sind  bekannt  und  in  der  Literatur  an  ihrer  Stelle  zitiert. 
Eine  eingehende  Untersuchung  dieser  Zusammenhänge  aber  habe  ich 
nirgends  bisher  in  der  Literatur  entdecken  können.  Sollte  sie  dennoch 
irgendwo  bestehen,  So  wäre  ich  für  einen  entsprechenden  Hinweis 
dankbar. 

Ich  bin  zu  meinen  Ueberlegungen,  die  ich  hier  zunächst  kurz  als 
Uebersicht  darlegen  möchte,  durch  einige  markante  Fälle  gekommen, 
die  sich  mir  in  meiner  dermatologischen  Praxis  boten.  Dass  hierüber 
Zusammenhängendes  noch  nicht  gesagt  zu  sein  scheint,  erkläre  ich 
mir  z.  T.  daraus,  dass  die  ordnenden  Gesichtspunkte  selbst,  als  ver¬ 
hältnismässig  neue  Ergebnisse  der  psvchopathologischen  Forschung, 
noch  nicht  überall  durchgedrungen  sind. 

Von  vornweg  möchte  ich  die  Selbstverständlichkeit  betonen,  dass 
der  Pruritus  eine  durch  organische  Zustandsveränderung  hervorgerufene 
Parästhesie  ist,  die  wir  bei  verschiedenen  Dermatosen  als  regelmässig 
auftretende  Begleiterscheinung  finden,  und  für  die  wir  in  diesen  Fällen 


eine,  wenn  auch  nicht  exakt  nachweisbare,  so  doch  unserm  Kausahtats- 
bedürfnis  völlig  genügende  Erklärung  haben,  wenn  wir  uns  dabei  vor¬ 
stellen,  dass  wir  es  mit  einer  durch  Druck,  Zerrung,  Intoxikation  oder 
Atrophie  hervorgerufenen  Reizung  der  spezifischen  Nervenendigungen 
der  Haut  und  der  Schleimhäute  (an  ihren  Umschlagsstellen)  zu  tun 
haben  (Näheres  über  den  Pruritus  im  allgemeinen  in  M  r  a  c  e  k  s 
Handbuch  der  Hautkrankheiten  Bd.  IV,  2.  S.  231:  Pruritus  cutancus  von 
Arnold  Sack.)  Denn  nur  um  diese  handelt  es  sich.  Die  Vorstellung 
eines  Juckens  in  den  inneren  Eingeweiden  wirkt  absurd.  Diese  De¬ 
finition  führt  aber  auch  gleich  weiter,  da  bei  der  reichen  Versorgung 
der  Haut  mit  diesen  Rezeptoren  und  bei  ihrer  exponierten  Lage  der¬ 
artige  Reizungen  in  grösserer  oder  geringerer  Intensität  dauernd 
vorhanden  sind  und  infolgedessen  auch  die  pruriginösen  Sensationen. 
Dagegen  ist  die  V  i  v  i  d  i  t  ä  t,  d.  h.  das  Aufmerksamkeitsquantum,  das 
für  sie  zur  Verfügung  gestellt  wird,  in  der  Regel  so  gering,  dass  sic 
unbewusst  verarbeitet  werden,  und  es  bedarf  einer  abnormen 
Intensitätssteigerung  durch  eine  nach  Stärke  oder  Ausdehnung  abnorme 
Reizung,  um  sie  in  den  Blickpunkt  der  Aufmerksamkeit  zu  stellen. 
Dieses  Verhältnis  ist  nun  unter  gewissen  Bedingungen  umkehrbar,  d.  h. 
nicht  die  Sensationen  werden  stärker,  sondern  die  Aufmerksamkeit 
nimmt  sich  ihrer  in  abnormem  Masse  an.  So  kommt  es  zu  einer  Ver¬ 
stärkung  der  Vividität.  Sie  treten  in  das  helle  Bewusst¬ 
sein  ein.  Diesen  Vorgang  kennen  wir  alle  genau.  Gewöhnlich  han¬ 
delt  es  sich  dann  um  eine  Kontrastreaktion:  man  muss  stillhalten  — 
in  der  Schule,  auf  dem  Kasernenhof.  beim  Photographen statt 
dessen  fängt  es  an  allen  Ecken  an  zu  jucken,  die  Aufmerksamkeit  wird 
eben  durch  das  Verbot  auf  die  Möglichkeit  solcher  Ruhestörung  gelenkt 
und  die  wegen  ihrer  Bedeutungslosigkeit  bisher  übersehenen  kleinen 
Signale  werden  wahrgenommen.  Aehnliches  kennen  wir  von  der  Lange¬ 
weile,  wobei  sich  das  Bewusstsein,  mangels  determinierender  Impulse 
oder  Vorstellungen,  nach  Inhalten  umsieht.  Aehnliches  auch  bei  der 
Ermüdung,  die  sich  bei  vielen  Menschen  in  einem  lebhaften  Bedürfnis 
nach  Kratzen  äussert,  wenn  man  hier  nicht  nach  der  Theorie  der 
Ermüdungsreizstoffe  eine  gesteigerte  Irritation  annehmen  will.  _  Doch 
wissen  wir,  dass  gerade  bei  Ermüdung  die  Straffheit  der  logischen 
Zusammenhänge  und  die  Behauptung  einer  zielstrebigen  Aufmerksain- 
keitsrichtung  gelockert  und  gestört  wird  und  unerwünschte,  verdrängte 
und  unerledigte  Affekte  und  Gedanken  sich  dazwischenschieben,  ebenso 
sonst  übersehene  Empfindungen. 

Wir  haben  also  festgestellt,  dass  die  Voraussetzungen  zu  prurito- 
genen  Reizungen  dauernd  bestehen  und  dieselben  unter  bestimmten 
Bedingungen  jederzeit  bewusst  werden-  können.  Nun  treten  diese  Be¬ 
dingungen  ganz  besonders  oft  und  ganz  besonders  leicht  auf  bei  der1 
neurotischen  Disposition.  Hier  haben  wir  gleich  mit  einer 
terminologischen  Schwierigkeit  zu  kämpfen,  insofern  als  in  der  neuen 
Nomenklatur  die  Neurose  ihren  Inhalt  gewechselt  hat.  Die  Patho¬ 
logen  verstanden  bisher  unter  Neurose  eine,  durch  irgendwelche  ätio¬ 
logisch  nicht  weiter  zurückfiihrbare  Störungen  der  Nerven  funk- 
t  i  o  n>  hervorgerufene  pathologische  Veränderung  somatischer 
Natur,  während  hier  unter  Neurose  zu  verstehen  ist  eine  durch  rein 
psychische  Vorgänge  hervorgerufene  pathologische  Veränderen? 
im  Somatischen,  im  Gegensatz  zur  Psychose,  die  sich  psychisch 
auswirkt.  Anders  ausgedrückt:  der  Neurotiker  reagiert  auf  dem  Wege 
des  hysterischen  Mechanismus.  Dazu  ist  zu  bemerken,  dass  gelegent¬ 
lich  jeder  Mensch  neurotisch  reagieren  kann,  sobald  er  in  einen  seeli¬ 
schen  Konflikt  gerät,  den  er  mit  seinen  moralischen  und  intellektueller 
Energien  innerlich  nicht  zu  seiner  Zufriedenheit  erledigen  kann.  Un 
sich  von  dieser  Belastung  zu  befreien,  sucht  er  gewaltsam  zu  vergessen 
verdrängt  den  unlustbetonten  Inhalt  in  sein  Unterbewusstsein.  De 
Affekt  jedoch  bleibt  und  sucht  gierig  nach  einem  Inhalt  (Affektver¬ 
schiebung  nach  Freud).-  Wir  kennen  aus  dem  grossen  kasuistische! 
Material,  das  über  solche  Zustände  bereits  veröffentlicht  ist,  die  sonder 
barsten,  paradoxesten  Aequivalente,  die  sich  diese  Patienten,  natürlicl 
immer  unbewusst,  aussuchen.  Man  hat  manchmal  den  Eindruck,  dass 
je  unlösbarer  der  Konflikt,  um  so  entlegener  das  Aequivalent  ist. 

Nun  greift  zweifellos  ein  grosser  Teil  der  Menschen,  zumal  bc 
leichteren  Veranlassungen,  zu  den  jederzeit  bereitliegenden  Juck- 
Sensationen,  führt  sie  aus  dem  Unterbewusstsein  herauf,  steigert  si< 
durch  lebhaftes  Kratzen  und  tobt  dann  seinen  Affekt  in  einer  Juck-  uw 
Kratzattacke  aus.  Es  bleibt  eine  Zeitlang  ruhig,  dann  beginnen  dü 
Vorstellungen  wieder  zu  steigen,  der  verdrängte  Inhalt  will  sich  wiede 
bewusst  machen,  der  erkorene  Mechanismus  beginnt  wieder  zu  spielen 
die  Juckattacke  mit  der  Kratzreaktion  wiederholt  sich.  Verschiedentlic 
hat  sich  die  Freudsche  Schule,  der  wir  ja  in  erster  Linie  die  Aus 
arbeitung  dieser  Gedanken  und  Vorstellungsreihen  verdanken,  mit  de 
ihr  eigenen  Einseitigkeit  mit  der  Stellung  des  Pruritus  beschäftigt  um 
das  Jucken  und  Kratzen  als  einen  Ersatz  für  sexuellen  Orgasmus  au 
gesehen  (z.  B.  Stecke  1).  Ich  habe  einen  Fall,  der  diese  Behauptun 
durchaus  bestätigt,  wenn  mir  auch  die  Zurückführung  auf  das  sexuell 
Motiv  in  einer  grossen  Zahl  der  Fälle  nicht  gelang.  Immerhin  hab 
ich  den  Eindruck,  dass  die  Abreaktion  durch  den  Pruritus  deswege 
gern  gewählt  wird,  weil  sie  zum  Schluss  nach  der  Akme  der  Erregtin 
immer  in  ein  Lustgefühl  der  Entspannung  umbiegt. 

Es  wäre  nun  in  dieser  theoretischen  Einleitung  nicht  viel  anderes  gi 
schehen,  als  den  modernen  Begriff  der  Neurose  auf  de 
Spezialfall  des  Pruritus  exemplifiziert.  Hier  hc 
ginnen  aber  mm  die  Probleme  der  praktischen  Dermato 
1  o  g  i  e.  Wir  haben  die  Pflicht,  uns  auf  Grund  dieser  theoretische 
Erwägungen  unter  den  bestimmten  Krankheitsbildern  umzusehen  un 
|  uns  zu  fragen,  ob  hier  nicht  gewisse  neue  Erkenntnisse  für  Aetiologi 


3  Februar  1022. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


und  Therapie  zu  gewinnen  sind.  Hier  besteht  nämlich  das  grösste 
praktische  Interesse,  denn  jeder  Dermatologe  kennt  einerseits  die  Fälle 
von  generalisiertem  Pruritus  mit  so  unklaren  morphologischen  Ver¬ 
änderungen,  dass  diese,  auf  einem  Spezialistenkongress  zur  Debatte 
gestellt,  mit  Dutzend  verschiedenen  Diagnosen  belastet,  unverrichteter 
Weise  wieder  abziehen,  anderseits  die  unglücklichen  Patienten,  die 
von  wilden  Juckattacken  Tag  und  Nacht  gepeinigt,  durch  Schlaflosig¬ 
keit  und  Entkräftung  einem  schweren  Marasmus  verfallen,  trotzdem 
bereits  der  gesamte  Arzneischatz  und  alle  physikalischen  Heilmethoden 
in  Anwendung  gebracht  wurden.  Also  hier  besteht  eine 
Lücke,  und  jeder  Versuch,  die  Lücke  durch  neue  Erkenntnis  zu 
schliessen,  ist  der  Beachtung  wert. 

Ich  glaube  nun  gewisse  Gruppen  abteilen  zu  können,  bei  denen 
der  psychogene  Charakter,  zum  mindesten  aber  die  psychische  Kom¬ 
ponente,  nachweisbar  ist.  Das  ist  therapeutisch  um  so  wichtiger,  als 
man  psychisch  entstandene  Störungen  nur  auf 
psychischem  Wege  dauernd  heilen  kann,  falls  sie  nicht 
durch  spontanen  Fortfall  der  Ursachen  auch  spontan  verschwinden. 
Diese  psychische  Behandlung  habe  ich  nun  in  einer  Reihe  von  Fällen 
yorgenommen  und  sie  ist  mir  geglückt.  Ich  weiss  sehr  wohl,  dass 
in  einer  Anzahl  von  Kliniken  diese  Methode  auch  geübt  wird,  aber  eine 
zusammenfassende^  Uebersicht  der  Fälle  und  ihrer  Auswahl,  der  Me¬ 
thoden  und  ihrer  Erfolge  ist  mir  bisher  nicht  bekannt  geworden. 

Ich  bespreche  vorläufig  folgende  drei  Gruppen: 

I.  Psychogener  Pruritus  ohne  Hautveränderungen. 

II  Psychogener  Pruritus  mit  Hautveränderungen. 

III.  Pruriginöse  Dermatosen  mit  psychogen  gesteigerter 
Reizbarkeit. 

Zu  I.  drei  typische  kurze  Krankengeschichten: 

Fall  1.  Junges  Mädchen  kommt  in  die  Sprechstunde  mit  Klagen  über 
unerträgliches  Jucken  an  Hals  und  Schultern.  Sie  könne  gar  nicht  mehr 
schlafen;  ein  Arzt  hätte  ihr  Puder  verschrieben,  aber  ohne  Erfolg.  All¬ 
gemeinbefund  ohne  Besonderheit,  die  Haut  des  Halses  und  des  Ober¬ 
körpers  vollkommen  zart  und  glatt,  keine  Effloreszenzen,  keine  Kratzeffekte. 
Auffallend  ist  starke  vasomotorische  Erregbarkeit,  die  sich  in  lebhaftem  Wech¬ 
sel  von  Blässe  und  Röte  über  Hals  und  Schultern  äussert.  Auf  den  negativen 
somatischen  Befund  genaue  psychische  Exploration.  Es  stellt  sich  heraus, 
dass  Pat.  vor  einem  Jahr  durch  einen  Verwandten  gewaltsam  defloriert 
wurde.  Sie  ist  jetzt  mit  einem  jungen  Manne  still  verlobt  und  hat  sich  vor¬ 
genommen,  ihn  vor  der  öffentlichen  Verlobung  darüber  aufzuklären.  Sie 
wagt  es  aber  nicht,  schiebt  die  Veröffentlichung  immer  mehr  hinaus  und 
leidet  seit  dieser  Zeit  unter  dem  Pruritus.  Fühlt  sich  durch  die  Aussprache 
wesentlich  erleichtert,  hat  nach  2  hypnotischen  Sitzungen,  in 
denen  ihr  ruhiger  Schlaf  und  Kühle  und  Unempfindlichkeit  der  Haut  sugge¬ 
riert  wird,  alle  Beschwerden  verloren,  ist  entschlossen,  sich  zu 
verloben  und  dem  Bräutigam  nichts  zu  sagen. 

F  a  1 1  2.  Sehr  nervöse  Dame  aus  überseeischen  Ländern.  Hat  viel 
Schweres  durchgemacht,  steht  vor  einer  grösseren  gynäkologischen  Operation. 
Beim  Gedanken  an  diese  befällt  sie  ein  quälendes 
Jucken  im  Gesicht.  Objektiv  nichts.  Antipruriginöse  Mittel  helfen 
nur  vorübergehend.  Von  einer  hypnotischen  Behandlung  wurde  abgesehen. 
Nach  der  gut  verlaufenen  Operation  fiel  der  Juckreiz 
von  selbst  fort. 

Fall  3.  Frau  aus  dem  kleinen  Mittelstand,  seit  Wochen  von  Pruritus 
geplagt:  kann  nachts  nicht  schlafen,  ist  kraftlos,  erschöpft.  Alle  medikamen¬ 
tösen  Behandlungsversuche  bis  jetzt  erfolglos.  Pat.  bietet  das  Bild  einer 
gleicherweise  somatischen  wie  psychischen  Asthenie.  Sie  ist  schmächtig, 
grazil  gebaut,  blutarm,  muskelschwach.  Ihre  innere  Widerstandsfähigkeit 
ist  gering.  Sie  ist  Mutter  zweier  Kinder,  hat  den  Haushalt  allein  zu  ver- 
s?reen\  d'e  Mittel  sind  äusserst  beschränkt.  Sie  wird  immerfort  von  einem 
körperlichen  und  psychischen  Insuffizienzgefühl  überwältigt.  Am  schlimmsten 
ist  es  abends,  beim  Schlafengehen,  wo  die  Aufgaben  des  kommenden  Tages 
sich  als  nicht  zu  überwältigende  Schwierigkeiten  vor  ihr  auftürmen  und  ihr 
den  Schlaf  rauben.  Seitdem  sie  das  Jucken  hat,  kommt  sie  vor  lauter 
Kratzen  gar  nicht  dazu,  an  diese  Dinge  zu  denken.  Ihr 
Schlaf  ist  aber  eher  noch  schlechter  geworden.  Patientin  lässt  sich  leicht 
hypnotisieren,  fallt  gleich  in  tiefen  Schlaf  mit  nachfolgender  völliger 
Amnesie.  Die  Suggestionen,  die  auf  eine  Beruhigung  ihrer  Nerven  und  Stär¬ 
kung  ihrer  Widerstandskraft  abzieten,  haben  prompten  Erfolg.  Pat. 
schläft  die  nächsten  Nächte  ungestört,  fühlt  sich  stärker  und  zuversichtlich 
Bald  jedoch  erfolgt  ein  Rückfall:  die  Beklemmungen  treten  wieder  auf  und 
ihnen  folgt  der  Pruritus.  Derselbe  Ablauf  erfolgt  nach  jedem  Behandlungs¬ 
turnus.  Die.  psychasthenische  Konstitution  erweist  sich  als  stärker,  die  Sug¬ 
gestionen  wirken  nur  auf  Zeit,  der  Juckmechanismus  wird  wieder  in  Gang 
gesetzt. 

Die  angeführten  drei  Fälle  sollen  nur  als  Paradigmata  für  eine 
grössere  Anzahl  ganz  ähnlicher  dienen  und  gewisse  Typen  heraussteilen. 
Oas  ihnen  Gemeinsame  ist  das  völlige  Fehlen  irgendwelcher 
sichtbaren  Veränderungen  der  Haut. 

Ein  Parallelfall  zu  Fall  3  führt  uns  in  die  zweite  Gruppe,  z  u  m 
psychogenen  Pruritus  mit  Hautveränderungen. 

Fall  4.  Junges  Dienstmädchen  kommt  mit  den  typischen  Klagen: 
Abends  beim  Ausziehen  und  vor  dem  Einschlafen  unerträglicher  Juckreiz. 
Ausser  einigen  oberflächlichen  Kratzeffekten  nichts  festzustellen.  Hauptreiz¬ 
stellen  sind  der  Hals,  die  Gürtelgegend  und  die  Unterarme.  Medikamentöse 
Behandlung  wirkt  nur  vorübergehend.  Nach  etwa  zweiwöchentlicher  Pause 
■commt  Pat.  wieder.  Sie  hat  jetzt  in  der  rechten  Ellenbeuge  eine  typische 
>eginnende  „Neurodermitis  flexurarum“.  Die  Haut  ist  in  der  Grösse  eines 
landtellergrossen  Plaques  gerötet,  leicht  pigmentiert,  verdickt,  spiegelt  und 
''.eigt  deutliche  Felderung:  eine  echte  Neurod  er  matitis  in  statu 
i  a  s  c  e  n  d  i.  Die  Untersuchung  ergibt  eine  Psychasthe’nie  im  Sinne 
a..n  e  1  s-  Im  Mittelpunkt  steht  ein  dauerndes  und  unüberwindliches  Angst¬ 
gefühl  mit  schon  recht  ausgedehnten  Zwangshandlungen.  Die  Angst  wird  am 
grössten  abends,  wenn  sie  allein  ist.  Sie  verriegelt  und  verstellt  die  Türen, 
euchtet  jeden  Abend  unters  Bett  und  in  den  Kleiderschrank,  zieht  sich  die 
lecke  über  den  Kopf  und  hält  sich  die  Ohren  zu.  Erklärt  spontan:  wenn 
•e  sich  kratze,  lasse  die  Angst  nach.  Es  wird  unter  Weglassung 


149 

anderer  Behandlung  jeden  zweiten  Tag  hypnotisiert.  Dabei  werden 
beruhigende  Suggestionen  erlassen  und  Kratzverbot  erteilt.  Pat.  fühlt  sich 
sofort  wesentlich  ruhiger,  das  Jucken  hört  auf  und  nach  sechs  Hypnosen 
ist  die  Neurodermitis  spurlos  verschwunden.  Pat.  ist  seither 
geheilt. 

Die  beiden  nächsten  Fälle  sind  Parallelfälle.  Es  handelt  sich  um 
Frauen  in  den  Wechseljahren  mit  lokalisierter  Neurodermitis.  Beide 
stark  affektive,  psycholabilc  Naturen. 

Fall  5.  Weinhändlersgattin,  45  Jahre,  lebhafte,  enthusiastische  Natur, 
von  starkem  Geltungsbedürfnis,  immer  aktiv,  gibt  an,  von  jeher  starken 
Stimmungsschwankungen  unterworfen  zu  sein,  die  aber  sehr  bald  in  domi¬ 
nierende  Euphorie  einmünden.  Seit  llA  Jahren  Menopause.  Vor  1  Jahr 
heiratete  ihre  Lieblingstochter  gegen  den  Wunsch  der  Mutter.  Seitdem  starke 
Depression,  Abulie,  quälendes  Jucken  und  Neurodermitis.  Das  Hautleiden 
führte  hier  in  der  ersten  Konsultation  zur  Entdeckung  des  psychischen 
Traumas.  Ein  „traitement  moral“  stellt  in  wenigen  Wochen  das  innere 
Gleichgewicht  wieder  her.  Die  Neurodermitis  heilte  nach  der  üblichen  Rönt¬ 
gendosis  glatt  ab. 

Fall  6.  50  jährige  Baumeistersgattin.  Menopause  seit  2  Jahren. 

Seither  Neurodermitis  des  rechten  Unterschenkels.  Von  Jugend  auf  leichte 
Depression.  Die  Verstimmung  ist  in  den  letzten  Jahren  deutlicher  und  an¬ 
haltender  geworden.  Das  Hautleiden  verhält  sich  den  angewandten  medi¬ 
kamentösen  und  physikalischen  Heilmethoden  gegenüber  sehr  refraktär.  Pat. 
kratzt  andauernd.  Psychische  Behandlung  wird  abgelehnt. 

Fall  7.  Patient,  „Magnetiseur“,  kommt  in  völlig  aufgelöstem  Zustande 
in  die  Sprechstunde,  ist  in  grösster  Erregung,  kratzt  sich  wild.  Der  ganze 
Körper,  Gesicht,  Rumpf  und  Gliedmassen,  hochrot,  heiss;  die  Haut  verdickt, 
wie  entzündet,  Kratzstreifen  ziehen  wie  urtikarielle  Erhebungen  über  den 
ganzen  Körper.  Der  Zustand  besteht  seit  2  Tagen  und  erinnert  am  ehesten 
an  ein  beginnendes  toxisches  Erythem.  Es  ergeben  sich  aber  keine  Anhalts¬ 
punkte  dafür.  Pat.  selbst  macht  seine  grosse  Nervosität  geltend  und  spricht 
von  äusserst  unangenehmen  und  aufregenden  Ereignissen  der  letzten  Tage. 
Bei  der  ablenkenden  Unterhaltung  tritt  eine  auffallende  Beruhigung  ein.  Ex- 
perimenti  causa  wird  eine  sofortige  Suggestivbehandlung  vorgeschlagen  und 
angenommen.  Pat.,  der  selbst  viel  hypnotisiert,  ist  interessiert,  geht  willig 
mit  und  fällt  bald  in  Schlaf.  Es  wurden  lediglich  beruhigende  Suggestionen 
und  Kratzverbot  erlassen.  Nach  der  Hypnose  ist  der  eigentliche 
Juckreiz  verschwunden,  es  besteht  noch  ein  mässiges  Brennen, 
das  angenehm  empfunden  wird.  Die  Nacht  ist  im  Gegensatz  zu  den  vorigen 
ruhig.  Pat.  schläft  durch.  Nach  einigen  Tagen  Rückfall.  Der  gleiche 
Zustand  wie  bei  der  ersten  Konsultation.  Hypnose  wird  abgelehnt.  Wenige 
Tage  später  ist  Pat.  das  Opfer  eines  öffentlichen  Skandals,  in  dem  er  eine 
wenig  glückliche  Rolle  spielt.  Bleibt  darauf  von  der  Behandlung  weg. 

Der  Fall  4  scheint  mir  der  bedeutungsvollste  zu  sein.  Wir  kennen 
hier  die  Aetiologie,  Genese,  Krankheitsbild  und  haben  gesehen,  dass 
die  Therapie  der  Wahl  restlos  zur  Heilung  führt.  Ich  kann  mir  nicht 
denken,  dass  zur  Kritik  dieses  Falles  noch  Wesentliches  zu  sagen 
wäre.  Sehr  eindrucksvoll,  aber  nicht  so  durchsichtig  ist  der  Fall  7.  Es 
ist  hier  immerhin  nicht  auszuschliessen,  dass  vielleicht  irgendeine 
somatogene  Störung  Vorgelegen  hat  und  dass  bei  dem  gegebenen 
psychischen  Terrain  diese  starken  reaktiven  Ueberbau  erhalten  hat, 
der  dann  durch  das  psychotherapeutische  Verfahren  abgetragen  wurde. 

Dann  würde  dieser  Fall  7  eher  in  die  letzte  Gruppe  gehören,  näm¬ 
lich  zu  den  pruriginösen  Dermatosen  mit  psychogen 
gesteigerter  Reizbarkeit. 

Hierüber  ist  Neues  kaum  zu  sagen.  Diese  Erscheinungen  und 
Mechanismen  sind  längst  bekannt  und  ausgewertet.  Nur  wird  auch 
hier  nicht  immer  der  richtige  therapeutische  Schluss  gezogen.  Zwei 
typische  Fälle  mögen  das  Problem  beleuchten. 

Fall  8.  Junge  Frau  mit  chronisch  rezidivierender  disseminierter  Ek¬ 
zematöse.  Als  junges  Mädchen  wiederholt  in  Behandlung,  kam  sie  jedesmal 
ohne  besondere  Schwieiigkeiten  zur  Heilung.  Die  letzte  Erkrankung  bietet 
nach  der  Hochzeitsreise  ein  wesentlich  ernsteres  und  unerfreulicheres  Bild. 
Die  früher  bewährten  Methoden  waren  weniger  wirksam,  vor  allem  bestand 
ein  äusserst  quälender  Pruritus,  der  Pat.  und  die  Angehörigen  zur  Ver¬ 
zweiflung  trieb.  Pat.  schlief  nicht  mehr,  fühlte  sich  subjektiv  ganz  elend, 
kam  sichtlich  herunter  und  wusste  sich  keinen  Rat  mehr.  Gleich  nach 
der  ersten  Hypnose  verlief  die  Nacht  ausgezeichnet.  Pat.  schlief 
pausenlos  und  ruhig;  das  Jucken  wurde  erträglich  und  die  Dermatose  heilte 
in  auffallend  kurzer  Zeit  unter  kombinierter,  medikamentöser  und 
psychischer  Behandlung  völlig  ab. 

Die  junge  Ehe  mit  ihren  grossen  seelischen  Belastungen  und  der 
heftige  Wunsch,  das  lästige,  unappetitliche  Leiden  möglichst  schnell  los¬ 
zuwerden,  hat  das  schon  konstitutionell  etwas  labile  Gleichgewicht  der 
Pat.  so  erschüttert,  dass  sie  im  Gegensatz  zu  früher  in  eine  Art 
Erregungszustand  geriet,  der  ihre  Aufmerksamkeit  in  aktivster  Form 
auf  ihren  Zustand  lenkte  und  sie  Tag  und  Nacht  nicht  mehr  losliess. 
Die  Folge  war  ein  unaufhörliches  Malträtieren  der  erkrankten  Haut, 
das  jede  Abheilung  unmöglich  machte.  Aus  diesem  Circulus  vitiosus 
führte  die  Psychotherapie  in  kürzester  Zeit  zum  guten  Ende. 

Zum  Schluss  will  ich  in  diesem  Zusammenhang  noch  einen  Fall 
erwähnen,  der  zwar  noch  ln  Behandlung  ist  und  über  den  ich  deshalb 
ein  abschliessendes  Urteil  noch  nicht  abgeben  kann,  der  aber  eine  Be¬ 
sonderheit  zeigt,  die  ich  noch  gern  miterwähnen  möchte. 

F  a  1 1  9.  46  jährige  Frau,  Witwe  mit  Lues  seropositiva,  leidet  seit 
mehreren  Jahren  an  einem  Ausschlag  an  beiden  Beinen,  der  sie  sehr  quält. 
Schon  seit  längerer  Zeit  in  ärztlicher  Behandlung.  Es  handelt  sich  um  einen 
typischen  Lichen  ruber  planus  mit  allen  Charakteren  dieses  KrankheitsbiLdes. 
Doch  waren  die  Licheneffloreszenzen  förmlich  überdeckt  von  Kratzwunden 
verschiedenster  Art.  Pat.  litt  unsäglich,  kam  vollkommen  von  Kräften  und 
war  arbeitsunfähig.  Beide  Beine  waren  zeitweise  dick  geschwollen  und  von 
Pyodermien  besät.  Das  Jucken  kommt  in  plötzlichen  heftigen  Attacken  und 
steigert  sich  - —  und  das  ist  hier  das  Bemerkenswerte  — -  zu  einem 
heftigen  sexuellen  Orgasmus.  Bei  der  eindeutigen  Diagnose 
wurde  zuerst  schulgerecht  mit  Arsen  und  Hg-Karbolsalbe  behandelt,  das 
Oedern  und  die  Pyodermien  mit  Ruhestellung  und  feuchten  Verbänden  be¬ 
kämpft,  ohne  irgendwelchen  Erfolg.  Pat.  riss  die  Verbände  herunter  und 


150 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


kratzte  weiter.  Alle  versuchten  Antipruriginosa  brachten  nur  auf  kurze 
Augenblicke  Linderung.  Ich  entschloss  mich  deshalb  —  bei  aller  Skepsis 
-zur  psychischen  Behandlung,  die  von  der  Patientin  nach  dem  Versagen  aller 
anderen  Versuche  mit  grosser  Zuversicht  angetreten  wurde.  Die  ersten  drei 
hypnotischen  Sitzungen  zeigten  eine  auffallend  gün¬ 
stige  Wirkung,  die  jedoch  nach  der  vierten  Sitzung  durch  einen 
schweren  Rückfall  wieder  illusorisch  gemacht  wurde.  Die  Hypnosen  wurden 
ausgesetzt,  das  Rezidiv  ging  dann  auffallend  schnell  wieder  vorbei  und  der 
Zustand  hält  sich  jetzt  bereits  längere  Zeit  in  der  Abheilung. 

Der  Fall  ist  undurchsichtig:  es  besteht  eine  echte  pruriginöse 
Dermatose,  die  zum  Zeitpunkt,  da  mit  der  Hypnose  begonnen  wurde, 
bereits  stark  mit  Arsen  anbehandelt  war;  die  Hypnosewirkung  selbst 
ist  unbestimmt.  Interessant  ist  hier  in  erster  Ein  i  e  d  er 
Orgasmus  beim  Juckaniall,  der  bei  der  jetzt  angeblich  absti¬ 
nent  lebenden  Frau  möglicherweise  ein  0  n an  i e ä Q u  i  v  a  1  ent  dar¬ 
stellt  und  somit,  wie  alles  was  in  das  Gebiet  der  Paraphilien  hinüber¬ 
spielt  recht  komplexer  Natur  ist  und  zur  Abreaktion  und  Heilung  eines 
tieferen  Eindringens  in  den  psychischen  Mechanismus  bedarf,  als  es 
auch  bei  aller  Bereitwilligkeit  in  der  Sprechstunde  eines  Nicht-Fach- 

psvehiaters  möglich  ist.  . 

Damit  komme  ich  zum  Schluss  auf  einen  prinzipiell  sehr  wichtigen 
Punkt,  der  für  die  praktische  Auswirkung  solcher  Fälle  von  grösster 
Bedeutung  ist.  Gehören  diese  Fälle  zu  m  Dermatologen 
oder  zum  Fach  Psychiater?  Wie  bei  allen  Grenzfällen  lässt 
sich  eine  allgemeine  Antwort  nicht  geben.  Es  bleibt  eine  Frage  des 
therapeutischen  Taktes  —  und  der  Ausbildung!  Das  eine  steht  fest, 
diese  Kranken  kommen  in  die  Sprechstunde  des  Dermato¬ 
logen,  der  auch  stets  versuchen  wird,  medikamentös  zum  Ziele  zu 
gelangen.  Sie  werden  auch  gern  bereit  sein,  in  dessen  Sprechstunde 
eine  eingehende  Anamnese  zu  geben.  Damit  ist  aber  die 
Hauptarbeit  getan.  Die  Hypnose  selbst  ist  eine  Technik,  die 
jeder  Arzt,  der  sie  richtig  gelernt  hat,  wie  jeden  andern  ärztlichen 
Kunstgriff  anzuwenden  berechtigt  ist.  Es  sind  noch  zwei  andere  Punkte, 
die  dafür  sprechen,  zunächst  einmal  dem  Dermatologen  —  wenn  er 
entsprechend  geschult  ist  —  die  Vorhand  zu  lassen.  Die  Patienten  ge- 
raten  leicht  in  grosse  Angst,  wenn1  sie  nach  abgelegter  Beichte  zum 
Psychiater  geschickt  werden,  dem  bei  diesen  verhältnismässig  leichten 
Fällen  nichts  zu  tun  übrig  bleibt,  als  die  Beichte  noch  einmal  ab¬ 
zunehmen  und  dann  zur  Behandlung  zu  schreiten.  Dann  wird  bei  all 
den  Fällen,  wo  Hauterscheinungen  vorliegen,  der  Hautarzt  doch  nicht 
zu  umgehen  sein  und  dann  hat  man  zwei  Köche  für  ganz  denselben  Biei. 
Voraussetzung  ist  natürlich,  dass  man  gelernt  hat,  psychisch  zu  explo- 
rieren.  Man  muss  genau  wissen,  wonach  man  fragen  muss  und  muss 
es  in  der  richtigen  Art  und  Weise  machen.  Ein  Schulfall,  wie  man  es 
nicht  machen  soll,  ist  mein  Fall  7.  wo  der  Patient  schon  in  der  ersten 
Sprechstunde  sozusagen  aus  dem  Stand  in  den  Hypnosesessel  gesetzt 
wurde.  Dies  geschah  jedoch,  wie  bereits  erwähnt,  lediglich  experimenti 
causa:  ich  wollte  sehen,  wie  ein  so  akuter  Fall,  den  'ich  rein  ge- 
fiihlsmässig  für  einen  psychogenen  hielt,  auf  die  Behandlung 
reagiert.  Das  Ergebnis  hat  mich  auch  nachträglich  bis  zu  einem  ge¬ 
wissen  Grade  entlastet.  Eine  gründliche  und  sachgemässe  Explora¬ 
tion  wird  dem  gewissenhaften  Dermatologen  auch  in  den  meisten 
Fällen  bald  zeigen,  wo  seine  Zuständigkeit  aufhört. 


Aus  der  dermatologischen  Klinik  der  Universität  Leipzig. 
(Direktor:  Prof.  Rille.) 

Weitere  Erfahrungen  über  die  Cyarsal-Mischspritze. 

Von  Dr.  med.  et  phil.  F.  W.  Oelze. 

L  i  n  s  e  r  hatte  1919  die  .  kombinierte  einzeitige  Injektion  von 
Salvarsan-Sublimatlösung  eingeführt.  Bruck  und  B  e  c  h  e  r  hatten 
daraufhin  die  Mischung  mit  Novasurol,  Herb  eck  diejenige  mit  Em- 
barin  empfohlen.  Die  klinische  Wirkung  aller  dieser  Mischungen  wurde 
als  recht  befriedigend  gerühmt:  mehrfache  Bestätigungen  liegen  vor. 

War  die  Lins  er  sehe  Methode  für  den  Kranken  äusserst  an¬ 
genehm  —  und  dieser  Punkt  sollte  bei  der  Würdigung  einer  Methode 
auf  ihren  praktischen  Wert  bei  der  Volksseuchenbekämpfung 
nicht  gering  angeschlagen  werden  — ,  so  brachte  andererseits  die 
Originalmethode  wie  ihre  Modifikationen  für  den  Arzt  die  Schwierig¬ 
keiten  der  Technik  der  intravenösen  Injektion  undurchsichtiger,  trüber 
Flüssigkeiten  mit  sich.  Weil  aber  gerade  hierdurch  die  so  wünschens¬ 
werte  Verbreitung  der  Methode  in  den  weitesten,  auch  allgemein¬ 
ärztlichen  Kreisen  behindert  erschien,  bemühte  ich  mich  eine  neue 
Modifikation  der  L  i  n  s  e  r  sehen  Methode  zu  finden  ohne  diesen  zwar 
äusserlichen,  aber  nicht  unwesentlichen  Schönheitsfehler. 

Gemeinsam  mit  dem  Chemiker  Dr.  Boedecker-J  empelhof 
arbeitend,  wurde  so  eine  Reihe  von  Verbindungen  dargestellt,  die  zwar 
mit  dem  Salvarsan  noch  lebhaft  reagierten,  indessen  der  Mischung  zu¬ 
nächst  nodh  genügende  Durchsichtigkeit  Hessen,  so  dass  das  Eintreten 
des  Blutes  in  die  Spritze,  zum  Zeichen  der  richtigen  Lage  der  Kanüle, 
bequem  beobachtet  werden  konnte.  Ueber  die  therapeutisch^  beste 
dieser  Verbindungen,  das  C  y  a  r  s  a  1,  hergestellt  von  der  J.  D.  R  i  e  d  e  1 
A.G.  Berlin,  berichtete  ich  in  Nr.  9,  1921  der  Münch,  med.  Wochenschr. 

Es  ist  gerade  ein  Jahr  seit  Abfassung  jenes  Berichtes  vergangen, 
die  Methode  hat  weite  Verbreitung  gefunden,  auch  mehrere  Publika¬ 
tionen  liegen  vor,  so  dass  eine  Zusammenfassung  sowie  Erörterung 
einiger  inzwischen  geklärter  Fragen  wünschenswert  erscheint. 

Von  den  vorliegenden  Nachprüfungen  bestätigt  Lenzmann  lll 
die  gute  klinische  Wirkung  des  Cyarsals,  hauptsächlich  wurden  Misch¬ 


spritzen  mit  Silbersalvarsan  und  Sulfoxylat  gegeben.  L  e  il  z  m  a  n  n 
gibt  jedoch  meistens  das  Cyarsai  allein  intravenös,  breite  Kondylome 
sind  nach  etwa  6  Injektionen  zu  je  0,02  g  Hydrargyrum  rast  vollkommen 
zurückgebildet.  Bei  hoher  Dosierung  (0,045  g  Hg  intravenös)  sah 
Len  z  m  a  n  n  einige  Male  blutige  Stühle,  er  wendet  deshalb  nur  noch 
die  übliche  Dosis  (2  ccm  ä  0,01  g  Hg)  an,  die  für  den  gewünschten 

Erfolg  vollkommen  genügt.  ......  i 

Ich  habe  in  meiner  einführenden  Arbeit  deswegen  die  alleinige  ■ 
intravenöse  Injektion  von  Cyarsai  nicht  empfohlen.  1.  weil  ich  die  oft  • 
auftretenden  Nebenwirkungen  bei  dieser  Applikationsart  scheute,  2.  weil  ^ 
bei  gleichzeitiger  Salvarsan  gäbe  zweimal  eingespritzt  werden  muss  J 
und  3.  weil  die  zum  kolloidalen  Hg  führende,  in  der  Mischspritze 
stattfindende  Umsetzung  zweifelhaft  und  unkontrollierbar  wird.  Das"  ' 
Cyarsai  ist  eben  ein  Spezialoräparat  für  die  Mischspritze  und  entfaltet.! 
nur  in  dieser  seine  ihm  eigentümlichen  Vorzüge.  Ich  habe  daher  in  . 
meiner  ersten  Arbeit  die  alleinige  intravenöse  Injektion  gar  nicht  be¬ 
sprochen  und  kann  sie  auch  heute  nicht  empfehlen. 

Eine  sehr  eingehende  klinische  Prüfung  nahm  Gut  mann  12 1  vor, 
zugleich  mit  Berücksichtigung  der  Novasurol-Salvarsanmischung.  Die 
klinische  Wirkung  war  gut.  die  Seroreaktion  wurde  befriedigend  be¬ 
einflusst.  Ernstere  Nebenwirkungen  traten  nicht  auf.  Bemerkenswert 
ist  die  günstige  Beeinflussung  eines  Falles  von  syphilitischer  Nephrose 
durch  meine  Mischspritze.  Ueber  die  genaueren  Daten.  Zahl  der. 
Rezidive  etc.  muss  die  Originalarbeit  verglichen  werden.  _ 

Hey  mann  und  Fabian  [3]  haben  gleichfalls  mit  der  Misch-  . 
spritze  recht  befriedigende  Resultate  gehabt,  die  Fälle  sind  in  Tabellen, 
zusammengestellt.  Ernstere  Nebenwirkungen  wurden  nicht  beobachtet, 
im  Gegenteil  werden  die  Vorteile  des  Verfahrens  sowohl  von  Arzt  wie 
Patienten  angenehm  empfunden. 

Gutmann  sowohl  wie  Heymann  und  Fabian  bemerken  aus-, 
drücklic'h,  dass  ein  endgültiges  Urteil  über  die  Methode  trotz  derl 
bisherigen  recht  guten  Wirkungen  noch  nicht  gegeben  werden 
kann.  Ich  selbst  schliesse  mich  dieser  Auffassung  durchaus 
an.  Besonders  •  erwünscht  wäre  auch  die  Bekanntgabe  etwa  von 
anderer  Seite  beobachteter  Nebenwirkungen  oder  Misserfolge,  denn  oft 
ist  es  möglich,  aus  diesen  einen  Fortschritt  abzuleiten.  Nach  meinen 
Erfahrungen,  die  bis  jetzt  etwa  8000  Einspritzungen  umfassen,  sind  er-:, 
freulicherweise  ernste  Nebenwirkungen  nicht  zu  erwarten.  Im  ganzen, 
dürfte  so  viel  Cyarsai  in  der  Mischspritze  injiziert  sein,  dass  die  aus;; 
der  Kölner  Salvarsanstatistik  berechnete  Gefahrenquote  um  ein  Mehr¬ 
faches  überschritten  wurde.  Das  ist  um  so  wichtiger,  als  bei  der  Sal- 
varsan-Novasurolmijchung  über  mehrere  Todesfälle,  zuletzt  von', 
Issel  [4],  der  sonst  recht  gute  Wirkungen  erzielte,  berichtet  wurde, 
allerdings  erhält  der  Kranke  mit  Novasurol,  das  allem  intravenös  ge-; 
geben  gut  vertragen  wurde,  bedeutend  mehr  Hg  als  bei  meiner  Cyarsal- 
dosierung.  Ich  habe  aber  schon  bemerkt,  dass  bei  der  Mischspritze 
ganz  allgemein  mit  weniger  Hg  auszukommen  wäre.  Im  übrigen  ist  es 
wohl  im  einzelnen  Falle  kaum  möglich,  abzuschätzen,  wieviel  einer  ein¬ 
getretenen  Schädigung  auf  das  verwandte,  bei  der  Mischung  übrigens 
stark  veränderte  Hg-Präparat  und  wieviel  auf  das  Salvarsan  zu  ver¬ 
teilen  ist.  .  J  .  .  „  .  M 

An  der  Tatsache,  dass  es  bis  jetzt  keine  sicher  rezidivfreie  Behand¬ 
lungsmethode  gibt,  ändert  auch  die  Mischspritze  nichts.  Bis  jetzt 
hielten  sich  die  Rezidive  in  massigen  Grenzen;. da  mir  die  abgelaufene 
Zeit  noch  nicht  ausreichend  erscheint,  werde  ich  erst  später  darüber 
berichten. 

Ich  hatte  ausdrücklich  vor  einer  schematischen  Behandlung  ge¬ 
warnt,  inzwischen  habe  ich  im  allgemeinen  die  Salvarsanmenge  von 
ca  6  g  pro  Kur  und  Mann  in  kürzerer  Zeit  gegeben,  nämlich  zweimal 
wöchentlich  je  0,6  g  Neosalvarsan  +  1—1,5  ccm  Cyarsai.  Neben¬ 
erscheinungen  fehlten.  Die  Feststellung  des  Verschwindens  der  Spiro¬ 
chäten  nach  einer  Injektion  ist,  wenn  genau  ausgeführt,  nicht  einfach. 
Bei  der  Mischspritze  erscheint  die  Entfernung  der  Oberflächenspiro¬ 
chäten  meist  etwas  verlängert,  sehr  bemerkenswert  sind  dabei  auf¬ 
tretende  individuelle  Verschiedenheiten,  eine  individuelle  Behandlung 
der  Luiker  ist  aber  gerade  ein  dringendes  Desideratum.  Ich  habe  schon 
betont,  dass  Untersuchungen  über  Oberflächenspirochäten  keinen  Rück¬ 
schluss  auf  Heilungsvorgänge  im  Körperinneren  gestatten.  In  der  zu¬ 
nächst  ungewohnt  anmutenden,  aber  gedankenreichen  Arbeit  von 
Fraser  f5l  wird  es  sogar  als  ein  entschiedener  Nachteil  des.Sal- 
varsans  bezeichnet,  dass  es  den  Körper  zu  schnell  sterilisiere.  In  einem 
im  Druck  befindlichen  Buch  habe  ich  [6]  diese  Frage  besprochen. 

Auch  ich  hatte  in  meiner  ersten  Arbeit  erwähnt,  dass  es  unbe¬ 
kannte  Verbindungen  seien,  die  man  mit  den  Mischspritzen  injizierte. 
Diese  Bemerkung  hat  anscheinend  auf  viele  Aerzte  mehr  Eindruck  ge¬ 
macht  als  ihr  zukam.  Spritzt  miau  reines  Salvarsan  ein.  so  ist  in  dem 
Augenblicke,  wo  die  Lösung  unter  der  Hautoberfläche  verschwindet, 
gleichfalls  das  Gebiet  der  unbekannten  Reaktionen  betreten. 

Für  die  Verhältnisse  in  vitro  sind  übrigens  inzwischen  durch  Binz 
und  Bauer  [7]  für  die  ursprüngliche  Lins  ersehe  Sublimatmischung 
die  Umsetzungsprodukte  festgestellt.  Mit  Neosalvarsan .  treten  sechs 
Reaktionsprodukte  auf.  ein  Teil  wird  zu  4,4-Dioxy-3-imino-methy len- 
schwefligsaurem  Arsenobenzol  oxydiert.  Zum  Teil  zerfällt  das  Neo¬ 
salvarsan  weiter  in  ein  Gemisch  von  4-oxy-3-amino-phenyl-Arsinoxyd. 
Der  entstandene  Chlorwasserstoff  macht  Neosalvarsansäure  frei,  zu¬ 
gleich  entsteht  formaldehydschweflige  Säure.  Das  Sublimat  wird  auch 
mit  Neosalvarsan  zu  kolloidalem  Hs  reduziert.  Das  Charakteristische 
der  Reaktion  bestellt  darin,  dass  durch  das  Oxydationsmittel  die  Arseno- 
gruppe  und  die  Sulfoxylgruppe  nicht  stufenweise,  sondern  gleichzeitig 
angegriffen  werden. 


.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


151 


Interessant  ist  besonders  die  Frage,  wieviel  Saivarsan  für  die  Um- 
etzung  durch  die  beiden  hauptsächlichsten  Reaktionen  in  der  Cyarsai- 
lischspritze  verbraucht  wird.  Analog  zu  Binz  können  wir  annehmen, 
ass  einerseits  466  'l'eile  Neosalvarsan  mit  437  Teilen  Cyarsal,  anderer- 
hts  466  I  eile  Neosaivarsan  mit  1311  Teilen  Cyarsal  zu  metallischem 
lg  sich  Umsetzern  Nun  enthalten  2  ccm  Cyarsallösung  0,0438  g  feste 
ubstanz.  Demnach  ist  bei  der  Dosierung  0,45  g  Neosalvarsan  -f-  2  ccm 
-yarsal  etwa  die  20  fache  Menge  der  zur  Reduktion  der  Hg-Verbindung 
rforderlichen  Menge  Neosalvarsan  vorhanden.  Hieraus  folgt  zugleich, 
ass  man  nicht  etwa  zu  einer  antiluetischen  Kur  mit  der  Mischspritze 
lehr  Saivarsan  braucht  als  bei  alleiniger  Anwendung.  Durch  die 
lisch ung  weiden  nur  bis  zu  5  Proz.  des  Neosalvarsans  verbraucht,  das 
hielt  aber  in  der  Praxis  gar  keine  Rolle.  Auch  die  Zähl  der  Injektionen 
at  mit  der  Mischung  an  sich  nichts  zu  tun.  Wenn  man  mit  der  Sal- 
arsandosierung,  zeitlich  betrachtet,  dauernd  ansteigt,  so  geschieht  das 
nabhängig  von  der  Form  der  Mischspritze. 

In  meinem  Vortrage  auf  dem  12.  Kongress  der  Deutschen  Dermatol 
.es.  in  Hamburg  (Referate  in  der  Dermiat.  Wschr.  und  -Zschr.)  er- 
hienen)  konnte  ich  mitteilen-,  dass  in  der  Cyarsalmischspritze  schon 
n  Moment  der  Mischung  durch  den  Tyndalleffekt  und  bei  Dunkelfeld- 
efeuchtung  das  Auftreten  kolloidaler,  zum  metallischen  Hg  führender 
erbindungen  festgestellt  werden  kann.  Für  die  therapeutische  Be¬ 
wertung  der  Cyarsalmischspritze  ist  der  Umstand  wichtig,  dass  diese 
olloide  von  feinster  Dispersität  sind.  Die  sehr  grosse  Oberfläche  des 
uecksilbers  ist  einem  intensiven  therapeutischen  Effekt  günstig.  Man 
raucht  sich  daher  nicht  zu  wundern,  wenn  bei  Ueberdosierung  oder 
mz  besonderer  Empfindlichkeit  eines  Kranken  auch  die  dem  Hg  eigen¬ 
tlichen  Nebenwirkungen  auftreten,  die  Schumacher  [8]  geradezu 
,s  kennzeichnend  für  den  Nachweis  der  Hg-Wirkung  bezeichnet.  Von 
nfang  an  habe  ich  aber  eine  so  vorsichtige  Dosierung  empfohlen,  ob¬ 
eich  an  sich  mit  dem  Cyarsal  hohe  Lösungskonzentrationen  erreicht 
erden  können,  dass  derartige  Nebenwirkungen  bis  jetzt  nicht  störend 
ervorgetreten  sind.  Einen  Ausgleich  für  die  geringere  Dosierung  bietet 
e  hohe  Dispersion  des  Cyarsalkolloides. 

Im  ganzen  betrachtet,  scheint  mir,  soweit  es  sich  für  den  Augen¬ 
ick  beurteilen  lässt,  in  der  Cyarsalmischspritze  —  und  nur  diese  Form 
:r  Applikation  halte  ich  im  Hinblick  auf  die  chemischen  Eigentümlich¬ 
st611  d6S  Cyarsals  für  einen  eventuellen  Fortschritt,  wie  schon  in 
einer  einführenden  Arbeit  betont  —  eine  Behandlungsweise  der  Lues 
geben,  die  sowohl  für  Kranke  wie  Arzt  manche  Vorteile  bietet.  Äus- 
ebige  Nachprüfung  glaube  ich  wegen  der  ausgezeichneten  Verträg- 
LTikeit  weiter  empfehlen  zu  können.  Von  dem  natürlich  erst  in 
ngerer  Zeit  zu  gebenden,  definitiven  Urteil  wird  es  abhängen,  ob  die 
ethode  Bestand  haben  kann  oder  durch  eine  andere  ersetzt  werden 
iuss. 


Literatur. 

1.  Lenzmann:  Ueber  die  gleichzeitige  kombinierte  Anwendung  des 
Ibersalvarsannatriums  und  des  Quecksilberpräparates  Cyarsal  in  der 
‘erapie  der  Lues.  Med.  Kl.  1921  S.  1200.  —  2.  Gut  mann  O.:  Ueber 
:  Behandlung  der  Syphilis  mit  Neosalvarsan-Novasurol  nach  Bruck  und 
losalvarsan-Cyarsal  nach  0  e  1  z  e.  B.kl.W.  1921  S.  1233.  —  3.  M  e  y  - 
iann  und  Fabian:  Das  Cyarsal  in  der  Mischspritze.  Derm.  Wschr 
-1  b.  1195.  —  4.  Issel  E.:  Mischspritzen  von  Novasurol  und  Neosalvarsan 
1  Luetikern.  D.m.W.  1921  S.  48.  -  5.  A.  Reith  Fraser:  Some 
:count  of  the  Responsibihty  of  intensive  Treatment  Methods  with  Regard 
I  the  Incidence  of  early  Neurosyphilis.  American  Journal  of  Syphilis  1921. 
••  ,  <\F-  W-  0elze:  Untersuchungen  über  den  Syphiliserreger, 

ipzig,  Leopold  y  o  s  s.  —  7.  A.  B  i  n  z  und  H.  Bauer:  Ueber  die  Ein- 
V4)m,  Sublimat  auf  Saivarsan  und  Neosalvarsan.  Chemiker-Zte  J9?i 
539  u.  Zschr.  f.  angew.  Chemie  1921  S.  223.  -  8.  Josef  Schumacher: 
e.Ist  ,d‘e,  gute- Wirkung  derLinser  sehen  Mischung  zu  erklären?  Derm 
>chr.  1921  S.  1007. 


-is  der  Hautabteilung  des  Städt.  Krankenhauses  Karlsruhe. 

Ein  Jahr  Linserverfahren. 


Von  Generaloberarzt  a.  D.  Dr.  v.  Pezold. 

Drei  Jahrhunderte  hindurch  hat  das  Quecksilber  unbestritten  das 
hlachtfel-d  im  Kampfe  gegen  die  Syphilr  allein  behauptet;  vor  hundert 
hren  trat  an  seine  Seite  das  Jodkalii,  ein  bescheidener  Knappe  neben 
m  dreihundertjährigen  kampferprobten  Riesen.  Erst  in  unseren 
£en  J?*wa  .  vierhundert  Jahre  nach  der  Eröffnung  des  Kampfes 
gen  die  Syphilis  in  Europa  —  trat  das  Saivarsan  auf  den  Plan  und 
■jachst  schien  es,  als  würde  es  das  Quecksilber  verdrängen  und  aus- 
lalten.  Aber  aus  dem-  Rivalen  wurde  bald  ein  Bundesgenosse  und 
der  kombinierten  Quecksilber-Salvarsanbehandlung  erschien  der 
rksamste  Weg  der  Bekämpfung  der  Spirochäten  gefunden.  Neben 
r  intravenösen  Einverleibung  des  Salvarsans  wurde  das  Quecksilber 
tvveder  kutan  mittels  der  Schmierkur  oder  intramuskulär  mittels  der 
-ektion  dem  Körper  einverleibt. 

Aber^  mit  dem  Grundsatz:  „Getrennt  marschieren  und  vereint 
a lagen  brach  das  einzeitig  kombinierte  Verfahren  von-  Einser, 

^  Neosalvarsan  mit  1  proz.  Sublimatlösung  gemischt  in  die  Vene  einT 
■  itzte.  Gemeinsam  zogen  nun  auf  gleicher  Marschstrasse  die  beiden 
aller  Verschiedenheit  der  Kampfmethoden  ebenbürtigen  Streit- 
•oossen  dem  Eeinde  entgegen. 

Welche  Vorteile  bietet  dieses  Linserverfahren  gegenüber  der  bisher 
■ichen  kombinierten  Behandlung? 

In-  die  Augen  springend  sin-d  die  Nachteile  der  bisherigen  An- 
nuungsweise.  Sicherlich  bietet  die  Schmierkur,  richtig  angewandt, 

Nr.  5. 


gute  Erfolge.  Aber  die  richtige  Anwendung  ist  nur  im  Krankenhause 
gewährleistet.  Mangel  an  Energie,  an  Fertigkeit  und  an  gutem  Willen 
haben  von  jeher  die  ambulante  Schmierkur  kompromittiert,  ln  unseren 
l  agen  kommt  dazu,  dass  die  Waschereikosten  der  verschmierten  Bett- 
tiieher  un-d  Unterkleider  störend  einwirken,  dann  aber  bei  den  heutigen 
Koh-l-enpreisen  oft  der  Mangel  eines  geheizten  Schlafzimmers. 

Gegen  die  intramuskuläre  und  subkutane  Einverleibung  der  unlös¬ 
lichen  und  löslichen  Quecksilberverbindungen  spricht  ihre  Schmerz¬ 
haftigkeit  und  die  Widerstandsfähigkeit  der  Infiltrate.  Es  ist  eine  nicht 
zu  bestreitende  Tatsache,  dass  die  Klagen  über  die  Schmerzhaftigkeit 
der  Injektionen  in  den  letzten  Jahren  überraschend  zugenommen  haben 
Mag  der  Grund  am  Präparat  oder  an  den  Kranken  liegen,  Tatsache  ist 
dass  diese  Beschwerden  einerseits  viele  Kranke  veranlassen,  sich  der 
schmerzhaften  Behandlung  zu  entziehen,  andererseits  tatsächlich  vor¬ 
übergehende  Arbeitsunfähigkeit  durch  solche  Infektionen  verursacht  wird 

Das  jahre-  und  jahrzehntelange  Bestehenbleiben  der  Infiltrate  in 
der  Gesassmuskulatur  wird  besonders  von  Frauen  störend  empfunden 
die  oft  als.  einzige  metallische  Mitgift  ihre  Infiltrate  in  die  Ehe  mit¬ 
bringen,  die  als  unveräusserliche  Depots  noch  lange  dem  tastenden 
ringer  bemeikbai  bleiben  als  indiskrete  Zeugen  einer  gern  vergessenen 
Vergangenheit.  Puellen  scheuen  das  maturgem-äss  am  meisten.  Auch 
sehr  länge  Kanülen  bieten  dagegen  nicht  immer  Schutz. 

,,W*e  die?e  Nachteile  fallen  fort  bei  der  einzeitigen  kombinierten 
FM21e'  ^ei  es  dass  man  Sublimat  nach  Li  ns  er,  oder  Novasurol, 
cmbarin,  Cyarsal  oder  Mesinurol  dem  Neosalvarsan  beimengt. 

Nicht  zu  unterschätzen  sind  noch  einige  weitere  Vorzüge  des 
Linse  r  sehen  Verfahrens.  Es  ist  für  den  Kranken  nicht  unwesentlich 
a  !  er;Lei  dieser  Behandlungsart  im  allgemeinen  nur  7  bis  10  mal  zum 
Arzt  gehen  muss,  so  dass  ihm1  nicht  nur  Schmerzen  und  Arbeitsunfähig¬ 
keit  sondern  auch  Zeitverlust  und  Fahrgeld  erspart  bleibt.  Dazu  sind 
uir  ihn  oder  die  Krankenkasse  auch  die  Kurkosten  bedeutend  geringer 
Besonders  für  die  Landesversicherungsanstalten,  für  die  Armenfürsorge 
und  in  Gefängnissen  spielt  das  eine  grosse  Rolle. 

i  nl-T  Krankenhause  Karlsruhe  wurden  in  der  Zeit  vom 

.  )  'tober  1920  bis  zum  30.  September  1921  dreitausendsi-ebenhundert 
Linserspritzen  gegeben,  über  die  hier  berichtet  werden  soll.  SeTbst- 
verstandheh  ist  die  Zeit  eines  Jahres  zu  kurz,  um  ein  endgültiges  Urteil 
i  3er  das  Verfahren  zu  fällen.  Ueber  die  Dauerwirkung  der  Linser- 
spiitzen  wird  erst  die  Zukunft  urteilen  können.  Aber  wertvoll  ist 
wohl  jeder  Beitrag  zur  Lösung  einer  so  brennenden  Frage,  wie  sie  die 
zweckmassigste  Art  der  Luesbekämpfung  für  jeden  Arzt  bedeutet. 

-m  v  dreitausendsiebenhundert  Linserspritzen  verteilen  sich  auf 
591  Kuren  und  beziehen  sich  teils  auf  stationäre,  teils  auf  ambulante 
Kranke.  Gegeben  wurde  mit  jeder  Spritze  0,45  bis  0,75  Neosalvarsan 
mit  1  ccm  einer  1  proz.  Subhmatlösung  in  Mischspritze  intravenös.  In 
Ausnahmefallen  wurde  mit  0,3  angefangen  oder  bis  0,9  gestiegen  Als 
Gesamtmenge  wurde  in  einer  Kur  bei  Männern  etwa  5,4,  bei  Frauen 
etwa  4.5  Neosalvarsan  eingespritzt,  was  im  allgemeinen  durch  7  bis 
10  Spritzen  erreicht  wurde,  die  zweimal  in  der  W-oche  gegeben  wurden. 

N|ese  grossen  Dosen  haben  wir  in  allen  Fällen  gegeben.  Nur  eine 
1  hthise  mit  Neigung  zur  Lungenblutung  war  uns  Gegenindikation,  nicht 
aber  Herzfehler  oder  Gravidität. 

,  Bie  LlÖS*  nS?  ^urde  >n  der  Weise  hergestellt,  dass  z-u  je  2—5  ccm 
sttri  em  destillierten  Wasser  1  ccm  1  proz.  Sublim-atlösung  zugesetzt 
wurde.  In  dieser  verdünnten  Su-blimatlösung  löst  sich  das  Neosalvarsan 
rascher  als  m  Wasser  Letzteres  darf  nicht  zu  kalt  sein.  Es  entsteht 
eine  undurchsichtige  olivgrüne  Mischung,  in  der  man  den  einströmen- 
den  Bhitstrom  nicht  wahrnehmen  kann.  Dieser  Nachteil  spielt  aber 

Rmf  hR°  'e’  m^n  Blut  asP'iriert.  Meist  drückt  das  einströmende 

Blut  der  gestauten  Vene  schon  von  selbst  den  Stempel  der  Spritze 
zurück.  Fechmsch  macht  dann  die  Linserspritze  kaum  mehr  Schwierig¬ 
keit  als  die  reine  Neosa-lvarsanspritze.  Man  kann  sich  auch  vom  rich¬ 
tigen  Liegen  der  Kanüle  in  der  Vene  überzeugen,  indem  man  eine 
r  ausssche  Nadel  benützt,  auf  die  man  die  Spritze  erst  aufsetzt 
wenn  Blut  aus  der  Nadel  strömt.  Ich  benutze  sehr  gern  die  vorzüg- 
1  ichen  Stuhmernadeln  mit  oder  ohne  Blutfänger,  auf  welche  die  Spritze 
auch  erst  nachträglich  aufgesetzt  wird. 

Immerhin  sehen  Anfänger  bei  den  Linserspritzen  mehr  Infiltrate, 
a  s  iei  eimaehen  Neosalvarsanspritzeti.  Diese  Linserinfiltrate  scheinen  . 
fjf.  nuI  kürzere  Zeit  schmerzhaft  zu  sein,  als  die  früheren.  Der 
heftige  Schmerz  dauert  24  Stunden  und  ist  durch  heisse  Armbäder 
heisse  Kompressen  meist  ohne  Narkotika  zu  bekämpfen.  Zuweilen  ist 
SK?*  rd  ^spirati?n  des  Infiltrats  möglich.  Ersetzt  man  das 
-  uobmiat  durch  Lyarsal.  so  vermeidet  man  diesen  kleinen  Missstand. 

Gegen  das  Linserverfahren  wird  neben  dieser  kleinen  technischen 
.c  wiengkeit  geltend  gemacht,  dass  mit  der  Mischspritze  ein  bisher 
unkontrolher-bares  Gemisch  in  die  Blutbahn  kommt.  Das  ist  richtig, 
ns  scheint  sich  um  eine  Oxydation  der  Arsenverbindung  durch  das 
zu  handeln  die  zu  einem  Niederschlag  führt,  der  Kalomel  und 
kolloidales  Quecksilber  enthält.  Jedenfalls  sind  die  Forschungen 
hierüber  noch  nicht  abgeschlossen. 

.  Charakteristisch  ist,  dass  die  meisten  Kranken  bei  der  Einspritzung 
einen  sehr  deutlichen  unangenehmen,  ja  widerlichen  Geschmack  im 
hah.en,  wie  S|e  ihn  bei  einer  Sal-varsanspritze  nicht  empfinden. 
Wahrend  sie  hier  Aethergeschmack  angeben,  sprechen  sie  bei  Linser- 
spntzen  von  einem  ekelhaften,  nicht  näher  zu  bezeichnenden  Geschmack 
„nach  der  Apotheke  .  Ein  Kranker  gab  an.  dass  er  während  der  Spritze 
bei  den  ersten  drei  Atemzügen  Aethergeschmack,  bei  dem  vierten  Knob- 
lauchgeschmack  habe.  Einigemal  erfolgte  sofort  nach  der  Linserspritze 


152 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Erbrechen  Manche  Kranke  essen  deshalb  während  der  Spritze 
Schokolade,  andere  rauchen. 

Die  Kuren  wurden  im  allgemeinen  vorzüglich  ertragen.  Die  er- 
schcinungen  der  Lues  I,  II  und  III  gingen  rapid  zurück,  lanzinierende 
Schmerzen  bei  Tabes  schwanden.  Nierenreizungen  haben  wir  mit  einer 
Ausnahme  nicht  gesehen,  Gewichtsabnahme  nie  bemerkt.  Ein  schwäch¬ 
licher  Friseur  von  42  Kilo  nahm  während  der  Kur  zu,  ebenso  eine 
dicke  Händlerin  von  89  Kilo.  Eine  Riesendame  von  129  Kilo  ver¬ 
mehrte  ihr  stattliches  Gewicht  um  1,5  Kilo.  Zwei  Puellen  gaben  an, 
die  Linserkuren  wirkten  auf  sie  appetiterregend. 

Thrombosierung  der  Vene  wurde  nur  einmal  beobachtet  und  zwar 
bei  einer  Kranken,  bei  der  nur  eine  einzige  Armvene  zur  Injektion  zu 
gebrauchen  war.  Diese  war  am  Ende  der  zweiten  Linserkur  in  der 
Ausdehnung  von  3  cm  thrombosiert.  _ 

Gelbsucht  sahen  wir  in  18  Fällen,  d.  h.  in  3  Proz.,  einige  \\  ochen 
nach  der  Kur  auftreten.  In  mehreren  Fällen  war  eine  Schädigung  durch 
die  Kur  auszuschliessen;  in  allen  Fällen,  in  denen  eine  weitere  Kur 
gemacht  wurde,  d.  h.  in  14  Fällen,  wurden  später  die  gleichen  Linser- 
spritzen  gut  vertragen.  Der  einzige  Todesfall  an  akuter  gelber  Leber¬ 
atrophie  in  dem  Jahre  betraf  eine  alte  Frau  mit  Lues  III,  die  nur  mit 
Salvarsan  behandelt  worden  war. 

In  6  Fällen,  d  h.  in  1  Proz.,  wurden  Neurorezidive  beobachtet,  die 
viermal  den  Akustikus,  zweimal  den  Okulomotorius  betrafen.  Fünfmal 
brachte  weitere  Linserkur  Heilung,  ein  Fall  konnte  auch  durch  intensive 
Behandlung  mit  grauem  Oel  und  Salvarsannatrium  nur  gebessert 
werden.  Ein  vorübergehendes  toxisches  Exanthem  kam  nur  in  einem 
Falle  zu  Gesicht,  in  vier  Fällen  Urtikaria.  . 

Fieber  nach  der  ersten  oder  zweiten  Spritze  trat  selten  auf.  jeden¬ 
falls  nicht  häufiger  als  bei  reinen  SaLvarsankuren.  Wir  hatten  den  Ein¬ 
druck,  dass  es  zu  gewissen  Zeiten  gehäuft  zur  Beobachtung  kam,  so 
dass  wir  in  dem  gerade  verwendeten  Salvarsan  es  wurden  Kassen- 
Packungen  verwendet  —  die  Ursache  vermuteten.  Schüttelfröste  mögen 
zuweilen  auf  die  Kälte  des  angewendeten  Wassers  zurückzuführen  sein. 

Ebenso  beobachteten  wir  plötzlich  ganz  vorübergehend  gehäuftes 
Auftreten  des  vasomotorischen  Symptomenkomplexes,  den  wir  bei 
reinen  Neosalvarsanspritzen  nie,  bei  Silbersalvarsan  öfter  .  beob¬ 
achteten.  Dieser  angioneurotische  Symptomenkomplex  lief  in  der 
Weise  ab,  dass  zunächst  Rötung  des  Gesichts  und  der  Augenbindehäute 
sowie  Pulsbeschleunigung  eintraten,  wobei  die  Kranken  über  Trockenheit 
im  Schlund  klagten.  Diese  Erscheinungen  Hessen  nach  und  traten  nach 
kurzer  Zeit  verstärkt  mit  Schwindelerscheinungen  auf,  um  dann  rasch 
zu  verschwinden.  Dabei  machte  die  Gesichtsröte  deutlicher  Blässe 
Platz.  In  zwei  Fällen  schloss  sich  daran  eine  Ohnmacht. 

Stomatitis  wurde  nie  beobachtet,  auch  nicht  bei  einem  Kranken, 
der  sonst  bei  jeder  Kur  Stomatitis  hatte  und  stolz  erklärte,  dass  er 
noch  nie  in  seinem  langen  Leben  sich  die  Zähne  geputzt  habe.  Er  sei 
nämlich  ein  starker  Brotesser  und  habe  deshalb  keine  Zahnbürste  nötig. 

Darmreizungen  kamen  nicht  vor.  Eine  Kranke,  die  vorher  nach 
Quecksilberspritzen  ein  Exanthem  gehabt  hatte,  sah  nichts  derartiges 
nach  den  Linserspritzen.  Eine  Kranke  erzählte,  dass  sie  eine  halbe 
Stunde  nach  der  zweiten  Mischspritze  so  starke  krampfartige 
Schmerzen  in  den  Oberschenkeln  bekommen  habe,  dass  sie  laut 
schreien  musste;  eine  zweite  gab  heftige  Schmerzen  in  einem  Ober¬ 
schenkel  an,  eine  dritte  klagte  nach  der  zweiten  Spritze  über  Doppelt¬ 
sehen  und  Schwindel.  Alle  drei  vertrugen  später  die  vorsichtige  Fort¬ 
setzung  der  Linserkur  gut. 

Nach  all  dem  kann  man  sagen,  dass  die  Linserspritzen  sehr  gut 
vertragen  werden.  Die  in  einzelnen  Fällen  geklagten  Beschwerden 
übersteigen  weder  an  Zahl  noch  an  Stärke  diejenigen  bei  dem  bisher 
üblichen  Verfahren. 

Ein  rätselhafter  Todesfall  ereignete  sich  im  Berichtsjahre. 

Anita  H„  25  Jahre  alt,  Puella  publica,  kam  im  Mai  1920  mit  breiten 
Kondylomen  und  positiver  WaR.  in  Behandlung.  Sie  war  bisher  gesund  ge¬ 
wesen  und  nie  behandelt  worden.  Eine  reine  Salvarsankur  von  3,9  Neo- 
salvarsan  wurde  sehr  gut  vertragen  und  führte  zur  Heilung  mit  WaR.  negativ. 
Auch  im  September  1920  war  die  WaR.  negativ.  .  .  . . 

Am  4.  November  1920  kam  sie  mit  Roseola  und  WaR.  H  r+M  I  1  r 
wieder  in  Behandlung,  diesmal  nach  dem  L  i  n  s  e  r  sehen  Verfahren.  Ob¬ 
gleich  sie  diesmal  mit  leichter  Temperatursteigerung,  Kopfweh  und  Uebel- 
keit  reagierte,  wurde  die  Kur  auf  ihre  dringende  Bitte  fortgesetzt,  so  dass 
*sie  0,45—0,6—0,6—0,3—0,45  Neosalvarsan  nach  L  i  n  s  e  r  erhielt.  Nach  der 
fünften  Spritze  Oedem  der  Augenlider  und  der  Oberlippe,  juckende  Urtikaria¬ 
quaddeln,  kein  Eiweiss,  kein  Durchfall,  WaR.  negativ,  links  Fazialis-  und 
Abduzensparese,  Doppeltsehen.  Sehschärfe  links  herabgesetzt,  Kopfweh, 
Schwindel.  Lumbalpunktion  scheiterte  am  Widerstand  der  Patientin. 

Innerhalb  3  Wochen  schwanden  die  Erscheinungen  ohne  besondere  Be¬ 
handlung,  so  dass  die  Kranke  einen  Erholungsurlaub  antrat.  Hier  trat  die 
Urtikaria  wieder  auf,  Uebelkeit,  Erbrechen,  Doppeltsehen  und  Temperatur¬ 
steigerung  führten  sie  wieder  ins  Krankenhaus.  Hier  trat  nach  einigen  Tagen 
wieder  linksseitige  Fazialisparese  auf,  die  stark  zunahm.  Es  trat  Schluck¬ 
störung  auf  und  am  21.  I.  1921  erfolgte  der  Tod  an  hypostatischer  Pneumonie. 
Im  Urin  waren  Spuren  von  Eiweiss  gefunden  worden. 

Die  Sektion  klärte  das  Bild  keineswegs.  Sie  ergab  ausser  den  Lungen¬ 
erscheinungen  Schwellung  und  Trübung  beider  Nieren,  Hirnschwellung  mit 
Abplattung  der  Hirnwindungen  mittleren  Grades,  Hydrops  anasarka,  Fett¬ 
leber,  hypertrophischen,  weichen  Milztumor.  Histologisch  fanden  sich  peri¬ 
arterielle  Infiltrate  in  Nieren  und  Leber  und  perivaskuläre  Infiltration  an  den 
Gefässen  der  Grosshirnrinde. 

In  diesem  tödlich  verlaufenen  Fall  scheint  es  sich  bei  Berück¬ 
sichtigung  der  Gehirnerscheinungen,  der  Sehstörungen,  der  Urtikaria, 
der  Leber-  und  Nierenveränderungen  um  eine  toxische  Schädigung 
durch  die  Behandlung  zu  handeln.  Das  Fehlen  von  Stomatitis.  Enteritis. 


erheblicher  Albuminurie  spricht  gegen  Quecksilberschädigung,  der 
üehirnbefund  für  Salvarsanschädigung.  Ich  möchte  daher  diesen  '1  odes- 
fall  nicht  als  Linsertod  bezeichnen. 

Wie  verhält  sich  nun  die  WaR.  in  den  angeführten,  nach  Linser 
behandelten  Fällen?  Von  den  591  Kuren  begannen  213  bei  negativer. 
378  bei  positiver  WaR.  Von  diesen  378  bei  Beginn  der  Kur  sero¬ 
positiven  Fällen  sind  127  nicht  nachgeprüft  worden,  weil  sie  aus  irgend¬ 
welchen  Gründen  die  Kur  nicht  beendeten  oder  zur  serologischen  Nach¬ 
prüfung  nicht  erschienen.  Von  den  übrigbleibenden  251  Fällen  war  die 
WaR.  in  96  Fällen  bei  Kurschluss  negativ,  also  in  38  Proz.  Im  Laufe 
der  nächsten  Wochen  wurde  sie  negativ  in  97  Fällen,  also  ebenfalls  in 
38  Proz.  Bei  Beginn  der  Wiederholungskur  nach  3  Monaten  waren 
noch  58  Fälle  seropositiv,  also  23  Proz.  gegen  76  Proz.,  die  vorher 
seronegativ  geworden  waren. 

Bemerkenswert  ist  ein  Fall,  der  sich  der  Behandlung  vorzeitig  ent¬ 
zogen  hatte  und  der  später  durch  die  Beratungsstelle  vorgefiihrt  wurde. 
Es  war  eine  vorher  unbehandelte  Kranke,  die  mit  breiten  Kondylomen 
und  WaR.  ++++  die  Kur  begann.  Nach  11  tägiger  Kur  mit  4  Spritzen 
von  im  g'anzen  2,25  Neosalvarsan  nach  Linser  war  sie  symptomlos 
und  die  Nachprüfung  ergab  nach  3  Monaten  negative  WaR. 

Zu  erwähnen  sind  noch  fünf  Fälle,  die  trotz  mehrerer  Linserkuren 
positiv  blieben.  Es  handelte  sich  durchweg  um  alte,  ungenügend  be¬ 
handelte  Luesfälle,  die  meist  vom  Termin  der  Infektion  nichts  wussten. 
Bei  zweien  war  die  Diagnose  erst  nach  luischer  Fehlgeburt  gestellt 
worden.  In  einem  Fall  handelte  es  sich  um  einen  deutschen  Soldaten, 
der  sich  in  Indien  angesteckt  hatte  und  dort  mit  Kasivan  behandelt 
worden  war.  Der  vierte  Fall  betraf  ein  Gumma  des  weichen  Gaumens 
bei  einem  lange  unbehandlten  Kranken,  der  fünfte  eine  Kranke,  die 
ihre  Krankheit  jahrelang  vernachlässigt  hatte. 

Ueber  Abortivkuren  bei  seronegativer  Lues  I  ist  bei  der  Kürze 
der  Beobachtungszeit  nichts  zu  sagen. 

Die  serologische  Nachprüfung  lässt  erkennen,  dass  die  von  uns  im 
Berichtsjahr  durchgeführte  Linserkur  nicht  als  energische  Kur  angesehen 
werden  kann.  Dieses  kann  nicht  daran  liegen,  dass  die  Einzeldose 
oder  Gesamtdose  des  Salvarsans  zu  gering  war,  es  muss  vielmehr  die 
Quecksilberdose  zu  klein  sein.  Wir  werden  daher  in  Zukunft  statt 
1  ccm  jedesmal  2  ccm  1  proz.  Sublimatlösung  in  die  Spritze  nehmen, 

Auch  an  einen  Ersatz  des  Sublimats  durch  Novasurol  oder 
Mesinurol  ist  zu  denken.  Für  denselben  spricht,  dass  beide  Mitte! 
grössere  Dosen  ermöglichen  sollen,  gegen  denselben  der  Kostenpunkt 

Offen  bleibt  die  Frage,  ob  die  Linserkur  wirksamer,  ebenso  wirksam 
oder  weniger  wirksam  ist,  als  eine  reine  Salvarsankur.  Mir  scheint 
es,  dass  sie  in  der  raschen  Beseitigung  der  Symptome  die  reine 
Salvarsankur  übertrifft. 

Zusammenfassend  komme  ich  auf  Grund  der  einjährigen  Erfahrung 
an  3700  Linserspritzen  zu  folgendem  Ergebnis: 

1.  Das  Linserverfahren  ist  die  für  den  Kranken  angenehmste, 
schmerzloseste,  billigste  und  die  Erwerbsfähigkeit  am  wenigster 
störende  Art  der  kombinierten  Quecksilber-Salvarsankur. 

2.  Störende  Nebenerscheinungen  oder  Folgen  sind  nicht  zu  be¬ 
fürchten. 

3.  Luische  Erscheinungen  schwinden  beim  Linserverfahren  rapid 

4.  Die  WaR.  zeigt,  dass  die  Dauerwirkung  keine  starke  ist.  sondert 
dass  vielleicht  eine  Verstärkung  der  Quecksilberdose  anzustreben  ist 
Gelingt  es,  die  Dauerwirkung  ohne  Schädigung  zu  verstärken,  so  iS’ 
das  Linserverfahren  die  Kur  der  Zukunft. 


Aus  dem  k.  ung.  Bezirksspital  Nr.  II  in  Pest. 

Einzeitige  Behandlung  der  Syphilis  mittels  Soluesin 
und  Neosalvarsan. 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

Von  Primararzt  Dr.  Paul  v.  Szily  u.  cand.  med.  Tibor  Hai  1er 

Ausgehend  von  der  Anschauung  E  h  r  1  i  c  h  s  betreffend  die  Steige¬ 
rung  des  spezifischen  therapeutischen  Effektes  durch  Kombination  gleich¬ 
gerichteter  antiparasitärer  Heilstoffe,  empfahl  Paul  v.  Szily  im  Jahrt 
1917  eine  anorganische  Kombination  der  drei  bekannten  Antiluetica  ir 
einer  Lösung  behufs  Massenbehandlung  der  Syphilis.  Diese  Lösung 
genannt  „Soluesin“  war  die  folgende: 


Hydrarg.  bichlorati  corrosivi 

1,4 

Natrii  arsenicosi 

0,5 

Natrii  jodati 

24,0 

Aquae  destillatae 

100,0. 

Mfsolut.  DS.  Jeden  zweiten  Tag  1  ccm  intra  nates. 

Jeder  Kubikzentimeter  dieser  Lösung  enthielt  1  cg  Quecksilber 
0,5  cg  Natrium  arsenicosum  (gleich  2  mg  Arsen)  und  20  cg  Jod.  Du 
klinischen  Resultate,  die  im  Laufe  der  Zeit  durch  Szily  und  Poros; 
gewonnen  wurden,  sprachen  für  die  Brauchbarkeit  und  Zweckmässigkei 
dieses  Heilmittels;  auch  wurde  dasselbe  intravenös  appliziert  anstands¬ 
los  vertragen.  (Siehe:  Verhandlungen  der  Feldärztlichen  Tagung  be 
der  k.  u.  k.  2.  Armee,  Wien,  Braumüller,  1917.) 

Unser  jetziges  Bestreben  bestand  darin,  das  Natrium  arsenicosun 
des  Soluesin  durch  Neosalvarsan  zu  ersetzen.  Zu  diesem  Zweckt 

wurde  die  Lösung  folgendermassen  verwendet: 

Rp.  Hydrarg.  biclilorati  corrosivi  0,3 

Natrii  jodati  14,0 

Aquae  destillatae  20,0. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


153 


3.  Februar  1922. 


In  dieser  Lösung  entsteht  ein  Komplexsalz  (Natrium  jodomercurat. 
Na2ngj4),  welches  das  Quecksilber  nicht  in  freiem  Dissoziationszustand 
enthält.  Ein  Kubikzentimeter  dieser  Lösung  enthält  1  cg  Quecksilber 
ind  60  cg  Jod. 

In  einer  10-ccm-Rekordspritze  werden  1—2  ccm  Soluesin  und  hie- 
m  weitere  3—6  ccm  einer  lOproz.  frisch  bereiteten  Neosalvarsan- 
ösung  aufgesogen  und  die  entstehende  bräunlichgelbe  opake  Flüssig- 
ceit  dem  Patienten'  einfach  intravenös  zugeführt.  Vor  der  Injektion 
vird  der  Spritzenstempel  ein  wenig  zurückgezogen,  wodurch  infolge 
les  gut  sichtbaren  Rückfliessens  des  Blutes  die  richtige  Einführung  der 
'ladel  in  die  Kubitalvene  festgestellt  werden  kann. 

Die  Vorteile  unserer  einzeitigen  Kombinationsmethode  gegenüber 
ler  von  L  i  n  s  e  r  geübten  gleichzeitigen  intravenösen  Applikation  von 
sublimat  und  Neosalvarsan  *)  sind  augenfällig.  Dieselben  bestehen  im 
olgenden: 

1.  Die  Soluesin-Salvarsanlösung  enthält  ausser  Quecksilber  und 
Neosalvarsan  auch  das  Jodnatrium,  durch  dessen  die  Steigerung  der 
Permeabilität  der  Gefässwende  erzielende  Wirkung  eine  promptere 
leeinflussung  des  luetischen  Prozesses  erreicht  werden  kann. 

2.  In  der  Li  ns  er  sehen  Mischung  entsteht  durch  Fällung  des 
eduzierten  Quecksilbers  ein  massiger  schwarzer  Niederschlag;  dagegen 
Vird  bei  unserer  Mischung  durch  das  überschüssige  Jodnatrium  das 
eduzierte  Quecksilber  fast  gänzlich  in  kolloider  Lösung  festgehalten. 

3.  Die  intravenöse  Einführung  der  L  i  n  s  e  r  sehen  Mischung  ist 
nolge  des  vorgenannten  schwarzen  Niederschlages  beschwerlich,  wo¬ 
egen  in  unserer  Mischung  das  Rückfliessen  des  Blutes  nach  Einstich 
er  Nadel  gut  sichtbar  ist. 

4.  Unsere  Lösung  ist  fast  neutral  und  fällt  Eiweiss  auch  in  Spuren 
jelbst  bei  grossem  Ueberschusse  nicht  und  wird  infolgedessen  die 
Jterierung  der  Venenwand  vermieden,  wodurch  eine  Thrombenbildung 
intangehalten  wird;  ferner  ist  dadurch  auch  die  zufällig  vorkommende 
aravenöse  Injektion  des  Mittels  viel  weniger  schmerzhaft. 

Bevor  wir  unsere  Lösung  beim  Menschen  anwendeten,  wurde  die- 
elbe  an  mehreren  Kaninchen  ausprobiert.  Die  detaillierten  Versuchs- 
"gebnisse  sollen  für  eine  spätere  ausführlichere  Mitteilung  Vorbehalten 
■erden;  wir  wollen  hierorts  nur  das  Resultat  feststellen,  dass  die  frag¬ 
te  Mischung  keineswegs  eine  grössere  Giftwirkung  ausübt,  als  die 
ltsprechende  Menge  Neosalvarsan  allein. 

.  Das  Mittel  wurde  von  uns  bisher  bei  25  Luetikern  angewendet, 
eistens  bei  Lues  II,  sowohl  im  manifesten  als  im  latenten  Stadium, 
ie  Applikation  erfolgte  intravenös  2  mal  wöchentlich  und  zwar  nach 
lgendem  Schema: 


1.  Injektion: 

1  ccm  Soluesin  +  0,30 

Neosalvarsan 

2. 

2  ccm  ,, 

+  0,30 

3. 

2  ccm  „ 

+  0,45 

4. 

2  ccm 

+  0,45 

5. 

2  ccm  , ,, 

+  0,60 

6. 

2  ccm  „ 

+  0,60 

7. 

2  ccm  „ 

+‘  0,60 

8. 

2  ccm  „ 

+  0,60 

Also  wurde  bei  einer  vollendeten  (4  wöchigen)  Kur  nach  unserer 
ethode  15  g  Hg,  9  g  Jod  und  4,1  g  Neosalvarsan  dem  Patienten  ein- 

Urleibt. 

Die  klinischen  Ergebnisse  bezüglich  des  therapeutischen  Effektes 
■im  Menschen  sind  selbstverständlich  in  Anbetracht  der  geringen  Zahl 
T  von  uns  behandelten  Fälle  nicht  abgeschlossen.  Wir  wollen  trotz- 
m  die  von  uns  angewandte  Methode  bekanntgeben,  da  dieselbe  nach 
iiserem  Erachten  Vorteile  gegenüber  der  Lins  ersehen  zu  haben 
heint. 


ie  Wachstumshemmung  der  Kinder  in  den  Nachkriegs¬ 
jahren. 

Von  Prof.  Dr.  Eugen  Schlesinger-Frankfurt  a.  M. 

Wer  sich  andauernd  mit  der  Jugend  zu  beschäftigen  hat,  wird  den 
ndruck  bekommen  haben,  dass  die  Kinder  in  diesem  Jahr,  namentlich 
i  Sommer,  besser  aussahen  und  auch  wieder  in  einer  besseren  Ver¬ 
dung  waren  als  in  den  letztvergangenen  Jahren.  Nach  manchen 
chtungen  zeigten  sich  zum  mindesten  Ansätze  zum  Wiederausgleich 
r  vielfachen  Hemmungen  und  Schäden,  welche  die  Kinder  infolge  des 
ieges  und  der  Hungerblockade  erlitten  hatten,  zeigte  sich  der  Beginn 
ler  Reparation,  sei  es  aus  eigenen  Kräften  der  Kinder  nach  einer  ge- 
ssen  Besserung  der  häuslichen  Ernährungsverhältnisse,  sei  es  dank 
r  umfassenden  Fürsorgeeinrichtungen  des  Staates,  der  Stadtverwal- 
lgen,  der  privaten  und  der  Vereinswohltätigkeit.  Freilich  sehen  die 
rder  jedes  Jahr  im  Sommer  besser  aus  als  im  Winter,  schon  infolge 
"  stärkeren  Besonnung,  auch  durch  das  verstärkte  Massenwachstum 
ch  dem  Hochsommer  gegenüber  der  stärkeren  Längenzunahme  im 
ahjahr  und  Hochsommer,  und  es  wird  noch  zu  prüfen  sein,  ob  die  in 
:sem  Sommer  erzielte  Besserung  auch  weiterhin  anhält. 

In  der  vorliegenden  Arbeit  seien  die  Ergebnisse  von  Unter- 
-hungen  mitgeteilt,  die  angestellt  wurden,  um  den  subjektiv  ge- 
innerten  Eindruck  einer  beginnenden  Besserung  des  körperlichen,  ge- 
idheitlichen  Verhaltens  der  Kinder  durch  objektive  Methoden  näch¬ 
ste'1  und  zu.  erhärten.  Dazu  ist  die  Verfolgung  des  Wachstums  der 
ider  gut  geeignet  als  einer  wesentlichen  Teilerscheinung  der  all- 
nemen  Entwicklung;  und  besonders  wertvoll  ist  die  Betrachtung  des 

*)  Med.  Kl.  1918. 


Längenwachstum  s,  bei  der  Eindeutigkeit  der  Ergebnisse  der 
Grössenmessung,  bei  der  Beständigkeit,  mit  der  unter  normalen  Verhält¬ 
nissen  sozial  gleichartig  zusammengesetzte  Gruppen  von  Kindern,  z  B 
von  Kindern  aus  derselben  Schule,  in  denselben  Altersklassen  in  den 
verschiedenen  Jahren  gerade  ihre  Durchschnittslängenzahlen  beibehal¬ 
ten.  Gegenüber  der  Beobachtung,  dass  das  einzelne  Kind  an  seinem 
Wachstumstrieb  und  den-  im  wesentlichen  ererbten  Eigentümlichkeiten 
desselben  zähe  festhält  und  sich  hierin  durch  äussere  Umstände  nur 
wenig  beeinflussen  lässt,  ist  die  Wahrnehmung  sehr  bemerkenswert 
und  bedeutsam,  dass  unsere  Kinder  im  Laufe  des-  Krieges 
nicht  nur  m  a  gerer  geworden,  sondern  auch  kleiner 
geblieben  sind  als  ihre  Altersgenossen  in  Friedens¬ 
zeiten;  es  ist  dies  ein  Hinweis  auf  die  Intensität  der  Schädigung. 
Ich  konnte  an  einem  schon  vor  dem  Kriege  genau  beobachteten  Schüler¬ 
material  bereits  1916,  nach  2  Kriegsjahren,  fast  in  allen  Altersstufen  und 
Gruppen  eine  mehr  oder  weniger  beträchtliche  Hemmung  des  Längen¬ 
wachstums  nachweisen;  in  den  letzten  Kriegsjahren  vergrösserte  sich 
dieser  Wachstumsrückstand  namentlich  insofern,  als  er  sich  schon  im 
Kleinkindesalter  bemerkbar  machte1). 

Leider  konnte  ich  . den  weiteren  Verlauf  dieser  Wachstumshemmung 
und  des  Rückstandes  in  der  Gewichtsabnahme  in  den  Nachkriegsjahren 
nicht  an  demselben  Material  wie  vorher  weiter  verfolgen;  das  wäre 
nicht  nur  wünschenswert  gewesen,  sondern  ich  möchte  dies  fast  als 
eine  Voraussetzung  für  eine  nach  allen  Richtungen  hin  einwandfreie 
Untersuchungsmethode  hinstellen.  (Infolge  der  politischen  Verhältnisse 
musste  ich  die  in  Strassburg  i.  E.  während  vieler  Jahre  angestellten 
Untersuchungen  abbrechen;  ich  setzte  sie  in  Frankfurt  a.  M.  fort.)  Die 
hier  niedergelegten  Ergebnisse  wurden  auf  Grund  von  meist  von  mir 
selbst  regelmässig  im  Juni  eines  jeden  Jahres  vorgenommenen  Mes¬ 
sungen  und  Wägungen  an  jährlich  3000—3200  Schulkindern  ge¬ 
wonnen,  und  zwar  an  drei  Volksschulen  mit  etwas  verschiedener 
sozialer  Zusammensetzung  (1800  Kinder),  an  zwei  Mittelschulen  (900) 
und  an.  einem  Lyceum.  Ich  lege  Nachdruck  darauf,  dass  die  Er¬ 
gebnisse  aus  jeder  Schule  für  sich  betrachtet  und 
untei  sich  verglichen  werden,  um  bei  der  Sammelforschung 
möglichst  homogene  Gruppen  zum  Vergleich  einander  gegenüber  zu 
stellen.  Die  Kinder  wurden  nach  halbjährigen  Altersstufen  gruppiert 
(z.  B.  7  Jahre  =  6  Jahre  10  Monate  bis  7  Jahre  3  Monate);  bei  solch 
geringen  Altersverschiedenheiten  innerhalb  einer  Gruppe  glaubte  ich, 
zumal  es  sich  ja  doch  nur  um  Vergleichszahlen  handelte,  auf  eine 
Altersreduktion  des  einzelnen  Kindes  verzichten  zu  dürfen.  Die 
Sammelforschung  erwies  sich  zu  den  vorliegenden  Unter- 
suchungen  als  geeigneter  und  ergebnisreicher  als  die  Individual¬ 
forschung,  um  so  mehr,  als  die  Art  der  Eintragung  der  Messungs-  und 
Wagungsergebnisse  in  die  Gesundheitsscheine  der  Schüler  in  Zahlen 
anstatt  in  Kurven  sehr  unübersichtlich  ist.  Die  Durchschnittswerte  der 
Sammelforschung  wurden  aber  ergänzt  durch  die  Betrachtung  ihres  Auf¬ 
baues  und  durch,  die  Errechnung  des  prozentualen  Anteils  der  besonders 
grossen  und  kleinen  bzw.  der  schweren  und  leichten  Kinder  an  diesen 
Durchschnittszahlen,  ausserdem  durch  das  Studium  der  Indexzahlen 
und  anderes  mehr.  In  besonderen  Fällen  wurden  auch  Individualkurven 
gezeichnet  und  berücksichtigt.  Der  Raumersparnis  halber  muss  das 
umfangreiche  Zahlenmaterial  einer  späteren  Veröffentlichung  Vor¬ 
behalten  bleiben. 

Zunächst  Länge  und  Gewicht  bei  der  grossen  Masse  der  Volks- 
schüler  im  letzten  Kriegsjahr  und  in  den  Nachkriegsjahren:  Von 
1918 — 1920  schwanken  die  Durchschnittswerte  in  den  einzelnen  Alters¬ 
stufen  regelmässig  auf  und  ab,  ohne  dass  sich  eine  Gesetzmässigkeit 
erkennen  liess;  diese  Schwankungen,  bei  denen  Länge  und  Gewicht 
keineswegs  immer  mit  einander  parallel  gehen,  sind  deutlich  grösser, 
als  sie  in  normalen  Zeiten  zu  sein  pflegen.  Hinsichtlich  des  Körper¬ 
gewichtes  weisen  ebenso  viele  Gruppen  den  tiefsten  Stand  im 
Jahre  1818  wie  im  Jahre  1919  auf,  hinsichtlich  der  Körperlänge  liegt 
aber  das  Minimum  weit  häufiger  erst  1920  als  1919,  und  nur  ausnahms¬ 
weise  bereits  1918;  ein  ähnliches,  leicht  erklärliches  Nacheinander  der 
Hemmung  in  der  Gewichtszunahme  und  im  Längenwachstum  war  bei 
Beginn  des  Rückstandes  in  den  ersten  Kriegsjahren  zu  beobachten. 
Zur  Zeit  dieses  tiefsten  Standes  betrug  der  Rückstand  gegen¬ 
über  den  Durchschnittswerten  aus  normalen  Frie¬ 
de  n  s  z  e  i  t  e  n  in  den  einzelnen  Altersstufen  3  bis  5  cm,  noch  etwas 
mehr  bei  Beginn  der  Wachstumssteigerung  vor  der  Pubertät  infolge 
Verzögerung  der  letzteren;  der  Gewichtsrückstand  schwankte  bei  den 
jüngeren  Altersklassen  zwischen  2  und  3  kg,  bei  den  älteren  zwi¬ 
schen  4  und  5  kg.  Das  entspricht  im  allgemeinen  annähernd  einem 
Jahreszuwachs  und  macht  durchschnittlich  4,3  Proz.  der  Länge 
(5  Proz.  in  den  ersten  Schuljahren.  3  Proz.  auf  der  Höhe  der  Pubertät) 
und  8 — 12  Proz.  des  Körpergewichtes  aus. 

Wesentlich  andere  Verhältnisse  als  in  den  Jahren  1919  und  1920 
ergaben  aber  die  Messungen  und  Wägungen  im  Jahre  1921.  Diesps 
Jahr  1921  ist  charakterisiert  und  ausgezeichnet 
durch  eine  deutliche  Besserung;  besonders  die  Längen¬ 
zahlen  weisen  in  allen  3  Volksschulen  in  vielen,  ja  in  den  meisten 
Altersklassen  eine  wesentliche  Steigerung  auf.  Nicht  selten  kann  man 
von  einer  geradezu  sprunghaften  Wachstumssteigerung 
sprechen;  liegen  doch  die  Durchschnittszahlen  häufig  um  3 — 4,  ja  um 
5  cm  höher  als  in  den  vorangegangenen  Jahren.  In  den  Altersstufen 
8^ — 1034  Jahren  werden  —  in  guter  Uebereinstimmung  in  den  drei 
untersuchten  Volksschulen  —  durch  diese  sprunghafte  Längenzunahme 

*)  Schlesinger:  M.m.W.  1917  S.  76  und  1505,  1919  S.  662  und 
Zschr.  f.  K-inderhlk.  1919  S.  79. 

,5* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


die  Durchschnittswerte  aus  den  Friedensjahren  wieder  nahezu  ganz  ei- 
reicht.  Aber  noch  nicht  ist  dies  der  Fall  bei  den  jüngeren  Altersklassen, 
die  den  grössten  Teil  ihres  Lebens  unter  im  allgemeinen  ungünstigen 
äusseren  Verhältnissen  verbracht  haben,  und  mehrere  Zentimeter  fehlen 
auch  noch  den  älteren  Knaben  und  Mädchen  infolge  der  noch  immer 
fortbestehenden  Verzögerung  des  Pubertätsantriebs. 

Auch  hinsichtlich  der  Gewichtszunahme  ist  1921  eine  deut¬ 
liche  Besserung  nicht  zu  verkennen;  aber  diese  ist  doch  weder  vei 
hältnismässig  so  gross  noch  auch  so  regelmassig 
wie  die  Zunahme  der  Körperlänge.  Diese  Hebung  des  Körpergewichts 
ist  in  der  Hauptsache  aui  eine  Steigerung  des  Massenwachs¬ 
tums  zurückzuführen,  nicht  etwa  auf  einen  reichlicheren 
Fettansatz,  auf  einen  besseren  Ernährungszustand,  rur  diese 
Auffassung  spricht  schon  die  klinische  Beobachtung;  bei  einer  Duich- 
musterung  der  Kinder  nach  der  Stephani  sehen  Methode  auf  Sicht¬ 
barkeit  der  Rippen  an  den  seitlichen  (und  vorderen)  Teilen  des  Brust¬ 
korbs  findet  man  nach  wie  vor  die  grössere  Zahl  mindestens  der 
Knaben  bis  zum  10.  oder  11.  Jahr  untervoll,  um  nicht  zu  sagen  unter¬ 
ernährt  [Pfaundler2)]-  Im  umgekehrten  Sinne,  wie  hinsichtlich  des 
Fettansatzes,  sind  vielleicht  hinsichtlich  des  Wassergehaltes 
des  Organismus  bei  der  grossen  Masse  der  Kinder  noch  nicht  wiedei 
normale  Verhältnisse  eingetreten;  wenigstens  war  die  auf  eine  starke 
Wasserabgabe  zu  beziehende  Gewichtseinbusse  der  Kinder  bei  Beginn 
des  Sommers  —  bei  ungestörtem  Wohlsein  —  1921  noch  grösser  und 
regelmässiger  als  in  dem  zu  einem  Vergleich  besonders  geeigneten 
heissen  Sommer  1911 :l),  woraus  vielleicht  auf  eine  vorher  bestandene, 
verstärkte  Wasserretention  geschlossen  werden  kann. 

Bei  dem  Studium  des  Aufbaues  der  Durchschnitts¬ 
zahlen  war  schon  1917,  noch  mehr  1918,  das  Seltenerwerden  dei 
rasch  und  stark  in  die  Länge  gewachsenen  Knaben  und  Mädchen  aul¬ 
fallend,  wie  sie  sonst,  wohl  zum  Teil  als  eine  Folge  besonders  reicher 
Ernährung,  gerade  unter  der  grossstädtischen  Jugend  nicht  selten 
angetroffen  werden.  Dazu  kam  1918  und  1919  eine  sehr  deutliche'  Ver¬ 
mehrung  der  ausgesprochen  kleinen  Kinder,  einmal  unter  den  Schul¬ 
anfängern,  dann  bei  den  11 — 13  jährigen  Knaben  und  Mädchen,  ciuich 
die  Verspätung  des  Pubertätsantriebs.  Schliesslich  trat  1919  und  auch 
noch  1920  eine  deutliche  Verschärfung  hinzu  durch  eine  Häufung  von 
schweren  Fällen  wachstumshemmender  Rachitis.  Nach  dieser  letzten 
Richtung  hin  ist  1921  wieder  eine  Besserung  zu  verzeichnen;  aber  die 
hochaufgeschossenen,  sehr  schlanken'Kinder  sind,  zum  minde¬ 
sten  in  der  Volksschule,  noch  immer  Seit  e  n  h  e  i  t  e  n.  Bei  den 
jüngeren  Jahrgängen  ist  die  Streuung  der  Längenwerte  unter 
den  gleichaltrigen  Kindern  deutlich  geringer  als  früher,  um  so  grösser  ist 
sie  aber  bei  den  älteren  Schulkindern,  infolge  der  jetzt  ganz  besonders 
grossen  zeitlichen  Verschiedenheit  des  Einsetzens  des  Pubertats- 
antriebs. 

An  den  von  mir  durclmntersuchten  Mittelschulen  ist  das  Er¬ 
gebnis  der  Messungen  und  Wägungen  im  Jahre  1921  nicht  so 
günstig  wie  an  den  Volksschulen;  wohl  ist  auch  hiei  1921  eine 
Wachstumssteigerung  in  vielen  Gruppen  nicht  zu  verkennen;  aber  sie 
ist  in  ihrem  Ausmass  durchschnittlich  nicht  so  gross  wie  dort,  nur  ganz 
ausnahmsweise  werden  bereits  wieder  Durchschnittszahlen  ei  reicht,  die 
den  Friedenswerten  nahekommen.  Vor  allem  aber  wird  die  Wachs¬ 
tumssteigerung  in  den  einzelnen  Altersklassen  lange  nicht  so  regel¬ 
mässig  angetroffen;  ja  in  einigen,  freilich  nur  wenigen  Gruppen  liegen 
die  Durchschnittswerte  1921  noch  niedriger  als.  1920  und  1.919.  Diese 
Wahrnehmungen  stehen  in  ihrer  Gesamtheit  in  gutem  Einklang  mit 
der  Beobachtung  des  täglichen  Lebens,  dass  der  Mittelstand,  wie  mitt¬ 
lere  Beamte,  kaufmännische  Angestellte  —  aus  diesen  Kreisen  rekru¬ 
tieren  sich  zu  einem  guten  Teil  die  Mittelschüler  — ,  unter  der  Ungunst 
der  Verhältnisse,  der  erschwerten  Lebensführung  am  schwersten  ge¬ 
litten  haben  und  noch  immer  sehr  leiden. 

Schliesslich  die  Ergebnisse  der  Messungen  und  Wägungen  aus  den 
letzten  2—3  Jahren  an  der  Höheren  Mädchenschule.  Diese 
fallen  ganz  anders  aus  als  alles  bisher  beschriebene;  aber  es  handelt 
sich  hier  auch  um  ein  ganz  anderes  Schülermaterial.  Es  ist  ausgesucht 
ein  Lyzeum,  das  in  überwiegendem  Masse,  weit  mehr  als  dies  sonst 
an  höheren  Schulen  der  Fall  zu  sein  pflegt,  von  Mädchen  aus  nach  wie 
vor  vermögenden  Familien  besucht  wird.  Hier  ist  1921  kaum, 
keinesfalls  regelmässig,  eine  Verstärkung  des  Längenwachstums  gegen¬ 
über  1920  festzustellen;  aber  hier  sind  auch  bereits  1920  die  durchschnitt¬ 
lichen  Längenzahlen  in  den  einzelnen  Altersstufen  so  hoch,  um  so  viel 
höher  als  in  allen  anderen  höheren  Schulen,  die  ich  je  vor  den  Kriegs¬ 
jahren  untersuchte,  dass  ich  mit  Bestimmtheit  annehme.,  auch  wenn 
mir  Vergleichszahlen  aus  Friedenszeiten  fehlen,  dass  diese  Mäd¬ 
chen  bereits  1920  die  ihrem  sozialen  Milieu  ent¬ 
sprechenden  normalen  Zahlen  des  Längenwachs¬ 
tums  wieder  erreicht  haben,  die  Ziffern  eines  frühzeitigen, 
raschen,  starken  Wachstums.  Daneben  ist  gerade  bei  diesen  Mädchen 
vielfach  1921  eine  stärkere  Gewichtszunahme  als  1920  festzustellen, 
augenscheinlich  und  in  Uebereinstimmung  mit  dem  klinischen  Befund 
nicht  nur  infolge  eines  lebhafteren  Massenwachstums,  sondern  auch 
wieder  durch  Fettansatz,  durch  Hebung  des  Ernährungs¬ 
zustandes.  So  kann  bei  dieser  Gruppe,  aber  auch  nur  bei  dieser 
Gruppe,  bereits  wieder  von  einer  mehr  oder  weniger  vollkommenen 
Erholung  die  Rede  sein;  ich  werde  unten  noch  einmal  hierauf  zurück¬ 
kommen. 


2)  Pfaundler:  Zschr.  f.  Kinderhlk.  1921,  Nr.  29,  S.  217. 
s)  Schlesinger:  D.m.W.  1912  Nr.  12. 


Die  Untersuchungen  werden  vervollständigt  durch  Errechnung  cor 
Indexzahlen.  Wenn  auch  die  Indexmethode,  der  R  o  h  r  e  i  sehe 
oder  der  P  i  r  q  u  e  t  sehe  Index,  für  die  individuelle  Auswahl  der  unter¬ 
vollen  Kinder  ein  vollkommener  Fchlschlag  war.  wie  ich  an  anoeren 
Orten  (Zschr.  f.  Schulgesundheitspflege  1921  S.  33)  dargetan  habe,  sc 
ist  diese  Methode  doch  sehr  geeignet,  um  Länge  und  Gewicht  mit-: 
einander  in  eine  enge,  konstante  und1  übersichtliche  Verbindung  zu 
bringen,  und  um  den  bei  den  Messungen  und  Wägungen  festgestelltei 
Rückstand  in  seiner  Bedeutung  untereinander  vergleichen  zu  können 
Dabei  wird  auf  jeden  Vergleich  mit  einem  irgendwoher  stammenden, 
weder  die  Rasseeigentümlichkeiten  noch  die  Einflüsse  des  sozialen 
Milieus  auf  das  Wachstum  berücksichtigenden  „Normalwert  verzichtet. j 

Die  Rohrer  sehen  Indexzahlen  ^1UU  {^,^3  °  derselben  Alters¬ 
klassen  und  der  gleichen  Gruppen  in  den  aufeinanderfolgenden  Kriegs¬ 
und  Nachkriegsjaiiren  lassen  etwa  in  der  Hälfte  der  Reihen  ein  unregel¬ 
mässiges  Ansteigen  bis  zum  Jahre  1920  erkennen,  dann  1921  einen 
steilen  Abfall,  manchmal  unter  den  Wert  von  1913/14;  dies  besagt,  das: 
die  Kinder  in  den  Nachkriegs jahreh  mehr  noch  in 
Längenwachstum  als  in  der  Massenzunahme  ge¬ 
hemmt  wurden,  bis  hierin  1921  ein  gründlicher  Um¬ 
schwung  statt  hatte.  Bedeutsamer  ist  das  Verhalten  der  indi¬ 
viduellen  Indexzahlen  bei  ein  und  demselben  Kind  in  den  m  Rede 
stehenden  Jahren;  normalerweise  sinkt  während  des  Schulalters  der 
Rohr  ersehe  Index  bis  etwa  zum  13.  Jahr,  im  wesentlichen  inlolgt 
Verschiebung  der  Körperproportionen  (Pfaundler,  1.  c.).  Abei  mch' 
so  ganz  selten  stieg  in  den  Jahren  1918 — 1921  der  Index  vorüber¬ 
gehend  an,  namentlich  bei  gut  entwickelten  Kindern,  hier  wohl  als  dei 
Ausdruck  der  Hebung  des  Ernährungszustandes  (stärkere  Zunahme  de; 
Zählers  des  Bruches).  Umgekehrt  beobachtete  ich  aber  auch  zuweilei 
in  den  genannten  Jahren  ein  aussergewöhnlich  starkes  Abfallen  de: 
anfänglich  meist  recht  hohen  Indexzahlen  (infolge  stärkerer  Zunahme 
des  Nenners),  besonders  bei  mittelmässig  oder  schwach  entwickelter 
Kindern;  diese  kamen  vor  allem  ihrem  Trieb  zum  Längenwachstim 
nach,  während  von  einer  stärkeren  Gewichtszunahme  infolge  Hebunt 
des  Ernährungszustandes  neben  dem  Massenwachstum  keine  Rede  war, 
Aehnliches  war  bei  der  ersten  Periode  der  Quäkerspeisung  zu  be¬ 
obachten:  anstatt  des  erwarteten  Steigens  des  Index  durch  eine  Besse 
rung  des  Ernährungszustandes  wurde  vielmehr  der  Index  kleiner,  in 
dem  der  Organismus  zunächst  die  Hemmung  im  Längenwachstum  aus 
zugleichen  suchte. 

Die  Ergebnisse  der  Messungen  und  Wägungen  der  Schulkinder  in 
Jahre  1921  sind  im  Vergleich  zu  den  Befunden  in  den  vorangegangene! 
Jahren  als  befriedigend  zu  bezeichnen:  Die  im  2.  bzw.  3.  Kriegs 
j  a  h  r  ei  n  setze  n  de  und  weiterhin  fortschreitend» 
Hemmung  im  Längen  -  und  Massenwachstum  is  t  n  acl 
einem  Tiefstand  in  den  Jahren  1919  und  1920  zum  Still 
stand  gekommen;  es  hat  auch  bereits  wieder  in  vielen  Gruppei 
und  Altersklassen  ein  Einholen  des  Rückstandes,  zun 
mindesten  hinsichtlich  des  Längen  Wachstums,  in  meh 
oder  minder  grossem  Umfang  eingesetzt.  Die  Verhältnisse  de: 
Wachstums  lassen  einen  Rückschluss  zu  auf  die  allgemeine  Entwick 
lung,  von  der  sie  einen  wesentlichen  Bestandteil  bilden,  und  so  er 
scheinen  die  Aussichten  auf  einen  Fortschritt  der  Erholung  unsere 
Jugend  von  den  in  und  nach  dem  Kriege  erlittenen  Schäden  und  Hem 
mungen  nicht  ungünstig. 

Ich  selbst  möchte  aber  nicht  verfehlen,  vor  einer  Ueber 
schätzungdieser  günstigen  Seiten  meiner  Untersuchung 
1  ergebnisse  zu  warnen.  Vor  einer  Verallgemeinerung  meiner  Er 
gebnisse  sind  die  Untersuchungen  anderorts  nachzuprüfen.  Die  voi 
mir  durchuntersuchten  Volksschulen  entsprechen  dem  Durchschnit 
dieser  Schulen;  es  gibt  in  der  Innenaltstadt  Schulen  mit  einem  noc 
schlechter  gestellten  Schülermaterial.  Anderseits  sei  nochmals  aut  er 
Ergebnisse  in  den  Mittelschulen  hingewiesen,  die  hinter  dei 
Resultaten  der  Volksschulen  zurückstehen.  Die  be 
sonders  günstigen  Ergebnisse  an  einem  ausgesuchten  Lyzeum  düifeil 
bei  Beurteilung  der  Gesamtlage  nicht  irreführen;  denn  hier  handelt  e 
sich  um  eine  ganz  dünne  Oberschicht  der  Schuljugend,  deren  Zahl  gegen 
über  der  Gesamtheit  der  Kinder  nicht  in  Betracht  kommt.  Die  Ergeh 
nisse  bei  diesen  Kindern  aus  vermögenden  und  reichen  Familien  stelle: 
wohl  das  wünschenswerte  dar;  aus  ihnen  aber  verallgemeinernde  Ruck 
Schlüsse  auf  das  Verhalten  der  Gesamtheit  der  Jugend  zu  ziehen,  kam. 
gleich  einem  Schluss  aus  dem  Besuch  gewisser  grossstädtischer  Ver 
gnügungslokale  auf  die  derzeitige  Lebensführung  und  die  Lebensverhalt 
nisse  unseres  Volkes.  ■■ 

Schliesslich  möchte  ich  auch  nochmals  betonen,  dass  auf  Grund  de 
Messungen  und  Wägungen  zunächst  nur  von  einer  Besserung  de 
Verhältnisse  des  Wachstums,  der  Entwicklung,  noch  nicht  a  b  e 
von  einer  Hebung  des  Ernährungszustandes  der  Km: 
der  gesprochen-  werden  kann;  gerade  nach  dieser  Richtung  sind  ers 
geringe  Ansätze  einer  Besserung  zu  bemerken.  Das  entspricht  de 
Natur  der  Sache  wie  auch  den  Erfahrungen  beim  Tierexperiment,  das 
der  jugendliche  Organismus  bei  der  Besserung  der  Ernährungsverhalt 
nisse  die  zum  Ansatz  verfügbaren  Bausteine  zuerst  zum  Einholen  de 
Wachstumsrückstandes  verwendet,  erst  viel  später  zum  Fettansatz 
Gewiss  hat  sich  die  Ernährung  der  Allgemeinheit  der  Jugend  wiede 
gebessert,  in  quantitativer  und  qualitativer  Hinsicht;  die  Kost  ist  wiede 
abwechslungsreicher  geworden-,  auch  fettreicher;  es  dürfte  auch  nicli 
mehr  ein  Mangel  an  Vitaminen  vorliegen,  an  den  für  das  Wachstur 
wichtigen  Ergänzungsstoffen.  Aber  wie  ausserordentlich  viel  bleib 


L  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


155 


loch  übrig,  ganz  besonders  nach  der  quantitativen  Seite,  um  eine  rest- 
:  ose  Einholung  des  Wachstumsrückstandes,  um  eine  Hebung  der  Kon¬ 
stitution,  der  Widerstandskraft,  und  schliesslich  auch  um  eine  Hebung 
les  Ernährungszustandes  unserer  Kinder  sicherzustellen.  Wie  kläglich 
st  es  doch  z.  B.  nach  wie  vor  um  die  Milchversorgung  der  Kinder  be¬ 
stellt!  So  ist  die  Zeit  zu  einem  Abbau  der  seit  dem  Kriege  fort- 
ceführten  Fürsorgemassnahmen  zugunsten  der  bedürftigen  Rinder  noch 
licht  gekommen.  . 


Ueber  ausgedehnte  Wurstvergiftungen,  bedingt  durch 
Bacillus  proteus  vulgaris. 

Von  Privatdozent  Dr.  med.  Karl  Baerthlein. 

Die  starke  Verteuerung  aller  Lebensmittel,  insbesondere  die  hohen 
Fleischpreise,  zwingen  jetzt  breite  Volksschichten  zu  einer  möglichst 
eStlosen  Ausnützung  der  angebotenen  Fleischvorräte  (Würste),  wobei 
lie  Frage  der  Genussfähigkeit  solcher  Lebensmittel  trotz  gewisser  war- 
:ender  Anzeichen  von  Zersetzung,  z.  B.  missfarbenem  Aussehen,  leicht- 
auligem  Geruch,  von  den  Verzehrern  meist  nicht  berücksichtigt  wird. 
Vuf  diese  von  den  ungünstigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen  erzwun¬ 
gene  Indifferenz  gegenüber  verschiedenen  bereits  gesundheitsschäd- 
lchen  Lebensmitteln  und  auf  die  Unterdrückung  des  instinktmässigen 
Ekelgefühls,  das  sonst  normale  Menschen  von  dem  Genuss  zweifelhafter 
.ebensmitel  abhält,  dürften  auch  die  im  vergangenen  Sommer  be- 
ibachteten,  keineswegs  seltenen  Fälle  von  Fleisch-(Wurst-)vergiftungen 
urückzuführen  sein,  die  ein  näheres  Eingehen  auf  die  Frage  ihrer  Aetio- 
ogie  und  anschliessend  ihrer  Prophylaxe  als  dringend  wünschens- 
.vert  erscheinen  lassen.  Mit  Rücksicht  auf  die  spärlichen  Berichte  in 
ier  Literatur  ist  es  von  Wichtigkeit,  möglichst  zahlreiche  entsprechende 
Beobachtungen  aus  dem  Gebiet  der  Nahrungsmittelvergiftungen  zwecks 
Gärung  der  ätiologischen  und  prophylaktischen  Fragen  mitzuteilen,  und 
‘s  soll  daher  im  folgenden  über  ausgedehnte,  etwa  2000  Fälle  um- 
assende  Wurstvergiftungen,  die  sich  im  Frühjahr  1918  vor  Verdun  er¬ 
eigneten  und  leicht  zu  militärisch  katastrophalen  Folgen  hätten  führen 
önnen,  und  über  deren  Ursache  kurz  berichtet  werden. 

Anfangs  Juni  1918  traten  plötzlich  bei  den  Fronttruppen  vor  Verdun 
nter  dem  Bild  einer  akuten  Gastroenteritis,  das  sich  in  einzelnen  schwe- 
en  Fällen  bis  zur  Cholera  nostras  steigerte,  Massenerkrankungen  auf, 
ie  schlagartig  ganze  Kompagnien  mit  Ausnahme  weniger  Leute  kampf- 
nfähig  machten  und  binnen  2  Tagen  etwa  2000  Mann  befallen  hatten. 
)ie  Erkrankungen  äusserten  sich  bei  einem  Teil  der  Truppen  so  schwer, 
ass  über  200  Kranke  in  Feldlazarette  überführt  werden  mussten.  Der 
^erdacht,  dass  hier  eine  Nahrungsmittelvergiftung  vorhegen  könnte, 
rurde  dadurch  sofort  rege,  dass  nach  den  Angaben  der  Kranken  etwa 
! — 3  Stunden,  bei  dem  kleineren  Teil  der  Patienten  6 — 8  Stunden  nach 
iner  bestimmten  Wurstmahlzeit  die  schweren  Gesundheitsschädigungen 
ich  einstellten.  Verschont  von  der  Erkrankung  wurden  unter  den 
ronttruppen  lediglich  diejenigen  Leute,  die  an  der  Mahlzeit  nicht  teil¬ 
enommen  hatten,  z.  B.  Ordonanzen  der  gleichen  Kompagnie,  die  an 
emseiben  Tage  zum  Befehlsempfang  nach  einem  höheren  Stab  zuriiek- 
egangen  waren,  oder  Soldaten,  die  aus  anderen  Gründen  zufällig  von 
■en  Würsten  nichts  genossen  hatten,  sowie  die  zum  gleichen  Regiments- 
erband  gehörigen  Truppenteile,  die  in  Ruhequartieren  lagen  und  eine 
ndere  Kost  hatten.  Ueberraschend  war  es  allerdings,  dass  unter  den 
tappentruppen,  die  Korpssehlächerei  inbegriffen,  die  nachgewiesener- 
iiassen  von  den  gleichen  Würsten,  freilich  2  Tage  vorher,  gegessen 
jatten,  keine  Krankheitsfälle  beobachtet  wurden. 

Das  klinische  Bild  war  charakterisiert  durch  Erbrechen  und 
lehrfache  Durchfälle  mit  lebhaftem  Stuhldrang,  durch  heftige  Leib-  und 
Kopfschmerzen,  allgemeine  Mattigkeit  und  Abgeschlagenheit,  durch 
lagen  der  Kranken  über  metallischen  Geschmack  im  Munde  und  starke 
rockenheit  im  Hals.  Bei  einem  Teil  der  Patienten,  insbesondere  bei 
en  schwereren  Fällen,  kam  es  zu  Fiebererscheinungen  mittleren  Grades 
durchschnittlich  bis  38,6°),  die  unter  der  Behandlung  schnell  wieder 
erschwanden.  Das  Sensorium  blieb  vollkommen  klar.  Auffallend  war 
er  ausgedehnte  Herpes  labialis,  der  verschiedentlich  sogar  den  Umfang 
ines  Herpes  facialis  erreichte  und  bei  etwa  20  Proz.  der  Erkrankten 
u  finden  war.  In  einzelnen  Fällen  wurde  ferner  mehr  oder  weniger 
diwerer  Ikterus  beobachtet,  bei'  einem  Krankheitsfall  auch  Hämoglobin- 
rie.  Das  Krankheitsbild  wies  also  im  Gegensatz  zu  dem  bei  Nahrungs¬ 
mittelvergiftungen  so  oft  genannten  Botulismus,  bei  dem  infolge  der 
chädigung  des  Nervensystems  bulbäre  Symptome,  wie  Akkommoda- 
onslähmung,  Pupillenerweiterung  und  -starre,  Ptosis,  Strabismus, 
maurose  und  ähnliche,  das  klinische  Bild  beherrschen,  in  der  Haupt¬ 
ache  gastrointestinale  Erscheinungen  auf,  wie  sie  im  allgemeinen 
urch  die  Nahrungsmittelvergifter  der  Paratyphusgruppe  (Bac.  para- 
rphi  B  und  enteriti'd.  Gaertner)  ausgelöst  werden. 

Bald  nach  der  Einlieferung  der  ersten  Kranken  in  die  Lazarette 
>uden  Proben  von  verdächtigen  Blut-  und  Leberwürsten  zur  bakterio- 
gischen  Untersuchung  dem  Laboratorium  eingesandt  und  anschliessend 
ihlreiche  Stuhlproben  von  Kranken.  Die  Wurstproben  hatten  ein 
;hmieriges,  missfarbenes  Aussehen  und  stark  teigige  Beschaffenheit, 
ei  der  bakteriologischen  Untersuchung  wurden  in  sämtlichen  Würsten 
ad  in  den  Krankenstühlen  durch  das  Kulturverfahren  regelmässig  Bac. 
i'oteus  vulgaris  nachgewiesen;  die  Wurstproben  speziell  enthielten 
isser  vereinzelten  Kokken  keine  anderen  Keime  als  Proteusbazillcn, 
isbesondere  konnte  in  keinem  Falle  weder  in  den  Würsten  noch  in 
,in  Fäzes  Bac.  paratyphi  B  oder  enterit.  Gaertner  festgestellt  werden. 
:'as  bakteriologische  Üntersuchungsergebnis  sprach  somit  für  eine  reine 


Nahrungsmittelvergiftung  durch  Bac.  proteus  vulgaris.  Es  lag  der  Ge¬ 
danke  nahe,  dass  in  der  Korpsschlächerei,  aus  der  letzten  Endes  die 
zersetzten  Wurstproben  stammten,  gewisse  Missstände,  z.  B.  Mangel 
an  Sauberkeit  oder  unzweckmässige  bzw.  unzulängliche  Aufbewahrungs¬ 
möglichkeit  für  die  fertigen  Fleischprodukte  bestanden.  Eine  genaue 
Ueberprüfung  des  Schlachthauses,  das  überdies  unter  fachmännischer 
tierärztlicher  Leitung  stand,  ergab  dafür  keine  Anhaltspunkte.  Zur 
weiteren  Aufklärung  wurden  daher  eben  fertiggekochte  Würste  aus  dem 
Wurstkessel,  ferner  frische,  noch  in  der  Räucherkammer  befindliche, 
schliesslich  mehrere  Tage  lang  durchgeräucherte,  zur  Ausgabe  an  die 
Truppen  hergerichtete  Würste,  die  durchweg  ein  vorzügliches  Aussehen 
und  den  charakteristischen  frischen  Geruch  unverdorbener  Wurst  zeigten, 
bakteriologisch  auf  etwaigen  Keimgehalt  geprüft.  Dabei  ergab  sich  die 
überraschende  Tatsache,  dass  sämtliche  verschiedenartigen  Wurst¬ 
proben  Bac.  proteus  vulgaris,  wenn  auch  in  geringer  Menge,  enthielten. 
Die  Frage,  wie  diese  Keime  in  die  Würste  gelangten,  bzw.  weshalb  sie 
durch  den  Kochprozess  nicht  vernichtet  wurden,  liess  sich  bald  einwand¬ 
frei  aufklären:  In  der  Korpsschlächterei  wurden  sämtliche  Tiere  (haupt¬ 
sächlich  Rinder)  vor  der  Entblutung  durch  Beil-  oder  Hammerhiebe  auf 
den  Kopf  betäubt;  die  Folge  dieser  Betäubung  bzw.  der  dadurch  beding¬ 
ten  Gehirnerschütterung  waren  Erbrechen  und  Regurgitieren  von  Spei¬ 
sen  aus  Magen  und  Darm  während  des  Schlachtens  und  Entblutens,  so 
dass,  wie  ich  mich  selbst  überzeugen  konnte,  stets  Speisereste  und  eine 
entsprechende  Bakterienflora  aus  dem  Verdauungstraktus  sich  in  der 
Mundhöhle  der  geschlachteten  Tiere  vorfanden.  Für  die  Herstellung  der 
Würste  wurden  in  erster  Linie  die  Kopf-  und  Schlundteile  der  Tiere  ver¬ 
wendet,  und  es  gelangten  somit  trotz  wiederholten  Spiilens  der  Fleisch¬ 
teile  auf  diese  Weise  auch  Darmbakterien,  z.  B.  Bac.  proteus  vulg.,  in 
die  Würste.  Die  Möglichkeit,  dass  vielleicht  schlecht  gereinigte  Wurst¬ 
därme,  wie  dies  von  einzelnen  Autoren  angenommen  wird,  an  der  In¬ 
fektion  mitbeteiligt  waren,  war  von  vorneherein  dadurch  ausgeschlossen, 
dass  infolge  Mangels  an  natürlichem  Darm  sog.  Kunstdärme  zur  Wurst¬ 
bereitung  verwendet  werden  mussten;  im  übrigen  darf  man  wohl  an- 
nehmen,  dass  selbst  bei  mangelhafter  Sterilisierung  (Kochen)  von 
Würsten,  wie  es  bei  den  vorliegenden  Erkrankungen  der  Fall  war.  die 
unmittelbar  dem  Darme  (Wursthaut)  anliegenden  Teile  der  Würste 
keimfrei  werden. 

Weitere  Erhebungen  ergaben,  dass  die  frisch  hergestellten  Würste 
nur  verhältnismässig  kurze  Zeit,  und  zwar  durchschnittlich  30  Minuten 
im  Kessel  gekocht  waren;  von  dem  Schlachthofverwalter  wurde  dieses 
Verfahren  damit  begründet,  dass  die  Würste,  die  bei  dem  grossen  Fett¬ 
mangel  an  und  für  sich  fettarm  waren  und  trocken  schmeckten,  bei 
längerem  Kochen  durch  die  Maschen  der  aus  feinporigem  Stoff  her¬ 
gestellten  Kunstdärme  noch  weiter  von  ihrem  spärlichen  Fett¬ 
gehalt  verlören,  wie  „Sägemehl“  schmeckten  und  von  den  Truppen 
nicht  genossen  würden.  Um  möglichst  bald  die  Wurstherstellung  wieder 
aufnehmen  und  die  dafür  bestimmten,  wertvollen  Fleischteile  angesichts 
der  Schwierigkeit  ihrer  anderwertigen  Verwertung  und  des  starken 
Fleischmangels  infolge  der  Hungerblockade  bald  wieder  ausnützen  zu 
können,  mussten  rasch  entsprechende  Vorbeugungsmassregeln  gegen 
den  Wurstverderb  gefunden  werden.  Zur  Feststellung,  wie  lange  Zeit 
erforderlich  war,  um  durch  Kochen  eine  einwandfreie  Sterilisierung  von 
Würsten  zu  erreichen,  wurden  daher  frischhergestellte  Würste  ver¬ 
schieden  lange  Zeit  von  25  Minuten  bis  zu  1  Stunde  20  Minuten  ge¬ 
kocht  und  anschliessend  bakteriologisch  auf  ihren  Keimgehalt  untersucht. 
Dabei  zeigte  es  sich,  dass  erst  nach  45  Minuten  langem  Kochen  die 
Würste  sicher  keimfrei  waren.  Bei  der  weiteren  Wurstherstellung 
wurde  diese  Erfahrung  berücksichtigt,  ferner  wurden  von  diesem  Zeit¬ 
punkt  ab  nur  tierische  Därme  verwendet,  die  auch  ein  längeres  Kochen 
ohne  nennenswerten  Fettverlust  der  Würste  gestatteten,  weiterhin 
eine  möglichst  kurze  Aufbewahrungs-  und  Zwischenzeit  zwischen 
Wurstbereitung  und  -verbrauch  zu  erreichen  gesucht.  Diese  Mass¬ 
nahmen  hatten  sich  vollkommen  bewährt. 

Welche  unheilvolle  Rolle  neben  der  mangelhaften  Sterilisierung  der 
Würste  gerade  deren  unzweckmässige  Aufbewahrung  spielen  kann, 
zeigten  die  oben  geschilderten  Massenvergiftungen.  Wie  bereits  er¬ 
wähnt,  waren  schon  in  den  frischen,  teils  einfach  gekochten,  teils 
geräucherten  Würsten  Proteusbazillen  in  geringer  Menge  lebensfähig 
vorhanden.  Es  handelte  sich  um  Fleischprodukte  vollkommen  gesunder 
Tiere,  die  überdies  der  tierärztlichen  Fleischbeschau  unterworfen 
waren;  das  Fleisch  war  ferner  nicht  intravital  infiziert,  wie  dies 
bei  den  bekannten  Fleischvergiftungen  durch  die  Keime  der  Para¬ 
typhusgruppe  gewöhnlich  der  Fall  ist,  wo  meist  kranke  Tiere  not¬ 
geschlachtet  werden,  es  lag  auch  keine  postmortale  Infektion  vor, 
wie  in  der  Regel  bei  dem  vom  Bac.  botulinus  hervorgerufenen  Botulismus, 
die  Infektion  des  gesunden  Fleisches  erfolgte  vielmehr  intermorta  1. 
d.  h.  während  des  Tötungsaktes  durch  das  Regurgitieren  von  Speisen 
aus  den  tieferen  Verdauungswegen  nach  der  Mundhöhle.  Die  frisch- 
hergestellten  Würste  wurden  von  der  Korpsschlächterei  für  die  Front¬ 
truppen  am  Tage  nach  der  Bereitung  zu  den  mehrere  Fahrstunden  ent¬ 
fernten  ProviantdeDots  auf  gewöhnlichen  Wagen  geschafft.  In  den 
Depots,  die  einfache  Bretterschuppen  darstellten,  lagerten  sie  den 
ganzen  Tag  über  und  wurden  wegen  der  Beschiessuugsgefahr  erst  in 
der  folgenden  Nacht  mittels  kleiner  Feldbahnen  zu  den  Küchen  der 
in  vorderer  Linie  stehenden  Truppen  gebracht,  wo  sie  wiederum  tags¬ 
über  aufbewahrt  werden  mussten  und  wegen  Gefährdung  der  Truppen 
durch  feindliches  Feuer  erst  nach  Einbruch  der  Dunkelheit  von  den 
einzelnen  Soldaten  bei  der  Essensausgabe  empfangen  werden  konnten. 
Im  Juni  1918  herrschte  eine  ganz  aussergewöhnlichc  Hitze,  bei  der 
heisse,  drückende  Tageszeiten  von  schwülen,  feuchten  Nächten  abgelöst 


15b 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


Nr.  5. 


wurden.  Diese  heisse,  schwüle  Witterung  im  Verein  mit  der  unzweck¬ 
mässigen  Aufbewahrung  der  Würste  (offene  Transportwagen,  Depot¬ 
schuppen,  Feldbahn,  Küchenbretterbuden!)  bot  den  in  diesen  schon  vor¬ 
handenen  Proteuskeimen  eine  ausgezeichnete  Gelegenheit  zu  reichlich¬ 
ster  Entwicklung  und  Durchwucherung  des  Fleisches,  dessen  Eiweiss¬ 
stoffe  von  den  Bazillen  zu  hochtoxischen  Körpern  zersetzt  wurden. 
Erst  diese  Massenproduktion  von  starkwirkenden  Giften  seitens  der 
saprophy tischen  Proteusbazillen  hat  die  Würste  zu  einem  hochtoxischen 
Nahrungsmittel  gemacht  und  jene  Massenvergiftungen  ausgelöst, 
während,  wie  bereits  erwähnt,  der  Genuss  der  gering  infizierten,  frischen 
Würste  bei  den  Truppen  der  höheren  Stäbe  und  der  Etappe,  deren 
Küchen  das  Fleisch  unmittelbar  aus  der  Schlächterei  empfingen,  keinerlei 
Gesundheitsstörungen  mit  sich  brachte. 

Unter  den  spärlichen  Literaturmitteilungen,  die  über  Nahrungsmittel¬ 
vergiftungen  durch  Bac.  proteus  vulg.  berichten,  zeigt  vor  allem  eine 
von  Dieudonne  aufgeklärte  und  klassisch  dargestellte  Massenver¬ 
giftung  durch  Proteusbazillen  enthaltenden  Kartoffelsalat  eine  gewisse 
Parallele.  Auch  hier  handelt  es  sich  um  ursprünglich  gesunde  Nahrungs¬ 
mittel  (Kartoffel),  diie  gekocht,  also  in  leicht  verderblichem  Zustand, 
bei  schwüler  Sommertemperatur  einen  Tag  lang  in  offenen  Körben  auf¬ 
bewahrt  wurden  und  so  den  ubiquitär  vorkommenden  Proteusbaziilen 
die  Möglichkeit  zur  Ansiedlung  und  reichlichen  Vermehrung  bzw.  an¬ 
schliessend  zur  Massenproduktion  von  hochgiftigen  Zersetzungsstoffen 
gaben.  Dieudonne  konnte  ferner  tierexperimentell  nachweisen, 
dass  die  von  ihm  aus  dem  Kartoffelsalat  isolierten  Proteuskeime  nur 
dann  für  die  Versuchstiere  schwere  Gesundheitsschädigungen  bzw. 
den  Tod  brachten,  wenn  die  Bazillen  auf  bestimmten,  anscheinend 
ihnen  sehr  zusagenden  Nährmedien  (Kartoffeln  oder  Fleisch,  dagegen 
nicht  Bouillon)  gezüchtet  wurden  und  gleichzeitig  infolge  relativ  hoher 
Temperaturen  (über  18°)  günstige  Gelegenheit  zu  reichlicher  Gift¬ 
bildung  hatten. 

Aus  diesem  kurzen  Beispiel  und  den  obigen  Mitteilungen  geht 
hervor,  dass  der  richtigen  Konservierung  bzw.  Sterili¬ 
sierung  sowie  der  späteren  Aufbewahrung  von 
Fleisch  und  Fleischprodukten  (Würste,  Hackfleisch, 
Schinken  etc.)  mindestens  eine  ebenso  grosse  Sorg¬ 
falt  und  Aufmerksamkeit  zu  schenken  ist  wie  der 
vorausgehenden,  gründlichen  Fleischbeschau. 

Die  Behandlung  bei  den  obigen  Proteuswurstvergiftungen 
wurde  mit  gutem  Erfolg  rein  symptomatisch  durchgeführt:  sie  bestand 
in  einer  möglichst  baldigen  Verabreichung  von  Laxantien,  ferner  bei  den 
schweren  Fällen  in  Einstellung  der  Kostform  auf  Darmdiät  und  in 
Bettruhe. 


Kropfhäufigkeit  bei  Münchener  Fortbildungsschülern. 

(Bemerkung  zu  dem  Aufsatz  von  Frl.  Dr.  Kraeuter  in 
Nr.  2  dieser  Wochenschrift.) 

Von  Dr.  Fürst,  Stabsarzt  a.  D.,  Schularzt. 

Die  Mitteilung  von  Frl.  Dr.  Kraeuter  über  das  Vorkommen  von 
Kröpfen  bei  den  weiblichen  Jugendlichen  bildet  eine  —  allerdings  noch 
weitergehende  —  Bestätigung  des  schon  auf  dem  vorjährigen  Kinder¬ 
hilfstag  gegebenen  Hinweises  über  die  anscheinende  Zunahme  der 
Kropfhäufigkeit  bei  den  Jugendlichen  Münchens. 

Es  wurde  bei  einem  Vergleich  der  im  Jahre  1913  auf  Veranlassung 
von  Herrn  Prof.  Kaup  vorgenommenen  Untersuchungsergebnisse  an 
14— 15jährigen  mit  den  im  Jahre  1920  von  mir  untersuchten  Schülern 
des  gleichen  Altersabschnittes  eine  Zunahme  von  durchschnittlich 
32,4  Proz.  auf  41,5  Proz.  festgesetzt. 

Was  die  Höhe  der  Zunahme  um  nahezu  10  Proz.  anlangt,  so  muss 
darauf  hingewiesen  wrerden,  dass  möglicherweise  diese  Zahl  noch  als 
zu  gering  betrachtet  werden  muss.  Denn  bei  den  von  mir  im  Jahre 
1920  untersuchten  Schülern  wurden  nur  sichtbare  und  schon  fühlbare 
Schilddriisenvergrösserungen  mitgezählt  (etwa  Grad  II  der  K  1  i  n  g  e  r  - 
sehen  Einteilung),  während  möglicherweise  im  Jahre  1913  von 
den  damals  untersuchenden  Aerzten  schon  leichtere  Grade  (etw'a  I  bis 
11  der  K 1  i  n  g  e  r  sehen  Einteilung)  mit  eingerechnet  worden  waren. 
Bei  den  damaligen  Untersuchungen,  die  keine  speziellen  Zwecke 
verfolgen  sollten,  waren  Vereinbarungen  bezüglich  der  Kropfbeurteilung 
noch  nicht  getroffen  worden.  Sch  itten  heim  und  Weichardt1) 
weisen  auf  die  Fehlerquellen  hin,  die  Kropfstatistiken  anhaften  können, 
wenn  hinsichtlich  der  Beurteilung  nicht  besondere  Vereinbarungen  unter 
den  Untersuchern  getroffen  wurden.  Jedenfalls  lässt  sich  mit  einer 
gewissen  Wahrscheinlichkeit  annehmen,  dass  die  gefundene  Zahl  von 
ca.  10  Proz.  als  Minimum  der  tatsächlich  seit  1913  erfolgten  Zu¬ 
nahme  der  Kropfhäufigkeit  bei  den  14 — 15jährigen  zu  betrachten  ist.  Es 
hat  auch  eine  im  Laufe  des  Sommers  und  Herbstes  1921  erfolgte  Unter¬ 
suchung  an  über  1300  im  Alter  von  14 — 15  Jahren  Stehenden  wieder 
eine  durchschnittliche  Häufigkeit  'von  ca.  40  Proz.  ergeben.  Eine 
tabellarische  Ausscheidung  nach  Berufsgruppen  erübrigt  sich,  da 
Schwankungen  hinsichtlich  des  Prozentsatzes  an  Strumösen  bei  den 
Eingetretenen  nicht  auf  Einwirkung  des  Berufes  zurückgeführt  werden 
können. 

1)  Schittenhelm  und  Weichardt:  Der  endemische  Kropf. 
Springer,  Berlin  1912  und:  Ueber  den  endemischen  Kropf.  M.m.W. 
1912  Nr.  48. 


Eine  solche  lässt  sich  auch  bei  den  in  diesem  Winter- untersuchten 
16 — 17jährigen  hinsichtlich  der  Häufigkeit  nicht  erkennen  (s.  Tab.). 
Hinsichtlich  des  Grades  der  Strumen  muss  allerdings  hervorgehoben 
werden,  dass  von  der  Gesamtzahl  der  gefundenen  Strumen  19  =  6,8  Proz. 
beträchtliche  Strumen  (meist  mit  Kompressionserscheinungen  und 
kolloidaler  Entartung)  auf  Berufe  fielen,  wo  die  Eigenart  des  Berufes 
auf  die  Entwicklung  beginnender  Kröpfe  begünstigend  wirken  konnte 
(Schlosser,  Maschinenbauer,  Schreiner). 


Berufe 

Gesamtzahl  der 
Untersuchten 

Strumen 

abs. 

Proz. 

Schlosser 

218 

48 

22 

Maschinenbauer 

Mechaniker  (mit  Orthopädiemechanikern 

225 

43 

22 

und  Sattlern) 

167 

36 

22 

Feinmechaniker 

118 

27 

22,8 

Schreiner 

225 

61 

27 

Spengler 

65 

13 

20 

Elektrotechniker 

Lithographen,  Photographen,  Chemie- 

181 

32 

17,6 

graphen 

97 

18 

18,5 

1296 

278 

21,45 

Die  Gesamtzahl  der  Kröpfe  bei  den  16— 17jährigen  mit  durch¬ 
schnittlich  20  Proz.  ist  um  die  Hälfte  geringer  als  bei  den  Neu- 
eingetretenen.  Es  deckt  sich  dies  mit  den  Befunden  von  Schitten¬ 
helm  und  Weichardt,  wonach  das  Maximum  der  Kropfhäufigkeit 
zwischen  9.  und  10.  Lebensjahr  liegt,  während  in  den  späteren  Jahr¬ 
gängen  auch  in  typischen  Kropfgegenden  eine  beträchtliche  Abnahme 
eintritt,  die  sich  besonders  in  den  Militärstatistiken  erkennen  lässt. 
Wenn  man  aber  bedenkt,  dass  der  Jahrgang  der  16— 17jährigen  nicht 
mehr  allzuweit  entfernt  liegt  von  dem  Alter  der  früheren  Militär- 
pflichtigkeit,  und  andererseits  auch  in  den  eigentlichen  Kropfgegenden 
Bayerns  die  Kropfhäufigkeit  in  den  Gestellungslisten  10  Proz.  nur  selten 
überstieg  (in  München-Stadt  zwischen  6,5— 8,5  Proz.,  in  München-Land 
8,53  Proz.),  so  dürften  die  gefundenen  Zahlen  —  zumal  mit  Rücksicht 
auf  die  von  Frl.  Kraeuter  gefundenen  noch  höheren  Verbreitungs¬ 
zahlen  bei  den  weiblichen  Jugendlichen  —  auf  eine  Erscheinung  hin- 
weisen,  an  der  man  nicht  achtlos  vorübergehen  kann. 

Die  Ursache  der  Zunahme  ist  —  wie  die  Frage  der  Aetiologie  des 
endemischen  Kropfes  überhaupt  —  noch  durch  weitere  Erhebungen  zu 
klären. 

Auf  die  bei  Jugendlichen  häufig  gefundene  Trias:  Unter¬ 
ernährung  —  Kropf  —  Hypogenitalismus,  habe  ich  bei  der  Kindertagung 
hingewiesen.  Auch  die  Einwirkung  nervöser  Einflüsse  der  Kriegs-  und 
Nachkriegszeit  auf  das  endokrine  System  wäre  in  Betracht  zu  ziehen. 
Endlich  könnten  auch  endogene  degenerative  Faktoren  in  Betracht 
kommen.  Damit  soll  der  Annahme  infektiöser  Ursachen  bei  der  Ent¬ 
stehung  des  Kropfes  im  Sinne  Schittenhelms  und  Weichardts 
nicht  Abbruch  getan  werden,  wenngleich  in  München  bei  den  im  all¬ 
gemeinen  stabil  gebliebenen  Wasserverhäiltnissen  den  a  u  s  1  ö  s  e  n  - 
den  Ursachen  gegenüber  der  Annahme  einer  Zunahme  von  noch  hypo¬ 
thetischen  Infektionserregei  n  mehr  Bedeutung  zugewendet  werden 
dürfte. 

Nach  allen  diesen  Richtungen  dürften  weitere  Untersuchungen 
wünschenswert  erscheinen.  Zunächst  wäre  die  Kenntnis  über  die  Ver¬ 
teilung  der  Kropfhäufigkeit  in  den  einzelnen  Altersklassen  statistisch 
zu  erweitern.  Bei  einer  weiteren  Ausdehnung  der  Erhebungen  auf  die 
Bevölkerungsschichten  der  Stadt  wäre  es  von  Wichtigkeit,  eine  Eini¬ 
gung  hinsichtlich  der  Beurteilung  zu  erzielen.  Als  Grundlage  könnte 
die  von  K 1  i  n  g  e  r  aufgestellte  Einteilung  in  4  Grade  betrachtet  werden, 
die  aber  zweckmässig  noch  durch  Halsumfangsmessung  genauer  zu  ge¬ 
stalten  wäre.  Vergleichsmessungen  über  die  Halsumfangszunahme  bei 
Normalen  wären  hierbei  nicht  zu  vergessen.  Eventuell  käme  zur  Er¬ 
zielung  einheitlich  verwertbarer  Resultate  die  Ausarbeitung  eines  be¬ 
sonderen  Kropfbeobachtungsblattes  in  Betracht.  Die  schulärztliche 
Untersuchung  dürfte  zur  Klärung  der  Frage  nicht  ausreichea  Unter¬ 
stützung  durch  Institute  wäre  wünschenswert.  Ebenso  wäre  auch  von 
der  Aerzteschaft  und  den  massgebenden  Behörden  die  Frage  zu  prüfen, 
ob  zur  Prophylaxe  des  Kropfes  in  München  das  Kl  in  ge  r  sehe  Ver¬ 
fahren  2)  der  Anwendung  periodischer,  über  lange  Zeit  (bis  zu 
15  Monaten)  hindurch  gegebener  minimaler  Jodgaben  nicht  Nach¬ 
ahmung  finden  könnte.  Hervorzuheben  ist,  dass  die  K 1  i  n  g  e  r  scher 
bzw.  Bayard  sehen  Versuche  mit  minimalen,  aber  lange  Zeit  hin¬ 
durch  gegebenen  prophylaktischen  Dosen  gegenüber  der  bisherigen 
Jodtherapie  etwas  prinzipiell  Neues  darstellen,  dass  somit  die 
gegen  letztere  eventuell  bestehenden  Bedenken  in  Wegfall  kommen 
könnten.  Tatsächlich  sind  bei  den  auf  die  Anregung  K  1  i  n  g  e  r  s  hin 
erfolgten  Bekämpfungsmassnahmen  Jodschädigungen  nie  beobachtet 
worden.  Durch  die  Heranziehung  der  behandelnden  Aerzte  —  unter 
Ueberweisung  der  in  prophylaktische  Behandlung  Getretenen  an  die 
Hausärzte,  eventuell  unter  gleichzeitiger  Hinausgabe  eines  Kropf¬ 
beobachtungsblattes  —  könnte  eine  noch  weitergehende  Sicherung  erzieh 
werden.  Jedenfalls  dürften  die  mit  dem  Kling  ersehen  Verfahren  er¬ 
zielten  günstigen  Ergebnisse  eine  Uebertragung  auf  die  Münchenei 
Verhältnisse  angesichts  der  hier  zu  beobachtenden  Zunahme  der  Kropf¬ 
häufigkeit  nicht  nur  gerechtfertigt,  sondern  auch  wünschenswert  er¬ 
scheinen  lassen.  .  .  I 


2)  Klinger:  Die  Prophylaxe  des  endemischen  Kropfes.  Schweiz,  med 
Wschr.  1921  Nr.  1. 


Februar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


157 


us  der  Nervenabteilung  des  Städt.  Krankenhauses  Sandhof 
Frankfurt  a.  M.  (Direktor:  Prof.  Q.  L.  Dreyfus.) 

Syringomyelie  und  peripheres  Trauma. 

Von  Dr.  Ludwig  Fuchs,  Assistenzarzt. 

Die  Frage  der  Entstehung  einer  Syringomyelie  als  Folge  eines  Un- 
les  ist  trotz  vieler  Erörterungen  noch  nicht  zu  einer  einheitlichen  Be¬ 
twortung  gelangt.  Dass  an  einem  völlig  intakten  Rückenmark  durch 
auma  echte  Syringomyelie  verursacht  werden  könne,  wird  heute 
ohl  von  allen  Autoren  abgelehnt  und  ganz  allgemein  das  Bestehen 
ner  kongenitalen  Disposition  zur  Voraussetzung  gemacht.  H.  S  c  h  1  e  - 
nger  hatte  in  seiner  grundlegenden  Monographie  (1894)  ein  zen- 
ales  Trauma  als  mögliche  Entstehungsursache  durchaus  anerkannt  und 
e  Entstehung  aus  einem  peripheren  Trauma  nur  als  zurzeit  noch  un- 
tviesen  abgelehnt,  S  c  h  u  1 1  z  e  dagegen  sprach  auf  seinem  Moskauer 
iferat  (1897)  dem  zentralen  Trauma  —  von  den  akuten  Blutungen 
d  Spaltenbildungen  mit  syringomyelieähnlichem  Bilde  abgesehen  — 
ir  für  die  Zeit  der  Geburt  oder  die  ersten  Lebensjahre  eine  gewisse 
olle  zu,  während  er  gegenüber  dem  peripheren  Trauma  bzw.  der 
zendierenden  Neuritis  die  abwartende  Haltung  Schlesingers 
jilte. 

Schlesingers  Schüler  Kienböck  hat  dann  alle  hierher¬ 
hörigen  Fälle  der  Literatur  gesammelt  (1902)  und  die  Beziehungen 
irischen  Unfall  und  Syringomyelie  genauer  untersucht.  Mit  Recht 
hied  er  alle  Fälle  von  akut  einsetzender  Myelodelese  aus,  da  ihnen 
(s  so  wichtige  Symptom  der  Progression  fehlte,  andere  Fälle  boten 
der  Anamnese  unverkennbare  Anzeichen  vorher  schon  bestehender 
(krankung  oder  das  Intervall  zwischen  Unfall  und  ersten  Krankheits- 
iichen  war  so  lange,  dass  ein  Zusammenhang  unwahrscheinlich  war, 
iirzum  der  weitaus  grösste  Teil  der  mitgeteilten  Fälle  konnte  bei  ge- 
uerer  Betrachtung  nicht  als  Beweis  für  einen  bestehenden  Zusammen- 
ng  anerkannt  werden;  aber  einem  Rest  von  Fällen  wurde  Ki  en¬ 
de  k  doch  in  einer  zu  weitgehenden  Kritik  nicht  gerecht  und  lehnte 
f:  mit  nicht  ganz  überzeugenden  Gründen  ab.  Er  kam  daher  zu  dem 
ihlusse,  das  das  zentrale  Trauma  nur  eine  latente  Syringomvelie  ver¬ 
kümmern  könne,  während  das  periphere  Trauma  bzw.  die  Neuritis 
jeendens  überhaupt  keine  ätiologische  Rolle  spiele,  schon  weil  das 
atomische  Bild  dieser  Form  von  Neuritis  (mit  einer  einzigen  Aus- 
hme  Marinescos)  nicht  erbracht  sei. 

Schlesingers  Auffassung,  dass  ein  zentrales  Trauma  unter 
nständen  wohl  echte  Syringomyelie  zur  Folge  haben  könne,  fand  in- 
:ssen  durch  klinische  Beobachtungen  gestützt  immer  mehr  An- 
cennung  und  ist  heute  in  allen  modernen  Darstellungen  vertreten, 
/er  auch  die  zum  erstenmal  von  Friedreich  geäusserten  und  von 
putschen  (E  u  1  e  n  b  u  r  g,  Mies,  Stein  u.  a.)  und  französischen 
u  i  1 1  a  i  n,  Huet-Lejonne  u.  a.)  Autoren  wiederholte  Vermutung, 
ss  auch  das  periphere  Trauma  vermittels  einer  aszendierenden  Neu¬ 
is  ebenfalls  zur  Syringomyelie  führen  könne,  wollte  nicht  mehr  ver- 
immen.  Ohne  auf  die  erschienene  Literatur  hier  im  einzelnen  ein- 
jhen  zu  können,  sei  nur  auf  die  Arbeit  H.  Curschmanns  (1905) 
igewiesen;  er  brachte  6  gut  beobachtete  Fälle  von  echter  Syringo- 
elie.  von  denen  einer  durch  Rückentrauma  ausgelöst  war.  die  iibri- 
l  5  sich  aber  an  periphere  Neuritiden  anschlossen.  Er  trat  daher  ent¬ 
schieden  für  die  Möglichkeit  dieser  Entstehungsart  ein.  Auch 
pnn-e  u.  a.  brachten  ähnliche  Fälle.  Ganz  überzeugend  waren  frei- 
n  auch  Curschmanns  Fälle  nicht,  da  3  davon  lange  vor  der 
tendierenden  Neuritis  Horner  sehen  Symptomenkomplex  hatten  und 
n  immerhin  im  Zweifel  sein  kann,  ob  dieser  —  als  zentrale  Glioma- 
üs  aufgefasst  —  Ausdruck  vorher  bestehender  Anomalie,  also  Dis- 
äition  oder  schon  die  ersten  Krankheitssymptome  selbst  darstellt. 

Oppenheim  (Lehrb..  6.  Aufl.,  1913)  lehnt  denn  auch  —  während 
die  Möglichkeit  der  Entstehung  aus  zentralem  Trauma  zugibt  —  die 
iphere  bzw.  die  aufsteigende  Neuritis  völlig  ab  und  Haenel  in 
.wandöwskys  Handbuch  äussert  sich  ähnlich  zurückhaltend. 

Im  wesentlichen  ist  also  heute  ein  auf  das 
ickenmark  einwirkendes  Trauma  als  Ursache 
ii  er  Syringomyelie  anerkannt,  während  die  Be. 
u  t  im  g  der  aszendierenden  Neuritis  noch  durch- 
s  u mstritten  ist. 

Zur  weiteren  Klärung  dieser  Frage  halten  wir  es  mit  H.  Cursch- 
inn  deshalb  für  erforderlich,  noch  fernerhin  genügend  beobachtete 
izelfälle  zusammenzutragen,  um  im  Sinne  Erbs  Grundlagen  zu 
uaffen  für  die  Beurteilung  dieser  für  die  Praxis  so  ausserordentlich 
chtigen  Frage.  So  mag  die  Mitteilung  folgenden  Falles  gerecht- 
tigt  erscheinen,  der  unserer  Klinik  kürzlich  zur  Begutachtung  zu- 
‘  ührt  wurde,  nachdem  er  vorher  Gegenstand  widersprechender  Be- 
'eiiungen  gewesen  war. 

Vorgeschichte:  R.  Schl.,  geb.  26.  III.  1881  in  W.  Stammt  aus 
under  Familie,  hat  mehrere  gesunde  Geschwister,  in  der  Familie  kein 
'venleiden.  War  ein  kräftiges  und  gesundes  Kind,  verlor  aber  im  6.  Lebens- 
r  durch  Unvorsichtigkeit  eines  Erwachsenen  den  Zeige-  und  Mittelfinger 
rechten  Hand  im  Mittelglied.  War  Maurer  und  bis  vor  dem  Unfall  als 
glied  eines  Athletenvereins  Preisringer. 

Unfall  am  10.  IX.  1908  vorm.  11  Uhr:  Während  er  damit  beschäftigt 
r,  an  einem  Drahtseil  Mörtel  hochzuziehen,  fuhr  ihm  beim  Ablassen  ein 
ckchen  Draht,  das  aus  dem  Seil  hervorgestanden  hatte,  in  den  rechten 
gfinger  bis  auf  den  Knochen.  Es  fand  weder  eine  stärkere 
rperliche  Erschütterung  statt,  noch  fiel  Schl,  zu 
d  e  n. 

Er  hatte  sofort  starke  Schmerzen,  weil  die  Wunde  nur 


klein  war,  versuchte  er  bald  weiterzuarbeiten;  er  musste  sich  jedoch  am 
Abend  krankmelden. 

Entwicklung  einer  schweren  Handeiterung  mit  Sehnenscheidenentzündung; 
er  hatte  mehrere  Tage  so  starke  Schmerzen,  dass  er 
nachts  nicht  schlafen  konnte;  auf  Inzisionen  etwas  Erleichterung, 
nach  6  Wochen  Heilung. 

Ende  November  1908  vom  Arzte  arbeitsfähig  geschrieben  mit  Ueber- 
gangsrente  von  40  Proz.  Bei  seiner  Arbeit  fühlte  er  jedoch  eine  Kraft¬ 
verminderung  im  rechten  Arm. 

Dezember  1908  ärztliches  Zeugnis:  „Flexionskontraktur  im  4.  Finger, 
Herabsetzung  der  rohen  Kraft.“ 

In  der  Folge  starke  Klagen  über  Schmerzen  im  ganzen  rechten  Arm  von 
ziehendem  und  reissendem  Charakter. 

April  1909  ärztliches  Gutachten:  Gute  Muskulatur  im  rechten  Arm,  keine 
Erwerbsbeschränkung. 

Sommer  1909  und  Winter  1909/10  fortgesetzt  Klagen  über  Kraftverminde¬ 
rung  und  starke  reissende  Schmerzen,  wegen  deren  er  im  Frühjahr  1910 
die  Arbeit  öfters  längere  Zeit  aussetzen  muss. 

Juli  1910  durch  behandelnden  Arzt  und  Kreisarzt  erhebliche 
Verschlechterung  bestätigt,  vor  allem  Herabsetzung 
der  Kraft  und  grobes  Knirschen  in  Ellbogen  und 
Schulter  gelenk. 

Dezember  1910  beantragt  Kreisarzt  wegen  Verdachtes  auf  ein 
zentrales  Nervenleiden  Einweisung  in  eine  Klinik.  Seine  Dia¬ 
gnose:  Neuritis  progressiva,  Nachweis  von  Sensibilitätsstörungen. 

Juni  1911  erfolgte  endlich  Eintritt  ins  Krankenhaus  W.  Dortige  Diagnose 
Syringomyelie:  dissoziierte  Empfindungsstörung  am  rechten  Arm,  Atrophie  der 
Kleinhandmuskeln,  trophische  Störungen  im  Schulter-  und  Ellbogengelenk  und 
den  Vasomotoren  der  Hand. 

Dezember  1911  in  gleichem  Krankenhaus:  Ausdehnung  des  Prozesses  auf 
die  linke  Hand  durch  beginnende  Atrophie. 

1913,  1914  hartnäckige,  langwierige  Handeiterungen. 

März  1918.  Aerztl.  Gutachten  lehnt  Zusammenhang  mit  Unfall  ab,  weil 
der  Prozess  auch  die  linke  Seite  befallen  habe,  also  zentrales  Leiden  vorliege. 

August  1918.  Dr.  K.  in  F.  findet  WaR.  im  Serum  positiv  und  empfiehlt 
deshalb  Einweisung  in  unsere  Klinik  zur  Lumbalpunktion,  die  aus  äusseren 
Verhältnissen  erst  jetzt  erfolgt  ist. 

Befund:  Untersetzter,  ausserordentlich  kräftig  und  muskulös  ge¬ 
bauter  Mann  in  gutem  Ernährungszustand.  Grösse  160  cm,  Gewicht  63  kg. 

Innere  Organe  ohne  Abweichung  von  der  Norm. 

Zentralnervensystem:  Pupillen  r  =  1  mittelweit,  nicht  ganz  rund.  Die 
linke  Kornea  zeigt  alte  Trübung.  Lichtreaktion  r  =  1  ausgiebig  (vom  Augen¬ 
arzt  als  normal  bestätigt).  Konvergenz  prompt,  Augenbewegungen  frei, 
Nystagmus  nach  links  angedeutet.  Kornealreflex  links  normal,  rechts  etwas 
herabgesetzt.  Fundus  nach  Urteil  der  Universitätsaugenklinik  normal.  Ge¬ 
sichtsfeld  peripher  eingeengt  (auf  psychogener  Grundlage).  Trigeminus  nicht 
druckempfindlich. 

Gesichts-  und  Gehörnerv  normal.  Kein  Horner  sches  Zeichen.  Zunge 
wird  gerade  ausgestreckt,  ohne  Zittern.  Geschmack  ungestört,  Gaumen¬ 
reflex  vorhanden.  Sprechen,  Kauen,  Schlingen  o.  B.  Keine  Sekretionsanomalie. 

Armreflexe  r  —  1  +,  Bauchdeckenreflexe  fehlen,  Hodenreflexe  1  +  r  — . 
PSR.  und  ASR.  r  —  1  lebhaft,  keine  Kloni.  Babinski,  Rossolimo,  Oppenheim, 
Gordon  negativ.  Romberg  bei  psychischer  Ablenkung  völlig  negativ.  Das 
rechte  Ellbogengelenk  ist  plump  verdickt  (Umfang  rechts  31  cm,  links  26,5  cm) 
und  zeigt  ebenso  wie  das  Schultergelenk  ganz  grobes  Knirschen.  Die  Nerven- 
stämme  sind  nicht  druckempfindlich,  sollen  es  aber  früher  sehr  gewesen  sein. 
Die  Muskulatur  des  Schultergürfels  ist  gut  entwickelt,  ebenso  die  des  rechten 
Oberarms;  links  Oberarm  und  Unterarm  kräftig  entwickelt.  Die  Muskulatur 
des  rechten  Unterarms  ist  wesentlich  dünner  als  die  des  linken;  an  der  rechten 
Hand  fehlen  bei  Dig.  II  und  III  die  End-  und  Mittelglieder. 

An  Dig.  IV.  ist  die  Sehne  narbig  bis  zu  einem  rechten  Winkel  kontrahiert, 
ebenso  die  des  V.  Fingers,  von  welchem  das  Endglied  fehlt. 

Die  Finger  zeigen  Narben  und  einzelne  kleine  Wunden  oder  Geschwurs- 
stellen.  Der  Daumen  ist  normal  beweglich.  Die  Muskulatur  der  Hand  ist 
zum  Teil  stark  geschwunden,  in  erster  Linie  die  M.  interossei,  die  Muskulatur 
des  Daumenballens,  ebenso  M.  abductor  poll.  longus  und  Extens.  poll.  brevis, 
während  der  Kleinfingerballen  relativ  erhalten  ist.  Der  Händedruck  ist  sehr 
schwach. 

An  der  linken  Hand  Schwund  der  Interossei  nicht  so  stark  wie  rechts, 
während  in  der  übrigen  Armmuskulatur  keine  gröberen  Veränderungen  nach¬ 
weisbar  sind.  Elektrisch  ist  in  den  atrophischen  Muskeln  bei  direkter  und 
indirekter  Reizung  die  faradische  und  galvanische  Erregbarkeit  stark  herab¬ 
gesetzt,  z.  T.  aufgehoben;  träge  Zuckung  findet  sich  nirgends. 

Die  Wirbelsäule  zeigt  eine  deutliche  Kyphose  des  oberen  Brustteiles. 

Sensibilität. 

Vom  Scheitel  abwärts  ist  genau  von  der  Mittellinie  an  die  rechte 
Seite  des  Kopfes,  des  Gesichtes,  des  Halses,  der  Brustseite  bis  zur  Höhe  der 
Brustwarze,  des  Nackens  und  Rückens  bis  zur  gleichen  Höhe,  sowie  der 
ganze  rechte  Arm  unempfindlich  für  heiss,  warm,  kalt,  für  spitz  und  stumpf 
und  für  Schmerz,  während  die  Empfindung  für  Berührung  im  weitaus  grössten 
Teile  dieses  Bezirkes  gut  erhalten  ist;  nur  am  rechten  Arm  wird  vom 
Ellbogen  abwärts  —  zunehmend  gegen  die  Finger  —  auch  Berührung  nicht 
mehr  richtig  angegeben.  Tiefendruck  und  Gelenksinn  sind  überall  erhalten. 
Die  Stereognosie  der  Hand  ist  gestört.  Die  Hand  ist  kälter  als  die  linke 
und  blaurot  verfärbt. 

Ein  zweiter  Bezirk  mit  Störung  für  Temperatur  und  Schmerz  bei  er¬ 
haltenem  Tastsinn  findet  sich  an  der  rechten  Unterbauchgegend  und  am 
Rücken  in  gleicher  Höhe.  Er  wird  oben  begrenzt  durch  eine  in  Nabelhöhe 
horizontal  zum  Rücken  ziehende  Linie,  nach  unten  durch  die  Leistenbeuge 
und  ungefähr  durch  die  seitliche  Gefässfalte. 

Eine  weitere  Stelle  dissozierter  Störung  findet  sich  an  der  Innenseite 
des  rechten  Oberschenkels;  am  Unterschenkel  schienen  Schl.s  Angaben  mehr¬ 
fach  nicht  sicher,  doch  war  ein  bestimmtes  Feld  nicht  abzugrenzen. 

Am  linken  Arm  waren  Gefühlsstörungen  nicht  nachzuweisen. 

Sphinkteren  und  vegetative  Funktionen  ungestört. 

Psychisch  keine  Besonderheiten. 

Die  Wassermann  sch?  Reaktion  im  Serum  war  positiv,  im  Liquor 
negativ  — 1.0;  dieser  an  Farbe,  Druck,  Zellzahl,  Eiweissgehalt  und  Gold¬ 
kurve  normal. 


158 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Die  Klagen  des  Mannes  erstreckten  sich  auf  die  Gebrauchsunfähigkeit  des 
rechten  Armes.  Schwäche  in  der  linken  Hand,  subjektives  Ameisenlaufen  und 
unangenehmes  Prickeln  in  der  rechten  Gesichtshälfte,  der  Kopfhaut  und 
neuerdings  auch  am  rechten  Oberschenkel  (Innenseite).  Bei  kühlem  Wetter 
wurden  ihm  die  Hände  rasch  vollkommen  gefühllos. 


|J|]|  =  dissoziierte  Empfindungsstörung.  =  =  Störung  des  Tastsinns. 

=  Muskelatrophie 

Es  handelt  sich  also  um  einen  Mann,  der  bis  zu  seinem  Unfälle  int 
27.  Lebensjahre  völlig  gesund  war,  wie  seine  volle  Arbeitsfähigkeit  und 
seine  Betätigung  als  Preisringer  beweisen  dürften.  Dass  die  Wunde 
und  die  anschliessende  Eiterung  ihm  die  heftigsten  Schmerzen  vei- 
ursachten  spricht  dafür,  dass  seine  Sensibilität  damals  in  Ordnung  war. 
Anschliessend  an  die  Abheilung  der  Phlegmone  beginnt  nun  langsam, 
aber  ununterbochen  zunehmend  ein  Krankheitsbild,  das  sich  zunächst 
nur  auf  den  rechten  Arm  erstreckte  und  hier  Herabsetzung  der  Kraft, 
Schmerzen  und  schwere  Gelenkveränderungen  verursachte,  nach 
2  Jahren  aber  auch  auf  den  linken  Arm  Übergriff.  Schon  lVz  Jahre  nach 
dem  Unfall  musste  der  Mann  öfters  längere  Zeit  die  Arbeit  aussetzen. 
Die  Diagnose  lautete  zunächst  auf  Neuritis  progressiva,  Jahr  danach 
auf  „zentrales  Nervenleiden“.  Etwa  2 K>  Jahre  nach  dem  Abheilen  der 
Unfallwunde  konnte  die  Diagnose  Syringomyelie  gestellt  werden  auf 
Grund  von  schweren  Atrophien,  Gelenkveränderungen  und  dissoziierter 

Sensibilitätsstörung.  _  ,  ,  ... 

In  der  Folge  machte  das  Leiden  bis  zuletzt  weitere  Fortschritte 
und  die  Gefühlsstörungen  an  der  rechten  Unterbauchgegend  und  dem 
rechten  Oberschenkel  wurden  bei  uns  zum  erstenmal  beobachtet,  ob¬ 
wohl  Schl,  gerade  1918  von  einem  ausgezeichneten  Nervenarzt  genau 


untersucht  worden  war. 

Wir  kommen  also  kaum  darüber  hinweg,  dass  bei  unserem  Patien¬ 
ten  die  ganze  schwere  Erkrankung  durch  den  Unfall  ausgelöst  worden 
ist.  Freilich  hat  auch  in  unserem  Falle  nicht  sofort  nach  dem  Unfälle 
eine  neurologische  Untersuchung  stattgefunden',  wie  es  Kienböck 
zum  absoluten  Beweise  erfordert,  aber  wann  wird  dies  je  bei  einem 
Handverletzten  der  Fall  sein?  Es  wäre  bei  den  bestimmten  Angaben 
unseres  Patienten  doch  gezwungen,  ein  schon  vorher  bestehendes  Lei¬ 


den  anzunehmen. 

Wie  aber  soll  man  sich  das  Uebergreifen  der  Erkrankung  von  der 
Peripherie  auf  das  Rückenmark  denken  und  wie  sich  in  diesem  Zu¬ 
sammenhänge  zur  Frage  der  Neuritis  ascendens  stellen?  Hier  hat 
unserer  Meinung  nach  Curschmann  die  beste  Erklärung  gegeben, 
indem  er  darauf  hinweist,  dass  doch  auch  andere  Gifte,  wie  z.  B.  das 
Tetanustoxin  nachweisbar  durch  die  peripheren  Nerven  zum  Zentrum 
aufsteigen,  ohne  dass  eine  pathologisch-anatomische  Grundlage  hierfür 
bis  heute  zu  erbringen  wäre,  wie  könnte  man  da  eine  Uebertragung  von 
Toxinen  oder  Reizstoffen  aus  einer  peripheren  Neuritis  in  das  Rücken¬ 
mark  leugnen,  lediglich  weil  wir  die  näheren  Umstände  heute  noch  nicht 
kennen? 

Eine  andere  Frage  ist  es  in  unserem  Falle,  welche  Rolle  die  Lues 
hier  spielt.  Die  Komplementreaktion  im  Serum  war  positiv,  während 
der  Liquor  völlig  normalen  Befund  aufwies.  Natürlich  könnte  durch  die 
Handeiterung  eine  bis  dahin  latente  Lues  manifest  geworden  sein  und 
etwa  in  Form  einer  Meningomyelitis  oder  zentralen  Myelitis  zu  einem 
der  Syringomyelie  äusserst  ähnlichen  Bilde  geführt  haben.  Mehrfach  ist 
auf  derartige  Fälle  hingewiesen  worden  (Schlesinger.  E  r  b,  O  p  p  en  - 
heim  u.  a.),  aber  gewisse  Unterschiede  machen  doch  immerhin  eine 
Entscheidung  möglich.  So  fehlen  in  unserem  Falle  die  bei  der  Mye¬ 
litis  luetica  so  häufigen  Spasmen  und  Blasenstprungen;  Will iamson 
wies  darauf  hin,  dass  sich  das  ganze  Krankheitsbild  rascher  entwickelt 
und  die  Muskelatrophien  meist  nur  einzelne  Muskeln  befallen.  Nach 
Schlesinger  kommen  trophische  Störungen  und  Deviation  der  Wir¬ 
belsäule  der  luetischen  Affektion  nicht  zu.  während  diese  naturgemäss 
häufiger  mit  Hirnsymptomen  insbesondere  Pupillenstörungen  verknüpft 
ist.  In  unserem  Falle  spricht  wohl  auch  der  völlig  normale  Uiouor- 
befund  bei  Progredienz  des  Leidens  doch  sehr  gegen  eine  luetische 


Aetiologie.  Curschmann  betont  mit  Recht  Kienböck  gegenüber, 
dass  das  klinische  Bild  der  Syringomyelie  heute  scharf  genug  Umrissen 
sei,  um  sie  vor^den  syringomyelieähnlichen  Affektionen  unterscheiden 
zu  können.  Immerhin  halten  wir  die  Lues  unseres  Patienten  am  Zu¬ 
standekommen  seiner  Krankheit  nicht  für  völlig  gleichgültig.  Eiinnert 
man  sich,  dass  die  Aetiologie  der  Syringomyelie  heute  als  nicht  einheit¬ 
lich  aufgefasst  wird,  sondern  sowohl  Gliomatose,  als  auch  Höhlenbildung 
oder  Gefässveränderungen  die  primäre  Grundlage  darstellen  können, 
so  sind  wir  geneigt,  in  unserem  Falle  in  einer  primären  Gefässv  eränue- 
rung  infolge  Lues  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  die  Disposition  für 
die  Entwicklung  des  Leidens  zu  erblicken.  ■ 

Die  Frage,  die  sich  Curschmann  bei  seinen  Fallen  stellte, 
wäre  auch  ohne  Unfall  das  Leiden  wahrscheinlich  zur  Entwicklung  ge¬ 
kommen?“  glauben  wir  auch  für  unseren  Fall  verneinen  zu  müssen. 

Massgebend  für  die  Beurteilung  eines  Traumas 
scheinen  uns  hiebei  folgende  Gesichtspunkte: 

1.  Fehlen  aller  Anzeichen  einer  vorher  bestehen¬ 
den  Erkrankung  bei  möglichst  genauer  Er¬ 
forschung  der  Zeit  vor  dem  Unfall. 

2.  Ununterbrochene  Folge  der  Sy mptome  odei 
_  bei  1  bis  höchstens  2jähriger  Pause  —  ent¬ 
sprechend  starke  Veränderungen. 

3  Voll  ausgeprägtes  klinisches  Bild  der  Syringo¬ 
myelie  mit  durchaus  progredientem  Verlau 
und  mit  deutlicher  Beziehung  zu  dem  verletz 
ten  Körperteile.  2 

Nur  unter  strenger  und  kritischer  Würdigung  dieser  Umständi 
scheint  uns  der  Zusammenhang  zwischen  Trauma  und  Syringomyclf 
beurteilt  werden  zu  dürfen,  aber  wenn  sie  zutreffen  sind  wir  auch  mch 
länger  berechtigt,  das  periphere  Trauma  als  Ursache  der  Erkrankun 
abzulehnen,  selbst  wenn  zurzeit  die  anatomischen  Grundlagen  fu 
diesen  Zusammenhang  fehlen.  Gewiss  nimmt  man  nicht  an.  dass  durc 
ein  Trauma  ein  völlig  normales  Rückenmark  an  Syringomyelie  erkranke 
könne,  aber  wird  nicht  heute  auch  für  die  Tabes  von  vielen  ein 
angeborene  Disposition  vorausgesetzt? 


Ueber  einen  an  mir  selbst  beobachteten  serologisch 
festgestellten  Fall  von  Influenza-Myositis. 

Von  Qeneraloberarzt  a.  D.  Dr.  Vorm  an  n-  Angermiinde. 


Auf  einer  Nordseereise  im  September  1921  hatte  ich  mir  einen  Rächet 
katarrh  zugezogen;  die  Rauhigkeit  und  geringe  Schmerzhaftigkeit  im  Hals,  d; 
einzige  Symptom,  störte  jedoch  nicht  mein  Allgemeinbefinden.  Am  19  Sei 
tember  kehrte  icn  wieder  an  meine  Wirkungsstätte  zurück,  hatte  ziemlich  v 
in  der  augenärztlichen  Sprechstundenpraxis  zu  tun,  und  hochstwahrscheinlu 
ist  während  dieser  Tätigkeit  die  unten  näher  geschilderte  Infektion  entstände 
da  die  rauhe  wunde  Rachenfläche  mit  ihren  Eingangspforten  reichlich  Gelege 
heit  zu  einer  Tröpfcheninfektion  gab.  —  Die  ersten  Unbehaglichkeitserscln 
nungen  traten  am  25.  IX.  auf,  bestanden  in  geringem  Frösteln  allgemein 
Abgeschlagenheit,  Ziehen  im  ganzen  Körper,  leichten  Kopfschmerzen  in 
Unlust  zu  irgendeiner  Arbeit.  Die  Esslust  war  noch  nicht  gestört.  Am  2  .  L 
abends  steigerten  sich  die  Beschwerden.  Es  trat  starker  Schüttelfrost  e 
—  die  Temperatur  zeigte  während  dieses  noch  36  —  stieg  aber  im  Bett  he 

Wärmerwerden  des  Körpers  sofort  auf  39  °.  Der  Puls  betrug  etwa  110  Schlau 
die  Kopfschmerzen  waren  erträglich,  doclr  die  Abgeschlagenheit  (Muski 
ermudungsgefühl)  sehr  gross.  Am  3.  Tage  (28  IX.)  fiel  die  Temperatur  1 
auf  36,6,  stieg  auch  am  Abend  nicht  höher  (vgl.  Kurve).  So  hoffte  ich  de 
die  Infektion  schon  überstanden  zu  haben.  Verdächtig  waren  nur  noch  ( 
grosse  Müdigkeit,  der  dumpfe  Kopfschmerz,  der  sehr  hochgestellte  Urin  u 
der  frequente  Puls  (ca.  110).  Meine  Sprechstunden  hatte  ich  bisher  rc 
grosser  Beschwerden  nicht  ausfallen  lassen.  Am  30.  IX.  verspürte  ich  ie 
Aufstehen  in  der  rechten  Wade  unangenehme  krampfartige  Schmerzen,  den 
ich,"  da  sie  während  der  Bewegung  in  der  Sprechstunde  geringer  wurdi 
keine  Bedeutung  beilegte;  sie  machten  anfänglich  nur  den  Eindruck  v 
Wadenkrämpfen.  Am  nächsten  Tage  (1.  X.)  steigerten  sie  sich,  so  dass  1 
oft  in  der  Sprechstunde  das  rechte  Bein  hochlagern  musste.  Am  2.  X.  v, 
die  Temperatur  abends  bis  37,8  gestiegen,  die  Schmerzen  in  der  recht 
Wade  nahmen  zu  und  nötigten  mich  öfter  am  Tage  zu  ruhen.  Am  3.  u 
4.  X.  war  es  mir  wegen  geradezu  qualvoller  Schmerzen  in  -der  recht 
Wade  nicht  mehr  möglich,  aufzustehen.  Die  ganze  Wadengegend  war  st; 
geschwollen,  infiltriert  (verhärtet)  und  durchweg  äusserst  druckschmerzh; 
Ein  Versuch,  das  rechte  Bein  hinunterzusetzen,  scheiterte  an  sofort  -einsetzi 
den  grössten  Schmerzen.  Während  des  Rühens  bestanden  nur  gern 
Schmerzen.  Die  Schwellung  hatte  gegen  links  einen  Unterschied  von  et 
3,5— 4  cm;  die  Haut  war  prall  gespannt,  glänzend  und  stellenweise  ei 
entzündlich  gerötet.  —  Irgend  eine  Verletzung  an  dem  Fuss  bzw.  Unt 
schenke!,  nach  welcher  Kollege  Sanitätsrat  W  0  1  f  f  -  Angermünde,  der  m 
während  der  Erkrankung  mehrmals  besuchte,  fahndete,  war  absolut  r 
festzustellen.  Krampfadern  oder  andere  Krankheitsanlagen  bestehen  nn 
wie  ich  überhaupt,  abgesehen  von  Pneumonie  im  Jahre  1901  und  Ischias 
Jahre  1909  und  1916,  stets  gesund  gewesen  war.  —  Unter  P  r  1  e  s  s  n  i  t 
sehen  Umschlägen,  Aspirin  und  vor  allem  Bettruhe  war  die  Muskelcntzundi 
—  es  kommen,  nacli  -dem  Grade  der  Druckempfindlichkeit  zu  schhessen,  w 
vorwiegend  die  äusseren  Schichten  der  Wadenmuskulatur,  wie  Gastroknerc 
und  Soleus  in  Betracht  —  am  5.  X.  früh  _  soweit  zurückgegangen,  dass 
mir  wieder  möglich  war,  den  Hauptteil  meiner  Sprechstundenpraxis  zu  s 
sorgen.  Nach  mehrstündigem  Aufsein  jedoch,  wobei  ich  öfter  das 
durch  Hochlagerung  schonte,  war  der  Unterschenkel  neben  der  gesclnldei 
Schwellung  der  Muskeln  auch  in  der  Knöchelgegen-d  ziemlich  stark 
schwollen,  so  dass  Fingereindrücke  deutliche  Dellen  hinterliessen.  Am  ri 
rücken  selbst  war  keine  Schwellung  festzustellen,  so  dass  wir  die  uni 
Schwellung  für  kollaterales  Oedem  ansprachen,  umsomehr,  da  am  nach: 
Morgen,  abgesehen  von  einer  Abnahme  der  gesamten  Schwellung  von  du 


1.  Februar  W’J. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


nteren  nichts  mehr  festzustellen  war,  sic  aber  bei  längerem  Aufsein  sich 
■Jeder  einstelltc. 

Die  Herztöne .  waren  etwas  dumpf,  die  Lungen  völlig  frei  (Untersuchung 
>r.  W  o  I  f  f).  Der  Urin  war  frei  von  Eiweiss  und  Zucker,  der  Stuhl  unver- 
ndert.  etwas  vermindert,  entsprechend  der  geringen  Nahrungsaufnahme. 

Am  5.  abends  und  6.  X.  traten  unter  Steigerung  der  allgemeinen  Krank- 
eitserseheinungen  (vermehrte  Kopfschmerzen,  vermehrtes  Muskelmüdigkeits- 
efiüil  I  Abgeschlagenheit])  wieder  Temperaturanstiege  auf  (38,2  und  37.9)  mit 
unahme  der  Schmerzen  und  Entzündungserscheinungen  in  den  Waden- 
ntskeln  rechts  (vgl.  Kurve).  Milzschwellung  war  während  des  ganzen 
rankheitsverla ufcs  nicht  festzustellen. 


Da  Kollege^  W  o  1  f  f  und  ich  eine  Myositis  bei  Influenza,  für  die  wir 
as  Krankheitsbild  ansprachen,  noch  nicht  beobachtet  hatten,  entschloss  ich 
lieh,  eine  Blutprobe  zur  Untersuchung  einzusenden,  weil  ich  mit  Rücksicht 
uf  die  noch  bestehende,  t  sehr  schmerzhafte  Myositis,  die  grosse  Abge- 
ihlagenheit  des  Körpers  und  den  dauernd  frequenten  kleinen  Puls  (110)  einen 
bptikämischen  Prozess  nicht  für  ausgeschlossen  hielt. 

|  Die  im  Koc  h  sehen  Institut  von  Herrn  Dr.  L  e  v  i  n  t  h  a  1  ausgeführte 
ntersuchung  ergab  folgenden  Befund:  Typhus  — ,  Paratyphus  B  — ,  Para- 
yphus  A  — ,  Influenza  Widal  1 :  400  ++.  Sämtliche  Blutkulturen  '(Galle, 
oui.lon)  sind  steril  geblieben.  Dr.  Levinthal  fügte  hinzu:  ,,Es  scheint 
C  i  a  dem  hohen  Widal  um  eine  Influenza  mit  Influenza-Myositis 

ii  handeln  .  Er  fügte  auch  gleich  die  einschlägige  Literatur  an  (vgl.  unten), 
ir  welche  Anregung  ich  ihm  auch  an  dieser  Stelle  meinen  verbindlichsten 
ank  ausspreche. 

,  Der  weitere  Verlauf  der  Erkrankung  war  folgender:  Temperaturanstiege 
nu  nicht  mehr  festgestellt  worden.  Der  Urin  hellte  sich  erst  nach  10  bis 
'  Jagfn  “s  zur  bernsteingelben  Farbe  auf.  Die  Schwellung,  Infiltration 
Verhärtung),  Druckschmerzhaftigkeit  und  Schmerzhaftigkeit  der  Waden- 
uskulatur  bei  Bewegungen  sind  nach  22tägigem  Bestehen  fast  ganz  zurück- 
.gangen,  so  dass  ich  jetzt  (22.  X.)  fast  den  ganzen  Tag  ohne  Beschwerden 
tsser  Bett  bin.  Die  lästigen  Schweissausbrüche  —  zuerst  durch  Medi- 
imente  Aspirin  warme  Zitronenlimonade)  gefördert,  später  auch  ohne  diese 
‘  dürr  N.acht  ^tretend  —  die  ich  noch  ca.  12  Tage  nach  dem  letzten 
■eberanstieg  wahrend  der  Nacht  hatte,  sind  nicht  wieder  aufgetreten,  keine 
optschmerzen,  kaum  noch  Krankheitsgefühl;  bei  ganz  ausgiebigen  Beuge¬ 
id  Streckbewegungen  des  rechten  Fussds  sowie  besonders  nach  kleinen 
paziergangen  (24.  X.)  noch  geringes  dumpfes  Wehgefühl  in  der  Tiefe  der 
(adenmuskulatur.  Aeusserlich  ist  an  der  Haut,  die  nach  Abklingen  der  Ent- 
indung  emige  Tage  lemht  bräunlich  verfärbt  war,  nichts  mehr  nachweisbar, 
ic  Muskeln  sind  wieder  weich,  leicht  eindruckbar,  nicht  druckschmerzhaft. 

In  den  letzten  Tagen  (vom  20. — 23.  X.)  hatte  ich  im  linken  Kniegelenk 

der  liegend  des  Condylus  int.  des  Femur  und  der  Tibia  unterhalb  des 
neren  Randes  der  Kniescheibe  und  an  der  linken  Fusssohle  in  der  Gegend 
;s  Urosszehenballens  und  des  Fersenbeins  geringe  Schmerzen,  die  besonders 
orgens  beim  Aufstehen  bei  Beuge-  und  Streckbewegungen  des  Kniegelenks 
td  beim  Auftreten  an  der  Fusssohle  sich  äusserten,  ohne  dass  eine  Schwel- 
ng  oder  äussere  Veränderung  an  dem  Gelenk  oder  der  Fusssohle  festzu- 

2  “  find  n Dl.esf  Schmerzen,  WelcJht  wohl  auch  durch  das  Influenzavirus 
dingt  sind  nach  Art  der  Gelenk-  und  Knochenschmerzen  bei  Infektionskrank- 
-lten,  sind  heute  (24.  X.)  nicht  mehr  aufgetreten. 

.,Ich  ^abe  mich  entschlossen,  diesen  Fall  zu  veröffentlichen,  einmal 
en  eine  Myositis  bet  Influenza  zu  den  grössten  Seltenheiten  gehört 
?A‘nd  ' '+,blSer  n,f  zwe'mal  derartige  Komplikationen  bei  In- 

tenza  veroifentlicht  worden,  und  zwar  von  Hildebrandt  (s  u)  und 
”rA.?r;,  Letzterer  forderte  geradezu  auf,  wegen  der  Seltenheit  der 
omplikation  diese  Falle  zu  veröffentlichen  (vgl.  a.  a.  0  )  Ferner 
jihien  mir  der  Fall  insofern  allgemeines  Interesse  zu  haben,  weil  er 

'prd^env  erk/2nktaen  A-',zt  dauernd  seIbst  beobachtet  una  beschrieben 
erden  konnte  und  weil  er  zeigt,  dass  die  Influenza  mit  dieser  Kompli- 
-tion  w‘e  mit  allen  andern  Komplikationen  einen  höheren  Grad  der 
crgirtnng  des  Körpers  darstellt  als  die  komplikationslos  verlaufenden 
J lle*  —  l)as  grösste  Interesse  und  den  höchsten  Wert  für  die  Influenza- 
agnost.k  scheint  mir  aber  der  Fall  zu  haben,  weil  er  mit  Hilfe  des 
iluenza-Widal  geklärt,  als  Influenza  festgestellt  und  bestätigt  wurde 

Literatur. 

■’L  Ht>  Ldebrand  i:  M.m.W.  1916,  Nr.  45,  S.  1601.  —  2.  Burger: 
.n$,w.  1918,  Nr.  7,  S.  179.  —  3.  Levinthal:  B.kl.W.  1918,  Nr.  30,  S.  712. 


Aus  dem  städtischen  Krankenhause  in  Offenburg. 

Ueber  einen  Todesfall  im  Chloräthylrausch. 

Von  Dr.  Artur  Heinrich  Hof  mann,  Chefarzt. 

Dass  der  Chloräthylrausch  doch  nicht  diese  Harmlosigkeit  besitz 
4f  a^enornmen  wird,  das  haben  gerade  in  der  jüngste 

-nt  veröffentlichte  Todesfälle  bewiesen. 

id  nVu  ‘  ^  Sph’  R  e  n  n  e  r,  Jäger,  Courtois-Suffi 

au.rf  °,1S  ‘'aLen  Todesfähe  beschrieben.  Schon  im  Döderleii 
\ynd  gleichfalls  Chloräthyl  nicht  als  ungefährlich  bezeichnet. 
ir  VA  icn  emern  Kollegen  von  meinem  Todesfälle  erzählte,  sagte  i 

Ip’hV  'hVtf111  Ircull,efier  £hef  auc*  einen  Unglücksfall  im  Chloräthylrausc 
lebt  hatte.  Solche  Falle  gehören  veröffentlicht. 

armlnS vrUu-ere  JMger?  Aerztegeneration  durch  den  Krieg  von  dt 
Svi  o  d,ieses  Mittels  uberzeugt  worden  und  gehört  heute  dt 

akhschen  ArztesU  ^  tagIichen  Ereignissen  eines  vielbeschäftigte 

Nr.  5. 


J_5D 

Lotheise n  redet  warm  dem  Chloräthyl  das  Wort,  wenn  auch  er 
schon  vor  18  Jahren  einen  Todesfall  auf  17  000  Narkosen  berechnete. 
Bei  der  nötigen  Vorsicht  hält  Loth  eisen  die  Gefahr  für  nicht 
sehr  gross. 

Ich  bin  überzeugt,  dass  die  Zahl  der  unangenehmen  Zwischen¬ 
fälle  erheblich  grösser  ist  als  man  annimmt.  Gerade  deshalb  halte  ich 
mich  verpflichtet,  meinen  Fall  mitzuteilen. 

Ein  24  jähr.  Mann,  der  immer  gesund  war,  musste  wegen  einer  Appen¬ 
dizitis  operiert  werden.  Es  hatte  sich  um  eine  akute  Phlegmone  gehandelt. 
Der  Leib  wurde  geschlossen.  Als  Narkotikum  wurde  Chloroform-Aether- 
mischung  mittelst  Roth-Dräger  verwandt.  Die  Narkose  verlief  ungestört. 
Der  Wundverlauf  ebenfalls  bis  auf  eine  kleine  Fadenfistel.  Diese  Fistel  sollte 
nun  nach  6  Wochen  geschlossen  werden. 

Befund:  Mittelgrosser  und  mittelkräftiger  junger  Mann  mit  massigem 
Fettpolster.  Puls  regelmässig  und  kräftig.  Herz,  Lungen,  Nieren  o.  B.  Die 
Laparotomienarbe  hat  im  obersten  Teile  eine  ca.  2 14  cm  tiefe  Fistel,  die  mit 
einem  Granulationspfropf  bedeckt  ist.  Die  Sekretion  aus  der  Fistel  war 
verhältnismässig  reichlich,  weshalb  zur  Entfernung  des  Fadens  ein  Chlor¬ 
äthylrausch  vorgeschlagen  wurde.  Der  Kranke  war  nüchtern,  hatte  nicht 
die  geringste  Angst.  Morphium  war  nicht  verabreicht. 

Zum  Chloräthylrausch  wurde  das  Gesicht  mit  einer  4  fachen  Lage  Mull 
bedeckt.  Aus  einer  Tube  Chloräthyl  wurde  tropfenweise  das  Narkotikum 
verabfolgt.  Der  Kranke  mochte  ungefähr  40  Tropfen  erhalten  haben,  als  nach 
einer  leichten  Exzitation  der  Rauschzustand,  d.  h.  das  Toleranzstadium,  ein¬ 
getreten  war.  Die  Auskratzung  der  Fistel  und  die  Entfernung  des  Fadens 
war  das  Werk  weniger  Augenblicke.  Der  Kranke  kam  nun  in  das  deliriöse 
Stadium,  das  dem  Erwachen  vorausgeht.  Der  ganze  Rausch  hatte  bis  dahin 
nicht  viel  mehr  als  eine  Minute  gedauert.  Nun  wurde  der  Kranke  plötzlich 
blass  und  der  Puls  unregelmässig.  Einsetzen  der  künstlichen  Atmung. 
Rhythmisches  Vorziehen  der  Zunge.  Dann  Insufflation  von  Sauerstoff.  Die 
Herztöne  waren  ganz  schwach  und  unregelmässig.  Fortsetzen  der  künstlichen 
Atmung.  Nach  20 — 30  künstlichen  Atembewegungen  erfolgte  ein  schwacher 
spontaner  Atemzug  10  Minuten  mochten  seit  dem  ersten  Alarmzeichen  ver¬ 
gangen  sein.  Die  Herztöne  wurden  nicht  mehr  gehört.  Einige  schwache 
Atemzüge  wurden  noch  bemerkt,  dann  stockte  auch  die  Atmung.  Ich  fasste 
nun  den  Entschluss,  eine  intrakardiale  Injektion  zu  machen.  Es  wurde  über 
der  5.  Rippe  am  Sternalrande  eine  Nadel  nach  dem  rechten  Ventrikel  zu  ge¬ 
stochen  und  erst  Pituglandol,  dann  Adrenalin  injiziert.  Ein  Herzschlag  erfolgte 
jedoch  nicht  mehr.  Eine  nochmalige  intrakardiale  Injektion  von  Pitugbiadol 
blieb  ebenso  erfolglos. 

Als  Ultima  ratio  wurde  nun  mittelst  Turflügelschnitt  das  Herz  freigelegt. 
Basis  des  Lappens  war  lateral.  Es  blutete  hierbei  nicht  mehr.  Seit  Schluss 
der  Narkose  mochten  15  Minuten  verstrichen  sein.  Nach  Eröffnung  des  Herz¬ 
beutels  zeigten  sich  in  der  Wand  des  linken  Ventrikels  fibrilläre  Zuckungen, 
die  rasch  aufeinander  folgten.  Zu  einer  Kontraktion  des  Ventrikels  kam  es 
nicht  mehr.  Die  Massage  des  Herzens  hlieb  wirkungslos.  Auch  die  fibrillären 
Zuckungen  erloschen  bald. 

Die  Autopsie  ergab  makroskopisch  alle  Organe  gesund.  Auffallend  war 
nur  die  Persistenz  einer  kleinen  Thymus.  Masse:  5/2&/1  cm.  Das  Herz  war 
blutleer.  Die  Einstichstellen  waren  über  dem  rechten  Ventrikel  sichtbar  als 
Punkte.  Am  Endokard  war  nichts  zu  sehen.  Es  muss  besonders  betont 
werden,  dass  keine  Vergrösserung  der  Lymphdrüsen  gefunden  wurde.  Es  lag 
also  kein  Status  thymo-lymphaticus  vor. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  ergab  (Pathologisches  Institut  der  Uni¬ 
versität  Heidelberg): 

In  der  Thymus  reichliche  und  ziemlich  grosse  Läppchen,  die  im  wesent¬ 
lichen  aus  Marksubstanz  bestehen;  während  die  Rindensubstanz  ziemlich 
atrophisch  ist.  Ha  ssa  Ische  Körperchen  mässig  zahlreich.  Das  Zwischen¬ 
gewebe  ist  ziemlich  spärlich,  meist  fibrös,  jedenfalls  viel  weniger  als  dem 
Alter  des  Verstorbenen  entsprechen  würde,  durch  Fettgewebe  ersetzt. 

In  der  Milz  finden  sich  sehr  zahlreiche  und  ziemlich  grosse  Lymph- 
follikel.  Die  Pulpa  ist  hochgradig  hyperämisiert. 

In  der  Leber  Hyperämie.  Keine  abnorme  Verfettung.  Die  Kapsel  ist 
verdickt,  rundzeilig  infiltriert  und  von  gewucherten  Gallengängen  durchsetzt. 
Ausserdem  erheben  sich  von  hier  aus  lange,  schlanke,  gefässhaltige  Binde- 
gewebsstränge.  Andererseits  strahlen  von  der  Kapsel  stark  verbreiterte 
Glissonzüge  gegen  das  Innere.  Erst  gegen  die  Tiefe  zu  wird  das  Glisson- 
sche  Bindegewebe  zu  normaler  Grösse  reduziert.  In  den  äusseren  Teilen  ist 
es  ausserdem  rundzeilig  infiltriert  und  von  gewucherten  Gallengängen  durch¬ 
setzt.  Auf  der  ganzen  Schnittfläche  ist  das  Bindegewebe  um  die  Lebervenen 
ziemlich  vermindert. 

,n  di'r  Niere  findet  sich  eine  hochgradige  Hyperämie  des  Markes  und  der 
Rinde.  In  letzterer  sowohl  Hyperämie  der  Glomeruli  als  der  die  Ha~n- 
kanälchen  umspinnenden  Kapillaren.  Kein  Exsudat  in  dem  B  o  w  m  a  n  n  sehen 
Kapselraum.  Die  Harnkanälchen  zeigen  guterhaltenes,  nicht  verfettetes 
Epithel.  Im  Lumen  grob  geronnene  Eiweissmassen.  Herzmuskelfasern  nicht 
verschmälert,  mit  deutlicher  Längsstreifung;  Querstreifung  nur  stellenweise 
ingedeutet.  Keine  hyaline  oder  fettige  Degeneration  der  Muskelfasern 
Bindegewebe  nicht  vermehrt,  nicht  infiltriert. 

Pathologische  Diagnose:  Thymus  persistens,  Hyperämie  der  Milz.  Leber 
und  Niere,  alte  Perihepatitis  in  die  oberflächlichen  Leberschichten  aus¬ 
strahlend. 

Wir  haben  es  hier  mit  einer  Synkope  zu  tun.  Das  Versagen  des 
Herzens  beherrscht  das  ganze  Ereignis. 

Die  Atmung  ging  in  vereinzelten  Zügen  noch  weiter,  während  das 
Herz  Stillstand.  Die  Giftwirkung  war  ganz  gleich  derjenigen  des  Chlo¬ 
roforms  beim  Chloroformtod  im  Anfänge  der  Narkose. 

Eine  Kontraindikation  für  eine  Inhalationsnarkose  kann  in  vorlie¬ 
gendem  Falle  nicht  aufgestellt  werden.  Der  junge  Mensch  war  klinisch 
völlig  gesund.  Auch  vom  anatomischen  Standpunkte  aus  lag  kein 
Status  thymo-lymphaticus  vor. 

Literatur. 

Hartleib:  Zbl.  f.  Cliir.  1921  Nr.  14.  —  Renner:  DmW  1918 
S.  578  —  Jäger:  Zbl.  f.  Chir.  1921  Nr.  30.  —  L  o  t  h  ei  s  e  n:  Zbl.  f.  Chir. 
1921  Nr.  38  —  Conrtois-Suffit:  Gaz.  des  hop.  1921  Nr.  21. 


6 


160 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Freiburg  i.  Br. 
(Direktor:  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  Opitz.) 

Ueber  Silikatpessare. 

Von  Otto  Risse,  Volontärassistent  der  Klinik. 

In  der  M.m.W.  vom  1.  IX.  1908  fasst  Cohn  in  einem  Aufsatz  „Zur 
Einschränkung  der  Pessartherapie“  die  Anforderungen,  die  an  ein  , 
ideales  Pessarmaterial  zu  stellen  sind,  dahin  zusammen,  das  bei  gutem  i 
Sitz  das  Pessar  „die  Scheide  nicht  reizen,  an  der  Oberfläche  nicht  rauh  ; 
werden,  seine  Form  nicht  verändern  und  nicht  durch  seine  Schwere 
einen  Druck  auf  die  Schleimhaut  der  Scheide  ausüben“  dürfe.  Auch  alle 
andern  Autoren,  die  gelegentlich  der  Besprechung  der  Pessartherapie 
die  Frage  des  geeignetsten  Materials  streifen  oder  an  der  Hand 
schwerer  Folgezustände  durch  Tragen  eines  Rings  die  Ungeeignetheu 
eines  bestimmten  Materials  demonstrieren,  verlangen1 *)  ein  glattes, 
nicht  imbibitionsfähiges,  leichtes,  hartes,  nichtreizendes  Pessarmaterial, 
das  weder  von  den  Sekreten  der  Scheide  angefressen  oder  erweicht, 
noch  von  ihnen  inkrustiert  wird. 

Diesen  Forderungen  wurde  bislang  keines  der  angewandten  ma-  \ 
terialien  völlig  gerecht. 

Die  Metallpessare  (aus  Zinn,  Aluminium)  *)  ebenso  wie  die  früher 
gebräuchlichen  Weichgummiringe  mit  Kupferdrahteinlage  sind  allgemein  1 
längst  verlassen,  weil  die  Erfahrung  lehrte,  dass  sie  der  Hauptforde-  j 
rung  die  Scheide  nicht  zu  reizen,  allzusehr  ins  Gesicht  schlugen.  ) 
Scheusslicher  Fluor  und  heftige  Kolpitis  durch  Imbibierung  und  Zer¬ 
setzung  des  Gummis  durch  das  Scheidensekret3)  ist  die  immer  wieder 
aufs  neue  warnend  hervorgehobene  Folge. 

Näher  schon  kamen  dem  Idealpessar  die  Zelluloidringe,  und 
Zweifel  stand  nicht  an,  in  seiner  „Gynäkologischen  Klinik“  das 
Zelluloid  als  das  Pessarmaterial  der  Zukunft  zu  bezeichnen.  Jedoch 
zeigte  sich  auch  bei  ihnen,  dass  sie  allmählich  von  Sekreten  durchsetzt, 
reichlich  inkrustiert,  brüchig  und  bröckelig  wurden3)4),  und  dass  dann 
der  haltgebende  Kupferdraht  bisweilen  von  Zelluloid  entblösst  und 
oxydiert  in  der  hochgradig  gereizten  Scheide  liegend  gefunden  wurde. 

Als  zweckmässigstes  Material  galt  daher  und  gilt  im  allgemeinen 
auch  wohl  heute  noch  der  Hartgummi,  der  als  haltbares,  relativ  leicht Ös, 
hartes  und  angeblich  reizloses  Material  in  den  meisten  Lehrbüchern 
empfohlen  und  in  der  Praxis  auch  wohl  am  meisten  verwandt  wird. 
Und  doch  haben  sich  auch  bei  diesem  Material  im  Laufe  der  Zeit 
die  Fälle  gehäuft,  wo.  sogar  bei  Verwendung  bester  Fabrikate  trotz 
gutem  Sitz,  rationellsten  hygienischen  Massnahmen  und  _  trotz  2  bis 
3  monatigem  Pessarwechsel  schon  nach  kürzester  Zeit  heftige  Reaktion 
der  Scheide  mit  beträchtlicher  Vermehrung  des  Fluors  und  kolpitischer 
Reizung,  bei  Graviden  sogar  Dekubitus  und  bei  Greisinnen  Ulzerationen 
und  Schrumpfungsprozesse  aufgetreten  sind5),  gar  nicht  zu  reden 
von  den  Fällen,  wo,  nach  längerem  Tragen,  die  Hartgummipessare  mit 
aufgerauhter  Oberfläche  und  stark  inkrustiert  wieder  aus  der  schwer 
entzündeten  Scheide  entfernt  werden  müssen. 

Unter  solchen  Umständen  ist  es  durchaus  am  Platze,  nach  besseren 
Materialien  zu  suchen,  will  man  nicht  die  Pessartherapie,  deren  man 
doch  wohl  nie  wird  ganz  entraten  können,  in  den  Augen  der  Patienten 
an  Ansehen  noch  mehr  verlieren  lassen,  als  sie  schon  verloren  hat. 

Der  Krieg,  der  der  leichten  und  billigen  Beschaffung  guten  Kaut¬ 
schuks  und  damit  seiner  Verarbeitung  zu  Pessaren  auch  von  aussen  her 
ein  starkes  Hindernis  entgegenstellte,  liess  daher  den  Direktor  der 
hiesigen  Klinik  wieder  auf  ein  Material  verfallen,  das  schon  früher  ge¬ 
legentlich  zur  Pessarherstellung  verwandt  worden  war.  und  das  schon 
Zweifel  1892  als  das  denkbar  beste  anspricht,  da  es  „völlig  unver¬ 
änderlich  gegen  die  Sekrete  der  Vagina“  sei  —  das  Glas. 

Schon  in  den  80er  Jahren6 7)  waren  auf  Veranlassung  von  Fraen- 
kel  Thomaspessare  aus  Glas  hergestellt  worden,  die  in  eine  Form 
gegossen  und  dann  geschliffen  wurden.  Sie  waren  jedoch  sehr  schwer ') 
und  auch  sehr  teuer8),  so  dass  sie  sich  nicht  einbürgerten.  In  den 
90  er  Jahren  gab  sich  dann  W  e  i  n  h  o  ld  mit  der  Verfertigung  von  Glas- 
pessaren  aus  Hartglasstäben  ab  und  brachte  nach  Ueberwindung  vieler 
Schwierigkeiten  seine  „Hartglaspessare“  bei  der  Firma  Haertel  in 
Breslau  in  den  Handel.  Auch  er  rühmt8)  die  völlige  Reizlosigkeit  des 
Glases,  das  auch  bei  beliebig  langer  Tragezeit  nichts  von  seiner  Rein¬ 
heit  und  Glätte  einbüsst  und  sich  vor  allem  nicht  inkrustiert,  sondern 
nach  einfachem  Abwaschen  des  oberflächlich  daran  klebenden  Schleims 
und  Bluts  wieder  völlig  rein,  ja  nach  ev.  Auskochen  sogar  für  andere 
Patientinnen  (z.  B.  in  der  poliklinischen  Praxis)  ohne  weiteres  zu  ver¬ 
wenden  sei. 

Immerhin  haben  diese  Pessare  noch  den  Nachteil  einer  gewissen 
Schwere,  und  dies  vor  allem  bewog  Opitz,  Pessare  aus  H  o  h  1  glas 
hersteilen  zu  lassen.  Das  Glas,  aus  dem  sie  gefertigt  sind  —  die 
Pessare  werden  freihändig  an  der  Glaslampe  aus  Röhren  gebogen  und 
dann  einem  besonderen  Kühlverfahren  unterworfen  —  ist  eine  besonders 
haltbare  und  elastische  Silikatmischung  von  tiefschwarzer  Farbe,  so 
dass  die  Aehnlichkeit  mit  Hartgummipessaren  äusserlich  gross  ist. 
Farbe  sowohl  wie  auch  der  Name  „Silikatpessare“,  unter  dem  die 


l)  Hoftneier  und  Schroeder:  Hb.  d.  Frauenkrkh.  1908;  Zwei¬ 

fel;  Gyn.  Kl.  1892;  Verhdl.  d.  Ges.  f.  Geburtsh.  u.  Gyn.  in  Leipzig  1907; 

Hofmeier;  M.m.W.  vom  21.  VIII.  1916. 

-)  Fritsch:  Krankheiten  der  Frauen  1902;  Nagel:  Gynäkol.  des 

prakt.  Arztes  1889.  3)  C  o  h  n:  a.  a.  O.  4)  N  a  g  e  1:  a.  a.  O.  6)Cohn:a.a.  O. 

*)  Wein  hold:  „Hartglaspessare“  in  der  Festschrift  für  Fritzsch  1902. 

7)  Fritsch:  Krankheiten  der  Frauen  1902. 

8)  Weinhold:  a.  a.  O.;  Zweifel:  Gynäkol.  Klinik. 


Ringe  in  den  Handel  kommen,  wurden  gewählt,  um  bei  ängstlichen 
Patienten  etwaige  Befürchtungen  wegen  leichter  Zerbrechlichkeit  der 
Glaspessare  möglichst  auszuschalten.  Dass  solche  Befürchtungen  tat¬ 
sächlich  unbegründet  sind,  zeigt  die  grosse  Anzahl  von  Fällen,  die  in 
unserer  Klinik  mit  den  neuen  Pessaren  behandelt  wurden,  ohne  dass 
weder  beim1  Einführen  noch  beim  Pessarwechseli,  je  ein  Zerbrechen 
vorgekommen  wäre.  Liegen  die  Ringe  aber  einmal  im  Körper,  so  ist 
ihr  Lage  zwischen  den  Weichteilen  doch  so  geschützt,  dass  nur  bei 
direkter  Gewalteinwirkung  auf  das  Glas  eine  Zertrümmerung  denkbai 
erscheint.  •  I 

Als  ein  besonderer  Vorteil  der  Silikatpessare  mag  —  neben  dem 
billigen  Preise  von  8  M„  den  das  heimische  Material  ermöglicht  — 
manchem  noch  erscheinen,  dass  sie  nicht  nur  in  den  gebräuchlichen 
Formen  von  Hodge,  Meyer,  Smith  und  der  Form  des  dickbügc- 
ligen  Thomaspessars  hergestellt  werden,  sondern  auch  nach  jedem 
andern  individuell  gebogenen  Zelluloidmodell  angefertigt  werden 
können.  ■ 

Unsere  eigenen  Erfahrungen  mit  den  Silikatpessaren  decken  sich  im 
übrigen  vollkommen  mit  denen  aller  derer,  die  früher  Glas  als  Material 
verwandt  haben:  völlige  Reizlosigkeit  bei  noch  so  langem  Tragen,  ein¬ 
fachste  Möglichkeit  dauernder  Reinhaltung,  absolute  Glätte  auch  nach 
langem  Gebrauch;  obendrein  aber  noch  ein  so  geringes  Gewicht,  das? 
auch  empfindliche  Frauen  so  gut  wie  nichts  von  dem  Fremdkörper  in 
ihrem  Leibe  spüren. 


Die  Behandlung  der  von  den  Händen  ausgehenden 
Wundinfektionen  der  Aerzte. 

(Bemerkungen  zu  Biers  gleichnamiger  Arbeit  in  Nr.  39, 
1921,  dieser  Wochenschrift.) 

Von  Sanitätsrat  Dr.  Franz  Honigmann,  Breslau. 

Biers  Aufforderung,  Erfahrungen  über  Händeinfektionen  bc 
Aerzten  mitzuteilen,  hat  bisher,  soviel  ich  sehe,  keine  weitere  Aeusse- 
rung  veranlasst.  Das  Schweigen  ist  wohl  als  Zustimmung  zu  deuten 
In  den  meisten  wesentlichen  Punkten  kann  auch  ich  Biers  Grund¬ 
sätzen  beipflichten;  doch  seien  auch  einige  Einwendungen  gestattet 
die  vielleicht  nicht  unwichtig  sind1). 

Bier  wendet  sich  mit  Entschiedenheit  gegen  den  „Entspannungs¬ 
schnitt“,  der  oft  von  den  verletzten  Kollegen  dringend  verlangt  werde 
aber  bei  Fehlen  von  Eiterbildung  geradezu  verhängnisvoll  sei  und  eine: 
unglücklichen  Ausgang  verursachen  könne,  indem  er  das  Weiterschrei¬ 
ten  der  Infektion  fördere.  Bier  spricht  in  gleichem  Sinne  auch  vor 
„Frühschnitt“,  bevor  noch  ein  Entzündungswall  sieh-um  die  imhzierU 
Stelle  gebildet  habe.  Ich  glaube,  dass  zwischen  diesem  „Frühschnitt 
und  einem  „Entspannungsschnitt“  scharf  unterschieden  werden  muss 
Die  Eingangspforte  der  Infektion  zu  in-  oder  exzidieren,  ehe  noch  du 
Zeichen  entzündlicher  Reaktion  nachweisbar  sind,  halte  auch  ich  füi 
verfehlt.  Ob  dies  Vorgehen  verhängnisvolle  Folgen  haben  kann,  weis: 
ich  nicht,  da  ich  es  nie  geübt  habe,  auch  keine  von  anderer  Seite  sc 
behandelten  Fälle  je  beobachtete.  Dagegen  sah  ich  sehr  oft  Finger 
infektionen,  die  vorher  nicht  mit  einem  „Frühschnitt“,  sondern  mit  einen 
„F  e  h  1  schnitt“  behandelt  worden,  d.  h.  mit  einem  Schnitt,  der  zu  ober 
flächlich  war,  um  in  den  tatsächlich  vorhandenen,  aber  vom  Messer  ver 
fehlten  Eiterherd  einzudringen  und  ihn  zu  entleeren.  Dieser  nutzlost 
Fehlschnitt,  der  leider  oft  sogar  ohne  jede  Betäubung  ausgeführt  wird 
bewirkt  keine  Erleichterung,  vielmehr  erhebliche  Steigerung  de: 
Schmerzen  und  flösst  dem  Patienten  Misstrauen  gegen  den  heilende! 
Schnitt  ein,  der  später  doch  noch  notwendig  wird.  Weder  der  Früh 
schnitt  noch  der  Fehlschnitt  verdienen  jedoch  _  die  Bezeichnung  En  t 
spannungsschnitt,  der  erstere,  weil  er  nicht  in  Spannung  befind 
liches  Gewebe  durchtrennt,  der  letztere,  weil  er  die  erstrebte  Ent 
Spannung  nicht  bewirkt.  Es  gibt  aber  zweifellos  Fälle,  in  denen  en 
wirklicher  Entspannungsschnitt  in  Frage  kommt,  wiewohl  kein  t 
Eiterbildung  besteht,  aber  trotzdem  ein  ständiges  Fortschreiten  des 
infektiösen  Prozesses  unter  heftigen  Schmerzen,  Fieber,  Schlaflosig¬ 
keit  und  schwerem  Ergriffensein  des  Allgemeinbefindens  zum  Hande  l 
auffordert.  Dafür,  das  in  solchen  Fällen  der  Entspannungsschnitt  all* 
Beschwerden  auf  einmal  beseitigt  und  die  Heilung  einleitet,  könnte  icl 
aus  meiner  Erfahrung  zahlreiche  Fälle  anführen.  Wenige  Beispiel! 
mögen  genügen: 

43  jähr.  Dreher1’).  Am  1.  XI.  Hautabschürfung  am  rechten  Daumen 
Am  10.  XI.  verdrehte  er  sich  angeblich  bei  der  Arbeit  das  rechte  Hand 
gelenk.  Nachts  darauf  heftige  Schmerzen,  besonders  im  1.  und  5.  Finger 
In  den  nächsten  Tagen  Fieber  über  39",  zunehmende  heftige  Schmerzen 
Schwellung  der  Hand  und  des  Armes.  Der  Arzt  verordnete  heisse  Hand 


*)  Die  Berechtigung,  mich  zu  der  Frage  zu  äussern,  gründe  ich  auf  di 
Tatsache,  dass  ich  nicht  allein  selbst  durch  Finger-  und  Handinfektionei 
mehrfach  genötigt  war,  chirurgische  Hilfe  in  Anspruch  zu  nehmen,  sondert 
auch  verhältnismässig  häufig  Gelegenheit  hatte,  Aerzte,  Schwestern  usu 
wegen  solcher  Erkrankungen  zu  behandeln.  Aufzeichnungen  besitze  ich  leide 
nur  über  65  Behandlungsfälle  bei  44  Kollegen  und  einer  Pflegerin.  Die  tat 
sächliche  Zahl  ist  viel  grösser.  Wenn  ich  in  keinem  Falle  einen  ungünstige 
Ausgang  quoad  vitam  oder  functionem  zu  beklagen  hatte,  so  bin  ich  wei 
entfernt,  dies  lediglich  dem  Behandlungsverfahren  zuzuschreiben.  Die  Haupt 
Ursache  liegt  wohl  darin,  dass  es  sich  glücklicherweise  meist  um  lokalisiert 
oder  doch  nach  kurzer  Behandlung  lokalisierbare  Infektionen  handelte.  _ 
2)  Dass  dieser  Fall  keinen  Arzt  betrifft,  tut  seiner  grundsätzlichen  Be 
deutung  wohl  keinen  Abbruch. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


161 


.  Februar  1922. 


ädcr,  feuchte  Verbände  und  Ruhigstellung.  Ich  sah  ihn  zuerst  am  15.  XI.: 
n  der  Radialseite  des  rechten  Daumens  markstückgrosse,  schmierig  belegte 
Hautabschürfung.  Umgebung  gerötet.  Daumen  besonders  am  Grundglied, 
leiner  Finger  an  Grund-  und  Mittelglied,  Handrücken  im  ganzen  stark  ge- 
;hwollen  und  gerötet;  breite  rote  Lymphstreifen  am  Vorderarm  vom  Hand- 
elenk  bis  zur  Ellenbeuge;  Achseldrüsen  vergrössert,  schmerzhaft;  Finger 
xiert  in  Beugestellung,  besonders  der  1.  und  5.  aktiv  unbeweglich ;  vor- 
chtige  passive  Streckung  ruft  lebhafte  Schmerzäusserung  hervor.  Stärkste 
ruckempfindlichkeit  entsprechend  den  Beugesehnen  von  Daumen  und  kleinem 
inger.  Temperatur  zwischen  39  und  40°.  Patient  sieht  schlecht  aus,  klagt 
per  unerträgliche  Schmerzen,  hat  3  Nächte  nicht  geschlafen,  ln  Rausch- 
irkose  2  seitliche  Inzisionen  am  Grundglied  des  kleinen  Fingers  bis  auf 
e  Beugesehne.  Starke  ödematöse  Durchtränkung  des  Zellgewebes  und  der 
ehncnscheide.  kein  Eiter.  Gleicher  Befund  bei  mehrfachen  kleinen  In¬ 
sionen  am  Kleinfingerballen  und  durch  das  Infiltrat  am  Daumen.  Feuchter 
erband,  Schiene.  Danach  erfolgte  prompter  Rückgang  aller  Erscheinungen, 
at.  schlief  schon  in  der  folgenden  Nacht,  Fieber,  Schwellung  und  Infektion 
;r  Lymphbahnen  waren  nach  3  Tagen  gänzlich  geschwunden.  Die  weitere 
eilung  vollzog  sich  glatt. 

Möge  man  cinwenden,  dass  die  Heilung  vielleicht  auch  ohne  die 
zisionen  eingetreten  wäre.  Jedenfalls  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass 
;r  Krankheitsprozess  bei  konservativer  Behandlung  ständig  fort- 
ischritten  war,  dass  aber  unmittelbar  nach  dem  Eingriff  die  schweren 
id  quälenden  Erscheinungen  nachliessen.  Weiterhin  muss  hier  noch 
ner  Formen  von  Phlegmonen  gedacht  werden,  bei  denen  eine  sehr 
•ogrediente  sulzige  Durchtränkung  des  Zellgewebes  oder  eine  rasch 
rtschreitende  starre  Fettnekrose  sich  entwickelt,  ohne  zur  Eiterung 
i  führen. 

Kürzlich  sah  ich  einen  Fall,  wo  sich  bei  der  Inzision  kein  Eiter  fand,  aber 
is  Zellgewebe  in  eine  missfarbige,  weiche  Masse  verwandelt  war.  Aeusser- 
:h  zeigte  der  Finger  eine  sehr  harte,  äusserst  schmerzhafte  Anschwellung 
id  bläulichrote  Verfärbung.  Die  Infektion  war  schon  nach  dem  Handteller 
rtgeschritten,  wo  der  Einschnitt  ebenfalls  keinen  Eiter,  sondern  nur  eine 
Izige  Infiltration  aufdeckte. 

Wohl  jeder  Chirurg  wird  über  ähnliche  Beobachtungen  verfügen, 
ei  derartigen  Befunden,  die  meist  besonders  schwere  Infektionen  an- 
ägen,  habe  ich  von  der  möglichst  frühzeitigen  Inzision  niemals  Scha¬ 
ni,  meist  aber  eklatanten  Nutzen  gesehen.  Doch  auch  bei  harm¬ 
seren  Wundinfektionen  fand  ich  den  Entspannungsschnitt  öfter  von 
Drteil : 

Z.  B.  Ein  Kollege  konsultierte  mich  wegen  eines  entzündlichen,  nicht 
t  r  i  g  e  n  Infiltrates  am  Daumen,  das  5  Tage  nach  einer  Stichverletzung 
it  der  Impfnadel  unter  heftigen  Schmerzen,  Lymphangitis  und  Lymph- 
üsenschwellung  aufgetreten  war.  Nach  der  Inzision  gingen  alle  Erschei¬ 
ngen  binnen  24  Stunden  zurück. 

Noch  ein  Wort  über  die  bei  Aerzten  so  häufigen  Furunkel  an  Fin- 
rstreckseite  und  Handrücken.  Biers  schematischer  Vorschrift,  diese 
e  zu  schneiden,  kann  ich  mich  nicht  anschliessen.  Zweifellos  heilt  die 
ehrzahl  der  Fä+fe  ohne  Inzision.  Es  gibt  aber  hier,  ebenso  wie  an 
deren  Körperstellen  —  auch  im  Gesicht  —  Furunkel,  bei  denen  der 
erlauf  zum  Eingreifen  nötigt.  Bei  Neigung  zur  Ausbreitung  ins 
dlgewebe,  verbunden  mit  grossen  Schmerzen,  Fieber  und  Infektion 
r  Lymphbahnen  halte  ich  die  Inzision  für  angezeigt.  Ein  ergiebiger 
hnitt,  der  das  ganze  Infiltrat  durchtrennen  muss,  bringt  alle  un- 
genehmen  Erscheinungen  am  schnellsten  und  sichersten  zum  Riick- 
nge. 

Dass  die  Inzision  auch  für  den  Patienten  die  angenehmere  Behandlung 
,  kann  ich  aus  persönlicher  Erfahrung  bestätigen,  da  ich  Gelegenheit  hatte, 
ide  Methoden  auch  passiv  zu  erproben.  Besonders  lästig  war  mir  bei 
r  konservativen  Behandlung  die  mehrtägige  Eiterabsonderung  aus  dem 
fgebrochenen  Furunkel,  welche  auch  die  Nachbarhaut  trotz  Handbad  und 
lfettung  zu  infizieren  droht. 

Der  Einschnitt  beseitigt  die  Schmerzen  mit  einem  Schlage,  und 
:nn  man  dabei  zugleich  möglichst  alles  nekrotische  Gewebe  entfernt, 
ist  die  Absonderung  während  der  Nachbehandlung  sehr  gering,  und 
kommt  bald  zur  Bildung  gesunder  Granulationen.  Die  Infektion  der 
mphbahnen  geht  immer  nach  der  Inzision  sofort  zurück* * 3). 

Zusammenfassend  möchte  ich  betonen,  dass  auch  bei  den  Infek- 
'nen  der  Hand  die  Frage,  ob  und  wann  man  zum  Messer  greifen  soll, 
ht  grundsätzlich,  sondern  von  Fall  zu  Fall  zu  entscheiden  ist.  Denn 
e  Bier4)  mit  Recht  sagt:  „Verschiedene  Menschen  können  auf  dic- 
Iben  Reize  in  geradezu  entgegengesetzter  und  derselbe  Mensch  nach 
nem  Jeweiligen  Körperzustand  in  ganz  verschiedener  Richtung  re- 
'.eren.“  Dies  gilt  auch  von  den  Reizen,  die  der  Arzt  bei  seinem 
ilverfahren  zur  Wirkung  bringt. 

Zum  Schluss  sei  noch  erwähnt,  das  nicht  nur  der  harte,  sondern 
iegentlich  auch  der  weiche  Schanker  bei  Aerzten  zu  recht  un- 
genehmen  Fingerinfektionen  führen  kann. 

Ich  beobachtete  einen  solchen  Fall  bei  einem  Dermatologen,  der  sich 
'ch  Quetschung  einen  Bluterguss  unter  dem  Fingernagel  zugezogen  und 
Operation  eines  Bubo  infiziert  hatte.  Erst  einige  Zeit  nach  Eröffnung  des 
szesses  nahm  die  Wunde  das  charakteristische  „schankröse“  Aussehen  an. 
r  Verlauf  war  ein  sehr  langwieriger  und  vielfach  komplizierter.  Schliess- 
i  blieb  eine  starke  Verkrüppelung  des  Nagels  zurück.  Eine  Mischinfektion 
Lues  lag  nicht  vor. 


)  Ich  hatte  einigemale  den  Eindruck,  dass  bei  phlegmonösen  Furunkeln 

lange  fortgesetzte  konservative  Behandlung  das  Auftreten  pyämischer 
tastasen  begünstigte.  So  kenne  ich  den  Fall  eines  Kollegen,  der  seinen 
gerfurunkel  durch  konservative  Behandlung  zur  Heilung  brachte,  aber 

Anschluss  daran  an  einem  metastatischen  Lungeninfarkt  lebensgefährlich 
rankte. 

4)  Reiz  und  Reizbarkeit.  M.m.W.  1921,  Nr.  47,  S.  1524. 


Schleich5)  hat  öfters  bei  Aerzten  eine  „knollige“  Lymph¬ 
angitis  mit  Hyperplasie  der  regionären  Drüsen  beobachtet,  die  er  auf 
Infektion  mit  gonorrhoischem  Material  zurückführt.  Diese  Erkrankung 
ist  mir  nie  zu  Gesicht  gekommen. 


Schmerzlose  Entbindung. 

(Bemerkungen  zu  0.  F 1  o  e  1  s  Arbeit  in  Nr.  50,  1921  ds.  Wschr.) 
Von  Prof.  Friedländer  in  Freiburg  i.  Br. 

Floel  weist  auf  ein  oft  besprochenes,  sehr  wichtiges  Gebiet  hin. 
Ueber  den  Skopolamindämmerschlaf  (und  über  die  Lumbalanästhesie) 
wird  noch  manches  zu  sagen  sein  —  vielleicht  mehr  gegen  als  für  sie. 
Es  mehrt  sich  die  Zahl  der  Chirurgen  und  Gynäkologen,  welche  sich 
auch  von  unseren  psychologischen  und  psychotherapeutischen  Er¬ 
wägungen  beeinflussen  lassen.  Es  wäre  zu  wünschen,  dass  häufiger 
aus  den  Kreisen  jener  Kollegen,  welche  allgemeine  ärztliche  Tätigkeit 
ausüben,  Mitteilungen  über  ihre  Erfahrungen  mit  vielgerühmten  „kli¬ 
nischen“  Methoden  gebracht  würden.  Der  praktische  Arzt  lernt  seine 
Kranken  meist  genauer  kennen;  er  beobachtet  sie  vor  und  nach 
etwaigen  Eingriffen. 

Sind  Floel  und  ich  in  der  Hauptfrage  einig,  so  wird  er  mir  als 
genauem  Kenner  der  Hypnose  einige  berichtigende  Bemerkungen  nicht 
verdenken.  Sollte  er  Gelegenheit  nehmen,  mein  1920  erschienenes  Buch 
über  Hypnose  und  Hypnonarkose  (Enke.  Stuttgart)  nochmals  durchzu¬ 
sehen,  so  wird  er  mir  beipflichten,  dass  die  wissenschaftliche  Auffassung 
vom  Wesen  der  Hypnose  verlangt,  Urteile  zu  berichtigen,  welche  ich  in 
meiner  Arbeit  als  Vorurteile  eingehend  besprochen  und  als  schwer  aus- 
rottbar  bezeichnete. 

F  1  o  e  1  s  Bewertung  der  Hypnose  erklärt  sich  aus  seiner  offenen 

Bemerkung:  „Ich  wende - eine  Suggestionsmethode  an,  die  mir _ 

ohne  viel  wissenschaftliches  Bewusstsein  in  der  Privatpraxis  entstanden 
ist.“  Der  hypnotische  Dauerschlaf  kann  nicht  „ausnahmsweise“,  son¬ 
dern  regelmässig  benützt  werden,  wenn  eine  schmerzlose  Entbindung 
(ohne  grösseren)  Eingriff  gewünscht  wird  oder  angezeigt  ist. 

Vorbereitende  Hypnosen  sind  nur  und  besonders  dann 
notwendig,  wenn  es  sich  voraussichtlich  um  eine  schwere  Entbindung, 
um  Eingriffe  ernsterer  Art  handelt.  In  solchen  Fällen  wird  durch  die 
Hypnonarkose  am  sichersten  und  einfachsten  eine  schmerzlose  Ent¬ 
bindung  gewährleistet.  Es  ist  „durchaus  von  der  Hand  zu  weisen“,  dass 
das  Nervensystem  durch  öfteres  sachgemässes  Hypnotisieren 
irgendwie  geschädigt  werden  kann.  Durch  solche  Behauptungen  wird 
ein  wichtiges  Teilgebiet  der  seelischen  Behandlung  grundlos  in  Verruf 
gebracht. 

Es  ist  mir  nicht  klar,  welcher  Art  der  „unangenehme  Beigeschmack“ 
sein  soll,  den  die  Hypnose  hat,  und  was  Floel  unter  der  „herkömm¬ 
lichen  Einleitung“  versteht,  welche  sie  Arzt  und  Kranken  unsympathisch 
macht.  Die  „Versager“  allein  können  es  nicht  sein;  diese  wird  Floel 
auch  erleben. 

Der  Verfasser  schildert  seine  Suggestionsmethode.  Diese  findet 
er  ungefähr  ebenso  beschrieben  in  jedem  Buche  über  Hypnose.  Ob 
man  Schmerzlosigkeit  mit  oder  ohne  Schlafsuggestion  eingibt,  ist  be¬ 
langlos;  stets  wird  eine  Einengung  des  Bewusstseins  herbeigeführt; 
stets  kommt  es  auf  das  Vertrauen  des  Kranken,  auf  das  Auftreten  des 
Arztes,  auf  eine  gewisse  Ausschaltung  des  „Selbstbewusstseins“  des 
Kranken  an.  Die  Grundlage  des  „fraktionierten“  Vorgehens 
F  1  o  e  1  s  ist  die  S  u.g  g  e  s  t  i  o  n.  Hypnose  aber  ist  Suggestion.  Die 
Methodik  Fl  o  eis  ist  somit  in  keiner  Weise  frei  von  dem,  was  Arzt 
und  Kranken  „mit  Recht  (?)  an  der  Hypnose  sonst  nicht  gefällt“. 

Ich  gehe  nicht  auf  die  Frage  ein,  ob  es  sich  etwa  empfiehlt,  jede 
Entbindung  schmerzfrei  zu  gestalten.  Ich  für  meine  Person  bin  der 
Ansicht,  dass  diese  Frage  ebenso  nach  bestimmten  Indikationen  zu 
entscheiden  ist,  wie  jede  andere  ärztliche  —  also  individuell.  Ich  lehne 
den  Skopolaminschlaf  ebenso  wie  die  Anwendung  von  Morphium  für 
sich  allein  und  die  Hypnose  dann  ab,  wenn  eine  schmerzlose  Ent¬ 
bindung  „indiziert“  ist.  In  solchen  Fällen  kommt  meiner  Ansicht  nach 
nur  die  Hypnonarkose  in  Betracht. 

Ob  man  aber,  wenn  eine  reine  Suggestivbehandlung  stattfindet, 
die  Hypnose  hiebei  dem  Namen  nach  vermeidet,  ob  man  die 
Hypnose  _  in  der  von  mir  empfohlenen  Form  gebraucht,  ist 
von  _  geringerer  Bedeutung;  nicht  dagegen,  wenn  als  irrig  nach¬ 
gewiesene  Anschauungen  immer  wieder  vorgetragen  werden,  und 
dadurch  die  Verbreitung  der  Methodik  gehemmt  wird,  welche  endlich 
Eingang  auch  bei  Chirurgen  und  Gynäkologen  gefunden  hat  (siehe 
v.  Oettingen:  M.m.W.  1921  Nr.  51).  nachdem  wir  Neurologen  jahr¬ 
zehntelang  vergeblich  für  sie  kämpften  (siehe  Friedländer:  Ueber 
Hypnonarkose,  M  m.W.  1920). 

Wenn  ein  so  erfahrener  Psychiater  wie  S  i  e  m  e  r  1  i  n  g  in  ge¬ 
wissem  Sinne  gegen  die  Hypnose  auftritt,  indem  er  einwendet,  dass 
sie  ihrer  Methodik  und  Art  nach  keine  Gewähr  bietet,  dass  sie  unbe¬ 
dingten  Vorzug  vor  anderen  Heilmethoden  verdient,  so  ist  die  Frage 
gerechtfertigt:  Ob  er  nicht  weiss,  dass  dies  für  jede  Behandlung  gilt. 

Wer  irgend  eine  „Methode“  wissenschaftlich  erforscht  hat,  ist  sich 
über  ihre  Grenzen  und  vor  allem  darüber  klar,  dass  keine  Methode  — 
die  Methode  ist. 


5)  Neue  Methoden  der  Wundbehandlung.  2.  Aufl.  Berlin  1900.  Hier 
findet  sich  übrigens  eine  ausführliche  Darstellung  und  Kasuistik  der  Aerzte- 
infektionen. 


5* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


162 


Nr.  5. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Leipzig. 
(Direktor:  Geheimer  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Strümpell.) 

Röntgenologischer  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Tuberkulose 

in  den  Lungen. 

(Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von  Sanitätsrat  Dr.  Kaestle 
in  Nr.  50.  1921  ds.  Wschr.) 

Von  Dr.  Erich  Thomas. 

Unter  obigem  Titel  beschreibt  K.  ein  inspiratorisches  Nachhinken 
des  inneren  rechtsseitigen  Zwerchfellanteils,  meist  des  medialen  Drit¬ 
tels,  und  führt  diese  Störung  zurück  „auf  die  Infektion  der  Lungen¬ 
wurzel  und  ihrer  Drüsen  mit  den  Tuberkelbazillen  und  auf  die  Reaktion 
des  Körpers  auf  die  Erstinvasion  dieses  Bazillus“.  Ein  solches  Zurück¬ 
bleiben  des  medialen  Abschnittes  der  rechten  Zwerchfellhälfte  bei  ihrem 
inspiratorischen  Tiefertreten  ist  wahrscheinlich  den  meisten,  welche 
häufiger  Thoraxdurchleuchtungen  vornehmen,  bekannt  und  von  mir  oft 
bei  sehr  verschiedenartigen  Erkrankungsfällen  angetroffen  worden.  Bei 
höheren  Graden  dieser  Bewegungsstörungen  hebt  sich  der  mediale  Ab¬ 
schnitt  des  Zwerchfellbogens  als  besonderer,  höherstehender,  runderer 
Bogen  ab  und  ist  von  dem  lateralen,  flachen  Bogenteil  durch  eine  leichte 
Einkerbung  getrennt.  Diese  Erscheinung  wird  jedoch  keineswegs  nur 
bei  Tuberkulösen  beobachtet.  Sie  ist  auch  bei  chronischen  Pneumonien, 
Karzinomen  des  rechten  Oberlappens  und  Gangrän  der  Lunge  fest¬ 
zustellen  (vgl.  Ass  mann:  Röntgendiagnostik  der  inneren  Krankheiten 
Tafel  VIII,  Fig.  4  u.  6  und  Fig.  193).  Sie  hat  meiner  Ansicht  nach  mit 
einer  Tuberkuloseinfektion  an  sich  gar  nichts  zu  tun.  Vielmehr  handelt 
es  sich  dabei  um  eine  durch  die  Architektonik  des  Zwerchfells  be¬ 
dingte  besondere  Gestaltung  der  Zwerchfellwölbung,  welche  namentlich 
dann  auftritt,  wenn  eine  gewisse  Erschwerung  der  Respiration  vorliegt, 
zu  deren  Ueberwindung  das  sich  kräftig  kontrahierende  Diaphragma  — 
entsprechend  seinem  Bau  —  sich  nicht  gleichmässig  zusammenzieht. 
Die  hierbei  gleichzeitig  vorhandene  erhöhte  Ansaugung  der  Lunge 
wirkt  dem  inspiratorischen  Zuge  des  Zwerchfells  nach  unten  entgegen, 
so  dass  dieses  in  seinem  ventralen  und  medialen  Bereich,  der  ana¬ 
tomisch  und  physiologisch  am  schwächsten  entwickelt  ist.  zurückbleibt 
und  sich  ev.  sogar  kranialwärts  vorbuckelt.  In  stärkstem  Masse  aus¬ 
geprägt  sah  ich  dies  Phänomen  bei  Trachealstenose,  ferner  bei  rechts¬ 
seitiger  Bronchostenose,  gleichgültig  welchen  Ursprungs,  so  besonders 
bei  Bronchialkarzinom.  Die  gleiche  Erscheinung,  wenn  auch  meist  nur 
in  schwächerem  Grade,  habe  ich  auch  unter  ganz  normalen  Verhält¬ 
nissen,  besonders  bei  schneller  und  tiefer  Inspiration  beobachtet.  Das 
Vorhandensein  von  Pleuraadhäsionen  ist  zur  Entstehung  dieser  be¬ 
sonderen  Zwerchfellbewegung  nicht  notwendig.  In  mehreren  derartigen 
Fällen  fand  sich  bei  der  Autopsie  ein  freier  Pleuraraum.  Die  Tatsache, 
dass  das  Phänomen  mit  am  häufigsten  und  in  stärkerem  Masse  auf  der 
rechten  Seite  beobachtet  wird,  beruht  wiederum  auf  Besonderheiten 
des  anatomischen  Baues  des  Zwerchfells  infolge  des  Durchtritts  der 
Vena  cava  inferior  durch  das  Zwerchfell,  der  Lage  des  Herzens  und 
infolge  seiner  Anspannung  über  die  Leber.  Die  ziemlich  komplizierten 
Verhältnisse,  welche  unter  normalen  und  pathologischen  Zuständen  bei 
der  respiratorischen  Bewegung  des  Zwerchfells  zu  berücksichtigen  sind, 
werden  in  einer  demnächst  voraussichtlich  im  D.  Arch.  f.  klin.  M.  er¬ 
scheinenden  Arbeit  des  näheren  auseinandergesetzt  werden.  Hier 
möchte  ich  nur  der  Auffassung  entgegentreten,  dass  aus  diesem  Rönt- 
gensymptome  allein  oder  auch  aus  seiner  Verbindung  mit  einer  viel¬ 
deutigen  Verbreiterung  des  Hilusschatten  auf  eine  Tuberkulose  ge¬ 
schlossen  wird,  wie  das  bezüglich  anderer  röntgenologischer  Zeichen, 
z.  B.  des  Williams  sehen  Symptoms,  der  S  t  ü  r  t  z  sehen  Stränge 
usw.  in  der  Praxis  so  sehr  häufig  geschieht. 

Zusammenfassung. 

Von  K.  ist  das  Zurückbleiben  des  medialen  Abschnittes  der  rechten 
Zwerchfellhälfte  bei  der  Inspirationsbewegung  als  ein  für  Tuberkulose 
charakteristisches  Zeichen  beschrieben  wofden.  Meiner  Auffassung  nach 
hat  diese  Art  der  Zwerchfellbewegung  mit  Tuberkulose  nichts  zu  tun, 
sondern  beruht  auf  anderen  Ursachen,  welche  in  der  Architektonik  des 
Zwerchfells  und  in  besonderen  physiologischen  Faktoren  begründet 
sind. 


Einiges  über  Zahnpflege. 

(Zu  M.  Kühns  Arbeit  in  Nr.  51,  1921  dieser  Wochenschrift.) 

Von  Dr.  Brubacher,  k.  Hofrat. 

Die  Anschauung  K  ii  h  n  s  darf  in  der  Aerztewelt  keine  unwider¬ 
sprochene  Verbreitung  finden,  weil  sie  den  Erfahrungen  der  Fachleute 
direkt  zuwiderläuft. 

Dass  der  Zeigefinger  „einen  billigen  und  ausreichenden  Ersatz“  für 
die  Zahnbürste  bilde,  ist  nur  insoweit  richtig,  als  seine  Verwendung 
die  rein  kosmetische  Seite  der  Zahnpflege,  d.  h.  das  Aussehen  des  Ge¬ 
bisses  befriedigen  könnte.  Der  Hauptzweck  der  Zahnreinigung  ist  je¬ 
doch  kein  kosmetischer,  sondern  ein  prophylaktischer:  wir  suchen 
durch  gründliches  Reinigen  der  verheerenden  Zahnkaries  vorzubeugen, 
und  dies  können  wir  nicht  durch  Abreiben  der  Zähne  mit  dem  Zeige¬ 
finger  erreichen. 

An  der  glatten,  schmelzbedeckten,  dem  Finger  zugängigen  Ober¬ 
fläche  der  Zähne  sehen  wir  mit  Ausnahme  bei  dyskrasischen  und  alten 


Individuen  überhaupt  nie  Karies  auftreten.  Prädilektionsstelle  für  die 
Zahnfäule  sind  alle  schmelzentblössten  und  vertieften  Stellen,  ferner 
die  Approximal-  und  Kauflächen  der  Zähne,  oder,  mit  anderen  Worten, 
alle  verborgenen  Stellen  und  Winkel,  welche  durch  den  Kauakt,  durch 
das  Spiel  und  die  Bewegungen  weder  der  Zunge  noch  der  Lippen  und 
Wangen  mechanisch  gereinigt  werden.  Was  die  zu  diesem  Zwecke  viel 
geeignetere  Zunge  nicht  erreichen  kann,  wird  dem  Finger  erst  recht  j 
nicht  gelingen,  im  Gegenteil,  durch  den  festen  Fingerdruck  werden 
Speisereste  u.  dgl.  in  die  Zwischenräume  und  Vertiefungen  hinein¬ 
gepresst,  zumal  auch  die  Saugbewegung,  von  der  wir  beim  Reinigen 
mit  der  Zunge  unwillkürlich  als  unterstützendem  Moment  Gebrauch 
machen,  in  Wegfall  kommt. 

Eine  gründliche  Reinigung  können  wir  nur  mit 
derBürste  vornehmen,  welche  der  kosmetischen  und  prophylak¬ 
tischen  Seite  gerecht  wird. 

Verlangen  es  die  Verhältnisse,  dann  haben  wir  einen  besseren  Er¬ 
satz  an  der  Zunge  und  dem  Luftstrom,  der  durch  saugende  und  blasende 
Bewegung  die  Reinigung  der  Zahnzwischenräume  bis  zu  gewissem 
Grade  besorgen  kann.  Ein  weit  besserer  und  ganz  billiger  Ersatz  sind 
bleistiftlange,  X> — %  cm  breite,  am  Ende  keilförmig  zugeschnittene  Holz¬ 
stäbchen,  wie  sie  sich  jedermann  leicht  aus  Weichholz  herstellen  kann. 
Mit  ihnen  lassen  sich  nicht  allein  die  freiliegenden  Flächen,  sondern 
auch  i  die  Zwischenräume  der  Zähne  und  die  Rinnen  der  Kauflächen 
.'einigen. 

Da  freilich  das  Reinigen  mit  dem  Zeigefinger  der  einfachere,  zt 
jeder  Zeit  gebrauchsfertige,  wenn  auch  sehr  unvollkommene  Zahn¬ 
bürstenersatz  ist,  dessen  Verwendung  wohl  am  ehesten  befolgt  werdet 
wird,  und  da  man  damit  doch  die  Befreiung  der  Frontfläche  von  den 
schmierigen  Belage  und  ein  straff  anliegendes,  gesundes  Zahnfleisch  er¬ 
zielt,  lässt  sich  seine  Empfehlung  an  Stelle  der  Zahnbürste  bis  zu  ge¬ 
wissem  Grade  rechtfertigen,  zumal  der  Arzt  zufrieden  sein  kann,  wem 
er  es  bei  der  Jugend  und  bei  vielen  Erwachsenen  überhaupt  so  weil 
bringt,  dass  sie  sich  ihres  Gebisses  täglich  bei  der  allgemeinen  Reini¬ 
gung  erinnern.  Man  darf  aber  nicht  vergessen,  dass  der  Zeige¬ 
finger  ein  sehr  u  n  vollkommenes  und  die  Zahnbürste 
nie  ersetzendes  Instrument  ist. 


Für  die  Praxis. 

Die  Frühdiagnose  der  allgemeinen  eitrigen  Peritcnitis 

Von  A.  Kr  ecke  in  München. 

Bei  keiner  Erkrankung  entscheidet  über  das  Schicksal  des  Kranket 
so  sehr  die  frühzeitige  Operation  wie  bei  der  freien  eitrigen  Bauchfell 
entzündung.  Auch  ein  eingeklemmter  Bruch  verlangt  im  allgemeiner 
nicht  so  dringend  chirurgische  Hilfe,  wie  ein  perforiertes  Magengeschwür 
oder  eine  durch  stumpfe  Gewalt  hervorgerufene  Zerreissung  des  Dünn 
darms.  Stunden  sind  hier  entscheidend,  und  die  Statistiken  der  Opera 
iionen  bei  Magengeschwürsperforation  lehren,  dass  die  Prognose  de 
Operation  nahezu  mit  jeder  Stunde  Verzögerung  schlechter  wird. 

Die  Erscheinungen  der  vorgeschrittenen  allgemeiner 
eitrigen  Peritonitis  sind  genügend  bekannt.  Der  ängstlich! 
Gesichtsausdruok,  die  tiefliegenden  Augen,  die  spitze  Nase,  die  mühsam' 
Atmung,  die  Zyanose,  der  aufgetriebene  gespannte  Bauch,  der  sek 
beschleunigte  flatternde  Puls,  sind  Zeichen,  die  auch  der  Unerfahrenst' 
kaum  verkennen  kann.  Ist  es  einmal  zu  diesen  Erscheinungen  ge 
kommen,  so  ist  der  Kranke  nahezu  sicher  verloren.  Wer  mit  der  Dia 
gnose  der  allgemeinen  Peritonitis,  bis  zum  Auftreten  der  eben  genannte! 
Zeichen  wartet,  wird  bei  der  Behandlung  des  Leidens  kein  Glück  haben 
Die  Aufgabe  des  sich  seiner  Verantwortung  bewussten  Arztes  mus 
darin  bestehen,  die  Fälle  von  allgemeiner  Peritonitis  sofort  nach  derei 
Beginn  zu  erkennen  und  in  der  nächsten  Stunde  der  chirurgische! 
Behandlung  zuzuführen. 

Nicht  alle  allgemeinen  Peritonitiden' sind  gleich 
m  ä  s  s  i  g  zu  bewerten.  Eine  Peritonitis,  die  nach  dem  Durch 
bruch  eines  Magengeschwürs  einsetzt,  macht  viel  schneller  schwere  Er 
scheinungen  als  eine  Bauchfellentzündung,  die  von  einem  durch 
gebrochenen  Wurmfortsatz  ausgeht.  Ebenso  verläuft  die  Peritonitis 
die  von  einer  inneren  Einklemmung  ausgeht,  viel  heftiger  als  ein 
solche,  die  von  einem  durchgebrochenen  Tubensack  ihren  Urspruu 
nimmt.  In  der  Art  der  Erscheinungen  sind  alle  Peritonitiden  gleicl 
Die  Heftigkeit  der  Erscheinungen  wechselt  nach  der  Ursache  de 
einzelnen  Falles. 

Wir  müssen  uns  daran  gewöhnen,  dass  wir  die  Frühdiagnose  de 
Peritonitis  in  keiner  Weise  abhängig  machen  von  den  obengenannte 
Erscheinungen  des  Spätstadiums,  die  schon  auf  eine  schwere  septisch 
Intoxikation  hinweisend  Wir  müssen  die  Peritonitis  zu  er 
kennen  suchen,  bevor  der  Leib  aufgetriebe  n,  bevor  de 
Puls  beschleunigt,  bevor  der  G  e  s  i  c  h  t  s  au  s  d  tut  c  k  in  de 
beängstigenden  Weise  verändert  ist. 

Diejenigen  Erscheinungen,  die  uns  am  frühesten  auf  das  Vorhände!' 
sein  einer  allgemeinen  Peritonitis  hinweisen,  sind: 

1.  die  mehr  oder  minder  grosse  schmerzhafte  Bauch  deck  er 
Spannung. 

2.  das  Fehlen  der  B  a  u  c  h  d  e  c  k  e  n  a  t  m  u  n  g, 

3.  der  Leberhochstand. 

Als  wichtigstes  Zeichen  muss  immer  und  immer  wieder  di 
schmerzhafte  Bauch  decken. Spannung  hingestellt  werdei 


3.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nur  derjenige,  der  sich  daran  gewöhnt,  diesem  Zeichen  seine  grösste 
Aufmerksamkeit  zu  widmen  und  der  sich  in  der  Erkennung  derselben 
eine  grosse  Erfahrung  angeeignet  hat,  ist  in  der  Lage,  die  Frühdiagnose 
der  Peritonitis  zu  stellen.  Aus  eigener  Erfahrung  kann  ich  nur  immer 
wieder  sagen,  wie  schwer  es  mir. im  Anfänge  meiner  Tätigkeit  ge¬ 
worden  ist,  die  Bauchdeckenspannung  richtig  zu  erkennen1  und  richtig 
zu  deuten.  Und  ich  sehe  es  bei  meinen  Assistenten  immer  wieder, 
welche  Mühe  sie  mit  der  Untersuchungsmethode  haben. 

Der  Durchbruch  eines  Hohlorgans  in  die  freie  Bauchhöhle  macht, 
welcher  Art  er  auch  immer  sei,  sofort  eine  umschriebene  Bauchdecken¬ 
spannung.  Muskelabwehr  (defense  musculaire)  ist  der  beste 
Ausdruck  für  diese  Erscheinung.  Ueber  dem  eingerissenen  Hohlorgan 
krampten  sich  die  Bauchwandmuskeln  zusammen,  einmal  um  den  Darm 
ruhig  zu  stellen,  und  zweitens,  um  das  sofort  in  Entzündung  versetzte 
Bauchfell  vor  einer  schmerzhaften  Berührung  zu  schützen. 

Ist  der  entzündete  Teil  des  Bauchfells  nur  ein  umschriebene  r, 
so  wird  auch  die  Bauchdeckenspannung  nur  eine  umschriebene  sein.  So 
ist  es  fast  stets  bei  der  Blinddarmentzündung.  Hier  ver¬ 
breitet  sich  das  eitrige  Exsudat  im  allgemeinen  ziemlich  langsam,  und 
im  Anfang  der  Peritonitis  ist  nur  die  rechte  Darmbeingrube  von  der 
Muskelabwehr  betroffen.  Im  weiteren  Verlauf  schreitet  bei  zu¬ 
nehmender  Ausdehnung  der  Peritonitis  auch  die  Bauchdeckenspannung 
weiter,  und  nach  einiger  Zeit  ist  die  ganze  vordere  Bauchwand  in  eine 
brettharte  Platte  verwandelt. 

Aehnlich  ist  es  beim  Gallenblasendurchbruch. 

Beim  Durchbruch  eines  Magengeschwürs  und  bei 
dem  durch  Quetschung  her  vor  gerufenen  Einriss  eines 
Darmteiles  ergiesst  sich  sofort  eine  grosse  Menge  Flüssigkeit 
in  die  Bauchhöhle  hinein  und  versetzt  das  ganze  Bauchfell  in  Ent¬ 
zündung.  Die  Folge  ist,  dass  in  einem  solchen  Falle  sofort  nach  der 
Perforation  die  ganze  vordere  Bauchwand  sich  gespannt 
anfühlt  und  auf  Druck  kaum  eindrückbar  ist. 

Wissen  muss  man,  dass  unter  gewissen  Umständen  die  Spannung 
der  vorderen  Bauchwand  fehlen  kann.  Das  ist  dann  der  Fall,  wenn 
der  betreffende  Darmteil,  am  häufigsten  der  Wurmfortsatz,  der  hinteren 
Bauchwand  näher  liegt.  Dann  tritt,  worauf  zuerst  D  r  a  c  h  t  e  r  hin¬ 
gewiesen  hat,  eine  deutliche  Spannung  der  hinteren  Bauch¬ 
wand  in  der  Lendengegend  ein,  die  sich  durch  geeignete  Betastung 
ohne  Schwierigkeit  feststelle.i  lässt. 

Die  Bauchdeckenspannung  kann  vorhanden  sein,  und  alle  übrigen 
Zeichen  der  Peritonitis  können  vollkommen  fehlen:  Patienten  mit 
durchgebrochenem  Blinddarm,  mit  einem  Loche  im  Darm  durch  Huf¬ 
schlag,  kommen  zu  Fuss  ins  Krankenhaus  und  zeigen  keine  schweren 
Erscheinungen  allgemeiner  Art.  Der  kundige  Arzt  wird  aber  bei  sorg¬ 
fältiger  Untersuchung  deutliche  Muskelabwehr  feststellen  und  wird 
trotz  fehlender  Pulsbeschleunigung,  trotz  fehlenden  Fiebers,  trotz 
günstigen  Allgemeineindruckes  auf  die  baldige  Operation  dringen. 

Neben  der  Bauchdeckenspannung  ist  am  auffälligsten  das  Symptom 
der  fehlenden  Bauchatmung.  Dadurch,  dass  der  Kranke  die 
Bauchmuskeln  fest  kontrahiert  hält,  hält  er  sie  auch  ängstlich  von  der 
Beteiligung  an  der  Atmung  zurück.  Wenn  man  sieht,  wie  der  Brust¬ 
korb  sich  deutlich  bei  der  Atmung  hebt  und  senkt,  und  wie  die  Bauch¬ 
decken  vollkommen  ruhig  stehen,  so  kann  der  Kundige  über  den  Ernst 
der  vorliegenden  Erkrankung  nicht  im.  Zweifel  sein.  Vornehmlich  bei 
der  postoperativen  Peritonitis  ist  dieses  Zeichen  stets  von  grossem 
Wert.  Um  dies  Zeichen  nachzuweisen,  braucht  man  kaum  die  Bett¬ 
decke  zu  heben.  Es  genügt,  die  Kranken  einige  Zeit  ruhig  zu  be¬ 
obachten. 

Der  Leberhochstand  ist  das  erste  Zeichen  des  Meteorismus. 
Eine  Auftreibung  der  Bauchdecken  braucht  dabei  nicht  vorhanden  zu 
sein.  Letztere  tritt  erst  dann  ein,  wenn  es  zu  einer  Lähmung  der 
muskulösen  Bauchwand  kommt.  Der  Leberhochstand  ist  daran  erkenn¬ 
bar.  dass  man  auch  am  rechten  Rippenwinkel  ausgesprochen  tympani- 
tischen  Schall  findet. 

Wer  auf  die  genannten  drei  Zeichen:  Bauchdeckenspannung,  Fehlen 
der  Bauchdeckenatmung,  Lebertiochstand,  gut  achtet,  wird  bei  der 
Frühdiagnose  der  allgemeinen  Peritonitis  keinen  Misserfolg  erzielen. 

Dass  daneben  auch  die  anderen  Krankheitszeichen  berücksichtigt 
werden  müssen,  ist  selbstverständlich.  Diese  Zeichen  sind  aber  so 
vieldeutiger  Natur,  dass  auf  sie  im  Anfang  kein  rechter  Verlass  ist, 
wenn  sie  auch  natürlich  zur  Beurteilung  der  Erkrankung  ihren  grossen 
Wert  haben. 

Der  Schmerz  ist  bei  jeder  allgemeinen  Bauchfellentzündung  vor¬ 
handen.  Ist  er  ganz  unheimlicher  Natur,  z.  B.  so,  dass  die  stärksten 
Männer  wie  von  einem  Dolchstich  getroffen  in  schwerem  Kollaps 
daliegen,  so  kann  man  ziemlich  sicher  den  Durchbruch  eines  Hohl¬ 
organes  annehmen.  Aber  diese  Heftigkeit  zeigt  der  Schmerz  keines¬ 
wegs  bei  allen  Peritonitisfällen. 

Insbesondere  weiss  man,  dass  viele  Fälle  von  Peritonitis  nach 
Appendizitis  anfänglich  nur  mässige  Schmerzen  hervorrufen  und  infolge¬ 
dessen  auch  von  erfahrenen  Aerzten  als  gutartige  Magen-Darmerkran¬ 
kungen  angesehen  worden  sind.  Auch  mit  Gallensteinkolik,  Pankreas¬ 
nekrose,  Dannverschluss,  Nierensteinkolik,  kann  eine  beginnende  Peri¬ 
tonitis  unter  Umständen  verwechselt  werden.  Auch  der  Sitz  des 
Schmerzes  ist  nicht  immer  ganz  zuverlässig.  Eine  Nierensteinkolik  be¬ 
ginnt  wohl  immer  mit  Schmerzen*  in  der  Nierengegend,  eine  Gallen¬ 
steinkolik  mit  Schmeren  in  der  Magengegend.  Aber  eine  Blinddarm¬ 
entzündung  macht  im  Anfang  sehr  häufig  keine  Schmerzen  in  der  Blind¬ 
darmgegend.  sondern  in  der  Magengegend. 


1 63 


Das  Erbrechen  fehlt  fast  nie  bei  der-  Bauchfellentzündung,  hat 
aber  nur  im  Zusammenhang  mit  den  anderen  Erscheinungen  eine  Be¬ 
deutung.  Sein  allgemeiner  diagnostischer  und  prognostischer  Wert 
darf  nicht  geleugnet  werden.  Eine  mit  Erbrechen  einhergehende  Appen¬ 
dizitis  muss  immer  als  eine  ernste  Erkrankung  beurteilt  werden. 

Das  Aussehen  eines  Peritonitiskranken  ist  selten  schon  im  An¬ 
fang  ein  verändertes.  Der  bekannte  Verfall  der  Gesichtszüge  tritt 
erst  in  einem  späteren  Stadium  auf.  Wer  für  die  Diagnose  der  Peri¬ 
tonitis  den  Nachweis  des  verfallenen,  blassen  Aussehens  für  notwendig 
hält,  wird  mit  der  richtigen  Behandlung  in  der  Regel  zu  spät  kommen. 
Es  gibt  viele  Peritonitiskranke,  die  im  Anfang  nicht  die  Spur  eines 
Verfalles  oder  eines  ängstlichen  Gesichtsausdruckes  erkennen  lassen. 
Wie  oft  habe  ich  ungläubige  Gesichter  mir  gegenüber  gesehen,  wenn 
ich  bei  einem  ganz  gut  aussehenden  Kranken  von  Eiter  in  der  Bauch¬ 
höhle  sprach  und  auf  die  schlimme  Prognose  des  Falles  hinwies. 

Die  Temperatur  ist  bei  der  Peritonitis  in  der  Regel  leicht 
gesteigert.  Unbedingt  notwendig  ist  die  Steigerung  nicht,  und  einen 
Anhaltspunkt  für  die  Diagnose  oder  für  die  Schwere  der  Erkrankung 
gibt  die  Temperatur  auf  keinen  Fall.  Die  Diagnose  der  Peritonitis 
ist  von  dem  Nachweis  einer  Temperatursteigerung  nicht  abhängig. 

Der  Puls  ist  im  Beginn  der  Peritonitis  in  der  Regel  nicht  be¬ 
schleunigt.  Es- gibt  gewiss  Fälle  von  plötzlichem  Durchbruch  eines 
Hohlorgans,  die  sehr  schneli  eine  Pulssteigerung  verursachen.  In  der 
Regel  lassen  die  an  Bauchfellentzündung  Erkrankten  im  Anfang  keine 
Spur  von  Pulssteigerung  erkennen.  Man  lasse  sich  darum  durch  einen 
langsamen  Puls  bei  der  Diagnose  der  Peritonitis  nicht  täuschen.  Wenn 
der  Puls  anfängt,  in  die  Höhe  zu  gehen,  so  sind  die  günstigen  Stunden 
für  die  Operation  der  Peritonitis  in  der  Regel  schon  vorbei. 

Alle  die  eben  aufgezählten  Symptome,  der  Schmerz,  das  Erbrechen, 
der  Kollaps,  die  Temperatursteigerung,  die  Pulsbeschleunigung,  haben 
bei  der  Diagnose  der  Peritonitis  selbstverständlich  ihre  grosse  Bedeu¬ 
tung.  Für  die  Frühdiagnose  ist  ihr  Wert  nur  ein  geringer,  insofern  als 
ihr  Fehlen  in  keiner  Weise  entscheidend  ist.  Sind  diese  Zeichen  vor¬ 
handen,  dann  ist  ihre  Beweiskraft  eine  grosse,  sie  zeigen  dann  in  der 
Regel  auch,  dass  die  Krankheit  schon  ziemlich  weit  vorgeschritten  ist. 
Der  Hauptwert  bei  der  Frühdiagnose  muss  immer  wieder  der  Bauch¬ 
deckenspannung,  dem  Fehlen  der  Bauchdeckenatmung  und  dem  Leber¬ 
hochstand  zuerkannt  werden. 

Bei  der  Frühdiagnose  der  Peritonitis  ist  selbstverständlich  auch 
immer  eine  Diagnose  des  Ausgangspunktes  der  Peri¬ 
tonitis  unbedingt  notwendig..  Es  genügt  nicht,  zu  sagen,  hier  liegt 
eine  eitrige  Bauchfellentzündung  vor,  sondern  man  muss  auch  fest¬ 
stellen,  von  welchem  Organ  dieselbe  ausgeht.  Für  die  erfolgreiche 
Behandlung  ist  die  genaue  Feststellung  des  Ausgangspunktes  sehr 
wichtig. 

Für  die  Bestimmung  des  Ausgangspunktes  bietet  zunächst  die 
Vorgeschichte  des  Kranken*  gute  Anhaltspunkte.  Bei  einem 
Kranken,  der  schon  viel  an  Magenbeschwerden-  gelitten  hat,  wird  man 
zunächst  an  ein  durchgebrochenes  Magengeschwür  denken.  Bei  einem 
Kranken  mit  früheren  Blinddarmanfällen  wird  man  eine  Blinddarm¬ 
entzündung  in  Betracht  ziehen,  bei  einem  Kranken  mit  Gallenstein¬ 
koliken  wird  man  mit  der  Möglichkeit  eines  Gallenblasendurchbruches 
rechnen.  Ganz  zuverlässig  sind  die  Ergebnisse  der  Anamnese  nicht, 
und  man  kann  dabei  oft  unangenehme  Enttäuschungen  erleben. 

Vor  vielen  Jahren  machte  ich  bei  einem  Patienten  wegen  Mast¬ 
darmkrebs  einen  künstlichen  After.  Am  nächsten  Tage  zeigte  er  die 
schwersten  Zeichen  der  allgemeinen  Peritonitis,  und  ich  nahm  an,  dass 
entweder  der  Mastdarmkrebs  in  die  Bauchhöhle  durchgebrochen  sei, 
oder  dass  es  sich  um  eine  operative  Infektion  handle.  Mit  Rücksicht 
auf  den  vorgeschrittenen  Krebs  unterliess  ich  einen  nochmaligen  Ein¬ 
griff.  Die  Sektion  zeigte,  dass  es  sich  um  den  Durchbruch  eines  alten 
Duodenalgeschwürs  gehandelt  hatte. 

Eine  nochmalige  Laparotomie  hätte  unter  Umständen  das  Leben 
Jes  Kranken  noch  einige  Zeit  erhalten  können. 

Die  Angaben  des  Kranken  über  den  Sitz  des  Schmerzes 
werden  für  die  Bestimmung  des  Ausgangspunktes  immer  von  Bedeutung 
sein,  sind  aber  nicht  durchaus  massgebend.  Sitzt  der  Schmerz  in  der 
Magengegend,  so  wird  man  zunächst  an  einen  Magendurchbruch  denken, 
beim  Sitz  in  der  Blinddarmgegend  an  einen  Blinddarmdurchbruch1.  Es 
wurde  schon  oben  hervorgehoben,  dass  die  Angaben  des  Kranken  nicht 
immer  den  richtigen  Weg  zeigen,  da  der  Kranke  den  Schmerz  oft 
anderswohin  verlegt,  als  an  die  Stelle  des  Ausgangspunktes. 

Die  sorgfältigste  Abtastung  des  Bauches  gibt  immer  die 
besten  Anhaltspunkte  für  den  Ausgangspunkt  der  Bauchfellentzündung. 
Auch  hier  muss  der  schmerzhaften  Bauchdeckenspannung  der  grösste 
Wert  beigemessen  werden.  Es  ist  durchaus  sicher,  dass  überall  da, 
wo  sich  entzündliches  Exsudat  in  der  Bauchhöhle  bildet,  das  Zeichen 
der  Muskelabwehr  zustande  kommt.  Auch  in  den  Fällen,  wo  schon  der 
ganze  Bauch  gespannt  ist,  wird  die  Spannung  am  Sitz  der  Perforation 
am  beträchtlichsten  sein. 

Trotz  aller  Sorgfalt  werden  einige  Fälle  übrig  bleiben,  in  welchen 
der  Ausgangspunkt  der  Peritonitis  nicht  festzustellcn  ist.  Hier  muss 
man  die  Diagnose  offen  lassen.  Der  Chirurg  wird  in  solchen  Fällen  von 
einem  grossen  Schnitt  in  der  Mittellinie  aus  festzustellen  haben,  wo 
die  Ursache  der  Bauchfellentzündung  zu  suchen  ist. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


164 

Soziale  Medizin  und  Aerztliche  standesangeleoenheiten. 

Das  Alkoholverbot  der  Vereinigten  Staaten  von  Nord¬ 
amerika. 

Von  Prof.  Gaupp  (Tübingen). 

Die  politische  und  wirtschaftliche  Notlage,  in  der  sich  die  Völker 
Europas  fast  alle  heute  befinden,  hat  sie  ihre  Aufmerksamkeit  nicht 
genügend  einem  Ereignis  in  Amerika  zuwenden  lassen,  das  doch  von 
grosser  Bedeutung  für  Land  und  Volk  des  einzigen  Siegers  im  Welt¬ 
kriege  geworden  ist  und  das  mir  bestimmt  scheint,  auch  auf  die  übrige 
Welt  von  grösstem  Einfluss  zu  werden :  dem  National  Prohibi¬ 
tion  Act  vom  16.  Januar  1920.  Die  Vereinigten  Staaten  von 
Nordamerika  haben  mit  diesem  Tage  das  18.  Amendement  ihrer  Bundes¬ 
verfassung  endgültig  in  ihre  Verfassungsurkunde  aufgenommen.  Dieses 
Amendement  verbietet  für  die  Vereinigten  Staaten  und  alle  deren 
Gerichtsbarkeit  unterstellten  Gebiete  die  Herstellung,  den  Ver¬ 
kauf  oder  Transport  sowie  die  Einfuhr  und  Ausfuhr 
von  alkoholischen  Getränken  (mit  einem  Gehalt  von 
über  El  Proz.  Alkohol).  Das  Amendement  spricht  ausserdem 
dem  Kongress  und  den  Staaten  die  Befugnis  zu,  die  Durchführung  der 
Gesetzesbestimmung  durch  geeignete  Ausführungsbestimmungen  sicher¬ 
zustellen. 

Der  96  Mitglieder  zählende  Senat  hatte  den  Verfassungszusatz 
schon  am  1.  August  1917  mit  65  gegen  20  Stimmen  angenommen  und 
wenige  Monate  später  (am  17.  Dezember  1917)  hatte  das  Repräsen¬ 
tantenhaus  die  Vorlage  nach  einigen  Aenderungen  (die  Tags  darauf 
auch  vom  Senat  genehmigt  wurden)  mit  282  gegen  128  Stimmen  gut¬ 
geheissen.  Um  wirksam  zu  werden,  musste  er  nun  innerhab  7  Jahren 
von  drei  Vierteln  aller  Einzelstaaten,  also  von  36  der  48  Staaten  der 
Union'  ratifiziert  werden.  Am  16.  Januar  1919  war  dies  erreicht. 
Nebraska  war  der  36.  Staat.  Rasch  folgten  noch  zahlreiche  andere 
Einzelstaaten  nach.  Am  25.  Februar  1919  bestätigte  der  45.  Staat  das 
neue  Gesetz.  Nur  Connecticut,  New  Jersey  und  Rhode  Island  ver¬ 
weigerten  den  Beitritt.  Schon  am  1.  VII.  1919  war  das  Kriegszeit¬ 
verbot  in  Kraft  getreten,  das  nunmehr  durch  das  endgültige  Verbot 
abgelöst  wurde.  Von  dem  Abgeordneten  A.  Volstead  wurde  nun 
ein  Ausführungsgesetz  ausgearbeitet,  das  in  seiner  jetzigen  Form  vom 
Senat  am  8.  Oktober  1919  und  vom  Repräsentantenhaus  2  Tage  darauf 
angenommen  wurde  und  gegen  das  Präsident  Wilson  am  27.  X.  1919 
vrgeblich  sein  Veto  erhob.  (Harding  ist  Anhänger  des  Verbots.) 
Der  Senat  stimmte  dem  Volsteadgesetz  mit  65  gegen  20,  das  Repräsen¬ 
tantenhaus  mit  176  gegen  55  Stimmen  zu.  (Die  deutsche  Uebersetzung 
dieses  Ausführungsgesetzes  findet  sich  im  18.  Band  der  Zeitschrift:  Die 
Alkoholfrage.) 

Amerika  ist  also  seit  zwei  Jahren  ein  „tro-ckenes  Land“.  Es 
sind  kaum  mehr  als  100  Jahre  her,  dass  es  im  Verbrauch  geistiger 
Getränke  an  der. Spitze  aller  Staaten  der  Erde  stand.  F.  Rudolf  gab 
kürzlich  eine  lehrreiche  Schilderung1)  der  geschichtlichen  Entwicklung 
des  amerikanischen  Alkoholismus  und  seiner  erfolgreichen  Bekämpfung, 
wobei  er  sich  für  die  ältere  Zeit  namentlich  auf  das  Buch  von  Weeden 
(Economic  and  Social  History  of  New-England  1620 — 1789,  Boston  1892) 
stützte.  Nach  ihm  brachten  englische  Kolonisten  im  17.  Jahrhundert 
das  leichte  englische  Bier  hinüber  nach  „Neu-England“,  wo  es  eine  Zeit¬ 
lang  das  Hauptgetränk  bildete.  Das  niedere  Volk  trank  auch  Rum. 
Aus  Spanien  und  Portugal  wurde  auch  Wein  zugeführt;  mit  dem  Vor¬ 
dringen  der  Einwanderer  in  das  Innere  des  Landes  kam  die  Zubereitung 
eines  im  Lande  selbst  bereiteten  Obstweines  mehr  und  mehr  auf.  Im 
18.  Jahrhundert  tritt  an  Stelle  der  Malzgetränke  neben  dem  Obst¬ 
wein  der  S  c  h  n  a  p  s,  dessen  Herstellung  und  Export  bald  grossen  Um¬ 
fang  annimmt.  Die  Staaten  Neu-Englands  Massachusetts,  Connecticut, 
Rhode  Island,  New  Hampshire,  Vermont  und  Maine  entwickelten  die 
Rumbrennerei  als  Grossindustrie  und  verkauften  an  die 
Negerhäuptlinge  der  afrikanischen  Westküste,  an  die  Indianer  Amerikas 
und  an  die  Schiffer  Englands  und  anderer  seefahrender  europäischer 
Länder  ungeheure  Mengen  des  gebrannten  Wassers.  Im  Jahre  1750 
soll  Massachusetts  63,  Rhode  Island  30  Schnapsbrennereien  besessen 
haben.  Mit  Rum  wurden  die  Negerhäuptlinge  zum  Verkauf  der  für  das 
menschenarme  Amerika  als  Arbeiter  wertvollen  Schwarzen  überredet. 
Der  amerikanische  Rum  vertrieb  den  französischen  Branntwein  von  der 
afrikanischen  Küste.  „Der  Rum  von  Neu-England  kaufte  in  Afrika 
Sklaven,  von  denen  ein  Teil,  wenn  nach  Westindien  gebracht,  dort  für 
neue  Melasse  bezahlte,  die  man  nach  Neu-England  schiffte“  (R  u  d  o  1  f). 
Rum  diente  auch  als  Tauschmittel  für  Fische,  Gold,  Wein,  Mais,  Fleisch, 
Tabak,  der  aus  Virginia  stammte,  endlich  für  viele  Handelsartikel,  die 
aus  dem  Mutterland  England  herüberkamen.  Der  blühende  Rumhandel, 
dessen  Rohmaterial  das  westindische  Zuckerrohr  lieferte,  das  von  afri¬ 
kanischen  Sklaven  gepflanzt  wurde,  bildete  lange  Zeit  den  Haupt¬ 
reichtum  des  jungen  Neu-England:  die  Schnapsfabriken  schossen  dabei 
wie  Pilze  aus  der  Erde,  und  es  konnte  natürlich  nicht  ausbleiben.  dass 
auch  die  Bevölkerung  des  Landes  selbst  immer  mehr  Rum  zu  trinken 
begann,  zumal  das  Getränk  damals  sehr  billig  war,  so  dass  die  hoch¬ 
gelohnten  Arbeiter  sich  mühelos  grosse  Mengen  beschaffen  konnten. 
Neu-England  wurde  ein  trunksüchtiges  Land  und  übertraf  um 
die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  alle  Länder  im  Verbrauch  an  starken 
geistigen  Getränken.  Wohl  warnten  einsichtige  Männer,  auf  dieser 


4)  Aus  der  Vorgeschichte  des  Alkoholverbots  in  Amerika.  Die  Alkohol¬ 
frage  XVII,  Nr.  3,  S.  185  ff. 


Bahn  fortzuschreiten,  und  weissagten  den  jungen  Staaten  einen  frühen 
Untergang,  aber  „die  Gewinne  w'aren  zu  gross,  als  dass  die  menschliche 
Natur  —  selbst  unter  Puritanern  —  den  Lockungen  auf  die  Dauer  hätte 
widerstehen  können“  (Rudolf).  Erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts 
kam  es  —  namentlich  aus  den  Reihen  der  Geistlichkeit  —  zu  einer  ener¬ 
gischen  Opposition  gegen  den  gefährlichen  Missbrauch  des  Schnapses. 
Benjamin  Rush  aus  Philadelphia  schrieb  1785  eine  pathetische  Schrift 
gegen  das  gebrannte  Wasser.  Es  ist  jedoch  fraglich,  ob  diese  Anti¬ 
alkoholbewegung  einen  nennenswerten  Erfolg  gehabt  hätte,  wenn  ihr 
nicht  von  anderer  Seite  eine  neue  Bewegung  zu  Hilfe  gekommen  wäre: 
das  ist  die  grosse  Bewegung  zur  Abschaffung  der  Sklaverei. 
Es  ist  nicht  ohne  Interesse  zu  erfahren,  dass  der  erste  Gründer  eines 
Vereins  gegen  die  Unmässigkeit,  Rev.  Lytnann  Beecher  (1813),  der 
Vater  jener  Schriftstellerin  Harriet  Beecher -Stowe  ist,  deren  be¬ 
kannter  Roman  „Uncle  TonYs  Cabin“  (1852)  zur  Aufhebung  der 
Sklaverei  im  ganzen  Bereich  der  Vereinigten  Staaten  zweifellos  wesent¬ 
lich  beigetragen  hat.  Beechers  Verein  zählte  schon  1833  eine  Million 
Mitglieder  in  6000  Ortsvereinen  (bei  einer  damaligen  Gesamtbevölke¬ 
rung  von  13  Millionen).  Die  amerikanischen  Kirchen  nahmen,  unter¬ 
stützt  von  den  amerikanischen  Frauen,  den  Kampf  gegen  d<is  'Irinken 
der  Männer  mit  grosser  Energie  auf  und  wählten  dazu  von  Anfang  an 
den  besten  —  den  auf  die  Dauer  allein  erfolgreichen 
Weg:  die  Erziehung  der  j  ungeh  Generation  z  u  einem 
alkoholfreien  Leben2).  Der  Kampf  wurde  nun  um  so  aussichts- 
r  reicher,  als  mit  dem  Verbot  des  Imports  von  Negern  als  Sklaven  nach 
den  Vereinigten  Staaten  die  Schnapsfabrikation  weit  weniger  Gewinn 
brachte  als  früher.  Die  Fabrikation  ging  rasch  stark  zurück,  der  Rum¬ 
handel  sank  auf  ganz  unbeträchtliche  Werte.  Eine  unschädliche  In¬ 
dustrie,  die  Baumwollspinnerei,  trat  an  die  Stelle  der  grossen  Schnaps¬ 
erzeugung.  Aber  natürlich  war  damit  die  im  Lande  zur  Gewohnheit  ge¬ 
wordene  Trunksucht  noch  nicht  völlig  beseitigt.  Zwar  wurden  vor¬ 
übergehend  überraschende  Erfolge  gezeitigt;  so  begann  schon  1846 
der  Staat  Maine  mit  einem  ersten  Versuch  eines  Alkoholverbots,  das 
freilich  nicht  streng  durchgeführt  wurde,  da  es  an  einem  guten  Aus¬ 
führungsgesetz  fehlte  und  die  Vereinigten  Staaten  keine  zwischen¬ 
staatlichen  Zollgrenzen  kannten.  So  war  die  Abgrenzung  gegen  den 
Nachbarstaat  anfangs  unvollkommen;  die  Uebertretungen  waren  zu 
zahlreich  und  man  kam  deshalb  wieder  von  der  völligen  Prohibition 
ab.  Mit  dem  Jahre  1851  beginnt  ein  neuer  wirkungsvoller  Abschnitt 
der  Antialkoholbewegung.  Die  machtvolle  Persönlichkeit  des  Quäkers 
Neal  Dow  hatte  es  im  Staate  Maine  zur  Beratung  und  Durchführung 
des  von  ihm  verfassten  ersten  Prohibition-Law  gebracht  und  der 
Guttemplerorden  (The  Independent  Order  of  Good  TetnpiarsL 
wurde  gegründet;  er  machte  sich  die  Rettung  gefallener  Trinker  zur 
Lebensaufgabe;  Frauen  hatten  in  ihm  die  gleichen  Rechte  wie  Männer 
und  wurden  lebhafte  Mitarbeiterinnen  im  Kampfe  gegen  die  Trunksucht. 
Miss  Willard  schuf  den  amerikanischen  christlichen  Frauenbund 
zur  Bekämpfung  des  Alkohols  (The  National  w  o  m  e n’s  Chri¬ 
stian  Tempera  nee  Union)  und  ihre  Nachfolgerin  Mrs.  Mary 
Hunt  erreichte  mit  ihm  die  Erziehung  einer  alkoholfeindlichen  Jugend 
in  der  Sonntagsschule  und  ebenso  in  den  staatlichen  Schulen  durch 
obligatorische  Einführung  eines  wissenschaftlichen  Unterrichts  über  die 
Schäden  des  Trinkens.  1893  erfolgte  dann  die  Gründung  der  grossen 
und  rührigen  Organisation  der  „A  n  t  i  s  a  Po  o  n  -  L  e  a  g  u  e“,  des  Bun¬ 
des  der  Wirtshausgegner,  dessen  imponierender  Vorsitzender  Howard 
Russell  in  Ohio  wurde 3).  Nun  geht  es  im  Kampfe  gegen  den 
Alkohol  flott  voran:  -schon  vor  1893  waren  7  Staaten  trockengelegt 
worden  (Maine  seit  1858,  Kansas  seit  1881,  bald  nachher  Nord-  und  Siid- 
Dakotah.  zeitweilig  auch  New-Hampshire,  Vermont.  Massachusetts. 
Rhode  Island,  Connecticut  und  New  York),  aber  die  Zeit  war  doch  noch 
nicht  reif  für  die  erfolgreiche  Durchführung  solcher  dem  augenblick¬ 
lichen  Enthusiasmus  eines  impulsiven  Volkes  entsprungenen  Mass¬ 
nahmen.  Die  Alkoholgegner  arbeiteten  namentlich  in  Kirche  und  Schule 
unermüdlich  weiter  an  der  Beeinflussung  und  Erziehung  der  Frauen 
und  Kinder  und  von  1907  ab  folgen  nun  in  rascher  Folge  die  Alkohol¬ 
verbote  der  einzelnen  nordamerikanischen  Staaten.  Vielerorts  war 
einer  solchen  radikalen  staatlichen  Gesetzgebung  das  Gemeinde¬ 
bestimmungsrecht  vorangegangen.  Oklahama  und  Georgia 
führten  1907  durch  allgemeine  Volksabstimmung  das  Verbot  ein,  ihm 
folgten  1908  Nord-Carolina  und  Mississippi.  1909  Tennessee,  1912  West- 
virginien,  1914  Virginien,  Colorado,  Oregon.  Washington,  Arizona, 
1915  Arkansas,  Alabama,  Süd-Carolina.  Idaho,  Jowa,  1916  Süd-Dakotah, 
Nebraska,  Monata.  Michigan,  Alaska,  1917  Indiana,  Utah.  New-Hamp¬ 
shire,  New-Mexico.  1918  Texas.  Florida,  Ohio.  Wyoming.  Nevada.  Im 
Jahre  1913  war  das  für  die  Durchführung  der  einzelstaatlichen  Verbote 
überaus  wichtige  Webb-Kenyon-Law  gegen  das  Verbot  des  Prä¬ 
sidenten  Taft  zustande  gekommen,  demzufolge  die  einzelnen  Staaten 
das  Recht  bekamen,  die  Einfuhr  geistiger  Getränke  aus  den  Nachbar¬ 
staaten  durch  einzelstaatliche  Gesetzgebung  zu  verbieten.  Die  ameri¬ 
kanischen  Bierbrauer  hatten*  dem  Zustandekommen  dieses  Gesetzes, 
mit  dem  die  Verbote  der  Einzelstaaten  erst  eindringlichere  Bedeutung 
gewannen,  die  schärfste  Opposition  gemacht4),  es  war  ihnen  aber  nicht 


2)  Edith  Smith  Davi  s:  History  of  Scientific  Tempcrunce  Instruction. 
Evanston  (Illinois). 

3)  Die  A.S.L.  verfugt  über  sehr  reiche  Mittel.  So  hat  ihr  erst  vor 
kurzem  J.  Rockefeiler,  dessen  antialkoholische  Gesinnung  ich  von  ein¬ 
gehender  Aussprache  mit  ihm  genau  kenne,  350  000  Dollars  gestiftet. 

4)  Vergl.  Wayne  B.  Wheeler:  Rum  Rebellions  past  and  present, 
Westerville  (Ohio),  und  derselbe:  Rum  Running  a  crime  not  a  business.  The 
Christian  Herald,  Westerville,  1921. 


3.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


165 


gelungen,  den  Kongress  umzustimmen5).  Der  Oberste  Gerichtshof 
der  Vereinigten  Staaten  bestätigte  am  8.  Januar  1917  die  Gesetzmässig¬ 
keit  der  Webb-Kenyon  law.  Mit  dem  Eintreten  der  Vereinigten 
Staaten  in  den  Weltkrieg  kam  der  Antialkoholbewegung  die  nationale 
Begeisterung  und  der  Hass  gegen  das  Deutschtum  zu  Hilfe.  Das  Alko¬ 
holkapital  lag  in  Amerika  zum  grossen  Teile  in  deutschen  Händen,  in¬ 
sonderheit  waren  die  Grossbrauer  meistens  Deutsche.  Viele  von  ihnen 
machten  ihren  Einfluss  in  deutschfreundlichem  Sinne  geltend  und  such¬ 
ten  Amerika  vom  Eintritt  in  den  Weltkrieg  zurückzuhalten.  In  den 
Oststaaten  New  York,  New-Jersey  und  Connecticut,  in  denen  die 
Deutsch-Amerikaner  politisch  und  wirtschaftlich  einflussreich  sind,  war 
das  Alkoholverbot  bis  dahin  noch  nicht  zustande  gekommen.  Als  nun 
aber  mit  Ausbruch  des  Krieges  die  englisch-amerikanische  Propaganda 
in  echt  amerikanischer  Weise  entsetzte,  als  man  die  „Greueltaten  der 
Deutschen  in  Frankreich,  Belgien  und  auf  dem  Meere“  in  Wort.  Bild 
und  Schrift  zu  sehen  und  zu  hören  bekam,  da  wuchs  bekanntlich  der 
Hass  gegen  alles  Deutsche  und  gegen  die  „Bindestrich-Amerikaner“ 
zu  flammender  Leidenschaft  und  mit  ihr  auch  der  Hass  gegen  die  Brauer 
und  Brenner  der  ganzen  Union.  Und  diese  Stimmung  erleichterte  die 
endgültige  Erreichung  des  Zieles  der  Alkoholgegner:  die  Durch¬ 
setzung  eines  Alkoholverbote  s  für  das  ganze  Herr¬ 
schaftsgebiet  der  Vereinigten  Staaten. 

Dieses  Alkoholverbot,  das  im  Lande  der  Freiheit  mit  der  persön¬ 
lichen  Freiheit  des  Trinkens  ein  Ende  machte,  um  dem  ganzen  Volke 
Freiheit  und  Zukunft  zu  sichern,  besteht  nunmehr  also  seit  2  Jahren  in 
der  gesamten  Union.  Wie  wurde  es  durchgeführt?  Was  ist  aus  all 
den  Brauereien  und  Brennereien,  aus  all  den  Gasthäusern  und  Schnaps¬ 
destillen  geworden?  Welche  Verwendung  finden  die  kalifornischen 
I  Trauben,  das  westindische  Zuckerrohr,  der  amerikanische  Hopfen,  die 
'Gerste?  Welche  Wirkungen  übt  das  Verbot  auf  die  Lebensformen  der 
Amerikaner,  auf  ihre  sozialen  Verhältnisse,  ihre  Kriminalität,  auf  die 
;  Erkrankungen  an  alkoholischen  körperlichen  und  geistigen  Störungen 
jaus?  Der  schlechte  Stand  der  deutschen  Valuta  erschwert  uns  nicht 
nur  das  Studium  dieser  Fragen  drüben  im  Lande  selbst,  sondern  auch 
den  Bezug  der  amerikanischen  Literatur  über  dieses  —  auch  für  uns 
wie  wohl  für  die  ganze  gesittete  Welt  wichtige  —  Problem.  Wie 
I  zu  erwarten,  ist  das  Aikoholkapital  in  Europa  von  Anfang  an  gegen 
die  amerikanischen  Verhältnisse  Sturm  gelaufen,  es  hat  durch  Briefe 
und  Telegramme  aus  Amerika  phantastische  Darstellungen  über  die 
{  Schäden  bringen  lassen,  die  Amerika  durch  das  Verbot  zugefügt  worden 
seien :  Zunahme  der  Verbrechen,  wilder  Schmuggel  an  den  Grenzen 
Kanadas,  massenhafte  heimliche  Herstellung  besonders  gesundheits- 
!  widriger  Liköre,  Erziehung  eines  ganzen  Volkes  zu  Heuchelei  und 
:  Selbstbetrug,  kurz  wirtschaftliche  und  sittliche  Schäden  —  das  sei  das 
Ergebnis  der  amerikanischen  Torheit,  einem  mündigen  Volke  den  Ge¬ 
nuss  geistiger  Getränke  von  Staats  wegen  ganz  zu  verbieten.  Es  ist  zu 
beachten,  dass  der  Widerstand  gegen  das  Verbot  namentlich  in  den  an 
Deutschen  und  frisch  zugewanderten  anderen  Europäern  reichen  Ost- 
staaten  (New  York,  New  Jersey,  Connecticut)  auch  heute  noch  be¬ 
sonders  hartnäckig  ist,  dass  man  dort  noch  immer  eifrig  bemüht  ist,  die 
Stimmung  des  Volkes  ins  Gegenteil  zu  verkehren  und  eine  Revision  des 
Gesetzes  vorzubereiten,  und  dass  die  meisten  Nachrichten,  die  unsere 
deutsche  Presse  bringt,  aus  New  York  stammen6).  Auch  ist  es  zweifel¬ 
los  richtig,  dass  grosse  und  einflussreiche  amerikanische  Zeitungen  (z.  B. 
der  New  York  Herald)  noch  immer  Gegner  des  Verbotes  sind,  und  wer 
jdas  amerikanische  Pressewesen  kennt,  weiss,  dass  dabei  mit  starken 
und  bedenklichen  Mitteln  gearbeitet  wird.  Andererseits  wird  kritische 
Vorsicht  gebieten,  auch  nicht  nur  die  Berichte  der  alkoholgegnerischen 
{Organe  als  Quellen  zu  benützen,  die  im  Stolz  über  das  Erreichte,  viel¬ 
leicht  ohne  es  zu  wollen,  manche  Mängel  und  Schattenseiten  zu  wenig 
beachten  und  mit  dem  tatenfrohen  Optimismus  eines  jungen  Volkes,  in 
dem  sich  kluger  Geschäftssinn  in  wunderlicher  Weise  mit  dem  Eifer  des 
Weltbeglückers  paart,  bereits  die  Losung  ausgegeben  haben,  nunmehr 
müsse  die  „ganze  Welt“  vom  Feinde  Alkohol  befreit  werden,  wozu  bei 
den  Frauen  noch  die  Hoffnung  hinzutreten  soll,  einen  gleich  erfolg¬ 
reichen  Feldzug  gegen  den  Tabak  eröffnen  zu  können.  Nach  allge¬ 
meinen  Gesetzen  der  Psychologie  wird  man  —  das  darf  wohl  gesagt 
werden  —  annehmen  dürfen,  dass  die  Bekämpfung  und  Verleumdung 
von  seiten  der  um  ihre  Profitrate  betrogenen  Verbotsgegner  weniger 
skrupulös  arbeiten  wird  als  die  selbstlose  Befreiungsarbeit  der  Verbots- 
ireunde,  denen  es  nur  um  die  Rettung  ihres  Volkes  von  den  Uebeln  der 
Trunksucht  zu  tun  ist.  Nach'  den  Erfahrungen,  die  wir  in  Deutschland 
mit  den  Machenschaften  des  Alkoholkapitals  gewonnen  haben,  sind  wir 
berechtigt,  alles,  was  unsere  deutsche  Tagespresse  über  die  ameri¬ 
kanischen  Verhältnisse  kundgibt,  mit  grösster  Vorsicht  zu  betrachten. 
Wir  müssen  uns  nach  zuverlässigeren  Gewährsmännern  umtun,  wenn 
wir  ein  klares  Bild  der  wirklichen  Sachlage  gewinnen  wollen.  Ich  will 
versuchen,  aus  dem  bunten  Gewirre  der  Nachrichten  das  zusammen¬ 
zustellen,  was  mir  am  meisten  Glauben  zu  verdienen  scheint. 

Eines  ist  hatürlich  vorauszustellen:  es  kann  keine  Rede  davon  sein, 
fass  es  heute  in  Amerika  keinen  Alkohol  mehr  gebe.  Die  trinkfrohen 
Teile  der  amerikanischen  Bevölkerung  sahen  das  Verbot  schon  lange 
ierankommen  (vergl.  die  oben  geschilderte  Geschichte  seiner  Ent¬ 
stehung  in  den  Jahren  1913 — 1920)  und  hatten  Zeit  sich  vorher  gehörig 
„einzudecken“,  und  sie  haben  dies  auch  getan.  Wer  ferner  aus  den 
Erfahrungen  des  Lebens  weiss,  wie  hartnäckig  der  Trinker  seine  Ge¬ 


5)  Der  Arbeiterstreik  des  deutschen  Brauers  Böhm  mit  der  Parole 

„no  beer  no  work“  misslang  völlig. 

8)  ln  NewYork  hat  auch  die  „Association  Opposed  to  National  Pro- 

libition“  ihren  Hauptsitz. 


wohnheit  verteidigt  und  wieviel  Widerstand  an  sich  schon  jeder  staat¬ 
liche  Zwang  bei  den  Menschen  hervorzurufen  pflegt,  der  muss  sich 
sagen,  dass  ganz  sicher  auch  in  Amerika  trinkfreudige  und  trunksüchtige 
Menschen  Mittel  und  Wege  gefunden  haben  und  noch  immer  finden,  um 
sich  das  unentbehrliche  Genussmittel  zu  verschaffen  7).  Die  Herstellung 
von  Likören  verlangt  keinen  grossen,  nach  aussen  hin  auffälligen 
Apparat,  das  Rohmaterial  für  solche  Liköre  kann  in  unanfechtbarerWeise 
in  die  Wohnung  des  einzelnen  gebracht  werden;  es  liegt  also  wohl  auf 
der  Hand,  dass  der  Hausbrand  nach  der  Schliessung  aller  Brennereien 
und  Brauereien,  aller  Wirtschaften  und  Bars  zunächst  mancherorts  eine 
Zunahme  erfahren  musste.  Auch  ist  es  a  priori  wahrscheinlich,  dass  die 
gelegentliche  Mitteilung  der  Presse,  es  sei  in  Amerika  beim  heimlichen 
Hausbrand  zur  Herstellung  gesundheitlich  schädlicher  Formen 
alkoholischer  Getränke  (Methylalkohol)  gekommen,  die  mehr  schaden 
als  das  früher  genossene  Bier,  einen  Kern  von  Wahrheit  in  sich  bergen 
kann  8 *).  Endlich  soll  nicht  verkannt  werden,  dass  ein  staatliches  Verbot, 
das  auf  den  entschlossenen  Widerstand  zahlreicher  Bürger  stösst,  dessen 
Uebertretung  aber  strenge  bestraft  wird,  zur  Heuchelei  der  heim¬ 
lichen  Sünder  führen  kann,  und  dass  die  Wirkung  des  Verbotes  bis¬ 
weilen  auch  die  sein  kann,  dem  Reichen  auf  unlauteren  Wegen  die  Be¬ 
schaffung  des  Genussmittels  zu  ermöglichen,  während  der  Unbemittelte 
schwer  tut,  sich  die  heimlich  vertriebene  und  natürlich  sehr  verteuerte 
Ware  noch  zu  beschaffen.  Bestechung  der  Aufsichtsbeamten  wird 
in  einem  Lande  gewiss  nicht  fehlen,  in  dem  schon  bisher  oft  und  viel 
über  die  Bestechlichkeit  dieser  Kreise  geklagt  wurde.  Wir  haben  ja 
bei  uns  in  Deutschland  in  den  Jahren  der  Rationierung  der  lebens¬ 
notwendigen  Dinge  unsere  eigenen  Erfahrungen  über  die  Schwächen 
der  Menschennatur  machen  können,  und  es  ist  anzunehmen,  dass  ein 
trinkfroher  Amerikaner  den  gewöhnten  Alkohol  fast  gerade  so  schmerz¬ 
lich  vermissen  wird,  wie  wir  die  lebenswichtigen  Nahrungsmittel  in  den 
Jahren  der  Blockade  und  Unterernährung.  Andererseits  ist  erst  kürzlich 
von  einem  psychologisch  urteilsfähigen  Besucher  Nordamerikas s)  darauf 
hingewiesen  worden,  dass  die  Mehrzahl  der  Amerikaner  den  Standpunkt 
vertrete,  dass,  nachdem  einmal  das  Gesetz  bestehe  und  durch  die  Mehr¬ 
heit  des  Volkes  beschlossen  sei,  es  die  Pflicht  des  einzelnen  sei,  es  auch 
anzuerkennen  und  zu  halten.  Wer  ihm  nicht  zustimmen  könne,  müsse 
dies  auf  dem  gesetzlichen  Wege  der  Beeinflussung  des  Volkes  zur 
Aenderung  des  Gesetzes  tun. 

Amerika  ist  seit  der  Einführung  des  Verbotes  von  zuverlässigen 
Männern  des  europäischen  Kontinents  besucht  worden,  die  sich  speziell 
um  die  Erforschung  der  Wirkung  der  Prohibition  bemühten.  Ich  nenne 
hier  in  erster  Linie  den  Schweizer  Dr.  Hercod10)  und  den  Engländer 
Saleeby11),  ferner  den  schon  oben  erwähnten  Prof.  Dessauer, 
auch  den  Engländer  J.  Fraser,  den  Holländer  Don  12).  Ausserdem 
haben  vertrauenswürdige  Amerikaner  uns  in  Amerika  eingehende 
Schilderungen  der  derzeitigen  dortigen  Verhältnisse  entworfen  und  uns 
die  inzwischen  erwachsene  amerikanische  Literatur  über  die  Wirkungen 
der  Prohibition  übermittelt.  Meine  Ausführungen  stützen  sich  auf  alle 
diese  Quellen  und  sind  mit  kritischer  Vorsicht  zusammengestellt.  Um 
die  Wirkungen  des  amerikanischen  Verbotes  richtig  zu  bewerten,  muss 
man  sich  immer  vor  Augen  halten,  dass  dieses  Verbot  in  den  ver¬ 
schiedenen  Einzelstaaten  schon  seit  ganz  verschieden  langer  Zeit  in 
Wirksamkeit  steht  und  nur  in  wenigen  Staaten  erst  seit  2  Jahren 
Gültigkeit  hat.  Kansas  ist  seit  1881  trockengelegt  und  dessen  Gouver¬ 
neur  Henry  J.  Allen  konnte  von  einer  bedeutenden  Hebung  der  wirt¬ 
schaftlichen  Wohlfahrt,  der  allgemeinen  Ernährung,  der  gesellschaft- 
schaftlichen  Lebensbedingungen,  der  Moral  der  Bevölkerung,  von  einer 
Abnahme  der  Verbrechen,  einer  Ausleerung  der  Gefängnisse,  von  einem 
Verschwinden  der  Armut  und  des  sozialen  Elends  berichten  und  seine 
Gesamtauffassung  dahin  zusammenfassen,  die  Stimmung  sei  heute,  man 
könne  sagen,  einmütig  für  die  Prohibition.  Von  ähnlicher  Erfahrung 
berichtet  der  Gouverneur  von  Mississippi,  Theo  G.  B  i  1  b  o,  und  der 
von  Nord-Karolina,  Thomas  W.  Bickel  (beide  Staaten  seit  1909 
trocken).  Letzterer  schreibt:  „Die  Frage  der  Prohibition  ist  in  Nord- 
Karolina  keine  Frage,  über  die  man  verschiedener  Meinung  sein  könnte: 
Es  gab  hier  viele  hervorragende  Persönlichkeiten,  die  früher  dagegen¬ 
gewesen  sind;  sie  alle  sind  jetzt  von  der  Weisheit  und  der  Wirkung  des 
Gesetzes  überzeugt.“  Aber  auch  Staaten  mit  noch  viel  jüngerer  Er¬ 
fahrung  berichten  bereits  über  erstaunliche  Wirkungen.  So  schreibt 
der  Gouverneur  von  Utah  (seit  1.  VIII.  1917  trocken):  „Der  straffällige 
Teil  unserer  Bürgerschaft  hat  sich  verringert.  Das  Volk  ist  glücklicher. 

7)  Bemerkenswert  ist  der  Eindruck,  den  Lord  Leverhulme  im 
Winter  1919/20  von  Amerikas  Stellung  zum  Alkoholverbot  gewann:  die  unge¬ 
heure  Mehrzahl  des  Volkes  stehe  auf  seiner  Seite,  nur  sehr  selten  habe 
jemand  protestiert.  Ein  Umschwenken  der  Politik  liege  sehr  ferne.  Der 
amerikanische  Admiral  Sims  erklärte  bei  einem  Besuche  in  England  einem 
Berichterstatter  der  „Times“,  dass  trotz  allem  Schmuggel  nicht  1  Proz.  der 
Alkoholmenge  getrunken  werde,  die  man  vor  dem  Verbot  verbrauchte. 
Gleicher  Meinung  ist  der  englische  Journalist  Harold  Spencer  (West- 
minster  Gazette  1921). 

s)  Aus  diesem  Grunde  ist  z.  B.  nach  einer  Zeitungsnachricht  Dr.  W. 
Wallace  Fritz  für  die  Freigabe  leichter  Biere  und  Weine  unter  Regierungs¬ 
aufsicht  eingetreten. 

9)  Fr.  Dessauer:  Der  Amerikaner  und  sein  Staat.  Frankf.  Ztg. 
Nov.  1921. 

10)  R.  Hercod:  Das  Alkoholverbot  in  den  Vereinigten  Staaten.  Die 
Alkoholfrage  16,  S.  25. 

u)  C.  W.  Saleeby:  Die  Wahrheit  über  das  Alkoholverbot  in  den 
Vereinigten  Staaten.  Uebersetzt:  Die  Alkoholfrage  15,  H.  4.  1919.  (Ernste 
Warnung  an  England,  nicht  Zurückbleiben.) 

12)  A.  Don:  Die  Umwälzung  in  Amerika  infolge  des  Alkoholverbots 
nach  Augenzeugen.  Utrecht.  (Holländisch.) 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


166 

Es  wird  jetzt  mehr  (leid  für  ordentliche  Zwecke  ausgegeben.  Die 
Rechnungen  werden  jetzt  besser  bezahlt.  Von  der  Arbeiterschaft 
wird  jetzt  mehr  Hausrat  erworben.  Und  wenn  man  über  die  Angelegen¬ 
heit  heute  ein  Referendum  veranstalten  würde,  so  glaube  ich,  Utah 
würde  sich  so  einstimmig  iiir  die  Prohibition  erklären,  wie  das  in  einem 
Staate  überhaupt  möglich  ist.“  Noch  enthusiastischer  klingen  manche 
Aeusserungen  aus  neuester  Zeit.  Wir  lesen  von  Dr.  Be  van,  dem 
Herausgeber  der  Zeitschrift  der  amerikanischen  Gesellschaft  der  Aerzte, 
(in  der  81  000  Mitglieder  zusammengefasst  sind)  die  Ueberzeugung. 
er  halte  das  Alkohoiverbot  für  das  Grösste,  was  sich  je  in  Amerika  er¬ 
eignet  habe.  Und  von  dem  Direktor  der  Handelshochschule  in  Brooklyn 
wird  die  Ansicht  berichtet:  „Ueberhaupt  ist  das  Alkoholverbot  der 
grösste  Kulturfortschritt,  der  in  tausend  Jahren  errungen  worden  ist.“ 
Der  Leiter  eines  Bergwerkes  schreibt:  „Ich  bin  selbst  kein  Enthaltsamer 
gewesen,  aber  ich  bin  vollkommen  überzeugt,  dass  für  unseren  Land¬ 
strich  das  Verbot  die  grösste  Wohltat  ist,  die  ich  je  während  meiner 
ganzen  industriellen  Laufbahn  miterlebt  habe.“  Eine  amerikanische  Zei¬ 
tung,  die  „Neshville  Tennessean“  bricht  in  den  pathetischen  Ruf  aus: 
„Amerika  wird  trocken  bleiben,  bis  der  letzte  Ton  der  trompete  des 
Engels  Gabriel  verklungen  sein  wird.“ 

Den  Volkswirtschaftler  wird  vor  allem  die  Frage  interessieren, 
welche  wirtschaftliche  Folgen  die  plötzliche,  zwangsweise 
vorgenommene  Schliessung  aller  Schenken,  Brauereien  und  Brenne¬ 
reien  ohne  Bezahlung  irgendeiner  staatlichen  Entschädigung  an  die  Be¬ 
troffenen  gehabt  hat.  Wer  heute  in  Deutschland  gegen  die  Trinksitten 
auftritt,  bekommt  von  den  Vertretern  des  Akoholkapitals  die  bittersten 
Vorwürfe,  dass  er  in  Zeiten  grosser  wirtschaftlicher  Notlage  eine  In¬ 
dustrie  und  ein  Gewerbe  vernichten  wolle,  das  Hunderttausende  er¬ 
nähre  und  dessen  Schliessung  unsagbares  wirtschaftliches  Elend  zur 
Folge  haben  müsse.  Es  ist  deshalb  von  hohem  Interesse  nachzufor¬ 
schen,  wie  es  sich  damit  in  Wirklichkeit  in  Amerika  verhielt.  Ernest 
Cherrington,  der  Generalsekretär  des  Weltbundes  gegen  den 
Alkoholismus,  hat  auf  dem  internationalen  Kongress  in  Lausanne 
(August  1921)  über  diese  Fragen  sehr  lehrreiche  Mitteilungen  gemacht. 
Er  betonte  zunächst,  dass  ja  das  Verbot  für  die  amerikanische  Alkohol¬ 
produktion  keineswegs  überraschend  kam,  sondern  sich  schon  jahrelang 
vorbereitete.  Die  Alkoholindustrie,  die  1914  einen  Wert  von  1000  Mil¬ 
lionen  Dollars  darstellte.  72  000  Menschen  mit  der  Herstellung  und 
206  000  mit  dem  Vertrieb  geistiger  Getränke  beschäftigte,  hatte  also  Zeit 
sich  einzurichten  und  hat  dies  auch  getan.  Auch  waren  ja  schon  viele 
Staaten  vor  dem  Januar  1920  alkoholfrei  geworden.  34  Staaten  hatten 
für  ihr  Gebiet  schon  vor  1919  Verbotsgesetze  angenommen  gehabt. 
Mehr  als  ein  Drittel  der  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten  hatte 
schon  über  20  Jahre  unter  Verbotsbestimmungen  gelebt,  ehe  der 
18.  Zusatz  zur  Bundesverfassung  endgültig  angenommen  wurde.  Als 
am  1.  Juli  1919  das  Kriegszeitverbot  in  Wirkung  trat,  führte  es  zum 
Schluss  von  177  790  Alkoholvertriebsstellen,  669  Brauereien  und 
74  Brennereien.  Ein  Jahr  vorher  hatten  noch  1092  Brauereien  und  236 
Brennereien  bestanden,  von  denen  nun  sehr  viele  in  Erwartung  des 
kommenden  Reichsverbotes  auf  andere  Betriebe  umgestellt  worden 
waren.  Besonders  interessant  sind  die  Erfahrungen  in  Peoria  (Illinois), 
dem  vorher  grössten  Schnapsfabrikationszentrum  der  Welt,  und  in  Louis- 
ville  (Kentucky).  Dort  sollen  jetzt  noch  mehr  als  40  Millionen  Gallonen 
Whisky  unter  Zollverschluss  lagern,  die  weder  zu  Trink-  noch  zu  Aus¬ 
fuhrzwecken  weggebracht  werden  dürfen.  Sie  dürfen  nach  dem  Gesetz 
nur  zu  ärztlichen,  mechanischen,  chemischen,  arzneilichen  und  gewerb¬ 
lichen  Zwecken  verwendet  werden.  Mit  dem  Eintritt  des  Alkohol¬ 
verbotes  wurden  13  grosse  Brennereien  in  Peoria  von  einer  grossen 
Nahrungsmittelgesellschaft  übernommen  und  unter  Aufwand  eines 
grossen  Installationskapitals  für  andere  gewerbliche  Zwecke  umgewan¬ 
delt  (gewerblicher  Alkohol,  Viehfutter,  Weizenmehl,  Rohsirup,  Maisöl, 
Hefe,  Eingemachtes,  Gelees,  Marmeladen,  Weinessig).  Während  früher 
in  diesen  Brennereien  1000  Menschen  beschäftigt  waren,  finden  jetzt 
in  den  gleichen  Räumen  4000  Menschen  ihre  Arbeit  und  deren  Lohn 
ist  höher  als  der  der  früheren  Brenner 13).  Aehnliches  geschah  mit  den 


13)  Nr.  7  der  L’abstinence  vom  1.  V.  1920  berichtet,  dass  von  526  nord¬ 
amerikanischen  Gewerkschaften  sich  345  für,  143  gegen  das  Staatsverbot 
aussprachen,  während  38  eine  zweifelnde  Stellung  einnahmen. 

Von  Interesse  ist  das  Urteil  einer  Handelskammer  über 
das  amerikanische  Alkoholverbot.  Die  Handelskammer  in 
Manchester  fragte  bei  der  englischen  Handelskammer  in  den 
Vereinigten  Staaten  an,  was  sie  vom  geschäftlichen  Standpunkt  aus 
vom  Alkoholverbot  halte.  George  M.  M  a  s  s  e  y,  Sekretär  der  letzteren 
Handelskammer,  antwortete  darauf: 

„.  .  .  Wir  sind  imstande,  Ihnen  einige  Feststellungen  mitzuteilen,  die 
v  als  zuverlässig  ansehen.  .  .  .  Wir  werden  .  .  .  uns  auf  die  wirt¬ 
schaftlichen  Wirkungen  des  Verbots  beschränken.  Von  allen 
grösseren  Fabrikorten  laufen  Berichte  ein,  die  eine  Erhöhung  der  Leistungs¬ 
fähigkeit  feststellen:  das  Nichterscheinen  zur  Arbeit  ist  merklich  seltener  ge¬ 
worden,  und  Arbeiter,  die  nach  der  Zeit  bezahlt  werden,  arbeiten  länger. 
Ueberhaupt  zeigt  sich  mehr  Wirtschaftlichkeit  in  den  Betrieben.  Auch  die 
Zahl  der  Unfälle  ist  kleiner  geworden  und  eine  günstigere  „Arbeitsstimmung“ 
macht  sich  fühlbar.  Einen  schlagenden  Beweis  für  die  Besserung  der  Stim¬ 
mung  unter  den  Arbeitern  bilden  die  in  vollkommener  Ordnung  durchge¬ 
führten  Streiks  der  letzten  Zeit  und  die  Verhandlungen  zwischen  Arbeitgebern 
und  Arbeitnehmern,  die  friedlicher  als  früher  vor  sich  gingen.  Ein  „verderb¬ 
licher“  Einfluss  weniger  im  Spiele.  Im  ganzen  Lande  wird  von  einer  Zu¬ 
nahme  der  Verkäufe  der  Geschäftsläden  berichtet,  sowie  von  einer  Erhöhung 
der  Kaufkraft  und  einer  Besserung  im  Eingang  ausstehender  Schulden.  In 
den  Industriegebieten  verzeichnen  die  Sparkassen  eine  Zunahme  der  Einlagen 
und  eine  Abnahme  der  zurückgezogenen  Guthaben.  Obwohl  die  Eisenbahn¬ 
angestellten  in  bezug  auf  Nüchternheit  und  Zuverlässigkeit  schon  früher 


Brauereien  in  den  nordamerikanischen'  Grossstädten,  in  denen  jetzt 
namentlich  Zuckerwerk,  Zuckerersatz,  Eiscreme,  Malz-  und  anderer 
Sirup  für  Brot  und  Kuchen,  Schokolade,  Fleischkonserven,  aber  auch 
ganz  andere  Dinge,  wie  Motorräder,  Oefen,  Papier  hergestellt  werden. 
Einzelne  Brauereien  wurden  in  Raffinerien,  Baumwollspinnereien,  Ge¬ 
frieranstalten,  Fischräuchereien,  Druckereien,  einzelne  zu  Kranken¬ 
häusern  oder  Schulen  umgewandelt.  Aus  der  grössten  Brauerei  in  Cin¬ 
cinnati  wurde  die  grösste  Tuchfabrik  der  Welt,  aus  der  National-Capital- 
Brauerei  in  W  a  s  h  i  n  g  t  o  n  wurde  eine  Eiscremefabrik  mit  dreimal 
grösserem  Personal  und  Umsatz.  Die  grosse  Anhäuser-Buschsche  ; 
Brauerei  in  St.  Louis  (Missouri)  stellt  heute  nur  noch  alkoholfreie  Ge¬ 
tränke  her  und  erzeugt  dabei  einen  grösseren  Gewinn  als  früher.  Der 
grösste  Hotelbesitzer  Amerikas.  S  t  a  1 1 1  e  r,  gibt  die  gute  Wirkung  des 
Verbotes  zu  und  ein  anderer  grosser  Hotelbesitzer  (Tracey  D  r  a  k  e) 
ist  zu  der  Ueberzeugung  gekommen,  dass  das  Hotelgeschäft  mit  der 
Einführung  des  Alkoholverbotes  auf  eine  bessere  und  gesündere  Grund¬ 
lage  gestellt  worden  sei.  Die  Umwandlung  der  Schankstätten  und 
Kneipen  in  alkoholfreie  Wirtschaften  ist  heute  wohl  sicher  noch  nicht 
restlos  vollzogen,  sondern  es  wird  hier  heimlich  noch  viel  gesündigt. 
Aber  trotzdem  scheint  der  Gesamteindruck  der  zu  sein,  dass  auch  hier 
ernste  wirtschaftliche  Schädigungen  vermieden  werden  konnten,  dass 
es  für  die  überwiegende  Mehrzahl  aller  früheren  Alkoholschenken  ge¬ 
lang,  sie  einer  anderen  Verwendung  zuzuführen  und  dabei  ihre  Ver¬ 
zinsung  häufig  zu  erhöhen  (Zuckerläden,  Schnittwarengeschäfte,  Eis-  . 
cremestuben,  Sodawasserverkaufstätten,  Speisewirtschaften,  Kleider¬ 
geschäfte,  Drogerien,  Cafes,  Zigarrenläden,  Fleischereien,  kleine  Fabri¬ 
ken  etc.).  Cherrington  konnte  seinen  Bericht  mit  der  Versiche¬ 
rung  schiessen,  dass  das  Alkoholgewerbe  in  Amerika  zwar  noch  nicht 
ganz  tot  sei,  dass  es  aber  im  Sterben  liege  “),  dass  an  seine  Stelle 
blühende  gesetzmässige  Gewerbe  getreten  seien  und  dass  die  Bevölke¬ 
rung  den  Gewinn  davon  habe.  Alle  düsteren  Prophezeiungen  von 
schweren  wirtschaftlichen  Schädigungen,  grosser  Arbeitslosigkeit  etc. 
seien  nicht  eingetroffen.  Auch  aus  zahlreichen  amerikanischen  Mit¬ 
teilungen,  die  ich  selbst  einsehen  konnte,  geht  hervor,  dass  in  der  Tat 
die  Umstellung  der  Alkoholproduktion  in  andere  Betriebe  überraschend 
gut  gelang,  dass  ferner  der  Preis  der  kalifornischen  Traube  1920  nicht 
sank,  sondern  erheblich  stieg.  Die  170  000  acres  W  e  i  n  1  a  n  d  (1  acre 
=  40,5  Aar)  sind  durch  das  Verbot  alkoholischer  Getränke  keineswegs 
ruiniert  worden,  die  Herstellung  alkoholfreier  Weine,  das  Trocknen  der 
Trauben,  ihre  Verarbeitung  zu  eingemachten  Früchten,  zu  Sülzen  und 
anderen  Dauerwaren,  die  umfangreiche  Herstellung  von  Fruchtsäften 
traten  an  die  Stelle  der  früheren  Weinbereitung.  Noch  überraschender 
ist  die  Mitteilung,  dass  selbst  der  Hopfenpreis  nach  Inkrafttreten  des 
Verbotes  gestiegen  ist.  Alkoholarme  Biere  (von  weniger  als  34  Proz. 
Alkohol)  verlangten  den  Hopfen,  ein  anderer  Teil  wurde  zur  Her¬ 
stellung  von  Trockenhefe  verwandt,  ein  nicht  unbeträchtlicher  T  eil 
ging  freilich  auch  nach  Europa,  von  wo  eine  stärkere  Nachfrage  kam. 

Für  die  A  e  r  z  t  e  w  e  1 1  sind  nun  vor  allem  die  Erfahrungen  wich¬ 
tig,  die  man  in  Amerika  mit  dem  Verbot  auf  sozialhygienischem 
Gebiete  machte.  Die  Mitteilungen  lauten  allgemein  dahin,  dass  im  Ge¬ 
folge  des  Verbotes  der  Wohlstand  des  Volkes  zunehme,  die  Spar¬ 
kasseneinlagen  rasch  ansteigen,  die  Arbeitsleistungen  wachsen,  Arbeits¬ 
versäumnisse  (blauer  Montag)  und  Betriebsunfälle  viel  seltener 
werden.  Die  Industrie  hat  im  Lande  des  Taylorsystems  erkannt, 
dass  der  nüchterne  Arbeiter  in  der  Zeiteinheit  mehr  und  bessere  Arbeit 
leistet  als  der  trinkende;  sie  unterstützt  deshalb  das  Verbot  schon  aus 
rein  geschäftsmännischen  Gründen.  Die  Armenlasten  der  Gemeinden 
sinken,  der  Umsatz  vieler  Geschäfte  (Kleidung,  Nahrungsmittel)  steigt 
infolge  Hebung  der  Kaufkraft  der  breiten  Volksmassen,  es  werden  mehr 
Bücher  gekauft,  mehr  Zeitschriften  gelesen,  es  wird  mehr  Sport  als 
früher  getrieben.  Das  Familienleben  ist  besser  geworden,  die  Kinder 
sind  besser  gekleidet  und  sehen  gepflegter  aus,  die  Männer  haben 
den  Gang  in  die  Kneipe  verlernt,  die  Betrunkenheit  ist  aus  dem  öffent¬ 
lichen  Leben  verschwunden.  Die  Prostitution  ist  zurückgegangen,  Ehe¬ 
brüche  und  Ehescheidungen  sind  seltener  geworden.  Die  Lohnschecks 
werden  nicht  mehr  in  den  Wirtschaften  eingelöst.  Die  Verhaf¬ 
tungen  wegen  Trunkenheit  haben  sogar  in  den  grossen 
Städten  des  Ostens,  wo  der  Widerstand  gegen  das  Gesetz  noch  am 
grössten  ist,  ganz  bedeutend  abgenommen.  Die  amerikanische  Presse 
bringt  darüber  viel  kasuistisches  Material.  Philadelphia  hatte  vom 
1.  I.  1919  bis  31.  III.  1920  8900  Verhaftungen  wegen  Trunkenheit,  im 

höher  standen  als  die  übrigen  Arbeiterklassen,  so  ist  dennoch  nach  dem 
Verbote  unzweifelhaft  eine  Zunahme  der  Leistungsfähigkeit  bei  denjenigen 
Angestellten  festgestellt  worden,  die  mit  der  Instandhaltung  und  Ausbesserung 
des  rollenden  Materials  beschäftigt  sind.  —  Auch  manche  mittelbare  Ge¬ 
winne  hatte  das  Verbot  zur  Folge;  unter  ihnen  sei  die  Besserung  der 
sozialen  Verhältnisse  in  vielen  unrühmlich  bekannten  Stadtteilen  übervölkerter 
Grossstädte  genannt. 

Wenn  die  gegenwärtige  Gesamtlage  mit  ihrer  Arbeitslosigkeit  ins  Auge 
gefasst  wird,  so  muss  anerkannt  werden,  dass  die  Wohltätigkeitseinrichtungen 
und  Strafanstalten  nicht  gerade  in  besonderer  Weise  in  Anspruch  genommen 
werden.  Wenn  Einrichtungen  für  die  Arbeitslosen,  wie  Suppenverteilung  usw., 
sozusagen  unbekannt  sind,  so  ist  darin  zu  einem  grossen  Teil  eine  Wirkung 
des  Verbots  zu  sehen.  Wer  die  Lage  in  den  Vereinigten  Staaten  im  ganzen 
nach  den  vertrauenswürdigen  Berichten,  die  von  den  grösseren  Industrie¬ 
bezirken,  von  Banken,  Eisenbahnen,  Bergwerken  und  Verkaufsläden  ein- 
laufen,  beurteilt,  kann  nicht  bestreiten,  dass  das  Alkoholverbot  sich  auch  als 
wirtschaftliche  Kraft  erwiesen  hat. 

14)  Man  kann  ermessen,  was  dies  heisst,  wenn  man  erfährt,  dass  1915 
in  der  Union  noch  mehr  als  100  Millionen  Gallonen  Getreide,  152  Millionen 
Gallonen  Melasse,  55  Millionen  Gallonen  Traubenzucker  zur  Schnapsfabrikation 
dienten. 


3.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


167 


gleichen  Zeitraum  1920  nur  2200.  In  New  York  soll  die  Zahl  der 
Verhaftungen  wegen  öffentlicher  Trunkenheit  von  14  792  im  Jahre 
1915  auf  5813  im  Jahre  1920  herabgegangen  sein.  Boston  wies  an¬ 
geblich  im  Juli  1918  3782  solcher  Verhaftungen  auf,  dagegen  im  Juli 
1919  nur  669.  In  St.  Louis  fiel  die  Zahl  in  der  Zeit  vom  1.  I.  1920 
bis  zum  30.  XI.  1920  im  Vergleich  zur  gleichen  Zeit  des  Vorjahres  von 
2605  auf  691.  Besonders  genaue  Zahlen  liegen  von  der  Grossstadt 
Detroit  vor.  Darnach  nahm  im  ersten  „trockenen“  Jahr  (1918/19) 
im  Vergleich  zum  letzten  „nassen“  Jahr  (1917/18)  die  Zahl  der  Gesamt¬ 
verhaftungen  um  54  Proz.  ab,  die  Zahl  der  Mordtaten  um  43  Proz., 
die  der  Angriffe  auf  Personen  um  40  Proz..  die  der  unerlaubten  Bette¬ 
lei  um  90  Proz.,  die  der  gewaltsamen  Diebstähle  um  35  Proz.  die  der 
Prostitution  um  64  Proz.,  die  der  Haltung  von  Bordellen  um  48  Proz.,  die 
der  Friedensstörungen  um  52  Proz.  und  endlich  die  der  Aufnahmen  ins 
Zuchthaus  um  54  Proz.  Die  Aufnahmen  in  die  Anstalt  für  Obdachlose 
sanken  um  26  Proz.,  die  Fälle  der  Unterstützung  mit  Nahrungsmitteln 
und  Kleidung  um  25  Proz.  (nach  Hercod).  Der  Bürgermeister 
Couzotrs  in  Detroit  berichtet:  „Am  1.  Mai  1918  wurden  1200  Knei¬ 
pen  automatisch  geschlossen  durch  das  Einziehen  der  Konzessionen, 
infolge  davon  haben  sich  die  Vergehen  in  Detroit  um  60 — 70  Proz. 
verringert.  Die  Jugendwohlfahrt  hat  einen  Aufschwung  genommen, 
welche  Millionendollarstiftungen  nicht  hervorbringen  konnten.“  In  ein¬ 
zelnen  Staaten  konnten  mehrere  Gefängnisse  geschlossen  werden,  weil 
sie  —  keine  Gefangenen  mehr  hatten!  Gleiches  gilt  von  vielen  Trinker¬ 
heilanstalten.  Die  Heilsarmee,  die  sich  ja  der  Betrunkenen  in  Amerika 
besonders  annimmt,  sieht  ihr  Arbeitsgebiet  erheblich  verringert,  die 
verwahrlosten  Trinker  treten  im  öffentlichen  Leben  immer  mehr  zu¬ 
rück.  Derartige  Mitteilungen  bringen  die  amerikanischen  Blätter  in 
grosser  Menge,  ohne  dass  es  uns  hier  in  Deutschland  immer  möglich 
wäre,  die  Zuverlässigkeit  der  Quellen  zu  beurteilen.  Dass  die  spezifisch 
alkoholischen  Krankheiten  unter  den  Alkoholverboten  rasch 
abnahmen,  lag  auf  der  Hand.  Auch  hierüber  liegt  ein  grosses  Zahlen¬ 
material  vor.  F.  Gösch  hat  einen  Teil  desselben  kürzlich  zusammen¬ 
gestellt  („Volksgesundheit  und  Alkoholverbot“,  als  Flugschrift  mir  zu¬ 
gestellt).  Sein  Material  entstammt  der  schweizerischen  Zeitschrift 
„Freiheit“,  die  sich  auf  amtliche  amerikanische  Quellen  bezieht.  Dar¬ 
nach  s  t  a  r  b  e  n  in  den  Jahren  1913 — 1917  in  der  Stadt  New  York  auf 
1000  Lebende  14,594,  dagegen  1920  nur  noch  12,93,  in  den  ersten 
28  Wochen  des  Jahres  1921  nur  12.1.  Davon  starben  an  Lungen¬ 
tuberkulose  in  den -Jahren  1913/17  durchschnittlich  auf  1000  Ein¬ 
wohner  1,67.  dagegen  1920  nur  1,09.  Die  Sterbefälle  an  Br  ight  scher 
Krankheit  nahmen  um  26  Proz.  ab,  die  gewaltsamen  Todesfälle  um 
16,8  Proz.  Um  der  falschen  Behauptung  entgegenzutreten,  dass  das 
Alkoholverbot  ,  zu  einer  bedeutenden  Steigerung  des  Missbrauchs  mit 
anderen  Narkotika  führe  (Opium,  Morphium,  Heroin,  Kokain),  wurde 
ermittelt,  .ob  eine  Vermehrung  der  Todesfälle  infolge.  Gebrauchs  von 
Apothekerwaren  eingetreten  sei;  es  ergab  sich:  1918  waren  es  65. 

1919  nur  56,  1920  nur  noch  43.  Die  Neuanmeldungen  von  G  e  - 
schlechtskrankheiten  in  New  York  waren  in  den  beiden  ersten 
Verbotsjahren  im  Vergleich  zu  den  beiden  Vorjahren  um  14  Proz. 
zurückgegangen.  Aus  Boston  wird  berichtet,  dass  die  Todesfälle 
an  Alkoholismus  in  den  Jahren  1915 — 1919  jährlich  im  Durch¬ 
schnitt  130,  im  Verbotsjahr  1919/20  24,  im  Jahr  1920/21  40  betrugen. 
Die  Unglücksfälle  mit  tödlichem  Ausgang  sanken  von  695  im 
Mittel  der  Jahre  1915/19  auf  477  im  Verbotsjahr  1920/21.  Die  Selbst¬ 
morde  gingen  von  128  im  Mittel  der  Jahre  1915/19  auf  72  im  Ver¬ 
botsjahr  1920/21  zurück.  Die  Sterblichkeit  von  24  Grossstädten  der 
Vereinigten  Staaten  betrug  in  den  Jahren  1912/17  im  Mittel  14,88  auf 
1000,  1920  dagegen  nur  noch  13,82.  Muss  es  bei  diesen  Daten  immer¬ 
hin  zweifelhaft  bleiben,  welchen  Anteil  an  dem  jeweiligen  Rückgang 
der  Zahlen  dem  Alkoholverbot  allein  zukommt,  so  sprechen  andere 
Zahlen  eine  eindeutigere  Sprache,  ln  der  Grossstadt  Detroit  be¬ 
trug  nach  der  amtlichen  Gesundheitsstatistik  die  Zahl  der  Todesfälle 
infolge  Trunksucht  1917/18  107,  dagegen  1918/19  nur  noch  19, 
die  Zahl  der  Todesfälle  an  Leberzirrhose  1917/18  noch  90,  da¬ 
gegen  im  Jahr  darauf  nur  80;  die  Zahl  der  tödlichen  Unfälle  1917/18 
736.  im  Jahr  darauf  595.  In  Boston  starben  1916  203  Personen 
am  Delirium  tremens,  1919  nur  noch  deren  24.  Noch  grösser  war  die 
Abnahme  der  Alkoholerkrankungen  in  Grand  Rapids.  In  den  Kranken¬ 
häusern  New  Yorks  betrug  die  Zahl  der  wegen  Alkoholismus  auf¬ 
genommenen  Geisteskranken  1909  10,8  Proz.  der  Aufnahmen,  im  Jahre 

1920  dagegen  nur  noch  1,9  Proz.  Dabei  handelt  es  sich  hier  um  recht 
grosse  Zahlen  (Gesamtzahl  der  in  den  letzten  12  Jahren  in  die  Irren¬ 
anstalten  des  Staates  New  York  aufgenommenen  geisteskranken  Alko 
holiker  12  371  Männer  und  3248  Frauen).  Der  Chef  des  allgemeinen 
Krankenhauses  von  Philadelphia.  Dr.  Deane,  hatte  früher  eine  jähr¬ 
liche  Aufnahme  von  etwa  300  Alkoholikern,  seit  Einführung  des  Ver¬ 
botes  deren  nur  noch  15 — 20.  In  den  Werkstätten  der  Heilsarmee 
waren  vor  dem  Kriege  rund  19  000  alkoholisch  gestrandete  Existenzen; 
ihre  Zahl  war  schon  im  Kriege  auf  6 — 7000  zurückgegangen  und  jetzt 
sollen  sie  ganz  verschwunden  sein15).  Der  Engländer  Saleeby  tritt 
der  in  der  Presse  aufgetauchten  Behauptung  entgegen,  dass  die  Aerzte 
Amerikas  dem  Verbot  gleichgültig  oder  feindlich  gesinnt  seien.  Die 
in  der  „American  Medical  Association“  zusammengeschlossenen 
81  000  Aerzte  verwerfen  die  geistigen  Getränke  von  jeder  Stärke  für 
gesunde  und  kranke  Tage16).  Dem  steht  freilich  die  immer  wieder 
auftretende  Meldung  entgegen,  dass  die  Aerzte  von  dem  Rechte  der 
Verschreibung  von  Alkohol  in  Rezeptform  sehr  ergiebigen  Gebrauch 

15)  Mitteilung  des  Obersten  der  Heilsarmee,  William  P  e  a  r  t,  in  den 

NewYork  Times. 


machen.  Eine  derartige  Nachricht  findet  sich  auch  in  der  D.m.W. 
1921  Nr.  33  S.  968  aus  New  York  (ohne  genauere  Quelle),  worin  be¬ 
hauptet  wird,  dass  45  000  Aerzte  im  Laufe  eines  Jahres  13  800  000 
Alkoholatteste  ausgestellt  haben  sollen,  wobei  also  auf  einen  Arzt 
im  Jahre  306  Atteste  kommen  würden.  Dem  steht  die  Mitteilung  des 
„National  Advokate“  vom  Juni  1921  gegenüber,  dass  überhaupt  nur 
29  Proz.  der  Aerzte  um  die  Erlaubnis  eingekommen  seien,  berauschende 
Getränke  zu  verschreiben  und  dass  der  Gebrauch  von  solchen  als  Heil¬ 
mittel  beim  Aerztestand  nur  wenig  Anklang  und  Wertschätzung  ge¬ 
funden  habe.  Neuere  Mitteilungen'  besagen,  dass  die  ärztliche  Ver¬ 
schreibung  von  Eier  neuerdings  überhaupt  nicht  mehr  gestattet  sei, 
sondern  nur  noch  von  Wein  und  Whisky,  und  die  ärztlichen  Stimmen 
mehren  sich,  die  von  einer  Alkoholtherapie  überhaupt  nichts  mehr 
wissen  wollen.  Immerhin  wäre  es  doch  voreilig  anzunehmen,  dass  die 
ganze  amerikanische  Aerzteschaft  schon  für  die  Totalabstinenz  bei  sich 
und  ihren  Kranken  gewonnen  sei.  Dies  scheint  noch  durchaus  nicht 
der  Fall  zu  sein,  wie  denn  überhaupt  zu  sagen  ist,  dass  auch  in  Amerika 
die  Masse  der  Aerzte  keineswegs  die  Führer  im  Kampfe  gegen  den 
Alkohol  waren,  eine  Erfahrung,  die  sich  ja  auch  mit  der  anderer  Länder 
deckt. 

Zusammenfassend  ist  zu  sagen :  Der  soziale  Alkoholismus 
ist  aus  den  Vereinigten  Staaten  verschwunden.  Die  Trunkenheit  ist 
selten  geworden  und  wird  noch  seltener  werden,  wenn  erst  einmal  die 
Vorräte  aufgebraucht  sein  werden,  die  heute  noch  aus  der  Zeit  vor  dem 
Verbote  vorhanden  sind.  Der  Schmuggel  ist  teuer  und  gefährlich.  Die 
Neuproduktion  gerät  unter  die  immer  schärfere  Kontrolle  der  verbots¬ 
feindlichen  Staaten;  die  leidenschaftliche  Opposition  der  volkreichen 
Oststaaten  und  namentlich  der  Grossstädte  hat  bisher  noch  keinen 
amtlichen  Erfolg  aufzuweisen.  Der  materielle,  ethische  und  gesund¬ 
heitliche  Gewinn  ist  um  so  grösser,  je  strenger  das  Verbot  genommen 
und  durchgeführt  wird.  Seine  Uebertretungen  sind  da  am  seltensten, 
wo  das  Verbot  schon  lange  besteht,  dagegen  da  noch  sehr  häufig,  wo  es 
erst  vor  kurzem  und  nur  widerwillig  angenommen  wurde  (NewYork, 
Chicago,  San  Francisco).  Der  Strom  der  Einwanderer,  die  noch  an  den 
Genuss  geistiger  Getränke  gewohnt  sind,  macht  die  Durchführung 
namentlich  in  den  Staaten  der  Ostküste  schwierig.  Aber  auch  hier  ist 
der  Erfolg  schon  in  so  kurzer  Dauer  augenfällig,  wie  die  mitgeteilten 
Zahlen  aus  NewYork.  Boston  und  Philadelphia  beweisen.  Die  Um¬ 
stellung  der  grossen  Alkoholindustrie  geschah  ohne  nennenswerte  Er¬ 
schütterungen  des  wirtschaftlichen  Lebens,  obwohl  von  „Entschä¬ 
digungen“  keine  Rede  war.  Eine  vermehrte  Arbeitslosigkeit  trat  aus 
diesem  Grunde  nicht  ein.  Der  Sieger  des  blutigen  Völkerringens,  heute 
schon  der  Gläubiger  der  ganzen  Welt,  hat  im  freien  Volksentscheid  den 
Alkohol  aus  seinen  Grenzen  verbannt  und  dadurch  seinen  Wohlstand, 
seine  Gesundheit,  seine  Moral  und  seine  wirtschaftliche  Leistungs¬ 
fähigkeit  erheblich  gesteigert. 

Und  wir?  Wir  haben  im  Jahre  1921  nach  vorsichtiger 
Schätzung  18  bis  20  Milliarden  Mark  für  geistige  Getränke  aus¬ 
gegeben,  unsere  Alkoholmorbidität  ist  wieder  in  raschem  Anstieg 
begriffen;  der  Verbrauch  an  ausländischen  Weinen  und  Likören 
steigt  von  Monat  zu  Monat,  wir  holen  den  französischen  Kognak  eisen¬ 
bahnwagenweise  aus  Frankreich  herüber,  die  Flasche  zu  270  und  mehr 
Mark.  Wir  können  uns  nicht  selber  ernähren,  sondern  müssen  das 
lebensnotwendige  Getreide  bei  schlechter  Valuta  vom  Auslande  ein¬ 
führen  und  dafür  Milliarden  bezahlen,  aber  wir  geben  gleichzeitig  grosse 
Flächen  wertvollsten  Bodens  für  den  Anbau  von  Rohstoffen  für  die 
Brenner  und  Brauer  her.  Kartoffeln,  Getreide.  Obst  —  Dinge,  an  denen 
wir  Mangel  leiden  —  werden  zu  einem  hohen  Prozentsatz  zu  Brno-  und 
Brennzwecken  verwandt,  und  das  Alkoholkapital  verlangt  eine  immer 
höhere  Quote.  Unsere  Reichsregierung  kann  es  mit  ihrem  Gewissen 
vereinen,  die  Notlage  ihrer  Beamten  dadurch  zu  vergrössern.  dass  sie 
ihnen  auf  amtlichem  Wege  den  Kauf  von  Branntwein  aus  den  Beständen 
des  Reiches  empfiehlt,  und  zwar  an  die  Beamten  der  Eisenbahn  und  der 
Post,  just  also  solcher  Betriebe,  deren  geringe  Rentabilität  den  Gedanken 
nahelegen  sollte,  eine  Steigerung  der  Leistung  dieser  Beamten  anzu¬ 
streben.  Aber  nein,  die  Eisenbahnstation  Gumbinnen  gibt  ihrer  Be¬ 
amtenschaft  den  Erlass  des  Reichsschatzministers  vom  23.  Juli  1921  über 
die  Verabreichung  von  Trinkbranntwein  an  die  Beamten.  Angestellten 
und  Arbeiter  der  Behörden  weiter  und  fügt  sachverständig  bei:  „Der 
Branntwein  ist  von  sehr  guter  Beschaffenheit  und  kostet  38.45  M.  pro 
Liter  ab  Magazin.“  Dit'ficile  est  satiram  non  scribere.  Wprn  das 
deutsche  Volk  und  seine  Regierung  nicht  bald  zur  Einsicht  kommen,  dass 
der  Weg.  der  hier  betreten1  wird,  zum  Untergang  führt,  dann  ist  das 
Schicksal  unseres  Vaterlandes  besiegelt:  dann  verkommt  unser  ver¬ 
armtes,  in  die  Knechtschaft  geratenes  Volk  im  Elend  der  Unfreiheit  und 
in  der  Narkose  des  Alkoholismus.  Mögen  wir  es  auch  auf  vielen  anderen 
Gebieten  mit  Recht  ablehnen,  von  Amerika  lernen  zu  wollen:  auf  dem 
Gebiete  der  Bekämpfung  des  grössten  Feindes  eines  Volkes,  des 
Alkohols,  kann  es  uns  vorbildlich  sein  und  es  hat  uns  den  Weg  gezeigt, 
der  allein  zum  Ziele  führt:  die  Erziehung  der  Jugend  zur  Selbstverständ¬ 
lichkeit  eines  Lebens  ohne  Alkohol.  Schon  vor  12  Jahren  konnte 
Prof.  Max  Meyer  von  der  Universität  Missouri,  an  der  er  wirkte, 
sagen,  dass  dort  bei  den  2500  Studenten  alle  Festlichkeiten  ohne  jeden 
Gedanken  an  den  Genuss  geistiger  Getränke  verlaufen  und  dass  ein 

18)  „We  believe  that  the  use  of  alcohol  as  a  beverage  is  detrimental 
to  tlre  human  econoniv,  and  its  use  in  therapeutics,  as  a  tonic  or  as  a 
stirriulant  or  as  a  food,  has  no  scientific  basis.  Therefore  be  it  resolved, 
that  the  American  Med.  Ass.  opposes  the  use  of  alcohol  as  a  beverage  and 
he  it  further  resolved,  that  the  use  of  alcohol  as  a  therapeutic  agent  should 
be  discouraged.“ 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


168 


Bierkommers  dort  etwas  ganz  Unvorstellbares  sei.  Auch  ich 
habe  mich  bei  meinen  verschiedenen  Besuchen  in  Amerika  (1906.  1908, 
1910)  davon  überzeugt,  dass  die  gebildetem  und  fortgeschrittenen  Kreise 
schon  damals  den  Alkoholgenuss  zum  grossen  Teil  völlig  ab¬ 
lehnten.  Inzwischen  ist  Amerika  weiter  fortgeschritten,  wir  aber  ver¬ 
sinken  nach  der  erzwungenen  Massigkeit  der  Jahre  1915 — 1918  unter 
Billigung  und  Unterstützung  der  Regierungen  wieder  tiefer  und  tiefer 
in  das  Elend  des  Alkoholismus. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

R.  Tigerstedt  -  Helsingfors :  Die  Physiologie  des  Kreislaufes. 

Erster  Band.  Zweite,  stark  vermehrte  und  verbesserte  Auflage  mit 
177  Abbildungen  im  Text.  Verlag:  Vereinigung  wissen¬ 
schaftlicher  Verleger  Walter  de  Qruyter  &  Co.,  Berlin 
und  Leipzig,  1921.  Preis  55  M.,  geb.  67  M. 

Die  Herrn  Praktiker,  denen  sich  ja  eine  Ueberfülle  von  Problemen 
auf  dem  Gebiete  des  Kreislaufs  ergeben  hat,  werden  es  lebhaft  be- 
grüssen,  dass  das  im  Jahre  1893  in  erster  Auflage  erschienene  Tiger¬ 
stedt  sehe  Lehrbuch  unter  Verwertung  der  ausserordentlichen,  be¬ 
sonders  auch  durch  Theoretiker  ermöglichten  Fortschritte  auf  diesem  Ge¬ 
biete  nunmehr  in  zweiter  Auflage  erscheint.  Zunächst  ist  nur  der 
erste  Band  herausgekommen,  den  der  Verfasser  der  Universität  Leipzig 
zum  hundertsten  Geburtstage  Ludwigs  gewidmet  hat. 

Genaueres  über  die  Absichten,  die  den  Verfasser  bei  der  Be¬ 
arbeitung  der  zweiten  Auflage  geleitet  haben,  erfährt  man  noch  nicht, 
da  diesem  ersten  Bande  ein  Vorwort  nicht  beigegeben  ist. 

Beim  Vergleiche  mit  der  ersten  Auflage  ergibt  sich  zwar  keine  sehr 
wesentliche  Aenderung  in  der  Einteilung  des  Stoffes,  ab¬ 
gesehen  davon,  dass  am  Ende  des  Bandes  „die  chemischen  Bedingungen 
für  den  Herzschlag,  den  Koronarkreislauf  und  Isotonie,  Isometrie  und 
Wirkungsgrad  des  Herzmuskels“  als  besondere  Kapitel  hinzugekommen 
sind,  aber  überall  macht  sich,  was  den  Inhalt  betrifft,  eine  sehr 
gründliche  Neubearbeitung  bemerkbar.  Diese  findet  nicht  nur  in  der 
Berücksichtigung  der  seit  1893  bis  in  die  neuere  Zeit  erzielten  Er¬ 
bezogen,  mit  der  dreifachen  Zahl  von  Abbildungen  ausgestattet,  Auch 
das  Format  des  Buches  ist  vergrössert. 

gebnisse  ihren  Ausdruck,  der  Band  ist  auch,  auf  die  gleichen  Themata 

Im  einzelnen  auf  die  Aenderungen  einzugehen,  verbietet  die  Fülle 
derselben.  Erwünscht  wäre  vielleicht  noch  eine  etwas  übersichtlichere 
Einteilung  des  Stoffes.  Jedenfalls  ist  man  aber  dem  Verfasser  zu 
ausserordentlichem  Danke  dafür  verpflichtet,  dass  er  den  etwas  steini¬ 
gen  Weg  in  dieses  sich  ständig  vergrössernde  Gebiet  wieder  neu  ge¬ 
ebnet  und  seine  eigene  grosse  Erfahrung  auf  diesem  Gebiete,  die  durch 
unterdessen  erfolgte  Herausgabe  des  Handbuchs  der  physiologischen 
Methodik  eine  wesentliche  Erweiterung,  erfahren  hat,  der  Allgemeinheit 
zugängig  gemacht  hat.  K.  B  ü  r  k  e  r  -  Giessen. 

Alfred  Vogt:  Atlas  der  Spaltlampenmikroskopie  des  lebenden 
Auges.  Mit  Anleitung  zur  Technik  und  Methodik  der  Untersuchung. 

Mit  370  grösstenteils  farbigen  Figuren.  Berlin,  Verlag  von  Julius 
Springer,  1921.  163  Seiten.  (Erscheint  in  4  Ausgaben,  und  zwar 
in  deutscher,  englischer,  französischer  und  italienischer  Sprache.  Jede 
dieser  Ausgaben  kostet  136  Schweizer  Franken.  Abnehmer,  die  ihren 
dauernden  Wohnsitz  innerhalb  Deutschlands,  der  abgetretenen  Gebiete, 
Deutsch-Oesterreichs,  Ungarns,  sowie  der  Ostseestaaten  haben,  haben 
jedoch  das  Recht,  die  deutsche  Ausgabe  zu  dem  Preise  von  M.  580.— 
zu  beziehen.)  • 

Die  von  Gullstrand  1911  konstruierte,  von  der  Firma  Zeiss  in 
Verbindung  mit  dem  binokularen  Hornhautmikroskop  hergestelite 
Nernstspaltlampe  stellt  eine  ausserordentliche  Verfeinerung  des  Prinzips 
der  sog.  seitlichen  oder  fokalen  Beleuchtung  dar.  Das  Bild  eines  Nernst¬ 
fadens,  ev.  einer  Nitralamoe,  wird  zunächst  in  einer  Spalte  abgebildet 
und  nach  Passieren  einer  Blende  durch  eine  asphärische  Beleuchtungs¬ 
linse  auf  das  Auge  geworfen.  In  dem  scharf  abgegrenzten  Licht  dieses 
Lichtbüschels  treten  nun  die  Strukturverhältnisse  von  Bindehaut,  Horn¬ 
haut,  Linse,  Glaskörper  mit  ausserordentlicher  Schärfe  hervor  und  wer¬ 
den  durch  das  binokulare  Hornhautmikroskop  bei  beliebiger  Vergrösse- 
rung  (24  fach,  86  fach,  ausnahmsweise  108  fach)  beobachtet.  Auch  zu 
messenden  Untersuchungen  für  wissenschaftliche  Zwecke  ist  die  Me¬ 
thode  verwendbar. 

Verfasser  hat  nun  in  diesem  Allvar  Gullstrand  gewidmeten 
Buch  die  Beobachtungen  zusammengefasst,  die  er  an  der  von  ihm 
geleiteten  Baseler  Augenklinik  sammeln  konnte  und  dieselben  in 
grösstenteils  vorzüglichen  Abbildungen  niedergelegt.  Er  hat  auch 
einige  Modifikationen  der  Methode  angegeben,  die  bei  der  neueren 
Konstruktion  der  Spaltlampe  berücksichtigt  sind. 

Vogt  unterscheidet  4  verschiedenartige  Belichtungsmethoden: 
1.  Die  direkte  seitliche  oder  fokale  Beleuchtung,  2.  die  Beobachtung  im 
durchfallenden  Licht,  3.  die  direkte  seitliche  Beleuchtung  spiegelnder 
Grenzflächen,  4.  die  indirekte  seitliche  Beleuchtung,  bei  welcher  re¬ 
flektiertes  Licht  am  Rande  belichteter  Bezirke  wirksam  wird.  Methode  1 
ist  die  ursprünglich  allein  verwendete,  die  2.  gestattet  das  Studium  der 
sog.  Betauung  der  Hornhaut,  die  Beobachtung  der  Blutzirkulation,  die 
Durchleuchtung  der  Iris  usw.  Die  3.,  von  Vogt  selbst  ausgebildete 
Methode,  gestattet  das  lebende  Hornhautendothel  zu  sehen:  die  4.  end¬ 
lich  ist  besonders  für  Beschläge,  Vakuolenbildung  an  Linse  und  Horn¬ 
haut  von  Wichtigkeit. 


Es  erhellt  wohl  aus  diesen  kurzen  Angaben,  welche  Verfeinerung 
das  bekannte  Prinzip  der  seitlichen  Beleuchtung  erfahren  hat.  Nach 
Besprechung  der  Methodik  folgt  von  Seite  26  ab  eine  eingehendere  Be¬ 
sprechung  der  abgebildeten  normalen  und  pathologischen  Befunde  an 
Hornhaut,  Linse,  Glaskörper  und  in  einem  Anhang  von  Conjunctiva 
bulbi  und  Limbus  conjunctivae. 

Wird  auch  der  Praktiker,  der  bisher  schon  gewohnt  war.  mit  Horn¬ 
hautmikroskop  und  zweckmässiger  fokaler  Beleuchtung  zu  arbeiten, 
manches  bekannte  Bild  finden,  so  enthüllt  doch  der  grösste  Teil  der 
Abbildungen  ganz  neue  und  eigenartige  Befunde,  die  ohne  weiteres  die 
erhebliche  klinische  Bedeutung  dieser  neuen  Methode  darlegen. 
Näheres  findet  sich  in  zahlreichen  Veröffentlichungen  Vogts  und 
anderer  Autoren,  die  in«  einem  ausführlichen  Literaturverzeichnis  folgen. 

Die  farbige,  möglichst  naturgetreue  Wiedergabe  der  Abbildungen 
ist  vorzüglich  gelungen,  Einzelheiten  sind  durch  eine  beigefügte  Kor¬ 
rekturnotiz  richtiggestellt.  Vielleicht  würde  eine  Anordnung  der  Ab¬ 
bildungen  auf  losen  Tafeln  zu  Projektionszwecken  vielen  willkommen 
sein;  auch  die  Vergleichung  von  Text  und  Tafel  ist  in  dieser  Form 
wesentlich  bequemer. 

Die  Ausstattung  des  Werkes  durch  den  Verlag  ist  auch  im  übrigen 
erstklassig.  Salzer-  München. 

H.  G.  H  a  11  -  Kopenhagen:  La  degenerescence  hepato-lenticulaire. 
Maladie  de  Wilson-Pseudosclerose.  Paris,  Masson,  1921.  Preis  20  fr. 

Das  in  französischer  Uebersetzung  vorliegende  Werk  des  dänischen 
Forschers  ist  „une  veritable  Monographie“,  wie  Pierre  Marie  in 
seinem  Vorwort  sagt,  der  durch  Kinnier  Wilsons  Studie  bekannt 
gewordenen  Krankheit,  deren  Entdeckung  so  berechtigtes  Aufsehen 
hervorgerufen  hat. 

Die  „Hepato-lentikuläre  Degeneration“,  wie  Hall  sagt,  ist  eine 
Krankheitseinheit,  von  welcher  Wilson  sehe  Krankheit  und  West- 
p  h  a  1  -  S  t  r  ii  m  p  e  1 1  sehe  Pseudosklerose  nur  etwas  verschiedene 
Typen  darstellen  und  der  vielleicht  als  dritter  Typus  gewisse  Formen 
des  Torsionsspasmus  zugehören.  Diese  heredo-familiäre  Krankheit  ist 
„gekennzeichnet  durch  die  konstante  Kombination  einer  Gehirnläsion, 
welche  besonders  im  Linsenkern  lokalisiert  ist“  —  aber  auch  in  anderen 
Hirngebieten  Veränderungen  hervorrufen  kann  (Rinde,  Nucleus  dentatus 
des  Kleinhirns)  —  „und  einer  Leberzirrhose“.  Hall  teilt  7  sorg¬ 
fältig  beobachtete  eigene  Fälle  mit,  welche  dieser  Krankheit  zuzu¬ 
rechnen  sind  (davon  einer  auch  anatomisch  untersucht).  Sodann  gibt 
er  nach  eingehender  historischer  Würdigung  eine  tabellarische  Ueber- 
sicht  über  68  seit  der  Studie  Wilsons  (1912)  veröffentlichte  Fälle  — ■ 
eine  andere  Monographie  ist  bisher  darüber  nicht  erschienen  — ,  deren 
diagnostische  Zugehörigkeit  als  gesichert  erscheinen  darf.  Dem  folgt 
eine  genaue  Zusammenstellung  dessen,  was  bis  heute  über  die  kli¬ 
nischen  Erscheinungen  und  den  pathologisch-anatomischen  Befund  be¬ 
kannt  geworden-  ist.  In  besonderen  Kapiteln  wird  ferner  auf  die 
pathologische  Physiologie,  die  Aetiologie,  die  Differentialdiagnose  und 
auf  die  so  interessanten  und  wichtigen  Beziehungen  zu  anderen  Erkran¬ 
kungen  der  Stammganglien  eingegangen.  Von  Einzelheiten  sei  her¬ 
vorgehoben,  dass  der  Pigmentring  (Fleischer)  ungefähr  in  der  Hälfte 
der  Fälle  gefunden  worden  ist,  dass  annähernd  %  der  veröffentlichten 
Fälle  Männer  betreffen  und  dass  der  Beginn1  in  der  Mehrzahl  zwischen 
dem  10.  und  dem  25.  Lebensjahr  liegt.  Hervorzuheben  ist  ferner,  dass' 
der  Verf.  wenigstens  den  Versuch  gemacht  hat,  auch  auf 
die  Frage  der  Erblichkeit  der  hepato-lentikulären  Degenera¬ 
tion  etwas  näher  einzugehen,  als  dies  bisher  geschehen  ist. 
Von  den  12  Fällen  Wilsons  waren  8  familiär,  von  den 
7  Fällen  Halls  sogar  6.  Im  ganzen  ist  ungefähr  in  der  Hälfte  der 
bisher  bekannt  gewordenen  Fälle  das  familiäre  Auftreten  festgestellt 
worden.  Hall  wendet  sich  gegen  Wilson,  wenn  dieser  trotz  der 
auffälligen  Familiarität  die  Heredität  deshalb  ausschliessen  will,  weil  er 
die  Krankheit  nur  bei  Geschwistern  einer  Generation  festgestellt  hatte 
und  weil  sie  bis  dahin  ganz  gesunde  Individuen  betreffe.  Er  macht  darauf 
aufmerksam,  dass  sich  das  erstgenannte  Verhalten  durch  die  Annahme 
eines  rezessiven  Erbganges  wohl  erklären  lassen  könne,  während  die 
letztere  Eigentümlichkeit  für  sehr  viele  hereditäre  Nervenkrankheiten 
(Aufbrauchkrankheiten),  wie  die  spastische  Spinalparalyse,  Fried- 
r  e  i  c  h  s  Ataxie,  Huntington  sehe  Chorea  u.  a..  zutrifft.  (4  Kranke 
des  Verf.  gehören  verschiedenen  Zweigen  einer  Familie  an;  die 
hiebei  auftretenden  Veihältnisse  machen  einige  komplizierte  Annahmen 
hinsichtlich  des  Erbganges  nötig,  auf  die  hier  nicht  eingegangen  wer¬ 
den  kann.)  Nach  der  Ansicht  des  Verf.  sind  die  Affektion  des  Gehirns 
und  die  der  Leber  Prozesse,  die  nebeneinander  verlaufen  (entgegen 
Wilson  u.  a.),  und  die  beide  auf  eine  angeborene  Minderwertigkeit 
dieser  Organe  zurückzuführen  sind,  während  exogene  Faktoren  höch¬ 
stens  eine  auslösende  Rolle  spielen.  Hu.  Spatz 

S.  Frankel:  Die  Arzneimittelsynthese  auf  Grundlage  der  Be¬ 
ziehungen  zwischen  chemischem  Aufbau  und  Wirkung.  Für  Aerzte, 

Chemiker  und  Pharmazeuten.  5.  umgearbeitete  Auflage.  Berlin, 
J.  Springer,  1921.  906  Seiten. 

Dieses  für  Chemiker  und  Aerzte.  die  sich  mit  Arzneimittelsynthese 
befassen,  kaum  entbehrliche  Werk  konnte  nach  etwas  über  2  Jahren 
wiederum  in  neuer  Auflage  erscheinen.  Die  ausländische  Literatur,  die 
in  der  vorhergehenden  Auflage  nur  teilweise  Berücksichtigung  finden 
konnte,  ist  jetzt  lückenlos  verarbeitet.  Zahlreiche  Kapitel,  so  besonders 
die  über  Chinin  und  Arsen,  sind  ergänzt  und  bereichert. 

Je  mehr  aber  der  zu  bearbeitende  Stoff  zunimmt,  um  so  mehr 
müssen  leider  die  Einzelergebnisse  verbindungslos  aneinandergereiht 


3.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


169 


werden,  und  ist  die  Verschmelzung:  des  Einzelmaterials  zu  einer  ein¬ 
heitlichen  Darstellung  erschwert. 

Es  fällt  dies  allerdings  nicht  schwer  ins  Gewicht;  denn  das  Werk 
dient  weniger  zum  Durchstudieren  als  zum  Nachschlagen.  Vollständig¬ 
keit  des  Stoffes  und  Richtigkeit  der  Literaturangaben  sind  für  solche 
Werke  das  Wesentliche.  Und  hierin  ist  Fränkels  Arzneimittel¬ 
synthese  unerreicht,  um  nicht  zu  sagen:  unerreicnbar.  Jodlbauer. 

C.  Bachem:  Dornblüth,  Arzneimittellehre  der  heutigen  Medi¬ 
zin.  13.  Auflage.  Leipzig  1922  bei  Curt  Kabitzsch.  507  Seiten 
dein  8  ”.  48  M.  geb. 

Das  treffliche,  altbewährte  Arzneibuch  feiert  heuer  sein  50  jähriges 
Jubiläum.  Der  „Dornblüth“  ist  nämlich  die  Fortsetzung  des  1872  von 
Otto  Roth  und  dann  später  von  dem  noch  nicht  vergessenen  Würz¬ 
burger  Medizinalrat  Gregor  Schmitt  herausgegebenen  Führers  durch 
den  Arzneischatz,  der  nun  schon  zwei  Aerztegenerationen  ein  nie  ver¬ 
tagender  Helfer  gewesen  ist.  Aus  dem  „Roth-Schmitt“  und  dem  „Dorn- 
jlüth“  ist  nun  seit  1919  ein  „Bachem“  geworden.  Nach  wie  vor  steht 
das  Buch  auf  der  vollen  Höhe,  obwohl  die  Aufgabe  des  Herausgebers 
*’on  Jahr  zu  Jahr  eine  schwerere  geworden  ist.  Leider  ist  das  Papier 
schlechter  und  der  Preis  recht  hoch  geworden.  Seit  Kriegsende  macht 
sich  das  Spezialitätenwesen  wieder  so  breit  wie  nie  zuvor,  ein  Um¬ 
stand  den  der  Verfasser  natürlich  berücksichtigen  musste.  Eine  sehr 
wesentliche  Verbesserung  ist  geschaffen  durch  erstmalige  Aufnahme 
rines  Sachregisters.  Wir  wünschen  dem  Büchlein  auch  in  den  nächsten 
50  Jahren  ein  gutes  Gedeihen!  Kersc  h  ensteine  r. 

Dr.  Franz  S  p  a  e  t.  Obermedizinalrat :  Der  Fürsorgearzt.  Ein  Hilfs¬ 
buch  für  Aerzte,  Behörden  und  Stellen,  die  sich  auf  dem  Gebiete  des 
Fürsorgewesens  zu  betätigen  haben.  J.  F.  Lehmanns  Verlag, 
München  1921.  Preis  broschiert  40  M.,  gebunden  46  M. 

Die  Not  der  Zeit  spiegelt  sich  auch  in  der  Tätigkeit  der  Aerzte 
wieder  —  der  Kassenarzt  wird  allgemach  zum  Typus  des  Praktikers, 
der  „reine“  Privatarzt  bereitet  sich  zum  Aussterben  vor  und  der  Sozial¬ 
arzt  oder  Fürsorgearzt  tritt  als  (beinahe)  neue  Erscheinung  auf.  Denn 
was  vor  dem  Krieg  nur  neben-  und  insbesondere  meist  ehrenamtlich  an 
sozialer  Arbeit  getan  wurde,  wird  heute  vielfach  zum  Hauptamt.  Ein¬ 
zelne  Hochschulen  haben  bereits  besondere  Lehrstätten  für  die  sozial¬ 
ärztlichen  Disziplinen  geschaffen.  Auch  die  Literatur  ist  bemüht,  ihrer¬ 
seits  den  Lernstoff  in  geeigneter  Weise  zusammenzustellen.  Gott¬ 
stein  und  Tugendreich  sind  hier  vor  3  Jahren  in  vorbildlicher 
Weise  mit  der  Herausgabe  ihres  sozialärztlichen  Praktikums  vorge¬ 
gangen,  einem  Werke,  das  aus  der  Zusammenarbeit  von  5  der  be¬ 
rufensten  sozialärztlichen  Praktiker  und  einem  Verwaltungsmann  her¬ 
vorging.  Nun  hat  ein  bekannter  Amtsarzt,  der  selbst  lange  Jahre  in 
der  Organisation  und  auch  in  der  Kleinarbeit  der  Fürsorge  tätig  war, 
den  Versuch  unternommen,  allein  ein  solches  Werk  zu  schaffen,  das 
zudem  sich  an  einen  noch  wesentlich  erweiterten  Interessentenkreis 
als  das  vorerwähnte  wendet  (vergl.  den  Untertitel!).  „Dass  ein  so 
imfangreiches  Gebiet  in  dem  engbegrenzten  Rahmen  eines  Werkes  wie 
des  vorliegenden  nur  einigermassen  erschöpfend  darzustellen  grosse 
Schwierigkeiten  bereiten  muss,  ist  ohne*  weiteres  klar  und  wird  bei 
Beurteilung  dieser  Arbeit  wohl  auch  gebührend  berücksichtigt  werden“, 
meint  der  Autor  selber.  Gerne  sei  dieser  Satz  unterschrieben  und 
gleichzeitig  festgestellt,  dass  der  Versuch  des  Verfassers  in  vielen 
Punkten  aufs  beste  gelungen  ist.  Die  Gliederung  des  Buches  ist  einfach 
and  klar.  In  einer  allgemeinen  Einleitung  spricht  Sp.  über  die  Organi¬ 
sation  des  Fürsorgewesens  im  allgemeinen,  den  Fürsorgearzt,  seine 
Vorbildung  und  seine  Entlohnung;  hier  dürfte  die  Berechnung,  aus  der 
iie  Norm  für  die  Bezahlung  des  Fürsorgearztes  abgeleitet  wird,  doch 
licht  mehr  den  Nöten  der  Zeit  entsprechen  (diese  existieren  —  was 
eider  zu  häufig  auch  von  ärztlicher  Seite  vergessen  wird  —  auch  fül¬ 
len  Fürsorgearzt,  dem  vor  dem  Krieg  seine  Arbeit  nobile  officium  war. 
\uch  heute  ist  sie  dem  rechten  Arzt  wie  vorher  Herzenssache; 
iber  eine  angemessene  Bezahlung  muss  er.  wenn  er  äuc h 
gegenüber  seiner  Familie  sozial  denkt,  trotzdem  ver- 
angen). 

Es  folgt  ein  ausführliches  Kapitel  über  Rassenhygiene  mit  weit- 
äufiger  Besprechung  des  Mendel  sehen  Vererbungsgesetzes  (über 
lessen  Notwendigkeit  an  dieser  Stelle  man  wohl  verschiedener  Meinung 
lein  kann).  In  dem  folgenden  Kapitel :  Sozialmedizin — Sozialhygiene, 
ius  dem  ich  besonders  die  Darstellung  über  ärztliche  Gutachten  hervor- 
iebe,  habe  ich  mir  vor  allem  angemerkt,  dass  in  dem  Unterteil  „Sozial¬ 
gesetzgebung“  wohl  die  wichtigen  Gesetzesstellen  angegeben  sind,  dass 
iber  nichts  über  die  Vorgeschichte  der  Gesetze  selber  und  die  Not- 
vendigkeit  ihrer  Entstehung  gesagt  wird,  von  der  gerade  der  Anfänger 
■venig  zu  wissen  pflegt.  Bei  der  Besprechung  der  Ernährung  habe  ich 
Jen  Eindruck,  dass  sie  zu  weit  geht;  dass  hier  viele  Details,  die  in  die 
hysiologie  gehören,  angeführt  werden,  z.  B.  die  Tabellen  über  die  Zu- 
.ammensetzung  der  Nahrungsmittel  und  ihren  Kaloriengehalt.  Das,  was 
n  dieser  Tabelle  für  den  Sozialarzt  von  der  grössten  Wichtigkeit  sein 
mnnte.  die  Berechnung  des  „Geldnährwertes“,  d.  h.  der  für  1  M.  erhält- 
lchen  Kalorienmengen,  stammt  aus  der  Friedenszeit  und  ist  also  heute 
ihne  anderen  als  historischen  Wert.  Erst  im  folgenden  Kapitel,  die 
.  dcr  Einrichtung  des  Fürsorgedienstes,  kommt  der  Verf.  (auf  S.  106 
eines  388  S.  starken  Buches)  zur  Stellung  des  Fürsorgearztes.  Das 
vapitel  über  die  Fürsorgeschwestern  ist  vorzüglich.  Ihm  folgen  die 
peziellcn  6  Kapitel,  welche  die  einzelnen  Arten  der  sozialen  Fürsorge 
lehandeln.  Als  erstes  das  über  Säuglingsfürsorge,  Kleinkinder-  und 
ugendfursorge,  an  das  ich  mich  als  Theoretiker  und  Praktiker  dieses 
’Pezialgebietes  besonders  halten  möchte.  Hier  ist  mir  nur  aufgefallen. 


dass  ein  ausserordentliches  und  von  überall  her  zusammengetragenes 
Zahlen-  und  Tabeltenmaterial  geboten  wird  —  es  fehlt  beispielsweise 
auch  nicht  jene  in  kinderärztlichen  Kreisen  etwas  anrüchige  Tabelle,  in 
der  aus  dem  Stuhlbild  die  Art  der  Verdauungsstörung  diagnostiziert 
werden  soll;  eine  Tabelle,  die  seinerzeit  einen  Karton  zierte,  in  welchem 
eine  Firma  einige  ihrer  Präparate  untergebracht  hatte,  die  nun  je  nach 
der  Stuhlbilddiagnose  verordnet  werden  sollten.  Auch  sehr  umfang¬ 
reiche  amtliche  Merkblätter  und  ministerielle  Vorschriften  (z.  B.  über 
Milch,  Krippenwesen,  offene  Säuglingsfürsorge)  sind  hier  aufgeführt. 
Dagegen  sind  diejenigen  Gruppen  der  Säuglinge,  die  wesentliche  Träger 
der  Säuglingssterblichkeit  sind,  die  unehelichen,  die  Zieh-,  Kost-,  Halte¬ 
kinder  in  viel  zu  kurzer  Weise  berücksichtigt.  Hier  wäre  es  nach  des 
Ref.  Auffassung  besonders  notwendig  gewesen,  ins  Einzelne  zu  gehen 
und  kritisch  über  das,  was  heute  für  diese  Gruppen  getan  wird  und  das, 
was  alles  noch  an  ihrer  sozialen  Versorgung  fehlt,  zu  sprechen.  Das 
Gleiche  gilt  für  das  Schlagwort  „Findelhaus“,  wo  allzu  einseitig  nur  von 
den  Bestrebungen  der  bekannten  Münchener  Vereinigung  die  Rede  ist. 
Bei  der  Besprechung  des  Misserfolges  der  Fürsorgeerziehung  hält  sich 
Verf.  offensichtlich  noch  zurück.  Ganz  vorzüglich  und  seiner  Wichtig¬ 
keit  entsprechend  ausführlich  ist  der  Abschnitt  über  die  Psychopathen 
und  ihre  soziale  Behandlung.  Es  folgen  die  Kapitel  über  Tuberkulose-, 
Geschlechtskranken-,  Trinker-,  Geisteskranken-,  Gebrechlichen-  und 
Krüppelfürsorge,  über  die  ein  ins  Einzelne  gehendes  Urteil  den  Fach¬ 
männern  zusteht.  So  ist  der  Ring  der  gesamten  speziellen  Fürsorge 
geschlossen.  Ein  Bild  der  Nöte  ist  gegeben  und  ebenso  ein  Weg  ge¬ 
zeigt,  wie  den  von  ihnen  Befallenen  zu  helfen  sein  mag.  Alles  in  allem 
muss  gesagt  werden,  dass  durch  das  grosse  verarbeitete  Material  für 
jeden  Fürsorgearzt  etwas  in  dem  Werke  zu  finden  ist;  gerade  derjenige, 
der  schon  tief  in  die  Materie  eingedrungen  ist.  wird  durch  die  Sammlung 
von  Merkblättern,  ministeriellen  Veröffentlichungen,  in  Gebrauch  be¬ 
findlichen  Vordrucken,  wie  sie  dem  nichtbeamteten  Arzt  nicht  so  leicht 
zur  Verfügung  stehen,  sich  oft  gefördert  sehen.  Es  sei  aber  doch  die 
Bemerkung  erlaubt,  dass  trotz  der  einleitenden  rassen-  und  sozial- 
hygienischen  Kapitel  der  grosse  Zusammenhang  der  Nöte  viel  zu  wenig 
hervorgehoben  ist  und  demgemäss  auch  viel  zu  wenig  auf  die  Abhilfe 
durch  ganzgrosse  Massnahmen  eingegangen  ist.  Der  Fürsorgearzt 
muss  sich  zumeist  in  mühseliger  Einzelarbeit  verbrauchen;  er  darf  aber 
darüber  nicht  vergessen,  dass  gerade  er.  der  jeden  Tag  das  grösste 
soziale  Elend  und  seine  tiefsten  Ursachen  sieht,  der  Vorkämpfer  eben 
dieser  ganz  grossen  Massnahmen  sein  muss. 

Albert  Uffenheimer  -  München. 

Prof.  Dr.  B.  Chajes:  Kompendium  der  sozialen  Hygiene.  169  S. 
Berlin  1921  Kornfeld.  36  M. 

Verfasser,  welcher  als  „Arzt  und  Dozent  an  der  Technischen  Hoch¬ 
schule  in  Charlottenburg“  zeichnet,  ist  bekannt  geworden  als  Heraus¬ 
geber  der  Zeitschrift  für  Soziale  Hygiene.  Vorliegende  Schrift  bringt 
zunächst  ein  Kapitel  über  die  Begriffsbestimmung  der  sozialen  Hygiene, 
sodann  eins  über  Medizinalstatistik.  Weiterhin  werden  besprochen: 
Wohnung,  Ernährung,  .Tuberkulose,  Geschlechtskrankheiten,  Alkoholis¬ 
mus,  soziale  Hygiene  des  Kindesalters,  des  Berufs  und  schliesslich  etwas 
über  Rassenhygiene  oder,  wie  Verfasser  sagt,  „Fortpflanzungshygiene“. 

Was  über  die  einzelnen  Gegenstände  gesagt  wird,  ist  zum  grössten 
Teil  durchaus  gediegen;  doch  konnte  auf  so  kleinem  Raum  etwas  Voll¬ 
ständiges  natürlich  nicht  geboten  werden.  Mit  der  Abgrenzung  der 
„Sozialen  Hygiene“  gegenüber  der  Hygiene  überhaupt,  bin  ich  nicht 
ganz  einverstanden.  Wenn  Chajes  sagt:  „Durch  die  sozialen  Ur¬ 
sachen  werden  nicht  nur  die  Krankheitsanlagen  bedingt,  sondern  die 
Krankheiten  selbst  hervorgerufen  und  in  ihrem  Verlauf  beeinflusst“,  so 
wäre  nicht  abzusehen,  was  es  dann  noch  für  Krankheitsursachen  ausser 
den  „sozialen“  geben  solle  und  wie  eine  „soziale  Hygiene“  als  Sonder¬ 
gebiet  der  Hygiene  dann1  noch  gerechtfertigt  werden  könnte,  weil  eben 
alle  Hygiene  soziale  Hygiene  sein  müsste.  Was  auf  den  5  Seiten  über 
„Fortpflanzungshygiene“  gesagt  wird,  steht  nicht  ganz  auf  der  Höhe; 
und  wenn  Verfasser  es  bedauert,  „dass  die  Kenntnis  und  Benutzung 
der  unschädlichen  Präventivmittel  nicht  genügend  propagiert  wird“, 
so.  könnte  eine  „Fortpflanzungshygiene“  in  seinem  Sinne  ihren  Namen 
leicht  wie  lucus  a  non  lucendo  verdienen.  Leider  sind  viele,  darunter 
auch  sinnstörende  Druckfehler  stehen  geblieben.  L  e  n  z  -  München. 

„Gesunde  Küche.“  Von  Heinrich  und  Helene  Kraft.  Ein  Lehr¬ 
buch  richtiger  Ernährung  und  Speisenbereitung. 

Dieses  Buch  erscheint  mir  als  wertvolle  Neuerung  auf  dem  Gebiet 
der  bisher  gewohnten  Kochbücher.  Der  Verfasser  teilt  sein  Werk  in 
zwei  Teile:  Finden  sich  in  dem  (von  Frau  Helene  Kraft  bearbeiteten) 
praktischen  Teil  eine  grosse  Anzahl  guter  und  in  kurzer  Form 
leicht  fasslicher  Rezepte,  so  verdient  besonders  der  theoretische 
Teil  Erwähnung.  Ausgehend  von  dem  Gedanken,  dass  eine  gesunde 
(und  _  damit  auch  sparsame)  Küche  nur  dann  möglich  ist,  wenn  die 
Hausfrau  in  den  Grundbegriffen  der  Nahrungsmittelchemie  und  -physik 
bewandert  ist,  gibt  der  Verfasser  in  allgemein  verständlicher  Form 
Aufschluss  über  alles,  was  eine  tüchtige  Hausfrau  wissen  soll  „von 
dem  chemischen  Aufbau  unserer  Stoffe,  der  zweckmässigen  Zubereitung 
tierischer  und  pflanzlicher  Nahrungsmittel,  der  menschlichen  Verdauung, 
der  Frischhaltung  unserer  Nahrungsmittel“  etc.  Würde  die  Hausfrau 
bei  der  Herstellung  von  Speisen  öfter  dem  „Warum“  nachgehen,  so 
könnte  sie  auch  ihrer  Kochkunst  recht  oft  wissenschaftlich  interessante 
Seiten  abgewinnen.  Möchte  mit  diesem  Buch  in  immer  weitere  Kreise 
das  Bewusstsein  dringen,  wie  wichtig  eine  gesunde  Küche  für  unsere 
körperliche  und  geistige  Leistungsfähigkeit  ist! 

Grassmann  -  München. 


Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Zeitschrift  für  Immunitätsforschung  und  experimentelle  Therapie. 

32.  Band.  Heft  6  (Auswahl). 

Kunio  Sato-Bern:  Experimentelle  Beiträge  zur  Vakzineimmunitat 

Die  Vakzineimmunität  ist  immer  noch  ein  iebhaft  umstrittenes  KapUe  d 
Immunitätsforschung.  Nachdem  die  Frage  experimentell  im 
in  Amrriff  genommen  werden  konnte,  schien  sie,  besonders  durch  die  unter 
suchSnv  Prowazeks,  anfangs  in  dem  Sinne  entschieden  zu  werden, 
dass  es  sich  im  wesentlichen  um  histogene  Immunität  weniger  i ^bkorper- 
wirkung  handle  Diese  Ansicht  stützte  sich  darauf,  dass  die  Kornea  ment 
an  der  allgemeinen  Immunisierung  teil  habe  und  dass  man 
aus  nicht  wirksam  immunisieren  könne,  ferner  dar« u*t ddS: * ' 

Antikörper  im  Serum  vakzinierter  Menschen  und  Tiere  nicht  nachweisen 
konnte  Erst  die  neueren  Versuche,  besonders  von  Q  i  n,  haben  diese  An- 
schauung  stark  ins  Wanken  gebracht  und  den  Nachweis  humoraler  virulizider 
Antikörper  ziemlich  sicher  stellen  lassen.  Verf.  hat  alle  diese  Fragen  in 
sehr  eingehenden  Untersuchungen  nachgeprüft  und  folgende  Ergebnisse  ge 
fanden  •  Durch  sehr  ausgedehnte  Kutanimpfungen  beim  Kaninchen  lasst  sich 
auch  die  Kornea  immunisieren.  Nur  ist  diese  Immunität  von  schwankender 
Stärke  Sie  kann  so  vollständig  sein,  dass  die  Hornhautimpfung  völlig  rea 
tionslos  verläuft,  kann  aber  auch  in  verzögerter  und  abgeschwachtet  Foim 
auftreten  Um  diese  aber  zu  erkennen,  ist  eine  entsprechende  Verdünnung 

der  Lymphe  notwendig  und  ferner  ein  gewisser  Zeitabstand  zwischen  Immuni¬ 
sierung  und  Korneaimpfung  einzuhalten.  —  Eine  genügend  starke  Kornea¬ 
infektion  kann  gegen  folgende  Kutanimpfung  schützen,  tut  es  aber  nicht  immer 
Dagegen  führte  eine  erfolgreiche  Impfung  der  einen  Kornea  in  keinem  Fal  e 
zu  einer  Immunität  der  anderen.  Hier  liegt  ein  Widerspruch  gegen  die 
positiven  Befunde  Gins  vor.  —  Nach  erfolgreicher  Immunisierung  der  Haut 
treten  so  gut  wie  immer  virulizide  Substanzen  im  Blute  auf  (nachgewiesen 
an  der  Abtötungskraft  des  Immunserums  auf  hoehvirulente  Lymphe),  die 
manchmal  noch  in  einer  Verdünnung  von  1:200  wirksam  sind.  Auch  nach 
kornealer  Impfung  treten  diese  Stoffe  auf,  aber  weniger  regelmassig  und 
wirksam.  —  Bei  solchen  immunisierten  Tieren,  die  nach  einigen  Monaten 
keine  Virulizidie  des  Serums  mehr  aufwiesen,  konnte  durch  Wiederimpfung 
ein  erneutes  Ansteigen  der  viruliziden  Antikörper  beobachtet  werden,  auch 
wenn  keinerlei  Reaktion  auf  die  Impfung  eintrat.  Diese  Erscheinung  ist 
sehr  wichtig  und  weist  auf  die  Möglichkeit  hin,  dass  auch  beim  Menschen 
eine  ohne  jede  Pustelbildung  verlaufene  Revakzination  die  bestehende 
Immunität  verstärkt.  Da  der  Gehalt  des  Blutes  an  viruliziden  Stoffen  der 
Immunität  des  Tieres  nicht  immer  parallel  geht,  so  bleibt  die  Frage  offen, 
ob  die  spezifische  Serumveränderung  die  ausschliessliche  Ursache  dei  Vakzme- 
immunität  darstellt.  L.  S  a  a  t  h  o  f  f  -  Oberstdorf. 


Veröffentlichungen  der  Robert  Koch-  Stiftung  zur  Bekämpfung 
der  Tuberkulose.  Herausgegeben  vom  Vorstand  der  Stiftung.  Band  II, 
Heft  3.  Geheftet  M.  24- 


Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Georg  Locke  mann:  Beiträge  zur  Biologie 
der  Tuberkelbazillen.  III.  Mitteilung:  Ueber  den  Einfluss  von  Lösungsstarke, 
Menge  und  Oberflächengrösse  der  Nährlösungen  auf  das  Wachstum  der 
Tuberkelbazillenkulturen.  (Aus  der  ehern.  Abteilung  des  Instituts  für  Infek¬ 
tionskrankheiten  „Robert  Koch“  in  Berlin.)  .  .....  ...  _ 

1  Aenderungen  in  der  Lösungsstärke  (Konzentration)  der  Nährlösungen 
bis  zum  dreifachen  Werte  waren  bei  gleichbleibenden  Nährstoffmengen  auf  das 
Wachstum  der  Tuberkelbazillen  ohne  erheblichen  Einfluss.  2.  Durch  Ver- 
grösserung  der  Nährstoffmengen  wurde  unabhängig  von  der  Lösungsstärke  das 
Wachstum  der  Tuberkelbazillen  gesteigert.  Die  Wachstumssteigerung  stand 
ungefähr  in  gleichem  Verhältnis  wie  die  der  Nährstoffmengen  war  in  einem 
Falle  noch  erheblich  grösser.  Die  erreichten  Höchstwerte  der  Kulturgewichte 
betrugen  1h  bis  Vs  des  Gewichts  der  angewendeten  Nährstoffe.  3.  Die 
Grösse  der  Nährlösungsoberfläche  war  auf  den  Wachstumsverlauf  und  die 
Erreichung  des  Höchstgewichts  ohne  merklichen  Einfluss,  wenn  die  Nährstoff¬ 
menge  dieselbe  blieb. 

Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Georg  Locke  mann:  Beiträge  zur  Biologie 
der  Tuberkelbazillen.  IV.  Mitteilung:  Züchtungsversuche  mit  Nährlösungen 
verschiedener  chemischer  Zusammensetzung.  (Aus  der  ehern.  Abteilung  des 
Instituts  für  Infektionskrankheiten  „Robert  Koch'  in  Berlin.) 

Versuche  mit  eiweissfreien  Nährlösungen. 

Prof.  Dr.  Jos.  Koch  und  Prof.  Dr.  B.  Möllers:  Zur  Frage  der  Infek¬ 
tionswege  der  Tuberkulose.  (Aus  dem  Institut  für  Infektionskrankheiten 
„Robert  Koch“  in  Berlin.) 

1.  Bei  der  Infektion  des  Kaninchens  vom  Dünndarm  aus  sind  die  ein- 

gefüWten  Perlsuchtbazillen  schon  mindestens  \Z\  Stunden  nach  der  Ein¬ 
spritzung  (nach  Laparotomie)  im  strömenden  Blut  und  in  den  verschiedenen 
(Organen  durch  Meerschweinchenversuch  nachweisbar.  Die  Tuberkelbazillen 
wurden  im  Blut  bei  60  Proz.,  in  der  Leber  bei  40  Proz.,  in  der  Milz  bei 
50  Proz.,  in  den  Mesenterialdrüsen  und  dem  Netz  sogar  bei  80  Proz.  der 
untersuchten  Kaninchen  gefunden.  . 

Die  Resorption  der  Tuberkelbazillen  im  Darm  geht,  ohne  in  der  Darm¬ 
wand  selbst  krankhafte  Veränderungen  zu  hinterlassen,  auf  dem  Wege  der 
Chylusgefässe  vor  sich,  durch  die  sie  den  Mesenterialdrüsen  zugeführt  werden. 
Ein  Teil  der  Bazillen  siedelt  -sich  hier  an,  während  ein  anderer  Teil  von  dem 
Chylus  weitergetragen  wird  und  mit  diesem  in  das  zirkulierende  Blut  gelangt. 
Durch  dieses  findet  dann  eine  Infektion  der  verschiedenen  inneren  Organe, 
der  Leber,  Milz,  des  Knochenmarks  usw.  statt. 

2.  Bei  Einführung  von  Tuberkelbazillen  in  den  Magen  bleibt  die  All¬ 
gemeininfektion  des  Kaninchens  zum  mindesten  in  der  überwiegenden  Mehr¬ 
zahl  der  Fälle  aus.  Es  hat  den  Anschein,  als  ob  die  Tuberkelbazillen  durch 
den  Magensaft  grösstenteils  abgetötet,  zum  mindesten  aber  in  ihrer  Virulenz 
stark  abgeschwächt  werden. 

3.  Es  gelingt,  Kaninchen  von  der  Mundhöhle  und  den  oberen  Verdauungs¬ 
wegen  aus  tuberkulös  zu  machen.  Jedoch  kam  es  in  unseren  Versuchen  trotz 
der  Verwendung  gleicher  Dosen  nicht  zu  einer  allgemeinen  Infektion  des 
Blutes,  wie  es  bei  direkter  Einführung  des  infizierenden  Materials  in  den 
Dünndarm  der  Fall  war.  sondern  es  entwickelte  sich  eine  hauptsächlich  auf 
die  Oberlappen  und  die  freien  Ränder  der  Lunge  beschränkte,  chronisch  ver¬ 
laufende,  der  menschlichen  Lungentuberkulose  ähnliche  Erkrankung,  sowie  eine 
chronische  Lymphadenitis. 

Die  nach  Fütterung  entstandene  Halsdrüsentuberkulose  ist  für  die  Be¬ 


urteile  Ti  er  der  Eintrittspforte  der  Bazillen  wichtig;  sie  zeigt,  dass  bereits  von 
den  Ähdrüsen  und  dem  adenoiden  Gewebe  der  Mundhöhle  aus  eine  Re¬ 
sorption  von  Tuberkelbazillen  stattfinden  kann. 

Bruno  Lange:  Ueber  einige  den  Tuberkelbazillen  verwandte  säurefeste 
SanroDhvten  (Aus  dem  Hygienischen  Institut  der  Universität  in  Berlin.) 

P1P  Die  Trompetenbazillen  sind  eine  vegetative  Modifikation  einer  m  Erde 
und  Wasser  weitverbreiteten  Art  säurefester  Saprophyten  ,  ,  ,  .  ,  . 

7  7U  derselben  Art  gehören  auch  die  sog.  Schildkröten-,  Blindschieiuien 

und  Fischtuberkelba/.illen8  I=t,.,e,e  sind  i»  ‘ÜSÄK 

Bataillon,  M  o  e  1 1  e  r  und  lerre  mit  den  ^BhndschleicüentUDerK« 
bazillen  zweifellos  identisch  — .  wahrscheinlich  auch  die  übrigen  Ktb.  (Frosch* 

und  Molchbazillen)^  gesunder<  jn  der  natürlichen  Umgebung  lebender 

Kaltblüter  (Frösche)  sind  mikroskopisch  und  kulturell  nicht  selten  säurefeste 

Bakterien  vom  Ktb.-Typus  nachweisbar.  Warmblüter  (Meer- 

4.  Die  Säurefesten  vom  Ktb.-Typus  waren  für  Warmblüter  (Meer 
schweinchen,  Kaninchen,  weisse  Mäuse)  bei  einmaliger  Verimpfung  in  nicht 
zu  hohen  Dosen  unschädlich,  in  sehr  hohen  Dosen,  besonders  aber  nach  mehr¬ 
maliger  Verimpfung,  hatten  sie  oft  eine  Allgemeinerkrankung  der  Versuchstiere 

/l"  50lBei  Kaltblütern  wurde  durch  die  verschiedenen  untersuchten  Stamme 
nicht  regelmässig,  sondern  nur  bei  Anwendung  grosserer  Impfdosen  unter 
Umständen  eine  chronische  Erkrankung  erzeugt.  -t 

6  Die  Krankheitsherde  der  Warmblüter  hatten  makroskopisch  und  mikro¬ 

skopisch  —  diejenigen  der  Kaltblüter  nur  makroskopisch  —  zuweilen  eine 
gewisse  Aehnlichkeit  mit  echter  Tuberkulose.  _  ,  K  ..i  _ 

7  Durch  Vorbehandlung  von  Meerschweinchen  mit  TrompetenbazilleJ, 
Schildkröten-  und  Blindschleichentuberkelbazillen  erhielten  diese  Tiere  gegen 
eine  Infektion  mit  echten  Tuberkelbazillen  keinen  wirksamen  Schutz,  vielmehr 
nur  eine  begrenzte  erhöhte  Resistenz.  Der  Grad  der  Resistenz  ist  bei  den 
mit  Trompetenbazillen  vorbehandelten  Tieren  etwas  hoher  als  bei  den  Sei.  ld- 
kröten-  und  Blindschleichentieren. 

E  Rumpf:  Ueber  das  Vorkommen  von  Tuberkelbazillen  im  Blut. 

Ru  m  p  f  hatte  bei  früheren  Untersuchungen  8,5  Proz.  der  mit  dem  Blut¬ 
sediment  tuberkulosekranker  Menschen  geimpften  Versuchstiere  tuberkulös 
werden  sehen.  Bei  den  diesmaligen  Versuchen  reagierten  6  von  35  Deren 
(17  Proz.)  positiv  auf  Tuberkulin,  bei  der  Sektion  konnten  aber  nur  bei 
zwei  von  ihnen  histologisch  in  Organschnitten  vom  pathologischen  Anatomen 
Dr.  B  e  r  b  1  i  n  g  e  r  tuberkulöse  Veränderungen  mit  Bestimmtheit  nachge¬ 
wiesen  werden,  bei  2  weiteren  fanden  sich  minimale  fragliche  Veränderungen, 
die  vom  pathologischen  Anatomen  nicht  als  beweisend  angenommen  wurden. 
Da  auch  bei  den  früheren  Versuchen  fast  stets  nur  sehr  geringe,  sich  langsam 
entwickelnde  Organveränderungen  gefunden  worden  waren,  hatte  R  u  m  p  t  die 
Tiere  diesmal  meist  über  ein  Jahr  lang  leben  lassen.  Es  ist  also  denkbar, 
dass  kleinste  tuberkulöse  Herde  in  dieser  Zeit  abgeheilt  sind.  Bei  den 
35  Impfversuchen  stammte  das  Blut  10  mal  von  anscheinend  Gesunden,  3  ma 
von  Lungentuberkulosen  des  I.  Stadiums,  8  mal  von  solchen  des  II.,  ‘2  tnal 
von  solchen  des  III.  Stadiums.  Von  den  beiden  mit  Sicherheit  tuberkulöse 
Organveränderungen  enthaltenden  Meerschweinchen  staimnte  das  injizierte 
Blutsediment  je  einmal  von  einer  Patientin  im  ersten  und  im  zweiten  Stadium 
der  Lungentuberkulose.  Rechnet  man  nur  diese  Versuche,  so  fielen  a  s.o- 
2  von  25  (8  Proz.)  positiv  aus;  rechnet  man  aber  die  posi¬ 
tiven  Tuberkulinreaktionen,  so  erhält  man  einen  Pro¬ 
zentsatz  von  6  auf  25  (24  Pro  z.).  also  nahezu  ein  volles 
Viertel  positiver  Resultate.  (Das  ist  eine  volle  Bestätigung  der 
Liebermeister  sehen  Resultate  sowohl  im  Prozentsatz  wie  in  der 
weiteren  Sicherung  der  Angabe  Lieber  meistens,  dass 
Menge  und  Virulenz  der  im  Blut  enthaltenen  Tuberkel- 
bazillen  an  der  Grenze  der  infizierenden  Minimaldosis 
liegen.  D.  Ref.) 

Gurt  Stromeyer:  Ueber  die  Behandlung  der  chirurgischen  Tuber¬ 
kulose  mit  Röntgenstrahlen.  .  .  .. 

Verf.  berichtet  über  aussergewöhnlich  gute  Erfolge.  „Für  die  Halsdrusen¬ 
tuberkulose  ist  die  Strahlenbehandlung  heute  die  einzige  in  Betracht  kommende 
Therapie.“  Die  Röntgenbehandlung  der  Knochen-  und  Gelenktuberkulose  hat 
uns  sehr  befriedigende  Resultate  ergeben,  und  zwar  weit  bessere,  als  bisher 
bekannt  geworden  sind/1  „Jugendliche  Individuen  müssen  unbedingt  bestiahlt 
werden.  Eine  Ausnahme  machen  nur  solche,  bei  denen  der  Allgemeinzustand 
derartig  gelitten  hat,  dass  zur  Erhaltung  des  Lebens  ein  sofortiger  Eingriff 
notwendig  ist.“  Immer  Kombination  mit  Sonnen-  und  Luftbehandlung.  „Bei 
älteren  und  alten  Individuen  ist  die  Indikation  vielleicht  enger  zu  stellen;  es 
kann  wohl  sein,  dass  Hüft-  und  Kniegelenke  jenseits  der  zwanziger  Jahre 
nur  mehr  mangelhaft  oder  gar  nicht  mehr  auf  Strahlen  reagieren.“  „Jeden¬ 
falls  sollen  die  Strahlen  nach  der  Operation  zur  Bekämpfung  der  Rezidive  äu¬ 
gte  wendet  werden.“  K-  E.  Ranke. 


Zeitschrift  für  Tuberkulose,  Band  35.  Heft  4. 

S  t  ö  c  k  1  i  n  -  Davos:  Beitrag  zur  chirurgischen  Behandlung  der  vor¬ 
wiegend  einseitigen,  kavernösen  Lungentuberkulose  mit  Pneumolyse  und 
Paraffinplombierung  nach  B  a  e  r. 

Für  den  Praktiker  kaum  von  Bedeutung,  vom  Facharzte  selbst  nach¬ 
zulesen. 

J.  Orth-Berlin:  Einige  Bemerkungen  zur  Frage  der  Heilbarkeit  tuber¬ 
kulöser  Lungenkavernen. 

C.  H  a  r  t  -  Berlin-Schöneberg:  Ueber  die  Heilbarkeit  und  Heilung  tuber¬ 
kulöser  Lungenkavernen. 

Beide  wenden  sich  durchaus  gegen  die  unhaltbare  Aeusserung,  die 
Gr  äff  in  Elster  tat,  dass  jede  Kaverne  für  den  Kranken  ein  Todesurtei 
bedeute.  Man  sollte  sich  hüten,  aus  dem  pathologisch-anatomischen  Lagei 
heraus  ohne  irgendwie  genügende  klinische  Erfahrung  solche  alarmierend« 
Aeusserungen  von  so  wichtiger  Tribüne  aus  zu  tun,  wie  es  der  Kongress¬ 
in  Elster  war.  Der  Widerspruch  muss  ja  kommen. 

O.  A  m  r  e  i  n  -  Arosa:  Ueber  klinische  und  biologische  Heilung  der  Tuber 
kulose,  Immunitätsprobeu  und  Tuberkulinbehandlung. 

Wer  je  von  Heilung  der  Tuberkulose  sprach,  hat  darunter  immer  klinisch« 
Heilung  verstanden  (  volle  Arbeitsfähigkeit).  Neue  Forschungen'  und  di« 
grosse  Bewegung  um  das  „TuberkuloseprobLem“.  d.  h.  das  Immunitatsprobleni 
lassen  davon  den  Begriff  der  biologischen  Heilung  unterscheiden.  Sie  is 
wirklich,  nicht  nur  symptomatisch,  und  ist  durch  Tuberkulinproben  nach 
zuweisen. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


171 


3.  Februar  19 22. 


Erwin  Beck-  Berlin:  Spätreaktion  nach  Injektion  des  Fried  in  ann- 
schen  Mittels. 

Victor  B  o  c  k  -  Charlottenburg:  Bemerkung  zu  dem  kritischen  Referat 
i  U  I  r  i  c  i  s  über  das  Friedmann  sehe  Mittel. 

H.  U  1  r  i  c  i:  Erwiderung  auf  die  vorstehende  „Bemerkung“  von 
V.  Bock. 

E.  H  a  r  t  m  a  n  n  -  Magdeburg:  Zur  Technik  des  künstlichen  Pneumo¬ 
thorax. 

Beschreibung  eines  neuen  Apparates.  Zuriickzuweisen  ist  —  in  einem 
Fachblatte  —  die  ganz  unbewiesene  Aeusserung,  dass  Pneumothorax  zur 
..Modebehandlung“,  „förmlich  zum  Sport"  ausarte,  „wie  es  bedauer- 
ic  herweise  heute  von  mancher  Seite  aus  geschieh  t“. 
A'on  welcher  Seite,  Herr  Kollege?  (L.) 

S  i  m  o  n  -  Aprath:  Jahresversammlung  der  Vereinigung  der  Lungenheil¬ 
anstaltsärzte  in  Wiesbaden,  18.  bis  23.  September  1921. 

Liebe-  Waldhof-Elgershausen. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  167.  Bel.  3.  u.  4.  Heft. 

Knud  Nicolaysen:  Pathologisch-anatomische  und  experimentelle 
Studien  über  die  Pathogenese  des  chronischen  Magengeschwürs.  (Aus  dem 
aathologisch-anatomischen  Institut  des  Reichshospitals,  Christiania  (Chef: 
Prof.  Dr.  Francis  H  a  r  b  i  t  z). 

Zunächst  stellt  Verf.  auf  Grund  von  2000  Sektionen  fest,  dass  4,5  Proz. 
iller  Obduzierten  peptische  Geschwüre  oder  Narben  nach  solchen  besassen, 
Jas  Verhältnis  zwischen  Ulcus  ventriculi  und  duodeni  war  wie  3:  1.  Das 
Jlcus  ventriculi  zeigte  dieselbe  Häufigkeit  bei  Männern  wie  bei  Frauen,  da¬ 
gegen  war  die  Häufigkeit  des  Ulcus  duodeni  bei  Frauen  und  Männern  wie 
1 : 3.  Die  pathologisch-anatomischen  Untersuchungen  wurden  an  einem 
Vlaterial  von  57  peptischen  Geschwüren  gemacht.  Danach  sitzt  das  Magen¬ 
geschwür  mit  Vorliebe  am  Pylorus  und  der  kleinen  Kurvatur,  zeigt  meistens 
jin  trichterförmiges  Aussehen,  oft  mit  schrägliegender  Achse  zum  Pylorus 
abweichend  (S  t  r  o  h  m  e  y  e  r).  Etwa  90  Proz.  der  Geschwüre  durchbrechen 
lie  Muskulatur.  Mit  dem  Geschwür  ist  immer  eine  Entzündung  verbunden, 
n  75  Proz.  der  Magengeschwüre  fanden  sich  auffallend  viele  eosinophile 
Zellen  und  meistens  eine  starke  Bindegewebsneubildung,  im  Geschwürsgrund 
yielfach  Mikroben,  ferner  bestanden  erhebliche  Gefässveränderungen  in  Form 
:iner  obliterierenden  Endarteriitis,  meistens  fand  sich  auch  eine  Perineuritis 
oder  degenerative  Veränderungen  der  Nervensubstanz.  Eine  Heilung  der 
jeschwüre  durch  Vernarbung  kommt  sicher  vor.  Auch  Narben  fernab  vom 
3ylorus  können  so  ausgeprägte  Symptome  machen,  dass  sie  zur  Resektion 
iihren.  Die  Duodenalgeschwüre  zeigen  nicht  das  für  die  Magengeschwüre 
harakteristische  chronische  Gepräge.  Die  Narben  des  Duodenums  ergeben 
nanchmal  Divertikelbildung.  Da  die  gefundenen  Nerven-  und  Gefässverände-- 
ungen  zweifellos  sekundärer  Natur  sind,  so  muss  für  die  Chronizität  des 
jeschwiirs  nach  anderen  Ursachen  gesucht  werden. 

Ausgedehnte  experimentelle  Versuche,  am  Kaninchenmagen  durch  Ge- 
irieren  der  Magenwand  mit  Chloräthylspray  (R  i  b  b  e  r  t)  in  Verbindung  mit 
bakteriellen  Infektionen  von  der  Schleimhaut  her  oder  in  Verbindung  mit 
Vagusresektion  chronische  Geschwüre  zu  erzeugen,  führte  zu  keinem  Er¬ 
lebnis.  Verf.  erkärt  sich  die  Pathogenese  des  chronischen  Ulcus  fogender- 
inassen:  Zufällig  entstandene  kleine  Ulzerationen  des  Magens  werden  in  ihrer 
jleilung  durch  den  dauernden  mechanisch-chronischen  Reiz  behindert.  Die  ent- 
■tandene  chronische  Entzündung  führte  zu  sekundären  Gefäss-  und  Nerven- 
eränderungen,  die  die  Vitalität  des  Gewebes  herabsetzen.  Wird  der  mecha- 
üsche  Reiz  durch  Diät  oder  chirurgische  Behandlung  behoben,  so  schafft  man 
lünstige  Bedingungen  für  die  Heilung,  so  dass  das  Geschwür  vernarbt. 

Alfred  Consten:  Ueber  diffuse  Fibromatose  der  Brustdrüse  beim 
dann.  (Aus  dem  pathologischen  Institut  der  Universität  Köln.  Direktor: 
’rof.  Dr.  A.  D  i  e  t  r  i  c  h.) 

Untersuchung  an  3  Fällen:  die  diffuse  Fibromatose  der  Brustdrüse  ist 
in  chronischer  Reizzustand,  der  in  Zusammenhang  steht  mit  physiologischen 
Involutionsvorgängen.  Retentionssystem  und  Epithelwucherung  sind  sekun¬ 
drer  Natur.  Eine  Entzündung  gehört  nicht  zum  Wesen  der  diffusen  Fibroma- 
ose.  Die  Erkrankung  der  männlichen  Brustdrüse  ist  weit  häufiger,  als  die 
Aitteilungen  in  der  Literatur  vermuten  lassen.  Sekundäre  Karzinome  beim 
jAann  wurden  nicht  beobachtet. 

Friedei  Boesch:  Pankreasverletzung  beim  Kinde  mit  wanderndem  Er- 
uss  in  der  primitiven  Bursa  omentalls.  (Aus  der  Privatklinik  Dr.  Boesch, 
)r.  R  a  e  m  i,  Schüpfheim  bei  Luzern.) 

Beobachtungen  an  einem  2  jährigen  Jungen,  der  mit  dem  Oberbauch 
legen  eine  vorspringende  Holzkante  gefallen  war.  Beim  Kinde  sind  in  den 
rsten  2  Lebensjahren  die  beiden  Netzblätter  noch  durch  einen  Spalt  von- 
inander  getrennt,  dadurch  kann  bei  Pankreasverletzungen  das  charakteristische 
■ymptom  des  wandernden  Netzbeutelergusses  entstehen:  Flüssigkeitsansamm- 
rngen  in  der  Bursa  omentalis  verursachen  am  aufgerichteten  Kranken  eine 
orwölbung  unterhalb  des  Nabels,  die  durch  Beckenhochlagerung  oder  Druck 
eliebig  beseitigt  werden  kann,  und  sich  durch  Aufrichten  des  Kranken  wieder 
ervorrufen  lässt.  Drainage  im  proximalen  Abschnitt  des  Netzbeutels 
-rächte  Heilung.  H.  F  1  ö  r  c  k  e  n  -  Frankfurt  a.  M. 

Mitteilungen  aus  den  Grenzgebieten  der  Medizin  und  Chirurgie. 

land  34,  Heft  3.  Jena  1921,  Gustav  Fischer. 

Lehmann  und  El  fei  dt:  Wasser-  und  Konzentrations  versuche  an 
hirurgisch  Nierenkranken.  (Zur  Funktionsprüfung  der  Nieren  bei  chirurgi- 
chen  Nierenerkrankungen.)  (Aus  der  Chir.  Universitätsklinik  Rostock.) 

Es  besteht  zwar  ein  gewisser  Parallelismus  zwischen  der  Menge  des 
rhaltenen  funktionsfähigen  Parenchyms  und  dem  Ausfall  des  Wasserversuchs 
ei  einseitig  geschädigten  Fällen,  doch  kann  die  Minderleistung  durch  Kom- 
ensation  der  gesunden  Seite  kompensiert  werden;  da  aber  dann  doch  fast 
egelmässig  die  Konzentration  abnorm  ist,  so  geben  die  beiden  Versuche 
usammengenommen  wertvolle  diagnostische  Hinweise,  ohne  die  Unterschei- 
ung  der  ein-  und  doppelseitigen  Nierenerkrankungen  zu  ermöglichen.  Der 
ergleich  des  Ergebnisse  beider  Versuche  mit  denen  anderer,  nicht  unbe- 
ingt  zuverlässiger  Funktionsprüfungen  ist  nützlich,  der  Vergleich  des  Wasser- 
ersuchs  vor  und  nach  chirurgischen  Eingriffen  gestattet  ein  Urteil  über 
jesserung  bzw.  Verschlechterung  der  Funktion. 

V.  Ha  nt  sch:  Weitere  Beiträge  zur  Dura-  und  Schädelplastik.  (Aus 
er  1.  Chir.  Universitätsklinik  Wien.) 

Versuche  mit  der  F  r  ä  n  k  e  1  sehen  Zelluloidplatte  an  Hunden  und  Ka- 
irchen,  wobei  das  lädierte  Gehirn  durch  einfach  unter  die  Duraränder  ge¬ 
hobenen  vorbehandelten  Bruchsack  gedeckt  wurde.  Der  Bruchsack  wurde 


wie  alle  anderen  lebenden  Ersatzmaterialien  substituiert  und  narbig  umge¬ 
bildet  und  ging  ebenso  wie  die  aus  zellreichem  Granulationsgewebe  in 
lamellärcs  Bindegewebe  verwandelte  „Fremdkörperkapsel“  der  Zelluloidplatte 
mit  der  lädierten  Hirnoberfläche  breite,  wenn  auch  lockere  Adhäsionen  ein. 

Amreich:  Vereiterung  eines  Leberechinokokkus  nach  Typhus  abdo¬ 
minalis.  (Aus  der  IV.  mobilen  chir.  Gruppe  der  Klinik  Prof.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g.) 

Die  geschilderte  Krankengeschichte  deutet  Verf.  so,  dass  in  einem  nach 
Hufschlag  gegen  das  rechte  Hypochondrium  entstandenen  Hämatom  sich  der 
Echinokokkus  entwickelte  und  dass  die  Eiterung  durch  die  Keime  des  vor 
wenigen  Wochen  durchgemachten  Typhus  verursacht  wurde. 

G.  Katsch  und  L.  v.  Friedrich:  Ueber  die  funktionelle  Bedeutung 
der  Magenstrasse.  (Aus  der  Med.  Universitätsklinik  Frankfurt.) 

Versuche  an  magengesunden  Menschen  ergaben  nicht  das  Vorhandensein 
einer  der  kleinen  Kurvatur  entlang  laufenden  Rinnenbildung  im  Sinne 
Waldeyers,  welche  das  Ueberholen  dickeren  Mageninhalts  durch  nach¬ 
getrunkenes  Wasser  ermöglichen  soll.  Die  Flüssigkeit  umfliesst  den  Magen¬ 
inhalt  auf  verschiedenen  Wegen  und  gelangt  allerdings  auch  so  rascher  zum 
Pylorus.  Da  die  „Magenstrasse“  auch  nicht  Ausgangslumen  bei  der  Magen¬ 
füllung  ist,  so  scheint  sie  nicht  so  sehr  mechanisch  mehr  beansprucht  zu 
sein,  als  dass  man  hieraus  allein  die  Prädisposition  der  Ulcusentwicklung 
an  der  kleinen  Kurvatur  erklären  könnte. 

K.  P  r  o  p  p  i  n  g  -  Frankfurt  a.  M.:  Zur  Mechanik  des  Liquor  cerebro¬ 
spinalis. 

Auseinandersetzung  mit  Haller  und  Walter.  Verf.  hält  daran  fest, 
dass  im  Liquorraüm  hydrostatische  Gesetze  gelten,  gibt  aber  zu,  dass  die 
von  ihm  früher  angenommene  „Liquorströmung“  nicht  besteht;  die  Ausbrei¬ 
tung  der  Wirkung  in  den  Lumbalsack  eingespritzter  Mittel  erklärt  er  daher 
durch  Mischung. 

F.  Roll  wage:  Nierendekapsulation  bei  Sublimatvergiftung.  (Aus 
dem  Pathol.  Institut  des  Landeskrankenhauses  Braunschweig.) 

Die  Dekapsulation  hat  kein  Leben  gerettet,  aber  vielleicht  doch  ver¬ 
längert,  und  nie  geschadet,  so  dass  R.  die  weitere  Anwendung  immerhin 
empfehlen  möchte.  Zur  besseren  Nachprüfung  rät  er,  die  Entkapselung  mög¬ 
lichst  bald  und  nur  einseitig  vorzunehmen. 

H.  Schäffer  und  S.  Weil:  Elektrographische  Untersuchungen  über 
die  Muskelspasmeu  beim  kontrakten  Plattfuss.  Die  Dehnungsreaktion  des 
Muskels,  (aus  der  Med.  und.  Chir.  Universitätsklinik  Breslau.) 

Verf.  betrachten  diese  Spasmen,  an  denen  die  Peronaei,  weniger  der 
M.  tib.  ant.,  gar  nicht  der  Gastrocnemius-Soleus  beteiligt  ist,  als  reflektorisch 
ausgelöste  Dauertetanie.  Analyse  der  Elektromyogramme.  Bei  schwacher 
Kontraktur  war  nur  die  „Dehnungsreaktion“  nachweisbar,  d.  h.  der  Muskel 
war  spontan  stromlos  und  lieferte  erst  bei  passiver  Dehnung  Aktionsströme. 
Die  Dehnung  wird  aus  der  Valgussteilung  erklärt.  Nach  erfolgreicher  Be¬ 
handlung  reagierten  die  Muskeln  wieder  normal. 

Ed.  Melchior:  Klinische  Studien  zur  Tetanie.  (Aus  der  Chir.  Klinik 
Breslau.) 

Verf.  erörtert  die  eigenartigen  wechselseitigen  Beziehungen  zwischen 
malazischen  Skeletterkrankungen  und  Tetanie  auf  dem  Boden  des  Kalkstoff¬ 
wechsels.  welche  eine  erhöhte  „Tetaniebereitschaft“  gegen  Ende  des  Welt¬ 
krieges  und  im  Beginne  der  Nachkriegszeit  erklärlich  machen.  Calcium 
lacticum  und  Parathyreoidintabletten  bewährten  sich  bei  postoperativer 
Tetanie  Unterernährter.  Bei  einigen  postoperativen  Tetanietodesfällen  musste 
man  an  eine  parathyreoprive  Autointoxikation  denken  (Koma).  Bei  manchen 
Tetaniefällen  waren  viszerale  Symptome  besonders  ausgeprägt  („viszerale 
Tetanie“);  die  gesteigerte  Erregbarkeit  des  autonomen  Systems  äusserte  sich 
in  Gefässspasmen,  verstärkter  Herzaktion,  Hypersekretion  der  Speichel-, 
Schweiss-  und  Tränendrüsen.  Ziliarmuskelkrämpfen,  Spasmen  des  Magens  und 
der  Harnblase.  Grashey  -  München. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  2. 

Eug.  B  i  r  c  h  e  r  -  Aarau :  Zur  Resektion  des  perforierten  Duodenal-  oder 
Magengeschwürs. 

Verf.  erinnert  daran,  dass  er  bereits  1918  seinen  Standpunkt  dahin 
präzisiert  hat,  dass  ein  perforiertes  Ulcus  immer  operativ  behandelt  werden 
müsse;  mit  der  Ulcusnaht  sei  die  Gastroenterostomie  zu  verbinden;  in 
günstigen  Fällen  käme  die  Resektion  in  Frage. 

J.  J.  Stutzin:  Zur  Behandlung  der  Nierentuberkulose. 

Da  wir  in  der  Regel  den  Beginn  einer  tuberkulösen  Nierenerkrankung 
nicht  nachweisen  können,  sondern  diese  erst  diagnostizieren,  wenn  geringe 
oder  stärkere  Folgeerscheinungen  bereits  vorhanden  sind,  da  ferner  bei 
konservativer  Behandlung  sich  nicht  sicher  sagen  lässt,  ob  eine  wirkliche 
Heilung  oder  nur  ein  Latenzstadium  eingetreten  ist,  so  tritt  Verf.  warm  für 
die  operative  Entfernung  der  kranken  Niere  ein,  welche  die  gesunde 
Niere  vor  neuer  Infektion  schützt  und  den  Kranken  bald  wieder  arbeitsfähig 
macht. 

Fel.  Franke-  Braunschweig:  Zur  Operation  der  Varlkokele. 

Bezugnehmend  auf  die  von  I  sna  rdi  in  Nr.  28,  1921  angegebene  Methode 
hat  Verf.  ein  ähnliches  Verfahren  ausgearbeitet,  dessen  Vorzug  darin  besteht, 
dass  die  quere  Durchtrennung  der  Obliquusfaszie  in  grösserer  Ausdehnung 
fortfällt  und  dass  der  durch  die  Bauchwandmuskulatur  gezogene  Samenstrang 
ohne  Spannung  auf  einem  Faszienstreifen  reitet.  Mit  1  Abbildung. 

H.  v.  Sa  lis- Basel:  Behandlung  des  kontrakten  Plattfusses  im  Schlafe. 

Verf.  hat  einen  einfachen  Apparat  konstruiert,  der  bei  der  grossen 
Rezidivneigung  kontrakter  Plattfüsse  monatelang  getragen  werden  kann  und 
den  immobilisierenden  Gipsverband  entbehrlich  macht.  Aus  2  beigegebenen 
Abbildungen  ist  Bau  und  Wirkung  des  Apparates  leicht  ersichtlich. 

Friedr.  N  e  u  g  e  b  a  u  e  r  -  Mährisch-Ostrau:  Zu  dem  Aufsatz  von 
Dr.  Fr.  J.  Kaiser  in  Nr.  40:  Längsresektion  der  kleinen  Kurvatur  des 
Magens  zur  Behandlung  des  Ulcus  ventriculi. 

Die  ovaläre  Exzision  des  Geschwüres  mit  nachfolgender  Längsnaht  (nach 
Kaiser)  fand  geringe  Verbreitung,  weil  sie  die  Bildung  eines  Sanduhrmagens 
begünstigte.  Deshalb  hat  Verf.  1920  den  Vorschlag  gemacht,  nach  präpylorischer 
querer  Durchtrennung  des  Magens  die  kleine  Kurvatur  vom  Austritt  der 
Speiseröhre  herab  der  Länge  des  Magens  nach  zu  resezieren;  der  so  gebildete 
Magenschlauch  lässt  sich  leicht  mit  Duodenum,  Jejunum  oder  mit  dem  Magen¬ 
rest  vereinigen.  Die  von  Schmieden  kürzlich  in  Nr.  42  empfohlene 
„treppenförmige  Resektion“  deckt  sich  im  wesentlichen  mit  der  Technik  des 
Verfassers.  E.  H  e  i  m  -  Schweinfurt-Oberndorf. 


172 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Monatsschrift  iiir  Geburtshilfe  und  Gynäkologie.  Rand  56.  Heft  12 

November  1921. 

Th.  Heynemann-Hamburg:  Die  rektale  Untersuchung  unter  der 

Geburt.  .  ....  . 

Vorteile  und  Nachteile  der  rektalen  Untersuchung  werden  austuhrlicn 
besprochen.  In  der  Anstalt,  seltener  in  der  Praxis,  kann  man  sie  unter  Um¬ 
ständen  mit  Vorteil  verwenden,  doch  nur  unter  Benutzung  eines  Gummihand¬ 
schuhs,  nicht  Fingerlings.  Bei  Schwierigkeiten  bei  der  Getourt,  bei  Gefahr 
für  Mutter  und  Kind,  besonders  bei  Placenta  praevia,  Narben,  engen  Becken 
und  Weichteilschwierigkeiten  kann  sie  die  vaginale  Untersuchung  nicht  er¬ 
setzen.  Für  den  Unterricht  hält  H.  die  rektale  Untersuchung  für  ungeeignet. 

P.  Theodor  und  G.  H  a  n  d  t  m  a  n  n  -  Hamburg:  Bakteriologisches 
zur  rektalen  Untersuchung  unter  der  Geburt. 

Durch  die  Untersuchungen  der  Verfasser  werden  die  vorstehenden  Aus¬ 
führungen  ihres  Lehrers  H.  ergänzt.  Durch  kleine,  nicht  ohne  weiteres 
erkennbare  Löcher  im  Gummihandschuh  tritt,  falls  der  Finger  gut  eingefettet 
wird,  kaum  eine  Beschmutzung  des  untersuchenden  Fingers  mit  Keimen  ein. 
Dagegen  lassen  sich  bei  grösseren  Löchern  im  Gummihandschuh  regelmässig 
pathogene  Keime  vom  Finger  abimpfen  und  züchten.  Aber  auch  im  Falle 
einer  Beschmutzung  des  Fingers  ist  es  möglich,  den  Finger  durch  Abreiben 
mit  Alkohol  2  Minuten  lang  wieder  keimfrei  zu  machen.  Die  von  Stöckel 
aus  Gründen  der  Asepsis  gegen  die  rektale  Untersuchung  erhobenen  Be¬ 
denken  sind  daher  bei  Innehaltung  der  notwendigen  Vorsichtsmassregeln 
hinfällig. 

H.  E  y  m  e  r  -  Heidelberg:  Ueber  Stirnlage. 

’  E.  berichtet  über  13  Stirnlagen  bei  10  296  Geburten.  Vollkommen  spontan 
verliefen  6  Geburten,  3  mal  wurde  die  Hebosteotomie  gemacht,  zweimal 
kombiniert  mit  Zange,  zweimal  wurde  durch  Zange  entbunden,  einmal  durch 
Kaiserschnitt,  einmal  durch  Kraniotomie  eines  abgestorbenen  Kindes.  E.  steht 
auf  dem  Standpunkt  Jaschkes,  dass  bei  der  Stirnlage  zunächst  die 
spontane  Entbindung  angestrebt  werden  soll.  Umwandlung  der  Stirnlage  in 
Gesichtslage  und  Wendung  werden  abgelehnt,  da  sie  nur  zu  einer  Zeit  aus¬ 
führbar  sind,  in  der  sie  noch  nicht  strikt  indiziert  sind,  dasselbe  gilt 
für  den  Kaiserschnitt.  Führt  das  Abwarten  der  Spontangeburt  nicht  zum 
Ziel,  so  kommen  unter  Umständen  Hebosteotomie  oder  Zange  in  Betracht. 
Die  mütterliche  Mortalität  war  9,  die  kindliche  Mortalität  5,  von  denen  aber 
nur  1  Kind  der  Klinik  zur  Last  fällt,  was  einer  klinischen  Sterblichkeit  der 
Kinder  von  11,1  Proz.  entspricht. 

A.  S  e  i  t  z  -  Giessen:  Zur  Frage  der  Geburtsleitung  bei  Stirnlage. 

Noch  konservativer  als  Heidelberg  verfährt  die  Giessener  Klinik 
(v.  J  a  s  c  h  k  e).  Auch  in  dieser  Arbeit  wird  über  13  Fälle  von  Stirnlage 
berichtet,  von  denen  10  spontan  verliefen,  2  durch  leichten  Forzeps  beendet 
wurden,  eine  Frau  bei  querverengtem  Becken  durch  Kaiserschnitt  entbunden 
werden  musste.  Alle  Mütter  und  Kinder  lebten.  Umwandlung  und  Wen¬ 
dung  werden  ebenfalls  abgelehnt.  Enges  Becken  bei  Stirnlage  verdient 
besonders  gewertet  zu  werden, 

E.  Gr  aff -Wien:  Vasa  praevia  als  Geburtskomplikation. 

Vasa  aberrantia  praevia  bei  tiefem  Lateralsitz  der  Plazenta  mit  exzentri¬ 
scher,  nicht  velamentöser  Insertion  der  Nabelschnur.  Die  rechtzeitige 
Diagnose  ermöglichte  infolge  der  daraufhin  verschärften  Geburtsleitung  die 
Geburt  eines  lebenden  Kindes.  Die  Blase  wurde  vorsichtig  unter  Schonung 
der  Gefässe  gesprengt,  und  als  später  durch  Kompression  der  Gefässe  die 
Herztöne  sehr  langsam  wurden,  das  leicht  asphyktische  Kind  durch  Zange 
geholt. 

E.  K  r  e  i  s  c  h  -  Koblenz:  Spontane  Uterusruptur  mit  Austritt  von  Frucht 
und  Plazenta  in  die  Bauchhöhle,  Operation  nach  12  Tagen. 

Entstehung  der  Ruptur  ungeklärt,  wahrscheinlich  Trauma.  Exstirpation 
des  rupturierten  Uterus  bei  der  45  jährigen  Vl-para.  Ausgang  in  Heilung 
nach  monatelangem  Krankenlager. 

H.  B  a  u  m  m  -  Breslau:  Die  Steisstherapie  bei  Placenta  praevia. 

Da  die  von  P.  Baumm  angegebene-  Steisstherapie  bei  Plazenta 
praevia  in  den  neueren  Arbeiten  von  H  i  e  s  s  und  Hitschmann 
nicht  erwähnt  ist,  wird  sie  in  empfehlende  Erinnerung  gebracht.  Sie  besteht 
in  der  äusseren  Wendung  auf  das  Beckenende  mit  nachfolgendem  Herunter¬ 
holen  eines  Fusses  zwecks  Stillung  der  Blutung  mit  dem  kindlichen  Steiss. 
Sie  ist  einfacher  und  ungefährlicher  als  die  kombinierte  Wendung  oder  die 
Metreuryse.  Ueber  die  Erfolge  mit  dieser  Therapie  wird  in  der  Arbeit  nichts 
Näheres  berichtet. 

F.  Lönne  und  F.  S  u  n  k  e  1  -  Göttingen:  Wie  beeinflusst  die  Zange 
die  Kindersterblichkeit  unter  der  Geburt? 

Die  Göttinger  Klinik  ist  die  erste,  die  der  Aufforderung  Mayers- 
Heidelberg,  an  grossem  klinischem  Material  die  Zangenfrequenz  der  Gesamt¬ 
zahl  der  Totgeburten  gegenüberzustellen,  nachgekommen  ist.  Die  zahlen- 
mässigen  Ergebnisse  unterscheiden  sich  nur  wenig  von  den  Zahlen  der  Heidel¬ 
berger  Klinik,  doch  kommen  die  Verf.  zu  anderen  Schlüssen.  Sie  glauben, 
dass  durch  rechtzeitiges  Anlegen  der  Zange  eine  ganze  Anzahl  Kinder  dem 
Leben  gegeben  wurden.  Der  K  r  i  s  t  e  1 1  e  r  sehe  Handgriff  ist  nur  mit 
grösster  Vorsicht  anzuwenden. 

M.  I  c  h  e  n  h  ä  u  s  e  r- Bonn:  Sekundäre  Bauchhöhlenschwangerschaft 
nach  Ruptur  der  Kaiserschnittsnarbe. 

4  Jahre  nach  einem  Kaiserschnitt  mit  querem  Fundalschnitt  2.  Schwanger¬ 
schaft,  die  normal  verläuft,  nur  dass  am  Ende  der  Schwangerschaft  keine 
Wehen  eintreten.  Pituitrin  und  Ballonbehandlung  ohne  Erfolg,  daher  vaginaler 
Kaiserschnitt  und  Geburt  eines  inzwischen  abgestorbenen  Kindes  durch  Ex¬ 
traktion.  Wegen  starker  Blutung  Versuch  der  manuellen  Plazentarlösung, 
wobei  Darmschlingen  gefühlt  werden.  Die  sofort  vorgenommene  Laparo¬ 
tomie  ergab,  dass  die  Eihäute  fest  mit  den  Darmschlingen  verwachsen  sind. 
Die  Plazenta  sitzt  an  der  Hinterfläche  der  Bauchwand  von  der  Mesenterial¬ 
wurzel  bis  zum  Promontorium,  der  unterste  Zipfel  noch  auf  der  Uteruswand. 
Supravaginale  Uterusamputation.  Am  nächsten  Tag  Exitus.  Nach  Ansicht 
des  Verfassers  ist  das  allmähliche  Bersten  des  Uterus  hier  im  4. — 5.  Monat 
erfolgt. 

H.  G  u  t  h  m  a  n  n  -  Frankfurt:  Die  Lichtbehandlung  der  weiblichen 
Gonorrhöe. 

In  die  Zervix  wurde  eine  von  Christen  konstruierte  Leuchtsonde 
mit  Wasserkühlung  eingeführt,  die  an  einem  kleinen  Induktor  angeschlossen 
mit  10 — 40  Milliampere  betrieben  wurde.  Es  gelang  mit  ausschliesslicher 
Lichtsondenbehandlung,  die  Gonokokken  in  einer  Anzahl  von  Fällen  voll¬ 
ständig  zum  Verschwinden  zu  bringen.  Noch  besser  waren  die  Erfolge  bei 
gleichzeitiger  Cholevalbehandlung.  Für  den  Praktiker  ist  diese  Behandlungs- 


weisc  leider  zu  teuer  und  sehr  zeitraubend,  da  die  einzelnen  Sitzungen 
H— lK>  Stunden  dauern  und  häufig  9—10  Sitzungen  notwendig  sind. 

E.  H  e  n  r  a  r  d  -  Königsberg:  Verletzung  des  kindlichen  Schädels  infolge 

Rigidität  des  Muttermundes.  . 

Zwillingsgeburt.  Das  erste  Kind  hatte  infolge  des  zu  unnachgiebigen 
Muttermundes  einen  1 — 2  cm  breiten,  kranzförmigen  Wundstreifen  um  den 
Kopf,  es  ging  8  Tage  p.  p.  an  dieser  Wunde  zugrunde.  Das  zweite  Kind, 
das  7  Stunden  später  durch  Extraktion  am  Fuss  entwickelt  werden  sollte, 
wird  vom  Muttermund  festgehalten,  so  dass  der  Kopf  nicht  entwickelt  werden 
konnte  und  das  Kind  abstirbt.  Bei  der  später  notwendig  werdenden  Lösung 
der  Nachgeburt  zeigt  sich  der  innere  Muttermund  kaum  für  3  Finger  durch-, 
gängig  und  absolut  dehnungsunfähig. 

A.  K  1  o  p  s  t  o  c  k  -  Berlin :  Familiäres  Vorkommen  von  Zyklopie  und 
Arrhinenzephalie. 

Die  Eltern  der  beschriebenen  Missgeburten  sind  Vetter  und  Base.  Erstes 
Kind  1913,  Missbildung.  Zweites  Kind  1914  gesund,  aber  mit  auffälliger 
Gesichtsbildung.  Hohe  Stirn,  eingesunkener  Nasenrücken  und  flache  Nase. 
1915  Abort.  1918  und  1919  je  eine  Missbildung,  die  beide  ausführlich 
pathologisch-anatomisch  beschrieben  werden.  Die  eine  ist  eine  Zyklopie  mit 
Nebennierenmangel,  die  andere  ein  Kebozephalus  mit  Ren  arcuatum. 

K  o  1  d  e  -  Magdeburg. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  2. 

L.  S  e  i  t  z  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  die  Benennung  der  Menstruations- 
unregelmässigkeiten.  I 

Verf.  schlägt  als  zweckmässige  Bezeichnungen  vor:  Algomenorrhöe 
=  schmerzhafte  Periode,  Dysmenorrhöe  —  schlechte  Periode,  Algodysmenor- 
rhöe  =  kombinierte  Form.  Diesen  Störungen  in  der  Empfindung  stehen 
folgende  Störungen  in  der  Blutung  gegenüber:  Amenorrhoe  =  fehlende  Blu¬ 
tung.  Oligomenorrhoe  =  zu  schwache  Blutung,  Polymenorrhoe  —  zu  starke 
Blutung.  Proiomenorrhöe  =  die  frühzeitige,  in  zu  kurzen  Zwischenzeiten  auf¬ 
tretende,  anteponierende  Periode,  Opsomenorrhöe  =  die  zu  spät,  post- 
ponierende  Periode. 

Th.  v.  Jaschke  und  Rud.  Salomon  -  Giessen:  Zur  Fluorbehandlung 

mit  Bacillosan. 

Das  Bacillosan  besitzt  keine  Konstanz  und  ist  in  der  bisher  im  Handel 
üblicheri  Form  für  die  Praxis  ungeeignet.  Die  biologischen  Grundlagen  der 
von  L  o  e  s  e  r  inaugurierten  Fluorbehandlung  bleiben  durch  die  Unter¬ 
suchungen  der  Giessener  Klinik  unberührt. 

P.  v.  Kubinyi  und  B.  Johan-Pest:  Gumma  syphiliticum  ovarii. 
positiver  Spirochätenbefund. 

Der  Fall  ist  eine  knotig-gummöse  Syphilis  im  Ovarium,  wo  im  Gummi¬ 
knoten  Spirochäten  mit  Levaditifärbung  nachgewiesen  werden  konnten,  und 
vielleicht  der  erste  in  der  Literatur. 

Olga  S  t  e  n  d  i  n  g  -  Beuthen  (O.-Schl.):  Beitrag  zur  Vaginoplastik. 

Die  Verfasserin  tritt  warm  für  die  Mastdarmmethode  ihres  Lehrers 
Schubert  ein  und  stellt  zu  Schuberts  alten  33  Fällen  14  weitere 
zusammen. 

O.  Fohr-Mainz:  Zum  hohen  Geradstand. 

Kasuistik:  Positio  occipitalis  sacralis  mit  Vorderhauptslage  bei  einer 
26  jährigen  I-para  mit  allgemein  verengtem  Becken,  bei  der  nach  völliger 
Eröffnung  des  Muttermundes  der  Kopf  trotz  guter  Wehen  keine  Tendenz 
zeigte,  spontan  im  Becken  vorzurücken. 

Aug.  N  e  1  i  u  s  -  Mainz:  Zur  Aetiologie  des  tiefen  Querstandes. 

Schilderung  von  3  Fällen,  in  denen  die  Kürze  der  Nabelschnur  und  ihre 
feste  Umschlingung  um  den  kindlichen  Hals  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  als 
ätiologisches  Moment  in  Frage  kommt.  Werner-  Hamburg. 

Zeitschrift  für  Kinderheilkunde.  31.  Band.  1.  u.  2.  Heft. 

Josef  F  r  i  e  d  j  u  n  g  -  Wien:  Beiträge  zur  Kenntnis  der  kindlichen 
Sexualität. 

Der  Begriff  des  Sexuellen  wird  gewöhnlich  zu  eng  gefasst  und  Fried¬ 
jung  bezieht  nach  dem  Vorgänge  Freuds  auch  alle  lustbetonten  Trieb¬ 
befriedigungen,  die  nicht  dem  Zwecke  der  Selbsterhaltung  dienen,  in  ihn 
hinein.  Auch  am  Kinde  sind  diese  „Partialtriebe“  (Freud)  zu  beobachten 
und  ihnen  widmet  F  r  i  e  d  j  u  n  g,  gestützt  auf  ein  reiches  Material,  seine 
eingehende  Untersuchung.  Er  unterscheidet  drei  Gruppen  von  Lustbefriedi¬ 
gung:  1.  Autoerotik,  die  am  eigenen  Körper  gesucht  und  gefunden  wird  und 
die  früheste  Zeit  der  Kindheit  charakterisiert.  Unter  den  „erogenen“  Zonen 
ist  eine  der  vorzüglichsten  der  Mund,  der  zum  „Ludeln“  kleiner  und  grösserer 
Kinder  führt,  ferner  der  Anus,  auch  die  Fälle  von  Haut-  und  Urethralerotik 
gehören  hierher.  Endlich  ist  Onanie  schon  im  Säuglingsalter  häufig  zu  be¬ 
obachten.  2.  Heteroerotik:  Das  Kind  sucht  andere,  meist  geliebte  Personen 
zum  Zwecke  des  Lustgewinnes  sich  dienstbar  zu  machen.  Die  häufigste  Form 
solch  einer  Aggression  ist  das  Suchen  der  Brustkinder,  aber  auch  grösserer 
Kinder,  bis  in  das  4.  Jahr  hinein,  nach  der  Brust,  nicht  nur  der  Mutter  oder 
Amme,  sondern  auch  fremder  Personen.  Hierher  gehört  das  Interesse  der 
Kinder  am  Anblick  nackter  Körperteile,  besonders  an  den  Genitalien  des 
anderen  Geschlechts.  Auch  der  Wunsch,  von  Erwachsenen  des  anderen  Ge¬ 
schlechtes  ins  Bett  genommen  zu  werden,  hat  hier  seine  Triebursache. 
3.  Psychosexuelles  Verhalten:  Schwärmerische  Liebe  und  Eifersucht  bis  zu 
tödlichem  Hass,  letztere  auch  auf  ein  Tier,  rangieren  hierher;  diese  Liebe  der 
Kinder  den  Eltern  gegenüber  bezieht  sich  auf  den  andersgeschlechtlichen, 
die  Eifersucht  auf  den  gleichgeschlechtlichen  Teil.  Fehlt  Schamhaftigkeit  dem 
frühen  Kindesalter,  so  kann  sie  in  einem  späteren  zum  Exhibitionismus  sich 
steigern  und  anderseits  in  der  Pubertätszeit  zu  einer  übertriebenen 
Schamhaftigkeit  ausarten.  Zahlreiche  Beispiele  aus  der  Praxis  belegen  die 
Ausführungen  F  r  i  e  d  j  u  n  g  s. 

Max  Frank-  Prag:  Beitrag  zur  Biologie  der  weissen  Blutzellen  in  der 
Neugeburtszeit  und  im  Säuglingsalter. 

Das  qualitative  Blutbild  der  Gebärenden  und  des  Neugeborenen  zeigt 
grosse  Aehnlichkeit,  eine  zwingende  Folge  der  symbiotischen  Abhängigkeit 
der  Frucht  von  der  Mutter.  Dadurch  entsteht  das  Bild  der  „Synkainogenese“ 
(K  o  h  n).  Durch  Vermittlung  der  Plazenta  werden  dem  Fötus  Stoffe  zuge¬ 
führt,  wie  sie  der  gravide  mütterliche  Organismus  bildet.  Diese  üben  auf 
verschiedene  Organe  des  Fötus  naturgemäss  dieselben  Wirkungen  aus,  wie  auf 
die  Organe  des  eigenen  Körpers.  Als  Folgen  dieser  Wirkung  sind  Bildungen, 
wie  z.  B.  Infiltration  der  Brüste,  Produktion  von  Milch  in  denselben,  Ver- 
grösserung  des  Uterus,  Vergrösserung  der  Nebenniere  beim  Neugeborenen 
aufzufassen.  Auch  die  besondere  Zusammensetzung  des  Blutes  in  den  ersten 


3.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


173 


Lebenstagen  bezüglich  seiner  morphologischen  Elemente,  nämlich  des  Vor- 
wiegens  des  myeloischen  Anteils  des  weissen  Blutbildes  muss  als  Synkaino- 
genesc  angesehen  werden.  Mit  dem  Fortfällen  der  Ernährung  durch  die 
Plazenta  muss  sich  dieses  Blutbild  aus  demselben  Grunde  ändern,  aus  dem 
sich  die  synkainogenetischen  Merkmale  zuriickbilden.  Diese  Aenderung  des 
Blutes  setzt  rasch  nach  der  Geburt  ein  und  vollzieht  sich  schneller  als  die 
Rückbildung  anderer  synkainogenetischer  Erscheinungen.  Die  von  F  r  a  n  k 
sog.  postnatale  Involution  des  myeloischen  Systems  lässt  sich  im  qualitativen 
Blutbilde  verfolgen  und  wird  auf  Grund  des  Materials  der  Universitäts- 
Kinderklinik  in  eingehender  Darstellung  aufgezeigt.  Genaue  Zählungen  der 
verschiedenen  Zellformen  geben  in  tabellarischer  Uebersicht  ein  genaues  Bild 
für  jeden  Tag  der  „postnatalen  Involutionsperiode“.  .Frank  kommt  zum 
Schluss,  dass  das  Blutbild  um  den  14.  Lebenstag  herum  seine  definitive 
jestalt  annimmt. 

Arvid  W  a  1 1  g  r  e  n  -  Upsala:  Zur  Symptomatologie  und  Pathogenese  des 
Dedema  scorbuticum  invisibile. 

I  Das  in  den  letzten  Jahren  häufigere  Vorkommen  von  Skorbut  sowohl  bei 
erwachsenen  als  auch  bei  Säuglingen  hat  zu  einer  wesentlichen  Erweiterung 
ler  Symptomatologie  dieser  Krankheit  geführt.  Waren  früher  nur  die  Skelett- 
/eränderungen  und  die  hämorrhagische  Diathese  als  die  Charakteristika  ge¬ 
wertet,  so  sind  neuerdings  die  Blutveränderungen,  die  Kapillarwandschwäche 
nid  die  Herzdilatation  beim  Säuglingsskorbut  als  Legalerscheinungen  erkannt 
worden.  Einem  anderen  Krankheitsphänomen  der  älteren  Literatur,  der 
Störung  des  Wasserhaushaltes,  hat  W  a  1 1  g  r  e  n  am  Material  der  Universitäts- 
Kinderklinik  in  Wien  (Vorstand  Prof.  Pirquet)  seine  eingehenden  Unter¬ 
suchungen  gewidmet  (mehr  als  20  Fälle).  Beim  Säuglingsskorbut  findet  eine 
vVasserretention  im  Körper  statt,  die  sich  von  dem  gewöhnlichen  Oedem  da- 
lurch  unterscheidet,  dass  sie  keine  Fingereindrücke  hinterlässt  und  sich  nur 
lurch  grosse  Schwankungen  des  Körpergewichts  manifestiert,  für  die  eine 
indere  Ursache  nicht  nachweisbar  ist  und  die  daher  als  Schwankungen  des 
.Vassergehaltes  gedeutet  werden  müssen.  Gewichtsstürze  sind  am  häufigsten 
während  des  floriden  Stadiums  der  Krankheit  zu  beobachten,  kommen  aber 
luch  nach  Ablauf  der  klinischen  Skorbutsymptome  noch  vor.  In  Ausnahme- 
' äUen  war  manifestes  Oedem  zu  beobachten.  Zwischen  diesem  und  dem 
atenden  Oedem  besteht  ein  wesentlicher  Unterschied:  beim  latenten  Oedem 
st  die  Störung  des  Wasserhaushaltes  auf  das  intrazelluläre,  assimilierte 
wasser  beschränkt,  bei  klinischem  Oedem  ist  die  Assimilationsfähigkeit  der 
.eilen  herabgesetzt  oder  ihre  Funktionsbreite  schon  überschritten.  Bisweilen 
st  das  latente  Oedem  des  Säuglingsskorbut  klinisch  nachweisbar  durch  den 
•ermehrten  Turgor,  die  Abschwellung  aber  immer  durch  das  Messband,  wobei 
:s_  schwierig  sein  kann,  das  Oedem  von  periostalem  Hämatom  zu  unter- 
cheiden  Durch  alle  die  erwähnten  Beobachtungen,  Oedeme  während  des 
lohestadiums  der  Krankheit,  reparatorische  Gewichtssenkung  mit  Ver- 
mnderung  des  Turgors,  Harnflut  und  Abschwellung  der  Glieder,  darf  an- 
.enommen  werden,  dass  bei  den  Barlowkindern  eine  Tendenz  zur  Auf- 

peicherung  von  Wasser  im  Organismus  vorhanden  ist.  Oedeme  bei  Säug- 

ingen  sind  ungleich  seltener  als  bei  Erwachsenen  renalen  oder  kardialen 

rsprungs.  Ein  grosser  Teil  ist  alimentär  bedingt,  durch  ungeeignete 
iahrung  und  durch  geeignete  Nahrung  zum  Schwinden  zu  bringen.  So  ver- 
ntasst  bekanntlich  eine  zu  lange  verabreichte  einseitige  Kohlehydrat- 

rnahrung,  besonders  Mehlnahrung,  bedeutende  Wasseransammlungen  im 
-orper.  In  der  Anamnese  skorbutkranker  Säuglinge  findet  sich  oft,  aber  doch 
lcnt  immer,  die  reichliche  Kohlehydratdiät  und  es  wäre  falsch,  diese  allein 
ir  die  Wasserretention  beim  Säuglingsskorbut  verantwortlich  zu  machen  — 
ahlreiche  Krankengeschichten  und  Gewichtskurven  illustrieren  Wallirrens 
.usfuhrungen. 

es  Neugeborenen  *  *  Z  "  Erankblrt  a-  M-:  Die  traumatische  Gehirnerweichung 

lnJZLÜat  aJ*  *1?  ,?ur  ^ektion  gelangten  Neugeborenen  systematische 

suchungen  des  Gehirns  angestellt.  Sie  betrafen  frühgeborene  und  aus- 
(etragene  Kinder,  die  während  oder  kurz  nach  der  Geburt  gestorben  waren 
dAbls  Z“  ™ehreren  Monaten  gelebt  hatten.  In  105  Fällen  konnten  aus- 
edehnte  Schädigungen:  piale  und  mtrazerebrale  Blutungen  und  auch  Er¬ 
ziehungen  m  der  Gehirnsubstanz  festgestellt  werden.  Die  Schädigungen 
"A“  ln  e’ner  charakteristischen  Anordnung  anzutreffen  und  ihr  Stadium 
angt  ab  von  der  seit  der  Geburt  verflossenen  Zeit.  Die  Ursachen  dieser 
chadigungen  sind  die  Druckdifferenzen,  denen  der  vorliegende  Teil  während 
er  Geburt  ausgesetzt  ist  und  es  entstehen  die  für  die  Lage  der  Frucht  so 

Sr^VM/n^dr^Ckver?nderun-n’  bei  Schädellagen  die  Kopf- 
.  Kephalhamatom,  die  pialen  und  intrazerebralen  Blutungen, 

iressi™  evi  ®nt.sprechend  deJ  Geburtslage.  Die  Folge  sind  ganz  typische 
Veränderungen;  anfangs  nur  aus  Fettkörnchenzellen  bestehende 
,•  je Her  das  Kind  w‘rd.  um  so  mehr  Zellen  erscheinen,  die 

1t  “  etl’  d‘e  *?erA  grenzen  und  durchspinnen.  Im  Endstadiurn 

;  et  man  eine  aus  derbem  Gewebe  bestehende  Narbe.  —  Die  von 
.  'm  dah.re  1867  beschriebene  „Encephalitis  interstitialis  neo- 

eburtTtnnmq  nai?h  den  Untersuchungen  von  Schwartz  ein  durch  das 
.hn™ir  -  hervorgerufener  Erweichungsprozess  im  Gehirn  Neu- 
'  r£Ar'  Geburtsschadigung  des  Gehirns  findet  viel  häufiger  statt  als 
A  blshA  an^ea°mmen  hatte  In  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  von 

■hwärhe“  fanA  61-5  A  e  von  ”TotSeburt“.  „Asphyxie“,  „Lebens- 

•tiwache  fanden  sich  typische  anatomische  Befunde,  so  dass  Zustände,  wie 

erden  ”in  vfp^n^F ’u”AaPhyr  ’  ”Atrophie“-  „Lebensschwäche“  bezeichnet 
srursacht  sind  F  dUrCh  traumat‘sche  Gehirnschädigung  bei  der  Geburt 

i‘ckeM(MoZnwIefnfieckeeb)er.  ^  morpho,ogische  Bedeutung  der  blauen  Geburts- 

reu?le!Lan^b°renen  bIäul.ichen  Pigmentflecke,  die  meist  in  der  Haut  der 
on  n  ^elssgegend  sitzen,  werden  am  häufigsten  an  Kindern  der 
,5  ,  Rasf  beobachtet,  bei  den  Japanern  in  99,5  Proz.  der  Kinder, 

,  I  A  aber.  a^!’  ,be‘  Klndern  der  kaukasischen  Rassen  vor.  Zar  fl  hat 

was  b“b“"te'- 

*  c “  Be"ra'  z"  Pro,!nose 

iivStfmcZtB-aSf  An.,M?Arial  von  78  Pallen  von  Pleuritis  der  Wiener 
S  “  (Vorstand :  Prof.  Pirquet),  von  denen  39  nach- 
d  mm  c  m  konnten,  z.  T,  bis  zürn  19.  Lebensjahre,  kommen  die 

dere  ^tiMo^iAAmfA  pf  a'le  .  Pleuritiden  der  Kinder,  bei  denen  eine 
aere  Aetiologie  (Sepsis,  Rheumatismus,  Infektionskrankheiten)  nicht  sicher 


I  nachzuweisen  ist,  als  tuberkulöse  aufztifassen  sind.  Von  den  39  nachunter- 
1  suchten  Fällen  zeigten  41  Proz.  völlige  Ausheilung,  38  Proz.  nur  sehr  geringe 
Reste,  10  Proz.  mittelschwere  bis  schwere  Veränderungen.  Narbige  Ver¬ 
änderungen  nach  Pleuritis  sind  noch  nach  vielen  Jahren  einer  weiteren 
Rückbildung  bis  zum  völligen  Verschwinden  der  Veränderungen  fähig.  Die 
Prognose  der  kindlichen  tuberkulösen  Pleuritis  ist  demnach  iin  allgemeinen 
als  gut  zu  bezeichnen.  Zahlreiche  Krankengeschichten  gewähren  genauen 
Einblick  in  das  zugrunde  liegende  Material. 

Charlotte  Steinkopf:  Das  Auslöscliphänomen  bei  Scharlach. 

Das  Auslöschphänomen  besagt,  dass  nach  Intrakutanisierung  normalen 
menschlichen  Serums  das  Scharlachexanthem  in  der  Umgebung  der  Injektions- 
Quaddel  (ca.  handtellergross)  verschwindet,  „ausgelöscht“  wird  und  während 
der  ganzen  Dauer  des  Exanthems  nicht  wieder  erscheint.  Mit  Hilfe  dieser 
Methode  müsste  es  möglich  sein  die  Diagnose  Scharlach  mit  Sicherheit  zu 
stellen  bzw.  abzulehnen.  Das  Serum  eines  Scharlachrekonvaleszenten  hat 
3  Wochen  lang  seit  Beginn  der  Erkrankung  diese  Fähigkeit  nicht.  Demgemäss 
lässt  sich  eine  direkte  und  indirekte  Methode  in  Anwendung  bringen.  Ver- 
fassenn  hat  am  Kaiser-  und  Kaiserin-Friedrich-Krankenhause  in  Berlin  (Leiter 
Prof  Fmkelstein)  diese  Methoden  geprüft  und  ist  zu  folgenden  Re¬ 
sultaten  gekommen:  Bei  Anwendung  der  direkten  Methode  zeigte  sich  in  29 
von  34  Fallen  ein  ausgesprochenes  Auslöschphänomen,  in  5  Fällen  versagte 
die  Probe,  bei  Anwendung  der  indirekten  Methode  waren  die  Resultate  noch 
günstiger.  Da  also  Versager  Vorkommen,  so  müssten  gegebenenfalls  in  praxi 
ev.  beide  Methoden  in  Anwendung  kommen.  —  In  Betreff  der  Ursache  des 
Ausloschphänomens  neigt  Ch.  S  t  e  i  n  k  o  p  f  dahin,  die  Auslüschung  als  eine 
antitoxische  Wirkung  des  Normalserums  auf  das  in  der  Haut  des  Kranken 
befindliche  Virus  bzw.  Toxin  zu  erklären.  v.  Schrenck  -  München. 

Monatsschrift  für  Kinderheilkunde.  Band  XXII.  Heft  1  ti.  2. 

Ho  Wilhelm  Kno  e  p  f  elmacher  nud  Clara  K  o  h  n:  Untersuchungen  über 
den  üallenfarbstoff  beim  Ikterus  neonatorum. 

r,  Blat  des  Fötus  enthält  schon  grosse  Mengen  von  Gallenfarbstoff. 

Das  Material  für  denselben  kann  dem  mütterlichen  Blute  entstammen.  Der 
Gallenfarbstoff  beim  Neugeborenen  erweist  sich  als  anhepatisch  im  Sinne 
von  Hnmans  van  den  B  e  r  g  h.  Für  die  Annahme  eines  Stauuifks- 
lkterus  besteht  kein  Anhaltspunkt. 

Kindern  °  Tezner:  Ueber  Liquorbefunde  bei  kongenitalsyphilitischen 

Poro,?oi,l^andywSCbe  Reaktion  ging  stets  der  Nonneschen  parallel;  eine 
Parallelität  zwischen  den  übrigen  Reaktionen  liess  sich  nicht  feststellen.  Viel 
olter  als  bei  Erwachsenen  findet  sich  positiver  Wassermann,  oft  sogar  als 
emzige  Veränderung  im  Liquor.  Der  Liquor  zeigt  sich  bei  einem  verhältnis¬ 
mässig  hohen  Prozentsatz  von  Säuglingen  affiziert;  doch  gehen  die  Ver¬ 
änderungen  rasch  zurück  und  lassen  sich  nicht  auf  eine  dauernde  Schädigung 
des  Zentralnervensystems  beziehen. 

mif  RitcoJciH  U  1  nAr:  U^b6r  lin  Samiliar  auftretendes  letales  Krankheitsbild 
mit  Blasenbildung  (Pemphigus  hereditarius). 

nworoo  hA?el!i  Slch.  am  ein,  eigenes  Krankheitsbild  (teilweise  tiefgehende 
Ulzerationen),  das  mit  der  echten  Epidermolysis  nichts  zu  tun  hat. 

rungen  bei6  Kindern160^  anfa,lsweise  auftretende  vegetativ-neurotische  Stö- 

cvm„EltrerSrltS  sympathikotonische  Erscheinungen,  anderseits  Zeichen  para- 

torTsrh^  Voer  • ErregUng  und.  Lähmung.  Verantwortlich  dürften  innersekre- 
torische  ^Vorgänge  sein.  Die  Zutsände  gehen  meist  unter  der  Diagnose 
„  namie  ,  „Nervosität  ‘  und  ähnlichen  Verlegenheitsbenennungen 

Pflegerin.  6  U  S  s:  Einige  Bemerkungen  über  den  Unterricht  der  Säuglings- 

j  D.er  theoretische  Unterricht  soll  auf  das  Notwendigste  eingeschränkt  wer- 
Ärep?*fe*Hen  das„praktische  Lehrgebiet  erweitert  werden  und  zwar 
einerseits  durch  Vervollständigung  des  zur  Beobachtung  gebotenen  Kinder- 

S  'Sntmlri"8!11’  Säuglingsfürsorgestelle,  Kinderkrankenambulanz 
tn  dForkm  !  nPC  b  M ’■  anderseits  durch  Vervollständigung  des  Lehrstoffes 
A,-  ,  I  r-  A  Überblicks  über  alle  gangbaren  Nähr-  und  Pflegemethoden 
der  verschiedenen  pädiatrischen  Schulen.  B 

nA*  E!n  Eal1  Jvon  Hauttuberkulose  (kutane  Primärinfektion?). 

q  ,  . Geschwür  lag  in  der  Rückenhaut  und  war  wahrscheinlich  durch 

bazihenri  entstand  en6  m  6  f  gewöhnlichen  Impetigoeffloreszenz  mit  Tuberkel- 

lingsaHer.KirSCh’HOf'fer:  Zw  Kasuistik  der  Nephritis  Juetica  im  Säug- 
Tod  unter  Oedemen.  Keine  Sektion. 

c..  .?'  B.  e,ss.au:  s-  R  o  s  e  n  b  a  u  m,  B.  L  e  i  c  h  t  e  n  t  r  i  1 1:  Beiträge  zur 
Sauglingsintoxikation.  I.  Mitteilung.  Einleitung  eitrage  zur 

der  fallen  in  die  Sommermonate.  In 

vorhanden  fein  tFrei£ lA ltlol.oglsS)hes  M°mePt  »r  den  Sommerbrechdurchfall 
keit  einer  e  x  o  fe  n  e  n  An  Ai  BrHstklnder)-  Es  besteht  hier  die  Möglich- 
Eine  Milch  knnn  „n-ii  k°NbesiedeIung  der  oberen  Darmabschnitte, 
eine  milch  kann  noch  einwandfrei  erscheinen  und  doch  bereits  eine  enorme 

dnAandfre  e  StA'ilN  tenthalten:M  ??on  höchster  Wichtigkeit  ist  deshalb  die 
einwandfrei  Sterilisation  der  Nahrung,  wie  sie  in  den  Milchküchen 

aber  vielfach  nicht  im  Haushalt,  erfolgt.  Die  primäre  Störung  bei  den 

iurAhf  n  hfSt  der..Durchfall,  das  primäre  schädigende  AgenSE  also  ein 

roge'tiw”™  nÄSSn"4*  Moxibt'°"  selb5'  isl  ei“ 

e,*'C  3- rhra°^eh“„p^ro<[S^‘i"-- 

Die  Frage  wird  mit  Ja  beantwortet.  Der  genannte  Bazillus  führte  mch 
vorausgegangener  Angina  zu  einer  schweren  Sepsis  mft  SiaSSKtSS 

Kindesalter.  *  Zur  D,ag,10se  «"d  Behandlung  der  Nasendiphtherie  im 

\\n  E^gänzung  zu  dem  gleichen  Aufsatz  von  H.  0  p  i  t  z  in  H  2  d  Zschr 
„Wir  diagnostizieren  Diphtherie  nach  dem  klinischen  Befund  und  lassen  die 
mgnose  nur  sichern  durch  den  bakteriellen  Nachweis.“  Erfahrungen  die 
im  letzten  Stand  der  Diphtherieepidemie  in  Deutschland  gewonnen  werden 
haben  nur  eine  zeitliche,  vorübergehende  Bedeutung  und  SemäTs  rfnd 

‘  'Et  h's’i'lMi  ai'S.n.“,r  6r"ic.h  ""0  “lllich  zutreffend werten.“ 

Racfiitisdiaenose.  Klinischer  und  ana,„n,iseher 

Aus  dem  Umfange  der  Knorpelverdickung  kann  nicht  auf  die  SeWere 
der  rhachitischen  Prozesse  geschlossen  werden.  Schwere 


174 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


Erich  Nassau:  Lieber  epidemiologische  Beobachtungen  und  über  abor¬ 
tive  Masern  im  frühen  Kindesalter. 

Der  hohen  Kontagiosität  (im  Sinne  von  S  z  o  n  t  a  g  h)  von  Masern 
und  Windpocken,  wobei  die  Varizellen  den  Masern  etwas  nachzustehen 
scheinen,  steht  die  geringe  Uebertragbarkeit  der  Scharlacherkrankung  gegen¬ 
über.  Die  Disposition  zur  Erkrankung  an  Varizellen  und  Masern  ist  im 
Spital  beim  Säugling  und  Kleinkinde  stets  vorhanden.  Die  abortiven  Masern 
der  ersten  Lebensmonate  werden  genauer  beschrieben.  Theoretische  Er¬ 
klärungsversuche  derselben. 

W.  Erfurth:  Zur  Kasuistik  der  Ohrmissbildungen  (Fistula  auris  con¬ 
genita  und  Atresie  des  Gehörgangsl. 

Carl  Lein  er:  Sammelreferat  über  die  dermatologische  Literatur  des 
Jahres  1920. 

Referate. 

Heft  2.  Enthält  die  Verhandlungen  der  32.  Versammlung  der  Deutschen 
Gesellschaft  für  Kinderheilkunde  in  Jena  1921.  Vgl.  Referat  in  d.  Wschr. 
1921,  Nr.  31,  S.  996.  Albert  U  f  f  e  n  h  e  i  m  e  r  -  München. 


Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Band  96.  Heft  5. 

Er.  Schiff  und  E.  Stransky:  Besonderheiten  in  der  chemischen 
Zusammensetzung  des  Säuglingsgehirns.  (Aus  der  Universitäts-Kinderklinik 
in  Berlin.) 

Die  Untersuchungen  ergaben,  dass  der  Wassergehalt  des  Gehirns  mit 
steigendem  Alter  abnimmt,  während  im  Laufe  der  Entwicklung  der  Lipoid¬ 
gehalt  des  Gehirns  zunimmt;  während  beim  jungen  Säugling  die  Gehirn- 
Trockensubstanz  nur  etwa  zu  einem  Drittel  aus  Lipoiden  besteht,  be¬ 
trägt  dieselbe  bei  Erwachsenen  etwa  zwei  Drittel  derselben.  Diese 
chemische  Zusammensetzung  des  Gehirns  beim  Säugling  ist  für  das  Auf¬ 
treten  von  Quellungsprozessen  eine  recht  günstige,  hiermit  dürfte  die  Krampf¬ 
bereitschaft  im  Säuglingsalter  zum  Teile  Zusammenhängen,  auch  die  Sym¬ 
ptome  der  zerebralen  Rachitis  mögen  so  ihre  Erklärung  finden. 

K.  A.  Zahn:  Ernährungsversuche  am  Fistelhund.  (Aus  dem  physio¬ 
logischen  Institut  [Prof.  O.Kestner]  und  der  Kinderklinik  [Prof.  H.Klein- 
Schmidt]  der  Universität  Hamburg.) 

Aus  den  Schlusssätzen  der  Arbeit  sei  hervorgehoben,  dass  der  Sekre- 
tioifsverlauf  beim  Duodenalfistelhund  unter  normalen  Verhältnissen  zwischen 
Kuhmilch,  Buttermilch  und  Magermilch  keinen  nennenswerten  Unterschied  er¬ 
kennen  liess.  Bei  hitzegeschädigten  Tieren  ist  eine  beträchtliche  Herabsetzung 
des  Salzsäuregehaltes  im  Magensaft  festzustellen  und  kommt  es  bei  Voll-  und 
Magermilch  zu  einer  abnorm  'schnellen  Ausschüttung,  während  bei  Butter¬ 
milch  durch  ihren  Milchsäuregehalt  keine  Abweichungen  von  normalen  Ver¬ 
hältnissen  eintreten.  Einfacher  Eettzusatz  (Butter  oder  Sahne)  fünrt  zu  ab¬ 
normem  Verdauungsablauf,  nicht  dagegen  Buttermehlnahrung.  Die  weiteren 
—  meist  die  Extraktivstoffe  betreffenden  Ergebnisse  können  hier  unerwähnt 


Johannes  Scho  edel:  Diphtheriebazillen  in  der  Nase  des  Neugeborenen 
und  älterer  Säuglinge.  (Aus  dem  Mütter-  und  Säuglingsheim  [Oberarzt 
Dr.  Schoedel)  der  Staat!.  Frauenklinik  Chemnitz  [Dir.  Prof.  Dr.  Krull]). 

Rudolph  Spitzner:  Die  Prophylaxe  und  Behandlung  der  Diphtherie¬ 
bazillenträger  im  Säuglingsalter.  (Aus  dem  Mütter-  und  Säuglingsheim  der 
staatlichen  Frauenklinik  in  Chemnitz-Altendorf.) 

Beide  Arbeiten  klären  in  dankenswerter  Weise  die  noch  immer  in  allerlei 
Widersprüchen  verstrickte  Frage  der  Di.-Bazillose  im  Säuglingsalter,  zumal 
in  Anstalten.  —  Da  zu  kurzem  Referate  nicht  geeignet,  sei  eine  zusammen¬ 
fassende  Publikation  der  Ergebnisse  in  einer  allgemeiner  zugänglichen  medi¬ 
zinischen  Zeitschrift  vom  Ref.  angeregt.  Erwähnt  sei  hier  nur  die  empfehlende 
Anwendung  des  Dipthosans  in  der  Behandlung  der  Di-Bazilllenträger,  in 
einer  Lösung  1 :  5000,  1 — 2  stündlich  mittels  Pipette  abwechselnd  in  jedes 
Nasenloch  bis  zu  5  ccm  —  cave,  wegen  der  orangefärbenden  Wirkung  auf  die 
Wäsche.  8 — 10  tägige  Kur  führt  durchschnittlich  zum  Ziel. 

Hermann  B  r  ü  n  n  i  n  g  -  Rostock:  Zur  Frage  der  Tuberkuloseinfektion 
bei  Kindern  der  Privatpraxis. 

Danach  hat  jeder  16.  Säugling,  fast  jedes  4.  Kind  im  Spielalter  und  fast  jedes 
2.  Kind  im  Schulalter  bereits  eine  Tuberkulloseinfektion  durchgemacht.  B. 
fordert  zu  energischen  prophylaktischen  und  therapeutischen  Massnahmen 
dieser  keineswegs  auf  das  Proletariat  beschränkten  Volksseuche  auf. 

Literaturbericht,  zusammengestellt  von  Hamburger  -  Berlin. 

O.  Rommeli  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  2  und  3. 

E.  Romberg:  Ueber  Nephritis.  Fortbildungsvortrag. 

R.  Schmidt:  Zur  Kenntnis  der  Aortalgien  (Angina  pectoris)  und  über 
das  Symptom  des  anginösen  linksseitigen  Plexusdruckschmerzes. 

Schluss  der  Arbeit  mit  Darlegung  der  Differentialdiagnose,  Prognose  und 
Therapie. 

Umfrage  über  die  neue  Influenzaepidemie. 

Aus  den  ersten  eingelaufenen  Antworten  ergibt  sich,  dass  die  Epidemie 
bis  jetzt  recht  gutartig  zu  verlaufen  scheint;  Empyeme  und  Pneumonien 
ziemlich  spärlich,  stärkere  nervöse  Erscheinungen  selten.  Spezielle  Pro¬ 
phylaxe  ist  nicht  möglich;  wesentlich  ist  die  Vermeidung  der  bekannten  In¬ 
fektionsgelegenheiten.  Therapeutisch  ist  Bettruhe  wichtig,  empfehlenswert 
Aspirin  und  u.  U.  Chinin;  Kreislaufschwäche  muss  energisch  behandelt 
werden. 

H.  Pette:  Weiterer  Beitrag  zum  Verlauf  und  zur  Prognose  der  Ence¬ 
phalitis  epidemica. 

Den  mitgeteilten  6  Fällen  war  gemeinsam,  dass  sich  die  ausgesprochenen 
Parkinsonsymptome  erst  geraume  Zeit,  bis  zu  iVt  Jahren,  nach  dem  akuten 
Stadium,  welches  nie  ernsteren  Charakter  gezeigt  hatte,  entwickelten,  ln 
der  Zwischenzeit  waren  alle  Kranken  für  längere  Zeit  voll  arbeitsfähig  (und 
sind  es  später,  d.  h.  jetzt,  nicht  mehr).  Ob  der  Erreger  noch  nach  so 
langer  Zeitspanne  als  virulenter  Keim  und  womöglich  an  Ort  und  Stelle 
vorhanden  ist,  bleibt  vorderhand  unklar. 

H.  Full:  Zur  Purpurafrage. 

Beschreibung  eines  Purpurafalles,  der  sich  wegen  der  Herabsetzung 
seiner  Gerinnungszeit  in  vitro  nicht  glatt  in  das  F  o  n  i  o  sehe  Schema  ein¬ 
reihen  lässt.  Daraus  geht  hervor,  dass  die  Kriterien  von  Font  o  nicht  die  be¬ 
hauptete  Schärfe  beanspruchen  können.  Im  übrigen  war  die  Milzbestrahlung 
in  dem  beschriebenen  Fall  nur  von  ganz  kurzem  Erfolg  begleitet. 

D.  Kling:  Zur  Kohlebehandlung  der  Ruhr. 

Der  beschriebene  Fall  von  Perforationsperitonitis  nach  Kohlemedikation 
bei  Ruhr  legt  eine  vorsichtigere  Anwendung  dieser  Therapie  nahe;  denn  sie 


bedeutet  eine  Belastung  des  kranken  und  schonungsbedürftigen  Darmes  sowie 
eine  Steigerung  der  Obstipation  und  Retention.  Ein  allgemeinerer  Gebrauch 
der  Kohle  sollte  bloss  da,  wo  die  Methode  wirklich  leistungsfähig  ist  (Ver¬ 
giftungen,  akute  Gastroenteritiden,  Cholera),  erfolgen. 

Haggeney:  Novasurol  als  Diuretikum. 

Die  intramuskulären  und  intravenösen  Novasurolinjektionen  haben  sich 
zur  Hervorbringung  einer  stärkeren  Diurese  gut  bewährt,  vor  allem  bei 
Herzaffektionen.  Bei  Nephritiden  ist  Vorsicht  geboten. 

K.  Wohlgemut  h:  Multipler  Leberechinokokkus. 

Zweimalige  Operation  (Marsupalisation)  bei  dem  15  jährigen  Mädchen 
brachte  Heilung. 

Axmann:  Ein  kleiner  Apparat  für  Hochfrequenzbehandlung. 

R.  Höppli:  Ueber  Diagnose  und  Behandlung  der  Darmbilharziose. 

Heilungserfolg  durch  intravenöse  Brechweinsteininjektionen;  Komple¬ 
mentbindungsreaktion  mit  Leberegelextrakt  war  positiv. 

K.  Blüh  dorn:  Die  alimentäre  Intoxikation. 

Nr.  3. 

A.  ßuschke  und  E.  Langer:  Die  Gonorrhöe  als  chronische  Er¬ 
krankung. 

Klinischer  Vortrag.  Hervorzuheben  ist,  dass  die  Verfasser  die  Therapie 
mit  frischer,  aus  einem  oder  mehreren  Stämmen  hergestellter  Vakzine  für 
aussichtsvoll  und  für  besser  als  alle  anderen  Vakzinationsmethoden  halten. 

E.  Romberg:  Ueber  Nephritis. 

P.  Horn:  Aufklärung,  Suggestion  und  Abfindung  bei  Unfallneurosen. 

Die  rationellste  Heilmethode  bei  nicht  organisch  komplizierten  Unfall¬ 
neurosen  ist  die  Beseitigung  der  Schadensersatzansprüche  durch  einmalige 
Kapitalabfindung,  zweckmässigerweise  vorbereitet  durch  vernünftige  Auf¬ 
klärung  des  Patienten,  in  geeigneten,  allerdings  recht  seltenen  Fällen  auch 
durch  Suggestionsbehandlung;  letztere  Methode  macht  nur  ausnahmsweise  die 
Abfindung  überflüssig. 

Umfrage  über  die  neue  Influenzaepidemie. 

Aus  den  heute  vorliegenden  Antworten  haben  sich  wesentlich  neue  Ge¬ 
sichtspunkte  nicht  ergeben.  Allerdings  sind  auch  schwerere  Fälle  (Meningitis, 
Herzstörungen,  Zusammenhang  mit  schwerer  Appendizitis)  zur  Beobachtung 
gelangt.  Für  die  Therapie  empfiehlt  sich  unter  Umständen  ein  Versuch  mit 
Grippeserum  oder  ..Grippeimpfstoff“. 

E.  Schmidt:  Resultate  der  einzeitig  kombinierten  Salvarsan-Sublimat- 
Behandlung  der  Syphilis. 

Die  Vorteile  besagter  Behandlung  liegen  in  der  Schmerzlosigkeit,  der 
guten  Verträglichkeit  und  der  energischen  Wirkung.  Die  „Linserkur“  ist 
besonders  geeignet  auch  für  die  Behandlung  hereditär-luetischer  Säuglinge. 

F.  Klein:  Ueber  einen  Fall  von  linkseitiger  Rekurrenslähmung  bei 
einem  Mitralvitium. 

Beschreibung  eines  solchen  Falles,  dessen  Sektion  neben  dem  Vitium  eine 
Perikarditis  ergab,  die  zwar  nicht  direkt  auf  den  Nerven  Übergriff,  aber 
durch  eine  gewisse  Fixation  des  Herzens  die  Druckwirkung  des  vergrösserten 
Vorhofs  auf  den  Nerven  mehr  zur  Geltung  brachte. 

H.  Vollmer:  Ueber  Bewegungs-  und  Reflexeigentümlichkeiten  bei 
amyostatischer  Enzephalitis.  Krankengeschichte  eines  Falles. 

Chr.  Stoeber:  Die  Vasogene  in  der  Dermatologie. 

Wegen  ihrer  guten  Emulsions-  und  der  damit  verbundenen  Resorptions¬ 
fähigkeit  sind  die  Vasogene  als  Salbengrundlagen  empfehlenswert  und  durch¬ 
weg  reizlose  Präparate. 

E.  Pulay:  Vagotonische  Manifestationen  an  der  Haut  als  Ausdruck 
uratischer  Diathese. 

Verf.  regt  an,  in  dem  von  ihm  mehrfach  beschriebenen  System  von 
Urtikaria,  angioneurotischem  Oedem,  Pruritus  und  Ekzemen  die  Verhältnisse 
des  Harnsäurestoffwechsels  zu  prüfen. 

E.  Tobias:  Herzkrankheiten  und  physikalische  Therapie. 

Für  die  Praxis.  S.  . 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  51  u.  52. 

F.  L  u  s  t  -  Karlsruhe:  Ueber  die  Beeinflussung  der  postenzephalitischen 
Schlafstörung  durch  temperatursteigernde  Mittel. 

Die  nach  Encephalitis  epidemica  schon  bei  Säuglingen  zu  beobachtende 
schwere  Schlafstörung,  welche  durch  die  gewöhnlichen  Schlafmittel  nicht  be¬ 
seitigt  werden  konnte,  wurde  durch  intramuskuläre  Milchinjektionen  günstig 
beeinflusst,  aber  nur  dann  und  solange,  als  eine  Temperaturerhöhung  eintrat. 

A.  Alexander  -  Berlin:  Ueber  Encephalomyelitis  epidemica,  ihre 
Formes  Srustes  und  ihre  Behandlung. 

Bei  den  unausgebildetenFormen  finden  sich  neben  den  Infektionen  der  oberen 
Luftwege  und  des  Darmes  sowohl  zu  Beginn  als  gegen  Ende  der  Erkrankung 
mehr  weniger  schwere  Störungen  des  Zentralnervensystems:  heftigste  Kopf¬ 
schmerzen  mit  oder  ohne  Nackensteifigkeit,  Lähmungen  einzelner  Augen¬ 
muskeln,  des  Fazialis,  Vagusstörungen  mit  schweren  Spasmen  am  Pylorus,  j 
Kolon,  Rektum  (Verwechselung  mit  Appendizitis  oder  Cholezystitis!),  nervöse 
Herzstörungen,  Aufregungszustände.  Therapeutisch  wurden  in  einer  Reihe 
von  Fällen  Erfolge  mit  Eukupin  und  Vuzin  erzielt.- 

R.  D  a  c  k  a  u  -  Danzig:  Ueber  halbseitige  Atemstörung  bei  positiver 
Hemiplegie. 

Im  Verlaufe  einer  luischen  Endarteriitis  kam  es  zu  einer  Blutung  oder 
Verstopfung  im  Bereiche  der  linken  Medianarterie  der  frontalen  Brücke,  die 
sich  klinisch  in  einer  rechtsseitigen  Hemiplegie  nicht  nur  der  Extremitäten, 
sondern  auch  der  Interkostalmuskeln  und  des  rechten  Zwerchfelles  äusserte.  \ 

O.  Stahl-  Berlin :  Ueber  die  postoperative  Leukozytose. 

Als  Ursache  für  die  postoperative  Leukozytose  ist  die  parenterale  Re¬ 
sorption  von  Eiweiss  sowie  eine  trotz  aller  aseptischen  Vorkehrungen  ein¬ 
tretende  geringe  Infektion  der  Wunde  anzusehen. 

Fr.  J.  K  a  i  s  e  r  -  Halle  a.  S.:  Erfahrungen' mit  Yatren  in  der  Chirurgie. 

Als  Vorzüge  des  Yatren  werden  hervorgehoben:  örtliche  Reizlosigkeit 
und  allgemeine  Ungiftigkeit,  Wärmebeständigkeit,  Geruchlosigkeit,  blutstillende 
und  desodorisierende  Wirkung,  Leistungssteigerung  der  Gewebe  im  Wund¬ 
gebiete,  besonders  kräftige  Wirksamkeit  gegen  Pyozyaneus.  Seine  Wasser¬ 
löslichkeit  bedingt  rasche  Resorption,  weshalb  das  Mittel  öfters  erneuert 
werden  muss. 

A.  Böttner  und  G.  Werner  -  Königsberg:  Ueber  Duodenalspülungen 

bei  der  perniziösen  Anämie. 

In  6  Fällen,  die  bislang  auf  alle  mögliche  andere  Weise  behandelt  worden 
waren,  konnte  durch  die  Duodenalspülung  mit  5  proz.  Magnesiumsulfatlösung 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


175 


I  Februar  1922. 


j  günstiger  Erfolg  erzielt  werden,  der  allerdings  nur  auf  einer  Ausschwem- 
:11g  giftiger  Stoffe  aus  dem  Darm  basiert;  es  handelt  sich  hierbei  also 
'glich  um  eine  symptomatische  Therapie. 

S  t  ei  n  b  r  i  n  c  k  -  Breslau:  Beber  die  Behandlung  hämolytischer  Anämie 

Kollargol. 

Schon  4  Tage  nach  Beginn  der  Behandlung  konnte  eine  fortschreitende 
■serung  beobachtet  werden,  die  jedoch  infolge  einer  Grippe  trotz  fort- 
etzter  Behandlung  wieder  einer  Verschlechterung  wich. 

K  1  e  s  t  a  d  t  -  Breslau:  Der  lymphangitische  Gaumenabszess  der  oberen 
ntzähne  und  seine  Folgen. 

Kleine,  sagittal  gestellte,  längliche,  subinukös  gelegene  Abszesse  einige 
Jimeter  hinter  den  Schneidezähnen  am  harten  Gaumen  verdanken  ihren 
prung  zumeist  dem  seitlichen  Schneidezahn,  mit  de  msie  jedoch  nicht  in 
littelbarem  Zusammenhänge  stehen.  Da  der  spontane  Durchbruch  wegen 
Derbheit  der  Schleimhaut  selten  ist,  besteht  die  Gefahr  der  Knochen- 
ichmelzung  und  des  Durchbruches  in  die  Nase  oder  die  Kieferhöhle. 

A  1  k  a  n  -  Berlin:  Jejunostomie  bei  Magenleiden. 

Die  Jejunostomie  erfüllt  am  gründlichsten  die  Forderungen  jeder  Ulcus- 
-apie:  Schonung  und  Ruhigstellung  des  Geschwürs.  Sie  wird  bei  älteren 
Ösen,  perforierenden  Magengeschwüren,  besonders  den  kardianahen,  bei 
irfachen  und  stark  blutenden  Geschwüren  der  Resektion  als  gleichwertig 
Heilwert  erachtet.  Bei  frischer  Verätzung  der  Speiseröhre  und  des  Magens 
■ie  beim  totalen  Magenkarzinom  mit  Pylorusverschluss  kommt  sie  allein 
Betracht. 

R  e  h  b  e  r  g-  Tilsit:  Zur  Frühdiagnose  des  Typhus.  Zugleich  ein  Beitrag 
Hämatologie  des  praktischen  Arztes. 

Das  Verschwinden  der  Eosinophilen  und  das  Heruiitergehen  der  Leuko- 
;nzahl  auf  2000  und  weniger  gestattet  auch  in- solchen  Fällen  eine  Diagnose. 

die  klinischen  Erscheinungen  etwa  infolge  vorausgegangener  Typhus¬ 
fungen  unklar  sind. 

R.  Oppenheimer  -  Frankfurt  a.  M. :  Tuberkulosenachweis  durch  ver- 
zten  Tierversuch. 

Durch  intrahepatische  Impfung  sowie  durch  Einspritzung  grosser 
imentmengen  in  den  oberen  Bauchraum,  wo  Milz,  Netz  und  periportale 
sen  mit  Sicherheit  und  schnell  zur  Erkrankung  gebracht  werden  können, 
mg  der  Nachweis  von  Tuberkelbazillen  in  einer  grösseren  Reihe  von 
en  schon  am  16.  Tage. 

W.  L  a  n  g  e  -  Döttingen:  Ergebnisse  von  Tränensackoperationen  nach 

t  i. 

In  23  von  29  Fällen  konnte  Heilung  mit  vollständiger  Wiederherstellung 
Tränenabflusses  erreicht  werden. 

R.  Griesbach  -  Giessen:  Ein  neues  Aesthesiometer. 

Nur  an  Hand  der  beigegebenen  Figur  verständlich. 

Gg.  B.  Gr  über  und  E.  K  r  a  t  z  e  i  se  n  -  Mainz:  Ueber  den  Stand  der 
chauungen  vom  Wesen  der  peptischen  Magen-  und  Duodenalgeschwüre. 
Uebersicht. 

G.  L  e d  d  e  r  h  o  s  e  -  München:  Chirurgische  Ratschläge  für  den  Prak- 

r. 

Nr.  52. 

R.  Otto  und  H.  Munter-  Berlin:  Zum  d  ’  H  e  r  e  1 1  e  sehen  Phänomen. 

Das  d  .  ’  H  e  r  e  1 1  e  sehe  Phänomen,  bestehend  in  der  Auflösung  von  Ruhr- 
terien  in  vitro  durch  Stuhlfiltrate  von  Ruhrkranken  oder  Ruhrrekonvales- 
:en,  scheint  von  der  Wirkung  eines  an  allerkleinste  Bakterienteilchen  gfe- 
i denen  Fermentes  auszugehen.  Eine  therapeutische  Verwertung  steht 

ih  aus. 

Rosenbach  -  Göttingen:  Die  Tuberkulinreaktion. 

Das  Tuberkulin  ist  nicht  das  eigentliche  Toxin  der  Tuberkulose,  wirkt 
imehr  lediglich  aktivierend  auf  das  überall  im  Körper  des  Tuberkulösen 
nreitete  Zymogen  des  akuten  Tuberkulosegiftes.  Diese  Aktivierung  ist 
bt  gleichbedeutend  mit  Antitoxinbildung. 

U.  F  r  i  e  d  e  m  a  n  n  -  Berlin :  Herzmuskeltonus  und  metadiphtherische 
zlähmung.  Wirkung  der  intrakardialen  Adrenalininjektion  auf  die  meta- 
iitherische  Herzlähmung. 

In  einem  Falle  schwerster  metadiphtherischer  Atonie  des  Herzmuskels  mit 
jdykardie  (Puls  12!)  wurde  durch  intrakardiale  Epirenaninjektion  ('A  mg) 
t  sofortige  Zusammenziehung  des  Herzens  auf  normale  Grösse  und  Steige¬ 
rt  der  Herzaktion  bis  zu  140  Pulsen  erreicht.  Nach  15  Minuten  trat  wieder 
t  vorige  Zustand  ein.  Die  Adrenalinwirkung  wird  dadurch  erklärt,  dass 
i:h  Erregung  der  sympathischen  Nervenapparate  die  erloschenen  Reize  der 
izganglienzellen  ersetzt  und  dadurch  der  Tonus  vorübergehend  wieder- 
restellt  wurde. 

W.  A  r  n  o  1  d  i  -  Berlin:  Die  Regelung  der  Darmtätigkeit  unter  Mit- 
utzung  kleiner  Mengen  von  Atropin. 

Bei  motorischen  Störungen  der  Darmtätigkeit,  gleichgültig  ob  sie  auf 
Gischen  oder  atonischen  Vorgängen  beruhen,  sind  Gaben  von  V*  mg 
>pin  und  weniger,  nach  Bedarf  kombiniert  mit  Fol.  Sennae  oder  Opium, 

]  guter  Wirkung.  Die  Kombinationspräparate  Sennatropin  und  Opatropin 

■  Kaiser-Friedrich-Apotheke  in  Berlin  (Karlstrasse  20  a)  sind  empfehlenswert. 

V.  Schilling- Berlin:  Das  Blutbild  als  prinzipielles  Untersuchungs¬ 
ei  am  Krankenbett.  Polemik  gegen  Arneth. 

I..W.  S  c  h  w  a  r  z  -  Berlin:  Terpichinbehandlung  chronisch  entzündlicher 
ökologischer  Erkrankungen. 

Mit  Terpichininjektionen  konnte  eine  rasche  und  weitgehende  Ver- 
lerung  entzündlicher  Tumoren  und  Infiltrate  erreicht  werden,  gleichgültig 
aie  gonorrhoischen  Ursprunges  waren  oder  nicht.  Auch  die  subjektiven 
diwerden  besserten  sich  ganz  wesentlich. 

E.  G  1  a  s  s  -  Hamburg:  Zur  Frage  der  entzündlichen  Geschwülste  der 

nma. 

Unter  der  Bezeichnung  einer  „interkurrierenden  subakuten  Mastitis“  wird 
Krankheitsbild  verstanden,  bei  dem  zumeist  in  Hängebrüsten  mehrere 
ic,  sehr  schmerzhafte  Knoten  zugleich  mit  Drüsenschwellungen  am 
Ooralisrande  auftreten.  Nach  Frangenheim  bestehen  Beziehungen  zu 
iblen  Nervenästen. 

E.  A.  M  a  r  t  i  n  -  Potsdam:  Ueber  ein  neues  Antineuralgikum  ..Veramon“. 
Veramon  ist  ein  Kombinationspräparat  und  kommt  in  Tabletten  von  0.2  in 
-  Handel  (S  c  h  e  r  i  n  g).  Seine  analgetische  Wirkung  scheint  derjenigen 

■  Phenazetin,  Pyramidon,  Trigemin  u.  a.  überlegen  zu  sein. 

L.  B  1  o  c  h  -  Berlin :  Die  Auswahl  der  Augenschutzgläser. 

Im  technischen  Gebrauch  ist  neben  dem  Schutz  gegen  kurzwellige  Strahlen 

i  ein  Schutz  gegen  langwellige  Strahlen  durch  Augengläser  erforderlich. 


Die  zur  Verwendung  kommenden  Gläser  müssen  auf  ihre  Schutzwirkung 
geprüft  sein. 

G.  Tugendreich  -  Berlin:  Einige  Lehren  der  Quäkerspeisung. 

J.  H  a  u  g  -  Scheidegg:  Zur  Technik  der  Urochromogenreaktion. 

8  ccm  klaren,  nicht  vergorenen  Harnes  werden  im  Reagenzröhrchen  drei¬ 
mal  mit  Wasser  verdünnt  und  in  zwei  Hälften  geteilt.  Zur  einen  Hälfte 
kommen  3  Tropfen  einer  frischen  (unzersetzten)  1  prom.  Kaliumpermanganat¬ 
lösung.  Positiv  ist  die  Reaktion  bei  grünlich-gelber  Färbung  der  Probe,  die 
sich  auch  bei  mehrstündigem  Stehen  nicht  verändert. 

H.  Zeller-  Schaulen:  Spielen  die  Blutplättchen  bei  den  Todesfällen  nach 
der  indirekten  Blutübertragung  eine  Rolle? 

Das  Zitratblut  muss  auf  Agglutination  und  Zerfall  von  Plättchen  geprüft 
werden;  diese  sollen  gut  erhalten,  isoliert  und  pendelnd  sein. 

Liebe-  Elberfeld :  Hautschädigung  beim  Neugeborenen  durch  Gono¬ 
kokken. 

Ausgedehnte  Blasenbildung,  in  deren  Inhalt  Gonokokken  in  Reinkultur  ge¬ 
funden  werden.  Heilung  durch  Betupfen  der  Wunden  mit  konzentrierter 
Höllensteinlösung. 

St.  K.  Mayer-  Mainz:  Ueber  Hutchinson  sehe  Zähne. 

Bemerkung  zur  Arbeit  von  Davidsohn  in  Nr.  36  d.  W. 

Messerschmidt  -  Hannover :  Wie  lassen  sich  starke  Temperatur- 
Schwankungen  in  den  Brutschränken  mit  Gasheizung  vermeiden? 

Erforderlich  ist  ein  durchwegs  weites  Gaszuleitungsrohr. 

H.  G.  C  r  e  u  t  z  f  e  1  d  t  -  Kiel :  Die  neueren  Ergebnisse  der  hirnanatomi¬ 
schen  (histopathologischen)  Forschung  für  die  Geisteskrankheiten. 

Uebersicht. 

G.  L  e  d  d  e  r  h  o  s  e  -  München :  Chirurgische  Ratschläge  für  den  Prak¬ 
tiker.  Baum-  Augsburg. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  52. 

Schweizerische  Gesellschaft  für  Chirurgie,  VIII.  Jahressitzung.  1.  Referate 
über  die  Chirurgie  der  Gallenwege. 

L.  Michaud  -  Lausanne:  La  Lithiase  biliaire. 

Zusammenfassende  Darstellung  des  jetzigen  Standes  der  Lehre  von  der 
Bildung  der  Gallensteine,  der  Diagnose  und  internen  Behandlung,  der  Indi¬ 
kationen  zur  Operation. 

G.  Hotz-  Basel:  Chirurgie  der  Gallenwege. 

Dem  .Referat  liegen  die  aus  den  letzten  zehn  Jahren  gesammelten  prak¬ 
tischen  Erfahrungen  von  42  Schweizer  Chirurgen  zugrunde,  1856  Operationen 
wegen  Cholezystitis  und  Cholelithiasis  und  192  Eingriffe  aus  anderen  Ursachen, 
meist  wegen  Tumoren.  Unsere  Tabellen  geben  einen  Ueberblick  über  die 
histologischen  und  bakteriologischen  Befunde,  Operationsweisen,  Todes¬ 
ursachen,  Komplikationen  etc.  Verf.  bespricht  ausführlich  die  Irrtümer  der 
Diagnose,  dei  Technik,  das  Für  und  Wider  der  Ektomie  und  Stomie.  Er 
tritt  energisch  für  Frühoperation  ein,  so  lange  der  Körper  noch  widerstands¬ 
fähig  ist,  vor  dem  40.  Jahr,  und  hofft,  dass  die  Komplikationen,  die  jetzt  die 
Operation  noch  gefährlich  machen,  vor  allem  die  direkten  mannigfachen 
Folgen  der  Steinbildung  und  chronischen  Entzündung,  damit  vermieden  werden 
können,  so  dass  man  allgemein  zu  günstigeren  Resultaten  kommt. 

K.  H  e  n  s  c  h  e  n  -  St.  Gallen:  Die  Chirurgie  der  Gallenwege.  (Funk¬ 
tionelle,  bakteriologische  und  Röntgendiagnostik,  Operationsphysiologie,  ana¬ 
tomische  und  klinisch-physiologische  Operationssicherungen.) 

Sehr  ausführliche  zusammenfassende  Darstellung,  in  der  Verf.  besonders 
auch  auf  die  direkte  und  indirekte  Röntgendiagnostik  eingeht  (mit  zahlreichen 
interessanten  Abbildungen),  auf  die  Funktion  der  Gallenblase  und  auf  die 
Beziehungen  zwischen  Gallenblase  und  Magensekretion.  Ein  besonderes 
Kapitel  widmet  er  der  Stauungsgallenblase  und  den  Anomalien  der  Gallenwege. 

E.  V  e  i  1  1  o  n  -  Richen:  Courvoisiers  Anteil  an  der  Entwicklung  der 
Chirurgie  der  Gallenwege. 

H.  Jaeger  -  Zürich:  Ueber  Starkstromverletzungen. 

Verf.  bespricht  zunächst  die  allgemeinen  Wirkungen  des  elektrischen 
Stromes  auf  den  Körper,  Stromstärke,  Isolierung,  Widerstände  und  beschreibt 
dann  eingehend  das  klinische  Bild:  Allgemeinsymptome,  Lokalsymptome  (Ver¬ 
brennung,  elektrogenes  Emphysem.  Epidermolyse,  Oedem  und  Nekrose). 
Fernsymptome  und  den  Verlauf  mit  seinen  typischen  Komplikationen  (fort¬ 
schreitende  Nekrose,  Nachblutung,  Infektion,  Spätbilder).  Zahlreiche  instruktive 
Abbildungen. 

F  o  n  i  o  -  Langenau:  Antethorakale  Oesophagoplastik. 

A.  J  e  n  t  z  e  r  -  Genf :  Resection  partielle  de  l’Humerus,  Autographe. 

W.  O  d  e  r  m  a  t  t  -  Basel :  Zwei-  und  Mehrteilung  der  Patella. 

R.  Schweitzer:  Ueber  ein  doppelseitiges,  latentes,  chronisches 
Pleuraempyem.  Siehe  diese  Wschr.  1919  S.  631. 

G  a  s  c  h  o  u  d  -  Lausanne :  Appareil  pour  le  traitement  des  fractures  de 
l’humerus.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 

Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  ?.  A.  Kn  e  ucker  -  Wien:  Anästhesie  bei  Zahnextraktionen. 

E.  Petry-Graz:  Ueber  die  für  die  Röntgenempfindlichkeit  pflanzlicher 
Objekte  massgebenden  Bedingungen. 

G.  Hofer-  Wien  :  Ueber  Ozaena. 

Fortbildungsvortrag.  Eine  wirkliche  Heilung  sah  Verf.  nur  —  in  einigen 
Fällen  —  nach  spezifischer  Vakzinebehandlung  eintreten. 

A.  Czepa-Wien:  Die  Invaginatio  ileocoecalis  im  Röntgenbild. 

Krankengeschichte.  Abbildungen.  Obduktionsbefund. 

F.  Mandl-  Wien:  Ueber  den  M'astdarmkrebs. 

Bericht  über  779  Fälle  der  H  o  c  h  e  n  e  g  g  sehen  Klinik. 

W.  S  m  i  t  a  1  -  Wien:  Ein  Fall  von  primärem  Sarkom  des  Omentum  majus. 

Krankengeschichte.  Obduktionsbefund. 

R.  Fleckseder-  Wien:  Ueber  die  Beziehungen  zwischen  Tvphus  und 
Schilddrüse. 

F.  hat  beobachtet,  dass  beim  Bestehen  einer  parenchymatösen  Struma  der 
1  yphus  meist  günstig,  öfters  auch  in  kürzerer  Zeit  abläuft.  Die  Behandlung 
mit  Schilddrüsenpräparaten  zeigte  bisher  keinen  deutlichen  Erfolg. 

W.  R  o  b  i  t  s  c  h  e  k  -  Wien:  Ein  seltener  mikroskopischer  Befund  im 
ausgeheberten  Mageninhalt. 

Es  handelt  sich  um  das  Vorkommen  der  Staublaus  (Troctes  divinatorius), 
welche  als  Verunreinigung  der  Nahrung  in  den  Magen  gelangte.  Der  Befund 
hat  keine  weitere  klinische  Bedeutung. 


17h 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  5. 


R.  K  1  i  n  g  e  r  -  Launen  (Bern):  Die  Prophylaxe  des  endemischen  Kropfes. 

Die  systematisch  (namentlich  in  den  Schulen)  durchgeführte  Joddar¬ 
reichung,  wozu  sich  am  besten  das  mild  wirkende  Jodostann  eignet,  hat  in 
verschiedenen  Gegenden  der  Schweiz  zu  einem  entschiedenen  Rückgang  des 
Kropfes  geführt.  K.  fordert  dieses  prophylaktische  Vorgehen  für  alle  Kropt- 
gegenden. 


Wiener  Archiv  für  interne  Medizin.  III.  Band.  Heit  1  tt.  2. 

E.  G  a  i  s  b  o  e  c  k  -  Innsbruck:  Experimentelle  und  anatomische  Unter¬ 
suchungen  zur  Frage  der  Kältenephritis.  .  .  , 

Durch  direkte  Abkühlung  der  Nieren  lässt  sich  eine  akute  Nephritis 
erzeugen;  bei  3 — 4°  C  entstehen  neben  den  entzündlichen  Veränderungen 
mehr  degenerative  in  den  Tub.  contort.,  bei  9—10  mehr  entzündliche  Er¬ 
scheinungen  am  Gefässsystem;  die  Entzündung  hat  glomerulo-tubularen  lypus. 
kann  ausheilen.  Splanchnikusdurchtrennung  und  Dekap^ulation  hemmen  den 
Eintritt  der  Entzündung  nicht;  die  Dekapsulation  bewirkt  stellenweise  eine 
traumatische  Entzündung.  Gleichzeitige  oder  vorhergehende  Streptokokkose 
führt  zur  akuten  interstitiellen  Nephritis  mit  schweren  Veränderungen  an 
den  Glomerulis  und  dem  ganzen  Parenchym. 

M  K  a  h  a  n  e  -  Wien:  Die  kutane  Diagnostik  innerer  Krankheiten. 

Neben  der  Prüfung  der  H  e  a  d  sehen  Zonen,  vor  welcher  sie  gewisse 
Vorzüge  besitzt,  stellt  die  Prüfung  der  sensiblen  und  vasomotorischen  Reaktion 
der  Haut  mittels  der  vom  Verf.  ausgearbeiteten  Galvanopa  pation  derzeit  das 
exakteste  und  das  praktisch  verwertbarste  Verfahren  zur  kutanen  Diagnostik 
innerer  Krankheiten  dar.  Beschreibung  der  Technik  und  der  bezüglich  der  ein¬ 
zelnen  Organe  erzielten  Ergebnisse. 

V.  Kollert-  Wien:  Ueber  die  Verwertbarkeit  des  Münzenklanges  (signe 

du  sou)  für  die  klinische  Diagnostik. 

Der  Münzenklang  ist  bei  freiem  Pleuraerguss  stets,  mehr  oder  wenigei 
deutlich  ausgeprägt  zu  erhalten,  durch  richtige  Wahl  der  Untersuchungsstelle 
auch  bei  abgesackten  Ergüssen.  Bei  einem  Seropneumothorax  fehlte  das 
Zeichen,  ebenso  bei  einem  gashaltigen,  subphrenischen  Abszess  und  bei  dem 
grösseren  Teil  der  Aszitesfälle.  Bei  grossen  Aneurysmen  ist  das  Zeichen  an 
umschriebenen  Stellen  nachzuweisen.  Zur  Frühdiagnose  kleinster  Ergüsse  ist 
es  nicht  geeignet. 

P.  S  a  x  1  und  R.  Heilig-  Wien:  Ueber  die  Novasuroldiurese. 

Novasurol  bewirkt  eine  sehr  rasche  Ausscheidung  von  Kochsalz  und 
Wasser  durch  die  Nieren.  Durch  Atropin  und  durch  die  Zufuhr  grosser 
Kochsalzmengen  wird  diese  Diurese  zeitweilig  zum  Stillstand  gebracht.  Die 
Erfolge  bei  kardialem  Hydrops,  bei  Nephrose  und  Leberzirrhose  waren  wieder¬ 
holt  sehr  gute.  Eine  Gegenanzeige  bilden  Fieber,  Marasmus  und  die  Glomerulo¬ 
nephritis.  Energische  Digitalisierung  bereitet  die  Wirkung  der  Injektionen 

gut  vor.  . 

R.  Strisower  -  Wien:  Beiträge  zur  Frage  des  Ikterus  mit  besonderer 
Berücksichtigung  der  Duodenalsaft-  und  Serumuntersuchung. 

St.s  Untersuchungen  führen  ihn  zu  einer  näheren  Unterscheidung  der 
einzelnen  Ikterusfornien.  Der  katarrhalische  Ikterus  ist  nur  da  anzunehmeii, 
wo  duodenitische  Magen-Darmstörungen  vorhergingen.  Das  Lebersekret  er¬ 
wies  sich  als  farbstoffarm  und  stets  eiweissfrei.  Direkt  und  indirekt  positive 
Diazoreaktion,  erstere  beim  Abklingen  des  Ikterus  negativ  werdend,  die 
Hyperbilirubinämie  überdauert  lange  die  Galleabsperrung.  Für  eine  Uiolan- 
gitis  ist  neben  dem  schweren  Verlauf  der  Leber-  und  Milzschwellung  auch 
die  Albuminocholie  charakteristisch,  welche  bei  reiner  Cholelithiasis  fehlt. 
Krankheiten,  die  mit  Blutstörungen  verbunden  sind  (perniziöse  Anämie, 
Malaria)  und  manche  Formen  der  Leberzirrhose  und  luetische  Splenomegalie 
zeigen  erhöhten  Bilirubingehalt  des  Serums,  sehr  hohe  Gallefarbstoftwerte  im 
Duodenalsaft,  meist  auch  Albuminocholie.  Die  Bilirubinämie  bei  Pneumonie 
durfte  teils  auf  Cholangitis,  meist  auf  dynamischem  Ikterus^  durch  Storung 
der  Leberfunktion  beruhen.  Der  Ikterus  syphiliticus  charakterisiert  sich  durch 
die  Aetiologie,  die  häufige  Schwellung  der  Leber  und  Milz  ohne  Druck¬ 
empfindlichkeit,  partiellen  Abschluss  wie  bei  Cholangitis,  jedoch  ohne  Fieber, 
häufig  Albuminocholie,  direkte  und  indirekte  Diazoreaktion.  Der  Salvarsan- 
ikterus  (nur  F  r  ü  h  ikterus)  dürfte  auf  einfachen  katarrhalischen  Verände¬ 
rungen  im  Duodenum  und  den  Gallengängen  beruhen,  während  es  sich  beim 
echten  Ikterus  lueticus  praecox  wesentlich  um  eine  Erkrankung  der  Leber¬ 
zelle  und  sekundäre  Verstopfung  der  Gallenwege  handelt. 

A.  Edelmann  und  P.  Sa  xl- Wien:  Ueber  ein  eigenartiges  Krank¬ 
heitsbild;  Kachexie  und  polyglanduläre  Insuffizienz  der  Drüsen  mit  äusserer 
und  innerer  Sekretion. 

Drei  Fälle,  bei  denen  sich  in  verschiedener  Kombination  folgende  Erschei¬ 
nungen  fanden  und  bei  denen,  wie  in  ähnlichen  leichteren  Fällen,  wohl  der 
Hunger  die  hauptsächliche  Ursache  bildete:  Atrophie  der  Zunge,  Anazidität  des 
Magensaftes,  Fermentarmut  des  Magen-  und  Duodenalsaftes,  hyperchrome  An¬ 
ämie,  Diarrhöen,  Fettstühle,  Osteoporose,  Sklerodermie,  unaufhaltbarer  Krätte- 

verfall.  ,  . . 

G.  F  e  1  s  e  n  r  e  i  c  h  -  Wien:  Ueber  parakardiale  Dämpfungsgebiete. 

S.  Peiler- Wien:  Zur  Theorie  des  arteriellen  Minimaldruckes  und 
dessen  Bestimmung. 

L.  Hess-  Wien:  Ueber  das  Asthma  cardiale  und  seine  Beziehungen  zum 

Lungenödem.  _  , 

Aus  der  Erörterung  über  9  Krankengeschichten  seien  nur  einige  Punkte 
liervorgehoben ;  die  wesentliche  Beteiligung  der  Gefässe  beim  Lungenödem, 
ähnlich  wie  sie  beim  Zustandekommen  des  B  r  i  g  h  t  sehen  Oedems  zu  be¬ 
obachten  ist.  Die  Abhängigkeit  paroxysmaler  Dyspnoe  mit  vom  Nerven¬ 
system  beeinflussten  Vorgängen  an  den  Lungenarterien.  Das  Vorkommen  von 
paroxysmaler  Atemnot  bei  vereinzelten  oder  multiplen  Veränderungen  der 
feineren  Koronarverzweigungen  (Myomalazien  am  linken  Ventrikel,  meist 
an  der  Herzspitze. 

F.  Kisch- Wien:  Beiträge  zur  Kenntnis  über  die  Ausscheidung  des 
Harneisens. 

S.  Peiler  und  R.  S  t  r  i  s  o  w  e  r  -  Wien:  Beobachtungen  über  die 
Schweisssekretion  beim  Menschen. 

Die  schweissmindernde  Wirkung  von  Zuckerinjektionen  bei  Tuberkulose 
wird  bestätigt.  Der  Zucker  wirkt  antagonistisch  auf  zentrale  Diaphoretika 
(Aspirin,  Flor,  tiliae  usw.)  und  auch  in  geringerem  Grade  auf  peripher 
wirkende  (Pilokarpin,  Physostigmin).  Weitere  Beobachtungen  im  Original. 

A.  M  ü  1 1  e  r  -  D  e  h  a  m  -  Wien:  Klinische  Beobachtungen  über  Nieren¬ 
funktion  und  Blutdrucksenkung. 

Bei  klinischen  Fällen  mit  pathologisch  niederem  Blutdruck  ergibt  die 


Nierenfunktionsprüfung  erhebliche  Störungen  der  Wasserausscheidung  und  der 
Konzentrationsfähigkeit.  „ 

R.  Singer  und  H.  W  i  n  t  e  r  b  e  r  g  -  Wien :  Chinin  als  Herz-  und 

Gefässmittel.  oder  besscr  Chinidin  ist  das  beste  Mittel  bei _  Extrasystolic 
(kleinere  Gaben)  und  beim  Vorhofflimmern  und  Vorhofflattern  (grossere  Gaben). 
Das  häufig  wiederkehrende  Vorhofflimmern  bei  schweren  °^anis.cl^n. 
und  Gefässleiden  wird  durch  Chinin  nicht  wirksam  beein.lusst,  hier  ist 

Digitalisbehandlung  entschieden  mehr  am  Platze.  „Lht  ru“  be" 

empfehlen  sich  bei  länger  dauernder,  durch  einfache  Mittel  nicht  zu  be¬ 
seitigender  Tachykardie  und  gewissen  pressorischen  Gefässkrisen.  Vorerst 
soll  die  Dosis  von  0.5  g  vorsichtigerweise  nicht  ube^chntten^  werden^. J 


Im  Druck  erschienene  Inauguraldissertationen. 

Universität  Greifswald.  Oktober  Dezember  1921.  ? 

Brauer  Karl:  Ueber  einen  Fall  von  progressiver  neurotischer  Muskel- 

Laang°ehArthur:  Zur  Frage  der  Hitzebeständigkeit  der  gebundenen  Antikörper. 
N  e  1  k  i  Friedrich:  Beitrag  zum  Problem  des  dauernden  Fehlens  der  Pateliar- 
und  Achillessehnenreflexe  ohne  nachweisbare  Erkrankung  des  Nervig 

Sc  bunkert  Wilhelm:  Ueber  Stieltorsion  im  Bereiche  der  Adnexe  des 

Uterus.  .  , 

Streppel  Wilhelm:  Ueber  Opiummissbrauch. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 


Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 


(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  v  o  m  7.  N  o  v  e'fflber  1921. 

Vorsitzender:  Herr  G  r  u  n  e  r  t.  Schriftführer:  Herr  W  e  m  m  e  r  s. 


Herr  Mann:  Ueber  Fremdkörper  in  den  oberen  Luft-  und  Speisewegen, 

Vortr  berichtet  über  die  Fremdkörperfälle,  welche  in  den  letzten 
Hl  Jahren  auf  der  Ohrenabteilung  des  Stadtkrankenhauses  Dresden-Fnedricli- 

stadt  zur  Beobachtung  kamen.  . 

Die  Oesophagusfremdkörper  überwiegen  an  Zahl  wie  auch  anderwärts. 

Es  wurden  entfernt;  5  Knochen,  2  Gräten,  6  Fleischstüeke,  11  Gebisse, 
ein  grosses  Stück  von  einem  Teller,  4  Nadeln,  6  Münzen  und  je  eine  Brosc» 
mit  Eisernem  Kreuz  und  eine  kleine  Fahne  aus  Blei.  - 

Von  den  11  Gebissfällen  starben  zwei,  beide  waren  vorher  von  anderer 
Seite  mit  der  Schlundsonde  behandelt  worden.  Technisch  sehr  schwierig  war 
die  Entfernung  des  fest  eingekeilten  Stückes  Teller.  Der  Kranke  kam  erst 
drei  Tage  nach  dem  Unfall  in  Behandlung.  „  ,  ^ 

Aus  der  Trachea  bzw.  den  Bronchien  wurden  entfernt;  6  Knochen,  ein 
Stück  einer  Gebissplatte,  je  eine  Kaffeebohne,  eine  Holzperle,  ein  Stuck  Laub- 
sägeholz,  2  Nadeln,  eine  Niete.  Der  letzterwähnte  Fall  durfte  wohl  die  längste 
Verweildauer  aufweisen,  die  von  einem  Fremdkörper  in  den  Luftwegen  be¬ 
kannt  ist  —  13  Jahre.  Der  Fall  bot  besondere  Schwierigkeiten. 

Am  Schluss  wurden  als  Grenzfälle  besprochen  ein  Kragenknopf,  der  im 
Oesophagus  sass,  aber  Stenosenerscheinung  in  der  Trachea  verursachte  um. 
eine  vom  Zahnarzt  im  Mund  einer  Patientin  verlorene  Nervnadel.  Sie  wai 
zunächst  in  den  Kehlkopf  geraten,  dann  von  verschiedenen  Aerzten  gesuch) 
worden  Trachea  und  Oesophagus  wurden  vergebens  durchforscht.  Endlici 
fand  sie  sich  dicht  vor  der  Wirbelsäule  in  der  Tiefe  der  hinteren  Rachenwand 
Mit  der  Spitze  reichte  sie  bis  an  die  Schädelbasis. 

Bei  Behandlung  der  Oesophagusfremdkörper  wurden  die  I  raktikei 
dringend  vor  Anwendung  der  Schlundsonde  oder  ähnlicher  Instrumente  ge¬ 
warnt  Bei  Fremdkörpern  in  den  Luftwegen  soll  man  sich  genau  und  wqfg 
vom  Kranken  oder  dessen  Angehörigen  die  Vorgeschichte  erzählen  lassen  um 
dann  nicht  versuchen  dem  Pat.  den  Fremdkörper  auszureden,  wie  es  las 
immer  geschieht,  sondern  ihn  zum  nächsten  Facharzt  schicken,  von  dem  mal 
weiss,  dass  er  die  Tracheoskopie  beherrscht. 

Aussprache:  Herr  K  c  1 1  i  n  g:  Fremdkörper  finden  sich  häufiger  in 
Mehl  und  gelangen  ins  Brot,  z.  B.  entfernte  er  einen  Nagel  und  einen  Holz 
Splitter,  der  so  verschluckt  wurde  und  steckenblieb.  Bei  Oesophagusstcnosei 
bleiben  kleine  Fremdkörper  stecken;  so  wurde  mit  -dem  Oesophagoskoi 
entfernt  einmal  ein  Kirschkern  bei  Karzinom  und  ein  Pflaumenkern  bei  Vtfr 
ätzungsstenose.  Einmal  keilte  sich  ein  grosses  Stück  Gänsefleisch  mit  Hau 
zwischen  dem  Hiatus  des  Zwerchfells  und  einer  Kardiastenose  ein,  die  »ich 
einmal  erheblich  war  (mit  dem  Oesophagoskop  entfernt).  In  einem  andere! 
Falle  durchstach  ein  mit  einem  grossen  Stück  Fleisch  heruntergewürgte 
Knochensplitte'-  den  Oesophagus  und  machte  eine  Halsphlegmone  trotz  Durch 
passierens.  Geeignete  Auswahl  der  Fälle  (glatte,  abgerundete  Fremdkörper 
und  richtige  Art  der  Ausführung  (ohne.  Gewalt)  vorausgesetzt,  erzielt  min 
auch  mit  dem  Münzenfänger  Erfolge.  Wichtig  ist,  dass  das  Instrument  sie 
nicht  festfängt,  wenn  die  Extraktion  auf  Hindernisse  stösst.  Es  muss  tiefe 
geführt  und  unter  Drehung  um  90°  unter  rückwärts  gebeugtem  Kopf  ai 
dem  Fremdkörper  vorbei  wieder  herausgebracht  werden  können.  Es  setz 
dies  aber  voraus,  dass  der  Führungsstab  keine  ausgesprochene  fixierte  Krun: 
mung  hat.  Nicht  immer  ist  ein  Röntgenapparat  zur  Verfügung.  Eine  rasch 
Orientierung  auf  grössere,  harte  Fremdkörper  ermöglicht  eine  vorsichtig 
Sondierung  mit  Olivensonde  und  Resonator  nach  C  o  1 1  i  n,  unter  Vermeidun: 
des  Anschleifens  an  den  Zähnen. 

Herr  Panse:  Der  Vortragende  hat  keinen  Fall  erwähnt,  in  dem  ci 
im  Oesophagus  festsitzender  Fremdkörper  durch  das  Einführen  des  Rourt 
und  die  Erweiterung  der  Speiseröhre  zum  weiteren  Hinabgleiten  gekonnt»' 
ist.  Ich  habe  diesen  Vorgang  mehrfach  beobachtet.  In  einem  Falle  hatte  ic 
ein  festsitzendes  kleineres  Gebiss  gelockert  und  so  gedreht,  dass  es  weite 
hinabgeschluckt  werden  konnte.  Es  ist  ohne  Störung  spontan  mit  dem  Stuli 

abgegangen.  ..  , 

Herr  Rieh.  Hoffmann:  Bei  Fremdkörpern  des  Oesophagus  können  fl. 
Beschwerden,  wenn  nervöse  Veranlagung  vorliegt,  den  Fremdkörper  un 
die  von  ihm  etwa  gesetzten  Verletzungen  überdauern.  H.  erwähnt  in  diese 
Hinsicht  eine  eigene  Beobachtung. 


Februar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


177 


- 


Herr  Sommer:  Die  Anwendung  der  Schlundsonde  ist  gefährlich,  auch 
.■weist  sie  gar  nichts  gegen  das  Vorhandensein  eines  Fremdkörpers. 

Herr  Georg  Hesse:  Die  Röntgenaufnahme  kann  bei  Fremdkörpern,  die 
eilt  auf  der  Platte  erscheinen,  irreführen.  Die  direkte  Skopie  soll  deshalb 
öglichst  immer  vorausgehen.  Die  auffallend  gute  Heiltendenz  der  durch  den 
stsitzenden  Fremdkörper  erfolgten  Gewebsschädigungen  erklärt  sich  wohl 
iraus,  dass  sie  ungenäht  bleiben. 

Herr  Wiebe  hat  auch  mehrmals  beim  Einführen  des  Oesophagoskops 
remdkörper  entgleiten  und  dann  per  vias  naturales  abgehen  sehen. 

Herr  Mann  (Schlusswort):  Der  Münzenfänger  ist  auf  alle  Fälle  zu  ver- 
erfen.  Wenn  ich  einen  Fremdkörper  in  der  Speiseröhre  festgestellt  habe 
ld  die  Möglichkeit  habe,  ihn  nach  oben  herauszubefördern,  so  ziehe  ich 
esen  Weg  vor  anstatt  ihn  hinabzustossen. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  v  o  m  21.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Grosser. 

Herr  Schmieden:  Demonstration  eines  operativ  geheilten  Falles  von 
oncretio  pericardii. 

Schmieden  demonstriert  einen  Fall,  bei  dem  er  die  Resectio  peri- 
irdii  wegen  schrumpfender  Pericarditis  adhaesiva  mit  vollem  Erfolg  aus- 
hrte.  Der  46  Jahre  alte  Patient  erkrankte  vor  einem  Jahre  und  wurde 
ifangs  wegen  Leberzirrhose  behandelt.  Von  Prof.  V  o  1  h  a  r  d  -  Halle  wurde 

!e  Diagnose:  Concretio  pericardii  gestellt  und  Operation  angeraten.  Es  be- 
anden  bei  dem  Patienten  die  Erscheinungen  von  Herzinsuffizienz,  Leber- 
auung,  Aszites,  ausgedehnte  Oedeme,  Hydrothorax,  Zyanose,  Venenstauung, 
■ringe  systolische  Einziehung  und  diastolisches  Zurückfedern  der  Thorax- 
and.  Die  Operation  wurde  vor  10  Wochen  in  folgender  Weise  vorge- 
immen:  Turflügelförmiger  Schnitt  über  der  linken  Brustseite  mit  der  Basis 
ich  dem  Sternum.  Resektion  der  3.,  4.  und  5.  Rippe  mit  Entfernung  des 
eriosts.  Die  Pleurablätter  wurden  stumpf  abgelöst  und  so  eine  Eröffnung 
:r  Pleurahöhle  vermieden.  Das  schwielig  verdickte  Perikard  ist  fest  mit 
:m  Herzmuskel  verwachsen,  so  dass  der  Herzmuskel'  in  ihm  arbeitet  wie 
ne  Hand  in  einem  zu  engen  Handschuh  (Reh  n).  Es  wird  das  Perikard 
>m  Herzen  in  2/s  seiner  Zirkumferenz  abgclöst  wie  die  Schale  einer  Apfel- 
ne.  Nach  Befreiung  des  Herzens  von  der  perikardialen  Umklammerung 
tzt  eine  paroxysmale  Tachykardie  ein,  die  bald  zu  normaler  Aktion  zurück- 
•hrl.  Es  ist  deutlich  zu  beobachten,  wie  die  Aktion  des  Herzmuskels  in 
rstole  und  Diastole  ganz  gewaltig  ergiebiger  wird.  Bei  dem  schlechten 
llgemeinzustand  des  Patienten  wird  von  einem  plastischen  Ersatz  des 
erzbeutels  (Klose)  abgesehen.  Die  Brustwand  wird  durch  Zurückklappen 
:s  Weichteillappens  wieder  geschlossen.  Der  linke  Phrenikus  war  in  dem 
ichen,  schwieligen  Gewebe  des  Perikards  nicht  aufzufinden,  so  dass  es 
veifelhaft  ist,  ob  er  geschont  wurde.  Die  Durchleuchtung  ergibt  Stillstand 
":s  linken  Zwerchfells  bei  zugleich  bestehender  Fesselung  des  Zwerchfells 
irch  linkseitige  Pleuraschwarte.  Ein  paradoxer  Atmungstypus  des  Zwerch- 
lls  ist  nicht  nachweisbar.  Die  Nachbehandlung,  von  Prof.  Strasburg  er 
itgeleitet,  verlief  ohne  Störung;  der  Herzmuskel  sprach  jetzt  auf  Digitalis 
it  an,  die  Herzkraft  nahm  rasch  zu,  Zyanose  und  Venenstauung  gingen  bald 
irück,  eine  genügende  Diurese  führte  in  kurzer  Zeit  zur  gänzlichen  Ent- 
ässerung.  Oedeme.  Hydrothorax,  Aszites  sind  nicht  mehr  nachweisbar, 
it.  ist  jetzt  bei  geringen  körperlichen  Anstrengungen  frei  von  Insuffizienz¬ 
scheinungen,  macht  kleinere  Spaziergänge  und  Treppensteigen  ohne  Be- 
hwerden  und  kann  in  absehbarer  Zeit  seinen  Beruf  als  Direktor  einer 
auerei  wieder  übernehmen. 

Herr  Schmieden:  Magengeschwürsresektion  und  spätere  Magen- 

nktion. 

Vortr.  schildert  in  kurzen  Zügen  die  Entwicklung  der  modernen  Ghi- 
rgie  des  Ulcus  ventriculi  über  die  ursprüngliche  Gastroenterostomie  bis  zu 
m  ganz  grossen  Resektionen.  Die  Forderung  der  Stunde  heisst:  Ab- 
endung  von  der  Resektion  übergrosser  Magenteile  und  Betreiben  einer 
msalen  Therapie,  d.  h.  einer  Therapie,  die  den  heute  als  feststehend  an¬ 
kannten  ätiologischen  Faktoren  der  Geschwürsbildung  Rechnung  trägt  bei 
eichzeitiger  Erhaltung  einer  funktionell  günstigen  Magenform.  In  diesem 
nne  beziehen  sich  die  Ausführungen  des  Vortragenden  auf  das  Ulcus  mit 
:m  Sitz  an  der  kleinen  Kurvatur  sowie  auf  die  mit  einer  Sanduhrstenose 
nhergehenden  Formen.  Für  das  Ulcus  am  Pylorus  wird  die  als  servietten- 
ngförmige  Resektion  bezeichnete  Operation  auch  weiterhin  die  Methode 
;r  Wahl  bleiben. 

An  einer  Reihe  instruktiver  Zeichnungen  weist  Verf.  nach,  wie  von  den 
sherigen  Operationsverfahren  keines  dem  einer  kausalen  Therapie  gerecht 
ird.  Demgegenüber  entwickelt  er  ein  von  ihm  als  treppenförmige  Resektion 
■zeichnetes  Verfahren,  bei  dem  unter  weitgehendster  Schonung  der  grossen 
arvatur  die  Geschwürsgefahrzone  im  Sinne  A  s  c  h  o  f  f  s  (Magenstrasse) 
der  Mitnahme  des  für  die  Entstehung  eines  Ulcus  pepticum  so  bedeutungs- 
illen  Pylprus  entfernt  wird.  Es  folgt  unter  Neubildung  der  kleinen  Kurvatur 
irch  fortlaufende  Nahtvereinigung  die  Verbindung  zwischen  Magen  und 
arm  nach  der  Methode  Billroth  I  oder  II,  für  die,  auch  für  die  Wieder- 
'■rstellung  der  Hubhöhe  des  Magens,  die  G  o  e  t  z  e  sehe  Modifikation  emp- 
hlen  werden  kann.  Diese  Operation  ist  deswegen  als  kausale  Therapie 
i  bezeichnen,  da  sie  einerseits  die  Geschwürsgefahrzone  an  der  kleinen 
arvatur  entfernt,  weiter  die  Möglichkeit  an  die  Hand  gibt,  durch  mehr 
■ler  minder  ausgedehnte  Fortnahme  von  Magenwandungen  die  Hyperazidität 
ich  Bedarf  herabzusetzen,  und  da  schliesslich  auch  eine  ganze  Reihe 
erotischer  Reize  fortfallen,  durch  dosierbare  Resektionen  der  im  kleinen 
:tz  verlaufenden  Vagusäste  und  Schwächung  automatischer  intramuskulär 
Jegener  Ganglienzellenhaufen,  die  im  Sinne  v.  Bergmanns  in  der 
leusgenese  eine  Rolle  spielen  könnten.  Die  mit  der  treppenförmigen  Re¬ 
ktion  erzielten  Erfolge  lassen  erhoffen,  dass  sich  die  moderne  Chirurgie 
imer  mehr  den  durch  diese  Operationsmethode  erfüllten  Forderungen  zu¬ 
endet. 

In  der  Diskussion  äussert  Herr  Flörcken  Bedenken  gegen  die 
eppenförmige  Resektion  des  Magens,  die  ebenso  wie  die  Exzision  an  der 
einen  Kurvatur  eine  lange  Narbe  mit  schwerer  Schädigung  der  üefässe 
hafft  und  Disposition  zum  Rezidiv.  Flörcken  bevorzugt  seit  langen 
hren  die  Resektionsmethode  nach  Reichel,  die  eigentlich  von  Krön- 
i  n  stammt,  und  verfügt  über  gute  Dauerresultate  von  5  Jahren. 


Herr  L.  v.  Friedrich:  Ueber  einige  praktische  Methoden  der  Mauen¬ 
diagnostik. 

v.  Friedrich  berichtet  über  weitere  Versuche  und  Ergebnisse  die 
er  an  der  Med.  Universitätsklinik  Frankfurt  a.  M.  (Dir.  Prof.  Dr.  v.  Berg¬ 
mann)  mit  dem  Ehr  mann  sehen  Alkoholprobefrühstück  ausgeführt  hat. 
Es  hat  sich  dort  sehr  gut  bewährt  und  eingebürgert. 

Die  ausgeheberte  Menge  bei  Normalen  beträgt  30 — 80  ccm.  Die  Säure- 
werte  fallen  niedriger  aus  wie  beim  Boas-Ewald  sehen  Probefrühstück. 
Da  die  bis  jetzt  üblichen  „Säurezahlen“  auch  nur  willkürlich  gegen  einen 
Indikator  die  lonenkonzentration  wiedergeben,  sind  kleine  Titrierungsunter- 
schiede  nicht  mehr  von  ausschlaggebender  Bedeutung.  Für  die  Praxis  ist 
das  Wesentlichste,  ob  die  sog.  freie  Salzsäure  (die  keineswegs  der  aktuellen 
Azidität  entspricht)  normal,  vermindert  oder  vermehrt  ist.  Zu  diesem 
Zwecke  empfiehlt  er  einen  Apparat  (Gastrazidoskop),  mit  welchem  mittels 
einer  Kongoskala  in  kürzester  Zeit  eine  Orientierung  über  diese  Verhältnisse 
auch  dem  Praktiker  ermöglicht  ist.  Zur  gleichzeitigen  Prüfung  der  Motilität 
und  Sekretion  empfiehlt  er  am  vorherigen  Abend  des  Alkoholprobefrühstücks 
2  g  Karmin  zu  geben:  grössere  Reste  weisen  auf  eine  motorische  Insuffizienz 
höheren  Grades  hin.  Findet  man  nur  wenig  Karmin,  so  kann  man  daraus  auf 
die  Beschaffenheit  der  Magenschleimhaut  Schlüsse  ziehen.  Für  den  Praktiker 
wird  noch  für  den  Fall,  dass  ihm  keine  anderen  Mittel  zu  Probeabendessen 
zur  Verfügung  stehen,  eine  einfache  überall  durchführbare  Probe  empfohlen. 
Man  gebe  abends  dem  Patienten  gekochte  Kartoffel  mit  der  Schale  zu  essen 
und  in  der  Frühe  soll  der  Magen  gespült  werden.  Die  Kartoffelschalen 
passieren  beim  Normalen,  den  Pylorus  in  spätestens  12  Stunden,  jedoch  bei 
Retentionszuständen  nicht.  Das  Alkoholprobefrühstück  hat  noch  seine  Vor¬ 
teile,  in  seiner  Klarheit  und  Eiweissfreiheit,  wodurch  alle  Reste  übersehen 
werden  können.  Am  besten  bewährte  es  sich  aus  diesen  Gründen  bei  der 
Beurteilung  von  Gastritiden  und  motorischen  Insuffizienzen  verschiedenen 
Grades.  (Demonstration  des  Alkoholprobefrühstücks,  des  Apparates  und  ver¬ 
schiedener  Typen  einiger  mit  Alkohol  gewonnener  Sekretionskurven.) 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  17.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Kaufmann,  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  Igersheimer:  Neue  Untersuchungen  zur  Syphilis  des  Auges. 

1.  stellte  sich  zur  Aufgabe,  die  Beziehungen  der  Spirochäten  zum  Erkran¬ 
kungsherd  am  Auge  und  an  der  Seilbahn  näher  festzustellen,  einmal  um  ganz 
allgemein  Näheres  über  die  Wirkung  der  Spirochäten  zu  erfahren  und  im 
speziellen  die  Entstehung  der  Keratitis  parenchymatosa  und  der  tabischen 
Optikusatrophie  nach  Möglichkeit  aufzuklären.  Aus  Mangel  an  menschlichem 
Material  wurde  zum  Studium  der  Keratitis  parenchymatosa,  die  den  Gegen¬ 
stand  des  heutigen  Vortrags  bildete,  die  experimentelle,  metastatischc  Kera¬ 
titis  verwendet,  wobei  dem  Verf.  das  grosse  Tiermaterial:  des  Instituts  für 
experimentelle  Therapie  in  Frankfurt  a.  M,  zur  Verfügung  stand.  Unter 
500—600  Syphilistieren  konnte  54  mal  eine  Keratitis  beobachtet  werden,  von 
sonstigen  Bulbusveränderungen  bestand  nur  gelegentlich  eine  geringe  Iritis. 
I.  unterscheidet  nach  seinen  bisherigen  Untersuchungen  3  Gruppen,  die  erste 
Gruppe  umfasst  die  frischen  Stadien  mit  beginnender  Hornhauttrübung  und 
Epaulettenpannus.  Die  Spirochäten  wurden  gar  nicht  oder  nur  in  ganz  ver¬ 
einzelten  Exemplaren  in  dem  entzündeten  Theil  der  Hornhaut  gefunden.  Sie 
waren  meistens  in  dem  hinteren  Drittel  der  klaren  Hornhaut  lokalisiert,  ge¬ 
legentlich  auch  über  die  ganze  Hornhaut  verteilt.  Die  zweite  Gruppe  wird 
bis  jetzt  nur  durch  einen  Fall  dargestellt,  bei  dem  die  Keratitis  2  Monate 
alt  und  durch  ein  mächtiges  Lymphozyteninfiltrat  im  zentralen  Teil  des  Horn¬ 
hautparenchyms  hervorgerufen  war.  Die  Spirochäten  waren  hier  nur  im 
lymphozytären  Infiltrat  zu  finden.  Die  dritte  Gruppe  umfasst  ältere  Stadien 
der  Keratitis,  klinisch  durch  tiefliegende  Trübungen  charakterisiert.  Ana¬ 
tomisch  lag  diesen  Trübungen  eine  Neubildung  auf  der  Hornhauthinterfläche 
zugrunde,  ganz  ähnlich,  wie  sie  auch  beim  Menschen  beobachtet  wird.  Es 
handelt  sich  um  Endothelwucherung  mit  Neubildung  von  endothelogenem 
Bindegewebe  mit  mehr  oder  weniger  lymphozytärer,  gelegentlich  auch 
leukozytärer  Infiltration;  in  einem  Fall  war  ausgesprochene  Nekrose  in  der 
hinteren  Auflagerung  zu  beobachten,  gelegentlich  konnte  eine  Descemetruptur 
fesfgestellt  werden.  Neben  dem  bemerkenswerten  anatomischen  Befund  war 
von  besonderem  Interesse,  dass  bei  allen  bisher  beobachteten  Fällen  dieser 
Art,  solange  das  Auge  in  einem  Reizzustand  sich  befand,  Spirochäten  in 
giosser  Zahl  vorhanden  waren,  die  nur  in  der  Endothelwucherung,  sonst 
weder  in  der  Hornhaut  noch  im  übrigen  Bulbus  beobachtet  werden  konnten. 
Die  Resutate  dieser  Untersuchungen  sind  geeignet,  auch  bei  der  menschlichen 
Keratitis  parenchymatosa  die  Spirochätenfrage  von  neuem  wieder  aufzurollen. 

Da  die  Spirochäten  bei  den  verschiedenen  Stadien  der  experimentellen 
metastatischen  Keratitis  fast  immer  in  den  hintersten  Schichten  der  Hornhaut 
gefunden  wurden,  machte  I.  therapeutische  Versuche  mit  Einspritzungen  eines 
neuen  Salvarsanpräparates  in  die  vordere  Augenkammer.  Die  Ergebnisse 
dieser  Versuche  bei  Tieren  sind  bisher  sehr  günstige  gewesen  (Demonstration 
von  Abbildungen). 

A  ussprache:  Herren  v.  Hippel,  R  i  e  c  k  e,  Frensdorf. 

Herr  Robert  Meyer- Bi  sch:  Wasserhaushalt  bei  Tuberkulose. 

Es  gibt  bisher  nur  wenige  unvollständige  Untersuchungen,  die  sich  mit 
dem  Wasserhaushalt  der  Tuberkulose  befassen.  Und  doch  ist  es  eine  von 
Klinikern  und  Pathologen  immer  wieder  gemachte  Beobachtung,  dass  das 
Gewebe  tuberkulöser  Leichen  einen  auffallend  ausgetrockneten,  wasserarmen 
Eindruck  macht.  In  Uebereinstimmung  hiermit  deutet  die  Erfahrungstatsache, 
dass  gewisse  Fälle  von  Tuberkulose  auffallend  hohe  Hb-  und  Erythrozyten¬ 
werte  aufweisen  auf  die  Möglichkeit  des  Zustandekommens  einer  Blutein¬ 
dickung  im  Laufe  der  Krankheit  hin.  In  demselben  Sinne  spricht  das  ge¬ 
legentliche  Auftreten  einer  Diuresesteigerung  nach  Tuberkulininjektion.  Im 
Gegensatz  hierzu  scheinen  jedoch  die  Versuche  von  S  a  a  t  h  o  f  f  zu  stehen, 
der  durch  Tuberkulininjektionen  anhaltende  Gewichtszunahme  —  also  Wasser¬ 
anreicherung  —  erzielen  konnte. 

Eigene,  zur  Klärung  dieser  Widersprüche  unternommene  systematische 
Untersuchungen  der  Blutzusammensetzung  und  Wasserhaushalt  bei  Tuber¬ 
kulose  ergeben,  dass  leichte  Tuberkulosen  keine  Störung  zeigen,  dass  aber 
im  sog.  zweiten  Stadium  die  Blutzusammensetzung  in  der  Regel  ungewöhn¬ 
lich  hohe  Erythrozyten-,  Hb.-  und  Serumalbumenwerte.  aufweist,  und  dass 
endlich  das  dritte  Stadium  durch  das  kachektische  Zustandsbild  —  Anämie, 
Hypalbuminose  charakterisiert  ist.  Die  Blutzusammensetzung  im  letzten 


178 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  5. 


Stadium  bietet  im  Hinblick  auf  den  Allgemeinzustand  dem  Verständnis  keine 
Schwierigkeiten.  Die  Eindickung  des  zweiten  ist,  wie  aus  der  Wirkung  einer 
Tuberkulininjektion  (0,5—1  mg)  geschlossen  werden  kann,  bedingt  durch  den 
toxischen  Einfluss  des  tuberkulösen  Herdes.  Eine  derartige  luberkulin- 
injektion  kann,  während  sie  den  Wasserhaushalt  des  Gesunden  völlig  un¬ 
berührt  lässt,  am  Tuberkulösen  zweierlei  Wirkungen  entfalten:  Entweder  es 
entsteht  eine  Bluteindickung  mit  Gewichtsabnahme  oder  eine  Blutverdünnung 
mit  Gewichtszunahme.  Der  erstere  Reaktionstypus,  die  sog.  negative  Wasser¬ 
reaktion  ist  durch  eine  Wasserausschwemmung  verursacht.  Der  zweite  lypus, 
die  positive  Wasserreaktion,  ist  der  Ausdruck  einer  Wasseranreicheruiig  des 
Organismus.  Ein  Vergleich  mit  dem  klinischen  Verhalten  ergibt,  dass  leich¬ 
tere  Fälle  mit  positiver,  schwere  Fälle  mit  negativer  Wasserreaktion  ant¬ 
worten.  Die  Blutveränderung  der  leichten  Fälle,  wird  also  durch  die  Injektion 
gebessert,  die  der  schweren  weiter  verschlechtert.  Eine  Verwertung  dieser 
Injektionswirkung  des  Tuberkulins  für  die  klinische  Diagnosenstellung  kommt 
natürlich  nicht  in  Frage.  Auch  dass  sic  allergischen  Charakter  hat,  d.  h. 
dass  sie  beim  Gesunden  nicht  vorkommt,  hat  aus  bekannten  Gründen  nur 
sehr  begrenzte  praktische  Bedeutung.  Hingegen  stellt  sie  uns  die  Frage,  ob 
nur  das  Tuberkulin  imstande  ist,  einen  derartigen  Eingriff  in  dem  Mechanismus 
des  tuberkulösen  Wasserhaushalts  vorzunehmen. 

Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  mit  unspezifischen  Substanzen  allgestellte 
Versuche  ergeben,  dass  Arsen  (1 — 2  ccm  Solut.  Ziemssen  subkutan)  und  einige 
Salze  (2  ccm  10  prcz.  Lösung  von  NaCl.,  Natr.  bicarb.  oder  Zucker  intra¬ 
venös)  ganz  ähnliche  Wirkungen  entfalten  können.  Während  sie  sich  von 
dem  Tuberkulin  darin  unterscheiden,  dass  sie  am  Gesunden  und  am  Tuberku¬ 
lösen  wirken,  stimmen  sie  insofern  mit  ihm  überein,  als  sie  das  Bild  sowohl 
der  positiven  als  auch  der  negativen  Wasserreaktion  entstehen  lassen  können 
und  als  sie  die  beschriebene  Umstellung  des  Wasserhaushalts  nach  der  einen 
oder  anderen  Richtung  ebenso  wie  das  Tuberkulin  für  eine  längere  Reihe 
von  Tagen  zu  verursachen  pflegen.  Letzterer  Umstand  deutet  auf  eine  Mit¬ 
beteiligung  der  Gewebe  hin.  Diese  Annahme  wird  dadurch  gestützt,  dass 
die  genannten  kristalloiden  Substanzen,  in  der  erwähnten  Menge  intravenös 
gegeben,  die  Brustganglymphe  des  Hundes  im  Sinne  einer  Abnahme  des 
prozentualen  Eiweissgehaltes  und  der  Ausflussgeschwindigkeit  verändern. 
Diese  Wirkung  weicht  stark  von  dem  ab,  was  bisher  (Heidenhain  u.  a.) 
über  die  Eigenschaften  der  Lymphagoga  zweiter  Ordnung,  allerdings  nach  In¬ 
jektion  erheblich  grösserer  Mengen,  bekannt  war.  Es  ist  nun  bemerkenswert, 
dass  auch  ein  Lymphagogum  erster  Ordnung,  das  Pepton,  Abnahme  des  Ei- 
weissgehaltes  und  der  Ausflussgeschwiudigkeit  der  Lymphe  verursachen  kann, 
wenn  es  in  genügend  kleiner  Menge  gegeben  wird,  dass  also  in  diesem  Falle 
die  Lymphagoga  erster  und  zweiter  Ordnung  die  geichen  Veränderungen  der 
Lymphe  bewirken.  Da  auch  Tuberkulin  zu  den  Lymphagoga  erstei  Ordnung 
gehört,  kann  man  annehmen,  dass  die  Wasserreaktion  auf  den  lymphagogen 
Eigenschaften  des  Tuberkulins  beruht.  Weiterhin  hat  damit  der  Versuch,  das 
Tuberkulin  in  seiner  Wirkung  auf  den  Wasserhaushalt  durch  unspezifische 
Mittel  der  genannten  Art  zu  ersetzen,  eine  experimentelle  Grundlage  erhalten, 
wenigstens  was  die  wasseranreichernden  Eigenschaften  aller  dieser  Sub¬ 
stanzen  betrifft.  Dass  sie  auch  i«  entgegengesetzter  Weise,  also  wasser- 
ausschwemmend,  wirken  können  ist  schon  erwähnt  worden.  Diese  Reaktions- 
art  ist  aber  durchaus  die  Ausnahme.  Die  Annahme,  dass  sie  als  Anzeichen 
einer  gestörten  Wasserregulation  aufzufassen  sei,  wird  gestützt  durch  das 
Verhalten  eines  Falles  von  echtem  Diabetes  insipidus,  bei  dem  die  negative 
Wasserreaktion  ausblieb,  sobald  der  Patient  unter  Pituglandolwirkung  stand. 

Danach  wird  es  verständlich,  dass  die  negative  Wasserreaktion  die 
Injektionswirkung  von  Tuberkulin  geht  auch  in  dieser  Beziehung  mit  der  der 
unspezifischen  Substanzen  vollkommen  parallel  nur  in  dem  fortgeschrit¬ 
tenen  Stadium  der  Tuberkulose  gesehen  wird,  in  dem  die  Störung  des  Wasser¬ 
haushalts  schon  eine  solche  Stärke  erreicht  hat,  dass  die  genannten  Injek¬ 
tionen  nicht  mehr  reparativ,  sondern  nur  noch  verschlimmert  wirken  können. 
Anderseits  leuchtet  es  ein,  dass  die  Wasserverarmung  eines  weniger  fort¬ 
geschrittenen  Tuberkulösen  durch  die  genannten  Injektionen  günstig  beein¬ 
flusst  werden  kann.  Im  Verfolg  dieser  letzteren  Feststellung  wurde  eine  Reihe 
von  Fällen  in  regelmässigen  Intervallen  mit  Injektion  von  Natr.  bicarb.  oder 
NaCl  —  stets  in  der  obenerwähnten  Dosierung  —  behandelt.  Der  Erfolg 
entsprach  durchaus  den  Erwartungen:  Der  Serum-Eiweissgehalt  ging  auf  nor¬ 
male  Werte  zurück,  das  Gewicht  nahm  gleichzeitig  ganz  erheblich  zu 
(Demonstration  zweier  Kurven).  In  einzelnen  Fällen  erschien  es  angezeigt, 
von  Zeit  zu  Zeit  die  unspezifische  Behandlung  durch  eine  Tuberkulininjektion 

zu  unterbrechen.  , 

Die  geschilderten  Eigenschaften  sind  nicht  einzig  dem  Tuberkulin  und  den 
krystalloiden  Substanzen  eigentümlich;  es  geht  vielmehr  aus  einer  grossen 
Reihe  von  Untersuchungen,  über  die  noch  zu  berichten  sein  wird,  hervor, 
dass  die  Wasserreaktion  eine  gesetzmässige  Teilerscheinung  des  Vorgangs 
der  sog.  Protoplasmaaktivierung  darstellt.  Noch  in  einem  weiteren  Punkte 
ergeben  sich  aufschlussreiche  Zusammenhänge,  als  die  sog.  protoplasmaakti¬ 
vierenden  Substanzen  gleichzeitig  zu  der  von  Heidenhain  abgegrenzten 
Gruppe  der  Lymphagoga  erster  und  —  mit  gewissen  Einschränkungen  - 
auch  zweiter  Ordnung  gehören.  Auf  Grund  dieser  Feststellungen  erscheint 
es  lohnend,  unsere  bisherigen  Kenntnisse  über  die  Lymphagoga  einer  er¬ 
neuten  Prüfung  zu  unterziehen. 

Aussprache:  Herren  Ebbecke,  Handowski,  E.  Meyer, 
H  e  u  b  n  e  r,  Göppert,  R  e  i  f  f  e  r  s  c  h  e  i  d  t. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  8. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  30.  November  1921. 


Herr  Grein  berichtet  über  gehäuftes  Auftreten  von  einer  Art  Ikterus 

catarrhalis  bei  Kindern.  ,  ...  . 

Herr  Straub  hat  in  der  med.  Poliklinik  seit  Juli  1921  sehr  zahlreiche 
Fälle  von  Ikterus  beobachtet.  Vorwiegend  handelte  es  sich  um  leichte 
Störungen.  Der  Ikterus  war  das  einzige  Krankheitsbild.  Einzelne  Fälle  be¬ 
gannen  mit  schweren  Allgemeinerscheinungen,  hohem  Fieber,  Kopf-  und 
Gliederschmerzen,  Erbrechen,  Anorexie,  Pmstration  und  Depression  ohne 
Organbefund.  Der  Ikterus  erschien  erst  nach  3—4  Tagen.  Vereinzelt  fehlte 
der  Ikterus,  nur  die  Allgemeinsymptome  sowie  aussergewöhnlich  starke 
Urobilinurie.  event.  geringe  Bilirubinurie,  gestatteten  die  Diagnose.  Die 
schwersten  Fälle  verliefen  wie  milde  Formen  Weil  scher  Krankheit.  Zerebrale 
Symptome  und  Neigung  zu  Blutungen  wurden  nicht  beobachtet.  Todesfälle 
sind  nicht  vorgekommen.  An  der  infektiösen  Natur  kann  bei  dem  epidemischen 
Auftreten  kaum  gezweifelt  werden.  Bakteriologische  Untersuchungen  waren 


negativ.  Mit  der  Möglichkeit  ist  zu  rechnen,  dass  als  Erreger  eine  Lepto¬ 
spiraart  in  Betracht  kommt,  die  vermutlich  mit  dem  Erreger  der  Wtilselieii 
Krankheit  verwandt,  aber  nicht  identisch  ist.  Demonstration  von  Ab¬ 
bildungen  der  verschiedenen  Spirochätenarten  nach  den  Originalarbeiten  von 
Noguchi  und  kurze  Schilderung  der  Leptospirakrankheiten.  Gelbfieber, 
W  e  i  1  sehe  Krankheit,  Rattenbisskrankheit  und  Siebentagefieber  (Nanu- 
k  a  y  a  m  i).  ,  ,  , 

Herr  Grote  konnte  in  einem  typischen  Fall  dieser  Krankheit  folgenden 
Ablauf  feststellen:  10  jähr.  Mädchen  erkrankt  ganz  plötzlich  mit  Schüttelfrost 
und  Fieber  von  39.5".  Am  nächsten  Morgen  ein  nicht  u"e^he^11'<:herp  ^  l 
tumor.  Starke  Urobilinreaktion  im  Harn  mit  Blut:  4,5  Mul.  K.B.1L,, 
6000  W.B.K.,  relative  Lymphozytose.  Fieber  hält  sich  unter  dauernd  grossem 
Milztumor  5—6  Tage  in  mittlerer  Höhe.  Befinden  stark  gestört,  haimg  Er¬ 
brechen.  Keine  Schmerzen.  Am  6.  Tage  wurden  3,4  Mill.  R-B-K.  und 
6200  W.B.K.  gezählt.  Immer  sehr  starke  Urobilinreaktion.  Am  7.  läge  tritt 
Ikterus  und  deutliche  Leberschwellung  auf.  ln  den  nächsten  Tagen  macht  die 
Urobilinausscheidung  einer  starken  G  me  1 1  n ischen  Reaktion  Platz,  der 
geformte  Stuhl  wird  acholisch.  Am  12.  Tage  2,6  Mill.  R.  ■  ' 

Starker  Ikterus,  der  etwa  vom  14.  Tage  ab  abzubauen  beginnt  Wahrend  de, 
Ikterus  ganz,  leichte  Albuminurie,  ohne  Sediment.  Langsame  Rekonvaleszenz 
Der  Milztumor  ist  noch  bis  zum  Verschwinden  des  Ikterus  zu  fühlen  und  geht 

sehr  langsam  zurück.  ,,,  .  .  .  „  „ 

Die  Erkrankung  hat  also  sowohl  Züge  der  W  e  1 1  sehen  Krankheit  an 
sich  (Fieber,  -akuter  Beginn,  Ikterus),  als  auch  vom  hämoiytischen  Ikterus 
(Milztumor,  der  wohl  z.  T.  spodogen  ist,  und  starker  Blutzerfall),  von  dem 
letzteren  unterscheidet  sie  sich  aber  scharf  durch  den  Bilirubimkterus  De 
Kontagiosität  ist  erwiesen,  das  Kind  stammte  aus  einer  Klasse,  in  der  leie 
Fälle  beobachtet  worden  sind.  Möglicherweise  entspricht  die  Krankheit  der 
4  Gruppe  des  E  p  i  n  g  e  r  sehen  Ikterus  simplex.  Augenscheinlich  greift  der 
Prozess  in  der  Milz  an  unter  Steigerung  der  hämolytischen  Funktion  des 
Organs.  Der  Ikterus  ist  wohl  sicher  ein  z.  T.  pleiochromer.  Abkurzend  aut 
das  Fieberstadium  scheinen  Schwitzprozeduren  zu  wirken. 

Herr  Schnell  sah  bei  der  schulärztlichen  Untersuchung  anfangs  nur 
vereinzelte,  in  den  letzten  Tagen  6 — 10  und  noch  mehr  Fälle  täglich.  Deut».' 
liehe  Abweichung  gegenüber  den  gelegentlichen  Formen  von  Icterus  cator- 
rhalis  durch  deutlichen  Milztumor  und  ausgesprochene  Kontagiositat.  Ueliautt? 
Erkrankungen  in  Familien,  Häusern  und  Schulen.  In  einzelnen  Fallen  hess 
sich  feststellen,  dass  nur  ein  kurzes  Zusammensein  mit  einem  erkrankten  Kind 
stattgefunden  hatte.  Bei  systematischer  Nachschau  in  den  Schulen  fanden 
sich  sehr  zahlreiche  Kinder  ohne  Krankheitsgefühl  und  ohne  Fieber,  die  eine 
leichte  Gelbfärbung,  oft  auf  die  Konjunktiven  beschrankt,  aufwiesen,  die  nach 
wenigen  Tagen  verschwand.  Diese  völlig  beschwerdelosen,  leichtesten  Fallfti 
übertrafen  an  Zahl  erheblich  die  schwereren  Formen  mit  Temperatursteigeritng. 
Nach  2 — 3  Wochen  konnten  sämtliche  beobachteten  Kinder  geheilt  die  F'clujte 
wieder  besuchen.  Obwohl  die  ^Blutproben  zuweilen  mehrfach  wiederholt 
wurden,  war  Widal  stets  negativ.  Auch  ein  Zusammenhang  mit  Oxyuriasis 
nicht  wahrscheinlich,  weil  seit  Jahren  die  übergrosse  Mehrzahl  der  Kinder 
an  Oxyuren  leidet,  ohne  dass  Ikterusfälle  aufgetreten  waren.  Anderseits 
war  nicht  festzustellen,  dass  die  erkrankten  Kinder  häufiger  Oxyuren  zeigten 

als  die  gesunden.  JI 

Herr  Paul  Schmidt  glaubte  anfänglich  an  Weil  sehe  Krankheit,  ist 
aber  allmählich  von  dieser  Ansicht  abgekommen.  Bis  jetzt  sind  grosse 
Epidemien  Weil  scher  Krankheit  mit  derartig  leichtem  Verlauf  und  besonderer 
Beteiligung  der  Kinder  nicht  bekannt.  Ferner  konnte  eine  Anzahl  dieser 
Fälle  durch  intraperitoneale  Injektion  von  defibriniertem  Blut  beim  Meer¬ 
schweinchen  untersucht  werden,  bisher  ohne  jeden  Erfolg. 

Bei  einem  19  jähr.  Mädchen  mehrfach  Paratyphus-B-Bazillen  im  sturn 
nachgewiesen.  Das  Blut  ergab  eine  ausgesprochene  Agglutination  für  Para¬ 
typhusbazillen  mit  dem  homologen  Stamm  bis  1:400.  Diese  Tatsache  scheint 
S.  für  die  ätiologische  Beteiligung  der  Paratyphus-B-Bazillen  zu  sprechen. 
Er  erinnert  an  ähnliche  ältere  Beobachtungen  von  E.  F  r  a  n  k  e  1  und  Schott- 

m  ii  1  1  e  r  in  Hamburg.  ...  .  F  ... 

Herr  Meinhof  schildert  den  von  Herrn  Schmidt  erwähnten  Fall. 
2  Schwestern  erkranken  an  leichtem  Ikterus  und  scheinen  zu  genesen.  Plötz¬ 
lich  bekam  die  eine  LS  jähr.  Schwester  hohes  Fieber.  Erbrechen,  Milztumor, 
Paratyphus-B-Bazillen  in  Stuhl  und  Harn,  nicht  im  Blut.  Nach  8  und  14  Tagen 
Harn  frei.  Stuhl  wieder  positiv,  Widal  1:200  (mit  eigenem  Stamm  :  40U). 
Klinisch  nach  wenigen  Tagen  Genesung.  Die  Schwester  blieb  bazilienfrei. 

M.  glaubt,  dass  der  Fall  eher  gegen  als  für  die  Paratyphusnatur  der 
Ikterusfälle  spricht. 


weis  der  Abderhalden  sehen  Reaktion.  .  , 

Der  Vortr  streift  kurz  die  bereits  vorhandenen  Methoden  und  betont., 
dass  mit  ihnen  allen  die  gleichen  Ergebnisse  erzielt  worden  sind  Umstritten 
ist  die  Herkunft  der  Fermente  und  .die  Art  ihrer  Wirkung.  Der  Vortragende 
betont,  dass  die  blutfremden  Fermente  offenbar  mit  den  zellspezifischen 
Inhaltsstoffen  in  das  Blut  übergehen  und  wohl  nur  in  besonderen  Fällen 
und  vielleicht  überhaupt  nicht  die  die  A.  R.  bedingenden  Fermente  als  Gegen¬ 
körper  aufzufassen  sind.  Ihr  Vorhandensein  im  Blute  "zeigt  an,  dass  aus 
bestimmten  Zellarten  Zellinhaltsstoffe  mit  ihren  spezifischen  Eigenschaften  ins 
Blut  übergetreten  sind.  Inwieweit  ein  solcher  Nachweis  praktische  Be¬ 
deutung  hat,  muss  der  Arzt  entscheiden.  Es  ist  von  verschiedenen  Forschern 
(SacJis,  Bronfenbrenner)  die  Vermutung  ausgesprochen  worden, 
dass  der  A.  R.  nicht  ein  Abbau  des  dem  Serum  zugesetzten  Substrates  zu¬ 
grunde  liege,  vielmehr  soll  jedes  Serum  Proteasen  enthalten,  die  Serum¬ 
eiweisskörper  abzubauen  vermögen.  Sie  kommen  nicht  im  Blute  selbst  zur 
Wirkung,  weil  „Antifermen(e“  vorhanden  sind.  Das  zugesetzte  Substrat 
soll  diese  letzteren  binden  und  nun  sollen  die  vorhandenen  Proteasen  Serum- 

eiweiss  abbauen  können.  .  ~  ' 

Der  Vortragende  demonstriert  an  Hand  von  Lichtbildern,  dass  be.uiu 
von  nichtschwangeren  Personen  mikroskopische  Schnitte  durch  Plazenta¬ 
gewebe  unverändert  lässt.  Wird  Serum  von  Schwangeren  angewandt,  dannj 
zeigt  sich  ein  deutlicher  Abbau  des  Substrates. 

Ferner  demonstriert  der  Vortr.  eine  Reihe  von  Versuchen  der  folgenden 
Art:  Serum  +  Substrat  wurde  in  sterile  Röhrchen  mit  sterilem  Serum  über¬ 
gossen  und  mit  sterilem  Verschluss  bei  37  "  aufbewahrt.  Es  ergab  sich,  das 
z.  B.  bei  Verwendung  von  Schwangerenserum  das  Substrat  Plazenta  UinKro 
skopisch  sichtbare  Veränderungen  (Quellung.  Zerfallen  und  Schwund)  zeigte 
Ferner  trübte  sich  das  Serum  mehr  und  mehr.  Bei  Anwendung  von  Seruit 
|  nichtschwangerer  Personen  blieb  jede  Veränderung  aus.  Diese  direkt« 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


179 


ethode  kann  einstweilen  die  anderen  Verfahren  7.11m  Nachweis  der  A.  R. 
eilt  ersetzen.  Sie  ist  noch  zu  wenig  ausprohiert,  sie  wurde  nur  demonstriert, 
n  zu  zeigen,  dass  an  der  A.  R.  ganz  entschieden  „etwas  dran  ist“. 

Herr  S  e  1 1  h  e  i  m  hält  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  die  Diagnose  der 
diwangerschaft  bei  der  1.  Untersuchung  (H  e  g  a  r  sehe  Zeichen)  für  sicher. 
:ir  wenn  die  Schwangerschaft  zur  Krankheit  wird,  also  bei  der  Extrauterin- 
avidität,  eilt  es  mit  der  Diagnose  und  die  Sicherheit  der  Diagnose  lässt 
ibei  oft  zu  wünschen  übrig.  Gerade  in  den  Fällen,  in  welchen  wir  wegen 
:s  sichtlich  sich  verschlechternden  Allgemeinzustandes  der  Flau  sofort 
lerieren  müssen,  wäre  uns  ein  so  zuverlässiges  diagnostisches  Mittel  wie 
e  A.  R.  erwünscht.  Auch  die  vielgerühmte  Punktion  des  Douglas  lässt  bei 
erinnselbildung  gelegentlich  im  Stich.  Leider  beansprucht  die  A.  R.  ge- 
ume  Zeit  und  auch  das  vorgeführte,  verblüffend  einfache  Verfahren  erfordert 
tigere  Zeit  zu  einer  deutlichen  Reaktion.  Vielleicht  können  wir  eine  weitere 
bRürzung  der  Reaktionszeit  erhoffen.  Dadurch  wäre  für  die  praktische 
jrwendbarkeit  der  Reaktion  zur  Diagnose  der  geplatzten  Extrauterin- 
hwangerschaft  viel  gewonnen. 

Herr  B  e  n  e  k  e  berichtet  über  einen  Fall  von  Ecchinokokkenanaphylaxie. 

Voelcker  macht  bei  einer  Frau  Gastroenterostomie.,.  Glatte  Opera- 
m.  An  der  Leber  kein  krankhafter  Befund.  Aufwärtsbiegung  des  linken 
iberlappens  zur  Freilegung  des  Magens.  Trotz  tadelloser  Wundheilung 
urde  die  Frau  täglich  elender,  eigentümlich  schnappende  Atmung.  Tod  am 
Tage  nach  der  Operation  unter  dem  Bilde  einer  Peritonitis.  Sektion  ergab 
illkommen  aseptische  Wundheilung.  Keine  Spur  einer  Peritonitis.  Darm 
ngefallen.  Hochgradige  Atrophie  des  Körpers.  Lunge  vollkommen  normal, 
it  lufthaltig,  trocken.  Herz  normal.  I11  der  braunen  Leber  im  linken 
ippen  dicht  unter  der  Kapsel  der  Dorsalfläche  eine  ca.  hühnereigrosse 
:hinokokkuszyste  mit  wässerigem  Inhalt.  Die  Zyste  war  fast  vollkommen 
>n  der  fibrösen  Wand  gelöst  und  grösstenteils  an  der  äusseren  Seite 
tensiv  gallengrün  gefärbt.  Keine  Blutreste  in  der  fibrösen  Wand  und 
:m  Spalt  zwischen  ihr  und  der  Zyste.  Am  rechten  Lappen  eine  zirka 
iaumengrosse,  trocken  obliterierte  Echinokokkuszyste  unmittelbar  unter  der 
ipsel.  Am  rechten  Ovarium  und  der  rechten  Uteruswand  subserös  einige 
eine,  höckerige  Verdickungen.  Der  Befund  deutete  darauf  hin,  dass  der 
)d  der  Patientin  die  Folge  einer  Echinokokkenanaphylaxie  war.  Offenbar 
ar  bei  der  Operation  der  nicht  zu  Gesicht  gekommene  Echinokokkussack 
-irch  das  Aufwärtsbiegen  des  linken  Leberlappens  zum  Teil  von  seiner 
ipsel  gelöst  worden. 

Hierdurch  mag  wohl  die  Gelegenheit  zur  Resorption  einiger  Tropfen  der 
rstenflüssigkeit  gegeben  worden  sein.  Die  Gallenfärbung  bewies,  dass  die 
i^ste  gelockert  worden  war.  Bekanntlich  genügen  bisweilen  Spuren  einer 
'stenflüssigkeit,  welche  irgendwie  in  das  Blut  gelangen,  um  einen  anaphylak- 
;chen  Schock  hervorzurufen,  der  in  manchen  Fällen  sofortigen  Tod  zur 
’lge  hat.  Als  Beweis  für  die  Annahme  des  anaphylaktischen  Schocks  führt 
an,  dass  es  ihm  diesmal  ebenso  wie  in  einem  früheren  Fall  (Beiträge 
r  pathologischen  Anatomie)  gelang,  wachsartige  Degenerationen  der  Zwerch- 
lmuskeln  nachzuweisen,  welche  er  für  einen  regelmässigen  Befund  bei  ana- 
ylaktischem  Schock  hält.  Besonders  interessant  war  die  Tatsache,  dass  die 
dnen  Höcker  an  Ovarium  und  Uterus  Reste  von  Echinokokken  (Skolices 
d  Proglottiden)  einschlossen.  Offenbar  war  der  am  rechten  Lappen  gelegene 
ck  früher  einmal  geplatzt  und  hatte  seinen  Inhalt  in  die  Bauchhöhle  er- 
ssen.  Dieses  Ereignis  hat  vermutlich  die  Ursache  für  die  Entwicklung  der 
hochgradigen  Anaphylaxie  gegeben. 

Herr  Voelcker  betont,  dass  eine  Verletzung  der  Leber  nicht  vor- 

.  legen  hat. 

Herr  V  0  1  h  a  r  d  zeigt  eine  durch  Operation  wesentlich  gebesserte 

Dwielige  Perikarditis. 

Herr  Voelcker  hält  den  Erfolg  der  Operation  für  abhängig  von  der 
Jglichkeit,  die  Schwielen  ohne  Verletzung  des  Herzmuskels  vom  Herzen 

.zulösen. 

Herr  Winternitz:  Ueber  akute  Pankreaserkrankungen  und  chronische 
i  nkreatitis. 

Der  Vortrag  erscheint  ausführlicirunter  den  Originalien  der  M.m.W. 

In  der  Besprechung  weist  Herr  Beneke  darauf  hin,  dass  er 
■  it  Jahren  auf  Grund  eigener  experimenteller  Untersuchungen  den  Stand- 
nkt  vertritt,  dass  die  Pankreasnekroseherde  durch  Krampfischämie  im 
nkreasgewebe  (reflektorisch  nach  Gallensteinen  etc.)  entstehen.  B.  erlebte, 
ss  Licht  heim  in  Königsberg  bei  einem  6  Wochen  lang  an  höchst  un¬ 
trer  Krankheit  leidenden  Manne  einen  Senkungsabszess  zwischen  den 
hichten  des  beiderseitigen  Mesokolon  diagnostizierte,  weil  der  Patient 
iderseits  in  der  Gegend  des  Colon  ascendens  und  descendens  abszess- 
:ige  Symptome  aufwies.  Die  Diagnose  wurde  auf  Grund  der  beiderseitig 
igsam  absteigenden  Erkrankung  gestellt.  Die  Sektion  bestätigte  die  Diagnose 
llständig.  Es  handelte  sich  um  eine  ganz  langsam  fortschreitende  Pan- 
easnekrose  mit  Aufblätterung  beider  Mesokola  durch  flächenhafte  Eiter- 
ikung  mit  den  typischen  Fettnekrosen. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  17.  November  1921. 

Herr  Kretschmann:  Demonstration  zweier  Fälle  von  operiertem 

'  rnhöhlenempyem. 

Bei  der  Stirnhöhlenoperation  muss  der  Eingriff  eine  sichere  Ausheilung 
■r  Krankheit  gewährleisten  und  eine  Entstellung  vermeiden.  Dies  wird  am 
(den  durch  die  Operationsmethode  von  Samoylenko  erreicht,  bei  der 
‘  sanze  Höhlenschleimhaut  sorgfältig  entfernt  wird.  Die  Höhle  füllt  sich 
‘lliesslich  mit  Knochen,  wie  durch  Tierexperiment  und  durch  klinische 
i  obachtung  gelegentlich  von  Nachoperation  erwiesen  ist.  Vortr.  hat  seit 
13  eine  grössere  Reihe  von  Kranken  nach  diesem  Verfahren  mit  sehr 
istigen  Erfolgen  operiert  (Fall  1). 

Es  kommen  natürlich  auch  Versager  vor,  so  Fall  2,  bei  dem  es  nach 
Wonaten  zu  einem  Rezidiv  kam.  Deshalb  erneute  Operation,  bei  der  zwei 
'  rio-stlappen  gebildet  und  in  die  Knochenkohle  gelagert  wurden.  Heilung  in 
S  Tagen.  Trotz  ungewöhnlicher  Ausdehnung  der  Stirnhöhle  kaum  merkliche 
1  flachung.  Die  intranasale  Methode  von  Halle  wird  abgelehnt. 

Diskussion:  Herren  Edgar  Meyer,  Ohnacker  und  J  ä  n  s  c  h. 

Herr  ßauereisen:  2  Fälle  von  puerperaler  Infektion  durch  Gas- 
mdbazlllen. 


Kurze  Darstellung  des  Krankheitsbildes  auf  Grund  der  vor  und  während 
des  Krieges  gewonnenen  Erfahrungen,  besonders  an  der  Hand  der  von 
S  c  ho  ttmüller-Bingold  veröffentlichten  zusammenfassenden  Arbeiten. 

Fall  1:  24  jähr.  Frau.  Aufnahme  18.  VI.  1921.  Keine  Geburt.  Letzte 
Menses  Februar  1921.  18.  VI.  Sturz  von  der  Treppe.  Puls  120.  Temp.  39,1. 

Fundus  fast  am  Nabel,  Mund  geschlossen.  Schmerzhafte  Paraimetrien.  All¬ 
gemeinbefinden  befriedigend.  Am  folgenden  Tage  Verfall:  Puls  130 — 140. 
Temp.  40,6.  Leib  aufgetrieben.  Urin  blutig.  Spontanausstossung  eines  20  cm 
langen  Fötus. 

Wegen  Verdacht  auf  Perforation  wird  vom  Stationsarzt  die  Laparotomie 
vorgenommen:  Reichliche  sanguinolente  Flüssigkeit  in  der  Bauchhöhle.  Keine 
Verletzung.  Knistern  in  der  Uteruswand.  Tiefe  supravaginale  Amputation 
des  Uterus.  Verschlechterung.  Exitus. 

Autopsie:  Peritonitis.  Milz  und  Leber  gashaltig.  Die  mikroskopische 
Untersuchung  (Prof.  R  i  c  k  e  r)  ergibt  Gasbazillen  in  zahlreichen  Organen, 
besonders  in  Uterus,  Milz  und  Leber.  Gasbazillensepsis  und  Peritonitis. 

Fall  2:  22  jähr.  Patientin,  ledig,  keine  Geburt.  Am  16.  VII.  abends 
3  malige  Injektion  von  Seifenwasser.  Am  Morgen  Schmerzen  im  Leib.  Vom 
Arzt  der  Klinik  überwiesen.  Aufnahme  17.  VII.  1921  vorm.:  Leib  gespannt, 
starke  Schmerzhaftigkeit  des  Uterus,  Temp.  37,4.  Puls  90.  Graviditas 
Mens.  III.  Douglas  vorgewölbt.  Die  Punktion  ergibt:  Sanginolente 
Flüssigkeit. 

Wegen  Verdacht  auf  Perforation  Laparotomie:  Reichlich  sanginolente 
Flüssigkeit  in  der  Bauchhöhle.  Keine  Verletzung.  Beide  Tuben  stark  ge¬ 
schwollen,  blaurot  gefärbt.  Rechte  Tube  geschlossen.  Linke  Tube  offen. 
Totalexstirpation  des  Uterus  und  der  Tuben.  In  den  ersten  Tagen  Tem-‘ 
peraturen  bis  38,5,  dann  glatter  Verlauf.  Wunde  p.  p.  geheilt. 

Präparat:  Decidua  vera  abgelöst,  Chorion.  Kein  Fötus.  Im  Innern  und 
im  Gewebe  der  Tuben  und  des  Uterus  Gram-positive  Stäbchen,  die  mit  Wahr¬ 
scheinlichkeit  als  Gasbazillen  zu  deuten  sind.  Noch  keine  Gasbildung.  Die 
mikroskopische  Untersuchung  wurde  im  pathol.  Institut  (Prof.  R  i  c  k  e  r) 
ausgeführt. 

Epikrise:  Es  handelt  sich  im  ersten  Fall  um  eine  tödlich  endende  All¬ 
gemeininfektion  mit  Gasbrandbazillen,  im  zweiten  Fall  noch  um  eine  Lokal¬ 
infektion  des  Uterus  und  der  Tuben.  Die  im  letzteren  Fall  vorhandene 
Peritonitis  heilte  nach  Entfernung  des  Hauptherdes  ab. 

Herr  Bauereisen:  Ueber  Peritonitis  bei  malignem  Tumor. 

39  jähr.  Frau.  Erste  Geburt  vor  16  Jahren.  Keine  Fehlgeburt.  Men¬ 
struation  regelmässig.  Seit  3  Wochen  Spannung  im  Leib.  Seit  3  Tagen 
Doppeltsehen. 

Aufnahme  12.  X.  21.  Zyanose.  Herzdämpfung  nach  links  verbreitert; 
rhu.  Dämpfung.  Massig*  Meteorismus.  R.  Flanke  Dämpfung. 

Augenärztliche  Untersuchung:  R.  Abduzensparese. 

Genitalbefund:  Uterus  in  den  Parametrien  fixiert,  Tuben  fingerdick. 
Douglaspunktion:  Trübes  Exsudat  ohne  Bakterien. 

Zunahme  der  Dämpfung,  rechts  hinten  pleuritisches  Exsudat.  Entleerung 
von  700  ccm.  Besserung.  Nach  einigen  Tagen  Zunahme  des  Meteorismus, 
Ileus.  Laparotomie.  Entleerung  grosser  Mengen  eitriger  Aszitesflüssigkeit. 
Fibrinauflagerung  auf  Darm  und  Peritoneum,  (m  Mesenterium  wurden  Knollen 
gefühlt,  Tuben  verdickt.  Am  folgenden  Tage  Ileostomie.  Bald  darauf  Exitus. 

Autopsie:  Peritonitis.  Walnussgrosse  Tumoren  im  Mesenterium.  Meta¬ 
stasen  im  Dünndarm,  Niere,  Lungenhilus  und  Achseldrii'sen,  Tuben,  Uterus  und 
Parametrien. 

Mikroskopische  Untersuchung  (Prof.  Rick  er):  Lymphosarkom. 

Epikrise:  Primäres  Lymphosarkom  der  Mesenterialdrüsen  mit  Metastasen 
im  Darm,  Niere,  besonders  in  beiden  Tuben,  im  Parametrium  und  Uterus. 
Das  Sarkom  führte  zum  Ileus  und  Aszites  mit  anschliessender  Peritonitis. 

Diskussion:  Herren  Siedentopf,  Wegrad,  Kamann,  Ro¬ 
meick,  Habs. 

Herr  Kahn:  Ueber  das  chronische  Magen-  und  Duodenalgeschwür. 

Das  Magengeschwür  ist  in  den  letzten  Jahren  zweifellos  häufiger  ge¬ 
worden.  Von  328  Fällen  mit  chronischen  Magenbeschwerden,  die  in  den 
~  Jahren  untersucht  wurden,  hatten  121  chronische  Geschwüre  des 
Magens  resp.  Duodenums  (37  Proz.),  während  die  grösseren  Statistiken  etwa 
10  Proz.  angeben.  Die  Verteilung  nach  Geschlechtern  ergab  75  Proz.  männ¬ 
liche  und  25  Proz.  weibliche  Patienten.  68  Fälle,  also  mehr  als  die  Hälfte, 
gehörten  dem  3.  und  4.  Jahrzehnt  an.  Das  2.  Dezennium  war  mit  12,  das 
5.  mit  24,  das  6.  und  7.  mit  zusammen  17  vertreten. 

Vortr.  bespricht  darauf  die  Symptomatologie  und  Untersuchungsmethoden. 
Von  den  121  Fällen  hatte  61  gesteigerte,  30  normale  und  13  verminderte 
Saurewerte  nach  dem  Ewald  sehen  Probefrühstück. 

Der  Nachweis  von  okkultem  Blut  im  Stuhl  gelang  in  30  Proz.  der  Fälle 
(Benzidinprobe).  Blutbrechen  wurde  nur  einmal,  Teerstuhl  zweimal  beob¬ 
achtet.  Die  röntgenologische  Untersuchung  wurde  10  Minuten,  lH> — 2,  5  und 
ev.  24  Stunden  nach  Verabfolgung  von  Citobaryumbrei  vorgenommen.  Die 
H  a  u  d  e  k  sehe  Nische  wurde  nur  einmal  beobachtet.  Das  nächstsichere 
Symptom  ist  der  5-Stundenrest,  der  jedoch  kritisch  zu  bewerten  ist.  Nega¬ 
tiver  Röntgenbefund  schliesst  niemals  ein  Ulcus  aus.  Chirurgische  Therapie 
bei  schwerer  motorischer  Insuffizienz  oder  häufigen  Rezidiven;  sonst  Diätkur 
nach  S  t  r  a  u  s  s. 

Von  den  121  Fällen  wurden  14  operiert,  also  mehr  als  10  Proz.  In 
13  Fällen  fand  sich  ein  pylorusnahes  Ulcus,  einmal  nur  Verwachsungen  am 
Duodenum.  1  Patient  kam  infolge  fieberhafter  Bronchitis  und  sich  daraus 
entwickeindem  Gangränherd  zum  Exitus;  die  übrigen  sind  beschwerdefrei 
(/4— 1/2  Jahre  nach  der  Operation). 

Diskussion:  Herr  Berger. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  29.  November  1921. 

Herr  Eichhorn:  Vorweisung  zum  Kapitel  der  Therapie  chronischer 
Unterschenkeigeschwüre. 

Da  alle  Mittel  versagen,  soll  der  Versuch  mit  Röntgenbestrahlung 
gemacht  werden. 

Herren  Kupferberg  und  Nelius:  Vorweisung  des  L  e  i  t  z  scheu 

Mikroskopes  zur  Beobachtung  von  lebenden  Kapillaren  (W  e  i  s  s  und 
O.  Müller). 

Hinweis  auf  die  Untersuchungen  Hinselmanns  über  Nephropathla 


ISO 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  S. 


gravidarum  und  Eklampsie  an  Hand  der  Kapillarbeobachtung.  Die  Ablesung 
ist  schwierig.  Subjektive  Fehler  sind  leicht  möglich.  Ein  grosserer  Beob¬ 
achtungsschatz  ist  zu  sammeln,  ehe  bestimmte  Schlüsse  möglich  sind. 

Herr  K  u  p  i  e  r  b  e  r  g:  Vorweisung  eines  exstirpierten  Uterus  mit 

spontaner  Kolpaporhexis  transversalis  anterior.  . 

Die  Abreissung  erfolgte  bei  einer  3.-Gebarenden  mit  plattem  "ecK,f" 
spontan.  Kindsgewicht  von  4,5  kg.'  Laparotomie  4  Stunden  nach  der  Ruptur 
und  nach  weitem  Automobiltransport.  Heilung.  —  Spina  bifida  im  Lumbalteil 
eines  Neugeborenen  mit  motorischen  und  sensiblen  Lähmungen  beider  in 
Beugestellung  kontrakten  Beine,  doppelseitigen  Klumpfussen  und  Lähmung 

von  Blase  und  Mastdarm.  ,  .  ...  .  . 

Herr  Kupferbere  spricht  über  Diagnostische  Irrtumer  in  der 

Gynäkologie.  (Erscheint  in  extenso  an  anderem  Ort.) 

Herr  R  e  i  s  i  n  g  e  r  spricht  über  Askariden  in  den  Gallenwegen. 
Vortragender  hat  in  den  letzten  Jahren,  welche  eine  Zunahme  der 
Askaridosis  überhaupt  erkennen  Hessen,  3  Falle  von  Askaris  in  den  Gallen¬ 
wegen  erlebt.  Er  lehnt  die  Annahme  ab.  dass  die  Einwanderung  der  Askariden 
eine  Steinerkrankung  der  Gallenwege  voraussetze,  wodurch  es  infolge  Stein¬ 
austreibung  zu  einer  Erweiterung  des  Ductus  choledochus  gekommen  sei. 

Gg.  B.  Gruber  -  Mainz. 


Aerztlicher  Verein  zu  Marburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 

Herr  Jahrmärker:  Demonstration  klinischer  Fälle. 

Herr  Keining:  Experimentelle  Beiträge  zu  den  Flockungsreaktionen 
nach  Sachs  und  G  e  o  r  g  i  und  nach  M  e  i  n  i  c  k  e. 

In  bezug  auf  die  kombinierte  S  G.  -  W  a  R.  Keinings  wir 
betont,  dass  sie  theoretischen  Zwecken  dienen  soll.  K.  hofft  mit  dieser  Ver¬ 
suchsanordnung  durch  Untersuchung  der  isolierten  Serumanteile  zur  Beantwoi- 
tung  der  Frage  zu  gelangen,  welche  Fraktion  für  ein  einwandfreies  Flockungs¬ 
resultat  ausreicht  und  welche  den  Komplementschwund  bedingt,  oder  ob  an  eine 
identische  Fraktion  SG.-Flockung  und  Komplementvernichtung  gebunden  ist 
Ein  schroffer  Gegensatz  zwischen  Lipoidreaktion  (SG.)  und  Globulinreaktion 
(WaR.)  ist  von  K.  nie  angenommen  worden.  Die  erste  Erschütterung  der 
Struktur  des  Serumextraktgemisches  soll  in  einer  Lipoidreaktion  bestehen; 
durch  eine  sich  anschliessende  Kette  von  Vorgängen  werden  die  Globuline 
schliesslich  derart  präpariert,  dass  sie  das  Komplement  inaktivieren  können. 
Weitere  Versuche  zielen  auf  eine  Frühablesung  hin,  die  prinzipiell  durch  ie 
Trübungsreaktion  nach  Dold  erreicht  ist;  ihre  ausreichende 
Spezifität  muss  nachgeprüft  werden.  Gaethgens  Zentrifugiermethode  er¬ 
möglicht  zwar  beschleunigtes  Ausflocken  der  Seren,  es  wurden  jedoch  gehäuft 
unspezifische  Resultate  gefunden.  Vorläufig  ist  der  Brutschrank  nicht  zu 
umgehen.  Steigerung  der  Temperatur  über  37  führt  entsprechend  zur  Ab¬ 
nahme  der  Flockungsstärke,  bis  sie  ganz  schwindet.  Versucht  wurde  die  Er¬ 
höhung  der  Temperatur  auf  56°:  erst  das  fertige  Extraktserumgemisch  wurde 
inaktiviert.  Das  Extrakt  selbst  erleidet  durch  Erhitzen  auf  56  keine  Ver¬ 
änderung,  wie  der  angeschlossene  Normalansatz  der  Versuche  beweist  Das 
bei  56 0  inaktivierte  Extraktserumgemisch  (S  G.  -  R.)  lässt  keine  deutlichen 
Flockungsunterschiede  erkennen.  Steigerung  des  NaCl-Gehaltes  führt  zwar 
zur  Vermehrung  der  Flockungstendenz,  man  gelangt  aber  sehr  bald  in  eine 
unerwünschte  NaCl-Flockungszone.  Die  DM.  (Meinicke)  mit  aktivem 
Serum  gibt  auffällig  spezifische  Resultate.  Die  Zunahme  unspezifischer 
Resultate  des  Normalansatzes  bei  18  0  ist  ganz  unbedeutend,  yorübergehend 
auf  56  0  erhitztes  Antigen  arbeitet  spezifisch  und  unabgeschwächt.  Aktives 
Serum  ~h  Meinickeextrakt,  nach  Mischung  bei  56  inaktiviert,  anschliessend 
bei  37°,  18°  oder  0°  gehalten,  ergibt  vollwertige  Flockungsresultate.  Vorzüge 
gegenüber  dem  Normalansatz  bietet  diese  Versuchsanordnung  nicht,  sie  lasst 
aber  die  grosse  Zuverlässigkeit  und  Brauchbarkeit  der  Meinickeextrakte,  und 
zwar  selbst  unter  extremen  Versuchsbedingungen  deutlich  erkennen. 

Diskussion:  Herr  Dold  berichtet  über  eine  weitere  Vereinfachung 
seiner  Trübungsflockungsreaktion.  Die  Vereinfachung  besteht 
darin  dass  an  Stelle  der  bisherigen  2  Kontrollen  (Extrakt-  und  Serum¬ 
kontrolle)  eine  kombinierte  Extraktserum  Kontrolle  tritt. 
Da,  wie  von  Dold  gezeigt  worden  ist,  Formaldehyd  die  Reaktionsfähigkeit 
luetischer  Sera  aufhebt,  kann  man  durch  Zusatz  von  Formaldehyd  den  im 
Augenblick  des  Zusammenmischens  von  Luesserum  und  Extrakt  jeweils 
resultierenden  optischen  Zustand  festhalten  und  gewinnt  so  in  einfacher  Weise 
eine  kombinierte  Extraktserumkontrolle  für  den  eigentlichen  Versuch.  Die 
Trübungsflockungsreaktion  mit  Formolkontrolle  ge¬ 
staltet  sich  dann  (bei  Verwendung  von  einem  Extrakt)  folgendermassen: 
Man  bringt  in  2  Reagenzröhrchen  je  0,4  ccm  des  inaktivierten  Patienten¬ 
serums,  gibt  zu  dem  rechts  stehenden  (als  Kontrolle  dienenden)  Röhrchen 
2  Tropfen  einer  mit  physiologischer  Kochsalzlösung  hergestellten  Formalin¬ 
verdünnung  (1:4)  in  das  links  stehende  Versuchsröhrchen  2  Tropfen  physio¬ 
logischer  Kochsalzlösung.  Hierauf  fügt  man  zu  beiden  Röhrchen  je  2,0  ccm 
des  1:11  verdünnten  Trübungsextraktes,  schüttelt  um,  bringt  die  Proben  in 
den  Brutschrank  und  liest  nach  4  Stunden  ab.  Ergebnis  positiv,  wenn  das 
links  stehende  Versuchsröhrchen  deutlich  trüber  erscheint  als  das 
rechts  stehende  Kontrollröhrchen.  Ergebnis  negativ,  wenn 
beide  Röhrchen  keine  Unterschiede  hinsichtlich  des  optischen  Ver¬ 
haltens  aufweisen. 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  25.  Januar  1922. 

Herr  Schindler:  Bericht  über  120  an  der  Abteilung  des  Herrn  Prof. 
Neubauer  im  Krankenhaus  Schwabing  ausgeführte  Gastroskopien  mit  über 
60  farbigen  Projektionen  von  Magenspiegelbildern.  Der  Vortrag  wird  in 
einer  der  nächsten  Nummern  im  Wortlaut  erscheinen. 

Die  Ausführungen  werden  mit  grossem  Beifall  aufgenommen.  In  der 
anschliessenden  Diskussion  beglückwünscht  Herr  Crämer  den  Referenten 
zu  seiner  erfolgreichen  Verbesserung  und  Ausgestaltung  der  gastroskop-ischen 
Untersuchungsmethode  und  bestätigt  aus  eigener  Anschauung  die  Beschwerde- 
losigkeit,  mit  der  selbst  langdauernde  Gastroskopien  auch  von  herunter¬ 


gekommenen  Kranken  vertragen  werden,  wie  spielend  das  Instrument  von 
kundiger  Hand  eingefüWt  wird  und  wie  überraschend  klar  und  deutlich  das 
gastroskopische  Bild  auch  vom  Neuling  wahrgenommen  wird  Die  richtige 
Deutung  der  Bilder  erfordert  freilich  Sachkenntnis  und  Erfahrung.  lese 
vorausgesetzt,  wird  jedoch  die  Methode  ausserordentliches  leisten  können  für 
Diagnose  und  Prognose  der  Magenkrankheiten,  auch  solcher,  denen  wir  bisher 
noch  recht  ratlos  gegenüberstanden. 

Herr  Schmitt  verspricht  sich  auch  für  den  Chirurgen  viel  von  der 
Gastroskopie,  wenn  ihre  Methodik  planmässig  weiter  ausgebaut  wird  und 
äussert  die  Ansicht,  dass  die  Gastroskopie  als  Spezialität  wohl  eine  aussichts¬ 
reiche  Zukunft  biete.  ,  ,  ..  ,  v. 

Herr  Kersch  en  steiner  hat,  gewonnen  durch  die  vorzügliche  Klar¬ 
heit  der  gastroskopischen  Bilder,  deren  Wiedergabe  in  den  projizierten 
Aquarellen  keineswegs  frisiert  ist,  sondern  hinter  der  Anschaulichkeit  der  wirk¬ 
lichen  Bilder  noch  zurückbleibt,  seit  geraumer  Zeit  die  Methode  auch  an  seiner 
Abteilung  als  selbstverständliches  und  hochgeschätztes  diagnostisches  Hi Ifs- 
mittel  eingeführt.  Die  diagnostischen  Ergebnisse  sind  vorzüglich  und  auch 
für  die  Biologie  und  Physiologie  eröffnet  die  Methode  neue  Einblicke,  wie 
z.  B.  die  Beobachtung  der  rhythmischen  Kontraktionen  von  Gastroentero- 
stomieöffnungen,  die  als  interessante  Nachbildung  der  Pylorustätigkeit  er¬ 
scheinen.  4.  .  .  . 

Herr  Kästle  sucht  in  längeren  Ausführungen  die  Röntgenologie  aus 
dem  Schatten  zu  ziehen,  den  die  Gastroskopie  auf  sie  zu  werfen  droht.  Er 
gibt  genaue  Anweisungen  für  die  kunstgerechte  Magendarmdurchleuchtung  im 
Liegen  und  erwähnt  die  Treffsicherheit  seiner  zahlreichen  röntgenologischen 
Magendiagnosen.  Bei  zwei  an  ihn  gelangten  Fällen  Schindlers  sucht  er 
eine  gastroskopische  Fehldiagnose  nachzuweisen. 

Herr  Schindler  spricht  im  Schlusswort  seinen  Dank  aus  für  die 
freundliche  Aufnahme  seines  Vortrages  und  für  das  Entgegenkommen  der 
Abteilungsvorstände  und  des  Pathologen  des  Krankenhauses  Schwabing,  wo¬ 
durch  seine  Untersuchungen  sehr  erleichtert  wurden.  Zu  den  von  Kastle 
angezogenen  Fällen  teilt  er  mit,  dass  Fall  1  laut  Untersuchungsprotokoll  em 
klares  Bild  nicht  ergeben  hatte,  während  er  im  2.  Falle  die  Diagnose  Erosion 
der  Magenschleimhaut  aufrecht  erhält  und  den  negativen  Befund  des  Chirurgen 
bei  der  von  ihm  nicht  veranlassten  Operation  auf  eine  durchaus  verständ¬ 
liche  Fehldiagnose  bei  der  Besichtigung  der  Aussenseite  des  Magens  während 
der  Operation  zurückführt. 


Würzburger  Aerzteabend. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  des  ärztlichen  B  e  z  i  r  k  s  v  e  r  e  i  n  s 
vom  17.  Januar  1922  im  Luitpoldkrankenhaus. 

Herr  Rietschel  demonstriert: 

1.  Paratyphus  B  bei  einem  Säugling  von  6  Monaten.  Klinisches  Bild 
unbestimmt.  Keine  Milzschwellung,  keine  Roseolen,  atypische  Temperaturen. 
Blutig-eitrige  Stühle,  über  4  Wochen  Dauer.  Im  Stuhl  mehrfach  Paratyphus  B 
bakteriologisch  festgestellt.  Agglutination  1:  150.  Trotz  der  Schwierigkeit, 
die  Agglutination  beim  Säugling  diagnostisch  heranzuziehen,  wird  der  Fall  als 
Paratyphus  B  angesprochen. 

2.  Hypertrophische  Leberzirrhose  mit  Splenomegalie  (H  a  n  o  t),  mit 
Ikterus  ohne  Aszites.  9  jähriger  Junge,  gesunde  Eltern.  Mit  4  Jahren  zum 

'  ersten  Male  Ikterus.  Seitdem  immer  gelbliche  Verfärbung.  Vor  6  Wochen 
erneuter  starker  Ikterus,  angeblich  nach  einer  Wurstvergiftung.  Milz  hart 
bis  zur  Mitte  zwischen  Nabel  und  Rippenbogen  reichend.  Leber  zwei  Quer¬ 
finger  über  den  Rippenbogen  tastbar.  Deutliche  ikterische  Verfärbung.  Keine 
Schmerzen.  Wassermann  negativ.  Im  Harn  kein  Bilirubin;  Urobilin  +,  Uro- 
bilinogen  +.  Das  Blutserum  gelblich  verfärbt,  Bilirubin  +,  ergibt  deutlich  die 
indirekte  Probe  nach  Hijmans  van  den  Bergh  (acholurischer  Ikterus). 
Geringe  Anämie.  Rote  3  200  000,  weisse  16  300,  Hämogl.  65  Proz., 
Plättchen  360  000.  Eine  Resistenzverminderung  der  roten  Blutkörperchen: 
nicht  nachweisbar.  Beginn  der  Hämolyse  bei  0,43,  komplette  Hämolyse  be  ■ 
0,38.  Stuhl  stark  cholisch  gefärbt,  Duodenalsondierung  leider  unmöglich.; 
Der  Fall  wird  unter  obiger  Diagnose  vorgestellt,  wobei  allerdings  die  An 
ämie  für  einen  Uebergang  in  den  hämolytischen  Ikterus  sprechen  könnte  j 
Wahrscheinlich  sind  diese  Formen  enger  verwandt.  Milzexstirpation  wird 
angeraten,  von  den  Eltern  abgelehnt. 

3.  a)  Pontine  Form  der  H  e  i  n  e  -  M  e  d  i  n  sehen  Krankheit,  ln  den 
letzten  2  Monaten  14  Fälle  von  H  e  i  n  e  -  M  e  d  i  n  scher  Krankheit  beobachtet] 
Unter  Fieber  akute  Fazialisparese  rechts  bei  3  jährigem  Kind,  die  als  Kern 1 
affektion  bei  H  e  i  n  e  -  M  e  d  i  n  scher  Krankheit  gedeutet  wird.  Spinale  ode 
andere  Hirnsymptome  fehlen.  Schwierigkeit  der  Abgrenzung  gegen  die  sog 
rheumatische  Fazialislähmung.  Für  Heine-Medin  spricht  das  akute  Fieber  ui 
Beginn  und  die  Zeit  der  Epidemie. 

b)  Ataktische  Form  der  H  e  i  n  e  -  M  e  d  i  n  sehen  Krankheit.  Plötztiel] 

binnen  weniger  Tage  sich  entwickelnde  ataktische  Gangstörung  bei  einen: 
4  jährigen  Knaben.  Augenhintergrund  frei.  Keine  spinalen  Symptome.  Pa 
tellarsehnenreflexa  etwas  gesteigert.  Kein  Nystagmus.  Besprechung  de 
Differentialdiagnose:  Tumor,  Heine-Medin.  Encephalitis  epidemica.  Das  plötz 
liehe  Auftreten  unter  Fieber  macht  eine  entzündliche  Affektion  des  Zerebellum 
am  wahrscheinlichsten. 

4.  Ponstumor.  10  jähriges  Mädchen.  Gekreuzte  Lähmung,  Faciah  ' 
abducens  rechts  gelähmt,  linksseitige  Hemiplegie.  Nystagmus  beim  Bhcl 
nach  links.  Vestibularis  rechts  etwas  gesteigert.  F  o  v  i  1 1  e  sehe  Lao 
m  u  n  g.  Wahrscheinlich  Tuberkel. 

5.  Hypothyreose.  15  jähriger  Junge.'  109  cm  gross.  Hat  die  Schule  nor 
mal  besucht,  ist  jetzt  bei  einem  Schuster  in  der  Lehre.  Angedeutete  Zeicht ; 
des  Myxödems.  Starke  Verzögerung  der  Ossifikation  der  Handwurzelknoclien 
2  Knochenkerne.  Auffallend  ist  hier  die  starke  Wachstumsbehinderung  bt 
relativ  wenig  Beteiligung  des  Intellektes. 

6.  2  Fälle  von  schwerster  Diplegia  spastica  infantilis.  Erster  mit  typische 
L  i  1 1 1  e  scher  Aetiologie  (Geburtstrauma),  der  zweite  kombiniert  mit  angt 
borenem  Herzfehler.  Bei  beiden  wird  eine  diffuse  Erweichung  des  Hirne 
durch  Blutungen  mit  sekundärer  Gliose  und  Sklerose  angenommen  (Encephahti 
interstitialis  Virchow). 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


181 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  13.  Januar  1922. 

Herr  J.  Fei  n  stellt  einen  Mann  init  Syphilis  des  Kehlkopfes  vor. 

Herr  V.  B  I  u  m  berichtet  über  die  Durchlässigkeit  der  Harnsteine  für 

ntgenstrahlen. 

Harnsäuresteine  geben  einen  sehr  lichten  Schatten.  Das  von  K  ü  m  - 
eil  vorgeschlagene  Kollargolverfahren  zur  Darstellung  des  Nierenbeckens 
d  der  Blase  wurde  wegen  der  Gefahr  von  Luftembolien  und  der  Kollargol- 
läden  der  Niere  nicht  allgemein  verwendet.  Vortr.  hat  in  einem  .  Falle, 
dem  zweifellos  ein  Blasenstein  vorhanden  war  (Hämaturie,  terminaler 
ktionsschmerz,  Harndrang)  nach  Entfernung  des  Residualharns  den  vorher 
isichtbaren  Stein  aufnehmen  können.  Vortr.  hat  mehrere  Fälle  dieser  Art 
obachtet. 

Es  ist  angezeigt,  bei  negativen  Röntgenbefunden  in  verdächtigen  Fällen 
ne  Aufnahme  nach  Entleerung  der  Blase  zu  machen. 

Herr  F.  Demrner  demonstriert  eine  60  jähr.  Frau,  die  wegen  eines 
mors  in  der  rechten  Leistengegend  operiert  wurde. 

Die  Operation  ergab  eine  Zyste  mit  drei  Fortsätzen,  von  denen  einer 
rischen  den  Blättern  des  Ligamentum  latum  lag. 

In  derartigen  Fällen  ist  die  Diagnose  unklar;  oft  wird  irrtümlicherweise 
e  Hernia  accreta  angenommen. 

Herr  M.  Kahane:  Elektrodiagnostik  und  Elektrotherapie.  K. 


Kleine  Mitteilungen. 

Schutzbehälter  für  Kanülen. 

Bei  der  bisherigen  Aufbewahrungsart  der  Kanülen  liefen  diese  dauernd 
■  fahr,  zu  verschmutzen,  sich  zu  verstopfen  oder  beschädigt  zu  werden. 
B.  die  Schärfe  der  Spitze  zu  verlieren.  Bei  der  zunehmenden  Häufigkeit 
ht  nur  der  subkutanen,  sondern  auch  der  intravenösen  Injektionen  machten 
sh  diese  Missstände  besonders  geltend.  Aus  diesen  Erwägungen  heraus 
Ibe  ich  den  abgebildeten  Schutzbehälter  für  Kanülen  angegeben.  Die  Kanüle 
rd  auf  einen  konischen  Zapfen  von  der  Grösse  und  Gestalt  eines  Spritzen- 
>?fens,  der  fest  im  Deckel  sitzt,  gesteckt  und  sitzt  infolge  der  leicht 
gerauhten  Oberfläche  des  Zapfens  vollständig  fest,  namentlich,  wenn  die 
delwurzel  eine  Kleinigkeit  durch  seitliche  Drehung  in  engere  Adhäsion 
it  dem  Zapfen  gebracht  wird.  Beim  Herausnehmen  ist  nur  ein  Berühren 
'  Mitte  der  Nadelwurzel  notwendig,  so  dass  für  Injektionen  die  eigentliche 
inüte  sowie  für  Blutentnahmen  das  Ende  der  Nadelwurzel  nicht  berührt 
rd.  Der  Behälter  wird  zweckmässig  mit  absolutem  Alkohol  gefüllt,  wo- 
;rch  die  Nadel  steril  bleibt,  auch  das  Rosten  verhindert  wird.  Der  Behälter 
steht  aus  einem  inneren,  röhrenförmigen  Glasgefäss,  das  zur  Reinigung  ohne 


geschlossen 


I  —  — -  -  m 


geöffnet 

Medizinisches  Warenhaus 
„  Frankfurt  *  O.rn.  b  H 

Frankfurt  am  Main 

ir 

( iteres  hcruusgenommen  werden  kann,  und  einem  äusseren  Metallgehäuse 
>  vernickeltem  Messing.  Die  übrige  Konstruktion  ergibt  sich  aus  der  Zeich- 
;ig.  Die  Abbildung  ist  in  natürlicher  Grösse,  so  dass,  wie  ersichtlich, 
vohl  kleinere  wie  längere  Kanülen  darin  aufbewahrt  werden  können,  da 
jdie  Nadelwurzel  stets  dasselbe  Lumen  hat.  Nach  demselben  Prinzip  lassen 
h  auch  andere  ärztliche  Instrumente  aufbewahren,  deren  Konstruktion  in 
rbereitung  ist.  Mir  hat  sich  in  der  Praxis  besonders  bewährt,  die  nicht- 
l'tenden  Tantalkanülen  in  diesem  Behälter  in  Alkohol  aufzubewahren.  Man 
auf  diese  Weise  stets  sterile  Kanülen  vorrätig,  steckt  beispielsweise 
'  Besuchsgänge  sich  mehrere  solche  Behälter  in  die  Tasche  und  kann  nun 
der  Wohnung  des  Patienten  ohne  Umstände  auch  intravenöse  Injektionen 
'nehmen,  sofern  man  die  Spritze  ebenfalls  steril  mit  sich  führt.  Die  Kon- 
uktion  einer  ähnlich  aufzubewahrenden  Spritze  ist  ebenfalls  in  Vor¬ 
sehung. 

Der  Schutzbehälter  wird  vom  Medizinischen  Warenhaus  „Frankfurt“, 
n.b.H.,  Frankfurt  a.  M.,  hergestellt  und  vertrieben.  Er  ist  gesetzlich 
Schützt.  Dr.  W  i  e  t  f  e  1  d  t  -  Bremerhaven. 

Therapeutische  Notizen. 

j  Die  Strophanthinbehandlung  mit  ganz  kleinen 
aktionierten)  Dosen  empfiehlt  Danielopolu-  Bukarest  und 
ur  auf  Grund  langjähriger  Erfahrungen,  welche  ergaben,  dass  nicht  nur  die 
sis  von  I  mg,  sondern  %  und  'A  mg  gefährlich  wirken  können.  Das 
ophanthin  besitzt  dieselbe  Wirkung  wie  Digitalis  auf  die  Fundamental- 
-■nschaften  des  Myokards  und  zwischen  beiden  Medikamenten  ist  nur  der 
terschied,  dass  Strophanthin  von  rascherer  und  Digitalis  von  mehr  an- 
lender  Wirkung  ist.  Die  Methode  der  fraktionierten  Dosen  besteht  darin, 
»der  (seltener)  3  intravenöse  Injektionen  pro  Tag  einer  konstanten  Dosis 
mg)  mehrere  Tage  hintereinander  zu  machen  —  die  Behandlung  wird 


erst  ausgesetzt,  wenn  man  das  gewünschte  Resultat  erzielt  hat  oder  der 
Kranke  Erscheinungen  von  Intoleranz  zeigt.  Diese  Methode  hat  vor  den 
hohen  Dosen  (A — 1  mg)  den  Vorteil:  1.  Ebenso  gute  Resultate  zu  erzielen, 
ohne  plötzlichen  Tod  zu  riskieren  und  2.  Keine  Gegenanzeige  zu  haben  in 
vielen  Fällen,  welche  zwar  der  Strophanthinmedikation  bedürfen,  aber  für 
hohe  Dosen  sich  nicht  eignen:  äusserste  Insuffizienz  des  Myokards,  Nieren¬ 
veränderungen.  die  unabhängig  sind  vom  Zustand  des  Herzens  und  kurz 
vorhergegangenem  Digitalisgebrauch.  D.  hat  die  Methode  der  kleinsten 
(Strophanthin)  Dosen  in  60  Fällen  schwerer  Herzaffektionen  (Asystolie  des 
rechten  Herzens  usf.),  wo  entweder  die  anderen  Herztonika  versagt  haben 
oder  der  Zustand  ein  so  bedrohlicher  war,  dass  man  die  langsame  Wirkung 
der  Digitalis  nicht  abwarten  konnte,  angewandt  und,  obwohl  zuweilen  vor¬ 
geschrittene  Niarenveränderungen  vorhanden  waren,  niemals  einen  Todesfall 
dabei  erlebt.  (Presse  medicale  1921  Nr.  77.)  St. 


Studentenbelange. 

Leitfaden  der  Prüfungsordnungen  für  Aerzte  und  Zahnärzte. 

Das  preussische  Ministerium  für  Wissenschaft,  Kunst  und  Volksbildung 
lässt  die  Medizinstudierenden  darauf  hinweisen,  dass  im  Verlage  von  August 
Hirschwald,  Berlin  NW.  7,  Unter  den  Linden  68,  ein  von  dem  Ministerial- 
sekretär  Oppitz  bearbeiteter  Leitfaden  der  Prüfungsordnungen  für  Aerzte 
und  Zahnärzte  erschienen  und  im  Buchhandel  zum  Preise  von  16  M.  zu  be¬ 
ziehen  ist.  Die  Studentenschaften  werden  ersucht,  auf  das  Buch  durch  An¬ 
schläge  aufmerksam  zu  machen.  v.  V. 

Grossdeutsche  Entschliessung  der  deutschen  Studentenschaft. 

Nach  der  Annahme  der  neuen  Verfassung  am  16.  Januar  1922,  deren 
wesentlichster  Inhalt  in  der  letzten  Nummer  d.  W.  mitgeteilt  würde,  nahm 
der  erweiterte  Hauptausschuss  folgende  Entschliessung  an: 

„Die  reichsdeutschen  Studentenschaften  haben  sich  soeben  eine  Ver¬ 
fassung  gegeben,  die  das  Ende  des  bereits  in  Erlangen  gelockerten  gross¬ 
deutschen  Verbandes  bedeutet.  Sie  mussten  diesen  Schritt  tun,  nachdem 
sich  die  Unmöglichkeit  herausgestellt  hatte,  die  deutsch-österreichischen  und 
die  auslandsdeutschen  Kommilitonen  unter  einem  anderen  als  dem  bisherigen 
von  einem  Grossteil  der  Reichsdeutschen  nicht  vertretbaren  Auswahl¬ 
gesichtspunkte  im  Verbände  zu  behalten. 

Das  erfüllt  uns  mit  grossem  Schmerze,  dass  dadurch  ein  äusseres  Zeichen 
der  unlösbaren  Zusammengehörigkeit  der  Reichsdeutschen  mit  den  Deutsch- 
Oesterreichern  und  Sudetendeutschen  verlorengegangen  ist. 

Das  aber  ist  unser  unbeugsamer  Wille:  Dass  die  Trennung  uns  nicht 
entfremde.  Diesem  Willen  haben  wir  in  unserer  Verfassung  einen  unzwei¬ 
deutigen  Ausdruck  gegeben.  Ist  das  rechtliche  Band  zerschnitten,  so  sei  das 
Band  des  Volkstums  und  des  Geistes  um  so  fester  geschlungen. 

Grossdeutsche  Erwägungen  sind  es,  die  uns  getrennt  haben;  der  gross¬ 
deutsche  Gedanke  hält  uns  dennoch  verbunden!“ 

Die  deutsche  Studentenschaft:  Franz  H  o  1  z  w  a  r  t  h,  Vorsitzender. 

Diese  Erklärung  vermag  die  Niederlage  des  völkisch-grossdeutschen  Ge¬ 
dankens  innerhalb  der  deutschen  Studentenschaft  nicht  zu  verdecken.  Die 
nunmehr  vollzogene  Zerrcissung  der  grossdeutschen  Studentenschaft  kann 
man  nur  tief  bedauern  und  wünschen,  dass  andere  studentische  Bewegungen 
wie  in  erster  Linie  der  deutsche  Hochschulring  diese  Idee  um  so  mächtiger 
aufgreifen  und  besser  an  ihrer  Verwirklichung  arbeiten.  v.  V. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  1.  Februar  1922. 

—  Das  Alkoholverbot  der  Vereinigten  Staaten  hat 
bisher  in  Deutschland  nicht  die  Beachtung  gefunden,  die  es  als  die  be¬ 
deutendste  Tat,  die  je  ein  Volk  zur  Hebung  seiner  Gesundheit  und  seiner 
Sitten  geleistet  hat,  verdient.  Seine  Bedeutung  wird  vielmehr  von  Seite  der 
Alkoholinteressenten  systematisch  herabgesetzt  und  häufig  genug  hört  man 
die  Behauptung,  es  werde  jetzt  in  Amerika  mehr  getrunken  wie  je  zuvor. 
Es  war  daher  sehr  dankenswert,  dass  Herr  Prof.  G  a  u  p  p  es  unternommen 
hat,  in  seinem  an  anderer  Stelle  d.  Nr.  erschienenen  Aufsatz  (S.  164)  auf 
Grund  zuverlässiger  Berichte  ein  Bild  von  den  Wirkungen  des  Gesetzes  zu 
geben.  Es  ist  dabei  überraschend  zu  sehen,  wie  reibungslos  sich  die  Ausser¬ 
betriebsetzung  der  grössten  Alkoholindustrie  der  Welt  bewerkstelligen  Hess 
und  wie  prompt  sich  die  erwarteten  Folgen  auf  gesundheitlichem  und  sitt¬ 
lichem  Gebiet  zeigten.  Den  naheliegenden,  für  uns  niederschmetternden  Ver¬ 
gleich  mit  den  deutschen  Verhältnissen  unterlässt  Herr  G.  nicht.  Sein 
Schlusswort  wird  dadurch  zu  einer  schweren  Anklage  gegen  die  deutsche 
Regierung,  die  das  durch  den  Krieg  des  Alkohols  bereits  entwöhnte  Volk 
trotz  Armut  und  Not  dem  Alkohol  aufs  neue  preisgibt. 

—  Der  Landesausschuss  der  Aerzte  Bayerns  ist  mit  den 
bayerischen  Landesversicherungsanstalten  und  landwirtschaftlichen  Berufs¬ 
genossenschaften  in  Verhandlungen  wegen  des  Abschlusses  eines  zentralen 
Vertrags  für  Bayern  eingetreten.  Die  Forderungen  der  Aerzte  betrafen  in  der 
Hauptsache  eine  Teuerungszulage  für  die  Zeit  vom  I.  Juli  bis  31.  Dez.  1921 
und  Gebühren  für  Rentengutachten  bei  den  landwirtschaftlichen  Berufs¬ 
genossenschaften  von  35  M„  bei  den  Landesversicherungsanstalten  von  50  M. 
Sie  sind  leider  auf  geringes  Entgegenkommen  gestossen.  Die  Berufsgenossen¬ 
schaften  lehnen  die  Teuerungszulagen  ab  und  wollen  für  das  erste  Gutachten 
nur  25  M.  gewähren;  die  Versicherungsanstalten  lehnen  den  Abschluss  eines 
einheitlichen  Vertrages  für  ganz  Bayern  überhaupt  ab  und  wollen  mit  den 
einzelnen  Aerztekammern  verhandeln;  ausserdem  bieten  sie  wesentlich  ge¬ 
ringere  Sätze,  als  die  vom  Landesausschuss  geforderten.  Von  ärztlicher  Seite 
werden  diese  Angebote  für  unannehmbar  erklärt;  die  Kreisärztekammern 
werden  ersucht  ihrerseits  in  keine  Verhandlungen  einzutreten,  bevor  nicht  der 
Landesausschuss  Direktiven  hinausgegeben  hat. 

• —  Auch  der.  Württemb.  Aerzteverband  bemüht  sich  um  neue 
einheitliche  Verträge  mit  den  Berufsgenossenschaften. 
Mit  den  gewerblichen  Berufsgenossen  ist  ein  solcher  Vertrag  ab  1.  Januar  1922 
abgeschlossen  worden,  der  für  ein  erstmaliges  eingehendes  Rentengutachten 
45  M.,  für  ein  wiederholtes  Gutachten  30  M.  und  für  ein  eingehendes  wissen¬ 
schaftlich  begründetes  Gutachten  (Obergutachten)  60  M„  u.  U.  auch  mehr, 


182 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


. 


festsetzt.  Mit  den  landwirtschaftlichen  Berufsgenossenschaften  ist  ein  Ueber-  1 
cinkommen  bisher  nicht  erreichbar  gewesen. 

—  Wegen  Verfehlungen  gegen  die  Bestimmungen  der  sparsamen 
Verordnungsweise  hat  der  paritätische  Arzneiprüfungsausschuss  des 
Württ.  Aerzteverbands  und  der  Württ.  Krankenkassenverbändc  in  den 
Sitzungen  am  14.  und  18.  Januar  in  51  Fällen  Geldstrafen  in  Höhe  von 
10 — 150  M.,  und  in  2  Fällen  Verwarnungen  ausgesprochen.  Ausserdem  wurde 
ein  Arzt,  der  die  Anweisung  der  sparsamen  Verordnungsweise  als  standes¬ 
unwürdig  bezeichnet  hatte,  zu  einer  Busse  von  150  M.  und  ein  anderer  wegen 
eines  beleidigenden  Briefes  an  den  Priifungsarzt  zu  einer  Busse  von  100  M. 

verurteilt.  ,  ,  ....'. 

—  Das  in  Gross-Hamburg  seit  1.  Juli  1919  neben  freier  Arztwahl  ein¬ 
geführte  lohnteilige  Kassenarztsystem  scheint  sich  nicht  be¬ 
währt  zu  haben  und  ist  ab  1.  OktobeT  1921  durch  einen  Vertrag  auf  Grund 
eines  Pauschalbetrags  von  65  M.  bzw.  76  M.  pro  Mitglied  und  Jahr  ersetzt 
worden.  Unter  dem  lohnteiligen  System  hatten  die  Krankenkassen  einen 
bestimmten  Anteil  ihrer  Beitragseinnahme  der  Aerzteschaft,  soweit  sie  für 
die  Krankenkassen  tätig  war,  als  Honorar  überwiesen.  Diese  Summe  wurde 
durch  eine  je  nach  dem  Arbeitsquantum  jedes  einzelnen  Arztes  berechnete 
Punktzahl  dividiert  und  der  sich  ergebende  Quotient  dem  betreffenden  Arzte 
ausgezahlt.  Der  Punktwert  wurde  ausser  von  der  Gebührenordnung  auch 
von  der  Quartalsmorbidität  abhängig  gemacht. 

—  In  dem  Bestechungsprozess  gegen  den  ehemaligen  Braun¬ 
schweigischen  Ministerpräsidenten  Sepp  O  e  r  t  e  r  wurde  als  erwiesen  er¬ 
achtet,  dass  dieser  ein  Darlehen  von  20  000  M.,  die  ihm  von  dem  Kranken¬ 
behandler  Otto  Schlesinger,  vulgo  O  1 1  o  -  O  1 1  o,  als  Gegenleistung 
für  die  Verleihung  des  Professortitels  an  ihn  angeboten  wurden,  angenommen 
hat.  Er  wurde  nach  §  331  Str.G.B.  wegen  Bestechung  zu  4  Monaten  Ge¬ 
fängnis  verurteilt.  Herr  Schlesinger  wurde  nach  §  333  ebenfalls  wegen 
Bestechung  zu  2  Monaten  Gefängnis  verurteilt.  Sic  transit  gloria  mundi. 

—  Die  Deutsche  Gesellschaft  für  Meeres  heil  künde 
schreibt  eine  Preisarbeit  aus  mit  dem  Thema:  Die  Ausnutzung 
der  deutschen  Seeküsten  für  die  Ertüchtigung  der 
Jugend  Der  Preis  beträgt  2000  M.  Die  Arbeiten  sind  in  druckfähiger 
Reinschrift  bis  zum  31.  Dezember  1922  an  den  1.  Vorsitzenden  der  Gesell¬ 
schaft,  Herrn  Prof.  Dr.  Franz  Müller,  Cbarlottenburg-Westend,  Kastanien¬ 
allee  39,  in  üblicher  Weise  (Kennwort)  einzureichen.  Preisrichter  sind  die 
Herren:  Wirkl.  Geh.  Obermedizinalrat  Prof.  Dr.  D  i  e  t  r  i  c h  -  Berlin,  Prof. 
Dr.  B  r  ü  n  i  n  g  -  Rostock,  Prof.  Dr.  K  i  s  s  k  a  1 1  -  Kiel,  Prof.  Dr.  Franz 
Müller-  Charlottenburg-Westend  und  Geh.  San.-Rat  Dr.  Röchling- 
Misdroy.  Ueber  die  Veröffentlichung  der  preisgekrönten  Arbeit  verfügt  der 
Vorstand  der  Gesellschaft. 

—  Am  10.  Februar  findet  in  Petersburg  eine  allrussische  Tuber¬ 
kulose-Konferenz  statt,  die  ein  reichhaltiges  organisatorisches  und 
wissenschaftliches  Programm  aufweist.  Anmeldungen  und  Auskünfte  im 
Bureau  des  Vertreters  des  Volkskommissariats  für  Gesundheitswesen  der 
russ.  sozialistischen  Sowjetrepublik  in  Deutschland,  Berlin,  Unter  den  Linden  11. 

—  Das  Deutsche  Hygienemuseum  in  Dresden  beabsichtigt 
sein  Tätigkeitsfeld  durch  Abhaltung  von  Lehrgängen  zu  erweitern.  Als 
erstes  sind  laufende  Kurse  über  Säuglingspflege  in  Aussicht  genommen,  die 
von  der  als  Wanderlehrerin  bekannten  Schwester  Elisabeth  Funke- 
Peissker  in  Zusammenarbeit  mit  der  wissenschaftlichen  Museumsleitung 
und  Prof.  Dr.  B  a  h  r  d  t  (Städt.  Säuglingsheim  Dresden)  abgehalten  werden. 
Die  jeweils  auf  8  Doppelstunden  (zweimal  wöchentlich)  berechneten  Lehr¬ 
gänge  beginnen  Anfang  Februar.  Nähere  Auskunft  erteilt  das  Ausstellungsamt 
des  Deutschen  Hygienemuseums  Dresden-A.,  Grossenhainerstr.  9. 

—  Ebenso  wie  im  Vorjahre  soll  auch  in  diesem  Jahre  ein  14  tägiger 
ärztlicher  Fortbildungskurs  aus  allen  Gebieten  der  Medizin  in  W  i  e  s- 
b  a  d  e  n  und  zwar  vom  27.  März  bis  8.  April  stattfinden.  Ausser  einer  Reihe 
Wiesbadener  Herren  sowie  Herren  vom  Frankfurter  Institut  für  experimentelle 
Therapie  haben  u.  a.  folgende  Herren  Vorträge'  übernommen:  Geh.  Rat 
Aschoff,  Straub,  Brauer,  Prof.  v.  Bergmann,  Schmieden. 
M  o  r  o,  Linke,  K  ü  p  f  e  r  1  e,  L.  F.  Meyer,  Siemens.  Einzelheiten 
werden  noch  in  der  nächsten  Zeit  im  Inseratenteil  mitgeteilt  werden.  An¬ 
fragen  an  Prof.  Dr.  G.  Herxheimer,  Wiesbaden,  Freseniusstr.  17. 

—  Die  Berliner  Röntgen-Vereinigung  wählte  als  I.  Vor¬ 
sitzenden  Prof.  Dr.  Levy-Dorn,  als  stellvertretenden  Vorsitzenden  Med.- 
Rat  O.  S  t  r  a  u  s  s,  als  1.  Schriftführer  Dr.  M.  Immelmann,  als  II.  Schrift¬ 
führer  Dr.  Behncken  (Physik.  Reichsanstalt)  und  als  Kassenführer 
Dr.  Fürstenau. 

—  Die  Forensisch-Psychiatrische  Vereinigung  zu 
Dresden  nahm  ihre  durch  den  Weltkrieg  unterbrochene  Tätigkeit  wieder 
auf.  Zum  Vorsitzenden  wurde  der  Direktor  der  Landes-Heil-  und  Pflegeanstalt 
Sonnenstein  in  Pirna  b.  Dresden,  Geh.  Med.-Rat  Dr.  1 1  b  e  r  g,  gewählt.  In 
der  Eröffnungssitzung  am  26.  I.  d.  J.  hielt  Geheimrat  Dr.  Ganser  einen 
Vortrag  über  „Die  Gesundheit  des  deutschen  Volkes  vor  und  nach  dem 
Kriegsende“. 

—  Die  „Monatsschrift  für  Psychiatrie  und  Neuro- 
1  o  g  i  e“,  welche  von  C.  Wernicke  und  Th.  Ziehen  begründet  ist  und 
seit  dem  Jahre  ,1913  von  C.  Bonhoeffer  herausgegeben  wird,  ist  mit  dem 
soeben  zu  erscheinen  beginnenden  Band  51  auf  eine  breitere  Basis  gestellt 
und  es  sind  in  das  Herausgeberkollegium  jetzt  die  Herren  R.  Cassirer, 
K.  Kleist,  E.  Redlich  und  P.  Schröder  eingetreten.  —  Auch  die 
„Zeitschrift  für  Augenheilkunde“,  welche  im  Jahre  1899  von 
H.  Kuh  nt  und  J.  v.  Michel  begründet  wurde,  erfährt  in  der  Zusammen¬ 
setzung  ihres  Herausgeberkollegiums  eine  Umänderung  insofern,  als  dasselbe 
jetzt  gebildet  ist  aus  den  Herren  B-irch -  Hirse  hfeld  -  Königsberg, 
E.  Krückmann  -  Berlin.  H.  K  u  h  n  t  -  Bonn,  J.  Meller-  Wien,  P.  Rö¬ 
mer-  Bonn,  F.  S  c  h  i  e  c  k  -  Halle  a.  S.  und  A.  Vogt-  Basel. 

■ —  Nach  dem  auf  der  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  gerichtliche 
und  soziale  Medizin  in  Erlangen  gefassten  Beschluss  wird  die  im  Jahre  1852 
von  Johann  Ludwig  C  a  s  p  e  r  gegründete  „Vierteljahrsschrift  für  gericht¬ 
liche  Medizin  und  öffentliches  Sanitätswesen“  nunmehr  nach  70  jährigem  Be¬ 
stehen  ihre  Erscheinungsform  ändern.  Sie  wird  künftighin  nur  mehr  die 
gerichtliche  Medizin  vertreten,  diese  aber  in  ihrer  Gesamtheit,  also  einschliess- 
tifii  ripr  trpriptiflirVipn  Psvchiatrifi  und  der  sozialen  Medizin  und  wird  daher 


KCl  ICimiLlIC  mcuiz.111  VUl  UCICll,  UIC^C  aoti  m  »uiüi  ucoaimiicu,  c*ioy  wm 

lieh  der  gerichtlichen  Psychiatrie  und  der  Sozialen  Medizin  und  wird  daher 
unter  dem  neuen  Titel  „Deutsche  Zeitschrift  für  die  gesamte 
gerichtliche  Medizi  n“  allmoantlich  herausgegeben  von  Professor 
Fraenckel  -  Berlin.  Geh.  Rat  Puppe-  Breslau,  Geh.  Rat  Schultze- 
Göttingen  und  Geh.  Rat  Strassmann  -  Berlin  erscheinen  und  zwar  im 


Verlag  von  Julius  Springer-  Berlin.  Neben  den  Originalarbeiten  wi 
der  Hauptwert  auf  sorgfältig  organisierten  Referatendienst  gelegt  \verd( 
—  Pest.  Frankreich.  Laut  Mitteilung  vom  24.  Dezember  v.  J.  si 
in  2  Bezirken  der  Stadt  Paris  und  in  Clichy  (Seine)  am  8.  September.  2.  u 
9.  Oktober  v.  .1.  zusammen  3  Pestfälle,  davon  2  mit  tödlichem  Verla 
festgestellt  worden.  —  Portugal.  Vom  23.  Oktober  bis  12.  November  v. 
24  Erkrankungen  und  18  Todesfälle  in  Ribeira  Grande  (Azoren). 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  15.  1 
21.  Januar  wurden  3  Erkrankungen  gemeldet,  und  zwar  in  Eydtkuhm 
Mylussen  und  in  Neustadt  i.  O.-S.  je  1.  Für  die  Zeit  vom  21.  Dezeml 
v.  J.  bis  7.  Januar  wurden  noch  9  Erkrankungen  im  Heimkehrlager  Lechfi 

mitgeteilt.  _  ,  ,  .  . 

—  hi  der  1.  Jahreswoche,  vom  1. — 7.  Januar  1922,  hatten  von  deutsch 
Städten  über  1 00  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Lübeck  mit  3t 
die  geringste  Saarbrücken  mit  11,9  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Einwohn 

Vöff.  R.-G.-A 


Hochschulnachrichten. 

G  ö  1 1  i  n  g  e  n.  Zum  Nachfolger  des  Geh.  Rats  Prof.  Stumpf  auf  d' 
Lehrstuhl  der  Psychologie  an  der  Universität  Berlin  ist  der  o.  Profess 
Dr.  Wolfgang  Köhler  von  der  Universität  Göttingen  berufen;  zum  Nai 
folger  Köhlers  irr  Göttingen  ist  Prof.  Dr.  Erich  Jaensch  in  Marbv 
ausersehen,  (hk.) 

Jena.  Dr.  med.  Johannes  Zang  e,  ao.  Professor  für  Ohrenheilkun 
hat  einen  Ruf  an  die  Universität  Graz  erhalten. 

Marburg.  Der  a.  o.  Professor  und  Direktor  der  Poliklinik  für  Ohre 
Nasen-  und  Halskrankheiten  an  der  Universität  Marburg,  Dr.  Oskar  W 
gen  er  hat  einen  Ruf  nach  Göttingen  als  Nachfolger  W.  Langes 

halten,  (hk.)  t  .  .  .  , , 

Münster  i.  W.  Medizinerfrequenz.  Nach  der  soeben  abgeschlossen 
endgültigen  Feststellung  sind  im  Wintersemester  1921/22  2722  Studierei 
immatrikuliert  und  zwar  2430  männliche  und  292  weibliche.  Dazu  komrr 
noch  275  männliche  und  96  weibliche  Gasthörer,  so  dass  die  Gesamtzahl  < 
zum  Hören  Berechtigten  3093  beträgt.  Unter  den  Immatrikulierten  befinc 
sich  209  Studierende  der  Medizin  (190  m.  und  19  w.)  und  71  Studierer 
der  Zahnheilkunde  (64  m.  und  4  w.).  Der  medizinisch-propädeutischen  1 
teilung  (medizinisches  und  zahnärztliches  Studium  innerhalb  der  ersten 
bzw.  3  Semester  bis  zur  ärztlichen  bzw.  zahnärztlichen  Vorprüfung  e 
schliesslich)  gehören  mithin  280  immatrikulierte  Studierende  an. 
Todesfälle. 

In  Graz  ist  am  21.  Januar  der  emer.  ord.  Professor  der  allgemen 
und  experimentellen  Pathologie  an  der  dortigen  Universität  Hofrat  Dr.  Ruö 
Klemensiewicz  im  Alter  von  73  Jahren  gestorben.  Er  war  korresp>' 
dierendes  Mitglied  der  Wiener  Akademie  der  Wissenschaften,  (hk.) 

Der  Krankenbehandler  B  i  1  z,  der  Verfasser  des  in  Millionen  \ 
Exemplaren  verbreiteten  Buches  „Das  neue  Naturheilverfahren“  ist  80  Ja 
alt  in  Radebeul  bei  Dresden  gestorben. 


Amtsärztlicher  Dienst. 

(Bayern.) 

Die  Bezirksarztstelle  in  Scheinfeld  ist  erledigt.  Bewerbungen  sind 
der  Regierung,  Kämmer  des  Innern,  des  Wohnorts  bis  8.  Februar  1 
einzureichen. 

Die  Bezirksarztstelle  in  M  i  e  s  b  a  c  h  ist  erledigt.  Bewerbungen  s 
bei  der  Regierung,  Kammer  des  Innern,  des  Wohnorts  bis  10.  Februar  1 
einzureichen. 


Russische  Aerzte  in  Not! 


Die  nach  Russland  entsandte  Sanitätsexpedition  des  Deutschen  Ro 
Kreuzes  konnte  nicht  nur  die  Nachricht  von  der  unbeschreiblichen  Hangt 
not  und  einer  ungeheuren  Ausbreitung  der  Hunger-  und  anderer  Seuchen 
den  russischen  Misserntegebieten  bestätigen,  sondern  auch  daselbst  ebe 
wie  in  den  bisher  weniger  unter  Nahrungsmangel  und  Seuchen  leiden 
Hauptstädten  einen  „Hunger“  der  russischen  Aerzte  nach  medizinischer, 
besondere  deutscher  medizinischer  Literatur  feststellen.  Unsere  rus: 
sehen  Kollegen  hungern  in  diesem  Sinne  tatsächli 
seit  7  Jahren.  Ueberall,  wo  wir  mit  Kollegen  zusammenkamen,  war 
erste  Frage:  Haben  Sie  uns  auch  medizinische  Zeitschriften  und  Bücher  i 
gebracht?  _  ' 

Unsere  deutschen  wissenschaftlichen  Institute  etc.  haben  es  nacht  \ 
gessen,  dass  bald  nach  dem  Kriege  viele  ausländische  Institute,  selbst 
den  früher  feindlichen  Ländern,  die  geistigen  Beziehungen  zu  uns-  du 
Uebersendung  der  während  des  Krieges  erschienenen  Zeitschriften  und  wis; 
schaftlichen  Arbeiten  wieder  aufnahmen  und  auch  um  unsere  Publikatio 
baten.  Auch  verdanken  wir  manche  für  unsere  wissenschaftlichen  Instil 
z.  Z.  unerschwinglichen  Bücher  der  Auslandsliteratur  den  Spenden  nament 
des  neutralen  Auslandes.  Erinnern  wir  uns  dessen  voll  und  ganz  und  he 
wir  nunmehr  auch  unseren  russischen  Kollegen,  mit  denen  uns  manche 
Beziehungen  verbinden! 

Die  meisten  grossen  deutschen  medizinischen  Wochenschriften  sind  her 
unserer  diesbezüglichen  Bitte  gefolgt  und  senden  durch  die  deutsche  H 
expedition  zahlreiche  Exemplare  wöchentlich  nach  Russland.  Möchten 
anderen  Zeitschriften  bald  folgen!  , 

Unsere  Bitte  geht  aber  noch  weiter:  Wir  sollten  auch  mit  Bücht 
spenden  die  Not  der  russischen  Aerzte  zu  lindern  versuchen.  Wenn  je 
Autor  uns  in  Verbindung  mit  seinem  Verleger  3 — 5  Exemplare  seiner  neue: 
Werke  zur  Verfügung  stellen  wollte,  dann  könnten  wir  den  Wissensdurst 
russischen  Aerzte  und  Wissenschaftler  wenigstens  in  den  Hauptstädten  sc 
einigermassen  stillen.  In  ärztlichen  Zentralbibliotheken  würden  wir  dase: 
die  deutschen  Werke  jedem  Arzte  zugängig  machen. 

Bis  dat  qui  cito  d^t!  Helfen  wir  also  schnell  und  intensiv. 

Die  Sanitätsmission  des  Deutschen  Roten  Kreuzes  ist  bereit,  alle  Litera 
spenden  unseren  russischen  Kollegen  zu  übermitteln  bzw.  die  für  dk 
Zweck  beim  Deutschen  Roten  Kreuz  (Russisches  Hilfswerk)  Charlotte»! 
eingehenden  Geldspenden  zu  Bücherbeschaffungen  in  dem  genannten  Si 
zu  verwenden. 

Im  Namen  der  deutschen  Sanitätsmission  für  Russland: 


Prof.  Dr.  M  ü  h  1  e  n  s. 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  S.W.  2,  Paul  Heysestr.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’l  Buch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


'reis  der  einzelnen  Nummer  3.—  .  Bezugspreis  in  Deutschland 

.  •  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  .  .  . 

.nzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Zusendungen  sind  m 


MÜNCHENER 

Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


r.  6.  10.  Februar  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Zur  Nomenklatur  der  Phthise. 

Von  L.  A  sc  ho  ff. 

In  den  ersten  Nummern  dieses  Jahrganges  hat  sich  Marchand 
ngehender  zur  pathologischen  Anatomie  und  Nomenklatur  der 
.ungentuberkulose“  geäussert1).  und  dabei  wiederholt  auch  zu  meinen 
isführungen  Stellung  genommen.  So  schwer  es  mir  wird,  dem  hoch- 
irehrten  Kollegen  zu  widersprechen,  so  zwingt  mich  doch  die  Ueber- 
ugung  von  der  Richtigkeit  der  eigenen  Auffassung  zu  einigen  Be- 
;erkunger,. 

Auch  bei  Marchand  besteht  kein  Zweifel  darüber,  dass  das 
ithiseproblem  nicht  nur  als  ein  immunbiologisches,  sondern  auch  als 
0  pathologisch-anatomisches  anzusprechen  ist.  Marchand  geht 
gar  noch  weiter,  wie  ich,  insoferne  er  eine  besondere  Immunisierung 
izelner  Organe,  auch  des  lymphatischen  Gewebes  für  unbewiesen 
lt.  Ich  habe  früher  einen  ähnlichen  ablehnenden  Standpunkt  be- 
nders  Kretz  gegenüber  eingenommen,  muss  aber  heute  zugestehen, 
ss  wir  ohne  die  Annahme  immunisatorischer  Prozesse 
'  auffälligen  Unterschiede  der  Phthise  im  Kindesalter  und  bei  der 
ehrzahl  der  Erwachsenen  nicht  erklären  können.  Es  kann  nicht  bloss 
3  verschiedene  Empfänglichkeit  der  Kinder  und  der  Erwachsenen  sein, 
:nn  auch  die  Altersveränderungen  des  Körpers,  besonders  der 
sngen,  wie  auch  ich  immer  betont  habe,  eine  gewisse  Erklärung  für 
ose  Verschiedenheiten  bieten.  Aber  wir  kommen  mit  diesen  Alters¬ 
ränderungen  oder  sonstwie  bedingten  morphologischen  Verände- 
.  rgen  nicht  aus.  Die  Tatsache,  dass  Erwachsene,  welche  ihre  Kind- 
jit  nicht  in  durchseuchten  Gebieten  zugebracht  haben,  viel  leichter 
<  den  generalisierten  Formen  der  Phthise,  ähnlich  wie  bei  uns  die 
Inder,  erkranken,  gibt  zu  denken.  Ich  habe  über  die  Befunde  an 
;atolischen  Bauern  kurz  berichten  lassen2).  Hier  könnte  man  frei- 
;h  einwenden,  dass  die  Schwächung  durch  die  Kriegsnahrung  diese 
sondere  Form  der  Phthise  bedingt  habe.  Aber  schon  aus  der  Vor¬ 
siegszeit  sind  diese  Befunde  bekannt.  Auch  verweise  ich  auf  die 
i  obachtungen  von  Gr  über  an  den  farbigen  Besatzungstruppen,  die 
• h.  doch  unter  recht  günstigen  äusseren  Verhältnissen  befanden.  Die 
isitiven  experimentellen  Immunisierungsversuche  von  Römer  bei 
Indern,  die  relativ  geringe  Beteiligung  der  bronchialen  Lymphknoten 
ü  der  sog.  isolierten  Lungenphthise  der  Erwachsenen,  das  häufige 
"rkommen  schwerster  Nieren-,  Genital-  und  Knochenphthise  ohne  fort¬ 
ireitende  Lungenphthise,  die  eigentümlichen  Formen  der  Pubertäts- 
ithise  und  das  Vorkommen  der  Erwachsenenphthise  bei  Kindern,  auf 
'[  1C(!  in  Wiesbaden  hingewiesen,  geben  doch  zu  denken.  Ich  glaube, 
'5s  über  die  Frage,  ob  lokale  Gewebsimmunisierungen  Vorkommen 
|d  ob  im  Sinne  Rankes  eine  Periode  des  Primärkomplexes,  ein 
nerahsationsstadium  und  ein  Stadium  tertiärer  sog.  isolierter  Organ- 
ithise  zu  unterscheiden  ist,  erst  dann  abgeurteilt  werden  kann,  wenn 
'r.  schärfer  wie  bisher  die  primäre  Infektion  mit  ihren  Folgen  von  der 
nst  exogenen  Reinfektion  trennen  gelernt  haben.  Das  Vorkommen 
:Cher  exogener  Reinfekte  bei  der  Phthise  stellt  einen  fundamentalen 
■  terschied  derselben  gegenüber  der  Syphilis  dar.  Jedenfalls  müssen 
|  pathologisch-anatomischen  Befunde,  die  wir  bei  der  Lungenphthise 
I.  verschiedenen  Altersklassen  erheben,  an  dem  Ranke  sehen  Ein¬ 
lungsprinzip  geprüft  und  gesichert  werden,  wie  ich  das  in  dem 
esbadener  Vortrag  zu  tun  versucht  habe.  Ich  komme  zum  Schluss 
cn  einmal  auf  diese  Fragen  zurück,  möchte  sie  hier  aber  nicht,  weiter 
füitieren,  weil  sie,  wie  ich  im  Eingang  meines  Versuchs  erwähnte, 
uh  zu  ungeklärt  sind. 

Etwas  besser  Bescheid  wissen  wir  über  die  anatomischen 
»randerungen  bei  der  Phthise  der  Lunge,  weil  dieses  dasjenige 
itan  ist,  dessen  Erkrankung  die  Hauptursache  der  Phthise,  d.  h  des 
rememen  Korperschwundes  zu  sein  pflegt.  Hier  trennt  Marchand 
j  t-Tkrankung  in  die  drei  Hauptformen  der  hämatogenen,  der  broncho- 
ien  und  der  lymphogenen  Ausbreitung.  Ich  glaube,  dass  darüber 
ter  den  I  athologen  kein  Widerstreit  der  Meinungen  besteht.  Nur 
Nomenklatur  der  einzelnen  anatomischen  Prozesse  macht  gewisse 
Irrigkeiten.  Marchand  fasst,  wenn  ich  ihn  recht  verstehe,  die 
nenogenen  Formen  unter  dem  Namen  der  tuberkulösen  verkäsenden 
Hichopneumonie  zusammen.  Er  will  unter  diesem  Namen  alle  Pro- 
se^ verstehen,  die  unter  dem  Einfluss  des  Phthisebazillus  in  den 


V  Marchand:  M.m.W.  1922  Nr.  1  u.  2 
I  Bergerhoff:  Beitr.  z.  Klinik  d.  Tbk.  1921,  49. 


Lungen  hervorgerufen  werden.  Ich  kann  diese  anscheinende  Verein- 
rachung  der  Nomenklatur  nicht  für  einen  Fortschritt  halten.  Wir  sind 
eben  auf  dem  besten  Wege,  die  verschiedenartigen  Veränderungen  der 
Lungenphthise  auch  schon  beim  Lebenden  mit  Hilfe  der  klinischen  und 
chemischen,  vor  _  allem  aber_  der  radiographischen  Untersuchungs- 
methoden  (Gr  äff  und  Küpferle)  auseinanderzuhalten'  zu  lernen, 
was  für  die  Prognose  von  allergrösster  Bedeutung  ist.  Den  besonderen 
pi ognostischen  Wert  der  vorwiegend  produktiven  Form  der 
Lungenphtmse  und  denjenigen  der  vorwiegend  exsudativen  Form 
erkennt  auch  Marchand  in  einem  seiner  Schlusssätze  ausdrücklich 
an.  Dennoch  glaubt  er  in  der  pathologisch-anatomischen  Nomenklatur 
aut  eine  schärfere  Bezeichnung  der  beiden  vorwiegenden  Formen 
verzichten  zu  sollen.  Da  nach  ihm  „tuberkulös“  ein  ätiologischer  Be¬ 
griff  ist,  worauf  ich  später  noch  zurückkommen  werde,  so  kann  man 
unter  tuberkulöser  verkäsender  Bronchopneumonie  alles  verstehen, 
eine  vorwiegend  exsudative  käsige  Pneumonie,  die  ganz  akut  verläuft! 
wie  auch  eine  vorwiegend  produktive  azinös-nodöse  Phthise,  die  ganz 
chronisch  verläuft.  Ich  fürchte  ausserdem,  dass  mit  dem  Namen 
„tuberkulöse  verkäsende  Bronchopneumonie“  die  Unsicherheit  in  der 
Nomenklatur  der  Phthise,  wie  sie  durch  die  Namen  Bronchitis  und  Peri¬ 
bronchitis  tuberculosa,  Lymphangitis  tuberculosa  peribronchialis  und 
perivascularis,  Bronchopneumonia  tuberculosa  nodosa,  peribronchiale 
tubei ku  öse  Lymphangitis,  knotige  tuberkulöse  Bronchopneumonie, 
tuberkulöse  käsige  Bronchitis  und  Peribronchitis  genügend  angedeutet 
ist,  nur  noch  vermehrt  wird.  Ich  habe  für  die  Hauptform  der  pro¬ 
duktiven  Phthise  das  W ort  azinös-nodöse  Phthise  geprägt 
für  die  Hauptform  der  exsudativen  Phthise  das  Wort  lobulär- 
kasige  Phthise  übernommen. 

AL  ich  vor  dem  Kriege  das  Studium  der  feineren  Histologie  der  Lungen¬ 
phthise  aufnahm,  über  deren  Ergebnisse  ich  später  mit  Nicol  berichtete,  läg 
mir  nur  daran,  meinen  Zuhörern  ein  möglichst  klares,  auf  eigenes  Urteil 
gegründetes  Bild  gewisser  Formen  derselben  geben  zu  können.  Denn  mit 
dem  Begriff  der  „Peribronchitis  tuberculosa“  und  seinen  zahlreichen  Varia¬ 
tionen  vermochte  ich  bei  der  eigenen  Demonstration  vor  den  Zuhörern  nichts 
rechtes  anzufangen.  Er  stand  im  Widerspruch  zu  den  immer  von  neuem  er¬ 
hobenen  histologischen  Befunden,  welche  nicht  auf  die  Bronchien,  sondern 
aut  die  Bronchioli  respiratorii  und  die  ihnen  entsprechenden  Azini  als  Sitz 
der  Erkrankung  hinwiesen.  Allso  nicht  peribronchial,  sondern  vorwiegend 
bronchiolar  und  azinös  entwickelten  sich  die  Prozesse.  Ich  übernahm  den 
Begriff  Azinus  von  Rindfleisch,  formulierte  ihn  nach  dem  Modell  von 

11  e  s  ®  e>  bis  die  histologischen  Untersuchungen  von  Husten  in  Be¬ 
stätigung  der  Loeschcke  sehen  Injektionsbefunde  einen  noch  kompli¬ 
zierteren  Bau  desselben  ergaben,  der  aber  an  dem  azinösen  oder,  wenn  man 
??  swll  >  subazinösen  Sitz  des  phthisischen  Qranulationsgewebes  bei  der 
häufigsten  Form  der  chronischen  Lungenphthise  nichts  änderte.  Ob  sich 
dieser  Begriff  der  azinös-nodösen  Phthise  der  Lungen  einbürgern 
wird,  muss  die  Zeit  tehrbn.  Ganz  unabhängig  von  uns  ist  auch  ein  so  aus- 
gezeichneter  Kenner  der  Lungenphthise  wie  Bau.mgarten3)  zu  dieser 
lokalisatorischen  Benennung  gekommen,  die  er  wegen  des  häufigen  Ueber- 
greifens  auf  das  abgehende  Bronchialsystem  zur  azinös-tubulären  Form  er¬ 
weiterte.  Jedenfalls  habe  ich  damit  nur  alte  Ueberlieferungen  aufgenommen 
An  mir  selbst  habe  ich  die  Erfahrung  gemacht,  dass  mit  der  Einführung  des 
Begriffs  der  azinös-nodösen  Phthise,  wobei  der  Ausdruck  „nodös“  von 
•  ^  lbTr  echt  und  A.  Fraenkel  stammt,  die  Schilderung  der  chro¬ 
nischen  Lungenphthise  an  Kllarheit  und  Deutlichkeit  ungemein  gewinnt  Ich 
bin  uberzeugt,  dass  alle  diejenigen,  die  sich  bemühen,  an  der  Hand  dieses, 
im  Azinus  gegebenen  anatomischen  Strukturbildes  den  Entwicklungsgang  der 
chronischen  bronchogenen  Lungenphthise  zu  beschreiben,  das  gleiche  emp¬ 
finden  werden.  Man  darf  sich  auch  nicht  daran  stossen,  dass  die  knötchen- 
ähnlichen  phthisischen  Produkte  nicht  immer  den  ganzen  Azinus  —  in  der 
neueren  Darstellung  von  Loeschcke  bzw.  Husten  —  umfassen. 
Ebensowenig  wie  wir  bei  den  lobulären  Pneumonien  stets  ein  genaues  Er- 
griffensein  eines  ganzen  Lungenläppchens  fordern.  Wenn  man  will,  kann  man 
wie  dort  von  sublobulärer,  so  hier  von  subazinöser  Herdbildung  reden. 

Diese  Trennung  in-  eine  produktive  und  exsudative  Phthise,  wie 
ich  sie  von  meinem  Lehrer  Orth  übernommen  und  als  richtig  erkannt 
habe,  wird  nun  von  Marchand  völlig  abgelehnt.  Es  hat  keinen  Sinn, 
diese  alte  Streitfrage  noch  einmal  in  aller  Breite  aufzurollen.  Dass 
sowohl  die  Bildung  phthisischen  Granulationsgewebes,  dessen  klassi¬ 
sches  Beispiel  der  Tuberkel  ist.  als  auch  die  Bildung  des  Exsudats  bei 
der  phthisisch-käsigen  Pneumonie  einen  „entzündlichen"  Prozess  dar¬ 
stellt,  wird  heute  wohl  von  keinem  bestritten.  Dass  beides  aber  des- 
wegen  gleich,  und  zwar  nur  nach  dem  einen  Entzündungsprodukt, 
nämlich  nach  dem  Tuberkel  bezeichnet  werden  soll,  geht  mir  nicht  ein! 
Wir  haben  bisher  die  klinisch,  morphologisch  oder  histologisch  ver¬ 
schiedenen  Formen  einer  Krankheit  auch  nach  diesen  Unterschieden 

")  v.  Baumgarten:  Beginn  und  Fortschreiten  des  tuberkulösen  Pro¬ 
zesses  bei  der  Lungenphthise.  Zieglers  Beitr.  1921,  69. 


3 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


IM 


benannt.  Ich  iühre  auch  hier  wieder  die  Syphilis  an.  Keinem  Men¬ 
schen  wird  es  einfallen,  den  syphilitischen  Pemphigus  als  Gummi-  Zu 
bezeichnen,  obwohl  beide  durch  dasselbe  Virus  hervorgerufen  sind.  Der 
verschiedenen  Reaktion  bei  der  Phthise  liegt  eben  ein  verschiedener 
Virulenzgrad  der  Phthisebazillen  oder  ein  verschiedener  Resistenz-  oder 
Immunitätsgrad  der  Gewebe  zugrunde.  Wir  können  also  aus  dem 
ursprünglich  doch  morphologisch  geprägten  Adjektiv  „tuberku¬ 
lös“  eine  ganz  bestimmte  Vorstellung  von  dem  Verhältnis  zwischen 
Affectio  und  Reactio  bei  der  so  bezeichneten  Organerkiankung  ge- 
winnen.  Wenn  ich  aber  eine  phthisische  ersudative  Pneumonie  als 
„tuberkulös“  bezeichne,  so  verzichte  ich  damit  ohne  Grund  auf  ein 
auch  für  den  Kliniker  und  Immunbiologen  wichtiges  unterscheidendes 
Ausdrucksmittel.  Dazu  kommt  noch,  dass  der  Ausdruck  „tuberkulöse 
Pneumonie“  für  exsudativ-käsige  Pneumonie  sehr  bedenklich  ist,  da 
man  darunter  auch- die  seltener  vorkommende,  mehr  diffuse. produk¬ 
tive  intraalveoläre  Tuberkelbildung  verstehen  kann.  Denn  eine  „Pneu¬ 
monie“.  d.  h.  eine  entzündliche  Reaktion  der  Lunge,  ist  auch  sie.  Ich 
sehe  also  gar  keinen  Vorteil  in  der  Unifizierung  der  verschieden  histo¬ 
logischen  Prozesse  unter  dem  Namen  „tuberkulös“. 

Marchand  begründet  nun  diese,  m.  E.  nach  verfehlte  Unifizie¬ 
rung,  die  uns  zwingt,  bei  einem  rein  eitrigen,  durch  Phthisebazillen 
hervorgerufenen  Tubenkatarrh,  oder  bei  einer  rein  eitrigen,  durch  das 
gleiche  Virus  bedingten  Perikarditis4 5)  von  „tuberkulöser“  Salpingitis 
und  „tuberkulöser“  Perikarditis  zu  sprechen,  obwohl  gar  keine  Tu¬ 
berkel  da  sind,  damit,  dass  der  Ausdruck  „tuberkulös“  ein  ätiologi¬ 
scher  geworden  ist.  Das  ist  es  aber  gerade,  was  ich  verwerfe.  Von 
der  schon  von  V  i  r  ch  o  w  lebhaft  beklagten  einseitigen  Benennung  des 
Koch  sehen  Bazillus  durch  Koch  selbst  stammt  zum  grossen  Teile 
die  heutige  Verwirrung.  Noch  ist  es  Zeit,  hier  ein  Ende  zu  machen 
und  klarere  Bezeichnungen  an  die  Stelle  der  missverständlichen  zu 
setzen.  Ich  halte  es  nach  wie  vor  für  bedenklich,  eine  in  buntester 
morphologischer  und  histologischer  Mannigfaltigkeit  auftretende  Krank¬ 
heit  ätiologisch  nach  einem  morphologischen  Produkt  der¬ 
selben  zu  bezeichnen.  Das  wäre  nur  dann  erlaubt,  wenn  es  keinen 
besseren  Ausweg  gibt. 

Ich  habe  daher  vorgeschlagen,  zu  der  alten  Benennung  Phthise 
für  die  Allgemeinkrankheit  zurückzukehren.  Auch  hiergegen  wendet 
sich  Marchand  mit  sehr  entschiedenen  Worten.  Vor  allem  ent¬ 
halten  seine  Anmerkungen  mancherlei  Einwürfe  gegen  meine  Begrün¬ 
dung,  welche  diese  letztere  als  eine  recht  ungenügende  erscheinen 
lassen  könnten. 

Zunächst  ein  Wort  zu  meinen  Vorschlag,  den  Tuberkelbazillus  in  Ba¬ 
cillus  phthisicus  umzutaufen.  Ich  betone  ausdrücklich,  den  „Tuberkelbazillus“. 
Ich  habe  in  früheren  Aufsätzen  und  Vorträgen  darauf  hingewiesen,  dass  es 
das  beste  wäre,  diesen  Bazillus  als  ,,K  och  sehen  Bazillus“  zu  bezeichnen, 
wie  es  alle  übrigen  Nationen  zu  Ehren  des  Entdeckers,  nur  nicht  wir  Deutsche, 
tun.  Ich  fügte  dann  hinzu,  dass  man,  wenn  man  eine  adjektivische  Bezeich¬ 
nung  wählen  wollte,  die  des  Bac.  phthisicus  die  gegebene  wäre  B).  Ich  habe 
also  nicht,  wie  Marchand  irrtümlich  annimmt,  und  wogegen  ich  mich 
durchaus  wehren  muss,  den  Kochschen  Bazillus  zum  Bac.  phthisicus 
degradieren,  sondern  den  T  uberkelbazillus  zum  Bacillus  phthisicus 
befördern  wollen.  Das  ist  aber  ein  gewaltiger  Unterschied.  In  meinen  Vor¬ 
lesungen  kommt  immer  zuerst  die'  Bezeichnung  „K  o  c  h  scher  Bazillus“, 
dann  erst  der  leichteren  adjektivischen  Anwendung  wegen  der  Bacillus  phthisi¬ 
cus,  welcher  Name  mir  den  Gebrauch  des  unglücklichen  Namens  Tuberkel¬ 
bazillus  erspart.  Dass  dieser  Name  unglücklich  gewählt  ist,  hat  Virchow 
so  eingehend  begründet,  dass  mir  weitere  Worte  unnötig  erscheinen. 

Ich  habe  gar  nichts  dagegen  einzuwenden,  sondern  würde  es  nur 
lebhaft  begriissen,  wenn  der  „Tuberkelbazillus“  in  Zukunft  als  Koch¬ 
scher  Bazillus  bezeichnet  würde.  Wenn  ich  vorgeschlagen  habe,  als 
Nebenbezeichnung  für  den  Koch  sehen  Bazillus  den  Namen  Bacillus 
phthisicus  statt  Tuberkelbazillus  zu  wählen,  so  geschah  es,  weil  die 
Krankheit,  die  durch  ihn  hervorgerufen  wird,  seit  alters  her  Phthise 
genannt  wird.  Ich  begründete  diesen  Vorschlag  damit,  dass  der  Aus¬ 
druck  Phthise  nicht,  wie  es  jetzt  immer  fälschlich  angenommen 
wird,  von  der  Zerstörung  der  Lungen  seinen  Namen  hat.  Viel¬ 
mehr  bedeutet  er  im  Altertum  —  und  dieses  hat  vor  mehr  als  2  Jahr¬ 
tausenden  uns  diesen  Namen  geschenkt  — *  den  allgemeinen 
Schwund  der  Körpersäfte  und  Körperkräfte. 

Es  ist  wohl  eine  irrtümliche  Auffassung,  wenn  Marchand  meint,  dass 
Celsus  die  Lungenschwindsucht  als  Phthise  beschrieben  hätte. 
C  e  1  s  u  s  schildert  an  der  von  mir  erwähnten,  auch  von  Marchand  zitier¬ 
ten  Stelle6)  die  Körperschwindsucht.  „Die  dritte,  bei  weitem 
gefährlichste  Form  der  Abzehrung  (Tabes!)  ist  die,  welche  die  Griechen 
cpttiuS  nennen.  Sie  nimmt  gewöhnlich  im  Kopf  ihren  Ursprung  und  teilt 
sich  von  da  aus  den  Lungen  mit.  Hierauf  entsteht  Verschwärung  (Ex- 
ulceratio!)  und  ein  gelindes  schleichende'-  Fieber,  welches  bald  einmal  weg¬ 
bleibt,  bald  einmal  wiederkehrt.“  Hier  spricht  Celsus  wohl  von  Ex¬ 
ulzerationen  der  Lunge,  aber  nirgendwo  nennt  er  diesen  Prozess  in 
den  Lungen  Phthise.  Ich  habe  bei  dem  Studium  der  mir  gerade  zugänglichen 


4)  Marchand  leugnet  das  Vorkommen  rein  eitriger  phthisischer  Er¬ 
krankungen  des  Perikards  und  der  Tuben.  Ich  habe  mich  hier  auf  die 
Angaben  in  der  Literatur,  besonders  auf  Simmonds  gestützt.  Es  sind 
zweifellos  seltene  Fälle,  die  aber  doch  ein  Forscher  wie  Simmonds  ge¬ 
sehen  haben  muss.  Für  die  phthisische  Meningitis  kann  ich  das  Vor¬ 
kommen  eitriger  Infiltrate  ohne  richtige  Tuberkel  auch  meinerseits  behaupten; 
natürlich  handelt  es  sich  um  vorwiegend  grosszeiligen  Eiter,,  der.  sich  peri¬ 
vaskulär  anhäuft.  Aber  es  fehlen  die  typischen  Tuberkel  mit  Riesenzellen, 
überhaupt  das  phthisische  Granulationsgewebe. 

5)  Man  kann  dann  viel  besser  die  verschiedenen  phthisischen,  pseudo- 
phthisischen,  paraphthisischen  Bazillen  in  der  Namengebung  trennen. 

6)  C.  Celsus,  Arzneiwissenschaft  ed  Scheller  1846  und  C.  Cel¬ 
sus,  Medicina  ed  F.  Ritter  und  H,  A  1  b  e  r  s  1835,  Lib.  III,  p.  22. 


3  n  u  & 
i  n  u  i 


griechisch-römischen  Literatur  (Hippokrates,  Ce  I  s  u  s,  U  a  1  e 
Aretaeus,  Alexander  von  T  r  a  1 1  e  s,  C  a  e  1 1  u  s  Aurelia 
nirgendwo  den  Ausdruck  (püioic  nvsimvwv  gefunden.  Wenn  Marcnan  I 
mein  Zitat  des  Aretaeus  für  nicht  zutreffend  hält,  weil  derselbe  nur  de 
Habitus  phthisicus  geschildert  hätte,  so  muss  auch  hier  ein  Missverständnil 
vorliegen.  Die  Stelle  auf  die  ich  mich  berief,  steht  im  8.  Kapitel  des  1.  Buche 
der  chronischen  Krankheiten  ‘).  ... 

Hier  wird  gerade  sehr  deutlich  die  eitrige  Zerstörung  der  Lunge  erwähn 
Ja,  es  ist  dies  die  einzige  von  mir  gefundene  Stelle,  aus  der  man  eine  Uebei 
tragung  des  Begriffs  ■/•>'<“' B)  auf  die  Lungenzerstörung  selbst,  wenn  übei 
haupt,  rechtfertigen  könnte.  Freilich  heisst  es  gleich  einige  Zeilen  weiteij 
dass  diese  Gattung  der  Hektik,  die  man  „Phthoe  nennt,  mit  eigenartige!  j 
Fieber,  Unruhe,  Entkräftung,  Auszehrung  einhergehe.  Ausdrücklich  sag 
Aretaeus:  „Sogar  diejenigen,  welche  gar  keine  Geschwüre  in  der  Lungl 
haben,  aber  durch  langwieriges  Fieber  aufgezehrt  werden,  mit  öfterem,  liartei <] 
und  nicht  recht  ausbrechendem  Hüsteln  behaftet,  nichts  heraufbringen,  nenne I 
sie  'Hits.oi;  und  dies  zwar  vermöge  der  angeführten  Kennzeichen  (näirl 
lieh  der  der  Phthise)  nicht  ohne  Grund.“  Dann  folgt  eine  klassische  Schi | 
derung  der  hochgradigen  phthisischen  Abzehrung  des  Gesamtkörpers  und  ers 
zum  Schluss  eine  kürzere  Notiz  über  den  Habitus  phthisicus.  1 

Weiter  führe  ich  Caelius  Aurelianus  an  (Lib.  11,  up  118) 
Phthisis  sive,  ut  plerique  appellant,  phthoe  quod  corporis  faciat  dissipationei 
[defluxionem],  sive  corruptionem,  fit  frequentius  antecedente  sai 
guinis  fluore,  aliquando  etiam  longi  temporis  tussicula,  sive  catqriho,  qu 
thoracis  altiora  lacerantur,  et  primo  levius:  tune  ulcerata  ....  citius  sum 
passio  initium.“  .  . 

Also  auch  hier  ist  von  der  P  h  t  h  i  s  e  des  K  °J rP  e  r  *  u"d  ,vt| 
U  1  z  e  r  a  t  i  o  n  e  n  der  Lunge,  aber  nicht  von  Lungenphthise  die  Rede.  J 

Wenn  Waldenburg  in  seiner  sehr  sorgfältigen  Darstellung  der  Gj 
schichte  der  Tuberkulose  es  so  darstellt,  als  ob  das  Altertum  unter  „Phthisd 
die  eitrige  Zerstörung  der  Lungen  verstanden  hätte,  so  lässt  es  sich  leic.j 
aus  seinen  eigenen  Berichten  widerlegen.  Die  <f.vu«nt  oder  Exulzerationcl 
der  Lunge,  die  t/unv ,  der  Brusthöhle  sind  die  Grundlage,  die  Ursache  dj 
Phthise,  aber  nicht  die  Phthise  selbst.  Selbst  nach  der  ersten  Beschreibui'j 
der  Tuberkel  durch  Sylvius  linden  wir  bei  Willis  (1622  lt>75) ..  dr 

deutlichen  Hinweis,  dass  Phthise  nicht  von  Ulzerationen  der  Lunge  abhang 
zu  sein  braucht  (zitiert  nach  Waldenburg  S.  30).  Wenn  man  die  Beium 
von  Willis  ablehnt,  weil  es  sich  vielleicht  um  Steinhauerlungen  gehandt;! 
haben  kann,  so  verweise  ich  auf  Morton  (1689),  von  dem  Wald  e  n  b  u  r  i 
(S.  34)  folgenden  Satz  zitiert;  „Die  Lungenschwindsucht  ist  eine  mit  Lieb 
verbundene  Auszehrung  des  ganzen  Körper  s,  die  von  der  fehle 
haften  Beschaffenheit  und  endlich  erfolgenden  Schwärung  der  Lunge  entstelitl 
Das  heisst:  Lungenschwindsucht  ist  nicht  Schwinden  der  Lunge,  sondern  v 
den  Lungen  ausgehendes  Schwinden  des  Körpers.  Diese^  Auffassung  hat  sil 
also  vom  Altertum  her  bis  in  die  Neuzeit  hinein  erhalten  ). 

Man  kann  auch  nicht  einwenden,  dass  es’zu  viel  verschiedene  Formen  vi 
Phthisen  gäbe,  die  von  den  Lungen  ihren  Ursprung  nähmen.  Die  Schildern 
der  von  den  Lungen  her  bedingten  Phthise  ist  schon  im  Altertum  so  chara 
teristisch,  dass  darunter  nur  die  spezifische  Phthise  zu  verstehen  ist.  Ai 


Diese  Angaben  genügen  wohl  zur  Rechtfertigung  meiner  Behau 
tung,  dass  Phthise  ursprünglich  allgemeine  Abzehrung  des  Körpers  al 
eine  Allgemeinkrankheit  bedeutete.  Ich  halte  mich  daher  für  durchal 
berechtigt,  diesen  klassischen  Namen  für  diese  Allgemeinkrankheit,  d 
wie  Aretaeus  schon  richtig  bemerkt,  auch  ohne  jedes  Lunge1 
geschwür  Vorkommen  kann,  vorzuschlagen.  Ich  darf  dabei  bemeike 
dass  andere  Nationen,  wie  die  Engländer,  den  Ausdruck  Zehrung  ooj 
Consumption  für  diese  Krankheit  in  pietätvoller  Weise  bis  in  c| 
neueste  Zeit  beibehalten  haben. 


Ich  habe  schliesslich  behauptet,  dass  der  Name.  Phthise,  der 
Grund  zunehmender  Sektionsbefunde  im  Laufe  der  beiden  letzten  Jai 
hunderte  mehr  und  mehr  auf  die  Erkrankung  der  Lunge  angewan 
wurde  (Phthisis  pulmonum),  erst  in  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunde: 
die  Umtauf ung  in  den  Namen  „Tuberkulose“  erfahren  hätte;  auch  hi'l 
gegen  wendet  sich  Marchand  und  weist  auf  die  schon  s 
Laennec  gebrauchten  Worte  „Lungentuberkulose“,  „tuberkulc 
Phthise“  hin.  , 

Mir  ist  natürlich  die  Anwendung  des  Wortes  „tuberkulös  durch  I 
Autoren  Portal,  Bayle  und  Laennec  bekannt.  Man  wendet  die; 
Adjektivuin  vielfach  an.  So  spricht  Bayle  von  diathfese  tuberculeuse,  | 
generescence  tuberculeuse,  afiection  tuberculeuse.  Vor  allem  aber  sprii 
man  von  der  Phthisis  tuberculosa.  (So  auch  Laennec).  Diese  Bezeichnt. 


7)  Aretaeus  übers,  von  D  e  w  e  z  1790,  p.  179  ff.  Jjl 

8)  Caelius  Aurelianus,  De  morbis  acutis  et  chronicis,  ed  Ai 
mann,  Amsterdam,  1722,  p.  420. 

9)  Wenn  man  daher  vor  Patienten  nicht  von  Phthise  reden  will, 
spricht  man  von  Phthoe  und  statt  von  Tuberkulose  von  Phthise. 

10)  Da  die  beruflichen  und  ausserberuflichen  Pflichten  es  einem  heutzuL 
fast  unmöglich  machen,  solche  Sonderprobleme,  wie  das  der  geschichtlichen  E; 
Wicklung  des  Phthisebegriffes  genauer  zu  verfolgen,  so  habe  ich  schon 
längerer  Zeit  Herrn  Kollegen  Sticker  in  Würzburg  gebeten,  dieser  Fr.. 
seine  Aufmerksamkeit  zuzuwenden,  was  er  freundlichst  zugesagt  hat.  AI 
mein  Universitätskollege  immisch  bestätigt  mir,  dass  „Phthise  ein  . 
gemeinbegriff  gewesen  ist,  welcher  den  Schwund  des  Körpers  bedeutete,  tj 
dass  „Phthise“  im  engeren  Sinne  denjenigen  Körperschwund  bezeichn* 
welcher  einer  Lungenvereiterung  entstammt  (unter  Hinweis  auf  Anu 
F  o  e  s  i  u  s,  Oeconomia  Hippocratis,  Frankfurt  1588).  Erst  nachträglich  fj 
ich  Gelegenheit  Laennecs  Abhandlung  über  die  Auskultation  im  Orig , 
noch  einmal  genauer  durchzusehen.  Dabei  fand  ich  folgende  Sätze, 
denen  hervorgeht,  dass  meine  Anschauungen  sich  ganz  mit  denen  von  Lae 
nec  decken.  (Laennec,  Traitd  de  l'auscultation,  Tome  I,  Paris  1<! 
p.  530.)  „cependant  on  voit  dans  quelques  cas,  rares  ä  la  vdritö,  tous  * 
signes  de  la  phthisie  se  ddvelopper,  et  la  mort  survenir  chez  des  sujet 
l'ouverture  desquels  on  ne  trouve  encore  que  des  tubercules  crus.‘  (p.  5. 
„La  plupart  des  phthisiques  ne  succombent  qu’apr£s  etre  arrivds  ä  ce  de* 
d’amaigrissement  extreme,  d’oü  les  Grecs  ont  pris  1  e  nom  de  1  a  nv 
1  a  d  i  e.“ 


0.  Februar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


185 


eicht  bis  in  die  zweite  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  hinein.  In  den 
|  ortreff  liehen  Schilderungen  A  dd  i  s  o  n  s  vom  Jahre  1868  finde  ich  die  Drei- 
üilung  der  Lungenphthise  in  die  pneumonic  phthisis,  in  die  tuberculo-pneu- 
aonic  phthisis  und  endlich  in  die  tubercular  phthisis.  Dass  der  Ausdruck 
’hthise  (Auszehrung  oder  Konsumption)  schon  seit  Laennec  allgemein 
urch  das  Substantiv  „Tuberkulose“  e  r  s  e  t.z  t  worden 
■  ä  r  e,  ist  mir  nicht  bekannt.  Aber  auf  das  Substantiv  kam  es  mir  an.  Ich 
nrach  ausdrücklich  von  der  Umtaufung  der  Phthise  in  die  Tuberku- 
ose.  Das  Adjektiv  „tuberkulös“  oder  „tuberkulär“  ist  mir  zur  Unter- 
cheidung  der  verschiedenen  Formen  der  Phthise  viel  zu  wertvoll,  als  dass 
:h  es  irgendwie  missen  möchte.  Auch  der  Ausdruck  „Tuberkulose“,  der 
ach  Waldenburg  zum  erstenmal  von  Schön  lein  (1839!)  ge¬ 
raucht  worden  ist,  ist  selbstverständlich  aufrecht  zu  erhalten,  aber  nur 
ir  diejenigen  anatomischen  Formen  der  Phthise,  bei  welchen  die  Tuberkel 
as  Bild  beherrschen.  So  spreche  auch  ich  selbstverständlich  von  Miliar- 
uberkulose,  Tuberkulose  der  Pleura  usw.  Wogegen  ich  protestiere, 
st  nur,  dass  man,  und  zwar  gerade  zuerst  in  Deutschland,  die 
■hthise  als  Allgemeinkrankheit  in  Tuberkulose  umgewandelt  hat.  Ich  muss 
lieh  gegen  den  unberechtigten  Vorwurf  verwahren,  dass  ich  erst  eine 
mtaufung  vorgenommen  hätte.  Wenn  eine  Krankheit  vor  mehr  als  2  Juhr- 
msenden  den  Namen  „Phthise“  bekommen  hat,  und  jetzt  erst,  vor  drei- 
iertel,  oder  wie  March  and  will,  einem  Jahrhundert,  der  Name  in  Tuber- 
ulose  umgewandelt  wird,  so  nenne  ich  das  eine  Umtaufung,  nicht  aber  die 
Lederherstellung  eines  so  ehrwürdigen  Namens  nach  so  kurzer  Periode  der 
ergcwaltigung.  Die  Entdeckung  der  Tuberkel  und  der  an  die  tuberkulösen 
rozesse  sich  anschliessenden  Erweichungen  als  wichtigste  Grundlage  dieser 
llgemeinkrankheit,  deren  Beziehung  zu  den  Lungenveränderungen  schon  das 
Itertum  sehr  genau  kannte,  gibt  keine  Berechtigung  zur  Aufgabe  eines 
:it  so  langer  Zeit  gebräuchlichen  klinischen  Namens. 

Die  einseitige  Beschränkung  des  Wortes  Phthise  auf  die  Lungen- 
eränderungen  führt  auch  sonst  zu  den  grössten  Schwierigkeiten. 
Jarchau d  hält  es  für  einen  Widersinn,  von  produktiver  Phthise  zu 
iprechen,  weil  Schwund,  Zerstörung  nie  produktiv  sein  können.  Dabei 
illigt  Marchand  stillschweigend  den  Ausdruck  tuberkulöse  Phthise. 
'Geher  in  der  ausländischen  Literatur  bis  heute  vebräuchhch  ist  und 
on  keinem  Geringeren  als  von  Laennec  angewandt  wurde.  Ist 
her  der  Tuberkel  eine  „entzündliche“  Neubildung,  und  daran 
weifelt  woh!  kerner,  auGi  Marchand  nicht,  so  muss  der  Ausdruck 
tuberkulöse  Phthise“  Marchand  ebenso  widersinnig  erscheinen, 
ie  produktive  Phthise.  Dieser  Widersinn  ist  sofort  behoben,  wenn 
aan  n'cht,  wie  es  fälschlich  geschieht,  unter  Phthise  die  Zerstörung 
er  Lungen  versteht,  sondern  die  Zehrung  des  Körpers,  welche  im 
esentfichen  von  den  spezifischen  Lungenveränderuncen,  gleichgültig, 
t>  sie  produktiver,  exsudativer  oder  regressiver  Art  sind,  aus- 
elöst  wird,  aber  nicht  mit  ihnen  identisch  ist. 

Ich  darf  auch  hier  gleich  die  Einwände  Lubarsch'11)  berü'cksinhtigen, 
elcher  behauptet,  dass  alles  das,  was  ich  gegen  die  Bezeichnung  „Tuberku- 
se“  emgewendet  hätte,  in  verstärktem  Masse  gegen  die  Bezeichnung 
’hthise“  gälte.  Er  weist  vor  allem  darauf  hin,  dass  in  vielen  Fällen  von 
jberkulose  keine  Phthise,  kein  Schwund,  keine  nennenswerte  Gewebszer- 
örung  vorhanden  sei.  Ich  kann  nicht  mehr  tun,  als  noch  einmal  wiederholen, 
iss  ich  unter  „Phthise“,  so  wie  der  Name  ursprünglich  von  den  Schöpfern 
asseiben  gemeint  war,  nicht  die  Zerstörung  der  Gewebe  oder  gar  die 
Izerationen  der  Lunge  verstehe,  sondern  eben  die  Zehrung  der  Körperkräfte, 
ie  sie  für  die  ausgebildeten  Fälle  der  Krankheit  charakteristisch 
t.  Wenn  man  das  tut,  dann  gibt  es,  wie  ich  wohl  im  Emver- 
ändnis  mit  Lubarsch  feststellen  kann  und  in  meiner  Nomenklatur 
irgeschlagen  habe,  neben  einer  „azinös-nodösen  Lungenphthise“  —  ohne 
obere  Gewebszerstörung  —  auch  eine  ulzerös-kavernöse  Phthise  — 
it  weitgehender  Einschmelzung  des  Organs.  Im  übrigen  sei  festgestellt, 
iss  überall  dort,  wo  die  Tuberkel  im  Lungengewebe  sich  entwickeln, 
eses  _■ —  mikroskopisch  betrachtet  —  endgültig  zerstört  ist.  Also  stellt  auch 
e  rein  produktive  Phthise  —  noch  frei  von  jeder  Verkäsung  und  Ein- 
hmelzung  — ,  wenn  man  genau  sein  will,  bereits  eine  Zerstörung,  einen 
chwund  des  Lungengewebes,  eine  „phthisis“  dar.  Das  beweisen  ja  am 
sten  die  schweren  Einbussen  derselben  an  Leistungsfähigkeit.  Lubarsch 
heint  mir  also  keinen  rechten  Grund  zu  einer  solchen  Erregung  über  meinen 
prschlag  zu  haben,  die  ihn  zu  dem  für  ihn  furchtbaren  Verdacht  kommen 
sst.  ich  wollte  das  glücklicherweise  klare  und  nicht  missverständliche  Wort 
allgemeine  akute  Miliartuberkulöse“  ausrotten  oder  prinzipiell  durch  das 
ort  allgemeine  hämatogene  miliare  Phthise  ersetzen.  Er  kann  sich  leicht 
'erzeugen,  dass  ich  in  meinem  Vorschläge  zur  Nomenklatur  der  Phthise 
■m  nicht  misszuverstehenden  Worte  „Miliartuberkulose“  seinen  berechtigten 
atz  angewiesen  habe.  Ob  Lubarsch  seinen  Lesern  viel  Freude  bereitet 
’t,  dass  er  sich  in  seiner  Erregung  über  die  „Phthise“  zu  politischen 
srgleichen  hinrejssen  liess,  wage  ich  zu  bezweifeln.  Meines  Erachtens 
■hören  solche  nicht  in  wissenschaftliche  Debatten. 

Ich  darf  diese  Erörterung  nicht  ohne  positive  Hinweise  schliessen. 
h  weiss,  dass  gerade  in  Deutschland  die  Gewöhnung  an  das  Wort 
uberkiiiose  eine  grosse  ist.  Trotzdem  hoffe  ich,  dass  die  Vorteile 
ii  der  Anwendung  des  Wortes  Phthise  für  den  pathol.  Anatom,  Kliniker 
id  Immunbiolbgen  so  'grosse  sind,  dass  sich  das  nicht  zu  unter¬ 
hätzende  Trägheitsmoment  doch  überwinden  lässt.  Die  Untersuchun- 
;n  von  P  a  r  r  o  t,  Kuss,  A  I  b  r  e  c  h  t.  G  o  h  ti,  Ranke  haben  es  in 
Übereinstimmung  mit  den  Lehren  v.  Behrings,  Roemers  und 
retz’  wahrscheinlich  gemacht,  dass  die  Allgemeinkrankheit 
hithise“,  ähnlich  Wie  die  Syphilis  in  verschiedenen  Perioden,  näm- 
:h  derjenigen  des  Primäraffektes,  derjenigen  der  Sekundärperiode 
ler  der  Generalisation  und  schliesslich  der  tertiären  Periode  oder  der 
Gierten  Organphthise  verläuft.  Ich  habe  mich  darüber  und  über  die 
men  kontrollierenden  und  kritisierenden  Aufgaben,  die  aus  solcher 
uffassung  der  pathologischen  Anatomie  erwachsen,  ausführlich  auf 

Kongress  für  innere  Medizin  im  vorigen  Jahre  geäussert.  Jede 
eser  Perioden  hat  ihre  besonderen  klinischen,  morphologischen  und 

u)  Lubarsch:  Einiges  zur  Kritik  der  medizinischen  Namengebung. 

reh.  Arch.  1921.  232.  S.  280. 


immunbiologischen  Charakterist, ka.  Aber  der  Vergleich  mit  der 
Syphilis  darf  —  und  darin  stimme  ich  Marchand  durchaus  bei  — 
nur  mit  grösster  Vorsicht  und  mit  wichtigen  Einschränkungen  gezogen 
werden.  Während  die  Syphilis,  falls  keine  Behandlung  einsetzt,  wohl 
in  der  Mehrzahl  aller  Fälle  die  drei  Stadien  mehr  oder  weniger  deutlich 
durchläuft,  sehen  wir  umgekehrt  bei  der  Phthise  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  die  Selbstheilung  schon  im  Stadium  der  Primärinfekte  oder  noch 
im  Stadium  der  Metastasierung  eintreten.  Ein  anderer  Teil  geht  im 
Stadium  der  Generalisation  zu  Grunde.  Nur  ein  Bruchteil  der  Phthise 
erreicht  das  Stadium  der  isolierten  Organphtbise. 

Gerade  d  i  e  Form  der  Phthise,  die  den  Arzt  am  meisten  interessiert, 
nämlich  die  chronische  Phthise  der  Lungen,  ist  nun  am  seltensten  als 
tertiäres  Stadium  eines  einmal  in  der  Jugend  gesetzten  Primärinfektes 
anzusehen.  Vielmehr  haben  es  schon  ältere  Untersuchungen  wahr¬ 
scheinlich  gemacht  —  und  neuere  Untersuchungen  von  Puhl  bringen 
eine  volle  Bestätigung  —  dass  die  gewöhnliche  chronische  Lungen¬ 
phthise.  wie  ich  schon  Eingangs  erwähnte,  von  einem  exogenen 
R  e  i  n  f  e  k  t  ihren  Ausgang  nimmt.  Darin  besteht  der  schärfste  Gegen¬ 
satz  zur  Syphilis.  Wir  haben  es  also  bei  der  chronischen  Lungen¬ 
phthise  mit  sich  überdeckenden  Doppelinfektionen  oder  Mehrfachinfek¬ 
tionen  zu  tun.  Wir  dürfen  also  nicht  nur  von  Primärinfekt,  Sekundär- 
und  Tertiärperiode  sprechen,  sondern  wir  müssen  —  und  zwar  gerade 
für  die  Fälle,  wo  der  Primärinfekt  zur  Ausheilung  kommt,  ohne  zur 
weiteren  Infektion  Veranlassung  zu  geben  —  von  einer  Periode  des 
Primärinfektes  und  einer  Periode  des  Reinfektes  reden.  Wie  man 
morphologisch  und  histologisch  die  in  den  Spitzengeschossen  lokalisierten 
bisher  meist  fälschlich  als  Primärinfekte  angesehenen  Reinfekte  von  den 
echten  meist  ganz  anders  lokalisierten  Primärinfekten  auch  noch  nach 
Jahrzehnten  zu  trennen  versuchen  muss,  wird  in  der  Arbeit  von  Puhl 
ausführlich  auseinandergesetzt  werden.  Die  Frage,  ob  der  meist  im 
Kindesalter  einsetzende  Primärinfekt  eine  gewisse  Immunität  erzeugt, 
lässt  sich  an  der  Hand  einer  grösseren  Zahl  auf  Primär-  und  Reinfekte 
sorgfältigst  untersuchten  Lungen  leidlich  gut  beantworten.  In  allen 
Fällen  von  Reinfekten12),  die  genau  untersucht  werden  konnten, 
wurden  auch  Narbenreste  von  Primärinfekten  gefunden.  Aber 
die  Zahl  der  Lungen  mit  Primärinfekten  überhaupt  war  erheblich 
grösser  als  diejenige  mit  gleichzeitigen  Reinfekten.  Das  weist  genü¬ 
gend  auf  das  hier  verborgene  Immunitätsproblem  hin.  Eine  der  wich¬ 
tigsten  Aufgaben  zukünftiger  Forschung  wird  sein,  festzustellen,  wie 
sich  zeitlich  Primär-  und  Reinfekte  beeinflussen,  wie  lange  ein  Primär¬ 
infekt  wirksam  gewesen  sein  muss,  um  den  Reinfekt  möglichst  ab¬ 
zuschwächen  oder  aus  ihm  das  Bild  der  chronischen  Lungenphthise 
hervorgehen  zu  lassen,  wie  kurz  umgekehrt  die  Wirkung  der  Primär¬ 
infektion  war.  .wenn  der  Reinfekt  das  Bild  einer  dem  Generalisations- 
stadium  des  Primärinfektes  ähnlichen  nrocredienten  Phthiseform,  wie 
sie  uns  als  Pubertätsphthise  so  häufig  entgegentritt,  auslösen  soll. 

Ich  glaube,  dass  solche  Untersuchungen,  über  welche  Puhl 
bereits  kurz  berichtet  hat13),  zur  Entscheidung  der  strittigen  Frage  nach 
der  besten  Benennung  der  phthisischen  Prozesse  am  meisten  beitragen 
werden. 


Experimentelle  Untersuchungen  üb^r  die  Wirkungsweise 
von  Proteinkörpern  und  Reizkörpern. 

(I.  Mitteilung:  Giftbindung  und  Ueberempfindlichkeit.) 

Von  Prof.  Dr.  Döllken  in  Leipzig  unter  Mitwirkung  von 
eand.  med.  Rudolf  Herzger. 

Exakte  Form  und  Fragestellung  hat  Bier1)  bereits  seit  1893  der  Reiz¬ 
körpertherapie  gegeben  und  daraus  seine  Heilentzündungslehre  hergeleitet.  In 
seinen  neuesten  Arbeiten  behandelt  er  die  Grundlagen  dieser  Therapie,  in 
denen  er  auf  V  i  r  c  h  o  w  s  Anschauungen  über  Reiz  und  Reizbeantwortung 
der  Zelle  zurückgeht.  Experimentelle  Untersuchungen  stellten  an  Krehl2). 
M.a  1 1  h  e  s  3).  W  e  i  c  h  a  r  d  t  4),  der  aus  ihnen  den  allzu  weiten  Begriff 
einer  allgemeinen  Protoplasmaaktivierung  ableitete,  Schittenhelm  und 
W  e  i  c  h  a  r  d  t  5),  welche  die  Wirkung  injizierter  Proteinkörper  untersuchten. 
Obwohl  seither  eine  Anzahl  von  Forschern  physiologische,  serologische  und 
pharmakologische  Beiträge  zur  Proteinkörperfrage  brachten,  sind  wir  auch 
jetzt  noch  weit  entfernt,  auch  nur  die  notwendigsten  Grundlagen  für  eine 
Lehre  von  der  Wirkung  der  Proteinkörper  zu  haben.  Es  wird  noch  jahrelange 
Arbeit  vieler  Experimentatoren  nötig  sein,  um  einigermassen  klar  sehen  zu 
können. 

Ausser  Bier  haben  besonders  Kaznelson8),  Star.ken- 
stein7),  Schittenhelm8)  das  vorhandene  Material  diskutiert.  Neue 
serologische  Arbeiten  bringen  noch  L  i  n  d  i  g 9)  und  seine  Schüler  über 

12)  Das  Wiederaufflackern  von  Herden  aus  der  Periode  des  Primär¬ 
affektes  und  seiner  Folgezustände  sollte  mit  dem  Ausdruck  des  endogenen 
Rezidivs  bezeichnet  und  damit  scharf  dem  exogenen  Reinfekt  gegen- 
iibergestellt  und  die  Rezidive  der  primären  Infektion  von  den  Rezidiven  der 
Reinfektion  unterschieden  werden.  Ob  das  möglich  und  durchführbar  ist. 
muss  die  Zukunft  zeigen. 

13)  Puhl:  Sitzungbericht  d.  Med.  Gesellsch.  Freiburg  i.  B.  D.m.W.  1922. 

*)  Bier:  v.  Esmarchs  Festschrift  1893.  Hyperämie  als  Heilmittel, 

1907.  M.m.W.  1921. 

2)  Krehl:  Arch.  f.  exp.  Pharm.  35.  36 

3)  Matth  es:  D.  Arch.  f.  klin.  M.  1894. 

4)  Weichardt:  M.m.W.  190/  usf.,  letzte  Arbeit  B.kl.W.  1921. 

B)  Schittenhelm  und  Weichardt:  Zschr.  f.  exp.  Path.  u. 
Ther.  1912.  6)  Kaznelson:  B.kl.W.  1917:  Erg.  d.  Hyg.  etc.  1921. 

7)  Starkenstein:  M.m.W.  1919. 

8)  Schittenhelm:  M.m.W.  1921. 

°)  L  i  n  d  i  g:  M.m.W.  1919  etc. 


186 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr. 


Kasein,  Arnold  und  L  e  s  c  h  k  e  10)  über  sessile  Rezeptoren,  S  e  i  f  f  e  r  t  u)  i 
über  normale  und  pathologische  Permeabilität  und  Reaktion  von  Zellen  Reiz-  | 
körpern  gegenüber.  D  i  1 1 1  e  r  1S)  fand  im  defibrinierten  Blut  eine  den  Kanin-  ! 
ehendünndarm  erregende  und  eine  hemmende  Substanz,  die  er  durch  Dia-  j 
lyse  reinlich  voneinander  trennen  könnt“.  Auch  von  den  roten  Blutkörperchen 
gewann  er  Hemmungs-  und  Erregungsstoffe.  Freund13)  schliesst  aus  seinen 
Versuchen,  dass  durch  Blutplättchenzerfall  im  Aderlassblut  Qefässgifte  ent¬ 
stehen.  Freund  und  G  o  1 1 1  i  e  b  14)  weisen  auf  die  Wirkung  der  Blut¬ 
zerfallsprodukte  im  strömenden  Blut  nach  Reizkörperinjektion  hin.  j 
K  i  r  s  t  e  1B),  Z  o  n  d  e  k  1H),  Storm  van  L  e  e  u  w  e  n  17)  untersuchten  Reiz- 
körper-Gift-Antagonismus  und  Synergismus  den  Gefässen,  Herz  und  Darm 
gegenüber. 

Sehr  klar  hat  Starkenstein  (1.  c.)  das  Problem  der  Hemmung 
und  Verstärkung  der  Giftwirkung  von  Strychnin  und  Phenol  durch  Milch 
und  andere  Protein-  und  Reizstoffe  herausgestellt. 

Von  den  meisten  Forschern  wird  die  W  e  i  c  h  a  r  d  t  sehe  Theorie  einer 
allgemeinen  Protoplasmaaktivierung  durch  Proteinkörper  als  unbewiesen  ab¬ 
gelehnt.  Selbst  Schittenhelm  (1.  c.),  der  ihre  Rettung  versucht,  spricht  | 
im  Verlauf  seiner  Betrachtungen  de  facto  fast  nur  von  Verstärkung  spezifischer 
Einflüsse  und  von  elektiven  Wirkungen  der  Eiweissstoffe.  Bier  hält  den 
Begriff  der  Protoplasmaaktivierung  für  unnötig  und  den  Ausdruck  für  unglück¬ 
lich  gewählt,  da  wir  nicht  wissen,  ob  die  Proteine  den  Kern  oder  das  Proto¬ 
plasma  der  Zelle  reizen. 

Ich  will  nicht  die  Möglichkeit,  nicht  einmal  die  Wahrscheinlichkeit  einer 
omnizellulären  Wirkung  der  Proteine  bestreiten.  Aber  bislang  fehlt  jeder 
Beweis  dafür,  dass  es  gerade  diese  Eigenschaft  der  Proteine  ist,  welche 
allein  die  Heilwirkungen  an  bestimmten  Krankheitsherden  entfaltet. 
Vom  Chinin  wissen  wir  genau,  dass  es  in  sehr  kleinen  Dosen  omtiizellulär 
aktiviert,  ohne  im  geringsten  den  Proteinen  analog  zu  wirken. 

Meine  eigenen  klinischen  und  experimentellen  Untersuchungen  füh¬ 
ren  zwingend  zu  dem  Schluss,  dass  das  Problem  der  Protein- 
körperwirkung  ein  humorales  und  ein  zelluläres  ist. 

Den  injizierten  Proteinkörpern  kommt  im  normalen  Organismus 
eine  sehr  ausgebreitete  Gewebsaffinität  und  Organotropie  zu.  Beide 
Ausdrücke  werden  doppelsinnig  gebraucht.  Einmal  für  die  besonders 
sinnfällige  Reaktionsfähigkeit  einer  Organzelle  auf  einen  bestimmten 
Reiz,  ferner  für  die  Bindung  von  Substanzen  an  Gewebsflüssigkeit  oder 
Zelle,  gleich,  ob  damit  eine  auffallende  Funktionsänderung  verknüpft 
ist  oder  nicht. 

Die  Proteinkörper  wirken  erregend  auf  die  zellulären  Bestandteile 
des  Blutes  (Bier).  Nachweisbar  ist  im  normalen  Organismus  ihre 
Reaktionsfähigkeit  mit  Gefässen  (L  ä  w  e  n  und  D  i  1 1 1  e  r) 18), 
Muskeln,  Drüsen  (W  e  i  char  dt),  Knochenmark  (E.  F.  Müller), 
gewissen  Grosshirnzentren  im  Sinne  einer  Leistungssteigerung,  ferner 
nach  meinen  Untersuchungen  auch  mit  dem  parasympathischen  Nerven¬ 
system,  den  Zentren  der  Atmung,  der  Gefässe,  der  Temperatur  und 
mit  dem  Grosshirn,  indem  sie  Ruhe  und  Schlaf  erzeugen. 

Gifte  und  Gewebe.  Die  meisten  Gifte  greifen  am  Erfolgs¬ 
organ  erst  an,  nachdem  sie  eine  bestimmte  adsorptive  Bindung  mit 
Gewebssäften  eingegangen  sind.  Selbst  die  wenigen  sehr  schnell 
wirkenden  Alkaloide  haben  eine  längere  Latenzzeit  nötig,  als  sie  durch 
den  Blutstrom  zu  ihrer  Wirkungsstätte  getragen  werden,  brauchen 
danach  Blutbestandteile  als  Schrittmacher.  Schnelligkeit  und  Art  der 
Giftwirkung  hängt  wesentlich  von  der  andern  Komponente  des  Adsorptes, 
dem  Gewebssaft  ab,  neben  Resorptionsbedingungen  natürlich.  Dass 
im  allgemeinen  nicht  die  Speicherung  des  Giftes  in  der  Zelle  für 
Eintritt  und  Art  der  Reaktion  (Wirkung)  verantwortlich  zu  machen 
ist,  geht  daraus  hervor,  dass  einerseits  in  den  am  stärksten  reagierenden 
Nervenzentren  nur  minimalste  Mengen  nicht  zerstörbarer  Gifte  wieder 
gefunden  werden,  anderseits  bei  einer  Zufuhr  reiracta  dosi  stets  grös¬ 
sere  Giftmengen  für  denselben  Erfolg  gebraucht  werden  als  bei  ein¬ 
maliger  Applikation.  Jedes  der  verschiedenen  Gewebssaftad- 
s  o  r  p  t  e  mit  einem  bestimmten  Gift  hat  seinen  besonderen  Giftigkeits¬ 
grad.  seine  besondere  Qualität,  seine  besondere  Latenzzeit.  Eingehend 
sind  die  Verhältnisse  für  Kokain  nachgewiesen  worden,  welches,  in 
optimaler  Menge  an  verschiedene  lebende  Gewebssäfte  adsorbiert,  ganz 
verschiedene  Vergiftungserscheinungen  bedingt.  Aus  dem  Adsorpt 
lässt  sich  das  Kokain  quantitativ  wieder  gewinnen.  Manche  Alkaloide 
ergeben  mit  den  verschiedenen  lebenden  Gewebssäften  giftige  Ad- 
sorpte,  die  nur  graduell  und  zeitlich  verschieden  wirken,  andere  rufen 
deutlich  von  einander  abweichende  Symtomenkomplexe  hervor. 

Von  einem  einfachen  Schema  der  Giftwirkung  und  -Verteilung  im 
Organismus  sind  wir  jedoch  noch  weit  entfernt.  So  schliesst 
Straub19)  aus  seinen  Versuchen,  dass  ein  Verbrauch  von  Strychnin 
im  Aplysiaherzen  bei  der  Vergiftung  stattfindet,  entgegen  der  allge¬ 
meinen  Annahme,  dass  Strychnin  im  Organismus  nicht  zerstört  wird. 

Proteinkörperbindungen.  Hemmung  und  Ver¬ 
stärkung.  Injiziert  man  einem  mittelgrossen  Kaninchen  10 — 15  ccm 
zentrifugierter  Kuhmilch  intravenös,  so  wird  es  nach  einigen  Minuten 
schlaf  müde  für  die  Dauer  von  30—90  Minuten.  Dosen  von  25  ccm 
und  mehr  verursachen  oft  den  Tod  durch  Atmungslähmung.  Ebenso 
schlafmachend  wirken  Molke  15  ccm  und  Kasein  0,3.  Subkutane  und 
intraperitoneale  Verabreichung  derselben  Dosen  haben  bei  Kaninchen 
und  noch  deutlicher  bei  Meerschweinchen  denselben  hypnotischen 

10)  Arnold  und  L  e  s  c  h  k  e:  D.m.W.  1920. 

”)  S  e  i  t  f  e  r  t:  B.kl.W.  1921. 

12)  Dittler:  Arch.  f.  ges.  Phys.  1914;  Arch.  f.  Biol.  1918. 

13)  Freund;  Arch.  f.  exp.  Pharm.  1920. 

14)  Freund  und  Gott  lieb;  M.in.W.  1921. 

15)  Kirste:  Arch.  f.  exp.  Pharm.  1921. 

18j  Zondek:  D.m.W.  1921. 

17j  Storm  van  Leen  wen:  Arch.  f.  exp.  Pharm.  1921. 

1S)  La  wen  und  Dittler;  Arch.  f.  exp.  Med.  1913. 

19)  Straub;  Pflügers  Arch.  1898. 


Erfolg.  Auch  beim  Menschen  wirken  Milch  5  ccm  intravenös  und  10  cc 
subkutan  schlafbefördernd.  •  jj 

Deuteroalbumose,  Prodigiosus-Vakzine,  Vakzineurin,  Yattel 

Zuckerlösung  25  Proz.  hatten  keine  augenfällige  Wirkung.  I 

Aendert  man  Reaktionsfähigkeit  und  Reaktion  der  G  ; 
webssäfte,  insbesondere  des  Blutes,  durch  parenteral  eingeführte  Pr 
teinkörper  und  Reizkörper,  so  entstehen  mit  einem  nachher  eingebrac  i 
ten  Giftstoff  (Alkaloid  etc.)  giftige  Verbindungen.  Sie  können  e| 
lieblich  weniger  giftig  sein  .(Antagonismus)  als  die  einfache  Al 
kaloid-Gewebssaftbindung.  oder  giftiger  (Synergismus)  oder  eii 
veränderte  Giftwirkung  haben. 

Gift-Proteinbindungen  lassen  sich  auch  im  Reagen2| 
glase  hersteilen.  Derartige  Versuche  sind  seit  langer  Zeit  für  rnancil 
Alkaloide  etc.  mit  Gewebsbrei  und  Serum  angesteilt  worden  mit  de 
Resultat  einer  „Entgiftung“  für  manche,  einer  Verstärkung  für  ande  < 
Gifte.  _  _  'I 

In  meinen  Versuchen  zeigte  sich,  dass  so  eine  wirkliche  Entgilt 
tung  nicht  zustande  kommt.  Es  entsteht  immer  eine  Ei  weis; 
k  ö  r  p  e  r  -  A  1  k  a  1  o  i  d  v  e  r  b  i  n  d  u  n  g.  welche  zwar  w  e  n  i  g  t 
giftig  ist,  aber  in  ausreichender  Dosis  stets  tödlich  wirkt.  Man  kai 
die  meisten  Bindungen  wahrscheinlich  als  A  d  s  o  r  p  t  e  auffassen,  i 
das  Alkaloid  sich  aus  ihnen  leicht  durch  Ausschütteln  mit  Chlorofor 
etc.  wieder  gewinnen  lässt.  Einige  der  Bindungen  zerfallen  leicl 
So  das  Reagenzglasadsorpt  aus  Kaninchenplasma  oder  -Serum  it 
Strychnin  und  Nikotin,  welches  im  Kaninchenkörper  nach  einer  ve 
längerten  Latenzzeit  sich  spaltet,  sodass  es  dann  zu  einer  reinig 
Alkaloidwirkung  kommt. 

Der  Gjf  tigkeitsgrad  einiger  der  Reagenzglasgemische  kai 
durch  Erwärmen  verändert  werden.  Nimmt  man  aus  einem  (i 
misch  von  Milch  mit  Strychnin  oder  Nikotin  ein  Ouantum,  welches  bf 
20°  C  bereitet  für  ein  Kaninchen  gerade  noch  völlig  gehemmt  („er; 
giftet“)  ist,  erhitzt  es  2—3  Minuten  auf  60°  C  und  injiziert  na; 
der  Abkühlung,  so  wirkt  das  Produkt  sehr  stark  giftig,  jö 
Vergiftungserscheinungen  treten  nicht  nur  sehr  viel  schneller  ein,  sol 
dern  sind  auch  bedeutend  heftiger,  als  wenn  die  im  Gemisch  enthalte;  j 
Alkaloiddosis  allein  injiziert  worden  wäre.  Der  Antagonismus  ist  f 
Synergismus  verwandelt  wmrden. 

Mischt  man  etw^a  den  vierten  Teil  der  tödlichen  intravenösl 
Chinindosis  mit  schwach  saurer  Molke  oder  Koffein  in  derselben  rel : 
tiven  Menge  mit  Milch  bei  15°  C,  so  entstehen  enorm  giftig! 
Bindungen,  deren  Wirkung  sich  durch  Ethitzen  steigern  lässt. 

Bei  den  beschriebenen  Wirkungen  der  Giftadsorpte  handelt  I 
sich  nicht  um  echten  Antagonismus  und  Synergismus,  sondern  ir: 
Hemmungs-  und  Verstärkungswirkungen. 

Veränderte  Reaktion.  In  den  Organismus  eingebrachj 
Proteine  vermögen  unter  bestimmten  Bedingungen  mit  Alkaloid  , 
Bindungen  zu  erzeugen,  deren  Wirkung  von  der  bekannten  Alkaloi, 
Wirkung  erheblich  abweicht.  Bei  geeigneter  Vei;suchsanordming  erhi 
man  nach  Milchzufuhr  durch  unterschwellige  Dosen  von  K  o  f  f  e : 
eine  reine  Narkose,  nach  Vakzineurin-  oder  Molkeinjektion  a;r 
nachträgliche  mittlere  Nikotingaben  nur  Lähmung.  Eine  ganz  besoii 
ders  bemerkenswerte  Reaktion  lässt  sich  durch  bestimmte  Vorbehan, 
lung  mit  Milch  und  späterer  Injektion  von  Strychnin  erreichen,  när 
lieh  zuerst  Uebererregbarkeit  und  geringe  Krämpfe,  dann  progressi'.j 
Lähmung  für  Stunden  oder  Tage,  und  auf  Reize  dann  wieder  Tetam. 
Eine  Reaktion,  die  auf  Strychnin  sonst  n  i  e  beim  Warmbl i) 
t  e  r  sondern  nur  beim  Kaltblüter  beobachtet  wird. 

Tagelang  finden  sich  Reaktionsprodukte  von  Proteinkörpern  tr 
Gewebsflüssigkeiten  und  Blut  im  Organismus,  naturgemäss  immer  til 
fere  Abbauprodukte,  die  selbst  und  im  Verein  mit  Blut  etc.  Gifte  j 
binden  vermögen.  Die  Adsorptionskraft  wird  immer  geringer  insofetj 
als  die  Bindungen  der  ersten  Stunden  am  stärksten  ihre  besondet, 
Wirkungsrichtung  zeigen.  Produkte  vom  Charakter  der  Gifthcmmu 
sind  in  den  späteren  Stadien  giftiger  als  in  früheren,  die  Verstärkung 
bindungen  dagegen  weniger  giftig.  Manche  der  späteren  Bindung! 
(z.  B.  mit  Strychnin.  Nikotin,  Kokain)  weisen  einen  ganz  verändert 
Symtomenkomplex  der  Vergiftung  auf.  So  konnte  ich  die  Strychn: 
kaltbliiterreaktion  am  Kaninchen  nur  am  Tage  nach  der  intravenös 
Zufuhr  von  Milch  mit  Sicherheit  erzeugen. 

UeberempfindT  rchkeit.  Bereits  vor  Ablauf  einer  Stun  ■ 
nach  der  intravenösen  Einbringung  von  Proteinen  konnte  i| 
Ueberempfindlichkeit  gegen  denselben,  schwächer  au 
gegen  andere  Proteinkörper  hervorrufen.  Echte  Anaphylaxie  geg 
Milch  ist  beim  Kaninchen  durchaus  nicht  selten;  sie  lässt  sich  jede i 
nicht  mit  Sicherheit  erzwingen.  Bringt  man  aber  Milch  in  d 
Blutbahn  und  40 — 60  Minuten  später  ein  bei  Zimmertempcrat - 
bereitetes  stark  unterschwelliges,  für  sich  allein  wirkungslos! 
Reagenzglasadsorpt  von  Milch  und  Alkaloi  d1,  dess 
krampfmachendes  Alkaloid  einen  •  H  a  u  p  t  a  n  g  r  i  f  f  s  p  u  n  k  t 
der  Me  du  11a  oblongata  hat,  in  die  Venen,  so  tritt  nach  wenig 
Sekunden  Atmungstetanus  und  Blässe  der  Schleim h ä u  1 
und  der  Ohren  ein.  V* — Vs  der  sonst  tödlichen  Alkaloiddosis 
Gemisch  genügt  meist,  den  Tod  in  10 — 50  Sekunden  herbeizufühn 
Ist  die  Dosis  noch  geiinger.  erfolgt  ein  Atmungsstillstand  von  et\ 
30  Sekunden  bei  Seitenlage  des  Tieres.  Das  Herz  schlägt  weiter,  me 
verlangsamt.  Allmählich  kommt  die  Atmung  wieder  in  Gang.  Et\ 

1  Minute  später  springt  das  Kaninchen  auf  und  erholt  sich  sehr  schm 
Injiziert  man  dem  vorbehandelten  Tier  ein  unterschwelliges  Gemisi 
subkutan,  so  zeigen  sich  spätestens  nach  der  .halben  Latenzzeit  eii 
etwas  überschwelligen  reinen  Alkaloiddosis  oder  noch  eher  scliwe 


1(1.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


187 


Vergiftungserscheinu'ngen.  Diese  Ueberempfindlichkeit  ist  nicht 
streng  spezifisch  (Gruppenreaktion).  Die  beschriebenen  ana¬ 
phylaktoiden  Erscheinungen  lassen  sich  nicht  durch  Bildung  eines 
neuen,  besonders  giftigen  Adsorptes  erklären.  Dagegen  spricht  in 
erster  Linie  der  schon  in  5 — 10  Sekunden  eintretende  Atmungstetanus, 
ferner  die  sofortige  Erholung  nach  Ueberwindung  desselben,  nicht  min¬ 
der  auch  die  Erscheinungen  nach  subkutaner  Injektion  des  Gemisches  so). 

Dosierung  und  Paradigmata  für  Wirkungstypus. 
Die  Proteinkörper  lassen  sich  für  die  Giftbindung  nur  in  mässigen  Gren¬ 
zen  exakt  dosieren.  Allen  andern  überlegen  sowohl  für  Hemmung  wie 
Verstärkung  erwies  sich  die  Milch  trotz  ihrer  etwas  wechselnden  Zu¬ 
sammensetzung.  Die  nicht  für  alle  Tiere  derselben  Klasse  gleiche 
wirksame  Dosis  der  verschiedenen  Proteine  und  Reizkörper  ist  durch 
den  jeweiligen  Zustand  des  Tierorganismus  bedingt.  Sie  ist  sogar  im 
Sommer  ein  wenig  anders  als  im  Winter. 

Kolloide.  Die  schützende  Wirkung  von  Suspensionen,  Emul¬ 
sionen  und  kolloidalen  Lösungen  gegen  manche  Vergiftungen  ist  seit 
dem  Altertum  bekannt.  Lichtwitz  1908,  Wiechowski  1910, 
Z  u  n  t  z  1913,  Starken  stein  1918  u.  a.  haben  exakte  Versuche  über 
Adsorption  von  Giften  an  Blutkohle,  Kaolin.  Milch.  Eiweisslösungen, 
Lezithin  etc.  angestellt  und  deren  starke  Hemmungswirkung  dargetan. 
Dass  alle  Giftbindungen  dieser  Stoffe  auf  Adsorption  beruhen,  ist 
bisher  nicht  erwiesen.  Es  kann  für  sehr  viele  Gifte  bei  Bindung  mit 
den  verschiedenen  Kolloiden  und  Suspensionen  eine  kontinuierliche 
Reihe  aufgestellt  werden,  die  von  starker  Hemmung  bis  zu  hochgradiger 
Verstärkung  geht.  Die  Hemmung  ist  stets  relativ,  keine 
Hemmungsbindung  ist  ungiftig.  Veränderung  des  kolloidalen 
Zustandes  eines  Körpers  durch  Erhitzen  oder  Zusätze  ändern  meist 
den  Charakter  der  Bindung  (des  Adsorptes). 

Schon  kleine  Mengen  eines  Kolloids  haben  Hemmungs-  oder  Ver¬ 
stärkungswirkung,  das  Optimum  liegt  um  ein  Mehrfaches  höher.  Wei¬ 
tere  Vermehrung  ist  wirkungslos.  Vorbehandlung  des  Organismus  mit 
Kolloiden  hat  keine  katalytische  Wirkung,  sehr  kleine  Dosen  erzeugen 
nur  geringe  Hemmung  oder  Verstärkung. 

Im  strömenden  Blut  werden  einige  Alkaloide  gehemmt,  wenn  dem 
Blut  Zeit  zu  genügender  Einwirkung  gegeben  wird.  Bekannt  ist  das 
für  sehr  verdünnte  Kckainlösungen.  Auch  Strychnin  und  Nikotin  lassen 
sich  partiell  entgiften,  wenn  man  sehr  dünne  Lösungen  sehr  langsam 
\.3 — 5  Minuten)  in  die  Blutbahn  bringt,  ein  Umstand,  der  auch  noch 
gegen  Speicherung  in  der  Nervenzelle  spricht. 

Der  Aenderung  des  Giftigkeitsgradds  eines  Adsorptes  geht  eine 
Aenderung  seines  kolloidalen  Zustandes  voraus,  ist  vielleicht  sogar 
dadurch  bedingt.  So  trübt  sich  mit  Essigsäure  bereitete,  schwach 
saure,  fast  klare  Molke  auf  Zusatz  von  Chininsalzen  bei  15°  C  deutlich 
nach  etwa  1  Stunde.  Das  Gemisch  wirkt  aber  schon  nach  ca.  Stunde 
giftiger  als  das  Chininsalz  allein.  Wird  das  Gemisch  auf  40°  C  er¬ 
hitzt,  trübt  es  sich  und  wird  giftiger.  Die  Trübung  wird  stärker  beim 
Erhitzen  auf  55°  C  (Oberflächenvergrösserung  der  kolloidalen  Teilchen), 
der  Giftigkeitsgrad  wächst  noch  weiter. 

Zentrifugierte  Labmolke  mit  der  einfach  tödlichen  intravenösen 
Dosis  Chinin,  mur.  versetzt,  gibt  nach  einiger  Zeit  einen  geringen 
Niederschlag.  Bereits  der  dritte  Teil  des  Filtrats  wirkt  tödlich.  Der 
nit  destilliertem  Wasser  gewaschene  Niederschlag,  in  6  ccm  sehr 
verdünnter  Essigsäure  trübe  gelöst,  intravenös  in  20  Sekunden  inji¬ 
ziert,  tötet  ein  Kaninchen  in  40  Sekunden. 

Auch  eine  bei  15°  C  wenig  trübe  Essigsäuremolke  opalisiert 
uif  Koffein lösungzusatz  nach  kurzem  Erwärmen  auf  60°  C  stärker. 
Diese  ist  noch  giftiger  als  die  Mischung  bei  15"  C,  welche  die  Wir¬ 
kung  des  reinen  Koffeins  2 — 3  mal  übertrifft. 

Klare  Sera  oder  fast  klare  Vakzine  (partiell  autolysiert)  werden 
lurch  Zusatz  von  Chininsalz-  oder  Koffeinlösungen  getrübt  und  zwar 
nit  steigender  Temperatur  immer  stärker.  Die  Giftigkeit  steigt  mit 
ler  Temperatur  bis  60°  C.  Höhere  Hitzegrade  verursachen  Fällungen. 

Dass  Säuren  und  Alkalien  an  Aufschwemmungen,  Schleime,  Milch 
;ebunden  und  damit  gehemmt  werden,  ist  eine  alte  Erfahrungstatsache. 

Ein  sehr  eigenartiges  Verhalten  weist  Phenol  auf.  Zusatz  einer 
üologisch  wirksamen  Menge  (etwa  0,1  g)  verfärbt  Blut-  und  Bakterien- 
lufschwemmungen  in  der  Kälte,  bedingt  eine  leichte  Trübung  klarer 
•>era,  Molke  und  Deuteroalbumose  in  der  Wärme.  Die  Wirkung  des 
Tienols  wird  durch  Zusatz  von  entfetteter  Milch  enorm,  von  Milchfett 
Rahm)  und  Molke  massig  verstärkt,  dagegen  von  Kasein  erheblich, 
ron  Deuteroalbumose  noch  stärker  gehemmt.  Erwärmt  man  aber  ein  | 
■ngiftiges  Phenol-Deuteroalbumosegemisch,  so  wird  es  immer  giftiger  1 
ind  steht  bei  60"  C  (nach  Abkühlung  injiziert)  dem  kalten  Milch- 
menolgemisch  nur  wenig  nach. 

Dass  nicht  die  einfache  Oberflächenvergrösserung  der  Kolloid¬ 
artikel  (Trübung)  Verstärkungsbindungen  erzeugt,  zeigt  das  Verhalten 
es  Strychnins.  Strychninnitratlösung  1  Prom.  gibt  mit  klarer  Labmolke 
ei  20°  C  eine  Trübung  und  hemmt.  Die  stärker  getrübte  Mischung 
ei  60"  C  ist  sehr  giftig  (nach  Abkühlung). 

.  5  ccm  Gelatinelösung  l  proz.  hemmen  bei  15"  C.  0,4  mg  Strych- 
mnitrat  zum  Teil,  bei  60,"  C  fast  völlig  (Einhüllung). 

Vakzine  binden  —  im  direkten  Gegensatz  zu  ihrer  sonstigen  thera- 
eutischen  Wirkung  —  erst  in  sehr  grossen  Mengen  Giftstoffe,  ein 
eichen,  dass  nur  die  Eiweisskörper  wesentlich  beteiligt  sind. 

Der  Versuch,  durch  Hämolyse  im  Organismus  Reaktionsstoffe  zu 
zeugen,  ist  mir  insofern  gelungen,  als  nach  intravenöser  Injektion 

)  Ausführliche  Mitteilung  meiner  fast  abgeschlossenen  Versuche  wird 

nnen  kurzer  Zeit  erfolgen.  » 


von  destilliertem  Wasser  oder  von  Staphylokokkentoxin  eine  Beschleu¬ 
nigung  des  Eintritts  einer  späteren  Strychninvergiftung  erfolgte. 

Für  verschiedene  Tierarten  ist  die  Giftigkeit  der  Adsorpte  ver¬ 
schieden.  Normales  Pferdeserum,  aus  verschiedenen  (Duellen  bezogen, 
wirkte  in  einer  Menge  von  5  ccm  intravenös  auf  Kaninchen  fast  stets 
giftig  (allgemeine  geringe  Parese  oder  leichte  Krämpfe  von  kurzer 
Dauer),  etwas  weniger  giftig  Rinderserum,  ungiftig  war  Kaninchen¬ 
serum.  Ein  Gemisch  von  Pferdeserum  und  Strychnin  aber  wird  bei 
15°  C  sehr  stark  gehemmt,  bei  60°  C  zu  synergischer  Wirkung  ge¬ 
bracht.  Etwas  schwächer  analog  Rinderserum.  Das  Kaninchenserum- 
adsorpt  verzögert  erheblich  den  Eintritt  der  Vergiftungserscheinungen. 
Da  aber  schliesslich  reine  Strychninsymptome  beobachtet  werden,  so 
ist  es  wahrscheinlich  dass  im  Organismus  das  Alkaloid  aus  dem  Ka- 
ninchenserumadsorpt  ausgewaschen  wird. 

In  den  folgenden  Ausführungen  ist  die  Dosis  stets  auf  1  kg  Tier  berechnet. 

Strychnin.  Die  Dos’s  von  0,5  mg  Strychninnitrat  subkutan  (töd¬ 
lich  0,4  mg)  und  0,1  ing  intravenös  wird  völlig  oder  fast  völlig  unschädlich 
gemacht  durch  30  60  Minuten  vorher  gemachte  intravenöse  Injektion  von 

zentrifugierter  Milch  5  ccm,  Molke  8  ccm,  Kasein  0,25,  Deuteroalbumose  0,2, 
Pferdeserum  3  ccm  in  etwas  absteigender  Stärke.  Verzögert  und  un¬ 
vollständig  gehemmt  durch  Vakzineurin  1,5  ccm,  Rinderserum  5  ccm,  Kanin¬ 
chenplasma  5  ccm,  Kaninchenserum  5  ccm  (s.  o).  Geringe  Verzögerung  durch 
völlig  abgebaute  Drüsensubstanz  (Abderhaldens  Optone).  Subkutane 
Vorbehandlung  erfordert  grössere  Dosen  und  längere  Einwirkung.  Bei  Mi¬ 
schung  im  Glase  sind  für  0,5  mg  Strychninhemmung  nötig  Milch  6 — 8  ccm, 
Pferdeserum  2,5  ccm,  Kasein  0,25,  Molke  10  ccm  mit  absteigender  Wirkung. 
Verzögert  und  verändert  wirkt  das  Strychninadsorpt  0,5  mg  mit  Rinderserum 
5  ccm,  Kaninchenserum  5  ccm  und  Vakzineurin  1,0.  Von  den  auf  60  0  C 
erhitzten  Mischungen  wirkt  XA—X/  subkutan  meist  tödlich.  Intravenös  wird 
hi  des  kalten  Adsorptes  gehemmt. 

Bei  unvollkommener  Hemmung  sind  im  allgemeinen  die 
Krampferscheinungen  schwächer,  es  treten  Lähmungen 
neben  ihnen  auf,  ausser  bei  Kaninchenserum. 

Rohrzuckerlösung  25  Proz.,  Kochsalzlösung  10  Proz.,  Yatren,  Pregl- 
sche  Jodlösung  haben  keine  deutliche  Wirkung.  Milchvorbehand- 
I  u  n  g  und  später  eine  unterschwellige  Dosis  eines  Strychnin- 
Mlilchadsorptes  bei  15 0  C  intravenös  machten  sofort  heftigsten  Tetanus, 
Atmungsstillstand,  Tod  in  10—20  Sek.  Auf  untertödliche  Gaben  trotz 
schwerster  Symptome  nach  30 — 50  Sek.  Aufhören  der  Krämpfe,  das  Tier 
springt  auf  und  verhält  sich  normal.  Minimale  Gaben  des  Gemisches  mit 
0,02  mg  Strychninnitrat  sind  unwirksam. 

Die  Kaltblüterreaktion  des  Kaninchens  zeigt  sich,  wenn  man 
zentrifugierte  Milch  5  ccm  intravenös  und  am  nächsten  Tage  Strychnin  0,5  mg 
subkutan  verabfolgt.  Sie  ist  nicht  zu  erzielen,  nicht  einmal  andeutungsweise, 
wenn  8  ccm  Blut  des  am  Vortage  injizierten  Kaninchens  mit  Strychnin  ge¬ 
mischt  und  nach  1  Stunde  subkutan  injiziert  wird.  Der  Erfolg  ist  eine  reine 
Strychninvergiftung,  da  das  Alkaloid  aus  dem  Gemisch  ausgewaschen  wird. 

Die  Hemmungsgrenze  des  Nikotins  liegt  für  das  Kaninchen  bei  der 
krampfmachenden  Dosis  von  0,012  subkutan  und  0,0003  intravenös.  Voll¬ 
kommen  hemmen  Adrenalin  0,001  und  Milch  3  ccm  bei  Mischung  im  Glase 
wie  bei  Vorbehandlung.  Sehr  wenig  höhere  Gaben  als  dieses  Optimum  des 
Adsorptes  verursachen  leichte  Narkose  und  vorübergehende  Lähmung,  noch 
höhere  Krämpfe.  Auf  Meerschweinchen  wirkt  das  Adsorpt  stets  giftig,  wenn 
die  darin  enthaltene  Nikotinmenge  Erscheinungen  machen  würde,  nur  schwä¬ 
cher.  Die  hemmende  Wirkung  auf  das  parasympathische  Nervensystem  ist 
viel  geringer  (Versuche  in  Gemeinschaft  mit  Dr.  Hans  Rosenberg.  Wird 
demnächst  publiziert). 

Hypophysenextrakt  0,2,  Vakzineurin  2  ccm,  Molke  10  ccm,  Kaninchen¬ 
serum  5  ccm  hemmen  Nikotin  partiell,  bedingen  Unruhe,  Narkose,  vorüber¬ 
gehende  Lähmung  der  Extremitäten.  Alle  angeführten  Gemische,  auf  60°  C 
erhitzt,  sind  sehr  giftig.  Deuteroalbumose  0,2,  Pferdeserum  2  ccm.  Abder¬ 
haldens  Optone,  Yatren  0,1,  P  r  e  g  1  sehe  Jodlösung  5  ccm  wirken  ver¬ 
stärkend. 

Milch  5  ccm  intravenös,  1  Stunde  später  die  stark  unter¬ 
schwellige  Dosis  einer  kalten  Mischung  von  Nikotin  0,006 
und  Milch  1,5  ccm  subkutan  oder  Nikotin  0,00015  und  Milch  0,2  intra¬ 
venös  verursachen  im  ersten  Fall  nach  80  Sekunden,  im  zweiten  sofortige 
Krämpfe,  Seitenlage,  Atmungstetanus  und  Atmungsstillstand.  Ist  die  Dosis 
noch  geringer,  kommt  die  Atmung  bald  wieder  in  Gang,  das  Tier  erholt  sich 
sehr  schnell. 

Höhere  als  die  optimalen  Dosen  der  Proteinkörper  sind  wir¬ 
kungslos  oder  wirken  nur  durch  Verdünnung,  geringere  lassen  Lähmungs¬ 
erscheinungen,  die  sonst  nicht  beobachtet  werden,  auftreten.  Alle  Bin¬ 
dungen  lassen  sich  im  Sommer  exakter  und  gleichmässiger  erzielen  als  im 
Winter. 

Phenol.  Schon  sehr  kleine  Mengen  0,5  ccm  roher  oder  zentrifugier¬ 
ter  und  mit.Aether  entfetteter  Milch  verstärken  die  Wirkung  der  eben  krampf¬ 
machenden,  subkutanen  Phenoldosis  0,1  bedeutend.  Derartige  Milch,  1  ccm 
einer  sonst  unwirksamen  Phenolgabe  0,03  zugesetzt,  verursacht  Krämpfe  und 
stundenlange  Lähmung.  Milchfett  (Rahm)  0,25  und  Phenol  0,04  machen  Zittern 
und  Lähmung  für  XA  Stunde.  Deuteroalbumose  0,2  hemmt  Phenol  0,2  fast 
völlig,  Kasein  0,25  hemmt  Phenol  0,1  sehr  stark.  Kaninchenplasma  4  ccm 
und  Kaninchenserum  5  ccm  hemmen  0,1  noch  gut.  Das  Plasma  wird  von 
Phenol  sofort  grau  verfärbt.  Vorbehandlung  des  Tieres  mit  Milch  subkutan 
oder  intravenös  hat  denselben  Erfolg,  Vorbehandlung  mit  den  andern  Sub¬ 
stanzen  und  folgende  Phenolinjektion  einen  etwas  geringeren  Effekt  als  die 
Einbringung  des  Adsorptes. 

Meerschweinchen  sind  gegen  das  Deuteroalbumosephenoladsorpt  empfind¬ 
licher  als  Kaninchen. 

Ein  völlig  ungiftiges  Gemisch  von  Phenol  0,1  und  Deuteroalbumose  0,1 
ist  nach  dem  Erhitzen  auf  60°  C  fast  so  giftig  wie  ein  Milchphenol¬ 
gemisch. 

Bemerkenswert  ist  das  direkt  entgegengesetzte  Verhalten  von  fast  völlig 
entfetteter  Milch  (verstärkend)  und  Kasein  (hemmend),  während  Milchfett 
allein  nur  wenig  verstärkend  wirkt. 

Chinin.  I  n  t  r  a  v  e  n  ö  s  ist  Chinin,  mur.  0,07,  subkutan  0,26  tödlich 
für  Kaninchen.  Verstärkend  wirken  Milch  2  ccm  und  schwach  saure  Molke 
(Essigsäure)  7  ccm,  die  durch  intravenöse  Vorbehandlung  und  in  vitro 
mit  nur  0,02  Chin.  mur.  eine  tödliche  Mischung  ergeben.  Dagegen  hemmen 
Labmolke  5  ccm,  Pferdeserum  3  ccm.  Rinderserum  5  ccm,  Kaninchenserum 


18S 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  6. 


■4  ccm,  Vakzineurin  2  ccm,  0,04  Chinin  intravenös  völlig,  0,05 — 0,07  par¬ 
tiell,  indem  die  Tiere  kurzdauernde  Krämpfe  und  Lähmungen  erleiden,  von 
denen  sie  sich  schnell  erholen. 

Alle  Reagenzglasgemische  des  Chinins  sind  erhitzt  und  dann  abgektihlt 
sehr  giftig.  Milch  gerinnt  durch  Zusatz  von  Chininsalzlösungen  sofort.  Aus 
Labmolke  und  Essigsäuremolke  wird  durch  Chininsalze  ein  geringer  Nieder¬ 
schlag  ausgefällt,  der  sehr  giftig  ist. 

Vorbehandlung  mit  Milch  und  folgende  subkutane  Injektion  der  töd¬ 
lichen  Dosis  von  Chin.  mur.  0,26  verursacht  nur  eine  rasch  eintretende, 
mässige,  bald  vorübergehende  Lähmung  der  Extremitäten,  die  intraperitoneale 
Gabe  leichte  Krämpfe. 

Mischung  von  Chin.  mur.  0,26  mit  Pferdeserum  oder  Kaninchenserum 
5  ccm  bei  15 0  C  hat,  subkutan  injiziert,  meist  nur  die  Wirkung,  dass  die 
Pupillen  für  'A  Stunde  eng  werden.  Demnach  geht  Chinin,  mur.  mit  kreisen¬ 
dem  Blut,  welches  mit  Milch  und  mit  Essigsäure  vorbehandelt  ist,  ebenso  mit 
Essigsäuremolke  in  vitro  eine  Bindung  (Adsorption)  ein,  welche  sehr  giftig 
ist.  Versetzt  man  dagegen  das  Blut  in  der  Blutbahn  mit  Labmolke,  Seren 
und  Vakzinen,  so  entsteht  eine  viel  weniger  giftige  Bindung  des 
nachher  eingebrachten  Chinins  an  veränderte  Blutbestandteile.  Sehr  wenig 
giftig  werden  die  Protein-Chiningemische  des  Reagenzglases,  wenn  sie  zuerst 
im  Körper  mit  anderen  Gewebssäften  in  Berührung  kommen  und  erst 
dann  in  die  Blutbahn  gelangen,  trotz  schneller  Resorption. 

Koffein,  „ein  rein  erregendes  Gift“,  hat  ähnlich  dem  Chinin  einen 
Hanptangriffspunkt  in  der  Medulla  oblongata.  0,13  intravenös  bedingen  klo¬ 
nische  Krämpfe,  Atemstillstand,  Tod.  Die  individuelle  Toleranz  ist  für  Koffein 
und  ebenso  für  Chinin  und  Nikotin  deutlich  stärker  schwankend  als  für 
Strychnin,  welches  sich  innerhalb  minimaler  Grenzen  beim  Kaninchen  exakt 
dosieren  lässt.  Koffeingaben  unter  0,1  haben  keine  sichtbare  Wirkung.  Gibt 
man  aber  Milch  5  ccm  intravenös  und  nach  30 — 60  Minuten  Koffein  0,04,  eine 
stark  unterschwellige  Dosis,  in  die  Blutbahn,  so  kommt  es  rasch  zu  einer 
leichten  Narkose,  0,08  auch  zu  Narkose,  0,1  zu  Krämpfen,  0,11  zu  einem 
tödlichen  Krampfzustand.  Milch  5  ccm  und  Koffein  0,02  eine  Stunde  bei  20°  C 
machen  meist  Krämpfe  auf  intravenöse  Injektion,  noch  sicherer  wirkt  das  auf 
60°  C  erhitzte  Gemisch.  Verstärkend  wirkt  auch  Vakzineurin  2  ccm.  Aus¬ 
gezeichnet  konnte  ich  die  Ueberempfindlichkeitsreaktion  mit 
Milch,  auch  mit  Vakzineurin  erzielen.  Auf  Milch  5  ccm  intravenös, 
40  Minuten  später  ein  Gemisch  von  Koffein  0.09  und  Milch  5  ccm  intravenös 
stürzt  das  Kaninchen  sofort  hin.  Der  Tod  erfolgt  unter  heftigen  Krämpfen 
und  Atmungstetanus  in  20  Sekunden.  Betrug  die  Koffeinmenge  in  der  Mi¬ 
schung  jedoch  0,07,  stürzt  das  Tier  ebenfalls  sofort  hin,  die  Atmung  steht, 
die  Schleimhäute  sind  blass,  die  Krämpfe  sind  schwächer.  Nach  20 — 30  Se¬ 
kunden  atmet  es  wieder,  springt  auf,  läuft  davon  und  erholt  sich  sehr  schnell 
vollkommen. 

Von  Krampfgiften  mit  sehr  verbreiteten  Angriffspunkten  werden 
Piloknrpin,  Pikrotoxin  und  Physostigmin  durch  Milch,  Kasein,  Vakzineurin 
in  jeder  Dosis  etwas  verstärkt,  Veratrin  etwas  gehemmt. 

Morphin.  Deutliche  Narkose  tritt  beim  Kaninchen  auf  Morphin,  mur. 
0,01  subkutan  ein.  Dieselbe  Wirkung  kann  mit  %  der  Gabe  erzielt  werden, 
wenn  vorher  oder  nachher  5  ccm  Milch  intravenös  gegeben  werden.  Morphin 
intravenös  wird  durch  Deuteroalbumose  und  Kasein  etwas  gehemmt. 

Kodeinphosphat  in  schlafmachender  Menge  wird  von  Milch  in  seiner  Wir¬ 
kung  wenig  gehemmt. 

Obwohl  Morphin  und  Kodein  ausgesprochen  auf  das  Atmungszentrum 
lähmend  wirken,  war  mit  diesen  Alkaloiden  die  anaphylaktoide  Reaktion  nicht 
hervorzurufen. 

Thebain.  Als  prinzipiell  wichtig  erwiesen  sich  die  Versuche  mit 
Thebain.  Es  gehört  seiner  pharmakologischen  Wirkung  nach  zur  Strychnin¬ 
gruppe  (S  c  h  m  i  e  d  e  b  e  r  g).  Sein  Verhalten  den  Proteinkörpern  gegenüber 
ist  jedoch  ganz  anders.  Zwar  wirken  Deuteroalbumose  und  Vakzineurin  auf 
die  minimale  letale  Dosis  Thebainazetat  0.013  subkutan  und  0,003  intravenös 
etwas  hemmend,  Milch  aber  wirkt  niemals  hemmend,  sondern  stets 
mässig  verstärkend,  ganz  gleich,  ob  in  Vorbehandlung  verwandt 
oder  in  einem  kalten  oder  vorher  erhitzten  Gemisch.  Die  Ueberempfindlich¬ 
keitsreaktion  Milch,  Milch-Thebain  intravenös  fällt  positiv  aus. 

Schon  der  Umstand,  dass  Proteine  auf  Thebain  nur  wenig  hem¬ 
mend,  Milch  sogar  verstärkend  wirkt,  während  das  gleiche  Vergif¬ 
tungserscheinungen  verursachende  Strychnin  durch  Proteine  sehr  stark 
gehemmt  wird,  weist  zwingend  darauf  hin,  dass  dieser  Antagonismus 
nicht  nur  ein  einfaches  zelluläres  Problem  von  Wirkung  und 
Gegenwirkung  ist.  Es  wäre  absurd,  anzunehmen,  dass  Milch  die 
Schaltneurone  oder  gar  alle  Nervenzellen  aktivieren  oder  blockieren 
sollte,  um  einmal  bei  Strychnin  dieselben  Erscheinungen  zu  hemmen, 
die  sie  ein  andermal  bei  Thebain  verstärkt.  Nur  die  Art  und  Toxizität 
des  Adsorptes  bestimmt  seine  Wirkung  auf  den  Organismus.  Hem¬ 
mung  wie  Verstärkung  sind  humoral  und  zellulär  bedingt. 

Steigerung,  Heilung.  Ausgebrochene  Vergiftungserschei¬ 
nungen  lassen  sich  durch  nachherige  Zufuhr  der  „synergischen“  Pro¬ 
teinkörper  leicht  und  sicher  verstärken.  Zufuhr  in  der  Latenzzeit  kürzt 
diese  mehr  oder  minder  stark  ab.  Die  Bindung  Alkaloidblut-Protein¬ 
stoff  erfolgt  im  allgemeinen  schneller  als  die  Bindung  Blutproteinstoff- 
Alkaloid  in  dieser  zeitlichen  Reihenfolge.  Mit  der  entstandenen  gif¬ 
tigeren  Bindung  und  zuweilen  ausserdem  mit  dem  Proteinstoff  selbst 
reagiert  das  bereits  getroffene  Erfolgsorgan  und  oft  auch  noch  weitere 
Zellgruppen  dazu  stärker  als  mit  dem  einfachen  Alkaloid. 

Anders  bei  Antagonisten.  Nur  Vergiftungserscheinungen  geringen 
Grades  Hessen  sich  durch  nachfolgende  Proteininjektionen  hemmen  und 
zwar  Krämpfe  etwas  leichter  als  Paresen.  Geringe  Nikotinkrämpfe 
und  -Lähmung  können  oft  rasch  durch  intravenöse  Milchinjektion  be¬ 
seitigt  werden,  Physostigminzittern  zuweilen  durch  Preglsche  Jod¬ 
lösung. 

Ist  eine  Zelle  von  dem  sie  umspülenden  Gift  zu  einer  Reaktion 
gebracht  worden,  die  eine  heftige  Erregung  von  mehr  oder  minder 
langer  Dauer  verursacht,  so  kann  ein  Proteinblutreaktionskörper,  wel¬ 
cher  selbst  diese  Zelle  —  und  das  ist  fast  immer  der  Fall  —  nicht 
angreift,  sie  nicht  direkt  beruhigen.  Er  kann  nur  das  kreisende  Gift 
adsorbieren  und  unschädlich  machen.  Er  vermag  aber  weder 
ein  Zellkolloidgiftadsorpt  zu  binden,  noch  durch  physikalische  Reaktion 
stark  veränderte  Zellkolloide  (vergrösserte,  verlagerte,  deformierte  Par¬ 


tikel)  zur  Norm  zurückführen.  Nur  bei  einer  einfachen  Permeabi¬ 
lität  der  Zelle  für  das  Gift  müsste  eine  Bindung  möglich  sein.  Dieser 
Mechanismus  scheint  aber  fast  nie  zuzutreffen.  Auch  wenn  das  Gift 
die  Oberflächenspannung  der  Zelle  stark  verändert,  wird  der  Protein¬ 
körper  im  allgemeinen  an  dieser  Stelle  nicht  reaktionsfähig  sein  und 
ebensowenig  eindringen  können.  Sicher  gilt  das  für  die  an  Alkaloid  ( 
gebundenen  korpuskulären  und  zellulären  (Blut-)  Elemente  des  Ad¬ 
sorbens  in  vitro,  deren  Giftigkeitsgrad  nach  Sättigung  durch  weiteres 
Hinzufügen  desselben  Proteinkörpers  oder  Proteingemisches  nicht  oder 
nicht  wesentlich  geändert  wird. 

Aus  den  Beobachtungen  lässt  sich  der  Satz  ableiten,  dass  S  y  - 
n  e  r  g  i  s  t  e  n  annähernd  gleichsinnige  Reaktionen  der  Zell- 
c  1  einen  te  bedingen,  so  dass  ihre  Wirkungen  sich  addieren  oder  po¬ 
tenzieren  können.  Es  ist  dabei  nicht  nötig,  dass  jede  Komponente  den¬ 
selben  Angriffspunkt  hat,  die  eine  kann  als  Schrittmacher  für 
die  andere  dienen.  So  ist  das  Strychnin  stets  der  Träger  für 
die  Milch.  Wirksames  Gemisch  wie  Bindungen  im  Organismus  grei¬ 
fen  nur  an  den  Stellen  an.  die  strychninreaktionsfähig  sind.  Umgekehrt 
bei  unterschwelligen  Koffeindosen.  Hier  ist  die  M  i  1  c  h  der  Schritt¬ 
macher;  das  Koffein,  welches  selbst  nie  hypnotisch  wirkt,  verstärkt 
beträchtlich  den  hypnotischen  Effekt  der  Milch.  Die  Zeit  des  Wirkungs¬ 
eintritts  hängt  von  der  Bindungszeit  der  Komponenten  ab. 

Für  antagonistisches  Verhalten  gibt  es  einen  doppel¬ 
ten  Mechanismus.  Das  in  der  Kälte  bereitete  Gemisch,  auch 
die  im  Organismus  entstehende  Bindung,  hat  eine  relativ  grosse  Menge 
von  bindenden  Proteinkörperoartikelchen  nötig,  so  dass  das  Alkaloid 
gewissermassen  eingehüllt  wird  und  deshalb  unvollkommen  zur  Wir¬ 
kung  kommt.  Dasselbe  Gemisch  erhitzt  lässt  einen  grossen  Teil  des 
Proteins  frei  werden,  das  Alkaloid  bindet  sich  in  anderer  Weise  nun 
an  eine  geringe  Zahl  der  durch  Hitze  veränderten  Partikel  und  wirkt 
ganz  anders,  sehr  giftig.  Strychnin  0.5  mg  braucht  5  ccm  Milch  bei 
20°  C  zur  Hemmung,  1  ccm  bei  60°  C  zur  Verstärkung.  In  beiden 
Fällen  ändern  grössere  Milchmengen  nichts  an  dem  Effekt. 

Oder  Proteinkörper  und  Alkaloid  haben  ein  derart  entgegengesetztes 
Verhalten  den  Zellkolloiden  gegenüber,  dass  beiden  der  Angriffspunkt 
stark  gesperrt  wird.  Auch  für  die  Hemmung  gilt  der  Satz,  dass  der 
eine  Stoff  dem  andern  als  Schrittmacher  dient. 

Ausschlaggebend  ist  für  jede  Wirkung  eines  Adsorptes  die  Ab¬ 
stimm  u  n  g  seiner  Komponenten  zu  einander  und  auf  die 
E  rf  o  I  g  s  z  e  1 1  e.  Es  gibt  anscheinend  kein  Adsorpt.  in  dem  ein 
echter  Antagonismus  ±  =  0  besteht,  da  in  der  lockern  Bindung  jeder 
der  beiden  Körper  eine  gewisse  selbständige  Wirkung  bewahrt  und 
ausübt.  Sogar  bei  der  besten  Abstimmung  war  stets  eine  gewisse 
Veränderung  im  Verhalten  des  Versuchstieres  zu  erkennen,  wenn  sie 
auch  nur  sehr  geringfügig  war.  Abhängig  ist  die  Abstimmung  von 
der  Oualität  und  Ouantität  der  Komponenten,  der  Bindungszeit,  der) 
Mischungstemperatur,  von  dem  Ort  und  der  Schnelligkeit  der  Injektion, ji 
besonders  aber  auch  vom  Zustand  der  Angriffszelle  (s.  u.).  Kreist  ein 
Hemmungsadsorot  in  grösserer  Menge  im  Körper  als  der  Nullabstim-j 
mung  (Minimalabstimmung)  auf  die  Angriffszelle  entspricht,  so  erfolgt 
eine  Reaktion,  die  sich  bei  einem  geringen  Ueberschuss  nur  in  ganzj 
bestimmten  Zellgruppen,  oft  sehr  eigenartiger  Lokalisation,  abspielt, 
bei  stärkerem  Ueberschuss  aber  in  allen  Zellen,  auf  die  das  reine  Gift 
allein  wirkt. 

Bringt  man  Proteinkörper  parenteral  in  den  normalen  Organismus,! 
so  reagieren  Zellen  des  Zentralnervensystems  direkt  auf  die  Ein¬ 
fuhr:  beim  Tier  Schlaf,  beim  Menschen  Schlaf,  Euphorie,  Leistungs-: 
Steigerung.  In  andern  Zentren  und  Zellgruppen  wird  dagegen  nur  die 
Reaktionsfähigkeit  bestimmten  Reizen  gegenüber  geändert,  die 
Reizschwelle  wird  erhöht  oder  erniedrigt.  Bei  der  Strychninkaltblüter¬ 
reaktion  des  Kaninchens  reagieren  die  Krampfzentren  viel  schwerer 
und  unvollkommener  als  normal  auf  das  im  Organismus  kreisende 
Strychnin-Proteinabbauadsorpt.  sehr  leicht  dagegen  die  Zellen,  welche 
die  Lähmung  verursachen.  Durch  sehr  oft  wiederholte  mechanische 
Reize  konnte  ich  die  Reaktionsfähigkeit  der  Zellen  des  Krampfzentrums 
(Schaltneurone)  wieder  auf  die  gewohnte  Höhe  bringen,  auch  wenn) 
die  Lähmung  hochgradig  war. 

Am  leichtesten  lassen  sich  am  Kaninchen  durch  Milch  Zentren' 
in  der  Medulla  oblongata  in  diesem  Sinne  abstimmen.' 
Nach  der  Versuchsreihe,  welche  ich  zusammen  mit  Dr.  Hans  Rosen¬ 
berg  angestellt  habe,  ist  die  veränderte  Reaktionsfähigkeit  der  Zellen 
schon  nach  6  Minuten  graphisch  darstellbar,  erreicht  ihren  Höhepunkt 
zwischen  30 — 90  Minuten  und  klingt  dann  allmählich  ab. 

Jedoch  befinden  sich  die  Zellen  nur  einigen  wenigen  Reizen 
gegenüber  in  einem  labilen  Gleichgewichtszustand. -den 
man  als  Sensibilisierung  oder  Ueberemofind  lieh  k  eit 
auffassen  kann.  Die  stärkste  Ueberempfindlichkeit  besteht  nach  Sen-1 
sibilisierung  mit  Milch  gegen  unterschwellige,  für  sich  allein  ungiftige 
Milch-Krampfalkaloidadsorpte.  wenn  das  Alkaloid  einen  Hauptangriffs¬ 
punkt  in  der  Medulla  hat.  Die  intravenöse  Injektion  des  Adsorptes' 
führt  in  wenigen  Sekunden  zum  Exitus.  Auch  Zellen  höher  und  tiefer 
gelegener  Zentren  zeigen  bei  geeigneter  Versuchsanordnung  die  Ueber¬ 
empfindlichkeitsreaktion. 

Das  Phänomen  ist  dem  anaphylaktischen  Schock 
verwandt,  unterscheidet  sich  aber  von  ihm  dadurch,  dass  weder 
minimale  Dosen  wirksam  sind,  noch  injiziertes  Blut  des  vergifteten 
Tieres  gleiche  Erscheinungen  auslöst.  Nahe  Beziehungen  bestehen  auch 
zur  Herdreaktion  erkrankter  Organe  gegen  unspezifisches  Ei- 
weiss.  wie  sie  von  mir  und  andern’  beschrieben  worden  sind. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


189 


Februar  1922. 


Meine  Beschäftigung  mit  den  Reizstoffen  hat  ihren  Ausgang  von 
Therapie  genommen21).  Ich  will  es  daher  nicht  unterlassen,  auf 
therapeutische  Bedeutung  meiner  Versuchsreihen  hinzuweisen.  Es 
sich  danach  als  prinzipiell  richtig  erwiesen,  wenn  ich  früher  vcr- 
hte,  Giftstoffe,  die  im  Organismus  entstehen  und  kreisen,  an  Pro- 
le  und  Vakzine  zu  binden  und  ihnen  gleichzeitig  die  Angriffspunkte 
ch  artifiziellen  Zellschutz  zu  verlegen.  Es  ist  auch  zweckmässig 
1  richtig,  unter  Umständen  noch  eine  weitere  Komponente  zum 
iutz  der  Zellen  gegen  organisierte  'Krampfgifte  heranzuziehen. 

1.  Milchvorbehandlung  —  Strychnin.  Kaninchen  1000  g.  6.  VI.  1920, 

hr  40  Min.  Milch  zentrifugiert  5  ccm  iv. 22).  10  Uhr  30  Min.  Strychnin. 

.  0,5  mg  sk.  Keine  Uebererregbarkeit,  kein  Krampf. 

2.  Milchadsorpt.  Kaninchen  700  g  10  Uhr  4  Min.  Milch  3,0 — ccm  mit 
a:hn.  nitr.  0,00035  gemisch.  11  Uhr  10  Min.  Gemisch  sk.  injiziert.  11  Uhr 
Min.  Reflexlibererregbarkeit.  11  Uhr  25  Min.  Sitzt  sehr  ruhig.  Gang 
;tisch;  tibererregbar.  11  Uhr  40  Min.  Verhalten  normal,  nicht  mehr  über- 
gbar. 

3.  Vakzineurinadsorpt.  Kaninchen  1000  g.  10  Uhr  5  Min.  Vakzineurin 
mit  Strychn.  nitr.  0,00045  gemischt.  11  Uhr  59  Min.  Gemisch  sk.  injiziert. 
Jhr  10  Min.  Auf  Reiz  kurzer  geringer  Krampf.  12®  Uhr  20  Min.  Zuckt  stark 
Reiz.  12  Uhr  v40  Min.  Noch  etwas  übererregbar.  12  Uhr  50  Min.  Normal. 

4.  Adsorpt  mit  zu  geringer  Milchmenge.  Kaninchen  700  g.  9  Uhr  30  Min. 
/chnin.  nitr.  0,00035,  mit  Milch  0,5  gemischt.  10  Uhr  45  Min.  Gemisch  sk. 
’.iert.  10  Uhr  54  Min.  Unruhe,  Uebererregbarkeit.  11  Uhr  12  Min.  Opistho- 
is,  Tetanus,  Seitenlage,  setzt  sich  dann  mit  den  Vorderextremitäten  richtig. 
Jhr  13  Min.  erneuter  Tetanus,  Seitenlage.  11  Uhr  20  Min.  Noch  von  Zeit 
Zeit  Streckkrampf.  11  Uhr  30  Min.  Extremitäten  rigid,  von  Zeit  zu  Zeit 
mpf.  1,1  Uhr  45  Min.  Partielle  Lähmung,  übererregbar.  2  Uhr.  Dasselbe. 

5.  Erhitztes  Adsorpt.  Kaninchen  1200  g  Strychn.  nitr.  0,09  mg  rpit  zentri¬ 
erter  Milch,  2  ccm  auf  55  u  C  erhitzt,  abgekühlt.  10  Uhr  3  Min.  Gemisch 
;sam  iv.  injiziert.  Zum  Schluss  der  Injektion  Zittern,  Tetanus,  Lähmung. 

nach  50  Sekunden. 

6.  Kaltblüterreaktion.  Kaninchen  1750  g.  28.  X.  1921,  10  Uhr  36  Min. 
zehn.  nitr.  0,8  mg  sk.  11  Uhr  3  Min.  Geringer  Tetanus  25  Sek.,  Zittern. 
Jhr  4  Min.  Sitzt  gestreckt,  geringes  Zittern.  11  Uhr  9  Min.  Versucht  zu 
sn,  gleitet  ab.  Beginn  der  Lähmung.  11  Uhr  15  Min.  Vergebliche  Ver- 
le  sich  vorwärts  zu  bewegen.  Hinterextremitäten  gestreckt,  schlaff,  Vorder- 
emitäten  gespreizt.  Kopfzittern,  lebhafte  Atmung.  Sehr  wenig  reflex- 
rerregbar.  Extremitäten  völlig  gelähmt.  12  Uhr  10  Min.  kaum  reflex- 
rerregbar,  äusserst  schlaffe  Muskulatur,  völlig  gelähmt.  12  Uhr  50  Min. 
1  Uhr  29  Min.  öftere  Reflexversuche.  1  Uhr  29  Min.  Stärkere  Reflex-  und 
^versuche  etwa  1  Minute  Lang.  1  Uhr  37  Min.  Auf  Berührung  Tetanus, 
lungsstillstand.  Tod  nach  90  Sekunden. 

7.  Ueberempfindlichkeitsversuch.  Kaninchen  1300  g.  10  Uhr  40  Min. 

;h  5  ccm  iv.  11  Uhr  58  Min.  Milch  1  ccm  mit  Strychn.  nitr.  0,2  mg  ge¬ 
eilt  (hat  1/4  Stunden  bei  20°  C  gestanden),  iv.  injiziert.  Sofort  Opistho- 

is,  heftigster  Tetanus,  inspiratorischer  Atmungsstillstand,  Schleimhäute 
.s.  Exitus  nach  25  Sekunden. 

8.  Adrenalin  —  Nikotin.  Kaninchen  750  g.  9  Uhr  50  Min.  Adrenalin 

1  mit  Nikotin  0,01  bei  20  "  C  gemischt.  11  Uhr  25  Min.  Gemisch  inijziert. 
ie  Erscheinungen.  Puls  bleibt  260  wie  vor  der  Injektion. 

9.  Narkose.  Kaninchen  1100  g.  9  Uhr  55  Min.  Vakzineurin  1.2  iv. 

Uhr  30  Min.  Nikotin  0,011  sk.  10  Uhr  34  Min.  Hinterbeine  schlaff  nach 

en.  10  Uhr  35  Min.  Kopf  sinkt  auf  den  Tisch.  10  Uhr  36  Min.  Normal 

;tzt,  bleibt  kurze  Zeit  sitzen,  sinkt  dann  zusammen.  Atmung  frequent. 
Jhr  40  Min.  Augen  fast  geschlossen,  Ohren  hefabgesunken.  10  Uhr  46  Min. 
zenbuckel.  10  Uhr  50  Min.  Normal  gesetzt,  sinkt  bald  wieder  zusammen. 
Uhr  53  Min.  zum  Gehen  veranlasst,  leichte  Zuckungen,  sinkt  dann  wieder 
3auchlage,  Kopf  auf  Tisch,  Augen  fast  geschlossen.  11  Uhr  10  Min.  Geht 
Reiz  einige  Schritte.  11  Uhr  30  Min.  Beginnt  sich  zu  erholen.  12  Uhr. 
iter. 

10.  Erhitztes  Adsorpt.  Kaninchen  1500  g.  12  Uhr  29.  Gemisch  Nikotin 

2  und  Milch  5  ccm  auf  60  0  C  3  Minuten  erhitzt,  abgekühtt  sk.  injiziert. 
Jhr  30  Min.  Zittern,  Dyspnoe.  12  Uhr  34  Min.  Krampf  der  Kopfmuskulatur, 
;mus,  überschlägt  sich  mehrfach,  allgemeine  Krämpfe.  12  Uhr  37  Min. 
;sige  Parese  der  Extremitäten.  1  Uhr  30  Minuten.  Noch  geringe  Parese, 
uhe. 

11.  Ueberempfindlichkeitsreaktion.  Kaninchen  1500  g.  11  Uhr  15  Min. 
:h  5  ccm  iv.  12  Uhr  1  Min.  Mischung  Nikotin  0,0004  und  Milch  0,4  iv. 
)rt  Seitenlage,  heftige  Krämpfe,  inspiratorischer  Atmungsstillstand, 
leimhäute  blass.  Nach  15  Sek.  beginnt  es  einige  Atemzüge  zu  tun,  setzt 
,  streckt  Kopf  vor,  streckt  Hinterextremitäten.  12  Uhr  3  Min.  Langsame 
:  Atmung.  Normal  gesetzt,  noch  etwas  schlaff.  12  Uhr  4  Min.  Geht  einige 
ritte  spontan.  Atmung  frequent.  12  Uhr  7  Min.  Geht  und  sitzt  fast  nor- 

12  Uhr  12  Min.  Normal,  munter. 

12.  Milch  -Phenol.  Kaninchen  500  g.  12  Uhr  17  Gemisch  Phenol 
'15  und  Milch  1  ccm  (Milch  zentrifugiert  mit  Aether  geschüttelt,  der  ge- 
e  Aether  bei  50°  C  verdunstet)  sk.  12  Uhr  18  Min.  Zittern,  Krämpfe, 
cse.  12  Uhr  40  Min.  Dasselbe. 

13.  Milchfett-Phenol.  Kaninchen  500  g.  11  Uhr  15  Min.  Milchfett  1,5  ccm 
Phenol  0,015  gemischt,  sk.  Keine  Erscheinungen. 

14.  Milchfett-Phenot.  Kaninchen  500  g.  11  Uhr  1  Min.  Milchfett  2  ccm 
Phenol  0,02  gemischt  sk.  11  Uhr  4  Min.  Zittern.  Bauchlage.  11  Uhr 

lin.  Kopf  sinkt  auf  den  Tisch,  Zittern.  11  Uhr  24  Min.  Zittern  wird  ge- 
.er,  Kopfhaltung  normal.  12  Uhr  20  Min.  Munter. 

15.  C  h  i  n  i  n.  Kaninchen  1100  g.  12  Uhr  55  Min.  Chinin,  mur.  0,026 
l  ccm  Wasser  iv.  Pupillen  werden  sehr  eng,  sonst  keine  Erscheinungen. 

16.  Milch-Chinin.  Kaninchen  1000  g.  12  Uhr  38  Min.  Milch  5  ccm  iv. 
ihr  24  Min.  Chinin,  mur.  0,016  iv.  Sofort  klonische  Krämpfe,  Lähmung, 
'tappende  Atmung.  Tod  nach  70  Sek. 

17.  Saure  Molke-Chinin.  Kaninchen  750  g.  12  Uhr  10  Min.  Schwach 
re  Molke  (Essigsäure)  7  ccm  iv.  12  Uhr  59  Min.  Chinin,  mur.  0,015  iv. 
h  10  Sek.  klonische  Krämpfe,  schlaffe  Lähmung  Atmungsstillstand,  schnap- 
de  Atemzüge.  1  Uhr.  Exitus. 

18.  Labmolke-Chinin.  Kaninchen  500  g.  1  Uhr  15  Min.  Labmolke  5  ccm. 
Jhr  40  Min.  Chinin,  mur.  0,008  iv.  Zittern,  Unruhe.  1  Uhr  42  Min. 
ern  gering.  2  Uhr.  Normal. 

19.  Vakzineurin-Chinin.  Kaninchen  1000  g.  12  Uhr  20  Min.  Vakzineurin 

•*)  B.kLW.  1913  etc.;  M.m.W.  1919. 

■-)  iv.  =  intravenös,  sk.  =  subkutan. 

Nr.  6. 


2  ccm  iv.  1  Uhr  8  Min.  Chinin,  mur.  0,017  iv.  Geringes  Zittern  1  Min., 
sonst  keine  Erscheinungen. 

20.  Tödliche  Dosis  sk.  gehemmt.  Kaninchen  600  g.  11  Uhr  36  Min. 
Milch  zentrifugiert  5  ccm  iv.  11  Uhr  56  Min.  Chinin,  mur.  0,16  sk.  12  Uhr 
30  Min.  Ataktisch.  Sitzt  gestreckt,  Kopf  tief,  bewegt  sich  spontan  sehr 
wenig.  1  Uhr  10  Min.  Setzt  sich  normal.  Gang  fast  normal. 

21.  5/a  tödliche  Dosis  sk.  wenig  verzögert.  Kaninchen  700  g.  10  Uhr 
45  Min.  Milch  zentrif.  8  ccm  iv.  11  Uhr  49  Min.  Chinin,  mur.  0,15  sk. 
12  Uhr  6  Min.  Chinin,  mur.  0,16  sk.  12  Uhr  20  Min.  Beginn  der  Narkose. 
12  Uhr  37  Min.  Heftige  klonische  Krämpfe,  Lähmung,  Atmungsstillstand,  Exitus. 

22.  Koffeinnarkose.  Kaninchen  1500  g.  10  Uhr  22  Min.  Milch 
5  ccm  iv.  11  Uhr  45  Min.  Koffein  0,038  iv.  11  Uhr  49  Min.  Sehr  ruhig.  Kopf 
sinkt  auf  Tisch,  Augen  halb  geschlossen.  12  Uhr.  Dasselbe.  12  Uhr  5  Min. 
Koffein  0,05  iv.  12  Uhr  6  Min.  Bauchlage.  Kopf  auf  Tisch,  bewegt  sich 
nicht  spontan,  geht  angetrieben  einige  Schritte  zitterig.  1  Uhr.  Dasselbe. 

I  Uhr  30  Min.  Wieder  munter. 

23.  Ueberempfindlichkeitsreaktion.  Kaninchen  700  g.  11  Uhr  34  Min. 
Milch  zentrifugiert  5  ccm.  12  Uhr  35  Mijj,  JCoffein  0,06  mit  Milch  5  ccm 
bei  15"  C  gemischt  (steht  1  Stunde)  iv.  gftgifzt  hin,  Seitenlage,  klonische 
Krämpfe,  inspiratorischer  Atemstillstand.  7  pele.ach  10  Sek. 

24.  Morphin-Milch.  Kaninchen  1500  g.  1,12  nr.  Morphin,  mur.  0,006  sk. 

II  Uhr  25  Min.  Sehr  munter.  11  Uhr  26  J'1  Mi  Ich  zentrifugiert  5  ccm  iv. 
11  Uhr  30  Min.  Sehr  ruhig,  bewegt  sic1  'flieht  spontan,  Kopf  lauf  Tisch. 

11  Uhr  50  Min.  Dasselbe.  12  Uhr  10  Min.  970  und  zu  spontan  einige  Schritte. 

12  Uhr  30  Min.  Noch  sehr  ruhig.  e 

25.  Thebain.  Kaninchen  1000  g.  >L  Uhr  11  Min.  Thebainazetat 
0,005  sk.  11  Uhr  20  Min.  Thebainazetat  0,005  sk.  11  Uhr  21  Min.  Geringe 
Unruhe,  sonst  keine  Erscheinungen. 

26.  Milch-Thebain.  Kaninchen  2100  g.  11  Uhr  17  Min.  Milch  5  ccm  iv. 
12  Uhr  20  Min.  Thebainazetat  0,022  sk.  12  Uhr  26  Min.  Opisthotonus,  Teta¬ 
nus,  Tod  nach  20  Sek. 

Aus  dem  Hygienischen  Institut  der  Universität  München, 

Untersuchungen  über  die  Norm. 

Von  J.  Kaup-München. 

Das  Interesse  an  der  Konstitutionsforschung  ist  in  den  letzten 
Jahren  stark  erwacht.  Wir  stehen  jedoch  nicht  einer  neuen  Bewegung 
gegenüber,  sie  ist  lediglich  ein  Wiederaufflammen  der  Konstitutions¬ 
studien  in  der  zweiten  Hälfte  des  vergangenen  Jahrhunderts,  unter¬ 
brochen  durch  eine  vorwiegend  bakteriologische  Aera.  Militärhygieniker 
und  Versicherungsmediziner  haben  in  den  70er  und  80er  Jahren  manche 
wertvolle  Studien  über  die  Zusammenhänge  und  Bedeutung  der  ein¬ 
zelnen  Körpermasse  für  die  Beurteilung  der  Körperverfassung  ge¬ 
schrieben,  die  —  wie  mir  scheint  —  von  vielen  neuen  Konstitutions¬ 
forschern  unberücksichtigt  geblieben  sind. 

Den  alten  wie  den  neuen  Bestrebungen  gemeinsam  ist  die  Absicht, 
für  die  Norm  der  Konstitution  —  für  den1  Typus  —  feste  Anhaltspunkte  in 
Mass,  Zahl  und  Gewicht  zu  finden.  Die  älteren  Populationsstatistiker 
und  Anthropologen  wie  Gould,  Quetelet  verstanden  unter  dem 
Begriff  des  „Typus“  dasjenige  Mass  einer  Beschaffenheit,  um  welches 
die  zum  betreffenden  Bestände  gehörigen  Individuen  derart  variieren, 
dass  dieses  Beschaffenheitsmass,  rein  zahlenmässig  gesehen,  die  Mitte 
oder  das  Zentrum  der  Abweichungen  ist.  Der  Typus  ist  gewisser- 
massen  der  Ausdruck  der  „Einheit  in  der  Mannigfaltigkeit“  oder  nach 
Hildebrandt  der  Ausdruck  der  „Artnorm“.  Bekanntlich  hat  bereits 
Quetelet  die  regelmässige  Gruppierung  der  Varianten  eines  Körper¬ 
masses  von  Individuengruppen  nach  der  binomialen  Verteilungsweise, 
nach  dem  Gau  ss  sehen  Fehlergesetz  gefunden.  Angenommen  wurde 
auch,  dass  eine  Population  einen  einzigen  Typus  darstelle  und  der 
Mittelwert  der  Ausdruck  des  Typus  sei.  Der  Vererbungsforscher 
.1  ohannsen  hat  in  glänzender  Analyse  dargetan,  dass  eine  Einheit¬ 
lichkeit  des  Typus  nur  bei  genotypischer  Reinheit  vorkomme,  was 
in  Anbetracht  der  gemengten  Natur  der  Populationen  nicht  zutrifft.  Der 
Typus  im  Sinne  von  Quetelet  ist  daher  lediglich  ein  statistischer 
Begriff. 

Aber  trotz  der  Fülle  zahlenmässiger  Angaben  aus  dieser  Aera  der 
Körpermassstudien  blieben  die  einfachsten  Zusammenhänge  der  ein¬ 
zelnen  Körpermasse  zum  grösstem  Teil  unaufgeklärt,  namentlich  die 
Beziehungen  zwischen  Körperlänge  und  Körpergewicht.  Dieser  Klärung 
dienten  in  den  allerletzten  Jahren  die  zahlreichen  Indexstudien,  wobei 
bereits  eine  Reihe  weiterer  Körpermasse  herangezogen  wurden.  Der 
Habitus  als  äussere  Erscheinungsform  des  Körpers  wurde  in  allen  Teilen 
und  Zusammenhängen  sorgfältiger  studiert  und  auch  Organe  und 
Organsysteme  der  inneren  Organisation  des  Körpers  nach  Mass,  Ge¬ 
wicht  und  Funktionsbreite  mit  den  äusseren  Körpermassen  in  Beziehung 
gesetzt. 

Namentlich  zwei  Monographien  aus  der  letzten  Zeit  haben  sich 
diesen  Aufgaben  gewidmet  —  die  Allgemeine  Prognostik  als  Lehre  von 
der  ärztlichen  Beurteilung  des  gesunden  und  kranken  Menschen  von 
Th.  Brugsch  (Urban  &  Schwarzenberg.  Berlin  1918)  und  die  Schrift: 
Untersuchungen  über  die  Norm  von  H.  Ra  u  t  man  n  *)  (G.  Fischer.  Jena 
1921).  Brugsch  hebt  besonders  hervor,  dass  in  der  für  die  ganze 
Krankheitslehre  —  und,  wie  ich  hinzufügen  möchte,  auch  für  die  Ge¬ 
sundheitslehre  —  so  wichtigen  Fragender  Beurteilung  der  individuellen 
Konstitution  prinzipielle  Gesichtspunkte  nur  durch  die  Ermittlung  von 
materiellen  Stigmata  der  Organisation  und  Gliederung  der  Konstitu¬ 
tionen  nach  gewissen  Normen  gewonnen  werden  könnten.  Da  die 
Menschen  ausser  der  völligen  Gleichheit  in  der  Organisation,  im  Bau, 
auch  einander  geometrisch  ähnlich  seien,  könnten  aus  der  Beurteilung 
des  Habitus  als  der  äusseren  Organisation  deduktiv  Schlüsse  auch 

*)  Vergl.  a.  die  Besprechung  in  d.  Nr.  S.  2U8. 


4 


1% 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  6 


auf  den  Bau  der  inneren  Organe  gezogen  werden.  Brugsch  benutzt 
den  Habitus  als  Prinzip  der  Klassiiizierung.  indem  er  Vollreife  Individuen 
nach  Längen-  und  Gewichtsgruppen  und  namentlich  nach  dem  pro- 
portionellen  Brustumfang  zu  charakterisieren  sucht.  Er  bildete  aus 
einem  Material  von  1560  norddeutschen  Männern,  fast  ausschliesslich 
im  Alter  von  20—25  Jahren,  drei  Grössengruppen  von  165/166,  169/170 
und  176/177  cm  und  unterscheidet  namentlich  die  drei  Typen  der  Eng¬ 
brüstigen  mit  einem  proportionellen  Brustumfang  unter  50  Proz.,  der 
Normalbrüstigen  mit  50 — 55  Proz.  und  der  Breitbrüstigen  mit  über 
55  Proz  proportionellem  Brustumfang.  Hiebei  ergab  sich  die  merk¬ 
würdige  Erscheinung,  dass  alle  drei  Grössengruppen  fast  den  gleichen 
Prozentsatz  von  Engbrüstigen  mit  39  Proz.,  35  Proz.  und  33  Proz.  aul- 
wiesen;  auch  die  Normalbrüstigen  waren  bei  den  Hochwüchsigen  und 
Mittelwüchsigen  mit  einem  annähernd  gleichen  Prozentsatz  von  56  Proz. 
bzw.  53  Proz.  vertreten.  '  _  . 

Für  die  Ermittelung  eyVi  Normalgewichtes  änderte  Brugsch 
die  bekannte  Brocaschp.  an  mel  (L  — 100)  nach  drei  Grössenklassen 
insoweit  ab,  als  er  für  diein!^eInl wüchsigen  (155 — 165)  die  unveränderte 
Formel  verwendete,  für  dite  ‘ ]  ;+elwüchsigen  (165/175)  von  der  Körper¬ 
länge  statt  100  105  cm  abzo*demd  von  den  Hochwüchsigen  (175/185) 
110  cm.  Den  Normotypus -befrachtet  Brugsch  durch  eine  Körper¬ 
länge  von  170  cm,  ein  Körpergewicht  von  65  kg  und  einen  proportio¬ 
nellen  Brustumfang  von  50-^55  Proz.  hinreichend  charakterisiert.  Für 
die  Beurteilung  der  inneren  Organisation  zieht  Brugsch  namentlich 
die  Herzrelation  als  Verhältnis  des  Herzvolumens  zum  Rumpfvolumen 
heran.  Hiebei  wurde  auch  wieder  bei  den  drei  Gruppen  der  Klein-, 
Mittel-  und  Hochwüchsigen  annähernd  die  gleiche  Verhältniszahl  <33 
mit  38,6  Proz.,  30,7  Proz.  und  30  Proz.  gefunden. 

Ein  Versuch,  die  Körperlängen  dieser  Vollreifen  Männer  mit  der 
G  a  u  s  s  sehen  Fehlerkurve  in  Uebereinstimmung  zu  bringen,  misslang 
insoweit,  als  eine  dreigipfelige  Kurve  entstand,  die  Brugsch  zur  Ver¬ 
mutung  veranlasste,  dass  in  dieser  Erscheinung  die  Mendel  sehe 
Spaltungsregel  für  die  Körperlängenvererbung  angedeutet  sei.  Seine 
Habituseinteilung  jedoch  insbesondere  nach  dem  proportionellen  Brust¬ 
umfang  benützt  Brugsch  auch  ffir  die  Beurteilung  des  üefässsystems, 
der  Muskulatur,  des  Skelettbaues,  der  Lagerung  der  Bauchorgane  usw. 

Rautmann  hat  seine  Aufgabe  viel  enger  gefasst.  Er  will  mit 
seiner  Studie  sichere  Anhaltspunkte  zur  einheitlichen  Bestimmung  der 
Norm  durch  eine  eingehende  Zergliederung  des  Normbegriffes  und  ein 
ausgedehntes  Beobachtungsmaterial,  verarbeitet  nach  der  Kollektiv- 
masslehre  gewönnen.  R.  kritisiert  die  bisherige  Unzulänglichkeit  der 
Normbestimmungen.  Die  engste  Charakterisierung  der  Norm  oder  des 
Typus  mit  der  Angabe  arithmetischer  Mittelwerte  (Durchschnitts- 
w'erte)  sei  keineswegs  genügend,  denn  dann  sei  so  gut  wie  nichts  nor¬ 
mal.  Auch  mit  der  Auffassung,  dass  der  Begriff  des  Normalen  mit  der 
Nähe  des  physiologischen  Durchschnittes  angedeutet  erscheint,  seien 
noch  keine  Grenzen  der  Norm  angegeben.  Erst  mit  der  Angabe  der 
Parameter  der  Verteilungskurve  seien  die  Grenzwerte  für  das  Gebiet 
der  Norm  als  der  regelmässigen  Befunde  bei  gesunden  Menschen  in  ein¬ 
heitlicher  Weise  bestimmt.  Denn  diejenigen  Befunde,  die  bei  """inden 
Menschen  in  der  Regel,  d.  h.  am  häufigsten  Vorkommen,  sind  auch 
mit  grösstmöglicher  Wahrscheinlichkeit  im  Sinne  von  Martius  ge- 
sundhaft,  d.  h.  mit  keiner  erheblichen  Störung  des  Lebens  verbunden 
und  als  normal  zu  bezeichnen.  Dadurch  bekommt  der  Begriff  der  Norm 
einen  Wirklichkeitswert:  es  wird  mit  ihm  auch  der  Typus  zum  Aus¬ 
druck  gebracht,  der  eine  Variationsreihe  —  Art,  Gattung  —  hinreichend 
kennzeichnet. 

Das  Beobachtungsmaterial  von  Rautmann  entspricht  m.  E.  den 
höchstgestellten  Anforderungen.  Im  Verlaufe  von  Untersuchungen  auf 
Flugdiensttauglichkeit  wurden  vom  Frühherbst  1917  bis  Herbst  1918 
Freiwilige  von  fast  allen  Truppenteilen,  am  zahlreichsten  von  der  In¬ 
fanterie,  aber  auch  bereits  dienende  Flieger  in  der  Gesamtzahl  von 
1864  Mann  auf  folgende  Merkmale  untersucht;  Körpergewicht,  Körper¬ 
grösse,  Brustumfang,  Brustspielraum,  Herzgrösse.  Pulszahl  und  Blut¬ 
druck.  Es  waren  Angehörige  der  verschiedensten  Berufe  vertreten. 
Aus  dieser  Zahl  wurden  für  die  wichtigsten  Beurteilungen  noch  648 
besonders  sorgfältig  Untersuchte  im  Alter  bis  32  Jahren  gesondert  ver¬ 
arbeitet.  Diese  waren  eine  Auswahl  besonders  wohlgewachsener,  voll¬ 
reifer  Männer  mit  regelrechtem  Knochenbau  und  mittlerem  Fettpolster. 
Individuen  mit  wenig  kräftig  entwickelter  Muskulatur  und  schlechter  ge¬ 
wölbtem  Brustkorb,  auch  ganz  leichte  Skoliosen  und  Lordosen  wurden 
ausgeschieden  1 

Bei  diesen  64S  Mann  war  auch  durchwegs  das  Nacktgewicht  durch 
Wägung  einwandfrei  festgestellt.  In  6  Verteilungstafeln  sind  die  Körper¬ 
grösse  mit  Körpergewicht,  Brustumfang.  Brustspielraum,  Herzgrösse, 
Pulszahl  und  Blutdruck,  in  einer  auch  Körpergewicht,  und  Herzgrösse 
nach  Grössenklassen  in  wagrechten  und  senkrechten  Häufigkeitsreihen 
übersichtlich  zusammengestellt.  Die  Variantenzahlen  für  die  einzelnen 
Grössenklassen  sind  berechnet.  Diese  primären  Verteilungstafeln  sind 
für  verschiedenartige  Verarbeitungen  vortrefflich  geeignet. 

Für  die  weitere  Verarbeitung  hat  Rautmann  einen  ungewöhn¬ 
lichen  Weg  eingeschlagen.  Die  ^Verteilungsreihen  für  die  einzelnen 
Körpermasse  stellten  nämlich  keine  ideale  Verteilungskurve  dar,  sie 
waren  mehr  oder  weniger  asymmetrisch  oder  schief.  Zumeist  jedoch 
ist  die  Asymmetrie  der  Verteilungsreihen  recht  unbedeutend.  Raut- 
mann  glaubte  das  einfache  Gauss sehe  Gesetz  hiebei  nicht  benützen 
zu  können  und  verwendete  nach  der  Methodik  von  Fechner  das 
zweispaltige  oder  zweiseitige  Gauss  sehe  Gesetz,  das  jede  Seite 
der  Verteilungskurve  mit  Rücksicht  auf  ihre  Eigenart  für  sich  behan¬ 
delt.  Fechner  schneidet  die  Verteilungskurve  in  zwei  Abschnitte 


an  der  Stelle  ihrer  höchsten  Erhebung,  gewinnt  hiedurch  den  dichteste] 
Wert  als  Ausgangswert  und  Richtwert.  Rautmann  gibt  der.  Mei 
nung  Ausdruck,  dass  in  der  Biologie  und  insbesondere  in  der  klinische, 
Medizin  der  dichteste  Wert  der  beste  Richtwert  sei,  da  er  allein  eineij 
natürlichen  Ausgangswert  bei  asymmetrischer  Verteilung  —  um  di  I 
es  sich  in  der  Biologie  und  klinischen  Medizin  jedenfalls  stets  handelt  — 

Nach  diesem  weitaus  komplizierteren  Verfahren  der  mathematische 
Behandlung  von  Kollektivgegenständen  nach  Fechner  wurden  zu] 
nächst  in  Anbetracht  der  Kleinheit  des  Materiales  reduzierte  verte: 
lungstafeln  für  die  gewonnenen  Körpermasse  durch  Zusammenziehun 
nach  Spielräumen  angefertigt.  Hiebei  wurden  für  die  Köipergröss 
8  Grössengruppen  von  156 — 187  cm  mit  einem  Spielraum  von  4  err 
für  das  Körpergewicht  eine  Reduktionsstufe  von  5  kg  gewählt  un 
mit  Hilfe  der  Logarithmen  der  Spielraumgrenzwerte  und  deren  arith 
metische  Mittel  logarithmisch-reduzierte  Verteilungstafeln  gewönnet 
In  ähnlicher  Weise  wurden  gleichartige  Verteilungstafeln  auch  für  di 
anderen  Kollektivgegenstände  hergestellt. 

In  gleicher  Verwendung  der  Fechner  sehen  Methodik  wurde  de: 
dichteste  Wert  nach  dessen  Proportionsverfahren  noch  besonders  gena, 
berechnet,  hiebei  auch  der  arithmetische  Mittelwert  und  der  Zentral 
wert  usw.  bestimmt,  so  dass  für  das  einzelne  Körpermass  5  Richtwert), 
zur  Verfügung  standen.  Da  jedoch  die  praktische  Brauchbarkeit  allfj 
derart  gewonnenen  Ergebnisse  in  der  Erreichung  von  Grenzwerte! 
zur  Beurteilung  der  Gesundheitsbreite  gelegen  war,  so  wurden  auc 
wieder  nach  dem  von  Fechner  angegebenen  Verfahren  die  en< 
sprechenden  Grenzwerte  als  untere  bzw.  obere  durchschnittliche  All 
weichung  berechnet. 

So  ergaben  sich  als  dichteste  Werte  und  obere  bzw.  untere  Gren; 
werte  zu  diesen  für  die  einzelnen  Kollektivgegenstände : _ 


— 

Unterer  Grenz- 

Dichtester  Wert 

Oberer  Grenz- 

Gegenstand 

wert 

cm 

cm 

cm 

Körpergrösse  .... 

165,25 

170,12 

174,93 

Kö/pergewicht  . 

59,3 

63,9 

69,8 

Brustumfang  .... 

82,2 

84,77 

88,5 

Brustspielrautn  .  .  . 

5,5 

6,83 

8,2 

Herzgrösie  ... 

12,5 

13,20 

14,0 

Pulszahl . 

65,1 

71,23 

78,1 

Syst.  Blutdruck  .  .  . 

111,2 

157,07 

172,5  cm  Wasser 

Eine  Besprechung  dieser  Befunde  sei  für  später  Vorbehalten.  I 

Ausser  diesen  Grenzwerten,  die  z.  B.  innerhalb  der  Breite  dt; 
Pulszahlen  und  des  Blutdruckes  bei  erwachsenen  Männern  im  mit 
leren  Lebensalter  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  keine  Störung  dt; 
Kreislaufs  und  der  Herzkontraktionen  erwarten  lassen,  versucht! 
Rautmann  auch  Grenzwerte  zu  bestimmen,  jenseits  deren  ein  B< 
fund  erfahrungsgemäss  fast  stets  krankhaft  ist.  Auf  empirischen 
Wege  wurde  ein  unterer  bzw.  oberer  Grenzwert  gewählt,  der  nach  de-, 
Gau  ss  sehen  Gesetz  99,9  bzw  99  Proz.  aller  Befunde  einschhessl 
Das  Gebiet  des-  Abnormen  wurde  also  auf  diese  Weise  dekadisch  eil, 
geteilt.  Nach  diesen  Grenzwerten  konnte  Rautmann  in  Tabellen  f  j 
uie  einzelnen  Kollektivgegenstände  5  Gruppen  mit  bestimmten  Untel 
Scheidungsmerkmalen -  bilden,  so  für  die 

Körpergrösse:  kümmerwüchsig,  sehr  klein,  klein,  mittelgross,  gros,- 
sehr  gross; 

Körpergewicht:  sehr  niedrig,  niedrig,  normal,  hoch,  sehr  hoch: 

Brustumfang:  sehr  klein,  klein,  normal,  gross,  sehr  gross; 
ähnlich  für  Herzgrösse,  Blutdruck  und  Pulszahl. 

Rautmann  findet,  dass  die  angegebenen  Werte  durchweg  eirl 
gute  Uebereinstimmung  mit  dem  zeigen,  was  wir  bereits  durch  kl 
nische  Erfahrung  über  Körpergrösse.  Körpergewicht.  Brustumfang 
Brustspielraum..  Herzgrösse,  Pulszahl  und  Blutdruck  wissen.  Die  TI 
bellen  geben  das,  was  wir  bisher  nur  durch  besondere  Erfahrung  fei¬ 
stellen  konnten,  nach  einem  allgemeingültigen  Verteilungsgesetz  \vi 
der,  das  auch  Grenzwerte  vorausberechnen  lässt.  Hinsichtlich  des  Gij 
tigkeitsbereiches  dieser  Bestimmungstabellen  glaubt  Raut  man 
dass  sie  für  alle  erwachsenen  Männer  deutschen  Stammes  —  nur  1 
Körpergewicht.  Brustumfang.  Herzgrösse  und  Blutdruck  mit  kleinen  v 
Schiebungen  nach  oben  für  das  höhere  Alter  —  Geltung  haben.  Rsuj 
mann  meint  auch,  mit  diesen  möglichst  zuverlässigen  Werten  für  oj 
Variationsbreite  des  Gesunden  auch  den  Begriff  der  normalen  Ko: 
stitution  besser  abgegrenzt  zu  haben.  Auch  sei  die  Festlegung  ein 
Kanons  im  medizinischen  Sinne  erleichtert.  So  würde  z.  B.  der  Norm: 
typus  eines  jungen  Deutschen  im  Alter  von  24  Jahren  auf  Grund  dies 
schönen  Untersuchungen  folgende  Eigenschaften  besitzen: 

Bei  einer  Körpergrösse  von  165 — 175  cm  ein  Körpergewicht  v< 
60—72  kg,  einen  Brustumfang  von  82—89  und  ein  Brustspielraum  v 
5,8— 8,5  cm.  Der  systolische  Blutdruck  würde  zwischen  140—170  c« 
Wasser  liegen,  das  Herz  einen  Transversaldurchmesser  von  12,5— 14,2  c 
haben  und  65— 78  mal  in  der  Minute  schlagen. 

Ob  die  Breite  des  Gesundhaften  mit  diesen  Grenzwerten  für  ein 
deutschen  Normaltypus  richtig  gekennzeichnet  ist  oder  nicht,  muss  ; 
Sache  des  Klinikers  bezeichnet  werden.  Der  Hygieniker  und  Physi 
löge  muss  bei  diesen  Normstudien  seine  Hauptaufgabe  in  der  Beantwc 
tung  der  Vorfrage  erblicken,  ob  die  Ausgangswerte  für  den  Durchschn 
dieser  Körpermerkmale  richtig  sind  und  die  angewandte  Methodik  hi 
zu  geeignet  erscheint. 


i.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


191 


Denn  R  a  u  t  tn  a  n  n  findet  ein  wesentliches  Ergebnis  seiner  Be¬ 
achtungen  und  Berechnungen  auch  in  folgender  Richtung: 

1.  dass  bei  biologischen  Kollektivgegenständen  die  Verteilung  durch 
das  zweiseitige  Qauss  sehe  Gesetz  in  seiner  Iogarithmischen 
Verallgemeinerung  mathematisch  befriedigend  wiedergegeben 
wird  und 

2.  dass  für  den  Normbegriff  in  einheitlicher  Weise  objektiv  Grenz¬ 
werte  bestimmt  werden  können. 

Beide  Annahmen  sind  für  die  Methode  und  Wertung  der  gesamten 
rnstitutions-  und  Normforschung  so  bedeutungsvoll,  dass  deren  kri- 
;che  Prüfung  notwendig  erscheint. 

Bedenken  können  zunächst  gegen  die  erste  Annahme  —  Festlegung 
if  die  F  e  c  h  n  e  r  sehen  Berechnungsarten  —  erhoben  werden. 

Wenn  Raut  mann  sagt,  dass  in  der  Biologie  Symmetrie  der 
Erteilung  in  der  Regel  nicht  vorausgesetzt  werden  darf,  so  ist  dies  nur 
idingt  richtig.  Vollständige  Uebereinstimmung  von  biologischen 
iriationsreihen  mit  der  Ga  uss  sehen  Zufallskurve  ist  in  Wirklich¬ 
st  vielleicht  nie  vorhanden,  aber  annähernde.  Bei  Kleinheit  des 
aterials,  also  auch  recht  niedrige  Potenzen  für  die  Binomialformel, 
uss  eine  Asymmetrie  der  Variationskurve  entstehen.  Auf  diese  Tat- 
che  hat  besonders  der  holländische  Astronom  Kapteyn  aufmerksam 
macht.  Bei  einer  gesammten  Variantenzahl  von  1000  und  noch  weit 
rüber  müssen,  besonders  bei  ungleichen  Werten  der  beiden  Exponen- 
n  der  Binomialformel  a  und  b  asymmetrische  Kurven  entstehen. 
;i  Raut  man  ns  Material  mit  648  bis  ca.  1000  Varianten  für  die 
izelnen  Reihen  und  auch  beim  Material  von  B  r  u  g  s  c  h  mit  zirka 
00  Individuen  ist  die  Asymmetrie  oder  Schiefheit  der  Variations- 
irven  vollkommen  verständlich.  Hiebei  ist  es  gleichgültig,  ob  das 
aterial  genotypische  Reinheit  aufweist  oder  nicht. 

Trotz  dieser  Schiefheiten  der  Verteilung  bei  kleinen  Varianten- 
hlen  warnt  der  so  gründliche  Variabilitätsforscher  Johannsen1) 
>r  anderen  Berechnungen  als  auf  Grundlage  der  einfachen  Binomial- 
mel  mit  Mittelwert,  Streuung  und  Variationskoeffizienten.  Johann- 
:n  macht  aufmerksam,  dass  bei  Individuengruppen  selbst  von  geno¬ 
pischer  Einheitlichkeit,  aber  in  sehr  verschiedener  Lebenslage  ge- 
ohnlich  eingipflige  Variationskur vm  mit  schiefer  Verteilung  trotz 
osser  Variantenzahl  gefunden  werden,  oft  jedoch  auch  zweigipfelige 
d  mehrgipfelige  Kurven.  Das  letztere  trifft  wahrscheinlich  auf  den 
:fund  einer  dreigipfeligen  Kurve  beim  norddeutschen  Material  .von 
rugsch  zu. 

Nach  der  Variationslehre  war  somit  für  Rautmann  kein  zwin- 
nder  Grund  vorhanden,  die  einfache  Binomialformel  für  die  Beurtei- 
lg  seines  Materiales  aufzugeben. 

Vom  biologischen  Standpunkt  jedoch  liegen  noch  andere  Bedenken 
>r,  die  namentlich  K.  E.  Ranke  treffend  gekennzeichnet  hat.  Ranke 
bt  hervor,  dass  für  den  Anthropologen  nur  das  einfache  G  a  u  s  s  sehe 
:setz  von  Wichtigkeit  sei.  Die  Formbildung  aller  Organismen  ist 
>n  den  zwei  einander  widerstreitenden  Faktoren  der  Tendenz  nach 
rem  Mittelwert  auf  Grund  der  Vererbung  und  von  den  im  Sinne 
rer  Abweichung  wirkenden  Kräften  —  den  Lebenslagefaktoren  — 
herrscht.  Die  Bevorzugung  eines  dichtesten  Wertes  bei  anthropo- 
tischen  Messungsreihen,  der  bei  Asymmetrie  nicht  mit  dem  Mittel¬ 
st  zusammenfällt,  ist  nicht  berechtigt  und  gekünstelt.  Die  Prüfung 
rartiger  Reihen  sollte  stets  nach  dem  einfachen  G  au  ss  sehen  Ge- 
tz  bzw.  mit  dessen  logarithrnischer  Verallgemeinerung  erfolgen.  „Das 
echn  ersehe  zweiseitige  Gesetz  für  Variationskurven  ist  in  seiner 
»Ieitung  teils  biologisch  undeutbar,  teils  biologisch  unmöglich.  Auch 
von  Wichtigkeit,  dass  sowohl  die  F  ec  h  n  e  r  sehen  wie  die  Pear- 
m  sehen  Formeln  für  die  Annahme,  dass  die  Anzahl  der  einwirkenden 
ementarursachen  unendlich  gross  sei.  in  die  einfache  ü  a  u  s  s  sehe 
rm  übergehen.  Es  scheint  auch  sicher  zu  sein,  dass  auch  bei  kleinem 
d  nach  den  Werten  der  Variationsweite  asymmetrischem  Material 
mer  vom  Mittelwert  ausgegangen  werden  soll.  Auch  ist  die  Vor- 
-llung  gerechtfertigt,  dass  bei  reicherem  Material  die  Asymmetrie  mit 
cherheit  ausgeglichen  wäre  und  die  Variationsweite  sodann  ihre 
Schreibung  durch  Mittelwert  und  Streuung  gefunden  haben  müsste. 
r  Mittelwert  einer  'asymmetrischen  Reihe  aus  kleinem  Material  ist 
loch  dem  Mittelwert  einer  symmetrischen  Reihe  bei  grösserem 
hohen  Material  sicher  weit  näher  als  der  Fechnersche  Richtwert 
■  dichtester  Wert. 

Im  einzelnen  kann  auch  das  Bedenken  nicht  unterdrückt  werden, 
ss  durch  die  Wahl  so  grosser  Reduktionsstufen  (für  Körpergrösse 
cm,  für  Körpergewicht  5  kg)  und  Aufschreibung  der  Logarithmen  der 
'enzwerte  des  Umkreisunpsintervills  zur  Bestimmung  des  arith- 
•trischen  Mittels  gerade  in  Anbetracht  der  Ungleichheit  der  Varianten- 
Hen  für  die  einzelnen  Grössenklassen  sehr  verschieden  ge- 
gerte  Mittelwerte  für  diese  grossen  Reduktions- 
uf  e  n_  erhalten  werden  müssten.  Gerade  bei  derart  ausgezeichnet 
d  sorgfältig  gesammeltem  Material,  das  nur  noch  etwas  zu  klein  war, 
ben  die  Werte  für  die  einzelnen  Grössenklassen  doch  weitgehende 
chtigkeit.  Weitaus  empfehlenswerter  ist  die  Bildung  kleinerer 
össengruppen  von  etwa  3  cm,  so  dass  nur  der  Mittelwert  einer 
rssengruppe  durch  Anlagerung  der  beiden  nächsten  Werte  eine  Ver- 
irküng  erfährt 

Wir  haben  aus  den  primären  Verteilungstafeln  im  Anhang  der 
hrift  derartige  Spielräume  zur  Gewinnung  von  Grössenklassen  gc- 

J)  Elemente  der  exakten  Vererbungslehre.  Jena,  G.  Fischer,  1913. 

*)  Das  Fehlergesetz  und  seine  Verallgemeinerungen  usw.  Arch.  f. 

thropol.  1906. 


wählt,  um  in  einfachster  Weise  für  einzelne  Grössenklassen  Durch¬ 
schnittswerte  zu  erhalten.  Doch  bevor  wir  zu  vergleichenden  Betrach¬ 
tungen  übergehen,  seien  auch  Bedenken  gegenüber  der  2.  Annahme  er¬ 
hoben.  Doch  nicht  etwa  dagegen,  dass  zur  Ermittlung  der  Norm  oder 
des  Typus  objektiv  in  einheitlicher  Weise  Grenzwerte  bestimmt  werden 
sollen  —  im  Gegenteil,  in  einheitlicher  Zusammenarbeit  sollte  mit 
einwandfreier  und  einfacher  Methodik  für  Durchschnitt  und  Grenzwert 
Material  gesammelt  werden.  Bedenken  scheinen  jedoch  gerechtfertigt 
zu  sein  gegen  Rautmanns  Annahme,  dass  seine  Feststellungen  des 
dichtesten  Wertes  und  der  Grenzwerte  von  diesem  sicher  den  Normal¬ 
typus  eines  jungen  Deutschen  im  Alter  von  24  Jahren  darstellen. 

Dagegen  spricht  vor  allem  die  Tatsache,  dass  ein  Durchschnittswert 
für  die  Körperlänge  von  170,4  cm  und  für  das  Körpergewicht  von  63,9  kg 
mit  anderen  Beobachtungen  nicht  übereinstimmt.  Die  Ergebnisse  der 
ausgedehntesten  Untersuchungen  an  deutschen  Vollreifen  Männern  hat 
Schwiening3)  im  Jahre  1914  veröffentlicht.  Die  mittlere  Körper- 
grosse  von  110  000  Männern  aus  allen  Reichsgebieten  betrug  167,4  cm, 
also  um  3  cm  weniger,  und  das  mittlere  Körpergewicht  64,82  kg,  um 
fast  1  kg  mehr.  Untersuchungen  von  Me  inshausen  für  10  0Ö0  ge¬ 
sunde  Mannschaften  aus  Brandenburg  und  Westpreussen  ergaben 
168,0  cm  und  64,3  kg.  Auch  Geigel4)  fand  bei  ähnlichen  Flieger¬ 
untersuchungen  (Franken  und  Rheinpfälzer)  als  Mittelwerte  für  Länge 
und  Gewicht  168,2  cm  und  62,1  kg  und  bezeichnete  als  Kanonwerte 
eines  jungen  Soldaten  168  cm  und  68  kg.  Die  Mittelwerte  aus  dem 
R  a  u  t  m  a  n  n  sehen  Material  liegen  mit  169,7  cm  und  65,2  kg  viel  näher 
an  diesen  Durchschnittsziffern  aus  grossem  Material  als  seine  dichtesten 
Werte  mit  170,4  cm  und  63,9  kg. 

Die  Bedenken  gegenüber  den  Rautmann  sehen  dichtesten 
Werten  werden  noch  verstärkt  bei  vergleichender  Betrachtung  der 
Ziffern  für  die  einzelnen  Grössenklassen. 


Rautmann 
Dichtester  Wert 

s  Material 

Einfacher  Mittelwert 

Schwiening 

Unterschiede 

Grö,se 

Di 

Grosse 

M, 

Grösse 

m3 

Di  — M3 

M,-Mj 

157,5 

56,39 

157 

58.6 

+  2,2 

161,5 

56,73 

160 

58  31 

161 

60,6 

+  3,9 

+  2,3 

165,5 

60,67 

165 

61,25 

165 

63,2 

+  2,5 

+  1,9 

169,5 

64  07 

170 

65,68 

169 

65,8 

+  1,7 

+  0,1 

173,5 

67  02 

175 

70,17 

173 

68,9 

+  1,9 

177,5 

69,01 

177 

72,3 

+  3  3 

131,5 

70,55 

180 

71,87 

181 

75,6 

+  5,0 

+  3,7 

Der  Abstand  der  dichtesten  Werte  von  Rautmann  ist  viel  weiter 
in  allen  Grössenklassen  —  soweit  sie  bei  gleichen  Grössen  gegenüber¬ 
gestellt  werden  können  —  von  wirklichen  deutschen  Durchschnitts¬ 
werten  an  Gewicht  entfernt  als  die  Mittelwerte  aus  dem  gleichen 
Material.  Bei  Gegenüberstellung  gleicher  Grössenwerte  würde  diese 
Erscheinung  noch  deutlicher  sichtbar  werden. 

Weiters  ist  vielen  Untersuchungen  über  die  Zusammenhänge  zwi¬ 
schen  äusserer  und  innerer  Organisation  des  Körpers  gemeinsam  das 
Bestreben,  verschiedene  Herzmasse  und  auch  den  Blutdruck  usw.  mit 
der  Körperlänge  oder  dem  Körpergewicht  in  Relation  zu  setzen.  Hin¬ 
sichtlich  der  Beziehungen  zwischen  diesen  beiden  Körpermassen  wird 
auf  Grund  der  Annahme  einer  geometrischen  Aehnlichkeit  der  Körper 
häufig  die  entsprechende  Formel  P  :  P  =  L3 :  L3  hervorgehoben,  d.  h. 
die  Gewichte  verhalten  sich  wie  die  3.  Potenzen  der  Längen  oder  es 
wird  einfach  von  einem  Parallelismus  zwischen  Längenwachstum  und 
Gewichtszunahme  gesprochen.  Auch  Rautmann  hat  Körpergrösse 
und  Körpergewicht  mit  allen  anderen  Erhebungsbefunden  in  Beziehung 
gesetzt,  ohne  nach  seinem  Material  die  Vorfrage  des  Zusammenhanges 
zwischen  den  Vergleichsmassen  Länge  und  Gewicht  zu  klären.  Eine 
solche  Klärung  ist  gerade  bei  seinem  ausgewählten  Material  vollkommen 
gesunder  und  gleichmässig  entwickelter  junger  Männer  von  grundsätz¬ 
licher  Bedeutung.  Wir  haben  dies  nach  den  Angaben  seiner  ersten 
primären  Verteilungstafel  in  5  Grössenklassen  versucht. 


Körperindizes  nach  Grössengruppen  bei  gleich  gut  ent¬ 
wickelten  Männern  (nach  eigener  Berechnung  aus  dem 
Material  von  Rautmann). 


Zahl 

1 

2 

i 

4 

b 

Unter  sei >iedez wisch. 

32 

8 

127 

78 

30 

1  und  5 

2  und  4 

G,  ös,enklasse 

1 59/ 1 6 1 

164/  66 

169/171 

174/176 

179/1-1 

+  1,9% 

+  6% 

Gewicht 

58,31 

61,25 

65,68 

70,17 

7  ,87 

+  21,2% 

+  14% 

P  :  L 

364,4 

37  ,2 

386,4 

401,0 

399,3 

+  8  9% 

+  8% 

P:  L2  Q : L) 

2  278 

2,25 

2,273 

2,291 

2,218 

-2,31% 

+  1  8% 

P  :  L3 

0,0142 

0,01367 

0,0134 

0,0131 

0,0123 

-  14,3% 

—  4,4% 

P  =  Körpergewicht,  L  =  Körperlänge. 


Die  Tabelle  gibt  einen  weitgehenden  Einblick  in  die  Zusammen¬ 
hänge.  Innerhalb  eines  Längenunterschiedes  von  20  cm  — -  worin  minde¬ 
stens  90  Proz.  der  Untersuchten  erfasst  sind  —  nimmt  das  Körper¬ 
gewicht  etwa  doppelt  so  stark  zu,  wie  die  Körperlänge.  Die  drei 
Gewichts-Längenindizes,  die  eine  geometrische  Reihe  bilden,  verhalten 

3)  D.m.W.  1914  Nr.  10  u.  11. 

4)  M.ni.W.  1919  Nr.  52, 


4 


192 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  6. 


sich  in  ihrer  Entwicklung  von  Grössengruppe  zu  Grössengruppe  völlig 
verschieden  —  der  P/L-Index,  auch  mittere  Querschnittsscheibe  ge¬ 
nannt,  nimmt  mit  dem  Längenzuwachs  zu,  der  P/LMndex  vRohrer; 
nimmt  ebenso  ab,  während  der  neue  P/LJ-  oder  Q/L-Index  )  fast  un- 
verändert  bleibt,  also  ein  konstantes  Verhalten  zeigt.  _ 

Die  weitgehende  Konstanz  dieses  Indexwertes  trotz  verschiedenen 
Längen-  und  Gewichtswertes  von  Längengruppe  zu  Längengruppe  be¬ 
stätigt  auch  in  diesem  auserlesenen  Material  die  Richtigkeit  des  neuen 
Körperproportionsgesetzes,  Entwicklung  des  mittleren  Körperquer¬ 
schnittes  und  der  Körperlänge  stehen  in  engstem  Wechsel  Verhältnis. 
Die  Gewichte  verhalten  sich  wie  die  Längenquadrate  oder  die  mitt¬ 
leren  Körperquerschnitte  w ie  die  einfachen  Körperlängen.  Entsprechend 
der  Konstanz  der  Q/L-Index  muss  die  Breitenentwicklung  unterhalb  der 
mittleren  Körperlänge  über  die  geometrische  Aehnlichkeit  hinaus  er- 
folgen  oberhalb  der  mittleren  Körpergrösse  hinter  der  geometrischen 
Aehnlichkeit  Zurückbleiben.  Die  Kleinen  sind  gedrungener,  die  Grosseren 
schlanker,  die  beiden  Gruppen  sind  im  Habitus  unähnlich.  Die  bisherige 
Annahme  einer  geometrischen  Aehnlichkeit  der  Individuen  gleichen 
Alters  aber  ungleicher  Körperlänge  ist  eben  unhaltbar  geworden. 

Diese  charakteristische  Verschiedenheit  im  Längen-  und  Breiten¬ 
wachstum  der  Kleineren  und  Grösseren  muss  auch  in  der  Entwicklung 
des  Brustkorbes,  im  Brustumfang  zum  Ausdruck  kommen.  Raut- 
mann  hat  auch  diese  Zusammenhänge  an  seinem  schönen  Material 


Schwiening 

Rautmann 

Orösse 

absolut 

% 

Orösse 

absolut 

% 

158 

822 

52,03 

160 

83,95 

51,9 

163 

83,04 

50,9 

165 

84,33 

51,1 

168 

82,2 

50,1 

170 

85,51 

50,3 

173 

84,96 

49,1 

175 

87,54 

50,02 

178 

86.14 

48,4 

180 

88,08 

4S,9 

183 

86,58 

47,3 

ln  Uebereinstimmung  ergibt  sich  für  das  grosse  Material  von 
Schwiening  und  das  kleinere  von  Rautmann  (nach  unseren  Be- 
rechnungen  der  Mittelwerte)  eine  gleichmässige  Verringerung  des  pro¬ 
portioneilen  Brustumfangs  von  den  niederen  zu  den  höheren  Grossen- 
gruppen.  Die  Konstanz  der  Längen-Breitenentwicklung  zeigt  sich  schon 
in  der  abnehmenden  Breitbriistigkeit  der  keineren  zu  den  grösseren 
Individuen.  Von  einer  Gleichheit  des  mittleren  proportioneilen  Biust- 
umfangs  bei  allen  Qrössenklassen  kann  keine  Rede  sein. 

Ueber  die  Beziehungen  der  Herzgrösse  zu  Körpergrösse  und 
Körpergewicht  hat  bekanntlich  D  i  e  1 1  e  n  ")  besondere  Untersuchungen 
angestellt.  In  ersterer  Beziehung  kam  Dietlen  zum  Ergebnis,  dass 
die  Herzgrösse  des  Menschen  bis  zu  einem  gewissen  Grade  von  der 
Körpergrösse  abhängig  sei.  In  Anbetracht  des  Parallelismus  zwischen 
Längen  Wachstum  und  Gewichtszunahme  —  wie  Dietlen  annahm  — 
hat  auch  das  Körpergewicht  auf  die  Herzgrösse  einen  Einfluss.  Diet¬ 
len  betrachtet  das  Körpergewicht  in  besonders  engem  Zusammenhang 
mit  der  Herzgrösse  und  glaubte  nachweisen  zu  können,  dass  die  Hcrz- 
grösse  mit  steigendem  Körpergewicht  wächst,  weniger  bei  Zunahme  der 
Körpergrösse.  Nach  den  Angaben  von  Rautmann  nimmt  dei  Heiz- 
querdurchmesser  von  den  kleinen  zu  den  grossen  Individuen  nui  un¬ 
bedeutend  zu.  ,  . 

Hinsichtlich  der  Zusammenhänge  der  Pulszahl  mit  den  Koipermassen 
hat  Volk  mann  bisher  angenommen,  dass  bei  gleichem  Lebensalter 
die  Pulszahl  mit  wachsender  Körpergrösse  abnimmt.  Rautmann 
findet  eine  bestimmte  Unabhängigkeit  der  Pulszahl  von  der  steigenden 
Körpergrösse  und  .bestreitet  die  Richtigkeit  der  Anschauung  von 
Volkmann.  Das  Gleiche  gilt  auch  für  das  Verhalten  des  systolischen 
Blutdruckes. 

Nach  unseren  Berechnungen  ergibt  sich  für  die  Beziehungen  von 
Herzgrösse  Blutdruck  und  Pulszahl  zu  den  wichtigsten  Körpermassen 


Völlig  eindeutig  ergibt  sich,  dass  die  Herzgrösse,  wie  der  systolische 
Blutdruck  und  die  Pulszahl  bei  Vollreifen,  harmonisch  entwickelten 
Individuen  gleichen  Alters  aber  von  verschiedener  Körpergrösse  und 
verschiedenem  Körpergewicht  mit  diesen  beiden  Körpermassen  in 
keiner  Wechselbeziehung  stehen,  hingegen  in  völliger  Korrelation  mit 
der  Konstanz,  mit  dem  harmonischen  Ausgleich  der  Längen-  und  Breiten¬ 
entwicklung  der  unter  und  über  der  Mittelgrösse  stehenden  Individuen. 
Die  kleinen  Unterschiede  bei  den  einzelnen  Grössenklassen  gleichen 
sich  völlig  aus.  Es  scheint  nach  diesem  Ergebnis  ein  klarer  Zusammen¬ 
hang  zwischen  der  Längen-  und  Breitenentwicklung  und  dem  wuchtig¬ 
sten  System  der  inneren  Organisation,  dem  Herz-Gefässsystem,  vor¬ 


zuliegen.  Die  besondere  Güte  des  Materials  lässt  eine  Verallgemeine¬ 
rung  für  gleichmässig  entwickelte  Individuen  der  Vollreife  gerechtfutigt 
erscheinen.  Die  bisherige  Vermutung,  dass  eine  Proportionalität  zwi¬ 
schen  Herz  und  muskulösem  Organismus  besteht,  war  richtig.  Der 
Befund  eines  auffallend  kleinen  Herzens  bei  grossen  Menschen  ist  ein- j 
fach  erklärt.  Doch  scheint  diese  Proportionalität  zwischen  Herzgrössc 
und  Längen-Breitenentwicklung  auch  für  die  Entwicklungsperiode  zu 
gelten.  Aus  dem  umfangreichen  Material  von  Dietlen  sei  der  Zu¬ 
sammenhang  für  einzelne  Grössengruppin  vom  Mädchen  im  16.  Lebens, 
jahr  noch  gebracht. 


Grössengruppe . 

145/154 

155064 

165/174 

Mittlere  Länge . 

150 

158 

169 

46 

48 

56 

Herz -Querdurchmesser  . 

11,0 

11,5 

H,1 

Q/L-Index . 

2,044 

1,923 

1,961 

Orösse 

1 

2 

3 

4 

5 

Unterschiede  von 

160 

165 

170 

175 

180 

1  zu  5 

2  zu  4 

Gewicht . kg 

58,31 

61,25 

65,68 

70,17 

71,87 

+  23,2% 

+  14,5% 

Herz-Querdurchm.  cm 

12,87 

13,58 

13,37 

13,59 

12  79 

-  0,6% 

±  0 

Blutdruck  (systolisch)  . 

160,9 

155,8 

154,3 

155,5 

154 

-  3  o/o 

-  0,2  o/0 

Pulszahl . 

68 

72,7 

71,06 

71,02 

71,33 

+  4,5% 

-  2,5o/„ 

Q/L-Konstante . 

2,278 

2,25 

2,273 

2,291 

2,218 

-  2,31% 

+  1,8% 

5)  M.rn.W.  1921  Nr.  31  u.  32. 

8)  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  1906,  Heft  1 — 3. 


Auch  hier  ist  die  Herzgrösse  in  guter  Proportionalität  mit  der 
Längen-Breitenentwicklung  bzw.  mit  dem  Q/L-Index,  während  mit  der 
Längen-  und  Gewichtszunahme  allein  kein  Zusammenhang  besteht. 
Offenbar  war  auch  hier  das  Menschenmaterial  von  ziemlich  gleichmässig 
guter  Entwicklung.  Die  bisherige  Anschauung  einer  Zunahme  deij 
Herzgrösse  mit  der  Körperlänge  und  dem  Körpergewicht  ist  nach  dem, 
offenbar  sehr  verschieden  gearteten  und  unzureichenden  Menschen¬ 
material  zu  verstehen.  Hier  handelt  es  sich  um  eine  Rogol  i_UI  an 
Normentwicklung  im  Vollreifen  Alter  und  wahrscheinlich  für  die 
samte  Entwicklungsperiode. 

Das  Ergebnis  der  kritischen  Besprechung  der  zwei  bedeutendster 
Studien  über  die  Norm  in  den  letzten  Jahren  lässt  sich  kurz  folgendir- 

massen  zusammenfassen:  .  ...  .. 

Die  beiden  Monographien  zugrundeliegende  Absicht,  für  den  Bcgrit 
des  Normaltypus  oder  Normotypus  feste  Anhaltspunkte  in  Mass,  Zah 
und  Gewicht  zu  finden,  deutet  die  Hauptaufgabe  moderner  Konstitutions¬ 
forschung  an. 

Die  Lösung  dieser  Aufgabe  scheint  nur  durch  eine  einheitliche  Ge¬ 
meinschaftsarbeit  des  Anthropologen,  Hygienikers  und  Klinikeis  ge^ 
lingen  zu  wollen.  Beide  Monographien  lassen  noch  diese  Zusammen¬ 
arbeit  vermissen  —  die  von  B  r  u  g  s  c  h  durch  eine  Habitusglicderun-ij 
nach  dem  proportioneilen  Brustumfang,  die  alter  Erfahrung  der  Militär 
ärzte  widerspricht,  die  von  Rautmann  durch  die  Verwendung  de 
überaus  umständlichen,  zwar  mathematisch  richtigen,  abei  die  Variabui- 
tätsursachen  verwischenden  Kollektivmasslehre  von  Fechner,  wo 
durch  das  ausgezeichnete  Beobachtungsmaterial  gewaltsam  in  seine 
Anwendbarkeit  herabgedrückt  wurde. 

Die  Variabilitätsmessung  mit  Mittelwert  und  Standardabweichunil 
als  Parameter  nach  den  Vorschlägen  von  Johannsen  verglichen  mi 
der  G  a  u  s  s  sehen  Zufallskurve  genügt  vollständig  zur  Beurteilung  voi 
Variationsreihen.  Vom  Mittelwert  als  typischen  Wert  einer  Variations 
reihe,  mag  sie  noch  so  klein  sein,  ist  unter  allen  Umständen  bei  Bel 
Stimmung  des  Durchschnitts  und  bei  Bestimmung  der  Breite  des  Ge  ^ 
sündhaften  nach  M  a  r  t  i  u  s  auszugehen. 

Die  Grenzwerte  des  Gesundhaften  und  des  bereits  Krankhaften  sm 
nach  einheitlich  zusammengefassten  Beobachtungen  der  Kliniker  zu  bei 
stimmen  und  können  von  den  richtigen  Durchschnittswerten  aus  durej 
Zuschlag  oder  Abzug  in  Abweichungseinheiten  angegeben  werden 
Eine  auf  Kleinheit  des  Materials  beruhende  Asymmetrie  der  Ver. 
teilungsreihe  kann  später  leicht  durch  ähnliche  Untersuchungen  ergänz 
und  ausgeglichen  werden.  _  n  j 

Die  Untersuchungen  von  Rautmann  sind  nach  der  Art  des  Del 
obachtungsmaterials  und  der  Zusammenstellung  von  primären  Verte  a 
lungstafeln  für  die  wichtigsten  Körpermerkmale  höchst  bedeutim-gsvo] 
und  als  Grundstock  für  ergänzende  Forschungen  zu  betrachten.  Ltiesj 
ergänzenden  Forschungen  sollten  einheitlich  in  verschiedenen  Wissen 
Schaftszentren  in  Angriff  genommen  werden.  I 

Das  neue  Körperproportionsgesetz  scheint  als  Grundlage  für  di 
Beurteilung  der  morphologischen  und  auch  physiologischen  Korrelatio 
der  wichtigsten  Körpermerkmale  von  wachsender  Bedeutung  zu  wei 
den.  Die  Klarstellung  der  korrelativen  Längen-  und  Breitenentwicklun 
der  Individuen  in  allen  Grössenklassen,  und  damit  die  Richtunggebun 
für  die  Korrelationsmöglichkeiten  aller  anderen  morphologischen  Med 
male,  wie  der  engste  Zusammenhang  mit  Grundumsatz  (nach  G  r  u  b  e  r 
Herzgrösse,  Herztätigkeit  berechtigen  zur  Erwartung  noch  weitert 
Klarstellung  der  Zusammenhänge  der  äusseren  und  inneren  Organisation 
des  Körpers.  .1 

Auch  der  Parallelismus  der  physischen  und  psychischen  ■  Konstitutir 
kann  durch  dieses  Gesetz  neue  Anhaltspunkte  erhalten  (K  r  e  ts c n 
mers  Körperbau  und  Charakter).  Auf  alle  Fälle  ist  für  die  körpe 
liehe  Erziehung  der  Jugend  bereits  ein  einheitlicher  Normbegriff  hnj 
sichtlich  der  zu  erreichenden  Längen-  und  Breitenentwicklung  gegebe 
Der  Gedanke  der  Konstitutions-Dienstpflicht  hat  einen  morphologisch 
funktionellen  Inhalt  erhalten.  Denn  wie  Hildebrandt')  so  rieht 
sagt:  „Wachstum  strebt  nach  Erreichung  der  Artnorm,  Fortpflanztu 
nach  Verewigung  der  Artnorm,  schöpferische  Kraft  nach  Steigern! 
der  Art,  nach  absoluter  Norm“.  Mit  der  Erreichung  der  Artnorm,  d 
harmonischen  Entwicklung  äusserer  und  innerer  Organisation  erreic 
unsere  Jugend  auch  die  nach  Erbanlage  und  Umwelt  bestmögliche  Ko> 
stitution. 


')  Norm  und  Entartung  des  Menschen.  Sibyllen-Verlag  Dresden, 


192 


I.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


193 


us  dem  physiolog.  Institute  der  deutschen  Universität  in  Prag. 
(Vorstand:  Prof.  Dr.  A.  Tschermak.) 

Eine  neue  Vestibularisreaktion*). 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

on  Dr.  Ernst  Wodak,  gew.  Assistent  der  Ohrenklinik  und 
r.  Max  Heinrich  Fischer,  I.  Assistent  am  Institute. 

Im  folgenden  möchten  wir  in  erster  Linie  auf  Grund  exakter  sinnes- 
hysiologischer  Studien  kurz  von  einer  neuen  Vestibularisreaktion  be¬ 
ichten.  wobei  wir  von  vornherein  betonen,  dass  wir  uns  bei  unseren 
egenwärtigen  Kenntnissen  darüber  nur  auf  die  bisher  feststehenden 
'at Sachen  beschränken  wollen. 

Die  Reaktion  beruht  auf  folgender  Beobachtung:  Wenn  man  den 
estibularapparat  eines  normalen  Individuums  irgendwie  beeinflusst, 
Iso  z.  B.  ein  Ohr  mit  Wasser, spült,  so  tritt  in  einem  gewissen  Stadium, 

:  nach  der  Menge  und  der  Temperatur  des  verwendeten  Wassers, 
ntweder  schon  während  oder  bald  nach  Beendigung  der  Spülung  eine 
ifferente  Aenderung  der  subjektiven  Schwere¬ 
mpfindung  der  beiden  Körperhälften  auf.  Die  eine 
örperhälfte  scheint  subjektiv  schwerer  zu  werden  und  in  den  Boden 
ju  versinken,  die  andere  leichter  zu  werden  und  in  die  Höhe  zu  streben, 
obei  dieses  Gefühl  am  ausgesprochensten  in  den  Extremitäten  zu 
ein  pflegt1).  Fordert  man  die  Untersuchungsperson  in  diesem  Sta- 
ium  auf,  bei  geschlossenen  Augen  beide  Arme  horizontal  (entweder 
1  Pronationsstellung  oder  noch  besser  in  Supinationsstellung)  vor  sich 
inzuhalten,  so  sinkt  der  Arm  der  subjektiv  schwereren  Seite  sichtlich 
nd  der  andere  steigt.  Die  Höhendifferenzen  zwischen  beiden  Armen 
ind  individuell  sehr  verschieden  und  schwanken  zwischen  wenigen 
entimetern  und  mehreren  Dezimetern.  Kinder  und  weibliche  Per¬ 
sonen  zeigen  die  Reaktion  deutlicher  als  Männer.  Dieses  Phänomen 
auert  im  allgemeinen  ca.  15 — 30  Minuten.  Während  dieser  Zeit  tritt 
her  mehrmals  (häufiger  bei  Warmspülung,  seltener  bei  Kaltspülung) 
jwohl  subjektiv  wie  objektiv  ein  Wechsel  ein  in  der  Art,  dass  der 
isher  subjektiv  schwerere,  tiefer  stehende  Arm  scheinbar  leichter  wird 
nd  steigt,  der  bisher  subjektiv  leichtere,  höher  stehende  Arm  sc'hein- 
ar  schwerer  wird  und  sinkt.  Dieser  Umschlag  muss  nicht  immer  so 
rfolgen,  dass  die  beiden  Arme  ihre  relative  Höhenstellung  zueinander 
ollkommen  wechseln;  er  kann  sich  auch  darin  bemerkbar  machen, 
ass  die  Höhendifferenz  beider  Arme  sich  nur  verringert  oder  ver- 
chwindet.  um  dann  wieder  deutlich  ausgeprägt  zu  werden.  Die  sub- 
.ktiven  Empfindungen  hinken  den  objektiven  Stellungsänderungen 
ewöhnlich  nach;  sie  sind  überhaupt  nicht  immer  koinzident. 

Dieser  Versuch,  den  wir  vorläufig  aus  praktischen  Gründen  als 
\rm-Tonus-Reaktio n“ 2 3)  bezeichnet  haben,  ist  bestimmten  Ge- 
etzen  unterworfen,  je  nachdem  auf  dem  betreffenden  Ohre  eine  Kalt- 
der  Warmspülung  vorgenommen  wurde.  Und  zwar  konnten  wir  bei 
er  Kaltspülung  zunächst  ein  Sinken  des  gleichseitigen  Armes  und 
teigen  des  gegenseitigen,  bei  der  Warmspülung  vorerst  das  Gegen- 
jil  beobachten.  Das  Phänomen  ist  auch  bei  der  Rotation  und  Gal- 
anisation  des  Kopfes  zu  finden,  doch  sind  die  Verhältnisse  speziell 
eim  Drehversuch  aus  hier  nicht  zu  diskutierenden  Gründen  kompli¬ 
ierte.  Wir  wollen  uns  daher  vorläufig  darauf  beschränken,  hervor- 
uheben.  dass  z.  B.  während  einer  passiven  Rechtsdrehung  im  allge- 
i einen  ein  Sinken  des  linken  und  Steigen  des  rechten  Armes  zu  be¬ 
dachten  ist,  ein  Verhalten,  welches  sich  nach  Beendigung  der  Drehung 
ehr  rasch  umkehrt.  Bei  der  Galvanisation  entspricht  die  Verwendung 
er  Anode  einer  Kaltspülung,  die  Verwendung  der  Kathode  einer  Warm- 
pülung. 

Das  Verhalten  der  „Arm-Tonus-Reaktion“  (ATR.)  speziell  bei  der 
alorisation  führte  uns  zu  folgender  Arbeitshypothese,  die  sich  uns  bis- 
mg  als  sehr  gut  verwendbar  erwies.  Bei  der  Warmspülung  kommt  es 
litt  gleichseitigen  Labyrinth  zu  einer  Förderung  und  für  das  gegen- 
eitige  Labyrinth,  d.  h.  für  dessen  Tonuseffekt  zu  einer  Hemmung1) 
es  normalen  labyrintbogenem  Dauertonus  auf  die  Muskulatur,  der 
.ohl  heute,  speziell  nach  den  neueren  Arbeiten  der  Magnus  sehen 
■chule  ausser  Diskussion  steht.  Das  umgekehrte  Verhalten  tritt  bei 
er  Kaltspülung  ein.  Die  Einwirkung  auf  die  Gegenseite  ist  im  Sinne 
iner  Art  antagonistischer  oder  reziproker  Innervation  aufzufassen, 
edes  Labyrinth  hat  einen  fördernden  Einfluss  auf  die  gleiche,  einen 
emmenden  Einfluss  auf  die  andere  Seite  der  vestibulospinalen  Leitung, 
las  anatomische  Substrat  für  diese  Auffassung  erscheint  speziell  ge- 
eben  durch  das  aus  dem  Vestibularendkernlager,  speziell  dem 
'estibularishauptkern  ungekreuzt  wie  gekreuzt  verlaufende  bifur- 
ierte  Systempaar,  dessen  absteigende  Teiläste  durch  die  dor- 
ajen  Längsbündel  in  die  Fissurenstränge  des  Rückenmarks  und 
u  deren  Vorderhorn-  bzw.  Vorderwurzelzellen  gelangen.  Für 
ie  gleiche  Seite  kommt  noch  der  ungekreuzte  Tractus  vestibulo- 


4)  Nach  einem  im  Prager  Aerzteverein  am  9.  XII.  1921  gehaltenen  gemein- 

imen  Vortrage. 

')  Sehr  stark  sind  diese  Empfindungsdifferenzen  bei  Verwendung  von 
usreichenden  Wassermengen  (200 — 300  ccm)  und  von  der  Körpertemperatur 
tark^ differenten  Temperaturen  (10°,  50"  C). 

'■)  Wir  wollen  mit  diesem  Ausdruck  nicht  der  theoretischen  Erklärung 
ieser  Erscheinung  präjudizieren. 

3)  Selbstredend  bedeutet  diese  Anschauung  nichts  prinzipiell  Neues,  sie 

urde  schon  von  mehreren  Autoren  ausgesprochen,  u.  a.  von  E  w  a  1  d, 
1  a  r  t  e  1  s  usf.,  Joch  hoffen  wir  für  dieselbe  eine  Menge  von  Stützen  geben 
nd  sie  weiter  ausbauen  zu  können. 


spinalis  aus  dem  Deitersschen  Kern  nach  dem  Vorderseitenstrange 
bzw.  zu  den  Vorderwurzelzellen  in  Betracht.  Auch  ist  mit  der  Möglich¬ 
keit  zn  rechnen,  dass  ähnlich  wie  zwischen  den  beiden  Kernen  des 
Atmungszentrums  (Nncleus  lateralis  inferior  der  Formatio  reticularis) 
so  auch  zwischen  den  Vestibularendkernlagern  direkte  kreuzende  Ver¬ 
bindungsfasern  existieren.  Es  besteht  keine  Nötigung,  in  unserem  Falle 
eine  reflektorische  Beeinflussung  des  sog.  Muskeltonus  von  seiten  des 
Labyrinthes  über  das  Kleinhirn  anzunehmen,  ja,  es  ist  dies  sogar  nach 
den  exakten  Magnus  sehen  Studien  sehr  unwahrscheinlich  geworden. 
Wird  der  Dauereinfluss  des  einen  Labyrinthes  z.  B.  durch  Warm¬ 
spülung  oder  die  Kathode  gefördert,  was  ja  zwangsläufig  mit  einer 
Hemmung  des  Tonuseffektes  des  gegenseitigen  Labyrinthes  verbunden 
ist.  so  kommt  es  auf  der  betreffenden  Seite  zu  einer  Steigerung,  auf  der 
Gegenseite  zu  einer  Herabsetzung  des  sog.  Muskeltonus,  wodurch  die 
Stellungsänderungen  der  Arme  bedingt  werden,  und  zu  charak¬ 
teristischen  Differenzen  in  der  Sc'hwereempfindung.  Die  bezeichnete 
Arbeitshypothese  brachte  uns  auch  zu  Anschauungen  über  das  Ver¬ 
halten  des  Vestibularapparates  bei  der  üblichen  rotatorischen  Reizung, 
welche  mit  den  bestehenden  in  vielen  Punkten  nicht  übereinstimmen, 
uns  aber  sehr  plausibel  erscheinen;  doch  müssen  wir  es  uns  versagen, 
an  dieser  Stelle  näher  darauf  einzugehen. 

Da  es  sich  bei  unserer  Reaktion  offenbar  um  eine  vestibulär  be¬ 
dingte  Reaktionsbewegung  handelt,  sie  mithin  nichts  prinzipiell 
Neues  darstellt,  soll  noch  in  Kürze  die  Beziehung  zu  den  bereits  be¬ 
kannten  vestibulären  Reaktionsbewegungen  erörtert  werden.  Eine 
nähere  Betrachtung  ergibt,  dass  allem  Anscheine  nach  eine  gewisse 
Verwandtschaft  mit  der  Fallreaktion,  der  Gangabweichung  und  speziell 
dem  Bäränyschen  Zeigeversuch  in  der  Frontalen  be¬ 
steht.  Nach  unseren  im  Gange  befindlichen  Untersuchungen  sind  diese 
Beziehungen  jedoch  derart  kompliziert,  dass  wir  uns  eine  eingehende 
Darstellung  derselben  für  unsere  ausführliche  Publikation  Vorbehalten 
müssen. 

Bezüglich  der  praktischen  Verwertbarkeit  unserer  Re¬ 
aktion  möchten  wir  ganz  kurz  auf  einige  Punkte  verweisen,  die  uns  von 
Wichtigkeit  erscheinen:  Zunächst  ist  sie  geeignet,  nähere  Schlüsse 
auf  Differenzen  in  der  Dauertätigkeit  (Funktion)  der  beiden  Labyrinthe 
ziehen  zu  lassen,  wie  uns  Untersuchungen  an  taubstummen  Kindern 
und  einigen  pathologischen  Fällen  lehrten,  über  die  noch  zu  berichten 
sein  wird.  Weiters  tritt  die  „ATR.“  in  vielen  Fällen  sehr  rasch  ein, 
oft  schon  nach  1 — 2  Umdrehungen  oder  nach  Verwendung  weniger 
Kubikzentimeter  Spülflüssigkeit  und  gestattet  dann  sehr  rasch  den  Nach¬ 
weis,  dass  ein  erregbares  funktionsfähiges  Labyrinth  vorliegt.  Die  Re¬ 
aktion  ist  sehr  lange  nachweisbar,  kann  also  ohne  neuerliche  Belästigung 
des  Kranken  nach  der  Prüfung  der  üblichen  Vestibularisreaktionen  aus¬ 
geführt  werden.  Ein  weiteres  Moment  ist  die  Feinheit  der  „ATR.“,  die 
wir  auch  in  Fällen  noch  positiv  fanden,  in  denen  weder  spontaner 
Nystagmus  noch  spontanes  Vorbeizeigen  bestanden  und  das  einzige 
Symptom  unbestimmter  Schwindel  war.  Ein  positiver  Ausfall  der 
„ATR.“  lässt  sich  nach  unseren  Erfahrungen  nicht  verheimlichen.  Ver¬ 
suche  nach  dieser  Richtung  zeigten,  dass  die  Untersuchungsperson 
speziell  das  Sinken  des  einen  Armes  wohl  mit  Aufgebot  aller  Kräfte  für 
relativ  kurze  Zeit  verhindern  kann,  dass  dies  aber  für  die  Dauer  nicht 
möglich  ist,  es  sei  denn,  dass  die  Versuchsperson  dauernd  ruckweise 
korrigiert!  Sollte  jemand  versuchen,  die  „ATR.“  zu  simulieren,  so  dürfte 
man  ihn  wohl  im  allgemeinen  dadurch  entlarven  können,  dass  ihm  ent¬ 
gangen  ist,  dass  mit  dem  Sinken  des  einen  Armes  gleichzeitig  ein 
Steigen  des  gegenseitigen  verbunden  ist  und  dass  im  weiteren  Verlaufe 
die  Abweichungen  periodisch  in  das  Gegenteil  Umschlägen. 

Es  braucht  wohl  hier  nicht  näher  betont  zu  werden,  dass  die 
„ATR.“  natürlich  keine  spezifische  Vestibularisreaktion  darstellt;  man 
mag  ganz  ähnliche  Differenzen  auch  bei  den  verschiedensten  Erkran¬ 
kungen  des  Zentralnervensystems  finden.  Der  sog.  Muskeltonus  ist  ja 
nicht  nur  reflektorisch  von  seiten  des  Labyrinthes  beeinflussbar.  So 
dürften  nicht  nur  Otologen,  sondern  auch  Neurologen  und  Internisten 
dieser  Reaktion  einiges  Interesse  abgewinnen  können. 

Wenn  wir  auch  in  dieser  vorläufigen  Mitteilung  mit  Absicht  nicht 
auf  die  einschlägige,  schier  unübersehbare  Literatur  eingegangen  sind, 
so  darf  doch  eine  ausgezeichnete,  anscheinend  bisher  wenig  beachtete 
Arbeit  nicht  übergangen  werden,  die  unseren  Untersuchungen  näher 
steht  als  jede  andere4).  In  dieser  fand  Mann  neben  einer  Anzahl 
anderer  interessanter  Tatsachen,  dass  am  Kaninchen  bei  Galvanisation 
die  Vorderpfote  der  Kathodenseite  sich  hebt,  die  der  Anodenseite  sich 
senkt.  Das  ist  eine  Art  „ATR.“  am  Kaninchen!  Ja  noch  mehr:  Mann 
berichtet,  dass  Versuchspersonen  von  zwei  gleichen  auf  die  ausge¬ 
streckten  Hände  gelegten  Gewichten  bei  Stromdurchgang  durch  die 
Ohren  jenes  Gewicht  als  schwerer  empfinden,  welches  sich  auf  der 
Anodenseite  befindet.  Er  meint,  es  würde  dies  vielleicht  der  Annahme 
entsprechen,  dass  infolge  der  Herabsetzung  des  Muskeltonus  auf  der 
Seite  der  Anode  eine  stärkere  Gegeninnervation  angewendet  werden 
muss,  um  das  Gewicht  zu  balancieren.  Manchmal  treten  wechselnde 
Resultate  auf.  Hier  scheint  Mann  haltgemacht  zu  haben.  Als  wir 
durch  unsere  systematischen  Untersuchungen,  von  Rotation  und  Kalori- 
sation  ausgehend,  längst  zu  unserer  Reaktion  gekommen  waren,  bildeten 
für  uns  Manns  exakte  Beobachtungen,  auf  die  wir  erst  %  Jahr 
nachher  bei  Durchsicht  der  Literatur  stiessen.  eine  angenehme  Be¬ 
stätigung  oder  besser  ein  wertvolles  Vorzeichen  unserer  Ergebnisse. 

9 

4)  L.  Mann:  Ueber  die  galvanische  Vestibularisreaktion.  Neurol.  Zbl. 
1912,  31.  Jhg.,  1356—1366. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  6. 


Wir  sind  uns  dessen  wohl  bewusst.  Unfertiges  geboten  zu  haben, 
und  müssen  nochmals  darauf  hinweisen,  dass  unsere  Kenntnisse  über 
die  „ATR."  noch  dürftige  sind,  wenn  wir  auch  hier  nicht  auf  alle  Einzel¬ 
heiten  eingehen  konnten.  Dass  sie  vorhanden  ist.  darüber 
besteht  kein  Zweifel!  Was  sie  praktisch  zu  leisten  imstande 
ist,  muss  die  Zukunft  entscheiden.  Wir  übergeben  sie  hiemit  der  ärzt¬ 
lichen  Oeffentlic'hkeit  mit  der  Aufforderung  speziell  an  die  Kliniken,  sie 
an  ihrem  grossen  Krankenmaterial  zu  erproben,  was  uns  leider  versagt 
ist.  Man  wird  sich  in  vielen  Fällen  von  ihrer  Brauchbarkeit  über¬ 
zeugen,  dessen  sind  wir  gewiss. 

Vakzinetherapie. 

Von  Prof.  Dr.  R.  Hi  Igermann  und  Dr.  Walther  Kr  antz- 

Saarbrücken. 

Wollen  wir  bei  der  Behandlung  chronischer  Infektionskrankheiten 
mit  der  Vakzinetherapie  eindeutige  Erfolge  erzielen,  so  ist  die  peinlich 
genaue  Beachtung  einer  Reihe  von  Umständen  von  entschiedener  Be¬ 
deutung.  Insbesondere  spielen  die  individuelle  Reaktionsfähigkeit,  die 
Herstellungsweise,  die  Dosierung  und  die  Art  der  Injektion  eine  wich¬ 
tige  Rolle. 

Der  Vakzinetherapie  liegt,  ganz  allgemein  gesagt,  die  Anschauung 
zugrunde,  durch  spezifische  Reizung  die  Bildung  spezifischer  Stoffe, 
welche  die  Bakterien  für  die  Fresstätigkeit  der  Leukozyten  vorbereiten, 
zu  fördern.  Es  ist  kaum  daran  zu  zweifeln,  dass  die  Heilung,  die  Ver¬ 
nichtung  der  emgedrungenen  Bakterien,  abgesehen  von  der  auflösendpn 
Wirkung  der  Körpersäfte,  hauptsächlich  eine  Folge  der  Phagozytose  im 
Sinne  von  Metschnikoff  und 'Bordet  sind. 

Betrachten  wir  z.  B.  den  Eiter  bei  einer  chronischen  Gonorrhöe 
oder  einer  chronischen  Furunkulose,  den  Auswurf  bei  einer  Tuberkulose 
mikroskopisch,  so  sehen  wir  neben  anderen  zelligen  Bestandteilen 
Leukozyten  nur  in  verhältnismässig  geringer  Zahl,  und  vor  allem  nur 
wenige  oder  überhaupt  keine  intrazellulär  gelagerten  Erregerbakterien. 
Im  Verlaufe  und  unter  dem  Einfluss  der  Vakzinetherapie  jedoch  können 
wir  bei  systematischer  Untersuchung  verfolgen,  wie  allmählich  bei  dem 
Steigen  der  spezifischen  Schutzstoffe  die  Bakterien  mehr  und  mehr 
gefressen  werden  und  die  Zahl  der  Phagozyten  ständig  zunimmt.  Im 
Anfang  sieht  man  nur  vereinzelte,  mehr  oder  weniger  mit  Erreger¬ 
bakterien  angefüllte  Leukozyten,  daneben  aber  noch  zahlreiche  teils 
vereinzelt,  teils  in  Haufenform  gelagerte  Bakterien.  Dazu  kommt,  dass 
gewissermassen  als  Ausdruck  der  noch  mangelhaften  Fresstätigkeit  und 
der  noch  starken  Widerstandsfähigkeit  der  Bakterien,  die  Zellform 
vieler  Leukozyten  anscheinend  an  Spannung  verliert.  Die  Leukozyten 
sehen  abgeflacht  aus,  sie  zergehen,  und  die  Bakterien  befreien  sich  dann 
wieder  aus  der  zersprengten  Zelle. 

Im  Verlauf  der  Vakzinetherapie  verschwindet  dann  mehr  und  mehr 
diese  Form  der  Zelle  ebenso  wie  die  freiliegenden  Bakterien,  bis 
schliesslich  die  Phagozyten  bei  deutlich  erhaltener,  ausgeprägter  Kugel¬ 
form  die  Bakterien  verdauen.  Die  Bakterien  treten  dann  nicht  mehr 
scharf  gefärbt  hervor,  sie  erleiden  Formänderungen,  scheinen  ver¬ 
quollen,  die  Kapseln  blassen  ab. 

Diese  Beobachtungen  zeigen  uns  einmal,  dass  die  Ursache  der 
Heilung  in  der  Fresstätigkeit  der  Phagozyten  beruht,  andererseits  lehren 
sic  uns,  in  dem  allmählich  fortschreitenden  Fressvermögen  der  Phago¬ 
zyten  einen  Massstab  für  unsere  therapeutischen  Handlungen  —  die  An¬ 
regung  der  allmählichen  Immunisierung  —  zu  sehen.  Wir  sagen  also 
etwa  folgendermassen:  Das  Bild  eines  Eiterausstriches,  gleich  welcher 
chronischen  Erkrankung,  zeigt  fast  überhaupt  keine  Fresstätigkeit 
der  Phagozyten  und  die  Bakterien  liegen  fast  sämtlich  ausserhalb  der 
Zellen,  nur  vereinzelt  sind  sie.  Innerhalb  zu  beobachten.  Im  Verlaufe 
der  Vakzinetherapie  sehen  wir  dann  zwar  zahlreiche  Zellen  bereits 
voller  Bakterien,  aber  die  Zellen  sind  in  ihrem  Aussehen  so  verändert, 
dass  es  den  Anschein  erweckt,  als  ob  diese  Zellen  von  den  noch  wider¬ 
standsfähigen  Bakterien  zersprengt  werden  und  somit  der  Auflösung 
anheimfallen.  Die  Bakterien  selbst  sind  noch  scharf  gefärbt  deutlich 
in  ihrer  Form  ausgeprägt,  bei  kapseltragenden  ist  die  Kapsel  gut  er¬ 
halten.  (Es  handelt  Sich  hierbei  nicht  etwa  nur  um  den  natürlichen 
Auflösungsvorgang  der  Leukozyten;  hiergegen  spricht  durchaus  das 
Verhalten  der  übrigen  Zellen,  sei  es  beobachtet  im  natürlichen  Präparat 
oder  im  vergleichenden  gefärbten  Ausstrich.)  Wir  schliessen  aus  diesem 
Bilde,  dass  der  Heilungsprozess  sich  erst  im  Anfangsstadium  befindet. 
Mit  dem  Moment  der  ausgeprochenen  Phagozytose  nähert  sich  der 
chronische  Prozess  seiner  Heilung;  Die  Bakterien  sind  aufgezehrt  und 
die  normalen  Verhältnisse  werden  wieder  hergestellt.  Enthalten  wir 
uns  jeder  reizenden  lokalen  Beeinflussung  —  und  es  ist  wichtig,  darauf 
hinzuweisen,  da  jede  Reizung  der  ohnehin  durch  den  Krankheitsprozess 
geschädigten  Gewebe  eine  weitere  Schädigung  darstellt  — ,  so  bringen 
wir  allein  durch  die  systematische  Vakzinetherapie  den  chronischen 
Prozess  zur  Heilung. 

In  der  ständigen  Beobachtung  des  Krankheitsproduktes,  sei  es  des 
Sekretes,  des  Eiters,  des  Auwurfes.  in  der  Verfolgung  des  steigenden 
Fressvermögens  der  Phagozyten  im  Gegensatz  zu  den  freiliegenden, 
allmählich  der  Aufnahme  verfallenden  Bakterien  haben  wir  also  einen 
Indikator  für  den  Stand  der  Immunisierung.  Löwenstein1)  hat 
seinerzeit  bei  der  Tuberkulose  bereits  auf  die  Wichtigkeit  der  Be¬ 
obachtung  der  Fresstätigkeit  der  Leukozyten  hingewiesen  und  sie  als 
Massstab  der  Prognose  angewendet  wissen  wollen.  Es  gilt  dies,  wie 

*)  M.tn.W.  1909.  Nr.  13.  S.  658. 


wir  uns  an  vielen  hundert  vergleichenden  Untersuchungen,  überzeugen 
konnten,  für  alle  chronischen  Krankheitsprozesse,  soweit  sie  durch  be¬ 
kannte  Erregerbakterien  verursacht  werden 

Für  eine  erfolgreiche  Vakzinetherapie  ist  es  unbedingt  notwendig, 
sich  in  jedem  einzelnen  Falle  jederzeit  über  den  Stand  der  Therapie 
und  die  Reaktion  auf  die  einzelne  Vakzineinjektion  unterrichten  zul 
können.  Weniger  als  jede  andere  Behandlungsmethode  duldet  die  Vak¬ 
zinetherapie  eine  Schematisierung,  eine  Festlegung  von  Einzeldosen  . urül 
von  zeitlichen  Zwischenräumen  zwischen  diesen.  Wir  beabsichtigen 
mit  den  Injektionen  einer  Vakzine  eine  Anregung,  eine  Reizung  des 
Organismus  zur  Bildung  spezifischer  Schutzstoffe.  Jedes  Individuum 
wird  aber  auf  diese  Reizung  je  nach  seinem  Allgemeinzustand  und  dem 
Zustand  seiner  Immunitätsverhältnisse  reagieren.  Dosen,  welche  von  dem 
einen  anstandslos  vertragen  werden,  rufen  bei  einem  anderen  bereits 
starke  Lokalerscheinungen,  Fieber,  allgemeines  Unbehagen  hervor. 
Wir  müssen  also  in  jedem  einzelnen  Individuum  den  Massstab  für  die 
Dosierung  unserer  Vakzineinjektionen  suchen.  W  r  ight  hatte  in  Er¬ 
kennung  dieser  durchaus  notwendigen  Individualisierung  dem  thera¬ 
peutischen  Handeln  die  fortlaufende  Bestimmung  des  opsonischen 
Index  zugrunde  gelegt.  Dieser  'Weg  ist  besonders  wegen  seiner 
Schwierigkeit  und  Umständlichkeit  verlassen  worden,  aber  er  ist 
dennoch  nicht  als  überflüssig  zu  bezeichnen.  Andere  Kriterien,  wie  das 
Allgemeinbefinden  und  Herdreaktionen  geben  zwar  gute  Fingerzeige, 
sind  aber  nicht  immer  ausreichend.  Wir.  bedürfen  unbedingt  eines 
feinen  objektiven  Indikators,  der  gleichzeitig  dlie  Wirkung  auf  den  er¬ 
krankten  Organismus  und  die  erregenden  Bakterien  anzeigt.  Wir 
müssen  also  neben  dem  Allgemeinbefinden  und  der  Herdreaktion,  bei 
offenen  chronischen  Krankheitsherden  fortlaufend  das  mikroskopische 
Uebersichtsbild  beobachten  und  somit  Vakzinetherapie  unter 
bakteriologischer  Kontrolle  treiben.  Bei  geschlossenen 
Krankheitsherden  bleiben  wir  allerdings,  abgesehen  von  der  Bestimmung 
des  opsonischen  Index,  auf  die  erwähnten  übrigen  Symptome  als  Merk¬ 
zeichen  angewiesen. 

Die  Fähigkeit  des  Organismus  zur  Bildung  von  Schutzstoffen,  die 
Reaktionsfähigkeit  seines  Zellgewebes  wird  in  erster 
Linie  von  dem  jeweiligen  Grad  des  Immunisierungsstandes  des  er¬ 
krankten  Organismus  abhängen.  Unter  der  fortgesetzten  ^Einwirkung 
der  Krankheitserreger  und  ihrer  Toxine  sind  entweder  die  Schutzstoffc 
des  Organismus  fast  völlig  verbraucht,  oder  es  wird  eine  ständige,  wenn 
auch  unzureichende  Selbstimmunisierung  stattgehabt  haben,  das  Ge¬ 
webe  sich  mithin  im  Zustand  der  Sensibilisierung  befinden.  Im 
ersteren  Fall  wird  er  sich  gewissermassen  im  Zustand  einer  tiefen 
negativen  Phase  befinden.  In  diesem  Stadium  die  Zellen  zu  erneutei 
Tätigkeit,  zur  Bildung  von  Schutzstoffen  anzuregen,  wird  nur  möglich 
sein,  wenn  die  Reizung  in  vorsichtigster  Weise  erfolgt.  Im  zweiter 
Fall  wird  die  Immunisierung  viel  leichter  zu  erreichen  sein,  da  die  in 
Zustand  der  Allergie  befindlichen  Zellen  auf  den  durch  die  Einverleibuns 
der  Bakterienvakzine  gesetzten  Reiz  viel  leichter  mit  energischei 
Bildung  von  Antikörpern  reagieren  werden. 

Diesen  Momenten  gerecht  zu  werden,  den  für  die  Zellen  günstigster 
Reizkoeffizienten  zu  bestimmen,  ist  allein  eine  Frage  der  Dosierung 
Jedes  Schematisieren  ist  in  dieser  Beziehung  verfehlt.  Bereits  die  Her 
Stellung  der  Vakzine  hat  unter  diesen  Gesichtspunkten  zu  erfolgen.  Da; 
übliche  Auszählen  der  Vakzine  kann  uns  nur  ganz  allgemein  gewisse 
Breiten  der  Dichte  anzeigen.  Für  den  einzelnen  Erkrankungsfalil  mus; 
jedesmal  die  günstigste  Dichte  unter  strenger  Berücksichtigung  de. 
Krankheitssymptome.  Dauer  der  Krankheit,  Allgemeinbefinden,  Wider¬ 
standsfähigkeit  des  Organismus  empirisch  resp.  nach  in  vorsichtigste. 
Weise  durchgeführten  tastenden  Vorversuchen  ermittelt  werden 
Gleichwie  die  Dichte  der  Ausgangsvakzine  sorgfältig  abzuwägen  ist 
müssen  auch  die  einzelnen  Verdünnungen  und  Injektionsdosen  vor¬ 
sichtig  berechnet  werden.  Meist  erfolgen  die  Injektionen  gemäss  de; 
Schemas  „allmählich  steigende  Dosen  in  bestimmten  Intervallen“.  Ab¬ 
weichungen  werden  sehr  oft  in  der  Weise  durchgeführt,  dass  bei  ver¬ 
zögerten  oder  ausbleibenden  Erfolgen  stärkere  Dosen,  womöglict 
täglich,  injiziert  werden.  Dass  hierdurch  anstatt  Förderung  der  Schutz¬ 
stoffbildung  der  Organismus  immer  mehr  durch  die  Bindung  der  Anti¬ 
körper  von  Schutzstoffen  entblösst  werden  muss,  wird  völlig  ausser  ach 
gelassen.  Letzteres  muss  ja  um  so  mehr  der  Fall  sein,  als  ja  nebe; 
der  Vakzineeinverleibung  von  dem  Krankheitsherd  aus  ständig  Bak 
terienschübe  erfolgen,  welche  ihrerseits  wieder  Schutzstoffe  ver¬ 
ankern.  Eine  Entblössung  des  Organismus  von  Schutzstoffen  und  dämi 
Ueberhandnehmen  der  Krankheitserreger  muss  die  unausbleiblich* 
Folge  sein.  An  der  mangelhaften  oder  gar  aufgehobenen  Fresstätigkei 
der  Phagozyten  können  wir  diesen  Vorgang  mikroskopisch  studieren 
Setzt  man  in  einem  solchen  Stadium  des  Niederganges  der  Antikörpe 
jede  Vakzineinjektion  aus,  lässt  den  Zellanoarat  sich  beruhigen  und  führ 
erst  nach  längerer  Zeit  eine  erneute  Vakzineinjektion  mit  kleinster 
Dosen  aus,  so  ist  der  Erfolg  ein  geradezu  verblüffender.  Die  Krank 
heitserscheinungen  gehen  plötzlich  zurück,  das  Allgemeinbefinden 
bessert  sich,  ist  ein  direkt  gehobenes.  Bleiben  wir  dann  weiterhin  be 
kleinsten  Dosen,  so  tritt  die  völlige  Heilung  oft  überraschend  schnell  ein’ 

Kleinste  Dosen  muss  daher  das  Prinzip  der  Vak 
zinetherapie  sein.  Ist  der  Organismus  der  Krankheitserrege 
Herr  geworden,  stabilisiert,  dann  dürfen  wir  zu  grösseren  Dosen  behuf 
Summierung  der  Schutzstoffe  unter  Beachtung  langer  Intervalle  über 
gehen. 

Unser  besonderes  Augenmerk  müssen  wir  zweitens  auf  die  Art  um 
Weise  der  Herstellung  der  Vakzine  richten.  Es  soll  hier  nicht  di* 
Brauchbarkeit  verschiedener  KuLturmethoden  erörtert,  sondern  nur  übe 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


195 


Februar  1922. 

— - 

jiere  Erfahrungen  bezüglich  einer  besonderen  Abtötungsmethode  der 
eger  berichtet  Werden.  Die  mit  diesem  Verfahren  erzielten  thera- 
; [tischen  Ergebnisse  selbst  lange  dauernder  chronischer  Krankheits- 
:  zesse  sind  so  überaus  günstige,  dass  wir  glauben,  damit  den  besten 
nunisatorischen  Effekt  erreichen  zu  können. 

Wir  schicken  dabei  voraus,  dass  wir  als  Hauptbedingung  die  Be¬ 
eilung  mit  Autovakzine  fordern.  Nur  der  aus  dem  Krankheits- 
d  gezüchtete  Krankheitserreger  allein  wird  eine  Vakzine  liefern. 
Iche  die  spezifischen  Schutzstoffe  gegen  den  Infektionserreger 
vorzubringen  vermag.  Berücksichtigen  wir  die  »grossen  Differenzen 
einzelnen  Bakterienstämme  selbst  gleicher  Gattung  im  Bau  ihrer 
zeptorenapparate,  was  wir  ständig  in  der  Serologie  beobachten 
;nen,  so  müssen  wir  zugestehen,  dass  fabrikmässig  hergestellte 
nmelvakzitien  keinesfalls  die  Autovakzine  ersetzen  können.  Das 
nzip  der  Vakzinetherapie  ist  doch,  mit  den  aus  dem  Krankheitsherd, 
v.  dem  erkrankten  Organismus  gezüchteten  Krankheitserregern  und 
;n  Zerfallsprodukten  die  Körperzellen  in  spezifischer  Weise  zu  reizen, 
tens  der  Zelle  setzt  als  Folge  hiervon  die  Bildung  spezifischer  Anti- 
per  im  Ueberschuss  ein,  der  immun-biologische  Heilungsvorgang  ist 
:eben.  resp.  in  die  Wege  geleitet.  Verwenden  wir  aber  als  Antigen 
cterien  mit  ganz  andersartigem  Rezeptorenapparat,  so  üben  wir  wohl 
i  die  Zelle  einen  biologischen  Reiz  aus,  erreichen  aber  nicht  die 
düng  spezifischer  Antikörper  gegen  die  eigentlichen  Krankheits¬ 
ieger.  Eine  direkte  Antikörperbildung  setzt  nur  gegen  das  einver- 
>te  Antigen  ein;  das  aber  ist  für  die  Behandlung  des  Krankheits- 
zesses  in  spezifischem  Sinne  belanglos.  Der  Vorgang  spezifischer 
tikörperbildung  wird  durch  unspezifische  Reizung  nur  insofern  ge- 
iert,  als  die  Zelle  durch  das  unspezifische  Antigen  gereizt,  wahr- 
einlich  mit  ihrem  gesamten  Rezeptorenapparat  auf  diese  Reizung 
/as  reagiert.  Wir  müssen  daher  bei  dieser  Form  der  Vakzinetherapie 
i  einer  unspezifischen  Zellreizung  sprechen.  Zur  unspezifischen 
zung  brauchen  wir  aber  nicht  notwendigerweise  Bakterienkörper, 
idern  wir  können  sie  auch  mit  sonstigen  unspezifischen  Substanzen 
vorrufen.  (Nichtspezifische  Resistenzsteigerung  im  Sinne 
eichardts.)  Die  mit  solchen  Substanzen  erzielten  Heilungs¬ 
gänge  beruhen  dann  eben  auf  einer  Reizung  der  Zelle  überhaupt,  der 
irekten  Unterstützung  der  spezifischen  Antikörperbildung.  Der  in 
n  Organismus  bereits  durch  die  Krankheitserreger  und  die  ent- 
echende  Abwehrreaktion  der  Zelle  eingeleitete  Immunisierungs- 
zess  wird  durch  die  wenn  auch  unspezifische  Antigenreizung  an¬ 
egt.  Indem  die  Zelle  durch  das  unspezifische  Antigen,  seien  es  ver- 
ndte  Bakterienarten  oder  Salze,  Zucker  u.  dgl.  gereizt  wird,  wird  s;e 
:h  wohl  gleichzeitig  zu  stärkerer  Produktion  der  eigentlichen  spe- 
schen  Antikörper  angeregt  werden.  Ob  das  stets  die  Folge  ist, 
fte  fraglich  sein.  Ebenso  ist  es  noch  eine  offene  Frage,  ob  un- 
zifische  Reizungen  für  die  Zelle  selbst  immer  belanglos  sind.  Unter 
iständen  können  fortgesetzte  unspezifische  Reizungen  auch  die  Zelle 
ädigen  und  sie  in  ihrer  spezifischen  Antikörperbildung  beeinträch- 
;n.  Damit  wird  anstatt  einer  Hemmung  des  Krankheitsprozesses  sein 
tschreiten  bewirkt. 

Eine  wirkliche  spezifische  Immunisierung  werden  wir  stets  nur  mit 
n  spezifischen  Antigen  erzielen  können.  Der  spezifische  biologische 
z.  der  die  Zelle  bei  richtiger  Dosierung  trifft,  bewirkt  eine  erhöhte 
»duktion  spezifischer  Abwehrstoffe  durch  die  Zelle,  veranlasst  sie 
|;r  andererseits  nicht  zu  unnötiger  und  damit  vielleicht  schädigender 
kigkeit.  Misserfolge  der  Vakzinetherapie  sind,  abgesehen  von  falscher 
’uerung,  auf  das  Konto  unspezifischer  Reiztherapie  zu  buchen. 

Wir  dürfen  daher  auch  nicht,  wie  es  ln  letzter  Zeit  unter  völliger 
•kennung  des  Wesens  der  Vakzinethe;  tpie  häufig  geschieht,  ihren 
;rt  nach  Erfahrungen  mit  unspezifischen  Reizungen  (Sammelvakzine), 
dern  nur  mit  spezifischen  Vakzinen  (Autovakzine)  beurteilen.  Wem 
ht  die  Möglichkeit  gegeben  ist,  mit  Autovakzine  zu  arbeiten  und  wer 
in  zu  Sammelvakzinen  oder  sonstigen  unspezifischen  Substanzen 
ift.  kann  immer  nur  von  einer  gewollten  unspezifischen  Reizung 
echen:  Vakzinetherapie  im  eigentlichen  Sinne  ist  dies  aber  nicht. 
Hierin  liegt  unseres  Erachtens  wahrscheinlich  auch  der  Grund,  dass 
n  mit  der  Immunisierung  der  Tuberkulose  bisher  nicht  den  ge- 
nschten  Erfolg  erzielt  hat.  Solange  wir  uns  —  abgesehen  von  dem 
:htigen  Umstand  der  Zubereitung  der  Vakzine,  worauf  wir  später 
h  eingehen  —  nicht  bemühen,  die  Immunisierung  mit  dem  spe¬ 
ichen  Antigen,  der  jedesmaligen  Tuberkelbazillen-Autovakzine 
chzuführen.  werden  unsere  verschiedenen  Arten  der  Tuberkulose- 
nunisierung  schliesslich  immer  nur  unspezifische  Zellreizungen 
iben.  Spezifische  Abwehrstoffe  gegen  den  den  Krankheitsprozess  he¬ 
genden  Tuberkelbazillenstamm  kann  die  Zelle  eben  nur  bei  Spe¬ 
icher  Antigenreizung  durch  Autovakzine  produzieren. 

Ist  die  Kultur  des  betreffenden  Krankheitserregers  gewonnen,  so 
weiterhin  die  Art  der  Darstellung  des  Antigens  für  die  Gewinnung 
glichst  wirksamer  Antikörper  von  entscheidender  Bedeutung.  Das 
al  einer  aktiven  Immunisierung  ist  natürlich  die  mittels  lebender 
eger,  denn  nur  so  können  wir  den  natürlichen  Prozess  gleichartig 
I  vollkommen  auf  willkürliche  Weise  nachahmen.  Die  grösste 
ensität  der  Schutzstoffbildung  würden  wir  bei  Verwendung  des 
enden  Virus  erreichen;  leider  sind  uns  aber  bei  den  meisten  Erregern, 
nlich  allen  denen,  bei  welchen  eine  Ausbreitung  von  der  Injektions- 
lle  aus  in  den  Organismus  zu  bedenken  ist.  Schranken  gesetzt.  Wir 
ssen  uns  daher  gezwungenermassen  eines  Ersatzes,  nämlich  der 
getöteten  Bakterien  bedienen.  Martin  Ficker2)  schreibt;  „Es  gibt 

2)  Kolle-Wassermann:  Hb.  d.  path.  Mikroorg.  2,  1 ,  S.  33. 


I  keinen  bindenden  Beweis  dafür,  dass  wir  imstande  sind,  durch  Applikation 
toter  Infektionserreger  alle  die  verschiedenen  Arten  von  Antikörpern 
zu  erzeugen,  über  die  der  immune  Organismus  nach  der  natürlichen 
Infektion  schliesslich  verfügt  und  die  die  komplexe  Erscheinung  der 
Immunität  ausmachen ;  noch  immer  lernen  wir  neue  Antikörper  kennen, 
die  gerade  nur  bei  dem  oder  jenem  Immunisierungsmodus  auftreten.“ 
F  ri  e  d  b  e  r  g  e  r 3)  betont  in  seiner  Arbeit  bezüglich  Typhusschutz¬ 
impfung  unter  Hinweis  auf  die  Erfahrungen  der  Tiermedizin,  dass  ein 
wirklicher  Schutz  nur  mit  lebenden  Erregern  gelinge.  Von  Interesse 
sind  in  diesem  Zusammenhänge  auch  die  Versuche  von  Sobernheim 
und  Seligmann  und  von  SchaukewGtch4).  Wenn  wir  die 
Immunisierung  mit  abgetöteten  Erregern  aber  als  einen  „Notbehelf“, 
wie  sich  Ficker  ausdrückt,  betrachten,  müssen  wir  versuchen,  eine 
möglichst  schonende  Abtötungsmethode  zu  finden,  weil  eben,  worauf 
Hilgermann5)  hinweist,  eine  milde  Abtötung  der  Bakterien  ihre 
Fähigkeit,  Antikörper  zu  bilden,  erhöht.  Es  sind  zwar  eine  Reihe  von 
physikalischen  und  chemischen  Abtötungsverfahren  bekannt,  und  sicher¬ 
lich  erhält  man  auch  mit  einzelnen  dieser  Methoden  brauchbare  Vak¬ 
zinen,  aber  auch  hier  gilt  der  Grundsatz,  jedes  Schema  zu  meiden  und 
das  Gebot,  nach  den  für  den  einzelnen  Erreger  passenden  Abtötungs¬ 
verfahren  zu  suchen.  Aus  dem  Gedanken  heraus,  das  Antigen  möglichst 
wenig  bei  der  Abtötung  der  Erreger  zur  Herstellung  der  Vakzine  zu 
schädigen,  versuchten  wir.  zur  Herstellung  der  Vakzine  die  Auflösung 
der  Erreger  zu  benutzen. 

Bringen  wir  die  Bakterienzelle  durch  mildeste  Lösungsmittel  in 
schwächster  Konzentration  vollständig  zur  Lösung,  so  erhalten  wir  alle 
Leibessubstanzen  der  Bakterienzelle,  ohne  aber  die  einzelnen  Bestand¬ 
teile  durch  so  rohe  Eingriffe,  wie  es  z.  B.  die  Abtötung  durch  höhere 
Hitzegrade  darstellt,  geschädigt  zu  haben.  Bedingung  hierfür  ist  aller¬ 
dings,  dass  nur  solche  Lösungsmittel  gewählt  werden,  welche  nicht 
etwa  ihrerseits  wieder  Schädigungen  hervorrufen;  das  ist  eine  Frage, 
deren  Beantwortung  von  Versuchen  und  Erfahrungen  abhängen  wird. 

Bei  dieser  Herstellungsart  der  Bakterienvakzine  ist  natuijgemäss 
der  Vorteil  gegeben,  dass  man  viel  stärkere  Dosen  injizieren  kann,  als 
bei  der  noch  erhaltenen  Bakterienzelle.  So  injizieren  z.  B.  Deycke- 
Much  von  ihren  müderen  Partialantigenen  täglich  und  verhältnis¬ 
mässig  hohe  Dosen.  Auch  bei  der  noch  unten  zu  erwähnenden  Auf¬ 
lösung  der  Gonokokken  kann  man  unvergleichlich  viel  grössere  Dosen 
injizieren.  Für  die  Tuberkelbazillen  hat  zuerst  A  r  o  n  s  o  n  *)  eine  voll¬ 
ständige  Entfettung  der  Tuberkelbazillen  angegeben.  Späterhin  hat 
D  e  y  c  k  e 7)  in  Verbindung  mit  Much8)  mittels  schwacher  Säuren  die 
säurefesten  Bakterien  aufzuschliessen  vermocht  Bezüglich  der  thera¬ 
peutischen  Nutzanwendung  haben  aber  Deycke  und  Much  den  lös¬ 
lichen  Anteil  des  Tuberkelbäzillus,  welchen  sie  als  reines  Tuberkulin 
betrachten,  ausgeschaltet.  Sie  betrachten  diese  Substanz  als  das 
tuberkulöse  Gift,  welches  den  Immunisierungsvorgang  nur  störend 
beeinflussen  würde.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  haben  Deycke 
und  Much  mit  ihrer  Methode  der  Partialimmunisierung  gegenüber 
den  früheren  Methoden  einen  völlig  neuen  Weg  beschritten.  Während 
es  bisher  das  Bestreben  war,  für  die  Immunisierung  möglichst  die  ganze 
Substanz  des  Tuberkelbazillus  nutzbar  zu  machen,  schalten  Deycke 
und  Much  vielmehr  die  für  sie  giftige  Komponente  aus.  und  können 
damit  stärkere,  schneller  folgende  Dosen  injizieren.  Uns  will  es 
scheinen,  als  ob  die  bisher  üblichen  Methoden  auch  deswegen  keine 
befriedigenden  Ergebnisse  erzielen  Hessen,  weil  die  Herstellung  der 
verschiedenen  Präparate  auf  der  rohen  Abtötung  der  Tuberkelbazillen 
mittels  hoher  Hitzegrade  beruhte.  Das  ist  aber  ein  Verfahren,  welches 
unbedingt  wirksame  Substanzen  schädigen  und  ihre  volle  Ausnutzung 
für  die  Immunisierung  aufheben  muss.  —  U  h  1  e  n  h  u  t  h  9),  der  in  seiner 
Arbeit  „Die  experimentellen  Grundlagen  der  spezifischen  Tuberkulose¬ 
therapie“  die  verschiedenen  angegebenen  Verfahren  einer  kritischen 
Betrachtung  unterzieht,  kommt  zu  dem  Schlüsse,  dass  bisher  eine  wirk¬ 
liche  Immunität  durch  Einspritzung  von  Tuberkulinpräparaten  und 
sonst  abgetötetem  Material  bei  tuberkulösen  und  gesunden  Tieren 
gegen  eine  tuberkulöse  Infektion  nicht  gelungen  sei.  Die  Heilwirkung 
des  Tuberkulins  führt  er,  ebenso  wie  andere,  auf  eine  Herdreaktion 
zurück.  Aus  den  bisherigen  Beobachtungen  schl’iesst  er,  dass,  wenn 
überhaupt,  nur  lebende,  echte  Tuberkelbazillen  einen  relativen  Schutz 
gegen  Tuberkulose  verleihen  können.“ 

Wir  bemühten  uns,  Stoffe  wie  z.  B.  Ligroin  und  ähnliche  Ver¬ 
bindungen  in  solcher  Verdünnung  zu  benutzen,  dass  eine  möglichst 
schonende  Auflösung  der  Tuberkelbazillen  herbeigeführt  wird.  Giftige, 
den  Immunisierungsprozess  störende  Substanzen  der  Bakterienzelle 
werden  zu  neutralisieren  sein.  So  konnte  dei^elne  von  uns  (Hilger¬ 
mann)  mit  einer  durch  Ligroin-Benzin  (aa)  aufgelösten  Tuberkel¬ 
bazillenkulturaufschwemmung  noch  in  der  Verdünnung  von  Vtno  M 
schwerste  Giftschädigungen  der  geimpften  Tiere  beobachten,  welcher 
die  Tiere  schliesslich  unter  allgemeinen  Paresen  und  Kachexie  erlagen. 
Wurde  eine  solche  Aufschwemmung  nach  dem  Vorschläge  von  Ehr¬ 
lich  mittels  Schwefelkohlenstoff  entgiftet,  so  blieben  selbst  in  höheren 
Dosen  die  Giftwirkungen  aus.  hingegen  wurde  bei  systematischer 
Immunisierung  ein  Impfschutz  gegen  eine  spätere  Infektion  von 
Tuberkelbazillen  erzielt.  Hier  weisen  sich  Wege,  erfolgreich  die  Im- 


s)  Zschr.  f.  ImmForsch.  1919,  28. 

4)  Ref.  in  Kolle-Wassermann.  Hb.  d.  path.  Mikroorg.  2.  1,  S.  35. 

5)  Zschr.  f.  ärztl.  Fortb.  1918  Nr.  14/15. 

6)  B.kl.W.  1898  S.  484. 

7)  M.m.W.  1910  Nr.  12. 

R)  M.m.W.  1913  Nr.  3  u.  4. 

®)  Med.  Kl.  1921  Nr.  24/25. 


196 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


munisierungsprobleme  gegenüber  der  schwersten  Volksseuche,  der 
Tuberkulose,  in  Angriff  zu  nehmen  und  vielleicht  zu  lösen. 

Die  jedesmalige  komplizierte  Züchtung  des  betreffenden  i  uberkel- 
baziilenstammes  werden  wir  entbehren  können,  sobald  wir  versuchen, 
nach  Lösung  der  Auswurfflocken  bei  37° 10)  die  frei  gewordenen 
Tuberkelbazillen  auszuschleudern  und  für  sich  wieder  zur  Lösung 

bringen.  ,  ,  ... 

Für  die  Gonokokken  besitzen  wir  in  dem  glykocholsauren  Natron 
ein  ausgezeichnetes  Lösungsmittel.  Es  genügt  bereits  0,1  ccm  eurer 
1  proz.  Lösung,  um  eine  Abschwemmung  zweier  gut  gewachsener 
Schräg-Aszitesagarkulturen  (etwa  10  ccm)  in  kürzester  Zeit  bei  37  zui 
Lösung  zu  bringen.  Des  glykocholsauren  Natrons  können  wir  uns 
ferner  bedienen  zur  Auflösung  von  Meningokokken  und  Pneumokokken. 

Bakterien,  für  welche  wir  geeignete  Lösungsmittel  noch  nicht  be¬ 
sitzen,  wie  z.  B.  Koli-,  Typhus-,  Dysenteriebazillen  und  Staphylokokken, 
haben  wir  in  sterilem  destillierten  Wasser  resp.  physiologischer  Koch¬ 
salzlösung  unter  Zusatz  geringster  Mengen  Formalin  (0,5  bis  1  proz.) 
abgetötet  und  ausgelaugt.  Es  gibt  kaum  eine  Bakterienart,  welche  bei 
dieser  Methode  nicht  nach  24,  spätestens  48  Stunden  bei  37  abgetötet 
wäre  wobei  gleichzeitig  eine  Aufquellung  und  Lösung  der  Bakterien¬ 
zelle 'erfolgt.  Es  bleibt  jedoch  die  Aufgabe,  auch  noch  für  diese  Bak¬ 
terien  nach  Lösungsmitteln,  welche  die  den  Anreiz  zur  Antikörper¬ 
bildung  abgebenden  Stoffe  der  Bakterienzelle  nicht  schädigen,  zu 

suchen.  ,  . 

Wir  bedachten  es  als  einen  Grundsatz  bei  der  Vakzinebereitung, 
die  Gesamtheit  der  möglichst  wenig  geschädigten  Substanzen  der  ßak- 
terienleiber  für  die  Injektion1  zu  gewinnen.  Wir  verzichten  deshalb 
völlig  auf  die  Abtötung  durch  Hitze  und  versuchen,  den  Bakterienleib 
zur  Auflösung  bzw.  Auslaugung  zu  bringen.  Wir  hoffen  damit,  bei  der 
Vakzination  und  Schutzimpfung  mit  derartig  hergestellten  Impfstoffen 
einer  Immunisierung  nahezukommen,  wie  sie  sonst  nur  mit  lebenden 
Erregern  gelingt  ......... 

Wie  sind  schliesslich  die  fast  stets  nachweisbaren  Mischmfektions- 
erreger  zu  bewerten?  Nach  unseren  Erfahrungen  sind  sie  bei  der  Ein¬ 
leitung  der  Vakzinetherapie  durchaus  zu  berücksichtigen,  es  liegt  im 
Gegenteil  in  der  Anwendung  von  Mischvakzinen  ein  Vorteil.  Haben 
sich  neben  den  eigentlichen  Krankheitserregern  saprophytische  Bak¬ 
terien  angesiedelt  so  werden  diese,  wenn  auch  an  und  für  sich  harmlos, 
doch  durch  ihre  Zerfallsprodukte  das  Gewebe  schädigen,  es  noch  wider¬ 
standsunfähiger  machen  und  gleichzeitig  die  weitere  Ausbreitung  der 
eigentlichen  Krankheitserreger  begünstigen.  So  begünstigen  Gono¬ 
kokkenansiedelungen  die  Entstehung  einer  tuberkulösen  Zystitis, 
Streptokokken  spielen  bei  der  Komplizierung  tuberkulöser  Heilungs¬ 
tendenzen  eine  grosse  Rolle.  Das  sind  Beobachtungen,  die  bei  der 
Behandlung  dieser  Erkrankungen  viel  zu  wenig  berücksichtigt  werden. 
Wir  beziehen  infolgedessen  auch  diese  saprophytischen  Keime  in  die 
Vakzinebehandlung  mit  ein.  Es  ist  daher  auch  nicht  notwendig, 
absolute  Reinkulturen  eines  einzelnen  Erregers  zur  Herstellung  der 
Vakzine  zu  verwenden.  Zeigen  die  aus  Krankheitsprozessen  angelegten 
Platten-  und  Röhrenkulturen  neben  genügendem1  Wachstum  der 
eigentlichen  Krankheitserreger  saprophytische  Keime,  so  können  diese 
Kulturen  ohne  weitere  Reinzüchtungsversuche  sofort  zur  Vakzinedar- 
stellung  Verwendung  finden. 

Eine  gewisse  Bedeutung  für  den  Erfolg  einer  Vakzinebehandlung 
scheint  uns  auch  die  Art  der  Verabreichung  der  Vakzine  zu  haben.  Es 
würde  zu  weit  führen,  an  dieser  Stelle  die  möglichen  Arten  und1  ihre 
Wirkungen  zu  erörtern,  es  genügt,  beispielsweise  einige  Tatsachen 
darüber  anzuführen.  Wir  wissen  aus  Tierversuchen,  dass  die  Resorp¬ 
tionsgeschwindigkeit  eines  eingeführten  Antigens  am  grössten  bei  intra¬ 
venöser  und  intraperitonealer  Injektion,  am  kleinsten  bei  subkutaner 
und  intramuskulärer  Injektion  ist;  in  direktem.  Zusammenhang  damit 
steht  die  Dauer  der  Reizwirkung.  Andere  Versuche  zeigten,  dass  für 
ein  bestimmtes  Autigen  die  besten  immunisatorischen  Resultate  nur 
mit  einer  ganz  bestimmten  Injektionsart  zu  erreichen  sind.  Weiterhin 
kennen  wir  aus  Tierversuchen  die  Tatsache,  dass  einzelne  Arten  von 
Antikörpern  durch  besondere  Arten  der  Antigeneinverleibung  am  zahl¬ 
reichsten  zu  erhalten  sind.  Wir  müssen  jedenfalls  bei  aktiven  Immuni¬ 
sierungsversuchen  bedenken,  dass  wir  durch  Wechsel  der  Injektionsart 
verschiedene  Wirkungen  bezüglich  der  Antikörperproduktion  erreichen 
können. 

Die  Frage  der  Injektionsart  der  Vakzine  hängt  zusammen  mit  den 
Vorstellungen  über  den  Ort  und  die  Art  und  Weise  der  Antikörper¬ 
bildung.  Nach  der  Ehrlich  sehen  Seitenkettentheorie  dient  bekannt¬ 
lich  in  Anlehnung  an  das  Weigert  sehe  Ueberkompensationsgesetz 
der  für  die  Vernichtung  der  Zelle  bestimmte  Reiz  auch  zur  Bildung  von 
Abwehrstoffen.  Offen  muss  hierbei  allerdings  die  Frage  bleiben,  inwie¬ 
weit  die  durch  Toxin  bereits  geschädigten  Zellen  noch  imstande  sind, 
Schutzstoffe  zu  produzieren.  So  können  wir  bei  schwersten  Erkran¬ 
kungsfällen,  bei  welchen  eine  Ueberflutung  des  Blutes  mit  Bakterien 
bzw.  Toxinen  statthat  und  doch  nun  eigentlich  eine  gewal fwe  Ueber- 
produktion  von  Schutzstoffen  einsetzen  müsste,  solche  überhaupt  mess¬ 
bar  nicht  feststellen,  Beobachtungen,  wie  sie  z.  B.  Kleinsorgen 
für  den  Typhus  abdominalis  kritisch  zusammengestellt  hat.  Viel  näher 
liegt  der  Gedanke,  dass  zur  Neubildung  von  Schutzstoffen  der  Organis¬ 
mus  entweder  spontan  oder  bei  künstlichen  Reizen,  als  z.  B.  Aderlass, 
Vakzineinjektion,  mit  einer  Ueberproduktion  von  Stoffen  aus  frischen 
unberührten  Zellen  reagiert,  die  der  Neutralisierung  von  Toxinen,  der 
Auflösung  der  Bakterien,  der  Phagozytose  der  Bakterien  usw.  dienen. 


10)  Vgl.  Hilgermann-Zitek:  Med.  Kl.  1920  Nr.  37. 


Nr.  f 


Von  besonderem  Interesse  sind  in  diesem  Zusammenhang  die  Arbeite 
von  S.  Bergei  “)  über  die  Lymphozytose,  worin  er  nachweist,  das 
die  Lymphozyten  bei  der  Abwehr  des  Organismus  gegen  lipoidhaltige 
Erreger  eine  wichtige  Rolle  spielen  durch  die  Absonderung  von  lipoic 
spaltendem  Ferment.  —  Die  Betrachtung  der  Immunitätsvorgänge  vor 
Standpunkte  der  Kolloidchemie  aus,  wie  sie  im  Gegensatz  zu  de 
Ehr  lieh  sehen  rein  chemischen  Anschauungen  von  Bordet1-)  gc 
lehrt  und  wie  sie  in  neuerer  Zeit  von  vielen  anderen  zur  Grundlas; 
ihrer  Arbeiten  gemacht  wurde,  ergibt  zwanglosere  Erklärungen  ii 
solche  Erscheinungen.  Von  der  Anschauung  ausgehend,  dass  kollofc 
chemische  Vorgänge  den  Immunitätserscheinungen  zugrunde  lieget 
stellte  Sahli13)  Erörterungen  im  besonderen  über  die  Art  und  Weis 
und  den  Ort  der  Antikörperbildung  an.  Er  setzt  die  Produktion  dt 
Antikörper  in  Vergleich  zur  „Sekretion“;  „die  Antikörperproduktion  ei 
scheint  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Sekretion  oder  Regeneration  vei 
brauchter  Rolloid'bestamdteife  des  Blutes  und  der  Gewebsflüssigkeiten, I 
Ueber  den  Ort  der  Entstehung  der  Antikörper  nimmt  er  an,  dass  d 
sämtlichen  Zellen  des  Körpers  an  der  Sekretion  und  Regeneration  dt 
Blutes  und,  gemäss  seiner  Auffassung  der  Antikörper  als  normaler  Blu 
bestandteile,  auch  an  der  Bildung  der  Antikörper  beteiligt  sind.  Bei  di 
Erörterung  der  sog.  histogenen  Ueberempfindlichkeit  kommt  er  zu  dt 
Schlüssen,  dass  eine  solche  lokale  oder  histogenc  Ueberempfindlichke 
darauf  beruht,  dass  das  betreffende  Gewebe  der  Sitz  einer  lebhafte 
lokalen  Antikörperüberproduktion,  d.  h.  eine  besonders  ergiebige  Am 

körperquelle  ist.  .  .  ,  ,.  q 

In  neuerer  Zeit  haben  die  intrakutane  Injektion  und  die  ü 
Ziehungen  des  Hautorganes  zu  den  im  Innern  des  Organismus  sich  a 
spielenden  Vorgängen  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen.  Wir  wisst 
aus  den  Versuchen  über  die  Intrakutaninjektion  unspezifischer  Stoff 
dass  dem  Hautorgan  als  solchem  eine  besondere  Bedeutung  beim  Abla 
von  Immunitätsvorgängen  zukommt  [E.  F.  Müller14)!.  Um  uns  m 
die  besonderen  Fähigkeiten  des  Hautorganes  nutzbar  zu  machen,  zogt 
wir  die  intrakutane  Injektion  von  spezifischen  Vakzinen  in  den  Bereit 
unserer  Versuche  über  die  Vakzinetherapie.  Bei  der  Durchführung  v< 
Immunisierungsversuchen  an  Syphilitikern  konnten  wir1’)  eine  b 
sondere  Wirkung  der  intrakutanen  Injektion  der  Vakzine  feststelle 
Wir  beobachteten  bei  der  Vakzinebehandlung  auch  anderer  Kran 
heften,  dass  die  Reaktion  auf  die  intrakutane  Injektion  milder  ausfi 
wenn  eine  Reihe  subkutaner  oder  intramuskulärer  Injektionen  bis  zu 
Ausbleiben  örtlicher  und  allgemeiner  Reaktionserscheinungen  vorhe 
gegangen  war.  In  Befolgung  des  Prinzipes,  allzu  starke  Reaktionen 
vermeiden,  schickten  wir  den  systematischen  Intrakutaninjektionen  c 
notwendige  Anzahl  subkutaner  bzw.  intramuskulärer  Injektionen  vorai 
Wir  beobachteten  dann  lebhafteste  Phagozytose  als  Ausdruck  für  d 
Erfolg  der  Vakzinetherapie.  Die  Stärke  der  Reaktion  auf  die  lntij 
kutane  Injektion  gibt  uns  den  Massstab  für  die  Bemessung  der  Do 
und  der  zeitlichen  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen  Intrakutaf 
injektionen.  Wir  fügen  also  zu  den  bisher  gebräuchlichsten  Injektior 
methoden  beim  Menschen,  nämlich  der  subkutanen  und  intramuskuläre 
noch  die  systematische  Intrakutaninjektion  hinzu  und  hoffen  damit  ei. 
sichere  und  intensivere  Wirkung  zu  erreichen. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  zu  Köln. 

1.  Blaseninhaltsstoffe  über  spezifischen  Reaktionen. 
2.  Hautblasenfüllung.*) 

Von  Privatdozent  Dr.  E.  Thomas  und  Dr.  W.  Arnolc 

Die  Versuche  gingen  davon  aus,  dass  bei  einem  Kleinkind  ej 
so  starke  P  i  r  q  u  e  t  sehe  Reaktion  beobachtet  wurde,  dass  es  ? 
Bildung  einer  Blase  kam.  , 

Es  drängte  sich  Von  selbst  die  Frage  auf,  wie  der  Inhalt  solcl 
Blasen  bei  Einspritzung  in  die  Haut  tuberkulöser  Kinder  sich  verhall 
würde.  Es  wurde  zunächst  versucht,  über  der  positiven  Intrakuh 
reaktion  tuberkulöser  Kinder  eine  Blase  zu  erzeugen,  um  sperifisc 
Stoffe  aus  dem  Infiltrat  gewissermassen  zu  extrahieren.  Nach  langen 
Probieren  erwies  sich  als  ein  gangbarer  Weg  der.  über  einer  solcl 
Reaktion  36  Stunden  nach  ihrer  Erzeugung,  mit  Kantharidm-Kollodr 
oder  mit  Mastisol-Kantharidin  1  : 1000  eine  Blase  hervorzurufen,  nä 
24  Stunden  den  Inhalt  zu  aspirieren  und  1  ;  5  mit  physiologischer  Koi 
Salzlösung  zu  verdünnen. 

Nun  wurden  am  Vorderarm  tuberkulöser  Kinder  3  Intrakutanrej 
tionen  angestellt: 

1.  Mit  Tuberkulin  1:100000,  ,J 

2.  mit  einer  Mischung  davon  +  Blaseninhalt  1  :  5  zu  gleichen  len 

3.  mit  Blaseninhalt  1  :  5  allein. 

Trotzdem  das  Gemisch  Blaseninhalt  +  Tuberkulin  nur  halb  so  « 
Tuberkulin  enthielt,  reagierte  es  in  29  von  43  Fällen  stärker  als  | 
Tuberkulin  allein  und  ebenso  wie  der  Blaseninhalt  allein.  Von  l 
übrigen  14  Fällen  waren  in  9  die  Reaktionen  gleich  und  in  5  Mischlin 

“)  B.kl.W.  1910  Nr.  36,  Med.  Kl.  1921  Nr.  31,  M.m.W.  1921  Nr.  i 

1L>)  Traite  de  l’immunite,  Paris  1920. 

13)  Sahli:  Ueber  das  Wesen  und  die  Entstehung  der  Antikor: 
Schweiz,  m.  Wschr.  1920  Nr.  50. 

14)  M.m.W.  1921  Nr.  29:  Arch.  f.  Demi.  u.  Syph.  1921,  31. 

15)  M.m.W.  1921  Nr.  20. 

4)  Vortrag,  gehalten  am  27.  November  1921  vor  der  Rhein.-Wcstj) 
Gesellschaft  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


197 


,  wacher  reagierend  als  1.  Es  .war  eigenartig,  dass  die  zweifelhaften 
I  negativen  Fälle  von  dem  Blaseninhalt  des  gleichen  Spenders 
.  nmten.  Der  immunbiologische  Zustand  desjenigen,  welcher  den 
i  seninhalt  spendet,  scheint  von  grosser  Bedeutung  zu  sein.  Wir 
len  aber  doch  im  ganzen  zu  der  Anschauung,  dass  in  dem  Blasen- 
ilt  über  einer  Tuberkulinreaktion  Stoffe  vorhanden  sein  können, 
che  reaktionsbefördernd  wirken. 

Wir  machten  uns  den  Einwurf,  dass  jede  über  beliebigen  entzünd¬ 
en  Stellen  befindliche  Blase  solche  reaktionsfördernde  Stoffe  ent- 
:e.  Infolgedessen  wurde  eine  Versuchsreihe  angestellt  mit  dem 
alt  von  Blasen,  welche  über  einer  unspezifischen,  mit  Krotonöl  er- 
gten  Entzündung  durch  Kantharidin  entstanden  waren.  Bei  keinem 
i  17  Fällen  hat  sich  indessen  eine  reaktionsbefördernde  Wirkung 
;hen  unspezifischen  Blaseninhalts  nachweisen  lassen. 

Man  konnte  ferner  einen  Augenblick  (daran  denken,  das  von  dem 
Erzeugung  der  Reaktion  verwendeten  Tuberkulin  etwas  in  die 
se  hinein  diffundiert  sei  und  dadurch  die  Reaktion  befördert  habe, 
ä  ist  aber  nicht  der  Fall,  denn  einmal  ist  nach  36  Stunden  nur 
tiig  unverändertes  Tuberkulin  mehr  vorhanden.  Selbst  wenn  wir 
?  Diffusion  geringer  Mengen  annehmen  würden,  so  könnten  diese 
ht  genügen,  das  nur  in  halb  so  grosser  Menge  vorhandene  Tuber¬ 
in  bis  zu  einer  mehr  als  doppelten  Wirkung  zu  ergänzen.  Schliess- 
i.  haben  wir  bei  einem  späteren  Fall,  wo  die  P  fr  quetsche  Reak- 
t  bis  zur  Blasenbildung  ging,  den  Blaseninhalt  1  : 5  verdünnt  und 
r  ebenfalls  bei  3  Fällen  eine  reaktionsbefördernde  Wirkung  beobach¬ 
können.  Das  zeigt  auch,  dass  nicht  etwa  Umsetzungsprodukte  von 
uitharidin-  und  Tuberkulinresten  die  Ursache  der  Reaktionsverstär- 
,ig  sein  können.  Vermengt  man  Kantharidin  mit  Tuberkulin,  so  wird 
j  Wirkung  des  letzteren  bei  der  intrakutanen  Einspritzung  herab- 
;;etzt.  Uebrigens  hat  Fellner  Pi  r  q  u  e  t  papeln  mechanisch  zer- 
inert  und'  in  der  allerdings  durch  Blut  und  Zellen  stark  verunreinigten 
ssigkeit  reaktionsbefördernde  Stoffe  nachgewiesen,  die  er  Prokutine 
nnt.  ' 

Wir  gingen  nun  dazu  über,  erwähnten  Versuch  mit  aktivem  Blasen¬ 
alt  auf  dem  rechten,  mit  inaktiviertem  auf  dem  linken  Vorder-  I 
n  durchzuführen.  Die  Inaktivierung  fand  dadurch  statt,  dass  Blasen¬ 
alt  über  einer  Intrakutanreaktion  im  Wasserbad  14  Stunde  bei  60° 
värmt  wurde.  In  allen  18  Fällen  zeigte  sich  nicht  nur,  dass  die 
aktionen  am  linken  Arm  bedeutend  schwächer  waren,  sondern  auch, 

>s  jede  reaktionsverstärkende  Wirkung  links  fehlte.  Wir  haben  es 
o  mit  einem  thermolabilen  Körper  zu  tun.  Reaktivierungsversuche 
>en  wir  begonnen. 

Bei  6  Fällen  von  kongenitaler  Lues  schien  es,  dass  Blaseninhalt 
:r  unspezifischer  entzündlicher  Grundlage,  wenn  er  von  luetischen 
uglingen  stammt,  stärkere  Reaktion  auslöst,  als  von  nichtluetischen. 
1er  von  diesen  6  Fällen  zeigte  das  sehr  stark,  3  weniger  stark,  aber 
ch  deutlich,  bei  zweien  waren  die  Reaktionen  gleich.  Leider  besitzen 
r  kein  Luetin,  um  die  analogen  Versuche  wie  mit  dem  Tuberkulin 
rchzuführen. 

Ziemlich  eingehend  wurde-  auch  der  Zellgehalt  der  über  unver- 
Gerter  Haut  entstandenen  Kantharidinblase  untersucht  mit  Zählkam- 
ur  und  Ausstrich.  Es  zeigte  sich,  dass  nur  geringe  Zeichen  eines 
iut  entzündlichen  Exsudates  vorhanden  sind.  Das  stimmt  mit  dem 
-lischen  Verhalten  überein.  Und  so  eignet  sich  der  Inhalt  der  Kan- 
ridinblase  für  einen  grossen  Teil  von  Fragestellungen  biologischer 
tur.  —  Die  günstigste  Stelle  ist  die  Bauchhaut.  Im  Herbst  und 
nter  kamen  wir  meist  nur  durch  Verdoppelung  der  Kantharidinmenge 
u  Ziel! 

Wir  haben  es  mit  einer  nur  wenig  veränderten  Gewebsflüssigkeit  zu 
i,  wie  wir  sie  auf  andere  Weise  auf  dem  Körper  sonst  nicht  erhalten, 
e  Eigenschaften  bei  den  verschiedenen  Infektionskrankheiten  müssen 
(genstand  eines  eingehenden  Studiums  sein,  ihr  Gehalt  an  Immun- 
j ff en  etc.,  aber  auch  bei  Stoffwechselkrankheiten  etc.  würde  die 
ige  ihrer  Beteiligung  wesentlich  sein. 


^Stratum  comeum 
—  Rete  Malptghii 
'  Papillarschicht 


Es  müsste  klargestellt  werden,  inwieweit  der  Blaseninhalt  ein  Bild 
r  physikalischen,  chemischen  und  biologischen  Veränderungen  im 
ganismus  geben  kann.  • —  Durch  folgendes  Verfahren  ist  es  übrigens 
cht  möglich,  die  Bl  as  e  mit  einer  beliebigen  Flüssigkeit  anzufüllen, 
an  sticht  von  einer  Stelle  aus,  die  34  cm  vom  Rand  der  Blase  ent- 
rnt  ist,  unter  der  Epidermis  die  Nadel  vorschiebend,  die  Blase  von 
ten  seitlich  an  und  entleert  sie.  Dann  setzt  man  an  die  stecken- 
üiebene  Nadel  eine  andere  Spritze  an  und  füllt  die  zusammengefallene 
ase  aufs  neue.  Um  den  Eingriff  schmerzlos  zu  gestalten  und  eine 
ent'alsige  Nachblutung  in  das  Innere  der  Blase  zu  verhüten,  kann 
an  vor  dem  Blasenumfang  direkt  hintereinander  mit  Novokain-Supra- 
nin  2  Quaddeln  erzeugen,  durch  die  man  die  Nadel  vorwärtsführen 
nn.  Man  kann  also  die  Blase  als  lebende  Kammer  benutzen 
id  dann  die  Veränderungen  des  eingeführten  Mittels  durch  spätere 
itnahme  studieren.  Ebenso  liegen  therapeutische  Versuche  nahe. 

- - 

Nr.  6. 


Aus  dem  Stadtkrankenhaus  Schaulen  (Litauen). 

Untersuchungen  über  Blutplättchen  Gesunder  und  Kranker. 

Von  Dr.  med.  Heinrich  Zeller,  leitendem  Arzt  des  Stadt¬ 
krankenhauses. 

Blutplättchen,  die  gut  konserviert  sind  (Zitratblut  oder  paraffinierte 
Gefässe),  pendeln  als  runde  Scheibchen,  die  meist  nur  ihre  Kante 
zeigen,  im  Gesichtsfeld  des  Mikroskops,  sie  sind  alle  einzeln,  erst  nach 
einigen  Stunden  liegen  sie  als  runde,  kaum  bewegliche,  meist  granu¬ 
lierte  Scheibchen  am  Boden  bei  mässig  starker  Agglutination.  Im 
gefärbten  Präparat  sind  die  frisch  entnommenen  Plättchen  gleichmässig 
gefärbt,  während  die  länger  stehenden  die  bekannten  Granulierungen 
zeigen.  Frisches  Blut  von  Kranken  kann  die  verschiedensten  Ueber- 
gänge  zeigen:  Chronisch  fieberhaft  Erkrankte  haben  meist  granulierte 
Plättchen,  die  leicht  zur  Agglutination  neigen,  akute  Infektionskrankc 
haben  wenige,  meist  gut  gefüllte  Plättchen,  chronische  Konstitutions¬ 
kranke  leere,  kaum  färbbare  Plättchen.  Bei  den  Kranken  sind  die 
Plättchen  meist  hinfälliger,  sie  pendeln  weniger  lang  und  agglutinieren 
leichter.  Unter  bestimmten  Umständen  finden  sich  im  Blut  Zerfalls¬ 
produkte,  insbesondere  nach  Schüttelfrösten,  die  -grösstenteils  von  zer¬ 
fallenen  Plättchen  herrühren. 

Wird  gesundes  Blut  (1  ccm  Zitratblut  +  ein  Tropfen  Flüssig¬ 
keit)  mit  Milch,  Kollargollösung  (2  proz.),  Olivenöl,  Oleum  sulfur. 
(0,2  proz.),  Oleum  terebinth.  (5  proz.),  Diphtherie-,  Tetanus-,  Dysenterie¬ 
serum,  mit  Urin  vom  Gesunden  oder  Kranken  versetzt,  so  verändern 
sich  die  Plättchen  kaum,  nur  Kollargol  bewirkt  eine  leichte  Granu¬ 
lierung,  ebenfalls  Oleum  sulfur.  und  Oleum  terebentbin. 

Wird  dasselbe  mit  Blut  von  Kranken  gemacht,  so  finden  sich 
Unterschiede:  Blut  von  septisch  Kranken  ergibt  eine  mittlere  bis  starke 
Agglutination  mit  teilweise  körnigem  Zerfall  der  Plättchen  bei  Zusatz 
von  Milch,  Schwefel,  Kollargoh  Terpentin.  Der  Urin  Gesunder  bewirkt 
ebenfalls  Agglutination,  während  der  Urin  Fieberkranker  ohne  Wirkung 
auf  die  Plättchen  ist,  ebenfalls  die  angeführten  Sera. 

Blut  von  Schwangeren  und  Wöchnerinnen  zeigt  dasselbe  Verhalten 
wie  von  Gesunden,  nur  dass  die  Plättchen  der  Wöchnerinnen  auf  Zu¬ 
satz  von  Milch  agglutinieren  und  Granulationen  aufweisen. 

Bei  den  akuten  Infektionskrankheiten  agglutinieren  'die  Plättchen 
auf  Zusatz  von  Milch.  Sulfur,  Kollargol,  Terpentin,  Sera  und  Urin  von 
Gesunden  nicht,  ebenfalls  nicht  bei  Zusatz  von  gewöhnlichen  Fieber- 
urinen,  dagegen  tritt  starke  Agglutination  ein,  wenn  Fleckfieber-  oder 
Pockenurin  zugesetzt  wurde.  Wurde  zu  Fleckfieberblut  Pockenurin  zu¬ 
gesetzt  oder  umgekehrt,  so  traten  feinste  Pünktchen  auf,  die  von  einem 
vollkommenen  Zerfall  der  Plättchen  herrührten. 

Bei  den  übrigen  chronischen  Erkrankungen  war  nichts  Abweichen¬ 
des  festzustellen;  nur  die  Plättchen  der  sekundären  und  tertiären  Lues 
verhielten  sich  teilweise  wie  die  Plättchen  der  akuten  Infektionskrank¬ 
heiten.  Bei  Zusatz  von  Fleckfieber-  oder  Pockenurih  trat  körnige 
Agglutination  auf  und  feinster  pünktchenartiger  Zerfall.  Bei  Schwefel 
trat  ebenfalls  eine  starke  Agglutination  auf. 

Bei  Karzinomkranken  mit  sekundärer  Anämie  agglutinierten  die 
Plättchen  bei  Zusatz  von  normalen  und  pathologischen  Urinen,  eben¬ 
so  bei  Milchzusatz. 

Eine  Merkwürdigkeit  stellte  sich  heraus,  als  bei  septisch  Er¬ 
krankten  nach  vorhergehender  Blutuntersuchung  Kollargol  oder  Milch 
gespritzt  wurde,  dass  bei  einer  neuen  Untersuchung  die  Plättchen  nun 
viel  stärker  aggiutinierten  und  granuliert  waren  als  vorher.  Dasselbe 
liess  sich  auch  nach  Injektion  von  Schwefel  bei  chronischem  Gelenk¬ 
rheumatismus  beobachten.  Es  wurde  nun  versucht,  ob  beim  Lebenden 
sich  ähnliche  Verhältnisse  vorfinden.  Seit  langem  ist  bekannt,  dass  die 
Plättchen  vollkommen  aus  dem  Blut  verschwinden  können  nach  Injek¬ 
tion  der  verschiedensten  Substanzen;  das  Verschwinden  der  Plättchen 
ist  aber  immer  von  schockähnlidhen  Zuständen  begleitet.  Nach  kurzer 
Zeit  finden  sich  die  Plättchen  wieder;  Untersuchungen  haben  ergeben, 
dass  die  Plättchen  sich  teilweise  agglutinieren  und  in  den  Kapillaren 
hängen  bleiben. 

Eine  Untersuchung  der  Plättdien  vor  und  nach  der  Injektion  von 
Gonargin,  Kollargol  ergab  kurze  Zeit  nach  der  Injektion  eine  Ver¬ 
minderung  der  Plättchen;  trat  Schüttelfrost  auf,  so  war  ihre  Zahl  schein¬ 
bar  vermehrt;  eine  genaue  Untersuchung  zeigte  aber,  dass  viele  Plätt¬ 
chen  zerfallen  waren,  die  verschieden  grossen  Bruchstücke  wurden 
aber  mitgezählt.  Trat  nach  Injektion  von  Kollargol  oder  Gonargin 
kein  Schüttelfrost  auf.  so  fand  ich  keine  Zerfallsprodukte  oder  ab  und 
zu  nur  einige  Bruchstücke.  Dieselbe  Wirkung  hat  die  intramuskuläre 
Injektion  von  Milch;  besonders  bei  Erysipel  tritt,  falls  Schüttelfrost 
folgt,  ziemlich  starker  Plättchenzerfall  auf.  Ist  diese  Wirkung  ein¬ 
getreten,  dann  sinkt  kurze  Zeit  darnach  die  Temperatur  zur  Norm.  Bei 
allen  Fällen  ohne  Plättchenzerfall  hatte  die  Milchinjektion  keine  Wir¬ 
kung  auf  den  Fieberverlauf. 

Bei  Malaria  trat  vor  dem  Schüttelfrost  eine  Verminderung  der 
Plättchen  auf.  um  gleich  nach  dem  Schüttelfrost  eine  Vermehrung  zu 
zeigen  (Plättchenzerfall).  Bei  Febris  recurrens  ist  die  Zahl  der  Plätt¬ 
chen  an  und  für  sich  niedrig,  sie  geht  aber  kurz  vor  der  Krisis  bis 
30 — 40  000  herab,  wobei,  zahlreiche  Zerfallsprodukte  auftreten.  Bei  der 
Pneumonia  crupposa  finden  sich  ähnliche  Verhältnisse. 

Gerade  das  Rückfallfieber  war  geeignet,  die  Verhältnisse  der  Plätt¬ 
chen  in  den  verschiedenen  Stadien  zu  studieren.  Beim  ersten  Anfall 
sind  während  der  Fieberperiode  durchschnittlich  80  000  Plättchen  vor¬ 
handen.  die  kurz  vor  dei  Krisis  auf  40  000  heruntergingen,  um  in  der 
•  ö 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  6 


198 


fieberfreien  Periode  auf  400 — 500  000  heraufzugehen.  Beim  zweiten 
Fieberanfall  bleiben  sie  durchschnittlich  auf  160 — 200  000.  Beim  dritten 
Anfall  i.st  ihre  Zahl  noch  höher,  dagegen  bleibt  ihre  Zahl  in  den  Fällen 
von  chronischem  Rückfallfieber  (Spir illose)  immer  vermindert.  Wird 
0,45  g  Neosalvarsan  eingespritzt,  so  ist  die  Dauer  der  Krisis  verschieden 
lang  (12—36  Stunden).  Ich  konnte  mir  lange  keine  genügende  Er¬ 
klärung  geben  für  diesen  Vorgang.  Wird  das  Blut  fortlaufend,  nach  der 
Salvarsaninjektion  untersucht,  so  finden  sich  lebende  Spirillen  bis 
Plättchenzerfall  eintritt ;  das  ist  meist  8—10  Stunden  vor  dem  Sinken 
der  Temperatur  zur  Norm.  Das  Neosalvarsan  wirkt  daher  nicht  ätio¬ 
trop  auf  die  Spirillen  im  Blut.  Je  schneller  die  Entfieberung  eintritt, 
um  so  mehr  Plättchen  sind  vorhanden,  und  um  so  eher  tritt  Plättchen¬ 
zerfall  ein.  Tritt  der  Plättchenz  rfall  ein,  dann  finden  sich  im  Blut  nur 
noch  tote  Spirillen.  Bis  zum  Plättchenzerfall  bleibt  ihre  Zahl  auf  der¬ 
selben  Höhe. 

Auch  bei  Ohnmachtsanfällen  scheint  der  Plättchenzeffall  mitbeteiligt 
zu  sein.  Ohnmächten,  die  nach  Inzisionen  auftreten,  sind  meist  von 
einer  Plättchenagglutination  und  -zerfall  begleitet.  Am  besten  konnte 
ich  den  Vorgang  beim  Primäraffekt  verfolgen.  Wird  derselbe  fest  ge¬ 
drückt,  so  fällt  der  Mann  meist  nach  Vs—l  Minute  ohnmächtig  um. 
Wird  vorher  Blut  .abgenommen,  im  Intervall  und  nachher,  so  sind  die 
Plättchen  im  Intervall  (bei  gutem  Puls)  fast  verschwunden,  um  nach 
der  Erholung  wieder  zu  erscheinen,  wobei  Bruchstücke  nachweisbar 
sind;  Temperatursteigerung  tritt  dabei  nicht  auf.  Wahrscheinlich  wird 
bei  dem  Vorgang  infizierte  Lymphe  ins  Blut  gepresst. 

Ob  die  Plättchen  eine  direkte  Einwirkung  auf  die  sogenannte  Proto¬ 
plasmaaktivierung  haben,  lässt  sich  aus  den  angeführten  Unter¬ 
suchungen  nicht  ableiten,  dass  sie  aber  dabei  beteiligt  sind,  steht  ausser 
Zweifel. 

Ergebnis. 

1.  In  vitro  zeigen  die  Plättchen  von  Gesunden  oder  Kranken  Unter¬ 
schiede  in  der  Agglutination  und  im  Zerfall  bei  Zusatz  von  Urinen  oder 
protoplasmaaktivierenden  Substanzen. 

2.  In  vivo  tritt  Zerfall  von  Plättchen  kurz  vor  der  Krisis  auf.  Kol- 
largol,  Gonargin,  Milch  wirken  wahrscheinlich  durch  Plättchenzerfall. 

3.  Ebenso  wirkt  Neosalvarsan  bei  Rückfallfieber;  die  Dauer  der 
Krisis  hängt  bei  dieser  Krankheit  von  der  Zahl  der  Plättchen  ab. 

Literatur. 

Aynaud:  Le  globulin  des  mammiföres.  —  Dresel  und  Freund: 
M.m.W.  1921  S.  961. 


Aus  der  II.  Gynäkologischen  Universitätsklinik  in  München. 
(Vorstand:  Univ.-Prof.  Dr.  Franz  Weber.) 

Zur  Frage  der  aktiven  Abortbehandlung*). 

Von  Dr.  Hans  Saenger,  Oberarzt  der  Klinik. 

Ist  es  nicht  erstaunlich,  dass  sich  unsere  Fachgenossen  über  die 
Behandlungsweise  des  Abortes  und  namentlich  des  fieberhaften  Abortes, 
dieser  häufigsten  modernen  geburtshilflich-gynäkologischen  Erkrankung, 
noch  immer  uneinig  sind?  Seitdem  Winter  vor  10  Jahren. die  kon¬ 
servative  Behandlung  des  septischen  Abortes  und  eine  bakteriologische 
Indikationsstellung,  nämlich  die  Untersuchung  auf  das  Vorhandensein 
von  hämolytischen  Streptokokken,  vor  jedem  aktiven  Vorgehen  ver¬ 
langte,  ist  der  Streit  entbrannt.  W  a  1 1  h  a  r  d  und  seine  Schule  traten 
mit  ähnlichen  Forderungen,  die  sich  auf  alle  Streptokokken  erstreckten, 
hervor.  Der  Krieg  lenkte  die  Aufmerksamkeit  um  ein  Weniges  von 
dieser  Frage  ab.  Das  letzte  Jahr  brachte  aber  wieder  eine  Hochflut 
von  Arbeiten  für  und  wider  die  aktive  Behandlung  des  febrilen 
Abortes.  Im  Zentralblatt  vorigen  Jahres  finden  wir  allein  10  Original¬ 
mitteilungen  aufgenommen,  lange  Diskussionen  zeitigten  die  Vorträge 
über  dieses  Thema  in  zahlreichen  Sitzungen  gynäkologischer  Gesell¬ 
schaften.  Das  Vertrauen  auf  die  Zuverlässigkeit  der  bakteriologischen 
Kontrollen  hat  unbedingt  nachgelassen.  Der  Beweis,  dass  das  Wachs¬ 
tum  der  Bakterienkulturen  über  das  Verhalten  der  gleichen  Keime,  im 
Organismus  nichts  aussage,  ist  erbracht.  Das  sind  rein  bio¬ 
log  i  sc  h  e  F  r  a  g  e  n.  Neu,  übrigens  ein  Anhänger  der  konservativen 
Schule,  gibt  an,  dass  man  in  44  Proz.  hämolytische  Streptokokken  im 
Zervikalsekret  bei  Abortierenden  finde.  Unserer  Ansicht  nach  ist  das 
eine  Empfehlung  für  die  aktive  Therapie.  Eine  so  hohe  Morbidität 
kann  auch  ein  fanatischer  Anhänger  der  konservativen  Behandlung 
nicht  befürchten.  Und  so  verlangen  die  Konservativsten  heute  meist 
nur  ein  Abwarten  bis  einige  Tage  über  die  Entfieberung  hinaus. 

Warnekros  war  es,  der  schon  in  den  ersten  Kriegsjahren  auf 
Grund  eingehender  bakteriologischer  Studien  zur  Forderung  möglichst 
raschen,  gründlichen  aktiven  Vorgehens  kam.  Er  wies  energisch  auf 
die  Gefahren  des  infizierten  fötalen  Abortgewebes  hin,  da  durch  den 
utero-plazentaren  Kreislauf  die  lokale  Disposition  zur  mecha- 
nischen  Bakteriämie  gegeben  ist.  Dabei  brauchen  die  Bak¬ 
terien  keine  spontane,  primär  virulente  Invasionskraft  zu  besitzen, 
können  diese  aber  durch  Verschleppung  und  fortgesetzte  Schwächung 
der  bakteriziden  Kräfte  im  Organismus  erwerben.  Warnekros  ver¬ 
gleicht  ganz  richtig  den  fieberhaften  Abort  mit  der  fieberhaften  Geburt. 
Und  nicht  wie  so  viele,  z.  B.  Latzko,  die  den  fieberhaften  Abort 
ohne  weiteres  mit  dem  Wochenbettfieber  vergleichen.  Ebensowenig  ist 


es  zulässig,  die  chirurgische  Behandlung  infizierter  Wunden  mit  der 
selben  beim  Abort  in  Parallele  zu  stellen,  bei  welch  letzterem  dock 
das  besagt  das  Wort  Abortus,  nunmehr  körperfremde,  ausser  Funktioi 
gesetzte  Gewebe  in  mehr  weniger  reichlichem  Masse  vorhanden  situ 
Und  noch  dazu  in  einem  Organ  von  höchster  Gewebsimmumtät.  da’ 
die  Plazentarstelle  trägt.  Nur  in  den  Fällen  fortgesetzter  puerperale 
Fiebersteigerung  ist,  wie  Warnekros  nachwies,  eine  wiederholt’ 
bakteriologische  Kontrolle  des  Blutes  unerlässlich  zur  Prognose  tui 
Therapiestellung,  nicht  aber  vor  Beendigung  der  Geburt  bezüglich,  de 
Abortes  auszuführen  oder  gar  abzuwarten.  Da  gilt  es  nur  möglichs 
rasch  und  schonend  die  Gebärmutter  zu  entleeren.  Und  ich  bin  über 
zeugt,  dass  die  meisten  Anhänger  der  konservativen  Abortbehandlun.1 
Fieber  bei  der  Geburt  als  Indikation  zur  raschen  Entbindung  gelte 
lassen.  Warum  aber  soll  man  nicht  auch  einen  Abort  so  schnell,  al 
cs  einigermassen  schonend  durchführbar  ist,  beseitigen? 

Eine  Tympania  uteri  z.  B.  verlangt  eine  sofortige  Beschleunigtm; 
der  Geburt.  Warum  nicht  auch  beim  Abort?  Vor  wenigen  Woche; 
erst  erlebten  wir  einen  zweifelhaften  Segen  konservativer  Zurück 
haltung.  Eine  27  jährige  Jll.-para  kam  mit  einer  Schwangerschaft  ar 
Ende  des  4.  Monats  zu  uns.  Sie  hatte  Wehen,  der  Zervikalkanal  wa 
kurz  und  für  einen  Finger  gut  durchgängig.  Die  Blase  war  ge 
Sprüngen,  Fieber  bestand  nicht.  Tags  darauf  war  der  Gebärmutterlial 
bei  guter  Wehentätigkeit  für  2  Finger  durchgängig,  Temp.  37,8.  Di 
spontane  Ausstossung  der  Frucht  wurde  baldigst  erwartet.  Zu  meine 
Ueberraschung  meldete  mir  der  Assistent  am  dritten  Morgen,  das 
die  Frau  noch  immer  unentbunden  sei,  dass  sie  leicht  fiebere  und  das 
ein  Aermcheri  im  Zervikalkanal  fühlbar  sei.  Wir  gingen  nun  sofort  an  di 
Ausräumung  des  Abortes.  Der  Uterus  stand  auffallend  viel  höher  als  tag 
zuvor.  Beim  Eingehen  mit  2  Fingern  in  den  Uterus  und  bei  der  Extraktio 
der  Frucht  entwichen  unter  lautem  Knallen  massenhaft  Gasblase 
aus  der  Gebärmutter.  Und  bei  der  Entfernung  der  Nachgeburt  setzt 
eine  schwere  Atonie  des  Uterus  ein.  Es  musste  rasch  gehandelt  un 
tamponiert  w-erden.  Der  Blutverlust  betrug  etwas  über  einen  Lite: 
Natürlich  setzte  sich  weiterhin  der  Prozess  in  ein  Puerperalfieber  for 
und  zwar  kam  es  zu  puerperaler  Endometritis  und  parametraner  Fa 
sudatbildung.  Die  Pat.  ist  heute  noch  sch  werk  rank.  Um  einen.  Ta 
haben  wir  unbedingt  zu  lange  gewertet.  Bei  für  2  Finger  durchgängiger 
Muttermund  hätten  wir  den  Abort  schon  einen  Tag  früher  leicht  au; 
räumen  können,  ehe  die  gasbildenden  Keime  zu  voller  Entfaltung  gc 
kommen  wären.  Die  wahrscheinlich  kriminell  gesprengte  Blase  sollt 
die  Indikation  abgegeben  haben.  Sonst  gehen  wir  auch  prinzipiell  akti 
vor  und  räumen  jeden  manifesten  Abort,  sei  er  fieberhaft  oder  nich 
möglichst  rasch  instrumenteil  vollständig  aus,  selbst  wenn  Konipl 
kationen,  wie  Parametritis,  Adnexentzündung  und  Sepsis  bestehei 
Denn  bei  jedem  fieberhaften  Abort  handelt  es  sic 
bereits  um  eine  transuterine  Infektion.  Als  einzig 
Gegenindikation  lassen  wir  Verletzungen  des  Uterus  und  Peritonit 
gelten,  wobei  andere  chirurgische  Eingriffe,  nämlich  die  Laparotom 
oder  die  oft  lebensrettend  wirkende  Kolpotomia  posterior,  in  Betracl 
kommen.  Wir  glauben  nicht,  das  es  einer  Pat.  schadet,  die  nac 
wochenlanger  Verschleppung  meist  ausgeblutet  mit  einer  Parametrit 
zu  uns  kommt,  wenn  wir  durch  den  klaffenden  Muttermund  schöner 
eingehen  und  alle  Eireste,  diese  Bakterienbrutstätten,  Instrumente 
entfernen.  Drei  solche  im  letzen  Jahre  behandelte  Fälle  gingen  gliicl 
lieh  aus. 

Ueberhaupt  haben  wir,  was  die  Aborte  angeht,  ein  gutes  Ja; 
hinter  uns.  Wir  behandelten  insgesamt  335  Fälle,  davon  waren  11 
fieberhaft  schon  vor  der  Ausräumung.  Als  Grenze  nahmen  wir  d 
Achseltemperatur  von  37,5  an.  Wir  hatten  also  33,1  Proz.  fieberhaft 
Aborte,  was  mit  den  meisten  Angaben  anderer  Kliniken  übereinstimm 
Nur  14  Aborte  des  4.  bis  6.  Monats  verliefen  spontan  und  blutete 
nicht  nach.  Alle  anderen  wurden  instrumentell  nach  unserer  kui 
zu  schildernden  Technik  ausgeräumt.  Von  diesen  335  Fälle 
mit  321  aktiven  Behandlungen  ist  nur  eine  einzig 
gestorben!  Eine  schwer  septisch  eingelieferte  Frau,  stark  au 
geblutet  und  moribund.  Trotzdem  gingen  wir  in  die  klaffende  Gebä 
mutter  ein  und  entfernten  besonders  behutsam  grosse  Plazentarrest 
Schon  in  der  ersten  Nacht  starb  die  Patientin.  Die  Sektion  ergfl 
eine  schwere  Sepsis  und  Anämie.  (Mortalität  0,29  Proz.;  auf  die  fiebei 
haften  Fälle  berechnet  0,9  Proz.) 

Fälle,  die  völlig  ausgeräumt  mit  Sepsis  eingeliefert  wurden,  rühre 
auch  wir  natürlich  nicht  an.  Bei  diesen  gilt  der  Vergleich  mit  de! 
Puerperalfieber  rach  Schwangerschaftsende.  Ein  septischer  Proze:’ 
nach  Erledigung  eines  Abortes  ist  eben  meistens  etwas  anderes.  a| 
ein  Fieber  während  des  Abortes.  Die  Zahlen  unserer  Jahresstatist: 
sind  keine  ganz  grossen.  Doch  wir  haben  unsere  Anschauungen  üb 
die  Behandlung  des  Aborts  von  der  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  sehen  Schule  m 
gebracht  und  Schnitzer  wird  aus  dieser  ganz  grosse  Zahlen  bringe 
welche  die  Vorzüge  des  aktiven  Vorgehens  beim  fieberhaften  Abort 
das  denkbar  günstigste  Licht  stellen. 

Unsere  335  Fälle  wurden  aber  alle  ganz  einheitlich  behandelt  ui 
und  ihre  Beobachtung  wurde  nicht  durch  den  Krieg  und  die  Revolutii 
erschwert.  Ich  habe  alle  Fälle  in  Listen  eingetragen,  die  Besonde 
heiten  im  Verlauf,  die  Temperatur  vor,  am  Abend  und  am  Tage  na 
der  Ausräumung,  sowie  die  Dauer  des  Klinikaufenthaltes  enthalte 
Unsere  Resultate  sind  so  gute,  dass  wir  uns  nicht  veranlasst  sehen,  c 
konservative  Behandlung  auszuprobieren,  die  doch  zum  mindesten  ei 
Verlängerung  der  Krankheitszeit,  des  Klinikaufenthaltes,  bedeut 
würde.  Auch  diese  sozialökonomische  Frage  ist  heute  von  grösser 
Bedeutung,  als  je  zuvor.  Wie  schwer  fällt  es  uns  oft,  eine  mit  fiebt 


')  Nach  einem  vor  der  Bayer,  gyn.  Oes.  in  Nürnberg  gehaltenen  Vortrag. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


199 


em  Abort  eingelieferte  Frau  nach  Ausräumung  und  prompter  Ent¬ 
erung  nur  5  Tage  lang  in  der  Klinik  zu  halten.  „Wir  müssen  heim,“ 
;st  es  oft,  „der  Mann  und  die  Kinder  sind  allein“. 

Nachteile,  wie  langes  Krankenlager,  sahen  wir  fast  nur  bei  unvoll- 
ldig  ausgeräumten  und  verschleppt  eingelieferten 
neu.  Ich  erinnere  mich  besonders  an  4  enorm  ausgeblutete  Frauen, 
wochenlang  geblutet  hatten  und  immer  wieder  tamponiert  worden 
en.  Der  Hämoglobingehalt  schwankte  zwischen  15 — 25  Proz.,  alle 
en  so  elend,  dass  sie  viele  Wochen  lang  zwar  ohne  Fieber  schwer- 
lk  mit  profusen  Schweissen,  Kopfschmerzen  und  völliger  Appetit- 
gkeit  wie  Wachskerzen  in  ihren  Betten  lagen.  Einen  Verblutungs- 
bei  Abort,  wie  Pribram  von  der  J  a  s  c  h  k  e  sehen  Klinik  in 
iem  Jahr  einen  beobachten  konnte,  erlebten  wir  nicht.  Bei  den 
bengenannten  Fällen  hätte  aber  nicht  viel  dazu  gefehlt. 

Wir  sehen  zunächst  jeden  Abort  für  artifiziell  an  und  gehen  wohl 
ibe r  90  Proz.  darin  nicht  fehl.  Unsere  so  ausgezeichneten  Resul- 
verdanken  wir  zum  Teil  auch  der  Güte  und  dem  Glück  der  Abtrei- 
.  Und  das  scheint  mir  ein  sehr  wichtiger  Punkt  zu  sein.  Wenn 
echt  abgetrieben  und  mit  hochvirulenten  menschenpathogenen 
imen  an  den  Instrumenten  im  Uterus  herumgefahren  wurde,  führt 
le  Therapie  zu  einem  erfreulichen  Ziel. 

Vor  Beendigui.g  meiner  Ausführungen  möchte  ich  noch  einige  Worte 
Ir  die  Technik  der  Ausräumung  verlieren.  Wir  sahen  4  auswärts 
der  Abortausräumung  schwer  verletzte  Frauen.  3  verloren  wir. 
ach  Totalexstirpation,  1  nach  Kolpotomie.  Eine  wurde  durch  die 
Ipotomie  geheilt.  Einmal  handelte  es  sich  um  einen  Uterus  bicornis. 
mehrfach  durchlöchert  war  und  dessen  Trägerin  mit  Peritonitis  und 
'serösen  Hämatomen  eingeliefert  wurde.  Einmal  war  der  Uterus 
;;hbohrt  und  der  Wurmfortsatz  abgerissen  worden,  ein  weiteres  Mal 
Loch  im  Colon  sigmoideum  gemacht  worden.  Bei  allen  Ver¬ 
gingen  muss  es  dich  um  Fehler  der  Technik  bzw.  des  Instrumen- 
ums  gehandelt  hüben. 

Fraenkel  in  Breslau  berichtete  dieses  Jahr  über  Zervixver- 
ungen  des  Spatium  uterovesicale  bei  der  Aufstöpselung  (.—  Dila- 
pn)  und  wundert  sich,  dass  so  wenig  darüber  verlautbart.  Auch 
j  scheinen  Verletzungen  der  Zervix  bei  der  Dilatation  selbst  dem 
:bteren  passieren  zu  können.  Ich  selbst  erlebte  vor  einigen  Jahren 
|m  kompletten  Zervixriss  rechts  hinten  beim  Aufstöpseln  der  Zer- 
mit  Landauschem  Dilatator  bei  einem  Abort  im  4.  Monat.  Es 
tanden  doppelseitige  Emmetsche  Narben.  Die  Frau  war  eine 
vächliche  anämische  IV-para.  Trotz  dieser  Verletzung  wurde 
Frau  in  F  o  w  1  e  r  scher  Beckentieflagerung  ohne  operativen  Ein- 
i  völlig  geheilt.  Verletzungen  des  Corpus  uteri  sind  mir  nie  unter¬ 
en  und  schliessen  sich  bei  der  Auswahl  unseres  Instrumentariums 
aus.  Seit  dem  besagten  Missgeschick  mit  dem  zylindrisch  geform- 
L  a  n  d  a  u  sehen  Dilatator  bevorzuge  ich  beim  Abort  den  konischen, 
pgenen  J  o  1 1  y  sehen  Dilatator.  Fritsch  war  der  erste,  der  eine 
|  r  konische,  gerade  Form  empfahl.  Oberländer  gab  dem  La n  - 
i  sehen  Dilatator  einen  konischen  Ansatz.  Auch  W  e  i  n  h  o  1  d  - 
lslau  gab  konische  Stifte  an.  Ich  finde  Jollys  Modell  sehr  prak- 
ji.  Kürzlich  hörte  ich  vom  Instrumentenmacher  Mathes  in  München, 

;  Dr.  Kaeser  eine  Modifikation  der  J  o  1 1  y  sehen  Stifte  mit  Sicher¬ 
sscheibe,  ähnlich  wie  Döderlein  sie  bei  den  Land  au  sehen 
rtigen  Hess,  angegeben  hat.  Für  weniger  Geübte  ist  das  gewiss 
5  zweckmässig.  Das  Aufplatzen  der  Zervix  wird  auch 
iurch  nicht  verhütet.  Nach  genügender  Dilatation  ent- 
j en  wir  die  grösseren  Abortreste  mit  Döderleins  Abortzange 
i  kiirettieren  dann  stets  mit  der  breiten  halbscharfen  Kürette.  Die 
her  benützen  wir  stets  nur  zur  Untersuchung  und  Orientierung.  Es 
jt  dann  eine  Auswischung  des  Uterus,  bei  Fieber  mit  Jod  und  zuletzt 
j  Jodoformgazetamponade,  die  aber  nur  6  Stunden  liegen  bleibt, 
jichmal  spülen  wir  auch  mit  Kochsalz  und  Jodalkohol.  Bei  engem 
iikanal  im  3.  und  4.  Schwangerschaftsmonat  legen  wir  für  12  Stunden 
I  der  Ausräumung  Laminariastifte  ein;  im  5.  und  6.  Monat  kleine 
ireurynter.  Dabei  sind  Chinin  und  Hypophysin  gute  Unterstützungs¬ 
iel. 

Dass  stets  der  gesamte,  streng  antiseptische  und  aseptische  Appa- 
'  der  Klinik  in  Bewegung  gesetzt  wird,  brauche  ich  wohl  nur  bei- 

Ig  zu  erwähnen. 

Zusammenfassend  möchte  ich  schliessen: 

1.  Die  Technik  der  instrumentellen  Ausräumung  sollte  in  den  Kli¬ 
niken  allen  Volontären  und  Praktikanten  möglichst  oft  von  er¬ 
fahrenen  Assistenten  eingeübt  werden. 

2.  Die  Behandlung  des  fieberhaften,  komplizierten  Aborts  soll  den 
Geübten  und  den  Kliniken  möglichst  Vorbehalten  werden,  denn 
sie  stellt  erhöhte  Anforderungen  an  die  weitere  Beobachtung  und 
Pflege. 

3.  Jeder  heftig  blutende  Abort  soll  möglichst  bal4  ausgeräumt  wer¬ 
den.  Jeder  Abort,  der  mehrere  Tage  lang,  auch  bei  Bettruhe, 
leicht  blutet,  soll  ausgeräumt  werden. 

4.  Jeder  manifeste,  protrahiert  verlaufende  Abort  soll  ausgeräumt 
werden,  auch  wenn  Fieber  besteht. 

5.  Die  Behandlung  des  fieberhaften  Abortes  und  auch  die  des 
fieberhaften  komplizierten  Aborts  (Parametritis,  Adnexitis  und 
Sepsis)  soll  eine,  wenn  auch  schonende,  doch  gründliche  aktive 
sein.  Bei  jedem  fieberhaften  Abort  handelt  es  sich  um  eine 
transuterine  Infektion. 

6.  Besondere  Vorsicht  erfordert  die  Erweiterung,  des  noch  nicht 
entfalteten  Zervikalkanals. 

7.  Wiederholte  operative  Eingriffe  sollen  tunlichst  vermieden  wer¬ 


den.  Unvollständige  Ausräumung  ist  schlech¬ 
ter  als  gar  keine  Ausräumung. 

Einige  Zurückhaltung  bei  von  anderer  Seite  bereits  operativ 
behandelten  Fällen. 

8.  Nur  bei  Verdacht  auf  perforierende  Verletzungen  und  bei  Peri¬ 
tonitis  müssen  Ausräumungsmassnahmen  unterbleiben. 


lieber  das  familiäre  Vorkommen  von  Migräne. 

Von  Dr.  Erich  Ebstein  in  Leipzig. 

Nach  Strümpell  (Lehrbuch  21.  Auf!.,  1919,  Bd.  2,  S.  775)  spielt 
bei  der  Migräne  die  Heredität  „verhältnismässig  häufig  eine  Rolle, 
indem  die  Hemikranie  einerseits  als  solche  sehr  oft  erblich  ist,  anderer¬ 
seits  nicht  selten  in  Familien  auftritt,  wo  auch  sonst  Nervenleiden 
(Epilepsie,  Hysterie,  Psychosen)  vorgekommen  sind“.  Die  eigentliche 
Ursache  der  Migräne  liegt  aber  nach  Strümpells  Urteil  wahrschein¬ 
lich  meist  in  einer  angeborenen  Veranlagung. 

In  der  Literatur  finden  sich  offenbar  nur  selten  Beobachtungen 
über  das  familiäre  Vorkommen  der  Migräne.  Nur  in  dem  ausgezeich¬ 
neten  Buche  von  Ch.  F  e  r  e:  La  famille  neuropathique,  Paris  1898,  S.  77 
(deutsch  von  H.  Schnitzer.  Berlin  1898,  S.  80)  finde  ich  die  Notiz, 
dass  alle  Autoren  in  der  Beobachtung  übereinstimmen,  dass  die  Migräne 
als  eine  familiäre  Krankheit  aufzufassen  ist  und  sehr  häufig  sich  ver¬ 
erbt  und  andererseits  stehe  sie  durch  die  Heredität  in  Beziehung  zur 
Epilepsie,  zum  Irrsinn,  zur  Hysterie  usw. 

Einen  exquisiten  Fall  von  familiärem  Vorkommen  von  Kopf¬ 
schmerzen  fand  ich  in  dem  autobiographischen  Werk  von  Otto  R  o  - 
quette,  betitelt:  „Siebzig  Jahre  Geschichte  meines  Lebens“  (I.  Band, 
Darmstadt  1894,  S.  84 — 86).  Roquette  war  am  19.  April  1824  als 
der  Zweitgeborene  zur  Welt  gekommen;  ein  älterer  Bruder  war  schon 
früh  gestorben  (S.  18).  Er  selbst  war  niemals  von  fester  Gesundheit, 
immer  der  Kleinste  und  Dürftigste  (S.  35).  In  seiner  Jugend  waren  die 
Krankheiten  bei  ihm  so  häufig,  dass  der  Hausarzt  einmal  sagte:  „Es  ist 
erstaunlich,  dass  der  Junge  immer  die  seltensten  und  gelehrtesten 
Krankheiten  bekommt,  gegen  die  man  an  ihm  selbst  erst  die  Studien 
zu  machen  hat!“  „Das  fördert  dann  die  Heilung  und  Genesung  nicht“, 
fügt  Roquette  hinzu,  um*  dann  folgendermassen  fortzufahren: 
„Schlimmer  noch  war,  dass  sich  seit  meinem  zehnten  Jahre  ein  Uebel 
bei  mir  festsetzte,  das  mich  erst  nach  meinem  fünfzigsten  nach  und 
nach  gänzlich  verlassen  hat,  nämlich  jener  vierundzwanzigstündige 
Kopfschmerz,  welcher  unweigerlich  seine  Zeit  festhält,  es  mag  dagegen 
geschehen,  was  es  wolle.  Es  war  ein  Erbübel  aus  der  Familie  meiner 
Mutter,  in  der  des  Vaters  war  es  nie  aufgetreten.  Die  Mutter  litt  sehr 
daran,  ebenso  ihre  Schwester  Philippine.  Die  Eltern  waren  unglücklich 
bei  der  Aussicht,  dass  ich  diese  Mitgabe  für  das  Leben  erhalten  sollte, 
noch  dazu,  dass  sie  sich  in  so  frühen  Jahren  geltend  machte.  Die  einen 
nennen  sie  Migräne,  die  anderen  nervöse  Kopfschmerzen,  noch  andere 
Kopfkolik.  Sie  mögen  bei  jedem  andere  Ursachen  haben  und  ver¬ 
schiedenartig  auf  treten  (ich  selbst  unterschied  bei  mir  dreierlei  Arten), 
entsetzliche  Zustände  bringen  sie  immer  mit  sich.  Wer  sie  kennt,  der 
weiss,  dass  man  unfähig  wird,  zu  sehen,  zu  hören,  zu  reden,  dass  man 
am  liebsten  wie  ein  Tier  in  die  Einöde  ginge,  um,  unangefochten  von 
der  Nähe  alles  Lebendigen,  zu  sterben.  Der  Zustand  hört  nach  seinen 
24  Stunden  langsam  auf,  und  man  ist  dann  sozusagen  gesund,  kann  mit 
den  Gesunden  leben,  ohne  zu  ahnen,  was  man  durchgemacht  hat.  Aber 
die  Niederlage  kann  sich  schon  einige  Tage  darauf  wiederholen.  Die 
Mitte!  der  Aerzte  helfen  wohl  in  diesem  oder  jenem  Falle,  können  aber 
das  Uebel  nicht  ausrotten,  wo  es  sich  vererbt  oder  einmal  festgesetzt 
hat.  Wille  und  Ueberwindungskraft  können  dagegen  ab  und  zu  eine 
Weile  trotzen,  aber  nur  die  zunehmenden  Jahre  befreien  ganz  und  gar 
davon.  Die  Kopfschmerztage  wurden  in  unserer  Familie  bald  etwas 
allgemeines.  Ich  glaube  nur  mein  Vater  und  mein  Bruder  blieben 
dauernd  davon  frei.  Weil  sie  aber  etwas  Gewöhnliches  waren,  wurde 
möglichst  wenig  Notiz  davon  genommen,  ja  sie  wurden  als  eine  Art  von 
Geheimnis  des  Hauses  behandelt.  Denn  da  der  schwer  Leidende  am 
nächsten  Tag  wieder  frisch  und  gesund  erschien,  auch  wohl,  wenn  er 
am  Mittag  noch  sich  den  Tod  wünschte,  abends  leidlich  heiter  in  der 
Gesellschaft  erscheinen  konnte,  wie  hätte  die  Welt,  welche  glücklich 
genug  war,  von  solchen  Zuständen  nichts  zu  kennen,  an  Krankheit 
glauben  mögen?  Mich,  der  ich  schon  als  Knabe  davon  geplagt  war, 
hat  dies  Uebel  sehr  aufgehalten,  in  meiner  körperlichen  Entwickelung, 
in  meiner  jugendlichen  Lebensstimnumg,  nicht  zuletzt  in  der  Schule. 
S.  84—86. 

Ich  stehe  nicht  an,  die  so  trefflich  geschilderten  Kopfschmerzen,  die 
bei  Roquette  von  Jugend  auf  auftraten,  als  Migräne-Kopfschmerzen 
aufzufassen. 

Die  Erkennung  der  Migräne  ist  gewöhnlich  leicht.  „Wenn  z.  B.  ein 
Mensch  in  den  mittleren  Jahren  erklärt“,  —  sagt  P.  J.  M  ö  b  i  u  s:  Ueber 
den  Kopfschmerz,  Halle  a.  S.  1902,  S.  20  ff.)  —  „er  habe  wie  seine 
Mutter  seit  früher  Jugend  alle  paar  Wochen  einen  Tag  lang  Kopf¬ 
schmerzen,  so  ist  es  sicher  die  Krankheit  Migräne,  gleichgültig,  wie  die 
Kopfschmerzen  beschrieben  werden,  gleichgültig,  was  die  Untersuchung 
etwa  ergibt.“ 

Natürlich  kann  es  auch  Schwierigkeiten  geben,  fügt  Möbius  mit 
Recht  hinzu  und  fährt  dann  fort:  „Wenn  einer  ohne  erbliche  Anlagen 
erst  in  den  mittleren  Jahren  Anfälle  von  Kopfschmerzen  bekommt,  so 
kann  zwar,  wenn  diese  Anfälle  charakteristisch  sind,  nicht  daran  ge- 
zweifelt  werden,  dass  es  sich  nicht  unf  die  Krankheit  Migräne,  sondern 

5* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


200 


um  sekundäre  Migräneanfälle,  die  von  einer  anderen  Krankheit  ab- 
hängen  handelt.“  In  diesen  Fällen,  die  immerhin  selten  sind,  können 
nach  Möbius  nur  sorgfältige  Untersuchung  und  sachverständige  Lr- 

" dK Andereeitekann  für  die  in  Sicht  befindliche  Gicht  die  Form  der 
Migräne  sprechen,  die  bereits  im  kindlichen  Lebensalter  einsetzt,  und 
zwar  besonders  bei  Kindern,  deren  Eltern  entweder  derselben  Affektion 
verfallen  waren  oder  es  noch  sind.  ’Die  Migräne  kann  nach  Wilhelm 
Ebstein  dauernd  die  einzige  der  zukünftigen  Gicht  vorhergehende 
Affektion  bilden  (Ueber  die  Natur  und  Behandlung  der  gichtischen  An¬ 
lage  D.m.W.  1907  Nr.  16).  Als  Beleg  für  diese  Ansicht  führe  ich  den 
bekannten  Uebersetzer  Johann  Diederich  G  r  i  e  s  (1775 — -1842)  an,  den 
neben  Gicht  und  Harthörigkeit  fast  keine  andere  Krankheit  von  Jugend 
auf  geplagt  hat  als  die  „leidige  Migräne4 ,  wie  er  selbst  schreibt  (veig  . 
Erich  Ebstein:  Gicht  und'  Taubheit.  In:  Janus,  Sept.  1907). 

Ob  in  der  Roquette sehen  Familie  die  Gicht  zu  Hause  war  oder 
ob  er  selbst  daran  litt,  ist  mir  nicht  bekannt.  In  seiner  Autobiographie 
habe  ich  nichts  darüber  gefunden.  Roquette  starb  72  Jahre  alt. 
Seine  Krankheitsbeschreibung  erscheint  mir  in  mannigfacher  Beziehung 
interessant.  Denn  ich  vermisste  z.  B.  ähnliche  Beobachtungen  in  dei 
Arbeit  von  Käthe  Kehr:  Zur  historischen  Entwicklung  der  Lehre 
vom  Kopfschmerz.  Freiburg  i.  Br.  1905,  die  unter  Edingers  Leitung 

In  den  letzten  Jahren  hat  das  Krankheitsbild  der  Migräne  dadurch 
an  Interesse  gewonnen,  dass  es  in  nahe  Beziehungen  gesetzt  wurde 
zum  O  u  i  n  c  k  e  sehen  Oedem,  zur  Urtikaria,  zur  Colitis  muco- 
membranacea,  zum  Asthma  bronchiale  usw.  Denn  diese  Erkrankungen 
fanden  sich  häufig  bei  derselben  Person  und  bei  derselben  Familie: 
ausserdem  ist  allen  gemeinsam  eine  Eosinophilie  im  Blute 
(M.  Gänsslen:  Die  Eosinophilie  bei  der  Migräne.  M.K1.  1921 
Nr.  41).  Auch  F.  Boenheim  hat  aus  der  Hans  C  u  r  s  c  h  m  a  n  n  sehen 
Klinik  über  familiäre  Hemicrania  vestibularis  mit  einem  interessanten 
Stammbaum  berichtet  (Neurol1.  Zbl.  1917  Nr.  6).  _ 

Für  die  Differentialdiagnose  der  Migräne  ist  jedenfalls,  wie  auch 
Matt’hes  (Lehrbuch  der  Differentialdiagnose,  2.  Auf!.,  1921,  S.  594) 
betont,  neben  dem  anfallsweisen  Auftreten  besonders  der  Nachweis  der 
Heredität1)  und  die  Angabe  wichtig,  dass  sich  der  Kopfschmerz  seit  den 
Jugendjahren  einstellt.  Ebenso  betont  Oppenheim  (Lehrbuch  der 
Nervenkrankheiten,  Bd.  2,  S.  1352,  Berlin  1908),  dass  Beobachtungen 
vorliegen,  nach  denen  sich  die  Migräne  durch  vier  Generationen  fort¬ 
erbte,  bei  acht  Geschwistern  auftrat  usw.  Nach  Möbius  ist  sogar  in 
90  Proz.  der  Fälle  eine  direkte  Vererbung  nachzuweisen. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Graz. 

(Vorstand:  Prof.  Hamburger.) 

Ein  Beitrag  zur  Säuglings-  und  Kleinkindertuberkulose. 

Von  Dr.  Thomas  Köffier,  Assistent. 

Bei  einer  Arbeit  über  Tuberkulose  in  der  Familie,  wo  ich  die 
Kranken  und  deren  Angehörige  in  den  Wohnungen  aufsuchte,  um  dort 
die  Verhältnisse  zu  studieren,  traf  ich  auch  eine  Anzahl  von  Familien 
mit  Kindern  in  den  ersten  Lebensjahren,  die  in  mehrfacher  Hinsicht  zur 
Tuberkulose  ein  eigenes  Verhalten  zeigten,  sowohl  dem  Tuberkulin  als 
auch  der  Tuberkuloseerkrankung  gegenüber. 

Bekannt  ist  ja  besonders  durch  die  Arbeiten  von  Hamburger 
und  Po  Hak,  dass  die  häufigsten  tuberkulösen  Manifestationen  bei  ent¬ 
sprechender  Infektionsgelegenheit  in  den  ersten  3  Lebensjahren  Vor¬ 
kommen  und  dann  die  Zahl  der  Erkrankungen  mit  zunehmendem  Alter 
abnimmt,  wenngleich  auch  diese  älteren  Kinder  sich  als  infiziert  er¬ 
weisen.  Weiters,  dass  die  Kinder  im  ersten  Lebenshalbjahre,  trotzdem 
sie  von  Geburt  an  im  tuberkulösen  Milieu  lebten,  manchmal  auf  Tuber¬ 
kulin  nicht  reagieren. 

Was  nun  meine  gesammelten  Fälle  betrifft,  so  unterscheiden  sich 
besonders  die  Kinder  der  ersten  2  Jahre  in  ihrem  Verhalten  streng  von 
den  älteren  Geschwistern  und  unter  diesen  Kleinkindern  nehmen  wieder 
die  Säuglinge  im  ersten  Lebensjahre  eine  ganz  eigene  Stellung  ein. 

Ich  will  gleich  vorwegnehmen,  dass  in  allen  Familien  sich  eine 
sicher  festgestellte  klinische  Tuberkulose  bei  Vater  oder  Mutter  zeigte, 
mit  reichlichem,  seltenem  und  geringem  oder  negativen  Bazillenbefunde 
(wiederholte  Untersuchung,  Tierversuch).  Bei  allen  Kindern  wurden 
die  Tuberkulinreaktionen,  Mor0  mit  eingedicktem  Tuberkulin,  nach 
Hamburger  und  S  t  r  o  d  n  e  r  und  die  subkutane  Lokalreaktion  bis 
zu  den  höchsten  Dosen  von  100  mg  angestellt. 

Andere  Infektionsquellen  als  die  Eltern  konnten  wenigstens  bei  den 
Säuglingen  und  Kleinkindern,  die  ja  die  Wohnung  fast  nie  verliessen, 
ausgeschlossen  werden  und  so  werteten  wir  besonders  bei  diesen  die 
gefundenen  Tatsachen  als  eindeutige. 

Sahen  wir  uns  die  ramilien  an,  wo  eines  der  Eltern  schwer  klinisch 
tuberkulös  war  und  durch  längere  Zeit,  Monate  bis  Jahre,  stets  reichlich 
Bazillen  aushustete,  so  fällt  uns  vor  allem  auf,  dass  von  den  unter¬ 
suchten  klinisch  nicht  tuberkulösen  Kindern  nur  2  auf  Iuberkulin  nicht 
reagierten,  d.  h.  nicht  infiziert  erschienen,  nämlich  die  2  Säuglinge  unter 
6  Monaten.  _  .  i 

Dasselbe  Verhalten  zeigen  auch  die  Kinder  dieses  Alters  in  den 
Familien  mit  einer  offenen  Tuberkulose  mit  geringem  oder  seltenem 


J)  Bei  Franz  Wind  scheid:  Die  Diagnose  und  Therapie  des  Kopf¬ 
schmerzes.  2.  Aufl.  Halle  a.  S.  1909  finde  ich  S.  36  f.  nichts  darüber. 


Bazillenbefunde,  mit  fakultativ  offener  (Winkler)  und  geschlossen 
Tuberkulose,  allerdings  erwiesen  sich  da  auch  die  älteren  Geschwist 

nicht  als  infiziert.  _  ...  . 

Von  65  untersuchten  Kindern  solcher  Familien  waren  5  unt 
%  Jahre  alt,  alle  5  zeigten  negative  Tuberkulinreaktionen,  wahrend  v< 
den  60  älteren  Kindern  63  Proz.  reagierten.  Am  auffallendsten  war  di 
natürlich  dort,  wo  die  Kinder  vom  ersten  Lebensjahre  an  reichlich 
Infektionsgelegenheit  ausgesetzt  waren,  da  z.  B.  die  pflegende  Mutt 
reichlichst  Bazillen  hustete.  Obwohl  ausnahmslos  _  sich  alle  Kind 
infiziert  erwiesen,  und  positiv  auf  Tuberkulin  reagierten;  waren  c 
Säuglinge  tuberkulosefrei,  während  von  den  Kindern  von  6  Monaten  1 
zum  2.  Lebensjahre  ein  gleich  hoher  Hundertsatz  wie  bei  den  alter 
Geschwistern  eine  positive  Reaktion  zeigte  oder  klinisch  tuberkulös  v; 

Als  Grund  für  diese  Erscheinung  wurde  von  Pollak  eine  vielleic 
angeborene  Immunität  gegen  Tuberkulose,  wie  wir  sie  ja  auch  t 
anderen  Krankheiten  sehen,  oder  einfach  eine  geringere  luberkuli 

empfindlichkeit  angenommen.  , 

Immerhin  sind  uns  aber  auch  genug  Fälle  von  1  uberkulose  t 
ersten  Lebensalters  aus  Einzelbeobachtungen  bekannt,  die  bezeug! 
dass  bei  möglicher  Infektion  es  auch  in  diesem  Alter  zur  tuberkulös 
Erkrankung  kommt. 

Da  man  heute  wohl  fast  allgemein  den  Standpunkt  der  F  lugg 
sehen  Schule,  die  Infektion  erfolge  durch  I  röpfcheninhalation.  vertr 
so  liegt  es  nahe,  daran  zu  denken,  dass  der  Säugling  in  diesem  Alt 
wo  er  fast  ausschliesslich  Nasenatmer  ist,  sich  infolge  des  besondei 
Baues  der  oberen  Luftwege  oder  einer  zu  geringen  Aspirationskraft  ■ 
Lunge  nur  schwer  infiziert.  .... 

Aus  den  experimentellen  Arbeiten  Flügges  wissen  wir,  dass  v 
schiedene  physikalische  Momente,  wie  Stellung  der  Nasen- 
Rachenöffnung  zur  Richtung  des  infektiösen  Hustenstosses,  Inspiratio 
kraft  des  zu  Infizierenden,  Kompliziertheit  des  Baues  der  Luftwc 
die  der  Luftstrom  nehmen  muss  und  noch  mehrere  andere  Uinstäi 
die  Infektionshäufigkeit  wenigstens  bei  Versuchstieren  sehr  bee 

flussen.  ,  ,  ,  , 

Sie  alle  können  beim  Säugling  der  ersten  Lebensmonate  sehr  w 
Anwendung  finden  und  die  eigenartige  Tatsache  erklären,  war 
gerade  diese  so  häufig  der  Infektion  entgehen. 

Eben  jene  zahlreichen  Einzelbeobachtungen,  dass  eine  Intektion 
Tuberkelbazillen,  wenn  sie  erfolgt,  auch  in  diesem  Alter  angeht,  sp 
chen  für  eine  rein  physikalische  Erklärung. 

Dieses  besondere  Verhalten  der  Säuglinge  müsste  noch  wcl 
studiert  werden,  da  wir  dann  (bei  einiger  ständigen  Vorsicht)  ei 
bazillenhustenden  Mutter  eher  das  Stillen  ihres  Kindes  gestat 

könnten.  ,  .  ,  , 

Ein  zweiter  einschneidender  Unterschied  der  Kinder  .unter  2  Jah 
gegenüber  den  Eltern  liegt  in  der  Tuberkuloseerkrankung.  Auch  tnc 
Familien  zeigen,  dass  weitaus  die  meisten  tuberkulösen  Mamtestatio 
der  Kindheit  überhaupt  in  die  Zeit  vom  annähernd  6.  Monat  bis  s 
vollendeten  2.  Jahre  fallen. 

Ich  will  hier  wieder  zuerst  von  den  Familien  mit  reichlichster  • 
fcktionsgelegenheit  berichten.  Von  25  Kindern  bis  14  Jahren  zeit 
8  selbst  eine  klinische  Tuberkulose.  Von  diesen  8  Kindern  fielen  al 
5  in  die  Kleinkinderzeit,  1.  und  2.  Lebensjahr.  Es  waren  von  8  Kl 
kindern  6  tuberkulös  infiziert,  davon  5,  also  fast  alle  Infizierten  ;j 
schwer  tuberkulös  erkrankt. 

Gleich  anschliessen  will  ich,  dass  alle  ihrer  Tuberkulose  in  wem 
Wochen  erlegen  sind.  Bei  der  Obduktion  zeigten  2  eine  tuberkuj 
Meningitis,  2  eine  miliare  Tuberkulose,  eines  eine  käsige  Pneunid 
mit  miliarer  Aussaat.  . 

Wir  können  hier  wohl  bestimmt  sagen,  dass  Kleinkinder  im  ] 
Schluss  an  die  Erstinfektion  erkranken,  wenn  die  Infektionsgelegenj 
eine  besonders  reichliche  ist,  wie  in  unseren  Fällen,  und  fast  I 
mahmslos  daran  zugrunde  gehen. 

Im  Gegensatz  dazu  sehen  wir  in  den  Familien  selten  und  spa 
Bazillen  Hustender  und  der  geschlossen  Tuberkulösen  von  18  Kirn 
unter  2  Jahren  8  tuberkulös  Infizierte,  also  weniger  als  die  Hälfte, 
von  diesen  zeigt  nur  eines  Zeichen  einer  klinischen  Iuberkin 
während  in  der  obenerwähntem  Gruppe  mit  reichlicher  Infekt; 
gelegenheit  von  8  Infizierten  alle  mit  Ausnahme  eines  einzigen  tu 
kulosekrank  waren.  J 

Ein  doch  auffallender  Unterschied,  der  wohl  nur  damit  er 
werden  kann,  dass  im  ersten  Falle  die.  Kleinkinder  mit  zahlreicl 
im  letzteren  mit  nur  wenig  Bazillen  infiziert  wurden.  Wir  sehe, 
auch  im  Tierversuche,  dass  bei  einer  bestimmten  sehr  geringen 
zillenmengen  nicht  mehr  bei  allen  Tieren  eine  Infektion  durch! 
jektion  angeht.  Ungezwungen  ist  auch  hier  die  Erklärung,  dass  c| 
Kinder  eine  einmalige  geringe  Infektion  überwunden  haben.  I 

Diesen  Familienbeobachtnngen,  denen  sich  auch  Einzelbeoi 
tungen  aus  der  Klinik  und  in  der  Fürsorge  anschliessen,  glauben! 
als  Wichtigstes  entnehmen  zu  können,  dass  Säuglinge 
ersten  Halbjahre  sich  nicht  so  leicht  infizieren,  ; 
Kleinkinder  in  höherem  Aiter. 

Auch  bei  Kleinkindern  kommt  latente  Tuber, 
lose  ohne  Krankheitserscheinungen  gar  nicht  selten  vor 
zwar  hauptsächlich  dann,  wenn  die  Infektio  n  d  u 
Huster  erfolgte,  welch  e  nur  wenigund  selten  Tur 
k  e  1  b  a  z  i  1 1  e  n  im  A  u  s  w  u  r  f  hatten. 

Literatur. 

Flügge:  Zschr.  f.  Tbc.  34.  H.  3  u.  4.  —  H  a  m  burger:  Allgei; 
Pathologie  und  Diagnostik  der  Kindertuberkulose.  Deuticke,  Wien  191 


).  Februar  1922. 


MÜNCHENER_  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


201 


e  r  s.:  W.kl.  W.  1919  Nr.  8.  —  Hamburger  und  Monti:  M.m.W.  1909 
-.  9.  —  H  i  p  p  k  e:  Zsclir.  f.  Hyg.  u.  Infektkrkh.  93,  H.  1.  —  R.  P  o  1  1  a  k : 
-.iiiers  Beitr.  19,  H.  1  u.  3.  —  Winkler:  W.kl.W.  1920  S.  981. 


ie  intraperitoneale  Infusion  —  eine  letzte  Rettungs- 
öglichkeit  für  schwer  ernährungsgestörte  Säuglinge. 

Von  Dr.  rned.  Xaver  Mayer,  Seligenstadt,  Hessen. 

Aus  den  Universitäts-Kinderkliniken  in  Halle  und  Köln  sind  in 
eser  Wochenschrift  zwei  Abhandlungen  erschienen  über  ein  neues 
.■[fahren,  dem  wasserverarmten  Säuglinge  Flüssigkeit  zuzuführen.  Da 
e  bisher  üblichen  Methoden^  wie  Tropfklystiere,  subkutane  und  intra- 
:nöse  Injektionen,  verade  in  den  schwersten  Fällen  von  Ernährungs¬ 
ärung  meist  versagt  haben,  so  war  das  Suchen  nach  einem  neuen 
erfahren  eine  zwingende  Notwendigkeit.  Es  lag  nahe,  nachdem  der 
arm  und  das  Un^erhautzellgewebe  als  Applikationsfelder  für  grössere 
engen  Flüssigkeit  sich  ungeeignet  erwiesen,  die  ausgezeichnete  Rc- 
irptionskraft  des  Peritoneums  heranzuziehen,  eine  Kraft,  die  in  unserm 
ztlichen  Denken  bisher  meist  als  böser  Dämon  vorherrschte.  (Peri- 
nitisgefahr  bei  Eiterungen  und  entzündlichen  Exsudaten  in  der 
auchhöhle!) 

Weinberg  gebührt  das  Verdienst,  diesen  Weg  als  Erster  in 
eutschland  beschritten  zu  haben.  Allerdings  ist  in  seiner  vorläufigen 
itteilung  in  Nr.  44  Jahrgang  1920  von  positiven  Erfolgen  nicht  viel  zu 
sen;  denn  er  schreibt,  dass  „es  in  2  desolaten  Fällen  von  stärkster 
Fasserverarmung  gelang,  durch  tägliche  Wiederholung  der  Infusion  die 
ruglinge  3  Tage  am  Leben  zu  erhalten“.  Das  klingt  nicht  sehr  ermuti- 
:nd.  Ferner  berichtet  er  über  seine  Erfolge  bei  Säuglingen  mit  in- 
uster  Prognose,  bei  denen  man  noch  eine  gute  Resorptionsfähigkeit 
:s  Peritoneums  voraussetzen  durfte.  „Die  Sektion,  4 — 10  Tage  nach 
:r  Infusion,  zeigte,  dass  die  Flüssigkeit  vollkommen  resorbiert  war.“ 
as  klingt  wieder  wenig  ermutigend. 

Was  Weinberg  ani  anderer  Stelle  veröffentlicht  hat,  ist  mir  nicht 
Tgänglich.  Backes,  von  der  Kölner  Kinderklinik  (M.m.W.  1921 
r.  34)  hat  61  mal  die  intraperitoneale  Infusion  ausgeführt  und  dabei 

6  Fällen  eine  tödliche  Peritonitis  erlebt.  (Eine  genaue  Statistik 
jhlt.)  „Wegen  dieser  Misserfolge  —  so  schreibt  er  zum  Schlüsse  — 
ussten  wir,  wenn  auch  ungern  die  intraperitoneale  Infusion  beim 
:hwer  ernährungsgestörten  Säugling  verlassen  und  begnügen  uns 
tzt  mit  andern  Methoden.“ 

Damit  wäre  der  kaum  geborenen  neuen  Methode  schon  das  Grab- 
pd  gesungen?! 

Ich  möchte  im  folgenden  durch  Beschreibung  eines  Falles  aus  meiner 
| raxis  für  die  intraperitoneale  Infusion  eine  Lanze  brechen,  vor  allem  auch 
r  die  Anwendung  derselben  durch  den  Praktiker.  Der  Zufall  wollte  es,  dass 
h  einige  Tage,  nachdem  ich  die  resignierte  B  a  c  k  e  s  sehe  Veröffentlichung 
Uesen  hatte,  zu  einem  3  monatigen  Kind  mit  schwerster  Intoxikation  ge¬ 
hen  wurde.  Heftige  Durchfälle  verbunden  mit  unstillbarem,  jede  Nahrungs- 
ifnahme  ausschhessendem  Erbrechen  hatten  einen  Zustand  stärkster  Wasser- 
marmung  hervorgerufen.  Der  bisher  behandelnde  Arzt  hatte  das  Kind  bereits 
hgegeben.  Ich  versuchte  nun  zunächst  ein  Kochsalzklystier  zu  geben,  was 
rer  sofort  wieder  entleert  wurde.  Darauf  injizierte  ich  ca.  80  g  physio- 
gische  Kochsalzlösung  subkutan  von  einer  Einstichstelle  aus  unter  weh- 
lagendem  Schreien  des  Kindes  und  heftigem  Widerstand  der  Eltern.  Als  ich 
oends  wiederkam,  war  das  Kind  trotz  der  gut  verteilten  und  teilweise  re- 
rrbierten  Flüssigkeit  sterbend,  in  tiefem  Koma,  die  Hornhaut  glanzlos, 
laktionslos,  die  Fontanelle  eingesunken,  die  Atmung  schnappend,  von  ein- 
hnen  gellenden  Schreien  unterbrochen.  Das  Ableben  war  in  3 — 4  Stunden 
a  erwarten.  In  dieser  Not  entschloss  ich  mich  nach  schwerem  inneren 
ampfe  (wegen  der  B  a  c  k  e  s  sehen  Ablehnung!)  und  trotz  der  inständigen 
itte  der  erschöpften  Mutter,  ihr  Kind  doch  in  Frieden  sterben  zu  lassen, 
■ir  intraperitonealen  Infusion.  Mein  bescheidenes  Instrumentarium  bestand 
us  einer  5  ccm  Rekordspritze  und  einer  4  cm  langen,  mittelstarken  Kanüle, 
ie  sorgfältig  ausgekocht  waren.  Nach  Desinfektion  der  Haut  mit  Alkohol 
nd  Jodtinktur  stach  ich  in  der  Sinken  Bauchseite  an  der  Grenze  des  äusseren 
tid  mittleren  Drittels  der  Verbindungslinie  zwischen  Nabel  und  Spina  iliaca 
uterior  Superior  ein  und  tastete  mich  vorsichtig  in  die  Tiefe.  Das  Durch- 
techen  des  Peritoneums  geschah  mit  einem  Ruck.  Ich  injizierte  sofort  etwas 
ochsalzlösung,  um  1.  den  etwa  anliegenden  Darm  wegzuschieben  und  2.  um 
eher  zu  sein,  mich  nicht  in  den  Muskelschichten  zu  befinden.  So  spritzte 
:h  dann  nach  und  nach  150  g  körperwarme  physiologische  Kochsalzlösung 
dt  einigen  Tropfen  Adrenalin  1:1000  bei  relativer  Rühe  des  Kindes  ein. 
’ie  Vorwölbung  des  Bauches  war  kaum  nennenswert. 

Da  erlebte  ich  das  Wunderbare.  Noch  während  der  Infusion  hellte  sich 
ie  so  erschreckend  glanzlose  Hornhaut  auf,  die  wachsartige  Blässe  des  Ge¬ 
eiltes  wich  einer  frisch-rosa  Farbe,  das  Kind  wurde  munterer,  atmete  regel- 
rissig,  der  Tod  war  gebannt.  Während  der  Nacht  war  das  Kind  sehr  durstig 
nd  nahm  zuin  erstenmal  Tee  zu  sich.  Am  nächsten  Morgen  wiederholte  ich 
ie  Infusion,  wieder  in  der  heimlichen  Furcht  vor  dem  Schreckgespenst  der 
eritonitis.  Diese  Furcht  war  um  so  begründeter,  als  1.  in  dem  einfachen 
rivathaushalt  Assistenz  und  Asepsis  natürlich  nicht  so  vollkommen  sein 
mnten  wie  in  einer  Klinik  und  2.  als  ich  jedesmal  die  Spritze  abnehmen 
nd  frisch  füllen  musste,  was  die  Infektionsgefahr  erhöhte.  Auch  das  zweite 
ial  gelang  die  Infusion  von  180  g  Flüssigkeit  ohne  Zwischenfall.  Ein  drittes 
'-al  konnte  ich  mich  nicht  mehr  dazu  entschlossen,  sondern  begnügte  mich 
nt  2  subkutanen  Injektionen  ä  60  g.  Mittlerweile  war  das  Kind  soweit,  dass 
s  abgespritzte  Frauenmilch,  Mi  stündlich  einige  Teelöffel,  ferner  heissen 
ee  mit  Saccharin  vertrug.  Als  die  Frauenmilch  nicht  mehr  ausreichte,  ver¬ 
achte  ich  vorsichtig  Eiweissmilch,  zunächst  mit  Saccharin,  später  mit  3  Proz. 
rihrzucker  (bis  7  Proz.)  Ausserdem  wurde  das  Kind  alle  3  Stunden  in  ein 
mgdauerndes  heisses  Bad  gesteckt,  dann  tüchtig  frottiert,  bekam  2  stündlich 
.offein  0,12  subkutan,  abwechselnd  mit  Pituitrin  0,25.  Als  Schlafmittel  wurde 
n  Anschluss  an  die  Infusion  0,5  Chloralhydrat  per  rectum  gegeben,  wonach 
as  Kind  sofort  einschlief.  Nach  schweren  aufregenden  Tagen  hatte  sich  das 
indchen  dank  der  unermüdlichen  Pflege  und  genauester  Befolgung  aller  ärzt¬ 


licher  Anordnungen  durch  die  Mutter  soweit  erholt,  dass  es  die  Eiweissmilch 
in  grösseren  Mengen  vertragen  konnte.  Die  Tagesmenge  betrug  zunächst 
100  und  stieg  dann  langsam  auf  300,  400,  bis  auf  800  und  900  g.  Das  Kör¬ 
pergewicht  betrug  vor  der  Krankheit  4600  g,  fiel  in  der  kritischen  Zeit  auf 
3400  und  beträgt  jetzt,  nach  4  Wochen,  4900  g,  also  eine  Zunahme  von  3  Pfd. ! 

In  unserm  Falle  hat  also  die  intraperitoneale  Infusion  ein  Wunder 
gewirkt  und  ein  vom  Kollegen  aufgegebenes  Kind  dem  sicheren  Tode 
entrissen.  Ich  möchte  daher  meinen  Kollegen  Ln  der  Praxis  trotz  der 
Misserfolge  Backes’  dringend  empfehlen,  in  ähnlich  desolaten  Fäl¬ 
len  von  kindlicher  Ernährungsstörung  nicht  tatenlos  und  resigniert 
zuzusehen,  sondern  das  letzte  Mittel  anzuwenden,  das  uns  mit  der  intra¬ 
peritonealen  Infusion  in  die  Hand  gegeben  ist. 


Ueber  Behandlung  der  Pernionen  und  der  chronischen 
Erfrierungen  mit  Schilddrüsenpräparaten. 

Von  Heinrich  Emb  den -Hamburg. 

Ausgangspunkt  der  hier  mitzuteilenden  Erfahrungen  war  die  Be¬ 
obachtung  eines  Falles  von  leichter  chronischer  Hypothyreosis,  der 
neben  anderen  Erscheinungen  frostbeulenähnliche,  schmerzende  und 
juckende  rote  und  blaurote  Flecken  an  den  Fingern  zeigte,  die  bei 
der  eingeleiteten  Behandlung  (Mercks  Thyreoglobulin,  später 
Merck  s  Schilddrüsentabletten)  mit  den  anderen  Erscheinungen 
schwanden. 

Es  wurden  daraufhin  gewöhnliche  Frostbeulen  in  einer  Reihe  von 
Fällen  mit  Schilddrüsenpräparaten  behandelt.  Dabei  trat  in  einer  An¬ 
zahl  von  Fällen  bei  anhaltender  Kälte  und  fortdauernder  Schädigung 
der  Finger  durch  Arbeit  mit  nassem  Material  (z.  B.  Krankenschwester 
im  Operationssaal)  ganz  überraschend  schnell  Heilung  ein.  In  anderen 
Fällen  war  die  Therapie  wirkungslos. 

Sehr  auffallend  war  die  prompte  und  vollständige  Heilung  von 
chronischen  Frostschäden.  Ein  Fliegerleutnant,  der  bei  strengem  Fiost 
abgeschossen  24  Stunden  hilflos  zwischen  der  feindlichen  und  unserer 
Stellung  liegend  schwere  •  Erfrierungen  der  Hände  und  Füsse  davon¬ 
getragen  hatte,  bekam  alljährlich  schon  im  Frühherbst  erneute  blaurote 
Schwellung  der  geschädigten  Glieder  mit  starken  subjektiven  Be¬ 
schwerden.  Die  Behandlung  mit  Schilddrüsentabletten  setzte  zur  Zeit 
des  Bestehens  dieser  Störungen  im  Oktober  ein  und  führte  in  14  Tagen 
zur  völligen  Abschwellung  und  Beschwerdefreiheit.  —  Noch  auffallen¬ 
der  war  die  Heilung  einer  jungen  Dame  von  22  Jahren,  die  alljährlich 
analoge  Folgen  einer  im  Alter  von  7  Jahren  bei  einer  langen  Schlitten¬ 
fahrt  erlittenen  schweren  Erfrierung  der  Gliedmassen  zu  erdulden  hatte. 
Auch  hier  volle  Heilung  des  sehr  störenden  Zustandes  zur  Zeit  seiner 
höchsten  Entwicklung  nach  Verbrauch  eines  Glases  der  Tabletten.  Die 
Heilung  hält  hier  jetzt  2  Jahre  an. 

Klinisch  konnten  die  Erscheinungen  bei  den  Versagern  nicht  von 
denjenigen  bei  den  günstig  beeinflussbaren  Fällen  unterschieden  wei¬ 
den.  Vielleicht  werden  Stoffwechseluntersuchungen  die  Unterscheidung 

ermöglichen.  ^  ...  .., 

Wie  Lenk  bei  seiner  Röntgenbehandlung  dfcr  Pernionen  (M.m.W. 
1922,  S.  87),  nehme  ich  auch  bei  der  Thyreoideabehandlung  eine  Be¬ 
einflussung  der  geschädigten  Gefässe  an. 

Wie  die  Röntgenbehandlung  ist  auch  die  Schilddrüsenbehandlung 
eine  Methode  mit  differentem  Mittel.  Beide  Methoden  erfordern  sorg¬ 
fältige  Dosierung  (Beginn  mit  kleiner  Dosis  und  Kontrolle).  Jüngere 
Kinder  habe  ich  nicht  behandelt.  Weitere  Untersuchungen  sind  er¬ 
wünscht  und  dürften  besonders  bei  chronischen  Frostschäden  praktisch 
bedeutsam  sein,  aber  auch  des  theoretischen  Interesses  (Beziehungen 
der  Frostbeulen  zur  Konstitution)  nicht  ermangeln. 


Aus  der  Hautklinik  der  Städtischen  Krankenanstalt  in  Bremen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Hahn.) 

Ein  Beitrag  zur  Naftalantherapie. 

Von  Dr.  Kurt  Sauerbrey,  Assistent  der  Klinik. 

Während  des  Krieges  war  Naftalan  nicht  lieferbar,  wie  ja  so 
manches  gute  therapeutische  Mittel.  Jetzt  ist  es  seit  geraumer  Zeit 
als  Naftalan  pur.  germ.  wieder  erschienen  und  wir  gingen  freudig 
dazu  über,  die  alte  Naftalantherapie  wieder  aufzunehmen. 

Naftalan  bildet  bekanntlich  eine  fast  geruchlose  _  salbenähnliche 
Masse  von  dunkelbrauner  Farbe.  Es  vermischt  sich  leicht  mit  Fetten 
und  Salben  in  jeder  Konzentration,  löst  sich  gut  in  Aether  und  Chloro¬ 
form,  ist  unlöslich  in  Glyzerin  und  Wassern  _ 

Die  alten  guten  Eigenschaften  des  Naftalans  haben  wir  wieder 
bestätigt  gefunden:  anästhesierend,  antiphlogistisch,  reduzierend  und 
antiseptisch. 

Das  Hauptanwendungsgebiet  des  Naftalans  ist  das  Ekzem,  ins¬ 
besondere  das  chronische  Ekzem.  Wir  Hessen  Naftalan  zweimal  täglich 
messerrückendick,  am  besten  auf  Leinwandlappen,  auftragen  und  mil¬ 
derten  so  sehr  schnell  den  Juckreiz  und  das  Spannungsgefühl,  ganz  gleich, 
ob  es  sich  um  Ekzeme  mit  oder  ohne  Hautinfiltrationen  handelte.  Die 
Heilungstendenz  zeigte  sich  der  des  Teers  zum  mindesten  ebenbürtig, 
wenn  nicht  gar  in  manchen  Fällen  überlegen,  ganz  abgesehen  von  der 
fast  völligen  Geruchlosigkeit  des  Naftalans.  Nie  zeigten  sich  Ueber- 
rasdnmgen  unangenehmer  Art  wie  bei  manchen  anderen  Medi¬ 
kamenten,  wir  erinnern  nur  an  die  Teerpräparate,  Ueberraschungen,  die 


202 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  6. 


sich  trotz  grösster  Vorsicht  nicht  immer  vermeiden  lassen.  In  jedem  I 
Stadium  des  Ekzems  wurde  Naftalan  gut  vertragen  und  entfaltete  seine  | 
glänzende  Heilwirkung,  so  dass  es  auch  für  den  praktischen  Arzt  ein  | 
nicht  zu  unterschätzendes,  bequemes  und  sicheres  Mittel  in  der  | 
Therapie  des  Ekzems  jeden  Stadiums  bildet. 

Wir  wandten  Naftalan  hier  in  unserer  Klinik  bei  allen  Arten  von 
Ekzemen,  bei  Epididymitis  und  Arthritis  gonorrhoica  an.  Vereinzelte 
Fälle  der  Naftalananwendung  waren  Verbrennungen  I.  und  II.  Grades 
und  Pruritus  senilis. 

Der  Dreher  M.  S.  litt  seit  3  Wochen  an  einem  pustulösen  Ekzem  der 
Finger  und  squamösen  Ekzem  der  Handflächen  und  Handrücken.  Unter 
indifferenten  Verbänden  verschwand  bald  der  pustulöse  Charakter  des  Ekzems, 
der  squamöse  dagegen  blieb  erhalten,  ebenso  der  lästige  Juckreiz.  Nach 
zweitägiger  Anwendung  von  Naftalan  war  der  Juckreiz  und  das  Spannungs- 
gefühl  verschwunden  und  nach  weiteren  vier  Tagen  Naftalanbehandlung  wurde 
der  Patient  als  geheilt  entlassen. 

Aehnlich  in  die  Augen  spfingerid  war  der  Erfolg  des  Naftalans  bei 
einem  anderen  Patienten. 

Der  Zigarrenkistenmacher  E.  B.  war  schon  öfter  in  unserer  Klinik  wegen 
Ekzem  der  Hände  kürzere  oder  längere  Zeit  behandelt  und  geheilt  worden. 
Als  er  am  27.  VI.  1921  wieder  erschien,  bestand  seit  sechs  Wochen  ein 
squamöses  Ekzem  an  den  Händen  und  Unterarmen,  das  sich  seit  einigen  Tagen 
wahrscheinlich  auf  dem  Wege  der  reflektorischen  Gefässalteration  über  den 
ganzen  Körper  verbreitet  hatte.  Nachdem  unter  Zink-  und  Ichthyolsalben¬ 
verbänden  keine  wesentliche  Besserung  eintrat,  wandten  wir  Naftalan  an. 
Nach  sechs  Tagen  Naftalanbehandlung  war  das  Ekzem  abgeheilt. 

Mit  Naftalan  behandelten  wir  ferner  die  vielen  postskabiösen  Ek¬ 
zeme,  die  hier  zahlreich  in  der  Klinik  zur  Behandlung  kamen.  Diese 
meist  impetiginösen  Ekzeme,  die  oft  sehr  hartnäckig  sind  und  infolge 
des  Juckreizes  den  Patienten  häufig  veranlassen,  auf  eigene  Faust  noch 
mehrere  Krätzekuren  zu  machen,  heilten  unter  Naftalan  schnell  aus. 
Die  nässenden  Hautstellen  und  schmerzhaften  Rhagaden  schlossen  sich 
in  kürzester  Frist,  auch  hinterblieb  kein  Juckreiz,  der  ja  öfter  bei 
Leuten,  die  längere  Zeit  an  Krätze  leiden,  zur  Beobachtung  kommt. 

Bei  Brustwarzenekzemen,  die  wir  mit  Naftalan  behandelten,  fanden 
wir  die  gute  Wirkung  des  Mittels  bestätigt.-  Die  Kranken  hatten  fast 
immer  schon  alles  mögliche  versucht,  um  dieses  lästige  Ekzem,  das  am 
häufigsten  und  längsten  jeglicher  Behandlung  trotzt,  zur  Ausheilung  zu 
bringen,  unter  Naftalan  heilten  Brustwarzenekzeme  mit  ihren  Rhagaden 
schnell  ab. 

Nicht  unerwähnt  wollen  wir  die  Erfolge  der  Naftalantherapie  bei 
Brandwunden  I.  und  II.  Grades  lassen.  Hierbei  kommt  in  besonders 
günstiger  Weise  die  schmerzstillende,  entzündungswidrige  und  redu¬ 
zierende  Wirkung  des  Naftalans  zur  Geltung.  Zur  Heilung  bedurfte  es 
einer  verhältnismässig  viel  kürzeren  Zeit  als  bei  den  sonst  gebräuch¬ 
lichen  Mitteln.  Die  Naftalantherapie  lässt  das  unangenehme  Ein¬ 
trocknen  und  lästige  Ankleben  der  Verbandstoffe  fortfallen,  ist  fast 
geruchlos  und  führt  zur  Bildung  schöner  glatter  Narben.  Bei  Brand¬ 
wunden  III.  Grades  ist  das  Naftalan  wie  überhaupt  Salben  und  ähnliche 
Präparate  nicht  zu  empfehlen,  da  man  mit  trockenen  und  entsprechend 
saugenden  antiseptischen  Mitteln  besser  zum  Ziele  gelangt. 

Mit  gutem  Erfolge  wandten  wir  Naftalan,  indem  wir  es  dünn  auf¬ 
tragen  Hessen,  bei  , Pruritus  senilis  an.  Zu  einer  restitutio  ad  integrum 
kam  es  natürlich  nicht,  was  ja  bei  dieser  Sensibilitätsneurose  nicht 
weiter  verwunderlich  ist.  Jedoch  'schliefen  die  Kranken,  die  vorher 
infolge  des  Juckreizes  wenig  geschlafen  hatten  und  sehr  herunter¬ 
gekommen  waren,  ohne  Narkotika  gut  und  erholten  sich  zusehends,  da 
der  Juckreiz  sich  so  milderte,  dass  die  Patienten  nicht  zu  kratzen 
brauchten,  oder  doch  nur  abgeschwächt  anfallsweise  auftrat. 

Zahlreich  sind  die  Fälle  von  Epididymitis,  bei  denen  wir  Naftalan 
anwandten.  Wir  sahen  stets,  dass  die  erheblichen  Schmerzen  in  Kürze 
schwanden  und  die  Schwellung  schnell  resorbiert  wurde,  so  dass  die¬ 
jenigen  Kranken,  die  mit  Ichthyol-,  Jodkalisalben  u.  a.  behandelt 
wurden,  nach  Naftalan  verlangten.  Wir  haben  dabei  nie  eine  Reizung 
der  Skrotalhaut  gesehen,  wie  sie  zuweilen  bei  Ichthyol,  wahrscheinlich 
infolge  seines  hohen  Schwefelgehaltes,  vorkommt.  Mit  Naftalan  haben 
wir  selbst  die  ältesten  Fälle  von  Epididymitis  gut  und  schnell  der 
Ausheilung  entgegengeführt.  Der  Krankheitsverlauf  war  durchschnitt¬ 
lich  viel  kürzer,  als  bei  der  sonst  gebräuchlichen  Behandlung,  die 
Resolution  war  eine  vollständige. 

Das  Gleiche  gilt  von  den  Gelenkerkrankungen  gonorrhoischen  Ur¬ 
sprungs.  Wir  wissen  ja.  dass  die  Behandlung  dieser  gonorrhoischen 
Komplikation  eine  höchst  undankbare  ist.  Naftalan  führt  jedoch  bei 
dieser  Erkrankung  am  schnellsten  zum  Ziele,  da  es  viel  rascher  als  die 
sonst  üblichen  Mittel  das  befallene  Gelenk  schmerzfrei  und  damit  be-, 
weglicher  macht,  dazu  kommt,  dass  man  bei  der  Naftalanbehandlung 
keine  festen  Verbände  braucht,  ja  nicht  einmal  anlegen  soll,  damit  das 
Naftalan  nicht  zu  sehr  in  den  Verband  einzieht.  Somit  ist  der  Kranke 
eher  in  der  Lage,  das  Gelenk  selbst  zu  bewegen,  schon  zu  einer  Zeit, 
in  der  es  zu  stärkeren  Verwachsungen  nicht  gekommen  ist. 


Ueber  Novasurol. 

Von  Dr.  O.  Bur  winke  1 -Bad  Nauheim. 

Auf  meine  Veranlassung  wandte  Kollege  Hubert  (diese  Wochen¬ 
schrift  1921/48)  das  Novasurol  bei  16  Kranken  von  mir  an,  deren  hydro- 
pische  Schwellungen  durch  die  üblichen  Diuretika  nicht  oder  nur  un¬ 
vollständig  beseitigt  werden  konnten.  Zweifellos  stellt  dies  neue 
Huecksilberpräparat  eine  glückliche  Bereicherung  in  der  Therapie  der 


Oedeme  dar,  leider  aber  auch,  wie  das  Kalomel.  „eine  zweischneidige 
Waffe,  zu  der  man  erst  seine  Zuflucht  nehmen  soll,  wenn  alle  Mittel 
versagen“  („Krankheiten  des  Herzens  und  der  Gefässe“.  Bergmanns 
Verlag).  So  kommt  es  relativ  oft  schon  nach  einer  einzigen  intra¬ 
venösen  Applikation  von  nur  0,075  Novasurol  (=  Vz  Ampulle)  zu  höchst 
unbequemer  Hg-Intoxikation,  ausserdem  aber  noch  zu  anderen  un¬ 
angenehmen  Nebenerscheinungen,  wie  ich  dies  gerade  in  den  letzter. 
Wochen  erlebte. 

Bei  einem  58  jähr.  Manne  mit  Mesaortitis  luetica  und  Nephrosklerose 
traten  unmittelbar  nach  solcher  Injektion  heftiger  Schüttelfrost  und  Fieber 
bis  39,2  mit  lästiger  Ischurie  auf.  Mit  Einsetzen  der  Harnflut  (3,5  Liter  in 
24  Stunden)  Hess  alles  nach.  Noch  viel  unangenehmer  reagierte  eine  49  jähr. 
Dame  mit  maligner  Nephrosklerose  und  völliger  Herzdekompensation  auf  die 
gleiche  Einspritzung:  auch  hier  plötzlicher  Fieberanstieg  auf  39,6  unter  starken 
Schüttelfrösten  und  unerträglicher  Stuhldrang  mit  Abgang  von  etwas  Blut, 
so  dass  Patientin  die  ganze  Nacht  auf  der  Bettpfanne  sitzen  musste.  Am 
nächsten  Tage  hörten  diese  Beschwerden  wohl  auf,  nicht  aber  die  scheussliche 
Stomatitis,  welche  sich  trotz  tadelloser  Beschaffenheit  und  Pflege  der  Zähne 
eingestellt  hatte.  Da  diese  Kranke  vor  2  Monaten  einen  schweren  urämischen 
Anfall  überstanden  und  im  Urin  über  1  Prom.  Albumen,  hyaline,  granulierte, 
wachsartige  Zylinder,  Erythrozyten  und  Blutschatten  gezeigt  hatte,  so  ent¬ 
schloss  ich  mich  nur  auf  ihr  eigenes  Drängen  zur  Anwendung  von  Novasurol, 
von  dessen  glänzender  diuretischer  Wirkung  sie  gehört  hatte.  Die  Diurese 
wurde  auch  besser  —  2  Liter  gegen  %  Liter  im  Durchschnitt  —  und  eint 
nachweisbare  Schädigung  der  Nieren  blieb  glücklicherweise  aus.  Trotz  zu¬ 
nehmender  Oedeme  wage  ich  keine  weiteren  Injektionen  zu  machen 
Uebrigens  stellen  sich  bei  dieser  Patientin  auf  Diuretin,  Theocin,  Digitalis 
I  Cymarin,  Strophantin  jedesmal  Erbrechen,  Kopfschmerzen  und  gastrische 
Symptome  ein. 

Nach  meinen  Beobachtungen  ist  die  diuretische  Wirkung  vor 
Novasurol  dann  am  ausgesprochensten,  wenn  die  Urinabsonderung  aucr 
noch  durch  Digitalis  und  Theobrcminpräparate  günstig,  wenn  auch  niclr 
entscheidend  zu  beeinflussen  ist.  Für  die  Praxis  empfehle  ich  die  Nova- 
surolinjektionen  möglichst  am  Morgen  vorzunehmen,  damit  die  Nacht 
ruhe  nicht  durch  das  ständige  Urinieren  gestört  wird,  sowie  Bettruht 
und  Milchdiät  an  dem  Tage  der  Einspritzung  beobachten  zu  lassen 
Auch  möchte  ich  raten,  bei  Kranken,  deren  Oedeme  trotz  chronische: 
Digitalisdarreichung  immer  wiederkehren,  etwa  alle  2 — 3  Wochei 
0,1 — 0,2  Novasurol  zu  injizieren,  um  eine  optimale  Entwässerung  her¬ 
beizuführen.  Man  darf  getrost  behaupten,  dass  künftighin  Kalomel  ah 
Diuretikum  zweckmässig  durch  das  prompt  und  energisch  wirkendi 
Novasurol  ersetzt  wird.  Es  imponiert  dem  Kranken  ganz  gewaltig 
wenn  genau  so  wie  der  Arzt  es  ihm  gesagt  hat,  2 — 3  Stunden  nach  de 
intravenösen  Injektion  der  Urin  literweise  abgeht  und  die  wasser 
süchtigen  Schwellungen  abnehmen. 


Kurze  Bemerkung  zur  Sauerbruchoperation  und 

-prothese. 

Von  Prof.  Dr.  August  Blencke,  Magdeburg.  J 

ln  Nr.  50  des  vorigen  Jahrganges  dieser  Wochenschrift  findet  sic! 
ein  Referat  über  einen  von  mir  in  der  Magdeburger  medizinische) 
Gesellschaft  gehaltenen  Vortrag  über  Neuerungen  im  Prothesen-  utr 
Apparatebau,  das  nicht  von  mir  stammt  und  aus  dem  man  heraus 
lesen  muss,  dass  ich  kein  Freund  der  Sauerbruch  arme  sei.  Das  is 
nun  aber  keineswegs  der  Fall,  spndern  ich  schätze  die  Operation  un 
die  Arme  sehr  hoch.  Ich  habe  keineswegs  gesagt,  dass  alle  frühere 
S  a  u  e  r  b  r  uc  h  operierten  etwa  zu  anderen  Systemen  übergehen  wür 
den,  sondern  ich  habe  nur  erwähnt,  dass  bei  vielen  nach  Sauer 
bruch  Operierten  die  Kanäle  nicht  den  an  sie  gestellten  Anfor 
derungen  gewachsen  wären  und  dass  diese  mit  dem  künstlichen  Arr 
nicht  das  leisten  könnten,  was  sie  erhofft  hätten.  Das  habe  aber  nich 
an  der  Operation  als  solcher  gelegen,  sondern  lediglich  an  der  nicli 
zweck-  und  sachgemässen  Ausführung  derselben.  Es  gab  ja  leide 
eine  Zeit,  in  der  sich  so  viele  Operateure  daran  machten,  Kanäle  i 
den  Muskeln  zu  bilden,  ohne  dass  sie  sich  genügend  an  Ort  und  Stell 
über  die  Operation  und  noch  vieles  andere  mehr  unterrichtet  hatte) 
Diese  waren  dann  wenig  oder  gar  Dicht  zu  gebrauchen  und  brachte 
die  an  sich  sehr  gute  Methode  an  manchen  Orten  in  Misskredit  nich 
nur  bei  den  Amputierten  selbst,  sondern  auch  bei  den  Aerzten.  Nac 
meinem  Dafürhalten  sind  die  S”a  ue  r  b  r  u  c  harme  zur  Zeit  immer  noc 
die  besten  selbsttätigen  Kunstarme,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  e 
sich  um  gute,  derbe  Kanäle  handelt  und  dass  die  Muskeln  die  nötig 
Kraft  und  Zuglänge  haben.  Ich  kenne  die  Vorzüge  dieser  Method 
aus  eigener  Erfahrung,  habe  selbst  auf  meinem  Kommando  in  Singe 
im  Jahre  1918  Gelegenheit  gehabt,  mich  von  ihrem  Wert  an  viele 
Amputierten  zu  überzeugen,  kenne  auch  viele  nach  Sauerbruc 
Operierte,  die  mit  ihren  Armen  sehr  zufrieden  sind  und  auch  gi 
fertig  werden.  Uebung  ist  aber  a.UjCh  bei  diesen  Systemen  nötig,  d' 
Arme  arbeiten  nun  einmal  nicht  allein  und  so  gibt  es  denn  auch  unti 
diesen  nach  Sauerbruch  Amputierten  manch  einen,  der  mit  seine) 
Arm  nichts  leistet,  weil  es  ihm  eben  an  der  nötigen  Energie  un 
Uebung  fehlt,  und  diese  sind  es  dann  meist,  die  alle  anderen  Arn 
Systeme,  die  auf  dem  Markt  erscheinen,  durchprobieren  und  zw; 
immer  aus  begreiflichen  Gründen  ohne  nennenswerten  Erfolg. 

Dass  die  Sauerbrucharme  natürlich  den  verloren  gegangene 
Arm  nicht  voll  und  ganz  ersetzen  können,  liegt  ja  klar  auf  der  Han. 
Das  ist  aber  bei  allen  anderen  Armsystemen  auch  der  Fall,  unte 
denen  ich  übrigens  die  Kresser-  und  Pietscharme  nicht  als  di 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Februar  1922. 


203 


lendetsten  bezeichnet  habe.  Ich  habe  diese  mit  den  Carnes-, 
n  g  e Hirsch-  und  anderen  ähnlichen  Armen  auf  eine  gleiche 
ife  gestellt  und  habe  nur  davon  gesprochen!  dass  sie  zeitlich  die 
■teil  sind,  die  über  die  anderen  Systeme  hinaus  ihre  Entwicklung 

lomrnen  haben. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  in  Giessen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  v.  Jaschke.) 

r  Behandlung  der  Zervixgonorrhöe  durch  Choieval- 
tamponade  des  Uterus. 

Von  Dr.  Rudolf  Salomo n,  Assistent  der  Klinik. 

ln  der  M.m.W.  1921  Nr.  17  teilte  H  a  e  n  d  1  ein  Verfahren  mit,  das  die 
! vixgojiorrhöe  Schneller  als  die  bisherigen  Methoden  heilen  sollte, 
ne  Behandlung  bestand  darin,  dass  er  die  Gebärmutterhöhle  mit 
ilevalstäbchen  und  -bröckelchen  austamponierte,  indem  er  1—4  Stifte 
ch  den  Zcrvikalkanal  nach  Uebcrwindung  des  inneren  Muttermundes 
das  Uteruskavum  schob. 

Da  wir  leider  mit  einem  sehr  reichlichen  Gonorrhöematerial  ge¬ 
ilet  sind,  und  sich  bei  uns  bis  jetzt  noch  keine  Methode  zur  Be- 
ipfung  der  aszendierenden  Gonorrhöe  als  wirklich  brauchbar  er- 
s,  so  entschlossen  wir  uns  in  Hinsicht  auf  die  günstigen  und  korn- 
ationslosen  Erfolge,  über  die  Haendl  berichten  konnte,  trotz 
änglicher  Skepsis,  zur  Nachprüfung  seines. Verfahrens. 

Auf  Grund  unserer  Untersuchungen  können  wir  H  a  e  n  d  1  s  gute 
Imitate  ganz  und  gar  nicht  bestätigen,  sondern  im  Gegenteil  nur 
eilt  trübe  Beobachtungen  mitteilen.  Bei  15  Kranken  wurde  nach 
Originalvorschrift  die  Uterus-Cholevaltamponade  unter  streng  asep- 
hen  Kautelen  durchgeführt.  Im  Anschluss  an  diese  Therapie  stell¬ 
sich  bei  drei  Fällen  Komplikationen  ein.  wie  wir  sie  bei  keinem 
erer  übrigen  Behandlungsverfahren  gewohnt  sind.  So  wurden  zwei- 
Pyosalpingen  und  Parametritiden  ausgelöst,  die  schwerste  kli- 
:he  Krankheitsbilder  machten,  und  bei  einer  dritten  Frau  genügten 
ii  Uterustamponaden,  um  den  bereits  abgeklungenen  einseitigen 
ametranen  Prozess  wieder  zum  Aufflackern  zu  bringen,  sodass  sie 
Folge  unserer  Behandlung  zwei  hühnereigrosse  Adnextumoren  sowie 
;  Parametritis  posterior  bilateralis  davontrug.  Hier  sollen  kurz  die 
i  Leidensgeschichten  folgen: 

j7  a  O  1.  Frl.  L.,  23  Jahre,  J.-Nr.  309/21,  Gonorrhöe  seit  3  Monaten, 
der  Aufnahme  Genitale  normal,  ausser  geringer  Druckempfindlichkeit  der 
in  Adnexe.  Die  rechten  Adnexe  absolut  frei.  Nach  fünfmaliger  Choleval- 
oonade  des  Uterus  waren  die  Gonokokken  noch  nicht  geschwunden, 
:gen  stellten  sich  plötzlich  hohe  Temperaturanstiege  ein  bei  heftigsten 
lektiven  Beschwerden  im  Unterleib.  Die  innere  Untersuchung  ergab,  dass 
echten  Adnexe  jetzt  einen  gänseeigrossen,  prall  elastischen,  ausser- 
nthch  empfindlichen  Adnextumor  bildeten,  der  das  Scheidengewölbe  stark 
wölbte.  Die  linken  Adnexe  waren  ebenfalls  zu  einem  kleineren  entzünd¬ 
in  Tumor  umgewandelt.  In  der  Folgezeit  gesellte  sich  noch  eine  Para- 
itis  posterior  hinzu.  Die  Leukozytenzahl  schwankte  um  17  000.  Nach 
rmonatlichem  Klinikaufenthalt  waren  die  Gebärmutteranhänge 
ler  einigermassen  zurückgebildet. 

Fall  2.  Frl.  R.,  21  Jahre,  J.-Nr.  441/21.  Bei  der  Aufnahme  Urethritis, 
lzitis  und  Kolpitis  gonorrhoica.  Uterus  und  Adnexe  bei  der  Betastung 
aal.  Im  Anschluss  an  eine  einzige  Cholevaltamponade  traten 
were  beiderseitige  Adnextumoren  und  Parametri- 
e  n  auf.  Patientin  konnte  erst  nach  weiteren  10  Wochen  aus  der 
ik  entlassen  werden. 

Fall  3.  Frl.  R.,  32  Jahre,  J.-Nr.  725/21.  Patientin  war  mit  einem 
eneigrossen,  linksseitigen  Adnextumor  und  leichter  Parametritis  posterior 
irrhoica  aufgenommen  worden.  Durch  resorbierende  Verfahren  war  die 
vellung  zurückgegangen  und  die  Patientin  temperaturfrei.  Da  stets  noch 
pkokken  im  Urethral-  und  Zervixsekret  nachweisbar  waren,  wurde  die 
evaltamponade  versucht.  Nach  der  zweiten  Tamponade  stellten  sich 
ge  klinische  Ei scheinungen  ein,  der  Tastbefund  ergab  beiderseitige 
mereigrosse  Adnextumoren  und  Parametritis 
•  t  e  r  i  o  r. 

Diese  Beispiele  dürften  genügen,  um  die  Uterus- 
olevaltamponade  abzulehnen,  ja  geradezu  davor 
warnen.  Auffallend  ist.  dass  Haendl  nur  über  gute  Erfolge 
cnten  konnte;  leider  ist  aus  seiner  Arbeit  nicht  die  Zahl  seiner 
eilten  Fälle  zu  ersehen  und  auch  nicht  die  Dauer  des  Heilungs- 
aufes  angegeben,  sondern  nur  erwähnt,  dass  „die  Hälfte  der  frü- 
:n.  Behandlungsdauer  erforderlich  ist“.  Wie  unsere  übrigen  Fälle, 
ehe  keine  gröberen  Adnexveränderungen  hervörriefen,  zeigen, 
'en  sich  keine  günstigeren  Heilungsverläufe  erzielen,  als 
anderen  Verfahren.  Die  Gonokokken  waren  auch  nach  wiederhol- 
lamponaden  nicht  'geschwunden. 

Meines  Erachtens  sind  die  Erwägungen  H  a  e  n  d  1  s.  „dass  die  Gefahr 
Verschleppung  der  Gonokokken  gegen  die  Tube  nicht  sehr  gross  sein 
i  ,  nicht  stichhaltig.  Die  in  der  Scheide  und  Cervix  befindlichen 
nokokken  werden  sicherlich  in  die  bis  dahin  vielleicht  noch 
otreie  Gebärmutterhöhle  verschleppt.  Es  ist  recht  zweifel- 
ob  die  Cholevalwirkung  jedes  Mal  ausreicht,  um  sämtliche  nach 
i  transportierte  Krankheitserreger  zu  vernichten.  Andererseits  las- 
sich  kleine  Verletzungen  an  der  entzündlichen  Zervixschleim¬ 
oder  an  der  Uterusinnenfläche  beim  Einführen  der  Stäbchen,  die 
r  schnell  erweichen  und  biegsam  werden,  nicht  vermeiden,  da 
na I erweise  die  Uteruswände  aneinanderliegen  und  jetzt  für  ein  bis 
otäbchen  Platz  geben  sollen.  Auf  diese  Weise  werden  also  die 


Gonokokken  in  das  Tubenlumcn,  in  die  Parametrien  und  in  die  Blutbahn 
j  förmlich  inokuliert.  Hinzu  kommt  noch,  dass  sich  an  dem  äusseren 
Muttermund  bei  den  chronischen  Entziindungsprozessen  oft  Erosionen 
j  finden,  deren  Mischflora  ebenfalls  nach  oben  verschleppt  wird. 
Unsere  Erfahrungen  bestätigen  voll  und  ganz  diese  U  e  b  er¬ 
leg  u  n  g  e  n. 

Wenn  auch  die  schnellere  Herausbeförderung  des  keimhaltigen 
Uterusschleims  theoretisch  günstig  ist,  so  möchten  wir  doch  der  Mobi- 
}  lisierung  des  Zervix-  und  Uterusschleimes  nicht  die  Bedeutung  bei¬ 
messen,  wie  es  H  a  e  n  d  1  tut.  Die  bakterizide  Kraft  des  Zervix¬ 
schleimpfropfes.  der  den  besten  Schutz  wall  gegen  die  reichliche 
Bakterienflora  der  Scheide  bildet,  kann  nicht  hoch'  genug  bewertet  wer¬ 
den.  weil  sonst  der  aszendierenden  M  i  s  c  h  f  1  o  r  a  Tür  und  Tor 
geöffnet  ist. 

Abgesehen  von  diesen  rein  klinischen  Erwägungen  ist  der  Eingriff 
j  für  die  Kranken  recht  unangenehm,  und  klagen  sie  beim  Einführen 
|  ^fr  sehr  lebhafte  Schmerzen,  die  oft  eine  Stunde  und  länger 
I  anmuten,  so  dass  sie  die  Uterustamponade  über  alles  fürchten.  Auch 
für  Arzt  und  Personal  ist  das  Verfahren  anstrengender  und  zeitrauben¬ 
der  wie  die  üblichen  Behandlungsmethoden,  und  für  den  praktischen' 
Arzt  schon  deshalb  ungeeignet,  weil  es  bei  schonendem  Vorgehen 
Assistenz  und  strengste  Asepsis  erforderlich  macht. 

Von  diesen  Gesichtspunkten  aus  kommen  wir  zu 
'  dem  Schlüsse,  dass  die  Uterustamponade  mit  C  h  o  1  e  - 
:  valstäbchen  gefährlich  ist  bei  zweifelhaftem  Hei¬ 
lungsei  folge  und  daher  für  die  Praxis  unbrauchbar. 


Zum  Jodismusproblem. 

Von  Dr.  0.  Muck-Essen. 

Zu  der  Veröffentlichung  von  M.  R.  Bonsmann  über  Jodismus 
bei  Potatoren  in  Nr.  52  der  M  m.W.  1921  und  zu  dem  Erklärungs¬ 
versuch  der  Jodnebenwirkung,  die  Bonsmann  bei  Alkohol-  und 
Nikotinmissbrauch  feststellt  sei  von  mir  auf  Mitteilungen  verwiesen, 
die  ich  1900  aus  der  Rostocker  Ohrenklinik  (Prof.  Körner)  machte 
B  o  n  s  m  a  n  n  beobachtete,  dass  bei  allen  Trinkern  Schnupfenund 
vermehrte  Tränensekretion  als  Folgeerscheinung  einer 
experimenti  causa  verabreichten  Jodlösung  auftraten;  die  gleichen  Er¬ 
scheinungen  stellte  er  bei  Rauchern  fest. 

Ich  fand  damals,  dass  wenn  Rhodankalium,  das  in  der  Regel  im 
menschlichen  Speichel  angetroffen  wird,  nachweisbar  'ist,  es  sich  im 
Nasen  -  und  Konjunktivalsekret1)  ebenfalls  feststellen  liess, 
eine  bis  dahin  unbekannte  Tatsache  Es  stellte  sich  ferner  heraus,  dass 
bei  Kranken  mit  hohem  Rhodangehalt  in  genannten  Sekreten,  wenn  zu¬ 
fällig  Jodkali  verabreicht  wurde,  Jodismus  auf  trat,  während  Menschen, 
die  rhodanarm  oder  frei  in  genannten  Sekreten  waren,  keinen  Jodismus 
zeigten  2).  Die  Kranken  und  weiterhin  die  Versuchspersonen  reagierten 
also  vor  allem  mit  Jodentzündungserscheinungen  von  seiten  der 
Schleimhäute,  deren  Drüsen  reichlich  Rhodan  absonderten,  wie  ich  mich 
auch  späterhin  überzeugen  konnte.  Den  Nachweis  des  Rhodankaliums 
führte  ich  mit  der  von  Solera  angegebenen  Jodsäure,  welche 
durch  das  Rhodankalium  reduziert  wird.  Daraus  zog  ich  den  Schluss, 
dass  die  Jodintoxikation  nach  Jodkaligebrauch  eine  Folge  der  Rhodan¬ 
einwirkung  sei.  Auch  auf  das  Jodkali  wirkt  Rhodan  jodabspaltend 3). 

Für  die  Richtigkeit  meiner  Auffassung  scheint  mir  die  Beobachtung 
von  Bonsmann  einen  Beweis  zu  liefern,  denn  bekanntlich  weisen 
Raucher  2 — 3  mal  mehr  Rhodankalium  bzw.  -natrium  im  Speichel  auf  als 
Nichtraucher,  wie  dies  durch  die  Untersuchungen  von  Gscheidlen, 
Külz,  Krüger,  Grober  und  A.  Mayer  gefunden  wurde.  Da  be¬ 
kanntlich  die  meisten  Trinker  auch  Raucher  sind,  so  nimmt  es  nicht 
wunder,  dass  die  Schleimhäute,  deren  eigene  oder  Nachbarschafts¬ 
drüsen  Rhodan  produzieren,  bei  der  Jodentzündung  beteiligt  sind,  wenn 
jene  ein  rhodanhaltigeres  Sekret  absondern,  als  in  der  Norm;  dies  ist 
bei  Trinkern  und  Rauchern  aber  der  Fall.  Da  vonKcbert  schon  1900 
die  Hypothese,  nach  der  die  im  Speichel  enthaltene  salpetrige  Säure  ')  für 
die  Entstehung  des  Jodismus  verantwortlich  zu  machen  sei,  aufgegeben 
ist,  wie  auch  von  anderen  Autoren, 'so  scheint  mir  die  Erklärung  von 
Bonsmann  für  den  Jodismus  bei  Trinkern  (und  Rauchern),  nämlich 
der  chronische  Reizzustand  der  oberen  Luftwege,  nicht  die  gegebene 
zu  sein,  weil  ja  nicht  jeder  Raucher  und  Trinker  eine  Konjunktivitis  hat 
und  doch  auf  Jod  mit  Tränenträufeln  reagiert,  vielmehr  scheint  mir 
meine  Erklärung  zuzutreffen,  dass  das  Rhodankalium  seine  iodabspaltende 
Wirkung  auf  den  Schleimhäuten  hauptsächlich  entfaltet,  deren  eigene 
oder  Nachbarschaftsdrüsen  reichlich  Rhodan  absondern. 


')  Muck:  Ueber  das  Vorkommen  von  Rhodan  im  Nasen-  und  Konju  lk- 
tivalsekret.  M.m.W.  1900  Nr.  34. 

s)  Muck:  Ueber  das  Auftreten  der  akuten  Jodintoxikation  nach  Jodkali¬ 
gebrauch  in  ihrer  Abhängigkeit  von  dem  Rhodangehalt  des  Speichels,  des 
Nasen-  und  des  Konjunktivalsekrets.  M.m.W.  1900  Nr.  50. 

*)  Maring:  Ueber  das  Verhalten  des  Jod  zum  Harn.  Inaug.-Diss.  1900. 
Aus  dem  Inst.  f.  physiol.  Chemie  und  Pharmakologie  der  Univers  Rostock 
Prof.  Robert.  ’ 

')  M  a  r  u  n  g:  1.  c.  S.  38/39. 


204 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  6. 


Ueber  die  Verhütung  der  Serumkrankheit  durch  An¬ 
wendung  des  Diphtherie-  und  Tetanuserum  von  immuni¬ 
sierten  Kindern. 

Von  Prof.  R.  Kraus,  Direktor  des  Seruminstitutes  Butantan, 

(Sao  Paulo). 


In  Nr  39  1921  dieser  Wochenschrift  habe  ich  mit  meinen  Mit¬ 
arbeitern  Dr.  B  o  n.o r  i  n  o  Cue  n  c a,  und  Dr.  S  o  r  d  c  1 1  i  antitoxisches 
Rinderserum  zu  präventiven  und  kurativen  Zwecken  an  -  c  e  e 
bisher  verwendeten  Sera,  von  Pferden  gewonnen,  empfohlen. 

Die  Verwendung  von  Rindern  als  Serumspender  an  Stelle  von 
Pferden  geschah  nicht  auf  Grund  spekulativer  Ueberlegung,  sondern 

g/ns  von  ^klinischer  Beobacht™  aus  (Kraus.  P.»«.#»»»»»,,» 
Cuenca,  Rev.  del  Inst.  Bactenologico  de  Buenos  Aires,  \  ol.  1. 

WJkl.W.  1917).  ...  ,  .... 

Wir  konnten  nämlich  bei  der  Behandlung  des M.te- 
brandes  mit  normalem  Rinderserum  die  linteressante  Beobachtung 
machen  dass  trotz  Anwendung  sehr  grosser  Mengen  (30  150  ccm) 

Rinderserums,  nur  selten  Erscheinungen  der  Serumkrankheit  auftraten. 

Diese  Tatsache  bildete  den  Ausgangspunkt  weiterer  Versuche,  um 
zu  ermitteln,  ob  auch  das  von  i  m  m  u  n  i  s  i  e  r  t  e  n  Rindern  gewonnene 
nntitnvische’ Serum  ebenso  selten  Serumkrankheit  hervorrufe,  wie  das 
Sehe  Erfahrungen  lrc,  Diphtherie  und  Tetanus 
mit  dem  antitoxischen  Rinderserum  haben  unsere  Annahme  bestätigt. 

P  ,  ™  QrS  dieser  am  Krankenbette  gemachten  Beobachtungen 
tabeu  wir  das  anSSsche  Rinderserum  sowohl  für  praven t.ve 
als  auch  für  kurative  Zwecke  emptohlen.  Bis  dahin  lagen 
in  der  Literatur  keinerlei  Angaben  vor:  _ 

1.  über  die  Immunisierung  und  Gewinnung  kurativer  antitoxischei 

Dinlitherie-  und  Tetanussera  von  Rindern,  ,  ,  ,, 

2  über  die  kurative  Anwendung  derartiger  Sera  am  Krankenbette, 

3  ^er  Verhütung  der  Serumkrankheit  durch  Verwendung  von 
Rind'erserum  an  Stelle  der  Pferdesera. 

Wir  waren  daher  berechtigt,  zu  behaupten,  dass  unsere  Versuc  ie 
über  Immunisierung  der  Rinder,  sowie  Verwendung  dieser  Sera 

Heilzwecken  neu  sind.  . 

ln  Nr.  43  dieser  Wochenschrift  will  W.  R.  Bieling  unsere  Rechte 
nicht  gelten  lassen  und  meint,  dass  uns  offenbar  entgangen  sei. 

in  Deutschland  bereits  seit  1912  ein  Pr°Phylakt!shches'puni^riicS 
Rinderserum  angewandt  worden  ist  De. mgegenuber  sei  aus idn ickhch 
darauf  hingewiesen,  dass  wir  sowohl  Ascoli  als  auch  B  e :h  r  g 
als  diejenigen  Autoren,  welche  Diphtherieserum  vom  Schaf  und  Rind 
gewonnen  haben  und  zu  p  r  o  p  h  y  1  a  k  t  i  s  c  h  e  n  Zwecken  empfahlen 
in  unserer  Arbeit  zitieren.  Die  Mitteilung  von  W  i  e  d  e  m  a  n  n,  die 
auch  Bieling  anführt,  haben  wir  allerdings  nicht  gekannt.  Es  ist  abei 
unverständlich,  wie  Bieling  dazu  kommt,  zu  behaupten  dass 
Rinderserum  kurativ  vor  uns  angewendet  worden  ist  und  sich  dabei 
auf  Wie  de  man  ns  Mitteilung  beruft.  W  i  e  de  m  a  n  n  beschreibt 
nämlich  einen  Fall  von  Diphtherie,  der  nach  Injektion  v™  D.1P'lthe'ie; 
serum  (Pferd)  Erscheinungen  einer  schweren  Serumkrankheit  darbot, 
und  da  eine  weitere  Seruminjektion  indiziert  war,  verwendete  er 
1500  Einheiten  eines  prophylaktischen  Rinderserums  Ono  f.  . 
Dieser  Fall  beweist  überhaupt  nichts  und  am  wenigsten,  dass  Rmdei- 
serum  an  Stelle  von  Pierdeserum  zu  kurativen  Zwecken  verwendet 

werden  kann. 

Wie  man  daraus  sieht,  ist  cs  uns  nicht  entgangen,  dass  Ascoli 
und  Behring  antitoxisches  Serum  von  Schaf  oder  Rind  zu  prophy¬ 
laktischen  Zwecken  empfohlen  haben,  wohl  aber  ist  es  Bieling  ent¬ 
gangen,  worin  der  prinzipielle  Unterschied  gegenüber  den  von  uns 
mitgeteilten  Tatsachen  besteht. 

Ascoli  hat  als  Erster  antitoxisches  Diphtherieserum  vom  Schar 
prophylaktisch  empfohlen,  um,  wenn  sich  eine  zweite  Injektion  mit 
Pferdeserum  zu  kurativen  Zwecken  als  notwendig  ergeben  sollte. 
Konsequenzen  zu  verhüten;  er  bezeichnet  deswegen  das  Serum  als 
antiallergisch. 

Später  hat  dann  Behring  prophylaktisches  Diphtherieserum  von 
Rindern  empfohlen.  Behring  ging  dabei  von  derselben  Ueberlegung 
aus  wie  Ascoli,  indem  es  ihm  darauf  ankam.  die  oft  bedrohlichen 
Symptome  der  Serumkrankheit  nach  Reinfektion  von  Pferdeserum  zu 

Als  Kronzeugen  dafür,  dass  das  von  Höchst  auf  Behrings  An¬ 
lass  ausgegebene  Diphtherieserum  von  Rindern  nur  zu  prophy¬ 
laktischen  Zwecken  verwendet  werden  soll  und  nicht  als 
kuratives  gedacht  ist,  führen'  wir  an,  was  die  Höchster  Farbwerke 
darüber  schreiben.  Da  Bieling,  als  ihr  Vertreter,  die  Priorität  für 
die  Fabrik  in  Anspruch  nimmt,  müssen  wir  ihm  textlich  entgegen 
halten,  was  der  Prospekt  der  Höchster  Farbwerke  sagt  und  was  ihm 
offenbar  entgangen  ist.  Pag.  1  heisst  es: 

Ausser  diesem  Serum  (bezieht  sich  auf  Pferdeserum)  stellen 
wir  ein  analoges  Serum  durch  Immunisierung  von  Rindern  her.  Das 
Diphtherie-Rinderserum  soll  hauptsächlich  zum  Schutz  gesunder 
Individuen  gegen  eine  diphtherische  Infektion  Verwendung  finden. 
Bei  Benützung  eines  Diphtherie-Rinderserums  als  Prophylaktikum 
wird  die  Erzeugung  einer  Ueberempfindlichkeit  gegen  Pferdeserum 
vermieden,  so  dass  mit  Rinderserum  vorbehandelte  Individuen, 
welche  nach  dem  Erlöschen  des  passiven  Schutzes  an  DiphE-e— 


erkranken,  der  Therapie  mit  Diphtherie-Pierdeserum  unterzogen 
werden  können,  ohne  dass  das  Amtreten  anaphylaktischer  Kong 
plikationen  zu  befürchten  wäre.“ 

S.  2  des  Prospektes:  .  ...  ■ 

B,  Diphtherie-Rinderserum.  Prophylaktisches 
Diphtherieserum  „Höchst“  mit  100  A  n  t  i  t  o  x  i  n  e  ir.-; 
heiten  in  1  ccm. 

Auf  S.  3  des  Prospektes  heisst  es:  •  „  .  ' 

.Es  sei  fernerhin  nochmals  hervorgehoben,  dass  die  Verwendung 
des  Diohtherie-Rmderserums  zur  Prophylaxe  der  Diphtherie  een 
Vorzug  hat.  dass  mit  Rinderserum  vorbehandelte  Personen,  die  ""''h. 
dem  Schwinden  des  passiven  Schutzes  an  Diphtherie  erkranken, 
unbedenklich  und'  ohne  das  Auftreten  anaphylaktischer  Komplika¬ 
tionen  befürchten  zu  müssen,  mit  Diphtherie-Pferdeserum  behandelt 
werden  können.“  <■ 

Daraus  geht  doch  mit  voller  Klarheit  hervor,  dass  Behring  bzw 
Höchst  das  Rinderserum  nur  zu  prophylaktischen  Zwecken  empföhlet, 
hat  um  die  Gefahr  der  anaphylaktischen  Komplikationen  wie  es  m 
Prospekt  heisst  (wie  es  richtiger  heissen  sollte  „der  sofortigen  odei 
beschleunigten  Serumkrankheit“),  zu  verhüten.  M  i  t  k  e  in  er  1 1  b( 
wird  das  Diphtherie-Rind  erserum  zu  kurativei 
Zwecken  erwähnt  und  ebensowenig  davon  gesprochen,  das' 
Rinderserum  viel  seltener  Serumkrankheit  erzeugt  als  1  ferdeserum. 

Durch  unsere  Arbeiten  wird  aber  etwas  toto  coelo  Verschiedene: 
gezeigt,  als  was  Ascoli  und  Behring  gemeint  haben.  Wir.  emp 
fahleii  an  Stelle  des  prophylaktischen  und  kurativen  antitoxischei 
Diphtherie-  und  Tetanus  -  Pf  e  r  d  e  serams  überhaupt  ein  solches  voi 
Rindern  Ascoli  und  Behring  wollen  durch  die  prophylaktisch 
Anwendung  des  Schaf-  und  Rinderserums  bloss  die  Gefahren  der  Re 
Infektion  mit  Pferdeserum  verhüten,  wir  aber  wollen  ul^rüaup JJ 
der  Einführung  des  Rinderserums  die  Serumkrankheit  auf  ein  Minimnn 
reduzieren.  J 

Wir  glauben,  dass  wir  damit  gezeigt  haben,  dass  weder  Ascol 
noch  Behring  das  antitoxische  Rinderserum  in  dem  von  uns  zuers 
angegebenen  Sinne  benützen  wollten,  da  -ihnen  darüber  keine  eigene 
Erfahrungen  zur  Verfügung  standen,  die  erst  durch  uns  in  der  Liter  tu 
bekannt  geworden  sind.  Dass  wir  zuerst  Diphtherie-  wie  Tetanussem 
von  Rindern  zu  kurativen  Zwecken  ebenso  hergestellt  und  auf  sein 
Wirksamkeit  in  der  Klinik  geprüft  haben,  müssen  wir  aufiechterha.te' 
Bieling  schreibt,  dass  Höchst  ein  250  f.-Serum  von  Rindern  hei 
gestellt  hat,  womit  er  beweisen  will,  dass  die  Höchster  Fabriken  kur«] 
tives  Serum  vor  uns  erzeugt  haben. 

Die  Prospekte  der  Höchster  Farbwerke,  die  uns  bei  Abiassun 
unserer  Arbeit  zur  Verfügung  standen,,  führen-,  wie  angeführt  wurd 
bloss  ein  prophylaktisches  Rinderserum  mit  100  Einheiten  an. 

Die  von  uns  erzeugten  Rindersera  haben  Werte  ergeben  (D 
pütherie  200  f„  Tetanus  700  f.),  welche  zu  kurativen  Zwecken  brauchb; 
sind.  Im  übrigen  haben  wir  auch  hierauf  hingewiesen,  dass  durch  <1 
Methoden  der  Konzentration  auch  höherwertige  Sera  hergestellt  werdi 
können,  wie  antitoxische  Pferdesera. 

Um  zusammenzufassen,  müssen  wir  also  die  Prioritätsanspruch 
welche  B  i  e  1  i  n  g  im  Namen  seiner  Fabrik  geltend  macht,  auf  Grund  d 
obigen  Daten  zurückweisen  und  auf  dem  Standpunkt  beharren,  dass  d| 
von  uns  mitgeteilten  Tatsachen  neu  sind.  _ 

Es  ist  zu  hoffen,  dass  durch  Einführung  der  prophylaktischen  ui 
kurativen  Diphtherie-  und  Tetanussera  von  Rindern  in  konzentrier 
Form  das  der  Serumtherapie  bis  heute  anhaftende  Uebel  der  -  erui 
krankheit  auf  ein  Minimum  reduziert  werden  dürfte. 


Nochmals  die  rachitische  Muskelerkrankung. 

(Entgegnung  auf  die  Kritik  Schedes  in  Nr.  1  ds.  Wsch 
Von  Sanitätsrat  Dr.  A.  Müller,  Facharzt  für  Massage  u 


Orthopädie  in  München-Gladbach. 


Schede  findet  in  meiner  Arbeit  in  Nr.  44  1921  d.  Wschr.  n 
„unerwiesene  Annahmen“  und  beanstandet  eine  ganze  Reihe  der j 
mir  mitgeteilten  Untersuchungsbefunde  als  willkürlich  angenoinru. 
Vermutungen.  Das  beruht  offensichtlich  auf  einer  starken  Unt 
Schätzung  der  I  eistungsfähigkeit  einer  systematischen  Iastunt 
suchung;  diese  Unterschätzung  aber  kann  ich  mir  nur  durch  un, 
nügende  Technik  erklären.  Ich  wiederhole  deshalb  nochmals,  dass 
bei  der  Nachprüfung  meiner  Befunde  auf  der  Anwendung  mein, 
Untersuchungsmethode  bestehen  muss,  und  zwar  genau  nach  der  i 
Schreibung  in  meinem  Lehrbuche  der  Massage;  das  Gebiet  der  Mn» 
krankheiten  ist  für  die  Untersuchung  sehr  schwierig  und  c 
andere  einwandfreie  Untersuchungstechnik  gibt  es  auf  diesem  Gern 
nicht  Wer  meine  Technik  hier  nicht  anwendet  für  den  müssen  an 
dings  die  von  mir  angegebenen  Befunde  Phantasiegebilde  sein,  ebe 
wie  etwa  für  jemanden,  der  nicht  auskultiert  und  perkutiert  die  Dar 
fung  einer  Lungenspitze  und  ein  Aortengeräusch  Phantasiegem 
sind.  Er  ist  aber  auch  zu  einem  Urteil  über  die  Krankheitszusta 
zu  denen  die  rachitische  und  rheumatische  Muskelerkrankung  genor 
nicht  zuständig.  Um  die  Verständigung  zu  erleichtern  werde  leit  e 
halb  im  folgenden,  wo  es  nötig  ist,  die  zur  Feststellung  der  an 
führten  Befunde  notwendigen  Griffe  meines  Lehrbuches  angeben. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


205 


Vor  allem  ergibt  meine  Untersuchungstechmik  das  stete  Vorhanden¬ 
en  des  Hypertonus  bei  der  rachitischen  und  rheumatischen  Muskel- 
rankung.  Schede  bestreitet  nun.  dass  der  Hypertonus  überhaupt 
ch  einfache  Tastuntersuchung  nachweisbar  ist.  Dieser  Meinungs- 
.erschied  beruht  grösstenteils  darauf,  dass  Schede  dem  Worte 
pertonus  eine  Bedeutung  zuschieibt,  die  es  nicht  hat.  Er  sagt  näm- 
Hypertonus  bedeute  eine  „Erhöhung  des  Erregungszustandes  des 
skeis“.  Das  ist  nicht  der  Fall1).  Ich  habe  1911  in  meinen  Arbeiten 
t  den  „Untersuchungsbefund  am  rheumatisch  erkrankten  Muskel“ 
ehr.  f.  klin.  M.  47)  und  über  den  „muskulären  Kopfschmerz“  (Leipzig 
1)  den  Begriff  des  Hypertonus  geschaffen  und  mit  diesem  Worte 
krankhaft  gesteigerte  Spannung  (nicht  „Erregung“)  des  ein- 
nen  Muskels  bezeichnet,  wie  sie  bei  dem  Muskelrheumatismus  und 
Reichen  anderen,  von  Schede  in  seiner  Entgegnung  erwähnten, 
:h  schon  in  meinem  Lehrbuche  angeführten  Zuständen  vorkommt, 
ch  in  meiner  jetzigen  Arbeit  habe  ich  dies  ausdrücklich  wieder  als 
Bedeutung  des  YVortes  Hypertonus  bezeichnet.  Ebenso  aber,  wie 
die  Spannung  einer  Violinsaite  durch  entsprechende  Handgriffe, 
p  durch  die  Tastuntersuchung,  und  nur  durch  diese,  feststellen  kann, 
:nso  kann  ich  auch  die  Spannung  des  Muskels  und  deren  örtliche 
j:igerung,  also  den  Hypertonus,  durch  die  Tastuntersuchung,  und  nur 
ch  diese,  feststellen.  Allerdings  sind  die  Untersuchungsbedingungen 
dem  mit  Fett  und  Haut  bedeckten  Muskel  wesentlich  schwieriger, 
bei  der  Violinsaite;  es  ist  also,  wie  ich  immer  wieder  hervorheben 
ss,  meine  Untersuchungstechnik  zu  dieser  Feststellung  nötig.  Wei¬ 
le  Beweise  aber  zu  verlangen,  hat  gar  keinen  Sinn,  denn  es  handelt 
D  hier  nicht  um  eine  Vermutung,  eine  Hypothese,  sondern  um  einen 
fachen  Tastbefund. 

Schede  meint  nun,  ich  hätte  mich  in  meiner  Arbeit  vorerst  mit 
ji  Ansichten  Schades  und  Langes  über  die  „Muskelhärten“  aus- 
:  andersetzen  müssen.  Diese  Meinung  beruht  auf  einer  Verkennung 
Sachlage.  Wenn  ich  nämlich  von  der  Feststellung  absehe,  dass  die 
Serverhärtungen  („Meskelhärten“)  auch  an  der  Leiche  noch  nachweis- 
I:  sind,  und  dass  sie  mikroskopisch  keine  Veränderung  des  Muskel- 
vebes  erkennen  lassen,  geben  Schade  und  Lange  in  ihren  Auf¬ 
zen  an  Tatsachen  nichts,  was  nicht  schon  seit  Jahrzehnten,  vor 
an  durch  die  Arbeiten  der  schwedischen  Massage-Autoren  (vgl. 
B.  Kleen:  Handbuch  der  Massage  [3]  1890)  bekannt  ist  und  be- 
reiben  den  Befund  dieser  Gebilde  nach  deren  Auffassung.  Gerade 
t  dieser  Auffassung  aber  habe  ich  mich  schon  1911  in  der  erst- 
lannten  Arbeit  ausführlich  auseinandergesetzt  und  gezeigt,  dass  diese 
Schreibung  ungenau  ist,  dass  das  Kardinalsymptom  der  rheumatischen 
skelerkrankung  der  Hypertonus  ist  und  nicht  die  Faserverhärtungen 
Muskelhärten“),  weil  beim  Muskelrheumatismus  wohl  hypertonische 
iskeln  ohne  Faserverhärtung,  aber  keine',  Faservprhärtungen  ohne 
pertonus  Vorkommen.  Wenn  nun  Schade  und  Lange  nach 
: iren  auf  die  alten  Anschauungen,  die  ich  als  unrichtig  nachgewiesen 
>e,  zurückkommen,  ohne  sich  mit  der  von  mir  entwickelten  Äuf¬ 
nung  auseinanderzusetzen,  so  liegt  für  mich  kein  Grund  vor,  das,  was 
damals  gesagt 'habe,  jetzt  zu  wiederholen.  Auf  reine  Vermutungen 
zugehen,  wie  sie  Schade  (geloide  Gerinnung)  und  Lange  (Stau- 
i;  von  Ermüdungsstoffen)  äussern,  liegt  noch  weniger  Veranlassung 
Ir.  denn  es  handelt  sich  hier  nur  um  die  Klarstellung  des  Befundes. 

Zur  Klärung  der  Streitfrage  fasse  ich  nun  die  Tatsachen,  auf 
Jen  sich  meine  Auffassung  des  rachitischen  Krankheitsvorgangs  auf- 
it,  noch  einmal  zusammen;  es  sind: 

1.  das  regelmässige  Vorhandensein  des  Befundes  der  hypertoni- 
en  Muskelerkrankung  bei  jedem  Rachitiker  (es  gibt  zwar  — 
in  stimme  ich  Schede  bei  • —  Rachitiker  mit  gut  entwickelter 

1  skulatur  und  ungestörter  Beweglichkeit,  aber  auch  bei  diesen  bietet 
Muskulatur  den  Befund  der  hypertonischen  Muskelerkrankung); 

2.  die  Gruppierung  der  erkrankten  Muskulatur  in  eine  stärker  hyper¬ 
ische  verkürzte  und  verhärtete,  und  eine  schwächer  hypertonische 

dehnte  und  geschwollene  Gruppe; 

3.  die  Gleichartigkeit  des  Muskelbefundes  und  die  Gleichheit  seiner 
ippierung  erstens  bei  der  Hypertonie  der  Säuglinge,  zweitens  bei  der 
Lhitis,  drittens  bei  dem  Muskelrheumatismus  und  der  Neurasthenie 

Erwachsenen; 

4.  die  Kontraktur  der  Vorderhalsmuskeln  (Griffe  205  bis  208)  und 
Höhepunkt  der  Druckempfindlichkeit  im  der  Kehle,  und  zwar  an  der 

uilddrüse  (Griff  209)  und  den  Sternoklavikulargelenken  (Griffe  210 
ji  211) 2)  —  auch  dies  der  Rachitis,  dem  Muskelrheumatismus  und 
allem  der  Neurasthenie  gemeinsam; 

5.  der  Atemstillstand  des  Kehlkopfes  und  die  Senkung  der  Schild- 
ise  in  die  Brusthöhle  infolge  der  Kontraktur  der  Vorderhalsmuskeln 
e  Schilddrüse  ist  hier  dem  Druck  dieser  Muskeln  entzogen,  weil  sie 
jh  ebenso  tief  |Mm.  sfernothyreoideil  und  tiefer  (Mm.  sternohyoidei 
ji  umohyoidei]  befindet  als  die  unteren  Insertionen  dieser  Muskeln). 

Alle  diese  Tatsachen,  ebenso  wie  die  ebenfalls  von  Schede  an¬ 
zweifelte  Verkürzung  des  M.  quadratus  lumborum  (Griff  53)  und  der 

’)  Auch  Tonus  bedeutet  nicht,  wie  Schede  sagt,  den  „Erregungszustand 
'  ruhenden  Muskels".  Höher  (Lehrbuch  der  Physiologie  1919  S.  296) 
B.  definiert  den  Tonus  als  eine  „Form  der  Dauerverkürzung“  (des 
skeis).  an  anderer  Stelle  (S.  59)  als  einen  „Zustand  der  Daueranspannung“ 
's  Sphinkter  ani).  also  ganz  entsprechend  dem  von  mir  angegebenen 
me. 

)  Bezüglich  der  Steigerung  des  Hypertonus  der  Vorderhalsmuskeln  durch 
se  Reizstellen  verweise  ich  auf  mein  Lehrbuch  (S.  14  ff.)  und  auf  mein 
•  ch  über  den  muskulären  Kopfschmerz  (S.  26  ff.). 


seitlichen  Bauchmuskeln  (Griff  106)  sind  Tastbefunde,  nicht  „üb¬ 
erwiesene  Annahmen“,  für  die  es  der  Natur  der  Sache  nach  gar  kein 
anderes  Beweismittel  gibt,  als  die  diagnostische  Massage.  Nur  det 
Atemstillstand  des  Kehlkopfes  ist  unter  günstigen  Umständen  ausser¬ 
dem  noch  unmittelbar  zu  sehen,  und  die  Senkung  der  Schilddrüse  in 
den  Brustkorb  aus  der  Halsverkürzung  und  der  damit  verbundenen 
Senkung  des  Kehlkopfes  mit  Sicherheit  zu  erschlossen. 

Zu  diesen  Tastbefunden  kommen  folgende  weitere  Tatsachen: 

6.  die  bekannte  Wirkung  der  operativen  Entfernung  der  Schild¬ 
drüse,  bzw.  des  angeborenen  Mangels  derselben,  bestehend  in  Unter¬ 
entwicklung,  geistiger  Stumpfheit  und  gallertiger  Verfettung  des  Unter¬ 
hautgewebes  (Myxödem); 

7.  die  Wirkung  der  experimentellen  Entfernung  der  Epithelkörper¬ 
chen,  bestehend  in  Kalkverarmung  und  Tetanie  (K  r  e  h  1,  Pathol.  Physio¬ 
logie  [10.1  1921  S.  741); 

8.  die  Zugehörigkeit  dieser  Erscheinungen  des  Schilddrüsen-  und 
Epithelkörperchenausfalls  zum  Krankheitsbilde  der  Rachitis;  die  für 
den  Betrachter  unverkennbare  Ae'hnlichkeit  zwischen  (angeborenem) 
Myxödem  und  Rachitis  habe  nicht  ich  erst  gefunden,  wie  Schede 
meint,  sondern  Stöltzner  stellte  sie  schon  fest  (W  e  i  n  b  e  r  g, 
Verein  d.  Aerzte  in  Halle,  6.  Juli  1921,  Ref.  diese  Wschr.  1921  Nr.  47 
S.  1540)  und  Erich  Müller-  Berlin  erwähnte  sie  in  seinem  Referat 
auf  dem  letzten  Orthopädenkongress; 

9.  der  auffallende,  jeder  andern  Behandlungsweise  überlegene  Er¬ 
folg  der  Massage,  und  zwar  nicht  sowohl  der  örtlichen,  auf  die  Ver¬ 
krümmungen  beschränkten  Massage,  als  vielmehr  der  Massage  des  gan¬ 
zen  Bewegungsapparates  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Kehle; 

10.  die  durch  diese  Behandlung  erzielte  Umwandlung  nicht  nur  der 
Verkrümmungen,  sondern  des  ganzen  Krankheitsbildes,  einschliesslich 
der  nervösen  Störungen  und  der  Unterentwicklung  zur  Norm  —  letz¬ 
teres  beides  Ergebnisse  sozusagen  des  Experiments  am  Lebenden. 

Aus  diesen  Tatsachen  ergeben  sich  die  Schlüsse,  die  ich  gezogen 
habe,  von  selbst.  Damit  ist  der  Vorwurf  des  „gänzlichen  Mangels  an 
wissenschaftlichen  Grundlagen“,  den  Schede  mir  macht,  erledigt. 

Dass  diese  Schlüsse  nicht  denselben  Tatsachenwert  haben,  wie  die 
angeführten  Befunde,  dass  sie  Hypothesen  sind,  versteht  sich  von 
selbst.  Ich  habe  sie  ja  seibst  in  meiner  Arbeit  als  „S  c  h  1  ü  s  s  e“  be¬ 
zeichnet  und  nicht  geglaubt,  dem  Leser  einer  wissenschaftlichen  Zeit¬ 
schrift  noch  besonders  sagen  zu  müssen,  dass  sie  Hypothesen  sind. 
Durch  die  angeführten  Tatsachen  indessen,  das  muss  ich  doch  Schede 
gegenüber  feststellen,  ist  meine  Hypothese  von  der  Entstehung  der 
Rachitis  und  dem  ursächlichen  Zusammenhang  der  einzelnen  Bestand¬ 
teile  ihres  Krankheitsbildes  mindestens  ebenso  gut  begründet  wie  irgend¬ 
eine  andere  Hypothese  auf  medizinischem  Gebiete. 

Ausserdem  erweist  sie  sich  —  und  das  ist  der  eigentliche  Prüf¬ 
stein  ihres  Wertes1  —  als  äusserst  fruchtbar  für  die  Therapie,  denn 
sie  ermöglichte  eine  wesentliche  Verbesserung  der  Behandlung.  Die 
Massage  wird  vielfach  bei  der  Rachitis  angewandt.  Jeder,  der  sich 
mit  Massage  beschäftigt,  weiss  aber,  wie  sehr  bei  ihrer  Anwendung  alles 
auf  die  Technik  ankommt,  darauf  nämlich,  was  und  wie  massiert  wird. 
Hierfür  nun  erwies  sich  meine  Hypothese  als  die  wissenschaftliche 
Richtschnur:  sie  gab  der  Massage  als  Behandlungsmittel  der  Rachitis 
die  wissenschaftliche  Begründung,  wies  den  Weg  für  ihre  Technik  und 
bewirkte  dadurch  eine  geradezu  überraschende  Verbesserung  ihres  Heil¬ 
erfolgs;  sie  erhob  also  die  Massage  aus  einem  rohen,  nur  des  Laien 
würdigen  Handwerk  mit  mehr  oder  minder  mässigem  Zufallerfolg  zu 
einer  höchste  wissenschaftliche  Vorbildung  erfordernden  und  deshalb 
nur  durch  den  Arzt  ausführbaren  Kunst  mit  sicherem,  im  Voraus  be¬ 
rechenbaren  und  durch  kein  anderes  Mittel  erreichbaren  Erfolg.  Durch 
diesen  hervorragenden  Nutzwert  für  die  Behandlung  aber  war  meine 
und  ist  jede  Hypothese  auf  medizinischem  Gebiete  vollauf  gerecht¬ 
fertigt. 

Schede  wendet  nun  ein,  dass  eine  Unterfunktion  der  Epithel¬ 
körperchen  bei  der  Rachitis  bisher  nicht  nachgewiesen  ist.  Demgegen¬ 
über  stelle  ich  fest,  dass  bei  meiner  Auffassung  des  rachitischen  Krank¬ 
heitsvorgangs  eine  Unterfunktion  der  Epithelkörperchen  gar  nicht 
vorausgesetzt  ist.  sondern  lediglich  eine  Sekretstauung;  dass  eine  Be¬ 
teiligung  der  Epithelkörperchen  auch  vom  anatomischen  Standpunkte 
höchst  wahrscheinlich  ist,  beweisen  die  Befunde  von  Ritter  (Frankf. 
Zschr.  f.  Pathol.  1920,  24,  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1920  S.  778).  Schede 
wendet  mir  nun  die  St  ö  1 1  z  n  e  r  sehe  Hypothese  ein,  dass  die  Rachi¬ 
tis  eine  Folge  des  Ausfalls  der  Funktion  des  Nebennierenmarks  sei. 
Abgesehen  davon,  dass  die  Grundlagen  dieser  Hypothese  durchaus 
nicht  sicherer  sind,  als  die  der  meinen,  so  stehen  unsere  beiden  An¬ 
sichten  durchaus  nicht  in  unbedingtem  Gegensatz.  Ich  habe  nicht  das 
ganze,  sondern  nur  einzelne  Teile  des  rachitischen  Krankheitsbildes 
auf  den  Epithelkörperchenausfall,  andere  auf  den  Schilddrüsenausfall 
zurückgeführt,  und  so  mögen  wieder  andere  Teile  des  vielgestaltigen 
Krankheitsbildes  der  Rachitis  durch  den  Ausfall  des  Nebennieremnarks 
bedingt  sein.  Ist  es  doch  bekannt,  dass  die  einzelnen  Drüsen  des 
endokrinen  Systems  gewöhnlich  gemeinsam  erkranken. 

Schede  macht  nun  noch  einige  Ausstellungen  auf  orthopädischem 
Gebiete;  dieselben  beruhen  vielfach  auf  Missverständnissen,  die  viel¬ 
leicht  teilweise  durch  die  Kürze,  zu  der  ich  gezwungen  war,  entstanden 
sind.  Bei  der  Schwellung  im  M.  extensor  dig,  longus  handelt  es  sich 
natürlich  nicht  um  die  Vortreibung  des  Muskels  durch  die  verbogene 
Tibia,  sondern  um  eine  weiche,  etwa  mandelförmige  flache,  elastische, 
nur  fühl-,  nicht  sichtbare  Schwellung,  die  ebenso  im  Quadrizeps  femoris 


m 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT., 


Nr.  6. 


bei  Crus  varum  und  im  M.  iliocostalis  bei  Kyphose  vorhanden  ist.  Die 
Schwellung  verschwindet  nicht,  wie  Schede  meint,  nach  Korrektur 
der  Knochendeformität,  sondern  sie  verbleibt  auch  dann,  wie  ich  mich 
inzwischen  an  einem  fünfjährigen  rachitischen  Kinde  uberzeugt  a  . 
dessen  Unterschenkel  durch  Operation  in  einer  Universitätsklinik  tadel¬ 
los  korrigiert  sind. 

Durch  Adduktion  der  Schultern,  d.  h.  durch  Annäherung  der  Schul¬ 
terblätter  an  die  Wirbelsäule,  wird  selbstverständlich  eine  Verringe¬ 
rung  der  Schulterbreite,  also  Schmalheit  der  Schultern,  bewirkt.  Der 
Erwachsene  kann,  wie  ich  mich  durch  Versuche  uberzeugt  habe  durch 
Betätigung  seiner  Schulteradduktoren  den  Abstand  von  einer  Schulter 
zur  andern,  von  Akromion  zu  Akromion  gemessen,  um  etwa  7  cm  ver¬ 
kleinern. 

Wie  die  Verkürzung  des  M.  quadratus  lumborum  die  Kyphose  der 
Lendenwirbelsäule  bewirkt,  ergibt  die  Betrachtung  der  Lage  seiner 
Insertionen  am  Skelett.  Der  Muskel  setzt  nämlich  nicht,  wie  es 
nach  den  Beschreibungen  und  Abbildungen  der  Anatomen,  scheint, 
rein  seitlich,  sondern  grossenteils  schräg  vor  der  Lendenwirbelsaule 
am  Darmbeinkamm  an.  Eine  gleichzeitige  Verkürzung  b  ei  - 
der  Mm.  quadrati  lumb.  muss  also  eine  Beugung  des  oberen  Endes 
der  Lendenwirbelsäule  nach  vorn.  d.  h.  eine  Kyphose  bewirken. 

Dass  der  Zug  des  Zwerchfells  die  Hühnerbrust  bewirke,  ist  deshalb 
ausgeschlossen,  weil  dieser  eine  gleichmässige  Verkleinerung  der 
unteren  Brustkorböffnung  in  ihrem  ganzen  Umfang  bewirken  wurde. 
Bei  der  Hühnerbrust  ist  aber  im  Gegenteil  die  untere  Brustkorboffnung 
infolge  der  trichterförmigen  Auswärtsstiilpung  der  Rippenbogen  er¬ 
weitert,  und  nur  der  mittlere  Teil  der  Wand  des  Brustkorbs  und 
auch  dieser  nur  in  der  Axillarlinie  eingesenkt.  Hier  muss  eine 
auf  die  Axillarlinie  beschränkte  örtliche  Ursache  wirken,  und 
diese  kann  nur  der  in  dieser  Linie  wirkende,  die  Brustwand 
abflachende  Zug  der  Mm.  scaleni  nach  oben  und  der  Mm.  ob.iqui 
abd.  nach  unten  sein,  deren  Verkürzung  durch  die  lastunter- 
suchung  (Griffe  106.  195.  196,  199)  nachweisbar  ist.  Allerdings  wirkt 
auch  das  Fehlen  des  Gegenzuges  der  insuffizienten,  die  Brustwand 
wölbenden  Inspiratoren  mit,  was  ich  in  meiner  Arbeit  zu  erwähnen 
unterlassen  habe,  vor  allem  des  M.  serratus  anterior.  Wenige  Mas¬ 
sagen  dieses  Muskels  (Griffe  125.  126)  genügen  regelmässig,  um  bei 
der  Einatmung  anstatt  der  Einsenkung  eine  Vorwölbung  der  beiten¬ 
wand  der  Hühnerbrust  zu  bewirken. 


Dass  der  Trommelbauch  auch  seitlich  ausgebaucht  ist.  liegt  an  der 
Auswärtsstiilpung  der  Rippenbögen,  nicht  an  der  Ausbauchung  der 
Muskulatur;  diese  ist  vielmehr  in  den  Flanken  gewöhnlich  so  stark 
verkürzt,  dass  die  Rippenbögen  bei  schwerer  Rachitis  die  Darmbein¬ 
kämme  berühren. 


Bei  dem  Hohlbein  (Genu  varum)  handelt  es  sich  doch  nicht  um 
eine  Verunstaltung  des  Knies,  wie  Schede  anzudeuten  scheint, 
sondern  des  ganzen  Beins,  in  erster  Linie  des  Oberschenkels.  Die  Wech¬ 
selwirkung  zwischen  den  stark  verkürzten  und  sehr  harten  Adduktoren, 
bei  denen  ich  übrigens  ausdrücklich  den  M.  gracilis.  der  unter  dem 
Knie  ansetzt,  mitgenannt  habe,  und  der  Auswärt.sbiegung  des  Femur 
ist  gerade  hier  unverkennbar.  Den  Beweis  für  die  Richtigkeit  meiner 
Auffassung  liefert  auch  hier  das  therapeut'sHie  Experiment,  denn  es 
ist  auffallend,  wie  schnell  gerade  hier  die  Massage  der  Muskulatur  die 
Verkrümmung  bessert. 


Schliesslich  muss  ich  noch  darauf  hinweisen,  dass  Schede  selbst 
einen  Teil  meiner  Beobachtungen  bestätigt,  trotz  seiner  Polemik  gegen 
dieselben.  So  findet  er  bei  jeder  dauernden  Haltungsänderung  des 
Rumpfes  und  der  Extremitäten  die  Dehnung  einer  Muskelgruppe^  und 
die  Verkürzung  ihrer  Antagonisten,  was  übrigens  auch  meinen  .ang- 
iährigen  Beobachtungen  entspricht,  und  führt  selbst  die  Kyphose  des 
Rachitikers  als  Beispiel  an.  Und  er  hat  selbst  die  Wesensverwandt¬ 
schaft  der  Rachitis  mit  dem  Rheumatismus  und  der  Neurasthenie  der 
Erwachsenen  als  „Arbeitshypothese“  aufgestellt.  An  diesen  Gedanken 
wird  doch  wohl  etwas  Wahres  sein,  wenn  wir  beide  unabhängig  von¬ 
einander  auf  dieselben  gekommen  sind.  Uebrigens  habe  ich  schon  in 
meinem  Lehrbuche  auf  das  Vorhandensein  einer  _  hypertonischen  Mus¬ 
kelerkrankung  sowohl  bei  der  Rachitis,  wie  bei  diesen  Zuständen,  auch 
bei  den  sonstigen  Erkrankungen,  bei  denen  Schede  ..Muskelhärten 
gefunden  hat.  hingewiesen.  Ein  etwaiger  Prioritätsstreit  Pt  also  hier 
gegenstandslos.  Was  meine  Arbeit  aber  von  der  „Arbeitshypothese 
Schedes  unterscheidet,  ist  der  Nachweis  der  völlig  gleichen  Muskel¬ 
erkrankung-  bei  diesen  Zuständen;  durch  diesen  Nachweis  nämlich 
werden  die  bisherigen  „Ahnungen“  in  das  helle  Licht  der  Tatsachen 
hiniibergeführt 


Für  die  Praxis. 


Blutung,  Verblutung  und  Blutsparung. 

Von  Prof.  J.  Wieting,  Cuxhaven-Sarlenburg,  Kinder- 


Seehospital. 


Zum  Schlüsse  seiner  Kritik  vergleicht  Schede  meine  Arbeit  mit 
den  Ahnungen  der  Homöopathie  und  „mancher  sogenannten  Natur¬ 
heilmethoden“  und  meint:  ..Das  ist  keine  Arbeit,  sondern  Spiel“. 
Ich  überlasse  das  Urteil  hierüber  in  voller  Ruhe  dem  Leser.  Die 
neuen  Befunde,  die  ich  in  meiner  Arbeit  mitgeteilt  habe,  sind  nicht, 
wie  Schede  zu  glauben  scheint,  das  Ergebnis  eines  plötzlichen  Ein¬ 
falls.  sondern  vieljährigen  mühevollen  Suchens;  sie  haben  sich  mir, 
seit 'ich  sie  fand,  tausendfältig  immer  wieder  bestätigt:  sie  werden 
sich  deshalb  —  das  ist  meine  feste  Ueberzeugung  —  ihre  Anerken¬ 
nung  schon  erzwingen. 


Die  Auswertung  der  kriegschirurgischen  Erfahrungen  musste  natür¬ 
lich  vor  allem  der  V  e  r  1  e  t  z u n  g s  c  h  i  r  u  r  g  i  e  i  ür  den  E  r  i  e d e n 
grösste  Bereicherung  bringen.  Bei  der  Unmöglichkeit,  jetzt  noch  irgend¬ 
welche  zahlenmässige  Unterlagen  grösseren  Umfanges  zu  erlangen, 
muss  ich  mich  auf  ältere  Verhältnisberechnungen  und  auf  mir  vor¬ 
liegende  genaue  Aufzeichnungen  aus  einem  Frontabschnitt  von  vier 
Divisionen  beschränken:  daraus  errechne  ich.  dass  i  n  m  turclit- 
baren  Weltkriege  nicht  weniger  als  750 000  also  rund 
d  r  e  i  v  i  e  r  t  e  1  Millionen  Deutsche  den  Tod  durch  \cr. 
blutung  starben,  während  1870/71  nur  7800  Verwundete  den 
gleichen  Weg  gingen.  Der  Tod  durch  Verblutung  droht  vom 
Augenblick  einer  Verletzung  bis  tief  in  die  Rekonvaleszenz  hinein,, 
Und  wenn  auch  diese  letzteren  Fälle  zahlenmassig  gegenüber  _  den 
Eriihtodesfällen  kaum  ins  Gewicht  fallen,  so  tun  sie  es  doch  sicner, 
für  unser  chirurgisch-therapeutisches  Können  und  Handeln. 

Die  Blutungen  bzw.  Verblutungen  teilen  wir  ein: 

I.  nach  ihrem  zeitlichen  Auftreten  in  J 

a)  Frischblutungen,  d.  h.  solche,  die  frisch  unmittelbar  ur 
Anschluss  an  die  Verletzung  erfolgen,  sei  es  nach  aussen  oder  nach 
innen,  sei  es  aus  Arterien  oder  aus  Venen. 

b)  Nachblutungen,  d.  h.  solche,  die,  ohne  oder  nach  voraus, 
gegangener  Frischblutung,  die  dann  von  selbst  zum  Stehen  kam,  be 
noch  unverändertem,  d.  h.  noch  nicht  zur  Heilung  bereitem  oder  bereite 
tem  Gefässsystem  einige  Zeit  nach  der  Verletzung  ; auftieten,  z  1L  be. 
Ausgebluteten  oder  im  Wundschlag  Liegenden  nach  Hebung  dei  Herz 
kraft  nach  Entfernung  von  vorläufig  die  Blutung  stillenden  Fremdkoc 
pern,’  wie  Mullstopfung  (=  Tamponade),  komprimierenden  Geschossen* 

Knochensplittern  u.  a.  m.  J 

c)  Spätblutungen,  d.  h.  solchen,  die  sich  einstellen  durch 

Störung  schon  angebahnter  Heilungsvorgänge,  also  an  schon  langer 
Zeit  (Stunden,  Tage,  Wochen)  nicht  mehr  blutenden  Gefassen;  solch 
Störungen  sind  gegeben  z.  B.  durch  Infektion  sich  bildender  Verschluss 
thromben  durch  eitrigen  Zerfall  von  Gefässwand  oder  -Inhalt,  durc 
Drucknekrose  infolge  eingelegter  Gummirohre,  liegender  Knochen 
splitter  u.  a.  m.  Es  ist  auffallend,  dass  solche  Spatblutungen  gewöhn 
lieh  am  8.  bis  10.  Tage  nach  der  ersten  Blutstillung  erfolgen,  nicht  sei 
ten  angekündigt  durch  sog.  Signalblutungen.  _  . 

Ganz  scharf  lassen  sich  diese  drei  Formen  natürlich  nicht  lnrniei 
voneinander  scheiden,  aber  ich  halte  diese  Dreit  eil  iing  zum  Vei 
ständnis  sich  abspielender  ungestörter  und  gestörter  Heilungsvorgang 
wie  auch  für  die  Beurteilung  und  Wahl  der  zu  ergreifenden  ther; 
peutischen  Massnahmen  für  recht  zweckmässig. 

II  Ein  zweites  Einteilungsnrinzip  ist  das  nach  der  an a 
tomi’s  ehern  Herkunft  der  Blutung,  ob  aus  Arterie] 
Venen  oder  Kapillaren:  im  letzteren  Falle,  wobei  auch  a. 
kleinen  Systemgefässe  (sog.  PräkaDillaren)  anatomisch  einzuschliesse; 
sind  sprechen  wir  von  parenchymatösen  Blutungen  L 
Erkennung  der  Herkunft  einer  Blutung  ist  durchaus  nicht  immer  leier 
Nach  grösseren  Operationen  oder  Verletzungen  „blutet  es  durch  .  z> 
mal  wenn  die  Wundfläche  offen  blieb.  Gerade  hier  hat  der  junge  Ai 
und  das  Personal  manchmal  erhebliche  Schwierigkeiten  in  seiner  En 
Scheidung,  wenn  er  die  hohe  Färbekraft  d  e  s  d  u  r  c  h  s  c  h  a 
g  e  n  d  e  n  Blutes,  die  d  u  r  ch  d  e  n  Sauerstoff  d  e  r  L  u  f  t  ent 
stehende  arterielle  Färbung  jedweden  durch,  den  Verbai 
schlagenden  Blutes  nicht  kennt:  dann  sei  er  lieber  einmal  zu 
sichtig  und  wecke  den  verantwortlichen  Chirurgen,  als  dass  er  Ofl 
seiner  Obhut  empfohlenen  Pflegling  sich  tropfenweise  durch  das  B< 
hin  verbluten  lasse.  Darum  die  eindringliche  Lehre  für  die  Praxis  —  h 
entnohmen  diese  eindringlichen  Warnungen  allen  mannigfachen  rüge] 
erfahrungen  aus  der  Praxis!:  Es  soll  die  verantwort  tc 
Nachtwache  auf  jeder  grösseren  chirurgischen  At 
teilung  eines  Kramkenhaus  es  nicht  unerfahrene 
wenn  auch  noch  so  willigen  Kräften  oder  gai  dt r a 
wachen  (!)  überlassen  werden,  sondern  gerade  für  sie  si 
entschlussfähige  erfahrene  Kräfte  heranzuziehen. 

Parenchymatöse  und  auch  grössere,  sich  anscheinend  grünen 
wiederholende  Blutungen  werden  in  der  Praxis  leicht  mit  „Ham 
philie“  abgetan;  im  Kriege  war  die  ..Bluteranlage  eine  recht  hau 
meinem  Zweifel  entgegengebrachte  Erklärung  sich  wiederholender  n 
tungen.  In  Wirklichkeit  sind  das  fast  immer  septische  Bi 
tun  gen.  indem  die  Infektion  die  Gefässwand  schädigt  und  das  B 
selbst  wässrig  macht. 

III.  Eine  dritte  Unterscheidung  der  Blutungen  !, 
schieht  nach  dem  Weg,  der  Richtung,  den  die.Blu'tuj 
nimmt.  Das  Sichklarwerden  gerade  über  diese  anatomisch-pnys 
logischen  Verhältnisse  bringt  leicht  auch  Klärung  über  manche 
ptome,  über  Prognose  und  Therapie  der  vorliegenden  Form,  zumal  we 
wir  sie  mit  anderen,  mehr  histologischen  Dingen  (Blutung  per  oi 
pedesin.  per  rhexin),  mit  anatomischen  Veränderungen  an  den  üetas. 
selber  (Haematoma  communicans  pulsans  —  Aneurysma  spurn 
arteriovenöser  Fistel,  Arterienfistel  Pirogoffs  u.  a.  m.),  mit 
seitiger  Beeinflussung  von  Arterien  und  Venen  (Kompression  bis 
Gangränbildung  etc.)  in  Berührung  bringen. 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


207 


Vir  haben  da  zu  unterscheiden 

)  Blutungen  auf  die  freie  Oberfläche  der  Haut; 

)  Blutungen  auf  die  freie  Oberfläche  der  Schleimhäute 
espiratorischem,  des  digestiven,  des  uropoetischen  und  des  geni- 
Systems  mit  symptomatischer  Verwertung  nach  den  blutlassen- 

Orifizien; 

)  Blutungen  in  die  nach  aussen  abgeschlossenen  Körper- 
e  n  und  Spalten  (Hämokranium,  Hämoperikard,  Hämothorax, 
bdomen,  Hämarthros); 

)  Blutungen  in  die  Gewebe:  von  den  Petechien  über  die 
ationen  der  Haut,  die  durch  Mehrfachverletzung  und  die  oft  lin¬ 
ier  grosse  Anzahl  kleinerer  Herde  zu  gewaltigen  Blutver- 
e n,  ja  selbst  zur  Verblutung  führen  können  —  ohne  klinisch 
:nnbare  Wirkung  der  Eigenblutinfusion!  — ,  bis 
in  Hämatomen  zwischen  den  Muskeln,  den  Hohlorganen, 
das  Peritoneum  usw. 

)ie  Gefahren  der  Blutung  sind  einmal  rein  örtliche, 
tens  mit  dem  Gewebstode  drohende,  oder  allgemeine, 
imsten  Falles  das  Leben  bedrohende.  Dazwischen  gibt  es  Upber- 
:,  wo  die  örtliche  Gewebsbeeinträchtigung  das  Leben  in  Gefahr 
t,  wenn  der  Ort  der  Blutung  ein  lebenswichtiger  ist,  wie  un- 
Ibar  für  das  Gehirn  oder  das  verlängerte  Mark,  mittelbar  für  die 
wege.  Sonst  droht  örtliche  Schädigung  durch  unmittelbare  Ge- 
aeeinträchtigung  über  ein  bestimmtes  Zeitmass  hinaus. 

)ie  allgemeine  Gefahr  der  Verblutung  —  ohne  die  oft  früh 
tzende  Komplikation  der  Infektion,  namentlich  der  anaeroben,  hier 
:rucksichtigen  —  besteht  physiologisch  einmal  in  einem  Leer¬ 
sten  des  Herz-  und  Gef ässpumpsy stems  und  zum 
n  in  einer  quantitativen  und  qualitativen  Minderwertigkeit 
31utes  als  des  Sauerstoffträgers.  Aus  diesem  Grunde 
sind  Spätblutungen,  besonders  solche  septischer  Natur,  wesent- 
refährlicher  als  Frischblutungen.  Statistische  Vergleiche  thera- 
;cher  Beeinflussung  einer  Blutung  sind  darum  nicht  ohne  weiteres 
;ig! 

ine  Verblutung  kann,  wie  jede  Blutung,  anatomisch  nicht 
ach  aussen  oder  nach  innen,  sondern  auch  in  die  Gewebe, 
in  das  Nierenbett,  unter  die  Serosa,  in  ein  übergrosses 
munüzierendes  Hämatom,  ja  selbst  in  das  Gefässsystem, 
planchnikusgebiet,  geschehen. 

ngesichts  dieser  grossen,  akut  auftretenden  Gefahren  ist  es  d  i  e 
e  Aufgabe  des  Chirurgen,  sich  zu  fragen,  ob  nicht  im 
i egenden  Falle  ein  Blutersatz  auf  diese  oder 
Weise  augenblicklich  das  Wichtigere  sei,  wich- 
r  als  die  endgültige  Blutstillung,  sofern  die  vor- 
3  erledigt  wurde  oder,  bei  inneren  Blutungen,  als  von  selbst  ge- 
en  vorausgesetzt  werden  darf.  Und  dann  hat  er  sich  zu  fragen, 
r  am  meisten  nütze  ohne  zu  schaden,  ohne  durch  Uebereifer  etwa 
em  Erlöschen  nahes  Licht  ganz  auszublasen!  Wie  oft  wurde 
vird  immer  wieder  der  Fehler  gemacht,  am  untau  g  - 
e  n  Objekt  einen  endgültigen  Gefässverschluss, 
gar  durch  eine  kunstvolle  Gefässnaht,  herbeizuführen,  an- 
zunächst,  nach  vorläufiger  Blutstillung,  die  Erhaltung  des  Lebens 
:hern  durch  Zufuhr  ausreichenden  Blutersatzes!  Das  gilt  be- 
lers  für  die  septischen  Spätblutungen, 
uf  die  Unterscheidungsmerkmale  gegenüber 
-renakut  bedrohlichen  Zuständen  werde  ich  in  einem 
deren  Kapitel  zurückkommen.  Hier  seien  die  Symptome 
Verblutung  in  Reihenfolge  ihrer  Schwere  nach 
chnet:  Durst,  trockene  Schleimhäute,  Mattigkeit,  Gähnen, 
ndei,  Ohrensausen;  dann  Angstgefühl,  kalter  Schweiss.  Luft- 
r,  Untersichlassen;  dann,  bei  steigender  Blässe  und  stetem 
r-  und  Rascherwerden  des  Pulses  und  Sinken  des  Blutdrucks: 
lende  Somnolenz,  Augenrollen  und  Erlöschen  der  Hornhautreflexe; 
weite  Pupillen,  Erbrechen,  Bewusstlosigkeit,  motorische  Unruhe; 
Marmorblässe  bei  Unfühlbarwerden  des  Pulses,  und  schnappende 
:üge  als  Vorboten  des  sicheren  Todes  in  einem  Stadium,  in 
jede  Therapie  versagt.  Natürlich  kann  dies  oder  jenes 
tom  einmal  ausbleiben:  dies  oder  jenes  mehr  hervortreten  oder 
erer  Reihenfolge  auftreten:  alle  Symptome  beruhen  letzten  Endes 
3m  Leerarbeiten  des  Herzens  und  der  schlechten  Durchblutung 
lehirns  und  verlängerten  Markes. 

ie  Prognose  ist  bei  Spätblutungen  fast  immer  schlechter  als 
rischblutungen.  Blutungen  aus  grossen  Gefässcn 
~  bei,  der  Menge  nach,  gleichem  Blutverlust  —  sicherer  zum 
als  solche  aus  mehreren  kleinen.  Welche  Blutverluste  iiber- 
;n,  werden  können,  ist  individuell  recht  verschieden.  Verlust 
einem  Drittel  der  Gesamtblutmenige  ist  immer 
n  s  g  e  f  ä  h  r  1  i  c  h,  bei  septisch  Blutenden  absolut  tödlich.  Die 
imtb  lutmen  ge  eines  Erwachsenen  beträgt  nach  alter,  zwar 
ittener,  aber  noch  nicht  umgestossener  Lehre  ein  Dreizehn¬ 
es  Körpergewichts,  bei  einem  130  Pfund  schweren  Manne 
kg.  Die  Angabe,  dass  Männer  nicht  mehr  als  1  'A  kg,  Frauen 
iiehr  als  2  kg  Blut  verlieren  können  ohne  Lebensgefahr,  ist  natiir- 
hr  mit  Vorsicht  aufzufassen.  Wir  tun  gut,  uns  an  die  klinischen 
ome  der  Schwere  nach,  wie  oben  geschildert,  zu  halten, 
enn  auch  der  Arzt  nur  ganz  selten  zu  den  ganz  schweren 
e  11  von  Blutungen  früh  genug  kommt,  um  helfend  ein- 
i  zu  können,  so  muss  er  doch  damit  vertraut  sein,  was  bei  solch 
ren  Blutungen  zu  unternehmen  ist.  Zunächst  darf  er  sich  nicht 
chen  lassen  dadurch,  dass  die  Blutung  vielleicht 


augenblicklich  spontan  steht;  das  kommt  ja  auch  bei 
Blutungen  nach  aussen,  selbst  z.  B.  bei  Radialis-,  bei  Popliteadurchschnei- 
dung  vor,  bedingt  durch  die  allgemeine  Gefässkontraktion  als  lebens¬ 
rettenden  Reflex  von  der  anämisch  gereizten  Medulla  oblongata  aus. 
Es  kommt  aber  auch  bei  der  Zerreissung  grösserer  Gefäss- 
stämme  (A.  femoralis)  vor,  namentlich  nach  stumpfer  Ge¬ 
walteinwirkung  (Abreissen,  Abschuss  etc.).  Abgesehen  von  der 
Gunst  äusserer  Verhältnisse,  wie  schrägem  Verlauf  des  Schusskanals, 
Gerinnselbildung,  Muskelverziehung,  Knochensplitterkompression  spielt 
hierbei  nach  meinen  Beobachtungen  der  sog.  segmentäre  G  e  - 
fässkrampf  (Küttner-Baruch)  eine  wesentliche  Rolle.  Fälle, 
bei  denen  die  Verletzung  eines  grösseren  Gefässstammes  gemutmasst 
wird,  sind  so  zu  behandeln,  als  ob  eine  solche  Verletzung  vorläge.  In 
allen  solchen  Fällen  dürfen  die  Herzkraft  anregende,  den  Blutdruck 
hebende  Mitte!  nicht  angewandt  werden,  wenn  nicht  zuvor  das 
Gefäss,  wenigstens  vorläufig,  gesperrt  werden  konnte.  Das  gilt  be¬ 
sonders  auch  für  vermutete  innere  Blutungen!  (s.  später.) 

Bei  nach  aussen  blutenden  Wunden  wie  auch  bei  vermuteten 
Blutungen  nach  innen,  hat  der  Arzt  sich  zu  fragen,  ob  er  selber  und 
ohne  Hilfe  die  Blutung  wird  stillen  können  oder  wollen,  oder  ob  er  dies 
für  spätere  Zeit  wird  hinausschieben  können  und  dürfen.  Danach  ist  zu 
unterscheiden  eine  vorläufige  und  eine  endgültige  Blut¬ 
stillung.  Die  Methodik  und  Anzeichen  zu  diesen  werden  in  be¬ 
sonderem  Kapitel  besprochen  werden. 

Hier  sei  nur  besprochen,  was  gegebenenfalls 
ohne  besondere  Hilfsmittel  zur  Blutsparung  geschehen 
kann. 

Eine  Prophylaxe  der  frischen  Verletzungs¬ 
blutungen  ist  nicht  möglich;  wohl  aber  kann  durch  Bereit¬ 
haltung  blutstillender  Mittel,  vor  allem  am  Bette  septisch 
Erkrankter,  die  von  einer  Spätbiutung  bedroht  sind,  manches  Leben 
gerettet  werden :  gute  Unterrichtung  und  Einübung  des  Pflegepersonals, 
Bereithaltung  und  Instellungbringung  der  Sehrt  sehen  Klammer  bzw. 
von  Gefässklemmen,  Stopfmitteln  etc.  gehören  hierher. 

Vor  voraussichtlich  blutreichen  Operationen  kann 
durch  vorausgeschickte  Kochsalzinfusion  (Bluttrans¬ 
fusion  nach  Hotz)  und  Herzmittel  (Digitalis,  Strophanthus)  der  Gefahr 
in  gewissem  Grade  vorgebeugt  werden.  Bei  cholämischerBlut- 
veränderung  wird  zweckmässig  5 — 6  Tage  vor  der  Operation  am 
Leber-Gallensystem  täglich  3 — 6  g  Calcium  chloratum  gegeben,  per 
klysma  oder  per  os,  um  die  Gerinnungsfähigkeit  des  Blutes  zu  erhöhen  ; 
auch  Gelatineinjektionen  (lO— 40  ccm  einer  10— 20uroz. 
Gelatina  sterilisata  Merck)  einige  Tage  vor  der  Operation  sind  am  Platze 
(s.  Pels-Leusden:  Chirurgische  Operationslehre).  Chloroform 
ist  als  Narkotikum  bei  Ausgeblr.teten  aufs  strengste  zu  vermeiden.  Was 
Röntgenbestrahlungen  der  Milz  als  die  Blutgerinnung  fördernde 
Massnahme  leisten,  ist  noch  umstritten.  Bei  .Blutern  bzw.  leicht 
blutenden  Menschen  möchte  eine  intravenöse  Transfusion  kleiner 
Mengen  Blut  zu  empfehlen  sein  (s.  später). 

Sehr  wesentlich  ist  —  abgesehen  von  dem  technischen  Können  und 
logischen  Denken  des  Operateurs  selber  —  die  Blutsparung  da¬ 
durch  zu  fördern,  dass  man  erstens  das  Glied,  an  dem  ope¬ 
riert  wird,  abbindet  und  zwar,  wenn  möglich,  nachdem  man  es 
durch  Gummibindenwicklung  blutleer  gemacht  hat  (s.  Esmarch). 
Solche  Blutleermachung,  durch  Wicklung  von  der  Peripherie  zum 
Zentrum,  hat  aber  zu  unterbleiben,  wenn  in  dem  Gliede  septische  Pro¬ 
dukte  oder  maligne  Tumormassen  vermutet  werden!  —  Zweitens, 
und  das  ist  namentlich  bei  Spätblutungen,  bei  denen  jeder  Blutstropfen 
wertvoll  ist,  sehr  zu  beherzigen,  legen  wir  uns  vor  grösseren 
Operationen,  auch  wenn  sie  nicht  an  den  Extremitäten  vorge¬ 
nommen  werden,  sog.  Blutdepots  an:  Ein  oder  beide  Ober¬ 
schenkel  werden  zunächst  venös  gestaut,  so  dass  sie  sich  mit  'Blut 
überfüllen;  bei  septisch  Anämischen  ist  solche  Stauung  kaum  an  der 
Hautfarbe  zu  erkennen,  doch  schwillt  das  Glied  im  Vergleich  zum  ge¬ 
sunden  an;  ist  die  Stauung  eingetreten,  dann  wird  zentral  völlig  ge¬ 
sperrt,  damit  der  Blutrückfluss  ganz  unterbrochen  sei.  Wir  brauchen 
zu  dieser  Massnahme  nur  einen  langen  Gummischlauch  oder  eine 
Sehrt  sehe  Klammer,  die  für  den  ersten  Akt  unvollkommen,  für  den 
zweiten  vollkommen  geschlossen  wird.' —  Die  Anlegung  solcher  Blut¬ 
depots  verkleinert  gleichzeitig  den  Blutkreislauf, 
spart  an  Narkotikum  ein  und  lässt,  was  nicht  zu  unter¬ 
schätzen  ist,  die  Blutkörperchen  in  den  Depots  u  n  ver¬ 
giftet!  Löst  man  nach  beendeter  Operation  die  Blutsperre,  was  stets 
langsam  zu  geschehen  hat.  so  kann  man  gleich  danach,  im  Falle  des 
Bedarfes,  die  befreiten  Extremitäten  zur  Autotrans¬ 
fusion  benutzen,  indem  wir  ihr  Blut  nunmehr  umgekehrt  in  den 
Kreislauf  pressen  und  danach  die  ausgepresste  Extremität  abschnüren 
(s.  später  unter  Autotransfusion).  Es  ist  merkwürdig,  wie  selten  dies 
Vorgehen  irr  der  Praxis  angewandt  wird;  auch  in  der  Kriegspraxis  bin 
ich  ihm  kaum  einmal  begegnet! 

Als  weitere  Blutsparung  kommt  die  Benutzung  des  aus  den 
Gefässen  ausgetretenen  Blutes  in  Betracht,  indem  wir 
es  wieder  dem  Kreislauf  zuführen,  eine  Methodik,  die  im  Frieden  nament¬ 
lich  von  seiten  der  Gynäkologen  bereits  ausgedehnte  Anwendung  fand. 
Auf  diese  sog.  Reinfusion  soll  später  näher  eingegangen  werden. 
Die  Gerinnbarkeit  des  in  die  Gewebe  ergossenen  Blutes  ist  ja 
nach  Massgabe  seiner  Berührung  mit  thrombokinetischen  Substanzen 
verschieden,  sie  ist  im  allgemeinen  gegenüber  frei  nach  aussen  fliessen- 
dem  Blut  herabgesetzt,  und  zwar  um  so  mehr,  je  mehr  das  ergossene 
Blut  in  glattwandigen  Höhlen  (Gelenk,  Thoraxraum)  bleibt. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


208 

Die  Anwesenheit  ergossenen  Blutes  ist,  sofern  es  I 
nicht  therapeutisch  verwendet  wird,  immer  schädlich  für  den  betroffenen 
Körperteil.  Die  Therapie  der  Haematome  im  weitesten  Sinne 
des  Wortes  ist  aber  nach  Ort,  Zeit  und  Nebenumständen  so  verschieden,  : 
dass  sie  nicht  nach  einheitlichen  Gesichtspunkten  besprochen  werden 
kann.  _ 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Franz  Doilein:  Mazedonien.  Mit  279  Abbildungen  im  Text  und 
4  farbigen  und  12  schwarzen  Tafeln,  592  Seiten.  Jena.  Verlag  von 
Gustav  Fischer,  1921.  Preis  105  M„  geb.  120  M. 

.Den  Mannschaften,  Aerzten  und  Offizieren  des  mazedonischen 
Heeres“  ist  das  Werk’  gewidmet.  Aus  diesem  Buche  mag  entnommen  ; 
werden  in  welcher  Weise  von  den  Deutschen  in  fremden  Landen  Krieg 
geführt  wurde.  Wir  können  aus  ihm  ersehen,  wie  sehr  die  deutsche 
Heeresleitung  bestrebt  war,  durch  Entsendung  von  Männern  der 
Wissenschaft  zun  Verständnis  des  fremden  Volkes  und  zur  Aut- 
schliessung  des  Landes  und  zum  Studium  von  Fauna  und  Flora  bei¬ 
Der  Zoologe  Franz  D  o  f  1  e  i  n  bringt  in  seinen  ..Erlebnissen  und 
Beobachtungen  eines  Naturforschers  im  Gefolge  des  deutschen  Heeres  [ 
nicht  nur  Mitteilungen  über  die  Tierwelt  von  Mazedoniern  er  berück¬ 
sichtigt  auch  die  Erdkunde,  die  Völkerkunde  und  die  Pflanzenwelt. 
Neben  dem  allseitig  gebildeten  Gelehrten  und  Naturforscher  kommt  aber 
vor  allem  der  Künstler  in  Wort  und  Bild  zur  Geltung. 

Treffliche  Wiedergaben  von  Aquarellen  aus  der  Hand  des  Autors 
liefern  uns  eine  Vorstellung  von  den  leuchtenden  Farben  der  südöst¬ 
lichen  Länder.  Zeichnungen  und  zahlreiche  Lichtbilder  ermöglichen  es 
dem  Leser,  sich  von  den  Tieren  und  Pflanzen.  Land  und  Leuten  und 
von  ihrer  Bauweise  einen  anschaulichen  Begriff  zu  machen.  Besonders 
hervorzuheben  ist  aber  die  Kunst  und  die  Gewandtheit  dei  literarischen 
Darstellung.  Da  wird  uns  in  lebhafter  Weise  von  dem  glühenden, 
regenlosen,  staubreichen  Sommer,  der  alle  Pflanzen  verdorren  lässt, 
und  von  dem  bitter  rauhen  Winter  erzählt,  der  zum  Raube  des  nur 
noch  spärlich  vorhandenen  Holzes  auffordert.  Wir  machen  mit  dein 
Autor  die  Expeditionen  mit.  welche  ihn  an  die  fischreichen  grossen 
Seen  Mazedoniens  und  durch  die  kahlen,  ausgewaschenen  Schluchten 
auf  die  hohen  Berge  des  Balkans  führen.  Mit  poetischem  Schwung  wnd 
der  blumenreiche  Frühling  Mazedoniens  besungen.  Besondere  Ab¬ 
schnitte  widmet  der  Zoologe  den  mazedonischen  Regenwürmern,  den 
Spinnen  und  Bienen  und  den  Wirbeltieren  dort.  Wir  erfahren,  dass 
die  Flora  in  Mazedonien  nicht  wie  die  Mittelmeerlandschaft  aus  Pinien 
und  Zypressen,  aus  Lorbeeren  und  Myrthen,  aus  Orangen-  und 
Zitronenbäumen  zusammengesetzt  ist,  sondern  dass  der  Balkan  ähnlich 
wie  Mitteleuropa  Pappeln  und  Ulmen,  Ahorn  und  Eichen,  Weiden,  Hain¬ 
buchen  und  Brombeeren  gedeihen  lässt. 

Den  Arzt  fesselt  vor  allem  das  Kapitel  „über  Klima  und  Seuchen 
in  Mazedonien“.  Die  Krankheiten,  welche  unsere  Truppen  doit  er¬ 
griffen  haben,  wie  das  Papatacifieber.  der  Flecktyphus,  das  Ruckrall- 
fieber  und  das  Wechselfieber  werden  bekanntlich  durch  Ungeziefer  über¬ 
tragen.  Da  ist  es  von  grossem  Interesse  Näheres  über  die  Lebensweise 
und  Fortpflanzung  der  Stechmücken  und  Stechfliegen,  der  Wanzen  und 
dei  Läuse  zu  erfahren.  Wir  hören,  dass  die  Anophelesmücke  nicht 
nur  in  den  heissen  Sümpfen  der  Seen  und  der  Flusstäler,  sondern  mich 
in  hochgelegenen  Sturzbächen  der  Berge  ausgebrütet  wird,  eine  1  at- 
sache,  die  der  Referent  nach  seinen  Erfahrungen  im  Taurusgebirge 
Kleinasiens  bestätigen  kann.  D  o  f  1  e  i  n  beschreibt  eine  besonders 
kleine  Art  der  das  Wechselfieber  übertragenden  Stechmücke  mit 
4  Flecken  am  vorderen  Rand  der  Flügel  (Anopheles  superpictus), 
welche  als  Ueberträgerin  der  gefährlichen  Art  der  Malaria  tropica  seu 
perniciosa  in  Betracht  kommt.  Auch  von  den  Plagegeistern  der  Pferde 
und  der  Rinder,  von  Bremsen  und  Lausfliegen,  von  Zecken  und 
Schmeissfliegen  ist  die  Rede.  Alle  diejenigen,  welche  in  verlausten 
Bahnen  des  Balkans  reisen  und  in  verwanzten  Wohnungen  dort  über¬ 
nachten  mussten,  alle  Aerzte,  welche  die  völkermordenden  Krankheiten 
dort  zu  bekämpfen  hatten1,  stimmen  wohl  darin  überein, .  dass  einei 
Erschliessung  der  Länder  des  Balkans  und  des  Orients  für  die  Kultur  und 
für  den  Handel  eine  Bekämpfung  des  Ungeziefers  vorangehen  muss. 
Eine  solche  kann  aber  nur  dann  erfolgen,  wenn  durch  ernste  Forschung 
die  Lebesgewohnheiten  und  die  Art  der  Verbreitung  des  Ungeziefers 
und  die  Möglichkeit  erfolgreichen  Kampfes  gegen  diese  Tiere  studiert 

wird.  ,  .  ... 

Das  grösste  Interesse  beansprucht  der  Abschnitt,  iw  welchem  mellt 
von  Tieren  und  Pflanzen,  sondern  von  den  Menschen  und  den  Men¬ 
schenrassen  Mazedoniens  die  Rede  ist.  Kaum  in  einem  anderen  Teil 
Europas  hat  eine  solche  Mischung,  eine  solche  Durcheinanderwürfelung 
der  Völker  stattgefunden  wie  auf  dem  Balkan.  Dort  finden  sich  Ser¬ 
ben  Türken,  Spaniolen,  Kutzowallachen,  Albaner,  Bosnier.  Dalmatiner, 
Griechen  verlauste  Zigeuner  und  Ueberreste  der  römischen  Kolonisten 
in  bunter  Reihe.  Das  bulgarische  Volk,  das  uns  Deutschen  bis  zum 
Zusammenbruch  und  zur  völligen  Erschöpfung  die  Treue  gehalten,  ent¬ 
spricht  keiner  einheitlichen  Rasse.  Neben  ausgesprochenen  slavischen 
Typen  mit  dunklen  Haaren  und  brünetter  Hautfarbe  trifft  man  schlitz¬ 
äugige  Tatarengestalten  mit  vorspringendem  Jochbogen.  Doflein 
rühmt  die  guten  Eigenschaften  des  harten  bulgarischen  Bauern  Volkes, 
das  moralisch  und  physisch  gesund  ist.  Besonders  betont  er  die  An¬ 
spruchslosigkeit  und  den  grossen  Lerneifer  der  bulgarischen  Soldaten. 
Er  schildert  aber  auch  die  leidenschaftliche  Eifersucht  zwischen  den 


slavischen  Brüdervölkern,  welche  der  Gründung  eines  ein h eitlicl 
Slavenreiches  auf  dem  Balkan  entgegensteht. 

Wenn  auch  den  deutschen  Waffen  in  Mazedonien  kein  dauern 
Erfolg  bestimmt  war,  so  liefert  uns  das  vorliegende  Werk  doch  eil 
Beweis  dafür,  dass  die  Tätigkeit  der  deutschen  Forscher  im  Kriege 
die  Erschliessung  eines  Landes,  das  bis  vor  kurzem  zu  den  am  weil 
sten  bekannten  Teilen  Europas  zählte,  nicht  vergeblich  war. 

L.  R.  Müller-  Erlangei 


Atrophie  des  menschlichen  Hoch 


K.  Goette:  Beitrag  zur 

Jena,  Gustav  Fischer,  1921.  . 

G.  verwertet  zur  vorliegenden  Arbeit  das  Hodenmaterial  der  1 
bnrger  Kriegssammlung  und  zahlreiche  Wägungsergebnisse  an  w  eitel 
Material.  Je  nach  der  Stärke  der  Veränderungen  unterscheidet 
zwischen  einer  beginnenden  Schädigung  und  einer  Atrophie  1. 
4.  Grades.  Die  schwerste  und  gleichmässigste  Atrophie  trifft  man 
schwerer  Phthise  und  chronischer  Sepsis  mit  Neigung  zu  Kachexie, ; 
besonders  in  Fällen,  in  denen  die  Erkrankung  mit  schlechtem 
nährungszustand  kombiniert  ist.  Bei  akuten  Todesfällen  dagegen 
bei  Krankheiten  des  Gefäss-  und  Nervensystems  konnte  G.  hi: 
logisch  vielfach  keine  oder  nur  geringfügige  Veränderungen  festste 
Die  primäre  Schädigung  findet  am  samenbereitenden  Teil  des  Hod 
statt  Leider  führte  G.  keine  exakten  Mengenbestimmungen 
generativen  Hodenanteil  und  Zwischengewebe  aus,  um  diese  Lr 
früherer  Untersuchungen  über  das  gleiche  Thema  auszufüllen.  Die 
G.  an  einzelnen  Stellen  vorgenommenen  approximativen  Zahlungen 
L  e  v  d  i  g  sehen  Zellen  sind  dazu  nicht  ausi  eichend. 

-  B.  Romeis  - Munche 


L  Benedek  und  F.  O.  Porsche:  Lieber  die  Entstehung 
N  e  g  r  i  sehen  Körperchen.  Abhandl.  a.  d.  Neurologie,  Psychia 
Psychologie  und  ihren  Grenzgebieten.  Karger,  1921.  Pieis  41) J 
'  Die  von  A  Negri  1903  im  Nervensystem  an  Wut  verstürbe 
Tiere  besonders  in  den  Ganglienzellen  des  Ammomshornes,  gefunde 
eigenartigen  Gebilde  sind  nicht,  wie  Ihr  Entdecker  Klaubte  die 
reger  der  Lyssa,  sondern  —  wie  schon  eine  Reihe  anderer  Nachun 
sucher  betont  hat  —  krankhafte  Produkte  der  Zellen  selber. 
Nukleolen  jener  Nervenzellen  erfahren,  wie  die  Verff.  dies  duren 
reiche  Abbildungen  darzutun  suchen,  eine  Vermehrung  gewisser,  i 
normalerweise  vorhandener  Bestandteile;  diese  nehmen  unter 
grösserung  des  Nukleolus  als  Ganzes  die  Form  sphärischer  Gebilde 
und  werden  schliesslich  in  den  Zelleib  ausgestossen  Aehnliche,  ; 
weniger  ausgebildete  Veränderungen  der  Kernkörperchen  von  Nen 
zellen  kommen  auch  bei  anderen  Krankheiten  gelegentlich  vor.  c 
Zerfall  dieser  Gebilde  entstehen  hie  und  da  Bilder,  welche  an 
gesprungene  Sporangien  der  Sporozoen  erinnern  können. 


Kraus-Brugsch:  Spezielle  Pathologie  und  Therapie  inn 
Krankheiten.  Urban  &  Schwarzenberg,  Berlin  und  W 
Lieferung  182—214. 

L  öh  1  ei  n  -  Greifswald:  Die  Beziehungen  des  Auges  zu 
inneren  Krankheiten.  Eine  sehr  ausführliche  Behandlung  dieser  v 
tigen  Beziehungen  mit  zahlreichen  instruktiven  Bildern.  Dem  bymr 
„Darmblutungen“  ist  ein  eigenes  Kapitel  von  Sing  er- Wien 
widmet.  Nach  der  kurzen  Abhandlung  über  Rachitis  von  Gz  er 
Berlin  bringt  die  Bearbeitung  des  Asthmas  von  Mora witz-ür 
wald,  des  Lungenemphysems  von  Sinn  hu  her-  Königsberg 
namentlich  der  Lungenentzündungen  von  de  la  Camp-  Frei, bürg 
erschöpfende  Darstellung  dieser  Krankheiten,  wie  man  sie  sich  i 
besser  denken  kann.  Die  letzten  Lieferungen  enthalten  die  Vollem 
des  Kapitels  Cholangitis  putrida,  Leberabszess  und  subphrems 
Abszess  von  U  n  g  e  r  -  Berlin.  V  o  i  t  -  Giesst 


Hermann  Raut  mann:  Untersuchungen  über  die  Norm,  ihre 
deutung  und  Bestimmung.  6.  Heft  der  Veröffentlichungen  aus 
Kriegs-  und  Konstitutionspathologie.  Jena,  Gustav  Fischer,  19, 
Ueber  den  Begriff  der  Norm  ist  man  sich  uneinig.  Die  einen 
stehen  unter  Norm  in  der  Biologie  die  häufigst  vorkommenden 
scheinungsfonnen  eines  Beobachtungsgegemstandes,  wobei  für 
Menschen  die  Zeichen  des  Gesundhaften  inbegriffen  sein  müssen 
anderen,  wie  z.  B.  K.  H  i  1  d  e  b  r  a  n  d  t.  setzen  Norm  und  Ideal  g 
Im  letzteren  Fall  verliert  man  den  Boden  unter  den  Füssen  und 
biologischer  Massstab  werden  soll,  wird  zu  unerreichbarer  Forde 
und  unwirklicher  Konstruktion.  Eine  eigenartige  Mittelstellung  ni 
eine  dritte  Gruppe  von  Normsuchern  ein,  nämlich  diejenige.  w< 
unter  Auswahl  gegebener,  aber  ausgesucht  guter  Exemplare  verrn 
mathematischer  Methoden  einen  Durchschnitt  zu  finden  strebt, 
diesem  Sinn  hat  vor  2  Jahren  Geigel  seinen  „Kanon  des  jul 
deutschen  Soldaten“  in  dieser  Wochenschrift  (1919.  Nr.  52)  abgcl! 
In  dieselbe  Gruppe  gehört  in  bezug  auf  Objekt  und  Methode  die 
gezeichnete  Arbeit  H.  Rautmanns.  Sie  ist  dem  Andenken  1 
Theod.  Fechners  gewidmet;  ihre  Ergebnisse  beruhen  auf  der 
Wendung  seiner  „Kollektivmasslehre  auf  Problemen  der  Patliologil 
besonderem  der  Konstitutionsforschung.  Die  mathematische  Seitei 
Werkes  wird  der  Mediziner  wohl  verstehen,  aber  im  allgemeinen 
kritisch  zu  beurteilen  vermögen.  Es  wird  Sache  der  Mathematiken 
Fach  sein,  zu  entscheiden,  ob  das  von  F  e  ebne  r  angegebene,  logt 
mische,  zweiseitige  Gausssche  Gesetz  die  beste  Methode  zur  ] 
nerischen  Bestimmung  eines  „Kollektivgegenstandes“  ist:  K- 
m  a  n  n  behauptet  seine  besondere  Eignung  für  biologische  BeoS 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


209 


jsrofhen.  Die  Kollektivgegenstände.  seiner  Beobachtung  waren 
jergewicht,  Körpergrösse,  Brustumfang,  Respirationsbreite.  Herz- 
se  (röntgenologisch),  Pulszahl  und  Blutdruck  bei  jungen  Männern. 
Messungen  landen,  wie  bei  Geigel,  gelegentlich  der  Ausmuste- 
I 'für  den  Flugdienst  während  des  Krieges  statt.  Wenn  oben  betont 
je,  dass  Rautmanns  Norm  auch  etwas  Idealisches  anhaftet,  so 
iht  das  eben  darauf,  dass  zum  Flugdienst  sich  nur  die  körperlich 
htigsten,  häufig  bereits  durch  mehrfache  Musterung  gesiebt,  melden 
iten;  auch  meldete  sich  natürlich  nur,  wer  es  sich  selbst  zutraute, 
kommt  Rautmann  m.  E.  auch  zwar  zu  einer  Norm,  aber  nicht 
einer  Durchschnitts-,  sondern  zu  einer  Musternorm.  Fechner 
st  hat  als  Vorbedingung  einwandfreier  Anwendung  seiner  Kollektiv¬ 
slehre  gefordert,  dass  bei  der  Auswahl  keine  Nebenrücksichten  und 
e  Willkür  Platz  greife.  Die  Grenzen  der  Statistik  liegen  also  in 
Statistiker  und  sein  subjektives-  Werturteil,  das  bei  der  Auswahl 
>er  eine  bewusste  und  unbewusste  Rolle  spielt,  wird,  je  willkürlicher 
nge wendet  ist,  desto  mehr  den  reinen,  vielleicht  fast  absoluten  Wert 
Methode  schmälern.  Ich  will  nicht  damit  sagen,  dass  die  von 
u'tmann  gefundenen  Werte  nicht  die  gesuchte  Norm  für  sein 
erial.  sondern  nur,  dass  sie  nic'ht  die  Norm  schlechthin  sind.  Ein 
irf  charakterisiertes  und  einheitliches  Beobachtungsmaterial  voraus- 
itzt,  bietet  die  Fechn  ersehe  Methode,  wie  Rautmann  zeigt, 
t  folgende  grosse  und  für  den  Nichtmathematiker  überraschende 
iliichkeiten :  es  lässt  sich  mit  ihrer  Hilfe  die  normale  Variationsbreite 
r  biologischen  Erscheinung  (nicht  nur  ihre  Mittelwerte)  angeben, 
vermag  ferner  die  Grösse  der  für  eine  sichere  Berechnung  nötigen 
ndzahl  herauszisbringen  und  sie  gestattet  schliesslich  auch  die  Grösse 
vorhandenen  Fehler  zu  bestimmen.  Bezüglich  der  Ergebnisse,  die 
utmann  mittels  dieser  Methode  gefunden  hat,  sei  auf  die  Schrift 
st  verwiesen.  In  einem  wichtigen  Punkte  scheint  sie  mir  noch 
lie  Zukunft  zu  weisen:  in  der  Notwendigkeit  und  in  der  Möglich- 
.  über  die  Normbestimmung  der  Einzelerscheinungen  hinaus  auch 
gegenseitigen  Beziehungen  rechnerisch  zu  erfassen. 

R.  R  ös  sie -Jena. 

A.  Poehlmann:  Technik  der  Wassermann  sehen  Reaktion 
der  S  a  c  h  s  -  G  e  o  r  g  i  -  Reaktion.  2.  Auflage.  München  1921. 
Vlüller  &  Steinicke.  Preis  9.60  M. 

Die  zweite  Auflage  dieses  ausgezeichneten,  für  Anfänger  und  Ge- 
:  gleich  wertvollen  Hilfsbiichleins  für  die  Untersuchungen  nach 
ssermann  hat  der  Verfasser  mit  gewohnter  Gründlichkeit,  aus 
hen  Erfahrungen  heraus  dem  Stande  unseres  Wissens  angepasst. 
Abschnitt  „Komplement“  ist  ganz  umgearbeitet,  hinzugefügt  ist  die 
chreibung  des  Verfahrens  nach  Sachs-üeorgt  und  auch  sonst 
kt  man  Seite  für  Seite  die  verbessernde  Feder.  Dass  der  Verfasser 
eigenes  Verfahren,  das  bestimmte  Abweichungen  von  sonst 
:hen  zeigt,  ausführlicher  behandelt,  gereicht  der  Arbeit  nicht  zum 
hteil.  Wenn  auch  die  Anleitungen  des  Reichsgesundheitsrates  für 
Ausführung  der  Untersuchungen  nach  Wassermann  nicht  berüch¬ 
tigt  sind,  so  behält  das  Buch  für  Untersucher,  die  nach  der  Anleitung 
;iten,  seinen  Wert.  Bei  einer  neuen  Auflage  dürften  wohl  die  ein¬ 
reuten,  unnötigen  Fremdwörter  zu  beseitigen  sein. 

Rimpau  -  Solln. 

John  Grönberg:  Rezeptur  für  Studierende  und  Aerzte.  2.  ver- 
rte  und  verbesserte  Auflage  mit  18  Textfiguren.  Berlin, 
pringer,  1920.  113  Seiten.  Preis  14  M. 

Grönbergs  Rezeptur,  die  bei  ihrem  ersten  Erscheinen  1919 
dig  begrüsst  und  von  der  Kritik  freundlichst  beurteilt  wurde,  weist 
er  neuen  Auflage  manche  Verbesserung  auf.  Die  Einschaltungen 
ner  Versuche  über  Unlöslichkeit  gewisser  Pillenmassen  im  Danr.- 
d,  Ungenauigkeit  von  Messgefässen  etc.  sind  in  Kleindruck  gesetzt 
stören  den  Zusammenhang  der  Darstellung  nicht  mehr.  Leider  ist 
m.  E.  unhaltbare  Einteilung  der  Alkaloide  in:  zu  innerlichen  und 
iusserlichen  Zwecken,  stehengeblieben. 

Das  sehr  praktische  Büchlein,  das  sorgfältig  durchdacht  und  frei 
veraltetem  Kram  und  zweckwidrigen  Arzneiverordnungen  ist,  kann 
>nders  den  Studierenden  der  Medizin  bestens  empfohlen  werden. 

J  o  d  1  b  a  u  e  r. 

Öie  Jene  Tlcjnei  1530.  Faksimiledruck  mit  einer  quellenkritischen 
ersudnmg  über  die  Geschichte  des  ältesten  zahnheilkundlichen 
ckes  von  Dr.  Gustav  Budjuhn  t.  Vorwort  von  Prof.  Dr.  Karl 
dhoff,  Geh.  Medizinalrat.  Verlag  von  Hermann  Meusser, 
in  1921.  73  Seiten  8°  (abgesehen  vom  Faksimiledruck). 

Die  „Zenearznei“  von  1530  ist  das  älteste  gedruckte  Werk  zahn- 
rundlichen  Inhaltes,  ein  nettes  populäres  Werkchen  mit  allerlei  guten 
schlügen  und  recht  interessanten  Angaben  über  Plombieren.  Nerv- 
n  usw.  Das  anonyme  Büchüein  ist  zwar  in  8  Auflagen  gedruckt 
den,  aber  trotzdem  eine  grosse  bibliophile  Seltenheit.  Auch  neue 
Weisungen  und  ein  von  Richter  1891  besorgter  Neudruck  sind 
ier  wieder  vergessen  worden,  so  dass  die  Wiederherausgabe  in  vor- 
ich  schönem  Faksimiledruck  von  grossem  Werte  ist.  Sie  wird 
so  mehr  anerkannt  werden,  als  der  geschichtliche  Sinn  bei  den 
egen  von  der  Zahnheilkunde  sichtlich  in  raschem  Wachsen  begriffen 
Budjuhn, ‘ein  gewesener  Neuphilologe,  dann  Studierender  der 
nheilkunde,  der  noch  vor  Erreichung  des  30.  Lebensjahres  in 
ischer  Weise  sterben  musste,  hat  die  Geschichte  des  Werkchens 
der  verschiedenen  Drucke  mit  grosser  Sorgfalt  bearbeitet.  Es  ist 
grosses  Verdienst  von  Sud  hoff,  dass  er  sich  um  die  vorzügliche 
eit  angenommen  hat,  sie  mit  einem'  Vorwort  versah  und  Dr.  Curt 
0 skauer  empfahl,  der  sie  als  2.  Bändchen  seiner  „Quellen  und 


Beiträge  zur  Geschichte  der  Zahnheilkunde“  erscheinen  liess.  Be¬ 
sonders  dankbar  müssen  wir  aber  Sudhoff  sein,  dass  er  den  Faksimile¬ 
druck  beim  Verleger  anregte  und  auch  die  Titelblätter  der  späteren 
Auflagen  reproduzieren  Hess,  so  dass  nun  die  Arbeit  B  u  d  j  u  h  n  s  im 
richtigen  Licht  steht,  als  erläuterndes  Nachwort  zum  Texte.  So  wird 
das  Ganze,  wie  Sud  hoff  schön  sagt,  ,  zum  würdigsten  Denkmal  für 
den  so  früh  Geschiedenen“.  Kerschenste i ner. 

K.  E.  Ranke  und  Chr.  Silberhorn:  Atmungs-  und  Haltungs¬ 
übungen.  Mit  46  Abbildungen  im  Text.  2.  Auflage,  neu  bearbeitet. 
60  S.  Verlag  G  m  e  1  i  n,  München  1921. 

Die  bereits  in  der  ersten  Auflage,  besonders  gegen  schlechte  Hal¬ 
tung  und  mangelhafte  Brustkorbentwicklung,  vom  Arzt  und  Turn- 
fachmann  durch  gemeinsame  Erwägungen  und  Feststellungen  emp¬ 
fohlenen  Uebungen  haben  sich  in  der  Praxis  bewährt.  Ihre  Auswahl 
und  ihr  Ausmass  soll  unter  ärztlicher  Ueberwachung  stehen,  was  be¬ 
sonders  für  die  nicht  Gesunden  gilt.  Der  Turnlehrer  oder  Heilgymnast 
kann  und  darf  nicht  allein1  die  Verantwortung  tragen.  Unter  diesem 
einzig  richtigen  Gesichtspunkt  entstand  das  gute  Büchlein,  dessen  zwei¬ 
tes  Erscheinen  durch  neue,  ausgeprobte  Uebungen  und  weitere  Bilder 
nach  Naturaufnahmen  vermehrt  wurde.  Doernberger. 

Das  kleine  Botanische  Praktikum  für  Anfänger,  Anleitung  zum 
Selbststudium  der  mikroskopischen  Botanik  und  Einführung  in  die 
mikroskopische  Technik  von  Eduard  Strasburger.  9.  verbesserte 
Auflage  von  Max  Koer  nicke.  8°.  272  Seiten.  138  Holzschnitte 

und  3  farbige  Bilder.  Jena,  Gustav  Fischer,  1921.  Broschiert  40.50  M. 

Das  allbewährte  Buch  —  die  9.  Auflage  spricht  am  deutlichsten 
dafür  —  wendet  sich  an  alle  diejenigen,  die  nicht  Botaniker  von  Fach 
werden  wollen,  sich  aber  mit  den  Grundlagen  der  wissenschaftlichen 
Botanik  aus  eigener  Anschauung  vertraut  machen  möchten.  In  der 
neuen  Auflage  sind  in  mehreren  Abschnitten  Text  und  Figuren  ent¬ 
sprechend  den  wissenschaftlichen  Fortschritten  geändert  worden,  einiges 
ist  neu  hinzugekommen.  Für  den  wissenschaftlich  tätigen  Arzt,  ganz 
besonders  aber  für  jeden,  der  sich  mit  dem  Pflanzenleben  vertraut 
machen  oder  in  dasselbe  tiefer  eindringen  will,  wird  das  äusserst  prak¬ 
tisch  angelegte  Buch  ein  zuverlässiger  und  gründlicher  Ratgeber  sein. 

H.  Ross-  München. 

Zeitschriften-Uebersicht. 

Zeitschrift  für  physikalische  und  diätetische  Therapie  einschliess¬ 
lich  Balneologie  und  Klimatologie.  1921.  Heft  12. 

B  o  r  u  t  t  a  u  -  Berlin:  Ein  Beitrag  zur  Ernährung  der  Nervensubstanz. 

Von  2  Kaninchen,  die  30  Tage  lang  neben  Grün-  und  Trockenfutter  ein 
Präparat  aus  Tiergehirn  und  Rückenmark  (F  e  i  g  1  s  „Promonta“)  bekommen 
hatten,  wurden  die  Organe  analysiert  und  dabei  ein  absolut  und  relativ  er¬ 
höhter  Gehalt  der  Leber  an  ätherlöslichen  Substanzen  und  Lipoidphosphor 
gefunden,  ebenso  des  Gehirns  und  Rückenmarkes,  dagegen  nicht  der  Muskeln. 
Der  von  Fei  gl  beschrittene  Weg  zur  Ersetzung  verbrauchter  Stoffe  im 
menschlichen  Nervensystem  ist  also  richtig  und  gangbar. 

Philipp  und  C  a  r  t  h  a  u  s  -  Bonn:  Versuche  über  die  Wirkung 
oszillierender  Ströme  auf  Bakterien  und  Protozoen,  insbesondere  in  Lösungen 
von  Jodsalzen. 

Kulturen  von  Typhus,  Koli,  Diphtherie  und  Tuberkelbazillen  konnten 
durch  die  kombinierte  Wirkung  von  JNa  und  oszillierenden  Strömen  ab¬ 
getötet  werden,  bei  Verwendung  von  Jodkalzium  war  das  gleiche  der  Fall 
und  auch  schon  der  oszillierende  Strom  allein  übte  schon  eine  schädigende 
Wirkung  auf  Bakterien  (Bact.  proteus)  aus.  Es  werden  also  die  Elektrolyte 
der  oszillierenden  Ströme  in  der  durchströmten  Strecke  frei  und  wirken  hier 
auf  Mikroorganismen,  womit  ein  Weg  gezeigt  ist,  im  Innern  des  Körpers 
Arzneimittel  zu  zerlegen  und  damit  stärker  wirksam  zu  machen. 

W.  S  m  i  t  t  -  Dresden:  Die  Beteiligung  der  Bauchdecken  bei  der  Lumbago. 

Durch  Beobachtung  am  eigenen  Körper  fand  Verf.,  dass  bei  der  Lumbago 
die  Bauchdecken  Sitz  der  Erkrankung  sein  können,  wobei  die  kranken  Stellen 
abnorm  hart  und  druckempfindlich  sind.  Am  besten  wirkt  hier  Massage  im 
Stehen,  vorbeugend  zweckmässige  Unterkleidung,  regelmässige  Waschungen 
mit  heissem  (nicht  kaltem)  Wasser  und  Luftbäder. 

E.  P  e  t  e  r  s  -  Davos:  Serumei  Weissuntersuchungen  im  Hochgebirge. 

Gesamteiweissgehalt  und  prozentualer  Globulingehalt  des  Serums  blieb 
bei  Gesunden  unverändert,  wurde  bei  Lungentuberkulösen  vermindert,  aber 
wahrscheinlich  durch  die  Einwirkung  der  Krankheit,  nicht  der  Höhenlage. 

J.  S  c  h  n  e  y  e  r  -  Gastein:  Einige  biologische  Wirkungen  des  Bad¬ 
gasteiner  Thermalwassers. 

Verf.  fand,  dass  die  Leukozytenzahl  durch  die  künstlichen  Emanations- 
büder  stärker  beeinflusst  wird,  als  durch  die  Gasteiner  Thermalbäder,  was  er 
durch  die  verschiedene  Verteilung  der  Emanation,  die  bei  den  Thermalbädern 
gleichmässiger  ist,  erklärt.  Es  gelangen  so  in  der  Zeiteinheit  nur  sehr  geringe 
Dosen  in  den  Organismus.  Während  weiterhin  hochdosierte  Trinkkuren 
offenbar  die  Magensekretion  nicht  beeinflussen,  fand  Verf.,  dass  durch  das 
üasteiner  Thermalwasser  die  Salzsäuremengen  regelmässig  vermehrt  werden, 
weshalb  auch  Kranke  mit  Uebersäuerung  die  Trinkkuren  dort  schlecht  ver¬ 
tragen.  Er  schliesst  aus  alledem,  dass  es  verfehlt  ist,  die  Hauptwirkung  der 
Gasteiner  Therme  ihrem  Gehalt  an  Radiumemanation  zuzuschreiben,  wie  das 
vielfach  geschieht.  L.  Jacob-  Bremen. 

Archiv  für  klinische  Chirurgie.  117.  Band,  3.  Heft. 

Hans  Smidt:  Röntgenologische  Untersuchungen  über  das  Verhalten  des 
Magens  während  eines  Galiensteinanfalles. 

Untersuchung  von  8  Patienten.  Es  fand  sich  dabei  eine  hochgradige 
Steigerung  des  Tonus  mit  totalem  oder  regionärem  Gastrospasmus,  anfangs 
hochgradig  gesteigerte  Peristaltik  bei  bestehender  Pylorusinsuffizienz,  die 
allmählich  in  Ortho-  oder  gar  Hypotonie  und  Aperistaltik  übergeht.  Häufig 
fällt  diese  Phase  mit  dem  Abflauen  des  Anfalles  zusammen.  Aus  diesem 
Wechsel  resultiert  eine  erhebliche  Verlängerung  der  gesamten  Austreibungs¬ 
zeit.  Bei  Total-Gastrospasmen  wurden  gleichzeitig  am  Duodenum  und  Jejunum 


210 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr 


spastische  Zustände  beobachtet.  Die  Darmpassage  blieb  unverändert  Der 
Erregungszustand  der  Gallenblasenwand  teilt  sich  reflektorisch  dem  Magen- 
Darmtrakt  mit  und  führt  zu  diesen  spastischen  Erscheinungen,  nach  deren 
Abklingen  ein  Erschöpfungszustand  eintritt.  _ 

J.  F.  S.  Esser:  Schusterspanvcrbäiide  bei  Gesichtsplastiken.  Meine 

Mittelungen.  Qesichtsplastiken  das  Einsjnken  von  Nahtlinien  und  Verziehen 
von  Lappen  zu  verhüten,  verwendet  E.  an  Stelle  komplizierter  Kopfkappen¬ 
apparate,  an  denen  die  Fadenzügel  angebracht  werden  können,  einen  ent¬ 
sprechend  geformten  Schusterspanbogen  von  40  cm  Länge,  der  mit  Mastisol 
und  Mullbinden  auf  dem  Kopfe  befestigt  wird.  Mit  kräftiger  Nadel  wird  an 
der  gewünschten  Stelle  der  Seidenfaden  durchgezogen  und  die  Fadenzugei  be¬ 
festigt.  Mehrere  erläuternde  Abbildungen. 

Wildegans:  Lieber  Thoraxresektionen  wegen  veralteter  Pleura¬ 
empyeme.  (Bericht  über  das  Material  K  ö  r  t  e  s.)  _  . 

Unter  222  operierten  Pleuraempyemen  wurde  bei  12  Patienten  eine 
Thorakoplastik  zur  Ausheilung  nötig,  ferner  noch  bei  3  tuberkulösen  Empyemen. 
Die  Erfolge  sind  sehr  gute.  12  von  diesen  Fällen  heilten  nach  Ihorax- 
resektionen  nach  Schede  fistellos  aus.  2  tuberkulöse  Empyeme  wurden 
mit  Fistel  wesentlich  gebessert  entlassen.  Ein  8  jähr.  Mädchen  starb  24  stun¬ 
den  nach  der  Operation.  Die  Thorakoplastik  wurde  in  der  Regel  in  einer 
Sitzung  und  in  einer  Kombination  von  Lokalanästhesie  mit  Allgemeinnarkose 
durchgeführt.  Resektion  der  ersten  Rippe  und  Teile  der  Skapula  sind  nur 
ausnahmsweise  notwendig.  Entrindung  der  Lunge  nicht  empfehlenswert.  Jie 
Erfolge  bei  tuberkulösen  Empyemen  sind  nicht  unerheblich  ungünstiger.  Die 
Thoraxresektion  ist  indiziert,  wenn  3  Monate  nach  erfolgter  Rippenresektion 
bei  entsprechender  Nachbehandlung  die  Höhle  keine  Neigung  zur  Ausheilung 
zeigt.  Zur  Kontrolle  der  Kapazität  der  starren  Höhle  wird  Austastung  der¬ 
selben  mit  einer  Zinnsonde  vor  dem  Röntgenschirme  bevorzugt.  Bei  der 
Nachuntersuchung  zeigte  es  sich,  dass  auch  die  Lunge  an  der  erkrankten 
Seite  an  der  Atmung  teilnahm. 

J.  F.  S.  Esser:  Oben  gestielter  Arteria-angularis-Lappen  ohne  nautstiel. 

Mitteilung  und  Abbildungen  einer  Anzahl  sehr  gelungener  Gesichts¬ 
plastiken  (Nasen-  und  Unterliddefekte).  Sie  wurden  erzielt  durch  Deckung 
mit  peripher  gestielten  Insellappen  (ringsum  losgelöste  Hautlappen,  deren 
Stiel  nur  aus  Gefässen  besteht),  die  durch  umgekehrte  Zirkulation  der  Arteria 
angularis  ernährt  wurden.  Wenn  man  auch  an  die  peripher  gestielten  Lappen 
nicht  die  gleichen  Ansprüche  stellen  kann  wie  an  die  zentral  gestielten,  so 
ist  dem  ersteren  doch  3h  bis  %  der  Lebenskraft  zuzuschreiben,  die  die 
letzteren  aufweisen. 

William  Boss:  Beitrag  zur  Frage  der  embolischen  Aneurysmen. 

Mitteilung  zweier  Fälle  (eines  Arrosions-  und  eines  embolischen 
Aneurysmas).  Erstere  entstehen  durch  Arrodieren  der  Gefässwand  durch 
infektiöse  Prozesse,  die  von  aussen  her  an  umschriebener  Stelle  die  Arterien¬ 
wand  schädigen.  Letztere  kommen  durch  Bakterienemboli  zustande,  die  von 
endokarditischen  Klappenauflagerungen  losgelöst  werden  und  eine  von  den 
äusseren  Schichten  nach  innen  fortschreitende  Periarteriitis  setzen.  Operative 
Behandlung  kommt  nur  bei  den  Extremitätenaneurysmen  in  Frage,  nicht  bei 
denen  der  Bauchgefässe.  Auch  bei  ersteren  ist  der  Erfolg  unsicher. 

Gerhard  Wolff:  Mammakarzinom  während  Gravidität  und  Laktation. 

Unter  einem  Gesamtmaterial  von  214  Mammakarzinomen  wurde  in 
13  Fällen  die  Erkrankung  während  der  Gravidität  und  Laktation  beobachtet 
(6  Proz.).  Die  in  dieser  Zeit  auftretenden  Karzinome  zeichnen  sich  durch  be¬ 
sondere  Bösartigkeit-  aus.  In  keinem  Falle  wurde  eine  Rezidivfreiheit  von 
auch  nur  einem  Jahre  erreicht..  3  dieser  Fälle  waren  von  Haus  aus  inoperabel. 
Das  Auftreten  von  Karzinomen  während  der  Gravidität  und  Laktation  wurde 
besonders  häufig  bei  polnischen  Jüdinnen  beobachtet,  so  dass  vielleicht  Rassen¬ 
eigentümlichkeiten  eine  Rolle  spielen. 


Karl  Schlaepfer:  Ueber  eine  vereinfachte  Methode  der  indirekten 
Bluttransfusion  (B  r  o  w  n  -  P  e  r  c  y). 

Verfasser  berichtet  über  die  häufige  Anwendung  von  Bluttransfusionen, 
die  er  in  Amerika  beobachten  konnte  und  empfiehlt  die  indirekte  Bluttrans¬ 
fusion  nach  Brown-Percy,  an  der  er  einige  kleine  Modifikationen  ange- 
oracht  hat.  Beschreibung  des  Apparates  und  der  Technik  der  Transfusion. 

Valentin-Müller:  Intrapelvine  Pfannenvorwölbung  (Pelvis  Otto- 
Chrobak). 

Mitteilung  von  3  derartigen  Fällen,  die  im  Verlaufe  von  2  Jahren  be¬ 
obachtet  wurden.  Die  Ursache  dieses  Leidens  ist  eine  Herabsetzung  der 
Widerstandskraft  der  Pfanne  gegenüber  dem  andrängenden  Schenkelkopfe 
durch  Tumor,  Tuberkulose  oder  pyämische  Prozesse.  Die  akute  Form  dieser 
Erkrankung  ist  nach  Henschen  auf  Gonorrhöe  zurückzuführen.  Symptome 
sind:  Schmerzen,  die  meistens  zuerst  in  der  Wade  beginnen  und  später  zum 
Hüftgelenk  hinaufziehen.  Hinken,  Bewegungseinschränkung,  das  Auftreten  einer 
druckempfindlichen  Resistenz  oberhalb  der  Leiste,  Abflachung  der  Trochanter¬ 
wölbung,  fehlerhafte  Hüftstellung,  Stauchungsschmerz,  Trendelenburg- 
sches  Zeichen  und  vaginal  oder  rektal  zu  tastende  intrapelvine  Vorwölbung. 


Helmut  Loebell:  Hernia  diaphragmatica  spuria  nach  Schussver¬ 
letzung. 

Mitteilung  eines  Falles,  in  dem  es  durch  Inkarzeration  der  Flexura  coli 
sinistra  in  einer  traumatischen  Zwerchfellhernie  zum  Ileus  gekommen  war, 
der  in  mehrfachen  Sitzungen  operativ  zur  Ausheilung  gebracht  werden  konnte. 

Rachil  Friedmann:  Ueber  Diverticulltis  des  Dickdarms. 

Es  wird  über  einen  Fall  von  akuter  eitriger  Peritonitis'  berichtet,  die 
durch  Perforation  eines  Graser  sehen  Divertikels  der  Flexura  sigmoidea 
entstanden  war.  Kurze  Besprechung  der  Aetiologie  der  Divertikel,  der 
Diagnose  und  Therapie.  ‘  Hohlbaum  -  Leipzig. 


Bruns’  Beiträge  zur  klinischen  Chirurgie,  red.  von  Q  a  r  r  e, 
Küttner,  v.  Brunn.  124.  Bd.,  3.  Heft.  Tübingen,  L  a  u  p  p.  1921. 

D.  Kulenkampf  gibt  aus  dem  Krankenstift  Zwickau  eine  Arbeit  zur 
Aetiologie,  Diagnose  und  Therapie  der  sog.  Pulsionsdivertikel  der  Speise¬ 
röhre.  K.  ist  der  Ansicht,  dass  man  die  Bedeutung  der  Muskulatur  für 
den  Entstehungsmechanismus  überschätzt  hat  und  dass  man  es  mehr  mit 
angeborenen  Bildungen  zu  tun  hat;  auch  die  meist  handschuhfingerartige  Form 
der  Divertikel,  die  sich  nach  ihrer  Lösung  aus  ihren  Beziehungen  zpr  Nachbar¬ 
schaft  so  elastisch  zusammenziehen,  dass  sie  ganz  Gestalt  und  Grösse  eines 
kleinen  Fingers  haben,  spricht  gegen  die  mechanische  Entstehung,  und  sind 
die  Oesophagusdivertikel,  analog  denen  an  Magen  und  Darm,  als  angeborene 
Bildungen  aufzufassen.  K.  erörtert  das  Krankheitsbild  und  die  Diagnose  der 


Oesophagusdivertikel.  bei  denen  die  Röntgenographie  das  sicherste  j 
gnostische  Hilfsmittel  ist  und  man  die  schwierige  Sondierung  unterla  j 
kann.  Die  Behandlung  muss  eine  operative  sein.  Das  uirard  sc  ne  Up 
tionsverfahren  kann  nur  für  kleine  Divertikel  in  Frage  kommen,  die  i  o  . 
mann  sehe  Operationsmethode  billigt  K.  nicht,  da  dabei  ein  absterbe;  \ 
Fremdkörper  in  der  Wunde  zurückbleibt,  was  zu  Mediastinitis  Anlass  g«j 
kann;  er  plädiert  vielmehr  für  Abtragung  des  durch  einen  Kragenschnitt  bl 
gelegten  und  isolierten  Divertikels  mit  folgender  Naht,  auf  Paquelin  und  nl 
trag  liehe  Tamponade  muss  dabei  verzichtet  werden.  Vorgängige  (jaü 
stomie  kann  unterbleiben.  K.  verfügt  über  zahlreiche  ohne  Mageni 
geheilte  Fälle,  die  er  (z.  T.  mit  Röntgenskizzen)  anführt.  Eine  grosse 
lästigung  ist  der  oft  in  den  ersten  1  agen  scheussliche  Hustenreiz,  det 
durch  reichliche  Kodeingaben  (5 — 6  mal  täglich  30  40  Tropfen  einer  1 i 

Lösung)  und  Morphium  (2—4  mal  0,02  in  den  ersten  Tagen)  bekämpft. 
Temperatur  ist  in  den  ersten  Tagen  oft  wie  nach  Kropfoperationen  erl 
K  gibt  die  Krankengeschichten  von  5  Fällen.  Die  Röntgenpausen  geben  i 
nur  eine  Vorstellung  von  der  Grösse  und  Form  der  Divertikel  sondern 
gen  einige  Besonderheiten,  auf  die  K.  speziell  hinweist. 

Hans  B  u  r  k  h  a  r  d  t  berichtet  aus  der  Marburger  Klinik  über  emfa 
Pneumothorax  und  Sparmungspneumothorax,  referiert  über  diesbezügliche 
versuche  und  empfiehlt  zur  Behandlung  des  Spannungspneumothorax  eine 
subkutaner  Thorakotomie  in  der  Weise,  dass  man  von  einem  kleinen 
schnitt  aus  abseits  von  diesem  etwa  mit  einem  Tenotom  die  Interko 
muskulatur  auf  eine  Strecke  von  3—4  cm  durchtrennt  und  dann  den  Ein 
vernäht.  Auch  wo  bereits  Hautemphysem  vorhanden  ist.  das'Ausstri 
der  Luft  aber  ungenügend  ist,  käme  solches  Vorgehen  in  Betracht. 

Rudolf  Ganz  gibt  aus  dem  Katharinenhospital  Stuttgart  einen  Be 
zur  Behandlung  der  akuten  Pleuraempyeme,  insbesondere  des  Grippeempy 
Er  berichtet  im  ganzen  über  93  Fälle,  wovon  69  auf  die  Grippeepidemie 
fallen  und  teilt  sein  Material  in  verschiedene  Gruppen:  1.  die  Empyeme 
denen  vorangehend  oder  gleichzeitig  eine  Erkrankung  der  Lungen  bei 
(19  Fälle,  wovon  12  starben),  2.  Empyeme  ohne  nachweisbare  Lungenerl 
kung  (13  Fälle,  2  +),  3.  Empyeme,  bei  denen  zuvor  ein  Eiterherd  an  anc 
Körperstelle  bestand  (metastatisch)  (8  Fälle,  2^  t),  4.  traumatische  Emp> 
(10  Fälle,  3  t)  und  berechnet  für  die  älteren  Fälle  eine  Gesamtmortalität 
34  Proz.  Für  die  Grippeepidemie  gerechnet  G.  für  die  10  Frühoperii 
50  Proz.  Todesfälle,  für  die  Spätoperierten  (29  Fälle)  10  Proz.,  für  a 
Empyeme  11  Proz.  bzw.  noch  weniger.  Er  kommt  zum  Schluss,  dass  bei 
Empyemen  besonders  die  Schnittmethode  mit  Rippenresektion  die  Met 
der  Wahl  ist  (in  Lokalanästhesie  mit  genügend  grossem  Schnitt,  um  t 
sicheren  Abfluss  des  Eiters  zu  gewährleisten)  und  dass  als  Nachbehandlun} 
akutem  Empyem  die  alten  Methoden  ebenso  brauchbar  sind,  wie  die  n 
und  wegen  der  technischen  Einfachhheit  vielfach  vorzuziehen  sind,  insbesor 
beim  Grippeempyem  wegen  der  häufigen  Komplikation  durch  massenh 
Fibringerinnsel.  Bei  den  para-  und  metapneumonischen  Grippeempyemen 
auf  der  Höhe  der  Krankheit  nicht  operiert,  sondern  soll  zur  Entlastung  e 
mehrmals  punktiert  werden.  Sobald  es  der  Zustand  des  Kranken  erl 
muss  die  Rippenresektion  vorgenommen  werden. 

J.  Kaiser  schreibt  aus  der  Hallenser  Klinik  über  kontinenten  K 
after,  eine  neue  Methode,  Anus  praeternat.  femoralis;  er  bespricht  die 
herigen  Methoden  kontinenten  Anus  praeter  zu  erzielen,  erörtert  die  Pel 
und  kontinenzfördernden  Operationen  am  Kunstafter  und  schildert  sein 
bestpn  in  Aethernarkose  auszuführende  Operation. 

L.  D  r  ü  n  e  r  gibt  aus  dem  Fischbachkrankenhaus  Studien  überl 
vorderen  Bauchwandnerven  und  über  die  Bauchschnitte.  I 

Leopold  H  e  i  d  r  i  c  h  referiert  aus  der  Breslauer  Klinik  über  Ursache 
Häufigkeit  der  Nekrose  bei  Ligaturen  grosser  Gefässstämme  und  gibt  ini 
jährlicher  systematischer  Zusammenstellung  eine  Uebersicht  über  1276 
turen  mit  11.9  Proz.  Nekrosen,  Ligatur  der  Arterien  allein  mit  15,4  I 
Gangrän,  der  Venen  allein  mit  2,4  Proz..  198  Ligaturen  von  Arterie  und  I 
mit  8.5  Proz.  Gangrän.  Die  Häufigkeit  der  Gangrän  nach  in  vorderster  j 
vorgenommenen  Ligaturen  ist  noch  wesentlich  undünstiger.  Für  Art.  ca 
comm.  und  int.,  iliaca,  femoralis  und  poplitea-Verletzungen  ist,  wenn  ii 
möglich,  die  Naht  der  Ligatur  vorzuziehen,  denn  wenn  event.  danach  Thro 
sierung  eintritt,  doch  mehr  Zeit  zur  Ausbildung  von  Kollateralen  bleibt. 

13.  Heile  gibt  aus  dem  Diakonissenhaus  Wiesbaden  einen  Rückblic 
unsere  Nervenoperationen  mit  Nachuntersuchungen,  Bericht  über  die  f 
(1917)  nach  der  Operation  mitgeteilten  Fälle  von  Nervenoperationen  mit 
gehen  auf  die  einzelnen  Nervenoperationen,  die  histologischen  Befunde  ( 
Beigabe  farbiger  Mikrogramme)  etc.  I 

Rud.  R  e  i  c  h  1  e  gibt  aus  dem  Allerheiligenhospital  Breslau  eine  A 
zur  Frage  des  traumatisch  segmentären  Gefässkrampfes  unter  Mitteilung* 
2  betr.  Fällen,  von  denen  besonders  der  2.  das  deutliche  Bid  dieser  neuer! 
beschriebenen  Komplikation  darbot  und  auch  an  der  blossgelegten  A| 
beobachtet  wurde.  Der  traumatisch  segmentäre  Gefässkrampf  entstellt  i 
R.  nicht  nur  nach  Schussvcrletzungen,  er  ist  auch  nach  stumpfen  Ge| 
einwirkungen  zu  beobachten,  ist  teilweise  identisch  mit  dem  lokalen  Vj 
stupor  der  früheren  Kriegschirurgie,  er  kann  auch  gleichzeitig  (wie  der  i 
2.  Fall)  mit  einer  Gefässzerreissung  auftreten.  Auch  bioptisch  sichergelt 
Fälle  von  Gefässspasmus  müssen  daher  sehr  kritisch  gewertet  werden. 

K.  Bachlechner  gibt  aus  dem  Zwickauer  Krankenstift  eine  /j 
zur  operativen  Versteifung  der  Wirbelsäule  bei  tuberkulöser  Spondy llti; 
beschreibt  u.  a.  den  günstigen  Befund  nach  der  A  1  b  e  e  sehen  Operatio; 
einem  8  Wochen  nach  derselben  an  Miliartuberkulose  gestorbenen  Kindtj 

Fauno  Kolima  gibt  aus  der  Leipziger  Klinik  pathologisch-anatont 
Untersuchungen  über  operative  Nearthrosen  mit  mikroskopischen  und  | 
logischen  Befunden  an  2  Ellbogengelenken,  von  denen  das  erste  nach  1  M 
das  andere  2  Jahre  nach  der  Mobilisation  obduziert  wurde  (unter  Bi 
zahlreicher  farbiger  Mikrogramme  und  Zusammenstellung  der  Ergebnisse. 

Niedlich  gibt  aus  dem  Krankenhaus  Fischbachthal  eine  Arbeit 
Querfortsatzfrakturen,  worin  er  zu  den  44  mitgeteilten  Fällen  10  weiten 
teilt,  bzw.  Entstehung,  Diagnose  und  Behandlung  derselben  berichtet.1 
Röntgenaufnahme  bleibt  das  einzige  zuverlässige  Untersuchungsmittel, 
ziiglich  der  Nachbehandlung  betont  N.,  dass  ein  Aufstehen  je  nach  der  Scli 
der  Verletzung  erst  vom  21.  Tag  an  erlaubt  wurde,  aber  schon  frühzeitii 
Massage,  Bewegungsübungen  im  Bett  (Beinheben  etc.)  begonnen  wurde 
operative  Entfernung  eines  Frakturstückes  war  im  1.  Falle  nicht  nötig. 
Leute  wurden  meist  in  der  5.  Woche  nach  der  Verletzung  mit  einer  Schor 
rente  von  10  Proz.  für  3 — 6  Monate  zur  Arbeit  entlassen. 

Bettina  Neuer  bespricht  aus  dem  Nürnberger  Krankenhause  die 
kungsweise  des  Optochlns  bei  postoperativen  Lungenkompllkatlonen  in 
Schluss  an  118  Krankheitsfälle,  pulinonäre  Erkrankungen  schlossen  si 
60,3  Proz.  der  Fälle  an  die  Inhalationsnarkose,  in  1,7  Proz.  nach  intravi 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


211 


kos«  und  in  31,9  Proz.  an  Operationen  in  Lokalanästhesie  an.  N.  berechnet 
2688  Operationen  überhaupt  die  Morbidität  der  Lungenkomplikationen 
4,2,  die  Pneumoniemortalität  mit  18,3  Proz. 

O.  H.  P  e  t  e  r  s  e  n  bespricht  aus  der  Dortmunder  Krankenanstalt  die 
.'thorakale  Oesophagoplastlk  bei  kongenitaler  Oesophagusstenose  unter  Mit- 
mg  eines  betr.  Falles. 

Hans  Biedermann  berichtet  aus  der  Jenaer  Klinik  eine  durch  Darm¬ 
iktion  geheilte  primäre  Phlegmone  des  Dickdarms  mit  Inversion  der 
kalwand  unter  Mitteilung  der  betr.  Krankengeschichte.  Sehr. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  3. 

A.  S  a  l.o  m  o  n  -  Berlin:  Zur  Prognose  und  Heilung  der  Sehnennähte. 
Verf.  weist  darauf  hin,  dass  die  Resultate  der  Beugesehnennähte  wesent- 
schiechter  sind  als  die  der  Strecksehnennähte.  Ursachen  dieser  Miss- 
lge  bei  der  Naht  der  Beugesehnen  sind  teils  in  der  Fixation  der  Sehne 
ler  Sehnenscheide,  in  unregelmässigen  Kallusbildungen,  teils  in  dem  Aus- 
ben  der  Kontinuität  zu  suchen;  ferner  heilen  die  Sehnen  ausserhalb  der 
nerischeiden  mit  Sicherheit  auch  ohne  Naht  zusammen,  innerhalb  der 
nenscheide  nie;  Bier  führt  dieses  Ausbleiben  der  Vereinigung  auf  die 
/esenheit  von  hemmenden  Hormonen,  die  aus  der  Synovia  stammen, 
ick.  Diese  Bier  sehe  Theorie  gibt  uns  einen  Fingerzeig,  wie  wir  bessere 
ungsvorgänge  erzielen  können;  Entfernung  der  Sehnenscheiden  im  Bereich 
Sehnennahtstelle  lässt  im  Tierexperiment  gute  Vereinigung  der  Sehnen- 
npfe  eintreten.  Auch  beim  Menschen  ist  die  partielle  Exzision  der  Sehnen- 
:ide  angezeigt,  welche  eine  mechanische  Behinderung  der  Qleitfähigkeit 
:h  den  Sehnenkallus  verhindert;  frühzeitige  Bewegungen  sind  daneben 
;zeigt  und  nicht  bedenklich,  da  Verwachsungen  nicht  mehr  zu  befürchten 
und  die  Sehne  nach  Exzision  der  Scheide  nur  mehr  von  Fettgewebe 
eben  ist. 

Aurel  C  a  n  d  e  a  -  Temeswar  (Rum.);  Chyluszyste  des  Mesenteriums. 
Verf.  schildert  kurz  einen  Fall  von  kindskopfgrosser  Chyluszyste  im 
enterium;  Exzision  des  Tumors  samt  dem  entsprechenden  Darmstück  in 
form  brachte  rasch  Heilung.  Mit  1  Abbildung. 

V.  0  u  s  s  e  w  -  Ponjewesch  (Litauen);  Zur  Therapie  des  Volvulus  der 
ura  sigmoidea. 

Als  weitere  (4.)  Methode  zur  Therapie  des  Volvulus  der  Flex.  sigm. 
gt  Verf.  die  Ausschaltung  der  Flexur  durch  Invagination  in  Erinnerung, 
sich  ihm  gut  bewährt  hat.  Die  invaginierte,  nicht  mehr  ernährte  Flexur 
heint  vor  dem  Anus  und  wird  nach  und  nach  abgestossen. 

V.  E.  M  e  r  t  e  n  s  -  München:  Die  breitfurchende  Darmquetsche. 

Verf.  hat  eine  breitfurchende  Darmquetsche  konstruiert,  die  die  Ein- 
mng  des  nach  Abbindung  und  Durchtrennung  übrigbleibenden  Bürzels 
entlieh  erleichtert.  Mit  1  Abbildung. 

R.  M  i  1  n  e  r  -  Leipzig :  Zur  Operation  von  Hasenscharten  und  Kiefer- 

ten. 

Bei  einem  komplizierten  Fall  von  Lippen-Kieferspalte  gelang  es  dem 
.,  durch  einen  selbstkonstruierten  elastischen  Apparat,  der  aus  2  Ab¬ 
ingen  leicht  verständlich  ist,  den  Zwischenkiefer  zurückzuhalten  und 
hzeitig  den  nach  genügender  Ablösung  vernähten  Lippenspalt  zusammen- 
Üen.  E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndorf. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  3. 

C.  F  1  e  i  s  c  h  m  a  n  n  -  Wien:  Myomentwicklung  nach  Ovarientransplan- 

ngf  • 

Nach  einer  Ovarientransplantation  bei  einer  34  jährigen  Amenorrhoischen 
ie  Vergrösserung  des  Uterus,  Entwicklung  eines  kleinen  Myosm,  Wieder¬ 
itzen  der  Menstruation  nach  16  jähriger  Pause  beobachtet. 

E  F.  D  r  i  e  s  s  e  n  -  Amsterdam :  Zur  Technik  der  Fibromyombehandlung 
Röntgenstrahlen.  Bestrahlung  in  zwei  Sitzungen. 

Nach  7  jähriger  Erfahrung  sind  grosse  Dosen  und  lange  fortgesetzte  Be¬ 
dungen  zur  Behandlung  klimakterischer  Blutungen  und  Fibrömyome  un- 
;  und  überflüssig.  Es  gelingt  fast  in  allen  Fällen  bei  Frauen  über  40  Jahren 
w  e  i  Serien  mit  einer  Zwischenpause  von  3 — 4  Wochen,  also  innerhalb 
;  Monats,  den  gewünschten  Erfolg  zu  erreichen.  Jede  der  beiden  Sitzungen, 
prinzipiell  post  menstruationem  stattfinden,  dauert  1 — l'A  Stunde,  auf  1, 
er  4  Tage  verteilt;  im  ganzen  erhält  die  Kranke  etwa  100  H  oder  200  bis 
X;  diese  Dosis  genügt,  denn  obgleich  nach  der  zweiten  Sitzung  die 
>truation  oft  noch  wiederkehrt,  ist  eine  dritte  Bestrahlung  unnötig;  fast 
Ausnahme  tritt  ohne  weitere  Röntgenbestrahlung  Amenorrhoe  ein. 

B.  L  i  e  g  n  e  r  -  Breslau:  Die  Suggestivbehandlung  in  der  Frauenheilkunde. 
Warme  Empfehlung  der  Hypnose  als  Narkotikumsparer,  bei  Bettnässen, 
Dysmenorrhöe,  bei  Hyperemesis  gravidarum  und  sogar  zur  schmerzlosen 
mg  der  Geburt  und  der  Ausräumung  beim  Abort. 

Fr.  L  ö  n  n  e  und  P.  S  c  h  u  g  t  -  Göttingen :  Ueber  das  Vorkommen  von 

therlebazillen  in  der  Scheide. 

Auf  Grund  sehr  ausgedehnter  Untersuchungen  lehnen  Verfasser  das  Vor- 
■nen  von  Di-Bazillen  in  der  Scheide  als  häufig  ab.  In  45  Proz.  der 
nalabstriche  fanden  sie  Pseudodiphtheriebazillen,  während  echte  Di¬ 
llen  zu  den  allergrössten  Seltenheiten  gehörten. 

,  D  o  e  r  f  1  e  r  -  Regensburg:  Ueber.  die  Indikation  zur  Ventrofixation. 
Im  Gegensatz  zu  Hastrup  und  Albert  verteidigt  D.  die  Ventro- 
atlon-  Er  schildert  genau  die  von  ihm  seit  28  Jahren  mit  Erfolg  be- 
e  Methode,  die  in  einer  besonderen  Fixation  der  Ligg.  rotunda  gipfelt, 
bespricht  eingehend  die  Vorzüge  und  Indikationen  dieser  Methode. 

Werner-  Hamburg. 

Archiv  für  Kinderheilkunde.  70  Band,  3.  Heft. 

C.  Noeggerath  und  H.  S.  R  e  i  c  h  1  e  -  Freiburg  i.  B.:  Bestimmung 
'Peziftschen  Gewichtes  in  wenigen  Tropfen  Harn. 

Die  Methode  lehnt  sich  an  die  von  Hammer  schlag  zur  Bestimmung 
spez.  Gewichtes  des  Blutes  an.  Man  kommt  mit  wenigen  Tropfen  aus. 
ueres  ist  im  Original  nachzusehen. 

,  Klein,  Erich  Müller  und  M.  S  t  e  u  b  e  r  -  Berlin:  Beitrag  zur 
"IS  “es  energetischen  Grundumsatzes  bei  Kindern. 

Die  Autoren  kommen  auf  Grund  ihrer  Untersuchungen  an  Knaben  von 
Jahren  zu  dem  Schluss,  dass  die  Ansichten  von  Benedikt  und 
o  t  nicht  stichhaltig  sind.  Sie  schliessen  sich  vielmehr  der  älteren 
ü  an,  dass  auch  bei  jungen  Säuglingen  der  Grundumsatz  dem  Rubner- 
uesetz  der  Wärmebildungskonstante  entspricht. 


Rudolf  M  a  y  •  r  -  Freiburg  i.  B.:  Kalziumbestimmungen  im  Serum  Ge¬ 
sunder,  Rachitischer  und  Spasmophiler,  sowie  nach  Adrenaliiivorbehandlung. 

Es  wurden  Serumkalziuinbestimmungen  nach  der  Methode  de  Waards 
vorgenommen.  Die  Normalwerte  im  Säuglingsalter,  10,8—11,8  (Mittel  11,25), 
entsprechen  denen  des  späteren  Kindesalters,  10,9—12,0  (Mittel  11,38),  sind 
sehr  konstant  und  von  der  Nahrungsaufnahme  unbeeinflusst.  Bei  der  Rachitis 
finden  sich  im  akuten  Stadium  leicht  bis  stark  erhöhte  Werte,  die  sich  im 
Laufe  der  Rekonvaleszenz  schnell  zu  tiefen  subnormalen  Werten  senken,  um 
sich  langsam  wieder  zur  Norm  zu  erheben.  Dieser  Umschlag  vollzieht  sich 
unter  täglicher  Quarzlampenbestrahlung  sehr  schnell.  Ein  Zusammenhang 
zwischen  Gesamtserumkalzium  und  positivem  Fazialisphänomen  besteht  nicht. 
Adrenalininjektionen  rufen  keine  Veränderungen  des  Gesamtserumkalzium¬ 
gehaltes  hervor. 

O.  L  a  d  e  -  Düsseldorf :  Ueber  das  Bilirubin  im  Blute  Scharlachkranker. 

ln  der  ersten  Woche  findet  sich  regelmässig  ein  über  die  Norm  erhöhter 
Gallenfarbstoffgehalt  vor.  In  den  meisten  Fällen  trägt  das  Bilirubin  nicht  den 
Charakter  des  Stauungsbilirubins.  In  einzelnen  Fällen  wird  Stauungsbilirubin 
gefunden,  dessen  Ursache  in  einer  Drosselung  der  Gallenausführgänge  durch 
portale  Drüsenschwellung  beruht. 

Emma  Stelling-  Kiel:  Untersuchungen  über  Meningitis. 

Die  Arbeit  behandelt  in  der  Hauptsache  die  Mortalität,  die  jahreszeitliche 
und  lokale  Verbreitung  in  Kiel. 

St.  Engel  und  Grete  Katzenstein:  Versuch  einer  Morbiditäts¬ 
statistik  der  Rachitis. 

Es  handelt  sich  um  eine  Massenstatistik  auf  der  Grundlage  individualisti¬ 
scher  Erhebungen.  Dabei  werden  4  Stärkegrade  der  Rachitis  unterschieden 
und  dazu  die  Lauffähigkeit  als  leicht  erfassbares  Merkmal  genommen.  In  den 
750  untersuchten  Familien  mit  1384  Kindern  fanden  sich  10  Proz.  mit  schwerer 
und  sehr  schwerer  Rachitis.  In  Dortmund  sind  danach  zurzeit  etwa  9000  Kinder 
allein  der  Rachitis  wegen  fürsorgebedürftig,  etwa  5000  von  ihnen  sind  in 
solchem  Zustand,  dass  mit  energischen  Mitteln  eingegriffen  werden  muss. 

Die  Bedeutung  des  Pauperismus  tritt  dabei  deutlich  hervor.  Je  geringer 
der  Raum  ist,  welcher  dem  einzelnen  Individuum  zur  Verfügung  steht,  um  so 
stärker  herrscht  die  Rachitis.  Hecker-  München. 

Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Band  96.  Heft  6. 

R.  Blühdorn  und  F.  Loebenstein:  Die  Mageninsuffizienz  im 
Säuglingsalter  als  selbständiges  Krankheitsbild.  (Aus  der  Universitäts-Kinder¬ 
klinik  Göttingen  (Dir.  Prof.  Dr.  F.  Goepper  t].) 

Die  Verfasser  schildern  in  der  vorliegenden  Arbeit  eine  bislang  wenig 
beachtete  motorische  Funktionsstörung  des  Magens  im  Säugliingsalter  mit 
Appetitlosigkeit  und  gelegentlichem  Erbrechen  mit  stark  verlängerter  Ver¬ 
weildauer  des  Nahrungsinhaltes  im  Magen.  Diese  Fälle  wurden  primär  bei 
konstitutionell  minderwertigen  und  debilen  Säuglingen  mit  vermindertem 
Turgor  und  Muskeltonus  beobachtet,  ferner  im  Anschluss  und  in  der  Rekon¬ 
valeszenz  akuter  Ernährungstörungen  besonders  häufig  nach  Ruhr,  endlich 
auch  nach  fieberhaften  Infektionen  des  Säuglingsalters  jeglicher  Art,  wie  Grippe, 
Pyelitis,  Pneumonie  u.  a.  m.  Als  Therapie  wird  die  Spülung  des  Magens  mit 
150  200  ccm  Lullusbrunnen  oder  Emserwasser  empfohlen  und  kleine  Mengen 

gezuckerter  Buttermilch  (300 — 400  ccm  pro  die)  ansteigend. 

E.  Stransky  und  O.  Weber:  Konstitutionspathologische  Betrach¬ 
tungen  zur  exsudativen  Diathese.  (Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  in 
Berlin.) 

Besteht  im  Säuglingsalter  vorläufig  noch  keine  Möglichkeit,  an  der  Hand 
der  Symptome  der  mit  exsudativer  Diathese  behafteten  Kinder  auf  die  Pro¬ 
gnose  und  weitere  Entwicklung  schliessen  zu  können,  und  schwinden  auch  bei 
der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  alte  pathologischen  Symptome,  so 
bleibt  doch  eine  nicht  zu  unterschätzende  Zahl  von  Kindern  übrig,  bei  denen 
die  abnormen  Reaktionen  auf  normale  Reize  auch  während  der  späteren 
Lebensabschnitte  krankhafte  Erscheinungen  hervorrufen. 

Robert  Quest:  Zur  Frage  der  Pathogenese  der  Polioencephalitis  epi¬ 
demica.  (Aus  der  inneren  Abteilung  des  St.  Sophien-Kinderspitals  in  Lemberg.) 

Quest  konnte  in  der  Lumbalflüssigkeit  bei  Poliioencephalitis  epidemica 
mit  der  intrakutanen  Autoseroreaktion  einen  Antigenkörper  nachweisen:  der¬ 
selbe  schwindet  in  der  Rekonvaleszenz.  Bei  protrahiert  verlaufenden  Fällen 
fehlt  diese  Reaktion,  wahrscheinlich  wegen  Mangel  der  entsprechenden  Anti¬ 
körper.  Im  Beginn  der  Erkrankung  erleichtert  die  Reaktion  die  Diagnose. 
Schnelles  Verschwinden  einer  stark  ausgesprochenen  Reaktion  erlaubt  eine 
gute  Prognose  zu  stellen. 

R.  de  Josselin  de  Jong  und  B.  P.  B.  Plantenga:  Ueber  die 
Aetiologie  des  sogen.  Megacofon  congenitum  (Hirschsprung  sehe  Krank¬ 
heit).  (Aus  der  Klinik  für  Säuglinge  im  Haag  und  dem  pathologischen  Institut 
der  Universität  Utrecht.)  Kasuistische  Mitteilung. 

Literaturbericht,  zusammengestellt  von  Hamburger  -  Berlin. 

O.  Rommel-  München. 

Archiv  für  Psychiatrie  und  Nervenkrankheiten.  1921.  64.  Band, 

3.  Heft. 

Alfred  Wich  mann:  Zur  Differentialdiagnose  zwischen  Dementia 
praecox  und  Hysterie  bzw.  Psychogenie.  (Aus  der  psychiatr.  und  Nerven- 
klinik  zu  Königsberg  i.  Pr.) 

An  Hand  emes  lehrreichen  Falles  wird  gezeigt,  wie  gross  mitunter  die 
diagnostischen  Schwierigkeiten  sein  können.  In  manchen  Fällen  lässt  sich 
weder  aus  dem  ,, Querschnitt“,  noch  aus  dem  „Längsschnitt  der  Psychose“ 
hinsichtlich  der  Differentialdiagnose  ein  sicheres  Urteil  fällen. 

Rudolf  G  a  n  t  e  r  -  Wormditt  i.  Ostpr.:  Ueber  Sterblichkeitsverhältnisse 
und  Sektionsbefunde  bei  Epileptischen  und  Schwachsinnigen. 

Die  Epileptischen  sterben  etwas  häufiger  an  Pneumonie  als  die  Schwach¬ 
sinnigen,  die  ihrerseits  mehr  der  Tuberkulose  erliegen.  An  dritter  Stelle  steht 
als  Todesursache  bei  den  Epileptischen  der  Status.  Die  Seltenheit  des  Krebses 
erklärt  sich  wohl  aus  dem  verhältnismässig  frühen  Tod  der  Kranken.  In 
etwa  der  Hälfte  der  Fälle  von  Epilepsie  und  Schwachsinn  wurde  eine 
chronische  Leptomeningitis  gefunden.  Die  Häufigkeit  des  Vorkommens  von 
Mikrogyrie  ist  bei  Epileptischen  und  Schwachsinnigen  annähernd  gleich.  Bei 
den  Epileptikern  fand  sich  in  9,8  Proz.,  bei  den  Schwachsinnigen  in  8,5  Proz. 
Porenzephalie.  Bei  der  Epilepsie  kann  man  im  allgemeinen  mit  einer  Krank¬ 
heitsdauer  von  etwas  über  20  Jahre  rechnen.  Der  grösste  Prozentsatz  der 
Schwachsinnigen  stirbt  im  Alter  von  11—20  Jahren. 

G.  Meyer:  Paranoische  Formen  des  manisch-depressiven  Irreseins. 
(Aus  der  psychiatr.  und  Nervenklinik  Königsberg  i.  Pr.) 


212 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  t 


Die  paranoischen  Formen  des  manisch-depressiven  Irreseins  sind  relativ 
selten.  Zweifellos  muss  eine  endogene  Veranlagung  als  ürundlage  für  sie 
angenommen  werden.  Die  Wahnbildung  beim  manisch-depressiven  Irresein 
folgt  den  gleichen  Aufbaumechanismen  wie  die  Wahnbitdung  überhaupt,  nur 
ist  vielleicht  die  Wahnbildungsmöglichkeit  grösser.  Diagnose  und  Prognose 
können  in  der  Regel  als  gesichert  gelten,  wenn  der  Nachweis  wesentlicher 
manisch-depressiver  Züge  gelingt.  Aus  der  Struktur  der  Wahnideen  allein 
wird  eine  Unterscheidung  zwischen  manisch-depressivem  Irresein,  paranoischen 
Psychosen  und  Dementia  praecox  nicht  immer  zu  ermöglichen  sein.  Solange 
wir  noch  nicht  in  der  Lage  sind,  durch  Auffindung  anatomisch-pathologischer 
und  chemischer  Substrate  die  Klassifikationsfragen  zu  vereinfachen,  müssen 
wir  bestrebt  sein,  das  Zusammengehörige  in  eine  Entwicklungsreihe  zu  bringen 
und  in  jedem  Falle  zu  den  seelischen  Elementarv^gängen  vorzuschreiten. 
Zur  Erläuterung  werden  3  einschlägige  Fälle  beschrieben. 

Andreas  Kluge:  Affektänderungen.  (Aus  der  ungarischen  psychiatr.- 
neurol.  Universitätsklinik  Pressburg.)  (Mit  17  Textabbildungem) 

Ergebnisse:  1.  Aufstellung  des  Begriffes  Intellektuahtät  gegenüber  der 
Affektivität.  2.  Systematisierung  der  verschiedensten  Affektanderungen. 
3.  Konstatierung  des  Lenkungsaffektes  bei  den  willkürlichen  Quantitats- 

änderungen  der  Affektivität.  .  .  .  ........ 

S.  Galant:  Praktische  Intelligenz  und  moralische  Imbezillität.  Uvut 

6  Textabbildungen.)  .  .  .  .  .  . 

Der  praktische  Sinn  ist  etwas,  das  mit  der  Intelligenz  gar  nicht  fest  ver¬ 
bunden  ist  und  sich  nebeh  einer  verhältnismässig  niedrigen  Intelligenzstufe 
mit  Erfolg  betätigen  kann.  Das  Primäre  bei  einer  erfolgreichen  praktischen 
Betätigung  ist  der  praktische  Sinn,  dem  später  die  Intelligenz  zu  Hilfe  kommen 
kann,  um  ihn  weiter  und  fruchtbarer  zu  entwickeln.  Es  gibt  somit  streng 
genommen  keine  praktische  Intelligenz,  sondern  einen  praktischen  Sinn,  dem 
die  Intelligenz  zu  Hilfe  kommen  kann.  Auch  bei  der  sog.  moralischen 
Imbezillität  wird  fälschlicherweise  geglaubt,  dass  die  Intelligenz  dabei  die 
wichtigste  bzw.  die  Hauptrolle  zu  spielen  hat.  Der  moralisch  Imbezille  soll 
irgendwie  intellektuell  defekt  sein,  wenigstens  in  bezug  auf  die  moralischen 
Begriffe.  Es  gibt  aber  keinen  streng  abgegrenzten  intellektuellen  Massstab 
für  moralisch'  und  unmoralisch.  An  dem  Lebenslauf  eines  Verbrechers  soll 
gezeigt  werden,  dass  man  ihn  trotz  allein  moralisch  nennen  muss,  weil  er 
einsieht,  dass  er  unmoralisch  handelt,  moralisch  handeln  will,  es  aber  infolge 
seiner  Neigung  zum  Trunk,  seiner  erblichen  Belastung  und  Charakterschwäche 
nicht  kann.  In  einem  über  Moral  und  Recht  handelnden  Schlusskapitel  wird 
dafür  eingetreten,  das  Strafrecht  so  mild  wie  nur  möglich  zu  gestalten;  es 
soll  mehr  zur  Mahnung  als  zur  Strafe  dienen  und  über  Geldbussen  und 
Internierung  in  Irrenanstalten  für  Verbrecher  nicht  hinausgehen. 

Bücherbesprechungen. 

Anzeige  des  Kaiserin-Auguste-Viktoria-Hauses  in  Charlottenburg  betr. 
Aufnahme  nervöser  (neuro-  bzw.  psychopathischer)  Kinder  in  Arztfamilien. 

Germanus  F  1  a  t  a  u  -  Dresden. 


Klinische  Wochenschrift  (Fortsetzung  der  Therapeutischen  Halb¬ 
monatshefte  und  der  Berl.  klin.  Wochenschrift).  1922.  Nr.  1. 


Erich  M  e  y  e  r  -  Göttingen:  Ueber  Herzgrösse  und  Blutgefässfüllung. 

Es  wird  hervorgehoben,  dass  die  Grösse  oder  Kleinheit  des  Herzens 
auch  in  Beziehung  steht  zur  Füllung  des  Gefässsystems,  sei  es,  dass  es  sich 
um  echte  Plethora  oder  aber  um  Verminderung  der  Blutmenge  handelt.  Beim 
Kollaps  verkleinert  sich  das  Herzvolumen  infolge  der  ungünstigen  Verteilung 
der  Blutmenge,  bestimmte  Beziehungen  ergeben  sich  auch  bei  Blutverlusten 
bzw.  Blutentziehungen,  wie  Tierversuche  ergaben.  Der  Regulationsmechanis¬ 
mus  zwischen  Herzgrösse  und  Blutmenge  ist  nicht  vom  Vasomotoren¬ 
zentrum  abhängig,  wie  nachgewiesen  wurde.  Aus  den  verschiedenen 
Stadien  der  Herzgrösse  bei  Anämie  erhellt  am  deutlichsten  die  Abhängigkeit 
der  Herzgrösse  einerseits  vom  Füllungszustand,  anderseits  vom  Zustande  der 
Herzmuskulatur.  Im  Anschluss  an  klinische  Beobachtung  und  experimen¬ 
telle  Ergebnisse  rät  M.,  statt  der  physiologischen  Kochsalzlösung  sich  bei 
nötig  werdenden  Infusionen  des  Normosals  zu  bedienen.  Für  die  ärztliche 
Praxis  ist  zu  beachten,  dass  Kleinheit  des  Herzens  durch  Blutleere,  Ver- 
grösserung  durch  Plethora  bedingt  sein  kann.  Beobachtungen  in  dieser 
Richtung  am  Menschen  zeigen,  dass  bei  Mensch  und  Kaninchen  im  Prinzip 
die  gleichen  Anpassungsvorgänge  an  die  Blutmenge  vorliegen. 

V.  S  c  h  in  i  e  d  e  n  -  Frankfurt  a.  M.:  Gegenwart  und  Zukunft  der 
Magengeschwürschirurgie. 

Bei  der  kritischen  Besprechung  der  z.  Z.  in  dieser  Hinsicht  geltenden 
Grundsätze  kommt  Verf.  zur  Forderung,  dass  die  zerstörende  Chirurgie 
des  Magenkarzinoms  nicht  auf  die  Therapie  des  Geschwüres  übertragen  werden 
darf  und  dass  der  Chirurg  den  Forderungen  des  Einzelfalls  gerecht  werden 
muss,  wie  sie  sich  aus  dem  Studium  der  gestörten  Mechanik,  der  veränderten 
Innervation  und  Sekretion  ergeben.  Die  Chirurgie  des  Magengeschwürs  ist 
noch  im  Flusse. 

E.  A  b  d  e  r  h  a  1  d  e  n  -  Halle  a.  S.:  Ueber  das  Wesen  der  Innervation 
und  ihre  Beziehungen  zur  Inkretbildung. 

Inkretstoffe,  d.  h.  von  bestimmten  Organen,  wie  Schilddrüse,  Thymus 
herstammende  Stoffe  sind  von  wesentlichem  Einfluss  auf  die  Muskulatur  der 
kleinen  Gefässe.  Schilddrüsenstoffe  vermögen  die  Oxydationen  in  den  Zellen 
zu  steigern.  Das  Zuckerzentrum  wirkt  nicht  direkt  auf  die  Leber  ein, 
sondern  auf  dem  Wege  über  den  Sympathikus  auf  die  Nebennieren,  welche 
einen  bestimmten  Stoff  in  die  Blutbahn  abgeben,  welcher  dann  seinerseits 
die  Leberzellen  beeinflusst.  Die  Zusammenhänge  sind  also  oft  viel  ver¬ 
winkeltere,  Nervensystem  und  die  Wirkung  solcher  Inkretstoffe  stehen  in 
Wechselwirkung. 

M.  H.  K  u  c  z  y  n  s  k  i  -  Berlin:  Leberbefunde  bei  fleckfieberkranken  Ka¬ 
ninchen. 

Bei  Kaninchen,  welche  mit  Fleckfieber  infiziert  wurden,  findet  man  be¬ 
stimmte  Veränderungen  innerhalb  der  Leberzellen,  welche  man  als  erkenn¬ 
bare  Aeusserungen  des  betreffenden  Virus  bezeichnen  muss,  welcher  den 
endothelialen  Apparat  in  bestimmter  Weise  angreift.  Die  Endothelien  zeigen 
einen  gewissen  Reizzustand.  Das  Virus  wächst  und  vermehrt  sich  in  solchen 
Zellen,  diese  sind  zugleich  die  Wiege  und  das  Grab  der  Fleckfieberinfektion. 

G.  Bucky  und  H.  G  u  g  g  e  n  h  e  i  m  e  r  -  Berlin :  Steigerung  der 
Knochenmarksfunktion  durch  Röntgenreizdosen. 

Ein  4  Jahre  bisher  verfolgter  Fall  von  perniziöser  Anämie,  in  welchem 
wiederholt  durch  Röntgenbestrahlung  Remissionen  erzielt  werden  konnten, 
beweist,  dass  wir  unter  gewissen  Voraussetzungen  —  erhaltene  Reaktions¬ 
fähigkeit  des  Markes  und  richtige  Dosierung  —  in  den  Röntgenreizdosen  ein 


mächtiges  Stimulans  für  die  Regeneration  von  Erythrozyten  besitzen.  Vergl 
die  Tabelle  im  Original.  Ebenso  die  Angaben  über  die  I  echmk  der  Bestrah 

lungern  Kauf{mann  und  Marg.  W  i  n  k  e  1  -  Frankfurt  a.  M.:  Entzündun 

und  Nervensystem.  ,  .  ,  ,  .  .  .  n 

Verf.  konnten  einen  Kranken  beobachten,  bei  welchem  nach  oraler  Dar 
reichung  von  Jodkali  eine  entzündliche  Reaktion  ausschliesslich  jener  Ge 
webspartien  auftrat,  welche  das  Innervationsgebiet  eines  erkrankten  pen 
pheren  Nerven  ausmachen.  Es  scheint  die  Annahme  nahezuliegen,  das 
durch  die  mit  Sensibiiitätsstörungen  und  anhaltenden  Reizerscheinungi* 
einhergehende  Erkrankung  des  Nerv,  ischiad.  im  betr.  Falle  „verändert 
Zustandsbedingungen.“  im  Sinne  von  Tschermak  für  das  betr.  Körper 
gebiet  eintraten,  eine  gewisse  Ernährungsstörung  der  Gewebe,  welche  da 
Auftreten  der  dcrmatitischen  Erscheinungen  begünstigen.  Es  entsteht  als 
durch  diese  supponierte  Zustandsänderung  eine  besondere  Reaktionsart  dt 

betr.  Gebietes.  .  , ,  _  .... 

W.  Frei  und  Rud.  S  p  i  t  z  e  r  -  Breslau:  Zur  Koinzidenz  von  Syphili 

und  Tuberkulose.  Symbiose  in  Lymphdrüsen. 

In  2  Fällen  fistelnder  Halsdrüsentuberkulose  wurden  nach  einer  luet 
sehen  Infektion  in  den  tuberkulösen  Drüsen  Spirochäten  gefunden;  bei  einei 
Fleischer  wurde  unter  einer  frischen  Lues  eine  Bovinusinfektion  der  beidci 
seitigen  Kubitaldrüsen  manifest.  In  2  von  diesen  3  Fällen  wurden  Tuberke 
bazillen  und  Spirochäten  nebeneinander  in  derselben  Drüse  nachgewiesei 
bei  8  Luesfällen  mit  stark  vergrösserten,  klinisch  nicht  tuberkulös  vei 
dächtigen  Drüsen  konnten  zwar  Spirochäten,  aber  nicht  Tuberkelbazillen  ii 
Drüsenpaket  nachgewiesen  werden.  In  Tierversuchen  beeinflussten  Lut 
und  Tuberkulose  sich  nicht  in  ihrem  Verlaufe. 

E.  C  z  a  p  s  k  i  -  Jena:  Ueber  Zuckertage  in  der  Behandlung  der  klm 
liehen  Nephritis. 

In  2  näher  mitgeteilten  Fällen  besserten  sich  durch  eingeschobene  Zucke 
tage  die  Diurese  und  urämischen  Erscheinungen,  im  späteren  Verlaufe  zeigte 
die  Zuckertage  keinen  nennenswerten  Einfluss  mehr  auf  den  Verlauf.  Ir 
der  Zucker  im  Organismus  vollständig  verbrannt  wird,  so  stellt  die  Zucke 
auflösung  in  Flüssigkeiten  an  die  kranke  Niere  keine  höheren  Anforderung! 
als  die  Flüssigkeit  allein,  so  dass  eine  Schonung  erfolgt  und  die  Möglichkc 
einsetzt,  sich  der  angesammelten  Mengen  von  CINa  und  N  leichter  zü  en 

ledigen.  . 

K.  Hellmuth-  Hamburg-Eppendorf:  Unsere  Ergebnisse  inlt  de 
neuen  Verfahren  zur  Prüfung  der  Gefässfunktion  von  Morawttz  Ul 
D  e  n  e  c  k  e  in  der  Geburtshilfe. 

Nach  dem  Ausfall  der  Untersuchungen  kann  dieser  Methode  eine  grosse 
diagnostische  oder  prognostische  Bedeutung  bei  der  klinischen  Beurteilui 
der  Nephropathien  und  Eklampsien  nicht  zugemessen  werden.  - 

F  r  e  u  d  e  n  b  e  r  g  -  Heidelberg:  Die  Bedingungen  der  Grünfärbung  v< 
Säuglingsstühlen.  . 

Wenn  bei  Ernährungsstörungen  des  Flaschenkindes  ein  grüner  Stu 
entleert  wird,  so  hat  das  zur  Bedingung,  dass  im  Darm  lebhafte  Gärui 
herrscht.  Ist  der  Stuhl  grün  bei  alkalischer  Reaktion,  so  ist  anzunehmc 
dass  in  höheren  Darmabschnitten  Gärung  upd  Säuerung  herrschen.  J 

O.  Loewi:  Weitere  Untersuchungen  über  humorale  Uebertragbarki 
der  Herznervenwirkungen. 

Durch  neue  Versuche  an  Kröten  konnte  Verf.  zwingend  beweisen,  da 
die  bei  Nervreizung  im  Herzinhalt  auftretenden  erregenden  Stoffe  schon  ei 
stehen,  ehe  der  mechanische  Erfolg  der  Nervreizung  zur  Geltung  komn 
Die  Nervreizung  veranlasst  direkt  das  Auftreten  von  chemischen  Stoffen,  c 
ihrerseits  erst  die  Ursache  dessen  sind,  was  man  im  Anschluss  an  die  Ner 
reizung  sieht.  Diese  Stoffe  sind  organischer  Natur. 

G.  Embden  und  H.  Lawaczeck:  Ueber  die  Bildung  anorganisch 
Phosphorsäure  bei  der  Kontraktion  des  Froschmuskels. 

Unterbricht  man  die  chemischen  Vorgänge  im  Muskel  im  Kontraktioi 
augenblick  so  rasch  als  möglich,  indem  man  ihn  plötzlich  in  flüssige  D 
versenkt  und  so  zum  Gefrieren  bringt,  so  enthält  er  mehr  anorganisc 
Phosphorsäure,  als  der  entsprechende  Muskel  der  anderen  Seite,  der  t 
schlaffen  und  kurze  Zeit  ausruhen  konnte. 

H.  Lange  und  B.  W.  Müller:  Untersuchungen  über  Narkose. 

Aus  den  Versuchen,  nach  welchen  während  des  Bestehens  einer  Narkc 

der  Erhöhung  der  Permeabilität  der  Muskeln  eine  Herabsetzung  der  Durc 
lässigkeit  vorausgeht,  geht  hervor,  dass  weder  der  Zustand  vermindert 
noch  jener  vermehrter  Permeabilität  an  sich  als  die  eigentliche  Ursache  c 
Narkose  in  Betracht  kommt. 

Rahnenfuhrer:  Brown-Sequard  sehe  Halbseitenläsion  e 

Halsmarkes.  Kasuistische  Mitteilung. 

Br.  Valentin:  Sarkom  des  Kalkaneus. 

Kasuistische  Mitteilung,  24  jähr.  Frau  betreffend. 

J.  Z  a  p  p  e  r  t  -  Wien:  Die  Behandlung  der  Enuresis. 

Fortsetzung  folgt. 

A.  .1  u  c  k  e  n  a  c  k  -  Berlin :  Der  Einfluss  des  Krieges  auf  die  Mil» 
erzeugung  und  Milchversorgung. 


Besprechung  statistischer  Verhältnisse  in  dieser  Frage,  sowie  < 


während  des  Krieges  vor  allem  in  Gross-Berlin  durchgeführten  Massnahn 
zur  notdürftigen  Versorgung  der  Bevölkerung  mit  Milch  oder  Milchprodukt 
A.  Gott  st  ein:  Standesangelegenhelten.  < 

Als  die  wichtigste  Standesfrage  muss  heute  der  Kampf  um  die  /| 
erkennung  der  Bedeutung  des  Standes  für  das  allgemeine  Volkswohl  gelt! 
es  genügt  nicht,  nur  den  Umfang  unseres  Wissens  und  Könnens  immer  m<: 
zu  erweitern.  Grassmann  -  München! 


Medizinische  Klinik.  Heft  4. 


Ben  t  hin:  Die  Genese  und  Therapie  der  genitalen  Blutungen. 

Fortbildungsvortrag. 

W.  Stekel:  Grenzen,  Gefahren  und  Missbrauche  in  der  Psychanab 

ln  Voraussicht  des  drohenden  Massenbetriebs  in  der  Analyse  m:ö 
Verfasser  auf  die  Gefahren  eines  solchen  Zustandes  aufmerksam  und  erla 
nur  dem  wirklich  Fähigen  die  Ausübung  analytischer  Tätigkeit.  Ausserd! 
muss  dieser  eine  gründliche  medizinische  Bildung  und  genaue  Kenntnis 
Neurologie  besitzen.  Ein  weiteres  Erfordernis  ist  eine  umfassende  Bildu 
besonders  eine  genaue  Kenntnis  der  Literatur.  Im  Zusammenhang  mit  d; 
Problem  des  Massenbetriebes  macht  Verfasser  auf  die  sog.  sekundäre  o1 
postanalytische  Verdrängung  aufmerksam.  Es  kann  eben  nicht  jeder  Neuroti 
geheilt  werden;  er  muss  den  Willen  zur  Gesundheit  haben  und  dazu  m 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCflfcNSCHRIF 


213 


zogen  werden.  Die  Vernachlässigung  dieser  grundlegenden  Tatsache 
zur  analytischen  Neurose.  Im  ganzen  wird  aus  dem  Artikel  klar,  wie 
die  Verantwortung  des  Analyse  treibenden  Arztes  ist. 

Jmfrage  über  die  neue  Influenzaepidemie.  Nichts  wesentlich  Neues, 
'abry  und  W  o  I  f  f :  Ueber  die  Behandlung  der  Syphilis  mit  Neo-Silber- 
rsan  und  andere  Probleme  der  Salvarsanbehandlung. 
lemerkungen  zur  Verträglichkeit  und  Wirkung  des  Neo-Silber-Salvarsans, 
ombinierten  Behandlung  mit  Salvarsan  und  Quecksilber,  zur  Behand¬ 
ler  Salvarsandermatitis,  über  den  sog.  Salvarsanikterus. 

I.  Brock:  Feststellungen  an  42  Fällen  liquorkontrollierter,  klinisch 
cbteter  Nervenlues.  Zu  kurzer  Wiedergabe  nicht  geeignet. 

(.  Oerson:  Zur  lokalen  Anästhesierung. 

lestreichen  der  Haut  mit  konzentrierter  Karbolsäure  bewirkt  hinreichende 
hesie  zu  Injektionen,  zur  Naht  von  Wunden,  zur  Entfernung  von  kleinen 
umoren  und  Inzision  von  Furunkeln.  Schäden  wurden  nicht  gesehen, 
keine  Narbenbildung. 

L  Linhard:  Haut„knopf“löcher. 

n  Anlehnung  an  die  Perforation  des  Ohrläppchens  zum  Tragen  von 
igen  wird  vorgeschlagen,  gleichartige  Hautknopflöcher  anzulegen,  um  bei 
ps  die  grossen  Labien,  um  bei  Analprolaps  beide  Skrotalhälften,  bei 
ti  usw.  zwei  Hautfalten  mit  hantelförmigen  Knöpfen  zusammenzuhalten 
olche  Körperöffnungen  vorübergehend  zu  verschliessen. 

'.Holzer:  Zusammentreffen  von  Poliomyelitis  acuta  anterior  adultorum 
erforierender  Appendizitis. 

)er  Fall,  ein  17  jähr.  Mädchen,  bot  wegen  seiner  Komplikationen  erheb¬ 
diagnostische  Schwierigkeiten,  die  erst  autoptisch  geklärt  werden 

en. 

i.  Hirsch:  Ueber  Herzstörungen  beim  Scharlach. 

)ie  nach  Scharlach  unabhängig  von  der  Schwere  der  Primärerkrankung 
tenden  Herzstörungen  sind  durch  Endo-  und  Myokardschädigung  zu- 
en  mit  Vasomotorenlähmung  bedingt.  Die  organischen  Veränderungen 
en  höchstwahrscheinlich  auf  einer  Streptokokkenmischinfektion. 

).  Marlinger:  Todesfall  nach  einmaliger  Novasurolinjektion. 

).  Singer:  Schweinerotlauf  beim  Menschen. 

..  Katz:  „Sirius“,  der  neue  Durchleuchtungsschirm, 
legründete  Empfehlung. 

V.  F.  Winkler:  Neuere  Erfahrung  mit  der  3.  Modifikation  der 
:ke-Reaktion  (D.  M.). 

)ie  D.  M.  kann  durchaus  empfohlen  werden  zusammen  mit  der  WaR.; 
idessen  nur  ein  Verfahren  angewandt  werden,  so  ist  nach  wie  vor  der 
der  Vorzug  zu  geben. 

llühdorn:  Die  akuten  infektiösen  Magen-Darmerkrankungen  des 
ngsalters. 

Bemerkungen  zur  Diagnose,  Verlauf  und  Therapie  der  Ruhr  des  Säug- 
und  späteren  Kindesalters.  S. 

leutsche  Medizinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  1  und  2. 

i.  S  t  r  ü  m  p  e  1 1  -  Leipzig:  Zur  Charakteristik  der  gegenwärtigen 

pie. 

ingeregt  durch  die  Einführung  der  Antisepsis,  die  augenscheinlichen  Er- 
auf  dem  Gebiete  der  Antipyrese,  die  Forschungen  der  Bakteriologie, 
'kenntnis  von  dem  Werte  der  inneren  Sekretion,  endlich  durch  die  Ent- 
lung  der  Psychotherapie,  ist  dem  Zeitalter  eines  mehr  oder  weniger 
ngenen  Nihilismus  in  der  Therapie  eine  fast  ins  Unübersehbare  ge- 
rte  Aktivität  gefolgt.  Unter  Zugrundelegung  des  Erfolges  für  den 
en  ist  zu  unterscheiden  zwischen  notwendiger,  nützlicher,  unnötiger 
chädlicher  Therapie.  Während  die  Zahl  der  unbedingt  notwendigen 
ittel  verhältnismässig  gering  ist  und  je  nach  der  persönlichen  An- 
mg  des  Arztes  gewissen  Schwankungen  unterliegt,  sind  die  Möglich- 
für  eine  nützliche  Therapie  ausserordentlich  reich  geworden.  Eine 
ge  Therapie  sollte  um  so  sorgsamer  vermieden  werden,  weil  sie  nicht 
selten  auch  zur  schädlichen  Therapie  wird,  die  sich  von  selbst  verbietet, 
r.  Kraus-  Berlin :  Konstitutionstherapie, 
luss  in  der  Urschrift  nachgelesen  werden. 

1.  H  e  r  t  w  i  g  -  Berlin:  Der  jetzige  Stand  der  Lehre  von  den  Chromo- 
.  Uebersicht. 

i  o  1  d  s  c  h  e  i  d  e  r  -  Berlin :  Die  Behandlung  der  chronischen  Kreislauf- 
che  (unter  vorwiegender  Berücksichtigung  der  physikalisch-diätetischen 

den). 

leferat,  erstattet  im  Verein  f.  Inn.  Med.  u.  Kindhlk.  in  Berlin  am 
f;  1921;  (Bericht  in  Nr.  49  der  M.m.W.).  Schluss  folgt. 

.  K  1  e  m  p  e  r  e  r  -  Berlin:  Ueber  den  gegenwärtigen  Stand  der  Tuber- 
ehandlung.  Uebersicht. 

I.  H  i  1  d  e  b  r  a  n  d  -  Berlin:  Ueber  den  gegenwärtigen  Stand  der  opera- 
Behandlung  des  Kropfes. 

V.  K  o  1 1  e  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  Neosilbersalvarsan  und  die  chemo- 
eutische  Aktiviernug  der  Salvarsanpräparate  durcli  Metalle. 

leosilbersalvarsan  ist  ein  durch  die  Einfügung  der  Silberkomponente 
irtes  chemisch  stabilisiertes  Neosalvarsan;  es  ist  stark  wirkend,  leicht 
und  wird  gut  vertragen. 

■  Jadassohn-  Breslau:  Syphilisbehandlung  durch  den  praktischen 

irundbedingung  ist  möglichst  frühzeitige  Diagnose  mit  Untersuchung  des / 
:rums,  Grund-  und  Drüsenpunktion.  Die  Kombinationstherapie  ist  zur. 
ioch  die  Methode  der  Wahl  für  den  Praktiker.  Schädliche  Neben/- 
ngen  des  Salvarsans  werden  durch  sorgfältige  Technik  auf  ein  Mindest- 
beschränkt.  Therapeutische  Einzelheiten  über  Wahl  des  Mittels, 
ung,  Berücksichtigung  der  zwischen  Infektion  und  Beginn  der  Be- 
mg  verstrichenen  Zeit  sowie  des  Stadiums  der  Lues  usw.  Prophylaxe 
iehandlung  der  Nebenwirkungen,  die  niemals  ganz  vermieden  werden 

-D  öderlein  -  München:  Ueber  die  Behandlung  des  Puerperalfiebers. 
>ei  auftretendem  Fieber  in  der  Geburt  bewirkt  alsbaldige  Entleerung,  des 
3  eine  Kupierung  des  beginnenden  Kindbettfiebers.  Desinfizierende 
ülungen  mit  Lysoform,  Jodlösungen  oder  Mea-Jodina  (eine  Tablette  auf 
r  warmen  Wassers)  sind  durchaus  ratsam.  Puerperalgeschwüre  werden 
^zentrierter  Jodlösung  getupft.  Bei  schon  fortgeschrittener  Erkrankung 
i  Wirkung  der  Injektionen  von  Antistreptokokkenserum,  Kolloldmetallen, 
"Körpern  nicht  unzweifelhaft.  Eiterherde  müssen  entleert  werden. 
Umständen  wird  die  Totalexstirpation  des  Uterus  notwendig.  Bei  der 


puerperalen  Peritonitis  ist  oft  die  Eröffnung  des  hinteren  D  o  u  g  1  a  s  sehen 
Raumes  von  guter  Wirkung. 

J.  H  ij  r  s  c  h  b  e  r  g  -  Berlin:  Erfahrungen  eines  alten  Augenarztes. 

I.  Uebir  Blindheit  und  Sehstörung. 

R.  D  ejg  k  w  i  t  z  -  München:  Ueber  Masernschutzserum. 

Maserminfizierte  Kinder  können  mit  Masernrekonvaleszentenserum  vor 
dem  Ausbruch  der  Erkrankung  geschützt  werden.  2 — 3  Proz.  Versager. 

D.  G.  f  J  o  a  c  h  i  m  o  g  1  u  -  Berlin:  Ueber  Opium  und  seine  Präparate. 

Die  billige  Ti.  Opii  Simplex  kann,  wenn  eine  Verabreichung  per  os  an¬ 
gängig  ist J  in  den  meisten  Fällen  das  Morphium  und  alle  anderen  wesentlich 
teureren  Ffräparate  ersetzen. 

A.  H|o  1  s  t  e  -  Jena:  Neue  Arzneimittel. 

Nr.  2L 

F.  Nie  u  f  e  1  d  -  Berlin :  Neue  Forschungsergebnisse  über  Pneumonie. 

Nach!  einem  am  5.  XII.  1921  im  Verein  f.  Inn.  Med.  u.  Kindhlk.  ge¬ 
haltenen  Wortrag.  (Bericht  in  Nr.  50  der  M.m.W.) 

H.  3  e  1 1  e  r  -  Königsberg:  Die  Bedeutung  der  tuberkulösen  Allergie  für 
das  Entziindungsproblem  und  die  Proteinkörpertherapie. 

Verfj j.  bezeichnet  die  Allergie  als  eine  Entzündungsbereitschaft,  welche 
durch  eine  Veränderung  der  chemisch-physikalischen  Eigenschaften  des  Zell- 
protoplapmas  infolge  der  Einwirkung  lebender  Tuberkelbazillen  Zustande 
kommt.  Es  gibt  zwei  Arten  von  Allergien:  eine  natürlich  vorhandene,  un- 
spezifisene  gegen  Bäkterienprotein  und  eine  erworbene,  spezifisch  tuber¬ 
kulöse,  welche  in  spezifischer  Weise  durch  Tuberkulin,  in  unspezifischer 
Weise  durch  Bakterienproteine  und  andere  Reizstoffe  hervorgerufen  wird. 

G  I  d  s  c  h  e  i  d  e  r  -  Berlin:  Die  Behandlung  der  chronischen  Kreislauf- 
schwäcfjie  (unter  vorwiegender  Berücksichtigung  der  physikalisch-diätetischen 
Methoden).  Schluss  aus  Nr.  1. 

A.j  Schittenhelm  -  Kiel:  Ueber  Aortitis  luica. 

Nach  dem  Sitz  der  Erkrankung  ist  eine  Aortitis  supracoronaria, 
coronafia,  valvularis  und  aneurysmatica  zu  unterscheiden.  Die  sowohl  durch 
Perkussion  als  im  Röntgenbilde  nachweisbare  Verbreiterung  der  Gefässfigur 
steht  im  auffallendem  Gegensätze  zu  einem  verhältnismässig  kleinen  Herzen. 
Im  Rö/ntgenbilde  erkennbar  ist  auch  eine  Verlängerung  der  Aorta  infolge  Ver¬ 
minderung  ihrer  Elastizität  und  tiefere  Schattenbildung  der  Aorta  infolge 
Wandyerdickung.  Therapeutisch  ist  eine  energische  kombinierte  Hg- 
Salva/'sankur  geboten. 

IJ.  S  t  r  a  u  b  -  Halle  und  Kl.  M  e  i  e  r  -  München:  Zur  Pathogenese  des 
periodischen  Atmens. 

'in  dem  ausführlich  beschriebenen  Falle  rührte  die  lokale  Asphyxie  des 
Atem/zentrums  von  multiplen  Erweichungsherden  an  den  Gehirngefässen  her; 
sie  'kann  jedoch  auch  rein  funktionell  entstehen.  Die  COs-Spannung  der 
Alveplarluft  war  dauernd  stark  herabgesetzt. 

E.  Fraenkel  und  Fr.  W  o  h  1  jv  i  1 1  -  Hamburg:  Das  Zentralnerven¬ 
system  bei  Gasbrandinfektion  des  Menschen. 

Die  auch  bei  schweren  Gasbrandinfektionen  gefundenen  Hirnverände¬ 
runfeen  sind  so  geringfügig,  übrigens  auch  inkonstant,  dass  ihnen  eine  Be¬ 
deutung  nicht  zukommt.  Entsprechend  kann  der  tödliche  Ausgang  bei  Gas- 
brajndinfektionen  nicht  durch  toxische  Einwirkung  auf  das  Zentralnerven¬ 
system  erklärt  werden. 

j  G.  W  i  n  t  e  r  -  Königsberg:  Weibliche  Kriegs-  und  Nachkriegsopfer. 
j  Neben  der  Abnahme  der  Geburten  findet  sich  eine  enorme  Zunahme  der 
Aborte  (von  15  Proz.  auf  36 — 37  Proz.),  die  weniger  auf  den  Krieg  als  auf 
dife  Nachkriegszeit,  die  Revolution  und  steigende  Demoralisation  zurück- 
gbführt  werden  muss.  Die  Zahl  der  Todesfälle  an  Kindbettfieber  ist  auf  das 
D/oppelte  gestiegen.  Auf  rein  gynäkologischem  Gebiete  spielte  die  Kriegs- 
amenorrhöe  eine  bemerkenswerte  Rolle,  ohne  restlos  erklärt  zu  sein.  Vorfälle 
und  inoperabler  Uteruskrebs  haben  eine  Zunahme  erfahren.  Die  Zahl  tripper- 

il/ranker  Frauen  hat  sich  versiebenfacht,  während  die  Zahl  der  syphilitischen 
Frauen  nicht  ganz  das  Doppelte  erreicht  hat. 

A.  H  o  f  v  e  n  d  a  h  1  -  Stockholm:  Diathermietiefenstich  bei  Larynx- 
fuberkulose. 

Durch  genügende  Isolierung  des  oberen,  in.  der  Epitheldecke  ' steckenden 
Teiles  der  spitzen  Elektrode  wird  nur  die  Tiefe  koaguliert,  während  das  Deck¬ 
epithel  intakt  bleibt. 

J.  D  u  b  s  -  Winterthur:  Ganglion  der  Nervenscheide  des  N.  ulnaris. 

Nach  Trauma  war  eine  bohnengrosse  Verdickung  am  N.  ulnaris  un¬ 
mittelbar  distal  vom  Proc.  styl,  ulnae  entstanden,  die  sich  bei  der  Operation 
als  eine  Ansammlung  glasig-gallertiger  Masse  in  der  Nervenscheide  heraus¬ 
stellte. 

G.  B  e  r  n  ha  r  d  t  -  Berlin:  Ueber  Isopropylalkohol  als  Mittel  zur  Hände¬ 
desinfektion. 

Isopropylalkohol  in  40—50  proz.  Lösung  ist  als  vollwertiger  Ersatz  des 
Aethylalkohols  zur  Händedesinfektion  anzusehen. 

G.  P  i  o  r  k  o  w  s  k  i  -  Berlin:  Ein  neuer  Nährboden  zur  Diagnostik  und 
Züchtung  im  Blute  kreisender  Streptokokken. 

Baum-  Augsburg. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  1. 

L.  Asher:  Die  Physiologie  der  Atmung. 

R.  Staehelin:  Die  Pathologie  der  Atmung. 

Bernheimer-Karrer  -  Zürich:  Ueber  subkutane  Fettgewcbs- 
nekrosen  beim  Neugeborenen  (sog.  Sklerodermie  der  Neugeborenen). 

Mitteilung  von  5  Fällen.  Es  handelt  sich  um  eine  umschriebene  Er¬ 
krankung  des  subkutanen  Fettgewebes,  besonders  bei  übergewichtigen  Kindern 
infolge  Geburtstraumen,  die  zur  Nekrose  von  Fettzellen  und  daran  anschliessend 
zu  einer  beträchtlichen  entzündlichen  Infiltration  der  Subkutis  und  ödematöser 
Schwellung  des  Bindegewebes  fuhren. 

W.  L  a  n  z  -  Montana:  Die  Darstellung  eines  salzarmen,  isotonischen 
Antigenpräparates  für  die  Eigenurinreaktion  nach  Prof.  W  i  1  d  b  o  1  z. 

Verf.  hat  bessere  Resultate  bekommen  und  unspezifische  Reaktionen 
durch  den  Salzgehalt  des  Harns  vermieden,  nachdem  er  den  konzentrierten 
Harn  in  geprüften  Kollodiumfiltern  dialysierte  und  das  Präparat  mit  physio¬ 
logischer  Kochsalzlösung  isotonisch  machte.  Die  Technik  der  Herstellung  der 
Filter  etc.  wird  genau  beschrieben. 

F  r  e  y  -  St.  Gallen:  Zur  Wirkung  des  „Gynergen“. 

Verf.  sah  gute  Wirkung  bei  der  Sectio  caesarea,  Atonie,  Behandlung  der 
Aborte,  warnt  aber  vor  der  Anwendung  als  Wehenmittel  in  der  Geburt  wegen 
der  Unsicherheit  der  Dosierung.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 


214 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N 


Auswärtige  Briefe. 

Wiener  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

Beendigung  des  Aerztestrelkes  bei  den  üenossenschaitskassen.  Vor¬ 
beratung  der  Aerzteordnung.  -  Zahlstockirage.  —  Krankenanstaltongesetz. 
Multiplikator  zur  Regulierung  der  ärztlichen  Honorare.  Entwurl  des  neuen 
Strafgesetzbuches. 

Am  13.  Januar  endete  ein  Arbeitsausstand  von  allen 
220  A  e  r  z  t  e  n,  die  dem  Verbände  der  Oenossenscnatts- 
krankenkasse  angehören.  Der  Ausstand  begann  an}  nnnMit’ 

dauerte  somit  mehr  als  2  Monate,  obwohl  der  Verband  seine  200  000  Mit¬ 
glieder  während  der  ganzen  Zeit  um  den  gesetzlich  gesicherten  Anspruch  aut 
freie  ärztliche  Hilfe  verkürzte.  Die  Kosten  trugen  die  Kranken  wahrend 
die  Kassen  Ersparnisse  machten  und  die  meisten  Kassenärzte  auch  nicht  zu 
klagen  hatten.  Behandelten  doch  die  an  der  Peripherie  der  Stadt  wohnenden 
Aerzte  alle,  die  anderen  die  meisten  ihrer  Kassenkranken  weiter,  mir  zahlten 
die  Kranken  aus  eigener  Tasche  den  wesentlich  höheren  Tarif  der  Privat- 
praxis.  Die  günstigen  Einkommensverhältnisse  der  Kassenmitglieder  und  der 
immer  noch  unverhältnismässig  niedrige  Tarif  der  Aerzte,  ermöglichten,  dass 
dieser  Zustand  nicht  zu  drückend  empfunden  wurde.  Der  Grund  zum  Aus¬ 
stande  waren  Lohnstreitigkeiten.  Die  letzte  Regulierung  war  vom  verbände 
den  Aerzten  am  1.  Mai  v.  J.  gewährt  worden.  Inzwischen  waren  aber  den 
Beamten  erhebliche  Steigerungen  zugestanden  worden.  Damals  wurde  der 
32  fache  Friedensgehalt  erreicht  und  er  sollte  nun  auf  das  96  fache  gesteigert 
werden.  Viele  Wochen  vergingen,  ehe  ernstliche  Verhandlungen  begannen 
und  erst  als  das  Ministerium  für  soziale  Verwaltung  sich  wiederholt  ernstlich 
bemühte,  gelang  es  ein  Uebereinkommen  zu  treffen.  Der  Erfolg  ist  für  die 
Aerzteschaft  um  so  bedeutender,  als  das  Uebereinkommen  vermutlich  weiteren 
Lolinstreitigkeiten  Vorbeugen  wird,  denn  jede  Erhöhung  der  Bezüge  der  Be¬ 
amten  des  Verbandes  wird  nunmehr  selbsttätig  die  gleiche  Erhöhung  der  ärzt¬ 
lichen  Gehalte  zur  Folge  haben.  Gesteigert  wird  dieser  Erfolg  noch  da¬ 
durch  dass  die  anderen  grossen  Krankenkassen  einem  Uebereinkommen  ge¬ 
mäss  genötigt  sind,  ihren  Aerzten  die  gleichen  Begünstigungen  zu  gewähren. 

Während  dieses  Ausstandes  setzte  die  Genossenschaft  ihre  Hoffnungen 
nicht  nur  auf  Streikbrecher,  sondern  auch  auf  die  öffentlichen  Ambulatorien. 
Die  Organisation  hat  sich  stark  genug  erwiesen,  Streikbrecher  haben  sich 
kaum  gefunden.  Der  persönlichen  Einflussnahme  ausgesandter  Aerzte  gelang 
es,  auch  jene  Ambulatorien,  die  in  der  Zulassung  Kassenkranker  weniger 
streng  vorzugehen  pflegen  als  die  Vorschriften  verlangen,  dahin  zu  bringen, 
dass  sie  die  Kassenmitglieder  bis  zu  einem  Masse  abwiesen,  dass  der  Unter¬ 
richt  zu  leiden  begann. 

Am  23.  und  24.  Januar  fand  eftie  Vorberatung  der  Aerzte¬ 
ordnung  im  Parlamentsgebäude  statt.  Die  Vertreter  der  Kammern  und 
Organisationen,  aber  auch  zahlreicher  nichtärztlicher  Gruppen  waren  geladen. 
Die  Aerzte  gingen  mit  sehr  gemischten  Gefühlen  an  die  Arbeit.  Vielen  schien 
die  Beratung  nur  ein  Verschleppungsmanöver  der  Regierung,  andere  standen 
unter  dem  Eindrücke  zersetzender  Vorgänge  in  der  Reichsorganisation.  Der 
Vorstand  der  Reichsorganisation  trat  kurz  vor  dieser  Beratung  zurück,  weil 
nun  schon  zum  zweiten  Male  die  Organisationen  der  Länder  ohne  Rücksicht 
auf  die  Reichsorganisation  Beschlüsse  fassten  und  an  die  Regierung  weiter¬ 
leiteten,  Beschlüsse,  die  im  Widerspruche  standen  zu  solchen,  die  von  der 
Reichsorganisation  im  Zusammensein  mit  allen  Landesdelegierten  gefa;;:  t 
worden  sind.  Die  Landesorganisationen  verschliessen  sich  aber  durchaus 
nicht  der  Einsicht  in  die  Notwendigkeit  einer  Reichsorganisation  und  es  sollen 
deshalb  demnächst  Statutenänderungen  beraten  werden. 

Die  Aerzteordnung  —  eine  Vorlage  mit  78  Paragraphen  —  ist  im  Ver¬ 
laufe  von  etwa  20  Jahren  mannigfach  bearbeitet  und  besprochen  worden.  1 1 
einer  allgemeinen,  mit  grosser  Aufmachung  angekündigten  und  abgehalteneu 
Aerzteversammlung  im  Mai  v.  J.  wurden  an  die  Regierung  mehrere  For¬ 
derungen  nachdrücklichst  gestellt  und  eine  Zusicherung  an  einen  Termin  ge¬ 
bunden.  Die  erste  Forderung  war  die  Beratung  der  Aerzteordnung  im 
Nationalrate.  Noch  vor  Ablauf  des  Termines  —  Ende  Juni  —  erhielt  die 
Aerzteschaft  die  offizielle  Zusage  ihrer  Wünsche.  Im  1.  Paragraph  fordert 
die  Aerzteordnung,  dass  der  promovierte  Doktor,  ehe  er  zur  Praxis  zuge¬ 
lassen  werde,  sich  1 — 2  Jahre  an  einem  Spitale  praktisch  ausbilde.  Die  Ver¬ 
treter  der  Fakultäten  des  Bundesstaates  erklärten  übereinstimmend  mit  allen 
anderen  Mitgliedern  der  Enquete,  dass  praktische  Ausbildung  erforderlich 
sei.  aber  sie  waren  gegen  die  Aufnahme  dieser  Forderung  in  die  Aerzte¬ 
ordnung,  weil  das  der  in  Geltung  befindlichen  Rigorosenordnung  widerspreche 
und  nicht  vor  Erlass  einer  neuen  Studienordnung  geregelt  werden  könne. 
Sie  machten  keinen  Vorschlag,  verwiesen  auf  die  schlechten  Erfahrungen,  die 
man  im  Deutschen  Reiche  mit  dem  praktischen  Jahre  gemacht  habe,  und  auf 
Bemühungen  um  eine  neue  Studienordnung  zu  erreichen.  Die  Reichs¬ 
organisation  forderte  einmütig  eine  2  jährige  praktische  Ausbildung,  um  der 
masslosen  Zunahme  der  Aerzte  —  •  im  September  und  Oktober  in  Wien 


fast  200  —  einen  Damm  entgegenzusetzen. 

Die  Bemühungen,  einen  Numerus  clausus  bei  der  Aufnahme  'zum  medi¬ 
zinischen  Studium  zu  setzen,  oder  durch  2  Jahre  jede  Immatrikulation  von 
Medizinern  zu  sperren  —  Bemühungen,  die  von  einzelnen  Mitgliedern  des 
Wiener  mödiz.  Professorenkoliegiums  sowie  von  der  Organisation  aus¬ 
gingen  — ,  stiessen  bei  den  Professorenkollegien  auf  heftigen  Widerstand. 
Die  bedenkliche  Abnahme  der  Studienleichen  hat  aber  doch  eine  Art  Numerus 
clausus  insoferne  geschaffen,  als  die  Anatomen  Wiens  die  Einschreibung  in 
ihre  Vorlesung  auf  etwa  300  einschränken. 

Die  Ueberwertung  demokratischer  Grundsätze  veranlasste  die  Regierung, 
uns  bei  Wahl  der  Aerztekammer  das  Verhältniswahlrecht  aufzunötigen.  Wir 
mussten  uns  dagegen  heftig  wehren  und  darauf  hinweisen,  dass  eine 
Gruppierung  der  Aerzteschaft  zwecks  Aufstellung  von  Wahllisten  undurch¬ 
führbar  ist,  es  sei  denn,  dass  man  die  politische  Parteiung  in  unsere  Standes¬ 
vertretung  gewaltsam  hineintragen  wolle.  Eine  Gruppierung  nach  fachlichen 
Unterschieden  ist  untunlich,  weil  eine  scharfe  Trennung  zwischen  Fachärzten 
und  praktischen  Aerzten.  Kassenärzten  und  solchen  die  es  nicht  sind,  nicht 
besteht.  Eine  politische  Trennung  haben  wir  bisher  sorgfältig  und  erfolgreich 
zu  vermeiden  gesucht  und  wollen  das  so  weiter  halten.  Die  Standes¬ 
vertretung  hat  mit  Politik  nichts  zu  tun  und  kam  bisher  gut  mit  dem  einfachen 
Majoritätsprinzipe  aus. 

Der  Entwurf  der  Aerzteordnung  erhöht  die  disziplinäre  Gewalt  der 
Kujonier  bis  zur  dauernden  Entziehung  der  Praxisberechtigung.  Von  den 


Krankenkassenangehörigen  (nicht  ärztlichen  Mitgliedern)  sowie  von  \ 
Regierungsvertretern  wurde  starker  Einspruch  erhoben.  Es  scheint 
wahrscheinlich,  dass  die  Aerztekammer,  ähnlich  der  Kammer  der  Rel 
anwälte,  mit  dieser  Disziplinargewalt  ausgestattet  werden  dürfte.  Beji« 
licherweise  wandten  sich  die  Delegierten  der  Krankenkassen  heftig  £ 
jenen  Paragraphen  der  Aerzteordnung,  der  die  Vorlage  von  Verträgen  foi 
Die  sog.  Zahlstockfrage  setzt  die  ärztlichen  Kreise  wiedc 
starke  Erregung.  Schon  seit  mehr  als  20  Jahren  wird  immer  wiedei 
Forderung  ausgesprochen,  dass  die  Kranken  der  2.  und  1.  Verpflegskiass 
die  ärztliche  Behandlung  dem  Primarärzte  eine  Gebühr  entrichten  si 
Beim  Bau  der  geburtshilflichen  Kliniken  und  der  neuen  Klinik  für  ii 
Krankheiten  errichtete  man  zahlreiche  Einzelzimmer  und  kleine  Zimmer, 
dem  kurz  darauf  errichteten  Jubiläumsspitale  (1908)  wurde  ein  Mittels 
Sanatorium  geplant.  Aber  die  Organisation  der  Aerzte  vereitelte  diese  F 
Nur  wenige  dieser  Zimmer  wurden  zu  Klassenzimmern  benützt  und  0 
tionsgebühren  durften  nicht  eingehoben  werden.  Man  sah  zwar  ein,^ 
der  erfreute  Dritte  das  Publikum  ist,  dass  eine  grosse  zahlungsfähige  O 
schaftsschichte  oft  auch  gegen  ihren  Willen  Gratishilfe  erhält,  doch  fürc 
man,  dass  die  Tätigkeit  des  praktischen  Arztes  zu  schwer  leiden  d 
wenn  die  Zahlstöcke  und  zwar  vor  allem  die  der  inneren  und  gebürt 
liehen  Kliniken  zahlungskräftige  Gesellschaftsschichten  an  sich  re 
würden.  Da  die  Stimmung  in  den  Kreisen  der  Primarärzte  auch  geteilt 
stagnierte  die  Lösung  dieser  Frage  durch  Jahre,  während  sich  in  den  Spit 
des  Landes  die  Bezahlung  am  Wege  des  privaten  Uebereinkommens  zwi: 
Krankenanstaltenerhalter  und  Primararzt  allerorten  einbürgerte.  Das 
so  vor  sich,  dass  der  Erhalter  der  Anstalt  30—70  Proz.  vom  Operat 
honorare  (die  Spitäler  des  Landes  haben  fast  nur  Chirurgen  angestellt 
sich  zurückbehielt.  Im  Juli  1920  kam  das  Krankenanstaltengei 
heraus.  Es  ist  ein  Bundesgesetz  und  bestimmt,  dass  auf  den  höheren  Kl 
für  die  Vornahme  von  Operationen  und  „sonstigen  aussergewöhnlichen 
richtungen.  die  für  die  Behandlung  oder  zu  diagnostischen  Zwecken  erfo 
lieh  sind“,  besondere  Gebühren  eingehoben  werden  können.  Alles  Wt 
ist  einer  Vollzugsanweisung  Vorbehalten.  Obwohl  sich  die  Landesregii 
hiezu  für  befugt  hielt  und  niemand  das  bestritt,  kam  diese  Vollzugsanwe 
bis  jetzt  nicht.  Immer  entstehen  neue  Bedenken,  zumal  die  Angelegt 
von  gänzlich  Unkundigen  immer  neu  verwirrt  wird.  Die  Verhältnisse  1 
sich  inzwischen  in  den  Krankenanstalten  zu  einem  Chaos  gestaltet. 
Sanatorium  muss  heute  der  Kranke  eine  tägliche  Verpflegsgebühr 
15  000  K.  zahlen  und  dazu  kommen  noch  erhebliche  Nebengebühren  füi 
nützung  des  Operationssaales,  Beheizung.  Verbandzeug  usw.;  in  der  ö 
liehen  Krankenanstalt  sind  die  Verpflegsgebühren  1200  Kr.  auf  der  2.  K 
2400  Kr.  auf  der  1.  Klasse.  Die  Wohlhabenden  des  Mittelstandes  sind 
armt  oder  verschwunden,  die  neuen  Wohlhabenden  suchen  auch  heute 
gern  das  Spital  auf.  Nachdem  die  Aerztekammer  ausgesprochen  hat, 
dem  Hausarzte  für  seine  Mitwirkung  bei  der  Spitalsbehandlung  seines  Kr; 
eine  Gebühr  zukommt,  die  gleich  ist  dem  5.  Teile  jener,  die  der  Primr 
erhält  und  die  Vollzugsanweisung  diesem  Wunsche  Rechnung  tragen 
haben  sich  die  praktischen  Aerzte  einigermasseti  beruhigt.  Die  Angs 
dem  ungewissen  Erfolge  in  der  Durchführung  und  die  schlechten  Erfahrt! 
die  die  Aerzte  mit  neuen  Einrichtungen  zu  machen  gewöhnt  sind,  lässt 
immer  noch  keine  volle  Beruhigung  einziehen,  doch  fehlt  es  durchai 
wohl  definierten  und  begründeten  Gegenvorschlägen.  Die  Fachärzte  1 
sich  in  überwiegender  Mehrheit  für  die  Bezahlung  der  ärztlichen  Tat 
durch  Zahlungsfähige  auch  in  den  Spitälern  ausgesprochen.  Nur  die  Gel 
helfer  fürchten  Benachteiligung,  falls  in  den  öffentlichen  Spitälern  Gebä 
aufgenommen  werden  sollten.  Das  Gremium  der  Primarärzte  verscl 
sich  dem  nicht  und  beschloss,  keine  Gebärenden  am  Zahlstocke  aufnehm 
wollen.  Da  die  Zahl  der  Mittelstandssanatorien  so  klein  ist,  dass 
200  Kranke  in  ihnen  untergebracht  werden  können,  fällt  eine  grosse  Be\ 
rungsschichte  —  insbesondere  die  ländliche  Bevölkerung  vor  allei 
den  Verdienst  der  Fachärzte  —  aus.  Die  Durchführungsordnung,  die  nt 
Landesregierung  plant,  will  nebenbei  den  Krankenanstaltenerhaltern  h 
indem  sie  zu  dem  Behandlungshonorar  des  Primararztes  einen  40  proz 
schlag  macht  und  beides  zusammen  als  Personalaufwand  einhebt. 
Krankenanstaltenfonds  kann  das  nur  wenig  nützen.  Diese  Einrichtun: 
steht  heute  nur  noch  aus  einer  Schuld,  die  weit  über  eine  Milliarde  be 
Die  Aktiven  sind  die  Spitäler,  schon  seit  Jahren  stark  mit  Hypotheke 
lastet  und  Einnahmequellen  aus  Verlassenschaften  und  Steuerzuschlägei 
sehr  unregelmässig  einkommen.  Für  das  Defizit  kommen  Staat,  Lam 
Krankenanstaltenerhalter  auf.  Die  Verpflegsgebühren  werden  von 
Landesregierung  vorgeschricben.  Schon  in  den  letzten  Friedensjahren  ] 
sie  unter  dem  Selbstkostenpreise.  Den  Krankenkassen  wird  ein  T ei 
Verpflegsgebühren  zuriiekerstattet  und  von  Pfründnern  erhielt  der  Fond 
die  Pfründe.  Das  Krankenanstaltengesetz  hat  ihm  nun  über  diese 
geholfen,  denn  früher  musste  er  allein  den  Fehlbetrag  tragen.  Mit 
Verfalle  unserer  Währung  steigert  sich  das  Missverhältnis  zwischen  S 
kostenpreis  und  den  von  der  Landesregierung  festgesetzten  Verpflt 
bühren  immer  mehr.  Die  Erhöhung  der  Verpflegsgebühren  hinkte  de 
nehmenden  Teuerung  weit  nach  und  wurde  niemals  in  der  Höhi 
Selbstkosten  festgesetzt.  Zur  Zeit  sind  die  Gebühren  600.  1200 

2400  Kr.  je  nach  der  Verpflegskiasse.  Der  Selbstkostenpreis  betrug 
Ende  Dezember  auf  der  3.  Klasse  3000  Kr.  So  schenkt  dieser  tief' 
■schuldete  Fonds  und  Staat,  sowie  Land,  jedem  Kranken,  ohne  dass  er  <| 
ersucht,  ohne  dass  er  davon  weiss,  täglich  eine  ansehnliche(  Summe 
Paradoxon,  das  nur  unter  politischen  und  bureaukratischen  Einflüssen  zu- 
kommen  kann.  Die  Not  macht  sich  aber  schon  schwer  fühlbar  und  di< 
lnöglichkeit.  Wäsche  nachzuschaffen,  führt  schon  zur  Sperrung  ein1 
Krankenzimmer.  __ 

Infolge  des  ununterbrochen  sinkenden  Geldwertes^  waren  die  R 1 
lierungen  der  ärztlichen  Tarife  an  der  Tagesordnung  uj 
den  Bezirkssektionen,  sowie  im  Ausschüsse  der  Organisation,  im  Ver 
der  Fachärzte  wurde  fortwährend  beraten.  Nunmehr  hat  sich  folgender 
gang  ansgebildet  und  bisher  auch  bewährt.  In  der  Organisation  der  4 
Wiens  wird  ein  Multiplikator  festgesetzt  und  zwar  je  nact 
Geldentwertung  und  unter  Berücksichtigung  der  vom  staatlichen,  Statist 
Amte  ausgegebenen  Indexziffer.  In  den  monatlich  erscheinenden  Mitten 
der  Organisation  wird  der  Multiplikator  veröffentlicht  und  jeder  Ar/ 
das  Honotar,  das  er  im  letzten  Friedensjahre  verlangte,  mit  diesem 
plikator  zu  multiplizieren  und  in  Rechnung  zu  stellen.  Der  erst 
November  \iusgegebene  Multiplikator  war  150,  jetzt  stehen  wir  bei  2, 
gewiss  die  niedrigste  Ziffer,  mit  der  Friedenspreise  multipliziert  werden. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


215 


:  unentbehrlichsten  Nahrungsmittel  und  Kleidungsstücke  sind  auf  das 
usendfache  und  darüber  gestiegen. 

In  der  letzten  Januarsitzung  der  Gesellschaft  der  Aerzte  berichtete 
ser  Professor  der  gerichtlichen  Medizin,  Prof.  Haberd  a,  über  den 
zt  liehen  Teil  des  neuen  Strafgesetzentwurfes  und 
•glich  ihn  mit  dem  des  Deutschen  Reiches.  Die  Vorteile  der  Abänderungen 
d  für  den  ärztlichen  Stand  nicht  gross.  Der  Kurpfuschereiparagraph  wird 
•schärft.  Nicht  nur  gewerbsmässiger  Betrieb,  sondern  auch  wiederholte 
rgehungen  dieser  Art,  sind  schon  strafwürdig.  Sehr  bedenklich  ist  dagegen 
Fassung  eines  anderen  Paragraphen,  die  den  Arzt  auch  dann  unter  Au¬ 
ge  stellt,  wenn  durch  seine  Massnahmen  für  den  Kranken  ein  Nachteil  hätte 
stehen  können.  Das  ist  für  uns  eine  erhebliche  Verschlechterung,  da 
;h  dem  bestehenden  Gesetze  ein  Arzt  wegen  Kunstfehlers  nur  belangt 
rden  kann,  wenn  dem  Kranken  durch  Begehung  oder  Versäumnis  der  Tod 
;r  ein  schwerer,  dauernder  körperlicher  Schaden  erwuchs.  Es  wird  sich 
hl  noch  Gelegenheit  finden,  darüber  mehr  zu  berichten,  da  sich  die  ärzt- 
len  Körperschaften  erst  jetzt  mit  dem  neuen  Entwürfe  werden  beschäftigen 
men. 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  14.  November  1921. 
ersitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r.  Schriftführer:  i.  V.  Herr  Forstmann. 
Herr  Hans  Lehmann:  Vorstellung  von  3  fast  mannskopfgrossen 
noren,  die  von  einer  53  jährigen  Frau  stammen.  Der  linke,  durchblutete, 
dische  Ovarialtumor  zeigte  einfache  Stieldrehung,  der  rechte,  zwei 
nmern  mit  serösem  Inhalt,  ist  2  mal  gedreht.  An  ihm  hängt  eine  ebenso- 
sse  Parovarialzyste.  Die  3  Tumoren  füllen  den  Bauchraum  und  das  kleine 
;ken  aus,  trotzdem  hat  die  Kranke  bis  kurz  vor  der  Operation  keine  Be¬ 
wenden  gehabt.  « 

Herr  Schmorl:  Pathologisch-anatomische  Demonstrationen. 

1.  Paraffingranulome:  Sie  stammen  von  einer  38  Jahre  alten  Frau,  die 
l  im  Jahre  1909  Paraffin  —  ob  Hart-  oder  Weichparaffin  war  nicht  mehr 
zustellen  —  in  die  Maminae  hatte  einspritzen  lassen.  Schon  nach  14  Jahre 
merzen,  doch  wurde  die  Entfernung  des  Paraffins  verweigert,  bis  schliess- 
im  Jahre  1919  so  heftige  Beschwerden  eintraten,  dass  die  Absetzung  der 
mmae  vorgenommen  werden  musste.  Der  histologische  Befund  deckte  sich 
wesentlichen  mit  dem,  wie  er  schon  öfters  bei  Parafiingranulomen  er- 
en  worden  ist  (Granulationsgewebe  mit  zahlreichen  Riesenzellen). 
Monate  später  starb  die  Frau  an  einem  Gallenblasenleiden.  Es  war  so  die 
glichkeit  gegeben,  das  zurückgebliebene  Gewebe  der  Mamma  und  die 
ionären  Lymphknoten  zu  untersuchen.  In  letzteren  sowie  in  den  zu¬ 
enden  Lymphgefässen  fand  sich  eine  chronische  indurierende  Entzündung. 

'  Lymphdrüsengewebe  war  verödet  und  von  zahlreichen  grösseren  und 
neren  paraffinhaltigen  Hohlräumen  durchsetzt.  In  anderen  stark  ver- 
sserten  Lymphknoten  fanden  sich  bei  gut  erhaltenem  Parenchym  zahlreiche 
ssere  und  kleinere  Parafiintropfen  sowohl  in  den  Lytnphsinus  als  auch  im 
k,  die  kleinsten  in  Riesenzellen  eingeschlossen,  das  Parenchym  sehr  zell- 
h,  hyperplastisch.  Die  zufuhrenden  Lymphgefässe  mit  Paraffin  gefüllt,  ihr 
othel  teilweise  stark  gewuchert.  Bei  dem  durch  Operation  entfernten 
nmagewebe  waren  abgesehen  von  entzündlichen  Vorgängen  am  Drüsen- 
ebe  keine  Veränderungen  nachweisbar;  anders  bei  dem  bei  der  Sektion 
onnenen  Mammagewebe,  hier  fanden  sich  beiderseits  ausgedehnte 
cherungen  an  den  Drüsenepithelien  in  Form  papillärer  Erhebungen  unter 
i  Bilde  des  intrakanalikulären  Papilloms,  auch  atypische  Epithel-  und 
senwucherungen,  Durchbruch  der  Membrana  propria  der  Drüsengänge  und 
einigen  Stellen  ein  typisches  szirrhöses  Karzinom,  das  in  einem  axillaren 
rphknoten  eine  Metastase  gemacht  hatte.  Herr  S.  hält  es  für  nicht  unwahr- 
jinlich,  dass  die  karzinomatöse  Entartung  der  Mamma  unter  der  Ein- 
*ung  des  Paraffins,  das  ja  10  Jahre  in  der  Mamma  verweilt  hatte,  ent- 
den  ist.  - —  Hinweis  auf  den  Paraffinkrebs  der  Paraffinarbeiter. 

Im  Anschluss  hieran  demonstriert  Herr  S.  ein  Oesophaguskarzinom,  das 
genau  an  der  Stelle  entwickelt  hatte,  wo  ein  gestieltes  Lipom  auf  der 
eimhaut  gescheuert  hatte,  eine  feinpapilläre  Wucherung  der  Magenschleim- 
:  an  der  kleinen  Kurvatur  des  Magens,  die  sich  pyloruswärts  von  einem 
gestielten  Magenpolypen  entwickelt  hatte. 

2.  Demonstration  von  2  Fällen  von  tumorähnlicher  Lymphogranulomatose 

Brustorgane,  insbesondere  der  Lungen  bei  geringfügiger  Veränderung  der 
ilymphknoten.  In  dem  einen  Falle  Auftreten  umschriebener  Geschwülst¬ 
en  in  der  Lunge,  die  ausserordentlich  ähnlich  waren.  In  beiden  Fällen 
vuehern  in  die  Vena  cava  superior  mit  Verschluss  der  Lichtung.  In  den 
astasenähnlichen  Knoten  der  Lunge  fanden  sich  atypische  Epithel- 
lierungen,  ob  von  den  Alveolarepithelien  oder  von  den  Bronchialepithelien 
:chend  war  nicht  mit  Sicherheit  festzustellen.  In  dem  einen  Falle  waren 
ledehnte  lymphogranulomatöse  Herde  im  ganzen  Skelett  vorhanden,  die 
ifalls  demonstriert  werden.  Hinweis  auf  die  Zunahme  der  Lympho- 
lulomatose  in  den  letzten  Jahren,  die  auch  in  Dresden  ebenso  wie  in 
in  (L  u  b  a  r  s  c  h)  und  Breslau  (Henke)  zu  bemerken  ist.  In  manchen 
en  kann  es  auch  ohne  Bestrahlung  zu  lokalen  Abheilungen  kommen, 
r  S.  hat  ebenso  wie  E.  Fraenkel  solche  Abheilungsvorgänge  in  Leber- 
en  und  in  Knochenmarksherden  beobachtet. 

3.  Demonstration  von  Schussverletzungen  der  Aorta. 

Aussprache:  Herr  F.  H  a  e  n  e  1:  Die  Paraffininjektion  in  das  Gewebe 

■'ein  empfehlenswertes  Verfahren.  Es  scheint  glücklicherweise  im  allge- 
len  verlassen  zu  sein. 

Vereinzelten  Dauererfolgen,  die  sich  meist  auf  Fälle  beziehen,  in  denen 
nge  Mengen  Paraffin  injiziert  wurden,  stehen  zahlreiche  Fälle  gegenüber, 
enen  das  Ergebnis  infolge  von  Verschleppung.  Senkung,  Ausstossung  von 
en  der  Injektionsmasse  ein  nur  vorübergehendes  war  oder  in  denen  nach 
undung,  Eiterung,  Fistelbildung  lästige  und  gefährliche  Zustände  hervor- 
’fen  wurden. 

Redner  hat  vor  etwa  20  Jahren  die  Methode  an  2  Fällen  von  Sattelnase 
gutem  Anfangserfolg  angewandt,  hat  sie  aber  wieder  aufgegeben,  da  bei 
m  Fall  nach  1)4  Jahren  ein  Rezidiv  sich  entwickelte. 

In  dein  vom  Herrn  Vortragenden  untersuchten  Fall  hatte  bald  nach  der 
rwärts  vorgenommenen  Injektion  von  Paraffin  in  beide  Mammae  eine  über 


10  Jahre  sich  hinziehende  Leidenszeit  begonnen,  die  schliesslich  doch  mit  der 
anfänglich  verweigerten  beiderseitigen  Mammaamputation  endete.  Der  1  Jahr 
später  erfolgte  Tod  der  Kranken  stand  mit  der  Mammaerkrankung  nicht  im 
Zusammenhang. 

In  einem  anderen  Fall  war  von  einem  Kollegen  zur  Heilung  eines  Nabel¬ 
bruches  bei  einem  9  jährigen  Knaben  Paraffin  rings  um  die  Bruchpforte  injiziert 
worden.  Nach  7  Jahren  kam  es  infolge  Durchtrittes  des  Paraffins  in  die 
Bauchhöhle  zu  einer  fortschreitenden  eitrigen  Peritonitis,  der  der  Kranke  erlag. 

Herr  J  o  e  s  t :  Das  Vorkommen  von  Lymphogranulomatose 
ist  bei  Tieren  bis  jetzt  nicht  festgestellt. 

Herr  G  e  i  p  e  1  erwähnt  einen  ähnlichen  Fall  von  Lymphogranu¬ 
lomatose  der  Lungen  bei  einer  35  jährigen  Frau  mit  Erkrankung  der 
Hals-,  vorderen  Mediastinal-,  zervikalen  und  axillaren  Lymphdrüsen.  In  der 
Lunge  schwielig-pneutnonische  Herde,  einzelne  keilförmig  von  grünlich-grauer 
Farbe,  daneben  tuberkelähnliche  Herde  nach  Art  einer  Lymphangitis  tuber- 
culosa.  Eruption  von  Knötchen  auf  Pleura,  Verwachsung  beider  Blätter  mit¬ 
einander,  rechtsseitige  exsudative  Pleuritis,  fibrinöse  Perikarditis. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  ein  charakteristisches 
Gewebe  mit  Schwielen,  zwischen  den  einzelnen  Knoten  drüsige  Gänge 
von  rundlicher  und  spaltähnlicher  Form  wie  in  der  Beobachtung  von  Herrn 
Sch  m  o  r  1.  Die  Gänge  liegen  tangential  zu  den  Knoten,  sind  mit  hohem 
kubischen  Epithel  ausgekleidet  ähnlich  wie  bei  der  zirrhotischen  Phthise  und 
verdanken  ihre  Entstehung  der  Verlegung  der  zuführenden  Luftwege  infolge 
Einwachsens  des  granulomatösen  Gewebes  in  Alveolen  und  Bronchiolen. 
Freiliegende  Knorpelinseln  inmitten  des  Granuloms.  Die  Gänge  fehlen  zumeist 
in  der  Umgebung  der  kleineren  an  freies  Lungengewebe  stossenden  Knötchen. 
Das  elastische  Gewebe  der  Alveolen  ist  grösstenteils  zerstört,  Eindringen  der 
Granulationen  in  Gefässe,  daneben  obliterierende  Endarteriitis  und  Endo- 
phlebitis.  Verfettung  nur  am  Rande  der  Knoten,  im  Bereiche  des  erhaltenen 
Lungengewebes,  in  den  Alveolarwänden  reichliche  Fettanhäufung  von  doppel¬ 
brechendem  Fett.  Untersuchung  auf  Granula  fruchtlos  wie  zumeist.  Milz 
490  g  schwer,  Siderosis  um  die  einzelnen  Knoten.  Besprechung  der  Diffe¬ 
rentialdiagnose  gegenüber  der  Tuberkulose. 

Herr  Rudolf  Panse  hat  öfters  Parafiineinspritzungen  wegen  Sattelnase 
vorgenommen,  seit  Bekanntwerden  von  Embolien  der  A.  centralis  retinae  nur 
mit  Hartparaffin  mittels  Schraubspritze.  Er  hat  keine  Klagen  gehört  und 
sieht  den  guten  Erfolg  öfters  an  einem  Herrn,  den  er  vor  10 — 15  Jahren  ein¬ 
gespritzt  hat. 

Herr  Pässler:  Klinisch  wird  die  Granulomatose  nicht  immer  zuerst 
durch  Drüsenschwellungen  manifest,  was  für  die  Diagnose  besonders 
wichtig  ist.  Als  erstes  Zeichen  kann  z.  B.  ein  pleuritisches  Exsudat  auftreten, 
dass  sich  dann  nicht  selten  durch  besonders  reichlichen  Fibringehalt  aus¬ 
zeichnet.  Zu  erinnern  ist  auch  an  das  bei  Granulomatose  häufig  auftretende 
quälende  Hautjucken,  welches  zu  zahlreichen  Kratzeffekten  führen  und  die 
Diagnose  klären  helfen  kann.  Der  Auffassung  der  Granulomatose  widerspricht 
in  gewissem  Sinne  die  ausgesprochene  Bösartigkeit  der  Erkrankung,  die  ja  be¬ 
kanntlich  fast  immer  unaufhaltsam  zum  Tode  führt. 

Herr  Schmorl:  Schlusswort. 

Herr  F.  Schanz:  Die  physikalischen  Vorgänge  bei  der  optischen 
Sensibilisation  und  beim  Sehakt. 

In  der  M.m.W.  1921  Nr.  43  hat  Schanz  eine  neue  Theorie  des  Sehens 
aufgestellt.  Bis  jetzt  wurden  die  Zapfen  und  Stäbchen  als  die  lichtempfind¬ 
lichen  Elemente  der  Netzhaut  angesehen.  Das  kann  nicht  zutreffen.  Das 
Licht  kann  nur  da  wirksam  werden,  wo  es  absorbiert  wird.  Die  Stäbchen 
und  Zapfen  sind  nicht  imstande,  das  sichtbare  Licht  gleichmässig  zu  absor¬ 
bieren.  Absorbiert  wird  es  aber  vor  dem  Pigmentepithel  der  Netzhaut.  Wir 
sind  berechtigt,  anzunehmen,  dass  aus  diesem  Pigment,  ebenso  wie  aus  den 
zahlreichen  Pigmenten,  die  daraufhin  untersucht  worden  sind,  durch  das 
Licht  Elektronen  herausgeschleudert  werden.  Die  Zapfen  und  Stäbchen  der 
Netzhaut  sind  die  Antennen,  welche  diese  Elektronen  auffangen  und  zum 
Zentralorgan  weiterleiten.  Dem  Licht  verschiedener  Wellenlänge  entsprechen 
Elektronen  verschiedener  Geschwindigkeit. 

Wie  lässt  sich  an  der  Hand  dieser  Theorie  das  Sehen  der  Farben  er¬ 
klären?  Dem  Licht  verschiedener  Wellenlänge  entsprechen  Elektronen  ver¬ 
schiedener  Geschwindigkeit.  So  entsteht  die  Wahrnehmung  der  reinen  Farben, 
wie  wir  sie  im  Spektrum  sehen.  In  der  Natur  sehen  wir  fast  nie  reine 
Farben.  Unsere  Umwelt  erscheint  uns  in  Farbengemischen  und  es  gibt  zahl¬ 
reiche  Farbengemische,  die  unser  Auge  nicht  von  den  reinen  Spektralfarben 
zu  unterscheiden  vermag.  Das  Ohr  ist  imstande,  Tongemische  aufzulösen, 
dem  Auge  fehlt  die  Fähigkeit,  Farbengemische  zu  analysieren. 

Wenn  Farbengemische  auf  unser  Auge  wirken,  so  werden  gleichzeitig 
Elektronen  verschiedener  Geschwindigkeiten  aus  dem  Pigmentepithel  heraus¬ 
geschleudert.  Solche  Farbengemische  können  im  Zentralorgan  denselben  Ein¬ 
druck  erzeugen  wie  die  reinen  Farben,  die  von  Elektronen  einer  Ge¬ 
schwindigkeit  ausgelöst  werden.  Zur  Erklärung  dieser  Erscheinung  müssen 
wir  annehmen,  dass  die  Elektronen  auf  der  Bahn  zum  Zentralorgan  sich  in 
ihrer  Geschwindigkeit  gegenseitig  beeinflussen,  die  schnelleren  werden  die 
langsameren  beschleunigen,  die  langsameren  werden  die  schnelleren  hemmen. 
Gelangen  sie  zum  Zentralorgan,  so  werden  sie  eine  Geschwindigkeit  haben,  die 
zwischen  den  Ausgangsgeschwindigkeiten  liegt.  Sie  veranlassen  eine  Farben¬ 
wahrnehmung,  wie  sie  die  Strahlen  erzeugen,  welche  die  Elektronen  mit  der 
Geschwindigkeit,  die  jene  am  Ende  ihrer  Bahn  erreichen,  direkt  aus  dem 
Pigmentepithel  herausschleudern.  Das  Farbengemisch  und  diese  Spektral¬ 
farbe  erzeugen  entsprechend  der  Geschwindigkeit,  mit  der  die  Elektronen  auf 
das  Zentralorgan  treffen,  die  gleiche  Wahrnehmung.  Das  Auge  ist  nicht  im¬ 
stande,  die  beiden  Eindrücke  zu  unterscheiden.  Um  ein  Beispiel  herauszu- 
greif,en:  Elektronen,  die  von  Strahlen  von  X  400  uu,  und  solche,  die  von 
Strahlen  X  500  u.u  herausgeschleudert  werden,  können,  wenn  sie  das  Zentral¬ 
organ  erreichen,  eine  Geschwindigkeit  haben,  wie  sie  den  Strahlen  von 
X  450  uu  entspricht.  Das  Strahlengemisch  von  X  400  und  500  uu  erzeugt 
dann  eine  Farbenempfindung,  wie  sie  von  den  Strahlen  von  450  uu  ver¬ 
anlasst  wird  *).  Wir  besitzen  keine  Theorie,  die  auf  so  einfache  Weise  diese 
Eigentümlichkeit  der  Farbenwahrnehmung  erklärt. 

Wie  entsteht  die  Wahrnehmung  von  Weiss?  Wie  eben 
ausgeführt,  können  Strahlen  von  X  400  und  500  uu  dieselbe  Farbenwahr- 
riehmung  erzeugen  wie  die  Strahlen  von  X  450  uu ■  Mischt  man  aber  Strahlen 
von  X  400  und  600  uu,  so  wird  ein  völliger  Ausgleich  der  Geschwindig- 


')  Die  abgerundeten  Zahlen  sind  zum  leichteren  Verständnis  willkürlich 
gewählt. 


216 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr. 


keilen  der  Elektronen  auf  dem  Weg  bis  zum  Zentralorgan  nicht  erfolgen. .  Die 
Elektronen  treffen  das  Zentralorgan  noch  mit  verschiedenen  Geschwm  g 

keilen,  sie  sind  daher  nicht  imstande,  den  Eindruck. /^alf  Wdss 
färbe  zu  erzeugen  Wir  empfinden  einen  solchen  Lichteindruck  als  weiss. 
Mischen  wir  in  gleicher  Weise  Strahlen  von  /.  600  und  700  uu,  so  werden 
sich  die  Geschwindigkeiten  der  Elektronen  bis  zum  Zentralorgan  Ausgleichen 
wir  werden  wieder  den  Eindruck  einer  Spektralfarbe  haben  die  in  der 
Mitte  zwischen  den  erregenden  Lichtstrahlen  liegt.  Bei  einem  Gemisch  de.r 
Strahlen  von  \  600  und  800  UU  wird  wieder  auf  dem  Wege  bis >  zum  Ze ntral- 
organ  ein  Ausgleich  der  Geschwindigkeiten  nicht  möglich  sein.  Die  Elek 
tronen  treffen  auch  hier  mit  verschiedenen  Geschwindigkeiten  aufdasZentra1- 
organ  und  erzeugen  dort  denselben  Eindruck  wie  das  Strahlengemisch 
1  400  und  600  uu\  die  Differenzen  in  der  Geschwindigkeit  der  Elektronen 
sind  dieselben,  es  entsteht  dieselbe  Erregung,  wir  emp  inden  sie  als  wmss. 
Wenn  wir  die  Strahlen  des  gesamten  Spektrums  mischen,  so  dies®  ® 

Wahrnehmung  entstehen.  Wir  hätten  hier  die  Erklärung  für  die  Entstehung 
der  Komplementärfarben  und  die  Erklärung,  wie  durch  Mischung  der  ge¬ 
samten  Spektralfarben  die  Wahrnehmung  von  Weiss  entsteht. 

In  der  Lehre  von  der  Wahrnehmung  der  Farben  stehen  sich  zwei 
Theorien  unvermittelt  gegenüber,  die  Theorie  von  H  e  1  m  h  o  1 1  z  und  die 
von  Hering.  Von  der  Tatsache  ausgehend,  dass  jede  Farbenempundung 
auf  drei  Grundfarben  zurückgeführt  werden  kann,  wird  von  H  e  l  rah  o  l 1  z 
angenommen,  dass  drei  Nervengruppen  für  die  Qru"de.r"Pfl"durnkRpe"  ?e™h’ 

Violett  in  der  Netzhaut  vorhanden  sind,  die  ie  nach  der  Starke  ihrer  glei  h 
zeitig  auftretenden  Reizung  die  Farbenempfindung  vermitteln  Der  Nach¬ 
weis  der  verschiedenen  Nervengruppen  in  der  Netzhaut  lasst  aber  auch  heute 
noch  auf  sich  warten.  Hering  nimmt  drei  Substanzen  an,  durch  deren 
Veränderung  die  Grundemp'indungen  ausgelöst  werden  sollen,  und  zwar  soll 
beim  Aufbau  (Assimilation)  eine  Empfindung  erregt  werden,  die  zu  der  beim 
Abbau  (Dissimilation)  auftretenden  komplementär  ist.  Auch  diese  Seh¬ 
substanzen  haben  sich  bisher  nicht  feststellen  lassen.  Der  Sehpurpur  findet 
sich  nur  in  den  Stäbchen,  er  ist  nicht  identisch  mit  einer  der  Sehsubstanzen, 
wie  sie  die  Hering  sehe  Theorie  erfordert.  Neuerdings  ist  eine  Theorie 
noch  von  Koeppe  aufgestellt  worden,  sie  scheint  bereits  widerlegt.  Keine 
dieser  Theorien  vermag  eine  so  einfache  Erklärung  des  Farbensehens  zu  geben, 

wie  ich  dies  gezeigt.  ,  ,  .  ,  .... 

Zur  Stütze  seiner  Theorie  möchte  Schanz  noch  folgendes  anfuhren. 
Jetzt  fehlt  uns  eine  Erklärung  für  das  Purkinje  sehe  Phänomen.  Dieses 
besteht  darin,  dass  bei  herabgesetzter  Beleuchtung  für  unser  Auge  zuerst 
die  roten  Farben,  zuletzt  die  violetten  unsichtbar  werden.  Wenn  ein  rotes  und 
ein  blaues  Papier  bei  Tage  gleich  hell  aussehen,  so  erscheint  uns  bei  Einbruch 
der  Dämmerung  das  blaue  heller  als  das  rote.  Dieses  Phänomen  können 
wir  beobachten  an  Gemälden,  auch  da  schwinden  in  der  Dämmerung  die  roten 
Farben  zuerst,  die  blauen  bleiben  am  längsten.  Diese  Erscheinung  findet  eine 
anschauliche  Erklärung  aus  obiger  Theorie.  Die  Elektronen,  die  das  rote 
Licht  aus  dem  Pigmentepithel  herausschleudert,  haben  eine  geringere  Ge¬ 
schwindigkeit  oder,  was  dasselbe  ist.  eine  geringere  Energie  als  die  Elektronen, 
die  vom  blauen  Licht  herausgeschleudert  werden.  Bei  herabgesetzter  Be¬ 
leuchtung  vermögen  die  ersteren  keine  Erregung  mehr  auszulosen,  wahrend 
die  letzteren  noch  wirksam  werden.  , 

Bei  herabgesetzter  Beleuchtung  sehen  wir  auch,  dass  die  Netzhautimtte 
schlechter  sieht  als-ihre  Umgebung.  Man  hat  zur  Erklärung  dieses  Phänomens 
angenommen,  dass  die  Stäbchen,  die  in  der  Netzhautmitte  fehlen  und  erst 
in  der  Umgebung  der  Netzhautmitte  auftreten,  länger  erregbar  bleiben,  als 
die  Zapfen  'und  hat  darauf  die  Theorie  von  der  ..Doppelnetzhaut“  begründet, 
v.  Hess  hat  gezeigt,  dass  diese  Trennung  des  Stäbchen-  und  Zapfensehens 
nicht  mehr  aufrechtzuerhalten  ist,  dadurch,  dass  er  nachwies,  dass  bei 
der  Hemeralopie  auch  die  Zapfen  in  gleichem  Sinne  Veränderungen  erleiden, 
wie  die  Stäbchen.  Meine  Theorie  erklärt  auch  diese  Erscheinung.  In  der 
Netzhautmitte  findet  sich  in  dem  Netzhautgewebe  ein  gelbes  Pigment,  man 
bezeichnet  deshalb  die  Netzhautmitte  auch  als  gelben  Fleck.  Dieser  Farbstoff 
absorbiert  aus  dem  einfallenden  Licht  blaue  und  violette  Strahlen.  Bei  herab¬ 
gesetzter  Beleuchtung  macht  sich  dies  bemerkbar.  Es  vermögen  dann  blaue 
und  violette  Strahlen  nicht  mehr  zum  Pigmentepithel  zu  gelangen;  sie  ver¬ 
mögen  dort  keine  Elektronen  mehr  herauszuschleudern,  während  in  der  Um¬ 
gebung  des  gelben  Fleckes  ihnen  dies  noch  gelingt. 

Wie  verhält  es  sich  nun  mit  der  Farbenwahrnehmung  in  der  Netzhaut¬ 
peripherie?  Wir  wissen,  dass  sich  die  Farbenempfindlichkeit  der  Netzhaut 
nach  der  Peripherie  hin  ändert.  Wir  prüfen  häufig  die  farbigen  Gesichts¬ 
felder.  Wir  verwenden  dazu  meist  nicht  Spektralfarben,  sondern  Farben¬ 
gemische,  Pigmente.  Diese  reichen  nicht  aus,  um  uns  über  die  Farben¬ 
empfindung  der  Netzhautperipherie  ein  rechtes  Urteil  zu  geben.  Es  hält 
schwer,  Spektralfarben  mit  gleicher  und  hoher  Helligkeit  für  solche  Prü¬ 
fungen  herzustellen.  Man  hat  in  allerneuester  Zeit  wieder  an  den  Ab¬ 
grenzungen  der  farbigen  Gesichtsfelder,  wie  wir  sie  in  der  Praxis  vornehmen, 
Kritik  geübt.  Es  wäre  zu  prüfen,  ob  nicht  auch  da  die  Abgrenzung  der 
verschiedenen  Erregungen  zusammenhängt  mit  der  verschiedenen  Energie  der 
Elektronen,  die  das  Licht  aus  dem  Pigmentepithel  herausschleudert.  Das 
engste  Gesichtsfeld  hat  das  Rot,  das  grösste  das  Blau.  Wenn  vielfach  das 
Gesichtsfeld  für  Grün  als  das  engste  angegeben  wird,  so  liegt  dies  daran, 
dass  bei  den  Pigmentplättchen,  mit  denen  die  farbigen  Gesichtsfelder  aufge¬ 
nommen  werden,  die  grünen  eine  wesentlich  geringere  Helligkeit  haben  als 
die  roten.  Aubert  hat  schon  vermutet,  dass  die  Farbenperzeption  auf  der 
ganzen  Netzhaut,  wenn  auch  in  verschiedenem  Grade,  statthat,  und  Landolt 
hat  dies  experimentell  dadurch  erwiesen,  dass  er  mit  direktem  Sonnenlicht 
die  gefärbten  Papiere  belichtete,  die  er  bei  solchen  Prüfungen  angewandt. 

Bei  vielen  Menschen  sehen  wir  Störungen  des  Farbensinnes.  Bei  den 
einen  sind  dieselben  angeboren,  bei  den  anderen  entstehen  sie  im  Anschluss 
an  Erkrankungen  der  Netzhaut  und  des  Sehnerven.  Bei  den  angeborenen 
Störungen  müssten  wir  annehmen,  dass  das  Pigment  im  Pigmentepithel  nicht 
absolut  schwarz  ist,  dass  Strahlen  gewisser  Wellenlänge  von  ihm  nicht 
absorbiert  werden.  Für  die  Farbensinnstörungen,  die  im  Verlauf  von  Krank¬ 
heiten  auftreten,  müssten  wir  annehmen,  dass  auf  der  Bahn  vom  Pigment¬ 
epithel  zum  Zentralorgan  Hemmungen  in  der  Leitung  auftreten,  die  zuerst 
die  Elektronen  aufhalten,  welche  die  geringste  Energie  besitzen.  Das  scheint 
in  der  Tat  der  Fall.  Die  roten  Farben  schwinden  in  solchen  Fällen  zuerst. 

Mit  diesen  Darlegungen  glaubt  Schanz  gezeigt  zu  haben,  dass  sich 
auch  die  Vorgänge  beim  Sehen  der  Farben  ohne  jede  vitalistische  Hypothese, 
wie  sie  die  Theorien  von  H  e  1  m  h  o  1 1  z  und  Hering  zur  Voraussetzung 
haben,  auf  bekannte  Gesetze  der  Physik  zurückführen  lassen. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 


(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  5.  Dezember  1921. 
Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Grosser. 


Herr  Flesch-Thebesius:  Konservative  Behandlung  und  Regei 
rationsvorgänge  bei  der  Tuberkulose  der  Knochen  und  Gelenke. 

Die  Frankfurter  chirurgische  Universitätsklinik  steht  nicht  auf  d< 
Standpunkte  einseitiger  konservativer  Behandlung  der  chirurgischen  Tuh 
kulose,  vielmehr  wird  hier  ein  kombiniertes  Verfahren  ausgeubt,  derart,  d. 
bei  leicht  erreichbaren  isolierten  Herden,  beim  Vorliegen  schwerer  Misi 
infektion.  vorgerückten  Alters  und  zunehmender  Allgememyerschlechterii 
sowie  gelegentlich  aus  sozialer  Indikation  operiert  wird,  stets  aber  die  / 
gemeinbehandlung  im  Vordergründe  des  therapeutischen  Handelns  steht.  1 
Kindern  sind  Operationen  grundsätzlich  zu  verwerfen.  Auch  wenn  man 
Erwachsenen  aus  einem  der  angeführten  Gründe  zu  dl.eser  greifen  muss, 
stellt  die  Operation  wie  jede  lokale  Massnahme  nur  ein  Hilfsmittel  der  / 
gemeinbehandlung  dar  und  nicht  umgekehrt.  Denn  die  chirurgische  Tu 
kulose  ist  eine  Erscheinungsform  einer  Allgemeinerkrankung,  worauf  all 
schon  die  Tatsache  hinweist,  dass  nach  den  auf  der  ruberkuloseabteilung  i 
genannten  Klinik  bei  systematischer  Untersuchung  aller  Kranken  gemach 
Erfahrungen  mindestens  60  Proz.  dieser  Kranken  gleichzeitig  wahrnehmbi 

tuberkulöse  Herde  in  den  Lungen  haben.  .  ,. 

Die  an  der  chirurgischen  Klinik  geübte  Allgemeinbehandlung  entspricht 
wesentlichen  der  von  Bier  und  Kisch  in  Hohenlychen  geübten,  de 
Grundelemente  Heliotherapie,  Stauung  und  Joddarreichung  sind  Hierzu  t 
die  Voltfreiluftkur,  wobei  die  Kranken  durch  systematische  Gewohin 
dahin  gebracht  werden,  dass  sie  ohne  Entbehrungsgefühl  Tag  und  Nacht  a 
im  Winter  auf  den  Veranden  liegen.  Ein  wesentliches  Moment  _be  der  , 
gemeinbehandlung  stellt  die  Reiztherapie  im  weitesten  Sinne  dar  msbesotfd 
die  Applikation  von  Reizen  aller  Art  auf  die  Haut,  welche  als  ein  lmmi 
satorisches  Organ  anzusehen  ist,  dessen  Anregung  auf  jede  Art  verai 
werden  muss.  Mehr  wie  jede  andere  Krankheit,  welche  den  Chirurgen  ang. 
erfordert  deshalb  die  Behandlung  der  Tuberkulose  ein  Individualisieren 
es  spielt  hierbei  ein  gelÄcentlicher  Wechsel  der  verschiedenen  Arten  der 
gemeinbehandlung  eine  wichtige  Rolle.  Beispielsweise  schlagt  gelegentl  cli 
anfänglich  günstige  Wirkung  des  Sonnenlichtes  ins  Gegenteil  um,  dann  n 
die  Quarzlampe,  müssen  Solbäder,  Salzabreibungen  Tuberkulinkuren,  Ront? 
bestrahlungen.  Wärmeapplikationen,  Reize  aller  Art  heran,  welche  eine  l 
wälzung  im  Körper  hervorzurufen  geeignet  sind.  Der  Körper  langwei  t  . 
gewissermassen  häufig  bei  Applikation  eines  ständig  gleicheenrteten  Rei 
und  spricht  dann  nicht  mehr  auf  ihn  an.  Daher  die  ge  egentl.chen  Heilun 
mit  allen  möglichen  Mitteln  aus  der  Reihe  derer,  welche  nach  Wie  ti 
/wischen  dem  Sternbilde  der  Schildkröte  und  dem  der  Hohensonne  stel 
daher  die  gelegentlichen  Erfolge  mit  Hautreizen  aller  Art:  Thermokau 
Ignipunktur,  Baunscheidtismus  u.  dergl.,  auch  das  P  e  t  r  u  s  c  h  k  y  sehe 
das  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Verfahren  gehören  möglicherweise  hierher  Ei 
wichtigen  Indikator  dafür,  ob  man  mit  der  Art  der  Behandlung  auf  dem  r 
tigen  Wege  ist  oder  ob  es  Zeit  hat,  einen  Wechsel  eintreten  zu  Essen, 
die  Kontrolle  des  Körpergewichtes  sowie  gelegentlich  die  W  e  i  s  s  s 

Urobilinogenreaktion  des  Harns.  , 

Hinsichtlich  der  künstlichen  Lichtquellen  muss  anerkannt  werden,  < 
sich  sowohl  mit  Röntgenstrahlen  als  auch  mit  kurz-  oder  auch  langwelli 
Strahlen  Erfolge  erzielen  lassen,  so  dass  sich  unwillkürlich  der  Gedanke 
drängt,  ob  nicht  eine  gemeinsame  Ursache  diesen  Erfolgen  zugrunde  hegt 
Der  Gipsverband  ist  bei  den  stationären  Kranken  der  funktionellen  Behänd! 
gewichen,  bei  den  ambulanten  mit  Erkrankungen  der  Wirbelsäule  oder 
Hüft-  Knie-  und  Fussgelenkes  kommt  man  nicht  ohne  ihn  aus. 

Vortragender  demonstriert  anschliessend  an  einer  grösseren  Reihe  I 
Lichtbildern  die  mittels  des  geschilderten  Verfahrens  zu  erzielenden  Erf 
und  Regenerationsvorgänge,  welche  grosse  tuberkulöse  Herde  zum 
schwinden  und  Sequester  zur  Resorption  bringen. 

Herr  C  u  n  o:  Bronchialdriisentuberkulose  der  Kinder  und  ihre  Behänd 

(speziell  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Kutanimpfune).  .  .  . 

Der  Schwerpunkt  des  Kampfes  gegen  die  Tuberkulose  liegt  in  der 
kämpfung  der  Kindertuberkulose,  deren  Ursache  die  kranke  Umgebung  (Die 
personal)  ist.  Ihr  Anfang  ist  die  Erkrankung  der  regionären  Drusen,  beson* 
der  Bronchialdrüsen.  In  der  Anamnese  ist  auf  abendliches  Fieber  ohne  sj 
nachweisbare  Ursache  zu  achten.  Die  Bedeutung  der  mit  den  Kewohnluj 
Untersuchungsmethoden  gewonnenen  Resultate  tritt  zurück  gegen  das  Pont 
bild  und  die  immunbiologischen  Untersuchungsresultate  (Pirquet 
E  s  c  h  e  r  i  c  h  sehe  Stichreaktion).  , 

Die  Aussichten  der  Kindertuberkulose  sind  nur  bei  Milhartuberku 
Meningitis  und  käsiger  Pneumonie  ungünstig.  , 

Ihre  Heilung  wird  herbeigeführt  durch  möglichste  Steigerung  der  Abw 
kräfte  des  Körpers  (Mast-  und  Liegekuren,  Sonnenbäder,  Freiluftbehanai 
Höhensonne,  Solbäder),  daneben  spezifische  Behandlung. 

Seit  1912  hat  Vortragender  Tuberkulosekuren  nach  Petrusen 
Devcke-Much  sehe  Partieene  (MTbcR.)  und  seit  Januar  1921  die  Po 
d  o  r  f  sehe  Tuberkulinkutanimpfung  angewandt.  Bei  all  diesen  spezitis 
Kuren  wurden  neben  guten  Resultaten  auch  Versager  beobachtet,  trotz  n, 
monatiger  Behandlung  schliesslich  Tod  durch  Meningitis. 

Das  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Impfverfahren  wird  näher  geschildert  und 
Ergebnisse  der  Zusammenkunft  der  nach  Po  n  n  do  rf  behandelnden  Aerz, 
Weimar  November  1921  besprochen.  . ... 

Für  die  Impfung  eignen  sich  besonders:  Tuberkulose  der  Hilusdiuseni 
ginnende  Spitzenkatarrhe,  schrumpfende  Lungenprozesse  (nicht  prolifenere 
Haut-,  Drüsen-,  Weichteil-  und  Knochentuberkulose  (besonders  solche 
Fisteln),  Lupus  ulcerosus,  skrofulöse  Erkrankungen  der  Lider.  Konjunk 

Utld  AudTbei  Mischinfektionen  wird  das  Verfahren  angewandt.  Ausgezeic! 
Erfolge  bei  Erysipel,  günstige  Beeinflussung  von  akutem  und  chroms 
Gelenkrheumatismus  und  Arthritis  deformans.  v  . 

Wechselnde  Erfolge  bei  Asthma  bronchiale,  glänzende  Einwirkung  au 
Allgemeinbefinden  bei  Basedow.  , .  , 

Schädigungen  durch  die  Impfung  wurden  nur  in  sehr  kleiner  Zam 

achtet 

Bei  der  Impfung  ist  der  Hauptwert  auf  gründliche  Einreibung  des 
Stoffes  in  die  skarifizierte  Haut  zu  legen.  Die  Impffelder  sind  stets  zu  wec 
Keine  neuen  Impffelder  anlegen,  bevor  die  Reizung  der  früheren  abge 


IXCIIIC  1ICUCII  llliRlltlU&l  tuuvfevn,  °  * 

ist!  Kranke  mit  stark  positivem  Pirquet  sind  zuerst  mit  verdünntem  ltnr 
( i  vii  itnnfpn  An  Hps  früher  angewandten  Alttuberkulin  wira 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


217 


i  reiner  Tuberkulose  Ponndorf-Hautimpfstoff  A,  bei  Mischinfektionen  Penn- 
! f-Hautimpfstoff  B  verwendet  (Sächsisches  Serumwerk'). 


. 

Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  1.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Kaufmann.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  R  i  e  c  k  e  demonstriert  eine  25  jährige  Haustochter  mit  Syphilis 

ijx. 

Starke  Abmagerung  (80  Pfund),  Anämie;  WaR.  H — 1 — I — t~;  Nephritis.  An 
Haut  des  Gesichtes,  Stammes  und  der  Extremitäten  ein  reichliches 
inthem,  bestehend  aus  aggregierten  grosspapulären  Infiltraten,  tubero- 
ulären  und  serpiginösen  Herden,  ausgeprägten  Rupiaformen,  nieren- 
nigen  Ulzerationen,  Psoriasis  specifica  palmaris  et  plantaris. 

Herr  H.  Meyer:  Zur  Klinik  der  Duodenalstenose. 

Die  Symptome  dieses  in  der  deutschen  Literatur  wenig  beachteten,  in 
ausländischen  Literatur  jedoch  häufig  beschriebenen  Krankheitsbildes 
;en  sich  vorwiegend  vor  dem  Röntgenschirm:  Pylorusinkontinenz,  Dauer- 
lang  des  Duodenums,  peristaltische  Kontraktion,  Antiperistaltik  ohne  jeden 
:kt,  Residuum  nach  6  Stunden,  je  nach  Schwere  des  Krankheitsbildes.  Die 
chwerden  sind  dementsprechend:  krampfartige  Schmerzen  kurz  nach  dem 
en,  Abmagerung,  Erbrechen,  häufiges  Aufstossen.  An  Hand  zweier  Beob- 
tungen  in  der  chirurgischen  Klinik  wird  auf  die  Aetiologie  dieses  Krank- 
sbildes  näher  eingegangen.  Beide  Fälle  sind  laparotomiert.  Eine  Ursache  | 
die  Stenosierung  des  Duodenums  in  der  Höhe  der  Flexura  duodeno-  j 
nalis  liess  sich  nicht  finden.  Da  Lagewechsel  (Knie-Ellenbogenlage,  Bauch- 
3,  rechte  Seitenlage)  die  Beschwerden  erheblich  besserte,  musste  ein 
i /egliches  Hindernis  in  Höhe  der  Flexura  duodenojejunalis  angenommen  * 
|rden,  das  auf  Grund  der  Beobachtungen  beim  arteriomesenterialen 
adenalverschluss  vom  Vortragenden  in  der  Radix  mesenterii  und  in  der 
eria  mes.  sup.  gesucht  wird.  Konservative  Behandlung  führt  selten  zum 
I.  Die  Methode  der  Wahl  ist  die  Anastomosierung  zwischen  oberem 
inum  und  unterem  Duodenum  (Duodenojejunostomie). 

Herr  v.  Gaza  demonstriert  ein  junges  Mädchen  mit  schwerer  Wund- 
htherie  in  einer  anfangs  aseptisch  geheilten  Operationswunde. 

Die  Operation  war  vor  über  2  Monaten  vorgenommen  worden.  Es  hatte 
i  um  Varizen  (angiomatösen  Charakters)  gehandelt,  deren  Entfernung  einen 
gedehnten  Längsschnitt  am  Ober-  und  Unterschenkel  des  linken  Beines 
jrderlich  gemacht  hatte.  Die  Wundheilung  schien  in  den  ersten  zwei 
chen  ganz  ungestört  zu  verlaufen.  Dann  kam  es  zu  Hämatombildung  unter 
Haut.  Ganz  allmählich  entwickelten  sich  sodann  Ulzera  im  Verlauf  der 
be,  so  dass  diese  jetzt  in  fast  ganzer  Ausdehnung  von  etwa  50  cm  Länge 
:in  tiefes,  bis  zu  7  cm  breites  Geschwür  verwandelt  ist.  Der  Wundgrund 
:et  ausserordentlich  leicht,  so  dass  die  sonst  in  ihrem  Allgemeinbefinden 
wenig  beeinträchtigte  Kranke  anämisch  wurde.  Gesunde  Granulationen 
lt  man  nirgends.  Das  Wundsekret  ist  schmierig-blutig,  der  Wundrand 
t  scharf  ab,  ist  ohne  jede  Spur  von  Epithelneubildung.  Die  Haut  am 
ndrand  sieht  livide  verfärbt  aus,  ist  aber  nur  wenig  geschwollen.  Das 
sse  Ulcus  blutet  bei  jedem  Verbandwechsel  so  stark,  dass  nur  Salben¬ 
bände  in  Frage  kommen.  Jede  Behandlung  mit  den  allerverschiedensten 
teln  hat  bisher  bei  der  Kranken  versagt.  Es  soll  der  Versuch  gemacht 
rden,  mit  der  künstlichen  Höhensonne  und  event.  mit  sehr  grossen  Dosen 
htherieantitoxin  den  fortschreitenden  ulzerösen  Zerfall  aufzuhalten. 

Nach  dem  ganzen  Verlauf  dürfte  es  sich  um  eine  Frühinfektion  der  an 
für  sich  aseptischen  Operationswunde  gehandelt  haben.  Es  ist  allerdings 
ht  von  der  Hand  zu  weisen,  dass  eine  Superinfektion  der  Hämatome 
Irrend  der  ambulanten  Behandlung  stattgefunden  hatte.  Als  die  Kranke 
:deraufgenommen  wurde,  bestand  sofort  der  Verdacht  auf  Diphtherie- 
■ktion.  Der  bakteriologische  Nachweis  gelang  bei  der  zweiten  Unter- 
hung. 

Aussprache:  Herr  F.  Göppert:  Das  Versagen  der  Serumtherapie 
ganzen  Gruppen  von  diphtherischen  Prozessen  ist  eine  der  peinlichsten 
ahrungen  der  letzten  Jahrzehnte.  Es  steht  sicher  fest,  dass  das  Diphtherie¬ 
in  das  wesentlichste  Mittel  ist,  durch  das  der  Diphtheriebazillus  den 

■per  schädigt.  Es  steht  ebenso  fest,  dass  das  Antitoxin  das  Gift  un- 

ädlich  macht.  Die  Dosis  Antitoxin,  die  wir  zuführen,  müsste  zur  Gift¬ 
dung  genügen.  So  könnte  es  nur  ein  Zuspätkommen  geben,  aber  ein  Fort¬ 
reiten  der  Krankheit  müsste  unmöglich  gemacht  werden.  Denkbar  ist, 

s  bei  gestörter  Zirkulation  in  die  Nähe  der  fortschreitenden  Erkrankung 
ht  genügend  Gegengift  herangebracht  wird.  Das  könnte  z.  B.  bei  der 
iemdiphtherie  des  Pharynx  gelten,  schwerlich  aber  bei  einer  leicht 

tenden  Wunddiphtherie.  Eine  Aufklärung  könnte  sich  aus  der  Beob- 
tung  von  Behring  ergeben,  dass  bei  verschiedenen  Tierarten,  be- 
drfrs  bei  Makaken,  eni  Vielfaches  an  Antitoxineinheiten,  als  der  Gifteinheit 
sprechen  würde,  notwendig  ist,  um  für  diese  Tiere  Toxin  zu  entgiften, 
re  das  beim  Menschen  der  Fall,  so  müsste  an  der  Stelle  des  Giftes  immer 
sehr  grosser  Ueberschuss  von  Antitoxineinheiten  vorhanden  sein.  Wir 
ften  dann  die  notwendige  Menge  Antiserum  nicht  nach  ihrem  absoluten 
giftenden  Wert  schätzen,  sondern  nach  der  Konzentration,  die  das  Gegen- 
an  jeder  einzelnen  Stelle  des  Körpers  erlangen  muss.  Nun  hat  sich  als 
ksame  Dose  bei  Nasendiphtherie  und  diphtherischer  Nabelgangrän 
■4000  Antitoxineinheiten  herausgestellt,  also  etwa  1000  Antitoxineinheiten 
Kilogramm  -Körpergewicht.  Das  würde  also  für  den  Erwachsenen 
-60  000  Antitoxineinheiten  bedeuten.  Nach  den  Versuchen  an  der  mensch- 
ipn.  Haut  scheint  es  fast,  als  ob  diese  sich  mehr  wie  beim  Meerschweinchen 
wie  beim  Affen  verhielte.  Ueber  das  Verhalten  der  anderen  Gewebe  und 
Blutes  wissen  wir  jedoch  nichts.  Ausserdem  wäre  es  durchaus  möglich, 

,s  unter  gewissen  Krankheitszuständen  oder  Sensibilisierung  des  Körpers  sich 
zelne  Menschen  anders  verhalten  und  dass  bei  diesen  daher  die  üblichen 
umdosen  nicht  dazu  ausreichen,  um  an  jeder  Stelle  und  dauernd  das  Gift 
Beschlag  zu  belegen.  So  wäre  schliesslich  nicht  ausgeschlossen,  dass  bei 
zelnen  Menschen  das  Ziel  mit  unseren  heutigen  Mitteln  überhaupt  nicht 
erreichen  ist. 

Herr  Ehrenbere:  Ueber  Harneisen  und  Nierenfunktion.  (Erscheint 
Pflügers  Archiv  Bd.  193.) 

« - 


Aerztlicher  Verein  in  Hamburg 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  31.  Januar  1922. 

Herr  E  n  e  e  1  m  a  n  n  zeigt  2  Oesophagusfremdkörper.  Er  betont  gegen¬ 
über  gegenteiligen  Angaben,  dass  Gebisse  und  Knochenstücke  bei  genügender 
Abblendung  sehr  wohl  auf  dem  Röntgenschirm  sichtbar  werden  und  empfiehlt 
Extraktion  vor  dem  Schirm,  widerrät  dagegen  Anwendung  der  Sonde. 

Herr  Fahr  demonstriert  einen  weiteren  Fall  von  Nebennierenrinden¬ 
atrophie  bei  Morb.  Addison.  Klinisch  war  trotz  deutlicher  Hautpigment¬ 
mehrung  die  Diagnose  nicht  gestellt  worden,  weil  der  Blutdruck  zwischen 
100  und  120  war  (was  auch  in  anderen  Fällen  beobachtet  wurde).  Histologisch 
erwies  sich  das  Nebennierenmark  als  normal,  die  Rinde  wies  nur  sehr  ge¬ 
ringe  Mengen  —  z.  T.  Chromreaktion  gebender  —  Epithelien  auf,  bestand 
sonst  nur  aus  reichlichen  Zellinfiltraten,  unter  denen  viele  Plasmazellen.  Der 
Fall  spricht  aufs  neue  gegen  die  ausschlaggebende  Bedeutung  mangelnder 
Adrenalinproduktion  für  die  Addisonerscheinungen.  Auch  der  einfache  Weg¬ 
fall  eines  Hormons  kann  nicht  in  Frage  kommen  wegen  Versagens  der  Sub¬ 
stitutionstherapie.  F.  denkt  deshalb  an  toxische  Wirkung  der 
Hormonmuttersubstanzen. 

Herr  Schott  in  üller  zeigt  in  Kurven  und  Röntgenbildern  8  Fälle 
von  Lungenabszess,  die  er  unter  106  G  r  i  p  p.e  f  ä  1 1  e  n  der  letzten  Epidemie 
beobachtet  hat.  Sje  zeichneten  sich  alle  durch  Benignität  aus,  indem 
sie  ausnahmslos  ohne  Operation  heilten.  Da  im  Sputum  ausschliesslich 
Pneumokokken  gefunden  wurden,  diese  aber  keine  Tendenz  haben,  Lungen¬ 
abszesse  zu  erzeugen,  so  denkt  Vortr.  an  die  Wirkung  des  seines  Erachtens 
noch  unbekannten  Grippevirus  selbst. 

Herr  E.  Fraenkel  berichtet  über  eine  sehr  seltene  Komplikation 
eines  Narbenkarbunkels  mit  Staphylokokkämie.  Nach  Abheilung  desselben 
traten  spinale  Erscheinungen  auf,  Paresen  in  allen  4  Extremitäten  links  und 
rechts,  Unbeweglichkeit  der  rechten  Zwerchfellhälfte.  Nur  Rückenmarks¬ 
sektion.  Diese  Sektion  ergab  einen  spondylitischen  Prozess  in 
einem  Halswirbel,  der  zu  einer  schweren  entzündlichen  Infil¬ 
tration  der  benachbarten  Dura  geführt  hatte.  Die  dadurch  bedingte  Ver¬ 
dickung  der  Paohymeninx  mit  Vorwölbung  in  den  Wirbelkanal  hatte  eine  tiefe 
Impression  im  Rückenmark  herbeigeführt.  Die  Paresen  erklären 
sich  durch  Pyramidenbahnläsion,  die  Zwerchfellähmung  durch  Schädigung  der 
Zervikalwurzeln  3 — 5.  Vortr.  zeigt  darauf  Bilder  von  Spondylitis  infectiosa 
mit  extraduraler  Eiterung,  von  Spondylitis  tuberculosa,  von  traumatischer 
Rückenmarkskompre^ion,  ferner  histologische  Bilder  miliarer  Osteo¬ 
myelitiden  bei  Staphylokokkämie  sowie  von  „Spondylitis  typhosa“. 

Herr  Alsberg  berichtet  über  einen  Fall  von  Myosarkom  des  oberen 
Jejunums.  Ausserdem  bestand  ein  vernarbtes  Ulcus  duodeni.  Die  klinischen 
und  röntgenologischen  Symptome  hatten  eindeutig  für  ein  Ulcus  duodeni  ge¬ 
sprochen.  Epikritisch  war  ein  Teil  der  Symptome  (z.  B.  die  Blutung)  auf 
den  Tumor,  ein  anderer  auf  die  Ulcusnarbe  zu  beziehen.  Diese  Myosarkome 
des  Dünndarms  sind  extrem  selten. 

Herr  Bonne:  Kann  unser  deutsches  Volk  sieb  aus  dem  Boden  unseres 
Vaterlandes  selbst  ernähren? 

In  eingehenden  Ausführungen  weist  Vortr.  nach,  dass  in  Deutschland 
Grund  und  Boden  völlig  ausreichen,  um  die  ca.  6  Millionen  in  Städten 
wohnenden  Familien  in  deren  Umgebung  auf  dem  Lande  anzusiedeln.  Diese 
Ländereien  können  für  die  ganze  Bevölkerung  genügende  Nahrungs¬ 
mengen  hersteilen,  wenn  1.  neben  dem  uns  unbegrenzt  zur  Verfügung 
stehenden  Kali  und  Stickstoff  die  städtischen  Fäkalien  systematisch 
zur  Düngung  herangezogen  werden,  statt  die  Flüsse  zu  verpesten,  2.  die 
unwirtschaftlich  arbeitenden  Grossbesitzt  aufgeteilt  werden, 
3.  nicht  kostbares  Land  für  die  Erzeugung  alkoholischer  Getränke 
(heute  1  800  000  Hektar  Land),  von  Tabak  und  von  Ausfuhrzucker  ver¬ 
schwendet  wird. 

Besprechung:  Herr  Kestner:  Brot  wird  in  der  Tat  zweck¬ 
mässiger  vom  Grossbesitz  angebaut.  Aber  die  modernen  physiologischen 
Erkenntnisse  zeigen,  dass  dem  Brot  nicht  die  Bedeutung  zukommt  für  unsere 
Ernährung,  die  man  früher  annahm;  viel  wichtiger  sind  Fleisch  mit  seinem 
hochwertigen  Eiweiss,  Milch,  Gemüse  und  Obst  mit  ihren  Vitaminen.  Diese 
aber  sind  rationeller  in  Kleinbetrieb  zu  erzeugen. 

F.  W  o  h  1  w  i  11  -  Hamburg. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  6.  Oktober  1921  (nachträglich). 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  Jungblut  h. 

Vor  der  Tagesordnung. 

Herr  D  r  e  y  e  r  stellt  ein  2/4  jähriges  Mädchen  vor,  das  seit  2  Monaten 
an  Psoriasis  vulgaris  leidet.  Handflächengrosse  infiltrierte  Plaques  finden 
sich  auf  dem  Kopf  und  auf  der  rechten  Schulter.  In  der  Umgebung  des 
letzteren  hanfkorngrosse  Papeln  und  deutliche  kleine  Pusteln  von  Linsen¬ 
grösse  in  korymbiformer  Anordnung.  Seitlich  an  der  Brustwand  bohnengrosse 
psoriatische  Papeln  mit  mörtelartiger  Schuppung.  Auf  beiden  Wangenschleim¬ 
häuten,  namentlich  links,  flohstichartige,  erbsengrosse,  leicht  erhabene  Rö¬ 
tungen  mit  zentraler,  dunklerer  Färbung.  Die  Samberger  sehe  Theorie 
von  der  angeborenen  parakeratotischen  Diathese  der  Haut  bei  Psoriasis 
vulgaris  steht  mit  den  Befunden  nicht  im  Einklang.  Fälle  wie  der  vorge¬ 
stellte  mit  seiner  Schleimhauterkrankung,  der  korymbiformen  Anordnung  und 
der  Steigerung  des  Prozesses  bis  zur  Pustelbildung  weisen  auf  ein  infektiöses 
Agens  hin. 

Herr  K  r  o  h  zeigt  einen  Fall  von  schwerer  Bauchkontusion,  die  eine 
Pankreasdurchtrennung  zur  Folge  hatte  und 

Herr  Cahen  I  einen  Fall  von  Aneurysma  arterio-venosum  des  rechten 
Oberarmes. 

Tagesordnung. 

Herr  Tilmann  I:  Ueber  epileptische  und  ähnliche  Hirnerscheinungen 
nach  Schädelverletzungen  und  ihre  Heilungsmöglichkeiten  durch  Operation. 

Anderweitig  erschienen. 

Diskussion:  Herren  Hering  und  Huysmans. 

Herr  Rubensohn:  Ueber  einen  Fall  von  gummöser  Ostitis  des 
Schultergelenks.  (B.kl.W.  1921  Nr.  44.) 


218 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  1.  Dezember  1921. 


Herr  Hans  Ulcncke:  Demonstration  von  familiärem,  angeborenem  De¬ 
fekt  beider  Schlüsselbeine.  .  ,  . .  , 

Bei  Mutter  und  2  Kindern,  lljähr.  Mädchen  und  9jahr.  Knaben,  fehlen 
beide  Schlüsselbeine.  Ebenso  bei  dem  Vater  der  Mutter.  Das  dritte  Kind 
normal  Ausserdem  bei  der  Mutter  und  den  betreffenden  Kindern  Verknoclie- 
rungslücken  im  Schädeldach:  bei  der  Mutter  sehr  tiefe  und  breite  Sagittalnaht. 
bei  den  Kindern  ist  die  grosse  Fontanelle  noch  fünfmarkstückgross,  rlirn- 
pulsation  deutlich  fühlbar.  Bei  dem  Knaben  dazu  doppelseitige  Coxa  vara. 
Belegung  der  Befunde  durch  Röntgenbilder.  Besprechung  der  einschlägigen 

Literatur.  ,  ,  . 

Herr  Völsch:  Bericht  über  den  Stand  der  Vererbungslehre. 

Für  ein  kurzes  Referat  nicht  geeignet.  .  _  .  , 

Herr  Konrad  Kayser:  Demonstration  eines  Uterus  mit  Gasbrand. 

Im  Hinweis  auf  '  die  Demonstration  des  Herrn  Bauereisen  vom 
17.  XI.  ds.  zeigt  K.  den  Uterus  einer  38  jähr.  Graviden:  Krimineller  Abort. 
Peritonitis,  Exitus  ohne  Operation.  Sektion:  Uterus  am  Fundus  perforiert, 
um  die  Perforationsstelle  Gasbrand,  im  Ausstrichpräparat  F  r  ä  n  k  e  1  sehe 
Bazillen.  Im  Eiter  der  Bauchhöhle  Streptokokken. 

Aussprache:  Herr  Kluge  weist  auf  die  ausserordentlich  starke 
Zunahme  der  kriminellen  Aborte  im  Kreise  Wolmirstedt  hin  und  appelliert  an 
die  Aufmerksamkeit  der  Aerzteschaft.  um  die  strafrechtliche  Erfassung  ge¬ 
werbsmässiger  Abtreiber  zu  fördern. 


Sitzung  vom  15.  Dezember  1921. 

Herr  Habs  demonstriert  einen  Fall  von  Zahnkeimzyste  bei  Mutter  und 
Tochter  am  linken  oberen  Eckzahn.  Der  Zahn  fehlt  bei  beiden  in  der  Zahn¬ 
reihe  und  lag  am  Boden  einer  grossen  Zyste,  die  in  die  Highmorshohle 
hineinragte.  Er  wurde  operativ  entfernt. 

Herr  Hammesfahr:  Demonstrationen. 

1.  Tibiadefekt  von  etwa  Handbreite  durch  Schussverletzung;  am  oberen 

und  unteren  Stumpf  osteomyelitische  Veränderungen.  Erste  Operation:  An¬ 
frischung  des  oberen  Stumpfes  und  Implantation  des  oberen  Fibulaendes, 
glatte  Einheilung.  Zweite  Operation:  Anfrischung  des  unteren  Tibiastumpfes, 
Implantation  des  unteren  Fibulaendes,  glatte  Einheilung.  Fibulaschaft  jetzt 
an  Stelle  des  Tibiaschaftes.  Beleg  durch  Röntgenbilder.  Gehfähigkeit  mit 
Schienenhülsenapparat  jetzt  gut.  •  , 

2.  Verschiedene  Kopfschussverletzungen  mit  Späterscheinungen  (vor- 
wiegend  epileptoide  Zustände).  Operative  Besserung.  H.  tritt  für  zweizeitige 
Operation  ein,  in  der  1.  Sitzung  Entfernung  des  drückenden  Fremdkörpers 
(Knochenstück,  Projektil  oder  Zyste).  In  der  2.  Sitzung  Fettimplantation. 

In  der  Aussprache  rät  Herr  Habs  unbedingt  zu  einzeitigem  Vor¬ 
gehen  bei  allen  Schädeloperationen. 

3.  Herr  H.  zeigt  ferner  3  Fälle  von  Paranephritis  fibrosclerotica,  die 
sämtlich  operativ  geheilt  sind.  Einer  schon  6  Tage  nach  der  Operation 

arbeitsfähig.  .  r  ..  . 

4.  Demonstrationen  verschiedener  operativ  entfernter  Nieren-,  Ureter- 
und  Blasensteine.  Bei  einem  Blaseiistein  ist  bemerkenswert,  dass  der 
innerste  Kern  aus  Paraffin  bestand,  der  Pat.  hatte  zwecks  Masturbation 
Parafiinstäbchen  in  die  Harnröhre  eingeführt.  Einer  davon  war  in  die  Blase 
gerutscht  und  hatte  zur  Steinbildung  geführt. 

Herr  P  e  n  k  e  r  t  bespricht  einige  Fehldiagnosen. 

1.  34  jähr.  Mädchen,  Verdacht  auf  doppelseitige  Pyosalpinx.  Operation: 
Links  dreifaches  De  r’m  o  i  d  im  Ovarium,  rechts  zweifaches  Dermoid. 

2.  47  jähr.  Frau:  Eingeklemmter,  vergrösserter,  harter  Uterus  im  Douglas. 
Verdacht  auf  Myom.  Operation:  Uterus  im  Douglas  fixiert,  Gra¬ 
vidität  von  8  Wochen. 

Hinweis  auf  den  jetzt  gehäuften  Gebrauch  von  antikonzeptionellen  Mitteln: 
Ballonspritze  und  Sterilette.  Warnung  vor  ihren  Gefahren. 

Herr  Hans  B  1  e  n  c  k  e:  Demonstration  eines  Falles  von  angeborener 
doppelseitiger  Patella  bipartita  mit  Hinweis  auf  die  Wichtigkeit  der  Unter¬ 
scheidung  gegenüber  der  traumatischen.  Beleg  durch  Röntgenbilder. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz 

zusammen  mit  der 

Rheinischen-Naturforschenden  Gesellschaft  Mainz. 

Sitzungen  vom  6.  und  13.  Dezember  1921. 


Herr  Gg.  B.  G  ruber:  Ueber  Missbildungen. 

Der  durch  eine  grosse  Lichtbilderreihe  belebte  Vortrag  behandelte  die 
Morphologie  und  Genese,  die  experimentelle  Erforschung  und  die  Erklärungs¬ 
versuche  der  Missbildungen,  sowie  die  Rollte,  welche  die  Betrachtung  und 
Einführung  von  Missbildungen  und  der  damit  verknüpfte  Aberglauben  in 
anderen  als  ärztlichen  Kulturkreisen  gespielt  hat  und  noch  spielt. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzungen  vom  6.  und  13.  Dezember  1921. 

Herr  Hugo  Müller:  Krankenvorstellungen  aus  dem  Gebiet  der  Dermato¬ 
logie  und  Venerologie. 

2  Fälle  von  Dermatitis  herpetiformis. 

Neurorezidiv  im  Gebiet  des  Fazialis  und  Kochlearis,  sowie  aller  Augen¬ 
muskeln  und  des  Lingualis.  Zugleich  Bulbärerscheinungen  bei  einer  Hoch¬ 
graviden  nach  Unterbrechung  einer  begonnenen  Salvarsankur  (3  mall  4  In¬ 
jektionen  von  Neosalvarsan,  welche  auswärts  verabreicht  waren).  Heilung 
durch  einschleichende  Kur  mit  Cyarsal-Neosalvarsan. 

Ein  weiterer  Fall  von  Neurorezidiv  mit  Meningismus  und  Kopfschmerz, 
Exanthem  nach  Jod-  und  Quecksilbermedikation.  Heilung  auf  reine  Salvar- 
sanbehandlung. 

2  Fälle  sehr  grosser  spitzer  Kondylome:  der  eine  geheilt,  der  andere 
in  Heilung  durch  mehrmalige  Röntgenbestrahlung  (20  X  mit  3  mm  Aluminium). 


Hai! 


Herr  Hugo-  Müller  und  Herr  Fries:  Beziehungen  zwischen 
erkrankungen  und  Röntgendiagnostik  innerer  Erkrankungen. 

Demonstration  zahlreicher  auf  I  uberkulose  bezüglicher  Rontgenplatt 
der  Thoraxorgane,  darunter  ein  Fall  von  Hodgkin  schei  Krankheit,  le 
gestellt  an  Hand  eines  als  Einzelsymptom  auftretenden  Pruritus,  des  Röntge 
bildes  (Mediastinaldriiscn)  und  des  angeblich  spezifischen  Blutbildes  Ulyp< 

leukozytose).  ,  .... 

Herr  Gg.  B.  üruber:  Vorweisung  seltener  Missbildungen. 

1.  Neugeborenes  mit  tiefer  Spaltung  des  Vorfusses  beiderseits  und  F 
duktion  der  Zehen,  mit  verstümmelter  Hepta-Daktylie  an  beiden  Händen.  1 

klärung:  Vermut'iich  intrauterin  erworbene,  nicht  ererbte  Formerscheinu 
durch  äussere  Beeinträchtigung  und  Superregeneration  an  den  Händen 

2.  Steissteratom  bei  einem  dem  äusseren  Anblick  nach  weiblichen  Fri 
geborenen.  Präparation  vom  sagittalen  Medianschnitt  aus  ergibt,  dass  i 
raumbeengende  ,, Tumor“  die  Entwicklung  der  äusseren  Genitalien  stän 
behindert  hat,  dass  es  sich  um  einen  m  ask  ulinen  Pseuoherm 
nhmditus  externus  handelt. 


Sitzung  vom  3.  Januar  1922. 

Herr  Aronstein:  Physikalische  und  biologische  Grundlagen  < 
Röntgenstrahlentherapie. 

Auf  Grund  des  Wissens  über  das  Wesen  der  Röntgenstrahlen  und  ( 
Erscheinungen  des  kontinuierlichen  und  diskontinuierlichen  Spektrums  s 
der  Vortragende  kurze  Definitionen  von  Intensität,  Qualität,  Homogenität  u 
Dosis  der  Röntgenstrahlen.  Nach  Besprechung  der  verschiedenen  Dosierun 
methoden  beschäftigte  er  sich  mit  ihren  Fehlerquellen.  Er  vertrat  den  Stai 
punkt,  dass  die  iontometrischen  Methoden  am  einwandfreiesten  der  Messt 
des  Röntgentherapeuten  dienen,  dass  aber  wohl  die  Zukunft  ein  anderes  Me 
verfahren,  nämlich  das  spektrographische  in  den  Vordergrund  stellen  wer 
sobald  es  gelinge,  aus  dem  Spektrogramm  und  den  Betriebsbedingungen  < 
mittleren  Abschwächungskoeffizienten  eines  Strahlengemisches  zu  errechn 
In  der  Filterfrage  ist  es  gewiss  bedeutungsvoll,  durch  Uebcrdeckungsschich 
die  verlorengegangenen  Streustrahlcn  wieder  zu  gewinnen.  Es  muss  sei: 
Ansicht  nach  gelingen,  durch  eine  genügend  dicke  Ueberdeckungsschicht  \ 
5—8  cm  Paraffin  gleichzeitig  weiche  Strahlen  abzufangen  und  den  Faktor  < 
Streustrnhlung  auszunützen.  Damit  lasse  sich  die  Bestrahliungszeit  v 
kürzen.  Im  biologischen  Teil  des  Vortrags  wurde  über  Erythem,  Sensib 
tätskoeffizient,  biologische  Dosis,  Art,  Wirkung  und  Indikation  der  Rön,tg 
Strahlentherapie  bei  Tumoren,  Tuberkulose  und  Hauterkrankungen  Ge¬ 
handelt;  daran  schloss  sich  eine  längere  Aussprache  der  Herren  Hi 
Müller,  Q  r  u  b  e  r,  C  o  1 1  i  s  c  h  o  n,  Frank,  E  i  s  e  1  und  Klein,  j 


Vereinigung  der  Münchener  Fachärzte  für  innere  Mediz 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  13.  Juli  1921. 

Vorsitzender:  Herr  R.  v.  Hoesslin.  Schriftführer:  Herr  Handwer 

Aussprache  über  Tuberkulintherapie. 

Herr  v„  Romberg:  Als  Mittel  zur  Herbeiführung  allgemeiner  oder  i 
lieber  Immunität  können  das  Tuberkulin  und  seine  verschiedenen  Forn 
nicht  mehr  angesehen  werden.  Es  ist  bei  geeigneter  Dosierung  ein|  spezifisc 
Mittel  zur  Steigerung  der  örtlichen  Heilungsvorgänge,  zur  erwünschten 
einflussung  des“  Gesamtbefindens,  aber  im  allgemeinen  nur  bei  Kranken 
deutlichen  Heilungsvorgängen,  bei  Lungentuberkulose  also  mit  zweife 
vorwiegenden  zirrhotischen  Prozessen,  weiter  bei  allgemeiner  Uet 
empfindlichkeit  (z.  B.  mit  Bronchialasthma)  auf  geringe  zur  Heilung  neige 
Veränderungen.  Diese  Auswahl  der  Kranken  vorausgesetzt,  ist  es  vor  al 
die  Frage  der  Dosierung,  die  über  den  Erfolg  entscheidet.  Die  Wahl 
Mittels,  die  Art  seiner  Anwendung  treten  dagegen  ganz  zurück. 

Herr  K.  E.  Ranke:  Die  Frage  der  Immunität  bei  Tuberkulose  ist  s 
verwickelt.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  das  Tuberkulin  wie  alle  spezifisc 
derartigen  Mittel  keine  andere  Immunität  erzeugt  als  diejenige,  die  auch 
Verlauf  der  Erkrankung  spontan  eintritt.  In  der  Beziehung  unterschen 
sich  das  Mittel  nicht  von  den  übrigen  spezifischen  Stoffen.  Die  Immun 
bei  Tuberkulose  äussert  sich  spontan  in  einer  gewissen  Widerstandsk 
gegen  Neuinfektion  von  aussen  her  und  in  Veränderungen  der  Ausbreitur 
weise  im  Körper.  Bei  den  als  Spätformen  der  Tuberkulose  anzusprechen 
isolierenden  Phthisen  scheint  der  Umschlag  aus  der  Immunität  in  ( 
spezifische  Giftüberempfindlichkeit  eine  grosse  Rolle  zu  spielen.  Deshalb 
hier  auch  das  Tuberkulin  so  gefährlich.  In  den  eigentlichen  Anfangsstar 
der  Tuberkulose,  und  zwar  auch  hier,  wie  etwa  bei  der  aktiven  Imm 
sierung  gegen  Lyssa,  vorwiegend  in  den  Latenzperioden,  kann  das  Tuberk 
von  grösster  Bedeutung  sein  für  das  vollkommene  Ausheilen  und  das  Erlau 
einer  für  viele  praktische  Zwecke  ausreichenden  Immunität  für  b 
ansteckungen.  Die  von  Herrn  v.  Romberg  erwähnte  Möglichkeit 
Steigerung  der  örtlichen  Reaktionen  sind  bei  Drüsentuberkulosen  —  im 
gemeinen  bei  der  sekundären  Tuberkulose  —  nützlicher  und  ungefährlic 
als  bei  der  tertiären.  Von  den  einzelnen  Bazillenstoffen  wirken  wahrschein 
nur  das  Alttuberkulin  und  seine  Analoga  reizmindernd,  doch  ist  zu  beach 
dass  auch  mit  dem  Alttuberkulin  ganz  typische  Reizsteigerungen  her 
gerufen  werden  können. 

Die  Tuberkuline  können  diagnostisch,  therapeutisch  und  prognost 
Verwendung  finden.  Sie  sind  diagnostisch  gut  und  wertvoll,  therapeut 
gefährlich,  nur  in  der  erfahrenen  Hand  nützlich,  hier  allerdings  gelegent 
unentbehrlich;  prognostisch  ist  das  Tuberkulin  von  ganz  besonderem  V, 
sowie  man  nicht  bloss  einzelne  Reaktionen,  sondern  wirkliche  Reaktionsfo: 
im  Sinne  einer  Tuberkulinkur  vornimmt.  Ein  Tuberkulöser,  der  eine  Tu 
kulinkur  ohne  Schaden  verträgt,  ist  prognostisch  immer  viel  günstiger 
ein  Tuberkulöser,  der  Tuberkulin  nicht  verträgt. 

Herr  Flatow:  Ob  gerade  die  Tuberkuline  für  die  Erzeug 
von  therapeutisch  wertvoller  Herdreaktion  die  idealen  Mittel  darstellen, 
scheint  bei  der  Variabilität  ihrer  Wirkung  (je  nach  Herstellung.  Jahres: 
Alter  usw.)  doch  recht  fraglich.  Erstrebenswert  bleibt  die  Hervorru 
einer  lokalen  Reizwirkung  am  Orte  der  Erkrankung  mit  chemisch  be 
definierten  und  daher  konkret  dosierbaren  Substanzen.  Als  solche  düi 
die  Terpene  vielleicht  Gegenstand  der  Erprobung  werden,  da  Terpent 
schon  in  Dosen  von  0,05  ccm  periostal  injiziert,  oft  eine  an  Spezifität 
innernde  Herdreaktion  auszulösen  vermag  (Redner  sah  post  injectionem  s- 
Kalkkonkremente  im  Sputum  in  einem  Falle  auftreten).  Bei  richtiger 


is  der  einzelnen  Nummer  3.—  Jl.  •  Bezugspreis  in  Deutschland 
•  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  •  •  < 

ceigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8^—1  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-^trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinstr.  2/IM. 


Medizinische  Wochenschrift. 


7.  17.  Februar  1922. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 

Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 

Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

iber  die  Strahlenbehandlung  des  Kollumkarzinoms 
des  Uterus1). 

Von  A.  D  öd  er  lein. 

Am  24.  Juli  1913  wurde  von  ihrem  behandelnden  Arzte  eine 
hrige  Patientin  der  Frauenklinik  zugewiesen  mit  dem  ärztlichen  Be- 
e,  dass  sie  Ende  Juni  einen  Abortus  gehabt  habe  und  deshalb  von 
eine  Auskratzung  gemacht  wurde.  Die  Blutungen  hätten  darnach 
nicht  aufgehört,  verbunden  mit  eitrigem,  oft  übelriechendem  Aus¬ 
unter  gleichzeitiger  Vereiterung  einer  leicht  erodierten  Stelle  der 
o,  die  ein  mehr  und  mehr  verdächtiges  Aussehen  annahm  und 
derb  anfühlte.  Er  diagnostizierte  „ein  seit  kurzem  in  rapidem 
hstum  begriffenes  Karzinom“.  Unser  Befund  deckte  sich  vollständig 
dem  vorstehenden.  Zur  Vorsicht  wurde  aber  eine  Probeexzision 
j/nomraen.  Die  mikroskopische  Untersuchung  ergab  ein  weit  in  das 
ebe  der  Zervix  eingebrochenes  Portiokarzinom.  Die  noch  vor- 
en<m  mikroskopischen  Präparate  werden  der  Versammlung  demon- 
rt2)-  Ich  lege  besonderen  Wert  auf  die  Demonstration  dieser  Prä- 
e  wegen  des  weiteren  Verlaufes.  Die  Patientin  war  während  des 
.es  verschollen;  vielfache  Briefe  kamen  als  unbestellbar  zurück, 
hich  nachträglich  herausstellte,  weil  die  Patientin  inzwischen  durch 
äiratung  ihren  Namen  gewechselt  hatte.  Wir  führten  sie  deshalb 
ahrscheinlich  an  Rezidiv  gestorben  und  waren  um  so  mehr  erfreut, 
ihr  vor  kurzem  die  Nachricht  zu  bekommen,  dass  es  ihr  sehr  gut 
,  dass  sie  seit  Ihrer  Verheiratung  seit  dem  Ja'hre  1915  3  mal  abortiert 
und  zwar  jedesmal  im  3. — 4.  Monat  der  Schwangerschaft,  dass  sie 
am  12.  IV.  1919  ein  reifes,  vollkommen  gesundes  Kind  geboren 
„das  gut  gedeiht  und  der  Sonnenschein  ihres  Lebens  geworden 
Man  würde  wohl  ohne  den  anatomischen  Beleg  der  Diagnose 
Recht  an  deren  Zuverlässigkeit  zweifeln  können  und  dies  um  so 
,  als  ausweislich  unserer  Krankengeschichte  die  Patientin  nur  3  mal 
-war  am  8.  VII„  am  26.  VIII.  und  am  26.  XII.  1913  mit  je  50  mg 
thorium  24  Stunden  lang  intravaginal  behandelt  worden  war.  Es 
g  also  damit,  nicht  nur  das  Karzinom  zu  heilen,  so  dass  die 
ntin  jetzt  —  8  Jahre  später  —  noch  vollkommen  gesund  ist, 
prn  dabei  auch,  dank  der  geringen  Dosis,  die  volle  Funktion  dei¬ 
chen  für  die  Fortpflanzungstätigkeit  zu  erhalten,  ein  wenn  auch 
beabsichtigter,  doch  erfreulicher  Erfolg,  der  wohl  einzigartig  ist, 
ich  ein  Beweis  dafür,  dass  Strahlenschädigungen  der  Ovula  für 
\ommenschaft  nicht  zu  fürchten  sind;  konzipieren  solche  Eier  über- 
:,  dann  tragen  die  reifen  Früchte  keinen  Schaden  davon3). 

Jne  andere,  5  Jahre  geheilte  Karzinomkranke  konzipierte  eben¬ 
ster  endete  aber  die  Schwangerschaft  mit  einem  Abortus.  Diesem 
ist  ein  von  P.  Schäfer  auf  dem  Berliner  Kongress  der  Deut- 

■  Gesellschaft  für  Gynäkologie  1920  mitgeteilter4)  an  die  Seite  zu 
n,  bei  dem  eine  25  jährige  Patientin,  ebenfalls  über  5  Jahre  geheilt, 
ahr  nach  der  Radiumbestrahlung  wieder  menstruierte  und  bei  der 
!ahre  später  eine  Gravidität  eintrat,  die  „unbeabsichtigterweise“ 
Monat  unterbrochen  wurde. 

’e'it  dem  Jahre  1913  das  Uteruskarzinom  ausschliesslich  mit  radio- 
/n  Metallen,  Radium  und  Mesothorium,  in  den  letzten  Jahren  auch 
iniert  mit  Röntgenbestrahlung,  in  Angriff  nehmend,  verfüge  ich  nun 
ein  Material  von  über  1000  Fällen,  das  ich  zum  Zwecke  der 
?en  Mitteilung  aufs  neue  gesichtet  habe;  ich  möchte  nun  über  die 
916  behandelten:,  also  mehr  als  5  Jahre  geheilten  Fälle  Bericht 
Jen.  Es  bezieht  sich  dieses  Material  lediglich  auf  das  Kollum- 
iom  des  Uterus,  das  wegen  seiner  Zugänglichkeit  für  die  Strahlen- 
dlung  eine  Sonderstellung  unter  allen  Karzinomen  einnimmt  und 
tste  Prüfstein  für  deren  Wirkungsweise  ist. 
ui  meiner  ursprünglichen  und  wiederholt5)  kundgegebenen  Auf- 
ig,  dass  die  Einwirkung  der  Strahlen  auf  das  Karzinom  in  der 

/Nach  einem  am  16.  Dezember  1921  in  München  gehaltenen  ärztlichen 

ldungsvortrag. 

)  Ebenso  wurden  die  Präparate  auf  der  Tagung  der  bayerischen  Gynä- 
■n  a|J>  18-  Dezember  1921  vorgelegt. 

j:  Nürnberger:  Prakt.  Ergehn,  d.  Geb.  u.  Gyn.  8.  Jalirg.  2.  H. 

J  P-  Schäfer:  Verhandl.  d.  Deutschen  Ges.  f.  Gyn.  16.  Kongr. 

1920,  S.  363. 

)  jVDöderlein:  Mschr.  f.  Geb.  u.  Gyn.  1913,  37,  Verhdl.  d.  Deutsch. 

!*•  Gyn.  1913,  M.m.W.  1914  Nr.  5  u.  6,  Beitr.  z.  kJ  in.  Chir.  1915,  95, 

■  1.  Geb.  u.  Gyn.  1917,  46  u.  Arch.  f.  Gyn.  1918,  109. 

Ir.  7. 


direkten  Abtötung  der  Karzinomzelle  zu  sehen  ist,  wie  diese  auch  für  die 
Wirkung  der  Bestrahlung  der  Ovarien  in  der  Abtötung  der  Keimzelle 
bewiesen  ist,  halte  ich  nach  wie  vor  fest,  in  der  Ueberzeugung,  dass 
die  anderen  in  Betracht  kommenden  Möglichkeiten,  etwa  die  Ein¬ 
wirkung  auf  dem  Umwege  durch  das  Bindegewebe,  zum  Mindesten 
unbewiesen  sind,  während  wir  hier  während  der  Behandlung  mikro¬ 
skopisch-anatomisch  die  Veränderungen  an  den  Zellen  selbst  bis  zu  ihrem 
Verschwinden  verfolgen  können.  (An  mikroskopischen  farbigen  Photo¬ 
graphien  werden  die  sukzessiven  Veränderungen  der  Karzinomzelle 
demonstriert.) 

Besonderes  Gewicht  möchte  ich  bei  diesen  Bildern  noch  darauf 
legen,  dass  sich  zugleich  anatomisch-mikroskopisch  feststellen  liess.  dass 
die  Umgebung  der  Karzinomzelle,  namentlich  in  nächster  Nachbarschaft 
gelegene  Epithelien,  wie  die  Zylinderepithelien  der  Zervixschleimhaut 
und  auch  das  angrenzende  gesunde  Plattenepithel  der  Scheide,  keinerlei 
Veränderungen  im  Sinne  des  Kernzerfalls  erkennen  lässt,  so  dass  sich 
daraus  logischerweise  der  bindende  Schluss  ergibt,  dass  die  Karzinom¬ 
zelle  auf  die  Strahlen  empfindlicher  reagiert  als  die  gesunde  Zelle. 

Auf  dieser  Grundlage  beruht  die  Strahlenbehandlung  des  Karzinoms, 
für  dessen  Heilung  nunmehr  die  Aufgabe  besteht,  alle  Krebszellen  und 
zwar  sowohl  die  im  Krebsherd  wie  auch  die  in  dessen  Nachbarschaft 
vorhandenen  zu  vernichten,  ohne  das  gesunde  Gewebe  zu  schädigen. 
Die  Lösung  dieses  Problems  erscheint  verhältnismässig  einfach,  stösst 
aber  doch  auf  so  grosse  Widerstände,  dass  Manche  auch  heute  noch  an 
der  Heilwirkung  der  Strahlen  zweifeln  zu  müssen  glauben  und  deshalb 
die  ganze  Behandlung  verwerfen. 

Dreierlei  Richtungen  machen  sich  heute  in  der  Therapie  des  Kar¬ 
zinoms  geltend:  Die  erste,  namentlich  von  den  Chirurgen  vertretene, 
geht  dahin,  operable  Karzinome  unter  allen  Umständen  zu  operieren  und 
nicht  zu  bestrahlen,  weil  die  Operation  immer  noch  bessere  Aussichten 
für  Heilung  biete  als  die  Strahlenbehandlung.  Für  die  Bestrahlung 
kommen  dann  nur  jene  Fälle  in  Betracht,  die  für  die  Operation  zu  weit 
fortgeschritten  sind. 

Die  zweite,  wohl  gegenwärtig  die  meisten  Anhänger  zählende 
Richtung  verkitt  den  Standpunkt,  die  Karzinome,  soweit  irgend  an¬ 
gängig,  zu  operieren  und  darnach  den  Herd  zu  bestrahlen,  um  etwa 
zurückgebliebene  Reste,  von  denen  ja  die  Rezidive  ausgehen,  zu  ver¬ 
nichten. 

Es  kann  nicht  verkannt  werden,  dass  dieser  Standpunkt  die  meiste 
Berechtigung  zu  haben  scheint.  Jeder,  der  die  Entwicklungszeit  der 
Karzinomoperaxionen  miterlebt  und  selbst  empfunden  hat,  welche  Be¬ 
friedigung  die  immer  bessere  Ausgestaltung  der  Technik  und  damit 
immer  besser  werdende  Erfolg  erweckten,  wird  sich  nicht  so  leicht  ent¬ 
schlossen  können,  diesem'  wenn  auch  mühevollen,  aber  doch  befriedi¬ 
genden  Teil  seiner  Therapie  entsagen  zu  müssen.  Auch  ist  nicht  zu 
verkennen,  dass  die  Erfolge  der  operativen  Behandlung  solche  geworden 
sind,  dass  man  nicht  gerne  diese«  sicheren  Besitz  aufgibt,  um  dafür 
einen  Sprung  ins  Ungewisse  zu  machen.  Andererseits  kann  man  sich 
auch  nicht  der  Empfindung  verwehren,  dass  an  der  Strahlenbehandlung 
doch  etwas  ist  und  so  ist  es  das  Einfachste  und  Bequemste,  beide 
Methoden  miteinander  zu  kombinieren.  Und  doch  geben  uns  neuere 
Mitteilungen  in  der  Literatur  berechtigte  Zweifel,  ob  damit  ein  Fort¬ 
schritt  in  der  Krebsbehandlung  erreicht  wird.  Manches  deutet  darauf 
hin,  dass  die  Operationen  durch  Verschleppung  von  Krebszellen,  durch 
Aenderung  der  Lymphströme  und  Beeinflussung  der  Blutzirkulation 
unter  Umständen  das  Rezidiv  begünstigen  und  damit  auch  ungünstigere 
Verhältnisse  für  die  Strahlenbehandlung  schaffen,  als  wenn  diese  ohne 
operativen  Eingriff  das  ruhende  Karzinom  angreift.  Jedenfalls  spricht 
die  praktische  Erfahrung  noch  nicht  so  zugunsten  dieser  an  sich  sym¬ 
pathischen  zweiten  Richtung,  dass  man  sie,  wie  es  manchmal  geschieht, 
als  die  „allein  seligmachende“  bezeichnen  dürfte.  Die  hier  vorliegenden 
statistischen  Tatsachen  halten  insoferne  einer  Kritik  nicht  stand,  als 
die  Beobachtungsdauer  noch  nicht  abgeschlossen  ist. 

Die  dritte  Gruppe  lehnt  das  operative  Vorgehen  gegen  das  Karzinom 
ab  und  bekämpft  es  ausschliesslich  durch  Strahlenbehandlung,  sei  es 
mit  radioaktiven  Metallen,  sei  es  mit  Röntgenstrahlen,  sei  es  mit  beiden 
zugleich. 

Die  Zukunft  muss  erst  lehren,  welche  dieser  drei  Richtungen 
siegen  wird. 

Das  hier  mitzutcilende  Material  der  Universitäts-Frauenklinik 
München,  das  einen  Beitrag  zur  Wirkung  der  radioaktiven  Substanzen, 
nicht  aber  der  Röntgenstrahlen  liefert,  habe  ich  in  drei  Zeitperioden 
eingeteilt: 


A 


222 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ni 


Die  erste  umfasst  die  Jahre  1903—1907,  in  der  die  Klinik  unter  der 
Direktion  von  v.  Win  ekel  sowohl  durch  vaginale  wie  durch 
abdominelle  Totalexstirpation  gegen  das  Uteruskarzinome  vorging. 

Der  zweite  Zeitraum  umfasst  die  Jahre  1908—1913,  wo  unter  meiner 
Direktion  ausschliesslich  mit  abdomineller  Totalexstirpation  des  Uterus 

nach  Wertheim  behandelt  wurde  ,  ,  , 

und  dann  1913  bis  jetzt,  wo  nur  Strahlenbehandlung  stattfand  und 
zwar  bis  zum  Jahre  1916  nur  mit  radioaktiven  Substanzen  und  m  den 
letzten  Jahren  kombiniert  mit  Röntgemstrahlen. 


1903  oh  o5  06  06  09 


15  16  18  19  fco  R.1 


Graphische  Darstellung  der  Frequenz  der  Kollumkarzinomkranken  in  den 
Jahren  1903 — 1921  (a),  ihre  Inoperabilität  (b),  Operabilität  (c),  absolute  (d) 
und  relative  (e)  Heilziffer,  (f)  relative  Heilung  der  fertig  Bestrahlten  in  Proz. 


Aus  der  graphischen  Darstellung  ist  ersichtlich,  dass  die  Zahl  der 
in  den  einzelnen  Zeiträumen  der  Klinik  zugehenden  Karzinomkranken 
ausserordentlich  verschieden  ist  und  namentlich  in  der  letzten  Periode 
eine  Steigerung  bis  auf  das  Fünffache  des  jährlichen  Zugangs  eintrat. 
Die  Gründe  dafür  mögen  unerörtert  bleiben;  aber  die  Tatsache  selbst 
ist  deshalb  von  der  grössten  Bedeutung,  weil  ohne  ihre  Berücksichtigung 
ungleiche  Werte  miteinander  verglichen  würden,  wie  dies  heute  so 
vielfach  in  der  Literatur  und  zwar  zu  Ungunsten  der  Strahlenbehandlung 
geschieht.  Selbst  am  gleichen  Orte  müssen  bei  der  Beurteilung  ver¬ 
schiedener  Heilverfahren  derartige  Unterschiede  sorgfältig  mitberuck- 
sichtigt  werden,  denn  aus  den  Kurven  c,  die  in  absoluten  Zahlen  den 
jeweiligen  Anteil  der  günstigen,  operablen  und  b  diejenigen  der  un¬ 
günstigen  inoperablen  Fälle  an  dem  Gesamtmaterial  wiedergeben,  ist 
ersichtlich,  dass  mit  dem  Anwachsen  der  Zugänge  eine  wesentliche  Ver¬ 
schiebung  in  der  Qualität  des  Materials  stattgefunden  hat,  insoferne 
parallel  mit  der  Frequenzkurve  die  der  ungünstigen  Fälle  ansteigt, 
während  die  Kurve  der  noch  günstigen  operablen  Fälle  in  der  gleichen 
Zeit  vom  Jahre  1914  ab  ständig  fällt. 

Nun  ist  ja  ganz  klar,  dass  mit  dem  Fortschreiten  des  Karzinoms, 
mit  dem  Grösserwerden  seiner  Geschwulst,  namentlich  mit  dem  Ein¬ 
bruch  in  die  Nachbarschaft,  Lymphwege  und  schliesslich  sogar  mit  der 
Metastasierung  in  entferntere  Organe  mit  allgemeiner  Kachexie  die  Mög¬ 
lichkeit  der  Heilung  schrittweise  abnimmt  und  deshalb  an  ein  mit  so 
viel  mehr  ungünstigen  Fällen  belastetes  Material  ein  ganz  anderer 
Massstab  angelegt  werden  muss,  als  an  ein  ganz  anders  geartetes 
Material  Man  beachte,  dass  in  der  operativen  Zeit  meines  Materials 
die  üperabilitätskurve  stets  über  derjenigen  der  Inoperabihtatskurve 
verläuft,  also  stets  mehr  günstige  als  ungünstige  Fälle  zur  Beobachtung 
kamen.  Das  Jahr  1913,  mit  dem  die  Strahlenbehandlung  emsetzte 
bringt  die  Wandlung.  Hier  schneiden  sich  die  beiden  Kurven,  um  sich 
von  Jahr  zu  Jahr  mehr  von  einander  zu  entfernen. 

Bei  oberflächlicher  Betrachtung  der  die  geheilten  Falle  in  Prozent¬ 
zahlen  wiedergebenden  Kurve  d  würde  man  zu  dem  Trugschluss 


kommen,  dass  die  Resultate  der  operativen  Heilung  diejenigen 
Strahlenbehandlung  beträchtlich  übertreffen  und  deshalb  die  btrah 
behandlung  unterlegen  sei.  Zum  Verständnis  dieser  statistischen 
gebnisse  sei  angeführt,  dass  sich  diese  prozentuarische  Berechnung 
Geheilten  auf  die  gesamten  Zugänge  bezieht,  nicht  etwa  nur  auf  i 
Operierten  oder  Behandelten,  also  Winters  „absolute  neitti 
darstellt  ohne  jeden  Abzug.  Es  sind  also  weder  die  Verstorbenen  1 
die  Verschollenen  in  Abzug  gebracht,  sondern  es  bedeutet  diese  absc 
Zahl  jeweils,  wieviele  unter  100  in  einem  Jahre  zugegangenen  Karzin 
kranken  nach  mindestens  5  Jahren  noch  geheilt  waren. 

Die  Kurve  e  zeigt  dagegen  die  „relative“  Heilungsz 
Winters,  d.  h.  wieviele  .von  je  100  Operierten  oder  nut  Stra 
Behandelten  nach  der  gleichen  Beobachtungsdauer  noch  geheilt  wa 
Hier  zeigt  sich,  dass  die  mit  Strahlen  Behandelten  nicht  nur  n 
schlechter,  sondern  eher  besser  abschneiden. 

Das  Endergebnis  in  meinem  Material  geht  dahin,  dass  von  265 
lumkarzinomkranken  der  Jahre  1908-1912  54  =  20,4  Proz.  durch 
Wertheim  sehe  Radikaloperation  dauernd  geheilt  wur 
167  =  63  02  Proz.  konnten  der  Operation  unterzogen  werden,  so  ■ 
sich  die  relative  Heilziffer  auf  32,3  Proz.  berechnet,  immer  ohne  jf 

Demgegenüber  stehen  500  in  den  Jahren  1913  1916  mit  Stra 
behandelte  Karzinomkranke,  von  denen  69  ==  13,8  Proz.  geheilt  wui 
In  diesem  Material  wäre  aber  die  Operabilität  nur  33,9  Proz.  ge\u 
also  etwa  die  Hälfte  gegenüber  dem  operativen  Material,  gemäss 
in  der  graphischen  Darstellung  zum  Ausdruck  gebrachten  Verschlec 
rung  des  ganzen  Materials.  Unter  Zugrundelegung  der  am  operat 
Material  gewonnenen  Erfahrungen  dürfte  die  Benauptung  oerec 
sein,  dass  bei  diesem  um  soviel  schlechteren  Material  nur  die  n; 
also  etwa  10  Proz.,  aller  durch  die  Operation  hatte  geheilt  we 
können,  so  dass  auch  hier  die  durch  die  Strahlenbehandlung  erreic 
Resultate  etwas  günstiger  abschneiden. 

Dass  die  Strahlenbehandlung  mehr  als  die  operative  zu  leisten 
stände  ist  erhellt  aber  noch  mehr  aus  einem  anderen  Umstande,  i 
lieh  daraus,  dass  Fälle  damit  zur  Heilung  gebracht  werden  kom 
denen  gegenüber  das  Messer  machtlos  gewesen  wäre.  .  £ 

Während  das  operative  Material  ganz  von  selbst  in  die  2  Gru 
zerfällt,  operative  und  nichtoperative,  habe  ich  das  Stiahlenbehandli 
material  in  4  Gruppen  getrennt:  Die  erste  Gruppe  umfasst  jene  I 
die  nach  dem  Untersuchungsbefund  als  operable  bezeichnet  wt 
könnten  und  bei  denen  also  die  Erzielung  obiger  Heilresultate  durci 
Operation  mögiieh  gewesen  wäre.  Die  zweite  Gruppe  umfasst  die 
„ürenzfälle“,  bei  denen  unter  Umständen,  namentlich  auch  abh; 
vom  Allgemeinbefinden,  vielleicht  bei  manchen  noch  eine  Piobela 
tomie  ausgeführt  worden  wäre,  um  die  Möglichkeit  oder  Unmoglic 
der  Durchführung  der  Operation  noch  besser  als  durch  den  U 
suchungsbefund  entscheiden  zu  können.  Die  dritte  Gruppe  umfasst 
Fälle  in  denen  auch  dieses  ausgeschlossen  wäre,  in  denen  aber  der 
such  der  Strahlenbehandlung  trotz  der  Ausbreitung  des  Karzinoms  u 
nommen  wurde;  die  vierte  Gruppe  endlich  umfasst  jene  desolaten  , 
in  denen  aus  örtlichen  und  allgemeinen  Gründen  jede  Behandlungs 
lichkeit  ausgeschlossen  war. 

Die  Heilresultate,  nach  diesen  4  Gruppen  getrennt,  sind  folg« 

Die  erste  Gruppe  umfasst  in  den  Jahren  1913—1916  77  . 
von  denen  37  =  48  Proz.  mehr  als  5  und  bis  zu  8  Jahien  £■ 
wurden. 

In  der  zweiten  Gruppe  finden  sich  90  Frauen,  von  dene 
=  20  Proz.  geheilt  sind. 

In  der  dritten  Gruppe  sind  214  Frauen  verzeichnet,  von  dem 
=  6,07  Proz.  geheilt  sind. 

Ueberraschendor  Weise  finden  wir  sogar  in  der  vierten,  119 
umfassenden  Gruppe  1  Kranke  verzeichnet,  die  geheilt  ist.  Diese  3 
heilten  der  inoperablen  Fälle  stellen  ein  unbestreitbares  Plus 
Strahlenheilungsvermögens  gegenüber  dem  operativen  dar. 

So  befriedigend  diese  Feststellung  ist,  so  unbefriedigend  ist 
andererseits  die  Tatsache,  dass  uns  nur  in  der  Hälfte  der  der  ( 
Gruppe  angehörenden  Fälle  Heilung  gelungen  ist.  Wollen  wn 
nun  Fortschritte  erzielen,  so  ist  den  Gründen  nachzugehen,  wor 
liegt,  dass  die  andere  Hälfte  nicht  geheilt  wurde. 

Glücklicherweise  findet  sich  hier  das  Versagen  unserer  Behar 
in  erster  Linie  darin  begründet,  dass  sich  die  Kranken  der  Fortse 
der  Behandlung  entzogen  haben,  glücklicherweise  deshalb,  weil 
ausgedrückt  war,  dass  es  nicht  in  der  Natur  dieser  Therapie  selbst 
sondern1  wenigstens  in  der  Hauptsache  in  einer  abänderlichen  Ae 
lichkeit.  Hier  unterscheidet  sich  die  Strahlenbehandlung  wesenthe 
der  operativen,  insoferne  die  Kranken,  die  sich  der  Operation  ] 
ziehen,  damit  sofort  vor  dem  abgeschlossenen  Heilverfahren  sj 
während  die  Strahlenwirkung  eine  in  bestimmten  Zeiträumen  me 
wiederholte  Anwendung  der  Heilsubstanz  erfordert,  wenn  andere 
mit  der  Vorsicht  vorgehen  will,  die  die  Schonung  des  gesunden  Ge- 
erfordert.  Mögen  hier  auch  die  in  die  Kriegsjahre  fallenden  Kr 
vielfach  durch  häusliche  Angelegenheiten,  durch  Reiseschwiengl 
auch  durch  den  Kostenpunkt,  selbst  wenn  sie  Freiplätze  beko 
haben,  abgeschreckt  worden  sein,  eine  Behinderung,  die  in  rri 
Zeiten  weniger  ins  Gewicht  fallen  wird,  so  ist  mit  Nachdruck  h| 
zuheben,  dass  der  Kliniker  hier  viel  mehr  als  bei  der  operative 
handlung  auf  die  tätige  Mithilfe  der  Hausärzte  angewiesen  ist.  | 
diesen  erst  einmal  die  Ueberzeugung  von  der  Heilungsmögn 


.  Februar  19 22. 


MÜNCHENER  'MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


223 


ch  die  Strahlenbehandlung  durchgedrungen,  dann  werden  sie  uns  ihre 
fe  um  so  williger  leihen  dürfen,  als  sie  damit  des  Vorteils  teilhaftig 
i-rden,  dass  ihnen  die  Kranken  nicht  ohne  weiteres  mit  der  Ueber- 
isung  in  die  Klinik  entzogen  werden.  Ich  habe  deshalb  nie  ver- 
imt,  den  die  Kranken  uns  zuweisenden  Aerztcn  eindringlich  ans  Herz 
legen,  ihre  Kranken  fortlaufend  in  Beobachtung  zu  behalten  und  sie 
uihalten,  den  ihnen  von  der  Klinik  mit  auf  den  Weg  gegebenen  Wei- 
lgen  zur  Fortsetzung  der  Behandlung  Folge  zu  leisten. 

Dieser  Nachteil  der  Strahlenbehandlung,  dass  sich  die  Kranken  ihr 
so  beträchtlicher  Zahl  vorzeitig  entziehen,  ist  zweifellos  sehr  Fe¬ 
ierlich,  aber  nicht  unabänderlich  und  es  muss  mit  allen  Mitteln  da- 
cen  angekämpft  werden.  Falsch  wäre  es  deshalb,  der  Strahlenbehand- 
-ellr  zur  Hast  zu  lesen,  dass  sie  damit  zu  Fall  gebracht 
!  rde.  Es  wäre  dies  etwa  so,  wie  wenn  man  dem  Salvarsan  eine  Heil- 
kung  absprechen  würde,  weil  es  Fälle  gibt,  in  denen  es  nichts  hilft, 
'•1  Betreifenden  nach  der  ersten  Injektion  ausgeblieben  sind.  Kein 
nünftiger  wird  aus  solchen  Fchlschlägen  einen  Vorwurf  gegen  das 
I  tel  ableiten.  Die  Hauptsache  ist  doch,  dass  wir  ein  Mittel  besitzen, 
beiten  kann.  Die  weitere  Aufgabe  ist  dann,  ihm  entsprechende  Gel- 
g  bei  den  Kranken  zu  verschaffen,  wozu  freilich  in  erster  Linie  der 
ube  an  die  Wirkung  notwendig  ist. 

Diesen  zu  stützen  sei  mitgeterlt,  dass  von  43  Kranken  der  ersten 
ippe,  die  sich  unserer  Behandlung  bis  zu  deren  Beendigung  unter- 
en,  35  81,0  Proz  geheilt  wurden.  Von  50  solchen  der  zweiten 

ippe  wurden  18  =  36,0  Proz.  geheilt  und  von  121  der  dritten  Gruppe 
=  10,41  Proz. 

Hervorgehoben  sei  noch,  dass  aus  den  Jahren  1913—1915  52  Frauen 
eilt  sind,  von  denen  bei  der  jetzt  stattgehabten  Untersuchung  11 
t  Jahre,  23  sieben  Jahre,  9  sechs  Jahre  und  9  fünf  Jahre  nach  Ab- 
luss  der  Behandlung  gesund  sind. 

Dass  sich  bei  den  Gruppen  so  grosse  Unterschiede  finden,  zeigt 
einmal  die  Bedeutung  dieser  Gruppenteilung  zur  Beurteilung  des 
tenals,  wobei  ich  bemerke,  dass  die  Kranken  beim  Eintritt  in  die 
1,k  von  mir  selbst  untersucht  und  nach  Diktat  des  Befundes  in  die 
refrende  Gruppe  eingeteilt  werden.  Ebenso  werden  auch  die  Nach- 
ersuchungen,  soweit  irgend  möglich,  von  mir  selbst  ausgeführt  so 
s  ich  für  deren  Richtigkeit  einstehe. 

Des  weiteren  lehren  uns  aber  diese  Unterschiede  in  den  Heilresul- 
'n  «er  verschiedenen  Grupoen,  was  ja  eigentlich  selbstverständlich 
dass  es  bei  der  Strahlenbehandlung,  wenm  auch  nicht  so  sehr  wie  bei 
operativen,  in  erster  Linie  auf  das  Entwicklungsstadium  des  Karzi- 
IS  ankommt,  in  dem  die  Betreffenden  sich  zur  Behandlung  einfindeu. 
sei  de  s  h  a  1  bauch  hier  wieder  eindringlichster 
pell  an  die  Mithilfe  der  Hausärzte  gerichtet,  uns 
der  möglichst  frühzeitigen  Diagnose  des  Karzi- 
m  s  z  nun  ter  stützen.  Abweichungen  in  den  menstruellen  Bin- 
?en  und  besonders,  worauf  P.  Zweifel  jüngst  wieder  mit  Nach- 
:k  hingewiesen  hat,  Blutabgang  post  coitum,  verdächtiger  Ausfluss 
der  digitalen  oder  Spiegeluntersuchung  leicht  blutende  Erosionen, 
i  c  k  e  1  i  g  e  s  Gewebe  erfordern  unbedingt  spezialistische  Be- 
mung  im  Zweifelsfalle  Probeexzision  mit  mikroskopischer  Unter- 
lung,  die  auch  dem  Erfahrensten  manche  Karzinome  verrät,  die  er 
e  diese  zu  diagnostizieren  nicht  imstande  wäre.  Es  geht  aus  meiner 
istik  hervor,  dass,  wenn  eine  Frau  mit  Portiokarzinom  zur  rechten 
’  also  möglichst  im  Beginne  der  Erkrankung  zur  Behandlung  kommt 
diese  richtig  durchhält,  wozu  der  Gynäkologe  mit  dem 
U Son r>  d  a,^re,r n  d  Hand  in  Hand  gehen  muss,  sie  minde- 
ls  80  Proz.  Wahrscheinlichkeit  vollkommener  Heilung  hat. 

Dieses  Endergebnis  zeigt,  was  mit  der  Strahlenbehandlung  im 
inigsten  Falle  erreichbar  ist,  und  beweist  damit  ihre  Ueberlegenheit 
die  operativen  Möglichkeiten. 

Diese  meine  Resultate  sind  ausschliesslich  durch  Radium  und  Meso- 
iiim,  also  die  radioaktiven  Metalle,  erzeugt.  Ob  Röntgenstrahlen 
gieicne  zu  leisten  vermögen,  ist  bisher  von  niemand  bewiesen.  Nach 
neueren  Forschungen  dürfen  wir  der  Röntgenbestrahlung  eine  ge¬ 
he  Ergänzung  in  der  Wirkung  der  mit  radioaktiven  Substanzen  ei¬ 
lt  zuschrciben,  insoferne  damit  von  dem  ursprünglichen  Krankheits- 
i  weiter  entfernte  Krebsnester  bestrahlt  werden  können.  Dazu  hilft, 

’  Ü1C  neuesten  Apparate  viel  härtere  Strahlen  erzeugen  als  die 
eren,  freilich  immer  noch  nicht  so  harte  wie  die  härtesten  Gamma- 
radjociktiven  Substanzen.  Zweckmässig  wird  man  jetzt 
e  neulen  Verfahren,  wie  das  ja  vielfach  geschieht,  miteinander  kom- 
"tv!’  Uf?  3  es  zu  erschöpfen,  womit  man  den  Kranken  nützen  kann. 
z-iiKumt  muss  lehren,  ob  wir  damit  noch  günstigere  Resultate  als 
er  erzielen  oder  nicht. . 

Ohne  auf  die  Technik  der  Bestrahlung  hier  näher  eingehen  zu  wollen, 

•  r  nocii  bemerkt,  dass  wir  die  anfänglich  zu  beklagenden  Neben- 
ngungen,. Verbrennungen  und  Fistelbildungen,  als  Kinderkrankheiten 
r  jherapie  zu  überwinden  gelernt  haben  und  dass  wir  seit  län- 
keinerlci  Nachteile  objektiver  und  auch  subjektiver  Art  mehr 
:n'  Auch  die  recht  störenden  Tenesmen  des  Rektums  können  durch 
cd,1  echmk  Und  entsprechende  zeitliche  Begrenzung  und  Dosierung 
-  'cherheit  vermieden  werden. 


Aus  der  Frauenklinik  der  Universität  Leipzig. 

Zur  Frage  der  Schwangerschaftsunterbrechung  und 
Sterilisierung  wegen  Lunyen-  und  Kehlkopftuoerkulose. 

Von  Prof.  Dr.  Bernhard  Schweitzer. 

Wenn  wir  den  Erfolg  der  Schwangerschaftsunterbrechung  richtig 
bemessen  wollen,  dürfen  wir  uns  nicht  mit  der  Beobachtung  der  Fälle 
während  des  zeitlich  beschränkten  klinischen  Aufenthalts  begnügen. 
Eine  Vorbeobachtung  ist  notwendig  zur  möglichst  hinreichenden  Be¬ 
urteilung  des  Einzelfalles  im  Hinblick  auf  Stadium  und  Verlaufsrichtung 
der  1  uoerkulose  vor  und  seit  der  Schwangerschaft.  Unerlässlich  ist 
aber  auch  eine  Nachbeobachtung  der  Fälle  über  die  Zeit 
des  klinischen  Aufenthaltes  hinaus. 

Für  die  einwandfreie  Beurteilung  der  Frage,  ob  die  Tuberkulose 
im  Emzelfalle  wirklich  durch  die  Schwangerschaft  verschlechtert  wurde, 
,  ,rJu  v*e‘en  Fällen  der  objektiv  sichere  Nachweis  über  den  Befund 
der  luberkulose  vor  Eintritt  der  Schwangerschaft;  es  mangelt  an  Klar- 
heit  über  die  Verlaufsrichtung  der  luberkulose  unabhängig  von  der 
Schwangerschaft,  ob  sie  vor  der  Schwangerschaft  scheinbar  ausgeheilt, 

•  v,siu  "Radium  der  Besserung  oder  bereits  der  Verschlechterung 
sich  befand  und  ob  diese  letztere  in  raschem  oder  langsamem  Fort¬ 
schi  eiten  sich  bewegte.  Oft  haben  wir  allein  die  Angaben  der  Frau, 
die  nicht  selten  tendenziös  gefärbt  sind.  Eine  frühere  Heilstättenbehand- 
lung,  auch  wenn  sie  von  vollem  Erfolg  war,  wird  oft  als  Ausweis  für 
das  „berechtigte“  Verlangen  nach  Abort  aufgetischt.  Besser  sind  wir 
üaian,  wenn  eine  ärztlicüe  Beobachtung  in  der  Lungenfürsorgestelle 
oder  beim  Facharzt  vorliegt;  doch  ist  dies  seltener  der  Fall.  So  sollen 
wir  häufig  allein  auf  Grund  des  gerade  erhebbaren  Befundes  uns  ein 
Bild  über  Stand  und  Wechsel  der  Tuberkulose  unter  dem  Einfluss  der 
Schwangerschaft  machen. 

Dass  nicht  jede  Tuberkulose  durch  die  Schwangerschaft  ungünstig 
beeinflusst  wird,  wissen  wir.  Die  ausgeheilte  regt  sich  auch  in  der 
Schwangerschaft  so  gut  wie  nie.  Dass  aber  doch  in  nicht  gut  aus- 
geheilten  Fällen  stets  mit  einer  ungünstigen,  ja  gefährlichen  Beein¬ 
flussung  geiechnet  werden  muss,  ist  ebenso  erwiesen,  zumal  wenn  wir 
von  Pathologen  hören,  dass  der  Durchseuchungscharakter  der  Tuber- 
kulose  durch  die  Schwangerschaft  eine  Aenderung  erfährt.  Oft  hält 
die  Tuberkulose  zwar  die  Schwangerschaft  noch  gut  durch,  doch  führt 
sie  unter  der  heimtückischen  Wirkung  des  Wochenbetts  und  der  Lakta¬ 
tion  zu  rapidem  Verfall. 

Die  Schwangerschaft  mehrt,  das  Wochenbett  zehrt,  ist  ein  treffen¬ 
der  Satz  Zweifels. 

Der  Einfluss  der  Schwangerschaft  auf  die  Tuberkulose  bleibt  un- 
berechenbar.  Eine  Reihe  ungreifbarer  Momente  spielt  mit  welche  uns 
die  Sicherheit  des  Urteils  beeinträchtigt. 

t r  der  Bewertung  des  Erfolges  der  künstlichen 
Unterbrechung  der  Schwangerschaft  müssen  wir  uns 
vor  allem  darüber  klar  sein,  dass  wir  von  derselben  keine  Heilwirkung 
aut  die  Lungentuberkulose  verlangen  dürfen.  Die  Unterbrechung  wird 
dann  ihren  Zweck  erfüllt  haben,  wenn  sie  die  durch  die  Schwanger- 
schaft  erzeugte  Verschlimmerung  der  Tuberkulose  zum  Stillstand  ge¬ 
bracht  hat  Sehr  viel  ist  erreicht,  wenn  sie  die  Möglichkeit  für  eine 
•  eSp-,r,ull£  °^er  gar  Heilung  der  Tuberkulose  geschaffen  hat  und  dies 
in  Fallen,  von  welchen  wir  durch  unsere  Beobachtung  den  Eindruck 
gewonnen  haben,  dass  bei  Fortbestehen  der  Gravidität  die  Tuberkulose 
einen  schnellen  bösartigen  Verlauf  genommen  haben  würde.  Täu¬ 
schungen  bleiben  uns  aber  nicht  erspart.  Häufig  würde  so  wie  so  auch 
ohne  die  Interkurrenz  einer  Schwangerschaft  der  schlechte  Ausgang 
unaufhaltsam  näherrücken,  oft  auch  wieder  würde  der  Prozess  einer 
spontanen  Besserung  zugängig  sein  trotz  (und  in  seltenen  Einzelfällen 
vieUeicht  sogar  wegen)  der  Schwangerschaft.  Auch  bei  der  Beurteilung 
des  Eitektes  der  Schwangerschaftsunterbrechung  fehlt  es  nicht  an 
Schwierigkeiten. 

i  Ueb5r  <be  in  der  Leipziger  Klinik  beobachteten  Fälle  von  Tuberku¬ 
lose  und  Schwangerschaft  aus  der  Zeit  von  1908—1920  haben  wir  in 
en  letzten  Jahren  Nachbeobachtungen  in  befriedigender  Weise 
^’rCp..u.,  r,en.  Tonnen.  Lohse  hat  auf  meine  Anregung  hin  einen  Teil 

Falle)  in  seiner  Dissertation  niedergelegt.  Ich  habe  das  Material 
n,e+tfru  £s  ukemrbeitet  und  habe  die  in  seiner  Zusammenstellung  nicht 
enthaltenen  Falle  zumal  der  späteren  Schwangerschaftsmonate  er- 
Ranzend  beigefugt  und  auch  ihre  Nachbeobachtung  durchgeführt. 

.  folgenden  werde  ich  über  die  Resultate  berichten  und  die  sich 
mir  ergebenden  Schlussfolgerungen  anschliessen. 

Im  ganzen  kamen  in  dem  genannten  Zeitraum  125  Fälle  von 
^fnsersehaft  mit  Lungentuberkulose  in  der  Klinik  zur  Aufnahme 
J  Falle  dem  10.  Schwangerschaftsmonate  angehörend,  welche  für  die 
vorzeitige  Unterbrechung  nicht  mehr  in  Betracht  kamen,  ziehe  ich  davon 
an.  von  diesen  war  1  verschollen,  4  inzwischen  gestorben  1  ver¬ 
schlechtert  und  3  stationär  geblieben. 

Von  den  übrigbleibenden  116  Fällen  sind  2  unentbunden  ge- 
storbeinm  8.  bzw.  9.  Schwangerschaftsmonat  mit  einer  Tuberku¬ 
lose  im  3.  Turbanstadium. 

Zur  spontanen  Frühgeburt  kamen  10  Fälle,  über  die  ich 
noch  spater  sprechen  werde. 

Von  den  104  Fällen,  in  welchen  der  Klinik  die  Entscheidung  über¬ 
lassen  war  die  Schwangerschaft  zu  unterbrechen  oder  sie  zu  erhalten 
hat  sie  in  85  Fallen  die  Schwangerschaftsunterbrechung 
ausgefuhrt  —  82  Proz.  Daraus  könnte  man  den  Eindruck  gewinnen, 

4* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


224 

als  ob  die  Leipziger  Klinik  ausserordentlich  freigebig  mit  der  Schwanger¬ 
schaftsunterbrechung  verfahren  wäre.  Dies  ist  aber  keineswegs  der 
Fall.  Die  erste  Beobachtung  der  uns  zugegangenen  Fälle  war  nämlich 
in  der  Regel  poliklinisch  zur  Sichtung  der  latenten  von  den  mani¬ 
festen  Fällen  und  zur  Kontrolle  des  Einflusses  der  Gravidität  auf  die 
Tuberkulose.  Diese  Vorbeobachtung  unter  Beibehalten  der  gewohnten 
Lebensbedingungen  hatte  den  besonderen  Zweck,  das  Befinden  un- 
beeinflusst  durch  klinische  Momente  (Ruhe,  Kostwechsel  etc.)  auf  das 
Gewichtsverhalten  beobachten  zu  können.  In  der  Klinik  kann  eine  irre¬ 
führende,  vorübergehende  Besserung  eintreten,  welche  beim  Zurück¬ 
geben  der  Schwangeren  in  das  altgewohnte  Milieu  einer  neuen  Ver¬ 
schlechterung  Platz  machen  kann. 

In  der  angegebenen  Zeit  kamen  insgesamt  195  Falle  von 
Schwangerschaft  mit  Tuberkulose  in  Poliklinik  bzw.  Klinik  zur  Be¬ 
obachtung.  Jetzt  ändert  sich  das  Bild  unserer  bisherigen  Indikations¬ 
stellung  wie  folgt:  ,  • 

Nur  104  Fälle  (=  53  Proz.)  schälten  sich  aus  der  fast  doppelt  so 
grossen  Zahl  heraus,  bei  welchen  ein  abschliessendes  Urteil  durch 
poliklinische  Beobachtung  allein  nicht  gewonnen  werden  konnte.  Bei 
Berücksichtigung  des  Gesamtmaterials  wurde  also  nur  in  44  Proz.  der 
Fälle  (85 : 195)  die  Indikation  zum  Eingreifen  gesehen,  während  sonst 
konservativ  exspektativ  verfahren  wurde. 

Ergebnis  der  künstlichen  Unterbrechung  der 
Schwangerschaft: 

Ueber  81  Fälle  kann  ich  hier  berichten,  in  welchen  nach  der  Unter¬ 
brechung  die  Nachbeobachtung  in  genügender  Weise  angestellt  werden 
konnte.  Auf  49  dieser  Fälle  hat  Lohse,  auf  die  übrigen  habe  ich 
die  Nachforschungen  ausgedehnt.  Die  Mehrzahl  der  noch  Lebenden 
wurde  in  der  Wohnung  aufgesucht;  ein  kleiner  Teil  gab  brieflich  Nach¬ 
richt.  Ueber  die  Todesfälle  zogen  wir  die  behördliche  Auskunft  heran. 

Es  waren  offene  Tuberkulosen,  welche  eine  Progredienz  in  der 
Schwangerschaft  erkennen  liessen. 

Von  den  81  Fällen  hat  sich  i  n  44  Fällen  =  54  P  r  o  z.  die  Tuber¬ 
kulose  auch  nach  der  künstlichen  Unterbrechung  weiterhin  ver¬ 
schlechtert,  in  37  Fällen  blieb  sie  stationär  (16)  bzw.  besserte 
sich  (21). 

Der  Nutzen  der  Schwangerschaftsunterbrechung  hat  sich  deutlich 
abhängig  gezeigt  vom  Zeitpunkt  der  Unterbrechung. 


Unterbrechung 

Besserung  bzw. 
Stationärbleiben 

Verschlechterung  in  Proz. 

im  I.  Monat 

0 

0=0 

„  II-  >. 

3 

0=0 

;;  in.  ;; 

8 

2  =  20 

im  IV.  Monat 

8 

3  =  27 

,,  v. 

7 

5  =  42 

„  VI.  „ 

7 

11  =  61 

„  VII. 

3 

11  =  79 

„  VIII.  „ 

I 

8  =  89 

„  ix.  „ 

0 

4  =  100 

Je  später  in  der  Schwangerschaft  die  Unterbrechung  erfolgt  war, 
desto  weniger  bestand  Aussicht  auf  Erfolg.  In  den  ersten  beiden 
Monaten  hatten  wir  (allerdings  bei  einer  kleinen  Zahl)  keinen  Ver¬ 
sager.  Gegen  Ende  der  Schwangerschaft  war  auch  durch  unseren  Ein¬ 
griff  eine  weitere  Verschlechterung  nicht  mehr  aufzuhalten!  Von  den 
44  Verschlechterten  befanden  sich  nur  2  diesseits  des  4.  Schwanger¬ 
schaftsmonats.  dagegen  95  Proz.  jenseits  desselben. 

Dem  Grad  der  Tuberkulose  nach  handelte'  es  sich  in  den 
Fällen  mit  Verschlechterung: 

Um  das  I.  Stadium  0  mal  (von  11  Fällen  dieses  Grades),  um  das  II.  Stadium 
11  mal  (von  34  Fällen  dieses  Grades),  um  das  III.  Stadium  17  mal  (von  19  Fällen 
dieses  Grades),  um  Kombination  mit  Lungentuberkulose  16  mal  (von  17  Fällen 
dieses  Grades). 

In  den  ausgesprochen  schweren  Fällen  blieb  also  die  Schwanger¬ 
schaftsunterbrechung  fast  immer  erfolglos.  Die  Schwanger¬ 
schaftsunterbrechung  verliert  demnach  um  so  mehr 
an  Wert,  je  später  in  der  Schwangerschaft  sie  vor¬ 
genommen  wird  und  je  weiter  die  Tuberkulose  fort¬ 
geschritten  ist.  In  solchen  Fällen  werden  wir  in  Zukunft  die 
Unterbrechung  ablehnen  müssen. 

T  o d  e  sf  ä  1 1  e. 

Von  den  mit  künstlicher  Unterbrechung  behandelten  81  Fällen  sind 
inzwischen  44  gestorben  =  54  Proz.  Mortalität.  Aus  dieser  Sterb¬ 
lichkeitszahl  dürfen  wir  aber  nur  mit  Einschränkung  Schlüsse  ziehen, 
denn  es  ist  ausser  Frage,  dass  ein  nach  Jahren  eintretender  Tod  an 
Tuberkulose  den  Erfolg  oder  Misserfolg  der  Unterbrechung  nicht  an¬ 
zusagen  vermag. 

Allein  die  im  1.  Vierteljahr  nach  der  Unterbrechung 
erfolgten  tödlichen  Ausgänge  sind  zur  Beurteilung  dieser 
Frage  verwertbar. 

Im  1.  Vierteljahr  starben  26  =  32  Proz.!,  innerhalb  des  1.  Jahres 
im  ganzen  31  =  38  Proz.  59  Proz.  aller  Todesfälle  ereigneten  sich 
im  1.  Vierteljahr  nach  der  Unterbrechung 

Bevor  wir  diese  höchst  bedeutsamen  Zahlen  bewerten,  müssen  wir 
uns  darüber  informieren,  wie  die  Todesfälle  sich  auf  die  einzelnen 
Schwangerschaftsmonate  verteilen,  in  welchen  die  Unter¬ 
brechung  vorgenommen  war. 


Bei  Unterbrechung 

starben  von 

im  1.  Vierteljahr  in  Proz. 

im  I.  Monat 

0 

0=0 

.  II. 

•  3 

o  =  o 

,.  111.  „ 

10 

0=0 

im  IV.  Monat 

n 

2  =  18 

v. 

12 

3  =  25 

»»  v  •  »> 

VI. 

18 

8  =  44 

VII.  „ 

14 

5  =  36 

im VIII.  Monat 

„  ix.  „ 

9 

4 

5  =  56 

3  =  75 

Bei  Unterbrechung  in  den  ersten  3  Monaten  blieben  Todesfall! 
1.  Vierteljahr  vollkommen  aus.  Alle  Todesfälle  fielen 
die  Unterbrechung  vom  4.  Monat  an.  Im  5.  Monat  stieg 
Sterblichkeit  bis  zu  1  Viertel  an,  im  9.  Monat  bis  zu  3  Viertel  der 
handelten.  Die  Unterbrechung  ist  demzufolge  nach  dem  3.  Schwär 
schaftsmonat  nicht  mehr  in  der  Lage,  in  einer  genügend  grossen 
der  Fälle  einen  raschen  tödlichen  Ausgang  zu  verhindern.  Gegen  I 
der  Schwangerschaft  häufen  sich  die  schnellen  Verschlechterungen 
tödlichem  Ausgang  im  1.  Vierteljahr  noch  so,  dass  die  Unterbrecl 
nicht  nur  vollkommen  vergeblich  erscheint,  vielmehr  sogar  den 
druck  aufkommen  lässt,  dass  dieselbe  eher  den  rapiden  Verfall 
schleunigt. 


Wenn  wir  das  Stadium  der  Tuberkulose  bei 
sichtigen,  so  starben:  _  41 


von  aktiv  bell. 

mit  Stadium 

überhaupt 

im  1.  Vierteljahr  in 

1! 

I 

0 

0=0 

34 

II 

15 

5  =  15 

.19 

III 

14 

11  =58 

17 

mit  Larynxtuber- 
kulose  kombiniert 

15 

10  =  59 

Letal  geendet  haben  also  im  1.  Vierteljahr  vorwiegend! 
schweren  Fälle. 

Die  Betrachtung  der  Frühsterblichkeit  nach  Schwangersct 
Unterbrechung  verlangt  gebieterisch  eine  starke  Einschränkung 
Unterbrechung. 

Besonders  bemerkenswert  ist,  dass  alle  Fälle  mit  positivem! 
zillenbefund  mit  einer  einzigen  Ausnahme  ad  exitum  gekommen  | 

Dass  die  Einleitung  des  Abortus  bzw.  der  Frühgeburt  an  sic 
das  Schicksal  der  Kranken  bedeutungslos  sei.  kann  nicht  beha 
werden.  Die  einfachen  Methoden  der  Einleitung  (Lamii 
Ausräumung),  die  wir  in  der  Regel  angewendet  haben,  können  I 
sogar  als  zu  eingreifend  erweisen.  So  haben  wir  in  einem  der  le 
Fälle,  welche  seit  Abschluss  der  Nachforschungen  behandelt  wu 
einen  akut  tödlichen  Ausgang  erlebt,  den  wir  eigentlich  nur  auf  K< 
des  Eingriffs  setzen  können.  Gleichzeitig  haben  wir  wieder  ei 
sehen  müssen,  dass  wir  den  Grad  der  Tuberkulose  noch  zu  gi 
beurteilt  hatten,  indem  die  Sektion  eine  Tuberkulose  im  3.  Sta 
aufdeckte,  während  wir  das  2.  angenommen  hatten.  Auch  in  frül 
Jahren  haben  sich  von  den  bereits  genannten  Todesfällen  2  im  Wo; 
bett  ereignet.  Ein  grösserer  Blutverlust  scheint  besonders  gefä, 
zu  sein. 

Sehr  näufig  schliesst  sich,  selbst  wenn  wird  die  Miliartuberk 
ausnehmen,  an  die  vollendete  Fehl-  oder  Frühgeburt  Fieber  und  ra 
Verfall  an.  Zweifellos  werden  die  Tuberkulösen  auch  einer  JV 
infektion  in  hohem  Masse  zugängig,  die  ihre  Genesung  sehr  in  I 
•-teilt. 

Aus  diesen  Gründen  wären  vielleicht  die  radikalen  Methoden 
msexzision  und  -resektion  und  die  TotalexStirpation  des  Uterus  v; 
oder  abdominal),  weil  aseptischer  und  blutsparender,  mehr  zu 
fehlen.  Doch  bleibt  noch  zu  erwägen,  wie  wir  uns  hierbei  zur 
der  Dauersterilisation  stellen  wollen. 

Besondere  Erwähnung  verdienen  weitere  10  Fälle,  welche  i 
eine  gesonderte  Gruppe  zusammenfasse,  bei  welchen  die  Früh  gel 
spontan  eingetreten  war.  Einerseits  können  diese  auf  die 
Stufe  mit  den  künstlich  Unterbrochenen  gestellt  werden,  weil  hie 
dort  die  Schwangerschaft  vorzeitig  zu  Ende  kam.  Doch  schein 
andererseits  das  Moment  von  Bedeutung,  dass  in  diesen  Fälle 
Unterbrechung  spontan  und  wohl  nicht  zuletzt  infolge  einer 
Wirkung  der  Tuberkulose  vor  sich  ging.  Diese  Fälle,  die  allerding 
der  2.  Schwangerschaftshälfte  angehörten,  sind  nicht  gerade  güh 
g  e  r  verlaufen  als  die  mit  künstlicher  Unterbrechung.  I 

Von  den  10  Fällen,  von  welchen  1  im  6.,  2  im  8.,  und  7  im  9.  Ij 
spontan  niederkamen,  verschlechterten  sich  8  Fälle  =  80  Proz.1 
zwar  2  im  8.,  und  6  im  9.  Monat  unterbrochene.  6  Fälle  w 
ad  exitum  =  60  Proz.,  und  zwar  im  1.  Vierteljahr  nach  der  Frühgei1 
(alle  im  9.  Monat)  =  40  Proz. 

Wenn  wir  dagegen  die  Resultate  der  konservativ! 
wartenden  Behandlung  betrachten,  so  lässt  sich  im  allgen1 
sagen,  das  dieselben  besser  ausfielen  als  die  nach  künstlicher  l 
brechung.  Das  lag  aber  hauptsächlich  an  der  günstigen  Lage  der 
die  vorwiegend  Tuberkulosen  des  1.  Stadiums  und  latent  waren, 
der  bin  ich  nicht  in  der  Lage,  über  alle  diese  Fälle  zahlenmäss 
Erfolge  mitzuteilen,  da  diese  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  nui 
klinisch  beobachtet  waren.  In  mehreren  Fällen  war  infolge  de 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


225 


iravidität  einhergehenden  Fettansatzes  sogar  Besserung  der  Tuber- 
e  eingetreten,  die  selbst  durch  das  gefürchtete  Wochenbett  keine 
istige  Wendung  erfuhr.  Immerhin  kann  ich  über  17  konservativ 
idelte  Fälle  hier  berichten,  welche  klinisch  beobachtet  und  von 
s  e  nachkontrolliert  wurden.  Von  diesen  haben  sich  nachträglich 
noch  7  verschlechtert  =  41  Proz.  Scheinbar  haben  wir  uns  dem- 
bei  der  Fndikatipnsstellung  getäuscht.  Wenn  wir  aber  diese  Fälle 

1  ansehen,  so  sind  z.  B.  2  in  Wegfall  zu  bringen,  bei  welchen  wir 
n  des  schon  zu  schlechten  Zustandes  auch  von  der  künstlichen 
brechung  nichts  mehr  erhofften.  Diese  beiden  sind  als  rin¬ 
net  abgelehnt  nach  3  bzw  4  Jahren  ad  exitum  gekommen.  In 
ereil  Fällen  haben  wir  uns  auf  Grund  der  Gewichtszunahme  doch 
iten  lassen  und  haben  sie  als  zu  günstig  beurteilt.  In  dem  einen 

welcher  mit  Kehlkopftuberkulose  kompliziert  war.  trat  4  Wochen 
der  Entlassung  aus  der  Klinik  der  Tod  ein,  im  anderen  Falle 
im  1.  Vierteljahr!  Es  zeigen  solche  Erfahrungen,  wie  ungenügend 
e  Hilfsmittel  zur  Beurteilung  des  Einzelfalles  sind  und  wie  un¬ 
heilbar  der  weitere  Verlauf.  Es  kann  natürlich  auch  nicht  be¬ 
et  werden,  dass  die  künstliche  Unterbrechung  diese  Fälle  gerettet 
Auf  diese  17  konservativ  behandelten  Fälle  kommen  demnach 
lesfälle  =  24  Proz.,  im  1.  Vierteljahr  2  =  12  Proz.  Die  Sterblich- 
iller  so  exspektativ  behandelten  Fälle  war  bestimmt  geringer,  da 
mr  die  als  schwer  anzusehenden  Fälle  zur  Beobachtung  in  die 
aufgenommen  haben. 

iie  Zusammenfassung  unserer  Erfahrungen,  die  wir  mit  der 
angerschaftsunterbrechung  gemacht  haben,  und  der  Folgerungen, 
ir  daraus  ziehen,  lautet: 

'urch  die  Schwangerschaft  ungünstig  beeinflusste  Fälle  von  Lun- 
und  Kehlkopftuberkulose,  d.  h.  solche,  bei  welchen  Husten,  Aus- 
Nachtschweisse,  Temperatursteigerungen,  Gewichtsabnahme  auf- 
,  hatten  nur  dann  von  der  Schwangerschaftsunterbrechung  sicht- 
Nutzen,  wenn  dieselbe  in  den  ersten  3  Monaten  vorgenommen 
:  und  der  tuberkulöse  Prozess  als  leicht  bis  mittelschwer  anzu- 
ien  war.  Der  progrediente  Verlauf  der  Tuberkulose  kam  zum  Still¬ 
oder  es  setzte  deutlich  Besserung  ein.  Je  weiter  die  Schwanger¬ 
fortgeschritten  war,  desto  irreparabler  zeigten  sich  bereits  die 
m  Lungenleiden  gesetzten  Veränderungen  und  desto  eingreifender 
;  die  Unterbrechung  selbst  bzw.  die  durch  die  Wochenbettsvor- 
involvierten  Schädigungen.  Die  Misserfolge  der  künstlichen 
mechung  sahen  wir  in  den  höheren  Schwangerschaftsmonaten  in 
tuender  Weise  und  hauptsächlich  bei  den  fortgeschrittenen  Fällen 
Tuberkulose.  Fast  vollkommen  aussichtslos  erwiesen  sich  die 
ehlkopftuberkulose  kombinierten  Fälle.  Die  künstliche  Frühgeburt 
allgemeinen  als  nicht  mehr  wirksam  zu  verwerfen.  So  kann 
stens  das  Kind  einer  ohnehin  verlorenen  Mutter  noch  gerettet 
n.  Die  Schnittentbindung  an  der  ''Sterbenden  oder  Toten  muss 
ich  lebende  Kind  zur  Welt  bringen. 

ei  Berücksichtigung  der  hohen  Frühsterblichkeit  wird  uns  die 
•  Unzulänglichkeit  der  künstlichen  Unterbrechung  besonders  klar, 
tens  in  den  3  ersten  Monaten  kann  der  künstliche  Abortus  in 
:ht  gezogen  werden,  in  den  folgenden  Monaten  ist  das  konserva- 
/erfahren  das  gegebene.  Ausnahmen  von  letzterem  Grundsatz 
,  höchstens  eben  erst  progredient  gewordene  Fälle  eines  giinsti- 
'ube-'kulosestadiums  machen. 

ach  den  durchaus  unbefriedigenden  Resultaten 

ngt  man  zu  einem  weitgehenden  Ablehnen  der 

''angerschaftsunterbrechung. 

ie  Verantwortung,  eine  Schwangerschaftsunterbrechung  abzu- 

,  scheint  mir  keineswegs  grösser,  als  dieselbe  für  berechtigt  an- 

:n. 

ifür  wird  man  mehr  und  mehr  Wert  auf  die  interne,  klimatisch¬ 
ste  oder  intern-chirurgische  Behandlung  der  Tuberkulose  legen 
n,  die  so  früh  als  möglich  und  energisch  einzusetzen  hat. 
ie  Heilstättenbehandlung,  für  die  sich  auch  M  e  n  g  e, 
z,  \  e  i  t.  Pankow,  v.  J  a  s  c  h  k  e,  Kehrer,  Frischbier, 
s i u s.  Röpke  u.  a.  einsetzen,  ist  die  wichtigste  For- 
ng  in  der  Frage  der  Fürsorge  tuberkulöser 
zangerer  und  Wöchnerinnen. 

ich  das  Anlegen  eines  künstlichen  Pneumothorax  muss  in  ge- 
en  Fällen  versucht  werden. 

st  wenn  diese  gegen  das  chronische  HauDtleiden  gerichteten 
ahmen  ihre  Unwirksamkeit  oder  Undurchführbarkeit  erwiesen 
kommt  die  Schwangerschaftsunterbrechung  in  Frage,  aber  mil¬ 
den  bereits  genannten  Einschränkungen.  Auch  nach  der  kiinst- 
Unterbrechung  wäre  wieder  die  Heilstättenbehandlung  zu  ei¬ 
nen.  Leider  stehen  heutzutage  der  Durchführung  dieser  Grund- 
noch  häufig  unüberwindliche  äussere  Schwierigkeiten  entgegen, 
enn  ich  bei  meinen  Ausführungen  Autoren  ungenannt  Hess, 

|  in  gleichem  Sinne  sich  bereits  ausgesprochen  haben,  so  habe  ich 
aummangel  Rechnung  getragen.  Die  Literatur  in  dieser  Frage 
=rdies  so  umfangreich,  dass  an  eine  vollständige  Berücksichtigung 
nmen  einer  derartigen1  Mitteilung  nicht  zu  denken  ist. 

2  Frage  der  Sterilisierung  bedarf  noch  besonderer  Be- 
ing.  Bisher  hatte  die  Leipziger  Klinik  den  Grundsatz,  in  jedem 
!r 'welchem  die  Unterbrechung  für  indiziert  angesehen  war,  das 
ktbarmachen  durch  Tubenresektion  vom  Leistenkanal  aus  vor- 
lgen-_  Es  bedeutet  ja  auch  eine  Zumutung  für  den  Arzt,  in  jedem 
wonötig  mehrmals,  bei  derselben  Frau  den  Abortus  einzuleiten, 
u  nicht  zu  leugnen,  dass  eine  Wiederholung  der  künstlichen  Unter- 
n‘g  an  sich  nicht  gleichgültig  ist  für  die  Gesundheit  der  Frau 


und  dies  um  so  mehr  für  die  bereits  geschädigte  einer  tuberkulösen. 
Bedenken  gegen  die  Sterilisierung  zerstreuen  sich  in  vielen  Fällen 
dann,  wenn  bereits  Nachkommen  vorhanden  sind. 

Wenn  die  Sterilisierung  aber,  wie  hier  üblich,  nicht  bei  demselben 
klinischen  Aufenthalt  vorgenommen  wurde,  so  erlebten  wir  sehr  häu¬ 
fig,  dass  aus  Abneigung  gegen  einen  zweiten  Eingriff  die  Frauen  am 
ausgemachten  Termin  nicht  erschienen.  Nur  10  Frauen  haben  der 
nachträglichen  Sterilisierung  sich  unterzogen.  So  kam  es,  dass  bei 
nahezu  einem  Dritte!  der  Fälle  Schwangerschaften  nachfolgten,  z.  T. 
wieder  mit  künstlicher  Unterbrechung.  So  musste  z.  B.  in  einem 
Falle  3  mal  die  Unterbrechung  gemacht  werden,  und  wir  erzielten 
schliesslich  trotz  gleichzeitiger,  allerdings  beschränkter  Larynxtuber- 
kulose  nach  Sterilisierung  doch  noch  Besserung  der  Tuberkulose. 

Besonders  bemerkenswert  sind  aber  die  Fälle, 
in  welchen  späterhip,  also  nach  dem  Abortus  arte- 
ficialis  Schwangerschaften  vollkommen  ausgetra¬ 
gen  und  sogar  1—3  rechtzeitige  Geburten  durchgemacht  wurden, 
ohne  dass  die  Tuberkulose  in  späteren  Jahren  noch 
einmal  auf  gef  lammt  wäre.  Fälle,  in  welchen  ein  vollkom¬ 
menes  Ausheilen  der  Tuberkulose  nicht  verhindert  war.  Solche  Er¬ 
fahrungen  legen  uns  doch  nahe,  die  Sterilisierung  nicht  so  grundsätzlich 
in  jedem'  Falle  erzwingen  zu  wollen.  Wäre  der  ärztliche  Rat  stets  be¬ 
folgt  worden,  so  wäre  einem  Teil  der  Frauen  Nachkommenschaft  ver¬ 
sagt  geblieben.  Wenn  dies  auch  immer  vereinzelte  Vorkommnisse  sein 
werden,  so  sind  sie  doch  von  grosser  Bedeutung.  Leider  dürfte  es  aber 
erheblichen  Schwierigkeiten  begegnen,  Fälle  von  vornherein  als  derart 
günstige  herauszufinden. 

Man  könnte  einwenden,  dass  wohl  bereits  die  Unterbrechung  über¬ 
flüssig  gewesen  sei.  Nach  der  klinischen  Beobachtung  hatten  wir  aber 
den  Eindruck,  dass  nur  die  sofortige  Beendigung  der  Schwangerschaft 
eine  Wendung  in  der  absteigenden  Bahn  der  Tuberkulose  gebracht  und 
dass  sie  die  Ausheilung  ermöglicht  hatte. 

Die  Indikationen  zur  Sterilisierung  werden  von  den  verschiedenen 
Autoren  verschieden  formuliert.  Winter  zieht  mit  Recht  die  Grenzen 
sehr  eng.  Eine  grosse  Zurückhaltung  scheint  auch  mir  geboten,  zumal 
in  Form  der  Dauersterilisierung.  Wir  dürfen,  meiner  Ansicht  nach, 
wenn  wir  die  Unfruchtbarkeit  im  Interesse  der  Erhaltung  des  Lebens 
der  Mutter  erwirken  wollen,  in  den  meisten  Fällen  nur  auf  die  tem¬ 
poräre  Sterilisierung  hinauskommen.  Darauf  kann  die  Me¬ 
thode  der  Operation  eingestellt  werden.  Derartige- Verfahren  sind  an¬ 
gegeben  von  B  e  u  1 1  n  e  r  (Septumbildung  in  der  Tube),  S  e  1 1  h  e  i  m 
(intraligamentäre  Versenkung  der  Tube),  Menge.  Stoeckel  (extra¬ 
peritoneale  Einbettung  der  Tube  zwischen  den  Bauchdecken),  Blum- 
berg,  van  de  Velde  (Versenkung  der  Ovarien  in  Peritonealtaschen), 
Gutbrod  (extraperitoneale  Verlagerung  der  Ovarien). 

Wesentlich  erscheint  mir,  dass  das  abdominale  Tubenostium  in 
eine  von  Peritoneum  ausgekleidete  Kammer  versenkt  wird,  um  starke 
Verwachsungen  mit  Verschluss  des  Fimbrienendes  zu  verhüten,  was  bei 
Verstecken  subperitoneal  in  das  Beckenbindegewebe  oder  im  Leisten¬ 
ring  extraperitoneal  nicht  so  leicht  vermeidbar  sein  dürfte.  Es  muss 
allerdings  der  Zugang  zu  dem  Ostium  und  die  Kammer  allseitig  gut  ver¬ 
schlossen  und  ein  Zurückschlüpfen  der  Tube  verhindert  sein.  Ich  glaube 
es  erreichen  zu  können  dadurch,  dass  ich  das  abdominale  Tubenende 
vom  vorderen  Blatt  des  Ligamentum  latum  aus  durch  eine  Durch¬ 
bohrung  desselben  unterhalb  des  Ligamentum  rotundum  nach  vorne 
hindurchziehe  und  zwischen  Blase  und  Ligamentum  rotundum  in  einer 
Bucht  des  Peritoneums,  welche  allseitig  gut  abgeschlossen  wird,  fixiere. 
Dann  bleibt  das  Ovarium  retroligamentär,  die  Tubenöffnung  eingekapselt 
anteligamentär  unter  gleichzeitiger  Abknickung  des  Tubenrohrs.  Diese 
Methode  habe  ich  in  Lokalanästhesie  per  laparotomiam  ausführen 
können. 

Als  Methoden  der  Dauersterilisierung  kommen  in  ge¬ 
gebenen  Fällen  neben  der  Resektion  und  Unterbindung  der  Tuben, 
sei  es  vom  Alexander-Adams-Schnitt  aus,  sei  es  per  kolpotomiam,  noch 
folgende  in  Frage.  Die  Uterusexstirpation  unter  Erhalten  der  inner¬ 
sekretorisch  wertvollen  Ovarien  wird  von  Stoeckel  bei  schwerer 
Lungentuberkulose  zur  Ausschaltung  der  die  Erholung  und  Heilung  be¬ 
hindernden  Menstruation  für  gerechtfertigt  angesehen.  Aber  auch  die 
mit  der  Uterusexstirpation  verbundene  Kastration  ist  empfohlen  worden 
von  B  u  m  m,  Fehling  u.  a.  in  der  Erwartung,  dass  der  alsdann  ver¬ 
änderte  Stoffwechsel  mit  Vermehrung  des  Fettansatzes  die  Heilung  der 
'Tuberkulose  begünstige. 

Die  Röntgensterilisation  (Gauss),  vorübergehend  oder  dauernd, 
verdient  in  Einzelfällen,  zumal  wo  operative  Massnahmen  zu  eingreifend 
erscheinen,  ebenfalls  Berücksichtigung. 

Die  Indikation  zur  Sterilisierung  überhaupt  wird  sich 
aus  folgenden  Erwägungen  ergeben  müssen. 

Vor  vollkommener  Ausheilung  der  Lungentuberkulose  muss  Gra¬ 
vidität  verhütet  werden.  Die  Ausheilung  ist  in  erster  Linie  durch  die 
gegen  die  Tuberkulose  gerichtete  interne  oder  chirurgische  Therapie 
apzustreben.  Die  Sterilisation  soll  nur  dann  angewendet  werden,  wenn 
die  1  uberkulosebehandlung  nicht  durchgeführt  werden  kann  ohne  sichere 
Ausschaltung  einer  dazwischentretenden  Schwangerschaft.  Berechti¬ 
gung  hat  die  Sterilisierung  nur  in  Fällen,  in  welchen  auch  ein  Erfolg 
zu  erwarten  ist,  also  in  Fällen  mit  Aussicht  auf  Heilung.  In  desolaten 
kommt  sie  doch  zu  spät  und  wirkt  höchstens  als  neuer  Eingriff  gefährlich. 

Ob  dauernd  oder  zeitlich  sterilisiert  werden  soll,  ist  eine  zweite 
Frage.  Gegen  Dauersterilisierung  kann  bei  Mehrgebärenden  mit 
lebendem  Nachwuchs  nichts  eingewendet  werden.  Temporäre  Sterili¬ 
sierung  ist  am  Platze  vor  allem  bei  heilbaren  Tuberkulösen  nach  einer 


226 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Unterbrechung  mit  Rücksicht  aut  spätere  Nachkommenschaft.  Durch 
die  Möglichkeit  der  Wiederherstellung  der  Fruchtbarkeit  wird  das  Ab¬ 
schreckende  dieser  Operation  beseitigt.  Dass  Misserfolge  der  zeitlichen 
Steriliserung  Vorkommen  können,  darf  de  Anwendung  nicht  verbieten. 
Literatur  siehe  Lohse,  Dissertation,  Leipzig  1921. 


Aus  dem  Knappschaftskrankenhause  IV,  Langendreer. 

Bemerkungen  zur  Uterusausräumung  in  der  Allgemein¬ 
praxis. 

Von  Dr.  M.  Friedemann,  Chefarzt  des  Krankenhauses. 


An  zwei  unlängst  von  mir  beobachtete  Fälle  von  Perforation  des 
Uterus  durch  ärztlichen  Eingriff  möchte  ich  einige  Bemerkungen  knüpfen. 

Nr.  1.  Frau  L„  24  Jahre,  fühlt  sich  seit  ca.  3  Monaten  gravide,  seit 
14  Tagen  blutet  sie,  wehenartige  Schmerzen  treten  auf,  am  2.  Februar  iviv 
holt  sie  einen  Arzt.  Der  macht  in  der  Wohnung  der  Kranken  eine  Aus¬ 
räumung.  Er  führt  ohne  Narkose  Hegar  sehe  Dilatatoren  ein,  die  angeblich 
nicht  besonders  schwer  durchgingen,  die  Frau  hat  aber  starke  Schmerzen 
dabei,  so  dass  nachher  Narkose  gegeben  wird,  mit  Abortzange  wird  ein  Stuck 
Gewebe  vorgezogen,  das  als  Darm  erkannt  wird.  Sofort  Ueberfuhrung  in  das 
Ta  ri  kenhaus 

Status:  Leidlich  wohlaussebend,  jedenfalls  nicht  auffallend  blass.  Puls 
klein.  Leib  weich,  nicht  druckempfindlich.  Scheide  tamponiert.  Nach  Ent¬ 
fernung  des  Tampons  zeigt  sich  in  der  Scheide  ein  Stück  Dickdarm  von 
ca  40  cm  Länge,  das  von  seinem  Mesenterium  abgetrennt  ist. 

Sofort  Operation  (Dr.  Friedemann).  Laparotomie.  Massige 
Mengen  Blut  im  kleinen  Becken.  Uterus  etwa  dem  2.  Monate  der  Gravidität 
entsprechend.  Am  Fundus,  nicht  weit  von  der  rechten  Tubenecke,  eine  frische 
Verletzung,  rundes  Loch,  kaum  für  den  kleinen  Finger  durchgängig.  Fest  darin 
eingeklemmt  eine  Dickdarmschlinge.  Schlinge  wird  in  Ausdehnung  von  43  cm 
reseziert.  Lumina  End-zu-End  vereinigt.  Loch  iip  Uterus  nach  Entfernung  der 
eingeklemmten  Schlinge  vernäht.  Es  handelte  sich  um  die  Flexura  sigmoidea. 

Ungestörter  Heilverlauf.  Nach  13  Tagen  geheilt  entlassen. 

Natürlich  gerichtliches  Nachspiel.  Ausserdem  war  der  Hebamme  zu 
Ohren  gekommen,  man  habe  sie  verdächtigt,  bei  einer  vorangegangenen 
Untersuchung  die  Verletzung  herbeigeführt  zu  haben.  Wie  unangenehm  diese 
Dinge  für  den  Arzt  werden  können,  zeigt  u.  a.  ein  Brief  der  Hebamme  an 
mich.  Bei  dem  mir  bekannten  Charakter  der  Hebamme  bin  ich  überzeugt, 
dass  sie  die  Geschichte  im  Sinne  des  Inhalts  dieses  Briefes  von  Haus  zu  Haus 
getragen  hat.  Jedenfalls  drückte  sie  sich  bei  der  Vernehmung  vor  Gericht 
ähnlich,  wenn  auch  etwas  vorsichtiger  aus.  Die  Glaubwürdigkeit  der 
Hebamme  lasse  ich  unerörtert.  Der  Brief  lautet  in  dem  entsprechenden 
Teil'  „Er  erweiterte  mit  6  Kolben  der  Grösse  nach  den  Mutter¬ 
mund.  untersuchte  nochmals  und  führte  durch  den  Muttermund  die  Sonde 
20  cm  weit  ein.  Die  Frau  schrie  unter  den  entsetzlichsten  Schmerzen: v mein 
Leib,  mein  Leib,  ich  halte  es  nicht  mehr  aus,  lassen  Sie  mich  in  Ruhe.1  Als 
mir  der  Arzt  die  Sonde  zeigte,  da  sagte  ich:  so  gross  kann  aber  die  Gebär¬ 
mutter  noch  nicht  sein.  Die  Frau  schrie  in  einem  fort:  .mein  Leib,  mein  Leib, 
gebt  mir  Narkose.1  Ich  musste  sie  narkotisieren  und  Herr  Doktor  ging  mit 
einem  grossen  Löffel  ein  und  holte  mit  einem  Ruck  die  Därme  hervor,  bis  voi 
die  Schamspalte.  Ich  schrie  vor  Erstaunen  und  sagte:  ,Herr  Doktor,  was 
machen  Sie  denn  da!1  Hätte  ich  das  nicht  gesagt,  hätte  er  die  Därme  noch 
mehr  verletzt  und  sie  total  zerrissen.  Ich  bin  Zeuge,  wie  derselbe  gearbeitet 
hat.  Solch  eine  Ausräumung  habe  ich  in  10  Jahren  noch  nicht  erlebt.“ 

Nr.  2.  Frau  B.,  30  Jahre,  kein  Partus,  5  Fehlgeburten,  seit  Jahren  häufig 
Endometritis.  Jetzt  wieder  Blutungen  und  Ruckenschmerzen.  Am  18.  X.  1921 
Leibschmerzen  und  Fieber.  Am  19.  X.  vormittags  zwischen  11  und  12  Uhr 
Kürettage  durch  praktischen  Arzt  in  Narkose.  Wegen  Nachblutung  Tamponade. 
Als  die  Hebamme  nachmittags  gegen  4  Uhr  den  Tampon  entfernt,  hatte  die 
Kranke  starke  Schmerzen.  Die  Hebamme  merkte,  dass  mit  dem  Tampon 
ein  Stück  „Bauchfell“  vorgezogen  wurde,  rief  den  behandelnden  Arzt,  der 
sofortige  Ueberführung  in  das  Krankenhaus  anordnete.  Soweit  die  Anamnese, 
wie  sie  uns  die  Kranke  angab.  Der  Kollege  berichtete  mir  dann  noch  auf 
meine  Anfragen,  dass  er  die  Auskratzung  in  tiefer  Narkose  nach  Dehnung 
der  Zervix  bis  Hegar  Nr.  5  vorgenommen  habe.  Sodann  habe  er  die  Gebär¬ 
mutter  mit  einem  Jodoformgazestreifen  von  3  m(!)  Länge  und  8  cm  Breite  aus¬ 
gestopft.  Da  bei  der  gynäkologischen  Untersuchung  sich  „ein  sehr  weicher, 
morscher  Uterus“  vorfand,  sei  er  bei  der  Auskratzung,  die  in  der  Hauptsache 
mit  stumpfer  Kürette  gemacht  wurde,  sehr  vorsichtig  zu  Werke  ge- 


gangen. 

Status:  Grazil,  matt,  blass.  Puls  leidlich  kräftig,  80,  Temperatur  38,3. 
Abdomen  eingezogen,  Bauchdecken  hart  gespannt,  überall  druckempfindlich. 
Aus  der  Scheide  ragt  ein  durchbluteter  Gazestreifen  heraus. 

Operation  (Dr.  Linde  Ae.):  Laparotomie.  Mässig  viel  Blut. 
Uterus  von  normaler  Grösse  und  Konsistenz,  vielleicht  etwas  weich.  Im 
Fundus  ein  etwa  für  2  Finger  durchgängiges  Loch.  Ein  Netzzipfel  bis  hart 
ans  Kolon  transv.  hereingezogen.  Ein  Jodoformgazestreifen  in  der  Bauch¬ 
höhle,  der  von  der  Perforationsöffnung  an  1  m  lang  ist.  Netzresektion.  Naht 
der  Uterusperforation.  Teilweise  Drainage.  Heilverlauf  ungestört. 

9.  X.  Beschwerdefrei  entlassen.  An  der  Drainagestelle  noch  Granu¬ 
lationsknopf. 

Das  die  Krankengeschichten.  Aehnliche  sind  nicht  selten  mitgeteilt 
worden  Man  pflegt  dann  an  derartige  Veröffentlichungen  Bemerkungen 
über  die  Gefährlichkeit  der  Kürette  anzuknüpfen.  Es  wird 
der  Rat  erteilt,  Aborte  nur  mit  dem  Finger  auszuräumen,  höchstens 
mit  der  Abortzange  und  wenn  man  schon  die  Kürette  gebraucht,  dann 
solle  es  nur  eine  stumpfe  sein. 

Im  bewussten  Gegensatz  zu  vielen  anderen  will  ich  meinen  oben 
angeführten  Krankengeschichten  nicht  die  Warnung  an  die  in  der 
allgemeinen  Praxis  tätigen  Kollegen  vor  der  scharfen  Kürette  folgen 
lassen.  IchhaltediescharfeKürettefürun entbehrlich 
für  den  praktischen  Arzt  und  glaube,  dass  sie  in  der  Hand 
eines  einigermassen  vorsichtig  arbeitenden  nahezu  ungefährlich  ist, 


jedenfalls  nicht  gefährlicher  als  manche  andere  Instrumente,  die 
intrauterinen  Eingriffen»  gebraucht  werdet!.  Ich  habe  Grund  anzunehnu 
dass  die  Uteruswand  so  gut  wie  nie  von  der  scharfen  Schneidet 
Kürette  durchschnitten,  sondern,  dass  sie  von  der  K  u  p  p  e  dt 
selben  durchstossen  wird  und  die  ist  bei  scharfer  und  stumpi 
Kürette  gleich.  Die  stumpfe  Kürette  ist  bei  gewissen  Fällen,  ganz  fi 
sitzender  Pazentastiicke  oder  zur  Abrasio  mucosae  bei '  Endometr: 
nicht  zu  gebrauchen. 

Viel  wichtiger  ist,  dass  eine  möglichst  g  r  o  s  s  e  Kürette  genomm 
wird  Das  führt  mich  gleich  zu  dem  wichtigen  Punkte  der  Zervi 
erweiterung.  Wird  diese  nicht  in  genügender  Weise  vorgenomm» 
muss  man  1.  eine  kleine  Kürette  nehmen,  die  leichter  durchstösst,  2. 
man  in  den  Bewegungen  behindert  und  arbeitet  unsicher. 

Auf  die  für  den  praktischen  Arzt  beste  Art  der  Erweiterung  t 
Gebärmutterhalses  vor  Abortausräumung  will  ich  nicht  des  längeren  e 
gehen  will  nur  sagen,  dass  nach  meiner  Meinung  der  Natur  weit  mi 
überlassen  werden  könnte; ‘man  ist  im  allgemeinen  viel  zu  schnell  i 
der  Ausräumung  bei  der  Hand,  begreiflich  durch  den  Hochbetr 
mancher  grossen  Kassenpraxis.  Soll  man  riskieren,  wenn  man  ■ 
Sache  nicht  gleich  beendet,  nach  einigen  Stunden  wegen  starke 
Blutung  wieder  gerufen  zu  werden?  Und  doch  ist  es  durch; 
wünschenswert,  einen  Abort  erst  nach  hinreichender  Eröffnung  a 
zuräumen.  —  Will  oder  muss  man  diese  aus  irgendeinem  zwingen: 
Grunde  beschleunigen,  so  halte  ich  die  Tamponade  der  Zervix  : 
Jodoformgaze  für  eines  der  besten  Mittel.  Alle  24  Stunden  erneue 
Bei  stärkerer  Blutung  dazu  Watte-Gaze-Kugelm  4— 6  so  fest  in 
Scheidengewölbe,  bis  die  Aa.  uterinae  komprimiert  sind.  (En 
Quellstift  habe  ich  niemals  anzuwenden  das  Bedürfnis  gehabt.)  Di 
allmähliche,  abwartende  Erzielung  der  Eröffnung  ist  natürlich  schonen 
und  ungefährlicher  als  die  gewaltsame,  etwa  mit  Fritsch-  oder  rlcg 
stiften,  nur  ist  sie  eben  in  grosser  Kassen-  oder  weitläufiger  La 
Praxis  schwer  durchzuführen.  —  Bei  meinem  ersten  Fall  ist  die  Fi 
foration  augenscheinlich  durch  einen  Hegardilatator  (wenn  nicht  du 
die  Sonde)  herbeigeführt.  Bei  dem  zweiten  vielleicht  durch  den  Stop 
vielleicht  w  ar  aber  eine  kleine  Verletzung  schon  durch  die  Kürette 
schehen  und  wurde  durch  das  Ausstopfen  mit  den  grossen  Meid 
Jodoformgaze  erweitert.  Die  Ueberwindung  des  inneren  Muttennun 
bei  Anwendung  der  Hegarstifte  etc.  muss  natürlich  mit  allei  Vors 
geschehen  Man  halte  doch  die  Kuppe  des  Zeigefingers  der  eimum 
den  Hand  auf  einen  Punkt  des  Stiftes,  der  nur  um  Zervixlange 
seinem  Kopf  entfernt  ist.  dann  kann  nichts  passieren. 

Also,  gründliche  Eröffnung  und  grosse  Kiiiette  ist  das  eiste, 
ich  empfehlen  möchte,  ganz  abgesehen  von  den  Hauptbedingungen 
alles  chirurgische  Arbeiten:  leichte  Hand,  Vorsicht,  Aufmerksam! 

Gewissenhaftigkeit.  T  ,  , 

Ein  zweiter  wichtiger  Punkt  ist  die  Anästhesie.  .  Lumbal-  < 
Sakralanästhesie  kommt  für  den  prakt.  Arzt  wohl  kaum  in  Fiage.  i 
Narkose.  Wer  keinen  Gehilfen  hat,  der  die  Technik  etwa  eines  Aet 
chloridrausches  s  o  beherrscht,  dass  er  stets  vor  dem  Exzitatii 
Stadium  bleibt,  der  muss  schon  tief  (am  besten  wohl  mit  Aet 
narkotisieren  lassen;  denn  die  ungenügende  Narkose  stellt  i 
meiner  Meinung  eine  der  grössten  Gefahrenquellen 
die  Perforation  des  Uterus  bei  der  Ausräumung  dar.  Ein 
vorhergesehener  Ruck  der  Kranken,  eine  schnelle  Bewegung,  ein  pl 
liches  starkes  Pressen  nach  unten  und  das  Unglück  ist  gesehen 
Ausserdem  wird  der  Arzt  unruhig  und  nervös,  und  arbeitet  hastig 
unsicher.  Was  von  den  halb  Narkotisierten  gesagt  ist,  gilt  z.  T..  < 
für  die  Patienten  ohne  jede  Betäubung.  Ich  will  damit  nicht  sa 
dass  gelegentlich  nicht  eine  Abortausräumung  (oder  Kürettage 
anderen  Gründen)  ohne  Narkose  vorgenommen  werden  könnte, 
kommt  auf  die  Empfindlichkeit  der  Kranken  an.  In  der  Praxis  ' 
den  noch  viele  Kürettagen  an  der  unbetäubten  Patientin  gemi 
Will  sie  den  für  manche  nicht  sehr  erheblichen  Schmerz  aushalten 
liegt  sie  völlig  ruhig,  gut.  Wird  sie  aber  ängstlich,  bewegt  sich  zi 
dann  kommen  wieder  dieselben  Gefahren  wie  die  der  mangelhaft 
kotisierten,  ganz  abgesehen  davon,  dass  der  Arzt  möglichst  nie 
Schmerzen  bereiten  soll.  Oft  fehlt  es  an  einer  geeigneten  Assis 
und  am  Gehilfen  zur  Narkose.  Dass  stets  ein  zweiter  Arzt  hi. 
gezogen  wird,  wie  es  manche,  die  nie  in  allgemeiner  Piaxis  ] 
waren,  fordern,  ist  undurchführbar. 

Die  Abortzange,  je  grösser  die  Löffel,  desto  besser,  ist 
ein  von  uns  bevorzugtes  Instrument.  In  vielen  Fällen  sollte  sie 
der  Kürette  angewandt  werden,  sie  macht  sicher  weniger  leicht 
Verletzung,  ganz  ersetzen  kann  sie  die  Kürette  nicht  bei  der  A 
ausräumung.  Dass  aber  nicht  nur  bei  einer'  solchen,  sondern  aucl 
Auskratzungen  wegen  Endometritis,  wo  man  doch  auf  Kürette 
gewiesen  ist,  eine  Perforation  der  Unteruswand  Vorkommen  kann, 
mein  zweiter  Fall. 

Wie  bei  der  Abortbehandlung  die  aktive  Richtung,  sicher 
immer  zum  Vorteil  der  Kranken,  in  der  Praxis  mehr  Anhänger  na 
die  konservative,  so  auch  bei  der  Therapie  der  Endometntis. 
glaube,  es  wird  viel  zu  viel  ausgekratzt. 

Am  meisten  pflegt  von  Gynäkologen  die  Ausräumung  mit 
Finger  empfohlen  zu  werden.  Für  Klinik  und  Krankenhaus  ist  : 
nichts  dagegen  einzuwenden.  Wenngleich  auch  da  oft  genug  nacli 
gerem  vergeblichen  Bemühen  Zange  und  Kürette  schliesslich  not 
Hilfe  genommen  werden  müssen.  Eine  Empfehlung  der  d 
talen  Ausräumung  für  die  allgemeine  Praxis  h 
i  c  h  f  ii  r  f  a  1  s  c  h.  Ich  will  gar  nicht  zu  bedenken  geben,  dass 
schon  angedeutet,  das  Herausbefördern  der  Abortreste  mit  dem  r 


;  'ebruax  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


227 


|  schwierig  sein  kann,  längere  und  tiefere  Narkose  bis  zur  völligen 
bannung  der  Bauchdecken  erfordert,  und  dass  die  (wenn  auch  nur 
ipfen)  Manipulationen  nicht  selten  eine  ziemlich  erhebliche  Gewalt- 
j  irkung  auf  die  Uteruswand  im  Sinne  der  Quetschung  darstellen, 
■ines  will  ich  in  den  Vordergrund  stellen:  das  ist  die  I  n  f  e  k  t  i  o  n  s  - 
i  h  r. 

ch  halte  sie  für  viel  drohender  beim  Arbeiten  mit  dem  Finger, 
ie  Perforationsgefahr  beim  Arbeiten  mit  der  scharfen  Kürette, 
n  25  jähriger  Arbeit  1.  als  Assistent  auf  gynäkologischer  Station 
grösseren  Krankenhauses  und  in  der  Universitätsklinik,  2.  in 
er  allgemeiner  Stadt-  und  Landpraxis.  3.  als  Leiter  eines  Kranken- 
-s  habe  ich  nur  diese  beiden  mitgeteilten  Fälle  von  Perforation 
Jterus  durch  Arzt  bei  Abort,  resp.  Endometritisbehandlung  gesehen, 
ehr  geringer  Prozentsatz,  wenn  man  bedenkt,  wieviel  ausgeräumt 
usgekratzt  wird.  Diese  beiden  Fälle  sind  gut  ausgegangen.  Natiir- 
inag  manche  Perforation  unbemerkt  bleiben  (und  manche  bemerkte 
veröffentlicht  werden).  Aber  ungezählt  sind  die  Fälle  von  In- 
m  nach  intrauterinen  Eingriffen  mit  Finger  und  Hand,  die  ich 
te  und  die  gingen  oft  nicht  gut  aus. 

Man  muss  heute  daran  festhalten,  dass  die  Hand  des  praktischen 
cs,  der  alle  Augenblicke  mit  septischen  Keimen  in  Berührung 
it,  durch  keins  der  uns  bekannten  Desinfektionsverfahren  ganz 
jerkeimfreizu  machen  ist.  Also:  entweder  er  muss  bei  jedem 
uterinen,  digitalen  Eingriff  einwandfrei  sterilisierte  Qummihand- 
ie  anziehen,  was  übrigens  die  Ausräumung  etwas  erschweren  kann, 

1  er  muss  bei  jeder  unsauberen  Manipulation,  nicht  nur  beim  Auf- 
:  iden  von  Panaritien  und  Phlegmonen,  bei  Rektum-,  Scheiden  und 

höhlenuntersuchungen,  sondern  auch  bei  jedem  unsauberen  Ver- 
.vechsel  etc.  Handschuhe,  die  dann  allerdings  nicht  steril  im 
jen  Sinne  zu  sein  brauchen,  überziehen.  Beides  lässt  sich  in  der 
s  nicht  leicht  durchführen.  Wird  das  letztere  Verfahren  gewählt 
wirklich  mit  peinlicher  Genauigkeit  in  jedem  Falle  angewandt,  nur 
könnte  eine  Ausräumung  des  Uterus  mit  nacktem  Finger  ohne 
donsgefahr  gemacht  werden.  W  i  e  man  sich  dann  vorher  die 

2  desinfiziert,  ist  dann  ziemlich  gleichgültig.  Das  beste  für  die 
s  .st  vielleicht  die  5  Minuten  lange  Waschung  mit  Alkohol,  im 
Ile  Brennspiritus. 

Ge  vernichtend  die  in  den  Uterus  eingeführte  Hand  wirken  kann, 
die  eben  besprochenen  Vorsichtsmassregeln  nicht  angewandt 
n,  dafür  mögen  einige  Krankheitsgeschichten  als  Beispiel  dienen, 
ieten  auch  in  bezug  auf  die  Sepsistherapie  Interessantes. 

!r.  3.  Frau  J.  Sehr..  20  Jahre.  30.  III.  1920  nachts  1  Uhr  normal 
iende  Geburt.  3/4  Uhr  morgens  manuelle  Entfernung  der  Plazenta 
Arzt,  der  von  der  Hebamme  wegen  Blutung  herbeigerufen  w;yr. 

1.  III.  12  Uhr  mittags  Schüttelfrost,  Temperatur  40°. 
j.  IV.  Husten  mit  ..blutig-schmutzigem“  Auswurf. 

I-  IV.  Morg.  10  Uhr  Schüttelfrost,  Temperatur  41°.  Aufnahme  in  das 

enhaus. 

tatus:  Gesicht  blass,  Sensorium  klar.  Zunge  trocken.  Puls  160,  nicht 
Atmung  beschleunigt.  Temperatur  zunächst  39,4,  nach  einem  alsbald 
[lenden  Schüttelfrost  41,4.  Ueber  den  Lungen  in  den  unteren  Partien 
;  geräusche.  Herztöne  rein.  Abdomen  stark  aufgetrieben,  aber  nicht 
[gespannt,  nicht  besonders  druckempfindlich.  Milz  nicht  zu  fühlen, 
riechender  Ausfluss  aus  der  Scheide. 

lakteriologische  Blutuntersuchung  zunächst  negativ.  Später  an  2  Tagen 
einander  Staphylokokken  .  und  hämolytische  Streptokokken, 
weimal  Bluttransfusion  von  der  Schwester  der  Kranken,  einmal  intra- 
:  Dauertropfinfusion  von  1  Liter  Natr.  carb.-Lösung.  Camphor.  Digi- 
rn.  Alles  umsonst.  Täglich  Schüttelfröste.  Temperatur  pendelt  zwi- 
38  und  41. 
m  10.  IV.  Exitus. 

r.  4.  Frau  M..  36  Jahre.  14.  VII.  1920  morgens  9  Uhr  Zwillings- 
•  Nach  der  Geburt  des  2.  Kindes  setzte  erhebliche  Blutung  ein.  Der 
ezogene  Arzt  versuchte  gegen  9/4  Uhr  Crede,  ohne  Erfolg,  daher 
Ile  Ausräumung  der  Plazenta. 

m  17.  VII.  hohe  Temperatur,  -die  auch  am  nächsten  Tage  anhielt. 

>■  VII.  abends  8  Uhr  Aufnahme  in  das  Krankenhaus, 
tatus:  Elender  Kräfte-  und  Ernährungszustand,  Schleimhäute  wenig 
ilutet.  Zunge  feucht,  stark  belegt.  Puls  136,  mittelkräftig.  Herztöne 
Temperatur  38".  Pulmones  o.  B.  Abdomen  etwas  gespannt.  Geringe 
Empfindlichkeit  in  der  linken  Unterbauchgegend.  Aus  der  Scheide  übel- 
ider  Ausfluss.  Bakteriologische  Blutuntersuchung  negativ, 
ynäkologische  Untersuchung  wird  erst  einige  Tage  später  vorge- 
-■n.  In  den  ersten  Tagen  sollte  absolute  Ruhe  gewahrt  werden.  Der 
stellt  handbreit  über  der  Symphyse,  ist  etwas  druckempfindlich, 
etrien  frei.  Uterusspülung  mit  50  proz.  Alkohol,  wobei  Eiterfetzen 
it  werden. 

erlauf  und  Therapie:  In  den  nächsten  Wochen  wurde  das  Befinden 
'*er‘  Benommenheit,  kleiner  Puls,  der  zweimal  eine  Frequenz  bis  180 
'te,  häufig  um  140  war,  Schüttelfröste,  elendes  Aussehen,  intermittieren¬ 
der,  das  einmal  die  Höhe  von  41,8  (!)  erreicht.  Behandlung  war 
iend,  kleine  Gaben  Chinin.  Bei  den  septischen  Durchfällen,  die  längere 
ndurch  bestanden,  bis  20  Entleerungen  pro  Tag.  Bismut  und  Bol.  alb. 
ise.  Digitalis.  Sonst  nichts.  Bakteriologische  Blutuntersuchungen  wür¬ 
dig  vorgenommen,  nur  einmal  fanden  sich  anaerob  wachsend  auf  allen 
i  Kokken  vom  Aussehen  der  Staphylokokken.  Die  Kontrollplatte  blieb 
4  Wochen  schwebte  die  Kranke  zwischen  Leben,  und  Tod,  dann 
1  sich  eine  linkseitige  purulente  Parametritis.  Nach  Inzision  allmählich 
ung. 

m  11.  IX.,  also  nach  fast  zweimonatigem  Krankenlager,  konnte  sie 

1  seheilt  entlassen  werden. 

'Anschluss  an  diese  letzte  Krankengeschichte  möchte  ich,  etwas 
Hiema  abschweifend,  hervorbeben,  wie  hier  eine  schwere  puer- 
-epsis  mit  Benommenheit,  Durchfällen,  Puls  bis  zu  180  und 
dis  fast  42°,  Keimen  im  Blut  etc.  ohne  jede  eingreifende  Thera¬ 


pie  zur  Heilung  kam.  In  einem  im  vorigen  Jahre  in  der  Bochumer 
medizinischen  Gesellschaft  gehaltenen'  Vortrage  über  Quellen  septischer 
Allgemeininfektion  habe  ich  die  Temperaturkurve  dieser  Kranken  ge¬ 
zeigt  und  gesagt,  was  ich  hier  nochmal  wiederholen  möchte:  „Man  denke 
sich  einen  Kollargolanhänger,  der  die  Pat.  mit  diesem  oder  sonst  einem 
Silberpräparat  behandelt  hätte,  wie  würde  er  diese  Kurve  und  die  Mit¬ 
teilung  des  günstigen  Ausgangs  zur  Anpreisung  des  Heilmittels  benutzt 
haben.“  Ich  habe  nach  sehr  reichen  Erfahrungen  auf  diesem  Gebiete 
keinen  Grund  mehr,  Kollargol.  Dispargen,  Argochrom  und  wie  sie  alle 
heissen,  anzuwenden. 

Die  als  Beispiel  angeführten  beiden  Krankengeschichten  sind  lei¬ 
der  durchaus  nicht  die  einzigen.  Ich  habe  eine  ganze  Anzahl  von  Fällen 
mit  mehr  oder  weniger  schweren  Infektionen  im  Anschluss  an  ähnliche 
intrauterine  Eingriffe  ins  Krankenhaus  bekommen.  Wie  aber  würden 
sich  dieselben  noch  vermehren,  wenn  nicht  nur  die  verhältnismässig 
nicht  häufigen  Plazentalösungen  nach  Geburt  und  Frühgeburt, 
sondern  auch  jede  Ausräumung  bei  Fehlgeburt  mit  den  Fingern 
vorgenomnien  würde! 

Ich  möchte  meine  Ausführungen  so  zusammenfassen: 

1.  Die  scharfe  Kürette  ist  ein  in  der  Praxis  unentbehrliches  und  sehr 
brauchbares  Instrument  nicht  nur  zur  Abrasio  mucosae  bei  Endo¬ 
metritis,  sondern  auch  zur  Ausräumung  von  Abortresten.  Hier  sollte 
sie  aber  öfter  durch  die  Abortzange  ersetzt  werden. 

2.  Vorsicht  beim  Hantieren  mit  der  scharfen  Kürette,  sowie  mit 
Metalldilatatoren,  Sonden  und  Stopfern,  ist  geboten,  da  Verletzungen 
der  Uteruswand  sonst  Vorkommen  können.  Ruhige  Lage  der  Kranken 
muss  gewährleistet  sein  (gegebenenfalls  tiefe  Narkose). 

3.  Ist  eine  Perforation  erfolgt,  muss  die  Kranke  so  schnell  wie  mög¬ 
lich  fachärztlicher  Behandlung  zugeführt  werden.  Bei  möglichst  früh¬ 
zeitiger  Operation  ist  die  Prognose  durchaus  günstig. 

4.  Digitale  Ausräumung  des  Aborts  empfiehlt  sich  in  der  Allgemein¬ 
praxis  nicht,  da  die  Gefahr  der  Infektion  durch  den  Finger  des  Arztes 
weit  grösser  ist  als  die  Gefahr  der  Perforation  beim  Arbeiten  mit 
Zange  und  Kürette. 

5.  Muss  nach  Entbindung  (Geburt  oder  Frühg'eburt)  die  adhärente 
Plazenta  manuell  gelöst  werden,  soll  das  möglichst  nur  mit  sterilen 
Gummihandschuhen  geschehen,  falls  nicht  der  Arzt  seine  Hände  vor 
der  Berührung  mit  Eiterkeimen  dadurch  zu  schützen  gewohnt  ist  dass 
er  bei  unreinen  Fällen  Handschuhe  anzieht. 

6.  Die  Indikationen  zu  Auskratzungen,  resp.  Ausräumungen  bei  ver¬ 
stärkten  Blutungen,  bei  Abort  und  adhärenter  Plazenta  post  partum 
sollen  vorsichtig  gestellt  werden. 


Ueber  den  Wert  der  genealogischen  Forschung  für  die 
Einteilung  der  Psychosen  —  speziell  der  Paranoia  — 
und  über  die  Regel  vom  gesunden  Drittel. 

Von  Prof.  C.  v.  Econ omo- Wien. 

Vor  bald  zwei  Jahrzehnten  hat  Wagner  von  Ja  u  rege  [1] 
gesagt,  dass  das  Studium  der  Hereditätstatsachen  ein  dankbarer  Weg 
wäre,  um  zu  einer  natürlichen  Gruppierung  der  Psychosen  zu  gelangen. 
Am  brauchbarsten  zu  diesem  Zweck  schien  mir  [2]  schon  damals  die 
genealogische  Methode  zu  sein,  bei  der  wir  die  erwachsene  Nach¬ 
kommenschaft  eines  vor  Dezennien  an  einer  bestimmten  Psychose 
Erkrankten  nach  psychischen  Abnormitäten  durchsuchen:  denn  diese 
Methode  entspricht  beinahe  einem  Züchtungsexperiment  und  enthebt  uns 
der  misslichen  Aufgabe,  durch  schwierige  Korrekturen  und  Wahrschein¬ 
lichkeitsrechnungen  die  erhaltenen  Resultate  wie  bei  der  Weinberg- 
schen  Geschwistermethode  erst  ausbessern  zu  müssen.  In  letzter  Zeit 
haben  sich  auch  andere  Psychiater  (M  e  g  g  e  n  d  o  r  f  e  r  [3l  und  Hoff- 
mann  NI)  mit  viel  Erfolg  dieser  naheliegenden  Methode  bedient.  Das 
wichtigste  und  vielleicht  schwerste  Erfordernis,  um  brauchbare  und 
reine  Resultate  zu  bekommen,  ist  es  vorderhand,  nur  ganz  typische, 
diagnostisch  unzweifelhafte  Fälle  zur  Untersuchung  heranzuziehen;  ein 
weiteres  Erfordernis  aber,  bei  den  Nachkommen  derselben  nicht  nur 
die  ausgesprochenen  Geisteskrankheiten,  sondern  auch  die  psychischen 
Defekte  zu  berücksichtigen.  Vor  mehr  als  acht  Jahren  bin  ich  zum 
ersten  Mal  darangegangen,  auf  diese  damals  neue  Art  die  vielum¬ 
strittene  Frage  der  Zugehörigkeit  der  Paranoia  zu  lösen  (1.  c.). 

Früher  verstand  man  unter  Paranoia  jede  chronische,  langsam 
progrediente,  zur  Bildung  eines  scheinbar  logischen  Wahnsystemes 
führende  und  nicht  in  Verblödung  endende  Geistesstörung;  zu  ihr  wurde 
auch  der  Eifersuchts-  und  Querulantenwahn  u.  a.  m.  gezählt.  Diese 
alte  Fassung  des  Paranoiabegriffes  ist  heute  von  einem  Grossteil  der 
Psychiater  auf  Anregung  Kraepelins  verlassen  worden.  Jene  Mehr¬ 
heit  von  Fällen  der  obengenannten  paranoiden  Erkrankungen,  welche 
immer .  weitere  Vorstellungskreise  des  Kranken  in  ihr  Wahnsystem 
einbeziehen  und  schliesslich  zu  Grössenwahn  führen,  meist  auch  mit 
akustischen  Halluzinationen  einhergehen,  werden  als  eigene  Gruppe 
davon  ausgeschieden  und  mit  dem  Namen  Paraphrenie  belegt; 
bloss  die  restlichen  seltenen  Fälle,  bei  denen  zeitlebens  die  paranoide 
Wahnbildung  auf  einen  bestimmten  Vorstellungskreis  ziemlich  be¬ 
schränkt  bleibt,  bei  sonst  vollkommener  Erhaltung  der  Klarheit  des 
Denkens  (Halluzinationen  treten  hier  ganz  in  den  Hintergrund),  werden 
als  echte  Paranoia  bezeichnet  und  als  ihr  Prototyp  der  Querulanten- 
wahn  angeführt.  So  fasst  auch  heute  noch  Bleuler  den  Paranoia- 
Begriff.  In  den  letzten  Jahren  hat  aber  Kraepelin  als  neue  ein- 


228 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


schränkende  vForderung  für  die  Paranoiadiagnose  die  Entwicklung  des 
Wahnsystems  aus  rein  inneren  Ursachen  aufgestellt;  folgerichtig  hat 
er  von  der  derart  enger  gefassten  Paranoia  den  an  eine  äussere  Ur¬ 
sache  (Erlebnis  der  vermeintlichen  rechtlichen  Benachteiligung)  an¬ 
knüpfenden  Querulantemvahn  abgetrennt  und  ihn  als  eine  psychogene 
Neurose  nach  Art  der  traumatischen  Neurose  —  eigentlich  also  als 
eine  Psychoneurose  —  aufgefasst.  Im  gleichen  Sinne  weitergehend 
könnte  man  auch  den  Eifersuchtswahn  von  der  Paranoia  trennen;  doch 
erübrigt  sich  hierorts  diese  Ueberlegung,  sowie  die  Besprechung  der 
noch  engeren  Fassung  der  Paranoia  durch  Gau  pp  und  des  stabilen 

paranoiden  Charakters.  ,  , 

Ich  habe  nun  damals  die  Familien  von  Paranoikern  untersucht, 
im  Ausmass  wie  damals  auch  K  r  a  e  p  e  1  i  n  und  heute  noch  B  1  e  u  1  e  r 
diese  Krankheit  umschreibt,  und  speziell  die  Familien  der  typischen 
Querulanten.  Bezüglich  der  Paraphrenien  war  es  damals  eine  schon 
in  den  Lehrbüchern  erwähnte  Tatsache  (Stransky  151),  dass  ihre 
Nachkommen  häufig  an  Dementia  präecox  leiden.  Nun  waren  die  Re¬ 
sultate  bezüglich  der  echten  Paranoia,  speziell  der  Paranoia  querulans, 
unerwartet  ähnliche  und  zwar  ergaben  sich  mir  folgende  Tatsachen: 

1.  Was  die  Eltern  der  Querulanten  anbelangt,  scheint 
das  Vorkommen  von  Geisteskrankheiten  bei  ihnen  eine  grosse  Selten¬ 
heit  zu  sein,  dagegen  finden  sich  vereinzelt  bei  den  Eltern  Charakter¬ 
anomalien,  die  sie  zu  Sonderlingen  stempeln  und  die  in  den  Psychosen 
der  Nachkommen  wiedergefunden  werden  können. 

2.  Was  die  Geschwister  der  Querulanten  anlangt, 

so  sind:  ,  .  ,  ,  ,  ..  _  , 

a)  ausgesprochene  Geisteskrankheiten  bei  ihnen  recht  häutig  und 
zwar  sowohl  aus  der  Gruppe  der  chronischen  paranoiden  Eikrankun- 
gen,  als  Paraphrenie,  echte  Paranoia  und  Querulantenwahn,  als  auch 
Erkrankungen  aus  der  Gruppe  der  Dementia  praecox  (Schizophrenie), 
besonders  Katatonie  —  desgleichen  auch  bei  den  Geschwisterkindern. 

b)  Psychopathische  Abnormitäten,  paranoide  Charaktere,  Schrullen¬ 
haftigkeit  etc.  kommen  auch  in  der  Geschwistergeneration  häufig  vor 
(sogenannte  schizoide  Persönlichkeiten). 

3.  Was  die  direkte  Nachkommenschaft  der  Qu eru- 
la  nten  und  Paranoiker  anbelangt,  so  ist  vor  allem  auffällig: 

a)  kaum  ein  Drittel  der  Kinder  kann  als  geistig  gesund  be¬ 
zeichnet  werden;  ^ 

b)  ein  grosser  Teil  (ein  Viertel  bis  ein  Drittel)  leidet  an  aus- 
gesprochenen  Geisteskrankheiten  und  zwar  an  Dementia  praecox 

(Schizophrenien);  .  ,  , 

c)  der  Rest  ist  sämtlich  psychopathisch  (schizoid)  veranlagt  und 
zwar  ist  bei  22  Kindern  das  Verhältnis  von  gesund  geisteski  ank  .  schi- 
zoid  =  7:6:9  =  32  Proz. :  27  Proz.  :  41  Proz. 

4.  Folgende  allgemeine  Schlüsse  ergaben  sich  aus 
diesen  Erfahrungen: 

a)  Das  Vorkommen  von  Dementia  praecox  neben  Paraphrenien, 
echter  Paranoia,  Querulantenwahn  und  paranoiden  Charakteren  in 
den  Geschwisterreihen  und  in  der  Nachkommenschaft  der  Querulanten 
zeigt,  dass  wir  es  hier  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  bloss  mit  ver¬ 
schiedenen  Unterformen  ein  und  desselben  grossen 
Vererbungskreises  der  Schizophrenien  zu  tun  haben. 

b)  Es  soll  hiermit  aber  nicht  gesagt  sein,  dass  diese  ver¬ 
schiedenen  Formen  weder  gleichwertig  noch  gar 
identisch  sind.  Das  Fehlen  von  Geisteskrankheiten  bei  den  Vor¬ 
fahren,  das  Vorwiegen  von  Erkrankungen  der  Paranoiagruppe  bei  den 
Geschwistern  und  die  Häufigkeit  der  Dementia  praecox  bei  den  Nach¬ 
kommen  weist  vielmehr  auf  einen  Entwicklungsgang  der 
Form  der  Psychose  in  der  Erbfolge. 

c)  Die  so  geringe  Zahl  der  geistig  gesund  gebliebenen  Nachkom¬ 
men  gegenüber  einer  grösseren  Gruppe  zum  Teil  ausgesprochen  Geistes¬ 
kranker,  zum  Teil  aber  bloss  geistig  abnormer  Individuen,  die  das  eine 
oder  andere  Symptom  aufweisen,  welches  wir  von  der  Geisteskrank¬ 
heit  des  Eltern-Teiles  her  kennen,  erweckt  den  Eindruck,  als  ob  die 
Krankheit  aus  mehreren,  mindestens  aber  aus  zwei 
Erbfaktoren  bestünde  (einem,  der  die  abnorme  Anlage  und 
einem.,  der  den  Ausbruch  der  Psychose  bedingt). 

Zu  derselben  von  mir  schon  1914  geäusserten  Ansicht,  der  Poly¬ 
merie  der  paranoiden  Psychosen,  d.  h.  ihrer  Zusammensetzung  aus 
mehreren  Erbfaktoren,  ist  einige  Jahre  später  auch  Rüdin  [11]  für  die 
Dementia  praecox  auf  Grund  seiner  Berechnungen  der  Mendel  sehen 
Proportionen  mittels  der  Geschwistermethode  gekommen. 
Dies  spricht  für  die  Brauchbarkeit  und  Exaktheit  der  Geschwister¬ 
methode  dort,  wo  aus  Verhältniszahlen  ein  Schluss  gezogen  werden 
kann.  Doch  liefert  die  genealogische  Methode  diese  Re¬ 
sultate  unmittelbarer,  und  Tatsachen,  wie  der  Werdegang  einer  Psy¬ 
chose  in  der  Erbfolge,  wie  er  sub  4  b)  besprochen  wurde  oder  wie 
die  Zugehörigkeit  aller  verschiedenen  Unterformen  der  paranoiden  Psy¬ 
chosen  zur  Schizophreniegruppe,  ergeben  sich  viel  rascher  und  eindeutiger 
eben  aus  der  genealogischen  Methode.  Auch  die  milden  Paranoiaformen 
(Friedmann  [6l.  G  a  u  p  p  [7]).  die  ikatatyme  Wahnbildung  (Maier 
[8])  und  der  sensitive  Beziehungswahn  (Kretschmer  [9])  sowohl 
soweit  sie  nichts  anderes  als  nach  je  einem  gewissen  Gesichtspunkte 
ausgewählte  Spezialfälle  der  verschiedenen  oben  genannten  paranoiden 
Erkrankungen  sind,  als  auch  soweit  einzelne  davon  wirklich  eigene 
(psychogene)  Krankheitsformen  darstellen  mögen,  weisen  bei  Be¬ 
rücksichtigung  der  Erkrankungsfälle  und  Psychopathien  ihrer  Verwandt¬ 
schaft  und  ihrer  Nachkommenschaft  ebenso  nahe  Beziehungen  zur 
Schizophreniegruppe  auf. 

Auch  betreffs  anderer  Psychosen  liefert  die  genealogische  Methode 


ausgezeichnete  Resultate,  so  habe  ich  Untersuchungen  betreffs  i 
Dipsomanie  [lü]  angestellt  und  andernorts  veröffentlicht,  ln  let; 
Zeit  hat  sich,  besonders  auch  Hoff  mann  (1.  c.)  dieser  Methode 
dient  und  in  richtiger  Erkenntnis  der  Tatsachen  ebenfalls  besonde 
Gewicht  auf  die  Berücksichtigung  nicht  nur  der  Geisteskrankhei 
sondern  auch  der  Psychopathien  der  Nachkommenschaft  gelegt;  au; 
der  Dementia  praecox  hat  er  auch  das  manisch-depressive  Irre: 
und  andere  Psychosen  in  den  Kreis  seiner  zahlreichen  und  wertvo 
Untersuchungen  gezogen.  Er  kommt  auch  zu  demselben  Schlüsse 
ich,  dass  nicht  nur.  wie  früher  schon  bekannt  war,  die  Paraphre 
sondern  auch  die  Paranoia  in  engster  Fassung  zu  der  Gruppe  der  Sch 
phrenien  gehört.  Die  Gruppe  der  paranoiden  Erkrankungen  ist  e 
eine  Untergruppe  derselben  und  zerfällt  selbst  wieder  in  Unterab 
lungen.  Auch  der  im  Praesenium  sich  entwickelnde  Beeinträchtigui 
wahn  macht  nach  Hoffmanns  Untersuchungen  keine  Ausnal 
davon.  Von  den  16  Kindern,  die  den  an  paranoiden  Erkrankungen 
denden  Probanden  Hoffmanns  entstammen,  sind  3  gesund,  5.geis 
krank  (Dem.  pr.)  und  8  schizoid;  also  auch  hier  finden  wir  die  a 
fallend  kleine  Zahl  gesunder  Nachkommen  bei  i 
ranoiden  Erkrankungen,  ähnlich  wie  ich  es  bei  der  N; 
kommenschaft  von  Querulanten  und  echten  Paranoikern  bei  22  Kint 
gefunden  habe,  7  gesund.  6  geisteskrank,  9  schizoid;  dies  gäbe  für 
gesamte  Summe  paranoider  Psychosen  bei  zusammen  38  Kim 
ein  Verhältnis  von  gesund  :  krank  :  schizoid  =  10:11:17  —  26  Pr 
29  Proz. :  45  Proz.  Bei  der  geringen  Kinderzahl  kann  dieses  Rest 
bloss  einen  approximativen  Wert  beanspruchen,  dessen  grosse  Be< 
tung  trotzdem  gleich  erhellen  wird.  Wenn  wir  nämlich  für  die  grd 
Gruppe  der  Dementia  praecox,  die  Hoffmann  nach  der  genealogisd 
Methode  bearbeitet  hat.  diese  Verhältniszahlen  suchen,  so  finden j 
bei  hundert  Nachkommen  von  Dementia-praecox-Probandeh  das  ’ 
hältnis  von  gesund  :  geisteskrank  :  schizoid  =  40  Proz. :  7  Proz. :  53  F 
Vergleichen  wir  diese  beiden  Gleichungen,  so  fällt  uns  auf,  dass | 
Daranoiden  Erkrankungen,  obschon  sie  der  Qualität  ihrer  Verwaj 
schaft  und  Nachkommenschaft  nach  zur  selben  Gruppe  wie  die  Deine 
praecox  gehören,  doch  ungemein  schwerer  belastend 
ihre  Nachkommenschaft  wirken,  indem  die  Zahl  der  Gesunden  bei 
selben  kolossal  sinkt,  die  der  ausgesprochen  Geisteskranken  aber 
das  vierfache  steigt,  bei  relativ  ziemlich  gleichbleibender  Zahl 
Psychopathen!  Dies  beweist  die  Richtigkeit  des  sub  4b)  Gesas 
dass  die  verschiedenen  Psychosenformen  der  Schizophreniegruppe  i 
nur  symptomatologisch  nicht  identisch  sind,  sondern  auch  eine  ji 
verschiedene  Wertigkeit  bezüglich  der  Belastung  besitzen. 

Zur  Erklärung  der  so  geringen  Anzahl  gesunder  Kinder  kö 
man  annehmeni,  dass  bei  den  paranoiden  Erkrankungen  neben  rc 
siven  auch  dominante  Erbfaktoren  im  Spiele  sind.  Sehr  auffallend 
von  alters  her  bekannt  ist  dagegen  die  geringe  ancestrale  Belas 
der  Paranoiker  selbst;  dies  alles  zusammengehalten  legt  die  Vermu 
nahe,  dass  die  Paranoiker  gleichsam  einen  mutativ  neuentstand 
Ahnen  typus  zu  schizophrenen  Erkrankungen  darstellen  (An 
mutation?).  Während  bei  den  Erkrankungen  an  Dementia  praecox  n>; 
den  rein  psychisch  degenerativen  Erbfaktoren  auch  .andere  Faktoren 
äussere  Momente  möglicherweise  eine  wichtige  Rolle  beim  Ausb 
der  Psychose  spielen,  kann  sich  scheinbar  die  Paranoia  rein  aus 
stitutionellen  psychischen  degenerativen  Momenten  langsam 
wickeln;  eine  daraus  resultierende  schwerere  psychische  Belastung 
Nachkommenschaft  wäre  ohne  weiteres  verständlich!  dies  würd 
auch  gut  erklären,  warum,  auch  die  Paranoia  querulans  s 
wenn  sie  auch  weiterhin  als  eine  Psychoneurose  aufzufa 
wäre,  trotzdem,  da  sie  sich  doch  bloss  auf  Grundlage  einer  sol 
mutativ  entstandenen  paranoiden  Veranlagung 
wickelt,  so  schwer  belastend  wirkt  —  um  soviel  schwerer  ah 
„Dementia  praecox  im  allgemeinen“. 

Berechnen  wir  bei  der  Nachkommenschaft  einer  grösseren  zu 
mengehörenden  Gruppe  von  Geisteskranken  die  Zahl  der  ge: 
gebliebenen  Kinder,  so  findet  man,  dass  die  Zahl  derselben  sich  zwi? 
den  beiden  Extremen  von  1U  und  1/s  bewegt,  ohne  das.  eine 
andere  Extrem  wirklich  zu  erreichen,  sodass  man  mit  Rücksicht  d£ 
dass  die  Zahl  der  Gesunden  höchstens  zu  hoch,  aber  niemals  zu 
rig  berechnet  sein  kann  (da  scheinbar  gesunde  später  erkranken  1 
ten).  die  praktische  Regel  aufstellen  darf,  dass  bloss  ein  Dritte 
Kinder  eines  geisteskranken  Elternteiles  geistig  gesund  bleibt.  I 
Regel  vom  gesunden  Drittel  ist  kein  biologisches  Erbg: 
sondern  sie  drückt  bloss  eine  praktische  Erfahrung  über  ein  IV) 
mass  aus,  in  dem  nicht  nur  die  Einwirkung  der  Erbfaktoren,  soi 
auch  die  verschiedener  äusserer  Momente  zum  Ausdruck  kc 
Sie  stimmt  auch  für  das  manisch-depressive  Irresein,  wenn  man  a 
den  manifest  Kranken  auch  die  dysthymischen  Psychopathen  voi 
Gesunden  abrechnet.  Wenn  man  nun  von  diesen  ganz  gross  getai 
Gruppen  zu  enger  definierten  einheitlicheren  Untergruppen  übe 
und  dieselben  wieder  genealogisch  untersucht  an  Hand  dieser 
vom  gesunden  Drittel,  wird  man  die  Anzahl  der  gesunden  Kinder 
dieses  Mittelmass  sinken  oder  steigen  sehen,  je  nachdem  die  W. 
keit  der  Belastung  der  betreffenden  Psychoseform  eine  grössere 
geringere  wird.  Es  wird  uns  demnach  die  Zahl  der  gesund  geblie 
Kinder  den  wertvollsten  Fingerzeig  zu  dieser  Beurteilung  ge! 

Neben  den  umfassenden  Untersuchungen  grosser  Krankheits 
pen,  wie  z.  B.  der  Schizophrenien  und  des  manisch-depressiven 
seins,  die  jetzt  schon  wiederholt  durchforscht  wurden,  wird  es  nui 
vor  allem  notwendig  sein,  ganz  enggefasste  Krankheitsgruppen 
z.  B.  den  Eifersuchtswähn  oder  die  Paranoia  im  Gauppschen 


|  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


229 


j  r  nach  anderen  als  rein  psychischen  Gesichtspunkten  enggefasste 
nkheitsgruppen,  z.  B  puerperale  Dementia  praecox  genealogisch  eif- 
zu  durchsuchen  und  in  sammelnder  Tätigkeit  die  einzelnen  Re¬ 
nate  vieler  Arbeiten  auf  diesem  Gebiete  durch  Dezennien1  zusammen¬ 
ragen,  bis  genug  Fälle  jeder  Einzelkrankheit  familiär  gründlich 
chforscht  sind,  um  sichere  Schlüsse  aus  diesen  Ergebnissen  ziehen 
können.  Es  ist  sehr  möglich,  dass  die  Nachkommenschaft  von  im 
rperium  an  Dementia  praecox  erkrankten  Frauen  andere  Belastungs- 
;rn,  vielleicht  auch  andere  Belastungsarten  aufweisen  wird  als  die 
dikommenschaft  von  paraphrenischen  Müttern,  und  möglich,  dass 
re  Resultate  einen  Rückschluss  erlauben  auf  die  Rolle,  die  exogene 
nente  beim  Zustandekommen  einzelner  Psychosen  spielen.  Solche 
ammenhänge  können  bloss  durch  das  genealogische  Studium  zahl- 
| -her  Familien  ergründet  werden;  die  Anwendung  der  Mendel- 
cn  Berechnungen  und  Vererbungsgesetze  auf  die  menschliche  Pa- 
ogie.  speziell  Psychiatrie,  wird  erst  nach  einer  gründlichen  Klärung 
Frage,  was  eigentlich  vererbt  wird,  fruchtbringend  sein.  Ihre 
leutung  behalten  die  Mendel  sehen  Gesetze  trotzdem;  sie  sind 
die  Biologie  das,  was  die  Newtonsche  Gravitationslehre  für 
Physik  ist;  aber  auch  in  der  Physik  lässt  sich  nicht  alles  bloss 
;h  die  Gravitationsgesetze  erklären,  sondern  wir  haben  daneben  die 
j  re  der  Optik  und  Elektrizität  usw.  und  ebenso  verhält  es  sich  in 
Vererbungslehre.  Die  Arbeit  des  Einzelnen  kann  hier  nur  Ban¬ 
ne  liefern,  eventuell  auch  Ideen;  die  endgültige  Sichtung  nach  viel¬ 
ter  Arbeit  wird  aber  stets  einer  Forschungsanstalt  Vorbehalten 
ben.  wie  sie  beispielgebend  derzeit  schon  in  München  besteht. 

Literatur. 

1.  Wagner  v.  J  a  u  r  e  g  g:  W.kl.W.  1902  und  1906.  • —  2.  C.  v.  E  c  o  - 
|no:  Jb.  i.  Psych.  u.  Neur.  1914,  36.  —  3.  Fr.  M  e  g  g  e  n  d  o  r  f  e  r : 
ir.  f.  d.  ges.  Neur.  u.  Psych.  1921,  66.  —  4.  H.  Hoff  mann:  Studien 
i  Vererbung  etc.  etc.  1921.  Verlag  J.  Springer,  Berlin.  —  5.  Stransky: 
jir.  f.  d.  ges.  Neur.  u.  Psych.  1913  und  Lehrb.  d.  Psych.  1914.  Verlag 
jel.  Leipzig.  —  6.  Fried  mann:  Mschr.  f.  "Psych.  u.  Neur.  1905.  — 
haup.p:  Zbl.  f.  Nervhlk.  1910.  —  8.  Maier:  Zschr.  f.  d.  ges.  Neur.  u. 
|:h.  1912.  —  9.  Kretschmer:  Der  sensitive  Beziehungswahn.  1918. 
ag  J.  Springer,  Berlin.  —  10.  Dobnig  und  Econo  mo:  Zschr.  f. 
;h.  usw.  1921,  76.  —  11.  Rüdin:  Studien  über  Vererbung  etc.  etc. 

Verlag  Springer. 

— 

Jeber  parenterale  Behandlung  mit  unspezifischen 
Eiweisskörpern*). 

Von  R.  Stint zing. 

Sieht  man  ab  von  der  seit  Jahrhunderten  geübten  Bluttransfusion, 
lat  man  schon  seit  Beginn  der  bakteriologisch-serologischen  For- 
ng  mit  den  zur  aktiven  und  passiven  Immunisierung  dienenden 
Tn  (Vakzinen  und  Sera)  Proteinkörper  parenteral  in  Anwendung 
gen.  Hierbei  ging  man  aber  in  der  Regel  von  der  Vorstellung  aus, 
die  Eiweisskörper  nur  als  Träger  oder  Begleiter  der  spezifisch 
enden  Antigene  bzw.  Antitoxine  dienten.  Erst  in  neuester  Zeit 
Schmidt,  Bier,  Weichardt,  Schittenhelm,  Döll- 
i,  Roli ly,  Lindig  u.  a.)  hat  man  erkannt,  dass  den  Eiweiss- 
ern  als  solchen  besondere,  zum  Teile  heilende  Wirkungen  am 
ken  Menscnen  eigen  sind.  Diese  Erkenntnis  begründete  die 
teinkörpertherapie“. 

Inwieweit  von  den  zahlreichen,  eiweisshaltigen  Mitteln  spezifische 
unspezifische  Wirkungen  ausgeübt  werden,  lässt  sich  nach  unseren 
igen  Kenntnissen  nicht  immer  mit  Sicherheit  entscheiden.  Vielfach 
beide  Arten  von  Wirkungen  einander  gleich,  oder  ähnlich,  oder 
rehen  nebeneinander  her.  Wir  müssen  aber,  wenigstens  für  einen 
an  der  mühsam  errungenen  Erkenntnis  einer  sicher  vorhandenen 
ifität  einzelner  Heilmittel,  wie  des  Tetanus-  und  des  Diphtherie- 
ns,  in  gewissem  Sinne  auch  des  Tuberkulins  nach  unseren  heutigen 
ltnissen  festhalten.  Je  strenger  man  aber  den  Begriff  der  spe- 
:hen  Wirkung  fasst,  desto  grösser  ist  die  Zahl  der  unspezifischen 
d. 

Es  würde  zu  weit  führen,  wollten  wir  in  der  folgenden  kurzen 
:rsicht  alle  eiweisshaltigen  Heilmittel  berücksichtigen,  wie  Bak- 
tiprodukte,  defibriniertes  Blut.  Vakzine  etc.  Derartige  Mittel 
en  doch,  wenn  ihre  spezifische  Wirkung  auch  nicht  verbrieft  ist, 
ihrer  Herkunft  aus  spezifischem  Ausgangsmaterial  und  nach  der 
gstens_  angestrebten  spezifischen  Wirkung  nicht  mit  Sicherheit  zu 
anspezifischen  gerechnet  werden.  Das  gilt  beispielsweise  von  dem 
ineurin,  einem  Bakterienautolysat  (Prodigiosus),  das  bei  Neuritis 
'.hnliche  unmittelbare  und1  Nachwirkungen  haben  soll  (D  ö  1 1  k  e  n), 
die  gleich  zu  besprechenden  Wirkungen  reiner  Proteinkörper. 

Das  gilt  auch  von  dem  menschlichen  und  tierischen  Normalserum, 
un  wohl  die  Eiweisskörper  das  wesentlich  Wirksame  sein  mögen, 
spezifische  (arteigene  oder  individuelle)  Eigenschaften  nicht  aus- 
hlossen  sind.  Normalserum  (Pferdeserum  u.  a.)  hat  man  daher 
als  spezifisches  Mittel  z.  B.  gegen  Diphtherie  (B  i  n  g  e  1)  anzu- 
en  versucht.  Wir  würden  diese  theoretisch  interessanten  Ver- 
-\  wenn  sie  in  die  Praxis  eingeführt  werden  sollten,  für  einen 
nklichen  Rückschritt  halten.  Die  ärztliche  Praxis  soll  sich  an  die 
uidfach  erprobten  spezifisch  wirkenden  Vakzinen  und  Sera  halten. 

Im  Gegensatz  zu  den  erwähnten  Mitteln  mit  fraglichen  spezifischen 
aschaften  ist  die  parenterale  Proteinkörperbehandlung  bestrebt, 

*1  Verfasst  im  Auftrag  der  Arzneimittelkommission  der  Deutschen  Ge- 
:haft  für  innere  Medizin,  unterstützt  vom  Deutschen  Aerztevereinsbund.  I 

Nr.  7. 


ausschliesslich  Eiweisskörper  als  solche  anzuwenden.  Ihr  Vorzug  be¬ 
steht  darin,  dass  die  verwendeten  Mittei  nach  ihrer  Herkunit  und  chemi¬ 
schen  Zusammensetzung  bekannt,  und  mit  Ausnahme  der  Milch,  kon¬ 
stant  und  genau  dosierbar  sind.  Nur  von  diesen  und  einigen  Misch¬ 
präparaten,  bei  denen  das  Eiweiss  eine  wesentliche  Rolle  spielt,  soll 
hier  die  Rede  sein.  Wir  sehen  hier  auch  ab  von  den  vorwiegend  ex¬ 
perimentell  angewandten  Abbaustoffen  der  Eiweisskörper  (Albumosen, 
Nukleinsäuren  etc.). 

Als  nichtspezifische  Eiweisskörper  sind  heute  in  Gebrauch; 

1.  Milch  (R.  Schmidt)  als  reine  sterilisierte  Kuhmilch,  oder  in 
Ampullen  als  Ophthalmosan  (Sächs.  Serumwerk)  intramuskulär 
injiziert.  Die  Milch  bildet  das  Ausgangsmaterial  für  die  folgenden 
Produkte: 

2.  Kasein  (nach  Lindig)  unter  der  Bezeichnung  „C  a  s  e  o  s  a  n“ 
(Heyden,  Radebeul)  als  sterile  5  proz.  Kaseinlösung  in  Ampullen  zu 
je  1  oder  5  ccm,  subkutan,  intramuskulär  oder  intravenös  anwendbar 
(1  ccm  =  0,05  Kasein). 

Um  die  Gefahr  der  Fettembolie  zu  vermeiden,  wird  die  Milch 
entfettet  und  kommt  in  Handel  unter  der  Bezeichnung: 

3.  A  o  1  an  (Beiersdorf  &  Co.,  Hamburg).  Es  soll  eine  keim-  und 
toxinfreie  Milcheiweisslösung  sein,  die  intramuskulär  und  intravenös 
angewendet  werden  kann.  (Ampullen  zu  10  ccm.) 

4.  Xifalmilch  (Serumwerke  Dresden).  Sie  soll  aus  steriler 
Milch  von  tuberkulosefreien  Tieren',  der  ein  aus  Saprophyten  hergestell¬ 
tes  (Bakterien-)  Eiweiss  zugesetzt  ist.  bestehen.  Sie  gehört  nicht 
eigentlich  in  den  Rahmen  unserer  Erörterung  und  soll  nur  der  Voll¬ 
ständigkeit  halber  als  Milchprodukt  erwähnt  werden.  Sie  kommt  in  den 
Handel  in  Ampullen  zu  2  ccm. 

Von  den  angeführten  Präparaten  sind  nach  der  Literatur  und 
eigener  Erfahrung  besonders  die  beiden  ersten  erprobt.  Auf  sie  be¬ 
ziehen  sich  daher  vorzugsweise  unsere  Ausführungen. 

Vorausgeschickt  sei,  dass  die  Wirkungen  parenteral  emgeführ- 
ter  Eiweisskörper  in  ihren  Einzelheiten  diesen  nicht  ausschliesslich  zu¬ 
kommen.  Ihre  Eigenart  beruht  vielfach  nur  in  der  Gruppierung  der  Ein¬ 
zelerscheinungen,  sowie  in  der  Intensität  und  Promptheit  ihres  Eintritts 
schon  bei  kleinen  Gaben. 

Die  Wirkungen  zerfallen  in  1.  vorübergehende  allgemeine,  2.  vor¬ 
übergehende  örtliche,  3.  bleibende.  Im  allgemeinen  haben  sie  grosse 
Aehnlichkeit  mit  den  Reaktionen  des  Körpers  auf  Alttuberkulin¬ 
impfungen. 

1 .  Die  allgemeinen  Symptome  entsprechen  demgemäss 
denjenigen  eines  akuten  Infektes. und  bestehen  (bei  fieberfreien  Patien¬ 
ten)  in  einer  Temperatursteigerung  verschiedenen  Grades  gewöhnlich 
nach  einigen  Stunden,  Pulsbeschleunigung  und  den  bekannten  Begleit¬ 
erscheinungen  des  Fiebers,  zu  denen  bisweilen  Frösteln  (selten  Schüt¬ 
telfrost),  Schwindelgefühl,  Mattigkeit  und  Schläfrigkeit  gehört.  Diese 
Allgemeinreaktion  klingt  in  der  Regel  wie  die  gleich  zu  erwähnende 
örtliche  Reaktion  („negative  Phase“  nach  R.  S  c  h  m  i  d  t)  in  V»  bis  höch¬ 
stens  2  Tagen  ab  und  hinterlässt  in  einem  —  nicht  vorauszubestimmen¬ 
den  —  Teile  der  Fälle  die  unter  3  anzuführenden  günstigen  Nach¬ 
wirkungen  („positive  Phase“). 

2.  In  einem  Teil  der  Fälle  tritt,  in  der  Regel  gleichzeitig  mit  den 
Allgemeinerscheinungen,  auch  eine  örtliche  Reaktion  (Herd¬ 
reaktion)  entzündlicher  Natur  in  den  erkrankten  Organen  auf.  ins¬ 
besondere  in  akut  oder  chronisch  entzündeten  Gelenken  in  Gestalt  von 
Schmerzen,  selten  verbunden  mit  Rötung  und  Schwellung.  Diese  Herd¬ 
reaktion  ist  erwünscht  als  Zeichen,  dass  zwischen  dem  Proteinkörper 
und  dem  entzündeten  Organe  eine  Affinität  besteht,  die  in  geeigneten 
Fällen  die  Heilung  bzw.  Besserung  einleitet.  Voraussetzung  für  den 
Heilungsvorgang  ist  baldiges  Abklingen  der  akuten  Erscheinungen,  ins¬ 
besondere  der  Schmerzen, 

Bei  Wiederholung  der  Injektion  können  sich  dieselben  allgemeinen 
und  örtlichen  Erscheinungen  in  geringerer  oder  grösserer  Stärke  —  bei 
gleichbleibender  oder  gesteigerter  Dosis  —  erneut  einstellen,  um  dann 
nach  3  bis  4  oder  mehrfacher  Wiederholung  abzuklingen.  Die  erste  Re¬ 
aktion  ist  keineswegs  immer  die  stärkste.  Erhöhung  der  Dosis  hat  oft 
keine  steigernde  Wirkung. 

3.  Günstige  Nachwirkungen  stellen  sich,,  wo  sie  überhaupt 
eintreten,  in  der  Regel  schon  nach  der  erstenMnjektion  ein  und  können 
sich  nach  den  folgenden  Einspritzungen  noch  vervollkommnen.  Sie 
bestehen  in  Linderung  oder  Beseitigung  der  Schmerzen,  Besserung  der 
Beweglichkeit  und  allgemeinen  Leistungsfähigkeit,  des  Appetits,  der 
Ernährung  und  des  Schlafes.  Selten  stellt  sich  diese  euphorische  Nach¬ 
wirkung  ohne  voraufgehende  „negative  Phase“  ein. 

In  ungeeigneten  Fällen  bleibt  als  Zeichen  eines  torpiden  oder  ab¬ 
geschlossenen  Krankheitsprozesses,  vielleicht  auch  einer  individuellen 
(konstitutionellen)  Immunität,  auch  bei  steigender  und  wiederholter 
Dosierung,  jegliche  Reaktion  und  damit  auch  die  erwünschte  Nach¬ 
wirkung  aus.  Auch  mit  Verschlimmerungen  des  Krankheitszustandes 
(Herzschwäche)  bei  älteren  Leuten  muss  gerechnet  werden.  In  ein¬ 
zelnen  Fällen  verzeichnet  die  Literatur  auch  anaphylaktische  Erschei¬ 
nungen  (Gildemeister  und  S  e  i  b  e  r  t). 

Vorsichtige  Dosierung  ist  daher  unter  allen  Umständen 
geboten  und  wird  in  der  grossen  Mehrzahl  Schädigungen  vermeiden 
lassen.  Sie  muss  sich  auf  Grund  genauer  klinischer  Beobachtung  vor 
und  nach  den  Injektionen  der  Eigenart  des  Falles  anpassen.  Es  kommt 
darauf  an,  besonders  im  Beginn  der  Kur,  eine  Dosis  zu  finden,  die  gross 
genug  ist,  um  eine  eben  erkennbare  Reizwirkung  zu  erzielen,  und  klein 
genug,  um  Schädigungen  zu  vermeiden.  Ein  bindendes  Schema  lässt 
sich  nicht  geben.  Die  Bemessung  der  Einzelgabe,  ihre  Steigerung  oder 

5 


230 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Herabminderung  und  die  Dauer  des  Intervalles  müssen  sich  ähnlich  wie 
bei  Tuberkulinkuren  nach  der  Stärke  und  der  Dauer  der  Reaktionen 
richten.  Vorhandenes  Fieber  bildet  in  der  Regel  eine  Gegenanzeige. 
Hält  nach  einer  Injektion  das  Fieber  länger  als  1—2  Tage  an,  so  ist  die 
Behandlung  abzubrechen  Als  massgebend  iur  das  Behandlungsintervaii 
wird  von  einigen  Autoren  (Rolly,  We  ick  sei)  das  Vei  halten  der 
Leukozyten  angesehen.  Die  als  Reaktion  nicht  unerwünschte  Ver- 
inehrung  der  neutrophilen  Leukozyten  soll  vor  einer  Erneuerung  der 
Injektion  erst  ausgeglichen  sein.  Auch  Eosinophilie  soll  eine  Anzeige 
sein,  die  Behandlung  zu  unterbrechen  (Kleeblatt).  So  wertvoll  wie 
diese  Beobachtungen  auch  sind,  in  der  ärztlichen  Praxis  kann  man  sich 

auch  ohne  sie  behelfen.  ,  .  ,r  ,  ...  „ . 

Mari  beginnt  die  Behandlung  bei  Verwendung  steriler  Milch 
(Ophthalmosan)  nach  R.  Schmidt  mit  %  ccm  und  steigt  auf  1—5, 
höchstens  10  :cm  (intramuskulär).  Aehnliches  gilt  von  Aolan,  das 
auch  intravenös  gegeben  werden  kann.  Vom  Caseosa n  gibt  man 
subkutan,  intramuskulär  oder  intravenös  —  wir  bevorzugen  letzteie 
Methode  —  ü — H— 1  ccm,  steigend  bis  5  ccm.  Die  Einspritzungen 
werden  jeweils  nach  Abklingen  der  Reaktionen,  gewöhnlich  2  mal 
wöchentlich,  selten  noch  häufiger,  manchmal  auch  in  grösseren  Zeit- 
abständen  (1  Woche  und  mehr)  wiederholt. 

Die  geschilderten  Wirkungen  sind,  soweit  unsere  bisherigen  Kennt¬ 
nisse  reichen,  in  ihrem  Wesen  gleich  für  verschiedene  Arten  von  ti- 
weisskörpern,  nur  quantitativ  verschieden.  So  scheint  Milch  starker 
zu  wirken  als  Caseosan  in  entsprechender  Menge.  « 

Es  lassen  sich  aber  ähnliche  Wirkungen  auch  mit  Mitteln,  die 
gar  kein  oder  wenig  Eiweiss  enthalten,  erzielen,  wie  mit  Sanarthrit, 
das  nach  H  e  i  1  n  e  r  eiweissfrei  sein  soll,  Kollargol,  Organpräparaten 
etc.,  sowie  mit  Strahlen-  und  anderen  physikalischen  Behandlungen.  Ja. 
vielfach  sind  diese  den  Proteinen  in  ihrer  Heilwirkung  sogar  überlegen. 
Es  ist  daher  heute  noch  nicht  möglich  die  Gebiete  für  das  eine  oder 
andere  Mittel  voneinander  scharf  abzugrenzen. 

Kurz  erwähnt  seien  hier  noch  einige  wertvolle  Eiweiss-Misch- 
Präparate:  das  Kollargol  und.  verwandte  Präparate  (Elektrokollargol  und 
Dispargen)  und  das  Yatrenkasein. 

Das  Kollargol  (Heyden)  besteht  aus  70  Proz.  Silber  und 
30  Proz  Eiweiss  als  Schutzkolloid,  Es  wird  seit  vielen  Jahren  bei 
manchen  Gelenkentzündungen  mit  guten  Erfolgen  angewandt.  Man  be- 
zog  diese  und  andere  Erfolge  bisher  lediglich  auf  den  Gehalt  des  Mittels 
an  kolloidalem  Silber.  Neuerdings  hat  aber  A.  Böttner  gezeigt  —  und 
deshalb  durften  wir  hier  das  Mittel  nicht  unerwähnt  lassen  — ,  dass 
bei  Kollargolinjektionen  die  Wirkung  des  Eiweissbestandteiles  übei- 
wiegt,  wenn  auch  dem  Silber  als  solchem  seine  Bedeutung  als  Gewebs- 
reiz  nicht  aberkannt  werden  kann. 

Yatren,  ein  organisches  Jodpräparat  mit  30  Proz.  Jod.  das.  sich 
in  der  Wundbehandlung  bewährt  hat,  wird  neuerdings  auf  der  Bier- 
schen  Klinik  in  Verbindung  mit  Kasein  als  „Schwellenreizmittel 
angewandt  (Zimmer).  Diese  Kombination  hat  auch  nach  unseren 
Erfahrungen  die  gleichen,  vielleicht  noch  günstigere  Wirkungen  als  die 
obenerwähnten  reinen  Proteinkörper.  Das  Y  atrenkasein  kommt 
in  schwacher  Lösung  zu  2%  Proz.  Yatren  mit  2Vs  Proz.  Kasein  und 
in  starker  Lösung  mit  5  Proz.  Kasein  in  Ampullen  zu  1,  5,  10  und 
20  ccm  subkutan,  intramuskulär  und  intravenös  zur  Anwendung.  Inter¬ 
essant  ist  die  Beobachtung  von  Prinz,  dass  man  durch  orale  Gaben 
von  Yatren  typische  Herd-  und  Allgemeinreaktionen  auslösen  kann,  die 
denjenigen  nach  parenteraler  Zufuhr  von  Proteinkörpern  prinzipiell 
gleich  sein  sollen.  Diese  Beobachtung  deckt  sich  mit  der  schon  be¬ 
kannten  Tatsache,  dass  Jod,  per  os  eingeführt,  bei  Tuberkulose  eine 
Herdreaktion  (Hämoptoe)  bewirken  kann. 

In  Bezug  auf  die  Deutung  der  Proteinwirkungen  bewegen  wir 
uns  noch  auf  unsicherem  Boden.  Von  den  derzeitigen  Theorien  seien 
nur  kurz  erwähnt:  die  von  Weichardt  verfochtene  Hypothese  der 
„Protoplasmaaktivierung“  und  die  Bier  sehe  Reiztheorie.  We- 
chardt  erblickt  die  Ursache  der  „Leistungssteigerung“  in  einer  allge¬ 
meinen  Anregung  der  Tätigkeit  des  Zellprotoplasmas.  Solange  jedoch 
noch  nicht  feststeht,  ob  die  Abbauprodukte  der  Proteinkörper  als  solche, 
oder  ob  Abbauprodukte,  die  durch  sie  in  den  Geweben  erzeugt  werden, 
das  Wirksame  sind,  erscheint  es  verfrüht,  ihre  Angriffspunkte  im  Or¬ 
ganismus  bestimmen  zu  wollen  Einleuchtender  ist  die  Reiztheorie, 
mit  der  Bier  auf  seine  •bekanntem  Anschauungen  von  der  „Heilent¬ 
zündung“  und  dem  „Heilfieber“  zurückgreift,  die  durch  Reize  verschie¬ 
dener  (chemischer  und  physikalischer)  Art  erzeugt  werden  Zu  den 
chemischen  Reizen  gehören  u.  a.  auch  die  Proteinkörper. 

Die  Krankheiten,  gegen  welche  die  Proteinkörpertherapie  ver¬ 
sucht  wurde,  sind  sehr  zahlreich  und  wesensverschieden.  Zu  nennen 
sind:  akute  und  chronische  Infektionskrankheiten,  wie  Typhus,  Cholera, 
akuter  und  chronischer  Gelenkrheumatismus.  Ruhr,  Diphtherie,  Grippe¬ 
pneumonie,  Erysipel,  Gonorrhöe,  Tuberkulose  der  Lungen,  der  Gelenke 
und  Lymphdrüsen,  ferner  sekundäre  und  perniziöse  Anämie,  Asthma, 
Ekzeme,  Trichophytie,  Ischias  und  andere  Neuralgien,  entzündliche 
Augen-  und  Ohrenerkrankungen,  Krebs  etc.  Die  Buntheit  dieser  Liste 
ist  wenig  geeignet,  zur  Klärung  und  Empfehlung  des  Verfahrens  zu 
dienen. 

Nur  einige  Gruppen  von  Erkrankungen  verdienen  aus  den  übrigen 
herausgehoben  zu  werden,  weil  bei  ihnen  schon  reichlichere  Erfahrungen 
gesammelt  und  Heilerfolge  erzielt  wurden:  in  erster  Linie  die  chroni¬ 
schen  Arthritiden  verschiedener  Form  vom  einfachen  subakuten 
und  chronischen  Gelenkrheumatismus  bis  zur  Arthritis  deformans.  Ihre 
Behandlung  mit  unspezifischen  Eiweisskörpern  hat  eine  Anzahl  Für¬ 
sprecher  gefunden,  denen  wir  uns  für  einen  kleinen  Teil  der  Fälle 
anschliessen  können.  Bei  der  ungünstigen  Prognose  vieler  chronischer 
Gelenkentzündungen  ist  es  durchaus  berechtigt,  neben  anderen  be¬ 


währten  Arzneimitteln  (Sanarthrit,  Kollargol  etc.)  und  physikalisclu 
Heilmitteln,  insbesondere  wenn  diese  versagen,  die  Behandlung  ir 
Eiweisskörpern  zu  versuchen,  '  ,  ,  ,,  .  .  ....  I 

Gute  Erfolge  werden  mit  der  Proteinbehandlung  auch  erzielt  b 
Komplikationen  der  Gonorrhöe  (Blennorrhoe,  hpididymit 
Arthritis)  sowie  bei  Ulcus  molle  und  Bubonen.  Schwer  verständig 
erscheint  die  von  Döllken  behauptete  günstige  Wirkung  der  Mi!  < 
(Xifalmilch)  bei  Epilepsie  (3  mal  wöchentlich  2— 5  ccm  lntramuskn 
monatelang).  Das  gleichzeitig  verabreichte  Luminal  (täglich  0,15  -0, 
ist  allein  wohl  ebenso  wirksam. 

Auffallend  ist  nach  vielen  Berichten  die  Affinität  der  Much  zu  ei 
zündeten  Geweben  des  Auges.  Günstige,  z.  1 .  glänzende  Wirkung» 
werden  berichtet  von  Milchinjektionen  bei  Blennorrhoe,  Keratitis  pare 
chymatosa  sowie  tuberkulösen  Prozessen. 

Von  zweifelhaftem  Werte  ist  die  Behandlung  der  Tuberkulose  n 
Milchinjektionen.  Keinesfalls  können  Eiweisskörper  das  Tuberkulin  e 
setzen. 

Zusammenfassung. 


Die  bisherigen  Erfahrungen  berechtigen  noch  keineswegs  zu  eint 
abschliessenden  Urteil.  Wir  wissen  einstweilen  nur,  dass  parentei 
gegebene  Proteinkörper  auf  gewisse  entzündliche.  Erkrankungen  ein 
die  Entzündung  neu  anfachenden  Reiz  und  häufig  einen  allgemein 
Reiz  auf  den  Gesamtorganismus  ausüben,  und  dass  diese  Röizwirku 
bisweilen  heilsam  sein  kann.  Ob  aber,  in  welchen  Fällen  und  um 
welche  Eiweisskörper  diese  Heilwirkung  zu  erreichen  ist,  das  genai 
festzustellen  muss  die  Aufgabe  weiterer  Versuche  sein.  Diese  sj 
nur  unter  der  Voraussetzung  1.  einer  vorherigen  und  nachfolgend 
genauen  Beobachtung  (Temperaturmessung  etc.),  2.  der  Anwendu 
kleiner  Dosen  im  Beginn,  die  je  nach  Lage  des  Falles  stufenweise  * 
steigert  oder  herabgemindert  werden,  3.  rechtzeitiger  Unterbiechu 
der  Behandlung  bei  länger  anhaltender  Reaktion  (s.  oben)  zulass 
Die  unspezifische  Proteinkörpertherapie  bildet  neben  anderen  ph\ 
kalischen  und  chemischen  Heilmitteln  (Sanarthrit,  Kollargol  etc.)  e 
willkommene  und  jedenfalls  noch  ausbaufähige  Bereicherung  tiiisei 
Heilschatzes.  _ 


Aus  der  Münchener  chirurgischen  Universitätsklinik. 
(Direktor:  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Sauerbruch.) 

Spätergebnisse  bei  S  a  u  e  r  b  r  u  c  h  amputierten. 

Von  Prof.  Dr.  C.  ten  Horn. 


In  mehreren  Arbeiten  und  Referaten  der  letzten  Zeit  ist  zum  A 
druck  gekommen,  dass  die  Dauerresultate  und  praktischen  Ergebni 
der  willkürlich  beweglichen  Hand  unbefriedigend  sind.  Bei  der  gros 
Bedeutung,  die  diese  ganze  Frage  für  die  Amputierten  der  Kriegs-  i 
der  Friedenszeit  hat,  dürfen  solche  kritische  Stimmen  nicht  unbeacl 
bleiben,  sondern  müssen  auf  ihren  Wert  geprüft  werden. 

Es  war  unsere  Absicht,  in  der  zweiten  Ausgabe  der  „Willkür 
beweglichen  künstlichen  Hand“1)  näher  hierauf  einzugehen.  Da  a 
ein  Aufschub  nicht  angängig  ist,  seien  die  folgenden  Feststellun: 
bereits  ietzt  veröffentlicht.  Auf  Einzelheiten  der  chirurgischen  Tecl 
und  des  Prothesenbaues  soll  nicht  eingegangen  werden. 

Schätzungsweise  sind  im  Deutschen  Reich  und  in  Oestem 
etwa  2500—3000  Amputierte  nach  dem  Sauerbruch  sehen  Verfat 
behandelt  worden.  Diese  Zahl  ist,  soweit  mir  bekannt,  von  keu 
anderen  System  auch  nur  annähernd  erreicht  worden.  Es  entia 
hiervon  auf  München  und  Singen  etwa  1500  Amputierte.  Ich  habe  ' 
sucht,  über  das  Schicksal  dieser  Operierten  nähere  Angaben  zu 
winnen.  Teilweise  war  eine  persönliche  Untersuchung  möglich;  in 
Mehrheit  mussten  Fragebogen  verschickt  werden. 

Ich  habe  mich  dabei  auf  die  in  München.  und  Singen  opene 
Amputierten  beschränkt.  Bei  ihnen  besteht  die  Gewissheit,  dass 
Oneration  unter  einheitlicher  Leitung  und  nach  derselben  Methode  ; 
geführt  ist  und  dass  ferner  die  Ersatzglieder  möglichst  nach  den  gleit 
Grundsätzen  gebaut  worden  sind.  Alle  Amputierten  sind  mit  Spitzgrcifl 
den  (überwiegend  H  ü  f  n  e  r  modell)  versehen;  viele  tragen  ausser» 
noch  eine  für  ihren  Beruf  geeignete  Arbeitsklaue.  Die  Zahl  der  Inval 
aus  München  und  Singen  ist  so  gross,  »lass  daraus  allgemeine  Schn 
über  den  Wert  des  Verfahrens  zu  ziehen  erlaubt  ist. 

Die  Zusammenstellung  eines  geeigneten  Fragebogens  verlangte; 
sondere  Beachtung.  Sie  musste  eine  knappe  und  bestimmte  Be 
wortung  ermöglichen.  Es  wurden  folgende  Fragen  gestellt:  J 

A)  1.  Sind  Sie  zufrieden  mit  dem  Erfolg  der  Operation?  2.  VI 

nicht,  was  haben  Sie  daran  auszusetzen?  ! 

B)  1.  Sind  Sie  nach  der  Entlassung  aus  der  Klinik  (Lazarett)  j 

weiter  behandelt  worden?  2.  Warum?  3.  Von  wem?  4.  Womit?  5. 
lange?  , 

C)  1.  Seit  wann  arbeiten  Sie  wieder?  2.  Welchen  Beruf  habei^ 


W J  i.  O  1  l  wann  aiuvnvu  •  -•  " - - 

jetzt?  3.  Füllen  Sie  Ihre  jetzige  Berufstätigkeit  voll  aus?  4.  Ode 


5.  Welcher  war  Ihr  früh 


welchem  Umfang?  (fast  ganz,  halb,  wenig). 

Beruf?  1 

D)  1.  Wie  viele  Kanäle  haben  Sie?  2.  Wo  liegen  diese  (Unter 
Oberarm,  Schulter)-?  3.  Sind  die  Kanäle  heil  geblieben?  4.  Wenn  ij 
welcher  Kanal  oder  welche  Kanäle  sind  nicht  heil  geblieben?  5.  Und.wj 
Klagen  haben  Sie  hierüber?  6.  Ist  die  Muskelkraft  der  Kanäle  ausreicli 
7.  Hat  sich  die  Muskelkraft  der  Kanäle  im  Laufe  der  Zeit  gehoben? 

E)  1.  Sind  Sie  mit  der  Sauerbruchprothese  zufrieden?  2.  Oder 
haben  Sie  daran  auszusetzen?  3.  Benutzen  Sie  die  Prothese  rer 
mässig?  4.  Oder  nur  in  welchem  Umfang?  5.  Oder  etwa  gar  n 


*)  Sauerbruch:  Die  willkürlich  bewegliche  künstliche  Hand. 
(Springer.)  Die  zweite  Auflage  befindet  sich  im  Drucke. 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


5  welchen  Gründen  benützen  Sie  die  Prothese  nicht,  oder  nur  teil- 

? 

)  1.  Haben  Sie  noch  eine  besondere  Sauerbruch  sehe  A  r  b  e  i  t  s  - 
1?  2.  Wenn  ja,  sind  Sie  damit  zufrieden?  3.  Oder  was  haben  Sie  daran 
setzen?  4.  Benutzen  Sie  die  Arbeitshand  regelmässig? 
i)  1.  Benutzen  Sie  vielleicht  irgendeine  andere  Prothese?  2.  Welche? 
welchen  Verrichtungen?  4.  Von  wem  ist  diese  besorgt? 

!)  1.  Hat  'die  Säuenbructi  sehe  Prothese  Ausbesserungen 
ert?  2.  Wann?  3.  In  welcher  Art? 

)  1.  Können  Sie  einen  Federhalter  oder  einen  Bleistift  mit  der  Kunst¬ 
ergreifen?  2.  Können  Sie  damit  einen  Kücheneimer  am  Henkel  vom 
hochheben,  wenn  dieser  (voll,  halb,  viertel)  mit  Wasser  gefüllt  ist? 
)  Können  Sie  uns  noch  andere  weitere  Beobachtungen  oder  Wünsche 

en? 

)  1.  Wäre  es  Ihnen  vielleicht  möglich,  sich  zwecks  Nachuntersuchung 
chirurgischen  Klinik  einzufinden?  2.  Wenn  ja,  wann  würden  Sie  ab- 
ich  sein? 

orher  habe  ich  den  Fragebogen  mehreren  Amputierten  zur  Aus- 
t  vorgelegt,  um  mich  von  der  praktischen  Brauchbarkeit  zu  iiber- 
n.  Die  Gesamtzahl  der  zu  beantwortenden  Fragen  betrug  39; 
Jg  gross  scheinen,  ist  es  aber  nicht.  Denn  für  eine  einigermassen 
;e  Beurteilung  des  Wertes  der  Prothesen  und  besonders  ihrer 
en  Nützlichkeit  für  den  Träger  muss  man  unbedingt  über  viele 
heiten  verfügen. 

s  kann  bisher  über  403  Amputierte  berichtet  werden.  Sie  wurden 
den  Jahren,  in  welchen  die  Prothese  fertiggestellt  war,  eingeteilt, 
rosste  Teil  stammt  aus  den  Jahren  1918—1919.  Ueber  die  Hälfte 
iperierten  haben  die  Prothesen  also  länger  als  3  Jahre.  Unter 
403  befinden  sich:  233  Oberarmamputierte,  138  Unterarmampu- 
14  Doppeltamputierte  und  18  mit  sehr  kurzen  Oberarmstümpfen 
Schulterexartikulierte  (Schulterkanäle,  Haltekanäle).  Wir  haben 
ast  30  Proz.  unserer  Amputierten  erreichen  können.  Eine  er- 
le  Zahl  der  versandten  Fragebogen  kam  leider  als  unbestellbar 
c.  Weiter  haben  aus  den  besetzten  Gebieten  verhältnismässig 
e  Amputierte  geantwortet.  Aus  den  verlorenen  Gebieten  kam 
iupt  nur  ein  einziger  Bescheid  zurück.  Immerhin  hat  aus  diesen 
en  eine  Reihe  von  Operierten,  ähnlich  wie  die  aus  dem  jetzigen 
:hen  Reiche,  in  spontanen  Dankesbriefen  an  Sauerbruch  und 
ler  die  hohe  Zweckmässigkeit  und  die  praktische  Brauchbarkeit 
Ersatzglieder  zum  Ausdrucke  gebracht.  Wir  haben  uns  jedoch 
bemüht,  auch  über  das  Schicksal  der  übrigen  Amputierten  Nach- 
i  zu  erhalten. 

as  Hauptziel  der  Nachuntersuchungen  richtete  sich  auf  folgende 
e:  1.  die  Widerstandsfähigkeit  der  Kanäle,  2.  die  Benutzung  der 
ise.  3.  den  wirtschaftlichen  Nutzen,  welchen  die  Prothesen  den 
rn  bringen. 

ir  die  Bewertung  der  Sa  u  e  r b  ru  ch  sehen  Kanalisierung  war  es 
isschlaggebender  Bedeutung  zu  wissen,  ob  die  Muskelkanäle  die 
ten  Anforderungen  auf  die  Dauer  erfüllen  konnten.  Im  praktischen 
werden  die  gerade  bei  den  Kanälen  so  wichtigen  Vorschriften 
pflege  und  Reinlichkeit  leider  nicht  immer  befolgt, 
ich  der  Entlassung  wurden  von  10,2  Proz.  der  Oberarm-  und  von 
roz.  der  Unterarmamputierten  gelegentlich  ärztliche  Hilfe  nach- 
t.  Meistens  handelte  es  sich  um  Neurome;  oder  auch  um  Ent- 
igen,  Furunkulose,  Ekzem  usw.  Nur  einmal  ist  ein  Kanal  un¬ 
bar  geworden  und  musste  operativ  entfernt  werden.  Neurome 
entgegen  der  früher  von  Sauerbruch  ausgesprochenen  Ver- 
g,  ziemlich  häufig  auf;  sie  können  nach  jeder  Nervendurch- 
ng  entstehen.  An  sich  in  der  Regel  schmerzlos,  werden  sie  unter 
nischem  Einflüsse,  durch  Druck  und  Zug.  ungemein  empfind- 
Sie  sind  häufig  mit  Knochen  und  Muskeln  innig  verwachsen 
:ehen  durch  lange  Fortsätze  damit  in  Verbindung.  Es  kann  kein 
1  darüber  sein,  dass  die  meisten  Neurome  schon  kurz  nach  der 
ation  entstehen.  Dass  sie  vielfach  erst  beim  Tragen  der  Pro- 
n  Erscheinung  treten,  ist  die  Folge  der  mechanischen  Zerrung  der 
ne  durch  die  wiederaufgenommenen  Muskelbewegungen.  Mancher 
ierte  merkt  gar  nichts,  solange  er  die  Muskeln  ruhigstellt  oder  so- 
ler  eingelegte  Stift  nicht  belastet  wird;  eine  Betätigung  verursacht 
Schmerzen.  Wir  haben  deshalb  in  den  letzten  Jahren  bei  der 
Jerung  grundsätzlich  die  Neurome  der  grossen  Nerven  aufgesucht 
i  soweit  möglich  gekürzt;  dabei  muss  ihre  Schnittfläche  mehrere 
eter  oberhalb  des  Kanals  liegen.  Nur  so  kann  man  mit  ziem- 
3icherheit  Rezidiven  Vorbeugen. 

irzdauernde,  vorübergehende  .Störungen  (Wundwerden,  leichte 
düng)  traten  an  den  Unterarmkanälen  häufiger  auf  als  an  denen 
lerarms.  Oefters  waren  wohl  äussere  Umstände  mit  im  Spiele, 
ingelhafte  Reinlichkeit,  grosse  Hitze,  starke  Beanspruchung  u.  a. 
kleineren  Zwischenfälle  beeinträchtigten  den  Gebrauch  der  Pro¬ 
licht;  einige  Tage  Schonung  genügten,  um  sie  vollkommen  zu  be- 
0.4  I 

ganzen  wurden  in  3,8  Proz.  längerdauernde  Beschwerden  an- 
n,  meistens  ein  wiederholtes  Wundwerden  oder  Entzündung, 
i'  oft  Absonderung  (Eiterung)  oder  ständige  Schmerzen.  In  diesen 
war  deshalb  das  regelmässige  Tragen  der  Prothese  nicht  möglich, 
eine  geeignete  Behandlung  würden  auch  hier  noch  Verbesse- 
zu  erzielen  sein. 

m  muss  bei  diesen  Zahlen  bedenken,  dass  die  Amputations- 
e  sich  bei  den  Kriegsverletzten  vielfach  in  einem  sehr  schlech- 
stand  befanden.  Abgesehen  von  einer  fast  immer  vorhandenen 
ie  der  Muskulatur,  zeigten  sie  Narben,  trophische  Störungen,  Stau- 
Ekzeme  usw.  Ein  Aufflackern  einer  sog.  latenten  Infektion  war 
nmer  zu  vermeiden. 


23 1 


Es  ergibt  sich  somit,  dass  die  Kanäle  in  der  überwiegenden  Mehr¬ 
zahl  den  dauernden  Druck  der  Stifte  gut  ertragen,  ohne  dass  irgend¬ 
welche  Reizerscheinungen  aufzutreten  pflegen.  Am  Unterarm  be¬ 
dürfen  sie  einer  genaueren  Pflege  wie  am  Oberarm;  die  Haut  des 
ersteren  ist  weniger  widerstandsfähig.  Das  Auftreten  von  Schmerzen 
steht,  wenn  die  Kanalhaut  unverändert  ist,  wohl  fast  immer  mit  der 
Anwesenheit  von  Neuromen  in  Zusammenhang.  Auch  wenn  wir  kein 
Nervenknötchen  fühlen  können,  pflegen  wir  den  Nerv  freizulegen,  be¬ 
sonders  wenn  die  Druckempfindlichkeit  immer  an  einer  bestimmten 
Stelle  nachweisbar  ist. 

Um  die  Benutzung  der  Prothese  beurteilen  zu  können,  müssen 
die  gesamten  beantworteten  Fragen  verwertet  werden.  83,5  Proz. 
sind  mit  ihren  Prothesen  zufrieden  und  haben  nichts  daran  aus¬ 
zusetzen;  16,5  Proz.  sind  wenig  oder  nicht  zufrieden.  Teilweise 
rührt  das  her  von  einer  zu  geringen  Widerstandsfähigkeit  der  Kanäle, 
teilweise  von  Konstruktionsmängeln  der  Ersatzglieder.  Einige  Ampu¬ 
tierte  finden  die  Hand  zu  leicht  und  zu  wenig  fest  gebaut;  sie  hatten 
oft  Ausbesserungen,  besonders  am  Zugriemen,  an  Sperre  und  Schrau¬ 
ben.  Andere  dagegen  klagen  über  die  Schwere  der  Prothese,  vor  allem 
wenn  nur  sehr  kurze  Stümpfe  vorhanden  sind.  Ein  weiterer  Teil  war 
nicht  zufrieden,  weil  sie  in  der  Arbeit  mit  der  Kunsthand  nicht  das 
leisten  konnten,  was  sie  möchten  oder  erwarteten.  Die  Klagen  über 
Ausbesserungen  und  schlechte  Konstruktion  sind  Folgen  von  tech¬ 
nischen  Fehlern.  Man  sieht  hieraus,  wie  wichtig  eine  gute  Beschaffen¬ 
heit  des  Ersatzgliedes  ist.  Jede  Prothese  ist  etwas  Individuelles  und 
verlangt  eine  sehr  genaue  Anpassung. 

Bei  67,2  Proz.  der  Oberarm-  und  bei  59,7  Proz.  der  Unterarm¬ 
amputierten  wurde  die  Prothese  regelmässig,  d.  h.  tagtäglich,  ohne 
Unterbrechung  benutzt.  Dazu  kommen  noch  9  Proz.  der  Oberarm-  und 
11  Proz.  der  Unterarmamputierten,  welche  in  der  Arbeitszeit  irgend¬ 
welche  Arbeitsprothese  gebrauchen,  aber  ausser  der  Dienst-  und  Arbeits¬ 
zeit  wieder  ihre  Gebrauchshand  anlegen.  Die  Spitzgreifhand  wird  nur 
deshalb  nicht  getragen,  weil  die  Art  des  Berufes  für  diese  Amputierten 
eine  geeignete  Arbeitsklaue  verlangt.  Wir  dürfen  also  sagen,  dass 

76,2  Proz.  der  Oberarm-  und  70,7  Proz.  der  Unterarmamputierten  dauernd 
ihre  Prothesen  benutzen. 

Den  Rest  der  Operierten  habe  ich  in  3  Gruppen  geordnet.  Die 
erste  trägt  ihre  Prothese  überhaupt  nicht;  es  waren  6,8  Proz.  der 
Oberarm-  und  11  Proz.  der  Unterarmamputierten.  Die  zweite  benutzt 
sie  nur  Sonntags  oder  beim  Ausgehen;  die  Hand  dient  somit  als 
Schmuck-  oder  Schönheitshand.  Zahlenmässig  umfasst  diese  Gruppe 
8,5  Proz.  der  Oberarm-  und  9  Proz.  der  Unterarmamputierten.  Die 
letzte  Gruppe  benutzt  zwar  die  künstliche  Hand,  aber  sehr  unregel¬ 
mässig;  z.  B.  nur  einige  Tage  in  der  Woche,  oder  mit  grösseren  Unter¬ 
brechungen.  Zu  dieser  Gruppe  gehören  8,5  Proz.  mit  Oberarm-  und 

9.3  Proz.  mit  Unterarmstümpfen.  Bemerkenswert  für  die  Nöte  der  Zeit 
sind  die  _  Angaben  von  nicht  weniger  als  4  Amputierten,  die  wegen 
Vcrschleiss  der  Wäsche  ihre  Prothese  nur  zeitweise  tragen  konnten. 

Wenn  wir  diese  Zahlen  der  Ober-  und  Unterarmamputierten  im 
Verhältnis  zu  ihrer  Häufigkeit  (5:3)  nun  zusammenbringen,  ergibt  sich 
folgendes:.  74,1  Proz.  tragen  die  Prothese  ständig,  8,8  Proz.  un¬ 
regelmässig,  8,7  Proz.  nur  aus  kosmetischen  Gründen,  und  8,4  P  r  o ,, 
tragen  die  Prothese  gar  nicht. 

Als  3.  Flauptziel  der  Nachuntersuchungen  galt  das  wirtschaft¬ 
liche  Schicksal  der  Prothesenträger.  Dazu  war  notwendig  zu  wissen 
die  Art  des  früheren  und  des  gegenwärtigen  Berufes;  weiter  ob  die 
Amputierten  ihrem  Beruf  oder  ihrer  Arbeit  nachkommen  können  und 
in  welchem  Umfang.  Obwohl  in  einem  Begleitschreiben  bei  den  ver¬ 
sandten  Fragebogen  unsererseits  ausdrücklich  die  Versicherung  ab¬ 
gegeben  wurde,  dass  die  Ausfüllung  lediglich  nur  zu  Wissenschaft- 
liehen  Zwecken  dienen  sollte,  blieben  in  etwa  1/s  die  Antworten  aus. 
Einige  Invaliden  teilten  offen  mit,  dass  mit  Rücksichf  auf  ihre  Rente 
die  Ausfüllung  ihrerseits  unterbliebe.  Immerhin  verfügen  wir  über  eine 
genügende  Zahl  Angaben,  um  einen  Ueberblick  zu  gewinnen. 

ln.  irgendeiner  Arbeit  oder  Beruf  sind  beschäftigt  95,5  Proz.  der 
Amputierten.  Etwa  4,5  Proz.  haben  also  keine  Beschäftigung  (Arbeits¬ 
lose,  Pensionisten)  oder  sind  nicht  imstande,  einer  solchen  nachzu¬ 
kommen.  Ueber  den  Umfang,  in  welchem  die  Berufstätigkeit  aus- 
gefüllt  wurde,  konnte  ich  folgendes  feststellen.  Bei  den  Ober¬ 
armamputierten  in  59,8  Proz.  voll  und  ganz.  24,7  Proz.  fast  ganz, 

10.3  Proz.  etwa  halb  und  5,2  Proz.  nur  wenig;  bei  den  Unterarm¬ 
amputierten  56,6  Proz.  voll,  17  Proz.  fast  ganz,  18  Proz.  halb  und 

8.4  Proz.  wenig.  Ueber  die  Gesamtzahl  berechnet  konnten  also 

80.4  Proz.  ihrer  Arbeit  oder  ihrem  Beruf  voll  oder  fast  ganz 
nachkommen. 

Diese  Zahlen  sind  an  sich  sehr  erfreulich.  Sie  zeigen,  dass  auch  der 
Amputierte  im  täglichen  Leben  verhältnismässig  sehr  viel  leisten  kann. 
Sie  geben  aber  keinen  Aufschluss  darüber,  ob  diejenigen,  welche  ständig 
eine  Prothese  benutzen,  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  besser  gestellt 
sind,  als .  die  Amputierten,  welche  die  Prothese  überhaupt  nicht  oder 
nur  wenig  tragen.  Früher  war  man  vielfach  der  Ansicht,  dass  man 
den  Invaliden  in  erster  Linie  eine  geeignete  Stelle  (Hausmeister,  Auf¬ 
seher  usw.)  verschaffen  müsste,  um  die  vorhandene  Arbeitskraft  mög¬ 
lichst  auszunützen.  Eine  Prothese  kam  erst  in  zweiter  Linie  in  Frage. 
Auch  heute  noch  gibt  es  Aerzte,  sogar  Orthopäden,  die,  in  Unkenntnis 
der  willkürlich  beweglichen  Ersatzglieder,  den  Wert  des  Verfahrens 
gering  einschätzen. 

Um  zu  erfahren,  ob  irgendwelcher  Unterschied  besteht,  zwischen 
den  Leistungen  der  Prothesenträger  und  denen  der  „prothesenlosen“  Am¬ 
putierten,  habe  ich  sowohl  die  Ober-  wie  die  Unterarmamputierten  dem 

5* 


232 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N: 


Umfang  ihrer  Arbeitsleistung  nach  in  2  Gruppen  eingeteilt.  Die  erste 
Gruppe  V  umfasst  diejenigen,  welche  ihrem  Beruf  voll  odei  fast  ganz 
Ä-T  können;  die  zweite  Gruppe  W  dagegen  genasen, 
welche  nach  eigenen  Angaben  nur  wenig  zu  leisten  vei™°Ken- 
beiden  Gruppen  habe  ich  dann  den  Grad  der  Benutzung  der  Prothese 
sowie  die  Art  des  Berufes  eingetragen.  Es  ergab  sich  dann,  dass 
unter  Gruppe  V  83  Proz.  regelmässig  die  Prothese  tragen;  in  Gruppe  W 
dagegen  nur  etwa  40  Proz.  Hieraus  folgt,  dass  die  Amputierten,  "'eiche 
im  vollen  Umfang  arbeiten  können,  auch  als  Regel  ihre  Prothese  dabei 
benutzen.  Der  Prothesenträger  leistet  also  in  wirtschaftlicher  Hinsicht 
mehr  wie  der  Amputierte  ohne  Ersatzglied. 

Die  Berufe  in  welchen  der  Arbeit  mit  ständiger  Benutzung  der  Pro- 
thesen  in  vollem  Umfang  nachgekommen  werden  konnte,  waren  in 
abnehmender  Häufigkeit  geordnet,  folgende ;  Kaufleute.  Landwirte, 
ßSreaugehMen.  Handlungsgehiiieu.  Postangestellte.  Verwaltung,  und 
Steuerbeamte,  Eisenbahnwärter,  Fabrikarbeiter,  Schreiber,  Ingenieure 
und  Techniker,  Ober-  und  Volksschullehrer,  Postschaffner.  Magazmiers, 
Maschinenwärter,  Aufseher  und  Pförtner,  Juristen,  Telephon-  und  Tele- 
graohangestellte,  Aerzte,  Studenten,  Bauführer,  Geistliche,  Bankbeamte 
usw  Es  folgen  nunmehr  die  Berufe,  welche  die  Amputierten  vo 
ausfüllten,  ohne  dabei  die  Prothese  zu  benutzen.  In  abnehmen¬ 
der  Häufigkeit  geordnet  waren  es;  Hausmeister  und  Riortner  Nacht¬ 
wärter,  Amtsboten,  Lehrer,  Amts-  und  Bureaugehilfen,  Kaufleute.  Kanz- 

ieiangesteüte.  0beramlamputierten  waren  44,6  proz.  in  ihrem  früheren 

Beruf  geblieben,  11,4  Proz.  in  einem  ähnlichen;  44  Proz.  mussten  um¬ 
schulen  (teilweise  auch  den  veränderten  Zeitumständen  zuzuschiei- 
ben)  Für  die  Unterarmamputierten  waren  diese  Zahlen  34,8  Lroz., 

8  3  Proz.  und  56,9  Proz.  Durchschnittlich  konnten  also  51,5  I  r  0  z. 
der  Amputierten  ihrem  früheren  Beruf  oder  einem  ähnlichen  nach- 

Die  Erfolge  bei  Oberarmexartikulierten  stehen  hierbei  wesentlich 
zurück.  Sowohl  diejenigen,  welche  über  Brustkanäle  verfügen,  als  die 
mit  Schulterzug  ausgerüsteten  (indirekte  Kraftquellen),  ei  reichen  durch- 

schnittlich  diese  Leistungen  nicht. 

Die  Doppeltamputierten  (D.A.)  können  die  Brauchbarkeit 
einer  Prothese  am  besten  beurteilen.  Sie  sind  doch  auf  ihre  Kunstglieder 
ausschliesslich  angewiesen.  Von  14,  bei  denen  ich  eine  Nachuntersuchung 
vornehmen  konnte,  waren  10  mit  ihren  Prothesen  beiderseits  zufrieden, 

3  nur  mit  der  Prothese  der  einen  Seite  und  1  war  nicht  zufrieden 
(Absonderung  der  Kanäle).  9  D.A.  tragen  beiderseits  die  Kunstlieder 
regelmässig,  3  nur  die  rechtsseitige  Prothese;  weitere  2  tragen  sie  un¬ 
regelmässig  (einige  Tage  in  der  Woche).  Die  beiden  letztgenannten 
sind  beidseitig  Unterarmamputierte;  einer  davon  ist  gänzlich  erblindet 
und  taub;  der  andere  klagt  über  seine  Kanäle  (Absonderung). 

12  D.A.  sind  beruflich  tätig,  und  zwar  benutzen  9  dabei  die  beider¬ 
seitigen  Prothes.n  und  3  nur  die  rechtsseitige.  2  arbeiten  nicht;  diese 
beiden  sind  der  erwähnte  Blinde  und  der  D.U.A.,  der  wegen  Beschwerden 
der  Kanäle  sein  Ersatzglied  nur  unregelmässig  gebrauchen  kann.  Wir 
sehen  auch  hier,  dass  Arbeitsleistung  und  Prothesentragen  memander- 

Der  Umfang  der  geleisteten  Arbeit  wurde  von  den  12  arbeitenden 
DA.  wie  folgt  angegeben.  5  leisten  sie  ganz;  dem  ,^eIu*L\  naA  s'nd 
sie:  Bankbeamter  (D.U.A.),  Krankenhausangestellter  (D.O.A.),  2  Boten 
(rechts  U.A.,  links  O.A.  und  D.O.A.),  Pförtner  (D.U.A.X  5  schätzen 
ihre  Arbeit  als  halb  ein,  und  zwar  2  Kaufleute  (beide  D.U.A.),  1  l  ele- 
phonist  (r.  O.A.,  1.  U.A.),  1  Agent  (D.U.A.)  und  1  Beamter  (r.  U.A , 
1.  O.A.).  Als  gering  bezeichnen  2  weitere  D.A.  ihre  Leistungen,  und 
zwar  1  Krankenkontrolleur  (r.  U.A.,  1.  O.A.)  und  1  Bäckermeister  (D.U.A. ). 

Der  Wert  dieser  statistischen  Untersuchungen  kann  erst  durch  einen 
Vergleich  mit  ähnlichen  Nachforschungen  über  die  anderen  Handmooelle 
(Lange,  Carnes  usw.)  hervortreten.  Solche  liegen  bisher  nicht  vor. 
Dagegen  verfügen  wir  über  eine  grosse  Zahl  allgemeine  Mitteilungen 
aus  den  Kreisen  der  Versicherungsgesellschaften  und  der  Beiuis- 
genossenschaften,  aus  denen  hervorgeht,  dass  die  gewöhnlichen  Lisa.z- 
glieder  in  der  Praxis  eine  sehr  bescheidene  Bedeutung  haben.  A  s 
Ergebnis  einer  Nachuntersuchung  im  Rheinland  über  356  ralle 
konnte  H  orion  1916  feststellen,  dass  nur  ein  kleiner  Teil  der  Ampu¬ 
tierten  noch  eine  Prothese  trugen.  Im  Jahre  1918  teilte  v.  Eisels- 
berg  mit,  dass  die  in  Oesterreich  für  die  arbeitende  Stadtbevölkerung 
angefertigen  Prothesen  meistens  wieder  zur  Seite  gelegt  waren. 

Gegenüber  diesen  Erfahrungen  bedeuten  die  Erfolge  der  S  a  u  e  r  - 
b  r  u  c  h  sehen  Kunsthände  einen  erheblichen  Fortschritt.  Etwa  /1  der 
Amputierten  trägt  sie  auch  noch  nach  Jahren  ständig.  Damit  allein 
schon  wäre  ihre  Nützlichkeit  erwiesen.  Denn  das,  Endurteil  .iibei  die 
Brauchbarkeit  liegt  weder  beim  Arzt  noch  beim  Techniker,  sondern  nur 
bei  den  Kranken.  Bringt  die  Prothese  den  Invaliden  keinen  Vorteil, 
so  wird  sie  nach  kurzer  Zeit  wieder  abgelegt. 


arm  3  kg;  die  Hubhöhe  muss  bei  Operationsstümpfen  mindestens  2 
bei  Unterarmstümpfen  an  der  Beugeseite  VA  cm,  an  der  Strecfol 
1  cm  betragen.  In  der  Regel  wird  weit  mehr  erreicht,  obwohl 
Arbeitsleistung  der  einzelnen  Stümpfe  sehr  versch‘^^n  ‘st  ,  Üe‘( 
günstigen  Stümpfen  können  die  Amputierten  Gewichte  von  10-21 
mit  ihrer  Spitzgreifhand  fassen,  halten  und  hochheben. 

Auch  nach  gelungener  Operation  kann  durch  schlechte  Austuhi 
des  Ersatzgliedes  der  Erfolg  beeinträchtigt  werden.  Falsche  Stel 
der  künstlichen  Gelenke,  drückende  Bandagen,  ungenügender  Sitz 
Lederhülse  sind  neben  mangelhaftem  Bau  die  Ursachen  der  Unbra 

barkeit  des  Ersatzgliedes.  ,  ,  .  , 

Sehr  zu  bedauern  ist,  dass  sich  die  Kritiker  des  Verfahrens  mehr 
auf  durchaus  unzulängliche  eigene  Erfahrung  und  auf  durch  rehk 
Operation  und  Technik  bedingte  Misserfolge  anderer  stutzen  Aul 
Tagung  der  D.  Gesellsch.  f.  Orthop.  im  Jahre  1921  berichtete  Ros 
f  e  1  d,  dass  nach  seiner  Erfahrung  die  Saue  r  b  r  u  c  h  -  Prothesen  111 
10  Proz.  der  Fälle  getragen  wurden.  Wie  wir  durch  Nachfrage  bei 
selbst  festgestellt  haben,  handelte  es  sich  urn  eine  Nachuntersuchuni 
17  Amputierten;  davon  sollen  2  mit  ihrer  Prothese  zufrieden  sein 
sie  regelmässig  tragen.  Wir  haben  diese  Angaben  R  o  s  e  n  f  e  1  d  s  s 
nachgeprüft.  Unter  diesen  17  befinden  sich  nur  6,  welche  in  Mun 
oder  Singen  operiert  waren  und  dort  ihre  Prothesen  bekommen  liai 
Von  diesen  6  ist,  ausser  den  2  oben  erwähnten,  noch  ein  dritter 
zufrieden;  ein  vierter,  Doppeitamputierter,  trägt  die  rechtseitige 
these  und  ist  damit  zufrieden,  die  linke  gebraucht  er  nicht.  _  Anmu^ 
sind  nicht  zufrieden.  Von  denjenigen,  welche  die  Prothese  tr< 
haben  sich  2  sogar  eine  grosse  Geschicklichkeit  erworben;  der 
benutzt  die  Kunsthand  beim  Klavierspielen;  der  zweite,  ein  Arzt  n 
u.  a.  Lumbalpunktionen  und  intravenöse  Injektionen,  hur  die  6  in  Mur 
und  Singen  Operierten  ergibt  sich  somit,  dass  in  etwa  60  rioz 
künstliche  Hand  benutzt  wird  (wenn  es  überhaupt  angebracht  ist 
derartig  kleinen  Zahlen  Prozente  auszurechnen).  Die  11  andere 
Operierten  haben  wir  nicht  nachuntersucht;  nach  Rosentelü 
darunter  keiner  sein,  der  mit  der  Prothese  zufrieden  ist. 

Die  Mitteilungen  von  Rosenfeld  beweisen  somit  gar  mehl; 
oder  gegen  den  Wert  des  Verfahrens;  sie  bestätigen  aber  unsere 
fahrungen,  dass  leider  ott  sowohl  Operation  als  Prothes 
bau  schlecht  a  u  s  g  e  f  ü  h  r  t  werden.  Auch  B  1  e  11  c  k  e 
neuerüings  hervor,  dass  Missenolge  nicht  an  der  Operation  als  so 
sondern  -lediglich  an  der  nicht  zweck-  und  sachgemässen  Ausful 
derselben  liegen.  Die  an  sich  für  einen  ausgebildeten  Chirurgen 
schwierige  Operationstechnik  scheint  aber  von  vielen  Unberu 
nicht  sachgemäss  angewendet  worden  zu  sein.  Auch  die  so 
tige  Vor-  und  Nachbehandlung  wird  zu  wenig  beachtet  und 
in  zweckmässiger  Weise  durchgeführt.  Von  Sauerbrucn 
Stadler  wurde  darauf  mehrfach  hingewiesen.  Anschutz  is 
Meinung,  dass  die  Operation  zwar  einfach  erscheint,  aber  es  in  I 
lichkeit  nicht  ist.  In  der  letzten  Auflage  der  Operationslehre  (t 
Braun  Kümmell)  hebt  W  Müller  hervor,  dass  nur  nac 
nügender  Vorkenntnis  zur  Ausführung  von  kineplastischen  Operat 
geschritten  werden  soll,  wenn  man  sich  grosse  Enttäuschungei, 
sparen  will. 


Diesen  günstigen  Ergebnissen  bei  unserem  eigenen  grossen  Material 
stehen  leider  einzelne  Misserfolge  sonstiger  Operateure  gegenüber.  So 
verfügten  von  den  Invaliden,  welche  anderweitig  operiert  und  zur  An¬ 
fertigung  einer  Prothese  nach  München  geschickt  wurden,  nur  etwa 
*/,  über  brauchbare  Kanäle  (Bestelmey  er).  Bei  den  übrigen  waren 
erneute  Operationen  notwendig.  Teilweise  lagen  die  Kanäle  in  falschen 
Muskelgruppen  oder  sogar  ausserhalb  der  Muskulatur.  Teilweise  waien 
Kraft  und  Hubhöhe  der  gebildeten  Kraftquellen  ungenügend,  so  dass 
irgendwelche  Leistungen  von  der  künstlichen  Hand  kaum  erwartet 
werden  konnten.  Das  trifft  auch  für  die  uns  überraschenden 
Zahlen  der  Prüfstelle  in  Berlin  zu.  Als  Mindestforderung  an 
Kraft  stellen  wir  für  den  Oberarm  4  bis  5  kg,  für  den  Unter- 


Ich  habe  vei sucht,  in  kurzer  Fassung  die  Meinungen  unserer 
puderten  aus  München  und  Singen  über  den  Wert  der  Sauerbri 
sehen  Operation  und  Prothesen  wiederzugeben.  Es  ist  nur  das  Wf 
lichste  aus  den  manchmal  recht  ausführlichen  Mitteilungen  hc 
genommen.  Nicht  nur  wurden  mehrfach  von  den  Operierten  Vorsc 
für  technische  Verbesserungen  und  Abänderungen,  welche  wir 
prüfen  werden,  sondern  auch  sehr  bemerkenswerte  Einzelheiten 
den  Gebrauch  der  Kunsthand  und  über  ihre  feineren  Leistungen, 
die  neuen  Arbeitsprothesen  usw.  mdtgeteilt. .  _  -1» 

Durch  die  erzielten  ausserordentlich  günstigen  praktischen  r 
nisse  hat  sich  die  willkürlich  bewegliche  Kunsthand  nach  Sa 
bruch  vollauf  bewährt.  Bis  jetzt  kann  kein  anderes  Systen: 
artige  Erfolge  aufweisen.  Diese  sind  nur  dadurch  möglich  gev 
dass  die  Kraftquellen  für  die  Prothesen  vollkommen  pbysiok 
arbeiten.  In  den  Veröffentlichungen  von  Bethe,  ten  Horn,  V 
gutli  u.  a.  ist  auf  den  physiologischen  Wert  der  Methode  hingew 
Die  feineren  Leistungen  der  Amputierten  sind  geradezu  erstaunlich 
sind  bei  geschlossenen  Augen  völlig  orientiert  über  Stand  und 
welche  der  Kunstarm  einnimmt.  Gewichtsabschätzungen  waren  1 
einem  Unterschied  von  g  noqh  möglich.  Die  Ausführung  von 
bewegungen  beruht  nicht  auf  der  Hautsensibilität  des  Stumpfes 
der  Kanäle,  denn  nach  Ausschaltung  dieser  Empfindung  bleibt  di 
wegungssicherheit  gleich,  sondern  die  Steuerung  der  Prothese 
in  erster  Linie  von  der  tieferen  Sensibilität,  dem  Muskelgefur 
Als  wundervollste  Aeusserung  dieser  sensiblen  Steuerung,  als 
Koordination  der  benutzten  Muskeln,  sind  wohl  die  Erfolge  beim 
wurf  anzusehen;  die  Treffsicherheit  mit  der  Prothese  erreicht  fa 
von  gleichseitigen  gesunden  Armen. 

Ein  Fortschritt  der  letzten  Zeit  ist  die  Einführung  willkurln 
wegbarer  Arbeitshände.  Die  bisherigen  Muster,  die  mit  v; 
Mängeln  behaftet  waren,  sind  ausgebaut  und  zum  Teil  grünes 
umgestaltet  worden.  Naturgemäss  brauchen  an  sich  schon  v 
Amputierte  gerade  Arbeitsprothesen;  infolgedessen  sind  unsere 
rungen  noch  gering.  Immerhin  liegen  bereits  befriedigende  A 
rungen  von  Vertretern  mehrerer  Berufe  vor.  Näheres  hierübe 
die  zweite  Auflage  der  „Willkürlich  bewegliche  künstliche 

bnilSDas  Problem  der  willkürlich  beweglichen  Hand  ist  noch  keine 
zum  Abschlüsse  gekommen.  Fortschritte  sind  von  neuen  Konstrui 


'ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


233 


I  der  Prothese  zu  erwarten.  Auch  die  Verwertung  der  hergestellten 
| tquellen  erfordert  besondere  Beachtung.  Man  kann  aus  einer 
pe  von  Synergisten  Muskeln  herausnehmen  und  diesen  eine  funk- 
I die  Selbstständigkeit  und  Unabhängigkeit  verschaffen  (Muskel- 
nziation).  Es  erscheint  auch  durchaus  möglich,  einen  einzelnen 
cel  in  zwei  voneinander  unabhängige  Teile  zu  zerlegen  (innere 
rziation).  Unsere  Feststellungen  sollten  die  Aerzte  von  der  Not- 
ligkeit  überzeugen,  den  Amputierten  häufiger  als  bisher  geschehen 
willkürlich  bewegbare  Ersatzglieder  zu  verschaffen. 

Von  seiten  der  Invaliden  wird  man  kaum  auf  Widerstand 
n  die  Kanaloperation  stossen:  eine  Unterredung  des  Ampu- 
?n  mit  einem  Prothesenträger  genügt,  um  ersteren  von  den 
eilen  zu  überzeugen.  Diese  Aufklärung  und  Beratung  durch 
erte  Kameraden  haben  wir  in  München  und  Singen  grundsätzlich 
stets  mit  Erfolg  durchgeführt  , 


der Univ.-Kinderklinik Graz.  (Vorst.:  Prof.  Hamburger.) 

iber  eine  modifizierte  perkutane  Tuberkulinprobe. 

Von  Dr.  Paul  Widowitz,  I.  klinischer  Assistent. 

Die  Frage  nach  der  Brauchbarkeit  der  Tuberkulinisierungsmethoden 
iagnostischen  Zwecken  ist  eine  Frage  der  Verlässlichkeit,  der  all- 
binen  Anwendbarkeit  und  der  Handlichkeit.  Für  Spitalszwecke  ist 
rdiglich  eine  Frage  der  Verlässlichkeit,  ln  allen  jenen  die  Zahl 
iviegenden  Fällen,  wo  wir  gezwungen  sind,  die  Tuberkulinisierung 
dem  Rahmen  des  Spitals  in  die  allgemeine  Praxis  hinauszutragen, 
i en  wir  von  der  Methode  ausserdem  noch  die  Anwendbarkeit  und 
;  lichkeit  fordern.  Der  allgemeinen  Anwendbarkeit  der  verläss- 
i  Methoden  der  Stichreaktionen  und  der  Kutanreaktion  stehen  die 
|u  vor  der  Injektionsnadel  und  dem  Impfbohrer  im  Weg.  Den  bei- 
etzten  Forderungen  nach  Anwendbarkeit  und  Handlichkeit  schien 
illem  die  Morosche  Perkutanprobe  Genüge  zu  leisten.  Leider 
:  die  bisherige  Erfahrung,  dass  ihre  Verlässlichkeit  hinter  die 
•en  Methoden  zu  stellen  ist.  Es  bedeutet  daher  einen  Fortschritt, 
[durch  Hamburger  und  Stradner  mit  dem  eingeengten 
rkulin  (M.m.W.  1919/16)  der  Verlässlichkeitsgrad  wesentlich  erhöht 
e.  Jedoch  blieb  die  Verlässlichkeit  des  konzentrierten  Moros  noch 
j:r  hinter  denen  der  Stichmethoden  zurück.  Von  diesen  Gesichts- 
Üen  aus  befrachtet,  schien  also  die  vor  kurzem  angegebene  F  e  e  r  - 
Papierprobe  allen  drei  Anforderungen  zu  genügen  und  somit  die 
te  Aussicht  auf  allgemeine  Anerkennung  zu  besitzen  (M.m.W.  1921 
3).  Denn  die  Verlässlichkeit  und  Handlichkeit  ist  auf  Grund  der 
r  sehen  Angaben  über  jeden  Zweifel  erhaben.  Jedoch  für  die 
meine  Anwendbarkeit  wird  in  der  Praxis  das  übel  beleumundete 
ürgelpapier,  mit  dem  das  Individuum  zur  Setzung  des  Impf- 
nas  geschmirgelt  werden  soll,  sicherlich  ein  Hindernis  sein.  Aus 
m  Grunde  kann  ich  die  Papierprobe  solange  nicht  als  Methode 
Vahl  bezeichnen,  solange  nicht  erwiesen  ist,  dass  die  von  mir  an- 
iene  Modifikation  der  perkutanen  Methode  mit  äusserst  eingeengtem 
berkulin  unverlässlicher  als  die  Papierprobe  ist.  —  Es  ist  dies  eine 
ode.  die  auf  unserer  Klinik  schon  seit  einem  halben  Jahr  geübt 
an  200  Fällen  erprobt  ist  und  die  den  bisherigen  Mangel  derÜnver- 
chkeit  durch  einen  den  Stichmethoden  gleichzusetzenden  Verläss- 
ütsgrad  beseitigte.  Die  Methode  selbst  ist  das  Ergebnis  von 
hiedenen  Erfahrungen,  die  ich  gelegentlich  der  Studien  über  die 
,’hbarkeit  der  Pirquetschen  Kutanreaktion  gewonnen  habe. 
Ergebnis  dieser  Studien  war  die  Festlegung  bestimmter  technischer 
sen,  mit  deren  Beobachtung  oder  Vernachlässigung  die  Verläss- 
iit  der  Kutanreaktion  steigt  oder  fällt.  Fs  wird  einer  weiteren 
t  Vorbehalten  sein,  auf  jenen  Umstand  näher  einzugehen,  der  die 
sslichkeit  der  Kutanreaktion  bedeutend  erhöht.  Für  heute  will  ich 
damit  begnügen,  die  theoretischen  Erwägungen,  die  zu  der  Mo¬ 
tion  der  perkutanen  Methode  führten,  zu  übermitteln  und  die  Aus- 
ig  der  Probe  selbst  bekanntzugeben. 

-s  lag  nahe,  den  Grund  der  Un Verlässlichkeit  der  klassischen 
o  sehen  Probe  in  dem  Umstande  zu  suchen,  dass  die  Reaktion  als 
'rovokation  einer  spezifischen  Foliikulitis  in  erster  Linie  die  Zu- 
ichkeit  der  Hautfollikel  voraussetzt.  Und  nachdem  diese  Zugäng- 
dt  in  .einer  grossen  Zahl  von  Fällen  durch  ätherlösliche  Sekrete 
algdriisen  behindert  ist,  so  fiel  mein  nächster  Gedanke  auf  den 
■r,  der  den  Zugang  für  das  Tuberkulin  freizumachen  hat.  Weiters 
ich  aus  den  Studien  über  die  Brauchbarkeit  der  Kutanreaktion 
'(fahtung  gewonnen,  dass  eine  durch  Hyperämisierung  erzielte 
bilisierung  der  Applikationsstelle  viel  zum  Gelingen  der  Reaktion 
gt.  Und  auch  dieser  Forderung  trägt  der  Aether  insoferne  Rech¬ 
ts  er  in  seiner  reaktiven  Wirkungsphase  auf  eine  Gefässver- 
ung  eine  Gefässerweiterung  folgen  lässt  und  somit  durch  Hyper- 
erung  sensibilisiert.  Als  Prädilektionsstelle  für  die  Anstellung  der 
tion  erwies  sich  auch  mir  das  obere  Ende  des  Sternum,  woselbst 
efässversorgung  eine  entsprechende  ist  und  die  harte  plane  Unter¬ 
es  Knochens  einen  guten  Reibwiderstand  gibt.  Wenn  wir  diese 
ment*  ins  Auge  fassen  (Verwendung  von  Tuberkulin,  das  auf  Ge- 
skonstanz  eingeengt  wird,  Entfettung  der  Haut,  Sensibilisierung  der 
lektionsstelle),  so  ergibt  sich  die  Beschreibung  der  Methode  von  selbst 
olgt :  Mit  einem  in  Schwefeläther  getauchten  Tupfer  reibt  man  über 
kranialen  Teile  des  Sternum  in  einem  Durchmesser  von  ungefähr 
durch  eine  halbe  Minute  die  Haut,  indem  man  mehreremale  den 
'rin  der  Hand  eine  andere  Stellung  einnehmen  lässt.  Dann  wartet 
eine  weitere  halbe  Minute,  bis  sich  die  der  Vasokonstriktion  fol¬ 


gende  Dilatation  durch  Rötung  der  Haut  kundtut  und  trägt  nun  auf 
diese  Stelle  mittels  Glasstab  einen  Tropfen  von  eingedicktem  Alttuber¬ 
kulin  auf.  Man  reibt  nun  die  Tuberkulinmenge  solange  mit  der  Finger¬ 
beere,  bis  sie  unter  sich  trockene  Haut  verspürt.  Beim  Verreiben  des 
Tuberkulins  achte  man  darauf,  dass  der  Finger  nicht  leer  reibt,  was 
durch  Einbringung  des  immer  wieder  an  die  Peripherie  gravitierenden 
Tuberkulins  in  die  Kreismitte  geschieht.  Die  Reaktionsäusserung  ist 
am  besten  am  2.  oder  3.  Tage  abzulesen.  Eine  traumatische  Reaktion 
wurde  nie  beobachtet. 

Diese  Methode,  die  unter  Wahrung  dieser  technischen  Kautelen 
allen  drei  Eingangs  gestellten  Forderungen  Genüge  leistet,  will  ich 
modifizierte  Perkutanprobe  nennen  und'  sie  zur  kritischen  Nachprüfung 
übermitteln. 


Von  Dr.Karl  Ste  rn ,  Facharzt  f.  Hautkrankheiten  in  Fürth  i.By. 

Unter  den  Krankheiten,  die  sehr  schwer  zu  heilen  sind,  rangiert 
das  Ekzem  mit  an  erster  Stelle. 

Während  es  einesteils  Fälle  von  Ekzem  gibt,  bei  denen  es  kinder¬ 
leicht  ist,  eine  rasche  Abheilung  zu  bewerkstelligen,  ist  andererseits 
die  Anzahl  von  Ekzemfällen  nicht  gering,  die  entweder  nur  sehr  lang¬ 
sam  und  schwer  abheilen,  oder  überhaupt  nicht  heilen  wollen,  und  so 
der  grössten  Mühe  und  Sorgfalt  des  behandelnden  Arztes  viele  Monate 
trotzen  können. 

Es  ist  entschieden  das  Verdienst  von  Hilgermann1).  neue 
Bahnen  in  der  Ekzembehandlung  eingeschlagen  zu  haben.  Von  der 
Annahme  ausgehend,  dass  das  Ekzem  durch  eine  bakterielle  Infektion 
hervorgerufen  werde,  sei  es  nun  direkt  durch  bakterielle  Erreger 
(Staphylokokken.  Stäbchen.  Pilze),  oder  sei  es.  dass  die  Bakterien  sich 
erst  sekundär  in  dem  beschädigten  Ekzemgewebe  ansiedelten  und  da¬ 
durch  die  Heilung  des  Ekzems  verhinderten,  behandelte  Hilger- 
mann  die  Ekzeme  mit  Vakzine,  und  zwar  verwandte  er  eine  Auto¬ 
vakzine,  die  aus  den  Ekzemherden  selbst  hergestellt  wird,  zur  Hei¬ 
lung  der  Ekzeme.  Er  züchtete  zu  diesem  Zweck  den  Inhalt  geschlosse¬ 
ner  Ekzemherde  (Eiterbläschen,  Pusteln),  oder,  wenn  keine  geschlos¬ 
senen  Ekzemherde  vorhanden  waren,  Schuppen-  oder  Borkenteile,  und 
stellte  daraus  eine  fertige  Vakzine  (Autovakzine)  her.  Mit  dieser  Auto¬ 
vakzine  hatte  nun  Hilgermann  grossartige  Erfolge.  Chronische 
Ekzeme,  die  monate-,  ja  jahrelang  nicht  abheilten,  verschwanden  voll¬ 
ständig  nach  der  Behandlung  (Injektion)  mit  Autovakzine. 

Ob  nun  Hilger  man  ns  Theorie  zu  Recht  oder  Unrecht  besteht, 
so  ist  doch  sicher,  dass  er  in  schweren  Fällen  von  Ekzem,  die  auf  keine 
Behandlung  zurückgehen  wollten,  mit  Autovakzineinjektionen  Heil¬ 
erfolge  erzielte.  Nun  ist  die  Behandlung  mit  Autovakzine  nur  in  einer 
Klinik  durchführbar.  Mit  der  Züchtung  der  Bakterien,  der  Herstellung 
der  Vakzine  kann  sich  der  praktische  Arzt  nicht  abgeben:  selbst  wenn 
ihm  ein  bakteriologisches  Laboratorium  zur  Herstellung  der  Auto¬ 
vakzine  zur  Verfügung  stände,  würde  die  Entnahme  von  Sekretinhalt 
(Eiter.  Schuppen  etc.)  und  ihre  Züchtung  soviel  Zeit  in  Anspruch 
nehmen  und  wäre  mit  so  viel  Umständen  verbunden,  dass  nur  die 
wenigsten  praktischen  Aerzte  sich  damit  abgeben  könnten. 

In  der  Praxis  kann  der  praktische  Arzt  nur  eine  fertige  Vakzine 
brauchen,  die  er  jederzeit  so  wie  ein  anderes  Präparat  (z.  B.  Lö¬ 
sungen  etc.)  einspritzen  kann. 

Ich  habe  nun  versucht,  mit  Injektionen  der  Einheits-Mast-Staphylo- 
kokkenvakzine  „Staphar“2)  dieselben  Erfolge  bei  schweren  Ekzemen 
zu  erzielen,  wie  sie  Hilgermann  bei  der  Behandlung  mit  Auto¬ 
vakzine  hatte. 

Fs  ist  mir  gelungen,  mit  Staohar  in  vielen  Fällen  von  schwe¬ 
rem  Ekzem,  die  anderwärts  nicht  heilen  wollten,  sehr  schöne  Erfolge 
zu  erzielen.  Es  waren  dies  immer  chronische,  der  äusseren  Salben- 
und  Puderbehandlung  trotzende  schwere  Ekzeme,  die  ich  mit  Staphar 
behandelte.  Am  besten  reagierten  die  impetiginösen  und  nässenden 
Ekzeme  auf  Stapharinjektionen,  während  die  chronischen  mehr  schup¬ 
penden,  infiltrierten  Ekzeme,  und  ebenso  die  seborrhoischen  Ekzeme 
nicht  besonders  reagierten.  In  folgendem  will  ich  nun  einige  prägnante 
Krankengeschichten  anführen : 

1.  Herr  A.  L.,  28%  Jahre  alt.  An  beiden  Unterarmen,  links  mehr  als 
rechts,  etwa  hohlhandgrosse,  rundliche,  blassrosarote,  stark  nässende  Ekzem¬ 
herde,  die  unscharf  von  der  gesunden  Haut  begrenzt. sind.  Der  Rand  beider 
Herde  ist  etwas  infiltriert  und  mit  stecknadelkopf-  bis  halbbolmengrossen 
Papeln,  Bläschen  und  Pusteln  bedeckt.  Bisher  ohne  Erfolg  2  Jahre  lang 
mit  Salben,  Puder  und  Pasten  behandelt  worden.  Auf  3  malige  Injektion  mit 
Staphar  (im  Zeitraum  von  3 — 5  Tagen),  ohne  sonstige  äussere  Behandlung, 
verschwindet  das  Ekzem  vollständig. 

2.  Frl.  A.  T.,  20  Jahre  alt.  Die  Haut  beider  Unterschenkel  an  den  Vor¬ 
derflachen  ekzematös  entartet.  Das  Ekzem  nässt  stark,  hat  gelbliches  Kolorit 
und  ist  mit  gelbroten  dicken  Borkenmassen  bedeckt.  Das  Ekzem  ist  bisher, 

1  /•<  Jahre  lang,  mit  Salben  und  Pasten  ohne  jeden  Erfolg  behandelt  worden. 
Nach  4  Staphariniektionen,  ohne  dass  eine  andere  äussere  Behandlung  statt¬ 
findet.  heilt  das  Ekzem  vollständig  ab. 

3.  Herr  E.  B.,  50  Jahre  alt.  Ekzem  des  Afters,  seit  3 — 4  Jahren  am 
After  ein  stark  nässendes,  juckendes  und  den  Kranken  furchtbar  quälendes 
Ekzem.  Ohne  dass  eine  andere  Behandlung  stattfindet,  wird  er  von  mir  nur 
mit  Staphar  behandelt.  Nach  ungefähr  10  Stapharinjektionen,  im  Zwischen¬ 
raum  von  jedesmal  3  Tagen  ist  das  Ekzem  bedeutend  gebessert,  das  Nässen 


*)  M.m.W.  1921  Nr.  23.  Hilgermann:  Die  Therapie  und  Aetiologie 
der  chronischen  Hautekzeme. 

2)  Einheits-Mast-Staphylokokkenvakzine  nach  Prof.  S  t  r  u  b  e  1 1,  her¬ 
gestellt  von  der  Deutschen  Zelluloidfabrik  in  Eilenburg  i.  S. 


Die  Behandlung  des  Ekzems  mit  Vakzine  unter  besonderer 
Berücksichtigung  der  Maststaphylokokkenvakzine  Staphar. 


234 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N 


ist  vollständig  verschwunden  und  um  den  After  nur  ganz  geringe  Rötung  mit 
mässiger  Schuppung  vorhanden.  —  Wenn  in  diesem  Falle  auch  keine  voll- 
ständige  Heilung  durch  Stapharinjektionen  erreicht  wurde,  so  wurde  doch 
immerhin  eine  solche  Besserung  erzielt,  dass  das  Nässen  aufhorte  und  der 
Kranke,  der  vorher  vor  Jucken  und  Brennen  nicht  schlafen  konnte,  nunmehr 

nachts  seine  Ruhe  hatte.  .  ,  ,  ,  ,  . 

4.  Junge  A.  Sp.,  12  Jahre  alt.  An  beiden  Unterschenkeln  ein  akutes 

Ekzeni,  das  am  Rande  von  impetiginösen,  erbsen-  bis  halbkirschgrossen  Her¬ 
den,  untermischt  mit  mhereren  Furunkelchen  begrenzt  wird.  Nach  2  Staphar¬ 
injektionen  sind  sämtliche  etwa  kirschgrosse  Furunkeln  verschwunden,  ebenso 
die  impetiginösen  und  ekzematösen  Herde,  ohne  dass  eine  äussere  Behand¬ 
lung  stattgefunden  hätte.  .  .  .  ,  p. 

5.  Frau  B.  W„  47  Jahre  alt.  An  beiden  Handrücken  ein  chronisches  Ek¬ 
zem.  Ergriffen  sind  ausser  den  Handrücken  sämtliche  Finger.  Bisher  erfolg¬ 
los  mit  Salben  und  Pasten  behandelt  worden;  dabei  besteht  starkes  quälendes 
Jucken.  Ohne  dass  eine  äussere  Behandlung  stattgefunden  hätte,  tritt  nach 
5  Stapharinektionen  von  je  1,0  vollständige  Heilung  des  Ekzems  ein. 

6  Frau  E.  R„  36  Jahre  alt.  An  der  rechten  Hand  am  Daumen  und  Um¬ 
gebung  ein  chronischer,  etwas  nässender,  hellroter  Ekzemherd  von  etwas 
über  Fünfmarkstückgrösse.  Bisher  erfolglos  mit  Salben  und  Pasten  behandelt 
worden;  ohne  dass  eine  äussere  Behandlung  stattgefunden  hätte,  tritt  nach 
4  Stapharinektionen  ä  1,0  vollständige  Heilung  ein. 

7.  Herr  H.  M.,  58  Jahre.  Beide  Unterschenkel  von  handtellergrossen 
Ekzeniherden  ergriffen,  untermischt  mit  mehreren  bohnen-  bis  kirschgrossen 
Furunkeln  und  Impetigo-simplex-Herden.  Nach  3  Stapharinjektionen  von  1,0 
findet,  ohne  dass  eine  äussere  Behandlung  stattgefunden  hatte,  eine  voll¬ 
ständige  Heilung  der  Furunkeln,  der  Impetigo-simplex-Effloreszenzen  und  fast 

sämtlicher  Ekzemherde  statt.  . 

8.  F  r  a  u  A.  B.,  51  Jahre  alt.  An  beiden  Unterschenkeln  starke  Krampf¬ 
adern  und  mehrere  zweimarkstückgrosse  bis  handtellergrosse  Ekzemherde, 
dazwischen  kirschgrosse  Furunkeln  und  einige  etwa  talergrosse  Unterschen¬ 
kelgeschwüre.  Bisher  erfolglos  mit  allerlei  möglichen  Salben  und  Pasten  be¬ 
handelt  worden.  Nach  10  Injektionen,  ohne  äusserliche  Behandlung,  sind 
die  Ekzemherde  und  Furunkeln  ganz  verschwunden,  die  Unterschenkel¬ 
geschwüre  bis  auf  etwa  3  vollständig  abgeheilt.  Letztere  sind  vollständig 
gereinigt,  am  Geschwürsgrund  schöne  Granulationen,  so  dass  zu  erwarten  ist, 
dass  die  Geschwüre  baid  ganz  verschwinden. 


Bei  8  Fällen  von  Ekzem  wurde  also  nur  mit  Staphar  allein  ein 

schöner  Heilerfolg  erzielt.  ,  _  ,  ..... 

Erwähnen  möchte  ich  noch  3  Fälle  von  Ekzeni  der  Extremitäten 
(teils  obere  teils  untere  Extremitäten),  wo  mit  Staphar  nur  eine  ge- 
ringe  Besserung  erzielt  wurde.  In  3  Fällen  von  Ekzem  (1  Fall  von  Oe- 
sichtsekzem  und  2  Fälle  von  Oberschenkel-  und  Unterschenkelekzem) 
trat  auf  Staphar  nicht  nur  keine  Heilung  ein.  sondern  nicht  einmal 
eine  Besserung. 

ln  8  Fällen  also  erwies  sich  das  Staphar  als  ein  glänzendes  Mittel 
zur  völligen  Ausheilung  von  Ekzemen.  Dabei  ist  zu  bemerken,  dass 
die  Hauptdomäne  des  Staphars  Furunkulose  und  andere  septische  Er- 
krankungen  darstellen,  wo  der  Staphylokokkus  ätiologisch  die  Haupt¬ 
rolle  spielt.  .  . 

Ein  universelles  Heilmittel  für  Ekzeme  ist  das  Staphar^  nicht,  je¬ 
doch  gelingt  es  in  einer  ganzen  Anzahl  von  Fällen  von  Ekzem,  die 
viele  Monate,  ja  selbst  Jahre  ohne  Erfolg  mit  äusseren  Mitteln  (Sal¬ 
ben,  Pasten,  Pudern)  behandelt  wurden;  nur  mit  Staphar  allein  eine 
schöne  Heilung  zu  erzielen. 

Dass  Misserfolge  Vorkommen  beweist  gar  nichts  und  spricht  nicht 
gegen  die  Güte  des  Präparates;  auf  jeden  Fall  ist  das  Staphar  sehr  zu 
empfehlen. 

In  Fällen  von  schwerem  Ekzeni,  wo  absolut  kein  Fortschritt  zu 
verzeichnen  ist,  empfiehlt  es  sich,  mit  Staphar  eine  Behandlung  ein¬ 
zuleiten  und  in  vielen  Fällen  wird  es  sich  mehr  als  lohnen. 

Ist  natürlich  auch  vom  theoretischen  Standpunkt  aus  die  Behand¬ 
lung  mit  Autovakzine  das  Ideal,  so  wird  doch  in  der  allgemeinen 
Praxis  die  Behandlung  mit  Staphar  angebracht  sein,  da  die  Behandlung 
mit  Autovakzine  in  die  Klinik  gehört.  Auf  jeden  Fall  sollte  man  bei 
sehr  schweren  Fällen  von  Ekzem,  die  absolut  nicht  vorwärtskommen 
wollen,  nicht  versäumen,  Staphar  anzuwenden. 

Erwähnen  möchte  ich  noch,  dass  in  einigen  Fällen,  wo  mit  Staphar 
eine  schöne  Heilung  erzielt  wurde,  vorher  nicht  nur  das  Ekzem  er¬ 
folglos  mit  Salben  und  Pasten,  sondern  auch  mit  Röntgenstrahlen  be¬ 
handelt  wurde. 

Die  Injektionen  selbst  werden  anstandslos  ausgezeichnet  vertragen, 
sind  nahezu  schmerzlos  und  verursachen  fast  keine  Infiltrate. 


Literatur. 

1.  Ueber  Staphar  (Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine)  von  Prof.  Dr. 
A.  Strubel.  D.m.W.  1919  Nr.  38.  —  2.  Ueber  Erfahrungen  mit  Staphar 
(Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine  nach  Prof.  S  t  r  u  b  e  1  1)  auf  Staphylo¬ 
kokkeninfektionen  mit "  besonderer  Berücksichtigung  der  Einwirkung  auf 
venerische  Bubonen  von  Dr.  Georg  Krebs  in  Leipzig.  D.m.W.  1920, 
Nr.  18.  —  3.  Erfahrungen  mit  Staphar  von  Dr.  Ferdinand  Rosenberger 
in  Hamburg.  D.m.W.  1920,  Nr.  49.  —  4.  Ueber  die  Behandlung  von  Pyo¬ 
dermien  und  ähnlichen  Affektionen  mit  Staphar  (Mast-Staphyiokokken-Einheits- 
vakzine  nach  Strubel!)  von  Prof.  Dr.  E.  G  a  1  e  w  s  k  y  in  Dresden. 
Derm.  Wschr.  1920,  71.  —  5.  Erfahrungen  mit  Staphar  (Mast-Staphylokokken- 
Einheitsvakzine)  nach  S  t  r  u  b  e  11  von  Stadtarzt  Dr.  D  i  e  n  e  m  a  n  n- Dresden. 
Ther.  d.  Gegenw.  1921. 


Von  Dr.  O.  Muck  in  Essen. 


Vermeidung  störender  Reflexbewegungen  bei  Eingriffen 

im  Schlund. 


nügt  oft  schon  der  Anblick  des  einzuführenden  Zungenspatels, 
Würg-  und  Hustenreflexe  auszulösen.  Auf  Sondierungsversuche  s 
eine  Schleim-  und  Speichelsekretion  ein  von  seiten  des  zu  Ui 
suchenden,  der  durch  Aussnucken  der  Sekrete  den  Arzt  sich  vork 
vom  Leib  hält.  Nimmt  er  sich  „zusammen“,  d.  h.  der  I  atient,  so 
fährt  er  folgendermassen:  Er  atmet  tief  ein;  um  bei  weiterer  Ut 
suchung  den  Spateldruck  zwar  zu  dulden,  dafür  aber  die  übermas 
Inspirationsluft,  nach  Sprengung  der  Stimmritze,  mit  laut  dröhnen 
Fxspirationsgeräusch,  meist  unter  Würg-  und  Brechbewegungen, 
samt  den  Sekreten  am  Kopf  des  beweglichen  Untersuchers  vorbei 
zustossen.  Das  Bild  wird  bunter  bei  operativen  Eingriffen,  z.  B.  bei 
Tonsillektomie,  auch  wenn  sie  schnell  ausgeführt  wird  und  trotz 

Anästhesie.  .  ,  ,  ,  ,,  „ 

Wem  ist  dieser  unerfreuliche  Hergang  nicht  bekannt  ?  Der  Kr; 
sagt:  „Ich  kann  nichts  dafür.“  Er  hat  recht. 

Gibt  man  dem  Kranken  aber  folgende  Anweisung,  so  bleibt 
Ans-  und  Anhusten  und  Würgen,  das  an  den  vomitus  matutinns 
Studenten  aus  der  Vorkriegszeit  erinnernde  Würg-  und  Brech 
geräusch  aus  und  die  Untersuchung  und  Behandlung  kann  ruhig 
statten  gehen.  Wenn*  nämlich  yor  der  Untersuchung  der  Kranke 
gefordert  wird,  auf  eine  kurze  Inspiration  hin  möglichst  tief  a 
z u  a t  m  e  n  und  dann  unter  Stimmritzenschluss  den  A  t  e  m  a n  zu  1 
t  e  n,  so  wird  man  erstaunt  sein,  wie  leicht  auch  grössere.  Eingriffe, 
Ausschälung  der  Tonsille,  vor  sich  ^ehen.  Zweckmässig  macht 
dem  Kranken  vor,  wie  er  sich  zu  verhalten  hat.  Hat  er  das  Bedö 
zu  atmen,  so  kann  bei  dem  Residualluftgehalt  der  Lunge  nur  eine 
s  p  i  r  a  t  i  o  n.  oder  schwache  Exspiration  eintreten.  Das  Prusten.  1 
gen  und  Brechen  bleibt  aus.  Eine  Blutaspiration  ist  nicht  zu  fure 
Ein  weiterer  Vorzug  dieser  einfachen  Massnahme  ist,  dass 
Blutung  auffällig  gering  ist  wegen  der  fehlenden  venösen  Stauun.: 
Kopf.  Auf  diese  Weise  gelang  es  mir  beispielsweise,  ein  luihn 
grosses  Sarkom  der  Gaumenmandel  ohne  nennenswerte  Blutung 
paratorisch  zu  entfernen  bis  auf  die  Kapsel,  vor  de l  die  Geschv  ulst 

machte.  j« 

Mit  der  Mitteilung  dieses  Vorgehens  glaube  ich  dem  Leser  < 
Wink  zu  geben,  den  er  dankbar  begrüssen  wird.  Er  scheint  mir 
zu  sein.  In  Lehrbüchern  finde  ich  nicht  darauf  hingewiesen,  .-ffi 
habe  ich  nicht  davon,  aber  das  Verfahren  ausprobiert. 


Psychogenes  Fehlen  der  Zeigereaktion. 

(Ein  Beitrag  zur  Hysterie  des  Vestibularis.) 

Von  Dr.  Bruno  Qriessmann, 

Hals-,  Nasen-  und  Ohrenarzt  in  Nürnberg. 


Untersuchungen  und  operative  Eingriffe  im  Schlund  (in  Frage  kommt 
in  vorliegendem  Fall  vornehmlich  die  Gaumenmandelgegend)  werden 
häufig  erschwert  oder  vereitelt  schon  bei  der  einfachen  Mundinspek¬ 
tion.  Bei  erregbaren  Kranken  —  in  der  Jetztzeit  die  Mehrzahl  —  ge¬ 


Unter  dem  Namen  der  Bä  räny  sehen  Zeigereaktion  (Zf.) 
steht  man  die  Tatsache,  dass  bei  einseitiger  künstlicher  Erreguni 
Vestibularisendapparate  eines  normalen  Labyrinths  durch  Drehung 
Kalorisation  in  der  dem  Nystagmus  entgegengesetzten  Richtung 
beigezeigt  wird.  Die  Umdrehung  auf  dem  Drehstuhl  bewirkt  iiach 
halten  der  Drehung  Vorbeizeigen  beider  Extremitäten  in  der  Dreh 
tung.  Bei  Kaltspülung  eines  Ohres  wird  nach  der  Seite  des  ausgti 
ten  Ohres  vorbeigezeigt.  -j  I 

Hysterische  Gleichgewichtsstörungen  mit  abnormem  Verhalte; 
Zeigeversuchs  und  der  Zeigereaktion  hat  wohl  jeder  Otologe  ,i 
mehrfach  beobachtet  Gewöhnlich  kann  man  aus  der  Anamnese  b 
auf  die  psychogene  Grundlage  des  Leidens  schliessen.  Hört  man 
dass  eine  Kranke  mit  schweren  Gleichgewichtsstörungen,  die  von 
Zimmerecke  zur  anderen  taumelt,  zu  Hause  auf  der  Leiter  steh 
Vorhänge  aufmacht,  dann  wird  man  leicht  auf  die  richtige  Diät 
kommen.  Trotzdem  sind  bei  solchen  Patienten,  wenn  sie  uns 
licherweise  noch  eine  begleitende  Mittelohreiterung  aufweisen,  m 
mal  energische  operative  Eingriffe,  Radikal-  und  Labyrinthopera  I 
vorgenommen  worden,  ohne  den  erhofften  Erfolg  zu  bringen.  A 
Ungesetzmässigkeit  und  W illkürlichkeit  des  '/Kjj 
zeigens,  besonders  im  gegenseitigen  Verhalten  der  beiden  Anne, 
der  in  der  Funktionsprüfung  des  Vestibularapparates  Geübte  rascll 
psychogenen  Charakter  erkennen. 

In  der  Regel  nämlich  besteht  das  hysterische  Vorbeizeigen  irt  j 
ganz  unregelmässigen,  ungesetzlichen  Durcheinander,  einer  Ueb<! 
bung  des  Zeigeversuches. 

Die  Hysterika  zeigt  nicht  nur  spontan,  sondern  auch  nach  Do 
und  Kalorisation  öfter  und  intensiver  richtig  oder  falsch  ■  v 
Brühls  [l]  Kranke  zeigten  einfach  willkürlich  nach  aussen 
innen,  nach  oben  oder  unten,  ja  sogar  völlig  kreisförmig. 

Levkowitz  \2]  beschreibt  einen  Fall  von  Vestibularliy; 
der  eine  schwere  Läsion  des  Bogengangapparates  mit  Andeutung 
Fistelsymptom  und  Meniereschem  Symptomenkomplex  vorspu 
Seltener  wird  die  Zeigereaktion  psychogen  unterdrückt,  ge 
und  dadurch  ein  organisches  labyrinthäres  oder  retrolabyrinthäre; 
den  vorgetäuscht. 

Der  folgende  Fall  ist  in  diesem  Zusammenhänge  von  Inte 
Witwe  L.  B„  38  Jahre  alt,  Landwirtsfrau.  Pat.  ist  niemals  er 
krank  gewesen,  hat  4  gesunde  Kinder.  Der  Ehemann  ist  1915  gt 
jedoch  hatte  die  Pat.,  da  der  Todesfall  gerade  in  die  Erntezeit  fiel, 
reichlicher  Arbeit  keine  Zeit  sich  dem  Schmerz  hinzugeben.  Vor  3 
Grippe.  Am  28.  August  1921  rechtseitige,  nichtperforative  Mittelohre 
düng.  Angeblich  mit  „fürchterlichen  Kopfschmerzen"  verbunden.  Seit 
Zeit  rechtseitige  Schwerhörigkeit.  Niemals  Schwindel  oder  Gleichgee 
Störungen.  Auch  auf  dem  linken  Ohr  nimmt  seit  14  Tagen  die  S‘ 
hörigkeit  zu,  weshalb  die  Pat.  einem  Facharzt  überwiesen  worden  i 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


235 


Objektiver  Befund:  Mittelgrosse,  grazil  gebaute,  etwas 
iinische  Frau.  Innere  Organe  o.  B.  Nervensystem  o.  B.  (Dr.  S  t  e  c  k  ei¬ 
ch  e  r).  Trommelfelle  beiderseits  leicht  streifig  getrübt,  sonst  o.  B. 

G  e  h  ö  r  p  r  ti  f  u  n  g:  Rechts  taub  (geprüft  mit  B  ä  r  ä  n  y  scher  Lärrn- 
tnmel).  Links  Flüstersprache  3  m,  Weber  nach  links,  Knochenleitung  links 
rk  verkürzt. 

C  4.  Luftleitung  links  stark  verkürzt;  obere  Tongrenze  links  13  000  Schwin¬ 
gen.  Somit  links  das  klinische  Bild  einer  Innenohrschwerhörigkeit. 
Statische  Prüfung:  Spontaner  Endstellungsnystagmus  nach  bei- 
Seiten;  kein  spontanes  Vorbeizeigen;  Romberg  negativ,  auch  bei  ver- 
iedenen  Kopfstellungen,  kein  Fistelsymptom. 

Drehprüfung:  1.  Drehnachnystagmus  nach  links  Ny  20  Sek.  Zr. 
+,  1.  0.  II.  Drehnachnystagmus  nach  rechts  Ny  25  Sek.  Zr.  r.  0,  1.  0. 
itzdem  jede  Prüfung  mehrfach  wiederholt  wurde  und  die  Patientin  etwa 
nal  ä  10  Drehungen  gedreht  wurde,  zeigte  sicli  subjektiv  kein  Schwindel¬ 
nd  und  objektiv  keine  Fallreaktion. 

Die  Patientin  wurde  mit  starken  elektrischen  Hochfrequenzströmen  be- 
delt  und  gab  spontan  an,  dass  sie  sich  darnach  im  Kopfe  wesentlich 
dchtert  fühle.  Nachmittags  wurde  die  Drehprüfung  wiederholt. 

III.  Drehnachnystagmus  nach  rechts  Ny  25  Sek.  Zr.  r.  0,  1.  +.  Die 
gereaktion  im  linken  Arm  war  nur  sofort  nach  dem  Anhalten  zu  beobachten 
l  dauerte  etwa  2  Sekunden  lang;  nachher  wurde  wieder  richtig  gezeigt. 

Aus  dem  Vergleich  der  beiden  Beobachtungen  1  und  III  zeigte  sich,  dass 
ses  Verhalten  im  Gegensatz  zu  unseren  sonstigen  Erfahrungen  steht, 
ttich  [3]  hat  nachgewiesen,  dass  die  Verbindungen  vom  Labyrinth  zur 
chseitigen  Kleinhirnhemisphäre  stärker  sind  als  die  gekreuzten  Bahnen, 
hätte  somit  beim  Drehnachnystagmus  nach  links  der  linke  Arm  vorbei¬ 
gen  und  der  rechte  Arm  richtig  zeigen  müssen. 

Wie  ich  in  einer  anderen  Arbeit  nachgewiesen  habe,  sind  die  Ver¬ 
dungen  zwischen  Labyrinth  und  beiden  Armen  für  jedes  Labyrinth  selb- 
ndig.  Das  Ergebnis  der  Prüfungen  I  und  III  weist  auf  eine  Schädigung 
der  gleichseitiger  Bahnen  hin,  ein  Befund,  welcher  nur  relativ  selten 
kommt. 

Es  wurden,  daher  am  nächsten  Tage  die  Drehprüfungen  in  der  Art 
derholt,  dass  jedes  Labyrinth  für  sich  axial,  d.  h.  konzentrisch,  in  die 
hachse  (Optimumstellung)  eingestellt  wurde,  wodurch  eine  stärkere  Er- 
ung  der  Vestibularisendapparate  des  betreffenden  Labyrinths  erzielt  wird. 

IV.  Drehnachnystagmus  nach  rechts  bei  conc.  R.  Labyrinth  Ny  25  Sek. 
r.  +,  1.  +.  Die  Zeigereaktion  ist  rechts  nur  sofort  nach  Anhalten 
nur  wenige  Sekunden  lang  nachweisbar. 

V.  Drehnachnystagmus  nach  rechts  bei  konz.  L.  Labyrinth  Ny  20  Sek. 

r.  0.  1.  +. 

VI.  Drehnachnystagmus  nach  links  bei  konz.  L.  Labyrinth  Ny  27  Sek 

r.  +,  1.  +. 

VII.  Drehnachnystagmus  nach  links  bei  konz.  R.  Labyrinth  Ny  30  Sek 

r.  +,  1.  0. 

Bei  den  Prüfungen  IV.  und  VI.  subjektiver  Schwindel,  während  Patientin 
V.  und  VII.  fast  nicht  schwindlig  wird. 

Wenn  wir  mit  Gii  ttich  annehmen,  dass  beim  Rechtsdrehen 
iptsächlich  das  linke  Labyrinth  und  bei  der  Linksdrehung  in  erster 
iie  das  rechte  Labyrinth  gereizt  wird,  so  können  wir  aus  den  bis- 
igen  Beobachtungen  der  Drehreaktion  auf  eine  Untererregbarkeit 
;  Vestibularapparates  schlfessen,  da  erst  die  konzentrische  Einstellung 
■  jeweiligen  Labyrinths  in  die  Drehaxe  eine  vollkommene  Zeige- 
ktion  beidef  Arme  ergeben  hat. 

Aus  diesem  Grunde  wurde  jetzt  die  kalorische  Prüfung  ange- 

lossen. 

Kalorisation: 

VIII.  Kalorisation  linkes  Ohr  5  ccm  27°  H2O,  Ny  +  Zr.  r.  0,  1.  +. ' 

IX.  Kalorisation  linkes  .Ohr  10  ccm  27  0  H2O,’  Ny  +  Zr.  r.  +,  I.  +. 
rechten  Arm  klingt  das  Vorbeizeigen  rascher  ab  wie  im  linken. 

X.  Kalorisation  rechtes  Ohr  5  ccm  27  0  H2O,  Ny  +  Zr.  r.  +.  1.  +. 
Auffallend  ist  die  mehrere  Sekunden  lang  dauernde  Reaktionszeit  bis  zum 

treten  der  Zr.  Bei  Versuch  X  tritt  die  Zr.  links  später  auf  wie  rechts 
verschwindet  früher. 

Die  kalorische  Prüfung  mittels  der  Schwachreizmethode 
-h  Kobrak  [5l  ergibt  somit  eine  normale,  gesetzmässige  Erreg- 
•keit  des  Labyrinths  und  steht  im  Widerspruch  mit  der  bei  der 
-hprüfung  mittels  konzentrischer  Einstellung  gefundenen  Untererreg- 
•keit.  Der  Verdacht  auf  die  funktionelle  Natur  des  Leidens  stei¬ 
le  sich  zur  Gewissheit.  Die  Kranke  wurde  kräftigen  hochfrequenten 
ömen  ausgesetzt  und  darnach  sofort  eine  Gehörprüfung  ausgeführt: 

Flüstersprache  rechts  und  links  6  m.  Obere  Tongrenze  beiderseits 
400.  Die  am  nächsten  Tage  vorgenommene  Drehprüfung  ergab  zuerst: 
.'hnachnystagmus  nach  rechts  30  Sek.  Zr.  r.  0,  1.  0.  Auf  suggestiven 
■pruch  hin,  dass  die  Patientin  zwar  in  Bezug  auf  das  Hören  geheilt  sei, 
s  sie  aber  beim  Drehen  noch  nicht  genügend  schwindelig  werde,  wurden 
Drehungen  nochmals  wiederholt  bis  zu  dem  Ergebnis:  Drehnach- 
>tagmus  nach  links  25  Sek.  Zr.  r.  +,  1.  +.  Drehnachnystagmus  nach 
hts  20  Sek.  Zr.  r.  +,  1.  +,  wobei  starker,  nachhalter,  subjektiver 
rvvindel  mit  normalen  Reaktionsbewegungen  (Zeige-  und  Fallreaktion) 
trat. 

Bemerkenswert  ist,  dass  die  rein  funktionelle  Taubheit  sofort  ver¬ 
wand,  während  die  für  die  Kranke  praktisch  unwichtigere  hysteri- 
ie  Lähmung  der  vestibulären  Reaktionsbewegungen  sich  bei  der 
Handlung  als  hartnäckig  erwies. 

Dass  die  Kalorisation  sofort  die  normale  Erregbarkeit  beider  La- 
rinthe  aufdeckte  und  damit  die  Diagnose  sicherte,  schreibe  ich  ihrem 
'cnotherapeutischen  Einfluss  zu.  Denn  die  Patientin  gab  spontan  an, 
'S  sie  sich  nach  der  Spülung  im  Kopfe  freier  fühle. 

Auch  Kümmel  |6l  und  Brühl  haben  durch  kalorische  Vestibu- 
prüfung,  bei  der  allerdings  erheblicher  Schwindel  auftrat,  Neurotiker 
r'eilt.  Man  sieht  aber,  dass  hiefür  selbst  so  geringe  Mengen  wie 
ccm  Wasser  von  27°  Temp.  ohne  Schwindelerregung  genügen, 
erträglich  teilt  die  Kranke  apf  Befragen  und  Vorhalt  mit,  sich  vor 
Wochen  an  dem  heissen  Eisen  ihres  Backofens  derartig  am  linken 


Vorderarm  gebrannt  zu  haben,  dass  die  Haut  in  Fetzen  weghing.  Sie 
hat  aber  damals  auffälligerweisc  gar  keine  Schmerzempfindung  ver¬ 
spürt. 

Der  vorliegende  Fall  ist  in  mancher  Beziehung  lehrreich.  Es  wird 
der  Beweis  erbracht,  dass  tatsächlich  eine  Hysterie  des  Vestibularis 
vorkommt,  worüber  bisher  die  Ansichten  geteilt  waren.  Diese  Form 
der  reinen  Vestibularishysterie  ist  natürlich  scharf  zu  unterscheiden 
von  jenen  theatralischen  Uebertreibungen,  bei  denen  die  objektive 
Prüfung  normales  Verhalten  der  Labyrinthfunktion  aufdeckt.  Das  psy¬ 
chogene  Fehlen  der  Zeigereaktion  nach  der  Drehung  gehört  in  die 
gleiche  Kategorie  der  aufgehobenen  Reflexerregbarkeit, 
der  funktionellen  Anästhesie,  wie  sie  uns  bei  der  Hysterie  geläufig  ist. 

v.  Sarbö  [7]  vertrat  die  Auffassung,  dass  der  Vestibularapparat 
ausserhalb  des  Bereiches  jeder  Hysterie  liegt.  Andererseits  versuchten 
zahlreiche  Autoren  aus  der  Beobachtung  des  Nystagmus  Schlüsse  auf 
die  Ueber-  bzw.  Untererregbarkeit  des  Vestibularis  bei  hysterischen 
Personen  zu  ziehen,  allerdings  ohne  nennenswerten  Erfolg.  Denn  es 
ist  eine  bekannte  Tatsache,  dass  beim  Nystagmus  eine  erhebliche 
individuelle  Variante  besteht  und  gerade  neurasthenische  und  reizbare 
neuropathische  Personen  sowohl  mit  dem  Nystagmus  als  auch  beim 
Zeigeversuch  aussergewöhnlich  stark  reagieren.  Gü ttich  [4]  weist 
umgekehrt  darauf  hin.  dass  bei  apathischen  und  stumpfsinnigen  Men¬ 
schen  der  Drehnystagmus  oft  verkürzt  erscheint,  ohne  dass  man  bei 
ihnen  an  eine  hysterische  Beeinflussung  denken  könnte. 

Wichtig  für  das  Verständnis  der  psychogenen  Aufhebung  der  Re¬ 
flexerregbarkeit  der  Labyrinthfunktion  sind  die  Untersuchungen  von 
Bauer  und  Schilder  |8],  welche  der  Versuchsperson  sowohl  Dreh¬ 
schwindel.  als  das  Gefühl  einer  Eigendrehung  von  bestimmter  Richtung 
suggerierten,  worauf  in  entsprechender  Richtung  vorbeigezeigt  wurde. 

Wir  sehen  somit  die  Zeigereaktion,  welche  zunächst  eine  rein 
motorische  Reaktion  auf  die  Reizung  der  Vestibularisendapparate  dar¬ 
stellt,  einerseits  auf  psychischem  Wege  durch  Hypnose  und  Suggestion 
zustande  kommen  und  andererseits  wieder  infolge  psychischer  Vor¬ 
gänge  durch  Hysterie  aufgehoben.  Parallel  mit  den  vestibulären  Re¬ 
aktionsbewegungen  geht  das  subjektive  Schwindelgefühl,  welches  ebenso 
vollkommen  psychogen  unterdrückt  werden  kann. 

Dieser  Fall  ist.  soweit  ich  ersehen  konnte,  der  erste  in  der  Litera¬ 
tur,  wo  das  Fehlen  der  vestibulären  Zeige-  und  Fallreaktion  nach 
Drehung  mit  Sicherheit  auf  Hysterie  zurückgeführt  werden  kann. 

Literatur. 

1.  Brühl:  Passow-Schaefer  Beitr.  1918,  11.  —  2.  Lev- 
kowitz:  Zschr.  f.  Ohrenhlkd.  1920,  79,  3  u.  4.  —  3.  Gü  ttich:  Pat- 
sow-Schäfer  Beitr.  1919,  12.  —  4.  Güttic  h:  Passow-Schäfer 
Beitr.  1918,  11.  —  5.  Kobrak:  Prakt.  Ohrenheilkunde  1918,  —  6.  Küm¬ 
mel:  Passow-Schäfer  Beitr.  11,  D.m.W.  1918.  • —  7.  v.  Sarbö: 
Med.  Kl.  1916  Nr.  38.  —  8.  Bauer  und  Schilder:  W.kl.W.  1919  Nr.  19 
sowie  Bondy:  Zschr.  I.  Ohrenhlkd.  1920,  80,  l/2. 


Ein  Hilfsmittel  zur  Prüfung  des  Romberg  sehen 

Symptoms. 

Von  Dr.  Hermann  Goldbladt  (Jekaterinoslaw-Ukraine). 

Das  hier  von  mir  vorgeschlagene  Hilfsmittel  zur  Prüfung  des 
Romberg  sehen  Phänomens  ist  höchst  einfach  und  besteht  in 
Streckung  beider  Oberextremitäten  nach  vorne,  nachdem  in  üblicher 
Weise  die  Augen  geschlossen  und  die  Füsse  fest  aneinander  gerückt 
worden  sind.  Durch  ein  derartiges  Verfahren  werden  bestehende  Gleich¬ 
gewichtsstörungen  sowohl  organischen  als  funktionellen  Ursprungs 
(Tabes,  progressive  Paralyse.  Kleinhirnaffektionen,  Neurasthenie,  trau¬ 
matische  Neurose  etc.)  besonders  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht. 

Die  Erklärung  dieser  Tatsache,  d.  h.  der  Verstärkung  des  R  0  m  - 
b  e  r  g  sehen  Phänomens  durch  Vorstrecken  der  Oberextremitäten,  ist 
nicht  schwer  zu  finden:  hierdurch  wird  nämlich  eine  plötzliche  Ver¬ 
lagerung  des  Körperschwerpunktes  bewirkt,  da  der  Rumpf  etwas  zurück¬ 
geworfen  wird.  Diese  Schwerpunktsverlagerung  tritt  normaliter  ent¬ 
weder  überhaupt  nicht  oder  als  ganz  geringfügige  Körperschwankung 
zutage.  Liegen  jedoch  irgendwelche  Gleichgewichtsstörungen  vor,  so 
gelangen  sie  in  viel  stärkerem  Masse  zum  Ausdruck  als  bei  der  — 
dem  Vorstrecken  der  Oberextremitäten  vorangehenden  —  klassischen 
R  0  m  b  e  r  g  sehen  Untersuchungsmethode. 

Die  O  p  p  e  n  h  e  i m  sehe  Modifikation  des  Rombergschen  Ver¬ 
fahrens,  die  bekanntlich  darin  besteht,  dass  man  den  Patienten  sich  bei 
Augenschluss  bücken  und  wiederaufrichten  lässt,  pflegt,  nach  meinen 
Beobachtungen,  in  geringerem  Grade  als  die  von  mir  vorgeschlagene 
Modifikation  vorhandene  Gleichgewichtsstörungen  zu  verstärken.  Das 
rührt  wohl  daher,  dass  beim  Romberg-Oppenheim  sehen  Ver¬ 
fahren  der  Körper  aus  einer  ungewohnten  Lage  in  die  Normalstellung 
gebracht  wird,  bei  der  alsdann  die  Beurteilung  der  Körperschwankungen 
erfolgt.  In  leichteren  Fällen  von  Gleichgewichtsstörung  scheint  hierbei 
die  der  normalen  Vertikalstellung  entsprechende,  durch  eingeschliffene 
Nervenbahnen  ausgelöste,  übliche  Muskelanspannung  die  Oberhand  zu 
gewinnen  über  die  durch  den.  Wegfall  der  Augenkontrolle  einerseits, 
durch  die  Lageveränderung  anderseits  provozierte  Gleichgewichts¬ 
störung. 

Die  vielfach  empfohlene  Modifikation  des  R  0  m  b  e  r  g  sehen  Phäno¬ 
mens,  die  im  Hochheben  eines  Beines  bei  gleichzeitigem  Augenschluss 
besteht,  bewirkt  allerdings  eine  beträchtliche  Steigerung  dieses  Phäno¬ 
mens,  weil  der  Körper  aus  der  normalen  in  eine  ganz  ungewöhnliche 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


236 


Stellung  gerät.  Leider  wird  der  Wert  eines  solchen  Untersuchungs¬ 
modus  dadurch  geschmälert,  dass  selbst  viele  gesunde  Menschen  ein 
derartiges  Kunststück  nicht  iertigbringen,  so  dass  man  in  dieser 
Beziehung  zu  argen  Trugschlüssen  gelangen  kann.  (Wie  sehr  vei- 
schieden  die  Qieichgewichtsvorrichtungen  bei  verschiedenen  Individuen 
funktionieren,  lässt  sich  bei  Glatteis  beobachten:  während  manche  Leute 
auf  Schritt  und  Tritt  straucheln  und  sidh  durch  beständiges  Balancieren 
vor  dem  drohenden  Fallen  schützen,  bewegen  sich  andere  ruhig  und 
sicher  auf  der  glatten  Fläche  fort.)  .  .  ,  .  D 

Ueber  das  modifizierte  Verfahren  nach  Dejerine,  der  bei  rru- 
fung  des  R  o  m  b  e  r  g  sehen  Symptoms  den  Patienten  die  Augen  nicht 
schliessen.  sondern  aufwärts,  zur  Decke  richten  lasst,  tehlt  mir  die 
Erfahrung.  _ 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Leipzig. 
(Direktor:  Geh.  Rat  v.  Strümpell.) 

Die  Behandlung  der  B i er m ersehen  Anämie. 

(Bemerkung  zu  dem  Vorschlag  von  Prof.  Dr,  W.  Stoeltzner 
in  Nr.  48,  1921  dieser  Wochenschrift.) 

Von  Dr.  A.  Adler,  Assistent  der  Klinik. 

In  Nr  48  (1921)  dieser  Wochenschrift  macht  Prof.  W.  S  t  o  e  1 1  z  n  e  r 
den  Vorschlag,  die  Biermersche  Anämie  durch  weitgehende  Fett¬ 
entziehung  in  der  Nahrung  zu  behandeln.  Diese  Behandlungsmethode 
gründet  Stoeltzner  darauf,  dass  er  annimmt,  die  perniziöse  An¬ 
ämie  könne  bedingt  sein  durch  eine  hämolysierende  Wirkung  der 
in  der  Nahrung  enthaltenen  Fettsubstanzen:  „Nahrungsfettanamie  . 
Dieser  Gedanke  ist  in  der  Literatur  schon  häufiger  aufgetaucht  und  dis¬ 
kutiert  worden.  Die  Untersuchungen  von  N  o  g  u  c  h  i  (Journ.  exp.  med. 

1 906.  8.  87),  F  a  u  s  t  und  T  a  1 1  q  u  i  s  t  (Arch.  exp.  Path.  u.  Pharm.  1907. 
57,  367),  Lamar  (Journ.  exp.  med.  1911,  13,  380).  Shimazono 
(Arch  f.  exp.  Path.  1912,  65,  361),  Meyerstein  (D.  Arch.  f.  klm.  M. 
1912.  105.  68),  Sutherland  und  Mitra  (Indian  journ.  med.  re- 
search  1917,  4,  698)  über  die  Fetthämolyse  und  zuletzt  noch  die 
Untersuchungen  Glanzmanns  aus  der  C  z  e  r  n  y  sehen  pädia¬ 
trischen  Klinik  in 'Berlin  (jahrb.  f.  Kinderhlk.  1916),  der  die  hämo¬ 
lytische  Anämie  der  Kinder  direkt  auf  die  hämolysierende  Wirkung  des 
Milchfettes  zurückführt.  Ich  habe  nun  in-  grösseren  Untersuchungs- 
reihen  diese  1  Frage  von  anderen  Gesichtspunkten  aus  aufgenommen 
und  konnte  zeigen,  dass  auf  die  essentielle  Biermersche  Anämie 
diese  Vorstellungen  sicher  nicht  anwendbar  sind. 

Bekanntlich  ist  die  Urobilinausscheidung  durch  die  Fäzes  als  direk¬ 
ter  Massstab  für  den  Blutuntergang  anzusehen.  Robertson  ), 
Eppinger2)  u.  a.  sehen  sogar  in  der  Messung  der  Urobilinausschei- 
dung  durch  die  Fäzes  einen  weit  besseren  Massstab  für  die 
Erythrozytenvernichtung  im  Blute,  als  er  in  der  Blutkörperchenzählung 
und  Hämoglobinbestimmung  gegeben  ist.  Ich  habe  nun  die  Urobihn- 
ausscheidung  in  den  Fäzes  serienweise  bei  normalen  und  kranken 
Personen  durch  längere  Zeit  hindurch  täglich  untersucht  und  den  Ein¬ 
fluss  der  Ernährung  bei  Gesunden  und  Kranken  auf  die  Urobilinausschei- 
düng  geprüft.  Es  zeigte  sich,  dass  das  Fett  die  Blutzerstörung,  nicht 
nur  nicht  steigert,  sondern  offenbar  einschränkt,  dass  hingegen  tierisches 
Eiweiss  den  Blutzerfall  steigert. 

Wochen  und  Monate  hindurch  fortgesetzte  Urobilinuntersuchungen 
zeigten  in  bezug  auf  die  perniziösen  Anämien  alle  in  gleicher  Weise 
eindeutig,  dass  es  nicht  eine  deletäre  Wirkung  der  Fette  sein  kann, 
die  zu  vermehrtem  Blutzerfall  führt.  Vielmehr  ergab  sich  in  diesen 
Fällen  eine  offenbare  schädliche  Wirkung  des  tierischen  Nahrungs- 
eiweisses.  Ich  werde  in  meinen  Arbeiten  auch  einfache  therapeutische 
Massnahmen  diätetischer  Natur  machen,  die  sich  aber  nicht  auf  die 
deletäre  Wirkung  der  Fette,  sondern  der  tierischen  Eiweissstoffe 
Stoffe  stützen. 

Ich  füge  hier  zur  Illustration  des  Gesagten  den  Auszug  aus  einer 
Untersuchungsserie  bei  einer  perniziösen  Anämie  an,  deren  wir  eine 


Reihe  besitzen: 


Urin¬ 

menge 

ccm 

Urobilin 

mg 

Stuhl 

Menge 

g 

Urobilin 

mg 

Gewöhnliche  Kost  (inkl.  Fleisch) 

Mittel  aus  11  aufeinanderfolgenden  Tagen  .... 

931 

90.8 

78 

100 

2136 

2500 

Zuckerzulage 

Gewöhnliche  Kost  ohne  Fle'sch . 

1000 

27.4 

107.6 

100 

1919.5 

1800 

Fleischzulage 

Gewöhnliche  Kost . .  ■ 

1800 

60.5 

85 

100 

2620 

3080 

Pflanzeneiweisszulage 

Gewöhnliche  Kost  ohne  Fleisch . 

1660 

15  35 

126 

100 

1700 

1400 

Fettzulage 

Gewöhnliche  Kost  ohne  Fleisch . 

• 

833 

7.06 

148 

100 

352.5 

238 

Stoeltzner  hat  nun  in  einer  neueren  Arbeit  (M.rn.W.  1922 
Nr.  1)  über  Ziegenmilchanämie  berichtet,  und  diese  als  Paradigma  für 
seine  eingangs  erwähnte  „Nahrungsfettanämie“  gebracht.  Hier  sei 


eine  Tabelle  über  die  Zusammensetzung  der  verschiedenen  Milcharte 
die  Birk3)  entnommen  ist,  angeführt. 

Eiweiss  Fett  Zucker 

Frauenmilch  1.0  4,0  7,0 

Kuhmilch  3,0  3,5  4,0 

Ziegenmilch  4,5  4,0  4,0 

Wenn  wir  nun  unsere  Untersuchungsergebnisse  betrachten, 
ergibt  sich  auch  hier,  dass  die  Ziegenmilch  die  sowohl  absolut  als  au 
erst  recht  relativ  eiweissreichste  Milchart  ist,  Frauenmilch,  ate  c 
adäquateste  Säuglingsnahrung  die  eiweissärmste  Milchart  und  in  dies 
ist  Fett  in  bezug  auf  Eiweiss  am  reichsten  vertreten  (4  mal  so  viel 
während  bei  der  Ziegenmilch  sogar  weniger  Fett  als  Eiweiss  vr 
handen  ist.  So  dass  auch  diese  Beziehungen  unserer  Auffassung  keine 
Wegs  widersprechen.  Ich  hübe  über  meine  diesbezüglichen  Untfe 
suchungen  bereits  kurz  in  der  hiesigen  Medizinischen  Gesellschaft  a 
15.  II.  v.  J.  berichtet.  Die  Arbeiten  werden  in  Kürze  erscheinen; 


Für  die  Praxis. 

Vorläufige  und  endgültige  Blutstillung. 

Von  Prof.  J.  Wieting,  Cuxhaven-Sarlenburg,  Kinder- 

Seehospital. 

Sind  wir  uns  darüber  klar  geworden,  dass  Blutstillung  u 
Blutersatz  in  engster  Indikationsstellung  mi 
einander  verknüpft  sind,  und  dass  häufig  genug  beide  Mai 
nahmen  in  einer  Sitzung  zu  erledigen  sind,  können  wir  sie  nunmc 
getrennt  von  einander  abhandeln. 

Es  kann  nicht  immer  vorher  gesagt  werden,  ob  die  vorzunehmen 
Blutstillung  eine  endgültige  sein  wird  oder  nicl 
da  oft  der  Erfolg  entscheidet,  der  Arzt  hat  sich  aber  doch  jedesmal  k 
darüber  zu  werden,  ob  er  von  vornherein  nur  eine  vorläufige  Stillu 
will  oder  ob  er  bewusst  die  endgültige  anstrebe. 

Praktisch  wichtig  ist  nun.  dass  die  allermeisten  Bl 
tungen,  die  dem  Arzt  z  u  g  e  f  ii  h  r  t  werden,  durch  einfach 
Druckverband  von  selbst  zum  Stehen  kommen..  Wo  a 
keine  zwingende  Anzeige,  aus  anderen  Gründen  operativ  einzugreit 
vorliegt,  wird  zunächst  der  Druckverband  anzulegen  sein. 

Der  Druck  hat  zweckmässig  au!  die  Wunde  selber 
wirken.  Bei  Extremitätenwunden  aller  Art  wird  die  Extremität  ho 
gehoben  und  die  Venen  zentralwärts  ausgestrichen.  Dann  wird  die  Wur 
—  ev  nach  ihrer  operativen  Säuberung  zu  Zwecken  der  Infektionsverhin 
rung  (s  Kapitel  „Wundbehandlung“)  —  mit  steriler  glatter  Mullkompresse  i 
Zellstoff  (Watte)  bedeckt  und  beide  mittels  Mull-  (nicht  Papierstoff-)  Bn 
durch  einige  Touren  im  Anfang  leicht  in  Stellung  gehalten  st 
hat  aber  die  Wicklung  von  den  Zehen  resp.  den  Fingern  aus  zu  beginnen, 
jede  periphere  Stauung  auszuschliessen  (das  gilt  natürlich  , nur  bei  wirk! 
blutenden  Wunden,  sonst  wird  man  Verbandstoff  sparen  wollen!)  —  und  i 
erst  werden  feste  komprimierende  Touren  über  die  Wunde  hinv 
gelegt.  Einige  Striche  Mastisol  auf  die  Haut  verhindern  die  spät 
Verschiebung  der  Verbandstoffe.  Erscheint  die  zirkuläre  Bindekompress 
bedenklich,  so  empfiehlt  es  sich,  auf  der  der  Wunde  gegenüberliegenden  S 
des  Gliedes  ein  Brettchen  oder  ein  Stück  einer  Cramerschiene  unterzusef 
ben,  das  wenigstens  annähernd  der  Breite  des  Gliedes  entspricht  und  so  j 
Druck  hier  aufhebt.  Der  Druck  auf  die  Wunde  kann  unter  Umstär 
durch  Auflegen  eines  sterilen  Bindenkopfes  verstärkt  werden. 

Jede  venöse  Blutung  steht  auf  Anlegung  eines  t  e  c 
nisch  einwandfreien  Druckverbandes;  man  sollte  es  v 
meiden,  z.  B.  bei  Varixblutungen  Venenunterbindungen  in  der  Wir 
vorzunehmen,  schon  mit  Rücksicht  auf  die  trotz  aller  Antisei 
drohende  Veneninfektion.  Der  Venen  innendruck  ist  sehr  gering,  v 
sogar  leicht  negativ,  so  dass  die  Gefahr  der  Lufteinsau  gu 
droht.  Darum  ist  bei  Manipulation  an  Venen,  namentlich  an  bestimm 
Gegenden  wie  an  den  Sinus  des  Schädels,  am  Halse,  am  Becken 
Beckenhochlagerung  grösste  Vorsicht  am  Platze:  Druck  auf  die  Geg. 
des  zentralen  Endes  sichert  gegen  Luftembolie. 

Jeder  Druckverband  gegen  Blutung  ist  durch  Zufügung  ein 
ausreichenden  Schienung  zu  unterstützen :  RuhigsL 
lung  des  blutenden  Teiles  ist  bei  äusseren  Vj 
inneren  Blutungen  (hier  durch  Medikamente,  wie  Morphi 
Opium  etc.)  ein  dringendes  Gebot.  Die  Schienung  muss 
Extremitäten  die  beiden  nächsten  Gelenke  wie  bei  Frakturen  mit 
begreifen.  Die  Cramer  sehe  Schiene  ist  —  auch  für  Kopf  und  Hai: 
am  geeignetsten.  Wird  Gips  angelegt,  so  bedenke  man  die  Gefahr 
Nachblutung  und  Spätblutung  und  halte  sich  die  Wunde  bzw.  zuführe: 
Schlagader  zugänglich. 

Der  regelrechte  Druckverband  macht  in  vielen  Fällen  die  ' 
läufige  zirkuläre  elastische  Abschnürung  überflüssig,  um  so  mehr, 
diese  doch  technisch  vielfach  fehlerhaft  angelegt  wird.  Dennoch  ist 
vorläufige  Blutsperre  oft  nicht  zu  umgehen,  jedenfalls  muss  sie  gekr 
sein.  Zweck  hat  sie  nur  bei  arteriellen  und  parenchymatösen  ! 
tungen,  anwendbar  ist  sie  nur  an  den  Extremitäten  (Becken),  wenn 
von  der  Kopfschwarte,  dem  Penis  und  anderen  ihr  etwa  zugänglit 
Körperteilen  absehen.  .  J 

Der  T  y  p  u  s  d  e  r  zirkulären  Abschnürung  ist  die 
1  e  g  u  n  g  des  v.  Esmarchschen  elastischen  S  c  h  1  a  u  c  1 
bzw.  der  Gu  m  m  i  b  i  n  d  e,  die  durch  Haken  oder  Knotung  in  sich 


*)  Arehives  of  Internal  Medicine  1916. 

2)  Heoato-Lienale  Erkrankungen.  Springer  1920. 


3)  Leitfaden  der  Säuglingskrankheiten  1919  S.  18. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


237 


i.igt  werden.  Es  sei  hier  besonders  hervorgehoben,  dass  die  Ab- 
inürung  mit  Schlauch  und  ähnlichem  nur  bei  erschlaffter  Muskulatur 
i zunehmen  ist:  also  entweder  vor  der  Narkose  oder  in  tiefer 
kose,  nicht  aber  im  Stadium  der  Exzitation  zu  Beginn  der  Narkose, 
meisten  Misserfolge  auf  dem  Operationstisch,  die  venöse  Stauung, 
lärt  sich  aus  der  Nichtbeachtung  dieser  Regel.  Die  Frage,  ob  wir 
B.  vor  aseptischen  Operationen  das  betreffende  Glied  blutleer 
:hen  sollen,  wurde  früher  beantwortet  (s.  Blutsparung!). 

Die  zirkuläre  elastische  Abschnürung  hat  nun  viel¬ 
ten  Ersatz  erfahren,  einmal  aus  Not  als  improvisierte 
ssnahme  wie  etwa  in  Form  der  elastischen  Esmarchschen 
senträger,  der  Tuch-  oder  Strickknebelung  mittels 
b,  Seitengewehr  etc.,  der  Schnürung  mittels  Brotbeutelverband 
.  m.  Hier  liegt  besonders  die  Gefahr  der  unzureichenden  Sperre 
e!  —  Zweitens  ging  der  Wunsch  auf  Verbesserung  der 
thodik  hinaus.  Hier  hat  besonders  die  sogen.  Sehrtsche 
utungsklammer  in  Form  zweier  durch  Schraubengewinde  die 
remität  umklammernder  eiserner  Zangenarme  ausgezeichneten,  leider 
;  zu  spät  dem  Feldheer  vermachten  Dienst  getan!  Die  Sehrt  sehe 
immer  mit  ihren  mannigfachen  Verbesserungen  (z.  B.  für  Aorta  mit 
otte)  kann  in  jeder  Körperlage  angelegt  werden  ohne  die 
;e  des  Gliedes  zu  verändern,  kann  prophylaktisch  in  Stellung 
rächt  werden,  um  nach  Bedarf  jeden  Augenblick  die  Sperre  zu  he¬ 
gen.  kann  während  der  Betätigung  gelockert  und  wieder 
schlossen  werden,  um  den  Blutstrom  für  einen  Augenblick  frei¬ 
eben:  Kurz,  sie  ist  —  ähnlich  dem  alten  Tourniquet,  ohne  die 
der  der  Unsterilisierbarkeit  und  Kompliziertheit  zu  haben  —  ein 
osser  Gewinn  für  die  Verletzungschirurgie.  Vor- 
lt  bei  der  Anwendung  (Drucklähmung!)  ist  geboten,  an  den  Armen 
die  Anwendung  ganz  zu  vermeiden. 

Der  Sehrtschen  Klammer  in  der  Anwendungsweise  ähnliche 
rumente  sind  mehrfach  angegeben,  ohne  sie  verdrängt  zu  haben. 
Der  Momburgsche  Schlauch  wird  ebenfalls  besser  durch 
e  Aortenkompression  nach  Sehrt  scher  Art  ersetzt. 

Der  allen  zirkulären  Blutsperreapparaten  gemeinsame  Nachteil 
r  vollständigen  Ausschaltung  der  peripheren  G  e  - 
HehaftetauchderSehrtschenKlammeran;  alle  diese 
rarate  dürfen  nicht  länger  als  3  Stunden  liegen,  da 
st  Gangrän  droht.  Alle  Bestrebungen,  diese  Nachteile  zu  vermeiden, 
i  bisher  ergebnislos  gewesen.  0  ertlicher  Druck  auf  den 
uptgefässstamm  reicht  meist  nichtaus,  doch  muss 
gestrebt  werden,  damit  zum  Ziele  zu  kommen. 

Es  bieten  sich  folgende  Anwendungsweisen: 

a)  Vorläufige  Blutsperre  durch  extremste  Beugung 
r  Extremität  in  dem  der  Blutung  nächst  höheren  Gelenk  und 
ierung  durch  Binden-  oder  Tuchverband  in  dieser  Stellung,  z.  B.  im 
itgelenk,  Kniegelenk,  Ellenbogengelenk.  Die  Leistung  ist  oft  aus- 
eichnet.  Die  Stellung  kann  meist  viele  Stunden  ohne  Schaden 
gehalten  werden,  da  die  Sperre  nicht  -zirkulär  ist.  ln  der  Praxis 
d  diese  Methode  merkwürdig  selten  ausgeführt.  Frakturen  bilden 
ürlich  Gegenanzeige. 

b)  Drucksperre  durch  die  Finger  der  Hand,  nament- 
i  den  oder  die  Daumen  kann  nur  eine  kurze  Zeit  ausgeübt  werden, 
h  lässt  die  Zeit  durch  wechselnde  Betätigung  der  beiden 
nde  sich  wesentlich  verlängern.  Der  Druck  wird  am  besten  dort 
geübt,  wo  der  Hauptgefässstamm  gegen  feste  Unterlage  gepresst 
rden  kann  (Karotis  gegen  Halswirbel,  Femoralis  gegen  Scham- 
n  etc.).  —  In  anderen  Fällen  müssen  mit  beiden  Händen  die 
eichteile  komprimiert  werden:  das  sollte  unter  Um- 
nden  für  kurz  dauernde  Operationen,  wie  Amputationen 
B.  des  Oberschenkels  bei  septischen  Prozessen,  schwerer  Arterio- 
ärose  etc.  die  Methode  der  Wahl  sein,  mehr  als  bisher  geübt! 
i  Vorzüge  dieser  manuellen  Blutsperre  während  der 
eration  (kurze  Freigabe  zur  Orientierung  über  die  Blutung,  Mindest- 
ädigung  des  Gefässes  und  seines  Inhaltes)  sind  grosse;  doch  muss 

Operationshilfe  mit  kräftigen  grossen  Händen  begabt  und  gut  ge¬ 
ult  sein;  ich  habe  in  der  letzten  Zeit  des  Krieges,  namentlich  bei 
weren  Infektionen,  fast  alle  Amputationen  mit  manueller  Blutsperre 
Spinalanalgesie  gemacht. 

c)  Als  Dauersperre  eignet  sich  die  digitale  Sperre  natürlich 
ht.  Hier  müssten  alte  Systeme  der  Tourniquets  mit 
:  I  o  1 1  e  n  verbessert  eintreten.  Das  sog.  Knüppel  tourniquet 
i  baquettes)  nach  Volkers  kann  als  Grundlage  dienen:  zwei  kurze, 
hrfach  tiefgekerbte  Stäbe,  deren  beide  Enden  die  Extremität  zen- 
1  von  der  blutenden  Stelle  mittels  Binden  zwischen  sich  fassen,  so 
ar,  dass  der  eine  Stab  quer  über  den  Hauptgefässstamm  verläuft 
1  ihn  abdrückt,  ohne  die  Extremität  zirkulär  zu  fassen. 

d)  Da  es  bei  dieser  Methode  oft  noch  venös  weiterblutet  aus  der 
ar  komprimierten,  aber  doch  nicht  ganz  gesicherten  Wunde,  ver- 
-'hte  ich  seit  langem,  den  Druck  unmittelbar  auf  die 
unde  wirken  zu  lassen. 

Mein  Kompressorium  besteht  aus  einer  sog.  elastischen  Binde, 
;  sie  in  den  Sanitätstaschen  vorhanden  war,  einem  etwa  10  cm  langen, 
m  breiten  festen  Brettchen  und  einem  Bindenknopf.  Der  glatte  Binden- 
’Pf  wird  auf  die  Wunde  gedrückt,  nachdem  diese  durch  gewöhnlichen  asep- 
dien  Kompressionsverband  geschützt  wurde.  Das  Brettchen,  das  mit  dem 
,en  schmalen  Ende  der  Binde  durch  Nagelung  verbunden  ist,  wird  auf  die 
Wunde  gegenüberliegende  Seite  der  Extremität  gelegt,  quer  zu  deren 
ise  und  nun  die  elastische  Binde  unmittelbar  auf  die  Wunde  bzw.  den 
denknopf  (=  die  „Pelotte“)  gegen  das  Brettchen  in  mehrfacher  Tour  fest 
:ewickelt.  Das  Brettchen  verhindert  die  zirkuläre,  d.  h.  vollständige  Blut- 
Nr.  7. 


sperre  und  erlaubt  die  periphere  Zirkulation  bis  zu  einem  gewissen  Grade; 
die  Bindenknopf-Pelotte  verschliesst  die  Wunde  und 
verhindert  die  Blutung  nach  aussen.  Eine  gewisse  Gegen¬ 
anzeige  liegt  in  Splitterfraktur  unter  der  Wunde.  Die  erlaubte  Dauer  der 
Kompression  ist  wesentlich  verlängert,  die  Gefahr  der 
Gangrän  fast  gehoben. 

Wahrscheinlich  wird  ein'  Instrumentarium  nach 
Sehrtschem  Prinzip  mit  verschiebbarer  aber  fest¬ 
stellbarer  Pelotte  über  dem  Verband  das  Verfahren 
vervollkommnen;  der  Weg  . ist  der  richtige! 

e)  Die  örtliche  Kompression  unmittelbar  auf  die  Wunde  führt  über 
zum  Wundschluss  einmal  durch  Stopfung,  sodann  durch  Naht. 

1.  Die  Wundtamponade  oder  besser  Stopfung,  sei  es 
ohne  oder  nach  vorausgegangenem  operativen  Eingriff,  sollte  im  All¬ 
gemeinen  eine  vorläufige  Blutstillung  darstellen,  sie  kann 
aber  auch  zur  endgültigen  werden,  und  wird  nicht  selten  die  allein 
mögliche  Methode  bleiben. 

Als  bestes  Material  ist  das  Jodoformmull  zu  betrachten,  trotz  aller 
Einwände.  Der  Harmönikastreifen  oder  der  v.  Mikulicz  sehe  Beutel  sind 
die  geeignetsten  Formen.  Wichtig  ist,  dass  die  Tiefe  der  Wunde  und  wo¬ 
möglich  auch  die  verdächtige  Stelle  erreicht  werde.  Die  Stopfmethode 
kann  gefährlich  werden,  wenn  an  lebenswichtigen-  Organen  hin¬ 
ter  der  Stopfung  sich  Blutungen  abspielen,  die  nun  in  der  Tiefe  weiter¬ 
wühlen  und  Druckerscheinungen  machen.  So  darf  z.  B.  keine  Schädelwunde 
„tamponiert“  werden,  wenn  man  die  Quelle  nicht  unmittelbar  verstopft;  man 
kann  jede  Sinusblutung  sehr  wohl  stillen,  wenn  man  das  Sinuslumen 
selbst  verstopft,  man  kann  aber  den  Tod  herbeiführen,  wenn  man  nur  einfach 
die  Schädelwunde  ausstopft.  Auch  am  Halse,  am  Darm  etc.  ist  Vorsicht 
geboten! 

Es  ist  die  Tamponade  nicht  selten,  wie  gesagt,  die  einzige  uns 
bleibende  Methode  der  Blutstillung,  wenn  andere  technisch  nicht  aus¬ 
führbar  sind,  z.  B.  bei  Blutungen  aus  Tiefenwunden  an  der  Schädel¬ 
basis  (Vena  jugularis  communis,  selbst  Art.  carotis  interna  an  den 
Schädellöchern!) 

2.  Die  temporäre  Wund  naht,  meist  über  fester 

Stopfung,  um  dieser  sicheren  Halt  zu  geben,  gegen  Hinaus¬ 
geschwemmtwerden  von  innen  her.  Die  festeHaut-  oder  Haut- 
f  a  s  z  i.ennah  t.  am  besten  mit  dicker  Seide  und  fortlaufend,  bleibt 
bisweilen  das  einzige  Mittel  zur  Rettung  bei  sonst  unstillbarer  Blutung. 
Die  Verschlussnaht  über  starken  arteriellen  Frischblutungen,  die  künst¬ 
lich  ein  sog.  falsches  Aneurysma  erzeugt,  über  stark  blutenden  Par- 
enchymzerreissungen  u.  a.  m.,  ist  bei  richtiger  Indikations- 
Stellung  ein  äusserst  dankbarer  Eingriff,  der  besonders 
auch  in  der  Chirurgie  unerfahrenen  Aerzten.  zumal  wenn  sonstige  In¬ 
strumente  und  Materialien  fehlen,  nicht  dringend  genug  empfohlen 
werden  kann.  Ich  habe  gerade  den  jungen,  wachhabenden 
Aerzten  in  den  Lazaretten  stets  geraten,  sich  nicht  im  Dunkel  der 
Nacht  bei  unzureichender  Hilfe  mit  schwierigen  Blutstillungen  abzu¬ 
mühen,  sondern  rasch  die  Wunde  über  Mullstopfung  fest  zu  vernähen 
und  zunächst  den  Blutersatz  vorzunehmen,  bis  sachkundige  Hilfe 
eintrifft.  , 

Die  bisher  besprochenen  Methoden  griffen  das 
blutende  Gefäss  selbst  nicht  an,  es  sind  also  in¬ 
direkte  Blutstillungsmethoden. 

Die  direkten  Methoden  richten  sich  gegen  die 
blutenden  Gefässe  bzw.  Gewebe  selbst  und  werden  demgemäss 
fast  immer  die  endgültige  Blutstillung  zum  Ziele  haben. 

Als  Grundmethode  haben  wir  das  Fassen  und  das  ihm 
folgende  Abbinden  des  Gefässes  anzusehen.  In  manchen 
Fällen  aber  müssen  wir  uns  mit  einer  dieser  beiden  Massnahmen  be¬ 
gnügen,  wie  wir  unten  sehen  werden. 

Als  Unterbindungsklemme  hat  sich  mir  die  K  ö  b  e  r  1  e  - 
P  &  a  n  sehe  ungezähnte  und  die  Kocher  sehe  gezähnte  Klemme  am  meisten 
bewährt:  mit  diesen  beiden  kommen  wir  fast  immer  aus,  wenn  auch  für 
besondere  Zwecke,  z.  B.  Massenligaturen,  einmal  gerade  Adnexklemmen, 
Nierenstielklemmen  u.  a.  vorzuziehen  sind.  Zur  Unterbindung  soll  das  Blut¬ 
gefäss  möglichst  isoliert  werdn;  als  Unterbindungsmaterial  ist  Jodkatgut 
fast  immer  ausreichend,  namentlich  an  den  Venen.  Nur  für  grosse  Arterien 
im  infizierten  Gebiet  bevorzuge  ich  Zelluloidzwirn  oder  Zelluloidinzwirn;  ich 
unterbinde  stets  mit  chirurgischem  Knoten,  der  niemals  aufgeht.  Massen¬ 
ligaturen  —  namentlich  das  Mitfassen  von  Nerven!  —  sind  zu  vermeiden; 
sind  sie  einmal  wie  es  z.  B.  bei  Exstirpation  einer  schrumpfenden  Eiterniere 
der  Fall  sein  kann,  unvermeidlich,  so  unterbinde  man  ausserdem  jedes  ein¬ 
zelne  Gefäss  noch  für  sich.  Ebenso  ist  jede  Künstelei  bei  Unterbindung, 
z.  B.  auf  Faszienstreifen  etc.,  zu  unterlassen;  am  wichtigsten  ist  stets  die 
Vermeidung  bzw.  die  Bekämpfung  jeder  Infektion,  da  von  ihr, 
nicht  vom  Unterbindungsmaterial,  die  gefahrvolle  infektiöse  Thrombose  aus¬ 
geht.  Zu  vermeiden  ist  die  zu  weite  Entblössung  eines  Gefässes  von  seiner 
Adventitia,  die  die  Vasa  vasorum  trägt,  wie  das  Periost  die  Kortikalis 
schützt.  Jede  zirkuläre  Ligatur  schafft  gefältelten  Trichter,  also  nicht  ganz 
ideale  anatomische  Verhältnisse  (s.  u.);  immerhin  erfolgt  die  Heilung  der  Ge- 
fässunterbindung  bei  normalem,  nichtinfektiösem  Verlauf  ohne  nennenswerte 
Thrombenbildung  durch  einfache  Intimaverwachsung. 

Bei  der  methodischen  Unterbindung  der  Arterien  schwankt  manch¬ 
mal  die  Entscheidung,  ob  die  Unterbindung  am  „Orte  der  Wahl“  oder 
am  „Orte  der  Not“  zu  erfolgen  habe.  Die  Entscheidung  hängt  von  der 
Erfahrung  und  Kunst  des  Chirurgen  und  seinen  ganzen  Anschauungen 
ab;  auf  Einzelheiten  einzugehen,  ist  daher  hier  ganz  ausgeschlossen. 
Nur  allgemein  ist  zu  sagen,  dass  nach  Möglichkeit  bei  Ver¬ 
letzungen  die  Blutung  in  der  Wunde  =  am  Orte  der  Not  zu  erfolgen 
hat;  es  darf  aber  die  Unterbindung  in  der  Kontinuität  =  am  Orte  der 
Wahl  nicht  im  Unterricht  des  jungen  Mediziners  vernachlässigt  werden. 
—  Eine  weitere  Frage,  ob-  bei  Verletzung  einer  grösseren  Arterie  stets 
gleichzeitig  die  zugehörige  verletzte  Vene  mit  unterbunden  werden 

6 


238 

MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 

Nr. 

soll,  muss  ich  auf  Grund  meiner  Eigenerfahrungen  ablehnend  beant¬ 
worten. 

Als  Abweichung  von  dem  s c h u  1  m ä s s i g e n  fassen 
und  Unterbinden  eines  üefässes  haben  wir  folgende  Methoden 
zu  verzeichnen: 

a)  Durch  stumpfe  Gewalt  kann  die  üefässwand  nicht  zu  grosser 
Gefässe  (bis  Art.  rad.)  fest  aufeinander  gepresst,  die  Muskularis  zer¬ 
rissen  und  zurückgezogen  werden  im  deckenden  Adventitiamantel,  so 
dass  die  Blutung  dauernd  steht  und  keine  Unterbindung  nötig  ist.  Be¬ 
sondere  Instrumente  (Angiotribe)  erleichtern  die  Methodik;  am  ge¬ 
bräuchlichsten  ist  die  Gefässquetsc  he  nac  h  B  I  u  n  c  k,  aus  der 
Veterinärkunde  entnommen;  für  gynäkologische  Operationen  waren  die 
Adnexquetschen  zur  unblutigen  Uterusexstirpatiön  eine  Zeitlang 
modern.  Immerhin  besteht  die  Gefahr  der  Spätblutung,  die 
den  Vorteil  der  Schnelligkeit  und  den  Nachteil  des  Liegenlassens  eines 
Fremdkörpers,  des  Seidcniadens,  nicht  aufwiegt.  Man  beschränke  die 
Methodik  daher  auf  besondere  Fälle,  z.  B.  für  feine  Plastiken,  wo  Fäden 
hindern  und  die  Blutungsgefahr  gering  ist. 

b)  Verwandt  ist  die  Torsion  der  Gefässe.  ebenfalls  nur  auf 
kleinere  zu  beschränken;  man  dreht  das  endgefasste  Gefäss  solange 
um  seine  Achse,  bis  es  von  selbst  an  einer  Stelle  abgedreht  ist. 

c)  Unter  Umständen  kann  die  sichere  Anlegung  einer  Ligatur  un¬ 
möglich  sein,  namentlich  in  grossen  Tiefen,  wo  besondere  Tiefeninstru¬ 
mente  nicht  zur  Hand  sind,  oder  die  Gefahr  des  Abreissens  des  Gefäss- 
astes,  des  Abrutschens  oder  Abeiterns  des  Fadens,  besonders  wenn  die 
vis  a  tergo  (nahe  dem  Aortenstamm)  gross  ist.  Dann  tut  man  gut,  die 
Gefässklemme  an  dem  einmal  sicher  gefassten  Ge¬ 
fäss  e  1  i  e  g  e  n  z  u  1  a  s  s  e  n!  Ich  bevorzuge  diese  Methode  oft  grund¬ 
sätzlich  vor  anderen;  wer  schlechte  Erfahrungen  damit  machte,  wandte 
sie  wohl  am  falschen  Orte  an.  Histologisch  bietet  ja  das  exakte 
glätte  Aneinanderliegen  von  Intima  auf  Intima  die  besten  Heilungs¬ 
bedingungen  und  zugleich  die  geringste  Infektionsbegünstigung.  Wo 
man  freilich,  wie  es  namentlich  von  Ungeübten  geschieht,  bei  starken 
Tiefenblutungen  blind  in  die  Tiefe  fasst,  zwei,  drei  Klemmen  anlegt  und 
dennoch  nicht  sicher  ist,  der  Blutung  Herr  geworden  zu  sein,  wo  z.  B. 
Karotis,  Jugularis  und  Vagus  blind  geklemmt  sind,  da  ist  ein  Misserfolg 
sicher,  wenn  schon  einmal  auch  dem  Geübten  ein  solches  Missgeschick 
passieren  kann!  Hier  ist  von  Empfehlen  einer  Methode  auch  nicht  die 
Rede,  sondern  sie  ist  dann  eine  Notwehr.  Methodisch  muss  die 
Klemme  so  angelegt  werden,  dass,  womöglich  nach  digitaler  provisori¬ 
scher  Blutstillung,  das  blutende  Gefäss  isoliert,  womög¬ 
lich  doppelt  gefasst  wird,  man  also  genau  weiss,  was  man  vor 
sich  hat.  Darum  bleibt  die  gut  geriffelte  Klemme  fest  zugedrückt  liegen, 
ringsum  mit  Jodoformmull  gesichert  und  aussen  durch  Wattezellstoff¬ 
ring  geschützt.  Nach  4 — 6  Tagen  kann  die  Klemme  in  situ  entfernt 

werden.  _ 

d)  Die  Umstechung  eines  Gefässes  fasst  das  Lumen 
nicht  deutlich,  sondern  schliesst  es  mitsamt  dem  es  enthaltenden  Ge¬ 
webe:  sie  fasst  also  etwas  mehr  Gewebe  als  nötig,  sichert  aber  dafür 
vor  Abgleiten  des  Fadens;  darum  ist  die  Umstechung  besonders  auch 
bei  infektiösen  Spätblutungen  ein  gutes  Verfahren,  des¬ 
gleichen  auch  bei  Tiefenblutungen,  wenn  ein  isoliertes  Gefäss  sich  nicht 
fassen  lässt  oder  ein  Faden  abzugleiten  droht. 

e)  Seitliche  Gefässnaht,  zirkuläre  Gefässnaht  oder  Gefäss- 

plastik,  Resektion  und  Transplantation,  das  sind  zweifellos  die  am 
besten  und  vollkommenst  en  die  anatomische 
Wiederherstellung  gewährleistenden  Methoden, 
doch  sind  sie  auch  die  technisch  schwierigsten  und  dazu  im  Wund¬ 
heilungsverlauf  das  Leben  am  meisten  gefährdenden  Methoden,  zumal 
ihre  Anwendung  nur  an  grösseren  Gefässen  (bis  etwa  A.  cubitalis)  in 
Frage  kommt.  Es  seien  einige  relative  Anzeigen  und  Gegenanzeigen 
vermerkt,  ohne  auf  die  Methodik  und  Nachbehandlung  selber  eingehen 
zu  wollen.  ' 

A  n  g  e  z  e  i  g  t  ist  die  Gefässnaht  —  als  Typus  dieses  Eingriffes  — 
dort,  wo  eine  etwaige  Unterbindung  die  von  dem  Gefäss  ernährten 
Körperteile  der  Nekrose  aussetzt  (A.  poplitea),  zumal  wenn  gleichzeitig 
das  Leben  in  Gefahr  kommt  (A.  carotis  comm.  und  int.). 

Relative  Gegenanzeige  bilden :  bestehende  Infektion,  Em¬ 
bolie  aus  bestehender  Thrombose,  Gefährdung  des  Zerreissens  einer 
etwaigen  Naht,  z.  B.  vor  langem,  notwendigen  Transport,  bei  gleich¬ 
zeitigen  Knochenbrüchen,  bei  bestehender  grosser  Wiundhö'hle  etc.  Sorg¬ 
fältige  Ruhigstellung  des  betroffenen  Körperteils  durch  Schienung  oder 
Gips,  zweckmässige  Lagerung  zur  Entspannung,  allgemeine  Beruhigung 
durch  Morphium  u.  a.  m..  tragen  zur  Sicherung  des  Erfolges  wesent¬ 
lich  bei. 

Diese  Methoden  der  Blutstillui^g  sind  fast  ausschliesslich  auf 
mechanische  Manipulationen  an  der  Gefässwand  aufgebaut 
und  es  bleibt  dann  Sache  der  histologisch-biologischen  Leistungsfähig¬ 
keit  der  Gefässwand.  wie  sie  die  Heilung  zum  Abschluss  bringen  wird. 
Störungen  im  Wundverlauf  führen  nicht  selten  zum  Wiederaufbruch 
schon  angebahnter  Heilbestrebungen  (Spätblutung). 

Bestrebungen,  die  histologischen  Vorgänge  an  der  Gefässwand 
durch  Einwirkung  auf  das  Blut  selber  im  Sinne  der 
Erhöhung  seiner  Gerinnbarkeit  zu  begünstigen,  können 
recht  wirksam  sein.  Dahin  zielen  alle  unsere  älteren  und  neueren 
Methoden,  die  ich  kurz  hier  anführe.  Die  erste  Veranlassung  dazu  gab 
die  Beeinflussung  der  sog.  „H  ä  m  o  p  h  i  1  i  e“.  bei  der  mechanische 
Massnahmen  (Druckverband  etc.)  unwirksam  bleiben. 

Solche  Mittel  sind: 

a)  Beträufeln  der  Wunden  Hämophiler  mit  Menschenblut, 


noch  besser  intravenöse  Transfusion  massiger  Mengen  (etwa  30-  ! 
50  ccm)  verwandten  Menschenbluts, 

b)  Bedecken  oder  Ausstopfen  blutender  Wunden  mit  mensc 
liehen  Gewebsteilen,  die  selbst  stärker  blutgerinnende  Si 
stanzen  (Thrombokinase)  enthalten,  wie  Muskelstückchen  n; 

K  ii  1 1  n  e  r.  j 

c)  in  gleicher  Weise  Verwendung  fremdartiger  Gewebsteile,  ■ 
Pferdefibrin  (B  e  r  g  c  1 1),  Koagulen  oder  Klauden  (nach  Kocht 
Fon  io)  namentlich  bei  parenchymatösen  Blutungen,  für  blutet 
Stichkanälchen  nach  Gefässnaht. 

d)  Adrenalin  oder  Suprarenin  örtlich  10 — 20  Tropfen,  subku 
Va  mg,  oder  als  Zusatz  zu  Kochsalzinfusionen  20  Tropfen, 

e)  als  chemische,  örtlich  blutstillende  Mittel  sind  immer  noch 
geeigneten  Fällen  zu  empfehlen:  Lig.  ferri  s  e  s  q  u  i  c  h  1  o  r  a  ti 
Watte  geträufelt;  innerlich  0,2— 0,5  mehrmals  täglich  (Magenblutungf 
2  proz.  in  Aneurysmen  etc., 

f)  Jodoform  als  Jodoformmull  zur  Wundstopfung, 

g)  Calcium  chloratum  (eventuell  vor  grossen  Operatioi 
blutsparend,  oder)  nach  Blutverlust  blutstillend,  1,0 — 4,0  g  pro 
(Hämoptoe)  auch  mit  „Gelatina  stcrilisata“  zusammen  (40  ccin 
1  Ampulle  nach  Merck)  subkutan  (z.  B.  bei  Magenblutungen).  Das  1 
parat  Kalzine  vereinigt  beide  Medikamente:  1  Ampulle  ä  10 ccm  Kal-/ 
=  40  ccm  Gelatine  Merck  und  ist  weniger  schmerzhaft, 

h)  lOproz.  NaCl-Lösung  (steril),  davon  5  ccm.  eventuell 
0,5  Kalziumchlorid  verbunden,  verstärkt  die  Gelatinewirkung, 
nötigenfalls  am  nächsten  Tage  zu  wiederholen  ist, 

i)  sonst  Gelatina  alba  innerlich  lOproz.  öfters  K — 1  stiind 
1  Esslöffel,  Gelatina  sterilisata  Merck  lOproz.  und  20  proz.  in  zu 
schmolzenem  Glasröhrchen  10  und  40  g  je  nach  Bedarf:  40  ccm  für 
wachsene,  10  ccm  für  grössere  Kinder,  5  ccm  für  Säuglinge. 

Thermische  Mittel  der  Blutstillung  sind : 

a)  Berieseln  der  Wunden  mit  E  i  s  w  a  s  s  e  r, 

b)  Berieseln  mit  45°  he  iss  er  Kochsalzlösung  b 
Wassers, 

c)  die  Bespiilung  bedeutender  Blutungen  aus  parenchymatö 
Organen,  wie  die  der  Leber  nach  Sneguireff)  mit  kochend 
Wasser  oder  Dampf  hat,  da  sie  praktisch  reichlich  schwit 
durchzuführen  ist  und  da  zudem  andere  Methoden  (Stopfung,  Uel 
nähung,  Plattennaht  etc.)  leichter  und  erfolgreicher  sind,  an  Anhäiu 
Schaft  verloren. 

Sonstige  Mittel  der  Blutstillung  an  einzelnen  Orga 
können  hier  nicht  herangezogen  werden,  da  sie  eben  oft  nur  für  die 
stimmten  Organe  und  bestimmte  Erkrankungen  Geltung  finden  könn 
sie  gehörender  speziellen  Chirurgie  an. 

Das  letzte  und  darum  auch  radikalste  Mittel  zur  Blutstill 
bildet  immer  die  operative  Entfernung  des  blutend 
Organs,  nachdem  alle  anderen  Methoden  versagt  haben  oder  als 
sehr  das  Leben  gefährdend  nicht  mehr  in  Frage  kommen.  Schon 
Endometritis  haemorrhagica,  die  sogen,  essentiellen  Nierenblutun 
u.  a.  m.  geben  somit  Anlass  zur  Exstirpation  der  betroffenen  Org; 
Die  Chirurgie  der  Verletzungen  aus  den  letzten  Kriegen  hat  di 
Indikation  auf  unstillbare,  immer  sich  wiederholende  Extremitä' 
blutungen  (meist  septischer  Natur!)  ausgedehnt  und  ihre  rechtzei 
Befolgung  und  allgemeine  Anerkennung  hätte  gar  manches  Mensel 
leben  retten  können. 


Forftiidungsvorträge  und  liehersichtsreferate. 

Aus  der  Psychiatrischen  und  Nervenklinik  in  Freiburg  i. 
(Direktor:  Qeheimrat  Ho  che.) 

Der  extrapyramidale  Symptomenkomplex, 

Von  E.  A.  Qrünewald. 

Die  Encephalitis  epidemica  und  ihre  Folgezustähde  haben  das 
teresse  der  Aerztewelt  über  den  eigentlichen  Fachkreis  der  Neurolr 
hinaus  im  grossen  Stil  auf  eine  Reihe  von  Bewegungsstörungen 
lenkt  die  bis  dahin  nur  bei  einer  kleinen  Gruppe  heredodegenerat 
Krankheitsprozesse  aus  dem  Raritätenkabinett  der  Nervenheilkr 
beobachtet  wurden,  (Wilson  sehe  Krankheit.  Westphal-Strii 
pell  sehe  Pseudosklerose,  Freund-Bielschowskys  tube 
Sklerose,  Oppenheim -  Ziehens  Torsionsspasmus,  F  o  e  r  s  t 
sehe  arteriosklerotische  Muskelstarre,  Littlesche  Starre  (Frei 
sehe  Form).  Bielschowskys  zerebrale  Hemiatrophie.  Fri 
reich  sehe  Myoklonie,  S  h  a  w  -  F  r  e  u  d  sehe  Athetosis  duplex.)  Au 
bei  diesen  Krankheitsbildern  sui  generis  kamen  sie  aufmerksamen 
obachtern  auch  in  der  allgemeinen  Praxis  gar  nicht  so  selten  zu 
sicht  in  Form  der  Paralysis  agitans  bei  Involutionsprozessen, 
Chorea  bei  Intoxikationsneurosen,  der  Hemichorea  und  Hemiathe 
als  posthemiplegische  Reizerscheinungen  und  in  Beziehung  zu  sonst: 
Prozessen  der  motorischen  Rinde;  ich  erwähne  nur  die  Athetose 
der  zerebralen  Kinderlähmung.  Beim  Erklingen  dieser  Namer.  taue 
bestimmte  Vorstellungsbilder  auf  von  verschiedenen  unwillkürlh 
Bewegungen  wie  Zittern,  Wackeln,  Schleudern.  Mitbewegungen, 
gleisungen,  Pillendrehen,  wurmförmige  Kontraktionen,  rhythmi 
Schwingungen,  sowie  von  Haltungs-  und  Spannungsanomalien  mit  1 
sekutiver  Bewegungsarmut,  Pro-  und  Retropulsion,  Bradybasie 
-lalie.  Pfötchenstellung.  Maskengesicht,  gebückte  Haltung:  alles  Eir 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


239 


omene  einer  Symptomatologie,  die  unter  der  Bezeichnung  des 
; (Statischen  (Strümpell),  des  striären  (Vogt),  des  dysto- 
en  (Stertz),  im  allgemeinen  des  extrapvramidalen  Symptomen- 
lexes  zusammengefasst  werden.  In  den  determinierenden  Epitheta 
r  Termini  sind  die  Hauptmomente,  die  für  unsere  weiteren  Be¬ 
dingen  richtunggebende  Kraft  besitzen,  implizite  enthalten: 
örung  der  Muskelstatik,  2.  Missverhältnisse  in  dem  Tonus  und 
)kalisation  an  anderen  Neuronensystemen  als  den  Pyramiden- 
m,  die  seit  der  Entdeckung  der  motorischen  Zentren  in  der  vor- 
i  Zentrahvindung  als  deren  Projektionssysteme  lange  Zeit  eine 
ralvollmacht  für  alle  Motilitätsstörungen  besessen  haben,  infolge- 
n  andere  Systeme  sowohl  von  der  klinisch-diagnostischen  als  auch 
ier  neuropathologischen  Forschung  stiefmütterlich  behandelt  wur- 
Es  bleibt  das  dauernde  Verdienst  Wilsons,  als  erster  1912 
Aufmerksamkeit  der  Nervenärzte  darauf  gerichtet  zu  haben,  dass 
r  „mit  experimenteller  Schärfe“  vorhandenen  Elektiverkrankung 
aeiden  Linsenkerne  die  Ursachen  für  das  von  ihm  aufgestellte 
nach  ihm  benannte  Krankheitsbild  zu  erblicken  sei.  das  als  ein 
vitam  entstandener,  chronisch  progressiver,  tödlicher  Autointoxi- 
isprozess  bei  jungen  Menschen  häufig  derselben  Familie  auftritt 
hauptsächlich  durch  doppelseitige  rhythmische  tremorartige  Be- 
ngen  charakterisiert  ist,  die  bei  willkürlicher  Bewegung  zunehmen 
/on  allgemeiner  Steifigkeit  der  Muskeln  begleitet  sind.  Infolge- 
n  zeigt  das  Gesicht  ein  krampfhaftes  Lächeln,  besteht  Dysarthrie 
lysphagie  wie  überhaupt  eine  hochgradige  motorische  Hilflosigkeit, 
weitere  Folge  der  Hypertonie  sind  Schwierigkeiten,  das  Gleich¬ 
et  zu  halten,  in  späteren  Stadien  Kontrakturen.  Psychisch  be- 
eine  gewisse  Verengerung  des  Horizontes.  Körperliche  Begleit¬ 
tome  sind  Leberzirrhose  nach  Hepatitis,  die  sich  bei  Lebzeiten 
ings  nicht  bemerkbar  macht,  und  bräunliche  Pigmentierung  be¬ 
iter  Gewebe,  besonders  der  Hornhautperipherie,  die,  von  Wil- 
allerdings  übersehen,  erst  von  Fleischer  als  „Kornealring“ 
rieben  wurde.  Um  dieselbe  Zeit  nahmen  C.  u.  0.  Vogt,  an 
Namen  sich  wesentliche  Errungenschaften  der  neuen  Lehre  knüp- 
hre  systematische  Erforschung  chronischer  heredodegenerativer 
heitsprozesse  der  Stammganglien  auf.  Da  diese  auch  zu  den 
ektionsstellen  der  Encephalitis  epidemica  zu  rechnen  sind,  ge- 
die  extrapyramidalen  Syndrome  zu  den  fast  täglichen  Krankheits¬ 
unungen  in  der  jüngsten  Zeit,  so  dass  ihre  Besprechung  vor 
breiteren  Forum  in  Hinsicht  auf  ihre  Häufigkeit  und  Intensität 
eigt  erscheint,  obschon  unsere  Kenntnisse  darüber  noch  im  Wer- 
nd.  Die  Hoffnung  auf  eine  Lösung  der  Probleme  erscheint  jedoch 
ndet,  weil  die  anatomische  Grundlage  durch  die  Untersuchungen 
0.  Vogts  weitgehendst  gesichert  ist.  wie  Spatz  in  seinem 
1  zur  Anatomie  der  Zentren  des  Streifenhügels  darlegen  konnte 
n  diese  Ausführungen  als  anschliessende  gedacht  sind.  Da  die 
nischen  Tatsachen  in  dieser  Arbeit  zur  allgemeinen  Orientierung 
'züglich  übersichtlicher  Weise  zusammengestellt  sind,  sollen  die- 
i  hier  nur  in  summarischer  Form  rekapituliert  werden,  wobei  ich 
ts  Einzelheiten  auf  den  erwähnten  Artikel  von  Spatz  verweise, 
er  Streifenhügel.  (Corp.  Striatum)  der  Anatomen  gehört  zu  den 
rhiinganglien,  die  sich  aus  einer  Verdickung  des  Bodens  des 
rhirnbläschens- -entwickeln-  und  wird  in  Schwanzkern  (Nucl.  cau- 
und  Linsenkern  (Nucl.  lentiformis)  mit  Schale  (Putamen)  und 
er  Kern  (Glob.  pallidus)  durch  die  weissen  Massen  der  inneren 
ln  zerteilt,  wobei  die  Trennung  keine  scharfe  ist,  sondern  graue 
^n  als  Brücken  bestehen  bleiben,  die  dem  Ganzen  den  Namen 
nilhigel  gegeben  haben.  Spätere  Untersuchungen  (Wern  icke, 
Steiner,  Edinger,  C.  u.  0.  Vogt)  haben  nachgewiesen, 
•wischen  Putamen  und  Glob.  pallidus  die  scharfe  Trennungslinie 
rt,  während1  Putamen  und  NcL  caudatus  ursprünglich  zusammen- 
*,  wie  das  im  Kopfteil  noch  der  Fall  ist,  Distal  haben  die 
ien  Kapselfasern  beide  auseinandergerissen  bis  auf  die  er- 
irt  g.auen  Streifen,  weshalb  es  schon  ethymologisch  richtiger 
die  Eigenschaft  des  Gestreiftseins  nur  im  Namen  für  diese  beiden 
n  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Ausserdem  aber  bestehen  Unter- 
“.  elementarer  Natur  als  das  erwähnte  grobmorphologische 
eichen,  die  die  Neueinteilung  im  Prinzip  rechtfertigen,  wie  sie 
durchgeführt  hat,  der  Nucleus  caudatus  und  Putamen  als  .Stria- 
■ensu  strictiori  und  den  Globus  pallidus  als  „Pallidum“  bezeichnet. 
Unterschiede  näher  auszuführen  ist  die  Hauptaufgabe  des 
zschen  Artikels,  hier  seien  nur  die  Schlagwörter  gegeniiber- 

1.  phylogenetisch: 

dlidum  als  Palaeostriatum  (Edi n g  e  r- K  a  p  p  e  r  s)  schon  bei 

ischen. 

1  iatum  als  Neostriatum  erst  von  den  Reptilien  an  aufwärts. 

2.  ontogenetisch  : 

iHkfum  dem  Zwischenhirnteil  des  Vorderhirnbläschens  entstam- 
bei  der  Geburt  markrejf. 

dem  Endhirnteil  des  Vorderhirnbläschens  entstammend, 
icht  im  5.  Monat  markreif.  '(Parallel  zu  den  Pyramidenbahnen1, 

’  normalerweise  positiver  Babinsky  beim  Neugeborenen!). 

3.  histologisch: 

Hidum  zellarmes  Reflexorgan  von  sehr  primitivem  Bau  (B  i  e  1 - 

w  s  k  y). 

i iatum  differenziertes  Regulationsorgan  von  Grosshirnarchitektur, 

‘•askularisiert  (KoHsko). 


4.  histochemisch  : 

Pallidum  Kalk-,  Fett-  und  intensive  Eisenaffinität  (Spatz),  elektive 
Empfindlichkeit  für  Toxen  (Arnsperger  Kohlenoxydgas),  und  Auto¬ 
intoxikationen  (L  e  w  y  -  Diabetes). 

Striatum  nicht  im  selben  Masse  chemisch  aktiv. 

Aus  diesen  besonderen  Chemismen  resultiert  eine  toxische  Vulne¬ 
rabilität.  die  das  striäre  System  (Striatum  und  Pallidum)  vor  anderen 
Neuronensystemen  kennzeichnet.  Ein  weiteres  Zeichen  enger  Zusam¬ 
mengehörigkeit  dieser  entwicklungsgeschichtlich  und  morphologisch  so 
differenten  Zentren  ist  die  stark  entwickelte  interstriäre  Faserverbin¬ 
dung  und  zwar  vom  Caudatus  zum  Putamen  und  von  diesen  beiden 
zum  Pallidum.  Hier  enden  sämtliche  striofugalen  Fasern,  während  das 
Pallidum  Axone  in  den  Thalamus,  Hypothalamus1)  und  mit  grösster 
Wahrscheinlichkeit  auch  zu  den  tieferen  grauen  Kernen  wie  N.muber2 3), 
N.  Darkschewitschi  und  N.  interstitialis  sowie  zu  den  Vier- 
hü  g  e  1  n J)  durch  die  hintere  Kommissur  entsendet.  Diese  Zentren 
sind  als  Zwischenstationen  der  peripheren  Entladungen  des  Pallidum 
anzusprechen.  Von  ihnen  bestehen  im  Tractus  rubrospinalis,  in  der 
zentralen  Haubenbahn,  im  hinteren  Lämgsbündel.  in  der  Vierhügel- 
Voi deistrangbahn  und  in  der  retikulo-spinalen  Bahn  die  verschiedenen 
Verbindungsmöglichkeiten  zum  R.  M.  Zentralwärts  erhält  das  striäre 
System  zahlreich  Bahnen  vom  Thalamus4),  der  mit  seinen  Axonen 
sowohl  Pallidum  als  Putamen  als  Caudatus  erreicht.  Ein-  direkter 
assoziativer  Konnex  zwischen  Hirnrinde  und  striärem  System  besteht 
nicht.  Dieses  erhält  seine  sämtlichen  Anregungen 5 *)  aus  dem  orome- 
dioventralen  Teile  des  Thalamus,  der  seinerseits  in  direkter  Verbindung 
mit  der  Haubenregion  steht  und  indirekt  vermittels  der  anderen  Tha¬ 
lamusgebiete  mit  der  Peripherie  und  Hirnrinde.  Innerhalb  des  striären 
Systems  bestehen  nun  zwei  Reflexwege:  Entweder  gelangen  die  Reize 
vom  Thalamus  nur  an  das  Pallidum  und  werden  von  diesem  an  den 
Lhalamus  oder  die  subthalamischen  Zentren  weitergcleitet  bezw.  be¬ 
antwortet:  niedere  „Pallidumreflexbahn“.  Oder  die  Reize  erreichen 
das  Striatum,  das  nun  auf  das  Pallidum  seinen  Einfluss  ausübt.  Die 
Bahn  Thalamus — Pallidum — Subthalamus  erhält  somit  eine  Nebenschal¬ 
tung,  die  als  übergeordnete  aufzufassen  ist,  da  sie  ein  höher  differen¬ 
ziertes  Zentrum  durchläuft.  Die  niedere  thalamo-pallidäre  Reflex¬ 
bahn  und  die  höhere  Bahn  Thalamus — Striatum — Pallidum  wirken  ge¬ 
meinsam  auf  die  Neuronen  des  Pallidum,  die  sich  in  die  tieferen  Zen¬ 
tren  versenken,  und  zwar  homo-  und  heterolateral,  während  das  Stria¬ 
tum  immer  nur  mit  dem  Pallidum  seiner  Seite  in  fugaler  Richtung  in 
Verbindung  steht.  Zwischen  diesen  beiden  interstriären  Bahnen  be¬ 
steht  ein  analoges  Verhältnis  wie  zwischen  motorischer  Rinde  und 
den  subkortikalen  Kernen  des  Tegmentum  und  der  Medulla  oblongata 
Wichtig  erscheinen  also  folgende  Tatsachen:  Das  Pallidum  steht  im 
unmittelbaren  Konnex  mit  tieferen  Zentren  beider  Seiten.  Die  direkte 
Einflusszone  des.  Striatums  beschränkt  sich  auf  das  Pallidum.  Alle 
striopetalen.  bis  jetzt  sicher  nachgewiesenen  Bahnen  gehen  über  den 
Thalamus.  Auf  Grund  dieser  innigen  Verflechtung  mit  dem  Thalamus 
als  sensiblei  Zentrale  lässt  sich  die  starke  Beeinflussbarkeit  der  stri¬ 
ären  Symptome  durch  psychische  Reize  und  Reize  aus  der  Peripherie 
vei  stehen,  andererseits  ist  aus  dem  fehlenden  direkten  Konnex  dieser 
Zentren  mit  dem  Grosshirn  abzuleiten.-  dass  sie  in  Beziehungen  zu 
Leistungen  stehen,  die  dem  Willen  nicht  unmittelbar  unterworfen  sind, 
also  zu  autonomen  Leistungen  im  allgemeinen.  Ueber  die  spezielle 
y'J't  dtesft  Leistungen  lässt  sich  jedoch  allein  aus  den  anatomischen 
Verhältnissen  weiterer  Aufschluss  gewinnen,  wenn  wir  uns  nämlich  ver¬ 
gegenwärtigen,  dass  die  Formel  für  den  Aufbau  des  Neuralrohres  —  vorn 
motorisch,  mitte  vegetativ,  hinten  sensibel  —  auch  noch  im  Zwischcn- 
hiin  Geltung  besitzt-',  und  wenn  wir  weiterhin  die  von  Spatz  näher 
ausgeführten  Verlagerungsvorgänge  für  die  grauen  Massen  dieses  Hirn- 
teils  berücksichtigen,  so  können  wir  dem  Pallidum  als  Abkömmling 
der_  basalen  Seitenwandteile  des  Neuralrohres  mit  Sicherheit  und  dem 
Striatum  mit  Wahrscheinlichkeit  motorische  Funktionen  zusprechen. 
Wenn  wir  weiterhin  das  hohe  phylogenetische  Alter  und  die  onto¬ 
logisch  frühe  Funktionsreife  betrachten,  so  dürfen  wir  erwarten,  dass 
die  von  dem  Pallidum  abhängige  Motilität  nicht  mit  den  wechselnden 
Funktionen  der  willkürlichen  identisch  sein  kann,  wofür  ja  auch  der 
primitive  Bau  nicht  ausreichen  würde.  Im  Pallidum  haben  wir  viel¬ 
mehr  ein  phylogenetisch  uraltes  Bewegungszentrum  zu  suchen,  das 
primitive  unwillkürliche  Bewegungen  vermittelt.  Aufrechter  Gang  und 
Sprechen  aber  bedeuten  hochkoordinierte  Handlungen,  die  mit  dem 
Pallidum  nichts  zu  tun  haben,  weshalb  das  Pallidum  der  Menschen  dem 
der  niederen  Affen  (Cercopithecinen)  entspricht.  Es  ist  weder  phylo¬ 
genetisch  für  Gang  und  Sprache,  weiter  noch  rudimentär  zurückgebildet, 
woraus  man  quoad  functionem  auf  die  gleiche  Gültigkeit  wie  für 
die  niederen  Klassen  schliessen  kann,  seine  Automatismen  sind  für  den 
Menschen  ebenfalls  von  Bedeutung.  Wie  nun  im  Allgemeinen  die 
autonomen  Innervationen  sich  aus  übereinandergeschalteten  Mechanis- 

)  Aul  dem  Wege  der  Linsenkernschlinge,  auf  dem  wahrscheinlich  auch 
die  Subst.  nigra  erreicht  wird. 

')  Die  pallidumbrale  Faserung  entspricht  wahrscheinlich  dem  F  o  r  e  1 1  - 
sehen  Bündel  H2. 

")  Hier  ist  die  Kuppelung  mit  dem  optisch-akustischen  Reflexbogen  und 
seine  Beziehungen  zum  Kleinhirn. 

)  Das  Gebiet  des  Tuber  cinereum,  Nucleus  campi  i7  0  r  e  1 1  i. 

■’)  Ausserdem  ist  eine  direkte  Vermittlung  von  Kleinhirneinflüssen  über 
den  N.  ruber,  Trct.  cerebello  tegmentalis  rubro  Thalamicus  wahrscheinlich, 
die  dafür  notwendige  rubropallidäre  Bahn  ist  noch  nicht  aufgedeckt.  Dagegen 
ist  im  Ncl.  ruber  die  Einschaltungsstelle  von  pallidofugalen  Einflüssen  auf 
den  spinozerebellaren  Reflexbogen  mit  Sicherheit  zu  erblicken. 


6* 


240 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


men  zusammensetzen,  so  baut  sich  auch  über  dem  Pallidum  ein  über¬ 
geordnetes  Zentrum  auf,  das  Striatum  als  ein  kompliziert  sebmrtes  Re¬ 
gulationsorgan.  Die  ontogenetischen  Differenzen  zwischen  beiden  Zent- 
ren,  die  vor  allem  in  der  Markreife  ihren  Ausdruck  finden,  lassen  die 
Annahme  zu,  dass  das  neugeborene  Kind  eine  Zeitlang  Bewegungen 
ausführt,  die  von  einem  Pallidum  regiert  werden,  das  weder  vom  Stri¬ 
atum  noch  von  der  motorischen  Rinde  beeinflusst  wird.  _ 

Mittels  auf-  und  absteigender  Bahnen,  die  eine  mannigfache  Unter¬ 
brechung  durch  Zwischenstationen  erfahren,  steht  dieses  Neuronen¬ 
system  Striatum-Pallidum  mit  dem  Rückenmark  in  Verbindung.  Seine 
Angriffsstelle  ist  hier  die  Vorderhornzelle,  die  beim  Erwachsenen  von 
mehreren  Leitungsbahnen,  wie  es  unser  Schema  darstellt,  Impulse  er¬ 
hält,  die  sich  nicht  einfach  summieren,  sondern  im  gegenseitigen  Ab¬ 
hängigkeitsverhältnis  sich  ergänzen. 


I  Striatum 


Striares  System 


|  Nucl.  caudatus  (Schwanzkern) 
[putamen 


durch  Horsley  und  Thiele  haben  ergeben,  dass  die  Starre  er 
dann  eintritt,  wenn  man  mit  dem  Querschnitt  in  die  kaudalsten  Eben 
des  Thalamus  kommt,  die  die  pallido-fugalen  Bahnen  durchtrenne 
d.  h.  die  Starre  tritt  ein,  sobald  die  efferenten  Bahnen  des  Stnati 
mit  ihrem  tonushemmenden  Einfluss  fortfallen.  Diese  Rigidität  ha^  j 
der  Kontraktur  nichts  zu  tun.  die  Sehnenreflexe  werden  nicht  bee 
trächtigt.  da  reflektorisch  und  willkürlich  ausgelöste  Muskelzuckung 


y  Interstrio-pallidäre  Faserung 

_  Fibrae  arcuatae 
‘‘‘“‘“e“7'"  ,  Thalam.  pallidäre  Bahn 


Pallidum  =  Glob.  pallidus 


Erklärung  der  schematischen  Zeichnung: 

Die  absteigenden  Bahnen  sind  durch  ausgezogene,  die  auf¬ 
steigenden  durch  punktierte  Linien  dargestellt,  ausserdem  geben 
die  Pfeile  hinter  den  Bezeichnungen  die  Verlaufsrichtungen.  Die 
Unterabteilungen  des  Pallidum  sind  zur  Vereinfachung  der 
Zeichnung  fortgelassen,  ebenso  die  Fibres  of  passage,  die  Uortex 
mit  Thalamus  auf  dem  Wege  durch  das  striäre  Areal  verbinden, 
ohne  dass  Aufsplitterungen  in  diesem  nachgewiesen  wurden. 
Die  striopetalen  Bahnen  sind  gestrichelt,  die  striofugalen  Bahnen 
ausgezogen  gezeichnet  in  Analogie  zu  dem  an  den  anderen 
Bahnen  durchgeführten  Prinzip.  Die  kleinhirnbezüglichen  Bahnen 
wurden  durch  „Punkt-Strich“  gekennzeichnet  ohne  Unterschied 
der  Verlaufsrichtung.  Von  den  Verbindungen  zwischen  Mittel¬ 
hirnganglien  und  Rückenmark  wurde  zur  Erhaltung  der  Ueber- 
sicht  nur  ein  Repräsentant,  der  Tractus  rubrospmalis  gezeichnet, 
wegen  seiner  Beziehungen  zum  Kleinhirn  auch  in  Punkt-Strich- 
manier.  Ebenso  wurden  die  verschiedenen  Zwischenstationen 
der  pallidofugalen  Bahnen  bis  auf  Hypothalamus  (Corpus  Luysi) 
und  Nucleus  ruber  fortgelassen. 


I  Pallidum 

Thalamus  I  Reflextfah 

Trct.  pallido  thalam.  hypothal.  J 

Hypothalamus  (Corpus  Luysi) 


-  Trct.  thalam.  (hypothalam.)  rubralis  olivm 

.  Trct.  rubro  thalam.  t 


Trct.  spino  thalamicus  ^ 

Hinterstrangbahn  f. 

Hinterstrangkern 

Pyr.  Seitenstrang 
Vorder 


Trct.  cerebello  tegmentalisT 

Trct.  rubrospinal. *  1 
(Monakow)  4- 

---•Nucl.  dentat. 

Nucl.  Deites 
Trct.  vestib.  spin.  lat. 4- 


Vorderhorn 


1.  Die  kortikospinale  oder  Pyramidenbahn  im  Dienste  der  will¬ 
kürlichen  Myodynamik. 

2  Kleinhirn— Bindearm— Roter  Kern— M  o  n  a  k  o  w  sches  Bündel, 
ein  System  von  Bahnen  als  konisch-ordinatorischer  Apparat. 

3  Ein  subkortikaler  Reflexbogen,  dessen  Bahnen  oben  im  Einzelnen 
beschrieben  sind  und  der  in  Pallidum  und  Striatum  seine  Doppelkuppel 
hat  als  ein  den  Automatismen  der  Ausdrucks-  und  Begleitbewegungen 
dienender  Apparat. 

Trotz  des  durch  viele  Verknüpfungen  dieser  drei  Bahnen 
gewährleisteten  Zusammenhanges  handelt  es  sich  um  drei  physio¬ 
logisch  differenzierbare  Systeme.  Die  kortikospinale  Pyramiden¬ 
bahn  vermittelt  die  bewussten  Bewegungsbefehle.  Ihre  Impulse 

treffen  jedoch  auf  eine  Vorderhornzelle,  die  durch  Rückenmarksreflex¬ 
anregungen  in  einem  gewissen  Aktivitätszustand  sich  befindet,  der  sie 
zum  Empfang  der  Willkürinnervation  ungeeignet  macht.  Infolgedessen 
werden  ergänzende  Innervationen  notwendig,  die  die  Ueberladung  der 
Vorderhornzellen  und  entsprechend  der  motorischen  Oblongatakerne 
kompensieren,  sodass  diese  für  die  fein  differenzierten  Impulse  der 
Pyramidenbahn  empfangsbereit  werden.  Und  weiter  über  diese  Emp¬ 
fangsbereitschaft  für  das  prifnum  incitans  hinaus,  muss  die  Vorderhorn¬ 
zelle  auch  während  der  Dauer  einer  Willkürbewegung,  die  ja  einen 
fortwährenden  Wechsel  zwischen  Spannung  und.  Entspannung  der  Mus¬ 
kulatur  voraussetzt,  von  hemmenden  Zwischenimpulsen  gezügelt  wer¬ 
den.  Da  sie  auf  dem  Wege  des  kurzen  Reflexbogens  und  der  Klein¬ 
hirnreflexbahn  geladen  werden  kann,  müssen  übergeordnete  Bahnen  die 
Entspannung  innervieren.  Diese  liefern  also  nicht  eigentlich  eine  Be¬ 
wegungsleistung,  sondern  haben  statische -Funktionen,  deren  Ziel  das 
richtige  Zusammenarbeiten  der  die  einzelnen  Gelenke  und  Glieder  fixie¬ 
renden  Agonisten  und  Antagonisten  (Koordination)  und, das  folgerichtige 
und  richtige  Ablaufen  der  einzelnen  Bewegungsphasen  ist,  wofür 
Haenel  den  Begriff  der  Postordination  vorgeschlagen  hat,  der  des¬ 
halb  recht  brauchbar  erscheint,  weil  die  Belegung  des  in  der  Auf¬ 
einanderfolge  der  Bewegungen  wichtigen  autonomen  Faktors  mit  einem 
besonderen  Terminus  das  dauernde  Eingreifen  eines  solchen  akziden¬ 
tellen  autonomen  Faktors  in  den  Ablauf  einer  scheinbar  willkürlichen 
Bewegung  zum  Bewusstsein  bringt,  für  die  eigentlich  nur  der  Antrieb 
willkürlich  ist.  Die  Regelung  dieser  myostatischen  Vorgänge  (Strüm¬ 
pell)  ist  nur  an  bestimmte  extrapyramidale  Neuronensysteme  geknüpft, 
die  beim  Abfluss  eines  kortikospinalen  Impulses  auf  einem  hier  nicht 
näher  zu  analysierenden  Wege  zur  Mitbeteiligung  angeregt  werden. 
Und  zwar  beherrschen  Kleinhirn  und  Vestibularapparat  die  koordina- 
torischen  Funktionen,  während  zu  den  postordinatorischen  das  striäre 
System  in  Beziehung  zu  setzen  ist,  wie  experimentelle  Untersuchungen 
und  pathologische  Prozesse  zwängend  fordern.  Schon  Nothnagel 
wies  durch  Chromsäureinjektion  in  den  Linsenkern  kataleptische  Er¬ 
scheinungen  nach.  Genauere  Nachprüfungen  der  Enthirnungsstarre6) 


e)  Sherringtons  „decerebrate  rigidity“. 


ihr  aufgesetzt  werden  können.  Hierin  berührt  sich  diese  Hypertc 
mit  der  Tetanusstarre,  bei  der  ebenfalls  reflektorische  Zuckungen  m1 
lieh  sind,  solange  die  maximale  Verkürzung  noch  nicht  erreicht 
(Fröhlich  und  H.  H.  Meyer).  Verhältnisse,  die  für  ein  relati 
Unbeschädigtsein  der  anisotropen  Fibrillen  (Verkürzungsapparat 
Uexküll)  und  ihrer  zugehörigen  Nerven  sprechen  und  den  Rigor 
Innervationsstörung  des  Sarkoplasmas  (Sperrapparat  von  Uexki 
aufzufassen  nahelegen,  wofür  weiterhin  die  1  atsachen  sprechen,  < 
die  durch  das  Sarkoplasma  geleistete  tonische  Dauerverkürzung 
Muskels  ohne  Ermüdungserscheinungen,  ohne  Sauerstoffverbra; 
Wärmeentwicklung,  Aktionsstrom  etc.  verläuft.  In  Parenthese  sei 
wähnt,  dass  die  Neugeborenen  ihre  Glieder  ebenfalls  in  Stellun 
verharren  lassen,  die  diesen  Spannungszuständen  ähneln  und  auch 
eben  aufgezählten  physiologischen  Momente  aufweisen. 

Ein  näheres  Eingehen  auf  die  Gesetze  der  Tonusmuskulatur  wi 
bei  der  Strittigkeit  des  Tonusproblems  weit  über  den  Rahmen  di 
Arbeit  hinausgehen.  Es  sei  nur  erwähnt,  dass  die  anatomische 
sache  der  Doppelinnervation  der  quergestreiften  Muskulatur  (synj 
thisch  und  zentral)  nicht  mehr  abzuleugnen  ist  (Spiegel).  Die^ 
lyse  der  beim  Zustandekommen  des  Muskeltonus  eingreifenden  K 
ponente  wird  noch  häufig  Gegenstand  weiterer  Untersuchungen 
müssen.  Möglich  ist,  dass  bei  ihnen  auch  sympathische  Einflüsse  v. 
sam  sind,  sodass  wir  im  Striatum  ein  Hemmungszentrum  für  teilw 
sympathisch  regulierte  Mechanismen  zu  suchen  hätten,  wofür  der  z 
fellose  Nachweis  von  sympathischen  Ganglienzellen  im  Hypothala 
(K  a  r  p  1  u  s  und  K  r  e  id  e  1)  zu  sprechen  scheint  bei  der  nahen, 
bindung  dieser  Grisea  zum  striären  System.  Läsionen  des  Stria 
bedingen  demnach  Steigerung  des  normalen  Muskeltonus  zur  pa 
logischen  Rigidität  durch  Wegfall  der  auf  niedere  Zentren  von  oe 
System  ausgeübten  Hemmungen.  Mit  dieser  hemmenden  Funk 
steht  das  Striatum  im  antagonistischen  Gegensatz  zum  Kleinhirn, 
tonussteigernde  Wirkung  ausübt  und  dessen  zerebellofugale  Bahne: 
N.  ruber  Hemmungsimpulsen  von  höheren  subkortikalen  Zentren  ( 
atum)  unterliegen 7).  Da  diese  Ergisten  und  Antagonisten  zur  gier 
Zeit  befallen,  resultiert  eine  Bewegungsarmut,  für  die  C.  und  0.  V] 
den  treffenden  Namen  der  Haltungsrigidität  geprägt  haben.  In  di 
Haltungsrigidität  ist  das  hervorstechendste  und  durchgängigste  M 
mal  des  striären  Syndromes  zu  erblicken.  Auf  seiner  Basis 
Strümpell  seinen  amyostatischen  Symptomenkomplex  aufgc 
indem  er  bei  gleichzeitigem  und  gleichförmigem  Befallensein  der 
nisten  und  Antagonisten  Hypertonie.  Kontraktur.  Stellungsanon 

7)  Kleist  sucht  dagegen  das  Striatum  unter  den  hemmenden  Eii 
des  Kleinhirns  zu  stellen,  das  in  „Masse  und  Entwicklung  nur  vom  0 
hirnmantel  ubertroffen  wird“.  Wird  das  funktionell  ihm  unterstellte  Stn 
befreit,  so  kommt  es  zu  Hyperkinesen.  Beweis  Bindearmchorea.  Auch 
s  t  r  o  e  m  postuliert  auf  Grund  seiner  Sektionsbefunde  und  gestützt  auf  tr: 
Untersuchungen  (B  o  n  n  h  o  e  f  f  e  r,  B  r  e  m  m  e)  für  diese  Störungen  1 

1  in  der  Bindearmgegend. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


241 


lungsfixation,  mimische  Starre  und  allgemeine  Bewegungsarmut, 
regelmässiger  Abwechslung  der  tonischen  Störungen  in  den  beiden 
raren  Muskelgruppen  eines  Gliedes  das  Symptom  des  Tremors  und 
:kelns,  bei  unregelmässiger  Folge  und  wechselnder  Lokalisation 
rhalb  der  Muskeln  einer  statischen  Gruppe  Athetose,  bei  Lieber¬ 
en  auf  andere  zusammengehörige  Gruppen  Chorea  entstehen  s:eht. 
Hinblick  auf  diese  Möglichkeit  einer  einheitlichen  Betrachtung  des 
apyramidalen  Symptomenkomplexes  nach  dem  Gesichtspunkt  der 
keltonusstörung  erscheint  die  S  t  e  r  t  z  sehe  Zusammenfassung  der 
iptome  als  dystonisches  Syndrom  gerechtfertigt. 

Mit  dieser  Feststellung  sei  jedoch  keineswegs  der  Standpunkt  ver- 
;n.  dass  sich  vom  Monosymptom  der  Haltungsrigidität  aus  der  Poly¬ 
phismus  des  striären  Systems  restlos  erklären  Hesse.  Auch  ist 
t  annehmbar,  dass  mit  den  Beziehungen  des  striären  Systems  zum 
.keltonus  dessen  Funktionen  vollkommen  umschrieben  sind.  Weisen 
i  einerseits  schon  die  klinischen  Bilder  des  Parkinsonismus  bei 
ephalitikern  mit  ihrem  von  Tageszeiten  und  Körpertemperatur  ab- 
jigen  psychomotorischen  Torpor,  mit  ihrer  Inversion  der  Schlaf- 
/e.  ihrem  inversen  Temperaturtyp  auf  Störungen  des  vegetativen 
ergismus  und  zwar  vor  allem  der  Wärmeregulierung  hin8). 
3  n  o  m  o  fasst  diese  Erscheinungen  unter  dem  Ausdruck  der  Dis- 
ation  der  Gezeiten  der  körperlichen,  von  vegetativen  Zentren  be¬ 
ten  Funktionen  und  der  psychischen  Grosshirnfunktionen  zusammen, 
könnte  man  mit  Recht  einwenden,  bei  Enzephalitis  handle  es 
um  einen  so  diffusen  Prozess,  dass  lokalisatorische  Fragen  an  ihm 
t  studiert  werden  können.  Darauf  wäre  zu  erwidern,  dass  auch 
echte  Parkinson  diese  Diskrepanz  in  der  nächtlichen  Unruhe  der 
über  torpiden  Kranken  zeigt.  Die  engen  Beziehungen  des  striären 
tems  zum  Hypothalamus  legen  eine  Beteiligung  an  dem  Einfluss 
den  Mechanismus  der  zentralen  Wärmeregulation  nahe,  doch  sind 
4kten  über  die  Beziehungen  noch  nicht  geschlossen  (cf.  Spiegels 
sches  Uebersichtsreferat  im  Zbl.  f.  d.  ges.  N.  u.  P.). 

Vogt  und  Kleist  betrachten  das  striäre  System  als  Zen- 
l  für  gewisse  Automatismen  der  Muskelinnervation,  die  aus 
logenetisch  älterer  Zeit  erhalten  geblieben  und  in  den  Ablauf  der 
ählich  entstandenen  kortikalen  Bewegungen  hineingeflochten  sind; 
zwar  führt  nach  der  Vogt  sehen  Analyse  der  Ausfall  der  feineren 
atumfunktionen  zu  fortgesetzten  Spontanbewegungen  wie  Zittern, 
eatischen  und  athetotischen  Bewegungen,.  Spasmus  mobilis,  Mit- 
egungen,  Zwangsweinen,  Zwangslachen  und  zum  Fehlen  gewisser 
3matismen  im  Mienen-  und  Gestenspiel,  Gang,  Sprache  und  Schluck- 
woraus  eine  Bewegungsarmut  resultiert  (striäre  Akinese).  Die 
innten  Hyperkinesen  sind  nicht  als  Reizerscheinungen  des  Stri- 
ns  (striäre  Hyperkinesen),  sondern  als  substriäre-pallidäre  Hyper- 
sen  infolge  Enthemmung  des  Pallidum  aufzufassen.  In  diesem 
le  sprach  sich  auch  Wilson  auf  dem  diesjährigen  Kongress  in 
s  aus,  dass  weder  Zittern  noch  Rigidität  als  Reizsymptom  von  der 
lologisch  veränderten  Stelle  anzusprechen  wäre.  Der  Ausfall  der 
reren  Pallidumfunktionen  macht  von  grösster  Bewegungsarmut  be¬ 
tete  Versteifung  infolge  Enthemmung  subpallidärer  Zentren  (sub- 
idäre  Akinese).  Da  das  Pallidum  auf  beide  Körperhälften  einzu- 
cen  vermag,  kommt  es  zu  dem  Pallidumsyndrom  der  Versteifung 
bei  doppelseitiger  Erkrankung  des  PaLlidum,  während  einseitige  das 
itumsyndrom  zeitigt.  Neuerdings  (auf  dem  erwähnten  Kongress) 
det  sich  nun  Wilson  energisch  gegen  die  Zusammenfassung  von 
rea,  Athetose.  Zittern  usw.  unter  dem  Namen  des  Striatumsyn- 
ns,  da  das  Striatum  nur  eine  von  vielen  Quellen  der  Bewegungs- 
ingen  ist.  Und  es  erscheint  mir  in  der  Tat  wichtig,  das 
ache  Zusammenwirken  der  verschiedenen  motorischen  Systeme 
der  Analyse  der  Bewegungsstörungen  zu  berücksichtigen.  So 
eht  auch  keine  zwingende  Notwendigkeit,  für  alle  diese  Sym- 
re  ausschliesslich  das  striäre  System  als  lädiert  zu  postulieren.  Die 
ahme,  dass  z.  B.  die  von  Foerster  bei  der  von  ihm  aufgestell¬ 
arteriosklerotischen  Muskelstarre  vorhandenen  Erweichungsherde 
ler  Grosshirn — Brücken — Kleinhirnbahn  die  den  pallidären  Hyper- 
sen  ähnliche  Erscheinungen  hervorrufen  können,  erscheint  nach 
vor  berechtigt,  da  diese  Bahn  als  Arm  des  kortikofugalen  muskulären 
rlsstromes  ebenfalls  zügelnde  Wirkung  auf  den  zerebellaren 'Reflex¬ 
en  ausübt.  Doch  fehlt  diesem  Syndrom  die  Beeinträchtigung  der 
omatismen  im  Mienen-  und  Gestenspiel,  in  Flucht-  und  Abwehr¬ 
egungen,  woraus  sich  einerseits  die  Möglichkeit  einer  feineren 
erenzierung  beider  Systeme  und  andererseits  die  Bedeutung  gerade 
er  Symptome  für  das  palLidäre  Syndrom  ergibt. 

Gegenüber  pathogenetischer  Fragestellung  versagen  die  Bilder  der 
zustände,  an  denen  von  C.  und  0.  Vogt  die  lokalisatorischen  Stu- 
i  durchgeführt  wurden,  als  Effekt  der  verschiedenartigsten  patho- 
sch-anatomischen  Prozesse.  Auch  die  histologischen  Bilder  gewäh- 
keinen  eindeutigen  Aufschluss  über  die  Art  des  Leidens.  Als  ge¬ 
eite  Tatsache  darf  gelten,  dass  die  striären  Zentren  eine  besondere 
/osition  für  chemische  Noxen,  z.  B.  Kohlenoxyd,  Leuchtgas,  Mangan 
1  tzen  (Lu  bar  sch,  Spatz,  Nothnagel,  Fuchs),  auch  für 
Intoxikationen  (W  i  1  s  q  n  s  Fälle  mit  Lebererkrankung,  B  o  - 
oem,  L  e  w  y).  Doch  eine  konzise  Abgrenzung  der  einzelnen  Pro- 
se  gegeneinander  vermag  das  histologische  Syndrom  noch  nicht  zu 

I  8)  Die  Versuche  (Lust)  der  jüngsten  Zeit,  mittels  Fiebererregung 
nd  auf  den  Parkinsonismus  bei  Enzepbalitikern  zu  wirken,  sprechen  eben— 
dafür.  Wir  konnten  in  der  Klinik  eine  Enzephalitiskrauke  beobachten,  die 
Vorliebe  trotz  winterlicher  Kälte  im  Klinikgarten  sass,  ohne  die  Kälte 

igenehrn  zu  empfinden. 


liefern.  Die  S  p  i  e  1  m  e  y  e  r  sehen  Untersuchungen  der  Wilson  sehen 
Krankheit  und  Pseudosklerose  weisen  nach,  dass  über  das  Wesen  der 
Prozesse  auf  Grund  des  wechselvollen  pathologischen  Ensembles  nichts 
Sicheres  zu  eruieren  ist,  dass  fliessende  Uebergänge  zwischen  beiden 
und  zu  den  Befunden  bestehen,  die  bei  chronischer  Chorea  vorhanden 
sind,  und  nicht  zuletzt,  dass  die  Wilson  sehe  Krankheit  nicht  „mit 
der  Schärfe  eines  Experimentes“,  w.ie  es  frühere  Annahmen  formulier¬ 
ten,  das  Areal  der  Linsenkerne  allein  befällt,  sondern  dass  auch  in 
der  Hirnrinde  degenerative  Prozesse  neben  besonderen  Wucherungs¬ 
vorgängen  am  gliösen' (A  1  z  h  e  i  m  e  r  sehe  grosse  Gliazellen)  und  am 
mesenchymalen  Apparat  ausgeprägt  sind.  Lässt  man  die  diffusen  akuten 
Enzephalitiden  aus  dem  Kreis  der  Betrachtungen  und  beschränkt  die 
Anwendung  einer  histopathologischen  Klassifikation  auf  die  herdförmig 
lokalisierten  chronischen  und  heredogenerativen  Prozesse,  so  kann  man 
die  Parenchymdegenerationen  (Fischer,  Jelgersma)  mit  vor¬ 
wiegendem  Befallensein  des  Striatum  (Status  fibrosus  C.  und 
0.  Vogts),  dem  klinisch  eine  chronisch  progressive  Chorea  entspricht, 
den  sensiblen  oder  präsenilen  Prozessen  (L  e  w  y)  unter  Mitbeteiligung 
des  Gefässapparates  (Status  desintegratus  C.  und  0.  Vogts)  unter 
besonderer  Vorliebe  für  Striatum  (arteriosklerotische  Chorea)  und 
Pallidum  (Paralysis  agitans  M  a  s  s  und  arterioskleriotische  Muskel¬ 
starre  Förster)  gegenüberstellen.  Während  nach  dem  Markscheiden¬ 
bilde,  dessen  alleinige  Berücksichtigung  Jakob  in  seinem  kritischen 
Referat  als  zu  einseitig  zurückweist,  der  Status  marmoratus  mit  isolier¬ 
tem  Ganglienzellenschwund  im  Striatum  (Littlestarre)  und  der  Status 
dysmyelinisatus  (Untergang  der  Faserung  zwischen  Striatum  +  Pal¬ 
lidum  und  Thalamus  +  Hypothalamus,  klinisch  progr.  Athetose  mit  Ver¬ 
steifung)  die  Gegensätze  bilden. 

Die  pathologischen  Forschungen,  die  nach  dem  Charakter  dieser 
Arbeit  nur  ganz  kursorisch  dargestellt  werden  konnten,  zeigen  das 
dringende  Bedürfnis  nach  Vertiefung  der  Studien  nach  der  histologischen 
Seite  hin,  wie  C.  und  0.  Vogt  selbst  schreiben,  die  mit  den  Mitteln 
ihrer  Myeloarchitektonik  <die  topische  Diagnose  so  weit  gefördert  haben, 
dass  sie  als  eine  wesentliche  Stütze  ihrer  pathophysiologischen  Erklä¬ 
rungen  des  striären  Syndroms  zu  betrachten  ist.  Spielmeyers 
Verdienst  ist  die  präzise  Formulierung  der  Probleme,  die  der  weiteren 
histologischen  Analyse  und  damit  Pathogenese  der  Prozesse  entgegen¬ 
stehen. 

Fassen  wir  nun  die  gewonnenen  Einblicke  zusammen,  so  müssen 
wir  zur  Anschauung  kommen,  dass  wir  im  striären  System  ein  höchst 
differenziertes  sensomotorisches  Regulationsorgan  vor  uns  haben.  Das 
Pallidum  besitzt  phylogenetisch  weit  zurückgehend  eine  grosse  Selbst¬ 
ständigkeit  und  ist  sogar  beim  Menschen  noch  für  die  primitiven  hyper- 
tonisch-athetoiden  Gruppenbewegungen  während  der  ersten  Lebens¬ 
monate  verantwortlich  zu  machen.  Später  wird  es  von  dem  übergeord¬ 
neten  Striatum  gezügelt,  das  ein  Zentrum  für  erlernte  sekundäre  Auto¬ 
matismen  darstellt.  Da  diese  in  Willkürbewegungen  eingeschaltet  wer¬ 
den,  sind  sie  dem  Impuls  der  motorischen  Rinde  als  Zentrum  für  die 
Willkürbewegungen  unterstellt.  Auch  zur  Kleinhirnfunktion  tritt  das 
striäre  System  in  Beziehung,  indem  es  eine  antagonistische  Wirkung 
zu  ihm  ausübt  in  Form  eines  tonushemmenden  Einflusses.  Diese  beiden 
tonusregulierenden  Systeme  sind  kortikal  gezügelt  und  stehen  mit  dem 
Pyramidensystem  in  gewisser  Interferenzwirkung,  bezogen  auf  ihre 
Vorderhornzellinnervationen.  Kontaktstellen  sind  für  Hirnrinde  und 
striäres  System  der  Thalamus,  für  Kleinhirn  und  striäres  System  der 
Nucleus  ruber  und  Darkschewitschi,  sowie  die  Vierhügel.  So 
wird  für  einen  geregelten  Ablauf  der  durch  Antrieb  der  Pyramiden¬ 
bahnen  in  Gang  gesetzten  Willkürbewegung  gesorgt  durch  das  Klein¬ 
hirn.  indem  es  die  Spannnngsverhältnisse  der  einzelnen  Muskelgruppen, 
d.  h.  die  Statik  der  Glieder  so  regelt,  dass  die  feinen  Pyramidenimpulsc 
an  den  reflektorisch  festgestellten  Gliedern  ein  geeignetes  Hypomochlion 
vorfinden;  durch  das  striäre  System,  indem  es  die  Ladungen  der  Vor¬ 
derhornzelle,  die  auf  den  untergeordneten  Reflexbögen  des  Rücken¬ 
marks  und  Kleinhirns  auf  sie  einstürmen,  in  einem  Grade  kompensiert, 
dass  dadurch  das  Ultimum  movens  in  Empfangsbereitschaft  für  die 
Impulse  der  Willkürbahn  versetzt  wird,  und  indem  es  andererseits 
in  die  Willkürbewegungen  Automatismen  einfliessen  lässt. 

Die  Bedeutung  dieser  Funktionen  wird  aus  ihrer  Störung  ersicht¬ 
lich:  Gemäss  der  Doppelfunktion  des  Pallidum  haben  wir  zu  unter¬ 
scheiden  den  Ausfall  der  tonushemmenden  Funktion,  von  den  Störungen 
in  der  Innervation.  Die  ersteren  führen  zur  Steigerung  des  HeiT- 
bronner  sehen  plastischen  formgebenden  Muskeltonus,  des  Fixations¬ 
reflexes  oder  umgekehrt  ausgedrückt  zur  mangelhaften  reziproken  An¬ 
tagonistenhemmung  Sherringtons.  Symptomatisch  resultiert  da¬ 
raus:  Haltungsrigidität  und  -anomalie.  Rigor  bis  zur  Versteifung,  Kata¬ 
lepsie,  Tremor.  Störungen  und  Verlangsamung  im  Bewegungsablauf 
(Adiadochokinesis).  Ob  diese  Symptome  restlos  durch  die  Enthemmung 
der  Kleinhirnbahn  erklärt  werden  können,  oder  ob  das  striäre  System 
eine  direkte  Beeinflussung  des  Muskeltonus  durch  sympathische  bzw. 
parasympathische  (Frank)  Innervationen  via  Hypothalamus  besitzt, 
muss  dabei  offen  bleiben.  Die  Störungen  der  innervatorischen  Funktion 
sind  kenntlich  am  Ausbleiben  von  Mitbewegungen,  die  automatisch  in 
den  Ablauf  einer  Willkürbewegung  eingeschaltet  werden,  z,  B.  beim 
Gehen,  Sprechen  usw.,  ferner  Ausbleiben  von  Reaktivbewegungen,  auf 
deren  Konto  die  gestikula torische  Armut,  die  mimische  Starre,  der 
Mangel  an  Einstellungs-,  Abwehr-  und  Fluchtbewegungen  zu  setzen 
sind.  Ein  Ausfall  des  tonuserregenden,  Einflusses  seitens  des  Kleinhirns 
macht  Hypotonie,  die  häufig  als  Nebensymptom  bei  der-  Chorea  zu 
Konstatieren  ist  (Bindearmchorea!),  ferner  koordinatorische  Störungen, 
die  als  Bewegungsataxie  zusammengefasst  werden  können.  Beim  Fort- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


fall  der  das  Pallidum  zügelnden  Striatumwirkung  werden  wir  ein  dem 
Pallidumsyndrom  konträres  Symptomenbild  zu  erwarten  haben,  da  d*e 
Pallidumfunktionen  sich  nunmehr  ungehemmt  auswirken  können.  Und 
in  der  Tat  bemerken  wir  unter  den  hierher  gehörigen  Symptomen 
Herabsetzung  des  Muskeltonus  bis  zur  Ueberdehnbarkeit.  ausgedehnte 
Synkinesien  in  Form  von  umfangreichen  Mitbewegungen  und  gruppen¬ 
weisen  Mitinnervationen.  Doch  auch  über  die  Art  dieser  unwillkür¬ 
lichen  Bewegungsstörungen  lässt  sich  einiges  aussagen  auf  Grund  der 
Erwägung,  dass  der  Ausfall  der  Striatumzügelung  funktionell  einen 
atavistischen  Zustand  zur  Folge  hat,  indem  das  Pallidum  selbständig 
Bewegungen  vermittelt  wie  zur  Zeit  seiner  normalen  Selbständigkeit. 
Wir  werden  also  in  diesen  wieder  frei  gemachten  Automatismen  An¬ 
klänge  an  die  Bewegungen  des  Neugeborenen  und  sogar  an  die  des 
Affen  erwarten  müssen.  Das  Striatum  bildet  wie  erwähnt  die  Vermitt¬ 
lung  zwischen  Pallidum  und  motorischer  Rinde,  dem  die  Funktion  ent¬ 
spricht,  die  primitiven  Automatismen  des  Pallidum  selektiv  in  die 
WLHkürbewegungen  einzuschalten.  Durch  solche  Auswahl  und  Kom¬ 
bination  werden  sie  zu  sekundären,  durch  Erfahrung  erlernten  Striatum¬ 
automatismen  umgebildet.  Bei  Fortfall  der  Striatumwirkung  zerfallen 
nun  diese  komplizierten  Bewegungsvorgänge  wieder  in  ihre  pallidären 
Bausteine,  wie  Myoklonie,  Tick,  athetotische,  choreatische  Dreh-,  Mit-, 
Zwangsbewegungen,  je  nach  Tempo,  Folge  und1  Rhythmik  der  Einzel¬ 
phasen,  die  sich  ohne  Steuerung  seitens  der  Zweckimpulse  sinnlos 
durchsetzen  und  wahllos  verbinden.  Durch  Kombination  von  Reiz¬ 
wirkungen  und  Enthemmungen  seitens  der  einzelnen  motorischen 
Systeme  kommt  es  zu  dem  ausserordentlichen  Polymorphismus  und  zu 
den  fliessenden  Uebergängen  im  extrapyramidalen  Symptomenkomplex. 
Aus  dieser  Beeinträchtigung  des  Syndroms  auch  von  den  anderen 
Systemen  ergibt  sich  die  Notwendigkeit  der  Einbeziehung  der  Gross¬ 
und  Kleinhirneinflüsse  in  die  Analyse  dieser  Bewegungsstörungen,  so 
zeigt  es  z.  B.  gerade  die  Chorea  mit  ihrer  Korrelation  zwischen  kortikal 
intendierter  Bewegung  und  Entgleisung  durch  die  subkortikalen  Auto¬ 
matismen.  Noch  deutlicher  kommt  die  Abhängigkeit  von  den  Pyra¬ 
midenbahnen  zum  Ausdruck  in  dem  Verdecktwerden  der  extrapyrami¬ 
dalen  Symptome  durch  Funktionsausfall  der  Pyramidenbahn,  die  mit 
ihrer  hemmenden  Wirkung  auf  die  Vorderhornzelle  die  Auswirkung  der 
subkortikalen  Impulse  erst  ermöglichen.  Auch  die  Beeinflussung  durch 
psychische  Reize  ist  in  diesem  Sinne  anzuführen,  wobei  differential¬ 
diagnostisch  wichtig  gegen  den  katotonischen  Stupor  ist,  wie  sehr  die 
erhaltene  Persönlichkeit  trotz  des  Mangels  der  Einstellungsbewegungen, 
trotz  der  mimischen  und  gestikulatorischen  Armut  doch  hindurchschaut, 
wobei  andererseits  auch  eine  Beeinträchtigung  der  psychischen 
Energien  zu  spüren  ist,  da  immer  neue  Willensimpulse  für  jede  Phase 
der  Willkürbewegung  nötig  werden.  Die  auf  Erlahmung  des  Eigen¬ 
willens  zurückzuführenden1  Symptome  können  deshalb  auch  durch  Auf- 
oktroyierung  eines  fremden  Willens  zum  Verschwinden  gebracht 
werden,  z.  B.  in  der  Hypnose. 

Trotz  dieser  vielseitigen  Beziehungen  zu  anderen  Neuronengruppen 
stellt  das  striäre  System  auf  Grund  seines  anatomischen  und  histo¬ 
logischen  Baues,  seiner  Entwicklungsgeschichte  und  seiner  physio¬ 
logischen  Eigenart  doch  ein  Neuronsystem  im  engeren  Sinne  dar, 
dessen  Erkrankung  eine  Anzahl  miteinander  verwandter  Krankheits¬ 
bilder  zeitigt,  die  bei  der  Lokalisation  derselben  Prozesse  in  anderen 
Systemen  nicht  entstehen,  ln  Analogie  zur  Area  giganto  pyramidalis 
ist  auch  für  dieses  System  eine  somatotopische  Gliederung  zu  er¬ 
warten.  Und  in  der  Tat  hab„en  C.  und  O.  Vogt  im  Areal  des  Striatum 
einen  bestimmten  Parallelismus  zwischen  lokalen  Zerstörungen  und  der 
Lokalisation  ihrer  Funktionen  aufdecken  können,  indem  im  oralen  Teile 
Sprache  und  Schluckakt,  im  kaudalen  die  übrige  Körpermuskulatur  ver¬ 
treten  ist.  Als  ein  klinischer  Ausdruck  der  Architektonik  mag  gelten, 
dass  beim  Befallensein  des  vordersten  Abschnittes  Bulbärerscheinungen 
auftreten  (Pseudobulbärparalyse  Oppenheim-Vogt  und  S  c  h  i  1  - 
dcr-Gerstman  n). 

Eine  kurze  Zusammenstellung  derjenigen  Krankheitsbilder,  denen 
das  striäre  Syndrom  den  Charakter  verleiht,  ist  in  der  Einleitung  ge¬ 
geben.  Wie  bereits  aus  dem  Umriss  der  pathologisch-anatomischen  Be¬ 
funde  evident  wurde,  stösst  eine  konzise  histologische  Klassifikation  auf 
Schwierigkeiten,  die  noch  nicht  überwunden  sind.  Auch  die  klinische 
Einteilung  ist  noch  keine  präzise,  nicht  zuletzt  wegen  der  mangelnden 
ätiologischen  Kenntnisse  von  den  einzelnen  Krankheitsbildern.  Am 
einheitlichsten  grenzen  sich  diese  ab  in  der  Gruppe  der  Heredo- 
degenerationen  und  Entwicklungsstörungen.  Das  ganze  Gebiet  der 
extrapyramidalen  Bewegungsstörungen  lässt  sich  symptomatologisch 
in  drei  Gruppen  einteilen. 

I.  Das  hypokinetisch-hypertonische  Syndrom: 

1.  Charakterisiert  durch  Vermehrung  des  Muskeltonus,  der  sich 
durch  wächsernen,  nicht  federnden  Widerstand  bei  passiven  Be¬ 
wegungen,  Fehlen  der  Reflexsteigerungen  und  Irradiationen  und  gleich¬ 
zeitiges  Befallensein  von  Agonisten  und  Antagonisten  vom  Pyramiden¬ 
spasmus  mit  dem  Wernicke-Mann sehen  Prädilektionstypus  unter¬ 
scheiden  lässt.  Folgen  dieses  „Rigors“  sind  Haltungsanomalien,  wie 
Pfötchenstellung,  Klauenfuss,  Caput  obstipum,  kyphotische  Wirbelsäule. 

2.  Durch  extrapyramidale  Paresen,  deren  Schwäche  mehr  bei 
kinetischer  Innervation  als  bei  Widerstandsbewegungen  zum  Ausdruck 
kommt  infolge  spastischer  Fixation  einer  jeweiligen  Stellung,  die  erst 
überwunden  werden  muss.  Uebergang  zur  Kontraktur  bei  maximaler 
Steigerung  des  Fixationsspasmus. 

3.  Durch  Störung  der  Innervationsbereitschaft  mit  konsekutiver 
Verzögerung  des  An-  und  Abklingens  der  Bewegungen,  Einschränkung 


der  Mitbewegungen9)  bis  zu  deren  Fehlen  sowohl  bei  Willkürimpu ; 
wie  bei  Reflexen,  Bewegungsarmut  wie  mimische  und  gestikulatoriscl 
Starre,  Haltungsrigidität,  Bradybasie  und  -lalie  mit  konsekutivem  Fehle 
der  Abwehr-  und  Schutzbewegungen,  z.  B.  bei  plötzlicher  Verschiebui: 
des  Schwerpunktes  laufen  die  Kranken  ihrem  Schwerpunkt  nach  (Pro 
Retro-  und  Lateropulsion). 

4.  Durch  Tremor  und  Wackeln  oder  Drehbewegungen  in  Ruhelap: 
(statische  Ataxie).  Zu  ihrer  Erklärung  sei  das  Beispiel  des  Mult 
plikators  gebraucht:  dessen  Tertium  comparationis  ist  der  Ausschle 
auf  jede  feinste  Schwankung  im  geschlossenen  elektrischen  Stromkrei 
dem  hier  die  ungehemmten  Erregungen  im  spinalen  und  zerebellare 
Reflexbogen  entsprechen. 

Krankheitsbilder  sui  generis:  Die  Wilson. sehe  Krankheit,  d 
Pseudosklerose  trotz  ihres  nosologischen  Sonderbildes  mit  Hypotoni 
skandierender  Sprache  und  grobem  Wackeln,  besonders  auf  Grund  dt 
im  Prinzip  identischen  histologischen  Befundes  wie  bei  Wilsi 
(Spielmeyer)  und  die  Paralysis  agitans 10). 

II.  Spastisch -  athetotisches  Syndrom: 

1.  Spasmen,  die  wegen  ihres  unregelmässigen  und  paroxysmalen  B< 
fallenseins  von  Ergisten  und  Synergisten  als  Spasmus  mobilis  bi 
zeichnet  werden.  Sie  stehen  der  Kontraktur  näher  als  der  Rigor,  dessc 
wächserne  Biegsamkeit  sie  auch  nicht  besitzen11).  Aus  ihrer  Lokai 
sation  und  Ablaufsrichtung  resultieren  abnorme  Gliederstellungen,  d 
an  fötale  erinnern. 

2.  Athetose,  die  sich  sukzessive  aus  dem  Spasmus  mobilis  ergil: 
indem  verschiedene  Muskelgruppen  abwechselnd  betroffen  werden  vo 
Impuls  und  dessen  Lösung.  Die  langsam  ablaufenden  wurmförmigt 
Bewegungen  ähneln  denen  der  Säuglinge  und  sind  in  hohem.  Masse  al 
hängig  von  Erregungszuständen  in  anderen  Neuronensystemen  mei 
in  positivem  Sinne,  wenn  auch  maximale  heterogene  Momente  sistiercr 
zu  wirken  vermögen. 

3.  Lebhafte  emotionelle  Akte  mit  Neigung  zu  langem  Verharrei 
Zwangsweinen,  Zwangslachen,  Grimassieren,  umfangreiche  Mi 
bewegungen.  Wegen  der  gesteigerten  Reaktionsbereitschaft  ist  die  ai 
den  angeführten  theoretischen  Erwägungen  zu  erwartende  Hypoton 
und  Ueberdehnbarkeit  nur  selten  bei  der  Prüfung  durch  passive  B 
wegungen  zu  konstatieren. 

Krankheitsbilder  sui  generis  sind  Athetosis  duplex  (rein  idiopathisi 
oder  mit  Paraplegie  oder  mit  Epilepsie)  und  der  Torsionsspasmus,  d 
trotz  einmal  erhobenen  pathologischen  Befundes  wie  bei  Wilsi 
symptomatologisch  hierher  zu  rechnen  ist.  Unterschiede  zwischi 
beiden  bestehen  darin,  dass  die  Athetose  häufig  an  den  distalen  Glieder 
während  der  Torsionsspasmus  der  Hauptsache  nach  an  Rumpf  ui 
Kopf  lokalisiert  ist.  Symptomatisch:  Hemiathetosis  post  hemiplegiai 
bei  der  Enzephalitis  gern  mit  bulbärem  Sitz. 

III.  Choreatisches  Syndrom: 

Bei  ihm  kommen  die  postordinatorischen  Funktionen  des  striiin 
Systems  als  Ausfallserscheinung  am  klarsten  zum  Ausdruck,  weil  b 
dieser  Gruppe  vornehmlich  die  Aufeinanderfolge  der  einzelnen  B 
wegungen  gestört  ist.  Auf  Grund  unwillkürlicher  Innervierung  in  regt 
loser  Verteilung  auf  die  Ergisten  ohne  korrespondierenden  Impuls  ; 
die  Synergisten  kommt  es  zu  kurzen  Zuckungen  oder  zu  eigenartig'! 
Bewegungsfolgen,  die  entgleisten  Zielbewegungen  ähnlich  sehen,  ih 
Schnelligkeit  hängt  vom  Tonus  der  Muskeln  ab.  Hypertonus  geht: 
nicht  zum  Syndrom,  dagegen,  oft  Hypotonie  nach  Foerster  infols 
Miterkrankung  des  zerebellaren  Systems.  Während  die  Athetose  a 
Gliede  entlang  kriecht,  befällt  die  Chorea  ganz  entlegene.  Muskelgruppi 
bunt  durcheinander,  die  jedoch  statisch  zusammengehören.  Dabei  b 
steht  lebhafteste  reaktive  Bereitschaft  des  motorischen  Apparates,  i 
folge  mangelnder  Bremsung  (Hypotonie)  kommt  es  leicht  zu  ausfahrc 
den,  über  das  Ziel  schiessenden  Bewegungen. 

Als  selbständiges  Krankheitsbild  in  Form  der  Chorea  ininor  (S> 
deitham)  und  der  chronisch  progressiven  Chorea  (Unterform  Hui 
tington)  mit  stärkerer  psychischer  Beteiligung.  Symptomatis. 
als  Herdsymptom  und  bei  Intoxikationen. 

Allen  diesen  Gruppen  ist  als  negatives  Merkmal  das  Fehlen  v< 
Pyramidenzeichen  gemeinsam.  Ein  event.  positiver  Babinsky  ist  b 
sonst  vorhandenen  athetotischen  Bewegungen  vorsichtig  zu  bewerte 
da  durch  den  Sohlenreiz  eine  rudimentäre  athetotische  Dorsalflexij 
der  grossen  Zehe  ausgelöst  werden  kann.  Vogt  trennt  dieses  Pb 
nomen  deshalb  als  „Pseudobabinsky“  vom  echten  Hautreflex  ab.; 

Auf  die  Beziehungen  zu  den  katatonen  Bewegungsstörungen  s 
hier  nur  beiläufig  hingewiesen;  bei  ihnen  sind  ebenfalls  schwere  Vc 

änderungen  im  Pallidum  gefunden  worden  (Josephi.  ital.  Autorei 
_ _ _ _ 

9)  Diese  sind  iin  Gegensatz  dazu  bei  Py-Läsionen  besonders  typisef 
so  z.  B.  das  Flektieren  des  Vorderarms  und  Abduzieren  des  Oberarms  be 
Händegeben  der  Hemiplegiker,  dass  diese  dadurch  die  Prägung  des  st) 
..Feudalgrusses“  bekommt. 

10)  Ich  kann  es  nicht  unterdrücken,  selbst  auf  den  Vorwurf  hiin.  Her 
stratenruhm  zu  verbreiten,  einen  Herrn  Crocq  aus  Brüssel  hier  zu  zitier, 
der  die  Zunahme  der  Paralysis  agitans  in  Belgien  seit  dem  Kriege  a 
die  deutschen  Grausamkeiten  in  Loewen  und  anderen  belgischen  Orten  glau 
zurückführen  zu  müssen,  indem  er  als  ursächliches  Moment  die  Aufregung  d 
Bevölkerung  darüber  hinstellt.  Au  ridicule  il  n’ya  qu  ’un  pas. 

J1)  Hierher  gehört  die  W  e  s  t  p  h  a  1  sehe  paradoxe  Kontraktur,  die 
bei  Paralysis  agitans  beschrieben  hat  und  die  von  uns  bei  einem  Enzephalitik 
infolge  spastischer  Fixation  der  Fussstrecker  bei  Prüfung  des  Fussklonus  ai 
gelöst  werden  konnte. 


Februar  1922. 


U  Encephalitis  epidemica  hat  ihre  Prädilektionsstellen  mit  Vorliebe 
,  Zwischen-  und  Mittelhirn;  der  diffuse  Charakter  ihres  pathologisch- 
atornischen  Prozesses  führt  jedoch  infolge  der  häufigen  Komplikation 
«  Störungen  des  striären  mit  solchen  anderer  Systeme  zu  einer 
sserordentlichen  Vielgestaltigkeit,  die  nicht  geeignet  erscheint  zum 
udium  reiner  Typen  striärer  Erkrankungen.  Dass  sie  sämtliche  Re- 
ter  des  striären  Syndroms  in  allen  möglichen  Variationen  zu  ziehen 
rmag.  lässt  schon  die  umfängliche  Nomenklatur  erkennen:  E.  chorea- 
a,  athetotica,  amyostatica,  cum  rigore,  myoclonica  usw.  Auf  Grund 
s  relativ  häufigen  Auftretens  myoklonischer  Störungen  bei  Enze- 
alitis  scheint  die  Stert  z  sehe  Auffassung  sehr  an  Wahrscheinlich  - 
t  zu  gewinnen,  dass  die  Myoklonie  in  Verwandtschaftsbeziehungen 
n  striären  System  steht.  Geben  nicht  einmal  die  Prozesse,  die  eine 
r hebe  für  das  striäre  System  haben,  ohne  ganz  auf  dieses  beschränkt 
sein,  eindeutige  Krankheitsbilder,  so  kann  das  striäre  Syndrom  noch 
■1  weniger  bei  den  Prozessen  unverdeckt  in  Erscheinung  treten, 
bei  vornehmlich  anderweitiger  Lokalisation  auch  im  Zwischen- 
n  aüftreten  können,  wie  die  progressive  Paralyse  (Alzheimer), 
iltiple  Sklerose  (Zwangsweinen  und  -lachen!).  Präsenile  Gliose, 
ilepsie  (B  i  n  s  w  a  n  g  e  r  -  L  e  w  a  n  d  o  w  s  k  y). 

Hypothetisches  und  Tatsächliches  sind  in  der  Literatur  über  das 
fliegende  Ihema  noch  so  innig  verwoben,  dass  eine  erschöpfende 
tische  Würdigung  der  vielfach  differierenden  Ansichten  weit  über 
l  Rahmen  der  mir  von  der  Redaktion  dieser  Zeitschrift  gestellten 
fgabe  hinausgehen  würde.  Wenn  ich  trotz  dieser  aphoristischen 
;enntnis  der  Aufforderung,  einen  Ueberblick  zu  geben,  nachgekom- 
n  bin,  so  geschah  es,  weil  die  neugewonnenen  Erkenntnisse  und 
gestellten  Probleme  infolge  ihrer  Verquickung  mit  dem  aktuellen 
ema  der  Encephalitis  epidemica  sehr  schnell  das  allgemeine  Inter- 
e  auf  sich  gelenkt  haben.  Wenn  unsere  Kenntnisse  von  dem  Wesen 
extrapyramidalen  Bewegungsstörungen  noch  recht  lückenhaft  sind, 
können  wir  doch  nicht  ohne  Berechtigung  den  Satz  Edingers 
überholt  bezeichnen:  „dass  wir  weder  von  den  Funktionen  des  mäch- 
:n  Corp.  striat-  noch  von  den  Symptomen  etwas  wissen,  die  eintreten, 
nn  es  zerstört  oder  gereizt  wird“  und  nicht  ohne  einen  gewissen 
>lz  dürfen  wir  im  Bericht  F.  H.  Lewys  von  der  diesjährigen  Neu- 
jgentagung  in  Paris  lesen:  „Im  Ganzen  empfängt  man  den  Eindruck, 
s  dem  Referatthema  (Pa  r  k  i  n  s  o  n  scher  Symptomenkomplex)  ge- 
lüber  eine  gewisse  Ratlosigkeit  bestand.“  Um  den  dort  vermissten 
ssen  Gesichtspunkt  lassen  sich  die  Ansichten  unserer  Autoren  doch 
tz  mannigfacher  Meinungsverschiedenheit  in  den  Einzelheiten 
trieren;  der  führende  Gedanke  ist  aufzufinden  und  heisst 
-feinerung  der  funktionellen  Analyse  (Tonusproblem)  auf  Grund 
alogischer  und  histochemischer  Diagnostik  an  einem  kasu- 
sch  noch  wesentlich  zu  bereichernden  und  nach  den  ver- 
ierten  neurologischen  Anschauungen  über  Bewegungsstörun- 
beobachteten  klinischen  Material.  Als  Zeichen  eines  Fort¬ 
rittes  auf  diesem  Gebiete  möge  noch  der  Umstand  Erwähnung  fin- 
.  dass  bei  der  Durchsicht  der  älteren  Literatur  eine  ganze  Reihe 
1  Fällen  sich  nach  Massgabe  der  neugewonnenen  Erkenntnisse  und 
gestellungen  einer  retrospektiven  Revision  der  Diagnose  unterwer- 
und  in  das  Gebiet  des  extrapyramidalen  Symptomenkomplexes  ein¬ 
ten  lässt. 

Literatur. 

Berger:  Zur  Kenntnis  der  Athetose.  Jb.  f.  Psych.  1903.  — -  Biel- 
towsky  und  Freund:  Veränderungen  des  Striatums  bei  tuberkulöser 
trose.  Jb.  f.  Psych.  25.  —  Bielschowsky:  Einige  Bemerkungen 
normalen  und  'Pathologischen  Histologie  des  Schweif-  und  Linsenkernes. 

•  Psych.  25.  —  Bonnhöffer:  Ein  Beitrag  zur  Lokalisation  der  choreati- 
n  Bewegungen.  Msch.  f.  Psych.  1,  1897.  —  Derselbe:  Zur  Auffassung 
postmyelitischen  Bewegungsstörungen.  Mschr.  f.  Psych.  10,  1901.  — 
emme:  Ein  Beitrag  zur  Bindearmchorea.  Mschr.  f.  Psych.  1919.  — 
utsch:  Ein  Fall  von  Erweichung  im  Streifenhügel  und  im  Linsen- 
i.  Jb.  f.  Psych.  37,  1917.  —  v.  Econo  mo:  Wilsons  Krankheit 
das  Syndrom  des  Corpus  striat.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  1918.  —  Der¬ 
be:  Beitrag  zur  Kasuistik  und  Erklärung  der  posthempilegischen  Chorea. 
l.W.  1910,  ref.  Neurol.  Zbl.  1910.  —  v.  Economo  und  Schilder: 
der  Pseudosklerose  nahestehende  Erkrankung  im  Präsenium.  Zschr.  f.  d. 
Neurol.  55,  1920.  —  Fischer  O.:  Zur  Frage  der  anatomischen  Grund- 
n  der  Athetose  double  und  der  posthemiplegischen  Bewegungsstörungen 
haupt.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  7,  1911.  —  Förster  und  Lewy: 
dysis  agitans.  Lewandowskys  Hb.  d.  Neurol.  • —  O.  Foerster:  Die 
nosklerotische  Muskelstarre.  Allg.  Zschr.  f.  Psych.  1909.  —Derselbe: 
Physiologie  und  Pathologie  der  Koordination.  Jena  1902  bei  Fischer. 
Derselbe:  Studie  über  choreatische  Koordinationsstörungen  1904.  — 
-iff:  Zur  Lokalisation  der  Hemichorea.  Arch.  f.  Psych.  14.  —  Ger  st- 
nn  und  Schilder:  Studien  über  Bewegungsstörungen.  Zschr.  f.  d. 
Neurol.  1920  und  1921.  —  Gr  ü  stein:  Zur  Frage  der  Leitungsbahnen 
Corpus  Striatum.  Neurol.  Zbl.  1911,  30.  —  H  ä  n  e  1:  Zur  Klinik  der  extra- 
■midalen  Bewegungsstörungen.  Neurol.  Zbl.  1911,  30.  —  Lewandowski 
stadel  mann:  Chorea  apoplectica.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  12.  — 
aKob:  Der  amyostatische  Symptomenkomplex.  (P.  A.  Teil.)  Zbl.  f.  d. 
Neurol.  26.  Jelgersma:  Die  anatomischen  Veränderungen  bei  Par. 
•■ns  und  chron.  Chorea.  Vortragsref.  Neurol.  Zbl.  1908.  —  Kleist: 
usuchung  zur  Kenntnis  psychomotorischer  Bewegungsstörungen.  —  Der- 
1^1  ^ur  Auffassung  der  subkortikalen  Bewegungsstörungen.  Arch.  f. 

F.  H.  L  e  w  y:  Zur  path.  Anatomie  der  Pur.  agitans.  D.  Zschr. 
ervhlk.  50,  1914.  —  Derselbe:  Ref.  über  die  2.  Tagung  der  Neurol. 
zu  Paris  1921.  Zbl.  f.  >d.  ges.  Neurol.  1921.  —  Mingazzini: 
Linsenkernsyndrom.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  1911.  —  Derselbe: 
Parkinson-ähnliches  Bild.  Arch.  f.  Psych.  55.  —  Monakow: 
nnpathologie.  1905.  —  Oppenheim  und  C.  Vogt:  Wesen  und 
insanon  der  kong.  und  infektiösen  Pseudobulbärparalyse.  J.  f.  N.  u.  Ps. 
v  Pollack:  Der  amyostatische  Symptomenkomplex.  (Anatom. 

'  Vortrag  XI.  Jahresvers.  d.  Neurol.  in  Braunschweig.  Zbl.  f.  d.  ges. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


243 


Neurol.  26.  —  Rot  mann:  Nemonstr.  Z.  d.  Zwangsbeweg,  d.  Kinderalters. 
Neurol.  Zlb.  1915.  —  Schilder:  Ueber  Chorea  und  Athetose.  Zschr.  f. 
d.  ges.  Neurol.  7.  —  H.  Spatz:  Zur  Anatomie  der  Zentren  des  Streifen- 
hügels.  M.m.W.  1921  Nr.  45.  —  E.  Spiegel:  Die  zentrale  Lokalisation 
autonomer  Funktionen.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  21,  1920.  —  W.  Spiel- 
m  e  y  e  r:  Die  histologische  Zusammengehörigkeit  der  Wilson  sehen  Krank¬ 
heit  und  Pseudosklerose.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  39,  1918.  —  v.  Stauf¬ 
fenburg:  Zur  Kenntnis  des  extrapyram.  motor.  Systems.  Zschr.  f.  d.  ges. 
Neurol.  39,  1918.  —  Steck:  Zur  pathol.  Anatomie  der  echten  pos’thäm 
Athetose.  Schweiz.  Arch.  f.  Neurol.  8.  —  Stertz:  Der  extrapyramidale 
Symptomenkomplex.  Abh.  d.  Mschr.  f.  Neurol.  11,  1921.  —  v.  Strümpell: 
Zur  Kenntnis  der  sog.  Pseudosklerose  der  Wilson  sehen  Krankheit  und 
verwandter  Zustände.  D.  Zschr.  f.  Ncrvhlkd.  54,  1916.  —  Derselbe:  Die 
myostatischen  Innervationen  und  ihre  Störungen.  Neurol.  Zbl.  1920.  — 
F.  v.  Thomalla:  Erster  Versuch  einer  Einteilung  striärer  Motilitäts¬ 
störungen.  Jb.  f.  Neurol.  41,  1918.  —  C.  und  O.  Vogt:  Erster  Versuch  einer 
Einteilung  striärer  Motilitätsstörungen.  J.  f.  Neurol.  1918.  —  Dieselben: 
Zur  Kenntnis  der  pathologischen  Veränderungen  des  Striatum  usw.  Sitz  -Ber 
d.  Heidelberger  Akademie  der  Wissenschaften  1914,  14.  Abh.  —  Diesel  b  e  n: 
Zur  Lehre  der  Erkrankungen  des  striären  Systems.  J.  f.  N.  u.  Ps.  1920,  25  — 
Westphal:  Ueber  doppelseitige  Athetose.  -  Arch.  f.  Psych.  60,  1919.  — 
Wilson:  Progressive  Degeneration  des  Linsenkerns.  1912.  Lewan¬ 
dowskys  Hb.  5. 

i  AI.tikel  der  Enzephalitisliteratur,  die  Bezug  haben  zu  dem  hier  be- 

handelten  Thema  sind  zum  Teil  in  dem  Uebersichtsreferat  des  Verfassers 
(Zbl.  f.  d.  ges.  Neurol.  25)  angeführt. 

Während  der  Drucklegung  erschienen: 

>07.  m  C0assir®r:  Halsmuskelkrämpfe  und  Torsionsspasmus.  Klin.  Wschr. 
19-1  Nr.  O.  Foerster:  Zur  Analyse  und  Pathophysiologie  der  striären 
Bewegungsstörungen.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  1921,  73. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Pathologische  Physiologie.  Ein  Lehrbuch  für  Studierende  und 
Aerzte.  I.  Abteilung:  Die  Funktionsstörungen  des  Herzens,  der 
Gcfässe  und  des  Blutes  von  Dr.  H.  E.  H  e  r  i  n  g,  o.  Professor  der  Patho¬ 
logischen  Physiologie  in  Köln  a/Rh.  Verlag  von  Georg  T  h  i  e  m  e. 
Leipzig  1921.  120  Seiten.  Preis  geheftet  19.50  M. 

Durch  das  Schreiben  einer  pathologischen  Physiologie  hat  Verf. 
einer  Verpflichtung  nachkornmen  wollen,  die  er  als  einziger  ordentlicher 
Vertreter  des  Fachs  in  Deutschland  den  Studenten  gegenüber  in  sich 
gefühlt  hat.  Das  Buch  ist  aus  Vorlesungen  hervorgegangen  und  enthält 
das  Wesentliche  der  pathologischen  Physiologie  vom  allgemeinen  patho¬ 
logisch-physiologischen  Standpunkt.  Die  Kapitel,  die  den  Inhalt  der 
vorliegenden  ersten  Abteilung  bilden,  sind  im  Untertitel  angeführt. 
Die  Darstellung  des  für  einen  nicht  dauernd  in  pathologisch-physiologi¬ 
schen  Gedankengängen  Arbeitenden  schweren  und  auch  spröden  Stoffs  ist 
trotz  einer  im  allgemeinen  knapp  zusammengefassten  und  ausgesprochen 
persönlichen  Schreibweise  klar  und  verständlich.  Besonders  wertvoll 
und  nach  Fassung  und  Inhalt  gelungen  scheinen  dem  Referenten  die 
Ausführungen  über  die  Funktionsstörungen  des  Herzens.  Das  Buch 
ist  ohne  Autorennamen,  Zitate  und  Abbildungen  geschrieben.  In  der 
nächsten  Auflage  will  Verfasser  das  nachholen,  wenn  es  allgemein 
gewünscht  wird.  Referent  möchte  einem  derartigen  Wunsche  Ausdruck 
geben.  Das  Buch  würde  durch  Literaturangaben  an  Gebrauchsfähigkeit 
als  Nachschlagebuch  beim  Studium  pathologisch-physiologischer  Fragen 
gewinnen.  Schmincke  -  Graz. 

Prof.  Dr.  Franz  Rost:  Pathologische  Physiologie  des  Chirurgen 

(Experimentelle  Chirurgie).  Ein  Lehrbuch  für  Studierende  und  Aerzte. 
Zweite  vermehrte  und  umgearbeitete  Auflage.  Leipzig,  F.  C  W 
Vogel,  1921. 

Schon  nach  einem  Jahre  liegt  das  gediegene  Buch  in  neuer  Auf¬ 
lage  vor.  Daraus  ergibt  sich,  dass  das  Werk  nicht  nur  einem  Bedürfnis 
entsprach,  sondern  dieses  Bedürfnis  auch  erfüllt  hat.  Es  wird  ihm 
daher  auch  im  Ausland  wohl  derselbe  Erfolg  beschieden  sein,  den  es  im 
Inland  schon  gefunden  hat.  Zu  der  auch  von  anderer  Seite  angeregten 
Erweiterung  des  Inhalts  nach  der  experimentellen  Richtung  hin,  hat  sich 
VerL  nicht  entschlossen  können.  Durch  Kürzungen  in  einzelnen  Ab¬ 
schnitten  war  es  möglich,  ohne  wesentliche  Vermehrung  des  Umfanges 
die  neuesten  Forschungsergebnisse  unterzubringen.  In  dem  Rahmen 
den  sich  Verf.  gesteckt  hat,  wird  man  über  jede  Frage,  für  die  man 
sich  interessiert,  geradezu  mustergütige  Aufklärung  finden.  Die  sicheren 
Bestände  unseres  heutigen  Wissens  treten  klar  hervor,  aber  auch  das 
kommt  unverhüllt  zum  Vorschein,  was  unsicher  ist  und  wo  Lücken 
bestehen.  So  bildet  das  Buch  besonders  für  den  wissenschaftlich  orien¬ 
tierten  Arzt  eine  Fundgrube  von  Fragestellungen  und  Problemen, 
deren  Weiterbearbeitung  wertvoll  und  dankbar  ist.  —  Nicht  hinreichend 
begi  ündet  erscheint  auch  in  der  neuen  Auflage  die  Zirbeldrüse  und 
Hypophyse  als  Anhang  des  Abschnittes  über  die  männlichen  Genita¬ 
lien.  Die  beiden  Organe  haben  doch  Beziehungen  zu  den  Keimdrüsen 
überhaupt  —  auch  zu  den  weiblichen  —  und  würden  besser  ihren  Platz 
beim  Abschnitt  Gehirn  und  Rückenmark  haben. 

K  r  e  u  t  e  r  -  Erlangen. 

H.  Tiedje:  Die  Unterbindung  am  Hoden  und  die  „Pubertäts¬ 
drusenlehre“  Jena,  Gustav  Fischer,  1921.  Preis  10  M. 

T.  unt  sucht  an  29  Meerschweinchen  verschiedenen  Alters 
systemat’  »  den  Einfluss  der  Unterbindung  am  Hoden  auf  die  histo¬ 
logische  ruktur  der  Keimdrüse  und  kommt  dabei  zu  dem  Ergebnis,  dass 
sich  be  einseitiger  Vas  deferens-Unterbindung  und  anderseitiger 
Kastration  der  jugendliche  Hoden  normal  weiter  entwickelt,  während 


244 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


der  geschlechtsreife  zunächst  degeneriert  und  später  wieder  völlig 
regeneriert.  Beiderseitige  Unterbindung  führt  zu  ähnlichem  Resultat. 
Isolierte  einseitige  Unterbindung  veranlasst  völlige  Inaktivitätsatrophie 
des  unterbundenen  und  kompensatorische  Hypertrophie  des  anderen 
Hodens.  Erhaltenbleiben  und  Grad  der  Ausprägung  der  sekundären 
Geschlechtsmerkmale  hängt  von  dem  spermatogen  en  Anteil  des 
Hodens  ab,  während  die  Zwischenzellen  nur  als  Stoff  wechseiapparat 
anzusehen  sind.  Die  Steinach  sehe  „Pubertätsdrüsenlehre  wird  auf 
Grund  der  Versuche  mit  Recht  abgelehnt.  B.  R  o  m  e  i  s  -  München. 


Priv.-Doz.  Dr.  J.  Bauer:  Vorlesungen  über  allgemeine  Konsti¬ 
tutions-  und  Vererbungslehre.  186  S.  Berlin  1921.  Springer. 

36  M.  ,  D  .  . 

Verf  hat  sich  mit  anerkennenswerter  Elastizität  die  Ergebnisse  der 
modernen  Erblichkeitsforschung  weitgehend  zu  eigen  gemacht,  was 
in  der  2.  Auflage  seines  grossen  Werkes  über  „die  konstitutionelle  Dis- 
Position  zu  inneren  Krankheiten“  noch  nicht  in  diesem  Grade  der  rall 
war.  In  seinen  biologischen  Vorstellungen  hat  Bauer  nunmehr  die 
Autorität  Tandlers  innerlich  ziemlich  überwunden,  wenn  er  auch 
äusserlich  noch  an  dessen  Worten  festhält.  Die  „Konstitution  wird 
zwar  noch  allgemein  „als  Ausdruck  sämtlicher  in  der  Erbmasse  eines 
Individuums  enthaltenen  Anlagen  definiert",  die  einzelnen  „Konstitu¬ 
tionen“  werden  aber  auf  S.  124  ff.  nicht  nach  den  zugrunde  liegenden' 
Erbanlagen,  sondern  vielmehr  morphologisch  und  funktionell  charak¬ 
terisiert,  was  in  der  Tat  rp.  E.  praktisch  am  zweckmässigsten  ist. 
Dass  Bauer  auch  die  Tandler  sehe  Terminologie  noch  einmal 
aufgeben  werde,  wird  man  wohl  kaum  hoffen  dürfen,  nachdem  er  sich 
einmal  mit  so  viel  äusserem  Erfolge  darauf  festgelegt  hat.  Jedenfalls 
aber  darf  man  sich  freuen,  dass  er  die  T  a  n  d  1  e  r  sehe  Lehre,,  dass  die 
„Kondition“  der  gegenwärtigen  Generation  zur  „Konstitution  der 
künftigen  werde,  dass  also  „Individualhygiene  selbsttätig  zur  Rassen¬ 
hygiene  werde“,  ablehnt  und  ihr  den  Satz  entgegensetzt:  „Volkshygiene 
ist  keine  Rassenhygiene“.  Manchen  Einzelheiten  der  rassenbiologischen 
Ausführungen  des  letzten  Kapitels  vermag  ich  freilich  nicht  zu¬ 
zustimmen;  doch  hoffe  ich,  dass  das  in  der  nächsten  Auflage  schon  viel 
weitgehender  möglich  sein  wird.  Für  sehr  berechtigt  halte  ich 
Bauers  Zweifel  an  der  heute  verbreiteten  Meinung,  dass  die  Folgen 
.  der  Keimschädigung  in  der  Regel  die  eigentliche  Erbmasse  unbeeinflusst 
lassen,  obwohl  anderseits  Bauers  Ansicht,  dass  sie  in  jedem  Falle 
„Veränderungen  der  Konstitution“  (in  seinem  Sinne)  bedeuten,  viel¬ 
leicht  auch  zu  weit  gehen  mag.  „ 

Die  „Vorlesungen“  Bauers  werden  neben  der  „Einführung  von 
S  i  e  in  e  n  s,  die  gegenüber  der  vorliegenden  Auflage  noch  eine  grössere 
Klarheit  der  Begriffe  voraus  hat,  mit  Recht  ihren  Platz  behaupten. 

Lenz-  München. 


Dr.  G.  P.  Frets:  Heredity  of  Headiorm  in  Man.  193  S.  mit 

16  Tafeln  und  9  Diagrammen.  Haag  1921.  Nijhoff.  12  Gulden. 

Ein  in  Buchform  erschienener  Sonderdruck  aus  der  holländischen 
Erblichkeitszeitschrift  „Genetica“.  Die  Arbeit  ist,  soviel  ich  sehe,  die 
solideste,  welche  bisher  über  die  Erblichkeit  der  Kopfform  erschienen 
ist.  Die  Klarstellung  der  Erblichkeit  ist  aber  eigentlich  die  unerläss¬ 
lichste  Voraussetzung  der  Verwendung  der  Kopfform  als  Rassenmerkmal. 
Ueberhaupt  hat  die  Anthropologie  der  Zukunft  m.  E.  die  Wissenschaft 
von  den  erblichen  Unterschieden  der  Menschen  zu  sein;  und  dafür  be¬ 
deutet  die  Arbeit  von  Frets  einen  grundlegenden  Beitrag,  den  auch 
kein  Konstitutions-  und  Erblichkeitsforscher  wird  unbeachtet  lassen 

dürfen. .  , 

Frets  hat  an  3600  Mitgliedern  von  360  Familien  festgestellt,  dass 
die  Kopfform  in  erster  Linie  durch  die  Erbanlagen  bestimmt  wird,  dass 
daneben  allerdings  auch  äussere  Einflüsse  bei  ihrer  Ausgestaltung  mit¬ 
spielen.  Die  meisten  Erbanlagen,  welche  Brachykephalie  bedingen, 
scheinen  sich  mehr  oder  weniger  dominant  zu  verhalten,  doch  wurde 
auch  intermediäres  Verhalten  beobachtet;  mikrobrachykephale  Formen 
scheinen  sich  rezessiv  zu  verhalten.  In  Frets’  Material  wurden  die 
brachykephalen  Köpfe  im  Durchschnitt  ein  wenig  kleiner  als  die  dolicho- 
kephalen  befunden;  das  ist  besonders  deshalb  bemerkenswert,  weil  auf 
Grund  ungenügender  mathematisch-deduktiver  Ueberlegungen  öfters  das 
Gegenteil  behauptet  worden  ist  Lenz-  München. 


Theodor  Brugsch  und  Alfred  Sch  ittenhelm:  Lehrbuch  kli¬ 
nischer  Diagnostik  und  Untersuchungsmethodik  für  Studierende,  Medi¬ 
zinalpraktikanten  und  Aerzte.  5.,  vermehrte  und  verbesserte  Auflage. 
Urban  &.  Schwarzenberg,  Berlin-Wien,  1921.  968  Seiten 

gross  8°  mit  418  teils  farbigen  Textabbildungen  und  14  teils  farbigen 
Tafeln.  156  M.  ungeb. 

Die  neue  Auflage  des  reichhaltigen  Buches,  die  nach  3  Jahren  notig 
geworden  ist,  bringt  eine  Vermehrung  des  Umfanges  um  68  Seiten,  der 
Textabbildungen  um  30  und  zwei  neue  Tafeln.  Der  Titel  ist  geändert, 
es  heisst  nicht  mehr:  Lehrbuch  der  Untersuchungsmethoden,  sondern 
1  ehrbuch  der  klinischen  Diagnostik  und  Untersuchungsmethodik.  Es 
soll  damit  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  dass  das  Buch  mehr  enthält 
als  eine  Aufzählung  der  verschiedenen  Untersuchungsmethoden,  es  will 
eine  zusammenfasssende  Uebersicht  der  gesamten  internen  diagnosti¬ 
schen  Wissenschaft  sein.  Das  Anrecht  auf  diesen  Titel  ist  ein  wohl¬ 
begründetes,  gerade  die  Abschnitte,  die  über  den  Rahmen  der  tech¬ 
nischen  Dinge  hinausgehen,  sind  sehr  gelungen.  Von  Grund  auf  um¬ 
gearbeitet  ist  das  Kapitel  Untersuchungsmethoden  am  Zirkulations¬ 
apparat,  die  Herzschallregistrierung  ist  aufgenommen,  die  in  der  vorigen 
Auflage  noch  sehr  kursorisch  behandelte  Elektrokardiographie  nun  in 
Breite  dargestellt  Das  Röntgenkapitel  ist  stark  erweitert,  das  Pneumo¬ 


peritoneum  sehr  berücksichtigt.'  Bei  der  Lehre  von  dem  Ikterus  sind  d 
an  Hy  mans  van  den  B  e  r  g h  anknüpfenden  Erkenntnisse  berüc 
sichtigt.  In  der  Tuberkulosefrage  wird  der  Asch  off  sehe  Standpun 
vertreten.  Von  den  neuen,  so  wertvollen  Mikromethoden  ist  die  B 
Stimmung  von  Reststickstoff,  Harnstoff  und  Zucker  im  Blute  ai 
genommen.  Von  wichtigeren  Methoden,  die  noch  in  den  Rahmen  dies 
Buches  gehörten,  wird  nur  die  Ammoniakbestimmung  vermisst.  D 
Buch  ist  ein  zuverlässiger,  auf  der  Höhe  der  Zeit  stehender  Ratgeb 
und  wird  eine  interessante  Lektüre  sein  für  alle,  die  sich  neu  ei 
arbeiten  oder  über  den  gegenwärtigen  Stand  der  Dinge  wieder  einn 
unterrichten  wollen.  Kerschenstein  et. 


Göppert  und  Langstein:  Prophylaxe  und  Therapie  der  Ki 

derkrankheiten  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Ernährung,  Pfle; 
und  Erziehung  des  gesunden  und  kranken  Kindes  nebst  therapeutisch 
Technik.  Arzneimittellehre  und  Heilstättenverzeichnis.  37  Abb.  607 
Jul.  Springers  Verlag,  Berlin,  1920. 

Das  Buch  stellt  eine  pädiatrische  Behandlungslehre  im  besten  bini 
des  Wortes  dar;  denn  einerseits  baut  es  ganz  auf  der  herrschend' 
Lehrmeinung  auf,  anderseits  ist  es  ganz  aus  der  Praxis  für  die  Präs 
geschrieben.  So  kommt  es  auch,  dass  gewisse  Abschnitte:  Nervosit; 
Appetitlosigkeit,  Kaufaulheit,  Erziehungsgrundsätze.  Schlaf,  Somrm 
ferien,  Badekuren,  schlechte  Körperhaltung,  Gymnastik  u.  dgl.,  Trage 
die  dem  Kinderarzt  in  der  Sprechstunde  leider  täglich  in  erbarmunH 
loser  Eintönigkeit  immer  wieder  begegnen,  besonders  ausführlich  bl 
handelt  werden.  In  diesem  Sinne  füllt  es  auch  tatsächlich  eine  Lüc 
aus,  denn  gerade  über  diese  Dinge,  wird  der  Suchende  in  Lehrbüche 
fast  gar  nicht  orientiert.  Auch  in  bezug  auf  die  Wahl  der  einzeln  . 
Behandlungsmethoden  befindet  sich  Ref.  mit  den  Verfassern  in  eifrea 
liebster  Uebereinstimmung.  Es  ist  zu  hoffen,  dass  der  Anfangsnahru 
(Dnttelmilch)  in  der  nächsten  Auflage  etwas  mehr  Milch  zugefügt  wir 
auch  als  Zwiemilchnahrung  halte  ich  diese  Verdünnung  sowohl  a 
praktischen  als  auch  aus  theoretischen  Gründen  für  hervorragend  n 
geeignet.  Bei  der  Asthmabehandlung  vermisse  ich  das  Adrenalin,  bej 
Erysipel  die  Höhensonne.  Heisse  Bäder  zur  Gonorrhöebehandlung  sit 
in.  E.  als  lebensbedrohend  abzulehnen.  Morofl 


Otto  Voss  und  Gustav  Killian:  Gehörorgan,  obere  Luft- 

Speisewege.  Im  Handbuch  der  ärztlichen  Erfahrungen  im  Weltknej 
1914/18  von  Otto  v.  Schier ning.  Leipzig  1921,  Johann  Ambril 
Barth.  Preis  90  M.  ,  , 

Im  otologischen  Teil  werden  ausser  den  Verletzungen  auch  J 
Erkrankungen  des  Gehörorgans  beschrieben,  während  der  rhinologiscs 
und  laryngologische  Teil  nur  die  Verletzungen  der  oberen  Luft-  ul 

Speisewege  umfasst.  '  ».  j 

Voss  hat  die  Schuss-  und  Stichverletzungen  des  inneren  Ohr 
die  Schussverletzungen  des  Hörnerven  und  der  zentralen  Hör-  ul 
Gleichgewichtsbahnen  und  der  zentralen  Nachbargebiete  des  Ohrg 
sowie  die  Verletzungen  des  inneren  Ohres  und  der  Zentralorgane  duii 
stumpfe  Gewalt  übernommen.  Er  bringt  interessante  Ejnzi 
heiten,  u.  a.  auch  histologische  Beschreibung  von  Felsenbeinen,  die  t 
Symptome  der  Labyrintherschütterung  darboten,  aber  Fissuren  ( 
inneren  Ohres  aufwiesen.  Voss  plädiert  überzeugend  dafür,  dass  - 
Schädelbasis-Chirurgie  nicht  den  Allgemeinchirurgen,  sondern  den  0| 
Laryngologen  gehört,  die  die  anatomischen  Verhältnisse  des  Ohres  u 

der'Nase  besser  kennen.  '  ..I 

Killian  hat  die  Verletzungen  des  Kehlkopfes  und  der  LuftroB 
für  sich  behalten.  Es  dürfte  die  letzte  Arbeit  des  zu  früh  verstorberl 
Führers  der  Laryngologie  sein.  Sie  ist  mit  gewohnter  Genauigkeit  ifl 
Klarheit  geschrieben,  so  dass  ihre  Lektüre  dem  Leser  direkt  zum  CS 
nuss  wird.  Er  betont  mit  Recht,  dass  unser  diagnostisches  Könnfl 
um  dessen  Ausbau  er  und  seine  Schule  sich  besonders  verdient  £ 
macht  haben,  heutzutage  weit  reicht,  um  den  einzelnen  Fall  ganz  kl 
zulegen.  Bei  Behandlung  der  Stenosen  ging  er  meist  chirurgisch 
während  er  die  Dilatationskuren  kaum  anwandte.  Das  Kapitel  ul 
die  Lappenbildung  bei  Laryngostoma  sollte  jeder  Laryngologe  gelefi 

haben.  ,  , .  . ,  1 

Die  übrigen  Kapitel  sind  an  Mitarbeiter  verteilt,  die  geschickt  a< 
gewählt  sind.  Auf  diese  Weise  ist  die  ganze,  fast  unübersehbare  Kat 
stik  zu  einem  klaren  Gesamtbild  verarbeitet.  Nur  Gutzmann  beschräl 
sich  fast  nur  auf  eigene  Erfahrungen,  aber  sicherlich  nicht  zum  Nach?! 
der  Sache,  da  er  über  ein  grosses  Material  verfügt  und  im  Kriege  |S 
einziger  Spracharzt  auch  eine  klinische  Abteilung  geleitet  hat,  in  ft 
er  einen  besonderen  Wert  auf  die  eingehende  Beantwortung  genau 
Fragebögen  gelegt  hat.  ■ 

Das  Handbuch  zeigt,  dass  unsere  Friedenskenntnisse  durch  j 
Krieg  in  mancher  Beziehung  erweitert  und  geklärt  worden  sind, 
nenne  nur  die  Lehre  von  der  Perichondritis  der  Kehlkopfknot; 
(Killian),  von  den  Stirnhirnabszessen  (W  e  i  n  g  ä  r  t  n  e  r),  Med 
stinitis  (Kahler)  und  Lähmung  des  N.  vagus,  Ramus  ext.  B 
N.  laryng.  sup.,  sowie  den  Einfluss  der  einseitigen  Rindenläsion  auf  :< 
Glottisschliesser  (N  e  u  m  a  y  e  r). 

Die  Kapitel  der  einzelnen  Mitarbeiter  lauten:  Fl  ei  schmal 
die  Verletzungen  des  äusseren  und  des  mittleren  Ohres,  Oertel,'^ 
Schädigungen  des  Gehörorgans  durch  Explosion  und  SchalleinuüS 
G  r  a  h  e  und  S  e  1  i  g  m  a  n  n,  Erkrankungen  des  Gehörorgans  infej' 
von  Kriegsseuchen  und  unabhängig  von  ihnen,  z.  B.  durch  Kampfgas,  ! 
aber  im  Ohr  und  Gleichgewichtsorgan  keine  besonderen  Störungen  r 
vorgerufen  hat.  v.  Eicken,  funktionelle  Schädigungen  des  Gel 
Organs  durch  Kriegseinflüsse,  wobei  die  B  e  r  t  h  o  1  d  sehe  Methode 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


245 


ilung  der  funktionellen  Taubheit  gelobt  wird.  St  enger.  Aggra- 
tion  und  Simulation  von  Gehörleiden  bei  Feldzugsteilnehmern, 
hese,  die  wechselseitigen  Beziehungen  von  alten  Ohrenleiden  und 
iegsschädigungen  des  Gehörorgans.  Kahle  r,  die  Kriegsverletzungen 
r  Nasenhaupthöhlen.  Rieh.  H  o  f  f  m  a  n  n,  die  Verletzungen  der  Kiefer- 
hlen.  Weingärtner,  Stirnhöhle,  Siebbein  und  Keilbeinhöhle. 
.  betont  mit  Recht,  dass  die  Durchschüsse  durch  die  oberen  Neben- 
hlen  zugleich  Schädelbasistamgentialschüsse  sind,  und  dass  deshalb 
»glichst  frühzeitig  eine  gründliche  Wundrevision  nötig  ist.  Von  seinen 
gebnissen  sind  noch  folgende  von  Interesse.  Die  Luft  in  den  nor¬ 
den  Nebenhöhlen  wirkt  als  „Stosskissen“.  Bei  Schussverletzungen 
r  Nebenhöhlenschleimhaut  sieht  man  immer  entzündliches  Oedem  der 
hleimhaut.  Fraktur  der  Lamina  cribrosa  allein  durch  Luftdruck.  War- 
ng  vor  Spülungen  und  vor  zu  frühzeitigen  plastischen  Operationen, 
f.  hat  ebenfalls  durch  zu  frühzeitige  plastische  Operationen  seitens 
les  auswärtigen  Kollegen  einen  glücklich  geheilten  traumatischen 
hläfenlappenabszess  verloren.  Otto  Kahler,  die  Schussverletzungen 
s  Rachens  und  der  Speiseröhre.  Neumayer,  die  Verletzungen  der 
;  oberen  Luft-  und  Speisewege  versorgenden  Nerven.  Und  schliess- 
h  üutzmann,  Stimm-  und  Sprachstörungen  bei  Kriegsverletzten, 
wendet  sich  dagegen,  dass  die  Stimmkrarken  von  den  Neurologen 
handelt  werden,  und  mit  Recht  besonders  gegen  die  Anwendung  des 
rrors  und  Dolors,  wie  überhaupt  sein  humaner  Standpunkt  sehr  wohl- 
:nd  wirkt:  „Der  Kranke  steht  immer  in  erster  Linie,  nicht  die  Wissen- 
laft.“  Er  scheut  sich  nicht,  wenn  ein  Fachkollege  suggestibler  wirkt 
;  er  (Barth),  ihm  den  Kranken  zur  Behandlung  zu  überweisen. 
Wenn  aus  einzelnen  Kapiteln  vom  Inhalt  nichts  erwähnt  wird, 
begründet  sich  das  durch  den  Mangel  an  Raum,  der  dem  Refer.  zur 
:rfügung  steht,  und  liegt  zum  Teil  auch  am  Stoff,  aber  durchaus  nicht 
der  Bearbeitung  desselben;  im  Gegenteil  soll  besonders  betont  wer- 
n,  dass  die  einzelnen  Kapitel  trotz  der  grossen  Zahl  der  Mitarbeiter 
erraschend  gleichmässig  ausgefallen  sind,  was  wohl  dem  Einfluss 
n  V  o  s  s  und  K  i  1 1  i  a  n  zugeschrieben  werden  muss. 

Die  Beigabe  eines  Sachregisters  wird  das  Nachschlagen  sehr  er- 
chtern. 

Das  Handbuch  ist  ein  würdiges  Denkmal  für  unsere  verwundeten 
d  gefallenen  Helden.  Das  feindliche  Ausland,  das  unsere  Wissenschaft 
mer  noch  boykottiert  —  nächster  internationaler  Otologenkongress 
Paris,  nicht,  wie  vor  dem  Kriege  beschlossen,  in  Deutschland!  — . 
soll  uns  ein  derartiges  Werk  einmal  nachmachen! 

Scheibe-  Erlangen. 

Fundamente  zur  Diagnostik  der  Verdauungskrankheiten.  Dia- 
ostische  Studien,  bearbeitet  für  Studierende  und  praktische  Aerzte 
m  Dr.  F.  X.  M  a  y  r.  Facharzt  für  Verdauungs-  und  Stoffwechselkrank- 
iten  in  Karlsbad.  Mit  67  Abbildungen  auf  26  Tafeln,  332  Seiten, 
ien  und  Leipzig.  Universitäts-Verlagsbuchhandlung  Wiihelm  Brau- 
ii  1 1  e  r,  1921.  Preis  48  M. 

Dass  die  Diagnostik  der  Verdauungskrankheiten,  trotz  aller  Fort- 
hritte  in  der  Physiologie  und  Pathologie  des  Verdauungsapparates, 
äichwohl  noch  immer  eines  sicheren  Fundamentes  entbehrt,  wer  ver¬ 
achte  es  zu  leugnen?  So  ist  denn  ein  Werk  wie  das  vorliegende 
fs  wärmste  zu  begrüssen,  nur  schade,  dass  der  Verfasser  durch  die 
hinter  allzugrosse  Weitschweifigkeit  und  unnötigen  Wiederholungen 
:h  stellenweise  selbst  um  den  Erfolg  seiner  Ausführungen  bringt.  Dem 
sten  Teil  über  die  normalen  Verhältnisse  des  Abdomens  folgt  im 
Abschnitt  die  Beantwortung  der  Frage,  wie  und  wodurch  sich  die  auf- 
ligsten  Symptome  der  Verdauungsstörungen  im  und  am  Abdomen 
d  weiterhin  im  übrigen  Körper  entwickeln.  Dem  schliesst  sich  als  für 
n  Praktiker  zweifellos  wertvollster  der  dritte  Teil  an  mit  seinen 
isführungen,  wie  man  ohne  Anamnese  und  ohne  chemische  und  instru- 
entelle  Hilfsmittel,  nur  mit  den  unbewaffneten  fünf  Sinnen  sich  ein 
[»glichst  zutreffendes  Bild  vom  Zustand  und  der  Funktion  der  ein- 
Inen  Abschnitte  des  Verdauungsapparates  verschaffen  kann.  Dieser 
tztere  Abschnitt,  wenn  er  auch  nicht  in  allem  unwidersprochen 
eiben  wird  und  wohl  manche  Kontroverse  zeitigen  dürfte,  bietet  ohne 
veifel  so  viel  des  Neuen  und  Wissenswerten,  dass  schon  um  des¬ 
sen  dem  Buche  weiteste  Verbreitung  zu  wünschen  ist.  Die  dem 
erke  beigegebenen  zahlreichen  Abbildungen  sind  durchwegs  äusserst 
struktiv,  wenn  ich  mich  auch  nicht  allen  Schlussfolgerungen  be- 
ngungslos  anzuschliessen  vermag,  und  beim  Betrachten  eines  so  herr- 
hen  Kunstwerkes  wie  der  Venus  von  Milo  oder  einer  Venus  von 
ndos  mich  schliesslich  doch  andere  Gedanken  beseelen,  als  dass  es 
-h  hier  um  einen  Kotgasbauch  oder  eine  hochgradige  Atonie  der  Ge- 
irme  handelt.  Trotz  dieser,  in  einer  folgenden  Auflage  ja  nicht  un- 
iiwer  zu  behebenden  Ausstellungen,  möchte  ich  vorliegendes  Werk 
Ir  aufs  Angelegentlichste  empfehlen,  verspreche  ich  mir  doch  reichen 
swinn  davon,  wenn  wir  Aerzte  unabhängiger  werden  von  den  vielen 
ethischen  und  instrumenteilen  Hilfsmitteln  und  am  Krankenbette 
ieder  besser  sehen  lernen,  sowohl  zum  besten  unserer  Kranken,  als 
ich  im  wohlverstandenen  eigenen  Interesse,  im  Hinblick  auf  so 
anchen  in  der  Kunst  des  Sehens  besser  bewanderten  Pfuscher  und 
eilbeflissenen.  A.  Jordan-  München. 

Arthur  Grurabach:  Das  Handskelett  im  Lichte  der  Röntgen¬ 
rahlen.  Mit  11  Textabbildungen  und  15  Tafeln.  1921.  Wien  und 
'ipzig.  Braumüller. 

Das  mit  einem  Literaturverzeichnis  von  715  Nummern  versehene, 
>0  Seiten  umfassende  Büchlein  will  die  fast  unübersehbare  Literatur 
s  im  Titel  genannten  Gebietes  wieder  einmal  kurz  zusammenstellen 


und  kritisch  sichten.  Die  ersten  beiden  Teile  behandeln  die  akzessori¬ 
schen  Handwurzelknochen  und  sind  für  den  forschenden  und  praktischen 
Röntgenologen  wertvoll.  Teil  3  gibt  eine  neue  Erklärung  für  die  Per¬ 
sistenz  der  Sesambeine,  während  im  4.  Teil  die  Ossifikationsverhältnisse 
des  Handwurzelskelettes  gebracht  werden.  —  Die  Arbeit  zeugt  von 
grossem  Fleiss  und  liest  sich  äusserst  anregend. 

Alban  K  ö  h  1  e  r  -  Wiesbaden. 

R.  Stiegler:  Lehrbuch  der  Physiologie  für  Krankenpflegeschulen. 

2.,  verbesserte  Auflage.  A.  Holder,  Wien-Leipzig,  1921.  292  Seiten. 
30  M. 

Eine  kurzgefasste  Einführung  in  die  Physiologie,  soweit  sie  für  die 
Ausbildung  von  Krankenpflegepersonal  in  Frage  kommt.  Die  Art  der 
Darstellung,  die  Anordnung  des  Stoffes  und  die  beigegebenen  Ab¬ 
bildungen  sind  durchweg  gut.  Die  Beschränkung  des  darzustellenden 
Stoffes  ist  nicht  ganz  leicht  zu  finden.  Die  Grenze  ist  nach  Ansicht 
des  Rezensenten  eher  zu  weit  als  zu  eng  gezogen.  Vor  allem  würde 
Rezensent  bei  Herstellung  einer  Neuauflage  eine  noch  erheblichere  Be¬ 
schränkung  der  lateinischen  Fachausdrücke  empfehlen.  Worte  wie 
Aphasie,  Ataxie,  Presbyopie,  Phagozytose,  Kotyledonen  der  Plazenta, 
Neuramöbimeter  und  ähnliche  mehr,  wie  sie  sich  in  reichlicher  Menge 
noch  im-  Texte  finden,  dürften  bei  erneuter  Herausgabe  des  sonst  guten 
Buches  wohl  unschwer  zu  vermeiden  sein.  H.  Schade -Kiel. 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Mitteilungen  aus  den  Grenzgebieten  der  Medizin  und  Chirurgie. 

Band  34,  Heft  4;  1922.  Verlag  Gustav  Fischer. 

R.  Demel:  Beobachtungen  über  die  Folgen  der  Hyperthymisation. 
(Aus  der  I.  Chir.  Univ. -Klinik  und  dem  Univ. -Institut  f.  Bakteriol.  u.  pathol. 
Histol.  in  Wien.) 

Thymusstückchen  jüngerer  und  älterer  Ratten  wurden  jungen  Ratten  in 
eine  Muskeltasche  implantiert  und  hielten  sich  auffallend  gut.  Die  Tiere 
zeigten  reichlichen  Fettansatz  und  wuchsen  bedeutend  rascher,  namentlich 
nach  Ueberpflanzung  aus  jungen  Tieren.  Die  Festigkeit  der  rascher  in  die 
Länge  wachsenden  Knochen  war  nicht  vermindert.  Eine  funktionelle  Be¬ 
einflussung  der  Nebenniere,  der  Geschlechtsdrüsen  und  der  Hypophyse  war 
nicht  zu  bemerken.  Verfütterung  von  Thymussubstanz  beeinflusste  weder 
den  Gesamthabitus  noch  die  hormonalen  Organe. 

W.  Schemensky:  Der  Wert  des  „stalagmometrischen  Quotienten“ 
für  die  Differentialdiagnose  zwischen  benignem  und  malignem  Tumor,  speziell 
des  Magen-  und  Darmkanals.  (Aus  der  Med.  Univ.-Klinik  Frankfurt  a.  M.) 

Urine  von  Karzinomkranken  und  klinisch  karzinomverdächtigen  Fällen 
zeigten  in  über  75  Proz.  einen  erhöhten  stalagmometrischen  Quotienten  bzw. 
Säurequotienten  (über  200).  Die  Erhöhung  des  ersteren,  also  die  Veränderung 
der  Oberflächenspannung  =  Tropfbarkeit  beruht  auf  vermehrter  Ausscheidung 
hauptsächlich  von  Eiweissschlacken:  Albumosen,  Peptonen  und  Oxyprotein- 
säuren.  Der  Ausfall  des  stalagmometrischen  Quotienten  gestattet  in  der  über¬ 
wiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  die  Unterscheidung  maligner  Tumoren  von 
benignen.  Die  Ursache  des  zeitweisen  Versagens  der  Methode  ist  noch  un¬ 
bekannt. 

Rheindorf:  Zur  Appendizitisfrage,  zugleich  ein  Beitrag  zur  Be¬ 
deutung  der  „Wurmschmerzen“  für  die  Chirurgie,  Gynäkologie  und  die  innere 
Medizin.  (Aus  dem  path.-anat.  Institut  des  St.  Hedwigs-Krankenhauses  Berlin.) 

Verf.  kommt  zurück  auf  seine  frühere  Monographie  (1920),  in  der  er 
hauptsächlich  die  Oxyuren  (Trichozephalen  und  Askariden)  für  das  Zustande¬ 
kommen  der  Appendizitis  und  der  sie  oft  vortäuschenden  „Wurmschmerzen“ 
verantwortlich  gemacht  hatte.  Die  durch  die  Würmer  verursachten  Epithel- 
und  Schleimhautdefekte  bilden  die  Eingangspforten  für  die  Infektion.  In 
zweiter  Linie  kann  jede  andere,  das  Epithel  des  Wurmfortsatzes  zerstörende 
Noxe  durch  sekundäre  Infektion  zur  Appendizitis  führen:  echte  Fremdkörper, 
Infektionskrankheiten,  besonders  Tuberkulose,  Typhus,  Ruhr.  Die  „chro¬ 
nische  Appendizitis“  besteht  in  „Wurmschmerzen“,  welche  durch  Oxyuren 
bzw.  deren  Stoffwechselprodukte  hervorgerufen  werden,  meist  vom  Wurm¬ 
fortsatz,  aber  auch  vom  übrigen  Darm  aus.  Zahllose  Operationen  sind  in 
Unkenntnis  dieses  Zusammenhanges  zwecklos  vorgenommen  worden. 

Herrn.  Meyer:  Entstehung  und  Behandlung  der  Speiseröhrenerweite¬ 
rungen  und  des  Kardiospasmus.  (Aus  der  chir.  Klinik  Göttingen.) 

An  der  Funktion  der  Kardia  sind  der  Vagus  und  der  Sympathikus  be¬ 
teiligt.  Jede  Reflexstörung,  die  meist  peripher  angreift,  führt  zu  einer 
Ueberempfindlichkeit  des  Reizleitungssystems.  Mit  T  h  i  e  d  i  n  g  unterscheidet 
Verf.  1.  Dysphagia  intermittens;  erhöhter  Vagotonus,  Ektasie  noch  nicht 
hochgradig.  Hier  sind  Hypnose,  Atropin,  Diät,  Spülungen  und  Sondierung 
zu  versuchen;  2.  Dysphagia  hypertonica  permanens;  Dauerspasmus,  zu¬ 
nehmende  Ektasie.  Therapie:  Mechanische  Dehnung  nach  G  o  1 1  s  t  e  i  n, 
operative  nach  Mikulicz  oder  Kardiaplastik  nach  Heller;  Erfolg  ist 
nicht  sicher;  3.  Dysphagia  atonica,  mit  hochgradiger  Ektasie;  selten.  The¬ 
rapie:  Kardiaplastik,  Oesophagogastroanastomose  und  Kardiaresektion,  jedoch 
nur  in  besonders  geeigneten  Fällen,  wegen  hoher  Mortalität. 

Ernst  Seitz:  Das  Verhalten  des  Blutzuckers  bei  chirurgischen  Er¬ 
krankungen.  II.  Mitteilung.  (Aus  der  Chir.  Universitätsklinik  Frankfurt 
a.  M.) 

Bei  Tuberkulösen  war  der  Zuckerabbau  deutlich  vermindert,  bei  chroni¬ 
schen  Gallenblasenerkrankungen  erhöht;  bei  Erkrankungen  der  Schilddrüse. 
Knotenkröpfen  und  vor  allem  Basedow  deutete  der  Blutzuckerspiegel  auf  er¬ 
höhte  Sympathikusreizung,  die  aber  14  Tage  nach  der  Operation  behoben 
war,  was  gegen  die  Auffassung  der  Schilddrüse  als  lediglich  eines  „Erfolgs¬ 
organs“  spricht. 

Holzweissig:  Ein  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Duodenaldivertikel. 

(Aus  dem  Path.-Hygien.  Institut  der  Stadt  Chemnitz.) 

Mitteilung  von  26  Fällen,  mit  Operations-  und  mikroskopischen  Be¬ 
funden.  Die  Divertikel  kommen  in  allen  Abschnitten  vor,  am  häufigsten  aber 
dicht  über,  unter  oder  neben  der  Papille,  ferner  mit  Vorliebe  an  der  Um¬ 
biegung  der  Pars  desed.  in  die  Pars  horic.  inf.  Die  nahe  dem  Pylorus  sitzen¬ 
den  stehen  häufig  in  Beziehung  zu  Geschwüren  und  sind  Traktionsdivertikel, 
während  alle  übrigen  als  erworbene  Pulsionsdivertikel  unter  Mitwirkung 
anatomisch  disponierender  Zustände  entlang  eines  Gefässes  durch  die  Musku- 


246 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


.Ni?, 


latur  oder  durch  die  für  den  D.  choledochus  gegebene  physiologische  Lücke 
durchtreten;  es  sind  Schleimhautausstülpungen.  Oefters  finden  £ich  neben 
Duodenaldivertikeln  noch  multiple  Dünn-  oder  Dickdarmdivertikel,  wobei 
oft  chronische  Stauung  zu  einer  Erweiterung  der  physiologischen  uefäss- 
lücken  geführt  hat.  Auch  die  durch  kleine  Fibroadenome  oder  durch  ein 
Nebenpankreas  bewirkte  Aufsplitterung  der  Muskulatur  schafft  Loca  minoris 
resistentiae. 

Ludw.  M  e  r  k  -  Innsbruck:  lieber  körperfremde  Zellgebllde  Im  mensch¬ 
lichen  Kropf.  ....  .  ,  .  .. 

In  frischem  Kropfgewebe  und  Blasensaft  finden  sich  massenhaft 
1.  Sporen,  2.  „Rostzellen“,  wahrscheinlich  mit  den  „Kolloidzellen“  anderer 
Autoren  identisch,  3.  selten:  eiartige  Zellen.  AUß  drei  Formen  haben  im 
auffallenden  Licht  eine  eigentümlich  helle  Zitronenfarbe.  Verf.  glaubt,  dass 
alle  drei  in  den  Kreis  eines  einzigen  und  zwar  tierischen  Lebewesens  ge¬ 
hören  und  denkt  zunächst  an  ein  Protozoon.  Abbildung  der  Zellen,  Angabe 
der  Technik.  G  r  a  s  h  e  y  -  München. 


Zeitschrift  für  Tuberkulose.  Banti  35,  Heft  5. 


Emil  Szäsz-Pest:  Allergie  oder  Anergle. 

Aus  Anlass  des  Aufsatzes  von  Ddetl  in  Band  34  erörtert  Verf.  die 
obigen  Begriffe.  Wenn  Allergie  „eine  in  der  Richtung  vollkommener  Ab¬ 
wehrtätigkeit  sich  vollziehende  Reaktivitätsänderung  des  Organismus“  ist,  so 
darf  der  Zustand  ungenügender  Abwehrtätigkeit  nicht  auch  mit  diesem  Aus¬ 
drucke  bezeichnet  werden.  Wertere  Untersuchungen  über  Allergie  müssen 
auf  Grund  der  bakteriellen  und  antitoxischen  Immunität  (Partialantigene, 
Tuberkulin)  gemacht  werden. 

Benzion  H  i  r  s  c  h  o  w  i  t  z  -  Prag:  Ueber  Tuberkulose  und  ihre  Be¬ 
ziehung  zu  Karzinom,  Ulcus  ventriculi,  Kyphoskoliose  und  anderweitigen 
pathologischen  Prozessen.  , 

Die  Untersuchungen  aus  dem  Ghon  sehen  Institut  zeigen,  dass  Kar¬ 
zinom  und  Tuberkulose  sich  im  Wesentlichen  ausschliessen,  dass  das  Magen- 
ulcus  mit  der  Tuberkulose  auf  die  gleiche  Konstitutionsanomalie  zurückzu¬ 
führen  ist,  dass  es  mit  Kyphoskoliose  wie  mit  Karzinom  ist. 

J.  Schuster-Breslau:  Zur  Frage  der  Desinfektion  des  tuberkulösen 
Aus  wurf  cs» 

Entgegnung  gegen  J  o  e  1 1  e  n,  der  in  Elster  das  Kalkverfahren  als  un¬ 
genügend  bezeichnete. 

Curt  Schelenz  -  Trebschen:  Zur  Geschichte  der  Bretsc  h  neide  r- 
schen  Wechselatmung. 

Verf.  berichtet,  dass  der  englische  Arzt  Ramadge  in  einer  von 
Hohnbaum  übersetzten  und  1835  erschienenen  Schrift  schon  die  von 
B  r  e  t  s  c  li  n  e  i  d  e  r  neu  erfundene  (und  für  alle  möglichen  und  unmöglichen 
Leiden  angepriesene)  Wechselatmung  beschreibt  *). 

Arnim  M  a  y  e  r  -  Frankenhausen:  Vereinigung  spezifischer  und  unspe¬ 
zifischer  Heilwirkung  zur  gegenseitigen  Ergänzung  bei  Tuberkulose. 

W&  die  spezifische  Behandlung  nicht  zum  Ziele  führte,  ist  sie  durch 
unspezifische,  z.  B.  Höhensonne,  Caseosan,  zu  ergänzen.  Der  Hauptver¬ 
arbeiter  der  eingeführten  Stoffe  ist  die  Haut.  Grundsätzliche,  das  Gebiet  der 
Tuberkulose  weit  übergreifende  Untersuchungen  sind  im  Gange.  Ihre  Er¬ 
gebnisse  werden  für  später  angekündigt. 

Ivo  Ivancövie  und  Max  P  i  n  n  e  r  -  Jugoslavien  und  Amerika:  Zur 
Frage  der  tuberkulösen  Infektion  im  Schulalter. 

Am  meisten  gefährdet  die  Gruppe  im  6. — 9.  Jahre,  weniger  die  älteren. 
Weitere  Untersuchungen  müssen  zeigen,  wieviel  Prozent  der  Kinder  den 
Weg  aktive  Kindertuberkulose,  scheinbar  geheilte,  sog.  latente  Bronchial¬ 
drüsentuberkulose,  fortschreitende  Lungenphthise  gehen. 

In  der  Heilstätte  nbeilage: 

G.  L  i  e  b  e  -  Waldhof-Elgershausen:  Die  Arbeitsunfähigkeit  der  Lungen¬ 
kranken  in  Heilstätten. 

Zweiter  Bericht.  Liebe-  Waldhof-Elgershausen. 


Archiv  für  klinische  Chirurgie.  117.  Band,  4.  Heft.  (Festschrift 
für  Erwin  Payr.) 

Otto  Kleinschmidt:  Ueber  Bauchschuss  und  Schock. 

Der  Autor  versucht  den  Begriff  Schock,  der  heute  noch  nicht  klar  um 
schrieben  ist,  vielmehr  als  Sammelname  für  eine  ganze  Reihe  verschiedener 
Krankheitsbilder  gebraucht  wird,  näher  ‘zu  umgrenzen.  Störungen,  die  durch 
Blutungen  nach  innen  oder  aussen  oder  durch  Intoxikationen  herbeigeführt 
werden,  sind  vom  eigentlichen  Schock  zu  trennen.  Vom  Schock  soll  man 
nur  dann  sprechen,  wenn  auf  einen  psychopathisch  veranlagten  oder  durch 
schwere  körperliche  oder  psychische  Eindrücke  nachteilig  beeinflussten 
Organismus  eine  Gewalteinwirkung  stattgefunden  hat,  die  weder  zu  einer 
starken  Blutung  Veranlassung  gab,  noch  mit  starker  Gewebszertrümmerung 
einhergegangen  ist  oder  von  Intoxikationen  oder  Infektionen  gefolgt  ist,  bei 
der  aber  trotzdem  Störungen  eintreten,  die  sonst  durch  die  eben  erwähnten 
Ursachen  begründet  zu  sein  pflegen.  Im  Anschluss  daran  Mitteilung  von  26, 
an  der  Leipziger  Klinik  während  der  Märztage  1920  operierten  Bauchschüsse. 
Mortalität  63,6  Proz. 

Sonntag:  Ueber  Induratio  penis  plastica  nebst  einem  Beitrag  zu  ihrer 
operativen  Behandlung. 

Mitteilung  eines  Falles  von  Induratio  penis  plastica,  die  operativ  zu 
bessern  gesucht  wurde,  mit  ausführlicher  Beschreibung  und  bildlicher  Dar¬ 
stellung  des  eingeschlagenen  operativen  Verfahrens.  Gleichzeitig  wird  das 
Krankheitsbild  unter  Berücksichtigung  aller  in  der  Literatur  erreichbaren 
Angaben  eingehend  besprochen.  200  Fälle  sind  bisher  bekannt.  Die  Krank¬ 
heit  besteht  in  einer  sträng-,  knoten-  oder  plattenförmigen  Verhärtung  im 
Penis  zwischen  Glans  und  Wurzel,  zwischen  Haut  und  Schwellkörper  gelegen. 
Abknickung  des  Penis,  Schmerzen  bei  der  Erektion  und  die  damit  verbundenen 
Störungen  sind  die  Folgen.  Prognose  ist  ungünstig.  Therapie  nicht  sehr 
erfolgreich.  Radium-  und  Röntgenbestrahlung  sind  zu  versuchen.  Fibro- 
lysininjektion  meist  ohne  Erfolg.  Exzision  der  Schwiele  ergibt  in  75  Proz. 
Heilung. 

Joseph  H  o  h  1  b  a  u  m:  Erfahrungen  und  Erfolge  nach  blutiger  Mobili¬ 
sierung  versteifter  statisch  belasteter  Gelenke. 

Es  wird  über  die  Resultate  der  Nachuntersuchung  von  85  totalen  Arthro- 
plastiken  des  Kniegelenkes,  20  Hüft-  und  4  Sprunggelenksmobilisierungen  be¬ 


richtet  aus  den  Jahren  1911—1921.  Die  GeSamterfolge  sehr  zufriedenstell  I 
Die  Resultate  der  Kniegelenksmobilisierungen  am  Friedensmaterial  (49  F  ;) 
sind  77,5  Proz.  Erfolge  und  22,5  Proz.  Misserfolge,  darunter  1  Todenl 
Unter  den  Kriegsankylosen  (36  Fälle)  78  Proz.  Erfolge,  22  Proz.  Misserke, 
kein  Todesfall.  Unter  20  Hüftgelenksmobilisierungen  wurden  11  gute  und  « 
gute  Resultate  erzielt,  8  Misserfolge,  darunter  1  Todesfall.  1  Fall  befindet  :l 
noch  in  Behandlung.  Die  4  wieder  beweglichgemachten  Sprunggelenke  we| 
ein  aktives  Bewegungsausmass  von  30  Graden  auf.  Die  besten  Erfolge  wuia 
bei  den  gonorrhoisch  und  durch  Trauma  versteiften  Kniegelenken  erzt: 
weniger  günstig  scheinen  die  metastatisch  versteiften  Gelenke  für  die  Mol 
sierung  zu  sein  wegen  der  dabei  besonders  in  Erscheinung  tretei“ 
schweren  toxischen  Schädigung  der  Muskulatur.  Die  viele  Jahre  (7  10  Ja 

zurückliegenden  Fäfle  zeigen  ausgezeichnete  Dauererfolge.  Die  am  läng 
in  Gebrauch  stehenden  Nearthrosen  sind  in  der  Regel  funktionell  die  be; 
Die  Ausreifung  des  neuen  Gelenkes  und  die  Erholung  der  durch  Ruhigstel 
und  Toxine  geschädigten  Muskulatur  braucht  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  1; 
Zeit.  1—2  Jahre  vergehen  in  der  Regel,  bis  die  Patienten  zum  vollen  Gei 
ihres  wieder  beweglich  gemachten  Gelenkes  kommen. 

Gehreis:  Der  operative  Verschluss  des  künstlichen  Afters  ohne  Sp* 
quetschung.  . 

Es  wird  zur  Beseitigung  des  Anus  praeternaturalis  das  an  der  Kj| 
Payr  übliche  Verfahren  empfohlen.  Dasselbe  besteht  in  entsprechend  wt I 
Mobilisierung  beider  Darmschenkel,  Anfrischung  der  Enden  und  End-zu-ll 
Vernähung  der  Darmlumina  an  serosabekleideter  Stelle;  breite  Eröffnung  j 
Peritoneums  ist  in  der  Regel  dabei  gar  nicht  nötig.  Eröffnung  des  fr i 
Peritoneums  an  der  einen  oder  anderen  Stelle  kommt  häufiger  vor,  sclil 
aber  nichts.  Ein  in  der  Nähe  der  Naht  herausgeleiteter  Jodoformgazestrm 
oder  Extraperitonisierung  der  Nahtstelle  der  Vorderwand  macht  die  folgt  1 
Eiterung  oder  das  teilweise  Aufgehen  der  Naht  ungefährlich.  In  25  F;l 
wurde  die  Fistel  durch  einen  einmaligen  Eingriff  zum  Verschluss  sebn  i 
14  Tage  nach  der  Operation  sind  die  Patienten  meist  entlassungsfähig.  I 
einem  Falle  Tod  durch  Peritonitis. 

L.  Frankenthal:  Unsere  Erfahrungen  und  experimentellen  Uir 
suchungen  bei  Wunddiphtherie.  „I 

Der  Verfasser  teilt  mit,  dass  er  seit  1  Yi  Jahren  in  der  Leipziger  Ch:j 
gischen  Klinik  1.  systematisch  alle  klinisch  diphtherieverdächtigen  Wunt 
2.  auch  eine  grosse  Zahl  verdächtig  aussehender  Wunden  abgeimpft  j 
bakteriologisch  untersucht  hat.  In  den  186  Fällen  unverdächtig  aussehe 
Wunden  hat  er  20  mal  (10,7  Proz.),  in  57  klinisch  als  Wunddipldl 
imponierenden  Fällen  12  mal  (21  Proz.)  Diphtheriebazillen  gefunden.  F. 
tont  vor  allem,  dass  das  Erysipel  für  die  ganze  Frage  der  Wunddiphtl 
ausserordentlich  wichtige  Rolle  spielt,  tind  er  beweist  das  an  ^ 


eine 


*)  Er  hat  auch  schon  eine  Art  Pneumothorax,  „Parazentese  der  Lunge“, 
gemacht.  Leider  fehlt  in  meinem  Exemplar  die  betreffende  4.  Tafel.  L. 


grösseren  Anzahl  von  Fällen,  bei  denen  nicht  nur  Erysipel  vorausgegaij 
war,  sondern  bei  denen  auch  noch  später  neben  den  echten  Diphtheriebazi 
Streptokokken  nachgewiesen  werden  konnten.  Das  Zustandekommen  I 
Wunddiphtherie  erklärt  sich  F.  so,  dass  meist  Streptokokken  (hie  und  da  I 
andere  Kokken)  und  Anaerobier  das  Gewebe  primär  schädigen  und  dann  ! 
die  Ansiedlung  der  Diphtheriebazillen  ermöglichen  (analog  Schar!  I 
diphtherie).  Therapeutisch  werden  vor  allem  direkte  Sonnenbestrahlung,^ 
Höhensonne,  das  Jodoform  und  die  Chromotherapeutika  gerühmt. 

Hermann  Kästner:  Die  bewegliche  X.  Rippe  als  Stigma  enteroptij« 

Da  ontogenetisch  die  Rippen  sich  distal,  kaudokranial  fortschreitend, 
Brustbeine  loslösen,  und  auch  phylogenetisch  die  Zahl  der  Rippenpaarelj 
nimmt,  besonders  mit  dem  Erwerb  des  aufrechten  Ganges,  so  verdient« 
bewegliche  X.  Rippe  als  degeneratives  Stigma  von  vornherein  Misstrii 
Verf.  berichtet,  nachdem  er  die  radiologischen  Kennzeichen  der  Gastrori 
erörtert  hat,  über  28  Fälle  von  beweglicher  X.  Rippe.  Unter  diesen  fa|l 
sich  bei  genauer  radiologischer  Untersuchung  14  Fälle,  also  50  Proz.,  d 
jedes  Zeichen  einer  Magensenkung  fehlte.  Nur  in  3  Fällen  stellten  sich 
gradige  Gastroptosen  heraus,  11  Fälle  waren  Gastroptosen  geringen  Gnj 
Die  bewegliche  X.  Rippe  bietet  darum  als  Zeichen  für  Eingeweidesenj 
keine  grosse  Sicherheit. 

A.  Kortzeborn:  Pathologische  Luxation  im  linken  Metat; 
phalangealgelenk. 

Beschreibung,  Abbildung  und  Röntgenbefund  eines  Falles  mit  Ifl 
gradigem  beiderseitigen  Hallux  valgus,  bei  dem  es  am  rechten  Fasse  zu  ih 
kompletten  pathologischen  Luxation  im  linken  Metatarsophalangealgelenkc* 
gleichzeitiger  Luxation  der  Sesambeine  lateral-  und  proximalwärts  gekonk 
war.  Die  Luxation  ist  als  Distensionsluxation  aufzufassen. 

A.  Kortzeborn:  Operative  Behandlung  hartnäckiger  Spitzp 
Stellungen  der  Fussstümpfe. 

Die  Ursache  gelegentlich  immer  wieder  rezidivierender  SpitzfusssteU 
bei  Chopart-  oder  Lisfrancstümpfen  ist  neben  der  Kontraktur  der  Wijj 
muskulatur  in  einem  Schrumpfungsprozess  der  hinteren  Sprunggelenkskk 
zu  suchen.  Neben  Durchtrennung  und  plastischer  Verlängerung  der  Achfc 
sehne  ist  auch  eine  Durchschneidung  der  hinteren  geschrumpften  Spi» 
gelenkskapsel  notwendig. 

Gustav  Halter:  Ein  Fall  von  Luxationsfraktur  des  Os  metacarps 
mit  Fraktur  des  Multangulum  maius. 

Mitteilung  eines  solchen  an  der  Klinik  Payr  beobachteten  •  Falles! 
durch  -Reposition  und  kurzdauernden  Fixationsverband  mit  Keulenschiems 
gutem  Erfolge  behandelt  wurde.  Besprechung  3  anderer  in  der  Lite p 
bekanntgewordener  einschlägiger  Fälle.  il| 

J.  Boysen:  Beitrag  zur  Kenntnis  des  partiellen  Magenvolvulu: 
einem  Zwerchfelldefekt,  kompliziert  durch  ein  blutendes  Magengeschwür. 

Es  wird  über  einen  Fall  von  Inkarzeration  des  Magens  in  einer 
matischen  Zwerchfellhernie  mit  partiellem  Magenvolvuhis  berichtet,  der 
ein  abundant  blutendes  Ulcus  kompliziert  war.  Der  schlechte  Allgei 
zustand  des  Kranken  verbot  den  zur  Behebung  des  Leidens  notwemö 
schweren  Eingriff.  Tod  durch  Verblutung  in  den  Darm. 

Gebhard  Hroinada:  Zur  Insuffizienz  der  Valvula  Bauhini. 

Durch  anatomische  Untersuchungen  und  Tierversuche  kommt  der  A 
zu  folgendem  Schluss:  Die  Valvula  Bauhini  ist  schlussfähig,  die  K1 
schiiesst  aktiv  durch  Kontraktion  des  Ml  sphincter  ileocolicus,  sowohl  < 
dem  Ileum,  wie  nach  dem  Zoekum,  und  passiv  als  Rückschlagventil  L 
den  Dickdarm.  Die  Korrekturoperation  nach  K  e  1 1  o  g  g  -  P  a  y  r  ist  ein] 
facher,  die  Insuffizienz  der  Valvula  Bauhini  sicher  behebender  Eingriff.  - 
Insuffizienz  der  Valvula  Bauhini  kann  chronische,  jeder  Behandlung  trotz! 
Obstipationsbeschwerden  verursachen.  Bericht  über  16  solcher  mit  Et 


\  Febinar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


247 


jerativ  behandelter  Falle.  In  einem  Falle  war  die  Insuffizienz  der  Klappe 

zidiviert. 

Hermann  Naumann:  Ueber  einen  Fall  von  Blutzyste  des  Mesocolon 
ansversum  unter  gleichzeitiger  Berücksichtigung  der  Differentialdiagnose  und 
lierapie  der  Meseuterialzysten. 

Nach  Rückblick  auf  die  historische  Entwicklung  unserer  Kenntnisse  über 
e  Mesenterialzysten  wird  ein  Fall  von  vor  der  Operation  diagnostizierter 
lutzyste  des  Mesocolon  transversum  beschrieben.  Ausführliche  Besprechung 
:r  Differentialdiagnose  der  Mesenterialzysten  gegenüber  anderen  Tumoren 
;s  Abdomens.  Mit  den  modernen  diagnostischen  Hilfsmitteln  dürfte  es  meist 
?lingen,  Qekrösezysten  vorher  richtig  zu  diagnostizieren.  Operative  Therapie, 
e  in  Exstirpation  oder  Marsupialisation  besteht,  ist  immer  indiziert. 

Andreas  ITedri:  Ein  einfaches  Verfahren  zur  Verhütung  der  Trennungs- 
mrome. 

Das  Entstehen  der  Neurome  am  zentralen  Stumpfe  durchtrennter  peri- 
lerer  Nerven  konnte  bisher  nicht  verhindert  werden.  Verf.  hat  nach  Ver¬ 
torfung  des  Nervenquerschnittes  mit  dem  weissglühenden  Paquelin  bei 
mputationsstümpfen  das  Ausbleiben  der  Trennungsneurome  beobachtet, 
xperimentelle  und  histologische  Untersuchungen  ergaben  eine  hoch  hinauf- 
eigende  Degeneration  des  Nerven  und  verzögerte  Regeneration  ohne  Neurom- 
ildung.  Das  Verfahren  wurde  an  der  Leipziger  Klinik  bei  zahlreichen  Ampu- 
itionen  und  Reamputationen  mit  Erfolg  angewendet.  Payr  empfiehlt  neuer- 
ings  bei  Trigeminusneuralgie  die  Durchtrennung  des  II.  und  HI.  Astes  am 
oramen  ovale  und  rot.  mit  Galvanokauter.  Hohlbaum  -  Leipzig. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  4. 

K  r  e  u  t  e  r  -  Erlangen:  Gastropexie  mit  dem  Lig.  teres  hepatis,  als  vor- 
jreitende  Operation  zur  Röntgenbehandlung  gewisser  Magenkarzinome. 

Während  das  Rektumkarzinom  durch  seine  Lage  und  geringe  Verschieb- 
chkeit  den  Röntgenstrahlen  leicht  zugänglich  ist  und  eine  Verkupferung  mit 
achfolgender  Bestrahlung  hier  auffällige  Erfolge  erzielt,  bietet  beim  Magen 
;ine  tiefere  Lage  und  seine  Beweglichkeit  grosse  Schwierigkeit,  den  Tumor 
lit  genügenden  Strahlenmengen  zu  fassen.  Verf.  kam  daher  auf  den  Ge- 
anken,  inoperable,  aber  genügend  bewegliche  Magenkrebse  dadurch  unbe- 
eglich  und  für  die  Röntgenstrahlen  angreifbar  zu  machen,  dass  er  das  Lig. 
:res  an  der  Leber  abträgt,  wie  eine  Schlinge  um  den  Magentumor  legt  und 
i  der  Nabelgegend  fixiert,  nachdem  vorher  eine  Gastroenterostomie  angelegt 
'urde.  Aus  der  beigegebenen  Abbildung  ist  diese  einfache  Methode  leicht 
rsichtlich. 

J.  D  u  b  s  -  Winterthur:  Resektion  oder  Gastroenterostomie  bei  pylorus- 
:rnem  Ulcus  ventriculi. 

Verf.  schildert  1  Fall  von  pylorusfernem  Ulcus  ventriculi,  bei  dem  nach 
lastroenterostomie  anatomische  Heilung  eintrat,  obwohl  keine  subjektive 
■eschwerdefreiheit  bestand.  Verf.  steht  auf  dem  Standpunkt,  dass  solche 
eilungen  nach  einfacher  Gastroenterostomie  dem  Operateur  den  Entschluss 
ur  Gastroenterostomie,  wenn  eine  Resektion  nicht  mehr  möglich  ist,  er¬ 
höhtem  können. 

Alfr.  C  a  h  n  -  Kattowitz:  Fall  von  Fibrom  der  Bauchdecken  in  einer 

ppendektomienarbe. 

Verf.  beschreibt  kurz  1  Fall  von  Bauchdeckenfibrom  in  einer  Operations- 
arbe,  bei  dessen  Aetiologie  die  primäre  Gewebsschädigung  zweifellos  eine 
'olle  spielt.  Histologisch  handelte  es  sich  um  ein  Fibrosarkoin  von  klinisch 

utartigem  Charakter. 

J.  E  1  s  n  e  r  -  Dresden:  Einfacher  Handgriff  zum  Nachweis  von  Senkungs- 

bszessen  im  Bauch. 

Zur  Feststellung  tiefer  Bauchabszesse  bei  Kindern  lässt  Verf.  das  Kind 
tiie-EHenbogenlage  einnehmen  und  umgreift  von  hinten  mit  beiden  Händen 
ie  Darmbeinschaufeln,  wobei  die  Hohlhände  auf  der  Höhe  der  Darmbein- 
ämme  ruhen,  wie  eine  Zeichnung  deutlich  erkennen  lässt;  man  kann  so  ohne 
esondere  Schmerzen  und  Spannung  leicht  tiefe  Abszesse  feststellen. 

0.  Muck-Essen:  Entleerung  eines  Stirnlappenspätabszesses  und  Ver- 
inderung  des  Ventrikeldurchbruches  durch  künstliche  Blutleere  des  Gehirns 
rorübergehende  Karotidenkompression). 

Durch  kurzdauernde  beiderseitige  Karotidenkompression  —  natürlich 
line  Narkose  —  ist  es  dem  Verf.  gelungen,  einen  Stirnlappenabszess  zur 
lUsheilung  zu  bringen  und  seinen  Durchbruch  in  den  Ventrikel  zu  verhüten; 
.‘desmal  bei  der  Karotidenkompression  trat  eine  Blutflüssigkeitsverminderung 
n  Schädelinnern  und  damit  eine  Vergrösserung  der  Hirnabszesshöhle  auf, 
/©durch  sich  der  Eiter  in  der  Tiefe  dann  leichter  entleeren  konnte. 

Er.  J  a  c  o  b  s  e  n  -  Hamburg:  Zur  Arbeit  von  Deutschländer; 
ieber  eine  eigenartige  Mittelfusserkrankung. 

Im  Gegensatz  zu  Deut. schiänder  kommt  Verf.  auf  Grund  mehr- 
icher  Beobachtungen  zur  Ueberzeugung,  dass  es  sich  auch  bei  den  von  D. 
litgeteilten  Fällen  um  eine  mehr  oder  weniger  langsam  vor  sich  gehende 
Jetatarsalfraktur  auf  der  Basis  einer  falschen  Belastung  handelt.  Verf. 
onnte  in  allen  Fällen  durch  geeignete,  das  Quergewölbe  besonders  berü'ck- 
ichtigende  Einlagen,  sowie  durch  Bäder  und  Massage  in  kurzer  Zeit  Be- 
chwerdefreiheit  erzielen. 

Eugen  S  c  h  u  1 1  z  e  -  Marienburg:  Ueber  Tetanus. 

Verf.  berichtet  über  1  Todesfall  an  Tetanus  bei  einem  Soldaten,  der  191S 
inen  Durchschuss  durch  den  linken  Unterschenkel  erlitten  hatte  und  bereits 
mal  deshalb  ohne  Schaden  und  ohne  wiederholte  Tetan. -Antitoxin-Injektion 
lachoperiert  worden  war,  ohne  dass  nur  einmal  Tetanus  aufgetreten  wäre; 
'ei  der  jetzigen  Operation,  bei  der  auch  keine  Tet. -Antitoxin-Injektion  ge¬ 
flacht  wurde,  bekam  Pat.  einen  schweren  Tetanus,  dem  er' am  3.  Tage  erlag; 
s  wurde  also  nach  3  Jahren  bei  Ausräumung  einer  glattwandigen  Sequester- 
öhle  die  „ruhende“  Infektion  mobil;  vielleicht  war  auch  die  Einstülpung 
ler  Weichteile  in  die  Knochenmulde  und  damit  der  Luftabschluss  nicht  gleich¬ 
gültig.  Deshalb  empfiehlt  Verf.  dringend  auch  bei  Durchschüssen  Tetanus- 
ntitoxin  zu  injizieren  und  offen  zu  behandeln,  ohne  Naht. 

H.  F  1  ö  r  c  k  e  n  -  Frankfurt  a.  M.:  Zur  Stumpfverletzung  bei  Kropf- 
merationen. 

Die  von  Liek  in  1921  Nr.  -45  angegebene  Methode  der  Vernähung 
les  Kropfrestes  von  Pol  zu  Pol  bzw.  von  oben  nach  unten  wurde  zuerst 
•’°n  Enderlen  geübt;  auch  Verf.  verfährt  so  seit  2  Jahren  mit  bestem 
erfolg  und  sehr  gutem  kosmetischen  Resultat;  ein  weiterer  Vorteil  dieser 
lahtmethode  besteht  darin,  dass  man  ein  Anstechen  der  Trachea  vermeidet, 
■vas  eine  starke  inspiratorische  Dyspnoe  auslöst. 

Hch.  F  i  s  c  h  e  r  -  Giessen:  Kritisches  zum  Artikel  von  Specht;  Ist  die 
'lebennierenexstirpation  bei  Epilepsie  berechtigt?  (Nr.  37,  1921.) 


In  kritischen  Auseinandersetzungen  verteidigt  Verf.  seinen  Standpunkt 
und  seine  experimentellen  Versuche  gegenüber  den  Ansichten  von  Specht. 
Zu  kurzem  Referat  nicht  gut  geeignet.  E.  Heim-  Sehweinfurt-Oberndorf. 

Monatsschrift  für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie.  Dezember  1921. 
Band  56.  Heft  3/4. 

M.  Beckmann-Wien:  Zur  perniziösen  und  perniziosaartigen  üravi- 
ditätsanämie. 

Unter  60  000  Geburten  in  18  Jahren  wurden  an  der  I.  Universitäts- 
Frauenklinik  in  Wien  6  Fälle  von  Graviditätsanämie  beobachtet,  davon  1  Fall 
im  Zeitraum  von  1901 — 1915,  5  Fälle  im  Zeitraum-  von  1916  1919,  was  für 

eine  Zunahme  der  Erkrankung  in  den  Kriegsjahren  spricht,  die  auch  von 
anderen  Wiener  Aerzten  beobachtet  wurde.  Die  Blutbefunde  zeigten  zum 
Teil  Abweichungen  vom  typischen  Perniziosabild.  In  3  Fällen  trat  unmittel¬ 
bar  anschliessend  an  die  Geburt  eine  Besserung  ein,  ein  4.  Fall  genas  erst 
nach  einem  längeren  Stadium  der  Verschlechterung.  Bei  2  weiteren  Fällen 
führte  die  Geburt  eine  Verschlimmerung  herbei,  die  schliesslich  zum  Tode 
führte. 

F.  H  i  r  s  c  h  e  n  h  ä  u  s  e  r  -  Wien:  Ueber  das  traubige  Ovarialkystom. 

Ausführliche  Beschreibung  einer  Beobachtung  von  doppelseitigem 
traubigen  Ovarialkystom.  Totalexstirpation  des  Uterus  und  der  Adnexe. 
Heilung.  Mikroskopisch  zeigen  die  einzelnen  Zysten  niedriges  zylindrisches 
Epithel,  aus  Schleimzellen  bestehend.  Der  Inhalt  der  Zysten  besteht  aus 
Schleim.  Verf.  glaubt,  dass  es  sich  um  eine  Entwicklung  auf  teratoider  Basis 
handelt. 

E.  M  a  u  t  h  n  e  r  -  Wien :  Zur  Kenntnis  der  desinoiden  Tumoren  des 
Ovarium. 

Bearbeitung  des  Materials  der  I.  Wiener  Frauenklinik  aus  den  letzten 
13  Jahren.  Von  682  operierten  Ovarialtumoren  waren  36,  das  sind  5,3  Proz. 
desmoide  Tumoren.  13  Fälle  von  Fibroma  ovarii,  3  Fibromyome,  11  Sar¬ 
kome.  Die  Entstehung  der  Stieldrehung  und  des  Aszites  werden  kritisch  be¬ 
sprochen.  Therapeutisch  kommt  nur  die  operative  Entfernung  in  Betracht. 

P.  S  c  h  u  g  t  -  Göttingen:  Die  bakterizide  Wirkung  der  Hefe  mit  be¬ 
sonderer  Berücksichtigung  ihrer  praktischen  Verwendung  in  der  gynäko¬ 
logischen  Therapie. 

Interessante  bakteriologische  Untersuchungen  mit  Hefereinkulturen  und 
den  unter  den  Namen  Xerase  und  Bolus-Byozyme  im  Handel  befindlichen 
Hefepräparaten.  Wird  lebender  Hefe  kein  Gärmaterial  zugesetzt,  so  besitzt 
sie  keine  bakterizide  Kraft.  Eine  Ueberwucherung  von  Keimen  durch  Hefe 
findet  nicht  statt.  Hefe,  die  gärt,  besitzt  bakterienschädigende  Kraft.  Doch 
ist  diese  bei  den  therapeutisch  zur  Verwendung  kommenden  kleinen  Mengen 
Hefe  und  Gärmaterial  sehr  gering,  und  nur  gewisse  Keime,  welche  gegen  die 
durch  die  Gärung  gesetzten  Veränderungen  des  Nährbodens  besonders  empfind¬ 
lich  sind,  werden  schwer  geschädigt  und  getötet  (Bact.  vulgare). 

Die  Wirkung  der  Handelspräparate  ist  weniger  auf  die  Hefe  als  auf  die 
den  Präparaten  beigefügten  Salzen  und  des  Zuckers  zurückzuführen. 

A.  S  a  n  t  n  e  r  -  Graz:  Ueber  einen  Fall  von  Meningocele  occipitalis. 

Kräftig  entwickelter  Knabe  .mit  einem  Doppeltumor  am  Hinterhaupt,  von 
dem  jeder  fast  mannsfaustgross  war.  Ursache:  Knochendefekt  an  der  Hinter¬ 
hauptsschuppe.  Die  Geburt  wurde  durch  die  Meningocele  occipitalis  etwas 
verzögert,  ging  aber  schliesslich  doch  spontan  vor  sich.  Da  durch  die  Geburt 
ein  Dekubitalgeschwür  entstanden  war  und  zu  perforieren  drohte  und  die 
Eltern  die  Operation  wünschten,  wurde  der  Tumbr  entfernt  und  die  Knochen¬ 
lücke  durch  Plastik  von  der  Patella  aus  gedeckt.  Der  Erfolg  der  Operation, 
Krämpfe,  Sehnervenatrophie  und  Idiotismus,  veranlasst  den  Verf.,  vor  der 
Operation  grosser  Meningozelen  zu  warnen.  K  o  1  d  e  -  Magdeburg. 

Zeitschrift  für  Kinderheilkunde.  3.  und  4.  Heft. 

Richard  Lederer:  Ueber  Hypogalaktie.  I.  Mitteilung.  Qualitative 
Hypogalaktie.  Die  Wirkung  der  Kriegsernährung  auf  die  Zusammensetzung 
der  Frauenmilch. 

Lederer  unterscheidet  die  konstitutionelle  und  konditionelle  Hypo¬ 
galaktie.  Erstere  ist  viel  seltener,,  letztere  häufig  zu  beobachten  als  Folge 
der  Unterernährung  der  Kriegs-  und  Nachkriegszeit  (Hungerblockade).  Sie 
kann  quantitativer  und  qualitativer  Natur  sein  und  zeigt  sich  in  erheblicher 
Abnahme  des  Zuckergehaltes,  weniger  stark  ist  die  Abnahme  des  Fettgehaltes 
der  Frauenmilch.  Hierin  ist  die  Ursache  des  Nichtgedeihens  mancher  Brust¬ 
kinder  zu  sehen. 

II.  Mitteilung.  Die  Wirkung  der  Hypogalaktie  auf  den  Säugling. 

Eine  grosse  Anzahl  von  Säuglingen,  deren  Mütter  hypogalaktisch  sind, 
zeigt  nicht  die  klassischen  Symptome  der  Unterernährung  bei  Brust,  Hunger¬ 
stuhl  oder  Scheinobstipation,  Atonie,  verlängerten  Schlaf  usw.,  sie  bieten 
die  Zeichen  akuter  Ernährungsstörung  mit  Erbrechen  und  vermehrten  Stuhl¬ 
entleerungen.  Für  diese  Kinder  liegt  die  Erklärung  in  einer  konstitutionellen 
Reizbarkeit  des  kindlichen  Magens  und  Darmes,  die  auf  Inanition  mit  Er¬ 
brechen  und  Durchfällen  reagieren.  Erfüllung  der  Indicatio  causalis,  d.  h. 
verbesserte  Ernährung  durch  entsprechende  Zufütterung  usw.  führte  immer  zu 
rascher  Genesung  und  normalem  Gedeihen  der  Kinder  (Wien). 

Karl  Heusch:  Die  Bedingungen  der  kindlichen  Pylorusstenose.  (Aus 
dem  pathologischen  Institut  der  Universität  Köln.  Prof.  D  i  e  t  r  i  c  h.) 

Die  Kasuistik  des  „hartnäckigen/gallefreien  Erbrechens“  der  Säuglinge  ist 
zu  einer  ansehnlichen  Literatur  angewachsen,  die  Heusch  einem  eingehen¬ 
den  Studium  unterwirft.  Auf  Grund  dieses  'und  seiner  Untersuchungen  am 
Material  des  Kölner  pathol.  Instituts  kommt  er  zu  sehr  interessanten  Re¬ 
sultaten  in  Bezug  auf  die  Pathogenese  dieses  klinisch  ebenso  einheitlichen  wie 
ätiologisch  verschiedenartigen  Krankheitsbildes.  In  jedem  Falle  handelt  es 
sich  in  letzter  Instanz  um  einen  Pylorusverschluss,  der  entweder  als  rein 
nervöser  Pylorospasmus  sich  darstellt  oder  ein  rein  mechanisch-anatomischer 
Verschluss  ist;  dieser  letztere  beruht  auf  primären  oder  sekundären  Ver¬ 
änderungen  am  Pylorus. 

Die  primären  anatomischen  Befunde  sind:  Kongenitale  Stenose  des 
Pylorus,  Geschwülste  und  Choristome  der  Pyloruswand,  Ulzera,  parenterale 
Kompression  des  Pylorus,  hochsitzende  Duodenalatresie,  Darmschnürung  durch 
absolute  Verkürzung  des  Lig.  hepatoduodenale.  Diese  primären  anatomischen 
Insulte  pflegen  im  frühen  Säuglingsalter  sekundäre  Spasmen  herauszufordern, 
so  dass  man  dann,  trotz  verschiedenster  Primärursachen,  stets  das  gleiche 
klinische  Bild  vorfindet. 

Die  sekundären  anatomischen  Synergismen  sind:  Aktivitätshyper¬ 
trophie  der  Pylorusmuskulatur.  Verkürzung  des  Lig.  hepatoduodenale  bei 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1 
■■ 


Uebergrcifen  des  Bandes  über  eine  sich  bildende  Pyioras^eschwu  s  üi.o- 
demimabknkkung.  bedingt  durch  relative  Verkürzung  und  StranjJiIdur«.  4es 
Lig.  hepatoduodenale  im  Verein  mit  Gastroptose.  Diese  sekundären  anatomi¬ 
schen  Synergismen  sind  die  Folgen  primärer  Spasmen  oder  eines  Circulus 
vitiosus  von  primären  anatomischen  und  sekundären  nervösen  -  J  g  • 
sie  greifen  aktiv  in  den  Krankheitsverlauf  ein. 

E  Nobel  und  N.  Dabowsky:  Beitrag  zur  Diagnose  der  asthenischen 
Pneumonie  der  frühgeborenen  und  lebensschwachen  Säuglinge. 

Die  Verfasser  veröffentlichen  20  einschlägige  Krankengeschichten  aus  der 
Wiener  Universitäts-Kinderklinik  (Vorstand:  Prof.  Pirquet),  die  einen 
atypischen  Pneumonieverlauf  zeigten  und  bei  denen  die  klinischen  Merkmale 
mit  dem  Röntgenbefunde  nicht  parallel  gingen.  Mitunter  zeigte  die  Obduktion 
wesentlich  schwerere  Veränderungen  als  die  klinische  und  Röntgenunter¬ 
suchung.  Die  Verfasser  kommen  zum  Schluss,  dass  die  indirekten  allgemeinen 
Symptome  bei  Säuglingspneumonien  mehr  berücksichtigt  werden  sollten.  u 
diesen  gehören  Appetitlosigkeit,  Gewichtsabnahme,  graue  Verfärbung  der 
Haut,  galliges,  blutiges  Erbrechen,  meningeale  Erscheinungen,  Zyanose. 
Dyspnoe  Die  meningealen  Erscheinungen  können  zu  Fehldiagnosen  fuhren. 
Die  unter  der  Diagnose  Debilitas  vitae  zugrunde  gehenden  Neugeborenen 
weisen  häufig  bei  der  Obduktion  Pneumonien  auf. 


C.  Coerper  und  L.  Werner:  Klinische  Beiträge  zur  Aufzucht  von 

Ammenkindern  in  der  Anstalt.  ,.  . 

Die  Beobachtungen  der  Verfasser  erstrecken  sich  auf  95  Ammenkinder 
des' Säuglingskrankenhauses  in  Barmen  (Vorstand:  Dr.  Th.  H  o  f  f  a)  tn  den 
Jahren  1907 — 1920.  Gleich  zuerst  ist  beachtenswert,  dass  19  Proz.  derselben 
die  Folgeerscheinungen  echter  Hypogalaktie  aufwiesen,  was  um  so  bedeut- 
samer  ist.  als  es  sich  um  Mütter  mit  ausgesprochenem  Stillwillen.  schon 
wegen  des  damit  verbundenen  wirtschaftlichen  Nutzens,  handelt.  Das  stimmt 
mit  dem  auch  schon  von  anderer  Seite  ausgesprochenen  Zweifel  an  der  immer 
noch  behaupteten  Stillfähigkeit  aller  Frauen  überein.  Eine  Uebersicht  über 
die  wesentlichsten  Resultate  gibt  eine  Tabelle,  in  der  zum  Vergleich  die  von 
Feer  angegebenen  Zahlen  danebengestellt  sind.  Daraus  ergibt  sich,  dass 
die  tägliche  Trinkmenge  bei  5  Mahlzeiten  und  die  wöchentliche  Gewichts¬ 
zunahme  hinter  den  von  Feer  angegebenen  Zahlen  Zurückbleiben,  das  be¬ 
deutet  eine  „Entwicklungsverzögerung“  der  Ammenkinder  in  der  Anstalt. 
Dafür  machen  die  Verfasser  hauptsächlich  zwei  Umstände  verantwortlich: 
Erstinfektionen,  denen  Anstaltssäuglinge  durch  Einschleppung  stark  ausgesetzt 
sind,  und  die  Gewichtsabnahme,  die  bei  30  Proz.  der  Säuglinge  regelmassig 
in  der  ersten  Zeit  nach  der  Aufnahme  in  die  Anstalt  stattfindet  und  bis  zu 
21  Tagen  andauern  kann.  Menstruation  der  Mutter  konnte  mit  Störungen  des 
Kindes  nicht  einwandfrei  in  Zusammenhang  gebracht  werden,  wohl  aber  Er¬ 
nährungsfehler  der  Mutter,  sofern  sie  zu  Störungen  bei  der  Mutter  führten. 
Von  Rachitis  blieben  die  Ammenkinder  nicht  vollständig  frei.  (Zu  tadeln  ist 
die  Bezeichnung  Allaitement  mixte.  Die  Verfasser  dürften  kaum  imstande 
sein,  stichhaltige  Gründe  für  den  Gebrauch  französischer  Brocken  in  einer 
deutschen  wissenschaftlichen  Abhandlung  anzuführen,  wo  doch  die  deutsche 
Sprache  reich  genug  an  gleichwertigen  Bezeichnungen  fz.  B.  Zwiemilch¬ 
ernährung]  ist.  D.  Ref.) 

Hans  Wimberger:  Eineiige  Zwillinge. 

Das  morphologisch  und  biologisch  völlig  differente  Verhalten  der  beiden 
Zwillingsarten  erklärt  sich  durch  die  verschiedene  Genese.  Zweieiige 
Zwillinge  können  einander  sehr  ähnlich  oder  aber  ganz  verschieden  sein, 
eineiige  Zwillinge  dagegen  sind  einander  bis  auf  die  Fingerabdrücke  herab 
zum  Verwechseln  ähnlich.  W.  hat  an  eineiigen  Zwillingen,  die  zum  Zwecke 
von  Vitaminversuchen  in  die  Wiener  Universitäts-Kinderklinik  (Vorstand: 
Prof.  Pirquet)  aufgenommen  waren,  genaue  Beobachtungen  gemacht,  die 
zat  interessanten  Ergebnissen  führten:  Die  Gewichtskurven  sind  einander  zum 
Verwechseln  ähnlich  und  die  Zahl  der  gleichartig  ablaufenden  Funktionen 
überwiegt  weitaus  die  relativ  geringen  Verschiedenheiten.  Interkurrente,  zu 
gleicher  Zeit  erfolgende  Infektionen  beeinflussen  beide  Organismen  in  analoger 
Weise,  Tatsachen,  die  nur  durch  eine  vollständig  homologe  zelluläre  Zu¬ 
sammensetzung,  hervorgegangen  aus  einem  primär  gemeinsamen  Keimplasma 
zu  erklären  sind. 

E.  W  o  1  f  f  -  Berlin:  Ueber  den  Einfluss  verschiedenartiger  Nährlösungen 
auf  die  Säurebildung  durch  Bacterium  lactis  aerogenes. 

Vorliegende  Arbeit  ist  für  den  Praktiker  von  hohem  Interesse  insofern 
als  klinische  Erfahrungen  durch  W  o  1  f  f  s  Laboratoriumsversuche  ihre  Er¬ 
klärung  finden  und  aus  den  Versuchen  wichtige  Fingerzeige  für  die  Praxis 
sich  ergeben.  Ueber  alle  Einzelheiten  zu  referieren  verbietet  uns  leider  der 
Raum,  auf  das  Wichtigste  sei  gestattet  kurz  hinzuweisen. 

Wolff  stellt  zwei  Versuchsreihen  auf:  eine  mit  neutralen,  die 
andere  mit  sauren  Nährlösungen.  Bei  ersteren  zeigte  sich,  dass  die  gebildete 
Säuremenge  trotz  des  von  1—20  Proz.  steigenden  Zuckergehalts  bei  gleichem 
Peptongehalt  (1  Proz.)  schliesslich  ungefähr  dieselbe  ist.  Dagegen  ist  die 
Säurebildung  bei  Erhöhung  des  Peptongehalts  (6  Proz.)  ganz  erheblich  ver¬ 
mehrt.  Bei  den  Versuchen  mit  sauren  Nährsubstraten  zeigte  es  sich,  dass 
ein  höherer  Aziditätsgrad  die  Bakterien  an  der  weiteren  Säureproduktion 
hindert,  unabhängig  vom  Kohlenhydratgehalt. 

Demgegenüber  wirkt  beim  ernährungsgestörten  Säugling 
gewöhnliche  Milchmischung,  die  Kohlenhydratzus*itz  enthält,  stark  gärungs¬ 
fördernd.  unabhängig  vom  Eiweissgehalt.  In  der  Praxis  bewährten  sich  daher 
zwecks  Gärungsverminderung  im  Darm  Milchverdünnung  ohne  oder  mit  ge¬ 
ringem  Kohlehydratgehalt  und  Zusatz  von  Eiweisspräparaten  wie  Plasmon 
und  Larosan.  Hier  ist  das  Gärsubstrat  vermindert,  dagegen  Eiweiss  in  einem 
Grade  vermehrt,  der  im  Reagenzglas  die  Gärung  intensiver  fördern  würde. 
Eine  zweite  Gruppe  von  Heilnahrungen  ist  gesäuert,  z.  B.  Buttermilch  und 
Eiweissmilch.  Sie  gestatten  eine  allmähliche  Kohlenhydatanreicherung.  ohne 
dass  die  Gärungsvorgänge  wie  bei  der  nicht  gesäuerten  Milch  stark  gefördert 
werden. 

Zwischen  Klinik  und  Experiment  besteht  also  bei  Kohlenhydrat-  und 
Eiweissgehalt  der  Nahrung  ein  Gegensatz,  eine  Uebereinstimmung  aber  in 
hezug  auf  Azidität  derselben.  Ursache  für  die  Unterschiede  sind  die  wesent¬ 
lich  anderen  Bedingungen,  welche  die  Bakterien  im  Magen  und  Dünndarm 
finden,  als  sie  es  im  Reagenzglas  waren;  und  zwar  spielen  hier  die  Abbau¬ 
produkte  des  Eiweisses  als  stärkste  Erreger  der  Sekretion  der  .Verdauungs¬ 
säfte  eine  wichtige  Rolle.  Durch  den  Eiweissreichtum  der  Nahrung  wird  die 
mangelhafte  Sekretion  der  Verdauungsdrüsen  und  die  damit  verbundene 
Motilitätsstörung  des  Magens  und  Darmes  günstig  beeinflusst.  Dadurch  wird 
die  in  der  Pathogenese  der  Dyspepsie  so  massgebende  Bakterienaszension  in 
eine  Deszension  umgewandelt. 


Der  Vorzug  gesäuerter  Nahrungsgemische  besteht,  in  UebereinstiinmuUj 
mit  den  Reagenzglasversuchen,  darin,  dass  eine  weitere  bakterielle  Säuri 
bildung  aus  Kohlenhydraten  im  Magen  und  den  oberen  Teilen  des  Düni 
darms,  die  für  organische  Säuren  besonders  empfindlich  sind,  nicht  mogln 
ist.  Das  Ausbleiben  der  Gärungssteigerung  bei  hohen  Kohlenhydratgaben 
sauren  Medien  erklärt  uns,  dass  es  gelingt,  dyspeptische  Zustände  durch  bz\ 
trotz  Steigerung  der  Kohlenhydrate  zu  überwinden. 

H.  Beumer:  Ueber  die  Kreatinintoleranz  des  Säuglings.  (Aus  di 
Universitäts-Kinderklinik  in  Königsberg  i.  Pr.  Direktor:  Geheimrat  Prt 
Dr.  F  a  1  k  e  n  h  e  i  m.) 

Der  Organismus  des  Erwachsenen  besitzt  in  hohem  Masse  die  Fähigke  , 
verfüttertes  Kreatin  abzubauen.  Bei  grossen  Mengen  aber  _  zeigen  sh 
Grenzen  dieser  Fähigkeit,  daher  es  wohl  erlaubt  ist.  von  einer  Kreatiü 
toleranz  zu  reden.  Der  normale  Säugling  scheidet  im  Gegensatz  zum  g 
sunden  Erwachsenen  im  Urin  Kreatin  aus.  Angesichts  dieser  physiologische: 
Kreatinurie  des  Säuglings  hat  Beumer  den  Versuch  gemacht,  die  Kreativ 
toleranz  in  diesem  Lebensalter  festzustellen.  Er  machte  2  Säuglingen,  eine) 
\'/<  jährigen  Kinde  und  einem  7  jährigen  Knaben  intravenöse  Injektionen  (li 
von  5—300  mg  Kreatin  und  fand,  dass  das  injizierte  Kreatin  so  gut  wie  vn.U 
ständig  im  Urin  wiedererscheint.  Bei  Injektion  von  100  mg  wird  ein  Drittj 
während  der  ersten  2  Stunden  eliminiert,  das  übrige  erst  in  den  folgend:! 
24  Stunden.  Das  zeigt,  dass  die  Ursache  der  Kreatinausscheidung  nicht  ml 
in  einer  besonderen  Durchlässigkeit  der  Niere  gelegen  ist,  sondern  noch  b  I 
trächtliche  Kreatinmengen  mit  dem  Harn  entleert  werden,  nachdem  das  Bl  ] 
häufig  die  Leber  passiert  hat  und  die  Bedingungen  denen  der.  stomachahj 
Kreatinzufuhr  fast  gleich  geworden  sind.  Der  sichere  Nachweis  einer  ve] 
mehrten  Kreatinurie  liess  sich  noch  bei  Injektionsdosen  von  30 — 5  mg  führe! 

Weniger  befriedigend  sind  die  Resultate  nach  Zuführung  des  Kreativ 
per  os:  am  besten  hinsichtlich  einer  quantitativen  Wiedergewinnung  falb] 
die  Versuche  mit  kleinen  Mengen  aus.  Nach  grossen  Dosen  ist  die  Kreatinui  i 
oft  erstaunlich  gering,  ein  grosser  Teil  des  verfütterten  Kreatins  fällt  in  dt 
unteren  Darmabschnitten  der  bakteriellen  Zersetzung  anheim. 

Im,  Selbstversuch  wurden  300  mg  intravenös  ohne  Kreatinurie  vertrage 
nach  1  g  fanden  sich  45  mg  Kreatin,  eine  Menge,  die  noch  innerhalb  dj 
Fehlergrenzen  lag. 

Schlussfolgerungen:  Der  Säuglingsorganismus  besitzt  nicht  die  Fähigkei 
selbst  sehr  kleine  exogene  Kreatinmengen  anzugreifen.  Die  Intoleranz  gegej, 
über  exogenem  Kreatin  ist  eine  Besonderheit  des  Säuglingsstoffwechsels  (wd 
des  jugendlichen),  die  geeignet  erscheint,  auch  das  Verständnis  für  die  end 
gene  Kreatinurie  dieses  Lebensalters  zu  erleichtern.  Man  kann  sich  den  Vor¬ 
gang  so  denken,  dass  bei  den  Umsetzungen  in  der  Muskulatur  stets  klei! 
Kreatinmengen  in  die  Blutbahn  überfliessen,  die  beim  Erwachsenen  abgebai| 
beim  Säugling  wie  exogenes  Kreatin  mit  dem  Urin  ausgeschieden  werde: 

Alle  Kreatininjektionen  verliefen  bei  den  Säuglingen  ohne  jede  Nebe! 
Wirkung  auf  das  Allgemeinbefinden.  Der  7  jährige  Knabe  reagierte  a  j 
0,3  Kreatin  mit  starkem  Tremor.  Blässe  und  Erbrechen.  Beim  Selbstversul 
traten  nach  Injektion  von  1  g  Kreatin  nach  1  Stunde  heftigster  Tremor  all 
Gliedmassen  und  starke  Kopfschmerzen  ein.  Die  Temperatur  stieg  n| 
auf  38.5  °.  „Nach  3  Stunden  völliges  Wohlbefinden.“ 

Siegfried  Fink:  Arzneiverordnungen  im  Kindesalter  unter  Berüc1 
sichtigung  der  heutigen  Preise.  (Aus  der  Göttinger  Univ.-Kinderklinik.) 

Ziel  der  Arbeit  ist,  wie  der  Verfasser  sagt,  wirksame  Rezepte  d 
Kinderheilkunde  zu  geben,  die  schon  heute  billig  sind  und  in  den  kommend' 
Wirtschaftsjahren  nicht  wesentlich  den  Schwankungen  des  Marktes  untc 
worfen  sein  dürften,  Rezepte,  die  somit  für  die  Unbemittelten  in  Fra: 
kommen.  Kein  Rezept  soll  über  5  M„  ausnahmsweise  bis  10  M.  kosten,  s 
Die  Zusammenstellungen  mit  Preisangabe  werden  manchem  Praktiker  wi 
kommen  sein.  v.  Schrenck  -  München.1 

Archiv  für  Psychiatrie  und  Nervenkrankheiten.  1921.  64.  Baij 

4.  Heft. 

Paul  Hirsch:  Die  Frage  der  Kastration  des  Mannes  vom  psychiatrisch] 
Standpunkte.  (Aus  der  psychiatr.  und  Nervenklinik  Königsberg  i.  Pr.) 

Die  Kastration  (Entfernung  der  Hoden)  kommt  in  verzweifelten  Fäll 
von  krankhaft  gesteigertem  Geschlechtstrieb  als  ultimum  refugiuin  in  Fra» 
Sie  ist  beim  heranwachsenden  Individuum,  da  sie  den  Körper  schädigt,  nid 
zulässig,  sondern  erst  nach  dem  25.  Lebensjahre  anzuwenden.  Die  Folgen  4 
Kastration  beim  Manne  sind  nicht  mehr  so  eingreifend,  allerdings  besteht  durj 
das  Klimakterium  praecox  eine  gewisse  Disposition  zu  geistigen  Erkrankung« 

Bei  der  angeborenen  Homosexualität  kommt  Kastration  mit  nad 
folgender  Implantation  normaler  heterosexuell  gerichteter  Hoden  naj 
Steinach  in  Frage. 

In  allen  diesen  Fällen  ist  juristisch  die  Operation  als  ein  Experime 
d.  h.  als  ein  von  der  heutigen  medizinischen  Wissenschaft  noch  nicht  allgenu, 
anerkanntes  Heilmittel  anzusehen.  Der  Eingriff  darf  nur  mit  Einwilligung  c, 
Kranken  unter  vorheriger  Belehrung  über  seine  Vorteile  und  seine  möglich! 
Nachteile  gemacht  werden. 

Eine  sozialpolitische  Sterilisation  ist  nach  der  heutigen  Gesetzgebu; 
strafbar.  Die  einfachste  nud  sicherste  Sterilisierung  wäre  hier  die  Vasektont 

Ra  ecke:  Perversität  und  Eigennutz.  Beitrag  zur  forensen  Beurtellu: 
sexueller  Verirrungen. 

Die  3  selbstbeobachteten  Fälle  haben  das  Gemeinsame,  dass  eine  psyetjj 
pathische  Phantastennatur  sowohl  ihrer  Sucht  nach  unerlaubtem  Gelderwe, 
als  auch  ihrem  Hang  nach  perverser  geschlechtlicher  Befriedigung  fol. 
woraus  schwer  entwirrbare  Verflechtungen  der  Motive  hervorgehen.  Eigf 
tumsvergehen  und  sexuelle  Verirrung  sind  da  zwar  auf  derselben  mind- 
wertigen  psychischen  Veranlagung  erwachsen.  Dennoch  lässt  sich  nicht  !• 
haupten,  dass  die  Perversion  das  Eigentumsdelikt  bedinge,  sowenig  das  u- 
gekehrte  Verhältnis  statthat.  Beide  sind  unabhängig  voneinander  ’ 
koordinierte  Folgen  der  einen  Veranlagung  zu  betrachten,  ln  den  v- 
liegenden  Fällen  war  ihre  Trennung  einwandfrei  möglich,  weil  zeitweise  ■ 
Art  der  Ausführung  der  Strafhandlung  nichts  mit  der  behaupteten  Perversi: 
zu  tun  hatte.  Aber  oft  genug  mag  eine  Verdunkelung  des  Tatbestandes  ;• 
durch  zustande  kommen,  dass  im  bestimmten  Falle  Eigennutz  und  Perversb 
beim  Delikt  zusammenwirkten  und  hernach  ohne  Künstelei  nicht  zu  trem' 
sind.  In  dieser  praktischen  Schwierigkeit  liegt  wohl  der  Hauptgrund,  war1 
die  Lehrbücher  es  unterlassen,  auf  die  besprochene  Kombinationsmöglichkt 
trotz  ihrer  grossen  forensischen  Bedeutung  einzugehen. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


249 


H.  A.  Ti  ui  in:  Ein  Beitrag  zur  Lokalisation  der  amnestischen  Aphasie, 
is  der  psychiatr.  und  Nervenklinik  Rostock-Gehlsheim.)  (Mit  5  Text- 
nldungen.) 

Ein  Fall  von  Tumor  des  linken  Schläfenlappens  mit  Zerstörung  des  Marks 
der  zweiten  und  dritten  Schläfenwindung  liefert  einen  weiteren  Beitrag  zu 
■  Auffassung,  dass  ein  Zentrum  der  amnestischen  Aphasie  im  Mark  des 
<en  Schläfenlappens  und  zwar  in  der  zweiten  und  dritten  hinteren  Schläfen- 
idung  zu  suchen  ist. 

W.  Medow:  Eine  Gruppe  depressiver  Psychosen  des  Rückbildungs- 
jrs  mit  ungünstiger  Prognose.  (Erstarrende  Rückbildungsdepression.) 

is  der  psychiatr.  und  Nervenklinik  Rostock-Gehlsheim.) 

Verf.  schält  einen  Kern  depressiver  Rückbildungspsychosen  heraus,  der 
:h  Verlauf  und  Symptomatologie  mit  Sicherheit  eine  Sonderstellung  gegeii- 
;r  dem  manisch-depressiven  Irresein  einnimmt.  Eine  Einkapselung  der 
izen  Persönlichkeit  in  unabänderliche  Gewohnheiten,  die  Ablehnung  gegen 
:s  Neue,  das  Erlöschen  der  Tatkraft,  die  zwangsartige  Verwendung  einzelner 
nloser  Worte  und  die  sklavische  Kettung  an  bestimmte  Bewegungen  charak- 
isieren  das  Schlussbild  von  extremster  Pedanterie  und  verzerrtem 
nservativismus. 

Bücherbesprechungen.  Germanus  F  1  a  t  a  u  -  Dresden. 

Vierteljahrschrift  für  gerichtliche  Medizin  und  öffentliches  Sanitäts- 
*en.  62.  Band,  2.  Heft. 

Oskar  Löw:  Zum  Kalkbedürfnis  des  Menschen. 

Erwiderung  auf  den  in  Nr.  2  d.  J.  erschienenen  Artikel  R  u  b  n  e  r  s,  in 
n  L  ö  w  aus  der  Literatur  eine  Reihe  von  Untersuchungsergebnissen  zur 
itze  seiner  Auffassung  über  die  Bedeutung  des  Kalkes  in  der  Ernährung 
ührt.  Bezüglich  des  Wesens  der  Rachitis  erwähnt  Löw  die  Erklärung 
er  ersten  Autorität  auf  diesem  Gebiete,  wonach  die  Auffassung,  die  echte 
chitis  sei  nicht  die  direkte  Folge  von  Kalkmangel,  zwar  noch  von  manchen 
Erhalten  werde,  aber  immerhin  nicht  positiv  entschieden  sei.  Nach 
erikanischen  Autoren  gebe  es  nur  eine  Art  von  Rhachitis,  nämlich  die, 
Iche  durch  Kalkmangel  entstehe. 

K.  T  h  u  m  m  -  Berlin-Dahlem:  Die  Kaliwerke  und  ihre  Abwässer. 

Die  in  den  Kaliwerken  anfallenden  Abwässer  gehören  in  die  Gruppe  der 
ulnisunfähigen  Abwässer,  die  frei  von  organischen  Stoffen  sind 
1  einfache  Salzlösungen  darstellen,  die  das  Gewässer,  dem  sie  überantwortet 
rden,  zwar  äusserlich  sichtbar  ungünstig  nicht  beeinflussen,  die  aber  seine 
:mische  Beschaffenheit  verändern  und  den  Vorfluter  dauernd  zu  ver- 
1  z  e  n  imstande  sind.  Nach  näherer  Darlegung  der  Fabrikationsart  und 
•  für  den  Kalihandel  wichtigen  RohsaTze  stellt  Thumm  Leitsätze  auf 
rdie  Beseitigung  von  Kaliabwässern.  Diese  kann,  da  bei 
n  augenblicklichen  Stand  der  Beseitigung  dieser  Salzwässer  sie  nicht  durch 
bstreinigung  verschwinden,  nur  durch  eine  einheitliche  B  e  - 
beitung  ganzer  Flussgebiete  unter  gleichzeitiger  Rücksicht- 
lme  auf  die  besonderen  Verhältnisse  des  Einzelfalles  mit  Aussicht  auf  Erfolg 
leihlich  gelöst  werden.  Privatschäden,  die  hiebei  auftreten,  seien  durch 
Identschädigung  oder  auf  andere  Weise  wieder  gutzumachen.  Die  Zulassung 
r  Ableitung  soll  nur  an  Werke  erfolgen,  deren  Fabrikationsart  bekannt 

und  nur  unter  Berücksichtigung  der  Bedürfnisfrage,  sowie  unter  streng 
zuhaltenden  Bedingungen.  Vor  allem  soll  durch  vereidigte  Beamten  viertel- 
rliche  Kontrolle  über  die  verarbeiteten  Rohsalzmengen,  über  die  Menge  der 
Zeugnisse  und  der  flüssigen  und  festen  Abfallstoffe  sowie  der  Endlaugen 
ttfinden.  Die  salzhaltigen  Abwässer  seien  wasserdichten,  widerstands- 
ligen  Aufhaltebecken  zuzufuhren.  Die  von  dort  in  den  Vorfluter  über- 
tenden  Abwässer  müssen  gekühlt  und  klar,  frei  von  Oel  und  neutral  sein, 
le  freies  Chlor  und  Brom,  mit  salzfreiem  Wasser  verdünnt  sein,  so  dass 
>  spezifische  Gewicht  1,2  nicht  übersteigt.  Ausmündungsrohre  sind  so  zu 
en,  dass  rasche  Vermischung  des  Salzwassers  mit  dem  Flusswasser  sicher¬ 
stellt  ist.  Die  festen  Rückstände  dürfen  oberirdisch  nur  dann  gelagert 
rden,  wenn  deren  Versickerung  keine  Schädigung  bedingt  und  eine  Aus- 
:gung  der  Halden  durch  benachbarte  Flussläufe  nicht  zu  befürchten  ist. 
tntiiche  die  Aufspeicherung  und  Abführung  der  Abwässer  betreffenden  Ein- 
htungen  bedürfen  der  Genehmigung  nach  der  Reichsgewerbeordnung.  Das 
cht  uzr  Ableitung  solcher  Salzwässer  soll  immer  nur  aufi  beschränkte 
itdauer,  im  Höchstfälle  auf  20  Jahre  erteilt  werden. 

Kyeytsurc  F  u  j  i  w  a  r  a  -  Japan:  Ueber  die  Frage  der  Bildung  von 
hlenoxydhämoglobin  bei  der  Methylalkoholvergiitung.  (Aus  der  Unterrichts- 
stalt  für  Staatsarzneikunde  Berlin.) 

Verf.  kann  mit  Rücksicht  auf  die  Ergebnisse  seiner  experimentellen  Unter- 
:hungen  die  Annahme  Curschmanns  nicht  für  zutreffend  halten,  dass 

Hunden,  die  so  grosse  Mengen  Methylalkohol  erhielten,  dass  sie  nach 
nigen  Tagen  eingingen,  Kohlenoxyd  im  Blut  entsteht.  Er  glaubt  nicht,  dass 
i  Methylalkoholvergiftungen  Blutveränderungen  im  Sinne  einer  Kohlen- 
ydvergiftung  auftreten  können.  Methylalkohol  verwandle  sich  im  Organis- 
s  durch  Oxydation  in  Formaldehyd,  Azeton,  Ameisensäure  u.  a.,  es  sei  un- 
hrscheinlich,  dass  bei  einer  derartigen  Vergiftung  Kohlenoxyd  im  Tier- 
rper  gebildet  werde.  Die  Untersuchungen  des  Verfassers  erstreckten  sich 
i  Kaninchen  und  Hunde. 

Otto  Ha  ge -Kiel:  Ueber  Veronalvergiftung.  (Schluss.) 

Behandelt  in  ausführlicher  Weise  die  verschiedenen  bei  Veronalvergiftung 

beobachtenden  Störungen  und  Organschädigungen  an  der  Hand  einer 
ifangreichen  Literatur.  Er  kommt  zu  dem  Schlüsse,  dass  eine  Vergiftung 
t  Veronal  entstehen  kann:  1.  wenn  eine  Idiosynkrasie  gegen  Veronal  be- 
ht,  schon  durch  kleine  oder  mässige  Gaben,  2.  wenn  eine  übergrosse  Dosis 
nommen  ist,  3.  durch  wiederholte  kleine  Dosen.  Das  Vorwiegen  der 
ronalvergiftungen  bei  Frauen  —  nach  bekannten  Feststellungen  ist  das 
tunliche  Geschlecht  mit  25  Fällen,  das  weibliche  mit  52  Fällen  beteiligt  — 
nne  zunächst  Zusammenhängen  mit  der  Vorliebe  der  Frau,  zur  Selbst- 
deibung  eher  zum  Gift  zu  greifen  wie  der  Mann.  Eine  verminderte  Wider- 
indsfähigkeit  der  Frau  gegen  Veronal  sei  bis  jetzt  noch  nicht  mit  Sicherheit 
wiesen.  Männer  seien  allerdings  gegen  die  meisten  Narkotika  sehr 
ustent,  da  sie  bereits  an  eines  derselben,  den  Alkohol,  gewöhnt  seien, 
mit  stimme  auch  die  Beobachtung  über  gute  Verträglichkeit  des  Veronal 
~4  g  innerhalb  12  Stunden)  bei  Delirium  tremens  überein.  Seit  das  Veronal 
m  freien  Verkehr  entzogen,  haben  die  Selbstmordtodesfälle  durch  Veronal 
’sentlich  abgenommen. 

ln  forensen  Fällen  sei,  da  bei  Veronalvergiftungen  keine  charakteristischen 
ganveränderungen  gefunden  werden,  die  Untersuchung  der  Leichenteile  und 
s  Harns  auf  Veronal  vorzunehmen,  dessen  Nachweis  noch  in  faulenden 


Organen  gelinge.  Beachtenswert  sei  forensisch,  dass  nach  Veronalgenuss 
Amnesien  auftreten. 

Curt  Goroncy:  Der  Selbstmord  in  Königsberg  i.  Pr.  (Aus  dem 
Institute  für  gerichtliche  Medizin  in  Königsberg  i.  Pr.) 

Eine  umfangreiche  Arbeit,  in  welcher  das  Vorkommen  von  Selbstmord 
in  der  Stadt  Königsberg  in  statistisch-soziologischer,  anatomischer  und 
psychiatrischer  Forschungsrichtung  behandelt  wird.  Die  Erhebungen  umfassen 
den  Zeitraum  von  1875 — 1918. 

K.  J  o  h  n  -  Görlitz:  Ueber  Darmzerreissungen  durch  stumpfe  Gewalten  in 
gerichtsärztlicher  Hinsicht. 

Auf  Grund  eingehender  Literaturstudien  fasst  John  die  für  den  Ge¬ 
richtsarzt  in  Betracht  kommenden  Richtlinien  in  der  Hauptsache  in  folgenden 
Leitsätzen  zusammen:  Darmzerreissungen  entstehen  durch  breit  oder  um¬ 
schrieben,  direkt  oder  indirekt  auf  das  Abdomen  einwirkende  stumpfe 
Gewalten.  Die  Bauchdecken  bleiben  bei  leichten  und  schweren  Gewalteinwir¬ 
kungen  meist  völlig  unversehrt,  während  der  Darm  unter  Umständen  ge¬ 
quetscht  werden,  bersten  oder  durch  Ueberdehnung  in  seiner  Längsachse 
abgerissen  werden  kann.  Die  sichere  Diagnose  einer  Darmzerreissung  durch 
stumpfe  Gewalt  könne  bei  dem  Mangel  ausgesprochener  Krankheitserschei- 
nungen  am  Lebenden  nur  durch  Laparotomie  gewonnen  werden.  Bei  Be¬ 
urteilung  des  Grades  der  Erwerbsbeschränkung  eines  derartig  Verletzten,  der 
die  Verletzung  überstanden  hat,  habe  man  sich  vorwiegend  nach  dem  allge¬ 
meinen  Kräftezustand  des  Individuums  und  nach  dem  Vorhandensein  eventueller 
Spätfolgen  der  etwa  überstandenen  Peritonitis  zu  richten.  Hie  Diagnose 
„Tod  durch  Darmzerreissung  infolge  Einwirknug  stumpfer  Gewalt“  könne 
der  Gerichtsarzt  nur  nach  Vornahme  der  Obduktion  stellen,  wobei  alle  diffe¬ 
rentialdiagnostischen  Momente  (Vorhandensein  von  Darmgeschwüren)  genau 
in  Erwägung  zu  ziehen  seien.  Besondere  Schwierigkeiten  könne  unter  Um¬ 
ständen  die  Entscheidung  der  Frage  bieten,  ob  der  Tod  des  Verstorbenen 
durch  ein  Verbrechen  oder  durch  Fahrlässigkeit  oder  durch  einen  Unglücksfall 
oder  durch  Selbstmord  zustande  gekommen  ist.  Eine  Körperverletzung,  die 
zur  Darmzerreissung  führen  kann,  müsse  vom  gerichtsärztlichen  Standpunkte, 
auch  wenn  sie  in  Heilung  übergeht,  mindestens  als  gefährlich  im  Sinne 
des  §  223  StGB,  bezeichnet  werden,  bei  Auftreten  von  Spätfolgen  nach 
Peritonitis  als  schwere  Körperverletzung  mit  'Siechtum  im  Sinne  des 
§  224  StGB. 

W.  G  1  o  e  1,  Polizeiarzt,  München:  Unter  welchen  Umständen  rechtfertigt 
sich  ärztlicherseits  die  Einleitung  eines  Abortes  und  wie  stellt  sich  die 
Rechtspflege  zu  derselben? 

Verf.  behandelt  vorstehende  Frage  von  den  verschiedenen  hiebei  in  Be¬ 
tracht  kommenden  Gesichtspunkten.  Er  kommt  zu  dem  Schlüsse,  dass  der 
medizinische  Abortus,  schon  im  Altertum  bekannt,  erst  seit  Mitte  des  vorigen 
Jahrhunderts  wissenschaftlich  begründete  Indikationen  erhalten  habe.  Indes 
sei  auch  heute  noch  alles  im  Fluss  und  der  individuellen  Auffassung  des 
Einzelnen  sei  in  den  Grenzen  der  strengen  Wissenschaftlichkeit  immer  noch 
ein  weiter  Spielraum  gelassen.  Unter  den  Krankheiten,  die  Anlass  zu  Er¬ 
wägungen  über  die  Notwendigkeit  eines  Abortus  abgeben,  stehe  die  Tuber¬ 
kulose  an  erster  Stelle,  Herz-  und  Nierenerkrankungen  folgen  in  weiterem 
Abstand,  Chorea  und  Hyperemesis  seien  noch  als  wichtig  zu  nennen.  Die 
soziale  Indikation  zur  Schwangerschaftsunterbrechung  zu  vertreten,  könne  den 
Aerzten  als  den  natürlichen  Anwälten  der  Armen  und  da  nach  V  i  r  c  h  o  w 
die  soziale  Frage  zu  einem  erheblichen  Teile  in  deren  Jurisdiktion  falle, 
zugestanden  werden.  Das  Gleiche  müsse  von  der  Notzuchtsindikation  gesagt 
werden.  Der  medizinisch  indizierte  Abortus  müsse  nach  allge¬ 
meiner  Rechtsanschauung  und  dem  gesunden  Menschenverstand  straflos 
bleiben,  geschehe  er  doch  zu  der  vom  Sinne  des  Gesetzes  gebilligten,  vom 
menschlichen  Empfinden  befohlenen  Rettung  eines  Menschenlebens,  das  unbe¬ 
dingt  höher  einzuschätzen  als  das  der  Frucht.  Starre  Grundsätze  für  die 
Indikation  zum  künstlichen  Abort  gesetzlich  festzulegen  sei  unmöglich,  für  keinen 
Fall  dürfe  die  medizinische  Wissenschaft  unter  amtliche  Aufsicht  gestellt 
werden. 

James  B  r  o  c  k  -  Petersburg:  Haben  Kinder  Wollustempfinden  während 
an  ihnen  verübter  Notzucht? 

Verf.  glaubt  diese  Frage  bejahen  zu  müssen  auf  Grund  gemachter  Be¬ 
obachtung  des  Verhaltens  zweier  Kinder  unmittelbar  nach  dem  an  ihnen 
verübten  Verbrechen.  In  dem  einen  Falle,  bei  dem  der  Damm  bis  zum 
Rektum  zerrissen  war,  gab  das  5  Jahre  alte  Mädchen  auf  die  Frage, 
ob  es  heftige  Schmerzen  während  der  Tat  empfunden  habe,  zur  Antwort: 
Anfangs  wohl,  dann  aber  nicht  mehr.  Br.  ist  der  Anschauung,  dass  die 
sexuelle  Ekstase  während  der  Wollustempfindung  den  durch  die  Verletzung 
der  Genitalien  verursachten  Schmerz  übertönen  und  das  ganze  Benehmen 
der  Opfer  des  Verbrechens  beeinflussen  könne.  S  p  a  e  t. 

Klinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  2  u.  3. 

Fr.  M  a  r  t  i  u  s  -  Rostock:  Einige  Bemerkungen  über  die  Grundlagen  des 
ärztlichen  Denkens  von  heute.  Nicht  zu  kurzem  Auszug  geeignet. 

R.  C  a  s  s  i  r  e  r  -  Berlin :  Halsmuskelkrampf  und  Torsionsspasmus. 

Einige  vom  Verf.  gemachte  und  näher  mitgeteilte  Beobachtungen 
scheinen  geeignet,  den  echten  Halsmuskelkrampf  in  Beziehung  zu  bringen 
zum  sog.  striären  Symptomenkomplex  (W  i  1  s  o  n).  Vom  2.  Falle  liegt  auch 
die  Sektion  vor.  Man  wird  künftig  in  Fällen  von  Halsmuskelkrampf  darauf 
achten  müssen,  ob  nicht  im  Ablauf  der  Krankheit  sich  in  anderen  Muskel¬ 
gruppen  krankhafte  Erscheinungen  abgespielt  haben,  welche  einen  Hinweis 
abgeben  können,  dass  es  sich  nicht  um  eine  lokalisierte  Krampfform  handle. 

Erich  Meyer-  Göttingen:  Ueber  rektale  Digitalistherapie. 

Nach  den  Erfahrungen  des  Verf.  ist  die  rektale  Digitalistherapie  be¬ 
sonders  in  Fällen  mit  vorherrschender  hepatischer  Stauung  geeignet,  die  intra¬ 
venöse  Injektion  zu  ersetzen  oder  wechselweise  mit  ihr  angewendet  zu 
werden.  Die  Wirkung  der  kleinen  Klysmen  (2 — 3  mal  täglich  1  ccm  Digipurat 
mit  10  ccm  Wasser  in  den  Darm  mittelst  einer  sog.  Glyzerinspritze  einge¬ 
bracht)  ist  häufig  eine  rasche  und  ausgiebige.  Diese  Therapie  empfiehlt  sich 
besonders  bei  Kranken  mit  ungünstig  gelagerten  Venen  und  hochgradigen 
Oedemen,  bei  Embolie-  und  Thrombosegefahr,  sowie  eben  bei  hepatischer 
Stauung. 

H.  K  ö  n  i  g  s  f  e  1  d  -  Freiburg  i.  Br.:  Das  Verhalten  des  Antitrypsins  bei 
Bestrahlungen  mit  künstlicher  Höhensonne. 

Aus  den  mitgeteilten  Untersuchungen  ergibt  sich,  dass  bei  Bestrahlungen 
dieser  Art  Veränderungen  im  Antitrypsingehalt  des  Blutes  nachzuweisen  sind, 
welche  aber  sekundär  von  Veränderungen  in  der  Zahl  der  polymorphkernigen 
Leukozyten  abhängig  sind. 


250 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Th.  v.  Jaschke  -  Giessen:  Die  Leistungsfähigkeit  der  Lumbalanästhesie 
in  der  Gynäkologie. 

Die  an  der  dortigen  Klinik  gemachten  Erfahrungen  mit  der  Tropakokain- 
anästhesie  sind  im  ganzen  durchaus  gute,  so  dass  Verf.  zu  einem  anderen 
Verfahren  nicht  überzugehen  wünscht!  Das  Tropakokain  scheint  vor  dem 
Stovain  und  Novokain  den  Vorzug  grösserer  Ungefährlichkeit  und  vielleicht 
auch  geringerer  Nachwirkungen  zu  haben.  Eine  Reihe  einzelner  Erfahrungen 
werden  mitgeteilt. 

E.  G  r  a  f  e  -  Rostock:  Zur  Kenntnis  der  malignen  Lymphdrüsenerkran- 

ku  ngen.  ,  ...... 

Verf.  berichtet  über  7  Kranke  mit  Lymphogranulomatose  (fieberfrei,  ge¬ 
ringe  Anämie),  sowie  3  andere  Fälle  einschlägiger  Art,  bei  welcher  er  ein¬ 
gehende  Stoffwechselversuche  angestellt  hat.  Dieselben  sind  tabellarisch  im 
Original  niedergelegt. 

F.  G  ö  p  p  e  r  t  -  Güttingen:  Beteiligung  der  Hirnhäute  bei  den  fieberhaften 

Infektionen  der  oberen  Luftwege.  . 

Die  mitgeteilten  Beobachtungen  wurden  an  Kindern  im  Alter  von 
4 — 13  »Jahren  gemacht.  Eine  erhebliche  Anzahl  der  Kinder  mit  Affektionen 
der  oberen  Luftwege  zeigte  das  Kernig  sehe  Zeichen,  neben  Kopf¬ 
schmerzen  etc.,  so  dass  eine  meningeale  Beteiligung  zu  erschliessen  war.  Die 
Steifigkeit  verschwand  nicht  immer  zugleich  mit  der  Entfieberung.  Aus  diesen 
Beobachtungen  ergibt  sich  die  Forderung,  solche  Kranke,  die  scheinbar  schon 
genesen  sind,  noch  längere  Zeit  zu  schonen. 

P.  Holzer  und  H.  M  e  h  n  e  r  -  Chemnitz:  Ueber  quantitative  Bili- 
rubinbestimmungsmethoden  im  Blute. 

Nicht  zu  kurzer  Wiedergabe  geeignet. 

H.  B  i  b  e  r  s  t  e  i  n  -  Breslau:  Mammasekretion  und  -krisen  bei  Tabes. 

Den  4  bisher  beschriebenen  Fällen  reiht  Verf.  einen  5.  an.  Es  bestand 
bei  ihm  doppelseitige  dauernde  Milchsekretion,  die  begleitenden  Schmerzen 
kommen  krisenartig. 

Nick-Berlin:  Erfolgreiche  Behandlung  einer  schweren  akuten  Benzol¬ 
vergiftung  durch  Lezithinemulsion. 

Bei  wiederholten  Injektionen  konnten  unangenehme  Nebenwirkungen 
dieser  Behandlung  nicht  beobachtet  werden,  besonders  besteht  die  Gefahr 
einer  Fettembolie  augenscheinlich  nicht. 

H.  Lange:  Ueber  die  Einwirkung  des  Adrenalins  auf  die  Permea¬ 
bilität  von  Muskelfasergrenzschichten. 

Es  zeigte  sich,  dass  das  Adrenalin  in  hohem  Masse  die  Fähigkeit 
besitzt,  die  Durchlässigkeit  der  Muskelfasergrenzschichten  für  gewisse  ein- 
und  austretende  Stoffe  herabzusetzen. 

H.  Lange  und  M.  Simon:  Ueber  Phosphorsäureausscheidung  der 
Netzhaut  bei  Belichtung. 

Die  betreffenden  Versuche  ergaben,  dass  die  Netzhaut  des  Frosches  auf 
Lichtreize  mit  einer  Ausscheidung  von  P-Säure  reagiert. 

A.  Jarisch:  Seife  und  Serum. 

Die  im  pharm.  Institut  der  Universität  Graz  angestellten  Versuche  zeigen 
die  Lipoide  als  die  Regulatoren  des  physikalischen  Zustandes  dfcr  Eiweiss¬ 
körper  und  scheinen  einen  Weg  zu  weisen  für  das  Verständnis  der  vielen 
Zusammenhänge  zwischen  den  Lipoiden  und  physiologischen  und  pathologi¬ 
schen  Vorgängen. 

H.  Curschmann:  Rindenepilepsie  bei  multipler  Sklerose. 

Kasuistische  Mitteilung. 

J.  Zappert  -  Wien:  Die  Behandlung  der  Enuresis. 

Zusammenstellung  und  kritische  Besprechung  der  gesamten  Therapie 
dieser  Erkrankung.  U.  a.  wird  auch  die  Errichtung  von  Dauer-  und 
Sommerheimen  für  blasenschwache  Kinder,  welche  sehr  häufig  völlig  verkehrt, 
nicht  bloss  von  den  Eltern,  behandelt  werden,  in  Vorschlag  gebracht. 

P  r  i  n  z  i  n  g  -  Ulm:  Die  Tuberkulose  nach  dem  Kriege. 

Auch  in  diesem  Aufsatze  wird  der  rasche  Abfall  der  Tuberkulose  im 
2.  Halbjahre  1919  erörtert,  welcher  aber  unter  keinen  Umständen  Veran¬ 
lassung  geben  darf,  im  Kampfe  gegen  diese  Krankheit  nachzu)assen.  Von 
einer  allgemeinen  Anzeigepflicht  erwartet  sich  P.  nicht  viel,  die  Hauptsache 
ist  eine  gute  Ernährung  des  ganzen  deutschen  Volkes. 

Herrn,  v.  Voss- Berlin:  Ueber  den  gegenwärtigen  Stand  der  Frage 
der  Entstehung  der  Arten. 

Artikel  zum  100.  Geburtstage  von  A.  R.  W  a  1 1  a  c  e. 

Nr.  3. 

L.  A  s  h  e  r  -  Bern:  Prinzipielle  Fragen  zur  Lehre  von  der  inneren  Se¬ 
kretion.  Uebersichtliche  Besprechung  des  Themas. 

E.  R  e  i  s  s  ••  Frankfurt  a.  M.:  Die  pathologische  Physiologie  der  chro¬ 
nischen  Obstipation.  Fortbildungsvortrag. 

A.  B  i  c  k  e  1  -  Berlin:  Experimentelle  Untersuchungen  über  den  Einfluss 
der  Vitamine  auf  Verdauung  und  Stoffwechsel  und  die  Theorie  der  Vitamin¬ 
wirkung. 

Aus  Experimenten  ist  zu  folgern,  dass  bei  avitaminöser  Ernährung  das 
Sekretionsvermögen  der  Magendrüsen  nicht  gestört  ist,  dass  aber  das  betr. 
avitaminöse  NahrungSgemisch  keine  Sekretionsreize  ausübt.  Trotzdem  ist 
die  endliche  'Zerlegung  der  Nahrung  im  Darm  und  die  Resorption  von  seiten 
<)er  Darmwand  nicht  gestört.  Aus  Versuchen  ist  weiter  zu  folgern,  dass 
das  Vitamin  die  Körperzellen  zur  Assimilation  der  Nahrung  befähigt,  während 
Vitaminmangel  dieses  Vermögen  weitgehend  erschöpft.  Diese  Minderung 
des  Bindungsvermögens  gilt  auch  für  den  Mineralstoffwechsel,  wenn  die 
Vitamine  entzogen  werden. 

G.  Katsch  und  L.  v.  F  r  i  e  d  r  i  c  h  -  Frankfurt  a.  M.:  Bauchspeichel¬ 
fluss  auf  Aetherreiz. 

Einführung  einer  kleinen  Aetherdosis  ins  Duodenum  rief  in  den  betr. 
Versuchen  ausnahmslos  einen  reichlichen  Erguss  von  Pankreassaft  hervor. 
Auch  die  Fermentproben  erwiesen  sich  im  allgemeinen  als  gesteigert.  Auch 
bei  funktionellen  Hypochylien  des  Pankreas  erhält  man  auf  Aetherreiz  reich¬ 
lich  Bauchspeichel,  bei  Achylia  gast,  ist  das  Verhalten  wechselnd.  Unter 
5  Diabetikern  zeigte  sich  nur  bei  1  im  Duodenalinhalt  eine  wesentliche  Min¬ 
derung  des  Gehaltes  an  Trypsin  und  Steapsin. 

E.  Wolff:  Zur  Förderung  der  Röntgendiagnose  des  subkardialen  Ulcus 
an  der  kleinen  Kurvatur  durch  die  linke  Seitenlage. 

Die  durch  die  bezeichnete  Methode  erreichbaren  Vorteile  werden  durch 
Mitteilung  verschiedener  Fälle  illustriert.  Die  Untersuchung  in  linker  Seiten¬ 
lage  kann  das  Röntgenbild  eines  Ulcus  ermöglichen,  das  sonst  durch  keine 
andere  diagnostische  Methode  zu  erkennen  wäre.  Vergleiche  die  Abbildungen 
im  Original! 

Hans  '  O  p  i  t  z  -  Breslau:  Der  Blutzuckerspiegel  nach  intravenösen  In¬ 
fusionen  hochprozentiger  Traubenzuckerlösungen  beim  Kinde. 


Die  Resultate  dieser  Untersuchungen  sind  in  Tabellen  und  Kurve 
niedergelegt.  Für  das  Kindesalter  liegen  derartige  Untersuchungen  noch  nicli 
vor.  Die  unmittelbare  Folge  der  Injektion  ist  ein  gewaltiger  Anstieg  de 
Blutzuckers,  doch  sinkt  dieser  in  Kürze  wieder  zurück,  ein  diuretischi  i 
Effekt  trat  in  4  von  5  untersuchten  Fällen  hervor.  Die  Injektionen  werde  | 
von  z.  T.  sehr  erheblichen  Temperatursteigerungen  begleitet.  Ein  Einflu: 
auf  die  Erkrankung  konnte  in  keinem  der  betr.  Fälle  beobachtet  werde:  j 

E.  Vey- Giessen:  Zur  Kasuistik  der  Ovarialtumoren  als  Kompllkathi 
von  Schwangerschaft  und  Geburt.  .  .  .  „ 

Aus  4  mitgeteilten  Fällen  wird  gefolgert:  Bei  einem  in  der  Schwange! 
schaft  erkannten  Tumor  wird  abgewartet,  bis  eine  Anzeige  zu  aktive: 
Handeln  eintritt.  ebenso  unter  der  Geburt.  Bei  eintretender  Indikati« 
sofortige  Operation,  ohne  Rücksicht  auf  den  Schwangerschaftsmonat.  Oper; 
tionsmethode  ist  am  besten  die  Laparotomie.  Doppelseitige  1  umoren  sin f 
sofort  zu  entfernen. 

ü.  Deusch  -  Rostock :  Erfahrungen  mit  dem  Friedmann  sehe 
Tuberkulosemittel  in  der  Behandlung  der  Lungentuberkulose. 

Die  Ergebnisse  waren  in  Hinsicht  auf  einen  Dauererfolg  wenig  bi 
friedigend.  Die  Tuberkulose  verlief,  vielfach  nach  vorübergehender  Bessi 
rung,  auf  die  Dauer  unbeeinflusst  von  dem  Mittel.  Es  liegen  auch  Erfal 
rungen  vor,  dass  der  wesentliche  Vorzug  des  Verfahrens,  die  einmalig 
Einspritzung,  nicht  zureichend  ist.  Bezüglich  der  Theorie  der  Wirkuri 
scheint  es  sich  um  einen  Einfluss  zu  handeln  ähnlich  dem  bei  der  Proteiifl 
kürpertherapie. 

A.  Buschkc  und  E.  Langer-  Berlin:  Ueber  die  WirkungsweisH 
und  das  Altern  des  Vakzins  (speziell  bei  Gonorrhöe). 

Die  Verfasser  gingen  zur  Nachprüfung  der  Vakzinetherapie  vor  einml 
durch  klinische  Verwendung  und  durch  Prüfung  der  von  ihnen  hergestclltt 
Vakzine  und  der  verschiedenen  Fertigfabrikate.  Sie  sahen  aus  den  Ve  I 
suchen,  dass  das  frische  Vakzin  besser  wirkt  als  das  alte.  Das  Altern  scheii 
von  2  Faktoren  abhängig  zu  sein,  einmal  von  der  Konservierungsform  ut  j 
dann  von  der  speziellen  Empfindlichkeit  der  betr.  Bakterienleiber.  D  { 
Gonokokken  zerfallen  z.  B.  viel  rascher  als  die  Typhusbazillen.  Die  Techn 
bei  der  fabrnkmässigen  Herstellung  der  Vakzine  ist  einer  Durchprüfung  *j 
unterziehen. 

N.  A.  Bolt  und  P.  A.  H  e  e  r  e  s  -  Groningen:  Physikalisch-chemlscL 
Untersuchungen  über  die  Bildung  von  Gallensteinen. 

Verf.  wählten  als  Versuchsobjekt  die  überlebende  Froschleber  ur|| 
sahen  bei  Durchströmung  mit  modifizierter  Ringerlösung  im  Sekret  d; 
Auftreten  von  ziemlich  steinartig  strukturierten  Massen.  Diese  bestände!) 
zum  grössten  Teil  aus  Cholesterin. 

G.  Hennig:  Tierexperimentelle  Untersuchungen  an  Rekurrenssplr 
chäten. 

An  weissen,  mit  afrikanischer  Rekurrens  geimpften  und  anatomisch  ve  j 
arbeiteten  Mäusen  untersuchte  der  Verf.  die  Untergangsformen  der  Rekurren  i 
Spirochäten  systematisch,  und  zwar  in  ihrem  Verhalten  in  verschiedene! 
Organen. 

G.  Miesch  er:  Die  Chromatophoren  in  der  Haut,  des  Menschen.  II 
Wesen  und  die  Herkunft  ihres  Pigmentes. 

Die  Chromatophoren  sind  die  kutanen  Pigmentzellen,  ihr  Pigment  stamri 
aus  der  Epidermis.  Bei  allen  Pigmentalterationen  der  Haut  geht  die  Pi 
mentschwankung  in  der  Epidermis  stets  voran,  diejenige  in  der  Kutis  folj 
nach. 

B.  Uedinghoff:  Ein  Fall  von  renalem  Diabetes. 

Kasuistische  Mitteilung. 

P  e  r  t  h  e  s  -  Tübingen:  Die  funktionellen  Ergebnisse  der  Sehnenoperatie 
bei  irreparabler  Radialislähmung. 

44  von  Verf.  operierte  Fälle  werden  dieser  Untersuchung  zugruncj; 
gelegt,  deren  technische  und  sonstige  Einzelheiten  im  Original  zu  vergleicht); 
sind. 

G.  A.  R  o  s  t  -  Freiburg  i.  Br.:  Zur  Behandlung  der  Frühsyphilis. 

Verf.  erörtert  Grundsätzliches  über  die  Biologie  und  die  Methodij 
(Fortsetzung  folgt.) 

A.  E  c  k  s  t  e  i  n  -  Freiburg  i.  Br.:  Zum  Mutterschutzproblem. 

Beobachtungen  an  einem  Heim  für  ledige  Mütter  und  Säuglinge  ergebe, 
dass  die  Geburtsgewichte  der  Kinder  jener  Frauen,  welche  vor  der  Entbindui. 
annähernd  2  Monate  im  Heim  waren,  höher  waren  als  von  nicht  derart  g 
pflegten  Frauen.  Schwere  körperliche  Arbeit  bis  zum  Schluss  der  Schwange 
schaft  kann  das  Geburtsgewicht  ungünstig  beeinflussen.  In  Bezug  auf  d 
Stilltüchtigkeit  der  Frauen  in  dem  Heim  wurden  keine  günstigen  Erfahrung! 
gemacht.  Das  lag  in  der  psychischen  Einstellung  der  ledigen  Mütter  zu 
Stillgeschäft  resp.  zur  Stillpflicht. 

F  1  o  r  s  c  h  ü  t  z  -  Gotha:  Konstitutionslehre  und  Lebensversicherung 
medizin. 

M.  v.  P  f  a  u  n  d  1  e  r  -  München:  Ueber  Gewebsverkalkung. 

Ein  Sammelbericht. 

CI.  du  Bois-Reymond  -  Potsdam:  China  und  die  deutsche  Medizi 

Grassmann  -  München. 

Deutsche  Medizinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  3  und  4. 

F.  Sauerbruch  und  M.  L  e  b  s  c  h  e  -  München:  Die  Behandlui 
bösartiger  Geschwülste.  Fortbildungsvortrag.  (Fortsetzung  folgt.) 

P.  S  u  d  e  c  k  -  Hamburg:  Die  Pharynxsprache  bei  Laryngektomiertc 

Nach  einer  Demonstration  im  Aerztl.  Verein  in  Hamburg  11.  X.  19) 
(Bericht  in  M.m.W.  1921  Nr.  42). 

R.  E  d  e  n  -  Freiburg:  Die  Bedeutung  der  gruppenweisen  Hämagglu 
nation  für  die  freie  Transplantation  und  über  die  Veränderung  der  Agglutln 
tionsgruppen  durch  Medikamente,  Narkose,  Röntgenbestrahlung. 

Vor  jeder  Bluttransfusion  ist  nach  Möglichkeit  das  Blut  sowohl  d 
Empfängers  als  des  Spenders  auf  Agglutination  zu  prüfen;  Medikament 
Narkose  und  Röntgenbestrahlung  können  eine  Aenderung  der  Agglutination 
bedingungen  hervorrufen.  Durch  die  Feststellung,  zu  welcher  Agglutination 
gruppe  (die  von  Brem  modifizierte  M  ö  s  s  sehe  Methode  unterscheid 
4  verschiedene  Gruppen)  Spender  und  Empfänger  gehören,  ist  eine  sehne 
und  sichere  Weise  der  Orientierung  über  die  Brauchbarkeit  des  Spende 
blutes  gegeben. 

H.  O  p  i  t  z  -  Breslau:  Ueber  moderne  Diphtherieprophylaxe. 

Nach  einem  auf  Veranlassung  des  Ver.  f.  Inn.  Med.  und  Kinderhlk. 
Berlin  (pädiatr.  Sektion)  am  14.  XI.  1921  gehaltenen  Vortrage  (Bericht 
I  M.m.W.  1921  Nr.  48). 


■'ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


251 


E.  Epstein  und  F.  Pa  ul- Wien:  Ueber  die  chemische  Zusatnmen- 
ng  der  bei  den  serologischen  Luesreaktionen  gebildeten  Flocken. 

Die  bei  der  Meinickereaktion  gebildeten  Flocken  bestehen  ebenso  wie 
ler  Sachs-Qcorgi-  und  Wassermannreaktion  aus  Lipoiden  und  nicht  aus 
iss,  wie  jüngst  Klostermann  und  W  e  i  s  b  a  c  h  angegeben  hatten 

1921  Nr.  37). 

A.  A  u  e  r  -  Karlsruhe  i.  B.:  „Novalgin“  ein  neues  Antipyretikum  und 

'etikum. 

Novalgin  (Meister,  Lucius  und  Brülning)  ist  ein  neues  Pyrazolonderivat, 
Pyramidon  und  Melubrin  nahe  verwandt;  es  kann  per  os,  subkutan, 
muskulär  und  intravenös  gegeben  werden  ohne  alle  störenden  Neben- 
ungcn.  Es  besitzt  in  erster  Linie  antipyretische,  dann  aber  auch  anti- 
.istische  und  analgetische  Eigenschaften.  Die  intravenöse  Dosis  beträgt 
-1,0  g.  Indikationen  sind  akute  und  chronische  Polyarthritis,  Muskel- 
natismus  und  Ischias. 

B.  T  ö  p  1  e  r  -  Berlin:  Ueber  Blutreinfusion  bei  24  Fällen  von  Graviditas 

uterina  rupta. 

Das  aus  der  Bauchhöhle  ausgeschöpfte  und  durch  8  fache  Mullschicht 
•rte  Blut  wird  mit  NaCl-Lösung  im  Verhältnis  1:  1  verdünnt,  ohne  De- 
ierung  und  ohne  Zitratzusatz  in  die  Vena  mediana  einlaufen  gelassen, 
liehe  24  Fälle  wurden  rasch  geheilt. 

J.  Duken-Jena:  Zur  Frage  des  „allgemein  verbreiteten“  Emphysems. 
Das  interstitielle  Emphysem  tritt  nur  bei  sehr  vermehrter  Exspiration  auf. 
A.  S  t  ö  c  k  e  r  -  Jassy :  Cholesteringehalt  der  K  u  p  f  f  e  r  sehen  Stern- 
i.  Flistochemische  Reaktion. 

In  Forrnol  fixierte  Gefrierschnitte  lassen  durch  Auftropfen  konzen- 
,er  Schwefelsäure  das  Sternzellennetz  sehr  deutlich  tiefbraun  gefärbt  er- 

en. 

S.  S.  Scmenow-Stara  Zagora:  Fall  von  Myelitis  gripposa  acuta 

mscripta  adhaesiva.  Kasuistik. 

R.  K  o  v  j  a  n  i  c  -  Krusevac:  Zur  Behandlung  des  chronischen  Magen- 

iwürs. 

Empfehlung  eines  Pulvers  von  folgender  Zusammensetzung; 

Bismut.  subgall.  10,0 

Bismut.  subsalicyl.  40,0 

25  Proz.  Magnes.  peroxyd.  50,0 

3  mal  täglich  1,0  g,  vor  der  Mahlzeit  zu  nehmen. 

K.  Scheel-  Charlottenburg:  Unzuverlässige  Thermometer. 

Solche  Thermometer  sind  heute  zahlreicher  als  man  glaubt.  Zur  Ver- 
lung  sollten  nur  amtlich  abgestempelte  Thermometer  kommen. 

T  u  n  g  e  r  -  Leipzig:  Zur  Brandwundenbehandlung. 

Das  in  Aegypten  kennen  gelernte  Präparat  hatte  ausgezeichnete  Wir- 


/J-Naphthol  resubl. 

0,25 

^01.  Eucalypt. 

2,0 

Ol.  oliv. 

5,0 

Paraffin,  moll. 

25,0 

Paraffin,  dur. 

67,75. 

Das  geschmolzene  Präparat  wird  auf  die  Wunden  aufgepinselt. 

L  a  s  s  a  r  -  C  o  h  n  -  Königsberg:  Eine  abgeänderte  Form  des  Saccharo- 

rs. 

E.  K  r  e  t  s  c  h  m  e  r  -  Tübingen:  Der  heutige  Stand  der  klinischen 
hiatrie.  Uebersicht. 

W.  L  i  e  p  m  a  n  n -  Berlin:  Gynäkologische  Ratschläge  für  den  Praktiker. 
Nr.  4. 

W.  U  h  t  h  o  f  f  -  Breslau:  Zur  Aetiologie  und  Behandlung  der  Netzhaut- 

mng. 

Die  idiopathische  Netzhautablösung  entsteht  entweder  durch  primäre 
se  oder  serösfibrinöse  subretinale  Exsudation  oder  Transsudation,  oder 
h  sekundäre  Ansammlung  von  Flüssigkeit  hinter  der  Netzhaut  infolge 
körperschrumpfung.  In  61  Proz.  der  Fälle  fand  sich  die  Netzhaut- 
;ung  bei  höheren  Graden  von  Myopie.  Die  Behandlung  besteht  zunächst 
uhe.  Druckverband.  Diaphorese.  Als  operative  Behandlung  kommen  in 
acht:  Punktion  oder  Durchschneidung  der  abgelösten  Netzhaut,  Skleral- 
tion  im  Bereiche  der  abgelösten  Netzhaut,  Hervorrufung  von  adhäsiven 
iindungen  im  Bereiche  der  Ablösungsstelle,  subkonjunktivale  und  intra- 
uläre  Kochsalzinjektionen  (2 — 5  proz.)  uam.  Die  Erfolge  sind  unsicher. 
351  dauernd  wieder  angelegten  Netzhautablösungen  heilten  31  Proz. 
Behandlung.  45  Proz.  mit  konservativer,  24  Proz.  mit  operativer  Be- 
lung.  Im  Ganzen  heilen  etwa  8 — 10  Proz.  der  Fälle. 

A.  J  e  s  s  -  Giessen:  Die  Verkupferung  des  Auges. 

Nach  Eindringen  kupferhaltiger  Messingsplitter  in  das  Auge  kommt  es 
längerer  Zeit  zu  einer  zarten,  grünen,  sonnenblumenförmigen  Trübung 
Linse,  die  nur  im  auffallenden,  nicht  aber  im  durchfallenden  Lichte 
bar  ist.  Als  Ursache  findet  sich,  wie  auch  ein  histologisch  untersuchtes 
arat  zeigte,  eine  Ablagerung  feinster  punktförmiger  und  scholliger,  grün¬ 
gelber  Partikel  zwischen  vorderer  Linsenkapsel  und  dem  einschichtigen 
elepithel. 

W.  U  f  f  e  n  o  r  d  e  -  Göttingen:  Die  Prüfung  des  Hörnervenapparates 

der  c -Stimmgabel. 

Die  c5-Stimmgabel  ist  die  letzte  in  der  aufsteigenden  Tonreihe,  die 
Bestimmung  der  Hördauer  für  die  quantitativen  Prüfungen  der  Hörschärfe. 

in  Betracht  kommt;  ihre  Tondauer  beträgt  30".  Eine  normale  Hör- 
r  für  c5  (untere  normale  Grenze  25")  schliesst  eine  Störung  am  Hör¬ 
enapparat  aus. 

F.  Sauerbruch  und  M.  Lebsche  -  München:  Die  Behandlung  der 

rtigen  Geschwülste. 

Fortbildungsvortrag  (Fortsetzung  aus  Nr.  3;  ein  III.  Artikel  folgt). 

R.  S  t  a  h  1  -  Rostock:  Zur  Therapie  des  Ulcus  ventrlculi  perforatum  mit 
ung  eines  subphrenischen  Gasabszesses  (Pyopneumothorax  subphrenicus). 
Spontanheilung  einer  mit  Abszessbildung  einhergehenden  Perforation 
$  Magengeschwürs  unter  das  Zwerchfell  ist  als  Ausnahme  zu  betrachten, 
die  Therapie  ergibt  sich  daraus  die  Forderung  rechtzeitiger  Operation. 

G.  Oed  e  r -  Dresden:  Der  Index  ponderis  des  menschlichen  Ernährungs¬ 
andes  und  die  Quäkerspeisung. 

Der  neuerdings  von  Huth  empfohlene  Index,  wirkliches  Gewicht: 
Länge  entsprechendes  Normalgewicht,  ist  im  wesentlichen  nichts  anderes 
der  vom  Verf.  schon  1910  aufgestellte  Index  Istgewicht:  Sollgewicht. 

L-  F  i  n  k  e  1  s  t  e  i  n  -  Kowno:  Studien  über  Fleckfieber. 

Das  Fleckfieber  ist  eine  Gefässerkrankung  und  schädigt  -als  solche 
diene  Organsysteme,  in  erster  Linie  Herz,  Nervensystem  und  Nieren. 


Für  die  Frühdiagnose  wichtig  scheint  die  Verdumpfung  der  Herztöne, 
namentlich  an  der  Spitze  und  die  Temperatursenkungszacke  am  3.  Tage, 
ln  der  Therapie  steht  frühe  Digitalisdarreichung  an  erster  Stelle. 

M.  M  ö  1  1  e  r  -  Berlin :  Zur  Prüfung  der  Korneal-  und  Rachenreflexe. 

Scheinbar  fehlender  Korneal-  und  Rache-nreflex  stellt  sich  ein,  wenn 
bei  dem  Untersuchten  ein  leichter  Labyrinthschwindel  dadurch  hervorgerufen 
wird,  dass  man  in  liegender  Stellung  den  Oberkörper  tiefer  lagert  und 
den  Kopf  etwas  nach  hintenüber  beugt.  Bau  m  -  Augsburg. 

Medizinische  Klinik.  Heft  5. 

R.  Co  bet -Jena:  Therapeutische  Eingriffe  bei  Pleuraerkrankungen. 

Zusammenfassender  Vortrag  mit  praktisch  wichtigen  Erörterungen  über 
die  Indikationen  und  die  Technik  der  üblichen  Pleurapunktion,  der  offenen 
Punktion  usw. ;  Besprechung  der  tuberkulösen  Pleuraergüsse  und  ihrer  Be¬ 
handlung.  Die  individualisierende  Behandlung  der  Pleuraempyeme  durch 
Punktion  oder  Rippenresektion  wird  klar  und  für  den  Praktiker  erschöpfend 
dargelegt. 

R.  W  a  g  n  e  r  -  Wien  und  .1.  K.  P  a  r  n  a  s  -  Lemberg:  Zur  Korrelation 
der  Blutdrüsen. 

Aus  den  vielseitigen  Untersuchungsbefunden,  -die  bei  einem  bemerkens¬ 
werten  Fall  von  Lebererkrankung  unter  -den  verschiedensten  Versuchs¬ 
bedingungen  erhoben  wurden,  ergibt  sich  der  Schluss,  dass  der  Schilddrü’se 
eine  bedeutende  Rolle  im  Zuckerstoffwechsel  zukomme.  Im  einzelnen  ist  die 
Korrelation  von  Schilddrüse-Leber-Pankreas  in  vorliegendem  Falle  noch 
keiner  einwandfreien  Deutung  zugänglich  gewesen. 

Umfrage  über  die  neue  Iniluenzaepidemie. 

In  den  vorliegenden  Antworten  wird  übereinstimmend  das  Vorherrschen 
einer,  oft  recht  schmerzhaften,  augenscheinlich  umschriebenen  Tracheitis. 
zusammen  mit  Pharyngitis  betont.  Zur  Prophylaxe  könnte  dreimal  täglich 
0,2  Chinin  versucht  werden. 

Ueber  die  Behandlung  des  septischen  Abortes. 

H.  K  r  i  t  z  1  e  r  -  Erbach  i.  O. :  Die  Feststellung  des  Kopfstandes  bei  der 
geburtshilflichen  Untersuchung. 

Zu  leicht  täuscht  sich  der  weniger  Erfahrene  über  die  Höhe  des  Kopf¬ 
standes  im  Becken  und  glaubt  den  Versuch  einer  Zange  wagen  zu  können, 
wo  der  Kopf  noch  zu  hoch  steht;  und  von  der  hohen  und  ganz  hohen  Zange 
sollte  der  Durchschnittspraktiker  Abstand  nehmen.  Für  die  Beurteilung  des 
Kopfstandes  werden  verschiedene  Anhaltspunkte  und  Handgriffe  angegeben. 

H.  W.  W  o  1 1  e  n  b  e  r;g  -  Berlin;  Zur  Frage  der  Sexualität  bei  spora¬ 
dischem  Kretinismus. 

Der  beschriebene  Fall  von  infantilem  Myxödem  war  dadurch  ausge¬ 
zeichnet,  dass  nicht  nur  die  Geschlechtsmerkmale  gut  ausgebildet  und  die 
Periode  seit  dem  18.  Lebensjahr  regelmässig  eingetreten  war  —  ganz  un¬ 
abhängig  von  der  zeitweise  angewandten  Schilddrüsentherapie  — ,  sondern 
dass  auch  die  Kranke  dreimal  äusserst  leicht  konzipierte. 

J.  B  1  o  c  h  -  Berlin ;  Vier  Jahre  weiterer  Erfahrungen  mit  Testogan  und 
Thelygan. 

Gegen  alle  Arten  von  Ausfallserscheinungen  beim  Mann  und  bei  der 
Frau  wirksam.  „Nicht  zu  grosse  Dosen  und  nicht  zu  kurze  Behan-dlungs- 
d-auer!“ 

W.  Zweig- Wien;  Die  Behandlung  der  chronischen  Obstipation  mit 
Paraffin. 

Das  flüssige  Paraffin  hat  sich  als  Gleit-  und  Schiebemittel  sehr  gut  be¬ 
währt.  An  seiner  Stelle,  da  jetzt  zu  teuer,  wird  das  Christolax  Dr.  Wander. 
50  proz.  Oleum  paraffini,  empfohlen. 

F.  v.  Guttfeld  und  E.  W  e  i  g  e  r  t  -  Berlin:  Praktische  Versuche  zur 
Liquordiagnostik  mittels  Kongorubin. 

Die  bisherigen  Versuche  haben  zu  keinem  brauchbaren  Ergebnis  geführt. 
Die  Eigenschaften  des  Kongorubin  berechtigen  aber  trotzdem  zu  der  Hoffnung, 
dass  es  mit  anderer  Technik  gelingt,  das  Kongorubin  zur  klinischen  -Liquor¬ 
untersuchung  zu  verwenden. 

B  1  ü  h  d  o  r  n  -  Göttingen :  Die  akuten  infektiösen  Magen-Darmerkran¬ 
kungen  des  Säuglingsalters. 

Paratyphus  und  Abdominaltyphus.  S. 

Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  3.  L.  H  e  s  s  und  R.  R  e  i  1 1  e  r  -  Wien:  Ueber  innere  Antisepsis. 

Die  Versuche  betreffen  das  Problem,  die  spezifischen  Ambozeptoren  der 
Immunsera  als  spezifisch  gerichtete  Träger  von  Desinfizientien  zu  benützen. 

A  m  r  e  i  c  h  -  Wien:  Ein  Fall  von  direkter  Herzmassage. 

Die  Synkope  trat  bei  einer  Sakralanästhesie  ein,  bei  welcher  die  Novo¬ 
kain-Adrenalinlösung  in  den  abnorm  ausgedehnten  Duralsack  eindrang.  Da 
konservative  Mittel  versagten,  wurde  die  direkte  Herzmassage,  Adrenalin¬ 
injektionen  in  den  linken  Ventrikel  neben  der  nie  zu  versäumenden  künst¬ 
lichen  Atmung  und  Kochsalzinfusion  vorgenommen.  Der  Erfolg  war  ein  nur 
vorübergehender,  er  war  anscheinend  wesentlich  den  Adrenalininjektionen 
zu  danken.  Bemerkenswert  ist,  dass  wahrscheinlich  durch  die  zuletzt  recht 
energische  Massage  der  Abriss  eines  Papillarmuskels  bewirkt  wurde. 

W.  Loli- Wien:  Zur  Diagnose  der  Darmtuberkulose. 

Bei  allen  tuberkulösen  Geschwüren  des  Darmes  enthält  der  Stuhl  Blut: 
für  die  Guajak-  und  die  empfindlichere  Benzidinprobe  gibt  L.  Modifikationen 
an.  Eine  stark  positive  Guajakreaktion  sah  L.  bei  Darmtuberkulose  nicht, 
sie  spricht  für  andere  Geschwü're  oder  Karzinom.  Zum  Nachweis  der 
Tuberkelbazillen  im  Stuhl  dient  am  besten  die  S  t  r  a  s  b  u  r  g  e  r  sehe 
Methode.  Er  ist  aber  durchaus  nicht  beweisend  für  Darmtuberkulose,  da  die 
Bazillen  sehr  oft  aus  dem  verschluckten  Lungensekret  stammen. 

T.  Watanabe  -  Prag:  Ueber  die  Natur  des  bakteriophagen  Virus. 

M.  S  t  r  a  s  s  b  e  r  g  -  Wien :  Ueber  eine  neue  Injektionsmethode  des 
Tuberkulins  bei  ausgebreiteter  Hauttuberkulose. 

Aehnlich  dem  Prinzip  der  von  Sahli  geübten  multiplen  Kutan¬ 
reaktionen  verwendet  St.  -multiple  (50 — 60)  intrakutane  Injektionen  von  stark 
verdünntem  (0,1  ccm  AT.  100  fach  verdünnt,  etwa  0,2  ccm  pro  Injektion)  AT. 
Näheres  im  Original. 

R.  H  u  s  s  -  Stockholm:  Einige  Beobachtungen  über  die  Leukozytenzahl 
bei  der  Encephalitis  epidemica. 

Bei  25  Lumbalpunktionen  fand  H.  im  Liquor  -die  für  Grippe  im  allge¬ 
meinen  typischen  Verhältnisse  bei  unkomplizierten  Fällen:  Während  der 
ersten  Fiebertage  eine  mässige  Leukopenie,  nach  dem  Fieberabfall  Leuko- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


252 


Nr. 


zytose,  bei  kompliziertem  Verlauf  progrediente  Leukozytose.  Das  Ansteigen 
der  Leukozytenzahl  während  des  hochfebrilen  Stadiums  auf  7000  8000  weist 

auf  Komplikationen  und  ist  prognostisch  nicht  günstig. 

A.  B  e  1  a  i  -  Mödling:  Beobachtungen  bei  einer  Epidemie  von  Tertiana- 
fieber  in  russischer  Kriegsgefangenschaft. 

Von  einem  Transport  von  Gefangenen,  der  aus  einer  Malariagegend  in 
ein  weit  entferntes  anopheles-  und  malariafreies  Lager  gelangte,  erkrankten 
alle  bis  dahin  Gesunden  nachträglich  noch  an  Malaria  und  zwar  der  letzte 
noch  nach  einem  vollen  Jahr,  so  dass  für  die  Inkubation  eine  Zeit  bis  zu  1  Jahr 
anzunehmen  wäre,  wenn  nicht,  wie  B.  vermutet,  eine  spätere  Uebertragung 
der  Malaria  auf  anderem  Wege,  etwa  durch  Wanzen,  erfolgte.  Die  Spätfälle 
zeigten  geringe  Virulenz.  Andere  klinische  Beobachtungen  über  Verlauf  und 
Behandlung  sind  hier  zu  übergehen.  Injektionen  von  Eigenserum  schienen 
den  Krankheitsverlauf  in  einigen  Fällen  zu  mildern. 

B.  Schick- Wien:  Darmlänge  und  Sitzhöhe. 

Erwiderung  auf  den  Aufsatz  von  J  eil  inegg  in  Nr.  50,  1921. 

M.  M  a  y  e  r  -  Hamburg:  Zur  Behandlung  der  Bilharziakrankheit  mit 
Emetin.  Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von  Ty  Skalas  in  Nr.  48,  1921. 

T  y  Skalas:  Erwiderung  auf  vorstehendes. 

Nr.  4.  W.  Ja  ko  bi- Jena:  Ueber  therapeutische  Versuche  mit  dem 
B  e  n  k  ö  sehen  Jodpräparat  bei  Paralysis  progressiva. 

Von  10  Fällen  von  Dementia  paralytica.  die  mit  Mirion  (1  34 — 434  Monate 
täglich  oder  2  tägig  je  5 — 10  ccm  intramuskulär,  im  ganzen  150 — 550  ccm) 
behandelt  wurden,  zeigten  2  eine  gute,  1  eine  leichte  Remission,  4  blieben 
unverändert,  3  schritten  im  Verfall  fort. 

E.  No  bei- Wien:  Beitrag  zur  Klinik  der  asthenischen  Pneumonie  der 
Säuglinge. 

Ergebnis:  Bei  lebensschwachen,  frühgeborenen  Säuglingen  verläuft  die 
Pneumonie  oft  ohne  die  klassischen  Zeichen  und  ergibt  die  Obduktion  oft 
schwerere  Erscheinungen  als  der  klinische  und  röntgenologische  Befund, 
welche  letztere  beiden  oft  voneinander  abweichen.  Die  klinische  Diagnose 
lautet  häufig  nur  auf  Debilitas  vitae.  Als  klinische  Zeichen  sind  zu  be¬ 
achten:  Gewichtsabnahme,  missfärbige  Haut,  galliges  blutiges  Erbrechen, 
meningeale  Erscheinungen,  Zyanose,  Dyspnoe.  Isolierung  von  ansteckungs¬ 
fähigen  Erwachsenen,  Vermeidung  von  Schnupfenansteckung,  daher  auch 
Unterbringung  der  Wöchnerinnen  und  Kinder  nicht  in  Sälen,  sondern  in 
Zimmern  ist  anzustreben. 

N.  Frank -Pest:  Beiträge  zur  Methodik  der  Sachs-Georgi  sehen 
Reaktion. 

Th.  B  a  r  s  o  n  y  -  Pest:  Ueber  den  Pyiorusrhythmus. 

W.  Nyiri-Wien:  Zur  klinischen  Verwendbarkeit  und  Handhabung  des 
Uroineters  von  Ambard-Hallion. 

Das  Urometer  ist  allen  bisher  angegebenen  Apparaten  mindestens  eben¬ 
bürtig. 

R.  Grünbaum-Wien:  Zur  Technik  der  perineuralen  Injektionen  bei 
Ischias. 

Abweichend  von  den  Angaben  Langes  und  H  ö  g  1  e  r  s  empfiehlt  Gr. 
als  Injektionsstelle  die  Kreuzungsstelle  des  langen  Bizepskopfes  mit  dem 
unteren  Rand  des  ülutaeus  maximus,  ein  typischer  Schmerzpunkt  des 
Ischiadikus,  der  bei  Knieellenbogenlage  hier  auf  kurze  Strecke  sehr  ober¬ 
flächlich  liegt  und  sicher  mit  einer  7 — 8  cm  langen  7Nadel  zu  erreichen  ist. 
Dabei  sind  keine  Muskelschichten  und  keine  grösseren  Gefässe  im  Wege. 
Die  Sicherheit  des  Erfolges  wird  erhöht,  wenn  man  nicht  senkrecht,  sondern 
mehr  parallel  dem  Nervenverlauf  einsticht.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Dänische  Literatur. 

A.  Kissmeyer:  Die  Akridinfarbstoffe  (Trypaflavin,  Proflavin  u.  a.)  in 
der  Hauttherapie.  (Aus  F  i  n  s  e  n  s  mediz.  Lichtinstitut,  Dir.  R  e  y  n.) 
Ugeskr.  f.  Laeger  1921  S.  1399.) 

Verf.  hat  bei  allen  Formen  von  Pyodermien  sehr  gute  Resultate  mit 
1  proin.  Trypaflavinlösung  und  2  prom.  Salben  gehabt. 

Knud  Sand:  „Vasektomie“  beim  Hunde  als  Regenerationsexperiment. 
Ugeskr.  f.  Laeger  1921  S.  1509. 

Verf.  hat  bei  einem  12  jährigen  Hund,  der  sehr  ausgesprochen  senil  war, 
mit  Haarausfall,  Gehör-  und  Gesichtsschwäche  eine  rechtsseitige  Resectio 
epididymitis  und  linksseitige  Vasektomie  gemacht.  Nach  3 — 4  Wochen  be¬ 
deutende  Besserung  und  nach  5  Monaten  ausgesprochene  Regeneration  fast 
aller  Funktionen,  verjüngtes  Aussehen,  normale  Lebhaftigkeit  und  Schnellig¬ 
keit  der  Bewegungen.  Das  Tier  sah  nach  Experten  „3  Jahre  jünger  aus“. 

Christen  Lundsgaard;  Die  klinische  Pulsuntersuchung  bei  Patienten 
mit  unregelmässigem  Puls,  besonders  bei  Arhythmia  perpetua.  (Med.  Uni¬ 
versitätsklinik  B.,  Chef:  Prof.  F  a  b  e  r.)  (Ibid.  1921  S.  1541.) 

Die  Arhythmie  mit  ausgesprochenem  Pulsdefizit  ist  meistens  eine  Arhyth¬ 
mia  perpetua,  doch  kann  man  nicht  immer  ein  Pulsdefizit  als  pathogno- 
monisch  für  diese  Arhythmieform  betrachten.  Das  Verhalten  der  Pulsdefizit¬ 
form  ist  wichtig  für  die  Prognose  quoad  functionem;  in  Beziehung  zur  Pro¬ 
gnosis  quoad  vitam  muss  man  es  wohl  als  ein  schlechtes  Zeichen  ansehen, 
wenn  ein  Pulsdefizit  nicht  während  einer  korrekten  Behandlung  schwindet. 

Arne  Johannessen:  Ueber  qualitativen  und  quantitativen  Nachweis 
von  Blut  im  Urin.  (Aus  der  3.  Abt.  des  Kommunespitals  zu  Kopenhagen, 
Chef:  Prof.  S.  Bang.)  (Ibid.  S.  1613.) 

Verf.  hat  die  Phenolphthaleinmethode  zum  Nachweis  von  Blut  im  Stuhl 
dahin  modiziert,  dass  sie  zum  Nachweis  von  Hämaturie  brauchbar  wird.  Als 
Reagens  benützt  er  die  von  Boas  angegebene  Phenolphthaleinlösung  und 
96  proz.  Alkohol  zu  gleichen  Teilen,  mit  Zusatz  von  1  ccm  Oxydol  zu  9  ccm 
der  Mischung.  Die  Probe  zeigte  sich  sowohl  der  Benzidin-  als  der  Fluoreszin¬ 
probe  überlegen  und  muss  unbedingt  der  Guajakprobe  vorgezogen  werden. 

Thorvald  Hansen:  Der  Einfluss  oberflächeaktiver  Stoffe  auf  die  bak¬ 
terientötende  Fähigkeit  verschiedener  Desinfektionsmittel.  (Aus  dem  Uni- 
versitätsinstitut  für  aMgemeine  Pathologie,  Chef:  Prof.  Salomonsen.) 
(Hospitalstidende  1921  S.  657.) 

Der  Zusatz  von  Methyl-,  Aethyl-  und  Prophylalkohol  wie  auch  von 
Azeton  erhöht  die  desinfizierende  Kraft  von  Salzsäure,  Phenol,  Sublimat  und 
Chromsäure;  der  Zusatz  von  10 — 20  proz.  Aethylalkohol  oder  5 — 10  proz. 
Propylalkohol  vervielfacht  die  Wirkung  dieser  Desinfektionsmittel.  Diese 
Vermehrung  der  Desinfektionsfähigkeit  ist  von  der  Oberflächenspannung 
abhängig. 

Chr.  J.  Baastrup:  Os  Vesalianum  tarsi  und  Fractura  tuberositatis 
ossis  metatarsi  V.  (Ibid.  1921  S.  769.) 

Verf.  findet,  dass  an  der  proximalen  Extremität  des  Os  metatarsi  V  zwei 
epiphysenartige  Bildungen  auftreten:  1.  die  Apophyse,  eine  häufige,  vielleicht 


konstante  schalenförmige  Epiphyse  des  lateroplanaren  Teils  des  Tuber 
2,  der  proximale  Teil  des  Tuber  V  hat  ab  und  zu  eine  Tendenz  zu  ein, 

[  besonderen  Ossifikationszentrum.  Die  Tuberosifas  ossis  mefatarsi  V  c, 

!  spricht  morphologisch,  phylogenetisch  und  ontogenetisch  einem  versehe  , 
denen  Os  tarsale  V  in  der  distalen  Reihe,  so  dass  das  Os  Vesalinum  als  i 
atavistisch  auftretendes  Os  tarsale  V  aufzufassen  ist.  Dass  man  es  so  sei  i 
findet,  lässt  vermuten,  das  das  Os  tarsale  V  früh  in  der  Entwicklung  zugrun. 
gegangen  ist.  Die  Differentialdiagnose  gegenüber  der  Apophyse  und  ei- 
Fraktur  von  Tuber  V  muss  anamnestisch  und  röntgenologisch  gestellt  wert, 

A.  Kissmeyer  -  Kopenhagei  , 


Norwegische  Literatur. 

V.  Mag  n  u  s:  Experimentelle  Untersuchungen  über  die  Aetiologie 

disseminierten  Sklerose.  (Norsk  Magazin  f.  Laegevidenskaben  1921  S.  ? 

Ausgehend  von  den  Versuchen  von  B  u  1 1  o  c  k  über  experimentelle 
zeugung  einer  Paralyse  an  Kaninchen  durch  Einspritzung  von  Zerebrospi, 
flüssigkeit  und  den  Nachweis  von  Kuhn  und  Steiner  einer  Spirochäte 
Blute  der  Versuchstiere  hat  Verf.  ähnliche  Versuche  an  Meerschweinchen 
macht  mit  intraperitonealen  Einspritzungen  von  Sklerotikerblut,  itn  gan 
von  23  Fällen  (an  42  Meerschweinchen  und  7  Kaninchen).  D  i  e  E  i  n  i  m 
fungen  sind  negativ  ausgefallen. 

Sinding-Larsen:  Eine  bisher  unbekannte  Krankheit  der  Patei 
(Ibid.  1921  S.  856.) 

Ebenso  wie  Sven  Johansson  hat  Verf.  2  Fälle  bei  10  und  11  jühri 
Mädchen  gesehen  von  Schmerzen  im  Knie,  beide  Fälle  waren  einsei 
Es  besteht  Druckempfindlichkeit  der  Patella.  Röntgenologisch  konnte  tu 
eine  Unregelmässigkeit  der  Konturen  mit  Kalk-  oder  Knochenschatten  in  jtj 
Weichteilen  vor  der  Patella  nachweisen,  auch  an  der  klinisch  nichtkrani 

„i  r\  Vitt  pn  1  o  Ar!  ur 


Seite.  Verf.  sieht  das  Leiden  als  eine  traumatische  epiphysale  oder  pfl 
ostale  Irritation  an,  wahrscheinlich  wegen  Ueberanstrengung  beim  Sprinjj 
oder  Tanzen.  Die  Prognose  ist  gut;  es  schwindet  in  Ruhe  von  selbst. 

A.  Kissmeyer  -  Kopenhagei 


Vereins-  und  Kongressberichte. 


Altonaer  ärztlicher  Verein. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  26.  Oktober  1921. 

Vorsitzender:  Herr  H  e  n  o  p.  Schriftführer:  Herr  Jen  ekel. 

Herr  Grüneberg  demonstriert  ein  embryonales  Drüsensarkom  r 
Niere  eines  134  jähr.  Kindes,  das  operativ  mit  Erfolg  behandelt  wurde,  Ü 


Sitzung  vom  23.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  H  e  n  o  p.  Schriftführer:  Herr  J  e  n  c  k  e  1. 

Herr  J  e  n  c  k  e  I  demonstriert:  1.  ein  grosses  Ulcus  ieiuni  pepticum. 

36  jähr.  Mann  war  am  18.  VI.  1921  wegen  Ulcus  duodeni  ausgiebig  resezS 
worden.  Einnähung  des  Magenstumpfes  in  das  Jejunum  nach  Reichs 
12  Tage  später  starke  Melaena  2  Tage  lang.  Bluttransfusion  nh 
Oe  h  lecker  hob  das  Allgemeinbefinden.  Am  5.  VIII.  Entlassung  des  Krann 
zur  Nachkur  in  ein  Erholungsheim.  Am  9.  IX.  1921  Wiederaufnahme.  Klan 
über  Magen-  und  zeitweise  einsetzende  heftige  Leibschmerzen,  die  bald  nfl 
seiner  Entlassung  sich  eingestellt  und  sich  allmählich  verschlimmert  häti. 
Klinische  Zeichen  des  Strangulationsileus.  Am  10.  IX.  1921  Laparotor:. 
Durchtrennung  zweier  Stränge,  die  den  Dünndarm  dicht  unterhalb  der  (' 
stranguliert  hatten.  Magenschmerzen  bestanden  weiter.  Wiederauftreten  n 
Melaena.  Starke  Anämie.  Am  17.  IX.  1921  nochmalige  Bluttransfusion  nt 
Oehlecker.  Danach  Anurie.  22.  IX.  1921  Exitus  letalis. 

Die  Sektion  ergab  als  Ursache  der  Melaena  ein  sehr  grosses  Uls 
jejuni  pepticum  an  der  Hinterseite  der  ü.E.  Als  Todesursache  und  züglet 
zur  Erklärung  der  völligen  Anurie  liess  sich  in  den  Nieren  eine  NephrS 
glomerulosa  haemorrhagica,  Blut  in  den  Harnkanälchen  sowie  Hämoglolt- 
Zylinder  in  Rinde  und  besonders  im  Mark  feststellen.  (Folgen  der  Bii 
transfusion  bei  dem  sehr  elenden  Mann.)  Der  Fall  soll  anderweitig  v- 
öffentlicht  werden. 

2.  Zwei  Kranke  mit  ausgedehnten  Hautdefekten,  die  nach  der  H;  • 
pfropfungsmethode  von  Wilh.  Braun  (Berlin)  innerhalb  kurzer  Zeit  wieh 
hergestellt  worden  waren.  Beschreibung  der  Technik  und  Vorzüge  gegj- 
|  über  den  Transplantationen  nach  Thiersch  und  Fedor  Krause. 

Herr  M.  Frank  demonstriert  2  Fälle  von  Uterusperforation. 

Im  ersten  Falle  war  die  Verletzung  wahrscheinlich  durch  kriminjf 
Fruchtabtreibung  verursacht.  Anamnestisch  liess  sich  wegen  des  schweji 
Zustandes  der  Kranken  nichts  erheben.  Der  Fall  wurde  mit  der  Diagnf 
Peritonitis  eingeliefert.  Bei  der  Operation  fand  man  eine  für  die  Fingerku!« 
durchgängige  Perforationsöffnung  der  linken  Fundusecke.  Diffuse  Peritor}! 
und  altes  zersetzes  Blut  in  der  Bauchhöhle.  Bei  der  vorgenommenen  baktei; 
logischen  Untersuchung  fanden  sich  im  Bauchhöhleninhalt  Streptokokken  < 
F  r  a  e  n  k  e  1  sehe  üasbazillen.  Es  wurde  die  supravaginale  Amputation  H 
Uterus  ausgeführt  und  das  Abdomen  ausgiebig  drainiert.  Die  Frau  kj» 
wie  nicht  anders  zu  erwarten  war,  zum  Exitus. 

Das  zweite  Präparat  zeigt  eine  schlitzförmige  Perforation  des  gravii 
■  Uterus  in  der  linken  Seite  in  der  Höhe  des  inneren  Muttermundes,  I1 
ausgedehnter  Darmverletzung.  Die  Perforation  war  gelegentlich  einer  Ab' 
ausräumung  erfolgt  und  es  handelte  sich  um  eine  Schwangerschaft  im  4.  Mot 
Die  Frau  wurde  3  Tage  nach  dem  Eingriff  unter  der  Diagnose  Uterusperforaji 
i  und  dem  klinischen  Bild  der  allgemeinen  Bauchfellentzündung  eingelieit 
Bei  der  Operation  fand  sich  neben  der  Uterusverletzung  eine  Ablösung 
ganzen  Flexur  vom  Mesenterium  bis  hinauf  zur  Flexura  lienalis.  Es  wi  t 
der  Uterus  exstirpiert,  die  ganze  Flexur  reseziert  und  ein  Anus  pra- ' 
angelegt.  Die  Frau  kam  am  nächsten  Tage  zum  Exitus. 

Vortr.  geht  auf  die  Abortbehandlung  ein  und  warnt  vor  allem  vor  > 
Wendung  der  Kornzange.  Voraussetzung  für  eine  erfolgreiche  Behandlung  " 
Abortes  ist  eine  genügende  Erweiterung  des  Zervikalkanals  und  des  Mut' 
j  mundes,  besonders  vom  3.  Monat  ab.  Die  instrumentelle  Ausräumung  ' 
schieht  am  besten  unter  Kontrolle  des  Fingers. 

Hierauf  zeigt  Vortr.  ein  Präparat  von  Tubarabort  und  geht  auf  1 
anatomischen  Verhältnisse  beim  äusseren  und  inneren  Fruchtkapselaufbril 
ein,  bespricht  die  Diagnose  und  Therapie. 


•’ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


253 


Herr  L  i  c  h  t  w  1 1  z:  Ueber  Fettsucht. 

Im  Laufe  der  letzten  zwei  Jahre  ist  eine  auffallende  Häufung  von  Lallen 
gener  Fettsucht  eingetreten.  ''Die  Krankheit  befällt  ausschliesslich  und 
nter  sehr  plötzlich  Frauen,  vorwiegend  des  Alters  zwischen  35  und 
ähren.  Die  Fettverteilung  zeigt  den  Typus  der  Adipositas  genitalis, 
anchen  Fällen  ist  das  Fett  eingewulstet,  in  fast  allen  Fällen  schmerzhaft 
ergang  zur  Dercutn  sehen  Krankheit).  Ausser  der  Fettablagerung  be- 
;n  folgende  Symptome:  Asthenie  (körperliche  und  geistige.  Leistungs- 
ligkeit),  Depressionen,  Rückenschmerzen,  in  die  Beine  einstrahlende 
lerzen  (fälschliche  Diagnose:  Ischias!),  flüchtige  Oedeme.  Die  Beziehungen 
en  Inkretdrüsen  sind  zweifellos  vorhanden.  Obwohl  gelegentlich  Ueber- 
e  zu  Myxödem  Vorkommen,  ist  diese  Adipositas  nicht  als  eine  ausschliess- 
Subthyreose  aufzufassen.  Das  lehren  die  Erfolglosigkeit  oder  der  wenig 
edigende  Erfolg  einer  Schilddrü'senbehandlung.  L.  hat  versucht  zu  analy- 
•n,  inwieweit  die  Hypophyse  und  die  Ovarien  pathogenetisch  beteiligt 
L.  bespricht  die  Theorien  der  endogenen  Adipositas  und  meint,  dass 
Bindegewebe  selbst  eine  selbständigere  Bedeutung  zukommen  könnte, 
mslösende  Ursache  kommen  im  wesentlichen  seelische  Einflüsse  (Aerger, 
en  u.  ä.)  in  Betracht,  wie  sie  die  Kriegs-  und  Nachkriegszeit  mit  sich 
;en.  Zum  Schluss  Erörterung  der  Indikationen  und  Kontraindikationen 
Schilddrüsenbehandlung  und  der  sonstigen  Therapie. 

Herr  Hueter:  Demonstration  einer  Missbildung. 

Fötus  von  38  cm  Länge  mit  Enzephalozele.  Hasenscharte  und  Wolfsrachen, 
daktylie  der  Finger  und  Zehen,  abnormer  Kürze  der  unteren  Extremitäten, 
gel  der  äusseren  Genitalien  bei  Befund  von  Hoden  und  Nebenhoden  in 
Bauchhöhle.  Mangel  der  Harnblase,  polyzystischer  Nierendegeneration  mit 
ler  Endigung  der  Ureteren. 

Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Henop.  Schriftfii'hrer:  Herr  Jenckel. 

Herr  Jenckel  zeigt  1.  einen  Tabiker  mit  frischer,  völlig  schmerzloser 
•Schenkelfraktur  und  älterer,  gut  konsolidierter  Fractura  femoris  supra- 
ylica  des  anderen  Beines.  Die  Gelenke  sind  intakt.  Hier  ist  demnach 
Bild  der  Osteopathia  tabetica  vorhanden. 

Bei  dem  2.  Kranken  handelt  es  sich  um  eine  ausgedehnte  Arthropatliia 
tica  beider  Hüftgelenke,  des  rechten  Schulter-,  Ellbogen-  und  Handgelenkes. 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  25.  Januar  1922. 

Tagesordnung:  Ueber  Salvarsanfragen.  Referenten:  die  Herren 

f  t  e  r,  Arndt  und  K  o  1 1  e. 

Herr  Heffter:  Beim  Salvarsan  handelt  es  sich  um  ein  Arsenpräparat; 
den  Salvarsanschädigungen  vielfach  und  in  erster  Reihe  um  Arsen¬ 
ungen,  wobei  jedoch  zu  beachten  ist,  dass  beim  Kalium  arsenicosum 
6 — 7  mal  kleinere  Dosis  Vergiftungen  bewirkt.  Durch  Oxydation  wird 
Salvarsan  eine  vielfach  vermehrte  Giftigkeit  hervorgerufen,  die  sog. 
nggiftigkeit,  da  sie  z.  T.  auf  mikroskopischen  Sprüngen  im  Glase  beruht, 
en  der  schnellen  Oxydierbarkeit  der  Salvarsanlösungen  ist  in  Deutsch- 
den  Apothekern  die  Abgabe  von  Salvarsanlösungen  verboten.  Neuer- 
s  hat  K  o  1 1  e  das  Sulphoxylatsalvarsan  hergestellt,  das  an  der  Luft  nur 
ig  oxydabel  ist,  und  das,  im  Falle  es  sich  sonst  bewährt,  darum  als  aus- 
sreiches  Präparat  betrachtet  werden  muss.  Die  Diskussion  über  die 
imaldosis  des  Salvarsans  muss  als  überaus  zwecklos  betrachtet  werden, 
l  die  Maximaldosen  sollen  nicht  verhindern,  dass  der  Arzt  die  ihm  richtig 
heinende  Dosis  anwendet,  sondern  sie  sollen  nur  ärztliche  Irrtümer  aus- 
lten,  da  der  Apotheker  die  die  Maximaldosis  überschreitende  Menge  nur 
ben  darf,  wenn  der  Arzt  durch  ein  Ausrufungszeichen  seinen  diesbeziig- 
n  Wunsch  ausdrücklich  zu  erkennen  gegeben  hat.  Die  englische  und 
rikanische  Pharmakologie  kennt  überhaupt  nur  mittlere  therapeutische 
:n  und  keine  Maximaldosen.  Für  Antipyrin  gibt  z.  B.  die  .schweizerische, 
sehe  und  französische  Pharmakopoe  Maximaldosen  an  von  1,  2  und  4  g. 
irtig  grosse  Unterschiede  ergeben  sich  bei  derartigen  Feststellungen,  ohne 
man  darum  annehmen  könnte,  dass  die  einzelnen  Völker  sich  so  ver¬ 
öden  verhalten.  Da  Salvarsan  nur  vom  Arzte  selbst  angewendet  und 
geben  wird,  so  ist  die  Feststellung  einer  Maximaldosis  überflüssig. 

Herr  Arndt  kommt  auf  die  zahllosen  Zeitungsartikel  über  das  Salvarsan 
prechen  und  gibt  seiner  Anschauung  Ausdruck,  dass  die  Sensation  in  der 
arsanfrage  schon  sehr  viel  Schaden  angerichtet  hat  und  dass  sie  bei  den 
enschaftlichen  Diskussionei)  über  die  Salvarsanfrage  unbedingt  ausge¬ 
ltet  werden  muss.  Dann  kommt  er  auf  die  wichtige  Frage  der  Salvarsan- 
digungen  zu  sprechen  und  gibt  als  warmer  Salvarsananhänger  der  An- 
:  Ausdruck,  dass  sich  tatsächlich  in  letzter  Zeit  die  Salvarsantodesfälle 
iuft  haben.  Sie  sind  in  den  Tageszeitungen  und  besonders  von  Kur- 
cherseite  ausführlich  besprochen  worden.  Es  entbehrt  nicht  eines  ge- 
;en  Interesses,  dass  auf  Grund  von-  Krankengeschichten,  welche  in  seiner 
k'.inik  gestohlen  worden  sind,  in  einem  Organ,  wie  das  8-Uhr-Abendblutt 
auch  seinerzeit  als  der  Moniteur  der  Friedmanninteressen  galt,  der  Ref.) 
vere  Angriffe  gegen  ihn  erhoben  wurden.  Eine  Antwort  habe  er  unter 
er  Würde  gehalten,  da  sein  Vorgehen  einwandfrei  gewesen  war  und 
wissenschaftliche  Diskussionen  nicht  in  der  Tagespresse  führe.  Des 
teren  gibt  er  eine  Uebersicht  über  seine  Salvarsantodesfälle.  Im 
e  1914 — 1918  hatte  er  4  Todesfälle:  einen  an  Encephalitis  haemorrhagica 
pura  haemorrhagica)  bei  primärer  seronegativer  Syphilis;  im  2.  Fall 
leite  es  sich  um  kombinierte  Quecksilber-S^Ivarsanbehandlung,  nach  der 
u  einer  fieberhaften  Lebererkrankung  kam:  im  3.  Fall  um  Tod  an  Kollaps 
im  4.  Fall  ebenfalls  um  Tod  an  Kollaps  nach  zweimaliger  Anwendung  von 
0,15  Salvarsan  im  Falle  eines  nichtsyphilitischen  Ekzems,  und  der  Tod 
wahrscheinlich  als  durch  eine  endokrine  Störung  bedingt  anzusehen.  Im 
e  192(1  wurden  24  000  intravenöse  Salvarsaninjektionen  bei  2104  Kranken 
ne  Todesfall  ausgeführt.  Im  Jahre  1921  traten  bei  14  991  ausgeführten 
ivenösen  Salvarsaninjektionen  bei  1903  Kranken  8  Todesfälle  auf,  wozu 
i  3  Todesfälle  bei  Kranken  treten,  die  von  anderer  Seite  mit  Salvarsan 
mdelt  worden  sind.  Von  den  Gestorbenen  sind  4  über  45  Jahr.  Es 
Jelte  sich  um  Fälle  von  Encephalitis  haemorrhagica,  um  Myelitis,  3  mal 
schwere  Dermatitis  und  7  mal  um  akute  Leberatrophie. 

Gegenüber  diesen  bedrohlichen  Verhältnissen  ist  die  Frage  aufzuwerfen, 
man  sich  gegen  diese  schweren  Zufälle  am  besten  schützen  kann.  Und 


da  ist  zu  sagen,  dass  man  in  allen  Fällen,  wo  der  geringste  Verdacht  auf 
eine  Erkrankung  des  Nervensystems  besteht,  die  milde  protrahierte  Salvarsan- 
kur  anwenden  muss.  Bei  einem  Teil  der  Fälle,  die  mit  tödlichem  Erfolg 
ausserhalb  der  Klinik  mit  Salvarsan  behandelt  worden  waren,  waren  die 
Injektionen  weitergeführt  worden,  obwohl  Fieber  und  Dermatitiden  als 
Warnungssignal  aufgetreten  waren  und  unbedingt  die  weitere  Behandlung 
hätten  aussetzen  lassen  müssen. 

Von  dem  sog.  Salvarsanikterus  hat  er  im  letzten  Jahre  280  Fälle  ge¬ 
sehen.  Es  ist  dabei  zunächst  die  Frage  anfzuwerfen,  ob  es  sich  bei  ihm  um 
ein  Hepatorezidiv  oder  um  eine  akzidentelle  Erkrankung  handelt.  Auf  Grund 
seiner  Beobachtungen  an  seinem  nichtsyphilitischen  Material  ist  er  doch  der 
Ansicht,  dass  diese  Erkrankungen,  die  besonders  häufig  bei  tertiärer  Syphilis 
auftreten,  nicht  auf  die  Zunahme  des  Ikterus  im  allgemeinen  zurückzuführen 
sind. 

Die  Tatsache,  dass  Salvarsan  vielfach  kritiklos  angewendet  wird;  be¬ 
deutet  eine  grosse  Gefahr.  Bei  der  tertiären  Syphilis  wird  das  Salvarsan 
zweckmässig  im  allgemeinen  durch  Jod  und  Quecksilber  zu  ersetzen  sein. 
Unentbehrlich  ist  es  bei  primärer  und  sekundärer  Syphilis.  Bei  latenter  Früh¬ 
syphilis  verzichtet  er  im  allgemeinen  vorläufig  auf  Salvarsan.  Bei  viszeraler 
und  Nervensyphilis  dürfte  Quecksilber-Jodbehandlung  zweckmässiger  sein. 
Der  Vortragende  erwähnt  dann  noch  die  sog.  salvarsanrefraktären  Fälle  und 
gibt  eine  grosse  Reihe  von  Kontraindikationen  an,  u.  a.  Diabetes, 
Intoxikationen,  Adipositas,  fieberhafte  Erkrankungen,  und  erklärt  schliesslich, 
dass  die  Leberfunktionsprüfung  vor  dem  Beginn  einer  Salvarsanbehandlung 
ein  recht  erwünschtes  Postulat  sei,  wenn  dieses  auch  ausserhalb  der  Klinik 
recht  schwer  Erfüllung  finden  könnte. 

Jede  Salvarsanbehandlung  soll  aber  mit  kleinsten  Dosen  begonnen  und 
unter  sorgfältigster  Beachtung  der  Intoleranzerscheinungen  durchgeführt 
werden.  Eine  Temperaturzacke  ist  oft  das  einzige,  Warnungszeichen,  das  den 
anderen  schweren  Erscheinungen,  besonders  auch  der  Dermatitis,  vorausgeht. 
Häufen  sich  trotz  aller  Vorsicht  die  Salvarsanschädigungen,  so  muss  man  doch 
annehmen,  dass  fehlerhafte  Präparate  in  den  Handel  gekommen  sind.  Wie¬ 
weit  dies  aüf  die  Tätigkeit  von  Salvarsanschiebern  zurückzuführen  ist.  liesse 
sich  erst  feststellen,  wenn  auf  irgendeine  Weise  den  Aerzten  der  Bezug 
echter  Salvarsanpräparate  von  Höchst  garantiert  werden  könnte. 

Herr  Ko  Ile  spricht  über  die  Prüfungen,  denen  von  der  Fabrik  aus  das 
Salvarsan  unterzogen  wird.  Diese  Prüfungen  sind  im  Laufe  der  Zeit  immer 
mehr  verschärft  worden.  In  neuerer  Zeit  werden  neben  Mäusen  auch  Ratten 
in  grosser  Zahl  zu  den  Prüfungen  benutzt,  bei  denen  besser  neurotrope 
Wirkungen  festzustellen  sind.  Bei  den  Neosalvarsanpräparaten  wird,  bevor 
sie  in  den  Handel  gebracht  werden,  eine  klinische  Vorprüfung  auf  angio- 
neurotische  Phänomene  vorgenommen.  Einen  Schutz  gegen  anaphylaktische 
Wirkungen  kann  man  in  gleicher  Weise  erzielen,  wie  dies  früher  Besredka 
durch  die  injection  prealable  gelungen  ist.  Ein  Zusatz  von  Traubenzucker 
bewirkt  eine  Entgiftung  von  Salvarsanlösung,  wahrscheinlich  dadurch,  dass 
ein  neuer  Aldehydkörper  entsteht.  Das  Neosilbersalvarsan  hat  eine  stark 
spirillozide  Wirkung  bei  guter  Verträglichkeit  und  relativ  grosser  Stabilität 
der  Lösung. 

Versuche  an  infizierten  Tieren  haben  ergeben,  dass  es  durch  3  Salvarsan- 
einspritzungen  mit  grossen  Dosen  gelingt.  Sterilität  bis  zu  100  Proz.  zu  er¬ 
zielen.  Nach  30  Tagen  nach  der  Infektion  bis  zu  50  Proz.  Nach  60 — 90  Tagen 
gelingt  die  Sterilisierung  nur  bei  einer  kleinen  Anzahl  von  Tieren  und  nach 
90  Tagen  überhaupt  nicht  mehr.  Bei  der  Spätsyphilis  soll  man  die  Sal- 
varsantherapie  überhaupt  nicht  überspannen,  da  hier  vielfach  die  Wassermann¬ 
reaktionen  nicht  negativ  zu  machen  sind.  Hier  bleibt  noch  der  Platz,  die 
Quecksilbertherapie  rationell  auszugestalten. 

Auf  der  internationalen  Zusammenkunft  zur  Wertbestimmung  der  Sera 
hat  er  überall  hohe  Schätzung  der  deutschen  Wissenschaft  angetroffen.  Nur 
hat  man  ihm  offen  erklärt,  dass  man  es  nicht  verstehe,  wie  im  Lande 
Robert  Kochs  die  Fried  mann  sehen  Schildkrötenbazillen  vertrieben 
würden,  im  Lande  Behrings  leeres  Serum  injiziert  würde  und  im  Lande 
E  h  r  1  i  c  h  s  immer  von  neuem  eine  masslose  Salvarsanhetze  inszeniert 
wü'rde. 

Sitzung  vom  1.  Februar  1922. 

Vor  der  Tagesordnung  demonstriert  Herr  B  e  n  d  a  einen  Fall  von 
Milzruptur  bei  Malaria  tropica.  In  den  Kapillaren  des  Hirns  fanden  sich 
relativ  wenig  Plasmodien. 

Dazu  Herr  Ziemann,  der  mitteilt,  dass  Milzrupturen  ziemlich  häufig 
sind.  Herr  B  e  n  d  a  betont,  dass  dies  für  traumatische,  aber  nicht  spontane 
Rupturen  zutreffe. 

Tagesordnung:  Salvarsanfragen. 

Herr  Bonnhöfe  r  berichtet  über  194  Fälle  von  Nervenlues,  bei  denen 
er  Salvarsan  angewendet  hat.  Bei  den  gummösen  Formen  waren  die  Erfolge 
günstig,  weniger  bei  den  endarteritischen.  Von  Schädigungen  sah  er  2  mal 
Exantheme,  öfter  Temperatursteigerungen,  einmal  bei  Tabes  eine  Abduzens¬ 
lähmung  zweifelhafter  Aetiologie.  Einmal  bei  frischem  Schanker  einen  enze- 
phalitischen  Prozess,  der  auf  das  Salvarsan  zurückzuführen  sein  dürfte.  Für 
ein,  beschleunigtes  Auftreten  der  Paralyse  nach  Salvarsanbehandlung  hat  er 
keine  Anhaltspunkte.  In  grossen  Statistiken  ist  sogar  ein  Rückgang  der 

Paralyse  nachgewiesen  worden,  was  vieldeutig  ist,  aber  im  Zusammenhang 
mit  der  Salvarsantherapie  Beachtung  verdient. 

Herr  Lubarsch  warnt  nach  dem  Salvarsantaumel  davor,  alle  Schädi¬ 
gungen  nach  Salvarsangebrauch  auf  das  Salvarsan  zurückzuführen.  Zu  den 
Schädigungen  gehört  nur  der  Ikterus  und  die  Hauterkrankungen.  Bei  der 
progressiven  Paralyse  mit  den  bestehenden  Gefässstörungcn  zeigt  sich  kein 
Zeichen  einer  verstärkten  Gefässschädigung  nach  Salvarsan.  Die  Fälle  von 
Leberatrophie  haben  seit  1919  zugenommen,  ohne  dass  die  Fälle  sämtlich 

mit  Salvarsan  behandelt  worden  wären.  Die  Gründe  der  Zunahme  der 

Leberatrophie  sind  völlig  in  Dunkel  gehüllt. 

Herr  Citron:  Die  Syphilis  ist  eine  chronische  Infektionskrankheit, 
die  zeitweise  mit  Exanthemen  verläuft.  Der  dermatologische  Frühlatenz- 
begriff  ist  nicht  anzuerkennen,  zur  Latenz  gehört  das  Verschwinden  der 
biologischen  Reaktionen.  Er  schlägt  dafür  den  Begriff  aktive  asympto¬ 
matische  Lues  vor.  Dasselbe  gilt  von  der  Spätlatenz.  Auch  die  aktive 
asymptomatische  Spätlues  ist  mit  allen  spezifischen  Mitteln,  auch  Salvarsan, 
zu  behandeln.  Es  ist  ein  Irrtum,  dass  Spätformen  auf  Salvarsan  nicht  rea¬ 
gieren.  Die  Ehrlich  sehen  Kontraindikationen,  wie  z.  B.  dekompensierte 
Herzfehler  auf  luetischer  Basis,  sind  jetzt  aufzuheben.  Verzettelung  der 

Salvarsandosen  wirkt  auf  die  Spirochäten  als  Reizdosis:  viele  Neuro- 
rezidive  etc.  sind  auf  zu  kleine  Dosen  des  Salvarsans  zuruckzuführen.  Von 


254 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


den  Schädigungen  muss  man  die  aui  verdorbenes  Salvarsan  zurückzuführenden 
ausschefden.  Beim  Silbersalvarsan  tritt  der  kardiovaskuläre  Symptomen- 
komplex  häufiger  auf  (Blauwerden.  Atemnot).  Die  anderen  sog.  Salyarsan- 
schädigungen  beruhen  nicht  auf  dem  Salvarsan,  sondern  auf  der  Syphilis. 

Herr  Buschke:  Das  Salvarsan  ist  Gefäss:  und  Nervengift.  An  der 
Leberatrophie  hat  düs  Salvarsan  erheblichen  Anteil.  Die  Nervensyphilis  hat 
zugenommen;  es  kann  dies  tatsächlich  an  Unterbehandlung  der  Falle  liegen. 
Die  guten  Resultate  der  Kliniken  werden  mit  hohen  Dosen  erzielt,  deren 
Risiko  der  allgemeine  Praktiker  nicht  tragen  kann.  Die  kleinen  Dosen 
des  Praktikers  wirken,  wie  z.  B.  Jadassohu  experimentell  an  der 
Virulenzsteigerung  der  Spirochäten  nachgewiesen  hat,  nur  schädlich. 

Herr  Bruhns:  Das  Silbersalvarsan  gab  sehr  viele  Exantheme,  gut 
wirkte  das  Neosilbersalvarsan.  Ein  Vorzug  der  Salvarsangemische  (+  Nova- 
surol  etc.)  ist  der  Wegfall  der  schmerzhaften  intramuskulären  Injektion 
des  Hg.  Die  Rolle  des  Salvarsans  beim  Ikterus  lässt  sich  doch  überhaupt 
nicht  leugnen;  meist  aber  heilt  der  Ikterus  aus  und  führt  nicht  zur  Leber¬ 
atrophie.  W  olff-Eisner. 


Aerztlicher  Verein  zu  Danzig. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 

Herr  Wilhelm:  Zur  akuten  gelben  Leberatrophie. 

Vom  August  1920  bis  Dezember  1921  starben  an  akuter  gelber  Leber¬ 
atrophie  auf  der  inneren  Abteilung  des  Städtischen  Krankenhauses  (Prof. 
Wallenberg)  9  Fälle,  8  wurden  durch  Prof.  S  t  a  h  r  seziert.  Die  Sym¬ 
ptome  waren  die  typischen.  Bei  rasch  verlaufenden  Fällen  war  der  Ikterus 
zunächst  gering,  einmal  war  die  Leber  im  Vorstadium  erheblich  vergrössert. 
Urobilin  später  meist  nicht  vorhanden.  Leuzin  und  Tyrosin  konnten  nur  in 
2  sehr  rasch  verlaufenden  Fällen  nachgewiesen  werden.  Es  waren  anatomisch 
in  einigen  Fällen  beginnende  zirrhotische  Veränderungen  zu  finden,  1  Fall 
musste  als  akuter  Nachschub  einer  Atrophie  aufgefasst  werden.*  Erkrankt 
waren  8  Männer,  1  Frau,  die  nicht  gravide  war,  das^  Alter  von  20 — 24  Jahren 
überwog,  mangelhafte  Ernährung  kam  nicht  in  Frage.  6  hatten  sichere 
Syphilis,  ein  7.  stark  positive  Wassermannreaktion,  bei  einem  8.  ist  die 
Anamnese  und  die  WaR.  nicht  bekannt,  es  war  ein  französischer  Matrose. 

1  Fall  hatte  keine  Anzeichen  von  Syphilis  und 'hatte  zunächst  Symptome 
einer  infektiösen  Cholangie.  6  waren  sicher  mit  Hg  und  Salvarsan  behandelt 
worden  und  zwar  kurz  vorher  oder  noch  bei  Ausbruch  des  Ikterus.  Bei 
einem  7.  Fall  war  es  nicht  ganz  sicher,  ob  er  behandelt  war,  bei  dem 
Matrosen  unbekannt.  1  Fall  starb  bei  Fortsetzung  der  spezifischen  Kur,  ein 
anderer  im  Anschluss  an  eine  Abortivkur  und  war  stets  seronegativ.  Eine 
Mitwirkung  des  Salvarsans  am  Zustandekommen  der  akuten  Leberatrophie 
bei  der  Mehrzahl  der  Fälle  wird  für  wahrscheinlich  gehalten.  Salvarsan- 
ikterus  und  akute  Leberatrophie  sind  verwandte  Schädigungen.  Sie  sind  zu 
trennen  von  gleichartigen  Erkrankungen  durch  die  Syphilis  selbst.  In 
10  Jahren  vorher  war  nur  ein  einziger  Fall  von  akuter  Leberatrophie  im 
Krankenhause  behandelt  worden. 

Herr  Dackau:  Ueber  Metastase  eines  Rundzellensarkoms  im  5.  Hals¬ 
wirbelkörper. 

Die  Kranke,'  23  Jahre  alt,  fühlt  seit  Juni  1921  Brennen  und  Stechen  im 
Nacken  und  im  rechten  Arm  bis  in  die  Fingerspitzen.  Zeitweise  Gefühl  der 
Lähmung  im  rechten  Arm.  Beschwerden  wechselnd. 

Ursache  der  Erkrankung  „Ueberanstrengung“  (Stenotypistin)  im  Dienst. 
Untersuchungsbefund:  Rechter  Arm  hängt  schlaff  herunter,  kann  nicht  hoch¬ 
gehoben  werden;  fällt  auch  nach  passivem  Hochheben  schlaff  herunter. 
Feinere  Zweckbewegungen  beim  An-  und  Ausziehen  werden  mit  dem  Arm 
gemacht. 

Psychogene  Deutung  der  Erkrankung  infolge  der  Art  die  Beschwerden 
zu  schildern  und  des  schnellen  Stimmungswechsels. 

Nach  10  Tagen  Reissen  in  beiden  Armen  und  im  Genick.  Objektiver 
Befund  unverändert.  Zunahme  der  Beschwerden. 

Am  30.  X.  1921. 

Bauchdecken-,  Patellar-,  Achillessehnenreflexe  fehlen  beiderseits. 
Babinski  beiderseits  +.  Blase  und  Mastdarm  gelähmt.  Arme  können  nur  in 
den  Ellenbogengelenken  gebeugt  werden. 

Sensibilitätsprüfung:  Berührungsempfindung  normal.  Sensibilität  für 

spitz-stumpf  und  für  Temperatur  vom  4. — 5.  Zervikalsegment  nach  abwärts 
aufgehoben. 

Diagnose:  Raumbeengender  Prozess  in  Höhe  des  5. — 6.  Zervikalsegments. 

Röntgenaufnahme:  Verschmälerung  des  5.  Halswirbelkörpers.  Unregel¬ 
mässige  zackige  Konturen. 

Operation:  Resektion  des  5.  Wirbelbogens.  Kavernöses  Gewebe  in  der 
linken  Seite  des  Wirbelkanals.  Exstirpation  der  Gewebsmassen  Abends 
Exitus  letalis. 

Sektionsbefund:  5.  Halswirbelkörper  geborsten  (durchsetzt  von  Meta¬ 
stasen).  Haupttumor  an  der  Radix  mesenterii.  —  Mikroskopisch:  Rundzellen¬ 
sarkom. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  28.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  Jungbluth. 

Herr  Preysing:  Ueber  Otosklerose. 

Diskussion:  Herren  Meirowsky,  Füth,  Moritz,  Tiefen- 
t  h  a  1. 

Sitzung  vom  12.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  Jungbluth. 

Herr  Cahen  I  stellt  den  operierten  Fall  von  Aneurysma  artcrio- 
venosum  des  rechten  Oberarms  vor  (s.  Bericht  vom  6.  Oktober)  mit  Demon¬ 
stration  des  Präparates. 

Herr  Auerbach  I  spricht  über  Bence-Jones  sehe  Eiweisskörper¬ 
reaktion  bei  multiplen  Myelomen  und  anderen  Geschwülsten. 

Diskussion:  Herr  Huysmans. 

Herr  Samuel:  Ueber  die  Behandlung  des  Abortes. 

Erscheint  unter  den  Originalien  der  M.m.W. 


Diskussion:  Herr  Löhnberg  legt  den  Standpunkt  der  gynäk.  Univij 
sitätsklinik  in  der  Abortbehandlung  dar:  Grundsätzlich  wird  der  Gebrauch  dl 
Kürette  bei  der  Ausräumung  des  abortierenden  Uterus  auch  vor  dem  zweit  | 
Monat  verworfen.  Digitale  Ausräumung  des  Uterus,  sobald  Zervix  für  Fing 
durchgängig.  Die  Zervixdilatation  wird  erreicht  durch  Laminaria-  bzw.  Heg; 
dilatation  und  vor  allem  durch  Uterovaginaltamponade  mit  Jodoformga/ 
Durch  eine  rite  durchgeführte  Uterovaginaltamponade  mit  dem  praktisch  | 
Rapidtamponator  erübrigt  sich  oft  die  digitale  Ausräumung,  da  durch  c 
angeregte  Wehentätigkeit  der  Uterus  seinen  Inhalt  gar  nicht  so  selten  hin: 
der  Tamponade  spontan  ausstösst.  Die  Winter  sehe  Abortzange  soll  n 
zur  Entfernung  vorher  digital  gelöster  Abortreste  Verwendung  finden.  A 
schliessend  Spülung  des  Uterus  mit  1,5  proz.  Lysoformlösung  und  nachtr.iglic 
Jodoformgazetamponade  für  6 — 12  Stunden. 

Die  Behandlung  des  fieberhaften  Aborts  ist  an  der  Kölner  Klin 
grundsätzlich  konservativ,  nur  bei  einer  Indikation,  starker  Blutung,  wi 
zur  sofortigen  Entleerung  des  Uterus  geschritten,  die  dann  aber  auch 
schonend  wie  möglich  zu  erfolgen  hat.  Sonst  wird  empfohlen  zunächst  uni 
Bettruhe  und  Eisblase  die  Entfieberung  abzuwarten  und  dann  nach  erreichl 
Fingerdurchlässigkeit,  die  am  besten  durch  Uterovaginaltamponade  erzi 
wird,  die  digitale  Ausräumung  vorzunehmen. 

Herr  Frankenstein  und  Herr  L  a  m  m  e  r  s. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  10.  Januar  1922. 

Herr  Friess:  Die  Bedeutung  der  Röntgenuntersuchung  für  die  D 
gnose  und  Prognose  der  beginnenden  Lungentuberkulose. 

Unter  Berücksichtigung  der  Grenzen  und  der  Fehlerquellen  der  Röntget 
graphie  betont  der  Vortragende,  dass  in  fast  allen  Fällen  beginnender,  s 
schlossener  Lungentuberkulose  die  Herde,  wenn  solche  da  sind,  röntget 
graphisch  nachgewieseit  werden  können;  allerdings  bleiben  Katarrhe  oh 
Verdichtung,  die  aber  selten  sind,  unsichtbar.  Zusammen  mit  der  klinisch 
Beobachtung  gestattet  das  Röntgenbild  auch  prognostische  Schlüsse,  wie  i 
Untersuchungen  von  G  r  ä  f  f  und  K  ü  p  f  e  r  1  e  lehren.  So  fördert  und  ergät 
das  Röntgenverfahren  die  klinischen  Untersuchungsmethoden  in  ausgezeii 
neter  und  objektiver  Weise  und  ist  unter  den  physikalischen  Untersuchunj 
methoden  mit  an  die  erste  Stelle  zu  setzen;  denn  zugleich  mit  Sitz  und  Ai 
dehnung  der  Krankheit  führt  die  Röntgenplatte  mit  hinreichender  Sicherh 
die  pathologisch-anatomische  Erscheinungsform  vor  Augen  und  gibt  damit  1 
deutende  Anhaltspunkte  für  die  Prognose.  Heute  ist  eine  physikalisc 
Untersuchung  der  Lungen  bei  Verdacht  oder  Nachweis  von  Tuberkulose  nh 
vollständig,  was  Feststellung  und  Vorhersage  des  Verlaufs  angeht,  we 
nicht  ein  technisch  gutes  und  sachgetnäss  beurteiltes  Röntgenbild  der  Bri 
vorliegt. 

Aussprache:  Herr  Hofmann  wünscht,  dass  die  Krankenkass 
sich  der  Anwendung  des  Röntgenbildes  weniger  skeptisch  gegenüberstellti 

Herr  Gg.  B.  Gr  über:  Es  gibt  auch  auf  Grund  gerade  des  Röntgt 
bildes  gestellte  Fehldiagnosen  im  Sinne  der  Tuberkulose,  welche  durch  nie 
spezifische  chronische  bronchiektatische  Erkrankung  oder  durch  koniotisc 
Prozesse  vorgetäuscht  wurde.  Solche  Erfahrungen  werden,  wenn  auch  ni< 
häufig,  am  Sektionstisch  gemacht.  Es  ist  nötig,  durch  weiter  ausgedelu 
Vergleichsforschung  der  Röntgenologen  und  pathologischen  Anatomen  au 
auf  diese  Erkrankungen  zu  achten  und  zu  versuchen,  ob  sich  hier  i 
Röntgenbilder  von  den  speziell  tuberkulösen  Formen  auf  den  Röntgenplatl 
trennen  lassen.  Jedenfalls  mahnt  auch  diese  Erfahrung  dazu,  alle  Unt 
suchungsmethoden  wiederholt  zu  verwenden  und  nicht  einer  gerade  mode 
gewordenen  den  Vorzug  zu  geben.  Gr 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  8.  Februar  1922. 

Vor  Beginn  der  Sitzung  findet  auf  die  freundliche  Einladung  von  Hei 
Prof.  Dr.  Heine  hin  eine  Führung  durch  die  neue  Universitäts  -  O  h  r  e 
k  1 1  n  i  k  statt,  die  durch  den  bewährten  Architekten  K  o  1 1  m  a  n  n  aus  i 
Räumen  der  ehemaligen  Hebammenschule  in  geschmackvoller  und  zwei 
entsprechender  Weise  geschaffen  wurde.  So  ist  also  endlich  einem  Man 
abgeholfen,  den  München  mit  nur  ganz  wenigen  anderen  deutschen  Univ 
sitäten  vordem  noch  gemein  hatte. 

Herr  Jansen:  Krankheitsbilder  der  Polyserositis. 

Vortr.  stellt  von  der  nicht  häufig  vorkommenden  Krankheit  der  Po 
serositis  vier  Fälle  vor  und  weist  zunächst  auf  die  Verschiedenheit  < 
Krankheitsbilder  der  Polyserositis  hin,  in  deren  Mittelpunkt  in  allen  v 
Fällen  das  insuffizient  gewordene  Herz  mit  seinen  Folgezuständen  steht. 

Zwei  von  den  vorgestellten  Kranken  stehen  im  2.,  die  beiden  anderen 
5.  bzw.  6.  Lebensdezennium.  Die  physikalischen  Untersuchungsbefunde 
gaben  zweifelsfrei  das  Bild  der  bereits  abgelaufenen  oder  zum  Teil  nc 
bestehenden  entzündlichen  Veränderung  sämtlicher  seröser  Höhlen,  des  Pt 
toneums,  der  Pleura  und  des  Perikards.  In  Röntgenbildern  werden 
schweren  schwartigen  Verwachsungen  zwischen  Perikard  und  Plei 
(Pleuroperikarditis),  zwischen  Perikard  und  Zwerchfell  (Phrenikoperikardi 
und  zwischen  Pleura  und  Zwerchfell  (Pleuritis  diaphragmatica)  gezeigt, 
entweder  flächenförmig  oder  strangartig  deutlich  zu  erkennen  sind  und  so; 
zu  Form-  und  Lageveränderuqgen  des  Herzens  und  zwar  auffallenderwc 
hauptsächlich  des  rechten  Herzens,  geführt  haben. 

Die  entzündlichen  Vorgänge  am  Peritoneum  sind  in  zwei  Fällen'  : 
der  Aszitesflüssigkeit  auch  nachweisbar  und  stellen  sich  ausserdem  bei  die: 
wie  bei  den  übrigen  Fällen  durch  die  Vergrösserung  und  Konsistcnzv 
mehrung  der  Leber  und  die  unebene  Beschaffenheit  ihrer  Oberfläche 
Ausdruck  der  Perihepatitis  mit  zentralwärts  gerichteten  bindegewebi: 
Wucherungen  als  sog.  Pseudoleberzirrhosis  dar.  Die  Bindegewebsprolife1' 
tionen  haben  in  einem  der  vorgestellten  Fälle  zur  Abkapselung  der  Asziö 
flüssigkeit  geführt,  was  Vortragender  daraus  schloss,  dass  diese  nur  : 
häufig  wechselnden  Stellen  per  punctionem  zu  entleeren  war,  und  dann  ai{ 
nur  teilweise. 

Die  Verwachsungen  des  Herzbeutels  mit  seiner  Umgebung  bewirken  el 
mechanische  Behinderung  der  systolischen  Herzkontraktion  und  somit  <1 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


255 


■» 

,  eitsgrösse.  so  dass  bei  erhöhter  Inanspruchnahme  aus  äusseren  oder 
ren  Gründen  durch  Ausfall  der  physiologischen  Anpassungsfähigkeit  des 
|/inuskels  schnell  ein  Herzschwächezustand  mit  allen  Folgen  der  Stauung 

ritt. 

So  war  in  einem  der  vorgestellten  Fälle  die  Mehrbelastung  durch  eine 
1  gleichzeitig  vorhandene  Mitralinsuffizienz  gegeben,  die  schon  sehr  früh- 
g  dekoinpensiert  wurde  durch  die  Unfähigkeit  des  Herzmuskels  zur 

jitshypertrophie. 

Ferner  kommt  es  durch  die  schrumpfenden  Bindegewebsprozesse  zur 
dammerung  und  nachfolgenden  Strangulation  der  Eintrittsstellen  der 
en  und  unteren  Hohlvene  unter  Umständen  auch  der  grossen  Arterien. 
Die  in  einem  Falle  besonders  starke  Verzerrung  des  Herzens  nach  rechts 
irkte  eine  Verlagerung  der  venösen  Eintrittspforten  und  somit  auch  der 
a  portarum. 

Schliesslich  greift  die  Entzündung  des  Perikards  auch  auf  die  benach- 
en  Teile  des  Herzmuskels  über  und  bewirkt  hier  Entartung  der  kon- 
tilen  und  nervösen  Elemente  und  Ersatz  durch  bindegewebige  Schwielen, 
hatten  sich  in  zweien  der  demonstrierten  Fälle  Rhythmusstörungen  in 
n  einer  Arhythmia  perpetua  als  Ausdruck  dieser  Herzmuskelschädigung 
cebildet. 

Vortr.  demonstrierte  entsprechend  der  Lagerung  der  Symptomenkomplexe 
edem  einzelnen  Falle  die  jeweiligen  ursächlichen  Momente,  die  zu  den 
veren  Stauungserscheinungen  der  Zirkulation  führen  mussten,  wie  z.  B. 
Pseudoleberzirrhose  und  damit  der  Aszites,  die  Anasarka  der  unteren 
oerhälfte  infolge  des  Aszitesdruckes  auf  die  grossen  Venenstämme,  oder 
untere  Hohlvenenstauung  infolge  der  mechanischen  Behinderung  ihres 
usses  in  den  rechten  Vorhof  (Strangulation  und  Herzverlagerung),  oder 
Herzmuskelinsuffizienz  durch  mechanische  Behinderung  der  systolischen 
traktion  oder  auch  durch  die  Herzmuskelentartung  selbst  und  weist  damit 
h,  dass  das  eine  oder  andere  dieser  ursächlichen  Momente  oder  die 
ibination  einzelner  von  ihnen  oder  die  Summation  aller  die  Verschiedenheit 
Aussehens  und  die  Schwere  des  Krankheitsbildes  bei  der  Polyserositis 
ingen. 

Die  Zirkulationsinsuffizienz  ist  also  rein  mechanisch  bedingt  und  stets 
sekundärer  Natur,  wenngleich  sie  das  ganze  Krankheitsbild  be¬ 
seht.  Die  Ursache  ist  die  Tuberkulose,  wie  in  zweien  der  Fälle  aus  dem 
hweis  der  Tuberkelbazillen  in  der  Aszitesflüssigkeit  bzw.  aus  dem 
orrhagischen  Charakter  eines  entzündlichen  Herzbeutelergusses,  mit  dem 
Krankheit  vor  zwei  Jahren  begann,  hervorging.  Bei  den  latent  ver¬ 
enden  Fällen  ist  die  Ursache  erfahrungsgemäss  auch  die  Tuberkulose, 
man  in  den  Schwartengeweben  häufig  Tuberkel  nachweisen  konnte. 

Die  Prognose  ist  auf  jeden  Fall  zweifelhaft  und  hängt  ab  1.  von 
i  mechanischen  Einfluss  der  Oblitcration  auf  die  Herzarbeit.  2.  von  der 
hanischen  Abflussbehinderung  aus  den  beiden  Hohlvenen  und  der  Pfort- 
r,  3.  vom  jeweiligen  Stand  der  entzündlichen  Vorgänge  in  den  serösen 
len  und  4.  vom  Umfang  der  entzündlichen  Mitbeteiligung  des  Herzmuskels. 
Die  Behandlung  kann  von  zwei  Gesichtspunkten  aus  erfolgen: 
nal  kausal  oder  symptomatisch. 

So  beobachtete  Vortr.  in  einem  Falle  erneutes  Auftreten  der  Zirkulations- 
■  ungen  bei  neuerlichen  Schüben  von  Peritonitis.  Behandlung  dieser  mit 
tensonne  und  Schmierseifeneinreibungen  des  Leibes  besserten  die  Pcri- 
tis  wesentlich  und  verhinderten  Stauungsrezidive.  Im  Anfangsstadium 
:r  exsudativen  Perikarditis  sollte  der  Versuch  der  dauernden  Entleerung 
Herzbeutelergusses  mit  nachfolgender  Höhensonnenbestrahlung  gemacht 
den.  Der  Herzbeutelerguss  muss  entleert  werden  bei  drohender  Herz- 
ponade.  wie  dies  bei  dem  letzten  der  vier  demonstrierten  Kranken  der 
war.  Inwieweit  spezielle  Tuberkulosebehandlung  in  frischen  Fällen  hier 
)lg  verspricht,  muss  erst  die  Erfahrung  zeigen. 

Die  symptomatische  Behandlung  bezweckt  die  Steigerung  der  Herzarbeit 
:h  die  für  diese  bekannten  Massnahmen.  (Digitalis  und  andere  tonische 
tel.)  Der  Erfolg  einer  solchen  Behandlung  ist  naturgemäss  beschränkt, 
die  Herzarbeit  ja  vielfach  mechanisch  behindert  ist.  Deshalb  sieht  man 
li  anfänglichen  Erfolgen  bald  ein  Versagen  dieser  Therapie. 

Ausser  dieser  Behandlung  muss  hauptsächlich  eine  stärkere  Diurese  an¬ 
egt  werden,  die  auf  Grund  der  Beobachtungen  an  den  vorgestellten 
nken  meist  besseren  und  längeren  Erfolg  verspricht.  Von  den  diuretischen 
teln  eignen  sich  am  besten  diejenigen  der  Purinreihe  und  von  diesen 
der  das  Theocin  zu  3  mal  0,3  g  pro  Tag  in  Intervallen.  Letzten  Endes 
isagt  auch  diese  Therapie,  wie  die  beiden  letzten  demonstrierten  Fälle 
rzeugend  beweisen..  Zuweilen  gelingt  es  dann  wieder,  die  Diurese  durch 
neue  Mittel  Novasurol  in  Gang  zu  bringen,  das  in  einem  der  Fälle 
izende  Wirkung  entfaltete,  in  einem  anderen,  eine  Nierenschädigung  setzte 
in  den  beiden  letzten  Fällen  schwerste  Hämaturie  ohne  jede  Diurese¬ 
gerung  verursachte.  Die  Anwendungsbreite  dieses  Mittels  muss  demnach 
r  eingeschränkt  werden.  Jede  Diurese  soll  zunächst  mit  einer  mechani- 
en  Entlastung  der  Zirkulation  durch  ausgiebige  Aszitespunktion  begonnen 
dann  die  angestrebte  Wirkung  der  ebengenannten  tonischen  und  diureti- 
en  Mittel  durch  Milchtage  und  kochsalzfreie  Diät  kräftig  unterstützt 
rden. 

Hiermit  ist  nur  ein  Erfolg  quoad  vitam  erreicht,  nicht  aber  quoad  sana- 
'.em.  Vor  allen  Dingen  bleiben  solche  Kranke  arbeitsunfähig.  Und  letzten 
les  lassen  alle  therapeutischen  Massnahmen  früher  oder  später  im  Stich. 

Für  diese  Fälle  erörtert  Vortr.  die  Frage  nach  der  Anwendung  der 
i  Brauer  angegebenen  K  a  r  d  i  o  1  y  s  e,  die  aber  nur  bei  dem  Vor- 
densein  einer  systolischen  Einziehung  der  unteren  Brustbeingegend  ange- 
ridet  werden  sollte,  d.  h.  also  bei  Verwachsungen  des  Herzbeutels  mit  dem 
iachbarten  Mediastinum,  der  sog.  Mediastinoperikarditis.  Da  diese  Indi- 
ion  aber  hier  fehlt  und  ausserdem  in  den  vorgestellten  Fällen  die  Poly- 
osicis  das  Krankheitsbild  beherrscht,  so  eignen  sich  diese  Krankheitsfälle 
h  der  heutigen  Anschauung  nicht  für  eine  chirurgische  Behandlungsweise. 
Vortragender  schliesst  mit  der  Bitte  an  Geheimrat  Sauerbruch,  zu 
Frage  der  chirurgischen  Indikation  für  die  Kardiolyse  eine  kritische 
Uung  einzunehmen. 

Herr  Sauerbruch  weist  darauf  hin.  dass  die  Pericarditis  obliterans, 
sich  auch  nach  anderen  Ursachen,  z.  B.  Traumen,- finde,  noch  nicht  ohne 
iteres  schwerere  Störungen  der  Herztätigkeit  verursache.  Wie  bei  um¬ 
sreichen  Darmverwachsungen  erst  dann  eine  erhebliche  Beeinträchtigung 
Peristaltik  eintrete,  wenn  durch  Strangbildung  Abschnürungen  des  Darms 
'anlasst  würden,  gerade  so  arbeite  das  Herz  ohne  wesentliche  Mehr- 
astung,  solange  es  nur  zu  Verklebung  der  beiden  Perikardblätter  unter- 
ander  kommt.  Sobald  aber  das  Perikard  durch  Stränge  an  die  Umgebung, 


sei  es  nun  Brustwand  oder  Zwerchfell,  gefesselt  werde,  habe  es  durch  Mit¬ 
schleppen  dieser  Teile  eine  bedeutende  Mehrarbeit  zu  leisten,  der  es  natürlich 
nicht  auf  die  Dauer  gewachsen  sein  könne.  Oder  aber  es  komme  durch  die 
Stränge  zur  Drosselung  der  zu  Gegendruck  unfähigen  Venae  cavae  und 
damit  zur  venösen  Stauung.  Allein  in  solchen  Fällen  hat  die  operative  Kardio¬ 
lyse  Aussicht  auf  Erfolg.  Sowohl  die  Brauer  sehe  Resbktion  der  ans 
Herz  fixierten  Brustwandteile  als  auch  die  Lösung  von  Narbenzwingen 
um  die  Vena  cava  hat  Vortr.  mit  bestem,  zuweilen  augenblicklichem  Erfolg 
ausführen  sehen  und  selbst  ausgeführt.  Bei  phrenikokardialen  Verwachsungen 
dürfte  sich  wohl  auch  die  leicht  ausführbare  einseitige  Phrenikotomie  emp¬ 
fehlen.  Für  die  Frühbehandlung  der  exsudativen  Perikarditiden  haben  uns 
französische  Autoren  einen  Weg  der  Therapie  gewiesen,  der  die  in  solchen 
Fällen  stets  drohende  Myokarditis  hintanhalten  soll.  Es  ist  die  operative 
Dauerdrainage  des  Herzbeutels,  durch  die  vielfache  Punktionen  erspart 
werden  und  ebenso  ein  weitgehender  Schutz  des  Herzmuskels  vor  Beengung 
durch  Exsudatdruck  erreicht  wird. 

Herr  Thannhauser  bringt  einige  Angaben  zur  Beurteilung  des  Nova- 
surols.  Dieses  quecksilberhaltige  Mittel  war  ursprünglich  zur  Luesbehandlung 
bestimmt  und  erwies  sich  bei  dieser  Gelegenheit  auch  als  Diuretikum  (S  a  x  1). 
Die  nachprüfenden  Internisten  konnten  bestätigen,  dass  es  sich  hier  um  ein 
ganz  hervorragendes  Mittel  handelt,  das  vielfach  noch  in  Fällen  wirkt,  bei 
denen  alle  anderen  Diuretika  versagen.  Der  Hg-Gehalt  des  Novasurols  ist 
minimal,  weit  geringer  als  im  Kalomel,  dessen  oft  unerwünschte  Wirkung 
auf  den  Darm  es  auch  deshalb  nicht  teilt,  weil  es  einzig  und  allein  und 
zwar  rasch  durch  die  Niere  ausgeschieden  wird.  Hier  regt  es  vor  allem 
die  Kochsalzausscheidung  an  und  mit  ihr  eine  Harnflut,  die  schon  nach 
wenigen  Stunden  abklingt  und  in  etwa  zweitägigen  Intervallen  mehrmals 
neuerdings  erzeugt  werden  kann,  wenn  noch  Retention  besteht.  Mit  der 
spezifischen  Wirkung  auf  die  Nierenfunktion  in  engem  Zusammenhang 
steht  nun  allerdings  auch  die  grosse  Gefährlichkeit  und  strenge  Kontra¬ 
indikation  des  Novasurols  bei  allen  Erkrankungen  des  Nierenparenchyms. 
Schwere  Hg-Vergiftung  pflegt  die  unmittelbare  Folge  seiner  Anwendung  bei 
nicht  rein  kardialen  Stauungen  zu  sein  und  es  kann  daher  nicht  genug  vor 
seiner  unvorsichtigen  Verordnung  gewarnt  werden.  Referent  wendet  bei 
geeigneten  Fällen  folgende  Medikation  an:  Zuerst  wird  1  ccm  der  käuflichen, 
in  Ampullen  gelieferten  Lösung  intramuskulär  injiziert  und  nur  wenn  schon 
hierauf  Diurese  eintritt,  wird  jeden  zweiten  Tag  mit  1,5 — 2  ccm  fortgefahren 
bis  hinreichende  Entwässerung  erzielt  ist. 

Herr  Jansen:  Schlusswort. 


Vereinigung  der  Münchener  Fachärzte  für  innere  Medizin. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  17.  November  1921. 

Aussprache  über  seltenere  Elektrokardiogramme  und  Demonstrationen 
von  solchen: 

Herr  Handwerck:  1.  Gleichzeitige  Aufschreibung  von  Elektrokardio¬ 
gramm  und  Radialispuls  eines  kurzen  Paroxysmus  (21  Extra¬ 
systolen)  von  ventrikulärer  (Typus  A)  Tachykardie. 
Elektrokardiogramm  rcgel-  und  gleichmässig,  Radialispuls  ungleichmässig. 

2.  Elektrokardiogramm  zweier  Fälle  mit  interpolierten  Extra¬ 
systolen:  Strecke  a  nach  der  Extrasystole  wesentlich  länger  als  ohne 
vorhergehende  Extrasystole  (vergl.  H.  Straub). 

Herr  v.  Romberg  geht  auf  die  Ergebnisse  der  Straub  sehen  Be¬ 
obachtungen  näher  ein.  Neben  der  verzögerten  Ueberleitung  der  alten 
Theorie  ist  auch  die  verzögerte  Anspruchsfähigkeit  (Latenz)  zu  berück¬ 
sichtigen.  Man  wird  zum  Schluss  geführt,  dass  Ueberleitungsstörungen  sehr 
verschiedener  Art  existieren. 

3.  Elektrokardiogramm  von  einem  Fall  mit  Adams-Stokesscher 
Krankheit.  Dissoziation.  Ventrikel  regelmässig,  ungefähr  38, 
Vorhof  ungefähr  74.  Die  Vorhoffrequenz  zeigt  eine  Ar¬ 
rhythmie,  indem  der  Vorhofsschlag  nach  einer  Ventrikelsystole  vor¬ 
zeitiger  erfolgt  als  der  nächstfolgende,  dem  kein  Ventrikelschlag  vorhergeht. 
Wo  Vorhof-  und  Ventrikelelektrokardiogramm  in  ihrem  Beginn  zusammen¬ 
fallen,  folgt  das  nächste  Vorhofelektrokardiogramm  noch  wesentlich  später 
als  sonst  die  Vorhofelektrokardiogramme,  denen  kein  Ventrikelelektrokardio- 
gramm  vorausgeht.  Der  Eintritt  einer  Ventrikelsystole  fördert  durch  bessere 
Durchblutung  die  Reizbildung  oder  die  Anspruchsfähigkeit  der  Vorhofmusku¬ 
latur,  wahrscheinlich  beides:  bei  gleichzeitiger  Aktion  von  Vorhof  und  Ven¬ 
trikel  leidet  die  Durchblutung. 

4.  Elektrokardiogramm  eines  seit  21.  IV.  1915  in  Beobachtung  stehenden 
Falles  —  Dame  von  59  Jahren  —  mit  Pulsverlangsamung:  bis  An¬ 
fang  1917  bei  relativem  Wohlbefinden,  höchstens  leichten  Schwindelanfällen, 
Puls  immer  regelmässig.  40 — 48  Schläge  in  der  Minute.  Die  bis  dahin  auf¬ 
genommenen  Elektrokardiogramme  weisen  stets  Halbrhythmus  auf, 
bei  dem  der  kein  Kammerelektrokardiogramm  auslösende  Vorhofschlag  dem 
vorhergehenden,  vom  Ventrikel  (und  zwar  ohne  Verlängerung  der  Strecke  a) 
beantworteten  stets  in  einem  merklich  kürzeren  Abstand  folgt,  als  ihm  der 
nächste  wieder  vom  Ventrikel  beantwortete.  —  Ohne  wesentliche  Allgemein¬ 
störung  Ekg.  am  27.  II.  1917 :  Nicht  mehr  jeder  zweite  Vorhofschlag  wird 
beantwortet  (und  wenn  — •  mit  bedeutender  Verlängerung  der  Strecke  a 
ungefähr  0,2 — 0,47"),  sondern  verschiedentlich  erst  der  dritte;  dann  mit  einer 
wesentlichen  Verkürzung  der  Strecke  «  ungefähr  0,15".  Interessant  ist, 
dass  bei  dem  1:3  Rhythmus  die  zweite  der  Vorhofperioden,  in  denen 
kein  Ventrikelschlag  erfolgt,  wieder  etwas  kürzer  ist,  als  die  erste  dieser 
beiden.  (Die  noch  schlechtere  Durchblutung  wird  ausgeglichen  durch  die 
längere  Erholungszeit?)  —  September/Oktober  1918  mehrere  synkopale  An¬ 
fälle,  die  sich  im  Dezember  1918  wiederholten.  Keine  Ekg. -Aufnahmen,  da 
Vortragender  im  Feld.  Nach  einem  Anfall  am  25.  Dezember  1918  33  regel¬ 
mässige  Pulse,  zeitweise  nur  24,  aber  dann  Doppelschläge.  Ekg.  vom 
22.  März  1919:  Dissoziation.  Bis  Januar  1920  bei  sehr  seltenen,  meist 
leichten  Anfällen  Puls  ungefähr  33.  —  Anfang  Januar  1920  Puls  wieder  40. 
Ekg.  10.  Januar  1920:  wieder  Halbrhythmus,  seitdem  Puls  ca.  35. 
Keine  wesentliche  Störung  des  Befindens  bis  Anfang  September  1921,  wo 
wieder  Anfälle  auftraten.  Der  Fall  soll  später  noch  ausführlicher  veröffent¬ 
licht  werden. 

5.  Elektrokardiogramm  eines  Fräuleins  von  27  Jahren  mit  schwerem 
Mitralfehler:  Die  anfänglich  regelmässige  und  normallange  Strecke  a 
wird  bei  etwas  langsamer  werdendem  Sinusrhythmus  immer  kürzer,  so  dass 


256 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


das  —  in  seinem  Ablauf  sonst  unverändert  erscheinende  P  von  R  überholt 
zu  werden  scheint  (atrioventrikuläreAutomatie  oderDisso- 
ziation?).  Ueber  3  Jahre  später  (1919)  hat  Herr  Taschenberg  bei 
derselben  Kranken  ein  ganz  gleiches  Ekg.  aufnehmen  können  (s.  u.). 

Herr  v.  Romberg  hält  die  Deutung  als  atrioventrikuläre  Systolen  für 
wahrscheinlicher. 

Herr  v.  Hoesslin  erinnert  an  das  Wandern  der  Reize  vom  oberen 
zum  mittleren  und  unteren  Abschnitt  des  automatisch  schlagenden  Knotens 
(vergl.  Edens). 

Herr  v.  Romberg:  Venenpulskurve:  Zuerst  regelmässiger  Rhythmus, 
dann  kurzer  tachykardischer  Anfall  (mit  Vorhofpfropfung). 
Ekg.  zuerst  typisch,  dann  keine  typische  A-Welle,  dann  Bewegung  vor  der 
T-Welle,  die  dem  Vorhof  entspricht.  Beim  Aufhören  des  tachykardischen 
Anfalles  erst  noch  eine  A-Welle,  die  nicht  beantwortet  wird. 

Herr  Taschenberg  (als  Gast)  streifte  vor  seinen  Demonstrationen 
zur  klinischen  Elektrokardiographie  technische  Fragen.  Es  empfiehlt 
sich  nicht,  über  eine  Empfindlichkeit  von  1  cm  bei  10  M-Volt  hinauszugehen 
und  die  Umlaufsgeschwindigkeit  -d.es  Papierstreifens  nicht  über  54  cm  für 
1ls  Sekunde  zu  steigern,  da  andernfalls  die  feinen  Aufsplitterungen  des  Faden¬ 
schattens  zu  störend  hervortreten.  Dabei  handelt  es  sich  um  Ströme,  die 
von  Muskelbewegungen  des  Kranken  herrühren,  von  aussen  kommende 
Wechselströme  geben  ein  ganz  anderes  Bild.  Ferner  wird  nachdrücklich  die 
Forderung  unterstützt,  stets  alle  -drei  Ableitungen  aufzunehmen. 

Die  dann  folgenden  Demonstrationen  betreffen  1.  Disso¬ 
ziationen  von  Vorhof  und  Ventrikeln,  darüber  vergl.  D.  Arch. 
f.  Kl.M.  137,  Heft  1/2.  Weiterhin  eine  Kurve,  bei  der  -die  Strecke  a 
zeitweilig  auf  die  doppelte  Länge  angewachsen  ist 
und  sich  plötzlich  wieder  auf  die  normale  Ausdehnung  zurückbildet,  ohne 
dass  der  Kammerrhythmus  gestört  war.  Schliesslich  eine  Kurve  von 
atrioventrikulärer  Automatie  (Fall  Handwerck),  bei  der  P 
vor,  in  und  hinter  den  Ventrikelkomplex  fällt,  die  Ventrikelkomplexe  folgen 
sich  regelmässig,  die  P-Zacken  ganz  unregelmässig.  P  ist  stets  deutlich 
positiv. 

2.  Kurven  von  Eurhythmie  bei  Flimmern  aus  oben¬ 
genannter  Arbeit  zur  Diskussion  der  Frage,  ob  die  automatische  Tätigkeit 
des  AV. -Knotens  eine  unregelmässige  Frequenz  der  Kammern  im  Gefolge 
haben  muss,  was  abgelehnt  wird. 

3.  Drei  Fälle  von  anfallsweisem  Auftreten  von 
Tachykardie  bzw.  Tachyarrhy  thmie.  Sie  betrafen  erstens 
einen  Kranken  mit  Karzinom  des  rechten  Hilus  und  weiterhin  solche,  bei 
denen  eine  anatomische  Bedingung  nicht  zu  finden  war.  Die  Ekg.  aller 
solcher  Fälle  teilen  das  Schicksal  der  meisten  ähnlichen  in  der  Literatur:  sie 
sind  schwer  zu  analysieren.  Die  Kammerelektrokardiogramme  hatten  nicht 
das  Aussehen  atypischer;  die  Schwierigkeiten  der  Analyse  liegen  darin,  die 
P-Zacken  einwandfrei  festzustellen.  Flimmern  liegt  sicher  in  keinem  der 
Fälle  vor;  am  wahrscheinlichsten  ist  wohl  die  Annahme,  dass  bei  diesen 
Fällen  der  Reizursprungsort  der  AV. -Knoten  ist.  Dabei  muss  wie  bei  dem 
oben  erwähnten  Falle  von  atrioventrikulärer  Automatie  die  Annahme,  dass  P 
in  diesen  Fällen  negativ  sein  müsse,  fallen  gelassen  werden,  andererseits 
kann  die  Frage,  warum  in  manchen  Fällen  von  Herzjagen  die  Kammern  un¬ 
regelmässig  schlagen,  vielleicht  mit  der  alten  Fredericq  sehen  Hypo¬ 
these  gelöst  werden,  wie  es  vom  Autor  bereits  in  anderem  Zusammenhang 
in  der  zitierten  Arbeit  geschah. 

Herr  v.  Romberg:  Der  AV. -Knoten  ist  ihm  als  Ursprungsort  in  diesen 
Fällen  weniger  wahrscheinlich  als  die  Vorhöfe.  Der  wechselnde  Ent¬ 
stehungsort  der  Vorhofreize  mag  erklären,  warum  P  nur  bisweilen  negativ 
ist.  Die  Fredericq  sehe  Theorie  ist  ebenso  abzulehnen  wie  die  von 
Mackenzie. 

Herr  Pöschel  demonstriert  ein  Ekg.,  welches  Gruppen  von 
atrioventrikulären  Extrasystolen  in  annähernd  regel¬ 
mässiger  Wiederkehr  zeigt.  Ferner  wird  auf  die  Entstellung 
des  Ekg.  durch  Verkehrtschaltung  der  Elektroden  hin¬ 
gewiesen. 


Naturforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostock. 

Sitzung  vom  9.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Peters.  Schriftführer:  Herr  Triebenstein. 

1.  Herr  Körner  spricht  über  Diagnose,  Prognose  und  Therapie  der 
otogenen  Kleinhirnabszesse. 

2.  Herr  Felke:  Herr  F.  demonstriert  originärsyphilitische  Kaninchen, 
die  in  Rostock  wie  auch  anderen  Orts  (Wien,  Innsbruck,  Berlin,  Frankfurt) 
bei  Züchtern  gefunden  wurden.  Die  klinischen  Erscheinungen  dieser  Venerie 
sehen  flacher,  blutreicher  und  weniger  infiltriert  aus  als  Impfprodukte  mit 
menschlichem  Virus,  von  dem  die  Erreger  weder  im  Dunkelfeld  noch  färberisch 
mit  Sicherheit  zu  unterscheiden  sind.  Während  bei  experimenteller  Kanin¬ 
chensyphilis  die  WaR.  nach  Blumenthal  meist  positiv  war,  reagierten 
die  bisher  gefundenen  originärvenerischen  Tiere  negativ. 

Aussprache:  die  Herren  v.  Wasielewski,  Felke,  Walter, 
Felke. 

3.  Herr  Curschmann  demonstriert:  a)  einen  Fall  von  Lungensyphilis. 
50  jährige  Frau,  Infektion  vor  7 — 8  Jahren,  chronisch  rezidivierende  Bronchitis 
seit  6  Jahren;  allmählich  —  stets  ohne  Fieber  —  sehr  elend  und  kachektisch. 
Befund  einer  chronisch  umschriebenen  pneumonischen  Infiltration  im  rechten 
Unterlappen  (Röntgenbild).  Sputum  eitrig,  ohne  Befund.  WaR.  ++++. 
Chorioiditis  luetica.  Auf  Neosalvarsan-Hg  (L  i  n  s  e  r)  innerhalb  5  Wochen 
völlige  Heilung,  klinisch  sowohl  als  auch  bezüglich  des  Röntgenbildes. 

b)  38  jähriger  Mann  mit  Asthma  bronchiale,  tuberkulöse  Infiltration  des 
linken  Oberlappens  (Tuberkelbazillen  +),  abgefeufener  (nicht  spezifischer) 
Bronchopneumonie  eines  Unterlappens  und  tertiärer  Lues  des  Rachens  und 
Gaumens  (WaR.  H — 1 — I — h,  Infektion  bekannt).  Vortragender  bespricht  die 
klinischen  Formen  der  Lungenlues,  ihre  Therapie  und  die  Koinzidenz  von 
Tuberkulose  und  Lues.  Die  Diagnose  lässt  sich  —  auch  röntgenologisch  — 
nur  durch  den  Ausschluss  der  Tuberkulose,  des  Abszesses  und  der  grippösen 
chronischen  Pneumonie  und  die  WaR.  stellen;  die  Prognose  ist  meist  sehr  gut. 

c)  Poliomyelitis  adultorum.  35  jähriger  Mann;  innerhalb  2  Tagen  Ent¬ 
wicklung  einer  Schulter-Armlähmung  mit  Parese  des  gleichseitigen  Beins. 
Alle  Lähmungssymptome  gingen  zurück  bis  auf  schlaffe  Lähmung  des  M.  del- 
toideus  sin.  und  Parese  des  M.  pectoralis  und  biceps  mit  elektrischer  Ent¬ 
artungsreaktion. 


Eine  zerebrale  Affektion  oder  B  r  o  w  n  -  S  e  q  u  a  r  d  sehe  Hulbseitt* 
läsion  waren  auszuschliessen.  Bemerkenswert  war  eine  anfängliche  Hy] 
ästhesie  im  S.  cerv.  3 — 6. 

Vortragender  teilt  mit,  dass  spinale  Lähmungen  bei  Erwachsenen  zurz 
in  Mecklenburg  öfter  Vorkommen  und  betont,  dass  senile  Ausfallserscheinung 
bei  der  Poliomyelitis  adultorum  nicht  ganz  selten  seien. 

Aussprache  zu  a)  und  b):  die  Herren  Körner,  Friboi 
Müller,  Curschmann,  Körner,  Curschmann,  Friboes; 
c) :  die  Herren  Walter,  Curschmann,  Müller,  Curschmann. 

Herr  Stahl:  Ueber  diagnostischen  Pneumothorax.  Demonstration  cj 
Röntgenplatten  dreier  Fälle,  in  denen  durch  Ablassen  von  Exsudat  und  Nat 
fiilltung  von  Luft  in  die  Pleurahöhle  die  Röntgendiagnose  wesentlich  gefördi 
wurde.  Fall  1:  Abgekapseltes  Pleuraexsudat  inmitten  starker  Schwarte 
bildung.  Durch  Lufteinblasung  wird  eine  Lokalisation,  Beurteilung  der  nc 
vorhandenen  Flüssigkeitsmengen,  sowie  fortlaufende  Kontrolle  bis  zur  E 
Sorption  ermöglicht.  Fall  2  zeigt  die  genauere  Lokalisation  von  Lunge 
Zw'erchfelladhäsionen  nach  subphrenischem  Abszess.  F  a  1 1  3  veranschaulic 
die  genaue  Lagebestimmun«  eines  Lungentumors,  die  erst  durch  Entfernu 
des  Exsudats  und  Luftzuführung  ermöglicht  wurde.  Dieses  Verfahren  veji 
dient  bei  Berücksichtigung  gewisser  Vorsichtsmassregeln  —  Wiederablass 
der  Luft  bei  Pleurareizung  und  verstärkter  Exsudatbildung,  Unterlassung  d 
Verfahrens  bei  Empyem  —  allgemeine  Anwendung  in  Fällen,  die  durch  e 
fache  Durchleuchtung  nicht  genügend  zu  erklären  sind. 

Aussprache:  Herr  Deusch:  Als  Kontraindikation  ist,  nach  ein 
unlängst  erschienenen  Arbeit  über  diagnostische  und  therapeutische  Pneuir 
theraxanwendung,  der  Verdacht  auf  Lungenechinokokkus  anzusehen  weg 
Gefahr  einer  Perforation  in  die  Pleurahöhle. 

Herr  Curschmann  möchte  bei  vorsichtigem  Handeln  auch  in  dt 
letztgenannten  Fall  die  Gefahr  des  diagnostischen  Pneumothorax  gering  i 
achten  und  empfiehlt  weitere  Erfahrungen  auf  dem  Gebiet  zu  sammeln. 

Herr  Müller  hat  bei  Operationen  bei  dem  dabei  öfters  ganz  plötzlich 
Entstehen  eines  Pneumothorax  nie  eine  ernstliche  Schädigung  beobachtet. 

Herr  Griinberg:  Zur  Pathologie  und  Pathogenese  der  Otosklero; 

Herr  G.  gibt  einen  kurzen  Ueberblick  über  die  Pathologie  der  sog.  Ot 
sklerose,  die  als  primäre  Erkrankung  der  knöchernen  Labyrinthkapsel  ai 
gefasst  werden  muss,  während  dabei  die  oft,  aber  durchaus  nicht  immer  vt 
handene  Ankylose  der  Steigbügeltdatte  einen  sekundären  Vorgang  darstel 
Das  Charakteristische  des  Prozesses  besteht  in  dem  Auftreten  scharf  u: 
schriebener  Erkrankungsherde,  die  bestimmte  Stellen  der  Labyrinthkaps 
bevorzugen  und  beiderseits  symmetrisch  angeordnet  zu  sein  pflegen.  An  ein 
Reihe  von  mikroskopischen  Präparaten  werden  die  Einzelheiten  des  Kran;, 
heitsprozesses  demonstriert. 

Ueber  das  Wesen  der  Erkrankung  bestehen  auch  heute  noch  lediglij 
Hypothesen.  Nach  Ansicht  des  Vortragenden  verdient  unter  diesen  die  vl 
Mayer  aufgestellte  die  grösste  Beachtung,  weil  sie  nicht  allein  die  liistji 
logischen  Veränderungen  erklärt,  sondern  vor  allem  auch  der  nicht  zu  t| 
zweifelnden  Vererbarkeit  des  Leidens  gerecht  wird.  Nach  dieser  Hypothek 
handelt  es  sich  bei  den  otosklerotischen  Knochenherden  in  der  Labyrint|: 
kapsel  um  örtliche  Gcwebsmissbildungen,  die  sich  geschwulstartig  ausdehni 
und  in  die  Gruppe  der  Hamartome  einzureihen  sind. 


Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  26.  Januar  1922. 

Herr  v.  Ubisch:  Ueber  die  Aktivierung  regenerativer  Potenzen. 

Der  Vortragende  kommt  auf  Grund  von  Transplantationsversuchen 
Regenwurmern,  vergleichenden  Betrachtungen  über  Entwicklungsvorgän:. 
und  Literaturangaben  über  das  Ergebnis  homoioplastischer  und  heteroplasj 
scher  Transplantation  an  Säugetieren  zu  folgenden  Ergebnissen: 

Bei  der  homoioplastischen  Transplantation  jugendlicher,  kleiner  Tei 
auf  eine  ältere  Unterlage  werden  die  regenerativen  Potenzen  des  Tranj 
plantates  durch  stoffliche  Beeinflussung  von  seiten  der  Unterlage  in  so  we 
gehendem  Masse  aktiviert,  dass  das  Ergebnis  der  Operation  ein  mehrfa.j 
besseres  ist  als  bei  Autotransplantation  selbst  an  jungen  Individuen.  Z 
i  vollen  Aktivierung  der  regenerativen  Potenzen  ist  das  Vorhandensein  ein- 
kräftigen  Differenzierungsgefälles  (womit  der  Gegensatz  zwischen  hoch  uij 
niedrig  differenzierten  Zellen  bezeichnet  wird)  erforderlich,  das  in  wenig; 
ausgeprägtem  Masse  infolge  der  Entwicklungsvorgänge  in  jedem  Organisrmj 
vorhanden  und  die  Grundlage  der  Regenerationserscheinungen  ist.  Da  duru 
homoioplastische  Vereinigung  ungleich  alter  Teile  das  Differenzierungsgeiäl; 
experimentell  erhöht  werden  kann,  besteht  Aussicht,  die  Transplantation) 
tnöglichkeit  und  die  Regenerationsvorgänge  auch  an  höheren  Tieren  i 
erhöhen. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  10.  Januar  1922. 

Herr  J.  Kraft  demonstriert  ein  primäres  Nierenbeckenepitheliom  vtj 

einer  56  jährigen  Frau,  ferner  einen  Ureter,  der  im  mittleren  Drittel  vc 

Papillomen  aufgetrieben  ist. 

Herr  E.  Fröschels  und  Herr  L.  R  e  t  h  i  demonstrieren  einen  43  jäh 
Mann  mit  5/4  Oktaven  Stimmumfang. 

Die  Stimme  reicht  vom  Kontra-F  bis  zum  dreigestrichenen  f,  -das  Brus 
register  bis  zum  zweigestrichenen  c,  das  Mittelregister  bis  zum  zwe 
gestrichenen  g. 

Herr  R  e  t  h  i  berichtet,  dass  die  Stimmbänder  kurz  und  aufiallerj 
breit  sind. 

Herr  A.  Fraenkel:  Zur  Lehre  von  der  Krebskrankheit. 

Mehr  oder  weniger  jede  Noxe  kann  karzinogen  werden;  freilich  ij 
nicht  jede  Stelle  des  Organismus  gleichgeeignet.  Neben  den  exogem 
Faktoren  darf  man  die  endogenen  nicht  vergessen.  Für  eine  Reihe  von  Fällt 
ist  die  C  o  h  n  h  e  i  m  sehe  Embryonaltheorie  sicher  die  richtige  Erklärut 
(branchiogene  Tumoren,  Nävuskarzinome).  Die  Theorie  von  A.  Fische 
dass  Entwicklungsabschluss  und  Verlust  der  embryonalen  Vermehrungspotci 
nicht  identisch  ist.  erklärt  vieles.  Die  das  abnorme  Wachstum  auslösendt 
Reize  greifen  an  der  Zelle  direkt  oder  auf  dem  Umweg  über  den  Organismi 
an.  Im  Erbgang  verhält  sich  das  Neoplasma  wie  die  Missbildunge 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


257 


j  s  s  1  e).  Die  Statistiker  sind  von  der  Erblichkeit  des  Karzinoms  nicht 
rzeugt.  Es  scheint,  dass  eine  gewisse  Krankheitsbereitschaft  zur  Ent- 
mng  des  Karzinoms  notwendig  ist;  diese  Bereitschaft  ist  durch  die  üe- 
!  ltverfassung  des  Organismus  bedingt  und  kann  vererbt  werden.  Das 
I  zinom  als  solches  ist  nicht  vererbbar. 

Karzinome  können  in  bestimmten  Bezirken  gehäuft  Vorkommen,  in 
;em  Falle  muss  man  wohl  an  Parasiten  denken.  Die  Tierpathologie  zeigt, 
s  die  Wirbellosen  frei  von  Karzinom  zu  sein  scheinen.  Redner,  verweist 
die  Häufigkeit  des  Magen-,  des  Rektum-  und  Uteruskarzinoms  -beim 
ischen,  während  Duodenum  und  Dünndarm  sehr  wenig  Krebsfälle  zeigen. 

den  Pflanzenfressern  sind  die  Karzinome  des  Respirationstraktes  am 
figsten. 

Manche  Autoren  bringen  die  funktionelle  Inanspruchnahme  mit  der  Krebs- 
ung  in  Zusammenhang.  Doch  ist  dies  hypothetisch  ebenso  wie  der  Zu- 
imenhang  zwischen  Parasitismus  und  Karzinombildung.  Die  Immunitäts- 
;chung  hat  bisher  das  Problem  nicht  gefördert. 

fl 

Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 

Berlin-Brandenburger  Aerztekammer. 

tzung  vom  28.  Januar  1922,  mittags  1  Uhr  im  Landeshause. 
Vorsitzender:  Herr  S  t  ö  t  e  r.  Schriftführer:  Herr  Joachim. 

Als  Vertreter  des  Oberpräsidenten  Herr  Geh.  Reg. -Rat  v.  Gneist. 

Nachruf  auf  die  verstorbenen  Mitglieder:  Selber  g,  Engelhardt, 
w  1  i  c  k,  M  i  c  h  e  1  s,  K  ö  p  p  e  1. 

1.  Bericht  des  Vorstandes  (liegt  gedruckt  vor) :  Die  im  vorigen 
re  errichtete  Auskunftsstelle  ist  von  fast  500  Aerzten  in  An- 
uch  genommen  wegen  Gebührenfragen.  Steuerfragen,  Standesfragen, 
hlenzusatzkarten  sind  in  78  Fällen  vom  Vorstand  beantragt 

;^den.  Wegen  Beschlagnahme  von  Arztwohnungen  wurden 
Anträge  bearbeitet.  Eingabe  wegen  Neuregelung  der  G  e  b  ii  h  r  e  n  f  r  a  g  e. 
dem  im  Herbst  1921  durch  Säulenanschlag  veröffentlichten  Beschluss,  laut 
l  für  die  Beratung  in  der  Sprechstunde  20  Mark,  für  den  Besuch  30  Mark 
ndestens  zu  zahlen  sei,  wird  ein  Nachtrag  bekanntgegeben,  dass 
$e  Sätze  auf  25  und  40  M.  zu  erhöhen  seien.  Der  ärztliche  Arbeit  s- 
chweis  ist  in  die  Wege  geleitet.  Beratung  über  Prüfungsord- 
n  g  und  Berufsberatung.  Antrag  zur  Abwehr  des  Sozialdemokrati¬ 
en  Antrages  auf  Aufhebung  der  Ehrengerichte.  Kündigung 
:  Vertrages  betr.  Kriegsfürsorge  mit  dem  erfreulichen  Er- 
nis,  dass  der  Magistrat  Berlin  auf  die  Forderungen  des  Vorstandes  ein- 
angen  ist.  Anträge  betr.  Steuerfragen. 

2.  Berichte  über  die  besonderen  Einrichtungen  der 
m  m  e  r  (sämtlich  gedruckt  vorliegend). 

a)  Ehrengericht:  Zu  den  74  aus  dem  Vorjahr  übernommenen 
hen  traten  182  neue  Anzeigen,  zusammen  256  Sachen.  Die  Zahl  der  Ver¬ 
klungen  betrug  im  nichtförmlichen  Verfahren  8,  im  förmlichen  Verfahren  18, 
ammen  26,  darunter  wurde  5  mal  auf  Veröffentlichung  erkannt.  Die  Zahl 

dem  Ehrengericht  unterstehenden  Aerzte  betrug  5300. 

b)  Beim  Bericht  der  Vertragskommission  wird  die  K  ü  n  - 
jung  der  Schulärzte  in  Neukölln  zur  Sprache  gebracht  und  ein 
rag  S  c  h  e  y  e  r  angenommen,  der  das  Bedauern  der  AeK.  über  diesen 
chluss  des  Neuköllner  Magistrats  ausspricht. 

c)  Der  20.  Jahresbericht  über  die  Unterstützungskasse  (er¬ 
det  von  Herrn  S.  Davidsohn)  lässt  den  weiteren  erfreulichen  Auf- 
wung  der  Kasse  erkennen.  Die  Höchstunterstutzung  im  Jahre  1921  an 
;n  Arzt  betrug  4300  M.  Im  ganzen  konnten  143  737  M.  an  Unterstützungs¬ 
lern  in  diesem  Jahre  gewährt  werden.  Das  Vermögen  der  Kasse  ist  auf 
000  M.  angewachsen. 

d)  Der  Bericht  des  Kuratoriums  für  Kriegsentschädigung 
>ss-Berliner  Aerzte  zeigt  eine  gewisse  Verlegenheit,  was  mit  dem  ge- 
tigen,  nicht  zur  Verteilung  gelangten  Ueberschuss  von  765  301  M.  ange- 
?en  werden  soll.  Um  dieser  Verlegenheit  abzuhelfen,  werden  72  000  M. 
die  Unterstützungskasse  zum  Zwecke  der  Stöterstiftung  überwiesen;  der 
;t  wird  in  eine  Kasse  überführt,  die  den  Namen  für  Wohlfahrts¬ 
lege  und  Kriegsentschädigung  Gross-Berliner  Aerzte  führen  soll. 

e)  Der  Bericht  der  Kommission  zur  Bekämpfung  der  Kur¬ 
usch  e  r  e  i  enthält  ein  sehr  eingehendes  Rechtsgutachten  des  preussischen 
listers  für  Volkswohlfahrt  über  die  rechtliche  Lage,  die  bei  Bekämpfung 

Kurpfuscherei  zurzeit  besteht.  Dieser  Bericht  sowie  die  gleichzeitig  ab¬ 
ruckte  Verfügung,  die  der  Polizeipräsident  von  Berlin  an  den  Heilkünstler 
stelsky  erlassen  hat,  sind  bereits  durch  die  „Aerztekorrespondenz“ 
öffentlicht. 

3.  Der  Kassenbericht  für  das  Jahr  1921  ergibt,  dass  die  Kammer- 
träge  fast  336  000  M.  einbrachten.  Die  persönlichen  Verwaltungskosten 
rügen  108  000,  die  sachlichen  30  700  M.  Die  Kosten  des  Ehrengerichts  he¬ 
gen  19  955  M.  An  die  Unterstützungskasse  wurden  100  000  M.  uberwiesen. 
"  Ueberschuss  der  Einnahmen  über  die  Ausgaben  belief  sich  auf  41  000  M. 
rch  diesen  Ueberschuss  und  durch  den  Erhalt  des  Sanitätsrat  Dr.  Jen¬ 
it  z  a  sehen  Nachlasses  (128  000  M.)  stieg  das  Vermögen  der  Aerzte- 
nmerkasse  auf  229  000  M. 

4.  Der  .Voranschlag  für  1922  setzt  die  Beiträge  wesentlich  in  die 
he.  Es  wird  beantragt:  eine  Grundgebühr  von  50  M.  von  den  Aerzten 
zuziehen,  die  1919  ein  Einkommen  bis  5000  M.  hatten  und  eine  Grund- 
>ühr  von  90  M.  von  denen,  die  mehr  als  5000  M.  zu  versteuern  hatten, 
i!  diesen  letzteren  soll  ausserdem  10  Proz.  der  Staatseinkommensteuer  vom 
ire  1919  als  Zuschlag  erhoben  werden.  Der  Voranschlag  rechnet,  dass 
rdurch  574  000  M.  einkommen. 

Unter  den  Ans  gaben,  die  wegen  der  allgemeinen  Preissteigerung 
ürlich  erheblich  höher  angesetzt  werden  mussten,  seien  hier  nur  2  Punkte 
■'ähnt:  die  Unterstützungskasse  wurde  mit  150  000  M.  ausgestattet.  Als 
K  e  g  e  1  d  e  r  für  die  M  i  t  g  1  i.e  der  der  Aerztekammer  wurden 
100  M.  neu  eingestellt.  Trotz  des  hiergegen  von  2  Mitgliedern 
ebenen  Widerspruchs  wurde  mit  34  gegen  30  Stimmen  diese  Vergütung 
•chlossen.  Der  übrige  Etat  wurde  ohne  jede  Aussprache  einstimmig  be- 
Jossen. 

5.  Ueber  Steuerfragen  (Umsatzsteuer,  Gewerbesteuer,  Einkommen- 
uer)  berichtet  Herr  Joachim.  Durch  Besprechung  des  Vorstandes  mit 


dem  Finanzminister  ist  erreicht  worden,  dass  die  beruflichen  Räume  des 
Arztes  nicht  der  für  gewerbliche  Zwecke  zulässigen  Höchstmiete  von 
120  v.  H.,  sondern  mi£  der  70  v.  H.  betragenden  Steigerung  unterliegen. 

6.  Bericht  über  die  durch  den  Krieg  herbeigeführten  grossen  ge¬ 
sundheitlichen  Schäden  und  Gefahren  und  deren  Bekämpfung. 
Der  Berichterstatter,  der  frühere  preussische  Ministerialdirektor  Kirchner, 
schildert  in  sehr  anschaulicher  Weise  die  gesundheitlichen  Schäden  des 
Krieges  auf  die  Bevölkerung,  namentlich  die  Zunahme  der  Tuberkulose  und 
schliesst  mit  einer  warmherzigen  Mahnung  an  die  Aerzte,  sich  -ihrer  Aufgabe. 
Erzieher  des  Volkes  zu  sein,  bewusst  zu  bleiben  und  an  der  moralischen 
Hebung  des  Volkes  mitzuarbeiten. 

7.  Berufsberatung  und  Berufseignungsprüfung.  Der 
Berichterstatter,  Herr  Moll,  unterbreitet  der  Kammer  eine  Reihe  von  Leit¬ 
sätzen,  in  denen  die  AeK.  die  Berufsberatung  und  Berufseignungsprufung  für 
wünschenswert  erklärt  und  die  Zuziehung  eines  Arztes  für  notwendig  ansieht. 
Damit  sich  die  Aerzte  die  hierfür  nötigen  Kenntnisse  verschaffen,  werden  sie 
aufgefordert,  die  hierfür  in  Vorbereitung  begriffenen  Lehrgänge  auch  zu  be¬ 
suchen. 

Herr  P  e  y  s  e  r  teilt  mit,  dass  demnächst  ein  solcher  Lehrgang  vom 
Seminar  für  soziale  Medizin  eingerichtet  werde. 

8.  Der  Bericht  des  Herrn  Ritter:  Die  Bezeichnung  als  Fach¬ 
arzt,  musste  wegen  der  vorgeschrittenen  Zeit  —  leider  —  vertagt  werden. 
(Es  lagen  Leitsätze  vor,  die  sich  im  wesentlichen  mit  den  Entschliessungen 
der  Rheinischen  Kammer  deckten.) 

Schluss  %7  Uhr.  R.  Schaeffer. 

Auswärtige  Briefe. 

Berliner  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

Der  Streik  der  städtischen  Angestellten  und  die  Krankenfürsorge. 

Berlin  hat  wieder  einmal  einen  Streik  erlitten,  einen  Streik  von  so 
brutaler  Rücksichtslosigkeit,  wie  ihn  selbst  die  streikgewohnten  Berliner  noch 
nicht  erlebt  haben.  Nachdem  die  Einstellung  des  Reichseisenbahnverkehrs 
durch  Verminderung  der  Kohlen-  und  Nahrungsmittelzufuhr  und  durch  Auf¬ 
hören  des  Stadtbahnbetriebes  seine  Wirkung  auszuüben  begonnen  hatte,  stellte 
eines  Abends  mit  überraschender  Plötzlichkeit  die  Strassenbahn  den  Betrieb 
ein,  am  nächsten  Morgen  war  Berlin  —  mit  Ausnahme  einiger  westlicher  Vor¬ 
orte  —  ohne  elektrischen  Strom,  ohne  Gas,  ohne  Wasser.  Es  war  ein  Sonn¬ 
tag,  das  Strassenbild  zeigte  ein  völlig  verändertes  Aussehen.  Wo  sonst  die 
Stille  eines  Sonntagsmorgens  herrschte,  da  wimmelte  es  von  Wasserträgern, 
an  den  Brunnen  musste  man  sich  anstellen,  wie  einst  vor  den  Butterläden. 
Der  Wassermangel  wurde  am  allerschwersten  empfunden,  weil  selbst  dem 
dringendsten  Sauberkeitsbedürfnis  nur  mit  knapper  Not  genügt  werden  konnte 
und  vor  allem  die  Klosettverhältnisse  arg  litten.  War  das  schon  für  jeden 
Haushalt  eine  schwere  Belästigung,  so  wurde  sie  unerträglich  drückend,  wo 
ein  Kranker  im  Hause  war.  Die  Kranken  mussten  überhaupt  die  ganze 
Schwere  eines  streikwütigen  Terrors  erdulden.  Ob  ihr  Arzt  sie  besuchen 
würde,  war,  falls  er  nicht  in  der  Nähe  wohnte,  mindestens  zweifelhaft.  An¬ 
fangs  waren  die  Fernsprechämter  noch  soweit  mit  Strom  versorgt,  dass  ärzt¬ 
liche  Gespräche  ausgeführt  werden  konnten,  dann  aber  mussten  bei  einigen 
Aemtern  auch  diese  abgelehnt  werden.  Vielfach  waren  also  die  Aerzte  von 
ihren  Kranken,  die  Kranken  von  ihren  Aerzten  abgeschnitten.  Die  Sprech¬ 
stunden  konnten  nicht  abgehalten  werden,  und  viele  Kollegen  genossen  eine 
unfreiwillige  Erholung.  Das  Alles  aber  fällt  verhältnismässig  wenig  ins  Ge¬ 
wicht  gegenüber  den  Zuständen  in  den  Krankenhäusern.  Operationen  waren 
nahezu  unausführbar.  Wo  sie  wegen  dringender  Indikationen  doch  aus¬ 
geführt  wurden,  geschah  es  unter  den  erschwerenden  Umständen  unzu¬ 
reichender  Asepsis  und  mangelhafter  Beleuchtung;  deshalb  mussten  mehrfach 
die  Aerzte  den  Kranken  bzw.  ihren  Angehörigen  gegenüber  die  Verantwortung 
für  den  Ausgang  der  Operation  ablehnen.  Die  Zubereitung  der  Speisen  war 
fast  unmöglich,  wo  die  Küchen  mit  Dampf  betrieben  werden;  aber  auch  sonst 
war  die  Bereitung  warmer  Speisen  mit  Schwierigkeiten  verbunden.  Am 
schlimmsten  sah  es  in  den  Kinderkrankenhäusern  und  Säuglingsheimen  aus. 
Die  Milch  war  knapp  und  ihre  sachgemässe  Zubereitung  erschwert,  saubere 
Wäsche  war  kaum  zu  beschaffen,  für  die  Pflegerinnen  war  die  Hände¬ 
reinigung  nur  sehr  unvollkommen  durchführbar.  Welche  Gefahren  mit  all 
diesen  Mängeln  verbunden  sind,  braucht  nicht  weiter  auseinandergesetzt  zu 
werden.  Die  Temperatur  der  Brutkästen  konnte  nicht  auf  der  erforderlichen 
Höhe  erhalten  werden,  und  auch  in  den  Krankensälen  herrschte  wegen 
Kohlenmangels  eine  empfindliche  Kälte.  In  den  Krankenhäusern  für  Er¬ 
wachsene  führte  das  Versagen  der  Wasserspülung  in  den  Aborten  zu  den 
hygienisch  bedenklichsten  Folgen;  geburtshilfliche  Leistungen  wurden  nur  mit 
grösster  Sorge  vorgenommen,  Bäder  für  Hautkranke  waren  unerreichbar, 
kurz  in  fast  allen  Krankenhäusern  war  der  Betrieb  so,  wie  er  nicht  sein  soll. 
Soweit  als  möglich  wurden  die  Kranken  entlassen  und  Neuaufnahmen  ab¬ 
gelehnt.  Und  das  alles  geschah  aus  einem  ganz  fadenscheinigen,  ganz 
nichtigen  Grunde,  so  nichtig,  dass  die  meisten  Streikenden  ihn  wohl  gar  nicht 
kannten.  Aber  in  diesen  Kreisen  herrscht  eine  eiserne  Disziplin,  die  in  ge¬ 
wissem  Sinne  anerkennenswert  ist  und  anderen  Kreisen  zur  Nachahmung 
empfohlen  werden  könnte.  Leider  steht  das  Verantwortlichkeitsgefühl  der 
Führer  nicht  auf  der  gleichen  Höhe;  und  so  konnte  es  geschehen,  dass  eine 
kleine  Anzahl  wildgewordener  Streikführer  in  frivolster  Weise  Leben  und 
Gesundheit  vieler  Tausende  aufs  Spiel  setzen  durfte.  Bei  einer  früheren 
ähnlichen  Gelegenheit  wurde  die  Frage  erörtert,  ob  zur  Abwehr  so  schwerer 
Gefahren  für  die  Bevölkerung  ein  Aerztestreik  erlaubt  sei.  Der  Gedanke  hat 
selbstverständlich  für  jeden  Arzt  etwas  sehr  Unsympathisches;  und  doch  ist 
angesichts  der  Zustände,  die  wir  fast  eine  Woche  lang  mit  angesehen  haben, 
die  Frage  berechtigt,  ob  es  nicht  Verhältnisse  gibt,  in  denen  er  das  geringere 
Uebel  ist  und  zur  Abwehr  grösserer  notwendig  wird.  Die  sozialdemokrati¬ 
schen  Aerzte  haben  ihn  damals,  wohl  hauptsächlich  aus  politischen  Gesichts¬ 
punkten,  abgelehnt;  sie  haben  aber  sicherlich  den  jetzigen  Streik  ebenso 
energisch  verurteilt  wie  die  grosse  Mehrzahl  der  Bevölkerung;  auch  sie 
werden  sich  also  kaum  dem  Gedanken  verschliessen  können,  dass  eine  so 
verantwortungslose  und  frivole  Gefährdung  von  Menschenleben  nur  dadurch 
verhütet  werden  kann,  wenn  ihre  Urheber  die  Folgen  der  Arbeitsverweigerung 
am  eigenen  Leibe  spüren.  m.  K. 


258 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Kleine  Mitteilungen. 

Aus  den  Parlamenten. 

(Preussische  Bundesversammlung.) 

Der  Staatshaushaltsplan  für  die  Volksgesundlieit  und  für  die  Universitäten. 

Wiederum  zeigt  der  Voranschlag  für  das  V  olksgesundheits- 
wesen,  entsprechend  dem  weiter  gesunkenen  Geldwerte  ein  gewaltiges 
Anwachsen  der  Zahlen,  nämlich  für  die  dauernden  Ausgaben  von 
24 Yi  auf  über  40  Millionen*)  (im  Jahre  1920  waren  es  nur  7,1  Millionen). 
Die  Anzahl  der  vollbesoldeten  Kreismedizinalräte  ist  von  191  auf  223  ge¬ 
stiegen,  die  der  nicht  vollbesoldeten  von  267  auf  -230  gesunken.  An  Unter¬ 
stützungen  sind  für  Medizinalbeamte  62  000  Mk.,  lür  die  in  den  Ruhestand 
versetzten  Medizinalbeaniten  und  ihre  Hinterbliebenen  24  000  M.  vorgesehen, 
das  sind  66-/3 — 100  Proz.  mehr  als  im  Vorjahr.  Ein  neüer  Posten  in  Höhe 
von  60  000  M.  ist  für  die  Prüfung  der  Zahntechniker  ausgeworfen,  die  zur 
Behandlung  von  Versicherten  zugelassen  werden  wollen.  Zu  diesem  Zwecke 
sind  bei  den  Oberversicherungsämtern  Prüfungsäusschüsse  gebildet  worden. 
Eür  medizinalpolizeiliche  Zwecke,  einschliesslich  sanitätspolizeiliche  Ueber- 
wachung  zur  Abwehr  der  Choleragefahr  und  Unterbringung  von  Leprakranken 
sind  654  000  M.  bestimmt,  für  Ausführung  des  Gesetzes  betr.  die  Bekämpfung 
übertragbarer  Krankheiten  wiederum  90  000  M.,  dagegen  zur  Unterstützung 
des  Bezirkshebammenwesens  10  Millionen  (statt  120  000  M.  im  Vorjahre), 
Beihilfe  zur  Säuglings-  und  Kleinkinderfürsorge  wieder  1  Million. 

Unter  den  ausserordentlichen  Ausgaben  sind  zu  nennen: 
Fortbildungslehrgänsre  für  Medizinalbeamte  100  000  M„  sozialhygienische  Aus¬ 
bildung  und  Fortbildung  der  Aerzte  und  Zahnärzte  sowie  für  hygienische 
Volksbelehrung  150  000  M„  Zuschuss  an  das  Institut  „Robert  Koch“,  insbe¬ 
sondere  für  Untersuchungen  über  den  Schutzpockenimpfstoff  und  über  die 
Bedeutung  des  Ungeziefers  als  Krankheitsüberträger  75  000  M.,  Bekämpfung 
der  Malaria  40  000  M.,  Forschungen  über  Ursachen  und  Verbreitung  der 
Krebskrankheit  3000  M„  Bekämpfung  der  Tuberkulose  1  Million,  des  Typhus 
300  000  M. 

Für  die  Jugend  Wohlfahrt  sind  als  Beihilfen  für  Veranstaltungen 
Dritter  zwecks  Förderung  der  Pflege  der  schulentlassenen  Jugend  und  zur 
Ausbildung  von  für  die  Jugendpflege  geeigneten  Personen  10  Millionen  (und 
5  Millionen  als  ausserordentliche  Ausgaben)  vorgesehen,  zur  Fürsorge  für  die 
gefährdete  und  verwahrloste  Jugend  2  000  000  M.  (und  800  000  M.  ausser¬ 
ordentliche),  Ausführung  des  Gesetzes  über  die  Fürsorgeerziehung  Minder¬ 
jähriger  48  Millionen. 

Die  dauernden  Ausgaben  für  die  Universitäten  und  das 
Chariteekrankenhaus  Berlin  betragen  97,4  Millionen,  im  Vorjahre  79,16  Mil¬ 
lionen.  Die  medizinischen  Fakultäten  sind  dabei  nur  wenig  beteiligt.  In 
Greifswald  und  Breslau  wird  je  ein  Ersatzordinariat  eingerichtet. 
In  Göttingen,  Marburg,  Bonn  und  Münster  sind  für  einige 
Kliniken  und  Polikliniken  Zuschüsse  in  unbeträchtlicher  Höhe  vorgesehen. 
Allgemeine  Ausgaben  für  die  Universitäten:  Pflege  der  Leibesübungen 
200  000  M.,  Zuschüsse  an  planmässig  angestellte  Professoren  und  Abteilungs¬ 
vorsteher  3  Millionen,  das  sind  2,3  Millionen  mehr  als  im  Vorjahr,  dieser 
Betrag  wird  als  Einnahme  aus  den  Anteilen  der  Staatskasse  an  den  Vor¬ 
lesungsgebühren  der  planmässigen  Professoren  erwartet.  Besoldungszu¬ 
schüsse  und  Heranziehung  ausgezeichneter  Lehrkräfte  1,85  Millionen,  für 
besondere  Lehraufträge  2,25  Millionen  (fast  2  Millionen  mehr),  Beihilfen  für 
Privatdozenten  und  jüngere  Gelehrte  180  000  M„  dazu  einmalig  200  000  M., 
für  Studierende  76  000  M.,  dazu  einmalig  300  000  M. 

Ausserordentliche  Ausgaben:  Königsberg:  Erweite¬ 
rung  der  Ohrenklinik  700  000  M.,  Neubau  der  Poliklinik  für  Haut-  und  Ge¬ 
schlechtskrankheiten  900  000  M.,  Neubau  und  apparative  Einrichtung  des 
Zahnärztlichen  Institutes  1,2  Millionen.  Berlin:  Anmietung  von  Räumen 
im  Kaiserin-Friedrich-Hause  62  000  M„  für  Zwecke  der  Syphilisforschung 
15  000  M.,  Deckungen  von  Fehlbeträgen  am  Pathologischen  Institut  und  an 
den  Kliniken  der  Charitee  840  000  M.  Greifswald:  Herstellung  hoch¬ 
wertiger  Sera  zur  Blutuntersuchung  für  gerichtliche  Zwecke  20  000  M. 
Breslau:  Für  Zwecke  der  Syphilisforschung  15  000  M.,  Erweiterung  und 
apparative  Ausstattung  des  Zahnärztlichen  Institutes  222  000  M.  Kiel:  Er¬ 
weiterung  der  Frauenklinik  834  000  M„  Instrumente  und  Apparate  für  die 
Klinik  für  Ohren-,  Hals-  und  Nasenkrankheiten  30  000  M.  Mii'nster: 
Für  die  Neubauten  der  Kliniken  und  des  Pathologischen  Institutes  weitere 
Teilbeträge  von  insgesamt  ca.  29  Millionen.  Marburg:  Neubau  und  Aus¬ 
stattung  der  Poliklinik  für  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten  2  Millionen. 
Bonn:  Neubau  des  Hygienischen  Instituts  1,8  Millionen,  Neubau  einer 
Röntgenabteilung  bei  der  Chirurgischen  Klinik  24  000  M.,  für  Zwecke  der 
Syphilisforschung  15  000  M„  Erweiterung  der  Klinik  für  Ohren-,  Hals-  und 
Nasenkrankheiten  800  000  M„  Zuschuss  zur  Herstellung  von  Unterrichts- 
räumen  bei  einer  von  der  Stadt  zu  errichtenden  Kinderklinik  650  000  M. 
Frankfurt  a.  M. :  Einmaliger  Beitrag  für  die  Universität  1,5  Millionen. 
Chariteekrankenhaus  Berlin:  Deckung  eines  Fehlbetrages  für 
sächliche  Ausgaben  20  Millionen,  Neubau  der  geburtshilflichen  Abteilung  der 
Frauenklinik  1  Million,  zur  Erforschung  der  Krebskrankheit .  200  000  M. 
Universitäten  allgemein:  Beschaffung  ausländischer  Literatur  für 
die  Bibliotheken  500  000  M.,  Instrumente  für  medizinische  Institute  350  000  M., 
Zuschüsse  für  den  zahnärztlichen  Unterricht  150  000  M..  Deckung  sächlicher 
Mehrausgaben  bei  den  Kliniken  in  Berlin  und  Breslau  48  Millionen,  sächliche 
Ausgaben  der  Kliniken  an  den  Universitäten  in  Königsberg,  Berlin,  Breslau, 
Göttingen,  Marburg,  Bonn  und  der  Charitee  32  Millionen,  ausserordentliche 
Wäschebeschaffungen  für  die  Kliniken  4,2  Millionen,  für  die  Charitee  1,2  Mil¬ 
lionen,  Vergütung  für  ausserplanmässige  Assistenten  1,79  Millionen.  Das 
übersteigt  den  ursprünglich  in  Aussicht  genommenen  Betrag  um  887  000  M„ 
weil  sich  herausgestellt  hat,  dass  eine  erheblich  grössere  Zahl  von  Volontär¬ 
ärzten,  als  ursprünglich  angenommen  war,  für  die  Fortführung  des  Lehr-  und 
Forschungsbetriebes  der  Kliniken  notwendig  ist.  Unterstützung  sozialer  Be¬ 
strebungen  der  Studentenschaft  100  000  M.  Ein  Betrag  zur  Prüfung  des 
F  r  i  e  d  m  a  n  n  sehen  Tuberkulosemittels  (im  vorigen  Jahre  800  000  M.)  findet 
sich  in  dem  diesjährigen  Haushaltsentwurf  nicht  mehr.  M.  K. 


*)  Die  Zahlen  sind  abgerundet  wiedergegeben. 


Wie  Emil  Fischer  nach  Würzburg  kam, 

erzählt  er  in  seinen  soeben  erschienenen  Lebenserinnerungen  in  humorvi 
Weise.  Fischer,  damals  in  Erlangen,  hatte  sich  in  seinem  Berui 
heftige  Bronchitis  zugezogen,  zu  deren  Ausheilung  er  einen  längeren  Ur 
nahm,  den  er  in  Korsika  und  anschliessend  in  Badenweiler  verbrachte.  ( 
so  oft,  war  die  Nachricht  von  seiner  Erkrankung  stark  übertrieben  wor 
was  zur  Folge  hatte,  dass  man  ihn  in  Würzburg,  wo  die  Professur  für  Chii 
durch  die  Berufung  Wislicenus’  nach  Leipzig  frei  geworden  war. 
einen  kranken  Mann  hielt  und  dementsprechend  bei  den  Vorschlägen  für 
Neubesetzung  unberücksichtigt  Hess.  Durch  einen  Zufall  wurde  es  abe) 
Würzburger  Universitätskreisen  noch  rechtzeitig  bekannt,  dass  Fi  sc, 
wieder  ganz  gesund  sei.  „Das  veranlasste“.  so  erzählt  Fischer,  „Profe 
Semper,'  Mitglied  der  philosophischen  Fakultät,  die  Möglichkeit  me 
Berufung  wieder  in  Erwägung  zu  ziehen,  und  zu  dem  Zweck  die  Zusamr 
kunft  mit  mir  zu  veranstalten.  Sie  fand  statt  im  Hotel  Schlieder  zu  Hei 
berg,  und,  wie  ich  bald  merkte,  lief  sie  hinaus  auf  eine  Prüfung  me 
Gesundheitszustandes,  wozu  sich  offenbar  Semper  als  Zoologe  beson 
geeignet  hielt.  Als  später  die  Sache  in  Würzburg  ruchbar  wurde,  erzäl 
sich  die  Leute  dort,  man  habe  mich  von  einem  Tierarzt  untersuchen  las| 
Genug,  Semper  machte  mir  den  Vorschlag,  einen  Spaziergang 
Schloss  zu  unternehmen.  Obwohl  er  viel  älter  war  als  ich,  schlug  er 
sichtlich  einen  raschen  Schritt  an,  so  dass  er  ganz  atemlos  oben  an) 
während  ich,  an  das  Bergsteigen  damals  gewöhnt,  mich  bei  dem  Tempo 
behaglich  fühlte.  Dann  kam  die  zweite  Probe,  Semper  schlug  vor, 
Flasche  Sekt  zu  trinken.  Auch  das  war  mir  nicht  unsympathisch,  da 
Genuss  von  Wein  zu  meinen  Gewohnheiten  gehörte.  Der  Erfolg  dieses  F 
Stücks  war  dann  auch,  wie  man  erwarten  konnte,  eine  leichte  Betrunker 
des  älteren  Herrn  ohne  Mitleidenschaft  des  jüngeren  Kollegen.  Das  Exa 
war  bestanden.  Semper  reiste  nach  Würzburg  zurück,  erklärte  se 
Fakultätsgenossen,  .der  Fischer  ist  ein  ganz  starker,  leistungsfäf 
Mann,  der  uns  alle  überleben  wird1,  worin  er  auch  recht  behalten  hat.  Infc 
dessen  ging  ein  neuer  Vorschlag  der  Fakultät  nach  München  und  etwa  e 
Monat  später  erhielt  ich  wirklich  vom  Ministerium  den  Ruf  nach  Würzbu 

Auch  darüber,  wie  Fischer  nach  Berlin  kam.  erfährt  man  Interessai 
Geheimrat  A  1 1  h  0  f  f  war  persönlich  bei  ihm  erschienen  und  hatte  ihr 
entgegenkommendster  Form  die  Einladung,  als  Nachfolger  HofmannSi 
Berlin  zu  kommen,  überbracht.  F„  der  bei  der  Wahl  „zwischen  Würzt 
wo  er  sich  glü'cklich  fühlte,  und  Berlin,  wovor  ihm  graute“,  sich  persoij 
am  liebsten  für  Würzburg  entschieden  hätte,  reiste  nach  Berlin,  um  die  I 
hältnisse  an  Ort  und  Stelle  kennen  zu  lernen.  Dort  wurde  ihm  von  den  F 
genossen  stark  zugeredet,  den  Ruf  anzunehmen.  „Dazu  noch  keinesx 
entschlossen,  fuhr  ich  nach  München,  wohin  mich  der  dortige  Min 
eingeladen  hatte.  Ich  war  erstaunt  über  die  wenig  geschickte  Art,  in  de 
mich  zur  Ablehnung  des  Berliner  Rufes  bereden  wollte.  Zunächst  musstet 
li4  Tage  warten,  bevor  er  mich  überhaupt  empfing  und  dann  behauptete! 
ich  wäre  durch  die  Bewilligung  des  Neubaues  in  Würzburg  verpflichtet,  doi 
bleiben.  Ich  antwortete  ihm,  dass  der  Bau  doch  nicht  mir  persönlich 
willigt  sei,  wenn  das  aber  zuträfe,  so  könne  man  ihn  ja  aufgeben,  da  er  : 
gar  nicht  begonnen  sei.  Kurzum  ich  kam  von  München  etwas  verstimmt  : 
Würzburg  zurück.“  Den  Ruf  nach  Berlin  hat  er  dann  angenommen. 

Das  Buch  Fischers  „Aus  meinem  Leben“,  dem  wir 
stehendes  entnehmen,  ist  die  Einleitung  zu  einer  von  M.  Bergm, 
herauszugebenden  Gesamtausgabe  seiner  wissenschaftlichen  Schriften  (Vt 
von  J.  Springer).  Es  bietet  eine  überaus  anziehende  Lektüre  durch  die 
spruchslose  Art,  mit  der  der  grosse  Gelehrte  von  sich  selbst  und  von 
vielen  bedeutenden  Menschen,  mit  denen  er  in  Berührung  gekommen 
erzählt.  Da  sich  darunter  auch  viele  Mediziner,  mit  denen  Fischer 
freundet  war,  befinden  und  da  Fischer  auch  manche  treffende  medizini 
Bemerkung,  u.  a.  über  seine  wiederholten  Berufserkrankungen,  einflicht 
gewinnt  das  Buch  ein  besonderes  Interesse  auch  für  Aerzte,  abgesehen 
dem  Genuss,  den  das  engere  Bekanntwerden  mit  einem  gottbegnad 
Menschen,  wie  Emil  Fischer  es  war,  gewährt. 

Therapeutische  Notizen. 

Wesentliche  Abkürzung  der  Behandlungsdauer  ■ 
Brandwunden  dritten  Grades. 

Es  ist  mir  gelungen,  die  Behandlung  von  tiefgreifenden  Verbrennu 
dadurch  wesentlich  abzukürzen  und  eiterfrei  zu  gestalten,  dass  ich 
entstandenen  Brandschorf  beim  jedesmaligen  Verbandwechsel  mit  < 
gesättigten  Lösung  von  übermangansaurem  Kali  gepinselt  und  dadjc 
in  einer  ganz  ungewöhnlich  kurzen  Zeit  zum  Schwinden  gebracht  1 
Dauerbäder,  Umschläge  und  die  ganzen  bekannten  Unannehmlichkeiten, 
mit  der  eitrigen  Abstossung  eines  Brandschorfs  verbunden  sind,  kommen 
in  Wegfall. 

Ich  hatte  Gelegenheit,  bei  einer  Anzahl  von  Verbrennungen  das  Verfa 
als  praktisch  zu  erproben  und  kann  es  den  Kollegen  zur  Nachprüfung 
wärmstens  empfehlen.  Die  Ersparnis  an  Verbandstoffen,  die  reinl 
trockene  Beschaffenheit  der  Wunde  während  der  ganzen  Dauer  der 
Handlung  und  die  rasche  Heilung  bilden  die  Vorzüge  des  neuen  Verfah 
das  ich  noch  nirgends  in  der  Literatur  erwähnt  gefunden  habe. 

Den  ersten  Verband  mache  ich  mit  50  proz.  wässeriger  Ichthyollö8 
er  kann  bei  oberflächlichen  Verbrennungen  bis  zum  Schlüsse  der  Behanc 
(8—10  Tage)  liegen  bleiben.  Zeigt  sich,  dass  Verbrennungen  dr 
Grades  vorliegen,  so  entfernt  man  die  Mullstreifen  am  besten  ganz, 
da,  wo  sie  festhaften  (wo  nur  die  Epidermis  fehlt)  recht  schonend 
verbindet  alle  2 — 3  Tage  mit  10  proz.  Ichthyolsalbe  die  ganze  Wundfl. 
wobei  regelmässig  bis  zu  der  sehr  rasch  erfolgenden  Auflösung  des  B: 
Schorfes  mit  der  Kaliumpermanganatlösung  gepinselt  wird.  Verbandwec 
sowie  Pinselung  sind  mit  Ausnahme  der  ersten  völlig  schmerzlos. 

Ich  konnte  am  8.  Februar  den  Kollegen  einen  Giessereimeister 
stellen  (vor  genau  3  Wochen  ausgedehnte  Verbrennung  des  Fussrückens 
flüssigem  Eisen;  mehrere  tiefe  bis  handtellergrosse  Brandschorfe),  der  be 
eingeschlagenen  Behandlung  bis  auf  winzige,  oberflächlich  granulier 
Stellen,  völlig  geheilt  war.  Dr.  Oskar  K  a  t  z  -  Mannhei 

Innersekretorische  Behandlung  der  Migräne  du 
Epiglandol.  Es  steht  uns  bekanntlich  nur  ein  geringer  Schatz 
Arzneimitteln  zur  Verfügung,  wenn  es  sich  um  chronische  oder  periodi 
schwere  Migräne  handelt.  Nachdem  nun  von  F  r  ä  n  k  e  1  nachgewiesen  wo* 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


259 


dass  Epiglandol,  ein  Extrakt  der  Epiphyse,  eine  Dilatation  aller  Kopf- 
se  bewirkt  und  ferner  Prof.  Marburg  auf  Grund  dieser  Feststellung 
;reich  das  Präparat  bei  Kopfschmerzen  vasomotorischen  Ursprunges  er- 
hattc,  verwandte  ich  in  meiner  Praxis  das  mir  überlassene  Epiglandol 
;icher  Weise  und  zwar  in  etwa  20  Fällen  schwerer  und  schon  lange  be- 
nder  Migräne,  bei  der  die  üblichen  Mittel  versagt  hatten.  Es  kam  be- 
•rs  zur  Anwendung  bei  der  angiospastischen  Migräne  und  zwar  in  fast 
Fällen  mit  überraschender  Wirkung.  Es  ist  .anzunehmen,  dass  es  eine 
pezifische  Wirkung  ausübt  auf  die  Innervation  der  kleinsten  Gefässe  des 
ns,  indem  es  dem  bei  der  Migräne  auftretenden  Gefässkrampf  entgegen- 
.  Da  die  Gehirnanämie  und  der  Krampf  der  ganzen  Blutgefässe  bei  der 
truation  besonders  stark  ist,  schon  infolge  der  Hyperämie  des  Genital- 
s,  gab  ich  das  Mittel  zum  Teil  prophylaktisch  bei  Klagen  über  regel- 
ge  Menstruationskopfschmerzen.  Nach  Angaben  der  Kranken  sind  die 
le,  wie  ja  auch  bekannt,  besonders  beim  Eintritt  der  Menstruation  zu 
eilten  und  von  bedeutender  Heftigkeit.  Es  ist  erstaunlich,  dass  gerade 
ast  alle  Kranken  ein  Ausbleiben  des  befürchteten  Anfalles  meldeten  oder 
tens  über  leichten  Kopfdruck  klagten.  In  den  meisten  Fällen  von  jahre¬ 
bestehender  Migräne  genügte  eine  Behandlung  von  3  Wochen,  wobei  ich 
:den  zweiten  Tag  1  ccm  subkutan  verabfolgte.  Die  Injektion  ist  völlig 
;rzlos  und  ohne  Nebenwirkung.  In  einem  besonders  verzweifelten  Falle 
eite  es  sich  um  eine  23  jährige  Patientin,  die  seit  ihrem  15.  Lebensjahr 
Monat  schwere  Anfälle  hatte.  Nach  6  Injektionen  meldete  sie,  dass  sie 
hrer  Migräne  befreit  wäre.  Nach  einigen  Monaten  erschien  sie  wieder 
nir,  um  mir  mitzuteilen,  dass  sie  während  der  ganzen  Zeit  ohne  den 
:hen  Migräneanfall  gewesen  wäre  und  auch  während  der  Menstruation 
n  Anfall  gehabt  habe.  Aehnlich  verhielt  es  sich  mit  den  anderen  Kranken, 
nanchen  war  die  Wirkung  eine  langsamere,  bei  anderen  eine  intensivere. 

Kranken  hatte  ich  keinen  Erfolg.  Die  sehr  auffällige  Dauerwirkung,  die 
r  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  vorliegt,  ist  vielleicht  durch  organo- 
peutische  Wirkung  auf  die  Epiphyse  zu  erklären,  da  viele  Patienten 
weiterbestehender  Anämie  doch  von  ihrer  Migräne  befreit  blieben.  Die 
lie  allein  löste  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  keine  Anfälle  mehr  aus. 

Dr.  med.  R.  H  a  a  g  e  n  -  Berlin-Friedenau. 


Studentenbelange. 

Bekanntmachung  des  Verbandes  deutscher  Medizinerschaften. 

~ür  Doktorarbeiten  vermitteln  wir  Maschinenschrift  zu  erheblich 
iligtem  Preise. 

Ss  kostet  die  Seite  1  M.  mit  1  Durchschlag  gratis. 

Jeder  weitere  Durchschlag  bedingt  einen  Zuschlag  von  — .10  M.  pro 

Papier  wird  zum  Einkaufspreis  berechnet  und  kann  auch  vom  Besteller 

ert  werden. 

Die  Anfertigung  erfolgt  .auf  Diktat  sowie  auch  auf  Grund  der  uns  zu¬ 
llten  handschriftlichen  Ausarbeitung.  In  letzterem  Falle  —  also  bei  Zu- 
mg  des  Manuskripts  —  erhält  der  Besteller  zunächst  eine  Probeschrift 
Durchschlag  zur  Korrektur,  wodurch  ein  Mehrpreis  von  — .50  M. 
Seite  entsteht. 

Die  Rücksendung  erfolgt  gegen  Nachnahme. 

Verband  deutscher  Medizinerschaften,  Leipzig,  Liebigstr.  22. 

v.  V. 

Aufruf  des  deutschen  Hochschulrings. 

Zu  der  durch  die  Göttinger  Notverfassung  geschaffenen  Lage  hat  der 
che  Hochßchulring  folgenden  Aufruf  erlassen: 

„Deutsche  Studenten! 

Wir  stehen  an  einem  Wendepunkt  der  studentischen  Bewegung.  Als 
or  wenigen  Jahren  uns  zur  deutschen  Studentenschaft  zusammenschlossen, 
in  unseren  Führern  der  Willensstärke  Glaube  an  eine  allstudentische 
•inschaft;  da  haben  vor  allem  auch  wir  völkischen  Studenten  gehofft, 
r  uns  mit  unseren  Brüdern  aus  Deutsch-Oesterreich  und  dem  Sudeten- 
zu  verbinden. 

Die  Entwicklung  hat  uns  eines  anderen  belehrt.  Nicht  nur  wurde  unser 
zum  grossdeutschen  Studentenstaate  zermürbt  im  Streit  um  Wort  und 
,  nicht  nur  wurden  unsere  besten  Kräfte  in  studentischen  Parlaments- 
fen  vergeudet,  nicht  nur  versandete  die  von  uns  erhoffte  zielbewusste 
rarbeit  in  faulen  Kompromissen.  —  Die  harte  Wirklichkeit  hat  uns 
Hauben  an  eine  höhere  Bestimmung  der  gesamten  Studentenschaft  ge- 
len,  wir  betreten  mit  dem  Augenblick  dieser  Erkenntnis  einen  neuen 
zu  unseren  hohen  Zielen,  die  sich  nicht  gewandelt  haben. 

Die  deutsche  Studentenschaft,  wie  Frontsoldaten  sie  schufen,  ist  zer- 
en  —  an  ihre  Stelle  tritt  jetzt  ein  wirtschaftlicher  Zweckverband.  Ihre 
aalen  und  kulturellen  Aufgaben  fallen  den  weltanschaulich  geschlossenen 
pen  zu. 

Deutsche  Studenten!  Wenn  wir  aus  voller  Ueberzeugung  diese  Ent- 
ung  bejahen,  so  sind  wir  uns  der  ungeheuren  Verantwortung  bewusst, 
erade  der  deutsche  Hochschulring  mit  dieser  Wendung  übernimmt.  In 
anderem  Masse  müssen  wir  unsere  Kraft  in  den  Dienst  einer  gross- 
chen  Arbeit  stellen.  Und  in  diesem  Augenblicke,  da  ein  nur  scheinbarer 
nmenschluss  mit  unseren  deutschen  Brüdern  jenseits  der  Reichsgrenze 
heute  fällt,  in  diesem  Augenblick  erneuern  wir  feierlich  vor  aller 
das  Treugelöbnis,  das  keine  Staatsgrenzen,  keine  äusseren  Wider- 
e  kennt! 

Wir  nehmen  neue,  gewaltige  Pflichten  auf  uns,  weil  wir  vertrauen,  dass 
deutsche  Studenten,  fest  zu  uns  steht,  dass  in  Euch  noch  der  uner- 
terliche  Glaube  an  unsere  völkische  Zukunft  lebt,  dass  dieser  Euer 
je  auch  zur  Tat  bereit  ist.  Es  ist  kein  Grund  zu  verzagen,  unser 
ksal  liegt  in  unserer  Hand.  Treubleiben  ist  alles!“ 

Der  Hochschulkreis  Bayern  und  die  Studentenschaft  der  Berliner  Uni- 
tät  haben  gegen  die  Notverfassung  der  deutschen  Studentenschaft  Ein- 
;h  erhoben.  Die  Frage  ist  also  noch  nicht  entschieden,  man  muss  den 
:ren  Verlauf  abwarten.  Unter  dringlichster  Wunsch  kann  es  nur  sein, 
die  kulturellen  Aufgaben,  die  die  deutsche  Studentenschaft  nicht  zu 
en  vermochte,  nunmehr  vom  deutschen  Hochschulring  aufgegriffen  wer- 
wie  es  der  obige  Aufruf  verspricht.  v.  V. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  15.  Februar  1922. 

—  Man  schreibt  uns:  Im  Preussischen  Ministerium  für 
Volkswohlfahrt  fand  am  21.  Januar  d.  J.  eine  Besprechung 
zwischen  Vertretern  des  Ministers  und  dem  erweiterten  Vorstand  des  preussi¬ 
schen  Medizinalbeamtenvereins  statt,  in  der  die  wichtigsten 
Fragen  der  Stellung,  der  Besoldungsverhältnisse  und  der  Amtstätigkeit  der 
preussischen  Medizinalbeamten  erörtert  wurden.  Der  Minister  für  Volks¬ 
wohlfahrt  beabsichtigt,  derartige  Besprechungen,  von  denen  er  sich  für  die 
gemeinsame  Wirksamkeit  der  Zentralbehörde  mit  den  nachgeordneten  Beamten 
einen  guten  Erfolg  verspricht,  nach  Bedarf  zu  wiederholen. 

—  Man  schreibt  uns  aus  Wien:  Vor  allen  Institutionen  Altösterreichs 
haben  die  Wiener  Musik,  an  der  wir  Vorbeigehen  müssen,  und  die  W  i  e  n  c  r 
Medizin  ihre  internationale  Bedeutung  wiedergewonnen,  genauer  ge¬ 
sprochen:  keinen  Moment  verloren.  Die  Wiener  Schule  arbeitet  nach  wie 
vor  in  unzulänglichen  Hörsälen  und  Instituten,  alle  Plätze  sind  überfallt, 
jedes  Mikroskop  wird  belagert.  Die  Mediziner  aus  dem  Neu-Auslande  sind 
wieder  da.  die  Polen,  Ungarn,  Jugoslaven  und  der  ganze  Balkan;  auch  die 
Aerzte  aus  dem  Alt-Auslande,  die  Amerikaner,  Engländer,  Schweizer,  Hol¬ 
länder  und  Schweden.  Mit  den  Amerikanern  hat  es  komplizierte  wirtschaft¬ 
liche  Kämpfe  gegeben;  die  Herren  sind  organisiert,  verlangen  Vorlesungen 
und  Kurse  in  englischer  Sprache  und  wollen  neuerdings  die  Kurshonorare 
regulieren,  d.  h.  nach  unten  drücken.  Das  gibt  erregte  Debatten,  die  sich 
hoffentlich  in  Wahlgefallen  auflösen  werden.  Von  grosser  Bedeutung  sind 
die  vier  internationalen  Fortbildungskurse,  welche  die  Wiener  medizinische 
Fakultät  in  Wien  pro  Jahr  veranstaltet.  Im  Februar  werden  die  Krankheiten 
der  Verdauungsorgane  absolviert;  neben  60  Wiener  Professoren  und  Do¬ 
zenten  werden  Geheimrat  v.  Noorden  aus  Frankfurt  a.  M„  welcher  die 
erste  Stoffwechselklinik  in  Wien  eingerichtet  hat,  und  Prof.  B  i  e  d  1  von 
der  deutschen  Universität  in  Prag,  dessen  innersekretorische  Arbeiten  in 
Wien  entstanden  sind,  sprechen.  Im  Juni  kommt  innere  Medizin  an  die  Reihe, 
im  September  der  Landärztekurs  und  im  Dezember  Chirurgie,  Geburtshilfe 
und  Gynäkologie. 

Dem  englischen  Parlament  wurde  ein  Gesetzentwurf  vor¬ 
gelegt,  der  den  Beitrag  zur  Krankenversicherung  für  Arbeit¬ 
geber  und  -nehmer  um  Y  Penny  erhöht.  Die  Krankenversicherung  soll  auch 
auf  zahnärztliche  Hilfe  ausgedehnt  werden. 

—  Die  Gesellschaften  zur  Bekämpfung  der  Geschlechts- 
k  r  a  nkh  e  it  e  n  in  England  dehnen  jetzt  in  gross  angelegter  Weise 
ihre  Tätigkeit  auf  die  Kolonien  aus.  Untersuchungsausschüsse  in  den  grossen 
und  kleinen  Kolonien  suchen  überall  Verbreitung  und  Mittel  zur  Verhütung 
und  Bekämpfung  zu  studieren  und  womöglich  eine  einheitliche  Regelung  zu 
erzielen.  Aon  besonderer  Wichtigkeit  sind  dabei  die  Vorkehrungen  zum 
Schutz  der  Mannschaften  der  Handelsmarine;  hier  lag  bisher  vieles  im  Argen; 
der  Schutz  vor  der  Ansteckungsgefahr,  die  ärztliche  Untersuchung,  vor  allem 
die  Kontinuität  der  Behandlung  soll  gebessert  werden;  gerade  die  sorgfältige 
Behandlung  der  Angehörigen  der  Handelsmarine  ist  unerlässlich,  um  im 
Mutterlande  das  immer  neue  Auftreten  von  Infektionszentren  zu  verhüten. 

—  In  der  englischen  medizinischen  Presse  werden  mit  Interesse  die 
Erfahrungen  besprochen,  die  Prof.  Jose  Albert  in  der  grossen  Lepra- 
Kolonie  (Culion)  auf  den  Philippinen  gemacht  hat;  in  diese  Kolonie  wurden 
in  den  letzten  15  Jahren  13  000  Leprakranke  aufgenommen  und  unter  sicheren 
Bedingungen  isoliert,  und  Albert  kommt  zu  dem  Schlüsse,  dass  ein  Erfolg 
damit  nicht  erzielt  worden  sei.  Absonderung  sei  nur  erforderlich  in  den 
Fällen  mit  offenen  Ulzerationen  und  auch  hier  sei  die  Gefahr  gering  bei 
Beobachtung  der  üblichen  sanitären  und  hygienischen  Massregeln.  A.  be¬ 
rechnet,  dass  nur  in  5  Proz.  der  Erkrankungen  die  Ursache  in  direkter 
Uebertragung  von  Fall  zu  Fall  zu  suchen  sei.  Die  strenge  Isolierung  aller 
Leprakranken  in  Kolonien  gäbe  ein  falsches  Gefühl  der  Sicherheit  und  führe 
zur  Vernachlässigung  der  wichtigeren  allgemeinen  hygienischen  Massregeln. 
Jedenfalls  weisen  die  auf  den  Philippinen,  auf  Hawai  und  auch  in  Nor¬ 
wegen  gemachten  Erfahrungen  auf  die  Notwendigkeit  hin,  die  ganze  Frage 
der  Uebertragbarkeit  der  Lepra  und  die  Isolierung  der  Leprakranken  von 
neuem  sorgfältig  zu  studieren. 

—  Nach  Mitteilung  des  offiziellen  Organs  der  bulgarischen  Re¬ 
gierung  wird,  in  der  Sobranje  nächstens  ein  Gesetz  über  den  Verkauf 
alkoholischer  Getränke  eingebracht  werden,  dem  wir  folgende  be¬ 
achtenswerte  Paragraphen  entnehmen: 

1.  Alle  öffentlichen  und  privaten  Schulen  haben  in  ihren  Hygiene- 
Lehrstoff  die  Unterweisung  über  die  Schädigungen  des  Alkoholismus  auf- 
zunehmen. 

2.  Studenten,  Soldaten  und  andere  Personen  unter  20  Jahren  dürfen  in 
Schänken,  Wirtshäusern  und  anderen  öffentlichen  Lokalen,  in  denen 
alkoholische  Getränke  verkauft  werden,  nicht  zugelassen  werden. 

3.  Alle  derartigen  Stätten  müssen  an  Sonntagen  und  gesetzlichen  Feier¬ 
tagen  um  5  Uhr  nachmittags  geschlossen  werden. 

4.  Geschäftsabschlüsse,  Verträge  und  Schuldzahlungen  aller  Art,  die  an 
den  genannten  Orten  betätigt  werden,  sollen  ungültig  und  streng  verboten 
sein. 

5.  In  Dörfern  darf  die  Zahl  der  Schänken  1  auf  1000  Einwohner  nicht 
überschreiten,  in  Städten  1  auf  2000. 

6.  Verträge  über  Kauf  und  Verkauf  alkoholischer  Getränke  dürfen  vom 
Staate  unter  keinen  Umständen  sanktioniert  werden. 

7.  Die  Steuer  auf  alkoholische  Getränke,  die  Frachtsätze  für  Spirituosen 
und  die  direkte  Steuer  auf  Alkohol  sollen  auf  1000  Proz.  erhöht  werden. 

Der  Volksvertretung  der  Tschechoslowakei  liegt  ein  Ge¬ 
setzentwurf  vor,  das  Landova-Stychova-Gesetz,  das  jedem  Weibe  das 
Recht  zuerkennen  will,  bis  zum  3.  Schwangerschaftsmonat  selbst  darüber  zu 
entscheiden,  ob  es  Mutter  zu  werden  wünscht  oder  nicht.  In  letzterem 
Falle  soll  es  ihr  freistehen,  durch  einen  approbierten  Arzt,  aber  nur  durch 
einen  solchen,  den  künstlichen  Abort  einleiten  zu  lassen.  Bei  einer  Beratung 
des  Entwurfes  in  der  Prager  med.  Gesellschaft  wurde  beschlossen,  die  Ein¬ 
setzung  eines  Komitees  von  Aerzten  und  Soziologen  anzuregen,  zwecks 
Prüfung  der  Frage  und  Vorschlägen  zur  Verbesserung  der  gegenwärtigen 
Zustände. 

—  Auf  der  am  25.  Januar  stattgehabten  ersten  Tagung  des  Inter- 
nationalenHilfskomitees  fürRussland  in  Genf  entrollte  dessen 
Oberkommissar  Nansen  ein  furchtbar  trübes  Bild  von  der  Lage  in  den 
russischen  Hungergebieten  und  erhob  schwere  Anklage  gegen  diejenigen,  die 


260 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


schuldig  daran  geworden  sind,  dass  das  von  Nansen  geforderte  und  durch 
Verträge  mit  der  Sowjetregierung  eingeleitete  Hilfswerk  nicht  schon  im  bep- 
tember  vom  Völkerbund  übernommen  wurde.  Das  bedeutete  den  sicheren 
Tod  von  mehreren  Millionen  von  Menschen,  die  damals  noch  hatten  gerettet 
werden  können,  jetzt  macht  es  der  Winter  unmöglich.  Es  handelt  sich  jetzt 
darum,  von  den  19  Millionen  durch  Hungertod  Bedrohter  zu  retten  was  noch 
zu  retten  ist.  Die  Regierungen  müssten  sich  aus  Menschenpflicht  vereinen, 
um  die  Anstrengungen  des  Komitees,  der  Amerikaner,  der  Quäker  usw.  zu 
unterstützen,  denn  bisher  stehen  erst  25  Millionen  Goldfranken  zur  *®r" 
fügung,  die  nur  2  Millionen  Menschen  von  den  19  Bedrohten  bis  zur  nächsten 
Ernte  ernähren  können.  Nansen  schildert  schliesslich  noch  die  Arbeits¬ 
methoden  und  Grundsätze  der  Kommission  und  gedenkt  der  im  Dienste 
des  Rettungswerkes  verstorbenen  Aerzte  Gärtner  und  F  a  r  r  a  r  und  der 
Engländerin  Frl.  Pattisson. 

—  Eine  Mädchenschule  in  der  Nähe  Londons  hatte  während  des 
Krieges  als  Lazarett  für  geschlechtskranke  Soldaten  gedient.  Die 
Eigentümer  der  Schule  verklagen  nun  den  Staat  auf  Zahlung  einer  Entschädi¬ 
gung  von  73  000  Pfd.  Sterl.,  da  das  Gebäude,  nachdem  es  für  solche  Zwecke 
benützt  worden  war,  für  die  Schule  nicht  mehr  verwendbar  sei.  Ein  Teil 
der  ärztlichen  Sachverständigen  wies  nach,  dass  die  Räume  so  desinfiziert 
werden  könnten,  dass  jede  Infektionsgefahr  ausgeschlossen  sei,  andere  aber 
meinten,  dass  an  dem  Platze  ein  solcher  sittlicher  Makel  haften  bleibe,  dass 
er  für  eine  Mädchenschule  nicht  länger  verwendbar  sei.  Dieser  Ansicht 
schloss  sich  auch  das  Gericht  an.  Die  Kenntnis  von  dem  Zweck,  dem  die 
Schule  gedient  habe,  könne  einen  nachteiligen  Einfluss  auf  die  sensible  Psyche 
junger  Mädchen  ausüben.  Die  Geschichte  und  Tradition*  einer  Schule  sei 
von  grosser  Bedeutung  für  ihren  Erfolg  und  für  ihr  Gedeihen.  Dement¬ 
sprechend  erging  das  Urteil. 

—  Der  Landesschutzverband  der  sächsischen  Betriebskrankenkassen 
weihte  am  28.  I.  ds.  Js.  seine  neue  Waldpark-Krankenanstalt  in 
Dresden -  Blasewitz  ein.  Die  Waldpark-Krankenanstalt  mit  vor-  | 
läufig  126  Betten  soll  in  erster  Linie  eine  Klinik  für  innere  Krankheiten  sein,  t 
Doch  sind  für  die  Grenzgebiete  kleinere  Sonderabteilungen  mit  allen  fach¬ 
ärztlichen  (auch  operativen)  Einrichtungen  vorgesehen.  Leitender  Arzt  der 
gesamten  Krankenanstalt  und  Leiter  der  inneren  Abteilung  ist  Dr.  Oskar 
Fischer.  Weiter  sind  an  der  Krankenanstalt  in  leitender  Stellung  tätig: 
Prof.  Dr.  J.  S  c  h  u  1 1  z  -  Weisser  Hirsch  (neurol.  Abt.),  Prof.  Dr.  Be  - 
schorner  (Lungentuberkuloseabt.),  Dr.  Friedrich  Hesse  (chirurg.  Abt.), 
Prof  Dr  Küster  (gynäkol.  Abt.),  Prof.  Dr.  Galewsky  (dermatolog. 
Abt.),  Prof.  Dr.  Best  (Augenabt.),  Dr.  Dietze  (Abt.  f.  Ohren-Nasen- 

Halskr.).  _ 

—  Zum  Leiter  des  Krankenhauses  des  Roten  Kreuzes  in 
München  wurde  Privatdozent  Dr.  Hans  A  1  b  r  e  c  h  t  ernannt. 

—  Deutsche  ärztliche  Gesellschaft  für  Strahlen¬ 
therapie.  Mit  Rücksicht  auf  die  Verlegung  des  Röntgenkongresses  auf 
die  Zeit  vom  23.-25.  April  ist  der  Vortragszyklus  der  Röntgentherapie  in 
Tübingen  an  der  Chirurgischen  Klinik  (Prof.  Perthes)  und  der  Frauen¬ 
klinik  (Prof.  A.  Mayer)  auf  den  Oktober  verlegt  worden.  Der  vom  6.  März 
bis  zum  1.  April  in  Frankfurt  a.  M.  zu  veranstaltende  Fortbildungskurs  für 
Röntgentiefentherapie  findet  im  Institut  für  die  physikalischen  Grundlagen  der  , 
Medizin  (Prof.  D  e  s  s  a  u  e  r).  in  der  Chirurgischen  Klinik  (Prof.  Schmie¬ 
den)  und  in  der  Frauenklinik  (Geh.  Rat  S  e  i  t  z)  statt. 

—  Vom  6.— 11.  März  d.  J.  findet  in  der  1.  med.  Universitätsklinik  der 
Charitee  in  Berlin  ein  Kursus  der  Krankenernährung  mit  prak¬ 
tischen  Uebungen  in  der  Diätküche  statt,  wobei  am  Vormittag 
von  Geh.  Rat  H  i  s  und  Prof.  G  u  d  z  e  n  t  theoretische  Vorträge  gehalten 
werden  und  nachmittags  praktische  Kochubungen  in  der  Diätküche  statt¬ 
finden.  Auskunft  über  Stundenplan,  Honorar  usw.  erteilt  Prof.  Gudzent, 
Charitee,  Berlin. 

- —  Die  Dozentenvereinigung  für  ärztliche  Ferien¬ 
kurse  in  Berlin  veranstaltet  vom  2—29.  März  neben  den  üblichen 
Kursen  aus  allen  Gebieten  je  einen  Gruppenkurs  über  T  uberkulose 
(vom  13.— 19.  März),  Strahlenkunde  (vom  19.— 25.  März)  und  Herz¬ 
krankheiten  (vom  27.  März  bis  1.  April).  Näheres  durch  die  Ge¬ 
schäftsstelle,  Berlin  NW.  6,  Luisenplatz  2—4  (Kaiserin-Friedrich-Haus). 

—  Der  IV.  Karlsbader  internationale  ärztliche  Fort¬ 
bildungskursus  mit  besonderer  Berücksichtigung  der 
Balneologie  und  Balneotherapie  findet  in  der  Zeit  vom  24. 
bis  30.  September,  also  unmittelbar  nach  der  Naturforscherversammlung,  in 
Karlsbad  statt.  —  Auskünfte  erteilt  der  Geschäftsführer  Dr.  Edgar 
Ganz  in  Karlsbad. 

—  Der  34.  Kongress  der  Deutschen  Gesellschaft  für 
Innere  Medizin  findet  vom  24.-27.  April  1922  in  Wiesbaden  unter 
dem  Vorsitze  des  Herrn  Prof.  Dr.  L.  Brauer  (Hamburg-Eppendorf)  statt. 
Die  Hauptverhandlungsgegenstände  sind  aus  dem  Gebiete  der  Leberkrank¬ 
heiten  sowie  aus  den  Fragen  der  inneren  Sekretion  gewählt.  Die  Verhand¬ 
lungen  über  die  Leberkrankheiten  werden  eingeleitet  durch  ein  Referat  des 
Herrn  Prof.  Dr.  Eppinger  -  Wien  über  Ikterus,  jene  des  zweiten  Haupt¬ 
themas  durch  ein  Referat  von  Herrn  Prof.  Dr.  B  i  e  d  1  (Prag)  über  Hypo¬ 
physe.  Vortragsanmeldungen,  denen  eine  kurze  Inhaltsangabe  beizufügen  ist, 
sind  bis  zum  18.  März  an  Herrn  Prof.  Dr.  L.  Brauer,  Hamburg-Eppendorf, 
Martinistr.  56,  zu  richten.  Vorträge,  deren  wesentlicher  Inhalt  bereits  ver¬ 
öffentlicht  ist,  dürfen  nicht  zugelassen  werden.  Die  Wiesbadener  Hotels  und 
Pensionen  gewähren  den  Kongressteilnehmern  und  deren  Frauen  wesentliche 
Vergünstigungen.  Die  Hotels  sind  zu  diesem  Zwecke  in  3  Gruppen  ein¬ 
geteilt,  für  die  die  folgenden  Preise  gelten:  Gruppe  1  (Luxushotel)  Zimmer 
mit  Frühstü'ck  100 — 120  M.,  Gruppe  II  Zimmer  mit  Frühstück  65 — 75  M„ 
Gruppe  III  Zimmer  mit  Frühstück  45—50  M„  hierzu  tritt  der  übliche  Be¬ 
dienungszuschlag.  Bestellungen  von  Wohnungen  bis  zum  1.  April  1922 
spätestens  bei  dem  Städt.  Verkehrsbureau.  Abteilung  Aerztliche  Kongresse, 
das  Wünsche  bezüglich  bestimmter  Hotels  nach  Möglichkeit  berücksichtigen 
wird.  Ein  Zwang,  in  dem  betr.  Hotel  die  Mahlzeiten  einzunehmen,  besteht 
nicht.  Ausserdem  ist  ein  Ortskomitee  bemüht,  für  die  jüngeren  Herren 
kostenlos  Unterkunft  bei  Wiesbadener  Familien  und  im  Städt.  Krankenhause 
zu  beschaffen.  Anmeldungen  für  diese  Privatquartiere  werden  bis  spätestens 
zum  1.  April  ebenfalls  an  das  Städt.  Verkehrsbureau,  Abteilung  Aerztliche 
Kongresse  erbeten,  das  den  betr.  Kollegen  Mitteilung  zugehen  lassen  wird, 
ob  und  wo  sie  kostenlos  Unterkunft  finden  können.  Mit  der  Tagung  ist  eine 
Ausstellung  verbunden.  Anmeldungen  für  diese  an  Oberarzt  Dr.  G(ronne, 
Wiesbaden,  Städt.  Krankenhaus  bis  spätestens  18.  März  erbeten. 


—  Die  5.  Sitzung  der  Südostdeutschen  chirurgischen  Vereinigung  fin 
am  25  Februar  1922  10  Uhr  vorm,  im  Hörsaal  der  Chirurg.  Univers.-Kh 
in  Breslau  statt.  Es  sind  32  Vorträge  angemeldet. 

—  „Gedenke,  dass  Du  ein  deutscher  Ahnherr  bis 

Die  Festrede,  die  Prof.  Philalethes  Kuh  n,  der  Direktor  des  hyg.  I nsti: 
an  der  technischen  Hochschule  Dresden,  am  92.  Gründungstag  der  Hc 
schule  (11.  Juli  1920)  unter  diesem  Titel  über  Deutschlands  Erneuerung 
die  Rassenhygiene  gehalten  hat,  ist  in  2.  Auflage  erschienen  (Dresden 
Leipzig,  Verlag  von  Theod.  Steinkopf  f.  Preis  2  M.).  Die  1  atsat 
dass  die  starke  erste  Auflage  dieses  ernsten,  an  die  deutsche  akademis 
Jugend  gerichteten  Mahnwortes  nach  so  kurzer  Zeit  vergriffen  war,  ist 
erfreulicher  Beweis  dafür,  dass,  wie  Prof.  Kuhn  in  seinem  Vorwort 
2.  Auflage  sagt,  der  rassenhygienische  Gedanke  in  Deutschland,  insbesond 
unter  der  studierenden  Jugend,  festen  Boden  findet.  Möge  die  Schrift  n 
in  vielen  Auflagen  ihren  Weg  ins  deutsche  Volk  finden!  Bei  die 

Gelegenheit  sei  daran  erinnert,  dass  der  ausgezeichnete  Dresdner  Ra: 
hygieniker  am  Montag,  den  20.  Februar  abends  8  Uhr  im  Hörsaal  133 
Münchener  Universität  einen  öffentlichen  Vortrag  hält  über  „Di^  Führe 
frage  und  die  Zukunft  unserer  Rasse“.  Dem  Vortrag 
regste  Beteiligung  seitens  der  Aerzte  zu  wünschen. 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  22. 
28.  Januar  wurde  1  Erkrankung  bei  einer  aus  russischer  Internierung  zuri; 
gekehrten  Frau  in  Swinemünde  (Kreis  Usedom-Wollin,  Reg.-Bez.  Stet 
festgestellt.  Für  die  Zeit  vom  9.— 15.  Januar  wurden  nachträglich  n 
33  Erkrankungen  bei  Rückwanderern  mitgeteilt,  davon  in  Stettin  4  und 
Osternothafen  (Kreis  Usedom-Wollin,  Reg.-Bez.  Stettin)  29.  Oesterre 
Vom  8. — 14.  Januar  1  Erkrankung  in  Wien. 

—  ln  der  2.  Jahreswoche,  vom  8. — 14.  Januar  1922  hatten  von  deutsc 
Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Elberfeld  mit  3 
die  geringste  Stuttgart  mit  11,3  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Einwohl 

Vöff.  R.-G.-/ 

Hochschulnachrichten. 

Berlin.  Prof.  Dr.  Carl  v.  Eicken,  Ordinarius  für  Ohren-,  Na: 
und  Halskrankheiten  in  Giessen  hat  den  Ruf  an  die  Universität  Berlin 
Nachfolger  des  verstorbenen  Geh.  Med.-Rats  G.  K  i  1 1  i  a  n  angenommen.  (1 

Frankfurt  a.  M.  Verlagsbuchhändler  Ferdinand  Springer 
Berlin  wurde  von  der  med.  Fakultät  zum  Dr.  med.  h.  c.  ernannt. 

Giessen.  Für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  habilitierte  sich 
Giessen  Dr.  med.  Adolf  S  e  i  t  z,  Assistenzarzt  an  der  Frauenklinik,  mit  ei 
Probevorlesung  über:  „Der  heutige  Stand  der  Lehre  von  der  Menstruatic 

Greifswald.  Dem  Privatdozenten  für  Geburtshilfe  und  Gynäkok 
Dr.  Siegfried  Stephan,  Oberarzt  der  Frauenklinik,  wurde  die  Diel 
bezeichnung  „ausserordentlicher  Professor“  verliehen,  (hk.) 

Jena.  Der  a.  o.  Professor  für  Anatomie  und  Prosektor  an 
anatomischen  Anstalt,  Dr.  Heinrich  v.  E  g  g  e  1  i  n  g,  hat  einen  Ruf 
o.  Professor  für  Anatomie  und  Vorstand  der  anatomischen  Anstalt  an 
Universität  Breslau,  als  Nachfolger  von  Geh. -Rat  Kallius,  erhalten. 

Kiel.  Der  Bonner  Privatdozent  Prof.  Dr.  med.  et  phil.  Aug 
p  ti  1 1  e  r  hat  den  Ruf  an  die  Universität  Kiel  als  Abteilungsvorsteher 
physiologischen  Institut  als  Nachfolger  von  Prof.  Friedr.  Klein  an 
nommen.  (hk.) 

Leipzig  Dr.  Bostroem,  Assistent  an  der  psychiatrischen  ■ 
Nervenkiinik,  hat  sich  für  das  Fach  der  Psychiatrie  habilitiert.  Antri 
Vorlesung:  „Symptomatische  Psychosen“.  Habilitationsschrift:  „Der  am 
statische  Symptomenkomplex  vom  allgemein-pathologischen  und  klinisc 
Standpunkt.“ 

Marburg.  Die  Vorschlagsliste  für  den  Lehrstuhl  der  Pädia 
lautete:  An  1.  Stelle:  V  o  g  t  -  Magdeburg]  an  zweiter  und  gleicher  Ste 
Freuden  b  erg  -  Heidelberg,  G  ö  1 1  -  München,  Thomas  -.Köln.  (Wo 
die  Notiz  in  Nr.  4  richtiggestellt  wird.)  —  Zur  Wiederbesetzung  des  Le 
Stuhls  der  Kinderheilkunde  (an  Stelle  des  Prof.  B  e  s  s  a  u)  ist  ein  Ruf 
den  a.  o.  Professor  Dr.  med.  Ernst  Freudenberg,  Oberarzt  der  Kinc 
klinik  (Luisenheilanstalt)  in  Heidelberg,  ergangen,  (hk.) 

München.  Habilitiert  für  Chirurgie  der  Oberarzt  der  Chirurgisc 
Klinik  Dr.  Georg  Schmidt.  Hab.-Schrift:  Stand  und  Ziele  der  P; 
bioseforschung  auf  Grund  eigener  Untersuchungen.  Antrittsvorlesung:  All¬ 
meine  Gesichtspunkte  für  die  Schmerzbetäubung  in  der  Chirurgie. 

Münster  i.  W.  Am  18.  Januar  wurden  in  einer  eindrucksvo 
akademischen  Feier,  welche  in  der  grossen  Stadthalle  stattfand,  die  Gede 
tafeln  mit  den  Namen  der  im  Weltkriege  gefallenen  Angehörigen  der  l 
versität  Münster  eingeweiht.  Unter  den  552  Gefallenen  befinden  sich  105  £ 
dierende  der  Medizin  und  10  Studierende  der  Zahnheilkunde. 

Rostock.  Als  Privatdozenten  habilitierten  sich  die  Assistenzärzte 
der  chirurgischen  Klinik  Dr.  Egbert  Schwarz  mit  einer  öffentlichen  \ 
Iesung:  Ueber  den  gegenwärtigen  Stand  der  Lehre  von  der  Echinokokk 
krankheit“  und  Dr.  Hartwig  Eggers  mit  einer  öffentlichen  Vorles: 
„Die  Epithelkörperchen  und  ihre  Bedeutung  für  die  Chirurgie“.  Aerztli 
Prüfungskommission  im  W.-S.  1922/23:  Pathologie:  i.  V.  Priv.-Doz.  Dr.  P 
innere  Medizin:  Prof.  Curschmann  und  Prof.  Grafe;  Pharmakolot 
Prof.  Trendelenburg:  Kinderheilkunde:  Prof.  Brüning;  Hautkra 
heiten:  Prof.  Frieboes;  Chirurgie:  Geh.-Rat  Müller,  Prof.  Frani 
Priv.-Doz.  Dr.  Lehmann  und  Schwarz;  top.  Anatomie:  Prof.  EI: 
Ohrenheilkunde:  Geh.-Rat  Körner;  Augenheilkunde:  Geh.-Rat  Pete 
Psychiatrie:  Prof.  Rosenfeld;  Hygiene:  Prof.  v.  Wasielews 

Würzburg.  Der  Privatdozent  Dr.  Baerthlein  (Hygiene)  erli 
den  Titel  und  Rang  eines  a.  o.  Professors. 

Todesfall. 

In  Freiburg  i.  B.  starb  am  8.  d.  M.  der  a.  o.  Professor 
Chirurgie  an  der  dortigen  Universität,  Dr.  med.  Hendrik  Reerink  im  A 
von  57  Jahren,  (hk.) 


Amtsärztlicher  Dienst. 

(Bayern.) 

Die  Bezirksarztstelle  in  Sonthofen  ist  erledigt.  Bewerbungen  st 
bei  der  Regierung,  Kammer  des  Innern,  des  Wohnorts  bis  25.  Februar  1- 
einzureichen. 

Die  Bezirksarztstelle  der  Stadt  Würzburg  ist  erledigt.  Bewerbung 
sind  bei  der  Regierung,  Kammer  des  Innern,  des  Wohnorts  bis  25.  u 
bruar  1922  einzureichen. 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  S.W.  2,  Paul  Heysestr.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’a  Buch-  und  Kunitdrnckerei,  München. 


s  der  einzelnen  Nummer  3.—  Jt.  •  Bezugspreis  In  Deutschland 
.  und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  .  .  . 

elgenschluss  Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


„  Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8^—1  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  L  eh  man  ns  Verlag,  Paul  Heyse-  trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen-Verwaltung,  Weinstr.  2/I1I. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


8.  24.  Februar  1922. 


Schriftleitung :  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Freiburg  i.  Br. 

Die  angeblichen  Gefahren  des  Dämmerschlafes 
bei  der  Geburt. 

Von  Erich  Opitz. 

Zu  dem  Thema  des  Dämmerschlafes  habe  ich  mich  in  wissen- 
fflichen  Zeitschriften  bisher  nicht  geäussert,  da  ich  keine  Vater- 
ftsrechte  an  der  Einführung  dieses  Verfahrens  habe.  In  letzter  Zeit 
aber  mehrfache  Angriffe  gegen  den  Dämmerschlaf  erfolgt,  die  mich 
i  nötigen,  das  Schweigen  zu  brechen,  denn  der  Dämmerschlaf  wird, 
lern  ich  die  Leitung  der  Frauenklinik  übernommen  habe,  wie  früher 
weiterhin  angewandt.  Ich  habe  auch  Veranlassung  genommen,  das 
ahren  zu  ändern  und,  wie  ich  glaube,  zu  verbessern.  Ein  weiteres 
.veigen  könnte  deshalb  als  Bestätigung  der  Angriffe  angesehen 
ien. 

Zunächst  ein  Wort  zu  meiner  persönlichen  Stellungnahme  an  der 
zen  Frage.  Ich  habe  keinerlei  Veranlassung,  aus  anderen,  als  sach- 
n  Rücksichten,  den  Dämmerschlaf  zu  beurteilen.  Lag  und  liegt  mir 
Schwören  in  verba  magistri  stets  fern,  so  habe  ich  in  diesem  Falle 
e  Veranlassung  dazu,  da  K  r  ö  n  i  g  nicht  mein  Lehrer  gewesen  ist. 
Nur  die  objektive  Prüfung  des  Verfahrens  hat  mich  veranlasst,  es 
ubehalten,  aber  das  Siege  Ische  Schema  zu  verwerfen.  Keines- 
s  fühle  ich  mich  veranlasst,  auf  die  Gebärenden  irgendeinen  Druck 
(glich  der  Einleitung  des  Dämmerschlafes  auszuiiben.  Darüber  kann 
Gebärende  selbst  die  Entscheidung  treffen.  Ich  würde  aber  nie- 
.  den  Dämmerschlaf  anwenden,  da  ich  in  ihm  lediglich  ein  Mittel 
Erleichterung  des  Geburtsschmerzes  sehe,  wenn  nach  unseren  Er¬ 
lügen  irgendwelche  Schädigungen  damit  verbunden  wären.  Für 
i  steht  und  fällt  der  Dämmerschlaf  mit  dem  gewissenhaften  Nach- 
-  seiner  völligen  Gefahrlosigkeit  für  Mutter  und  Kind. 

Wenn  man  aber  einige  der  letzten  Veröffentlichungen  liest,  so 
ite  man  wirklich  zu  der  Meinung  kommen,  dass  der  Dämmerschlaf 
sen  Schaden  mit  sich  bringe  und  deshalb  muss  ich  aut  einige  der 
likationen  etwas  näher  eingehen.  Wenn  sie  sich  auch  gegen  den 
imerschlaf  schlechthin  richten,  so  sind  wir  doch  in  Freiburg  beson- 
daran  beteiligt,  da  das  Verfahren-  hier  von  K  r  ö  n  i  g  und  Gauss 
;earbeitet  ist  und  wir  die  grössten  Erfahrungen  haben. 

Pe harn  hat  in  seiner  Antrittsvorlesung  bei  Uebernahme  der  Lehr- 
:el  Schau tas  kurz  die  Anwendung  des  Dämmerschlafes  gestreift 
dabei  von  den  Gefahren  des  Dämmerschlafes  für  die  Kinder  ge- 
chen.  Er  ist  dafür  den  Beweis  schuldig  geblieben.  Die  Tatsachen 
vielmehr  folgende,  wie  ich  sie  der  Dissertation  von  Mayer-  Kol- 
entnehme. 

Die  Zahl  der  Geburten  vom  18.  X.  17  bis  1.  V,  20  betrug  an  der 

ik  4279. 

Davon  wurden  im  Dämmerschlaf  entbunden  2037,  ohne  Dämmer¬ 
if  entbunden  2242. 

Von  den  i  m  Dämmerschlaf  geborenen  Kindern  waren  totgeboren 
starben  in  den  ersten  9  Tagen  43  =2,1  Proz. 

^ on  den  Kindern,  die  ohne  Dämmerschlaf  zur  Welt  gebracht  wur- 
dagegen  starben  84  =  3,75  Proz. 

Man  sieht  also,  dass  von  einer  Schädigung  der  Kinder  durch  den 
imerschlaf  in  keiner  Weise  die  Rede  sein  kann,  im  Gegenteil  bei 
enüberstellung  dieses  gewiss  nicht  zu  kleinen  Zahlenmaterials  von 
urten  mit  und  ohne  Dämmerschlaf,  das  sich  auf  je  über  2000  Ge- 
en  beläuft,  ergibt  sich,  dass  die  Sterblichkeit  der  im  Dämmerschlaf 
orenen  Kinder  nur  reichlich  halb  so  hoch  ist,  als  ohne  Dämmer¬ 
if.  Nicht  eine  Schädigung,  sondern  ein  Schutz  dem 
'der  vor  Gefahren  ist  also  mit  dem  Dämmerschlaf 
bunden.  Diese  zunächst  befremdliche  Tatsache  hat  m.  E.  durch 
'hoff  eine  verständliche  Erklärung  gefunden,  welcher  sich  vorstellt, 

■  durch  den  Einfluss  des  Narkotikums  die  bei  der  Geburt  gelegentlich 
vorzeitigen  Atembewegungen  führenden  Reize  im  Dämmerschlafe 
dem  Kinde  unbeantwortet  bleiben  und  so  keine  Aspiration  von 
Lunwege  verlegenden  Schleimmassen  zustande  kommen  lassen.  - 
'  mit  der  angeblichen  Schädigung  ist  es,  wenigstens  so  weit  meine 
ik  in  Frage  kommt,  nichts,  und  es  wäre  recht  erfreulich,  wenn  man 
)n  auch  allgemein  Kenntnis  nehmen  wollte. 


Sehr  viel  heftiger  geht  Nassauer  in  einem  Aufsatz  gegen  den 
Dämmerschlaf  ins  Zeug  (Nr.  42/1921  der  M.m.W.).  Er  nimmt  bei  seinen 
Betrachtungen  einen  mehr  philosophisch-medizinischen  Standpunkt  ein, 
was  gewiss  berechtigt  ist.  Aber  gegen  allerlei  Einzelheiten  muss  ich 
den  lebhaftesten  Widerspruch  erheben.  Nassauer  nennt  es  eine 
durch  nichts  gerechtfertigte  Vermessenheit,  die  Frauen  um  diesen  „Höhe¬ 
punkt  ihres  Lebens“  (die  Geburt,  d.  Verf.)  bringen  zu  wollen.  Sehr 
schön  und  gut,  aber  derselbe  Herr  Nassauer  empfiehlt  im  zweiten 
Teil  seines  Aufsatzes  selbst  den  Dämmerschlaf  in  abgeänderter  Form! 
Ein  in  keiner  Weise  aufgekärter  Widerspruch.  Uebrigens  wäre  auch 
schon  die  Narkose  ä  la  reine,  und  sei  sie  nur  nach  Nassauer  mit 
Sekakornin  rein  suggestiv  ausgeführt,  unter  dieselbe  Vermessenheit 
zu  rechnen. 

Und  nun  die  Schilderung  des  Dämmerschlafes,  die  Herr  Nassauer 
entworfen  hat.  Die  häufigen  Injektionen  ergeben  ein  „Zerrbild  eines 
ärztlich  geleiteten  Geburtsvorganges“. 

Bei  der  Schilderung  der  Gefahren  für  die  Kinder  fehlen  merkwürdi¬ 
gerweise  die  Veröffentlichungen  aus  der  Freiburger  Klinik  vollständig. 
Es  ist  doch  nicht  ganz  gerecht,  Ergebnisse,  wie  sie  von  Gauss  selbst, 
Lembcke,  Horn  und  zahlreichen  Dissertationen  bekanntgegeben  sind, 
zu  verschweigen  und  lediglich  schlechtere  anzuführen.  Der  Nachweis 
der  Schädigung  von  Kindern  oder  Müttern  durch,  den  Dämmerschlaf 
hätte  für  mich  sofort  die  gänzliche  Aufgabe  des  Dämmerschlafes  zur 
Folge.  Das  Gegenteil  ist  aber,  wie  gesagt,  der  Fall. 

Dass  Anfregungszustände  einmal  Vorkommen  können,  soll  nicht  be¬ 
stritten  werden,  aber  wie  selten  sind  sie!  In  der  weit  überwiegenden 
Mehrzahl  der  Fälle  schlafen  die  Frauen  ruhig  in  den  Wehenpausen  und 
werden  während  der  Wehen  ein  wenig  unruhig,  um  dann  sofort  weiter¬ 
zuschlafen,  gelegentlich  auch  etwas  vor  sich  hinzumurmeln.  Das  ist  der 
durchschnittliche  Anblick  des  Dämmerschlafes.  Erregungszustände  be¬ 
kommen  wir  kaum  zu  Gesicht  und  sind  fast  niemals  ernstlich  störend 
aufgetreten.  Jedenfalls  beweist  unsere  Puerperalfieber-  und  sonstige 
Statistik,  dass  den  Frauen  durch  den  Dämmerschlaf  nicht  der  geringste 
Schaden  geschieht.  Weshalb  man  die  häufigere  Wiederholung  von  In¬ 
jektionen  so  hoch  bewerten  soll,  ist  mir  nicht  erfindlich.  Ein  harmloserer 
Eingriff,  als  eine  sublfttane  Injektion,  ist  doch  wohl  nicht  zu  denken, 
und  dass  eine  ohne  Dämmerschlaf  geleitete  Geburt  bei  einer  aufgereg¬ 
ten,  vor  Schmerz  schreienden  Frau  etwa  einen  besseren  oder  erfreu¬ 
licheren  Eindruck  gewährte,  als  eine  Geburt  im  Dämmerschlaf,  kann 
i  c  h  wenigstens  nicht  finden. 

Ich  lade  Herrn  Nassauer  öffentlich  ein,  sich  bei  uns  einmal  die 
Geburten  im  Dämmerschlaf  anzusehen.  Ich  glaube,  dass  niemand  einen 
derartigen  Eindruck  gewinnen  kann,  der  der  Schilderung  des  Herrn 
Nassauer  entspräche,  und  ich  bin  sicher.  Herrn  Nassauer  selbst 
durch  den  Augenschein  von  der  Unrichtigkeit  seiner  Darlegungen  über¬ 
zeugen  zu  können. 

Des  weiteren  beanstandet  Herr  Nassauer  den  Umstand,  dass  der 
Dämmerschlaf  für  die  Klinik  reserviert  bleiben  solle.  Das  ist  allerdings 
meine  Auffassung  von  der  Angelegenheit,  weil  ich  durchaus  der  Mei¬ 
nung  bin,  dass  ein  Verfahren,  das  erhebliche  Sorgfalt  und  Sachkenntnis 
voiaussetzt  und  auch  die  ständige  Anwesenheit  eines  Arztes  verlangt, 
sich  für  die  allgemeine  Praxis  nicht  eignet.  Es  liegt  eben  mit  dem 
Dämmerschlaf  so,  wie  mit  den  grossen  Operationen,  wie  Kaiserschnitt, 
die  eben  auch  im  Privathaus  nicht  oder  doch  nur  unter  erheblicher  Mehr¬ 
gefährdung  der  Frau  sich  durchführen  lassen,  die  nicht  jeder  Arzt  ohne 
weiteres  beherrschen  kann  und  die  deshalb  dem  Krankenhaus  Vorbehal¬ 
ten  bleiben.  Ich  muss  hervorheben,  dass  ich  den  Dämmerschlaf 
auch  in  schematisierter  Form  keineswegs  für  die 
allgemeine  Praxis  empfehlen  kann  und  die  Verantwor¬ 
tung  dafür  rundweg  ablehnen  müsste.  Dass  Herr  Nassauer  einen 
anderen  Standpunkt  einnimmt,  ist  seine  Sache.  Dagegen  muss  ich  sehr 
lebhaft  Einspruch  gegen  das  Verfahren  erheben,  das  Herr  Nassauer 
für  die  Praxis  empfiehlt  in  den  Fällen,  die  er  selbst  als  geeignet  zum 
Dämmerschlaf  ansieht.  Es  ist  zweifellos  nicht  richtig,  dass  mit  der 
Methode  der  3  Einspritzungen  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  eine  Schmerz- 
unempfindlichkeit  erzeugt  werden  könne.  Das  wäre  aber  weiter  nicht 
schlimm.  Für  ausserordentlich  bedenklich  aber  halte  ich  es,  dass  die 
Menge  des  angewandten  „Laudanon,  Narkophin  etc.“  zu  0,06  angegeben 
vvird.  Ich  halte  es  für  ausgemacht,  dass  mit  solchen  Morphingaben 
ein  hoher  Prozentsatz  der  Kinder  geschädigt,  ja  zum  Absterben  gebracht 
werden  muss.  (Näheres  über  die  Gefahren  des  Morphiums  findet  sich 
in  der  Arbeit  von  Gauss,  Zbl.  f.  Gyn.  1920  Nr.  11).  Es  hat  sich  bei 
uns  zweifellos  gezeigt,  dass  die  Gefahr  des  Dämmerschlafes  in  der 
Menge  des  angewandten  Morphiums  beruht.  Aus  den  letzten,  in  der 

3* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Klinik  zusammengestellten  Zahlen  ergibt  sich,  dass  von  2037  Geburten 
im  Dämmerschlaf  nach  Abzug  der  Kinder,  welche  schon  vor  der  Ge¬ 
burt  abgestorben  waren,  oder  nachweislich  unvermeidbaren  Geburts¬ 
schädigungen  zum  Opfer  gefallen  sind,  nur  19  =  0,93  Proz.  tote  übiig- 
bleiben.  In  der  Zeit  des  Dämmerschlafes  nach  Schema  Siegel  mit 
grösseren  Morphiumgaben  betrug  die  Zahl  der  Todesfälle  rmt  dieser 
eben  angeführten  Beschränkung  1,1  Proz.,  dagegen  für  die  Zeit  des 
morphiumarmen  Dämmerschlafes,  wie  wir  ihn  jetzt  ausüben,  nur 
0,5  Proz.,  ist  also  um  die  Hälfte  herabgesetzt  worden.  Unter  morphium¬ 
armen  Dämmerschlaf  verstehen  wir  ein'  Verfahren,  bei  dem  im  ganzen 
nur  0,02  Narkophin  angewandt  werden.  Das  Schema  lautet: 

Zu  Beginn  des  Dämmerschlafes:  Injektion  von  1  ccm  2  proz.  Narko- 
phinlösung  und  VA  ccm  0,03  prom.  Skopolaminlösung, 

nach  %  Stunden  Injektion  von  1  ccm  0,03  prom.  Skopolaminlösung 

und  von  da  ab  stündlich  weitere  0,7  ccm  0,03  prom.  Skopolamin¬ 
lösung. 

Das  ist  die  schematische  Grundlage  für  den  Dämmerschlaf,  von 
dem  wir  aber  je  nach  dem  Körpergewicht  der  Kranken  und  nach  der 
Reaktion  der  Kreissenden  nach  oben  und  unten  abweichen,  so  dass  ein 
strenges  Schema  nicht  durchgeführt  wird.  Wir  haben  eben  die  Er¬ 
fahrung  gemacht,  dass  Gaben  über  1  cg  Morphium  wohl  imstande  sind, 
die  Kinder  zu  schädigen. 

Wenn  wir  nun  lesen,  dass  Laudanon,  Narkophin  etc.,  die  etwa  zur 
Hälfte  Morphium  enthalten,  regelmässig  in  Gaben  von  0,08  angewendet 
werden  sollen,  so  ist  nur  festzustellen,  dass  nach  unseren,  über  viele 
Tausende  von  Geburten  sich  erstreckenden  Erfahrungen  ganz  sicherlich 
eine  grosse  Anzahl  von  Kindern  zugrunde  gehen  muss.  Ich  halte 
es  deshalb  für  unzulässig,  dass  ohne  jede  statistische  Grund¬ 
lage  ein  so  gefährliches  Verfahren  dem  Praktiker 
empfohlen  wird,  und  das  von  dem  gleichen  Autor,  der 
mit  Entrüstung  den  durch  gewaltige  Zahlenreihen 
nach  der  modifizierten  Gaussschen  Methode  als 
ungefähr  ich  erwiesenen  Dämmerschlaf  als  ge¬ 
fährlich  bezeichnet.  Ich  warne  aufs  allerdring¬ 
lichste  vor  der  Anwendung  der  Nassauerschen  Me¬ 
thode,  die  sich  unbedingt  für  viele  Kinder  als  mör¬ 
derisch  erwei'sen  muss. 

Herr  Obermedizinalrat  Grass  1  nimmt  den  Mund  noch  voller  und 
spricht  gleich  von  strafbarem  Kunstfehler  und  glatter  Körperverletzung 
des  Kindes,  aber,  wohlgemerkt,  nicht  etwa  mit  Bezugnahme  auf  den 
durchaus  unerprobten  und,  wie  eben  ausgeführt,  recht  gefährlichen 
Dämmerschlaf  nach  Nassauer,  sondern  in  bezug  auf  den  von  G  a  u  s  s 
empfohlenen  und  in  vielen  tausend  Fällen  erprobten  Dämmerschlaf 
unserer  Klinik.  Man  sollte  nun  von  einem  Herrn,  der  in  einer  ernsten 
wissenschaftlichen  Frage  das  Wort  ergreift  und  so  schweie  Vorwürfe 
erhebt,  annehmen,  dass  er  über  die  Angelegenheit  sich  grüncbch  unter¬ 
richtet  hätte.  Aber  weit  gefehlt.  Das  gestrenge  Urteil  wird  lediglich 
mit  der  Wendung  begründet:  „wenn  Nassauer  recht  mit  se  nen  Aus¬ 
führungen  hat“;  das  ist  alles. 

Dementsprechend  dürfte  der  Wert  dessen,  was  Grass  1  so  im  Vor¬ 
beigehen  über  den  grenzenlosen  Individualismus  in  der  ärztlichen  Kunst 
doziert,  für  den  Dämmerschlaf  herzlich  gering  sein.  Wenn  Herr  Grass  1 
sich  die  Mühe  genommen  hätte,  die  immerhin  nicht  ganz  unbeträchtliche 
Literatur  über  den  Dämmerschlaf  einigermassen  kennen  zu  lernen,  so 
hätte  er  selbstverständlich  feststellen  können,  dass  Nassauer 
keineswegs  zu  seinen  Ausführungen  berechtigt  war. 

Trotzdem  der  grenzenlose  Individualismus  augenscheinlich  in  der 
ländlichen  Gegend,  in  der  Herr  Grassl  wirkt,  unbekannt  ist,  besteht 
aber  offenbar  dort  auch  der  Wunsch  nach  Erleichterung  des  Geburts¬ 
schmerzes.  Diesen  bei  den  „Individualisten“  so  streng  verurteilten 
Wunsch  erfüllt  Herr  Grassl  nun  auf  seine  Weise. 

Es  liegt  mir  weiss  Gott  fern,  über  gläubige  Gesinnung  zu  spotten. 
Es  ist  etwas  so  Erhabenes  und  Ehrfurchtgebietendes,  dass  ich  daran 
nicht  rühren  möchte.  Aber  die  Heranziehung  von  Priestern  zur  Sug¬ 
gestion  bei  Geburten  ist  doch  wohl  etwas  anderes.  Herr  Grassl 
möge  sich  doch  einmal  vorstellen,  was  wohl  eine  ungläubige  Weltdame 
für  Augen  machen  würde,  wenn  wir  ihr  bei  der  Geburt  zumuteten,  sich 
von  einem  Geistlichen  die  Schmerzen  forttrösten  zu  lassen.  Vermut¬ 
lich  würden  die  nicht  „wie  ein  Stockerl“  liegen,  sondern  was  ganz 
anderes  tun.  Grassl  wird  wohl,  trotz  persönlicher  Abneigung  gegen 
andersgeartete  Menschen,  als  es  seine  Pflegebefohlenen  sind,  ihnen  das 
Lebensrecht  nicht  abstreiten  wollen.  Meines  Erachtens  hat  der  Arzt 
die  Pflicht,  seine  Kranken  als  Einzelwesen  nach  ihren  körperlichen  und 
seelischen  Eigenheiten  zu  behandeln  und  keineswegs  die  Aufgabe, 
ausser  in  gesundheitlichen  Dingen,  den  Erzieher  spielen  zu  wollen. 

Soviel  über  die  Angriffe. 

Ich  möchte  die  Gelegenheit  benützen,  ganz  kurz  das  Verfahren  des 
Dämmerschlafes  sachlich  zu  besprechen,  wie  er  bei  uns  in  der  Klinik 
geübt  wird.  Aus  den  oben  angeführten  Zahlen  geht  ohne  weiteres  her¬ 
vor,  dass  wir  keineswegs  die  Frauen  zwingen  oder  ihnen  auch  nur  leb¬ 
haft  zuredeten,  sich  im  Dämmerschlaf  entbinden  zu  lassen.  Das  kann 
jede  Frau  halten,  wie  sie  will.  Ungefähr  die  Hälfte  bittet  um  Anwen¬ 
dung  des  Dämmerschlafes,  die  andere  Hälfte  lehnt  ihn  ab.  Jedenfalls 
aber  spricht  es  für  den  Erfolg  des  Verfahrens,  soweit  die  Empfindung 
der  Mutter  in  Frage  kommt,  dass  sehr  viele  Frauen  eigens  deshalb 
wieder  zu  uns  kommen,  weil  sie  die  Vorzüge  des  Dämmerschlafes  bei 
der  Geburt  nicht  missen  wollen.  Der  Dämmerschlaf  ist  eben  imstande. 


ü 

die  Schrecken,  die  mancher  Frau  die  Geburt  einflösst  und  die  Gebt 
schmerzen,  für  das  Bewusstsein  auszuschalten. 

Dass  der  Dämmerschlaf  unschädlich  ist,  sowohl  für  die  Mutter,  j 
für  die  Kinder,  habe  ich  eben  aus  einer  der  letzten  Statistiken  aus  s 
Klinik  nachgewiesen.  Die  Voraussetzung,  unter  der  allein  das  Verfalj 
angewandt  werden  darf,  ist  also  zweifellos  vorhanden.  Es  scheint 
auch  durch  die  Beobachtung  erwiesen,  was  ich  freilich  nicht  mit  exai 
Zahlen  belegen  kann,  dass  sehr  empfindliche,  nervöse  Frauen  von 
ganzen  Geburtsvorgang  weit  weniger  angegriffen  werden  und 
schneller  erholen,  wenn  das  Bewusstsein  durch  den  Dämmerschlaf 
geschaltet  ist.  Den  gleichen  Eindruck  habe  ich  in  Düsseldorf  i 
Giessen,  wo  ich  nach  den  erster.  Veröffentlichungen  aus  der  Freibt 
Klinik  zuerst  versuchsweise,  dann  häufiger  den  Dämmerschlaf 
gewandt  habe,  gehabt  und  finde  ihn  in  einem  weit  grösseren  Mat 
der  Freiburger  Frauenklinik  immer  wieder  von  neuem  bestätigt.  M 
von  anderer  Seite  über  Schädigungen  mancher  Art,  sowohl  für 
Mutter  wie  für  die  Kinder  berichtet  wird,  so  behaupte  ich,  dass 
nicht  an  dem  Verfahren  des  Dämmerschlafes  an  sich,  sondern  ni 
Fehlern  der  jeweils  angewandten  Methode  oder  ungeeigneten  i 
paraten  begründet  ist.  Jeder,  der  sich  genau  an  uns 
Vorschriften  hält  und  einwandfreie  Präparate 
nützt,  muss  nach  meiner  Ueberzeugung  die  gleicl 
Erfolge  erzielen.  Es  wäre  sonst  schlechterdings  nicht  mö? 
dass  ich  an  3  verschiedenen  Orten  stets  gleich  Gutes  gesehen  h 
Auf  Einzelheiten  brauche  ich  nicht  einzugehen.  Wer  sich  mit  der  F 
ernsthaft  beschäftigen  will,  muss  die  zahlreichen  Arbeiten  von  G  a 
selbst  und  die  übrigen  Arbeiten  aus  unserer  Klinik,  die  Einzelfr; 
behandeln,  nachlesem.  Ob  die  Kinder  in  etwas  grösserer  oder  gering 
Anzahl  oligopnoisch  geboren  werden,  ob  man  in  den  ersten  Tagen  ei 
schlechtere  Trinklust  sehen  kann,  ob  die  Geburt  kurze  Zeit  verlär 
wird  usw.,  das  sind  alles  verhältnismässig  untergeordnete  Dinge, 
der  subjektiven  Beurteilung  weiten  Spielraum  lassen.  Wichtig  ist 
die  Frage,  ob  ernstliche  Störungen  bei  Mutter  oder  Kind  beobac 
werden,  die  sich  in  grösserem  Blutverlust,  in  Wochenbettserkranl 
oder  Zunahme  der  mütterlichen  und  kindlichen  Todesfälle  aus 
müssten.  Das  sind  Dinge,  die  der  subjektiven  Beurteilung  entrückt 
Und  mit  diesem  Massstabe  können  wir  an  der  Hand  einer  an  vi 
tausenden  Geburten  .gewonnenen  Erfahrung  feststeilen,  dass  w 
Mutter  noch  Kind  irgendeine  nachweisbare  Schädigung  durch 
Dämmerschlaf  erleiden.  Für  die  Kinder  ist  sogar  mit  Sicherheit 
gestellt,  dass  bei  den  Geburten  im  Dämmerschlaf  weniger  Kinder 
der  Geburt  und  in  den  ersten  9  Tagen  danach  zugrunde  gegangen 
als  bei  Geburten  ohne  Dämmerschlaf.  Ich  lade  jeden,  der  den  Däm 
schlaf  kennen  lernen  will,  ein,  sich  von  der  Richtigkeit  dieser  Ang 
durch  den  Augenschein  zu  überzeugen.  Jeder  Kollege  ist  mir  her 
willkommen.  Viele  haben  auch  bereits  sich  an  der  Klinik  über  das 
fahren  unterrichtet  und  unsere  Angaben  bestätigt  gefunden. 

Gute  Erfolge  sind  aber  nur  zu  verzeichnen,  wenn  man  die  Tee 
beherrscht  und  diese  will  gelernt  sein.  Die  Möglichkeit  schemath 
Vereinfachung  des  Dämmerschlafes  ist  vorhanden,  aber  beschränkt, 
lässt  sich  wohl  ein  Schema  aufstellen,  aber  wir  führen  ein  solches 
Gegensatz  zu  Siegel,  nicht  streng  durch,  sondern  weichen,  je 
der  Reaktion  der  Kreissenden,  in  Zeitabstand  und  Höhe  der  Dosis 
dem  Schema  ab.  Das  ist  ja  auch  selbstverständlich.  Allein  die  Ui 
schiede  im  Körpergewicht  machen  Unterschiede  der  Dosen  nötig, 
ebenso  auch  das  verschiedene  Ansprechen  auf  die  verwandten  M 
Dieses  richtig  zu  beurteilen  ist  Sache  der  Erfahrung  und  Uebung 
nicht  so  schnell  zu  erlernen.  Deshalb  halte  ich  es  für  verfehlt,  ob 
eine  gewisse  Schematisierung  möglich  ist,  das  Verfahren  für  die 
gemeine  Praxis  zu  empfehlen,  andernfalls  würde  Schaden  nicht 
bleiben. 

Nicht  unwichtig  für  den  Dämmerschlaf  ist  die  ganze  Umget 
Dass  eine  Geburt  im  Dämmerschlaf  nicht  einfach  jeder  Hebamme  i 
lassen  werden  darf,  ist  klar.  Unsere  Hebammen  sind  durch  langjäi 
Erfahrung  und  Uebung,  die  sich  auch  auf  neueintretende  Schwe: 
schnell  überträgt,  glänzend  geschult.  Die  Leitung  der  Geburt  im 
dunkelten  Zimmer,  das  ganze  Drum  und  Dran,  das  sich  bei  uns 
selbstverständlich  abspielt,  sind  sicher  nicht  ohne  Einfluss  auf 
günstigen  Erfolg.  Dass  natürlich  jeder  Arzt,  der  sich  die  nötigen  Kf 
nisse  und  Erfahrungen  erworben  hat,  das  Verfahren  anw enden  1 
ist  selbstverständlich.  Er  muss  sich  nur  auch  die  Zeit  nehmen,  die 
burt  von  Anfang  bis  Ende  zu  überwachen.  Fehlen  diese  Vo; 
Setzungen,  so  wird  aus  dem  harmlosen  Verfahren  unter  Umstä 
etwas  recht  Gefährliches.  Erfahrung  gehört  auch  dazu,  die  Oligoj 
die  Apnoe  der  Kinder  zu  unterscheiden  von  Asphyxie.  Wenn  aucl 
genannten  Zustände  seit  Einführung  des  morphiumarmen  Däm 
Schlafes  selten  geworden  sind,  so  kommen  sie  immer  wieder  vor 
müssen,  soll  nicht  falsche  Behandlung  einsetzen,  auch  richtig  erk 
werden. 

Ich  hoffe,  dass  die  etwas  temperamentvollen  Angriffe  der  Hf 
Nassauer  und  Grassl  wenigstens  das  Gute  haben,  die  allgen 
Aufmerksamkeit  auf  den  Dämmerschlaf  zu  lenken  und  bessere  K< 
nisse  zu  verbreiten,  als  sie  in  den  genannten  Veröffentlichungen  zi 
treten. 


7ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


263 


er  die  Durchlässigkeit  der  Haargefässwand  beim 

Menschen*). 

Von  Dr.  Max  Qänsslen,  Assistenzarzt, 
einem  Vorwort  von  Prof.  Otfried  Müller,  Vorstand 
der  Medizinischen  Klinik  in  Tübingen. 

Vorwort. 

[m  Hinblick  auf  den  Artikel  „Blaseninhaltsstoffe  über  spezifische 
rtionen“  von  Thomas  und  Arnold  in  Nr.  6  dieser  Wochen¬ 
it  sehen  wir  uns  veranlasst,  mit  einer  seit  etlichen  Monaten  bei 
erdachten  und  durchgeführten  Untersuchungsmethode  schon  jetzt 
orzutreten.  Wenn  nicht  ähnliche  Qedankengänge  an  zwei  Orten 
lieh  aufgetreten  wären,  würden  wir  mit  dem  unseren  noch  zurück- 
iten  haben,  bis  die  Methode  vielseitiger  erprobt  ist. 

Nachdem  die  Kapillarmikroskopie  der  gesamten  menschlichen 
eroberfläche,  wie  sie  von  mir  und  Weiss  in  die  Wege  geleitet 
len  ist,  in  einer  sehr  grossen  Anzahl  von  Arbeiten  ihre  wesent- 
ten  Möglichkeiten  erschöpft  hatte,  zeigte  sich,  dass  wir  mit  dieser 
lode  nur  über  Haargefässform  und  -Strömung  unterrichtet  würden. 
Durchlässigkeit  der  Qefässwand  liess  sich  mit  diesem  Verfahren 
lann  untersuchen,  wenn  es  sich  um  gefärbte  korpuskuläre  Elemente, 
um  Blutkörperchen  handelt.  Demgemäss  wurden  alsbald  Versuche 
nommen,  auch  diese  wichtige  Funktion  der  Haargefässe  näher 
studieren  (van  den  Velden,  Jansen,  Morawitz  und 
:  e  c  k  e).  Während  nun  aber  van  den  Velden  sowie  Mora- 
z  und  D  e  n  e  c  k  e  die  Blutkonzentration  als  Maassstab  für  die 
Iarfunktion  benutzen  wollten,  versuchte  Jansen  Flüssigkeit  ins 
ebe  einzuspritzen,  diese  nach  einiger  Zeit  wieder  herauszuziehen 
aus  ihren  inzwischen  eingetretenen  Veränderungen  auf  das  Durch- 
tkeitsvermögen  der  Haargefässwand  zu  schliessen. 

Ich  selbst  war  von  vornherein  überzeugt,  dass  wir  nur  weiter- 
nen  könnten,  wenn  wir  1.  die  Blutkonzentration  durch  intravenöse 
ionen  änderten  und  2.  die  daraufhin  eintretenden  Aenderungen  in 
iewebsflüssigkeit  beobachteten.  Zu  diesem  Zwecke  veranlasste  ich 
j  ä  n  s  s  1  e  n,  die  alte  Länderer  sehe  Methode  zur  Messung  der 
ebsspannung  durch  Einstechen  von  Hohlnadeln  unter  die  Haut 
er  hervorzuholen  und  nachzusehen,  ob  sich  unter  dem  Einfluss  von 
venösen  Injektionen  differenter  Körper  Aenderungen  im  Gewebs- 
c  nachweisen  Hessen.  Die  Methode  versagte,  da  fast  stets  Kapil- 

1  mit  der  Nadel  angestochep  wurden  und  somit  nicht  der  Gewebs- 
;,  sondern  der  Kapillardruck  gemessen  wurde. 

'Junmehr  versuchte  ich.  Gewebsflüssigkeit  selbst  zu  gewinnen,  um 
:  und  gleichzeitig  das  Blut  auf  refraktometrischem  und  chemischem 
e.  zu  untersuchen.  Ich  veranlasste  deshalb  Dr.  G  ä  n  s  s  1  e  n  mit 
Pir  quetschen  Impfspatel  nicht  blutende  Epitheldefekte  zu 
hi.  Aus  diesen  trat  aber  Gewebsflüssigkeit  in  hinreichender  Menge 
:r  spontan,  noch  bei  Aufsetzen  von  Schröpfköpfen,  noch  bei  An- 
iung  der  Bier  sehen  Stauung,  noch  bei  der  Kombination  von 
in  heraus.  Schliesslich  schlug  Dr.  G  ä  n  s  s  1  e  n  vor,  wir  sollten 
eine  Blase  ziehen,  um  Gewebsflüssigkeit  zu  bekommen.  Meine 
iglichen  Bedenken  gegenüber  diesem  Vorgehen  milderten  sich, 
:h  sah“,  dass  der  Blaseninhalt  nicht  nennenswert  entzündlich  war, 
dass  man  es  wohl  versuchen  könne,  durch  Verwendung  derselben 
haridenpflaster  an  bestimmten  Hautstellen  unter  dem  immer 
den  milden  Entzündungsreiz  Wasser  und  gelöste  Körper  aus  dem 
;  in  die  Gewebe  hinüberzusaugen.  Ich  gebe  der  vorläufigen  Ver- 
tlichung  dieser  Versuche  Raum,  weil  ich  sehe,  dass  andere,  wenn 
zu  anderen  Zwecken,  die  Blasenmethode  ebenfalls  gefunden  haben, 
weil  es  greifbar  naheliegt,  sie  nunmehr  aller  Orten  auch  auf  das 
uns  seit  langem  bearbeitete  Kapillargebiet  anzuwenden. 

Methode. 

Es  werden  an  der  Aussenseite  der  Beine  event.  serienweise  im 
and  von  einer  Stunde  Emplastra  Cantharidum  ordinaria  in  Grösse 

2  qcm  nach  kurzem  Erwärmen  auf  die  Haut  gelegt.  Die  Zeit  bis 
Entstehen  einer  Blase  beträgt  bei  unserem  Präparat  am  Gesunden 
2  Stunden  (natürlich  muss  man  bei  wechselndem  Präparat  jedesmal 
die  Blasenzeit  für  den  Gesunden  austitrieren).  Es  wurde  dann 
ergens  nüchtern  die  erste  Blase  steril  punktiert  und  ausgesogen; 
r  Inhalt  sofort  mit  der  Mikromethode  von- Bang  auf  Blutzucker 
Reststickstoff  nachgesehen;  Untersuchungen  über  Kochsalz,  Jod, 
t'usw.  sind  Im  Gang;  3.  gleichzeitig  mit  der  Punktion  der  Blase 
eine  Untersuchung  des  Blutes  auf  die  gleichen  Stoffe  vorgenommen; 
ich  der  nüchternen  Untersuchung  des  Blutes  und  der  ersten  Blase 

eine  Injektion  hochprozentiger  Traubenzuckerlösung  gemacht,  der 
en  später  aufschiessenden  Blasen  sowie  im  Blute  gleichzeitig  die 
hen  Erhebungen  folgen.  Entsprechende  Untersuchungen  nach 
salz-  und  anderen  Injektionen  sind  im  Gang. 

Ja  sich  zeigte,  dass  die  Blasenempfindlichkeit  verschiedener  Kranker 
en  gleichen  Hautstellen  überaus  different  ist  (wir  bekamen  Unter¬ 
ste  zwischen  3  und  88  Stunden),  so  legten  wir  später  6  Pflaster 
hzeitig  nebeneinander  auf.  und  zogen  die  einzelnen  Pflasterblättchen 
3,  5,  7  usw.  Stunden  ab,  um  den  zur  Blasenbildung  genügenden 
malreiz  festzustellen,  der  oft  erst  einige  Zeit  nach  Abnahme  des 
ters  wirkt. 


*'  Vorgetragen  am  13.  II.  1922  im  Med.  Verein  Tübingen. 


Befunde. 

1.  B 1  a  s  e  n  z  e  i  t.  Die  Normalzeit,  welche  verging,  um  bei  einem 
gesunden  Menschen  eine  erkennbare  Blase  zu  ziehen,  betrug  für  unser 
Präparat  und  die  genannte  Körperstelle  12  Stunden. 

Bei  5  Vasoneurotikem  mit  Urticaria  factitia  und  Neigung  zu  ge¬ 
wöhnlicher  Urtikaria,  d.  h.  also  mit  konstitutionell  abnorm  durchlässigen 
Haargefässen,  bekamen  wir  Blasenzeiten!  von  durchschnittlich  5  Stunden, 
der  höchste  Wert  betrug  6  Stunden,  d.  h.  also  die  Hälfte  der  Normalzeit.* 
Bei  einer  Perniziosa  mit  Neigung  zu  starken  Haut-  und  Zahnfleisch¬ 
blutungen  betrug  die  Blasenzeit  3  Stunden,  der  Blaseninhalt  war  blutig, 
die  Blase  besonders  prall  gefüllt.  Bei  einem  Vasoneurotiker  mit  Pur¬ 
pura  ohne  erkennbare  infektiöse  oder  myelogene  Ursache-  betrug  die 
Blasenzeit  4  Stunden.  Bei  einer  schweren  myeloischen  Leukämie  mit 
Neigung  zu  Blutflecken  betrug  die  Blasenzeit  5  Stunden. 

Bei  einem  schweren  jugendlichen  Pankreasdiabetes  betrug  die 
Blasenzeit  bis  zu  88  Stunden.  Bei  einer  postklimakterischen  milden 
Form  ]6'A  und  bei  einer  weiteren  milden  Altersform  19  Stunden. 
Ein  Arteriosklerotiker,  bei  dem  sich  hin  und  wieder  Zucker  im  Harn 
zeigte,  hatte  eine  Blasenzeit  von  12  Stunden.  Verlängert  war  die 
Blasenzeit  auch  bei  einem  abklingenden  Ikterus,  dessen  Blasen  erst 
nach  23  Stunden  aufgeschossen  und  deren  Inhalt  von  gelber  Farbe  war. 
Es  lässt  sich  somit  sagen,  dass  gewisse  Versuche  einen  beschleunigten, 
andere  einen  verlangsamten  Durchtritt  Von  Flüssigkeit  durch  das 
Kapillarendothel  aufweisen. 

2.  Uebergang  von  Traubenzucker.  In  8  Fällen  wurde 
in  der  oben  beschriebenen  Weise  bei  aufschiessender  Blasenserie  bis 
14  g  Traubenzucker  intravenös  injiziert.  Drei  weitere  Fälle  bekamen 
morgens  früh  nüchtern  unter  gleichen  Versuchsbedingungen  50 — 60  g 
Traubenzucker.  Bei  intravenöser  Injektion  zeigte  sich  im  Blutzucker¬ 
spiegel  die  bekannte,  kurz  vorübergehende  Steigerung  (bis  zu  14  Stunde), 
die  in  unseren  8  Fällen  bei  maximaler  Belastung  bis  zu  0,162  betrug. 
In  den  serienweise  aufschiessenden  Blasen  fanden  sich  mit  nur  zwei 
Ausnahmen  höhere  Zuckerwerte,  die  mit  0,171  gipfelten.  Der  erhöhte 
Zuckergehalt  der  Blasen  liess  sich  bis  zu  8  Stunden  post  injectionem 
nachweisen.  Bei  zwei  Kranken,  nämlich  einem  Fiebernden  und  einem 
Hungernden,  war  die  Steigerung  des  Gewebszuckers  gegenüber  dem 
Blutzucker  nach  Traubenzuckerinjektion  nicht  nachzuweisen.  Bei  einer 
Kontrollperson,  die  keine  Traubenzuckerinfusionen  bekam,  verhielten 
sich  Blutzucker  und  Gewebszucker  im  Laufe  eines  Tages  folgender- 
massen:  Blz.  nüchtern  0,083,  nach  dem  Frühstück  0,110,  nach  dem 
Mittagessen  0,110.  Gwz.  nüchtern  0,078,  nach  dem  Frühstück  0.122.  nach 
dem  Mittagessen  0.101.  Da  ist  von  solchen  Riesenzahlen  des  Gewebs¬ 
zuckers  nicht  die  Rede,  und  man  kann  deshalb  wohl  sagen,  dass  diese 
durch  Uebertritt  aus  der  Blutbahn  entstanden  sind,  und  dass  dabei  die 
Kapillarwand  passiert  werden  muss. 

Bei  den  drei  Kranken,  die  den  Traubenzucker  per  os  bekamen,  war 
die  Gewebszuckersteigerung  relativ  zur  Blutzuckersteigerung  ebenfalls 
nachweisbar,  wenn  auch  beiderseits  nicht  so  hochgradig.  Die  Maximal¬ 
zahlen  lagen  hier  im  Blut  bei  0,142  und  im  Gewebe  0,162. 

Bei  Diabetikern  wurde  bislang  keine  Zuckerbelastung  vorgenommen. 
Bei  dem  oben  erwähnten  schweren  Pankreasdiabefes  fand  sich  früh 
nüchtern  der  Blutzuckerspiegel  bei  0,14,  der  Gewebszuckerspiegel  bei 
0,18  (M  i  n  k  o  w  sk  i?). 

3.  Refraktrometerwert.  Um  festzustellen,  ob  der  ent¬ 
zündliche  Reiz  der  Blase  bei  einem  und  demselben  Menschen  sowohl, 
wie  bei*  verschiedenen  bezüglich  der  Kapillaren  normal  anzusehenden 
Personen  ein  annähernd  gleichkonzentriertes  Eiweissgemisch  aus  der 
Blutbahn  heraussaugt,  haben  wir  auch  die  Refraktrometerwerte  der 
Blasenflüssigkeit  bestimmt.  Diese  betrugen  bei  einer  und  derselben 
an  abklingender  Polyarthritis'  leidenden  Kranken  an  einem  Tage  in 
zwei  verschiedenen  Blasen  52.3  und  51,2,  an  einem  anderen  Tage  51,9 
und  53.3  Pulfricheinheiten.  Bei  10  Leichtkranken  resp.  Gesunden,  in 
jedem  Falle  aber  nicht  als  kapillarschwach  verdächtigen  Personen  be¬ 
trug  der  Refraktrometerwert  durchschnittlich  45,7,  die  höchste  Zahl  lag 
bei  47,  die  niederste  bei  44.5.  Es  kommen  somit  ganz  gut  überein¬ 
stimmende  Werte  zutage.  (Wichtig  ist,  dass  bei  einem  mit  Aderlass 
behandelten  Urämiker  der  Wert  36,7  betrug  und1  bei  einem  zweiten  sub¬ 
urämischen  Nierenkranken  40.0.  Diese  Kranken  haben  nach  Nägel  i 
auch  einen  niederen  Refraktrometerwert  des  Blutserums.  Infektions¬ 
kranke  haben  nach  demselben  Autor  wegen  der  Kochsalzretention  in  den 
Geweben  ebenfalls  einen  niederen  Refraktrometerwert  des  Blutserums. 
Im  Gewebe  fanden  sich  Werte  bis  zu  53  bei  einer  Polyarthritis  und 
48,7  bei  einer  Pneumonie.  Die  Basis  ist  zu  schmal,  um  hier  schon 
zu  urteilen.  Immerhin  locken  die  Resultate  zu  weiteren  Bestimmungen 
r' es  Refraktrometerwertes  in  Blutserum  und  Blaseninhalt.) 

4.  Reststickstoff.  Bei  normalen  Menschen  fand  sich  im 
Blaseninhalt  durchschnittlich  ein  Reststickstoffgehalt  von  40,0  mg  (be¬ 
rechnet  auf  100  g  Flüssigkeit,  und  im  Blutserum  ergaben  sich  ähnliche 
Werte.  Bei  vier  chronischen  Nephritiden  (entzündlicher  Herkunft)  fan¬ 
den  sich  deutlich  erhöhte  Zahlen  im  Blaseninhalt  (107,  105,  85,  79).  Da¬ 
bei  waren  die  Reststickstoffwerte  des  Blutserums  teils  höher,  teils  niedri¬ 
ger,  als  diejenigen  des  Blaseninhaltes.  (Die  schmale  Basis  reicht  nicht 
zu  einem  Urteil  über  die  Frage  der  grössten  Anhäufung  des  Reststick¬ 
stoffes,  doch  kann  diese  wohl  in  Zukunft  mit  der  Methode  in  Angriff 
genommen  werden.)  Bei  einer  akuten  Nephritis  fanden  sich  in  zwei 
Untersuchungen  normale  Reststickstoffwerte  im  Blut  und  etwas  höhere 
in  der  Blase.  Bei  Nierenkranken  ist  wegen  der  Reizwirkung  des  Kan¬ 
tharidins  Zurückhaltung  in  der  Zahl  der  Blasen  geboten. 

Was  wir  hier  bringen  ist  ein  Anfang,  dessen  Tragweite  und  Grenzen 
sich  heute  in  keiner  Weise  übersehen  lassen.  Wir  hätten  lieber  etwas 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr 


264 


Abgeschlossenes  vor  die  Oeffentlichkeit  gebracht.  Warum  wir  trotzdem 
schon  heute  publizieren,  ist  eingangs  gesagt.  Von  anderen  Fragestel¬ 
lungen  kommend,  nach  anderen  Zielen  strebend,  haben  Thomas  und 
Arnold  die  Blasenmethode  ebenfalls  gefunden  und  soeben  publiziert. 
Mit  diesen  Autoren  sind  wir  auf  Grund  unserer  Untersuchungen  einig 
in  der  Auffassung:  dass  „wir  es  mit  einer  nur  wenig  veränderten  Ge¬ 
websflüssigkeit  zu  tun  haben,  wie  wir  sie  auf  andere  Weise  aus  dem 
Körper  sonst  nicht  erhalten“.  „Und  somit  eignet  sich  der  Inhalt  der 
Kantharidinblase  für  einen  grossen  Teil  von  Fragestellungen  biologischer 
Natur.“ 

Die  Blasenmcthode  ist  für  den  Kranken  so  gut  wie  schmerzlos. 
Wenn  man  bei  steriler  Behandlung  die  Epitheldecke  zu  erhalten  ver¬ 
steht.  so  ist  diese  binnen  2—3  Tagen  wieder  festgeklebt.  Kosmetische 
Defekte  bleiben  nicht.  Das  Verfahren  ist  für  den  Kranken  weniger 
unangenehm  wie  eine  Venenpunktion. 


Aus  der  psychiatrischen  Klinik  der  Universität  Erlangen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Q.  Specht.) 

Das  dystonische  Syndrom. 

(Ein  Fall  von  Torsionsdystonie.) 

Von  Privatdozent  Dr.  Q.  Ewald. 

Jedem  Psychiater  ist  es  geläufig,  bei  der  Diagnosestellung  streng 
zu  unterscheiden  zwischen  Zustandsbild  und  Erkrankung;  er  spricht 
von  einem  manischen  Zustandsbild  bei  einer  Paralyse  und  einem 
pseudoparalytischen  Zustand  bei  einer  symptomatischen  Psychose,  von 
einem  depressiven  Zustandsbild  bei  einer  Hysterika  und  einem  kata- 
tonen  Zustandsbild  bei  einer  Melancholie.  Nicht  so  geläufig,  wenn  auch 
nicht  fremd,  war  eine  derartige  Diagnosestellung  der  übrigen  Medizin, 
einschliesslich  der  Neurologie,  da  man  meist  bei  bekannten  Erregern 
oder  sicheren  pathognomonischen  Unterscheidungsmerkmalen  in  der 
Lage  war,  eine  strenge  Scheidung  der  ätiologisch  und  pathogenetisch 
verschiedenen  Erkrankungen  vorzunehmen,  auch  wenn  die  Zustands¬ 
bilder  einander  ähnelten.  Dass  dem  so  ist,  beweist,  dass  der  psych¬ 
iatrische  Lehrer  immer  mit  Nachdruck  seinen  Hörern  den  Unterschied 
zwischen  Zustandsbild  und  Erkrankung  auseinanderzusetzen  ge¬ 
zwungen  ist. 

Tn  den  letzten  Jahren  hat  sich  nun  in  der  Neurologie  gezeigt,  wie 
ungemein  wichtig  und  fruchtbar  auch  hier  die  Auseinanderhaltung  dieser 
beiden  Begriffe  erscheint.  Die  Grippcenzephalitis  oder  die  epidemische 
Enzephalitis,  über  deren  Identität  hier  nicht  gesprochen  werden  soll, 
ahmten  sonst  geläufige,  wohl  charakterisierte  Krankheitsbilder  mit 
photographischer  Treue  nach,  so  dass  ohne  die  Unterscheidung  von 
Zustandsbild  und  Erkrankung  die  Diagnostik  auf  ganz  verkehrte  Wege 
geleitet  worden  wäre.  Das  Bild  einer  multiplen  Sklerose  haben  wir 
alle  bei  Enzephalitis  sich  manifestieren  sehen,  im  Vordergrund  des 
Interesses  stand  aber  das  Zustandsbild  einer  Paralysis  agitans  mit 
und  ohne  Tremor,  das  eine  ungemein  häufige  Ausdrucksform  der  Grippe¬ 
enzephalitis  wurde. 

Man  hätte  sich  nun  damit  begnügen  können,  einfach  von  einem 
Paralysis-agitans-Zustandsbild  oder  einem  Paralysis-agitans-Syndrom 
oder  -Symptomenkomplex  zu  sprechen,  allein  tiefergehende  Analyse 
der  am  Zustandekommen  dieses  Bildes  beteiligten  Elemente  liess  er¬ 
kennen.  dass  bei  der  Erkrankung  Paralysis  agitans  und  bei  den  zum 
Verwechseln  ähnlichen  Zustandsbildern  pathogenetisch  das  Wesentliche 
eine  Störung  in  der  Tonusinnervation  der  Muskulatur  war.  v.  Strüm¬ 
pell1)  hat  dies  als  erster  erkannt;  er  wies  darauf  hin.  dass  durch  die 
Störung  der  gegenseitigen  Spannungsverhältnisse  der  Muskulatur  die 
Myostatik  schwer  gestört  werde,  und  gab  daher  dem  gesamten  Syn¬ 
drom  dieser  Art  von  Tonusstörungen  den  Namen  des  „amyostatischen 
Symptomenkomplexes“.  Des  weiteren  wies  er  darauf  hin.  dass  ursäch¬ 
lich  an  dem  Zustandekommen  des  amyoslatischen  Symptomenkomplexes 
niemals  die  Pyramidenbahnen  beteiligt  seien,  sondern  dass  das  sogen, 
„extrapvramidale  System“  in  irgendeiner  Weise  erkrankt  sein  muss. 

In  den  amyostastischen  Symptomenkomplex  gingen  an  be¬ 
sonderen  K  r  an  k  h  e  i  t  e  n  ein  die  Wilson  sehe  Lentikulardegenera- 
tion,  die  wohl  nahezu  identisch  ist  mit  der  Pseudosklerose  Strüm¬ 
pells,  und  die  Paralysis  agitans  (Parkinson).  Dann  aber  kamen 
hinzu  all  die  als  Zustands  bi  1  d  e  r  diesen  umschriebenen 
Erkrankungen  ähnlichen  Syndrome,  wie  wir  sie  jetzt  so 
häufig  nach  Grippe  —  besonders  in  Parkinson-ähnlichen  Bildern  — 
sehen,  und  wie  sie  sonst  auch  gelegentlich  zur  Beobachtung  kommen  bei 
Gehirnarteriosklerose  und  seniler  Demenz,  bei  multipler  Sklerose,  bei 
Tumor  cerebri,  ja  auch  bei  Paralyse  und  Epilepsie  und  anderen  organi¬ 
schen  Störungen  des  Gehirns  [Ste.  rtz2)l.  Ihnen  allen  sind  die  be¬ 
sonderen  Tonusstörungen  —  die  von  den  Pyramidenspasmen  grundsätz¬ 
lich  verschieden  sind  —  mit  ihrer  Störung  der  Myostatik  eigen,  nur  dass 
die  Zustandsbilder  ätiologisch  und  nach  ihrem  Verlauf  (Längsschnitt) 
anders  erscheinen,  vielfach  auch,  der  Natur  des  Grundleidens  ent¬ 
sprechend,  sich  mit  Pyramidenerscheinungen  (z.  B.  Babinski)  oder  spe¬ 
zifischen  psychischen  Erscheinungen  (z.  B.  paralytischer  Demenz) 
paaren. 

Die  genannten  Erkrankungen  (Wilson,  Parkinson)  zeigten 
pathologisch-anatomisch  umschriebene  Veränderungen  im  Linsenkern 

J)  v.  S  t  r  ü  in  d  e  1 1 :  D.  Zschr.  f.  Nervhlkd.  1915.  Neurol.  Zbl.  1920  Nr.  1. 

-)  Stertz:  Der  extrapvramidale  Symptomenkomplex  (das  dystonisclie 
Syndrom).  Berlin,  Karger,  1921, 


bzw.  Corpus  striatum;  auch  die  zur  Sektion  kommenden,  unter  dem  U 
des  amyostatischen  Symptomenkomplexes  verlaufenden  anderen  or  - 
nischen  Nervenkrankheiten  (Enzephalitis,  Tumoren  usw.)  ergaben 
änderungen  im  Corpus  striatum.  Allein  auch  andere,  scheinbar  von 
bisher  erwähnten  hypertonischen  Krankheiten  grundsätzlich  verscU 
dene  Störungen  zeigten  pathologisch-anatomisch  ebenfalls  V erän  - 
rungen  im  striären  System,  z.  B.  Athetosis  duplex  und  I  orsionsspasn-. 
Am  auffallendsten  musste  das  erscheinen  bei  der  Chorea  mit  ihrer  a 
gesprochenen  Hypotonie,  den  schleudernden,  blitzartigen,  bei  der  Hu 
t  i  n  g  t  o  n  sehen  Form  allerdings  etwas  langsameren,  immerhin  a 
ausfahrenden  Bewegungen. 

Es  war  daher  nicht  unwahrscheinlich,  dass  auch  klinisch  di 
Formen  gewisse  Beziehungen  zueinander  haben  würden.  So  w< 
Stertz  (1.  c.)  darauf  hin,  dass  trotz  der  grossen  Verschiedenhei 
—  „Rigidität  ist  mit  Chorea  überhaupt  nicht  vereinbar“  —  etwas  i 
meinsames  sich  finde  in  dem  auch  bei  Choreatischen  nicht  selten 
beobachtenden  erschwerten  Ingangkommen  gewollter  Innervatio 
und  endlich  der  dem  choreatischen  und  athetotischen  Syndrom  geim 
samen  Neigung  zu  Mitbewegungen.  Die  extrapyramidalen  Störur 
erschöpfen  sich  also  nicht  mit  dem  amyostatischen  Symptomenki 
plex;  Stertz  (1.  c.)  fasst  sie  alle  zusammen  unter  dem  Namen 
„dystonischen  Syndrom  s“,  in  dem  dann  sowohl  der  am 
statische  Symptomenkomplex  Strümpells  (Stertz’  akineti: 
hypertonisches  Syndrom),  das  spastisch-athetotische  Syndrom,  zu  < 
Torsionsspasmus  und  Athetosis  duplex  zu  rechnen  sind  (Stertz), 
auch  das  choreatische  Syndrom  ihren  Platz  finden. 

Die  Verschiedenheiten  in  der  Erkrankungslokalisation  innerhalb 
extrapyramidalen  Systems  erklärt  dann  das  Zustandekommen  der 
schiedenen  Zustandsbilder  (Syndrome).  Das  extrapyramidale  Sys 
umfasst  ja  nicht  nur  die  Gebiete  des  Corpus  striatum,  es  kommen 
Störungen  vom  Charakter  des  dystonischen  Syndroms  auch  die  zum 
vom  Striatum  führenden  Bahnen  in  Betracht,  also  Nucleus  .denta 
Bindearme,  roter  Kern,  Regio  hypothalamica  und  Thalamus.  Erk 
kungen  innerhalb  dieses  gesamten  Gebietes  können  dystonische 
scheinungen  hervorrufen;  durch  Reizung  oder  Enthemmung  entsteht 
kontinuierlicher  Erregung  Rigidität  oder  Atome,  bei  diskontinuierln 
Tremor.  Athetose.  mobile  Spasmen.  Myoklonie  oder  endlich  schleudc 
choreatische  Unruhe  (Stert  z). 

Es  kann  nicht  wundernehmen,  dass  angesichts  dieser  engen 
sammenhänge  Uebergänge  aller  Art  Vorkommen.  _  So  scheinen  e 
Beziehungen  zu  bestehen  zwischen  Wilson  und  Torsionsspasmus.  Di 
gehört  aber  schon  in  das  spastisch-athctotische  Syndrom  hinein,  und 
Bewegungen  einer  Athetosis  duplex  sind  mitunter  wieder  nicht  n 
scharf  abgrenzbar  von  denen  einer  Huntington  sehen  Chorea,  d1 
symptomatologische  Verwandtschaft  mit  der  Chorea  minor  ihren  Ausd 
im  gemeinsamen  Namen  findet.  So  klärt  sich  der  Widerspruch,  der  fr 
manchem  Zweifler  ein  Lächeln  entlocken  mochte,  dass  hypertonische 
krankungsformen  vom  Charakter  eines  Parkinson  oder  Wilson  mit  i 
Bewegungserschwerung,  ja  Erstarrung,  und  die  extrem  hypotoni1 
Chorea  mit  ihrem  schleudernden  Bewegungsüberschuss  ähnlich  lo! 
siert  und  klinisch  eng  zusammengehörende  Krankheiten  sein  sollten 
sind  dystonische  Syndrome  bei  Erkrankung  des  extrapyramk 
Systems,  die  rigiden  Formen  wohl  im  engeren  Sinne  striäre  Erk 
kungen,  die  hypotonischen  mehr  in  Richtung  des  afferenten  Syst 
(Kleinhirn-Bindearm-Thalamus)  gelegen. 

Aber  nicht  nur  das  aktuelle  Interesse,  das  diese  Symptom 
komplexe  als  Folgezustände  der  Grippeenzephalitis  bekorri 
haben,  rechtfertigt  ihre  Behandlung  vor  einem  breiteren  Forum  als 
exklusiv  neurologischen.  Es  liegt  im  Interesse  der  Allgemeinheit, 
auch  die  relativ  seltenen  echten  Erkrankungen,  wie  Wilson, 
tosis  duplex,  Torsionsspasmus  und  Myoklonie  immer  besser  umsc 
ben  und  erkannt  werden.  Es  unterliegt  mir  nun  keinem  Zweifel, 
gar  nicht  so  wenig  Fälle  dieser  Erkrankungen  dem  Neurologen  h 
überhaupt  nicht  zu  Gesichte  kommen,  weil  sie  zeitlebens  unter 
Flagge  eines  universellen  Tick,  eines  Tortikollis  usw.  segeln,  c 
hysterische  Natur  nach  früherer  Ansicht  stets  zu  Recht  zu  best 
schien.  Paralysis  agitans  und  Huntington  sehe  Chorea  wurden 
noch  nicht  allzulanger  Zeit  als  Neurosen  aufgefasst,  der  Torsionsspa: 
wurde  in  den  ersten  Beschreibungen  [Schwalbe  1908  3).  Zie 
191Q  4)1  aufgefasst  als  „tonische  Torsionsneurose“,  die  zwar  nicht  d 
hysterischen  Charakters  sei,  aber  doch  Beziehungen  _  zur  Hysterie 
sitzen  sollte.  Die  Myoklonie  gilt  heute  noch  vielfach  als  Neu 
während  uns  gerade  die'  myoklonische  Form  der  Grippeenzephalitis 
zeigt  hat,  dass  eine  zentrale  organische  Grundlage  dieser  Erkran 
sehr  wohl  denkbar  ist.  Fügen  wir  noch  hinzu,  dass  selbst  isol 
Ticks,  ein  Fazialis-  oder  Akzessoriustick,  als  Reste  einer  Enzeph 
bestehen  bleiben  können,  so  dürfte  es  wohl  einleuchten,  dass  mar 
der  psychogen-hysterischen  Deutung  hartnäckiger  sog.  Neurosen 
Charakter  der  „Torsionsneurose“,  des  „Tortikollis“  und  manchen 
verseilen  Ticks  nicht  immer  das  Richtige  getroffen  hat. 

Im  folgenden  soll  daher  ein  Fall  von  Torsionsspasmus  mitg 
werden  der  von  zahllosen  Aerzten  als  hartnäckige  psychogen-hyster 
Störung  aufgefasst  wurde,  dessen  organische  Grundlage  für  mich 
ausser  Zweifel  steht,  wenn  auch  über  die  Zugehörigkeit  zu  der 
schriebenen,  wahrscheinlich  endogenen  Erkrankung  des  Torsions 
mus  diskutiert  werden  könnte5). 

5)  W.  Schwalbe:  Inaug.-Diss.  Berlin  1908. 

’)  Ziehen:  Sitzung  des  psychiatr.  Vereins  Berlin  1910. 

5)  Ich  verdanke  den  Fall  der  Güte  des  Direktors  der  medizinischen 
Erlangen,  Herrn  Prof.  Dr,  L.  R.  Müller. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WÖCHENSCHR1FT. 


2*5 


Februar  1922. 


Gl.  Josef.  32  Jahre,  arischer-  Abstammung,  Schreinpreiinhaber. 
Faniilienanamnese  ohne  jede  Besonderheit.  Pat.  ist  der  Jüngste  von 
Geschwistern,  von  denen  2  verstorben.  Normale  Geburt,  keine  Kinder- 
|  iimpfe,  kein  Bettnässen,  keine  Kinderkrankheiten,  keine  auffallenden  psycho- 
thischen  Züge.  Lernte  durchschnittlich,  war  aber  von  Jugend  auf 
nkser.  Lernte  jedoch  gut  mit  der  rechten  Hand  zu  schreiben.  Im 
ter  von  9  Jahren  (1898)  bemerkte  er  und  auch  der  Lehrer,  dass  er  mit 
r  rechten  Hand  nicht  mehr  die  freie  Beweglichkeit  hatte  wie  früher.  Er 
lsste  die  rechte  Hand  beim  Schreiben  sehr  fest  auflegen  und  oft  mit 
r  linken  Hand  nachhelfen,  damit  die  Schreibbewegungen  richtig  heraus¬ 
men.  Vom  Arzte  wurde  er  als  ,, Rheumatiker“  mit  heissen  Bädern  und 
ektrizität  erfolglos  behandelt.  Ganz  langsam,  im  Laufe  von  Jahren,  traten 
nn  unwillkürliche  Bewegungen  auf;  es  zog  ihm  den  rechten  Arm  beim 
hen  immer  vor  den  Körper,  schliesslich  traten  unwillkürliche  Beuge-  und 
eckbewegungen  im  ganzen  Arm  und  der  Hand  auf,  gleichzeitig  Bewegungen, 
i  denen  es  ihm  den  ganzen  Arm  nach  innen  drehte.  Er  musste  nunmehr 
!es  mit  der  linken  Hand  machen,  schrieb  links,  wurde  sogar  in  seinem 
!  Jahr  (1908)  Schreiber  beim  Magistrat.  Nach  einigen  Jahren  gab  er 
:se  Stelle  auf  und  beschäftigte  sich,  die  Mutter  nach  dem  Tode  seines 
ters  unterstützend,  in  der  Möbelschreinerei  der  Mutter  mit  Anstreicher- 
neiten.  Im  März  1915  nahmen  die  Bewegungen  im  rechten  Arm  an 
ensität  zu,  der  Arm  zog  sich  ihm  fortwährend  nach  vorn  über  den  Körper, 
bekam,  ein  Druckgefühl  und  Reissen  auch  im  linken  Arm,  auch  Zucken 
beiden  Armen.  Er  fühlte  sich  allgemein  abgeschlagen  und  ermüdete  leicht 
i  anstrengender  Arbeit;  doch  konnte  er  immer  noch  mit  der  linken  Hand 
ihändig  Linien  ziehen.  Erst  im  Februar  1916  bemerkte  er  im  linken  Arm 
;  der  Arbeit  mitunter  ausfahrende  Bewegungen,  so  dass  er  den  Pinsel  aus 
r  Hand  verlor.  Wenn  er  mit  Löffel  oder  Glas  zum  Munde  fuhr,  geriet 
leicht  daneben  und  verschüttete.  Bei  Aufregung  nahm  die  Unsicherheit 
.  und  er  bekam  „zitternde  Krämpfe“.  Er  konnte  jetzt  nur  noch  ganz 
liecht  mit  der  linken  Hand  schreiben,  wenn  er  gleichzeitig  mit  aufliegendem 
enbogen  die  rechte  Hand  zur  Fixation  herbeizog.  Mitunter  bestanden  auch 
den  Waden,  besonders  links,  drückende  und  reissende  Schmerzen.  Nun- 
■hr  stellte  er  Antrag  auf  Invalidisierung,  erhielt  auch  eine  Rente.  Die 
itachtendiagnosen  lauteten  übereinstimmend  „ungewöhnliche  Krampferschei¬ 
ngen  auf  hysterischer  Grundlage“.  Da  er  dringend  um  Behandlung  bat. 
liess  man  ihn  orthopädisch  und  in  Bädern  behandeln,  ohne  einen  nennens- 
rten  Erfolg.  Ende  1917  ging  auch  ein  Zucken  im  Kopf  los,  es  riss  ihm 
js  Gesicht  immer  nach  der  rechten  Seite.  Sommer  1918  hatte  er  bereits 
I ien  richtigen  Schiefhals,  das  Gesicht  drehte  sich  fortwährend  nach  rechts, 
i  endlich  von  seinem  Leiden  befreit  zu  werden,  begab  er  sich  auf  eigene 
I  sten  in  chirurgische  Behandlung,  da  man  ihm  sagte,  es  bestehe  eine 
psse  Wahrscheinlichkeit,  dass  durch  ausgedehnte  Muskeldurchschneidung 
n  Leiden  geheilt  werde.  Am  3.  X.  1918  wurde  eine  ausgedehnte  Muskel- 
jrchschneidung  hinter  dem  linken  Ohr  vorgenommen.  Gl.  lag  5  Wochen  in 
ps,  der  Kopf  stand  zunächst  gerade,  aber  es  traten  gleich  wieder  starke 
jckungen  auf.  Er  hing  dann  längere  Zeit  regelmässig  in  der  Glisson- 
jien  Schlinge,  aber  die  Zuckungen  Hessen  nicht  nach,  so  dass  im  Jahre  1919 
j  ei  weitere  Durchschneidungen  hinter  dem  rechten  Ohre  vorgenommen 
rden  mussten.  Der  anfänglich  scheinbare  leichte  Erfolg  war  nach  wenigen 
pchen  wieder  verschwunden.  Gl.  gab  jetzt  um  Heilbehandlung  bei  der 
Irsicherung  ein;  er  wollte  seine  Invalidenrente  für  die  Dauer  des  Heilver- 
rens  abtreten  und  bot  gleicherweise  seinen  Verzicht  auf  das  Hausgeld  für 
ne  Angehörigen  an:  „Ich  möchte  gesund  werden“.  Mehrere  Aerzte  gaben 
der  Annahme,  dass  es  sich  um  eine  Neurose  bzw.  hysterische  Störung 
idle,  auf  Befragen  an.  eine  Suggestivbehandlung  würde  bei  der  Jugendlich- 
t  des  Mannes  und  bei  seinem  ausgesprochenen  Willen  zur  Gesundung 
ssicht  auf  Besserung  bieten.  So  kam  Gl.  in  die  medizinische  Klinik  Er¬ 
lgen,  wo  ich  ihn  zu  untersuchen  Gelegenheit  hatte. 

Zur  Vorgeschichte  gibt  er  noch  an,  dass  er  körperlich  (abgesehen  von 
em  Tripper  1912)  nie  krank  war,  nie  an  Kopfschmerzen  oder  Schwindel- 
ällen  litt.  Sehvermögen  stets  gut,  nie  Beschwerden  beim  Wasserlassen, 
r  Schlaf  ist  gut,  die  Bewegungen  hören  im  Schlaf  auf.  Auch  wenn  er 
:hts  aufwache,  ruhig  liegen  bleibe  und  nicht  an  die  Bewegungen  denke, 
j  könne  er  gut  wieder  einschlafen.  Er  war  kein  Trinker  und  kein  Raucher, 

-  seit  4  Jahren  verheiratet,  die  Frau,  sowie  3  Kinder  sind  ebenfalls  gesund, 
it  1917  hat  er  nicht  mehr  gearbeitet,  versieht  nur  die  Aufsicht  in  seinem 
1  schäft. 

Befund:  Mittelgross,  kräftig,  entsprechend  genährt.  Muskulatur 
prall  sehr  gut  entwickelt.  Innere  Organe  völlig  normal,  die  Schilddrüse 
ht  vergrössert.  Urin  frei  von  Zucker,  Eiweiss  und  Urobilinogen.  Pupillen 
llig  normal,  kein  Nystagmus,  auch  von  seiten  der  übrigen  Hirnnerven  kein 
linkhafter  Befund.  Kein  Kornealring,  kein  Chvostek.  Patient  trägt  für  ge- 
hnlicli  ein  Stützkorsett  mit  einer  festmontierten  Kopflehne,  gegen  die  er  den 
ipf  gepresst  hält.  Zur  Zeit  kann  er  das  Korsett  nicht  immer  tragen,  da 
ih  infolge  Scheuerns  am  Hinterkopf  ein  Ekzem  entwickelt  hat. 

Der  Kranke  kann  nur  wenige  Augenblicke  unter  Anspannung  aller  Kräfte 
,iig  stehen;  dann  beginnt  plötzlich  eine  ruckweise  Anspannung  des  linken, 
unter  auch  des  rechten  Sternokleido,  das  Gesicht  dreht  sich  nach  rechts 
i  oben,  der  ganze  Körper  kommt  in  Bewegung,  scheint  sich  dem  Gesicht 
didrehen  zu  wollen,  schiebt  sich  nach  rechts  vorn  (Vogel-Strauss-Stellung), 
hrend  die  rechte  und  etwas  auch  die  linke  Gesichtshälfte  in  zuckende  Mit- 
'vegungen  verfällt,  als  ob  er  Schmerzen  hätte,  was  aber  verneint  wird, 
iichzeitig  setzen  Spannungen  im  rechten  Arm  ein,  es  zieht  ihm  den  ge¬ 
eckten  Arm  unter  kräftiger  Anspannung  des  Pektoralis  schräg  über  Brust 
d  Bauch,  mitunter  auch  rechts  hinter  den  übrigen  Körper.  Die  Finger 
gen  leichte  athetoide,  langsame  Ueberdelmiingen.  Bald  wieder  wird  der 
:eps  kontrahiert  und  die  Finger  krallen  sich  zusammen.  Einige  Sekunden 
ien  die  vertrakten  Stellungen  an,  dann  lösen  sich  die  Spannungen,  der 
Pt  kehrt  in  die  Ruhelage  zurück,  der  Arm  sinkt  völlig  schlaff  herab;  nach 
nigeti  Sekunden  beginnt  das  Spiel  von  neuem.  Der  Kranke  ist  beständig 
drebt,  eine  gewisse  Ruhelage  einzunehmen.  Er  hält  den  Kopf  mit  dahinter 
'krampften  Händen  fixiert,  sucht  so  gleichzeitig  Arme  und  Kopf  ruhig  zu 
hen.  Allein  auch  dann  entgleitet  ihm  der  Kopf  noch  oft  genug,  und 
nn  nicht,  so  sieht  man  doch  die  plötzlich  sich  anspannenden  Muskelwülste 
Hals  und  Arm  sich  vorwölben.  Mitunter  hält  er  auch,  den  Kopf  nur  mit 
r  Huken  Hand  fixierend,  den  rechten  Arm  auf  den  Rücken  gepresst.  In 
Ruhelage  und  im  Sitzen  lassen  alle  Bewegungen  stark  nach,  beim  Gehen 
insbesondere  bei  jeder  psychischen  Aufregung  werden  sie  heftiger  und 
r  häufig  (alle  10 — 15  Sekunden  und  öfter).  Die  rechte  Schulter  stellt 
gewöhnlich  etwas  höher  wie  die  linke. 


Im  einzelnen  wurde  folgendes  festgestellt:  Augenmuskeln  und  Augenlider 
beteiligen  sich  gar  nicht  an  der  Unruhe,  die  Zunge  wird  gerade  heraus¬ 
gestreckt,  zuckt  nicht.  Stirnrunzeln  und  Grimassieren  im  Sinne  von 
Schmerzverziehungen  sind  häufig,  aber  nicht  immer  vorhanden.  An  den  Kopf¬ 
drehungen  ist  in  Überwiegendem  Masse  der  linke  Sternokleido  beteiligt, 
seltener  der  rechte.  Die  Bewegungsunruhe  ist  am  grössten  im  rechten  Arm, 
wo  bald  der  Bizeps,  bald  der  Trizeps  mit  einem  plötzlichen  Ruck  vorüber¬ 
gehend  in  Spannung  geraten.  Die  Hand  wird  immer  proniert  gehalten.  Es 
besteht  dauernd  eine  mässige  Pronationskontraktur,  die  nur  mit  grösster  Kraft¬ 
entfaltung  bis  zu  nicht  ganz  extremer  Supination  passiv  überwunden  werden 
kann;  sobald  man  loslässt,  schnellt  der  Arm  in  Pronationsstellung  zurück. 
Solange  keine  mobilen  Spasmen  bestehen,  zeigt  der  ganze 
Arm  eine  hochgradige  Hypotonie.  Alle  Hantierungen  gelingen 
ohne  Mühe.  Bei  Aufforderung  an  die  Nase  zu  fassen,  fährt  er  mit  dem  Hand¬ 
rücken  an  den  rechten  Backen,  den  Arm  aufs  stärkste  pronierend,  und  rollt 
dann,  die  Hand  etwas  supinierend.  die  Finger  zur  Nasenspitze.  Die  Intervalle, 
in  denen  die  mobilen  Spasmen  auftreten,  sind  ganz  wechselnd.  Bald  kommen 
sie  nur  alle  10 — 15  Sekunden,  bald  in  heftiger  Folge.  Mitunter  kommt  es  vor, 
dass  zwischen  Dorsal-  und  Plantarflexion  der  rechten  Hand  ein  Wechsel  von 
beinahe  tremorartiger  Schnelligkeit  auftritt.  Die  athetoiden  Fingerbewegungen 
wurden  bereits  erwähnt.  Die  mobilen  Spasmen  setzen  mit  einem  plötzlichen 
Ruck  ein,  so  dass  die  Bewegungen  etwas  schleuderndes,  zunächst  an  Chorea 
erinnerndes  bekommen,  nur  dass  dann  eine  tonische  Anspannung  von  mehreren 
Sekunden  folgt. 

Der  linke  Arm  wird  für  gewöhnlich  ruhig  gehalten  und  willkürlich  völlig 
beherrscht,  es  besteht  ausgesprochene  Hypotonie,  nur  bei  intendierten  Be¬ 
wegungen  tritt  ein  choreatisch-schleuderndes  Ueberszielhinausschiessen  sehr 
deutlich  in  Erscheinung.  Mit  der  rechten  Hand  kann  er  fast  gar  nicht  mehr 
schreiben,  mit  der  linken  Hand  ausserordentlich  schlecht.  Die  Schriftzüge 
sind  hochgradig  zitterig,  man  kann  aber  das  Geschriebene  noch  entziffern. 

Von  den  Brustmuskeln  beteiligt  sich  der  rechte  Pektoralis  am  aus¬ 
giebigsten  an  den  mobilen  Spasmen;  fortwährend  führt  er  den  Arm  einmal 
über  den  Körper  hinweg.  Im  Gegensatz  dazu  zieht  aber  auch  der  Latissimus 
dorsi  den  Arm  gelegentlich  in  mobilem  Spasmus  nach  hinten  und  innen.  Auch 
der  Kukullaris  ist  an  den  Spasmen  vielfach  beteiligt.  In  den  Bauchmuskeln 
bemerkt  man  besonders  rechts  ein  beständiges,  an  myoklonisches,  nur  langsam 
verlaufendes  Zucken  erinnerndes  Wogen;  die  rechte  Bauchmuskulatur  scheint 
gegen  links  etwas  hypertonisch  (oder  die  linke  hypotonisch?). 

Die  Beine  sind  vollkommen  frei  von  Bewegungserscheinungen,  ganz  selten 
eine  leichte  unwillkürliche  Kontraktion  in  den  Adduktoren  oder  im  Quadrizeps, 
auch  im  Sartorius;  ganz  selten  in  den  Zehen.  Der  Gang  ist  dementsprechend 
ruhig  und  sicher.  Er  geht  langsam  und  vorsichtig,  in  der  Erkenntnis,  dass 
schnelles  Gehen  eine  starke  Vermehrung  der  mobilen  Spasmen  in  der  oberen 
Körperhälfte  erzeugt.  Befallen  ihn  solche,  dann  bleibt  er  stehen,  kommt  dabei 
oft  in  die  eigentümlich  nach  rechts  und  vorn  gebeugte  Vogel-Strauss-Stellung, 
und  wartet  die  Erschlaffung  der  Muskeln  ab. 

Lähmungen  bestehen  nirgends;  wenn  nicht  durch  die  mobilen  Spasmen 
gehindert,  kann  er  allen  Anforderungen  zu  beliebigen  Bewegungen  Folge 
leisten.  Die  Kraft  ist  nicht  vermindert.  Die  Sensibilität  ist  völlig  intakt. 
Schmerzen  bestehen  nicht,  nur  wenn  sich  der  Sternokleido.  was  mitunter 
vorkommt,  in  fast  tetanischer  Stärke  kontrahiert,  dann  besteht  leichter 
Krampfschmerz,  nur  hin  und  wieder  ein  drückendes  Gefühl  in  den  Armen. 
Abends  vor  dem  Einschlafen  will  er  mitunter  ein  unangenehmes  Rucken  und 
Zucken  in  den  Beinen  verspüren,  und  fragt  daher  besorgt,  ob  das  Leiden  wohl 
auch  noch  auf  die  Beine  übergreifen  könne.  Die  Reflexe  sind  in  normaler 
Stärke  auslösbar,  die  Armreflexe  vielleicht  etwas  gering;  auch  der  rechte 
Bauchdeckenreflex  ist  etwas  geringer  als  der  linke.  Babinski,  Mendel, 
Rossolimo,  Oppenheim  negativ.  Adiadochokinese  ist  rechts  bei  Plantar-  und 
Dorsalflexion  der  Hand  nur  angedeutet,  bei  Pro-  und  Supination  wegen  der 
Kontraktur  nicht  zu  prüfen,  bei  Oberarmbeugung  und  -Streckung  sehr  deutlich. 
Elektrisch  ist  alles  normal,  auch  keine  myotonische  Reaktion. 

Die  Wassermann  sehe  Reaktion  im  Blut  war  negativ.  Punktiert 
wurde  nicht. 

Psychisch:  Die  Intelligenz  ist  vollkommen  erhalten.  Pat.  hat  sich  mit 
seinem  Leiden  resigniert  abgefunden,  hat  keine  Hoffnung  auf  Heilung  mehr. 
In  Gesellschaft  kann  er  auch  fröhlich  und  gesprächig  sein. 

Zusammenfassend  lässt  sich  folgendes  sagen:  Bei  einem  erblich 
nicht  belasteten  Jungen  arischer  Abkunft  traten  im  Alter  von  9  Jahren 
unwillkürliche  Bewegungsstörungen  in  der  rechten  Hand  auf,  die  im 
Laufe  von  Jahren'  auch  auf  den  rechten  Arm  übergingen,  und  den 
Charakter  mobiler  Spasmen  trugen,  während  in  den  spannungsfreien 
Intervallen  Hypotonie  bestand.  Mit  ca.  18  Jahren  war  die  Störung, 
die  jeder  Behandlung  trotzte,  so  stark,  dass  der  Kranke  mit  dem  rechten 
Arm  nichts  mehr  arbeiten  konnte.  Fast  unmerklich  nahm  das  Leiden 
zu,  bis  mit  25  Jahren  wieder  ein  stärkerer  Schub  einsetzte,  mit 
26  Jahren  wurde  auch  der  linke  Arm  befallen,  aber  nur  durch  Be¬ 
wegungsstörungen  choreatischen  Charakters,  mit  27  Jahren  traten 
mobile  Spasmen  in  der  Halsmuskulatur  hinzu,  vorwiegend  auf  der  linken, 
etwas  auch  auf  der  rechten  Seite.  Ein  daraus  resultierender  Schiefhals 
war  auch  operativ  nicht  beeinflussbar.  Zur  Zeit  der  Untersuchung  ist 
der  Kranke  32  Jahre,  in  fast  ununterbrochener  Bewegung,  die  nur  im 
Schlaf  sistiert.  Befallen  sind  der  rechte  Arm  und  die  Halsmuskulatur 
links  wie  rechts  von  plötzlich  einsetzenden,  einige  Sekunden  an¬ 
dauernden  mobilen  Spasmen  bei  Hypotonie  in  der  Ruhe,  der  Körper 
macht  vielfach  torquierende  Bewegungen  nach  rechts,  als  ob  der  Kranke 
seinem  nach  oben  und  rechts  gekehrten  Gesicht  nacheilen  wollte;  die 
Torsion  wird  nahezu  vollkommen,  wenn  es  ihm  dabei  den  rechten  Arm 
nach  dem  Rücken  zieht,  wird  etwas  verdeckt,  w'enn  der  Pektoralis  in 
mobilem  Spasmus  den  Arm  nach  vorn  über  den  Bauch  führt.  Die  Beine 
sind  nicht  beteiligt,  der  linke  Arm  nur  in  Form  einer  choreatischen  Un¬ 
ruhe.  Am  rechten  Arm  sind  die  Störungen  proximal  stärker,  als  distal; 
doch  fehlen  athetoide  Fingerbewegungen  nicht.  Keinerlei  Pyramiden¬ 
symptome,  gut  erhaltene  Intelligenz.  Keine  Schmerzen,  nur  mitunter 
im  Sternokleido  etwas  Krampfschmerz,  in  anderen  Muskeln  unbestimm¬ 
tes  Rucken  und  Zucken  und  Drücken,  das  nicht  als  Schmerz  bezeichnet 
wird. 


266 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Mendel8)  hat  vor  2  Jahren  die  bis  dahin  veröffentlichten  33  Fäl  e 
von  Torsionsspasmus  monographisch  zusammengestellt;  mittlerweile 
sind  einige  w’eitere  hinzugekommen;  der  vorliegende  Fall  hat  mit  den 
bisher  veröffentlichten  Fällen  —  und  mit  einem  von  mir  an  der  Bon- 
h  o  e  f  f  e  r  sehen  Klinik  gesehenen  —  in  wesentlichen  Punkten  eine  so 
ausserordentliche  Aehnlichkeit,  dass  ich  ihn  trotz  mancher  Verschieden¬ 
heiten  nur  als  Torsionsspasmus  deuten  kann. 

Dass  unser  Kranker  Arier  ist,  spielt  angesichts  der  sich  mehrenden 
nichtsemitischen  Fälle  keine  Rolle  mehr.  Von  familiärer  und  erblichet 
Belastung  und  sonstiger  Aetiologie  ist  bei  ihm,  wie  bei  den  meisten 
anderen  Fällen  \on  Torsionsspasmus,  nichts  bekannt.  Der  Beginn  der 
Erkrankung  wird  in  das  7.  bis  19.  Lebensjahr  datiert,  unser  Patient  er¬ 
krankte  im  Alter  von  9  Jahren.  In  den  Fällen,  in  denen  das  Leiden  an 
der  oberen  Extremität  entstand,  wurde,  wie  bei  unserem  Kranken,  zu¬ 
erst  Ungeschicklichkeit,  Steifheit  der  Hand  usw.  beobachtet,  die  dann 
ganz  allmählich  Zunahmen.  Psyche,  Intelligenz,  Sprache,  Ernährungs¬ 
zustand  bleiben  die  ganze  Krankheit  hindurch  unverändert,  die  Kranken 
finden  sich  bei  längerem  Bestehen  des  Leidens  „geduldig  und  in  philo¬ 
sophischer  Ruhe  mit  demselben  ab.  sie  sind  dann  guter  Stimmung,  auch 
heiter,  liebenswürdig  und  zeigen  kritisches  Urteil  in  bezug  auf  ihre 
Krankheit“;  nicht  anders  der  vorstehende  Kranke.  Die  Hirnnerven  wur¬ 
den,  wie  auch  hier,  übereinstimmend  als  intakt  angegeben.  Nicht  ge¬ 
wöhnlich  ist  das  bei  unserem  Kranken  beobachtete  Grimassieren,  das 
eigentlich  der  Athetosis  duplex  eigen  ist,  und  die  starke  Beteiligung 
der  Halsmuskulatur.  Auf  beide  Erscheinungen  werden  wir  noch  zu 
sprechen  kommen.  Die  dystonische  Störung  an  sich  trug  aber  durchaus 
den  Charakter  des  Torsionsspasmus,  den  ausgesprochenen  Wechsel  der 
mobilen,  ruckweise  cinsetzenden  Spasmen  von  einigen  Sekunden  Dauer, 
die  dann  einer  sehr  deutlichen  Hypotonie  der  erschlafften  Muskulatur 
Platz  machen.  Auch  fand  sich  keine  Spur  von  Parese  in  der  hyper- 
bzw.  hypotonischen  Muskulatur  bei  Widerstandsbewegungen,  wohl  aber 
ein  Gefühl  subjektiver  Schwäche  und  Ermüdbarkeit,  keine  Veränderung 
in  der  elektrischen  Erregbarkeit  der  Muskeln. 

Die  unwillkürlichen  Bewegungen  trugen  durchaus  den  Charakter 
der  gemischt  choreatisch-athetotisch-tickartigen  Störungen,  besonders 
aber  zeigten  sie  auch  den  eigentümlich  ziehenden  und  drehenden  Typ, 
„wurmartig  und  schlangenförmig11,  zwecklos,  bizarr  und  grotesk,  so  dass 
sie  manchmal  geradezu  komisch  wirken  konnten.  Dabei  schien  es  mit¬ 
unter,  als  ob  der  Kranke  bestrebt  sei,  den  unwillkürlichen,  bizzaren 
Bewegungen  durch  einzelne  Ergänzungsbewegungen  eine  Motivierung 
zu  verleihen,  so  wenn  er  den  nach  rechts  hinten  zurückgezogenen  Arm 
mit  der  linken  Hand  hinter  dem  Rücken  ergriff,  und  nun  scheinbar  ab¬ 
sichtlich  mit  hinter  dem  Rücken  verschränkten  Armen  marschierte.  Viel¬ 
fach  handelte  es  sich  aber  dabei  um  das  Einnehmen  einer  Art  Ruhe¬ 
stellung,  wie  sie  für  Torsionsspastische  beschrieben  wird.  So  ging 
unser  Kranker  am  liebsten  mit  hinter  dem  Kopf  gefalteten  Händen,  oder 
wenn  er  seinen  den  Kopf  fixierenden  Apparat  trug,  mit  auf  dem  Rücken 
verkrampften  Armen,  oder  die  Arme  straff  vor  die  Brust  gepresst.  In 
charakteristischer  Weise  war  der  proximale  Teil  des  rechten  Armes 
erheblich  stärker  beteiligt,  als  der  distale;  am  meisten  beteiligt  _  sind 
auch  die  in  der  Literatur  hiefiir  bezeichneten  Mm.  pectoralis,  biceps 
und  Hand-  und  Fingerstrecker,  aber  auch  der  Triceps,  die  Pronatoren 
und  die  Beuger  rm  Vorderarm,  dann  allerdings  in  sehr  erheblichem 
Maasse  auch  die  Sterokleidomastoidei.  wie  dies  F 1  a  t  e  u  in  seinem  kürz¬ 
lich  mitgeteilten  Fall  beschreibt,  der  ja  auch  wegen  seines  „Tortikollis“ 
mit  Gipskorsett  und  Operation  vergeblich  behandelt  wurde.  Recht 
charakteristisch  ist  auch  die  Art.  wie  der  Kranke  den  Finger-Nasenver- 
such  ausführt;  er  erinnert  sehr  stark  an  den  von  Fla  tau  -Sterling 
publizierten  Fall.  Auffallend  ist  endlich  das  Freibleiben  der  Beine,  das 
nicht  gewöhnlich  ist.  Mari  hat  den  Eindruck,  als  ob  das  klassische  Bild 
des  Torsionsspasmus  bei  unserem  Kranken  einfach  nach  oben  etwas 
verschoben  sei;  die  Beine  sind  frei,  dafür  ist  der  Hals  mit  befallen.  So 
erklärt  sich  auch,  dass  die  Verbiegung  der  Wirbelsäule,  wie  sie  be¬ 
schrieben  wird,  bei  unserem  Kranken  nicht  recht  ausgesprochen  ist, 
es  nicht  allzuhäufig  zu  der  „Vogel-Strauss-Stellung“  kommt.  Das  Becken 
steht  bei  ihm  nicht  schief:  dafür  ist  aber  die  rechte  Schulter  für  gewöhn¬ 
lich  höher  gezogen  als  die  linke.  Die  Zunahme  der  Bewegungen  bei 
Gemütsbewegungen  und  im  Gehen  war  sehr  deutlich,  wie  es  auch  in  der 
Literatur  immer  wieder  berichtet  wird;  Suggestivbehandlung  erzielte  nur 
für  ganz  kurze  Zeit,  höchstens  einige  Stunden,  einen  ganz  leichten  Er¬ 
folg.  Im  Liegen  Hessen  die  Bewegungen,  wie  es  bisher  schon  über¬ 
einstimmend  geschildert  wurde,  nach,  und  hörten  im  Schlaf  vollkommen 
auf.  eine  Erscheinung,  die  man  zur  Unterscheidung  von  der  Athetosis 
duplex  herangezogen  hat.  Die  inneren  Organe  waren  völlig  gesund,  der 
Blut- Wassermann  negativ,  von  einer  Lebererkrankung  nichts  nachweis¬ 
bar,  das  C  h  v  o  s  t  e  k  sehe  Zeichen  fehlte. 

Als  „negative  Zeichen“  führt  Mendel  in  seiner  Zusammenfassung 
folgendes  an:  „Nie  Lähmungen,  keine  Atrophien,  keine  Sphinkter- 
störungen,  keine  Störungen  der  Intelligenz  und  Psyche,  keine  Zeichen 
eines  organischen  Nervenleidens,  insbesondere  keine  Pyramidenzeichen, 
kein  Kornealring.  keine  Leberveränderungen,  meist  keine  elektrischen 
Veränderungen,  keine  Sensibilitätsstörungen,  keine  Schmerzen,  höchstens 
Krampf-  und  Spannungsgefühl.  Alles  dies  trifft  in  einwandfreier  Weise 
auf  unseren  Fall  zu. 

Als  atypisch  ist  in  unserem  Falle  zu  bezeichnen  das  Fehlen  mobiler 
Spasmen  in  den  unteren  Extremitäten,  das  übrigens  noch  kommen 
könnte,  dann  das  starke  Pefallensein  der  Halsmuskulatur,  und  endlich 
das  Grimassieren,  das,  wenn  auch  nur  massig  stark,  so  doch  zweifellos 


vorhanden  war,  und  endlich  die  choreatische  Störung  im  linken  Ar 
Sollten  diese  Atypien  uns  nun  abhalten,  den  Fall  zum  1  orsionsspasir 
zu  rechnen?  Oder  handelt  es  sich  vielleicht  um  das  Zustandsbild  eii 
Torsionsspasmus  bei  einer  ganz  anderen  Erkrankung?  Die  Hyste 
dürfen  wir  hier  sicherlich  ausschliessen;  es  fehlt  jedes,  aber  auch  jei 
psychogen  wirksame  Moment  in  der  Anamnese,  die  beharrliche  P 
gredienz  des  Leidens  bei  stetig  wirkendem  Bestreben,  von  der  Krai 
heit  loszukommen  —  wenn  man  überhaupt  jemanden  ein  solches  1 
streben  glauben  will,  so  musste  man  es  bei  unserem  Kranken  glaub 
der  sich  auf  eigene  Kosten  in  operative  Behandlung  begab,  als  ihm 
Kasse  wegen  Aussichtslosigkeit  die  Behandlungskosten  verweigi 
wollte  — ,  die  völlige  Erfolglosigkeit  aller  therapeutischen  Versui 
sprechen  eine  zu  eindeutige  Sprache.  Die  vorübergehende  Beh< 
schung  der  Bewegungsunruhe  nach  suggestiven  Prozeduren,  das  , 
rückgehen  der  Erscheinungen  bei  Aufmerksamkeitsablenkung  und  ; 
Aufhören  der  Bewegungen  im  Schlaf,  auf  der  anderen  Seite  die  , 
nähme  der  Unruhe  bei  Emotionen  und  bei  Zuwendung  der  Aufmerks: 
keit  verführen  zu  gern  immer  wieder  zur  Annahme  einer  psychogei 
Störung;  und  doch  finde»  wir  diese  Merkmale  gerade  nicht  nur  b« 
Torsionsspasmus,  sondern  auch  bei  anderen  extrapyramidalen,  dys 
nischen  Erkrankungen,  wie  z.  B.  bei  der  Paralysis  agitans  und  bei 
Chorea.  Aber  könnte  es  sich  in  unserem  Falle  nicht  um  einen  enzep 
litischen  Prozess  handeln,  der  in  Schüben  verläuft?  Der  erste  kön 
schon  ante  partum  gelegen  sein;  daher  die  Linkshändigkeit; 
zweiter  könnte  dann  im  9.  Lebensjahr  eingesetzt  haben,  der  zu 
Störung  in  der  rechten  Hand  und  dem  rechten  Arm  führte,  ein  dri 
konnte  im  25.  Lebensjahr  zur  choreatischen  Unruhe  des  linken  Ari 
und  im  26.  zu  den  Störungen  in  der  Halsmuskulatur  führen.  Es  isi 
gewiss  auffallend,  dass  unser  Kranker  erst  in  höherem  Lebensa 
solch  deutlichen  schubweisen  Fortschritt  seines  Leidens  zeigt;  aber 
sicherlich  dauernde,  ganz  langsame  Fortschreiten,  zwischendurch 
einer  Art  leichter  Remissionen  unterbrochen,  möchte  mich  doch 
der  Annahme  eines  enzephalitischen  Prozesses  abhalten;  ich  me 
dass  wir  es  mit  einem  Fall  von  autochthoner  Degenerationserkrank 
zu  tun  haben,  der  als  Torsionsdystonie  dem  Torsionsspasmus  zuzuzäl 
ist.  Den  letzten  Entscheid  könnte  erst  die  Sektion  bringen,  auf 
wir  wahrscheinlich  vergebens  warten  werden1,  da  der  Patient  in  si 
Heimat  zurückgekehrt  ist. 

Nun  scheint  mir  an  dem  vorliegenden  Fall  noch  von  Intere 
dass  er  sehr  starke  Beziehungen  zur  Athetosis  duplex,  und  nameni 
zur  Chorea  hat.  An  die  Athetose  erinnert  das  für  den  Torsionsspas 
ungewöhnliche  Grimassieren,  das  bei  uns  aber,  im  Gegensatz  zur  A 
tose,  im  Schlaf  schwindet;  auch  finden  wir  entgegen  der  Athetose 
proximalen  Giiedabschnitte  stärker  befallen,  als  die  distalen,  in  di« 
aber  wieder  athetoide  Fingerüberstreckungen.  Besonders  auffallenc 
jedoch  das  Bestehen  einer  rein  choreatischen'  Bewegungsstörung 
linken  Arm,  der  bei  ausgesprochener  Hypotonie  das  Charakteristik 
Ansfahren  und  Ueberszielhinausschiessen  (es  schleudert  ihm  den  Piu 
bei  der  Arbeit  aus  der  Handi)  der  Chorea  zeigt.  Wir  sehen  hier  nell 
einander  am  selben  Organismus  gleichsam  zwei  verschiedene  For 
von  Heredodegeneration.  einen  Uebergangsfal!  von  1  orsionsspasmu 
Chorea,  wie  mpn  ihn  sich  besser  kaum  denken  kann,  hervorger 
sicherlich  durch  die  Eigenart  der  Lokalisation  des  Prozesses.  Es 
dies  ein  neuer  Beweis  für  das  enge  Zusammengehören  all  dieser 
tonischen  Störungen,  der  hyperkinetisch-akinetischen  (arayostoE'c 
mit  den  athetotischen  und  den  choreatischen,  wie  es  von  Ste 
kürzlich  bei  der  Aufstellung  des  dystonischen  Syndroms  befiirwc 
wurde.  Das  Freibleiben  der  unteren  Extremitäten  und  das  spätere 
fallenwerden  der  Halsmuskulatur  aber  kann  von  neuem  hinweisen 
die  von  C.  Vogt  vertretene  streng  topische  Lokalisation  nach  G 
abschnitten  auch  im  striären  System.  Die  Störung  bei  unserem  Krai 
liegt  mehr  in  die  vorderen  Teile  des  Striatum  hinein  (ohne  die  Zen 
für  Schlucken  und  Kauen  mit  zu  ergreifen),  erstreckt  sich  aber  ig 
so  weit  nach  hinten,  dass  die  Beine  mit  ergriffen  wären.  Deshalle 
scheint  das  torsionsspastische  Bild  klinisch  etwas  nach  oben  versehet 
Mag  man  mm  im  vorliegenden  Fall  einen  echten  Torsionsspasp 
annehmen,  wozu  ich  neige,  oder  nicht,  die  Paarung  der  mobilspastisl 
Erscheinungen  mit  den  choreatischen  der  anderen  Seite  schien  mi|i 
Hinblick  auf  die  Frage  der  Berechtigung  eines  umfassenden  dystonisj* 
Syndroms  nach  S  t  e  r  t  z  (1.  c.)  bemerkenswert  genug,  um  die  Mitte  i 
des  Falles  zu  rechtfertigen. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Würzburg. 

(Direktor;  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  M.  Hof m eie r.) 

Gynergen,  ein  neues  Mittel  zur  Bekämpfung  dei 
Atonia  uteri*). 

Von  Dr.  Karl  Böwing,  Assistent  der  Klinik. 

Vor  einem  Jahre  erlebte  ich  einen  Todesfall  in  der  PlazeS 
Periode  durch  Verblutung.  Es  handelte  sich  um  eine  II-p.  mit  Plau 
accreta  und  ausgesprochenem  Status  thymico-lymphaticus,  wie« 
Sektion  zeigte.  Jedenfalls  ging  die  Frau  an  einer  schweren  atonia 
Nachblutung  zu  Grunde.  Das  ist  für  den  Geburtshelfer  zweifelloi 
seltenes  unglückliches  Ereignis,  und  so  veranlasst«'  mich  dieser  '< 
meine  ganze  Aufmerksamkeit  auf  die  Mittel  resp.  die  Methoden  zu- 

*)  Itn  Auszug  vorgetragen  auf  dem  Oynäkologenkongress  in  Nti'rnf 
1  Dezember  1921. 


*■)  Mschr.  f.  Psycli.  u.  Neurol.  1919,  46. 


L  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


26? 


jn,  mit  denen  man  einer  schweren  atonischen  Blutung:  Herr  werden 
tnn.  In  den  Lehrbüchern  der  Geburtshilfe  ist  im  allgemeinen  die 
herapie  der  Post-partum-Blutungen  ziemlich  kurz  behandelt.  Das  er- 
ärt  sich  wohl  daraus,  dass  eine  wirklich  lebensgefährliche  Blutung 

der  Nachgeburtsperiode  nicht  häufig,  jedenfalls  dass  eine  tödliche 
lutung  eine  grosse  Seltenheit  ist.  Aber  sie  kommen  vor,  und  sichel¬ 
nd  schwerere  Blutungen,  die  die  Frauen  für  längere  Zeit  ernstlich 
idend  machen,  in  der  Nachgeburtsperiode  trotz  sachgemässer  Be- 
iridlung  gar  nicht  so  selten.  Wir  sahen  z.  B.  auf  100  Geburten  3 — 4 
mnens  werte  Blutungen  durch  Atonia  uteri;  Hof  statt  er  [9]  be- 
■chnete  aus  Zusammenstellungen  an  der  Wiener  Klinik  unter  32  000 
eburten  auf  100  Geburten  1 — 2  nennenswerte  atonische  Nachblutun- 
.ii.  Unter  10  000  Geburten  sah  er  4  Todesfälle  und  44  Fälle,  bei  denen 
;  Blutstillung  grössere  Schwierigkeiten  bereitete.  —  Sind  die  Kontrak- 
men  des  Uterus  in  ihrer  Intensität  und  ihrer  Frequenz  zu  gering,  so 
utet  es  schon  bei  liegender  Plazenta  entsprechend  dem  Grad  der 
ilweisen  Lösung  der  Plazenta  und  der  mehr  oder  minder  erfolgten 
etraktion  der  Uterusmuskelfasern.  Nun  soll  man  Wehen  anregen,  die 
e  völlige  Lösung  der  Plazenta  herbeiführen,  oder  während  welcher 
an  evtl,  die  C  rede  'sehe  Expression  vornehmen  soll.  Da  kann 
an  es  des  öfteren  erleben,  dass  trotz  Reibens  des  Uterus,  insbesondere 
;r  Fundusdecken  usw.,  keine  Wehe  einsetzt  und  es  sogar  stärker 
utet,  ohne  dass  man  in  dieser  Wehenpause  etwas  unternehmen 
innte.  Das  sind  höchst  unerfreuliche  Augenblicke,  in  denen  man  Zeit 
arliert  oder  in  denen  man  evtl,  zum  Aortenkompressorium  greifen 
uss. 

Der  durch  eine  lange  Geburt  erschöpfte  normale  Uterus  oder  der 
:hon  an  sich  wenig  sensible  Uterus  reagiert  eben  auf  exogene  Reize 
>enso  schlecht  wie  auf  die  endogenen,  durch  die  sonst  der  normale 
blauf  der  Plazentarperiode  gewährleistet  wird.  Auf  die  vielfachen 
ethoden  der  Bekämpfung  dieser  sogenannten  Atonia  uteri  möchte  ich 
cht  näher  eingehen,  sondern  hier  nur  die  medikamentöse  Behand- 
ng  besprechen;  denn  diese  ist  für  den  praktischen  Arzt  besonders 
ichtig,  und  wenn  diese  zum  Ziele  führt,  können  alle  anderen  ein- 
eifenderen  und  gefährlicheren  Eingriffe  unterbleiben.  Es  stehen  uns 
i  besonders  zwei  Mittel  zur  Verfügung,  deren  Bedeutung  dadurch 
lerkannt  ist,  dass  sie  in  allen  neueren  geburtshilflichen  Lehrbüchern 
igeführt  werden:  das  Hypophysenpräparat  und  das  Sekalepräparat. 
äi'de  Präparate,  die  manchmal  Vorzügliches  leisten,  sind  jedoch  bis- 
ag  nicht  absolut  zuverlässig,  denn  manchmal  sehen  wir  von  ihnen 
inen  therapeutischen  Erfolg.  Namentlich  in  den  Fällen,  in  denen 
iS  Hypophysenpräparat  auf  einen  erschöpften  Uterus  trifft,  wirkt  es, 
ie  man  das  in  der  Austreibungsperiode  oft  sehen  kann,  so  auch  in 
:r  Plazentarperiode,  gering  oder  gar  nicht.  Und  die  jetzt  gebräuch- 
:hen  Sekalepräparate  wirken  entweder  erst  ziemlich  spät  oder  sie 
id  unwirksam,  ebenso  wie  das  Chinin  für  diese  Fälle  ungeeignet  er- 
heint.  —  Da  Neu  [6]  nach  den  Untersuchungen  von  Franz, 
urdinowski  und  Kehrer  die  Mutterkornwirkung  für  1.  zu  ab- 
ngig  von  den  verschiedenen  Handelspräparaten  und  2.  solange  für 
oblematisch  hält,  bis  ein  chemisch  reiner,  exakt  dosierbarer  Ergotin- 
kömmling  zur  Verfügung  steht,  hat  er  in  seiner  sehr  ausführlichen 
beit  das  Adrenalin  empfohlen.  —  Wir  brauchen  aber  hier  ein  sofort 
rrk  wirksames  und  doch  unschädliches  Mittel. 

Als  solches  hat  sich  mir  nun  ein  Präparat  erwiesen,  das  ich  seit 
aem  Jahr  angewandt  habe.  Dieses  Präparat  wurde  mir  von  der 
emischen  Fabrik  vorm.  Sandoz-Basel  bzw.  von  der  Fabrik  pharma- 
utischer  Präparate,  Fritz  Augsberger,  Nürnberg  zu  Versuchszwecken 
ergeben  und  kommt  jetzt  als  G.ynergen  in  den  Handel.  Es  ist  von 
Stoll  [12 1  aus  dem  Mutterkorn  isoliert,  Ergotamin  genannt,  und 
m  K.  Spiro  [11]  pharmakologisch  geprüft  worden. 

Bekanntlich  ist  die  Frage  über  die  Träger  der  Mutterkornwirkung 
nge  Zeit  strittig  gewesen.  Von  den  vielen  Körpern,  die  als  spe- 
ische  und  unspezifische  Bestandteile  aus  dem  Mutterkorn  isoliert 
erden,  galten  bis  vor  kurzem  als  Träger  der  Wirkung  einmal  das  von 
arger  und  Dale  isolierte  amorphe  Alkaloid  Ergotoxin  (Kraft  s 
rdroergotinin)  und  ferner  die  proteinogenen  Amine,  Histamin  und 
/ramin.  Es  hat  sich  aber  gezeigt,  dass  die  letzteren,  die  man  auch 
s  der  Hypophyse  gelegentlich  isolierte,  weder  hier  noch  dort  spe- 
ische  Bestandteile,  sondern  nur  sekundäre  Fäulnisbasen  sind.  Da- 
t  stimmt  ja  auch  die  klinische  Erfahrung  überein,  denn  weder  glei- 
en  sich  Hypophysen-  und  Sekalewirkung,  noch  ist.  die  der  prote- 
igenen  Amine  mit  der  des  Mutterkorns  identisch. 

Das  Ergotoxin  ist  andererseits  nicht  zu  umfangreicherer  klinischer 
Wendung  gekommen.  Ihm  steht  nach  den  Untersuchungen  von  A. 
toll  und  K.  Spiro  das  kristallisierte  Ergotamin  sowohl  in  che- 
scher  als  auch  in  pharmakologischer  Beziehung  nahe.  Die  Tier- 
rsuche  ergaben,  dass.es  die  automatischen  Kontraktionen  des  Uterus 
regt  und  verstärkt  nicht  nur  Reiz  erzeugend,  sondern  auch  sensi- 
isierend  wirkt,  vor  allem,  dass  die  Wirkung  anhaltend  ist,  so  dass, 
nach  der  Dosis,  stundenlang  Kontraktionen  und  Pausen  abwechseln. 

Bei  der  bekannten  Inkonstanz  der  Mutterkorndroge  und  ihrer  Prä¬ 
rate  und  der  Zersetzlichkeit  der  wirksamen  Bestandteile  musste 
von  grossem  Wert  sein,  festzustellen,  ob  das  vorliegende  Präparat 
res  chemisch  reinen  Körpers,  das  Gynergen  genannte  Ergotamin- 
rtrat,  von  gleichmässiger  und  konstanter  Wirkung  ist,  und  ob  es 
-ht  nur  per  os,  sondern  auch  zur  Injektion  Verwendung  finden  kann 

Abgesehen  von  mehreren  Fällen  in  der  Poliklinik,  wo  es  bei  jedem 
’n  uns,  der  es  einmal  angewandt  hatte,  grossen  Anklang  fand,  habe 
1  dieses  Mittel  in  etwa  hundert  Fällen  versucht.  Auf  die  ersten 
-‘rsuche  mit  ähnlichen  Präparaten  (anderen  Ergotaminsalzen)  und 

Nr.  8. 


auf  die  anfängliche  Schwierigkeit  in  der  Dosierung  will  ich  hier 
nicht  eingehen.  Nur  kurz  möchte  ich  sagen,  dass  es  ante  partum,  intra 
partum  und  post  partum  gegeben  wurde.  Die  Versuche  ante  partum 
sind  gering.  Es  zeigte  sich,  dass  der  hochgravide  Uterus  immer  mit 
mehr  oder  weniger  lang  währenden  Kontraktionen  auf  die  Injektion 
reagierte,  besonders,  wenn  man  den  Uterus  durch  Betasten  noch  reizte. 
Diese  Wehen  klingen  erst  nach  etwa  einer  halben  Stunde  —  genau  wie 
bei  den  Hypophysenpräparaten  —  wieder  ab  **). 

Intra  partum  wurde  es  nur  zweimal  angewandt.  Einmal  bei  aus¬ 
gesprochener  sekundärer  Wehenschwäche,  bei  der  schon  zwei  Spritzen 
Pituglandol  vergeblich  gegeben  waren.  Ich  gab  dann  bei  der  dritten 
Spritze  Pituglandol  1/i  mg  Ergotamintartrat  =  Ta  Spritze  Gynergen 
und  wir  erlebten  einen  Tetanus  uteri,  der  die  nun  nötig  werdende 
Zangenextraktion  ziemlich  erschwerte.  Das  Kind  war  tief  asphyktisch 
und  schrie  erst  nach  ca.  2Ü  Minuten.  Es  war  hier  nach  meiner  jetzigen 
Meinung  noch  zu  viel  von  dem  Gynergen  gegeben.  —  Der  zweite  Fall 
betraf  eine  Il-p.,  bei  der  nach  36  ständigem  Kreissen  wegen  sekundärer 
Wehenschwäche  die  Zangenextraktion  bei  fast  völlig  erweitertem  Mut¬ 
termund  und  im  Beckenausgang  stehendem  Kopf  vorgenommen  wer¬ 
den  sollte.  An  Stelle  der  sonst  gebräuchlichen  prophylaktischen  Er- 
gotingabe  wurde  hier  Gynergen  intramuskulär  injiziert.  Die  von  Geh. 
Rat  Hofmeier  selbst  ausgeführte  Extraktion  erwies  sich  wegen  der 
ungewöhnlichen  Kontraktion  des  Uterus  als  sehr  schwierig.  Das  Kind 
war  tief  asphyktisch  und  erholte  sich  erst  nach  1%  Stunden.  Auch 
hier  war  zu  viel  gegeben.  Jedenfalls  waren  in  beiden  Fällen,  in  denen 
das  Hypophysenpräparat  versagt  hatte,  starke  Kontraktionen,  aber  für 
uns  zu  starke  Wirkung  erzielt. 

Neben  einer  sichtbaren  Wirkung  des  Mittels  war  in  diesen  Fällen 
aber  auch  erwiesen,  dass  das  Mittel  intra  partum  nicht  indifferent 
ist,  für  die  Praxis  also  intra  partum  im  allgemeinen  nicht  empfohlen 
werden  kann. 

Die  soeben  beschriebenen  intensiven  Kontraktionen  der  Uterus¬ 
muskulatur  sind  nur  erwünscht  in  der  Plazentarperiode.  Hier  wollen 
wir  intensive  Wehen  haben.  Allerdings  Wehen  mit  Wehenpausen,  und 
da  zeigte  sich  das  Mittel  vortrefflich.  Etwa  K>  Minute,  manchmal 
schon  eher  nach  der  intramuskulären  Einspritzung  kontrainert  sich  der 
vorher  schlaffe  Uterus  für  1U  bis  1  Minute,  um  dann  einer  richtigen 
Wehenpause  Platz  zu  machen.  Jedem  Beobachter  drängt  sich  sofort 
die  hohe  Sensibilität  des  vorher  atonischen  Uterus  auf,  d.  h.  man  kann 
nach  Belieben  durch  Betasten  des  Uterus  leicht  wieder  eine  Wehe  aus- 
lösen,  die  nun  bei  jeder  Patientin  verschieden  lang  anhält  und  ver¬ 
schieden  intensiv  ausfällt,  jedesmal  offenbar  der  mehr  oder  weniger 
vorhandenen  Reizunempfindlichkeit  des  Uterus  entsprechend.  Denn 
als  eine  Reizunempfindlichkeit  des  Uterus  möchte  ich  nach  diesen 
Beobachtungen  die  Atonia  uteri  bezeichnen.  Diese  Reizunempfindlich¬ 
keit  ist  nun  immer  verschieden,  wurde  von  mir  jedoch  nie  so  hoch 
befunden,  dass  nicht  der  Uterus  auf  eine  zweite  Einspritzung  sensibili¬ 
siert  worden  wäre. 

Ganz  besonders  auffallend  ist  die  Verschiedenheit  der  Reizemp¬ 
findlichkeit,  wenn  man  die  Wirkung  der  Einspritzung  unmittelbar  post 
partum  und  die  Wirkung  einige  Tage  später  beobachtet.  Je  näher 
noch  dem  Termin  der  Geburt,  um  so.  energischer  die  Wirkung.  Die 
Frauen  selbst  empfinden  diese  als  sehr  schmerzhafte  Nachwehen,  die 
kontrollierende  Hand  als  steinharte  Kontraktion  des  Uterus.  Etwa  nach 
einer  Woche  ist  die  Empfindlichkeit  ständig  abnehmend,  so  gering  gewor¬ 
den,  dass  man  eine  wesentlich  grössere  Dosis  applizieren  musst  um  einen 
sichtbaren  Erfolg  zu  haben.  Aber  noch  nach  10  Tagen  wirken  3  mal 
täglich  eine  Spritze  ganz  auffallend.  In  mehreren  Fällen,  in  denen 
Frauen  bei  der  Entlassungsuntersuchung  noch  einen  faustgrossen  Uterus 
hatten,  in  dessen  Kavum  weiche  Massen  (Kruor  und  Dezidua)  zu 
fühlen  waren,  war  auf  diese  Gabe  hin,  nachdem  an  dem  Tage  der 
Injektionen  heftige  Nachwehen  eingesetzt  hatten  und'  der  Uterus  seinen 
Inhalt  ausgestossen  hatte,  dieser  am  nächsten  Tag  auf  Halbfaustgrösse 
kontrahiert,  und  die  Frauen  konnten  jetzt  entlassen  werden. 

Entsprechend  seiner  hohen  Wirksamkeit  zeigt  das  Präparat  ganz 
besonders  bei  Ueberdosierung  eine  Nebenwirkung,  die,  abgesehen  von 
den  wohl  selbstverständlichen  Schmerzen  bei  den  Nachwehen,  in  Kopf¬ 
schmerz  und  häufig  in  Erbrechen  besteht.  Diese  Nebenwirkung  hält 
etwa  2  Stunden  an  und  beginnt  schon  bald  nach  der  Injektion.  Nach 
einigen  Stunden  fühlen  die  Frauen  sich  wieder  vollkommen  wohl. 
Schädlichkeiten  wurden  nicht  beobachtet.  Diese  Nebenwirkun  g 
bleibt  aber  immer  aus  in  den  Fällen,  wo  das  Mittel 
absolut  indiziert  war,  wo  es  sich  um  ausgesprochene  Atonia 
uteri  gehandelt  hatte.  Wesentliche  Blutdruckschwankungen  konnte  ich 
nicht  feststellen,  wie  auch  bei  allen  pharmakologischen  Untersuchungen 
ein  Einfluss  auf  den  Zirkulationsapparat  nicht  erkennbar  war;  ebenfalls 
wurde  im  Urin  niemals  Albumen  nachgewiesen,  so  dass  eine  Kontra¬ 
indikation  mir  nie  gegeben  schien. 

Appliziert  wurde  das  Mittel  immer  an  Stelle  der  Sekalepräparat''. 

d.  h. 

a)  prophylaktisch  unmittelbar  post  partum  bei  den  Frauen,  die  schon 
manuelle  Plazentarlösungen  oder  schwere  Nachgeburtsblutungen  mit¬ 
gemacht  hatten,  oder  bei  denen  Placenta  praevia  Vorgelegen  hatte; 

b)  nach  jeder  geburtshilflichen  Operation; 

c)  bei  Sectio  caesarea  bei  Beginn  der  Operation i).  Es  zeigte  sich 

**)  Näheres  wird  hierüber  in  meiner  demnächst  erscheinenden  Abhand¬ 
lung:  „Gynergen  als  Abortivmn“  berichtet. 

*)  Hier  nachdem  zuvor  Physormon  appliziert  war,  wie  überhaupt  das 
Gynergen  das  Hypophysenpräpurat  nicht  ausschliessen  soll,  sondern  gern 
mit  ihm  zusammen  gegeben  wird,  da  sich  beide  offenbar  unterstützen. 

4 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


268 


Nr.  { 


da  durch  die  auffallende  Kontraktion  des  Uterus  die  ganze  Operation 
sehr  wenig  blutreich  und  die  Naht  des  Uterus  sehr  einfach; 

d)  bei  beginnender  Blutung  und  noch  liegender  Plazenta-): 

e)  bei  Blutung  nach  Ausstossung  der  vollständigen  Plazenta; 

f)  bei  Spätblutungen  im  Wochenbett. 

Unter  diesen  Voraussetzungen  angewandt  versagte  es  nie.  Selbst¬ 
verständlich  wurde  es  auch  bei  allen  fieberhaften  Erkrankungen  im 
Wochenbett  gegeben,  sei  es,  dass  sie  genitaler  oder  extragenitaler  Natur 
waren.  Die  Fälle  von  putrider  und  septischer  Endometritis  waren  in 
dem  Jahre  zu  selten,  als  dass  man  bei  ihnen  auf  eine  besondere 
Wirkung  des  Mittels  hätte  schliessen  können,  jedenfalls  gelang  es  aber 
in  den  wenigen  beobachteten  Fällen  auch,  den  grossen  endometritischen 
Uterus  zu  Kontraktionen  zu  bringen. 

Die  Dosierung  beträgt  gewöhnlich  in  der  Plazentarperiode  ein  bis 
zwei  Spritzen  Gynergen  ä  K  mg  Ergotamin,  von  denen  man  am 
besten  eine  Spritze  intramuskulär  und  die  andere  subkutan  gibt.  Will 
man  augenblickliche  Wirkung  erzielen,  so  injiziert  man  intramuskulär. 
Eine  intravenöse  Injektion  habe  ich  nicht  vorgenommen.  Erscheint  die 
erfolgte  Wirkung  nicht  ausreichend,  so  sind  3 — 4  Spritzen  zu  geben, 
eine  Dosis,  die  ich  anfänglich  häufig  gab,  ohne  länger  anhaltende 
Schädlichkeiten  zu  beobachten;  diese  Menge  wird  jedoch  nur  in  den 
seltensten  Fällen  nötig  sein. 

Im  Puerperium  gibt  man  2 — 3  mal  täglich  eine  Spritze  intramus¬ 
kulär  und  wechselt  dabei  die  Injektionsstellc.  Manche  Frauen  klagen 
über  einige  Zeit  anhaltende  ziehende  Schmerzen  am  Injektionsort. 

Per  os  ist  die  Wirkung  bedeutend  schwächer,  besonders  in  I  ropfen- 
form,  während  die  Tabletten  viel  intensiver  wirken,  da  das  Präparat 
offenbar  im  Magendarmtraktus  abgebaut  wird. 

Bei  gynäkologischen  Blutungen  wurde  es  auch  in  einer  grösseren 
Reihe  von  Fällen  gegeben.  Wie  weit  das  Mittel  hier  an  dem  Erfolg 
beteiligt  ist,  ist  schwer  zu  sagen,  da  die  objektive  Feststellung  von 
Kontraktionen  des  Uterus,  der  noch  innerhalb  des  kleinen  Beckens  liegt, 
schwer  ist.  Jedenfalls  klagten  die  Frauen  alle  über  Leib-  und  Kreuz¬ 
schmerzen  nach  der  Injektion,  und  es  darf  wohl  angenommen  werden, 
dass  dieses  Wehenschmerzen  waren. 

Literatur. 

1.  v.  Winckel:  Hb.  d.  Geburtshilfe.  —  2.  E.  Bumrn:  Grundriss 
zum  Studium  der  Geburtshilfe.  - —  3.  Stoeckel:  Geburtshilfe.  —  4.  Gustav 
Vogel:  Leitfaden  für  Geburtshilfe.  —  5.  Henkel:  Zschr.  f.  Geburtsh.  1902. 
—  6.  Neu:  Arch.  f.  Geburtsh.  1908.  —  7.  ü.  A.  Wagner:  Zbl.  f.  Geburtsh. 
1908.  —  8.  Engelhorn:  Zbl.  f.  Geburts.  1910.  —  9.  Hofstätte  r: 
Mschr.  f.  Geburtsh.  1910.  —  10.  H.  H.  Schmid:  D.m.W.  1912. 

11.  K.  Spiro:  Lieber  Ergotamin  (Gynergen  Sandoz).  Vortrag  a.  d.  13.  Tagung 
d.  Gesellschaft  d.  Gynäkologen  d.  deutschen  Schweiz.  Luzern  8.  V.  21.  — 

12.  K.  Spiro  und  A.  St  oll:  Ueber  die  wirksamen  Bestandteile  des 
Mutterkorns. 

Aus  der  Abteilung  und  Poliklinik  für  Nervenkranke  im 
städtischen  Krankenhause  Sandhof  zu  Frankfurt  a.  M. 
(Direktor;  Prof.  Dr.  G.  L.  Dreyfus.) 

Neosilbersalvarsan  bei  Neurolues. 

Von  G.  L.  Dreyfus. 

Wie  in  2  früheren  Arbeiten  über  Silbersalvarsan  ausführlich  dar¬ 
getan,  hielt  ich  U, ")  das  Silbersalvarsan  auch  für  den  Neurologen, 
dem  der  Ausbau  der  Behandlung  der  Neurolues  am  Herzen  liegt,  für 
eine  wesentliche  Bereicherung  seines  therapeutischen  Rüstzeugs. 
Meine  klinischen  Erfahrungen  in  bezug  auf  die  Beeinflussung  subjek¬ 
tiver  Beschwerden  sowie  der  Serumreaktion  und  des  Liquors  sprachen 
bereits  damals  —  und  auch  bei  meinen  weiterhin  durchgeführten 
Studien  —  durchaus  dafür,  dass  das  Silbersalvarsan  dem  Neosalvarsan 
und  dem  Salvarsannatrium  an  therapeutischer  Wirksamkeit  bei  rich¬ 
tiger  Art  der  Anwendung  deutlich  überlegen  sei. 

Gegen  das  Silbersalvarsan,  das  wir  mithin  gerne  als  verstärktes 
und  aktiviertes  Salvarsan  begrüssten,  sprachen  im  wesentlichen  nur 
anfänglich  öfters,  später  —  bei  genauerer  Kenntnis  des  Präparates  — 
immer  seltener  auftretende  Nebenerscheinungen.  Als  solche  Neben¬ 
wirkungen  beobachtete  ich  entschieden  häufiger  als  bei  anderen  Sal- 
varsanpräparaten:  den  angioneurotischen  Symptomenkomplex,  Fieber, 
Kopfschmerz,  ferner  Mattigkeit  mit  allgemeinem  Unbehagen,  endlich 
Hauterscheinungen  in  Gestalt  von  Exänthemen  und  ganz  vereinzelt 
auch  von  recht  unangenehmen  Dermatitiden.  Durch  die  von  mir  ein¬ 
gehend  dargestellte  und  auch  theoretisch  begründete  Methode  der 
ein  schleichen  den  Behandlung  gelang  es  späterhin,  nahezu 
alle  diese  unerwünschten  Nebenerscheinungen  zum  Verschwinden  zu 
bringen.  Nur  zwei  Dinge  mussten  bei  der  Silbersalvarsanbehandlung 
der  luetischen  Erkrankungen  des  Nervensystems  —  und  nur  von 
der  sehr  viel  komplizierteren  Behandlung  der  Neurolues 
(also  nicht  der  frischen  Lues!)  ist  hier  die  Rede  —  mit  in 
Kauf  genommen  werden :  1.  dass  die  individuelle  Dosis  tole- 
rata  für  Silbersalvarsan  durch  sorgfältige  Beobachtung  eventuell 
auch  ganz  geringfügiger  Reaktionen  des  Kranken  oft  erst  festgestellt 
werden  musste,  und  dass  wir  2.  als  Gesamtdosis  3  bis  höchstens 
4  g  nicht  zu  überschreiten  wagten  wegen  einer  vielleicht  doch  im 

2)  Ich  sah  im  Gegensatz  zu  H  o  f  s  t  ä  t  t  e  r  (9)  dabei  keine  Nachteile. 

1)  Silbersalvarsan  bei  luetischen  Erkrankungen  des  Nervensystems. 

M.m.W.  1919  Nr.  31. 

3)  Nebenerscheinungen  des  Silbersalvarsans.  D.m.W.  1919  Nr.  47/48. 


Bereich  der  Möglichkeit  liegenden  Dermatitis.  Besonders  die  doch  reell 
niedrige  Gesamtdosis  empfanden  wir  bei  Behandlung  von  Ncurorezh 
diven.  aber  auch  bei  den  anderen  Formen  der  Neurolues  als  unangt 
nehme  Beschränkung,  da  wir  oft  den  Eindruck  hatten,  dass  die  thera 
peutische  Wirkung  durch  längere  und  damit  intensivere  üesamtbehaiu 
lung  nach  jeder  Richtung  hätte  verstärkt  werden  können. 

Deshalb  waren  wir  Kolle  sehr  dankbar,  als  er  uns  im  Frühjal 
1920  —  also  vor  fast  2  Jahren  —  das  Neosilbersalvarsa 
zur  Verfügung  stellte,  das  die  Vorzüge  des  Silbersalvarsans  ohne  sein 
Schattenseiten  haben  sollte.  Ueber  die  chemische  Zusammensetzun* 
und  die  chemotherapeutische  Wirksamkeit  des  Neosilbersalvarsans  he 
sich  Kolle  jüngst  eingehend  geäussert2  3),  so  dass  es  sich  an  diest 
Stelle  erübrigt,  näher  darauf  einzugehen.  Zi  m  mern  *)  hat  vor  kurzei 
als  erster  vom  dermatologischen  Standpunkt  über  sein 
klinischen  Erfahrungen  berichtet. 

Nur  soviel  sei  hier  gesagt,  dass  das  Neosilbersalvarsan  durch  Eii 
Wirkung  von  Neosalvarsan -auf  Silbersalvarsan  als  neuer  Körpe 
gefunden  wurde,  der  weder  die  chemotherapeutischen  Eigenschaften  de 
Neosalvarsans  noch  die  des  Silbersalvarsans  hat.  Der  As-Gehalt  de 
Neosilbersalvarsans  beträgt  20  Proz.,  der  Gehalt  an  Ag  6  Proz.  Di 
Dosis  tolerata  für  Kaninchen  ist  um  l/a  grösser  als  die  des  Silbei 
salvarsans  und  nicht  ganz  um  V»  kleiner  als  die  des  Neosalvarsan 
Kolle  fasst  auf  Grund  der  Tierversuche  das  Neosilbersalvarsan  a 
ein  durch  die  Einfügung  der  Silberkomponente  biologisch  aktivierte 
Neosalvarsan  auf  mit  annähernd  gleichem  chemotherapeutischem  lnde 
wie  das  Silbersalvarsan.  Es  verbindet  also  nach  Kolle  die  cherrn 
therapeutischen  Vorzüge  des  Silbersalvarsans  mit  der  guten  Vertrat 
lichkeit  des  Neosalvarsans. 

Neosilbersalvarsan  ist  ein  braunschwarzes  Pulver,  das  sich  auc 
in  kaltem  Wasser  sehr  rasch  ohne  Klumpenbildung  löst.  Zersetzt 
Röhrchen  geben  trübe  milchfarbige,  bei  starker  Zersetzung  milchkaffe; 
artige  Lösungen,  während  das  unzersetzte  Neosilbersalvarsan  in  Lösun 
etwa  wie  eine  etwas  dunkel  gefärbte  Kollargollösung,  ganz  entspreche;- 
der  Silbersalvarsanlösung,  aussieht. 

Ein  sehr  grosser  Vorzug  des  Neosilbersalvarsans  im  Vergleich  zu 
Silbersalvarsan  und  Neosalvarsan  ist  darin  zu  erblicken,  dass  eine  z 
giftigen  Endprodukten  führende  Oxydation  an  der  Luft  nur  sehr  langsa- 
vor  sich  geht.  Man  kann  also  getrost  mit  Stammlösungen  arbeite; 
die  4 — 6  Stunden  stehen. 

Wir  lösten  regelmässig  1,0  Neosilbersalvarsan  auf  20  cci| 
redestilliertes  steriles  Wasser  in  einer  20  ccm-Spritze  und  gaben  vc 
dieser  5  proz.  Lösung  je  nach  Bedarf  2 — 4 — 6 — 8  ccm  (0.1,  0.2,  0.3,  Ob 
Neosilbersalvarsan)  in  eine  10  ccm  fassende  Glasspritze,  die  auf  5  bU 
höchstens  10  ccm  mit  Wasser  aufgefüllt  wurde. 

Wir  verbrauchten  unsere  Stammlösung  im  Lauf,; 
eines  Vor-  oder  Nachmittags,  ohne  dass  die  zuletzt 
Injizierten  i  r  g  e  n  d  wT  i  e  reagierten.  Das  Arbeiten  mit  eina; 
solchen  Stammlösung  empfanden  wir  als  eine  recht  grosse  Annehmlichkeh 
und  Zeitersparnis,  ganz  abgesehen  davon,  dass  es  hier  nicht  wie  bH 
den  anderen  Salvarsanpräparaten,  die  wir  auch  stets  in  der  Glasspritz 
zu  lösen  pflegen,  Vorkommen  kann,  dass  ungelöste  Partikelchen  de 
Stempel  der  Spritze  klemmen  und  dadurch  zu  technischen  Schwierig 
keiten  führen  können. 

Zur  Frage  der  Technik  sei  noch  bemerkt,  dass  ich  für  d| 
technisch  einigermassen  Geübten  die  dunkle  Lösung  nicht  im  entferi 
testen  als  erschwerendes  Moment  einer  intravenösen  Injektion  ansehdj 
kann.  Staut  man  gut  und  genügend  lange  ab,  verwendet  man  nur  sei 
gute  und  spitze  (Platin-Iridium!)  Nadeln  und  Glasspritzen,  £ 
zeigt  der  durch  den  Blutstrom  deutlich  zurückweichende  Spritzet 
Stempel  klar  an,  dass  die  Nadel  tatsächlich  in  der  Vene  sitzt.  Zwecli 
mässig  ist  langsames  Spritzen,  wie  bei  allen  intravenösen  Injektionei 

Wir  wandten  das  Neosilbersalvarsan  in  den  vergangenen  2  Jahr« 
sowohl  in  der  Klinik  wie  in  der  Poliklinik  und  in  der  Sprechstunde  bl 
283  Kranken  mit  weit  mehr  als  5000  Injektionen  aj 
Die  Art  der  behandelten*  Kranken  geht  aus  der  nachfolgenden  Aufstt. 


lung  hervor: 

Frühlues  des  Gehirns  (Neurorezidive)  16  Kranke 

Lues  cerebrospinalis  64  „ 

Tabes  92  „ 

Paralyse  18  „ 

Lues  latens  48 

Aortitis  luetica  10  „ 

Nichtluetische  Erkrankungen  (multiple  Sklerose,  spa¬ 
stische  Spinalparalyse,  Enzephalitis,  amyotrophi- 
sche  Lateralsklerose  etc.)  35 


283  Kranke. 

Die  übergrosse  Mehrzahl  der  Kranken  wurde  nach  der  anfänglhl 
nur  klinischen  Erprobung  des  neuen  Medikamentes  ambulant  b/ 
handelt. 

Zumeist  wurde  das  Neosilbersalvarsan  allein  gegeben,  manchtn 
in  Kombination  mit  Novasurol  (1.0)  oder  Zyarsal  (1,0)  in  der  gleich; 
Spritze.  Die  meisten  Kranken  führten  ihre  Kur  bis  zu  der  von  uijj 
gewünschten  Gesamtdosis  durch.  Zahlreiche  unserer  Kranken  macht) 
in  den  vergangenen  2  Jahren  2.  3  und  4  Kuren  mit  Neosilbersalvarsa1 
In  letzter  Zeit  gab  ich  häufig  bei  Tabikern  Neosilbersalvarsan  abwechseh 
mit  50  proz.  intravenösen  Jodinjektionen,  zum  Teil  geradezu  mit  fra 
pierender  Wirkung,  besonders  bezüglich  der  Ataxie.  Bei  multipl 

3)  Ueber  Neosilbersalvarsan  und  die  chemotherapeutische  Aktivierui 
der  Salvarsanpräparate  durch  Metalle.  D.m.W.  1922  Nr.  1. 

4)  Erfahrungen  mit  Neosilbersalvarsan.  M.m.W.  1922  Nr.  2. 


'ebruar  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


269 


•ose  und  anderen  nicht  luetischen  Erkrankungen  des  Zentralnerven- 
:ms  wurde  das  Neosilbersalvarsan  mehrfach  mit  gleichzeitigen 
muskulären  Chinineinspritzungen  kombiniert.  Gelegentlich  schien 
;rfolg  nicht  nur  Zufall  zu  sein. 

» 

Dosierung. 

ch  rate,  analog  meinen  Erfahrungen  mit  allen  anderen  Salvarsan- 
iraten,  bei  Neurolues  dringend  zu  einschleichender 
i  e  r  u  n  g. 

30  schützt  man  sich  vor  Sensibilisierung  des  Kranken  durch  einen 
aligen  allzustarken  Schlag  und  erreicht  spielend  grosse  Einzel- 
i  ohne  Nebenwirkungen,  ohne  das  geringste  Unbehagen  und  ohne 
tigt  zu  sein,  eine  Kur  zu  unterbrechen. 

V\an  beginne  also  in  jedem  Falle  auch  bei  Neosi  lbersal- 
sa  n  mit  0.05  g  und  steige  dann,  falls  auch  weiterhin  keine  sub- 
ren  und  objektiven  Reaktionen  auftreten,  auf  0.075,  0.1,  0.15,  0.2, 
0.3,  0.35,  eventuell  0.4  g.  Als  Intervall  empfehle  ich  1 — 3  Tage, 
2 — 3  Einspritzungen  wöchentlich.  Im  Allgemeinen  gingen  wir 
0.3 — 0.4  als  E  i  n  z  e  1  d  o  s  i  s  nicht  hinaus.  (Also  fast  das  Doppelte 
Silbersalvarsan-Einzeldosis.)  Als  durchschnittliche  G  e  - 
tdosis  gaben  wir  6 — 8 — 9  g  in  6 — 10  Wochen.  Bei  einigen 
ken  gingen  wir  aber  weit  über  diese  Dosis  hinaus.  So  bekam 
Paralytiker  in  43  Injektionen  12.0  g  (innerhalb  3  Monaten),  ein 
<er  mit  Lues  cerebrospinalis  in  39  Injektionen  14.0  g  (3  mal  0.4 
entlieh)  in  10  Wochen.  Beide  Kranken  hatten  keinerlei  Neben¬ 
ingen  von  dieser  hohen  Gesamtdosis. 

lei  luetischer  Aortitis  rate  ich  zu  kleinen  Einzeldosen, 
-0.05 — 0.075 — 0.1.  Höhere  Dosen  sind  nicht  zu  empfehlen,  weil 
meinen  Beobachtungen  solche  Kranke  besonders  empfindlich  sind 
auf  kleine  Einzeldosen  mit  Intervallen  von  3 — 7  Tagen  zumeist 
gut,  auf  andere  Behandlungsarten  oft  sehr  schlecht  reagieren. 

Rcht  häufig  sind  Tabiker  für  ganz  milde  Kuren  viel  empfäng- 
wie  für  brüske  Einzelschläge,  die  oft  irreparable  Schädigungen 
n  können.  Deshalb  empfehle  ich  bei  Tabes  im  allgemeinen 
).25  g  Neosilbersalvarsan  als  Einzeldosis , mit  3 — 4  Tagen  Zwischen- 
nicht  zu  überschreiten. 

Verträglichkeit. 

las  Neosilbersalvarsan  wurde  in  der  oben  ge- 
lderten  Weise  durchweg  ausgezeichnet  vertra- 
Auffallenderweise  waren  nur  einige  wenige  Fälle  von  Neuro- 
ven  gegen  Neosilbersalvarsan  sehr  empfindlich.  Sie  fühlten  sich 
laglich  bei  kleinen  (0.05)  und  grossen  (0.3)  Einzeldosen,  verloren 
Beschwerden  nicht,  während  sie  auf  andere  nicht  mit  Ag  körn¬ 
te  Salvarsanpräparate  sofort  gut  ansprachen. 
ianz  anders  wie  beim  Silbersalvarsan  braucht  man  beim  Neosilber- 
rsan  nicht  so  ängstlich  auf  die  individuelle  Dosis  tolerata  zu  achten, 
kann  schematischer  Vorgehen,  ohne  im  allgemeinen  Rück-  oder 
chläge  befürchten  zu  müssen,  ohne  die  Möglichkeit,  so  leicht  zu 
►ilisieren  und  damit  eine  Pause  von  2 — 3  Wochen  eintreten  lassen 
issen.  Unter  unseren  283  Kranken  vertrugen  5  Kranke  Neosilber- 
san  nicht.  Sie  reagierten  z.  T.  auch  bei  kleinsten  Dosen  mit 
tagen,  Mattigkeit,  Herzbeschwerden  (Beklemmung,  Tachykardie), 
werden,  die  bei  einigen  unserer  Kranken  auch  bei  anderen  Sal- 
lpräparaten  auftraten,  bei  einigen  aber  nur  bei  der  Behandlung 
eosilbersalvarsan.  Solche  Idiosynkrasien  gegen  ein  Mittel 
man  ja  bei  allen  wirksamen  Medikamenten.  Man  muss  das 
n,  sich  gegebenenfalls  danach  richten  und  nicht  unter  allen  Um- 
:n  eine  Behandlung  erzwingen  wollen. 

s  ist  notwendig,  während  einer  Kur  auf  die  Diurese  und  die 
uung  zu  achten.  Manche  Kranke  neigen  an  und  für  sich  zu  Ver- 
ng,  die  eventuell  durch  Arsen  noch  verstärkt  wird.  Trifft  man 
Aassnahmen.  dass  täglich  genügende  Stuhlentleerung  erfolgt,  so 
dicht  man  damit  sichtlich  bei  einigen  wenigen  Kranken,  die  sonst 
Aittel  nicht  vertragen  würden,  die  Verträglichkeit.  Chemisch- 
skopische  Urinkontrollen  zeigten,  dass  auch  nach  grossen  Dosen 
sch-zytologische  Urinveränderungen  nicht  vorkamen.  Spätikterus, 
ie  etc.  wurde  von  uns  nie  beobachtet. 

Wirkung. 

ie  Wirkung  des  Neosilbersalvarsans  ist,  soweit  man  bei  Neurolues 
uipt  auf  Grund  klinischer  Beobachtungen  sowie  von  Serum-  und 
Kontrollen  etwas  aussagen  kann,  in  gleichen  Dosen  nicht  ganz  so 
>iv  wie  die  des  Silbersalvarsans,  aber  intensiver  als  die  nicht 
g  kombinierter  Salvarsanpräparate.  Diese  anscheinend  geringere 
lämkeit  im  Vergleich  zum  Silbersalvarsan  wird  aber  dadurch  iiber- 
-nsiert,  -dass  man  etwa  das  Doppelte  der  Einzeldosis  und  das 
iche  der  Silbersalvarsan-Gesamtdosis  im  Verlaufe  einer  Kur  geben 
So  erreicht  man  letzten  Endes  tatsächlich  mit  Neosilbersal- 
i  erheblich  mehr  als  mit  Silbersalvarsan. 

7o  dies  möglich  war,  machten  wir  eine  Liquoruntersuchung  vor 
ei  Abschluss  jeder  Behandlung.  Bei  Tabes  gelang  uns  mit  Neo¬ 
salvarsan  (5 — 714  g)  für  gewöhnlich  bei  einer  einmaligen  Kur 
Normalisierung  des  Liquors.  Nur  in  einem  der  von  uns  kon- 
rten  Fälle  erreichten  wir  dieses  Ziel. 

ahingegen  konnten  wir  bei  7  Fällen  von  Neurorezidlven.  die  wir 
bezüglich  ihres  Liquors  verfolgen  konnten,  mit  Durchschnittsdosen 
! — 10  g  Neosilbersalvarsan  den  ursprünglich  schwer  veränderten 
r  und  die  Serumreaktion  durch  eine  Kur  normalisieren.  So- 
vir  diese  Kranken  in  Beobachtung  halten  konten,  war  der  Liquor 


auch  einige  Monate  nach  der  crsteTi  Kur  noch  normal.  Selbstver¬ 
ständlich  darf  ein  solcher  Erfolg  nicht  dazu  führen,  es  bei  einem  Be¬ 
handlungsturnus  bewenden  zu  lassen.  Liquorerfolge  wie  nach  Neo¬ 
silbersalvarsan  sind  mit  Neosalvarsan  und  Salvarsannatrium  im  allge¬ 
meinen  nicht  zu  erreichen. 

Der  klinische  Erfolg  bezüglich  Besserung  resp.  Beseitigung 
subjektiver  Beschwerden  entspricht  dem  des  Silbersalvarsans,  aller¬ 
dings  erst  bei  grösseren  Einzel-  und  Gesamtdosen. 

Bei  Tabikern  fanden  wir  —  im  Gegensatz  zum  Silbersalvarsan  — 
fast  durchweg  keine  besondere  Empfindlichkeit  gegen  dieses  neue  mit 
Ag  kombinierte  Salvarsanpräparat. 

Nebenwirkungen. 

Vorweg  sei  genommen,  dass  wir  bei  den  mehr  als 
5000  Injektionen  irgendwelche  unangenehmere  Ne¬ 
benwirkungen  niemals  beobachteten.  Die  Verträglichkeit 
des  Neosilbersalvarsans  ist  demnach  auch  bei  Neurolues  ausgezeichnet. 
Ganz  vereinzelt  beobachteten  wir  einmal  Kopfschmerz  nach  der  In¬ 
jektion,  rasch  vorübergehendes  Fieber,  zweimal  einen  ganz  irrelevanten 
Vasomotorismus.  Da  all  diese  Erscheinungen  -bei  Fortsetzung  der  Be¬ 
handlung  nicht  wieder  auftraten,  nachdem  nach  einer  Pause  von  einigen 
Tagen  vorübergehend  die  Dosis  niedriger  genommen  wurde,  so  fragt 
es  sich,  ob  im  Einzelfall  dem  Mittel  oder  anderen  Momenten  die  Schuld 
gegeben  werden  muss. 

8  mal  beobachteten  wir  leichte  Exantheme,  zum  Teil  ver¬ 
bunden  mit  Juckreiz,  aber  immer  ohne  Störung  des  Allgemeinbefindens. 
Interessant  war  es,  zu  sehen,  dass  verschiedentlich  bei  gleichzeitigen 
anderen  Hautaffektionen  resp.  starken  Hautreizen  (Ekzeme.  Höhensonne 
etc.)  ein  Exanthem  auftrat,  das  später  nach  Heilung  des  Ekzems,  bei 
Weglassen  der  Höhensonne,  nicht  wieder  kam.  Hier  war  offensicht¬ 
lich  die  Haut  durch  andere  Reize  gegen  Neosilbersalvarsan  sensibilisiert 
worden.  Insbesondere  scheinen  rote  und  rotblonde  Individuen  mit  sehr 
zarter  und  auch  sonst  empfindlicher  Haut  zu  As-Exanthemen  zu  neigen. 
Wenn  man  aber  nur  weiss,  dass  nach  Neosilbersalvarsan  Exantheme 
ganz  gelegentlich  auftreten  können,  sich  meist  durch  Juckreiz  ankün¬ 
digen,  bevor  es  zu  irgendwelchen  unangenehmen  Hauterscheinungen 
(Dermatitis)  kommt,  so  wird  man  auf  solche  Erstlingssymptome  achten 
und  gegebenenfalls  sofort  pausieren.  Für  gewöhnlich  genügt  ein  be¬ 
handlungsfreier  Zwischenraum  von  2 — 3  Wochen.  Dann  kann  man,  mit 
kleinen  Dosen  beginnend,  langsam  wieder  zu  normalen  Einzeldosen 
steigen.  Fast  alle  unsere  Kranken,  die  einmal  ein  flüchtiges  Exanthem 
hatten,  behandelten  wir  später  ohne  den  geringsten  Nachteil  wieder 
mit  Neosilbersalvarsan.  Der  Körper  kann  offenbar  auch  während  einer 
Kur  einmal  infolge  der  verschiedensten  Ursachen  das  Salvarsan  toxisch 
abbauen.  Dies  wissen,  damit  rechnen  und  darauf  achten  ist  schon 
gleichbedeutend  mit  vermeiden. 

Aus  diesen  wenigen  Bemerkungen  sieht  man,  dass  nach  unseren 
recht  ausgedehnten  Erfahrungen  das  Neosilbersalvarsan  so  frei  von 
Nebenwirkungen  ist,  dass  man  es  infolge  seiner  Wirksamkeit  und  seiner 
Ungefährlichkeit  als  das  z.  Z.  empfehlenswerteste  Salvarsanpräparat 
auch  für  die  Behandlung  der  Neurolues  bezeichnen  darf. 

Vom  klinischen  Standpunkt  des  Neurologen  kann  ich  daher  Kolle 
beipflichten :  Das  Neosilbersalvarsan  verbindet  die 
chemotherapeutischen  Vorzüge  des  Silbersalvar¬ 
sans  mit  den  praktisch  so  wichtigen  Vorteilen  der 
leichten  Löslichkeit  und  guten  Verträglichkeit  des 
Neosalvarsan  s,  ohne  dessen  Oxydierbarkeit  und 
geringere  Wirksamkeit  aufzuweisen. 


Aus  der  Privatklinik  DDr.  Patschke-Rubensohn,  Köln. 

Ueber  eine  erweiterte  Indikation  der  Talmaschen 

Operation. 

Von  Dr.  E.  Rubensohn,  Köln. 


Der  geistreiche  Vorschlag  T  a  1  m  a  s,  durch  Annähung  des  Netzes  an 
die  vordere  Bauchwand  einen  Kollateralweg  zwischen  Pfortaderästen 
und  Venen  der  Bauchwand  zu  erreichen,  ist  in  der  Praxis  recht  selten 
geübt  worden.  Strümpell  berichtet  selbst  noch  in  seinem  Lehrbuch 
von  einem  „scheinbar  guten  Erfolg“,  indem  das  Wasser  sich  nicht  so 
schnell  wieder  ansammele,  anderseits  das  Befinden  des  Kranken  sich 
bedeutend  bessere.  Auch  andere  Autoren  berichten  zuweilen  über  die 
von  ihnen  ausgeführten  Talmaoperationen  mit  einer  gewissen  Skepsis. 
Es  sei  uns  daher  gestattet,  über  einen  guten  Erfolg  -der  Talma  sehen 
Operation  und  die  von  uns  (Patschke  und  Rüben  sahn)  vor¬ 
genommenen  Modifikationen  kurz  zu  berichten. 

Patient  F..  35  Jahre  alt,  war  früher  nie  ernstlich  krank.  Er  ist  weder 
übermässiger  Trinker,  noch  huldigt  er  dem  Nikotinmissbrauch.  Eine  ge¬ 
schlechtliche  Infektion  wird  verneint  und  so  war  er  bis  zum  Ausbruch  seiner 
jetzigen  Erkrankung  ganz  auf  -der  Höhe  seiner  Schaffenskraft.  Bei  dem 
Genuss  von  Kartoffelsalat  habe  -er  sich  vor  der  Zubereitung  der  Speise 
„geekelt“  und  sei  sofort  8  Tage  darnach  an  einem  „Magenkatarrh“  mit  Brech¬ 
reiz,  Aufstossen,  Verstopfung  und  Hautjucken  erkrankt.  Wenige  Tage  darauf 
zeigte  sich  Gelbfärbung  der  Skleren  und  hierauf  des  ganzen  Körpers,  die 
bis  zur  tiefsten  Bronzefärbung  in  wenigen  Wochen  sich  entwickelte.  Drei 
Wochen  später  machte  sich  zunehmendes  Oedem  der  unteren  Extremitäten, 
weiterhin  bedeutender  Hydrops  -des  Skrotum  und  ständig  wachsende  Bauch¬ 
wassersucht  bemerkbar.  -Die  konsultierenden  Aerzte  stellten  akute  Leber- 
'zirrhose  fest  und  behandelten  demgemäss  rein  symptomatisch  mit  Diuretizis; 
wegen  des  immer  weiter  zunehmenden  Aszites  wurde  in  einem  Zwischenraum 

4* 


270 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


von  14  Tagen  eine  Bauchpunktion  ohne  jeglichen  Erfolg  vorgenommen.  Der 
uns  nun  im  Höchststadium  der  Erkrankung  überwiesene  Kranke  machte  nicht 
den  Eindruck  eines  Leberzirrhotikers,  auch  eine  spezifische  Lebererkrankung 
war  nicht  anzunehmen.  Das  Blutbild  ergab  keinerlei  krankhafte  Verände¬ 
rungen,  die  Wassermann  sehe  Reaktion  war  negativ,  die  Leber  selbst 
zeigte  nach  erneuter  Punktion  keine  Vergrösserung  oder  Lappenbildung,  nur 
die  Milz  war  —  sekundär  —  mässig  geschwollen.  Der  Stuhl  war  mitunter 
acholisch,  mitunter  mit  Fettbeimengung  durchsetzt.  Der  Urin  war  stets 
bilirubinhaltig.  Auf  Grund  der  chemischen  Untersuchung  und  der  klinischen 
Wahrnehmung  eines  rapid  fortschreitenden  Prozesses  stellten  wir  die  Ver¬ 
mutungsdiagnose  eines  Kompressionstumors,  der  seinen  Ursprung  vom  Pan¬ 
kreaskopf  nahm  und  eine  völlige  Kompression  der  Pfortader  und  des  Ductus 
choledochus  bedingte.  Die  zweite  Auffassung  liess  den  Primärsitz  des  Tumors 
in  der  Leber  entstehen,  der  durch  sein  fortschreitendes  Wachstum  die  gleichen 
Erscheinungen  wie  oben  geschildert,  zeitigen  musste.  Ist  doch  die  Leber¬ 
zirrhose  das  Endstadium  von  Schädigung  an  Leberzellen,  seien  dieselben 
nun  bedingt  durch  chronische  Giftwirkung  oder  chronische  Gallen-  und 
Blutstauung.  Mussten  wir  auch  alle  weiteren  zur  Kompression  der  Pfortader 
führenden  krankhaften  Veränderungen  in  den  Bereich  unserer  Diagnose 
stellen,  so  erwies  sich  auf  Grund  der  nun  noch  vorgenommenen  Röntgen¬ 
aufnahmen  der  Verdacht  eines  Leber-Pankreas-Tumors  als  der  wahrschein¬ 
lichste.  Der  Zustand  des  moribunden  Kranken  erforderte  eine  sehr  rasche 
Beendigung  der  Operation,  so  dass  von  einer  radikalen  Entfernung  des 
Tumors  Abstand  genommen  werden  musste.  Es  gelang  schnell,  Pfortader 
und  Ductus  choledochus  aus  der  Umklammerung  des  Tumors  zu  lösen,  worauf 
sich  die  bisher  prall  gefüllte  Gallenblase  auspressen  Hess.  Bei  Oeffnen 
des  Bauches  entleerten  sich  5 — 6  Liter  dunkel  seröser  Flüssigkeit.  Die  Leber 
zeigte  normale  Konsistenz  und  Grösse,  war  aber  mit  hochgradigen  Venekta- 
sien  rosenkranzartig  an  ihrer  Konkavität  behaftet  und  so  die  schwere  Stau¬ 
ung  im  Pfortadersystem  deutlich  demonstriert.  Nun  wurde  der  typische 
Talma  gemacht  und  zwar  wurde  das  grosse  Netz  mit  dem  durch  Reiben 
wund  gemachten  Parietalperitoneum  vereinigt.  Schon  wenige  Tage  nach  der 
Operation  erholte  sich  der  bislang  moribunde  Kranke.  Der  Stuhl  zeigte  schon 
nach  3  Tagen  zum  ersten  Male  eine  dunkelgräuliche  Farbe.  Nach  8  Tagen 
wird  der  Urin  heller  und  nach  weiteren  14  Tagen  zeigt  schon  der  Stuhl 
normale  Beschaffenheit  und  Konsistenz;  der  noch  einmal  sich  ansammelnde 
Aszites  wird  nicht  mehr  punktiert,  sondern  täglich  konnte  man  die  fort¬ 
schreitende  Wirkung  der  neu  geschaffenen  Kollateralkreislaufbahn  durch  die 
dadurch  bedingte  Abnahme  des  Aszites  beobachten.  Zwei  Monate  später  war 
weder  Erguss,  noch  Ikterus,  noch  Hydrops  der  unteren  Extremitäten  be¬ 
obachtet  und  jetzt,  %  Jahr  nach  durchgeführter  Operation  ist  der  Kranke 
völlig  genesen,  mit  einer  Gewichtszunahme  von  15  Pfund  und  völlig  aus 
der  Behandlung  entlassen. 

Es  hat  unser  Fall  um  so  mehr  Interesse,  als  die  Literatur  wohl  von 
Resektionen,  von  Leber-Pankreas-Tumorem  berichtet,  aber  keinesfalls 
von  der  günstigen  Wirkung  einer  Talma  sehen  Operation,  wenn  der 
Tumor  nicht  entfernt,  sondern  nur  in  eine  für  das  Leben  nicht  be¬ 
drohende  Lage  versetzt  bzw.  verschoben  wird.  Ueber  die  Natur  des 
Tumors  kann  leider  nichts  Näheres  berichtet  werden,  da  selbst  eine 
Teilresektion  nicht  vertragen  worden  wäre,  doch  spricht  der  Erfolg  für 
eine  benigne  Geschwulst.  Die  Indikation  der  Talma  sehen  Operation 
dürfte  demnach  so  erweitert  werden,  dass  bei  jeder  Pfortaderstauung, 
sei  sie  durch  einen  benignen,  sei  sie  durch  einen  malignen  Tumor  be¬ 
dingt,  wo  Punktionen  nicht  zum  Ziel  geführt  haben,  der  Talma  indiziert 
ist.  Es  dürften  die  Erfolge  bei  dem  rein  mechanischen  Verschluss  im 
Pfortadergebiet  noch  viel  grösser  sein  wie  bei  den  eigentlichen  Leber¬ 
erkrankungen,  die  ja  bis  heute  die  Indikation  zur  Ausführung  der 
Talmaoperation  geben.  Berichtet  doch  Strobel  über  10  Talma¬ 
operationen  bei  Leberzirrhosen,  wo  bei  2  Fällen  Heilung  erzielt,  bei 
einem  dritten  nach  5  Jahren  Besserung  eingetreten  sei,  4  Kranke  aber 
3  Wochen  bis  1/4  Jahr  nach  der  Operation  verstorben  sind. 

Ein  Fall  von  Leberzirrhose,  im  Jahre  1909  ebenfalls  von 
Patschke  operiert,  konnte  gleichfalls  vollkommen  geheilt  werden 
(Sitzungsbericht  der  Freien  Vereinigung  Berliner  Chirurgen  1909). 

Mit  Rücksicht  auf  unseren  letzten  diesbezüglichen  Erfolg  möchte 
ich  hiermit  nochmals  auf  die  Wichtigkeit  der  Talma  sehen  Operation 
hinweisen,  wie  auch  besonders  auf  die  Indikation,  die  somit  erweitert 
werden  dürfte  auf  Fälle,  die  einen  mechanischen  Verschluss  des  Pfort¬ 
adergebietes  und  des  Ductus  choledochus  aufweisen,  sowie  zuletzt  bei 
Neubildungen,  die  durch  ihr  expansives  Wachstum  unbedingt  ein  letales 
Ende  hervorrufen. 

Literatur. 

Strümpell:  Lehrbuch,  Aufl.  1914.  —  Lorenz:  Jb.  der  prakt.  Med. 
1919.  —  Strobel:  Beitr.  z.  klin.  hir.  88.  —  Patschke:  Sitzungsber. 
der  Freien  Vereinigung  der  Berliner  Chirurgen  1903.  —  de  Quervain: 
Chirurgische  Diagnostik.  Letzte  Aufl. 


Aus  der  Hautabteilung  der  Kinderpoliklinik  Dresden. 

(Prof.  Qalewsky.) 

Erfahrungen  mit  dem  Krätzemittel  „Catamin“. 

Von  Dr.  R.  Schelcher. 

Entsprechend  der  ausserordentlich  starken  Verbreitung  der  Krätze 
in  den  letzten  Jahren,  wurden  auch  verschiedene  neue  Krätzemittel  in 
den  Handel  gebracht,  teils  mit  mehr,  teils  mit  weniger  gutem  Erfolg. 
Die  Eigenschaften,  die  von  einem  Krätzemittel  erwartet  werden  müssen, 
sind  folgende: 

es  muss  die  Milben  sicher  und  rasch  abtöten, 
es  muss  das  Jucken  rasch  beseitigen  und  darf  die  Haut  nicht  reizen, 
es  muss  sich  gut  auftragen  lassen  und  darf  nicht  zu  sehr  durch  den 
Geruch  belästigen, 

es  muss  die  Wäsche  und  Kleidung  schonen 
und  darf  schliesslich  —  nicht  zu  teuer  sein. 


Anfangs  des  Jahres  wurde  von  der  Firma  Riedel,  Berlin  eine  n< 
Krätzesalbe  auf  den  Markt  gebracht,  Ca  tarn  in.  Es  ist  dies  e 
Schwefel-Zinksalbe  mit  10  Proz.  Zink  und  5  Proz.  Schwefel,  der  n 
besonderem  Verfahren  gewonnen  in  feinster  Verteilung  in  dem  Mi: 
enthalten  ist.  Mit  einer  geringen  Versuchsmenge,  die  uns  die  Firma 
Verfügung  stellte,  haben  wir  in  der  Hautabteilung  der  hiesigen  Kim 
Poliklinik  etwa  30  Kinder  behandelt,  die  an  ausgesprochener  Krü 
litten.  Auf  die  Auffindung  der  Milben  wurde  aus  Zeitersparnis  n 
in  allen  Fällen  gedrungen,  wenn  die  Diagnose  ohnedies  sicher  war. 
Erfolge,  die  wir  hatten,  haben  uns  in  vollem  Masse  befriedigt,  so\ 
es  sich  bei  der  poliklinischen  Behandlung  erwarten  lässt,  da  wir  n 
immer  die  Gewissheit  haben  konnten,  dass  der  Patient  sich  zu  Ha 
auch  ordentlich  einrieb  und  vor  allem,  dass  auch  Kleidung  und  Wäsi 
wie  Handtücher  etc.  gut  gereinigt  wurden,  bzw.  lange  genug  unben 
blieben.  Wir  Hessen  die  Kranken  3  Tage  lang  je  1  mal  sich  einreit 
und  am  4.  Tage  ein  gewöhnliches  Bad  nehmen.  2  malige  Einreih 
am  Tage  konnten  wir  bald  als  unnötige  Salbenvergeudung  ansehe: 

Einen  Misserfolg  bei  einem  Fall  glauben  wir  auf  oberflächliches! 
reiben  schieben  zu  müssen,  bei  3  weiteren  Fällen  lagen  4 — 7  VYoc 
dazwischen,  so  dass  Neuinfektion  in  Frage  kommt.  Zum  mindc; 
waren  die  Erfolge  ebenso  gut,  wie  bei  anderen  Krätzemitteln. 

Was  uns  bei  dem  Catamin  aber  als  besonders  angenehm  aui 
ist  die  ausserordentlich  rasche  Beseitigung  des  Juckreizes,  der 
stets  schon  nach  der  ersten  Einreibung  völlig^  geschwunden  war. 

Eine  Hautreizung  sahen  wir  niemals,  im  Gegenteil  fanden  wir 
besonders  grossen  Vorzug  des  Catamins.,  dass  die  oft  ekzematöse, 
reizte  Haut  ausserordentlich  gut  beeimflust  wurde,  so  dass  eine  N; 
behandlung  mit  Zinköl  oder  anderen  milden  Salben,  wie  so  oft  sc 
nur  einmal  nötig  war.  Auch  eitrige  Kratzeffekte,  soweit  sie  nicht 
ausgedehnt  waren,  heilten  unter  der  Cataminbehandlung  oft  gut  ; 
sonst  wurde  mit  Zinnobersalbe  bald  völlige  Heilung  erzielt. 

Da  das  Mittel  die  Wäsche  nicht  angreift  und  auch  durch  sei 
Geruch  nicht  belästigt,  wurde  es  von  den  Patienten  gern  genomi 
Die  Dosierung  in  kleineren  Tuben  macht  das  Catamin  besonders  £ 
für  die  Kinderpraxis  bequem,  wo  nicht  so  grosse  Mengen  beni 
werden  und,  zumal  da  es.  zurzeit  wohl  das  billigste  Krätzemittel 
können  wir  bei  den  guten  Erfolgen,  die  wir  an  unserem  kleinen 
terial  sahen,  und  die  sich  völlig  mit  den  Erfahrungen  Schirm 
decken  (Ther.  Halbmonatsh.  1921  H.  2  S.  491),  das  Catamin  auch 
die  ambulante  Praxis  nur  empfehlen. 


Beitrag  zur  Frage  der  Kontagiosität  des  Condylor 

acuminatum. 

Von  Dr.  Ladislaus  Lichtenstein,  Badearzt  in  B 

Pistyan. 

Lieber  die  Aetiologie  des  Condyloma  acuminatum  wurde  in 
ärztlichen  Literatur  bereits  vielfach  diskutiert,  ohne  dass  diese  F 
klargestellt  worden  wäre. 

Allgemein  herrscht  die  Ansicht  vor,  dass  die  Entstehung 
„spitzen  Warzen“  als  Folge  eines  Reizes  des  blennorrhagischen  Se 
tes  anzusehen  sei,  das  zur  Wucherung  dieser  Gewebsneubildui 
Anlass  gebe,  ohne  dass  man  sich  über  den  Mechanismus  dieses 
Stehens  klar  und  eindeutig  Rechenschaft  geben  könnte.  Man  ! 
dies  um  so  weniger,  da  man  Condylomata  acuminata  selbst  in  sol 
Fällen  beobachten  konnte,  bei  welchen  nicht  die  Spur  eines  blenilt 
hagischen  Sekretes  vorhanden  war.  P  e  1 1  e  r  s  hat  in  solchen  F; 
die  Einwirkung  zersetzender  Stoffe,  wie  des  Smegmas,  als  Ursache 
genommen.  Tatsächlich  sieht  man  ja  sehr  häufig  bei  solchen  m 
liehen  Individuen,  die  wenig  auf  die  Reinigung  des  Genitales  ac 
in  der  Frenularnische  isolierte  Effloreszenzen  dieser  Art  auftr 
ohne  dass  irgend  ein  blennorrhagischer  Prozess  vorhanden  wäre. 

Allgemein  ist  die  Ansicht  verbreitet,  dass  das  Condyloma  ac 
natum  eine  absolut  nicht  übertragbare  Erkrankung  sei. 

Mit  Recht  wird  diese  Ansicht  von  einigen  Autoren  bestri 
Für  die  mit  den  „spitzen  Warzen“  pathologisch-anatomisch  verw 
ten  Verrucae  p  1  a  n  a  e  juveniles  ist  die  Frage  der  Anstecku 
fähigkeit  längst  entschieden.  Jadassohn,  Variot,  De  f 
Licht,  L  a  n  z  haben  durch  mehr  oder  weniger  grosse  Serien 
Inokulationsversuchen  die  Kontagiosität  der  Verruca  plana  bewi 
wobei  Jadassohn  besonders  auf  die  bei  seinen  Versuchen  oft 
5  Wochen  bis  8  Monate  dauernde  Inkubationsdauer  hinweist. 
Erreger  dieser  Krankheit  zu  finden  ist  allerdings  nicht  gelungen. 

Die  experimentelle  Uebertragung  des  Condyloma  acumin 
wurde  von  Cooper  und  Kranz  versucht,  dieselben  berichten 
positive  Resultate.  Demgegenüber  stehen  die  Untersuchungen 
Retters  und  G  ü  n  t  z,  welche  negative  Resultate  ergaben.  J  a  r  i 
bezeichnet  die  Versuche  von  Cooper  und  Kranz  als  nicht 
wandfrei,  lässt  jedoch  mit  Rücksicht  auf  die  Erfahrungen  bei  den 
gären  Warzen  und  beim  Molluscum  contagiosum  die  Wiederaufn; 
diesbezüglicher  Experimente  als  wünschenswert  erscheinen. 

Kranz  hat  bei  5  Individuen  Versuche  angestellt,  indem  er  i 
getragene  Condylome  auf  künstlich  erzeugte  Exkoriationen  trans 
tierte.  Die  Uebertragung  gelang  nicht  in  allen  Fällen  und  me 
Versuche  ergaben  ein  negatives  Resultat. 

Mit  Rücksicht  auf  die  Ungeklärtheit  der  Frage  der  Aetiologie) 
der  Kontagiosität  des  Condyloma  acuminatum  erscheint  ein  von' 
beobachteter  Fall  für  die  Beurteilung  des  Fragenkomplexes  von  V< 


3ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


271 


jit.  da  er  die  Kontagiosität  dieses  Krankheitsprozesses  wahrschein¬ 
macht.  Ich  erlaube  mir  daher  die  Krankengeschichte  nachstehend 
veröffentlichen. 

Anamnese:  Frau  B.  M„  22  Jahre  alt,  war  bis  zu  ihrer  vor  4  Monaten 
gefundenen  Verehelichung  vollkommen  gesund  gewesen.  Kurz  nach  der 
it  trat  ein  ziemlich  starker  Ausfluss  aus  der  Scheide  auf,  2  Monate 
derselben  vereinzelte  ..Warzen"  an  den  Schamlippen,  die  sich  massen- 
an  denselben  vermehrten,  auch  in  der  Aftergegend  auftraten  und  in 
Grosse  erschreckend  Zunahmen,  weshalb  die  Patientin,  die  auch  unter 
penetranten  Geruch  sehr  zu  leiden  hatte,  meine  Ordination  aufsuchte. 
Status  praesens:  Schwächliche,  blasse  Frau  mit  normalem 
en  Organbefund.  Am  äusseren  Muttermund  zeigt  sich  eine  mässige 
ion,  das  Zervikalsekret  gelb,  eitrig.  Adnexe  und  Uterus  sonst  frei.  An 
Schamspalte  reichlich  fötider  Eiter.  An  den  Labien  zahlreich  isolierte, 
stenteils  erodierte,  warzenartige  Effloreszenzen,  die  in  der  Mitte  der 
en  zu  einer  hahnenkammartigen  Masse  konfluieren.  In  den  Falten 
chen  den  grossen  Labien  und  den  Oberschenkeln  beiderseits  konfluieren 
Effloreszenzen  zu  übernussgrossen,  an  der  Oberfläche  mit  sanguinolentem 
et  bedeckten,  erodierten  Tumoren  mit  deutlich  höckerig-biumenkohl- 
er  Struktur  von  ziemlich  hellrotem  Kolorit. 

Auch  in  der  Umgebung  des  Afters  und  am  Damm  befinden  sich  zahl¬ 
te,  isolierte,  ebenfalls  zum  Grossteil  erodierte  Knoten  auf  der  unver- 
rten,  nichtinfiltrierten  Haut  aufsitzend,  dieselben  sind  jedoch  nur  in 
igerer  Zahl  spitz  und  von  papillärer  Struktur,  meistens  aber  breit 
abgeflacht.  Die  Photographie  des  äusseren  Genitales,  die  auf  dem 
rsuchungstische  aufgenommen  wurde,  zeigt  anschaulich  diese  charakte- 
ichen  Eruptionen.  Am  Körper  des  Stammes  und  der  Extremitäten  sind 
;r!ei  Exantheme  nachweisbar.  Ebensowenig  an  den  Schleimhäuten. 

:  mässig  vergrösserte  Drüsen  in  inguine  beiderseits. 

Urin  auf  Zucker  und  Eiweiss  negativ. 

Wassermann  sehe  Reaktion  negativ.  Gonokokken  sind  weder  im 
ikalsekret  noch  in  dem  auf  den  Effloreszenzen  befindlichen  Sekret  nach- 

bar. 

Did  histologische  Untersuchung  einer  dieser  typischen  Eruptionen,  vor- 
mmen  von  Herrn  Dr.  L  6  r  ä  n  d  '(Pressburg),  dem  ich  an  dieser  Stelle 
e,  ergab  folgendes  Resultat: 

Das  Präparat  zeigt  papilläre  Struktur.  Die  Oberfläche  desselben  ist  mit 
:nförmig  gelapptem,  vielschichtigem  Plattenepithel  bedeckt,  dessen  oberste 
:hte  verhornt  ist;  die  darunterliegenden  Schichten  zeigen  bis  zum 
um  basale  den  Charakter  des  normalen,  vielschichtigen  Uebergangs- 
enepithels  ohne  irgendeine  wesentliche  pathologische  Veränderung  auf- 
lisen.  Diese  Plattenepithelschicht  ruht  über  einem  Stroma,  welches 
lieh  Blutgefässe  und  Rundzellen  enthält.  Inmitten  des  Gesichtsfeldes  ist 
Lymphgefäss  zu  sehen,  welches  voll  von  Rundzellen  ist  und  dessen 
ebung  ebenfalls  reich  mit  Rundzellen  infiltriert  ist.  In  derselben  Gegend 
Fibroplasten  zu  sehen,  was  für  eine  Bindegewebsneubildung  und  Ver- 
ung  spricht.  —  Mit  Rücksicht  darauf,  dass  im  Präparate  keinerlei 
tige,  für  eine  Entzündung  sprechende  und  charakteristische  Merkmale 
bar  sind,  muss  diese  neoplastische  Veränderung  als  Condyloma 
m  i  n  a  t  u  m  angesprochen  werden. 

Färbung:  Hämatoxylin-Eosin. 

In  einem  zweiten  nach  Löffler  gefärbten  Gewebspräparat  sind 
;  Gonokokken  nachweisbar. 

ln  einem  dritten  nach  Levaditi  gefärbten  Gewebspräparat  sind 
:  Spirochaetae  pallidae  zu  finden. 

Diagnose:  Nach  dem  Gesagten  kann  kein  Zweifel  darüber  bestehen, 
es  sich  bei  diesem  Prozess  um  Condylomata  acuminata  handelt.  — 
edoch  die  in  der  Umgebung  des  Anus  befindlichen  Effloreszenzen  eine 
ilichkeit  mit  Condylomata  lata  syphilitica  besassen,  liess  ich  mir  trotz 
negativen  Wassermann  sehen  Blutuntersuchung  den  Ehemann 
nen,  um  die  eventuelle  luetische  Genese  auszuschliessen. 

Der  Mann  bot  einen  mich  überraschenden,  interessanten  Befund.  Nach- 
:nd  die  Krankengeschichte: 

Anamnese:  J.  M..  28  Jahre  alt,  immer  gesund  gewesen,  keine 
>rrhöe  oder  luetische  Infektion  zugegeben.  Vor  6  Jahren  trat  in  der 
zfurche  des  Gliedes  ein  hirsekorngrosses  Wärzchen  auf,  das  im  Laufe  der 
e  in  seinem  Wachstum  immer  mehr  zunahm  und  schliesslich  jetzt  Wal¬ 
grösse  erreichte. 

Status  praesens:  Mittelgrosses,  kräftiges  Individuum,  mit  nor- 
ni  inneren  Organbefund.  Haut  und  Schleimhäute  ohne  Veränderung, 
e  Drüsenschwellungen,  auch  in  inguine  nicht.  Im  Sulcus  coronarius  penis 
zwar  in  der  Mitte  des  Dorsums  eine  etwa  walnussgrosse  Geschwulst, 
elbe  ist  gestielt,  von  höckeriger  Oberfläche,  leicht  nässend  und  erodiert, 
lebhaft  roter  Farbe  und  lässt  deutlich  den  papillären  Aufbau  erkennen. 
;anzen  ist  der  Tumor  etwas  abgeplattet,  das  Präputium  ist  über  dem- 
-ii  umstülpbar.  Urinbefund  negativ.  Wassermann  sehe  Reaktion 
tiv. 

Diagnose:  Es  besteht  demnach  mit  aller  Sicherheit  ein  seit  6  Jahren 
-hendes  Condyloma  acuminatum. 

Therapie:  Abtragung  des  Tumors,  in  beiden  Fällen  leichte  Kauteri- 
m  der  Basis,  in  wenigen  Tagen  Restitution  ad  integrum. 

Aus  diesen  beiden  Fällen  ist  folgendes  zu  ersehen: 

Ein  Mann  hat  ein  seit  Jahren  bestehendes  Condyloma  acuminatum 
heiratet  eine  bis  dahin  vollkommen  gesunde  Frau,  nach  zwei- 
atlicher  Ehe  bekommt  die  Frau  ebenfalls  die  gleiche  Affektion.  Ein 
bischer  Zusammenhang  dieser  zwei  Fälle  ist  so  in  die 
en  springend,  dass  man  kaum  fehlgeht,  wenn  man  be¬ 
ttet  dass  der  kranke  Ehemann  die  Frau  infizierte:  Wenn  man 
der  immerhin  gegebenen  Möglichkeit  absicht,  dass  ein  zufälliges 
ammentreffen  der  gleichen  Erkrankung  bei  zwei  Individuen  besteht, 
muss  man  mindestens  zugeben,  dass  diese  veröffentlichten  zwei 
£  die  Kontagiosität  der  Condylomata  acuminata 
hrscheinlich  machen.  Im  Verein  mit  den  eingangs  zitier¬ 
positiven  Inokulationsversuehen  Coopers  und  Kranz’  und 
Ipeaus  sind  meine  Fälle  mit  ein  Glied  zur  Kette  der  Beweise, 
che  dafür  sprechen,  dass  das  Condyloma  acuminatum  eine 
’  t  a  g  i  ö  s  e  Erkrankung  ist. 


Ein  Beitrag  zur  Krebsätiologie  auf  Grund  der  Krebs¬ 
statistik  in  Cuba. 

Von  Prof.  Dr.  W.  H.  Hoffmann,  Habana  (Cuba). 

In  Nr.  34  der  M.m.W.  von  1921  finden  sich  interessante  Aus¬ 
führungen  von  Zweifel  über  die  Aetiologie  des  Karzinoms,  die  sich 
aus  den  epidemiologischen  Tatsachen  ableiten  lassen. 

Besonders  erregte  meine  Aufmerksamkeit  die  Angabe,  dass  B  e  h  I  a, 
der  in  so  hervorragender  Weise  das  statistische  Material  in  der  Krebs¬ 
frage  auszunutzen  gewusst  hat,  zu  dem  Schluss  kam,  dass  durch  das 
roh  genossene  Gartengemüse  das  Krebsgift  in  den  Körper  gelange.  Er 
hatte  nämlich  beobachtet,  dass  in  Luckau  auf  20 — 30  Todesfälle  ein 
Todesfall  von  Krebs  kam,  während  in  einer  Vorstadt  ein  Karzinomtodes- 
fall  auf  9  Todesfälle  kam. 

Es  wird  hieran  die  Bemerkung  geknüpft,  dass  diese  Ansicht  einer 
Nachprüfung  wert  wäre;  man  brauchte  ja  nur  in  Gegenden,  in  denen 
Gartengemüse  nicht  roh  gegessen  werden,  nachzuforschen,  ob  über¬ 
haupt  und  wie  oft  Karzinom  vorkommt. 

Ich  bin  nun  in  der  Lage,  hierzu  eine  Erfahrung  mitzuteilen,  die  in 
einer  Gegend  gemacht  ist,  wo  Gartengemüse  überhaupt  nicht  gegessen 
wird,  weil  man  sich  mit  dem  Anbau  nicht  befasst,  nämlich  auf  der 
Insel  Cuba.  Den  Ursachen  für  diese  Erscheinung  nachzugehen,  liegt 
ausserhalb  des  Rahmens  dieser  Betrachtungen.  Jedenfalls  besteht  die 
Tatsache,  dass  frisches  Gartengemüse  oder  etwas  ähnliches  als  Bestand¬ 
teil  der  Nahrung  hier  keine  Rolle  spielt.  Auch  in  den  grossen  Städten 
ist  frisches  Gemüse  in  der  Ernährung  ein  so  unbedeutender  Anteil,  dass 
er  vernachlässigt  werden  kann.  Gemüse  erscheint  hier  überhaupt  im 
täglichen  Leben  nur  in  kleinsten  Mengen,  die  ausschliesslich  aus  Kon¬ 
serven1  stammen. 

Nun  ist  kürzlich  in  der  amtlichen  Zeitschrift  des  hiesigen  Gesund- 
heitsministeriums  eine  Statistik  über  die  Krebshäufigkeit  in  Cuba  ver¬ 
öffentlicht,  die  mit  grosser  Sorgfalt  in  der  statistischen  Abteilung  dieser 
Behörde  ausgearbeitet  ist. 

Danach  betrug  die  Krebssterblichkeit  in  Cuba  in  den  letzten 
20  Jahren  auf  100  000  Einwohner  berechnet: 


1900  .  . 

.  .  26.50 

1907  .  . 

.  .  39,97 

1914  .  . 

.  .  47,09 

1901  .  . 

.  .  30,03 

1908  .  . 

.  .  42.87 

1915  .  . 

.  .  47.86 

1902  .  . 

.  .  31,07 

1909  .  . 

.  .  45,17 

1916  .  . 

.  .  49,03 

1903  .  . 

1910  .  . 

.  .  44,20 

1917  .  . 

.  .  46,46 

1904  .  . 

.  .  35,65 

1911  .  . 

.  .  42,25 

1918  .  . 

.  .  46,79 

1905  .  . 

.  .  38,97 

1912  .  . 

.  .  42,18 

1919  .  . 

.  .  47,98 

1906  .  . 

.  .  40,93 

1913  .  . 

.  .  46,68 

Die  absoluten  Zahlen  sind  ja  allerdings  etwas  kleiner,  als  die  meisten 
Zahlen,  die  in  Europa  bekannt  sind,  die  beispielsweise  in  Preussen  57, 
Bayern  98,  Schweiz  132  und  Dänemark  140  betragen. 

Dabei  ist  aber  zu  bemerken,  dass  die  Zahlen  in  Cuba  hinter  der 
Wirklichkeit  wohl  etwas  Zurückbleiben,  da  es  im  Innern  wohl  noch 
grosse  Schwierigkeiten  machen  wird,  alle  Krebstodesfälle  statistisch 
zu  erfassen. 

Jedoch  tritt  auch  in  Kuba  sehr  deutlich  die  auffällige  Zunahme  der 
Krebssterblichkeit  in  Erscheinung,  die  in  so  vielen  anderen  Ländern 
beobachtet  ist,  und  für  die  uns  noch  jede  Erklärung  fehlt. 

Ich  glaube  somit,  dass  die  Beobachtungen  in  Cuba  mit  vpllem  Recht 
gegen  die  Annahme  angeführt  werden  dürfen,  dass  dem  Genuss  von 
rohem  Gartengemüse  eine  wesentliche  ursächliche  Bedeutung  oder 
irgendein  Zusammenhang  mit  der  Entstehung  der  Krebskrankheit  zu¬ 
geschrieben  werden  könnte. 


Aus  der  Abteilung  und  Poliklinik  für  Nervenkranke  im  städt. 

Krankenhaus  Sandhof  zu  Frankfurt  a.  M. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Q.  L.  Dreyfus.) 

Zur  Frage  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlung. 

(Erwiderung  auf  die  gleichnamige  Arbeit  von  Benedek  in 
Nr.  2  dieser  Wochenschrift.) 

Von  Dr  Ludwig  Fuchs,  Assistent  der  Klinik. 

Benedek  glaubt  zwar  Neurorezidive,  histologische  Meningo¬ 
rezidive,  Meningitis  luica  und  Syphilis  cerebrospinalis  „fast  ausschliess¬ 
lich"  in  den  Händen  der  Syphilidologen,  nichtsdestoweniger  sei  es  uns 
gestattet,  von  neurologischer  Seite  aus  zu  seinen  Ausführungen  Stellung 
zu  nehmen,  um  so  mehr  als  gerade  diese  Fälle  ums  in  den  letzten  Jahren 
immer  zahlreicher  von  den  Dermatologen  wegen  der  schwierigen  Be¬ 
urteilung  und  Behandlung  überwiesen  werden.  Benedek  hat  ein 
weiteres  sehr  handliches  Besteck  angegeben,  das  durchaus  geeignet 
erscheint,  die  Methode  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlung  auch 
technisch  zu  erleichtern  und  weiteren  Kreisen  der  Dermatologen  und 
Neurologen  zugänglich  zu  machen. 

Um  es  gleich  vorwegzunehmen:  vor  dieser  weiteren  Anwendung 
der  endolumbalen  Methode  möchten  wir  dringend  warnen  und  sie 
zunächst  immer  noch  auf  die  kritische  Prüfung  in  einzelnen  Kliniken 
beschränkt  wissen  gerade  weil  auch  die  Mitteilung 'B  e  n  e  d  e  k  s  nicht 
dazu  angetan  ist,  uns  von  der  Ueberlegenheit  und  noch  weniger  von 
der  Gefahrlosigkeit  des  Verfahrens  zu  überzeugen.  Unter  seinen 
13  Fällen  mit  zusammen  60  endolumbalen  Infusionen  ist  nach  seiner 
eigenen  Angabe  infolge  der  Behandlung  bei  einem  eine  14  tägige 


272 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr. 


Detrusorschwäche  efnge  treten,  bei  einem  anderenKranken  eine  perineale 
Anästhesie,  bei  einem  dritten  —  einem  Tabiker  —  entstand  eine  langer 
dauernde  Paraplegie  der  Beine  und  im  vierten  Fall  kam  es  'm  Anschluss 
an  die  Behandlung  zum  Exitus;  wenn  hier  der  letale  Ausgang  auch 
nicht  unmittelbar  durch  die  Therapie  verursacht  wurde,  so  ist  er  docn 
für  den  Arzt  gleich  fatal. 

Derartige  Zwischenfälle  stehen  bei  dieser  Methode  bekanntlich  nicht 
vereinzelt  da.  An  der  hiesigen  Medizinischen  Klinik  wurden  vor 
mehreren  Jahren  von  D  r  ey  f  u  s  an  8  Patienten  etwa  64  endolumbale 
Salvarsaninfusionen  vorgenommen.  Bei  4  Patienten  traten  trotz  vor¬ 
sichtig  einschleichender  Dosierung  unerwünschte  Folgeerscheinungen 
auf:  ein  Patient  bekam  eine  lang  anhaltende  Blasenschwache,  ein 
anderer  lästige  Sakralparästhes'ien,  ein  dritter  über  längere  Zeit  be¬ 
stehende  Ataxie  und  Sphinkterenschwäche;  ein  vierter  Patient  erkrankte 
an  einer  lebensbedrohenden  Diplokokkenmeningitis,  die  erst  nach  vielen 
Wochen  abheilte.  Nach  diesen  Misserfolgen  wurde  die  Methode  aul- 
gegeben  An  einer  fremden  Klinik  sah  ich  als  Folge  von  Ueberdosieiung 
einen  Fall  spastisch-paraplegisch  werden,  einen  zweiten  infolge  Myelitis 
unglücklich  ausgehen.  Auch  Gennerich,  der  sicherlich  in  Deutsch¬ 
land  die  grösste  Erfahrung  mit  der  Methode  besitzt,  berichtet  in  seiner 
Monographie  über  eine  Reihe  ähnlicher  Zwischenfälle  bei  allen  Formen 
der  Lues  und  Metalues.  Bedenkt  man  nun,  dass  diese  Folgeerschei¬ 
nungen  meist  aus  relativem  Wohlbefinden  heraus  eintreten,  so  wird 
man  die  allgemeine  Zurückhaltung  gegenüber  der  Methode  wohl  ver¬ 
ständlich  finden.  Ihre  Nachteile  liegen  neben  der  Umständlichkeit  des 
endolumbalen  Verfahrens  (jedesmal  mehrtägiger  Klimkaufenthalt,  sub¬ 
jektive  Beschwerden  usw.),  vor  allem  in  der  ausserordent  ich  grossen 
Gefahr  der  Ueberdosierung.  B  e  n  e  d  e  k  erklärt  die  Paraplegie  seines 
Tabikers  z.  B.  damit,  dass  statt  der  von  Gennerich  vorgeschlagenen 
Dosis  von  1  mg  Sa  Na  %, — X>  mg  mehr  gegeben  wurde!  Dass  m  An¬ 
betracht  der  ausserordentlich  verschiedenen  Widerstandsfähigkeit  des 
Zentralnervensystems  gerade  dieses  Krankenmaterials  bestimmte  Do¬ 
sierungsvorschriften  hier  überhaupt  nur  sehr  bedingten  Wert  haben 
können,  liegt  auf  der  Hand.  Tabes  und  Paralyse  sind  aus  naheliegenden 
Gründen  am  meisten  gefährdet,  aber  auch  wenn  bei  meningealei  Lues 
oder  Neurorezidiven  Krampfanfälle  provoziert  werden  oder  nach  Gen¬ 
nerich  „Herxheimer sehe  Reaktionen  in  Form  von  Kopfschmerzen 
und  Fiebersteigerungen  für  gewöhnlich  zu  erwarten  sind,  beeinträch- 
tigt  dies  doch  —  von  der  Möglichkeit  stärkerer  Störungen  ganz  abge¬ 
sehen  —  die  Brauchbarkeit  der  Methode  erheblich. 

Und  nun  zu  der  therapeutischen  Wirksamkeit  des  Verfahrens. 
B  e  n  e  d  e  k  hat  von  seinen  Fällen  keine  Heildauer  mitgeteilt,  sie  scheinen 
alle  noch  jung  zu  sein;  der  Beweis  dafür,  dass  er  nicht  „höchstens 
nur  vorübergehende  Scheinerfolge“  erzielt  hat,  wäre  also  noch  zu 
erbringen.  Gennerich  selbst  sieht  das  Hauptanwendungsgebiet  der 
Methode,  d.  ln.also  die  meisten  Erfolge,  bei  der  Frühlues  des  Nerven¬ 
systems.  Von  Tabes  und  Paralyse  hält  er  im  wesentlichen  nur  die 
inzipienten  Fälle  für  günstig;  dass  aber  ein  Teil  gerade  dieser  Fälle 
sich  auch  bei  intravenöser  Behandlung  entschieden  bessert  und  zwar 
unter  Normalisierung  des  Liquors  und  auf  längere  Dauer,  haben  wir 
in  den  letzten  Jahren  immer  mehr  erfahren  und  zwar  in  dem  Masse 
als  wir  lernten,  sie  lange  und  andauernd  genug  zu  behandeln  und  zu 
kontrollieren.  Die  gleichen  Erfahrungen  machten  wir  bei  Behandlung 
der  Frühlues:  ausdauernde  Behandlung  unter  fortlaufender  Liquor¬ 
kontrolle,  auch  jahrelang  nachdem  der  Liquor  für  unsere  heutigen 
Methoden  sich  als  „saniert“  erweist,  lässt  uns  auch  hier  immer  mehr 
Dauererfolge  erzielen,  wie  bereits  über  eine  Reihe  von  Jahren  kon¬ 
trollierte  Fälle  ergeben  haben.  Scheinerfolge,  d.  h.  Rückfälle  oder  Fort¬ 
schreiten  des  Prozesses  stellten  sich  meist  nur  dann  ein,  wenn  die 
Behandlung  von  seiten  des  Patienten  zu  früh  abgebrochen  wurde  (vgl. 
G.  L.  Dreyfus:  Ueber  frühluetische  Erkrankungen  des  Zentralnerven¬ 
systems  (D.m.W.  1922).  Wenn  Gennerich  für  manche  seiner 
Fälle  eine  endolumbale  Behandlung  von  2  Jahren  fordert,  so  darf  für 
die  intravenöse  Behandlung  mindestens  kein  schnellerer  Erfolg  erwartet 
werden.  Sie  hat  dann  immer  noch  den  grossen  Vorteil,  dass  die 
Kranken  (ausser  den  .  wenigen  Tagen  einer  Liquorkontrolle  jährlich) 
dauernd  arbeitfähig  sind.  Der  klinische  Rückgang  der  Symptome  tritt 
bei  geeigneter  intravenöser  Behandlung  ebenfalls  sehr  rasch  ein;  auch 
die  Sanierung  des  Liquors  macht,  wie  wir  sehen  konnten,  rasche  Fort¬ 
schritte,  besonders  bei  Anwendung  der  Silberpräparate.  Durch  aus¬ 
reichende  Nachkuren  und  jahrelange  Kontrolle  gilt  es  dann,  beides 
dauernd  festzuhalten  und  zu  sichern.  Zum  Vergleich  für  die  Wirksam¬ 
keit  geeigneter  intravenöser  Behandlung  greife  ich  nur  kurz  unsere 
Neurorezidive  der  beiden  letzten  Jahre  heraus: 


Hinsichtlich  der  Meningitis  und  Lues  cerebrospinalis  sind  unss_ 
Ergebnisse  durchaus  entsprechend.  Wir  müssen  Gennerich  ar 
unsererseits  beipflichten,  wenn  er  sagt,  je  früher  diese  Falle  zur 
handlung  kommen,  desto  günstiger  seien  sie  für  die  Therapie.  In  r 
Tatsache,  dass  einzelne  Fälle  sich  tatsächlich  refraktar  verhalten,  koni, 
wir  keine  Unterlegenheit  der  intravenösen  Therapie  erblicken.  Ai 
unter  unseren  wenigen  eigenen  Fällen  endolumbaler  Behandlung  zei> 
einer  nach  7  Monaten  mit  12  Infusionen  (bis  3  mg  Neosalvarsan)  n  i 
positiven  Liquor  bei  0,2.  Gennerich  selbst  hat  derartig  hartnacks 
Fälle  von  Frühlues  auch  bei  endolumbaler  Behandlung  gesehen  und  rd 

Wir  glauben  also,  dass  eine  ausdauernde  intravenöse  SalvarsJ 
behandlung  mit  jahrelang  fortgeführter  Liquorkontrolle  im  wesentlich 
mindestens  die  gleichen  günstigen  Aussichten  wie  die  endolumt* 
bietet,  ohne  deren  Nachteile  für  den  Patienten  zu  besitzen.  Gevl 
ist  auch  hier  Ueberdosierung  möglich,  aber  mit  vorsichtig  einschleichi. 
den  Dosen  sind  derartige  Fälle  doch  fast  ganz  aus  der  Kasuistik  \l 
schwanden  und  die  mögliche  Schädigung  zeigt  nicht  gleich  einen  <1 
artig  starken  Ausschlag  am  Nervensystem  wie  bei  direkter  untmh- 
barer  Einwirkung. 


Zur  klinischen  Beobachtung  kamen  1920  und  1921  21  Fälle;  sie  alle 

wurden  im  Verlaute  von  einigen  Wochen  oder  höchstens  2  3  Monaten  so 

gebessert,  dass  sie  wieder  berufsfähig  waren  und  ambulant  weiter  behandelt 
werden  konnten.  Nur  ein  junges  Mädchen,  das  nebenbei  sehr  blutarm  war, 
vertrug  Salvarsan  in  keiner  Form;  sie  musste  lange  lediglich  mit  Jod 
behandelt  werden.  3  Fälle  konnten  noch  nicht  nachpunktiert  werden,  fühlen 
sich  aber  subjeJytiv  gesund.  Von  den  übrigen  18  Fällen  wurde  die  WaR. 

im  Liquor  bei  13  negativ  —  1,0.  In  9  von  diesen  wurde  auch  die  Zellzahl 

normal  (5  oder  weniger),  bei  den  4  übrigen  blieben  Zellzahlen  von  11,  14, 
32  und  40.  Auch  die  Goldsolkurve  wurde  in  8  Fällen  bedeutend  verbessert, 
in  4  davAn  völlig  normal;  immerhin  erwies  sie  sich  als  viel  schwerer 

beeinflussbar  als  die  anderen  Reaktionen.  Von  den  5  hinsichtlich  des  Liquors 
refraktären  Fällen  konnte  nur  einer  ausreichend  behandelt  werden,  während 
3  weitere  durch  langes  Fernbleiben  gegen  ärztlichen  Rat  eine  verzettelte 
oder  unvollständige  Behandlung  selbst  verschuldeten;  einer  von  diesen  kam 
nach  mehrwöchentlicher  Pause  mit  einem  Meningorezidiv  wieder.  Als  5.  Fall 
müssen  wir  die  salvarsanempfindliche  Kranke  hierher  rechnen, 


Eine  Hauptursache  der  günstigen  Wirkung  der  endolumbalen 
handlung  gerade  bei  allen  Formen  von  Frühlues  erblicken  wir  ( 
deren  ganz  allgemein  höheren  therapeutischen  Beeinflussbarkcit 
gesehen)  ganz  entschieden  in  dem  ersten  Teil  der  Methode,  nam 
der  Unschädlichmachung  und  teilweisen  Entfernung  des  kranken  I.iqu 
Auch  wir  lassen  in  diesen  Fällen  oft  zu  Beginn  der  Behandlung  wiet 
holt  Liquor  ab.  besonders  wenn  Druckerhöhung  besteht,  und  beseiti 
damit  die  subjektiven  Beschwerden  sehr  rasch.  Bezeichnendem 
rät  Gennerich  immer  mehr  dazu,  bei  der  Behandlung  für  Druck' 
lastung  zu  sorgen  und  etwa  1U  des  Liquors  nicht  mehr  ernzufüllen.  UeS 
gens  spricht  er  auch  in  vielen  Fällen  einer  kombinierten  endolumb.| 
und  intravenösen  Behandlung  das  Wort.  .  , 

So  aussichtsreich  uns  also  der  Gedanke  erscheint,  die  Lues  des  t 
tralnervensystems  vom  Lumbalsack  aus  direkt  anzugreifen,  wie 
Horsley  1910  zum  erstenmal  praktisch  unternahm,  so  wenig  ha 
wir  trotz  des  ausserordentlich  verdienstvollen  Ausbaus  der  Met! 
durch  Gennerich,  den  Augenblick  heute  für  gekommen,  sie  in 
Praxis  einzuführen.  Dem  steht  die  hohe  Gefahr  der  Uebeidosierung 
schweren  Schädigung  des  Zentralnervensystems  nach.  wie  vor  i 
schieden  entgegen.  Vielleicht  setzt  uns  ein  künftiges  Präparat,  das  rl 
milder  in  seiner  Toxizität  und  doch  möglichst  nachhaltig  in  der  VV  irk» 
sein  müsste,  in  die  Lage  auf  diesem  Wege  weiterzukommen.  Im  Irl 
esse  unserer  Kranken  wäre  es  freilich  günstiger,  wenn  der  intravencl 
Therapie  ein  Mittel  zufiele,  das  befähigt  wäre,  die  Meningen  leichter 
durchdringen.  Auch  hierzu  sind  Ansätze  vorhanden. 

Abschliessend  ergeben  sich  also  für  uijs  als  Nan 
teile  der  endolumbalen  Salvarsantherapie: 

1.  Umständlichkeit  und  Schwierigkeit  der  Tel 

n  i  k  f  ti  r  d  e  n  A  r  z  t,  .  .. 

2.  Unbequemlichkeit  und  Kostspieligkeit  für  d 
Patienten 

3.  Gefahr  schwerer  Schädigung  (infolge  Uebr 
dosierung)  bis  zur  Lebensbedrohung  und 
schweremSiechtum; 

als  Vorteile  der  intravenösen  Behandlung 
dass  sich  die  unter  1—3  genannten  Nachteile  v  e  r 
den  1  a  s  s  e  n  u  n  d  dass  die  heutige  Einfachheit  des 
jahrens  gestattet,  durch  genügende  Ausdauer  i 
Intensität  der  Behandlung  in  weitaus  den  m  e i s 
Fällen  Dauererfolge  zu  erzielen. 


Aus  der  dermatologischen  Universitätsklinik  Münchenj 
(Vorstand:  Prof.  L.  R.  v.  Zumbusch.) 

Die  Fachausdrücke  der  modernen  Vererbungslehr 


Von  Hermann  Werner  Siemens, 

Die  moderne  Vererbungslehre  bedient  sich  zahlreicher  Fach) 
drücke,  die  für  den  Fernstehenden  nicht  ohne  weiteres  verständlich  * 
und  die  daher  Vielen  das  Eindringen  in  die  von  Jahr  zu  Jahr  an) 
deutung  wachsende  Disziplin  erschweren.  Einem  Wunsche  der  SciP 
leitung  entsprechend  habe  ich  deshalb  eine  Uebersicht  über  die  I 
erbungsbiologische  Terminologie  zusammengestellt,  die  dem  Arzt  i 
rasche  Orientierung  über  die  häufigsten  und  wichtigsten  vererbu? 
biologischen  Ausdrücke’  ermöglichen  soll.  Eine  ähnliche  Ueber: 
wurde  schon  vor  15  Jahren  in  dieser  Wochenschrift  von  Di) 
donne  über  die  Fachausdrücke  der  Immunitätslehre  verfasst  und'' 
sich  als  ein  Hilfsmittel  für  die  Verbreitung  immunbiologischer  Kennt» 
bewährt.  Allerdings  bietet  die  Zusammenstellung  gerade  der  vlj 
erbungsbiologische n  Termini  noch  eine  besondere  Schwii 
keit  infolge  des  Umstandes,  dass  vorläufig  noch  eine  ganze  Reihe  < 
schiedener  Terminologien  nebeneinander  gebraucht  werden,  ohne  da 
bisher  gelungen  wäre,  einer  von  ihnen  zur  alleinigen  Anerkennun 
verhelfen.  Es  erscheint  mir  deshalb  notwendig,  dem  alphabetischen' 
zeichnis  der  Fachausdrücke  einige  allgemeine  Bemerkungen  iibeif 
Namengebung  in  der  modernen  Vererbungslehre  vorauszuschicken. 

Es  braucht  nicht  erst  gesagt  zu  werden,  dass  der  wichtigste  i 
zipielle  Unterschied,  den  die  Vererbungslehre  machen  muss,  der  1 


;  4.  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


273 


I  ;hen  erblichen  und  nichterblichen.  Erscheinungen  ist.  Die  älteren  ver- 
bungsbiologischen  Terminologien  hatten  nun  sämtlich  den  Fehler, 
ass  jede  von  ihnen  nur  einzelne  Phasen  der  erblichen  bzw.  der  nicht- 
blichen  Phänomene  benannte,  so  dass  man  häufig  vor  die  Notwendig- 
i  eit  gestellt  war,  nebeneinander  die  Ausdrücke  verschiedener  Termino- 
igien  zu  benützen.  Die  Veränderungen  der  Erbmasse  wurden  z.  B. 
„■wohnlich  als  Mutationen  (B  a  u  r)  bezeichnet,  für  die  Ursache  dieser 
eränderungen  existierte  aber  nur  der  Ausdruck  Idiokines'e  (L  e  n  z), 
;r  die  Gesamtheit  der  erblichen  Anlagen  nur  das  Wort  Genot.vpus 
i'ohannsen).  So  mussten  ganz  nah  verwandte  Begriffe  mit  ganz 
srschiedenen  Wortstämmen  bezeichnet  werden.  Es  bedarf  keines  Be- 
eises,  dass  eine  solche  „kombinierte“  Terminologie  dem  Ferner¬ 
ehenden  den  Einblick  in  die  Vererbungslehre  ausserordentlich  er- 
hwerte.  Ich  habe  deshalb  geglaubt,  dass  es  für  die  Lehre  einen 
ortschritt  bedeuten  würde,  wenn  man  eine  Terminologie  ausarbeitet, 
e  in  sich  einheitlich  ist  und  folglich  mit  einer  Minderzahl  von  Wort- 
ämrnen  auskommen  kann1).  Die  Nebeneinanderstellung  dieser  Ter- 
inologie  und  der  älteren  Ausdrucks  weisen  in  einer  Tabelle  (Tab.  1) 
bt,  wie  ich  glaube,  einen  instruktiven  Ueberblick  über  die  vererbungs¬ 
ologischen  Grundbegriffe  und  ihre  Benennung;  sie  soll  das  Verständnis 
:r  in  der  alphabetischen  Uebersicht  gegebenen  Begriffserklärungen  und 
or  allem  das  Zurechtfinden  unter  den  zahlreichen  Synonyma  ermög- 
■hen. 


Tabelle  1. 

Erbsubstanz 

Keimplasma,  Idloplasma 

Idioplasma 

Veränderung  der  Erbsubstanz 

Idiokinese 

Idiokinese 

Resultat  dieser  Veränderung 

Mutation 

Idio-Variatlon 

Gesamtheit  der  Erbanlagen 

Genotypus 

Idiotypus 

eitergabe  der  Erbanlagen  an  die  näch¬ 
ste  Generation 

Vererbung 

Idlophorie 

Erbanlage 

Faktor,  Gen 

Id 

xänderung  eines  Lebewesens  durch 
Aussenfaktoren 

- 

Parakinese 

Resultat  dieser  Veränderung 

Modifikation 

Para-Variation 

samtheit  der  durch  Ausseneinflüsse 
bedingten  Merkmale 

Kondition,  reiner  Phäno- 
typus,  Konstellation 

Paratypus 

eitergabe  der  durch  Ausseneinflüsse 
dingten  Merkmale  an  die  nächste  Ge¬ 
neration 

Induktion.  Nachwirkung 
einer  Modifikation 

Paraphorie 

samtheit  der  realisierten  (idiotypischen 
und  paratypischen)  Merkmale 

Soma,  Phänotypus 

Phänotypus 

eichzeitige  Abhängigkeit  mehrerer 
•schiedener  Merkmale  von  einer  Erb¬ 
anlage 

Pleiotropismus 

Polyphänle 

hängigkeit  eines  Merkmals  von  ver¬ 
schiedenen  Erbanlagen 

Polymerie 

Poly-idie*) 

ftreten  einer  Erbanlage  bald  ln  Form 
ses,  bald  in  Form  jenes  Merkmales 

Polymorphismus,  Hetero¬ 
morphismus,  Transformat., 
generelle  Vererbung 

Heterophänle 

*)  Id  =  Erbanlage 


Fiir  die  medizinische  Vererbungslehre  gibt  es  noch  eine  be- 
udere  terminologische  Schwierigkeit,  die  dadurch  hervorgerufen  wurde, 
ss  eine  Reihe  von  Konstitutionspathologen  versucht  haben,  neue 
tchausdriicke  für  das  Erbliche  und  das  Nichterbliche  einzuführen, 
ese  Terminologien  sind  sehr  verwirrend,  da  das  Wort  Konstitution 
manchen  Terminologien  Erbliches  und  Nichterbliches  zusammen- 
sst,  während  das  gleiche  Wort  in  anderen  Terminologien  nur 
s  Erbliche  bezeichnet,  und  da  die  Fachausdrücke  manchmal  in 
ektem  Widerspruch  zum  Sprachgebrauch  stehen  (die  anomalen  Kon- 
futionen  z.  B.  sind  klinische  Syndrome,  die  durchaus  nicht  immer 
in  idiotypisch  bedingt  sind,  wie  es  die  Terminologie  Tandlers 
11).  Diese  Terminologien  halte  ich  aber  auch  deshalb  für  unglücklich, 
iil  sie  sich  nicht  bemühen,  einen  Anschluss  an  die  Ausdrucksweisen 
r  modernen  Vererbungslehre  zu  finden,  trotzdem  doch  der  Fortschritt 
r  Konstitutionspathologie  an  ein  Zusammengehen  mit  der  Vererbungs¬ 
ire  gebunden  erscheint.  Ich  habe  deshalb  seinerzeit  vorgeschlageu, 
n  Konstitutionsbegriff  in  seiner  alten,  allgemein  angenommenen, 
sonders  von  M  a  r  t  i  u  s  begründeten  Fassung  bestehen  zu  lassen, 
d,  falls  man  scharfe  verej-bungsbiologische  Unterschiede  machen  will, 
'rach  die  Adjektiva  idiotypisch.  phänotypisch  und  paratypisch  davor 
setzen.  Diese  Ausdrucksweise  würde  sich  dem  bisherigen  Sprach- 
brauche  auf  das  vollkommenste  anschmiegen  und  trotzdem  die  aller- 
härfste  Präzisierung  des  vererbungstheoretischen  Standpunktes  ge¬ 
lten.  den  man  im  einzelnen  Fall  zum  Ausdruck  bringen  will.  Auch 
-r  halte  ich  es  für  das  Zweckmässigste,  um  das  Zurechtfinden  unter 


|  )  Die  Terminologie,,  die  1917  im  Arch.  f.  Rassen-  und  Gesellscluifts- 

'logie  publiziert  wurde,  ist  unterdessen  von  einer  Anzahl  von  Autoren, 
'i.  auch  von  B  a  p  r,  E.  Fischer  und  Lenz  akzeptiert  worden.  (Vgl. 
cli  Siemens:  Einführung  in  die  allgemeine  Konstitutions-  und  Vererbungs- 
i  Urologie.  J.  Springer,  Berlin  1921.) 


den  zahlreichen  Synonyma  zu  erleichtern,  die  in  Betracht  kommenden 
Fachausdrücke  alle  in  einer  Tabelle  zusammenzustellen  (Tab.  2). 


Tabelle  2. 


M  a  r  t  i  u  s 

Erbliche  Körperver¬ 
fassung 

Körperverfassung 

Erworbene  Körperver¬ 
fassung 

M  a  r  1 1  u  s 

Erbliche  Konstitution 

Konstitution 

Erworbene  Konstitut. 

Tandler 

Konstitution 

— 

Kondition 

J.  Bauer 

Konstitution 

Körperverfassung 

Kondition 

<  Kahn 

Erbkonstitution 

— 

Konstellation  *) 

Siemens 

Idlotypische  Konstitut. 

(Phänotypische)  Konsti¬ 
tution 

Paratypische  Konsti¬ 
tution 

•)  Tendeloo  hingegen  versteht  unter  Konstellation  die  Summe  aller  für  eine 
bestimmte  Wirkung  erforderlichen  Faktoren  und  die  Beeinflussung  dieser  Faktoren 
untereinander. 


Alphabetische  Uebersicht. 

Ahnentafel  =  Aszendenztafel. 

Ahnen  vertust  —  Ahnenkonzentration  —  das  mehrmalige  Auftreten 
des  gleichen  Vorfahren  in  einer  Ahnentafel.  Der  Almenverlust  kommt 
durch  Verwandtenehe  zustande.  Heiraten  sich  z.  B.  Geschwister¬ 
kinder,  die  ja  ein  Grosseiternpaar  gemeinsam  haben,  so  kommt  in  der 
Ahnentafel  ihrer  Nachkommen  dieses  Grosselternpaar  zweimal  vor. 
In  der  Reihe  der  8  Ahnen  haben  deshalb  diese  Nachkommen  nur 
6  verschiedene  Vorfahren  (vgl.  Aszendenztafel). 

Allelomorphe  (Bateson)  —  Erbanlagenpaarlinge ;  die  beiden 
Partner  eines  Erbanlagenpaares  (vgl.  Erbanlagenpaar). 

alternative  Vererbung  - —  Synonym  für  Mendel  sehe  Ver¬ 
erbung,  gelegentlich  auch  für  das  Phänomen  der  Dominanz  und  Re- 
zessivität  im  Gegensatz  zum  sog.'  intermediären  Verhalten  verwendet. 

Amphimixis  —  Kopulation  —  Befruchtung.  Vereinigung  der  Ge¬ 
schlechtszellen  (Gameten). 

Amphi mutation  (Plate)  —  erblich  bedingte  Variation  infolge 
von  Amphimixis  =  Mixovariation. 

antagonistische  Erbeinheiten  =  Allelomorphe. 

Aszendenztafel  —  Ahnentafel  —  A-Tafel.  Tafelmässige  Auf¬ 
zeichnung  aller  direkten  Vorfahren  einer  Person,  also  ihrer  2  Eltern, 
ihrer  4  Grosseltern,  ihrer  8  Urgrosseltern  usf. 

Atavismus  —  Wiederauftreten  stammesgeschichtlich  älterer  Merk¬ 
male.  Beim  echten  Atavismus  entstehen  die  Vorfahrencharaktere 
in  der  Regel  durch  Wiedervereinigung  von  Erbanlagenpaaren,  die  im 
Verlauf  der  stammesgeschichtlichen  Entwicklung  eine  Trennung  er¬ 
fahren  hatten. 

aufspalten  =  mendeln. 

Auslese  =  Selektion. 

Auslese,  1  i  t  e  r  a  r  i  s  c  h  -  k  a  s  u  i  s  t  i  s  c  h  e  (Weinberg).  —  Bei 
vererbungsbiologischer  Bearbeitung  von  Einzelfälleu  (z.  B.  aus  der 
Literatur),  erhält  man  mehr  Kranke,  als  dem  natürlichen  Verhältnis 
der  Kranken  zu  den  Gesunden  entspricht,  weil  1.  diejenigen  Ge- 
schwisterschaften  fehlen,  welche  zufällig  gar  kein  krankes  Kind  ent¬ 
halten,  trotzdem  die  Krankheitsanlage  bei  den  Eltern  vorhanden  ist 
und  folglich  bei  grösserer  Kinderzahl  auch  kranke  Kinder  zu  erwarten 
gewesen  wären,  und  weil  2.  Fälle  mit  zufällig  besonders  gehäuftem 
familiärem  Auftreten  eine  grössere  Aussicht  haben,  beachtet  zu 
werden  und  zur  Publikation  zu  gelangen.  Diese  Ursachen  des  Uebcr- 
wiegens  der  Kranken  in  kasuistischem  Literaturmaterial  bezeichnet 
man  zusammenfassend  als  literarisch-kasuistische  Auslese. 

autonome  Erbanlagen  —  Erbanlagen,  die  nicht  zu  einem  Erb¬ 
anlagenpaar  gehören  und  die  auch  keine  Koppelung  zeigen,  deren 
Zusammenbleiben  bzw.  Trennung  bei  der  Bildung  der  Geschlechts¬ 
zellen  infolgedessen  rein  vom  Zufall,  d.  h.  von  den  Gesetzen  der 
Wahrscheinlichkeit  abhängt. 

Autosomen  —  Autochremosomen  —  diejenigen  Chromosomen, 
welche  nicht  Geschlechtschromosomen  sind. 

Bastard  —  eigentlich  ein  Lebewesen,  das  aus  der  Kreuzung  ver¬ 
schiedener  systematischer  Rassen  hervorgegangen  ist;  im  strengen 
vererbungsbiologischen  Sinn  aber  jedes  Individuum,  das  heterozygote 
Erbanlagenpaare  besitzt. 

Biotypus  —  Erbstamm,  Elementarrasse.  Kleinste,  erblich  völlig  ein¬ 
heitliche  Gruppe  von  Lebewesen. 

B  I  a  s  t  o  p  h  t  h  o  r  i  e  (F  o  r  e  1)  —  Keimschädigung.  Naturwissenschaft¬ 
lich  unbrauchbarer,  weil  mit  einem  moralischenWerturteil  verquickter 
Begriff;  deckt  sich  zu  einem  grossen  Teil,  wenn  auch  nicht  völlig, 
mit  dem  Begriff  der  Idiokinese. 

Blastovariation  (Plate)  —  blastogene  Variation  =  Idio- 
variation. 

Chromomer  —  kleinstes  austauschbares  Teilchen  eines  Chromosoms. 

Chromosom  —  Kernstäbchen,  Kernbändchen;  leicht  färbbare,  ver¬ 
schieden  geformte  Körperchen  im  Zellkern;  sie  sind  die  wahrschein¬ 
lichen  Träger  der  Erbanlagen  und  bilden  daher  vermutlich  die  stoff¬ 
liche  Grundlage  der  Vererbung. 

crossin  g-över  (Morgan)  =  Faktorenaustausch. 

D  a  u  e  r.m  o  d  i  f  i  k  a  t  i  o  n  (J  o  1 1  o  s)  —  induzierte  Modifikation 
(Reichenhach).  Bezeichnung  für  besonders  ausgesprochene 
Erscheinungen  der  Paraphorie  bei  Pflanzen  und  Protozoen';  Dauer¬ 
paravariation. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


274 

Darwinismus  —  die  Lehre,  nach  der  die  Stammesentwicklung  der 
Lebewesen  nicht  durch  eine  transzendentale  Zwecksetzung,  sondern 
einfach  mechanistisch,  als  folge  von  Idiokinese  plus  Selektion  zu¬ 
stande  kommt. 

Degeneration  —  Entartung;  die  Zunahme  idiotypischcr  Krank¬ 
heiten  von  Generation  zu  Generation. 
Degencrationsmerkmal  —  Entartungszeichen;  unzweckmässige 
Bezeichnung  für  eine  Reihe  kleinerer  Missbildungen,  von  denen  man, 
oft  mit  Unrecht,  angenommen  hat,  dass  sie  in  fester  Korrelation 
ständen  zu  einer  allgemeinen  körperlichen  und  besonders  geistigen 
Minderwertigkeit  (z.  B.  Naevi,  abstehende  Ohrmuscheln,  Darwin¬ 
scher  Höcker). 

Deszendenztafel  —  D-Tafel;  tafelmässige  Aufzeichnung  sämt¬ 
licher  Nachkommen  einer  bestimmten  Person,  des  „Stammvaters“ 
bzw.  der  „Stammutter“. 

Determinante  —  Erbanteil;  kleinster  austauschbarer  Teil  einer 
Erbeinheit,  oft  als  Synonym  von  Erbanlage  (Id)  gebraucht. 

L)  i  h  y  b  r  i  d  —  von  Bastardnatur  in  bezug  auf  zwei  Erbanlagenpaare 
(vgl.  Hybrid). 

Diploid  —  mit  Chromosomen-  bzw.  Erbanlage  paaren  versehen. 
Diploide  Zellen  sind  die  befruchtete  Eizelle  und  alle  Zellen  des  aus 
ihr  hervorgehenden  Organismus,  während  die  reife  Geschlechtszelle 
nur  halb  so  viel  Chromosomen  bzw.  Erbanlagen,  nämlich  von  jedem 
Paar  nur  einen  Paarling  besitzt  (s.  Reduktionsteilung),  und  daher 
als  haploid  (s.  d.)  bezeichnet  wird. 

Disposition  —  die  Wahrscheinücheit,  mit  der  der  augenblickliche 
Zustand  eines  Organismus  beim  Vorhandensein  gewisser  auslösender 
Faktoren  das  Auftreten  einer  ganz  bestimmten  Krankheit  bedingt. 
Domestikation  —  der  Zustand,  in  dem  die  Selektionsverhältnissc 
lebender  Wesen  eine  Reihe  von  Generationen  lang  unmittelbar  und 
willkürlich  durch  den  Menschen  beeinflusst  werden, 
d  o  ui  inant  (Mendel)  —  überdeckend;  nur  anzuwenden,  wenn  eine 
Erbanlage  ihren  zum  gleichen  Anlagenpaar  gehörigen  Anlagenpaar¬ 
ling  überdeckt  (vgl.  epistatisch).  Die  Dominanz  spielt  daher  nur  eine 
Rolle  bei  heterozygoten  Individuen.  Eine  dominante  Krankheits¬ 
anlage  führt,  wenn  sie  nur  heterozygot  vorhanden  ist,  in  gleicher 
(oder  fast  gleicher)  Weise  zur  Manifestation  der  Krankheit,  als  wenn 
sie  in  beiden  Anlagepaarlingen  (also  homozygot)  vorhanden  wäre; 
heterozygot  Kranke  und  homozygot  Kranke  sind  also  bei  dominanten 
Leiden  äusserlich  nicht  zu  unterscheiden.  Gegensatz:  rezessiv. 
Dominanz  (Mendel)  —  Ueberdecken.  Das  Verhalten  dominanter 
Erbanlagen.  Die  Dominanz  kann  unvollständig  sein  (vgl. 
(intermediäres  Verhalten)  oder  unregelmässig,  d.  h.  sie  ist 
bei  manchen  Individuen  vorhanden,  bei  anderen  nicht  vorhanden, 
oder  sie  ist  bei  manchen  Individuen  vollständig,  bei  anderen  un¬ 
vollständig. 

E 1  e  k  t  i  o  n  —  elektive  Selektion  —  positive  Auslese,  Auswahl.  Aus¬ 
breitung  bestimmter  erblicher  Formen  infolge  überdurchschnittlicher 
Fruchtbarkeit. 

Elimination  —  eliminatorische  Selektion  —  negative  Auslese,  Aus¬ 
merze.  Verminderung  und  Aussterben  bestimmter  Erbstämme  in¬ 
folge  unterdurchschnittlicher  Fruchtbarkeit. 

Entartung  =  Degeneration. 

E  p  i  s  t  a  s  e  —  Ueberdecken.  Das  Verhalten  epistatischer  Erbanlagen, 
epi  statisch  —  überdeckend;  nur  anzuwenden,  wenn  eine  Erb¬ 
anlage  eine  andere  überdeckt,  die  nicht  zum  gleichen  Erbanlagcnpaar 
gehört  (vgl.  dominant).  Eine  Erbanlage  kann  daher  sowohl  im 
heterozygoten  wie  im  homozygoten  Zustand  epistatisch  sein.  d.  h. 
eine  andere,  zu  einem  anderen  Erbanlagenpaar  gehörige  Anlage  an 
ihrer  Manifestation  hindern.  Beispiel:  Mäuse,  die  ein  Erbanlagen- 
paar  für  schwarze  und  eines  für  gelbe  Farbe  besitzen,  lassen  von 
gelb  nichts  konstatieren,  da  diese  Eigenschaft  durch  die  epistatische 
Schwarzanlage  überdeckt  wird.  Gegensatz:  hypostatisch. 
Erbanlagenpaar  —  die  Grundlage  jedes  erblichen  Merkmals  (und 
folglich  auch  jeder  erblichen  Krankheit)  ist  nach  den  Mendel  sehen 
Vorstellungen  nicht  eine  Erbanlage,  sondern  ein  Erbanlagen  d  a  a  r. 
Von  beiden  Paarlingen  geht  stets  nur  einer  in  je  eine  Geschlechts¬ 
zelle  (der  andere  wird  bei  der  sog.  Reifungsteilung  ausgestossen), 
so  dass  also  jede  Erbanlage  bei  jeder  Zeugung  die  Wahrscheinlich¬ 
keit  Vi  hat,  auf  den  Nachkommen  übertragen  zu  werden.  Dies  ist 
die  Grundidee  des  Mendel  sehen  Gesetzes  (vgl.  diploid). 
Erbfaktor  =  Erbanlage. 

Erbformel  ■ —  Aufzeichnung  der  festgestellten  Erbanlagen  mit  Hilfe 
eines  für  den  einzelnen  Fall  zurechtgelegten  Buchstabensystems, 
etwa  nach  Art  der  chemischen  Konstitutionsformeln. 

Erbplasma  =  Idioplasma. 

Erb  stamm  =  Biotypus. 

erworben  —  wird  von  medizinischen  Autoren  oft  als  Synonym  von 
nichterblich  (paratypisch)  gebraucht.  Sehr  pn zweckmässiger  Aus¬ 
druck,  da  viele  Leiden,  die  erst  in  höherem  Alter  auftreten.  die  also 
während  des  Lebens  „erworben“  werden,  ausgesprochen  erblich  sind 
(z.  B.  erblicher  Altersstar,  Myopie,  Dementia  praecox). 

Faktor  (Erbfaktor)  =  Erbanlage. 

Faktoren  austau  sch  —  Crossing  over;  der  Mechanismus,  auf  dem 
die  Koppelung  beruht. 

field-worker  —  Hilfsarbeiter  bzw.  Hilfsarbeiterin  bei  der  Durch¬ 
forschung  vererbungswissenschaftlich  interessanter  Familien. 
Fluktuation  (Darwin,  de  V  r  i  e  s)  —  gewöhnlich  im  Sinne  von 
Paravariation  gebraucht. 

Fortpflanzungshygiene  —  die  Lehre  von  den  optimalen  Be- 


Nr. 


dingungen  der  Zeugung:  ein  kleines,  praktisch  unwesentliches  Tei'j 
gebiet  der  Rassenhygiene.  I 

Gameten  —  Geschlechtszellen;  sie  enthalten  die  durch  die  Redu! 
tionsteilung  halbierten  elterlichen  Erbsubstanzen,  d.  h.  von  jede 
Erbanlagenpaar  je  einen  Paarling. 

Gen  (Johannsen)  —  Erbanlage  (Id). 

generelle  Vererbung  (Rüdin)  =  verschiedenmerkmalip 
(heterophäne)  Vererbung. 

Genotypus  (johannsen)  —  Idiotypus. 

geschlechtsabhängige  Vererbung  —  zusammenfassem 
Bezeichnung  für  die  geschlechtsbegrenzte  und  die  geschlecht 
gebundene  Vererbung. 

geschlechtsbegrenzte  Vererbung  —  sex-limited  heredi 
(Morgan)  —  ein  geschlechtsabhängiger  Vererbungstypus,  bei  de 
die  betreffende  Erbanlage  zwar  nicht  in  den  Geschlechtschromosom< 
lokalisiert,  aber  in  ihrer  Manifestation  von  ihnen  abhängig  ist.  E 
geschlechtsbegrenzten  Erbanlagen  sind  (wie  gewöhnliche  dominan 
und  rezessive  Erbanlagen)  in  gleicher  Zahl  über  beide  Geschlecht 
verteilt,  kommen  aber  ausschliesslich  (totale  Geschlechtsbegrenzun 
oder  vorwiegend  (partielle  Geschlechtsbegrenzung)  nur  bei  eint 
Geschlecht  zur  Entfaltung. 

Geschlechts  Bestimmung  —  der  Vorgang,  der  darüber  er 
scheidet,  ob  männliches  oder  weibliches  Geschlecht  entsteht.  Be 
Menschen  und  bei  den  höheren  Tieren  ist  die  Geschlechtsbestimmu 
davon  abhängig,  ob  die  Geschlechtschromosome  in  paariger  Jot 
in  unpaariger  Ausfertigung  vorhanden  sind  (vgl.  Geschlechtschroir 
some). 

Geschlechtschromosome  —  die  Chromosome.  in  denen  t 
Erbanlagen  lokalisiert  sind,  welche  (wenigstens  bei  allen  höher 
Tieren)  über  das  Geschlecht  entscheiden.  Beim  Menschen  (und  1 
den  Säugern)  kommt  es  dann  zur  Ausbildung  weiblichen  (1 
schlechts,  wenn  die  Geschlechtschromosome  als  Erbanlagen  p  a  a  I 
vorhanden  sind;  sind  sie  unpaarig  vorhanden  (was  bei  den  übrig' 
Chromosomen  niemals  vorkommt;  vgl.  Erbanlagenpaare),  so  ei 
stehen  männliche  Individuen. 

geschlechtsgebundene  Vererbung  —  sex-linked  hered'j 
(M  organ)  —  ein  Vererb ungstypus.  der  dann  beobachtet  wird,  we 
die  betreffende  Erbanlage  in  den  Geschlechtschromosomen'  lokalisi 
ist.  Da  die  Geschlechtschromosome  beim  Weibe  doppelt  (paari 
beim  Mann  nur  einfach  vorhanden  sind,  sind  auch  die  geschlech 
gebundenen  Erbanlagen  nicht  gleichmässig  über  beide  Geschlech 
verteilt,  sondern  werden  bei  Weibern  häufiger  angetroffen.  E 
sprechend  finden  sich  auch  die  dominant-geschlechtsgebundeiu 
Krankheiten  häufiger  bei  Weibern  als  bei  Männern;  bei  den  rezessl 
geschlechtsgebundenen  Krankheiten  ist  es  jedoch  umgekehrt,  i 
die  geschlechtsgebundenen  rezessiven  Erbanlagen  beim  Manne,  | 
dem  sie  unpaarig  sind  (vgl.  Geschlechtschromosome).  stets  zur  ma|. 
festen  Krankheit  führen,  während  sie  beim  Weibe,  bei  dem  sie  stl 
als  Erbanlagen  paare  auftreten,  durch  ihren  gesunden  Anlagepaarl* 
überdeckt,  d.  h.  also  an  der  Manifestation  gehindert  werden.  Trofc 
dem  die  rezessiv-geschlechtsgebundenen  Erbanlagen  beim  Wef 
häufiger  sind,  werden  deshalb  die  rezessiv-geschlechtsgebundeijl 
Krankheiten,  besonders  wenn  sie  allgemein  selten  sind,  i 
ausschliesslich  bei  Männern  angetroffen.  jedoch  durch  (äusser! 
gesunde)  Weiber  auf  ihre  Söhne  übertragen  (früher  sog.  Hornel 
sehe  Regel).  Beispiele:  Rotgrünblindheit,  wahrscheinlich  auch  Här!- 
philie.  _  ■/ySI 

Geschwistermethode  (W  e  i  n  b  e  r  g)  —  eine  statistische  A|- 
thode  zum  Nachweis  der  Mendel  sehen  Proportionen;  der  F> 
bandenmefhode  (s.  d.)  nahe  verwandt. 

Gesetz  der  konstanten  Zusammensetzung  einer  PI 
pulation  (Baur)  —  ein  Gesetz,  welches  besagt,  dass  in  ei: 
Population,  auf  die  keinerlei  Selektion  einwirkt  (was  freilich  pri 
tisch  nie  vorkommt),  das  Zahlenverhältnis  der  verschiedenen  t 
liehen  Formen  zueinander  immer  konstant  bleibt, 
gynephore  Vererbung  (Plate)  —  älterer  unklarer  Ausdrr; 
dessen  Begriff  im  grossen  ganzen  mit  dem  Begriff  der  geschleclf 
gebundenen  Vererbung  zusammenfällt, 
haploid  —  mit  einer  Chromosomen-  bzw.  Erbanlagengarnitur  vf 
sehen,  die  von  jedem  Erbanlagenpaar  nur  eine  n  Paarling  besiji 
Gegensatz:  diploid.  Haploid  sind  die  reifen  Geschlechtszellen:  1 
entwickeln  sich  durch  die  Reduktionsteilung,  welche  die  Erbanlaß) 
paare  trennt,  aus  den  diploiden  Ursamen-  bzw.  Ureizellen  und  \r 
schmelzen  sich  durch  die  Amphimixis  wieder  zu  der  diploiden  Zygl 
(d.  i.  die  befruchtete  Eizelle).  .  ry 

Heterochrom  osome  —  die  durch  Grösse,  Form  und  Färbbar’^ 
von  den  übrigen  Chromosomen  unterscheidbaren  Geschlecl 
chromosome. 

Heterogametie  —  Synonym  für  Hcterozygotie. 
heterophäne  Vererbung  (Siemens)  —  verschiedemw) 
malige  Vererbung  —  ein  Vererbungstypus,  bei  dem  eine  Erbanlf 
(je  nach  den  gerade  wirkenden  Aussenfaktoren  und  den  gerade 
handenen  übrigen  Erbanlagen)  bald  diese,  bald  jene  phänotypis 
Ausprägung  erlangen  kann. 

heterozygot  —  verschiedenanlagig.  Der  Ausdruck  besagt,  dass ' 
beiden  Paarlinge  eines  Erbanlagenpaares  untereinander  verschie 
sind.  £ 

Heterozygotie  —  Verschiedenanlagigkeit.  Bastardnatur.  Der  1 
stand  eines  Lebewesens  mit  heterozygoten  Erbanlagepaaren. 
Homogametie  —  Synonym  für  Homozygotie. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


275 


mologe  Erbeinheiten  —  Erbanlagen,  die  zu  einem  Anlagen¬ 
paar  gehören  (vgl.  Allelomorpbe). 

momerie  —  gleichsinnige  oder  homologe  Polyidic;  die  Abhängig¬ 
keit  eines  Merkmals  von  mehreren,  zu  verschiedenen  Anlagepaaren 
gehörenden  Erbanlagen,  die  eine  gleiche  oder  ähnliche  Wirkung 
haben  und  sich  infolgedessen  in  ihrer  Wirkung  gegenseitig  ver¬ 
stärken;  ein  Spezialfall  der  Polyidie  (vgl.  polyide  Vererbung).  Bei¬ 
spiel:  die  schwarze  Hautfarbe  des  Negers,  die  höchstwahrscheinlich 
durch  mehrere,  gleichsinnig  wirkende  und  daher  sich  gegenseitig  ver¬ 
stärkende  Pigmentanlagepaare  bedingt  wird.  Diese  komplizierte 
erbliche  Bedingtheit  ist  daran  schuld,  dass  nach  Kreuzung  von 
Negern  mit  Weissen  in  der  Enkelgeneration  nicht  wieder  rein 
weisshäutige  Individuen  herausmendeln. 

mozygot  —  gleichanlagig.  Gegensatz  von  heterozygot;  besagt, 
dass  die  Paarlinge  eines  bestimmten  Erbanlagenpaares  sich  unter¬ 
einander  gleichen. 

mozygotie  —  Gleichanlagigkeit.  Der  Zustand  eines  Lebe¬ 
wesens  mit  homozygoten  Erbanlagepaaren.  Lebewesen,  die  in 
sämtlichen  Erbanlagen  gleichzeitig  homozygot  sind,  kommen  bei 
höheren  Organismen  praktisch  nicht  vor. 

■  rnersche  R  eg  e  1,  s.  geschlechtsgebundene  Vererbung. 

brid  —  deckt  sich  zum  grossen  Teil  mit  heterozygot;  vgl.  auch 

Bastard. 

postase  —  Ueberdeckbarkeit,  Ueberdecktheit,  Latenz;  das  Ver¬ 
halten  hypostatischer  Erbanlagen. 

postatisch  —  überdeckbar,  überdeckt;  nur  anzu wenden,  wenn 
eine  Erbanlage  von  einer  anderen  überdeckt  wird,  die  nicht  zum 
gleichen  Erbanlagenpaar  gehört  (vgl.  rezessiv).  Gegensatz:  epi¬ 
statisch. 

—  Erbanlage.  Synonyma:  Faktor,  Gen. 

i  o  k  i  n  e  s  e  (Lenz)  —  Erbänderung;  zusammenfassende  Bezeich¬ 
nung  für  die  transitiven  Ursachen  des  Auftretens  neuer  Idiovaria- 

tionen  (s.  d.). 

okinetische  Faktoren  (Lenz)  —  erbändernde  Faktoren; 
Einflüsse  der  Umwelt,  welche  das  Auftreten  neuer  Erbanlagen  (Idio- 
variationen)  verursachen. 

iophoric  (Siemens)  —  Vererbung  im  strengsten  Sinne  des 
Wortes;  der  Vorgang,  welcher  das  Vorhandensein  gleicher  Erb¬ 
anlagen  (Ide)  bei  Vorfahren  und  Nachkommen  bewirkt, 
ioplasma  (v.  Naegeli)  —  Erbplasma,  Erbsubstanz;  hat  vor 
dem  unzweckmässigen  synonymen  Wort  „Keimplasma“  die  Priorität 
voraus. 

otypisch  (Siemens)  —  erbbildlich,  anlagenbildlich;  das.  was 
durch  die  Erbanlagen  bedingt  ist. 

iotypus  (Siemens)  —  Erbbild,  Anlagenbild.  Gesamtheit  der 
Erbanlagen. 

iovariation  [abgekürzt;  Idation]  (Siemens)  —  Erb  Varia¬ 
tion,  Erbabweichung;  das  Resultat  der  Idiokinese. 
duktion  —  unklarer  Ausdruck,  zum  Teil  identisch  mit  Paraphorie, 
zum  andern  Teil  mit  dem  Phantom  der  sog.  Vererbung  erworbener 
Eigenschaften. 

termediäres  Verhalten  —  unvollständige  Dominanz.  Das 
Verhalten  einer  Erbanlage,  die  bei  heterozygotem  Vorhandensein 
ihren  andersartigen  Anlagepaariing  weder  überdeckt,  noch  sich  von 
ihm  überdecken  lässt,  sondern  mit  ihm  zusammen  ein  Merkmal  her¬ 
vorbringt,  das  etwa  in  der  Mitte  steht  zwischen  den  Merkmalen, 
die  den  beiden  ungleichartigen  Anlagepaarlingen  eigentlich  ent¬ 
sprechen  würden.  Beispiel:  trifft  bei  der  Wunderblume  eine  Anlage 
zu  roter  Blütenfarbe  mit  einer  Anlage  zu  weisser  Blütenfarbe  im 
gleichen  Anlagenpaar  zusammen,  so  resultiert  weder  eine  rote  (dann 
wäre  rot  dominant),  noch  eine  weisse  (dann  wäre  weiss 
dominant),  sondlern  eine  rosa  Blütenfarbe.  Die  intermediäre  Erb¬ 
anlage  macht  sich  also  bei  heterozygotem  Vorhandensein  zwar 
bemerkbar,  aber  doch  weniger  stark  als  bei  Homozygotie. 
zest  —  extreme  Form  der  Verwandtschaftszucht,  engste  Inzucht 
zucht  —  Fortpflanzung  durch  Zeugungen  unter  Verwandten. 

1  implas  ma  (Weis  mann)  —  wenig  glücklicher  Ausdruck  für 
Idioplasma. 

on  (Shull)  —  die  durch  ausschliesslich  ungeschlechtliche  Ver¬ 
mehrung  aus  einem  Individuum  erzielte  Nachkommenschaft:  der 
Klon  ist  gleichsam  die  reine  Linie  (s.  d.)  bei  solchen  Organismen, 
die  sich  durch  Selbstbefruchtung  nicht  fortflanzen  lassen, 
imbination  (Baur) —  Kombinationsvariation  =  Mixovariation. 
)  n  d  i  t  i  o  n  (Tandler)  —  nicht  ganz  klarer  Begriff,  im  wesentlichen 
zusam  menfallend  mit  dem  Begriff  des  Paratypus. 

»nduktoren  —  Ueberträger;  Individuen,  welche  Erbanlagen,  die 
sich  bei  ihnen  selbst  nicht  äussern,  auf  ihre  Nachkommen  übertragen. 
Mistellation  —  nach  Kahn  ein  Synonym  für  Kondition,  nach 
Ten  de  1  oo  die  Summe  aller  für  die  Entstehung  eines  Merkmals 
erforderlichen  Faktoren  und  die  Beeinflussung  dieser  Faktoren  unter¬ 
einander. 

Institution  —  Körperverfassung ;  nach  Tandler  ein  Begriff, 
der  sich  grösstenteils,  aber  nicht  völlig  mit  dem  Begriff  des  Idio- 
typus  deckt,  dem  sonstigen  Sprachgebrauch  nach  ein  Symptomcn- 
komplex,  der  dem  Arzte  prognostische  Schlüsse  gestattet,  aber  selbst 
noch  nicht  als  Krankheit  aufgefasst  werden  kann,  da  er  keine  un¬ 
mittelbare  Erhaltungsgefährdung  bewirkt. 

>ntinuität  des  Idioplasmas  —  die  Lehre  Weis  man  ms, 
nach  der  der  Leib  des  Individuums  nicht  aus  sich  heraus  eine  neue 
Erbsubstanz  (Idioplasma)  bildet,  sondern  nach  der  die  Erbsubstanz 


eines  Individuums  ein  unmittelbarer  Abkömmling  der  Erbsubstanzen 
der  Eltern  ist,  so  dass  das  entwickelte  Individuum  gleichsam  nur 
ein  Organ  zur  vorübergehenden  Beherbergung  und  Ernährung  der 
Erbmasse  darstellt. 

Kontraselektion  (P  1  o  e  t  z)  —  Gegenauslese,  widernatürliche 
Auslese;  Vermehrung  der  erblichen  Formen,  die  auf  die  Dauer  sich 
doch  nicht  erhalten  können,  bzw.  Verminderung  und  Aussterben  der 
auf  die  Dauer  besonders  erhaltungsgemässen  Erbstämme. 

Koppelung  —  die  Erscheinung,  dass  Erbanlagen,  die  nicht  zu  einem 
Paar  gehören  und  die  folglich  unabhängig  voneinander  vererben 
sollten  (vgl.  Mendel  sehe  Regeln),  die  Neigung  haben,  in  auf¬ 
einanderfolgenden  Generationen  häufiger  vereinigt  zu  bleiben,  als  der 
Wahrscheinlichkeit  nach  zu  erwarten  wäre,  d.  h.  also  häufiger  als 
in  50  Proz.  der  Fälle. 

Krankheit  —  ein  Leben  an  den  Grenzen  der  Anpassungsmöglich¬ 
keit  (Len  z). 

Lamarckismus  —  die  Lehre,  welche  die  Stammesentwicklung  der 
Lebewesendurch  die  phantastische  Annahme  einer  unbegrenztenFähig- 
keit  zu  zweckmässigen  Reaktionen  auf  alle  Umwelteinflüsse 
zu  erklären  versucht.  Eine  wichtige  (und  unhaltbare)  Voraussetzung 
dieser  Lehre  bildet  die  sog.  Vererbung  erworbener  Eigenschaften. 

m  e  n  d  e  1  n  —  ein  Merkmal  „mendelt“.  wenn  es  sich  entsprechend  dem 
Mendel  sehen  Gesetz  vererbt. 

Mendelsche  Vererbung  —  Vererbung  entsprechend  dem 
Mendel  sehen  Gesetz.  Soweit  wir  bis  jetzt  unterrichtet  sind,  ist 
alle. echte  Vererbung  Mendelsche  Vererbung. 

Mendelsches  Gesetz  —  jede  Erbanlage  hat  bei  jeder  Zeugung  die 
Wahrscheinlichkeit  'A,  auf  das  Kind  überzugehen.  Das  Gesetz  folgt 
aus  der  Tatsache,  dass  die  Vererbung  auf  Erbanlagepaaren  beruht, 
deren  Paarlinge  sich  bei  der  Bildung  der  reifen  Geschlechtszellen 
regelmässig  trennen  (vgl.  Erbanlagenpaare). 

Mendelsche  Regeln  —  die  von  Mendel  1865  entdeckten  Re¬ 
geln,  aus  denen  sich  das  Mendel  sehe  Gesetz  ableiten  lässt. 
1.  U  n  i  f  o  r  m  i  t  ä  t  s  r  e  g  e  1:  die  Individuen  der  ersten,  aus  der 
Kreuzung  reiner  Rassen  hervorgegangenen  Nachkommengeneration 
sind  untereinander  gleich.  2.  Spaltungsregel:  bei  den  Indi¬ 
viduen  der  zweiten  Nachkommengeneration  einer  solchen  Kreu¬ 
zung  kommen  die  Merkmale  beider  Grosseltern  (und  zwar  in  einem 
ganz  bestimmten  Zahlen  Verhältnis)  wieder  zum  Vorschein.  3.  Un¬ 
abhängigkeitsregel:  Unterscheiden  sich  die  zur  Kreuzung 
kommenden  Individuen  in  mehr  als  einem  Erbanlagenpaar,  so  ver¬ 
halten  sich  die  einzelnen  Erbanlagenpaare  mit  Bezug  auf  die  Spal¬ 
tungserscheinungen  unabhängig  voneinander.  Ausnahmen  von  dieser 
Regel  kommen  durch  die  Koppelung  zustande. 

Mendelsche  Proportionen  —  Mendel  sehe  Zahlenverhält¬ 
nisse.  Das  Verhältnis  der  behafteten  zu  den  nichtbehafteten  Indi¬ 
viduen,  das  sich  auf  Grund  der  Men  de  Ischen  Vererbung  für  die 
Nachkommen  eines  bezüglich  seiner  Erbanlagen  bekannten  Eltern¬ 
paares  berechnen  lässt. 

Mixovariation  (Baur)  [abgekürzt :  M  i  x  a  t  i  o  n]  —  Variation,  die 
durch  das  Zusammenspiel,  durch  eine  bestimmte  Mischung  der  Erb¬ 
anlagen  bedingt  ist. 

Modifikation  (Baur)  =  Paravariation. 

Modifikation,  induzierte  (Reichenbach)  =  Dauermodi¬ 
fikation. 

Modifikationsfaktoren  —  Erbanlagen,  die  andere,  nicht  zum 
gleichen  Anlagenpaar  gehörende  Anlagen  in  ihrer  Entfaltung  be¬ 
einflussen. 

m  o  n  o  h  y  b  r  i  d  —  von  Bastardnatur  in  bezug  auf  ein  Erbanlagenpaar 
(vgl.  hybrid). 

m  o  n  o  i  d  —  von  einer  Erbanlage  (Id)  abhängig. 

Mutation  (d  e  V  r  i  e  s.  Baur)  =  Idiovariation. 

Nachwirkung  einer  Modifikation  (Baur)  =  Paraphorie. 

Parakinese  (Siemens)  —  Nebenänderung;  Bezeichnung  für  die 
Ursachen  der  Aenderung  eines  Lebewesens  in  nichterblicher  Weise. 
Das  Resultat  der  Parakinese  ist  die  Paravariation. 

parakinetische  Faktoren  (Siemens)  —  nebenändernde  Fak¬ 
toren;  Einflüsse  der  Umwelt,  welche  das  Auftreten  von  nichterblichen 
Merkmalen  (Paravariationen)  verursachen. 

Paraphorie  (Siemens)  —  Nachwirkung  von  Paravariationen  auf 
die  nächsten  Generationen. 

paratypisch  (Siemens)  —  nebenbildlich;  nicht  durch  die  Erb¬ 
anlagen,  sondern  durch  Umwelteinflüsse  bedingt,  nichterblich. 

Paratypus  (Siemens)  —  Nebenbild:  Gesamtheit  der  nichterb- 
lichen  Merkmale  eines  Lebewesens. 

Para  Variation  [abgekürzt :  P  a  r  a  t  i  o  nl  (Siemens)  —  Neben¬ 
variation,  Nebenabweichung;  Abweichung,  die  nicht  durch  die  Erb¬ 
anlagen,  sondern  durch  Umweltfaktoren  bedingt  ist. 

peristatische  Faktoren  (Fischer)  —  die  Gesamtheit  der  Um¬ 
weltfaktoren,  also  idiokinetische  plus  parakinetische  Faktoren. 

phänotypisch  (Johannsen)  —  zum  Phänotypus  gehörig;  „rein 
phänotypisch“  ist  ein  Synonym  für  paratypisch. 

Phänotypus  (Johannsen)  —  Erscheinungsbild,  Merkmalsbild ; 
Gesamtheit  der  am  Individuum  realisierten  erblichen  (idiotypischen) 
und  nichterblichen  (paratypischen)  Merkmale. 

pleiotrope  Vererbung  (Plate)  —  vielmerkmalige  Vererbung 
(vgl.  polyphäne  Vererbung). 

polygene  Vererbung  —  vielanlagige  Vererbung  (vgl.  polyide 
Vererbung). 


5 


276 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


polyhybrid  —  von  Bastardnatur  in  bezug  auf  viele  Erbanlagen¬ 
paare  (vgl.  hybrid). 

polyide  Vererbung  (Siemens)  —  vielanlagige  Vererbung;  sie 
liegt  dann  vor.  wenn  ein  Merkmal  von  mehreren  oder  vielen  Erb¬ 
anlagepaaren  zugleich  in  höherem  Grade  abhängig  ist. 

Polymerie  —  meist  als  Synonym  von  Homomerie  gebraucht,  ge¬ 
legentlich  aber  auch  als  Synonym  von  Polyidie  (Vielanlagigkeit) 
(vgl.  polyide  Vererbung). 

polymorphe  Vererbung  —  verschiedenmerkmalige  Vererbung 
(vgl.  heterophäne  Vererbung). 

polyphäne  Vererbung  (Siemens)  —  vielmerkmalige  Ver¬ 
erbung;  eine  Erscheinung,  die  dann  gegeben  ist.  wenn  eine  Erb¬ 
anlage  mehrere  oder  viele  phänotypische  Merkmale  gleichzeitig  be¬ 
dingt. 

Population  (Johannsen)  —  Bestand  (von  Tieren  oder  Pflanzen). 
Bevölkerung,  Zeugungskreis;  Gemenge  verschiedener  Erbstämme. 

P  r  ä  i  n  d  u  k  t  i  o  n  —  ein  nur  noch  selten  gebrauchter  Begriff,  der  zum 
Teil  mit  dem  Begriff  der  Paraphorie  zusammenfällt. 

Proband  —  Ausgangsperson;  die  Person,  von  der  man  bei  Erfor¬ 
schung  eines  Verwandtenkreises  ausgegangen  ist. 

Probanden  metho  de  (W  e  i  n  b  e  r  g)  —  eine  statistische  Methode, 
mit  deren  Hilfe  sich  aus  der  Zahl  der  kranken  und  der  gesunden  Ge¬ 
schwister  von  Individuen,  die  mit  einem  bestimmten  erblichen  Lei¬ 
den  behaftet  sind,  die  wahre  Mendel  sehe  Proportion  (s.  d.)  bei 
diesem  Leiden  berechnen  lässt.  Findet  besonders  Verwendung  zum 
Nachweise  rezessiven  Erbgangs. 

Rasse  —  das  Wort  hat  zwei  Bedeutungen:  1.  Systemrasse: 
naturwissenschaftlich-systematische  Unterabteilung  der  Art.  2.  V  i  - 
talVasse  (Ploetz):  die  überindividuelle  Einheit  dauernden  Le¬ 
bens,  die  durch  einen  miteinander  in  Zeugungsgemeinschaft  leben¬ 
den  Kreis  ähnlicher  Individuen  repräsentiert  wird;  der  dauernd  fort¬ 
lebende  Volkskörper. 

Rassenhygiene  (Ploetz)  —  die  Lehre  von  den  Bedingungen 
der  Erhaltung  und  der  bestmöglichen  Entwicklung  der  Rasse.  Man 
unterscheidet  eine  elimin  atorische,  geburtenhem¬ 
mende  Rassenhygiene  (Siemens),  weniger  zweckmässig 
als  negative  oder  englisch-amerikanische  Rassenhygiene  bezeichnet, 
von  einer  elektiven,  geburtenfördernden  Rassen¬ 
hygiene  (Siemens),  die  gewöhnlich  positive  oder  deutsche 
Rassenhygiene  genannt  wird.  Die  eliminatorische  Rassenhygiene 
sucht  ihr  Ziel  durch  möglichste  Hemmung  der  Fortpflanzung  der 
Kranken  und  Minderwertigen  zu  erreichen,  die  elektive  durch  mög¬ 
lichste  Förderung  der  Fruchtbarkeit  der  Gesunden  und  Leistungs¬ 
fähigen. 

Reduktionsteilung  — eine  Zellteilung  bei  der  Geschlechtszellen- 
biidung,  durch  die  aus  der  diploiden,  unreifen  Geschlechtszelle  die 
haploide,  reife  Geschlechtszelle  wird.  Bei  dieser  Teilung  werden 

...  die  Chromosomen  halbiert,  d.  h.  die  Paarlinge  der  Chromosomen- 
bzw.  Erbanlagenpaare  trennen  sich  für  dauernd  voneinander;  auf 
ihr  beruht  deshalb  das  Grundprinzip  des  Mendel  sehen  Gesetzes, 
nach  dem  jede  Erbanlage  nur  die  Wahrscheinlichkeit  hat,  in  eine 
reife  Geschlechtszelle  hineinzugelangen. 

Reifungsteilungen  der  Geschlechtszellen  —  die  beiden  rasch 
hintereinander  folgenden  Zellteilungen,  durch  welche  die  reifen  Ge¬ 
schlechtszellen  entstehen;  die  letzte  der  beiden  Teilungen  wird  als 
Reduktionsteilung  bezeichnet. 

reine  Linie  (Johannsen)  —  die  durch  dauernde  ausschliessliche 
Selbstbefruchtung  eines  Lebewesens  erzielte  Nachkommenschaft. 
Die  Individuen  einer  reinen  Linie  stimmen  sämtlich  idiotypisch  mit¬ 
einander  vollkommen  überein,  gehören  also  sämtlich  zum  gleichen 
Erbstamm  (vgl  Klon). 

rezessiv  (Mendel)  —  überdeckbar,  überdeckt;  nur  anzuwenden, 
wenn  eine  Erbanlage  von  dem  zum  gleichen  Anlagenpaar  gehörenden 
Partner  überdeckt  wird  (vgl.  dagegen  hypostatisch).  Rezessive  Erb¬ 
anlagen  können  sich  daher  im  heterozygoten  Zustand  nicht  mani¬ 
festieren.  Gegensatz:  dominant. 

Rezessivität  (Mendel)  —  Ueberdeckbarkeit,  Ueberdecktheit,  La¬ 
tenz;  das  Verhalten  rezessiver  Erbanlagen. 

Selektion  —  Auslese;  Vermehrung  bzw.  Verminderung  bestimmter 
erblicher  Formen  durch  besonders  grosse  (Elektion),  bzw.  besonders 
geringe  (Elimination)  Fruchtbarkeit  derselben. 

Sippschaftstafel  —  methodische  Kombination  der  Aszendenz- 
mit  der  Deszendenztafel;  praktisch  im  allgemeinen  nicht  brauchbar. 

Soma  (Weis mann)  —  Körper,  als  Gegensatz  zur  Erbmasse  (Idio- 
plasma). 

Somation  (Plate)  —  eine  Variation,  die  sich  dem  Begriffe  nach 
im  wesentlichen  mit  der  Paravariation  deckt. 

Stammbaum  —  ein  nach  namensrechtlichem  Gesichtspunkt  her¬ 
gestellter  Ausschnitt  aus  der  Deszendenztafel  (s.  d.). 

Synapsis  —  gewöhnlich  als  Synonym  von  Syndese  gebraucht. 

S  y  n  d  e  s  e  —  die  bei  den  Reifungsteilungen  der  Geschlechtszellen  er¬ 
folgende  .paarweise  Zusammenlegung  der  Chromosome;  während  der 
Syndese  erfolgt  wahrscheinlich  der  Mendel  sehe  Austausch  der 
Erbanlagen. 

transformierende  Vererbung  —  verschiedenmerkmalige  Ver¬ 
erbung  (vgl.  heterophäne  Vererbung). 

Variation  —  Abweichung;  Abweichen  eines  Individuums  von  einem 
anderen  oder  von  der  Gruppe,  zu  der  es  gehört. 

Vererbung—  vgl.  Idiophorie. 


Verwandtschaftstafel  —  V-Tafel  —  jede  Form  tafelmässir 
genealogischer  Aufzeichnung,  insonderheit  die  Vereinigung  von  }\ 
zendenz-  und  Deszendenztafel. 
x-Chromosom  —  Geschlechtschromosom. 
y-Chromosom  —  die  Geschlechtschromosome  der  höheren  Tii 
sind  bei  einem  Geschlecht  paarig,  beim  anderen  unpaarig  vorhant 
(vgl.  Geschlechtschromosome).  Bei  vielen  Tieren  trifft  man  alp 
bei  dem  Geschlecht,  bei  dem  man  eigentlich  das  unpaare  Ck 
schlechtschromosom  erwarten  sollte,  doch  einen,  wenn  auch  kleiner 
Paarling  an;  dieser  Paarling  des  x-Chromosoms  wird  als  y-Chron 
som  bezeichnet. 

Zygote  —  die  befruchtete  Eizelle,  die  Ausgangszeile  eines  neu 
Lebewesens,  die  durch  Vereinigung  der  beiden  Gameten  (der  1 
und  Samenzelle),  d.  h.  also  durch  die  Vereinigung  der  beiden  h 
bierten  elterlichen  Erbmassen  entstanden  ist. 


Zu  Adolf  Kussmauls  100.  Geburtstage 

(am  22.  Februar  1922.) 

Von  Prof.  Dr.  W.  Fl  einer  in  Heidelberg. 

Der  Name  Adolf  Kussmaul  gehört  der  Geschichte  an,  als  c 
eines  der  grössten  Aerzte  und  berühmtesten  Kliniker  aller  Zeiten.  Dem  a 
den  Zeiten  der  Not  emporstrebenden  Mediziner  kann  er  ein  Symbol  sc 
für  die  Bedeutung  des  Spruches:  „Freie  Bahn  dem  Tüchtigen“,  de 
im  Altdeutschen  heisst  Kusso  der  Gute  oder  Tüchtige  und  Mulo  d 
Mutige  und  Mut  gehört  dazu,  sich  selbst  eine  Bahn  zu  brechen,  wo  ni 
eine  solche  nicht  schon  vorgezeichnet  findet.  Die  medizinischen  Träg 
des  Namens  K  u  s  s  m  a  u  1  sind  vorbildlich  in  dieser  Beziehung. 

Die  ärztliche  Begabung  stammt  vom  Grossvater  und  hat  sich  v 
Generation  zu  Generation  potenziert.  Er  war  Chirurgus,  d.  i.  Wundar 
in  Soellingen  bei  Durlach,  hat  aber  wohl  die  ganze  ärztliche  Praxis  i 
Dorfe  besorgt,  denn  studierte  Aerzte  wurden  aus  der  Stadt  nur  i 
äussersten  Notfall  zu  Hilfe  gerufen.  Er  starb  schon  im  40.  Lebensjah 
und  hinterliess  die  Witwe  mit  4  Kindern  in  ärmlichen  Verhältnisse 
Sein  ältester,  am  23.  Dezember  1790  geborene  Sohn  hat  sich  vom  arm' 
Bauernjungen,  der  seiner  Mutter  wacker  mithalf,  die  vaterlose  Fami 
tapfer  durchs  Leben  zu  schlagen,  zum  tüchtigen  Arzte  emporgearbeit 
und  sein  Enkel,  dessen  Manen  diese  Zeilen  gelten,  vom  einfachen  Lan 
arzt  zum  berühmten  Kliniker.  Lehrer  und  Erzieher  mehrerer  Gener 
tionen  von  Aerzten. 

In  den  prächtigen  „Jugenderinnerungen  eines  alten  Arztes“  schildc 
A.  Kuss  maul  den  erstaunlichen  Werdegang  seines  Vaters,  und  < 
klingt  es  fast  märchenhaft,  wie  der  gutmütige  Soellinger  Pfarrer  z 
fällig  bei  dem  eben  der  Volksschule  entwachsenen,  auf  der  Weide  d 
Kühe  hütenden  Knaben  einen  so  ungewöhnlichen  Trieb  zum  Lernen  ui 
ein  so  vorzügliches  Gedächtnis  entdeckte,  dass  er  sich  seiner  annahi 
ihm  lateinischen  Unterricht  erteilte  und  Lehrbücher  schenkte. 

Da  der  Knabe  aber  Wundarzt  werden  wollte,  wie  sein  Vater  ein 
war,  so  vermochte  der  Soellinger  Pfarrer  auch  seinen  Freund,  den  Amt 
chirurgus  in  Durlach  dazu,  jenen  in  der  Knochenlehre  und  in  den  A: 
fangsgründen  der  Anatomie,  auch  in  der  Verbandlehre  und  Wundbehan 
lung  zu  unterweisen. 

Nach  Beendigung  seiner  chirurgischen  Ausbildung  auf  der  von  Jo 
Pet.  Frank  begründeten  Schule  für  Hebammen  und  Wundärzte 
Bruchsal  legte  der  Vater  Kussmaul  1814  das  Staatsexamen 
Karlsruhe  ab  und  wurde  dann  Militärwundarzt  bei  den  badisch« 
Truppen  in  den  Befreiungskriegen.  Als  solcher  machte  er  die  Belag' 
rung  von  Kehl  und  Strassburg  mit  und  kam  bis  nach  Lothringen,  wo  ii 
der  Typhus  befiel.  Wieder  genesen,  erwarb  er  sich  durch  seine  chiru 
gische  Praxis  die  Mittel,  sich  in  Privatstunden  die  Kenntnisse  z: 
gymnasialen  Reifeprüfung  zu  verschaffen  und  auf  den  Universität« 
Heidelberg  und  Würzburg  Medizin  zu  studieren.  Im  Herbst  1820  leg 
er  in  Karlsruhe  das  Staatsexamen  für  innere  Medizin  ab  und  trat  dar 
als  „Arzt,  Wundarzt  und  Hebarzt“  in  den  badischen  Staatsdiens 
Unter  dem  Titel  eines  Grossherzoglichen  Stabsarztes  erhielt  er  d 
erste  Anstellung  als  Assistenzarzt  beim  Landamte  Karlsruhe  in  Grabe 
bei  Bruchsal;  aber  schon  1823  kam  die  Versetzung  als  Amtschirurgi 
nach  Emendingen  im  Breisgau,  1829  diejenige  als  Physikus  nach  Bo; 
berg  im  Taubergiund  und  zuletzt  1834  diejenige  nach  Wiesloch  b 
Heidelberg. 

Adolf  Kussmaul  kam  am  22.  II.  1822  in  Graben  zur  We 
Die  Erziehung  und  den  Unterricht  seines  Erstgeborenen  nahm  d. 
Vater  zunächst  selbst  in  die  Hand.  In  Boxberg  sollte  der  kleine  Add 
die  Volksschule  besuchen.  Der  einzige  Schulmeister  des  Ortes,  e' 
alter  Reitersmann,  der  die  Napoleonischen  Kriege  mitgemacht  hatt; 
war  aber  ein  kenntnisarmer,  gemütsroher  Mensch.  Als  der  Vater  dit| 
erkannt  hatte,  nahm  er  sein  hochbegabtes,  empfängliches  Kind  nach  kurz« 
Zeit  wieder  aus  der  Volksschule  und  unterrichtete  dasselbe,  wie  vorht 
schon  in  Emmendingen,  daheim  und  unterwegs  auf  der  Praxis. 

Mehr  als  der  Unterricht  in  den  üblichen  Schulfächern  interessier! 
den  Knaben  der  naturwissenschaftliche  Anschauungsunterricht  in  Gott«! 
freier  Natur:  er  lernte  schauen  und  die  Schönheit  der  Erde  und1  ihre 
Geschöpfe  bewundern  und  erkennen.  Die  „Scientia  amabilis“,  wie  si: 
der  Vater  ihn  durch  Sammeln,  Bestimmen  und  geordnetes  Einlege 
der  Pflanzen  in  das  Herbarium  lehrte,  schärfte  schon  das  Auge  de 
Knaben  für  künftige,  ärztliche  Diagnosen  —  die  Freude  an  den  Kinder 
Floras  ist  ihm  zeitlebens  geblieben. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


277 


Als  die  Regelmässigkeit  des  Unterrichts  mit  der  Zunahme  der  Praxis 
1  der  Amtsgeschäfte  des  Vaters  zu  leiden  anfing,  erbot  sich  der 
rrer  von  Schweigern  aus  Dankbarkeit  auszuhelfen.  Mit  dem  Schul- 
zchen  auf  dem  Rücken  trollte  sich  der  kleine  Adolf  des  Morgens 
gniigt  fünfmal  in  der  Woche  vom  Boxberger  Doktorhause  nach  dem 
rrhause  in  Schweigern  und  anfangs  ging  die  Sache  ganz  gut,  denn 
Weg  war  nicht  lang,  kaum  eine  halbe  Stunde.  Aber  von  Woche 
Woche  dehnte  er  sich  bis  schliesslich  die  Ankunft  in  Schweigern 
gegen  Mittag  und  die  Heimkehr  in  Boxberg  erst  gegen  Abend  er¬ 
de.  „Die  Landstrasse  liess  mich  nicht  los,  das  ganze  Naturreich 
schwor  sich,  mich  unterwegs  festzuhalten  und  wunderschöne  Herbst- 
e  spendeten  ihren  Segen  dazu!“ 

So  wurde  dann  das  ungebundene  Leben  auf  der  Landstrasse  ab¬ 
rochen  und  der  neunjährige  Knabe  aus  dem  Elternhause  in  Box- 
g  in  das  einige  Stunden  entfernt  gelegene  Pfarrhaus  in  Buch  am 
m  verbracht.  Die  Pfarrersleute  hatten  keine  Kinder  und  behandelten 
n  Zögling  wie  ihr  eigenes.  Einen  besseren  Erzieher,  als  den 
gen  und  nie  verdrossenen  Landpfarrer  hätte  er  nicht  haben  können. 
Unterricht  war  anregend  und  förderlich  und  die  gemeinsamen  Spa¬ 
gänge  ebenso  unterhaltend  als  nützlich.  Dazu  gab  es  im  Pfarrhause 
-  gute  Bibliothek,  die  den  jungen  Zögling  zeitweilig  zu  einer  fast 
ihrlichen  Lesewut  anregte.  Nie  war  das1  Leben  in  dem  welt- 
eschiedenen  Dörfchen  einförmig  und  langweilig:  es  brachte  dem 
dkind  die  Kenntnisse  einer  Menge  von  nützlichen  Dingen,  die  dem 
itkinde  häufig  zeitlebens  bis  zur  Lächerlichkeit  fremd  bleiben. 

Nach  zwei  eilend  dahingegangenen  Jahren  war  die  Zeit  zur  gym- 
ialen  Weiterbildung  gekommen.  Ungern  schied  der  junge  Kuss¬ 
ul  aus  dem  idyllischen  Pfarrhaus,  aus  dem  ihm  durch  Gewöhnung 
geregelte  Arbeit  ein  Segen  für  das  ganze  Leben  mitgegeben  wurde. 
Er  ahnte  seinen  Lebensweg  und  wusste,  was  er  werden  wollte, 
e  er  doch  an  seinem  Vater  und  an  seinem  theologischen  Erzieher 
le  Vorbilder.  „Mir  schien  der  Beruf  als  Landarzt  der  beste  .  . 
wollte  Landarzt  werden  und  schliesslich  Physikus.  wie  mein  Vater, 
stand  fest  bei  mir.  Nur  eine  Zeitlang  schwankte  ich,  ob  ich  niclit 
Beruf  eines  Landgeistichen  vorziehen  sollte,  nachdem  ich  den  kost¬ 
en  Frieden  des  Landpfarrhauses  gekostet,  wo  ich  wie  das  Kind  ge- 
en,  zwei  Jahre  lang  verweilt  hatte.  Doch  kehrte  ich  zu  meinem 
en  Vorsatz  zurück,  sobald  ich  wieder  meinen  Vater  ärztlich  wirken 
walten  sah.“ 

Kussmaul  besuchte  die  Lyzeen  zu  Wertheim,  Mannheim  und 

leiberg. 

So  lange  der  Vater  in  Boxberg  angestellt  war,  lag  Wertheim  am 
reinsten.  Aber  der  Sohn  fühlte  sich  in  der  anmutig  an  der  Mündung 
Tauber  in  den  Main  gelegenen  altehrwürdigen  Stadt  nicht  behaglich, 
derum  in  einem  Pfarrhause  untergebracht,  musste  er  sich  in  der 
erreichen  Familie  mit  den  Brosamen  von  Liebe  begnügen,  die  für 
„kleinen  Fremdling“  übrig  blieben  und  der  Pfarrer  selbst  küm- 
te  sich  in  seiner  kalten  Art  kaum  um  ihn. 

Glücklicherweise  dauerte  der  Aufenthalt  dort  nur  1  Jahr,  denn 
:m  1834  wurde  der  Vater  als  Physikus  nach  Wiesloch  in  der  Rhein- 
ie,  nahe  bei  Heidelberg  versetzt. 

Inzwischen  war  die  Zahl  der  Kinder  auf  7  angewachsen,  deren 
-hung  den  Eltern  grosse  Sorge  machte.  Um  diese  aber  zu  ermög- 
;n,  entschloss  sich  der  Vater  zu  einem  Opfer,  dessen  Grösse  nur 
ig  ermisst,  wer  den  mühseligen  Beruf  eines  Landarztes  kennt: 
erzichtete  auf  die  Bequemlichkeit  der  eigenen  Familie  und  schickte 
e  Frau  mit  den  Kindern  nach  Mannheim,  wo  diese  gute  Schulen 
ichen  konnten  und  blieb  allein  in  Wiesloch,  wo  er  sich  mit  mangel- 
ir  Bedienung  behalf.  Oft  vergingen  mehrere  Wochen,  bis  er  von 
:n  Geschäften  abkommen  konnte,  um  nach  Frau  und  Kindern  zu 
n.  Er  kam  fast  ausnahmlos  zu  Fuss,  als  guter  Fussgänger  ab- 
ende  Wege  in  den  ausgedehnten  Waldungen  der  Rheinebene  be¬ 
end.  Nur  in  den  Ferien  war  die  Familie  in  Wiesloch  vereinigt, 
m  1838  siedelte  die  Famile  nach  Heidelberg  über,  weil  dieses  viel 
r  bei  Wiesloch  lag,  als  Mannheim. 

Im  Wintersemester  1840/41  begann  A.  Kussmaul  das  medi- 
che  Studium  in  Heidelberg,  stolz  darauf,  von  nun  an  „als  freier 
der  eigenen  Kraft“  seine  Zukunft  selber  zu  schmieden. 

Die  medizinische  Fakultät  bestand  damals  aus  Tiedemann, 
Jgele,  C  h  e  1  i  u  s,  Puch  eit  und  Gmelin,  welchen  sich  im 
e  1844  noch  Henle  und  Pfeufer  hinzugesellten.  Tiede- 
i  n  hat  zusammen  mit  Gmelin  das  von  der  französischen  med. 
leime  preisgekrönte  Werk  „über  die  Verdauung“  geschrieben; 

2 ff  c  1  e  hat  die  Geburtshilfe  durch  die  Erfindung  seiner  Zange  human 
htet  und  besass  deshalb  Weltruf.  Chelius,  berühmt  durch  seine 
:re  Hand  und  seine  vornehme,  menschenfreundliche  Art,  war  der 
asser  eines  Handbuches  der  Chirurgie,  das  8  Auflagen  erlebte  und 
5  Handbuches  der  Augenheilkunde.  P  u  c  h  e  1 1  endlich  war  ein 
gelehrter  Herr,  der  an  umfassendem  Wissen  und  literarischer 
atbarkeit  von  wenig  Klinikern  erreicht  wurde.  Die  Universität  be- 
schon  seit  1817  drei  von  einander  getrennte  Kliniken,  eine  medi- 
cne  chirurgiseh-ophthalmologische  und  geburtshilfliche,  die  alle  im 
stallhof  untergebracht.  waren,  bis  1842  nur  die  geburtshilfliche  dort 
heb  und  die  chirurgisch-ophthalmologische  sowohl  als  auch  die 
zmische  in  das  ehemalige  Jesuitenseminar,  die  heutige  Kaserne, 
-gt  wurden.  Der  Anatomie  und  Physiologie  dienten,  wie  auch 
n  naturwissenschaftlichen  Anstalten,  das  Dominikanerkloster,  das 
*  e,r .Siegreiche  gestiftet  hat  und  jetzt  noch  Friedrichsbau  heisst. 
Mosterkirche  diente  dem  anatomischen  Unterricht  als  Seziersaal, 


das  Chor  als  helles  Amphitheater  war  Hörsaal  und  die  Sakristei  Leichen¬ 
kammer. 

Dahin  wanderte  alle  Morgen  Kussmaul  und  verblieb  tagsüber 
auf  dem  Präparierboden  oder  in  den  Hörsälen  und  abends  auf  der 
Bude  hinter  den  Büchern.  Auf  die  Dauer  jedoch  war  er  zum  Einsiedler 
nicht  geschaffen. 

Der  verlockende  Zauber,  der  auf  der  romantischen  Welt  des 
Burschentums  liegt,  erfasste  auch  ihn  und  als  die  Schwaben  ihn  keilten 
und  seine  Bedenken  über  die  Kleinheit  des  Taschengeldes  zerstreut 
hatten,  sprang  Küssmaul  noch  vor  Abschluss  des  Jahres  als  Fuchs 
ein  in  das  älteste  Heidelberger  Korps  —  die  Suevia  — ,  das  noch  heute 
fortbesteht.  Nun  wurde  auch  noch  der  Fechtboden  so  fleissig  besucht, 
dass  sich  der  Fuchs  schon  im  folgenden  Semester  zum  Burschen  heraus- 
paucken  konnte.  Kussmaul  muss  ein  guter  Schläger  gewesen  sein 
und  häufig  auf  der  Mensur  gestanden  haben  —  obgleich  er  in  seinen 
Jugenderinnerungen  nur  eine  erwähnt  und  zwar  diejenige  mit  dem 
damaligen  Vandalen  Rudolf  v.  Bennigsen  — ,  denn  allein  im  Sommer 
1842  wo  die  Zahl  der  Korpsburschen  der  Suevia  auf  6  zusammen¬ 
geschmolzen  war  und  jeder  derselben  in  der  Hetze,  welche  das  Korps 
Rhenania  mit  vier  anderen  gegen  die  alleinstehende  Suevia  veranlasst 
hatte,  musste  jeder  Schwabenbursche  zehnmal  losgehen. 

Nachdem  Kussmaul  zuletzt  noch  als  Senior  das  Korps  geleitet 
hatte,  wurde  er  inaktiv  und  unter  die  Ehrenmitglieder  der  Suevia  auf¬ 
genommen.  In  diesem  Verhältnis  dem  Korpsleben  fernerstehend,  be¬ 
gann  dessen  romantischer  Schimmer  vor  den  Augen  des  in  die  Kliniken 
vorgerückten  Mediziners  im  Vergleich  mit  dem  Ernste  der  Wirklichkeit 
und  den  Aufgaben  des  ärztlichen  Berufes  zu  verblassen.  Hierzu  kam 
dass  der  SC.  auf  der  angemassten  Suprematie  über  die  Wilden  beharrte, 
auch  dann  noch,  als  die  politische  Unzufriedenheit  in  ganz  Deutschland 
zu  einer  erstaunlichen  Höhe  angewachsen  war  und  die  allgemeine 
Erregung  auch  an  den  Universitäten,  zumal  in  Heidelberg,  hohe  Wogen 
r  u  n  c 6  überwiegende  Mehrzahl  der  Studenten  verlangte  eine  gründ¬ 
liche  Reform  des  Studentenlebens  und  trat  in  Opposition  zu  den  Korps 
gleiches  Recht  für  alle  fordernd. 

Kussmaul,  der  mit  lebhafter  Teilnahme  den  Gang  der  politischen 
Ereignisse  in  Deutschland  und  Frankreich  verfolgte  und  auf  der  Seite 
der  politischen  Opposition  stand,  konnte  folgerichtig  die  studentische 
nmht  verdammen,  da  sie  die  Grundsätze  des  Liberalismus  mit  jener 
tente  Auch  kam  er  auf  neutralen  Boden,  wie  ihn  botanische  Ausflüge 
die  klinische  Gemeinschaft  und  das  Zusammentreffen  in  Professoren¬ 
familien  gewährten,  angenehmen  Komilitonen  näher,  die  der  Reform¬ 
partei  angehörten,  lernte  sie  schätzen  und  ihre  Bestrebungen  würdigen, 
oo  entfremdete  er  sich  allmählich  dem  Korpswesen.  Es  entbehrte  der 
idealen  Ziele,  die  ein  frei  und  patriotisch  gesinntes  Herz  erstrebt:  die 
Burschenehre,  der  die  Corps  bestimmungsgemäss  ihre  blutigen  Opfer 
brachten,  wurde  ihm  unverständlich  und  die  Gunst,  deren  sie  sich  bei 
den  Regierungen  erfreuten,  verdächtig. 

So  kam  Kussmaul  noch  im  Beginn  des  letzten  klinischen  Se- 
mersters  mit  seinem  Freunde  Eduard  B  r  o  n  n  e  r  aus  Wiesloch  überein 
dass  es  eine  patriotische  Pflicht  sei,  die  studentische  Opposition  in 
ihren  Bestrebungen  zu  stützen  und  die  Spaltung  in  der  Studentenschaft 
zu  beseitigen.  Da  aber  der  SC.  alle  Reformbestrebungen  von  Einzelnen 
oder  von  Verbindungen  unter  dem  Vorwurf  der  Feigheit  oder  der 
Mensurscheu  mit  Forderungen  bekämpfte  und  zur  Mensur  zwang 
konnten  sich  —  wenigstens  für  den  Anfang  —  nur  Burschen  an  die 
Spitze  der  Bewegung  stellen,  welche  das  Waffenspiel  mitgemacht 
hatten  und  durch  ihre  Vergangenheit  über  jeden  Verdacht  der  Feigheit 
erhaben  waren.  Das  traf  zu  für  Kussmaul,  den  ehemaligen 
Schwabensenior,  seinen  Freund  Bronn1  er  und  noch  einige  andere 
Schwabenburschen. 

■  jüngesäumt  schieden  die  Freunde  in  Frieden  aus  der  Suevia  und 
gründeten  die  neue  Reformverblndüng  Alemannia,  welche  die  Farcen 
Gpld-Blau-Rot  trug,  die  blaugoldene  Pracht,  die  Scheffel  noch  „im 
Weiteren  d.  Gaudeamus,  „dem  Tode  nahe“  besungen  hat.  Die  Ale¬ 
mannia  sollte  keine  Waffenverbindüng  sein,  sondern  eine  Gesellschaft 
ehrenwerter  Burschen  mit  dem  Programme  Pflege  heiterer  Gesellschaft, 
guter  Bitten,  vaterländischer  Gesinnung,  wissenschaftlichen  Geistes  und 
Sorge  für  Kräftigung  des  Leibes  durch  Turnen  und  Fechten.  Rein  aus 
Pauk lu st  gestellte  Forderungen  sollten  durch  Ehrengerichte  entschieden 
und  abgewiesen  werden,  denn  Mensurfertigkeit  und  Ehrenhaftigkeit  sind 
verschiedene  Dinge. 

w  -Pvl  Name  und  die  Persönlichkeit  Kussmauls  galt  damals  in  der 
Heidelberger  Studentenschaft  so  viel,  dass  die  Alemannia  in  kurzer  Zeit 
auf  nahe  50  Mitglieder  heranwuchs.  Andere  Reformverbindungen 
s^.t°ssen  sich  ihr  an  und  bald  zählte  die  Opposition  doppelt  so  viel 
Mitglieder  wie  die  Korps:  sie  konnte  somit  die  Suprematie  der  Korps 
uberwinden. 

Damit  war  die  allgemeine  Studentenschaft  geschaffen, 
in  welcher  jeder  Student  als  gleichberechtigt  galt:  ein  Verdienst  Kuss- 
mauls,  das  ihm  zu  grosser  Ehre  gereicht  und  eines  der  schönsten 
Gesehichtsblätter  der  Heidelberger  Studentenschaft  bildet. 

io^?im.^lI*(Wesen  hat  aber  die  Reformbewegung  des  Wintersemesters 
1844/45  keinen  wesentlichen  Abbruch  getan,  denn  „mit  dem  braunen 
Sohne  Nubiens  wetteifert  der  studierende  Deutsche,  narbige  Abzeichen 
auf  dem  entstellten  Gesicht  zu  tragen“.  Bei  K  u  s  s  m  a  u  1  fehlten  die¬ 
selben.  denn  er  hat  nicht  bloss  Schlagen,  sondern  auch  Parieren  gelernt. 
Sein  Korpsleben  hat  ihn  nie  gereut  und  keiner  seiner  früheren  Korps- 
brüder  ist  ihm  Feind  geworden,  im  Gegenteil:  Freunde  fürs  ganze 
Leben  hat  er  ebenso  wie  im  Korps  auch  in  der  Reformverbindung  ge- 

5* 


278 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


wonnen  und  mit  ihnen  einen  goldenen  Schatz  an  freundlichen  Er¬ 
innerungen,  aus  welchem  er  noch  im  höchsten  Alter  schöpfen  konnte. 

Als  Gymnasiast  und  als  Student  hat  Kussmaul  gelegentlich 
seiner  Ferienbesuche  beim  Vater  die  botanisch  und  geologisch  inter¬ 
essante  Gegend  so  gut  kennen  lernen,  dass  er  auf  dessen  Wunsch  nn 
Sommersemester  1842  „eine  naturwissenschaftliche  Topographie  des 
Amtsbezirks  Wiesloch“  für  die  oberste  Sanitätsbehörde  des  Landes  aus¬ 
arbeiten  konnte.  , 

Ein  viel  erstaunlicherer  Beweis  für  die  Tatsache,  dass  das  Korps- 
leben  die  medizinische  Ausbildung  Kussmauls  in  keinei  Weise  be¬ 
einträchtigt  hat.  ist  aber  die  Lösung  der  medizinischen  Preisfrage 
1843/44.  Dieselbe  war  der  Augenheilkunde  entnommen,  die  C  heim  s 
mit  der  Chirurgie  gleichzeitig  vertrat  und  verlangte  eine  Wissenschaft- 
iiche  Untersuchung  der  Farbenerscheinungen  im  Grunde  des  Auges. 

In  der  Hauptsache  wünschte  C  h  e  1  i  u  s  aber  eine  kritische  Zusammen- 
Stellung  der  zahlreichen  Theorien  über  das  Wesen  des  Glaukoms. 

In  kühnem  Griff  hat  Kuss  maul  schon  beim  Studium  der  Litera¬ 
tur  die  Grundfrage  erfasst:  warum  erscheint  die.  normale  Pupille 
schwarz?  Diese  Erscheinung  war  so  selbstverständlich,  dass  bis  dahin 
noch  niemand  nach  ihrer  Ursache  gefragt  hatte.  Nun  sieht  man  aber 
auf  dem  Hintergrund  von  frisch  ausgeschnittenen  Augen  von  Schlac.it- 
tieren,  wenn  man  dieselben  unter  Wasser  betrachtet,  die  Gefasse  der 
Netzhaut  und  den  Eintritt  des  Sehnerven.  Kuss  maul  fand  bald  eine 
richtige  Erklärung  für  dieses  Phänomen  und  versuchte  dann  durch  Ein¬ 
schaltung  von  Linsen,  welche  ebenso  wie  das  Wasser  stärker  licht¬ 
brechend  waren  als  die  atmosphärische  Luft  und  deshalb  ihren  Brenn¬ 
punkt  nicht  in  der  Netzhaut,  sondern  vor  derselben  hatten,  den  Augen¬ 
hintergrund  sichtbar  zu  machen.  Das  heisst  mit  anderen  Worten: 
Kuss  maul,  der  Korpsstudent,  befasste  sich  mit  dem  Problem  eines 
Augenspiegels,  mit  dessen  Erfindung  er  eine  neue  Augenheil¬ 
kunde  schaffen  wollte.  Die  Erfindung  ist  ihm  nicht  geglückt  auch 
später  Brücke  und  Graefe  nicht,  erst  der  geniale  Helm  ho  1  tz 
brachte  hinter  die  stärker  lichtbrechende  Linse  vor  dem  Auge  den  durch¬ 
bohrten  Hohlspiegel  an,  der  es  ermöglichte,  den  Augenhintergrund  nell 
zu  erleuchten  und  somit  zu  übersehen. 

Trotzdem  bleibt  es  aber  das  allgemein  anerkannte  und  von  Bon¬ 
ders  besonders  gewürdigte  Verdienst  Kussmauls,  als  Erster  d:e 
Frage  aufgeworfen  und  formuliert  zu  haben,  warum  das  innere  Auge 
dunkel  erscheint  und  als  Erster  versucht  zu  haben,  aus  dem  Problem 
eines  Augenspiegels  Nutzen  für  die  Praxis  zu  ziehen. 

Die  Abhandlung  wurde  von  der  Fakultät  mit  grösstem  Lobe  über¬ 
schüttet  und  ihrem  Verfasser  einstimmig  der  Preis,  die  goldene  Karl- 
Friedrichsmedaille,  zuerteilt.  Sie  erschien  Ostern  1845  bei  .1.  Gross 
in  Heidelberg  unter  dem  Titel  „Die  Farbenerscheinungen  am  Grunde 
des  menschlichen  Auges“  und  mit  der  Widmung  „Meinem  Vater  P.  J. 
Kussmaul,  Grossherzogi.  bad.  Physikus  als  Zeichen  der  Liebe  und 

dankbaren  Verehrung“.  „ .  , 

Ausser  bei  C  h  e  1  i  u  s  stand  K  u  s  s  m  a  u  1  beim  alten  T  1  e  d  e  - 
mann,  dem  Anatomen  und  Physiologen,  in  besonderer- Gunst.  Am 
besten  erkannt  und  am  meisten  geschätzt  wurde  er  aber  von  dem, 
seine  Fakultätsgenossen  überragenden  N  a  e  g  e  1  e.  an  dessen  Klinik 
Kuss  maul  in  seinen  letzten  4  Semestern  als  Assistent  fungierte: 
er  riet  seinem  Schüler  in  väterlicher  Freundschaft,  sich  später  für 
Geburtshilfe  zu  habilitieren. 

Die  Pathologie  und  mit  ihr  die  interne  Klinik  befand  sich  damals 
im  Zustande  mächtig  fortschreitender  Entwicklung.  Kussmauls 
erster  klinischer  Lehrer  P  u  ch  e  1- 1,  der  neben  der  internen  Klinik  auch 
die  Poliklinik  leitete  und  durch  die  Aufstellung  des  Krankheitsbildes 
der  Perityphlitis  jetzt  noch  bekannt  ist,  stand  noch  im  wesentlichen 
in  der  ersten  symptomatischen  Periode  der  klinischen  Me¬ 
dizin.  Die  Diagnosen  wurden  den  Symptomenbildern,  welche  die  Kran¬ 
ken  darboten,  entnommen,  die  Krankheiten  ontologisch  als  be¬ 
stimmte  Wesen  aufgefasst  und  deren  Sitz  und  Ursache  nach  dem 
Vorbilde  Morgagnis  bei  Verstorbenen  durch  Sektionen  festzustellen 
versucht.  Mit  Perkussion  und  Auskultation  einigermasseti  vertraut, 
begann  aber  Puch  eit  doch  schon  anatomische  Diagnosen  zu  stellen 
und  vermochte  die  verschiedenen  Stadien  der  Pneunomie  und  diese 
selbst  von  Ergüssen  in  der  Brusthöhle  zu  unterscheiden.  Jedoch  mit 
der  Erkenntnis  der  Krankheitsursachen  war  es  damals  noch  schlecht 
bestellt:  nur  von  einigen  Hautkrankheiten  kannte  man  die  Erreger, 
z.  B.  Linnes  Sarkoptes  oder  Acarus  scabiei,  den  der  korsische  Student 
Renucci  in  den  charakteristischen  Gängen  in  der  Haut  Krätzekranker 
gefunden  und  den  Fadenpilz  Achorion,  den  Schönlein  beim  Favus 
entdeckt  hat.  Die  Seuchen  führte  P  u  c  h  e  1 1.  wie  alle  alten  Pathologen, 
noch  auf  bestimmte  Genien  zurück,  von  welchen,  ausser  dem  Genius 
epidemicus,  rheumaticus,  gastricus,  biliosus  und  nervosus  eine  ganze 
Menge  angenommen  wurde.  Erst  Heule,  ein  Schüler  des  berühmten 
Anatomen  und  Physiologen  Johannes  Müller,  sowie  Schwann, 
hat,  mit  des  letzteren  Zellenlehre  schon  in  Berlin  bekannt,  in 
seinen  „Pathologischen  Untersuchungen“  (1840)  —  auf  Grund  des  Nach¬ 
weises  des  Acarus,  des  Achorion  und  der  durch  Pilze  hervorgerufenen 
Muskardine  der  Seidenraupen  —  die  Theorie  auf-gestellt,  dass  kleinste, 
freilich  erst  noch  sichtbar  zu  machende  Lebewesen  den  miasmatischen 
und  kontagiösen  Seuchen  zugrunde  liegen. 

Nun  wurde  He  nie  fast  gleichzeitig  mit  Pfeufer  1844  von 
Zürich  nach  Heidelberg  berufen,  ersterer  als  Ordinarius  für  Anatomie 
und  Physiologie  neben  Tiedemann  und  letzterer  als  2.  innerer 
Kliniker  u.  o.  Professor  der  Pathologie  neben  P  u  c  h  e  1 1. 

In  Zürich  hatten  sich  die  zwei  fast  gleichaltrigen  (bayerischen) 
Landsleute  befreundet  und  ein  Jahr  vor  ihrer  Uebersiedelung  nach 


Heidelberg  zur  Herausgabe  der  „Zeitschrift  für  rationel 
Medizi  n“  verbunden.  Schon  der  Titel  der  neuen  Zeitschrift  kla 
herausfordernd,  war  doch  auch  die  Medizin  der  älteren  Path 
löge  n  rationell,  d.  h.  vernünftig  und  einsichtig,  dem  Stande  ih 
Erkenntnis  entsprechend.  Aber  die  neue  Medizi  n  sollte  v 
Banne  der  Naturphilosophie,  der  Theosophie  und  des  Aberglauln 
befreit  werden  und  aus  einer  durch  Einsicht  geläutert 
Erfahrung  hervorgehen.  Diese  Einsicht  kann  sie  nur  erlan; 
durcii  genaue  klinische  Beobachtung  der  Kranken  mit  Hilfe  nat 
wissenschaftlicher,  physikalischer,  mikroskopischer,  chemischer,  ana 
mischer  und  physiologischer  Untersuchungen. 

Das  von  He  nie  geschriebene  Programm  der  Zeitschritt  für  ra 
ne  Ile  Medizin  „über  medizinische  Wissenschaft  und  Empirie“  wu 
von  der  medizinischen  Jugend  der  vormärzlichen  Zeit,  die  ein  f< 
schrittlicher.  kampflustiger  Geist  beseelte,  mit  Jubel  begrüsst. 
Hörsäle  von  Puch  eit  und  von  Tiedemann  in  Heidelberg  \ 
ödeten  in  demselben  Masse,  als  diejenigen  von  Pfeufer  und  Hei 
sich  füllten.  Auch  Kussmaul  hörte  noch  in  den  zwei  letzten 
mestern  vor  der  Staatsprüfung  Physiologie  und  allgemeine  Pathok 
bei  Henle  und  die  Klinik,  spezielle  Pathologie  und  Therapie  i 
Heilmittellehre  bei  Pfeufer;  man  muss  sich  nur  fragen,  wie  er 
Assistent  von  Na  eg  eie  die  Zeit  dazu  fand.  Nach  glücklich  best 
dener  Staatsprüfung  wurde  er  noch  klinischer  Assistent  bei  Pfeuf 
dessen  Persönlichkeit,  Lehr-  und  Heilmethode  ihn  mächtig  anzog. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Für  die  Praxis. 

Ueber  aktive  Paralysetherapie. 

Von  W.  Weygandt,  Hamburg-Friedrichsberg.  , 

Die  Paralyse  hat  seit  ihrem  Bekanntwerden  klinisch,  nosologi 
ätiologisch,  diagnostisch  gewaltige  Wandlungen  erfahren1,  prognost 
und  therapeutisch  blieb  es  jedoch  im  wesentlichen  bei  dem  gleit, 
trostlosen  Ausblick:  noch  keinen  sah  ich  glücklich  enden.  W 
auch  in  den  Lehrbüchern  die  JMralyseprognose  vom  Tage  der  Diagno: 
Sicherstellung  ab  immer  auf  ein  Todesurteil  hinauslief,  haben  doch 
bestrebungen  nie  ganz  geschlummert. 

Jahrzehntelang  mühte  sich  die  Empirie  fruchtlos  mit  Mitteln 
vor  70  Jahren  etwa  Digitalis  oder  Nux  vomica.  während  in  den  f 
Jahren  die  Behandlung  mit  Tartarus  stibiatus  ein  gewisses  Ansi 
erlangte,  so  barbarisch  auch  die  oft  die  Schädelknochen  perforiert; 
Wirkung  erschien;  noch  1877  und  1880  wurde  sie  von  Ludwig  Me 
empfohlen,  der  8  von  15  Fällen  damit  geheilt  haben  wollte,  wäh 
Reye  1877  bei  seinen  Fällen  keinen  Erfolg  sah.  Auch  Arger 
nitricum  und  Aurum  cyanatum  spielten  zeitweise  eine  Rolle,  d> 
später  im  Experiment  eine  gewisse  spirochätizide  Wirkung  n 
gewiesen  werden  konnte.  I 

Therapeutische  Tätigkeit  muss  zwei  Bedenken  berücksichtn 
1.  Diagnostische  Sicherung.  Die  Abgrenzung  von  einer! 
mannigfachen-  Formen  der  Lues  cerebri,  der  prinzipielle  Heilungsü 
lichkeit  zuzugestehen  ist.  muss  klargestellt  sein.  Die  Serologie  ji 
bessere  Gewähr  als  die  bekannten  klinischen  Zeichen:  Bei  ParalysB 
im  Blut  Wassermann  bei1  0,2  gewöhnlich  -| — I — h  Komplement  1 
häufig,  Normalambozeptor  seltener;  Liquor  ist  klar,  selten  Stäube 
trübung.  Pleozytose  10—100,  selten  mehr  im  Kubikmillimeter,  und  fl 
grosse  und  kleine  Lymphozyten.  Plasmazellen,  neutrophile  und  eo» 
phile  Leukozyten,  Gitterzellen.  Fibroblasten;  Gesamteiweiss  er« 
Globulinreaktion  meist  +,  höchstens  -| — h  28  proz.  Fraktion  — ,  PS 
-H-;  Goldsol-  und  Mastixreaktion  zeigen  Paralysekurve;  Wasser:! 
bei  0,2  +++,  Hämolysinreaktion  zeigt  Normalambozeptor  in  81 
90  Proz.  +,  Komplementgehalt  selten.  Bei  Tabesparalyse  und  s| 
närerParalyse  sind  die  Befunde  schwächer.  Dagegen  bei  Lues  cerebp 
frischer  Meningitis:  im  Blut  Wassermann  0.2  +++,  Komplement: 
seltener  als  bei  Paralyse;  Liquor  oft  trübe,  gerinnt  leicht,  xal 
chrom  oder  klar  und  farblos;  starke  Pleozytose.  100 — 3000 
millimeter,  meist  grosse  und  kleine  Lymphozyten,  seltener  Phi 
zellen  und  Leukozyten;  Gesamteiweiss  stark  erhöht.  Globulinreal 
meist  +++,  bei  28  proz.  Fraktion  Opaleszenz  odler  schwach; 
Pand-y  +++;  Goldsol-  und  Mastixreaktion  zeigen  Lues-cej 
Kurve  oder  Meningitiskurve;  Wassermann  bei  0,2  meBstJ 
bei  0.5  schwach  +  oder  +.  bei  1,0  H — L  bis  H  I  K  HämolysinreaJI 
Normalambozeptor  -j-,  im  Stadium  schwerster  Entzündung  ist  | 
plement  vorhanden.  Bei  chronischer  Hirnlues  dieselben  Blutreakti 
Liquor  klar,  farblos,  durchsichtig,  ohne  Gerinnsel,  Pleozytose  1| 
oder  mehr,  meist  Lymphozyten,  Gesamteiweiss  nicht  oder  leicht  ei 
Globulinreaktion  schwach  +  bis  +,  33  proz.  Fraktion  negativ.  n 
schwach  +,  Goldsol-  und  Mastixreaktion  zeigen  Lues-cerebri-K' 
Wassermann  bei  0,2  — ,  bei  0,5  negativ  oder  +  bis  H  h  bei  1,(1 
bis  +++,  Hämolysinreaktion  — .  Bei  rein  endarteriitischer  Hu| 
sind  die  Liquorbefunde  meist  recht  gering.  N  o  g  u  c  h  i  s  Luetinre;: 
ist  bei  Lues  cerebri  meist  stark  positiv,  bei  Paralyse  nur  in  52  i 
vorhanden,  schwach  oder  mittelstark. 

Auch  die  Histologie  zeigt  einzelne  Fälle,  bei  denen  die  Scheid 
zwischen  Paralyse  und  Lues  cerebri  besonders  in  der  Form  einer - 
arteriitis  der  kleineren  Rindengefässe  ausserordentlich  schwer  zu  » 
ist,  so  von  Schröder  und  Jakob. 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


279 


2.  Spontane  B  e  s  s  e  r  u  n  g  bei  Paralyse  ist  geradezu  alltäglich ; 
staltsüberführung  mit  Bettruhe  beruhigt  oft  die  erregtesten  Paralysen, 
inchmal  reicht  schon  Bettruhe  im  Privathaushalt  aus.  In  Fried- 
isberg  wurden  1910  bis  1918  in  11,71  Proz.  von  875  Paralysefällen 
ontanrcmissionen  festgestellt,  die  freilich  hinsichtlich  Intensität  und 
uer  ungemein  verschieden  waren.  Im  allgemeinen  haben  erregte 
J  klassische  Fälle  bessere  Remissionsaussichten  als  die  dementen 
J  depressiven;  ungünstig  sind  die  kindlichen  Paralysen. 

Spontane  Heilungen,  wenigstens  ohne  Mitwirkung  einer  der 
neren  Behandlungsmethoden,  wurden  mehrfach  auch  in  neuerer  Zeit 
schrieben,  so  ein  Fall  von  T  u  c  z  e  k,  wo  Paralyse  mit  Dekubitus 
gnostiziert  war,  Pneumonie  und  nach  einem  Jahr  Besserung  er- 
gte,  worauf  er  geistesgesund  schien  und  beruflich  tätig  war;  nach 
Jahren  traten  tabische  Symptome  auf  und  erst  nach  14  Jahren 
nverere  Erscheinungen,  Schwachsinn  und  Tod;  Nissl  stellt  leichte 
ralytische  Hirnveränderungen  fest.  S  c  h  ii  1  e  erwähnte  einen  Para- 
iker,  der  nach  doppelseitiger  Pneumonie  und  Otitis  20  Jahre  gesund 
wesen  sei.  Dobrschansky  beschrieb  einen  Mann,  der  von  Para- 
;e  geheilt  entlassen  wurde,  nach  6  Jahren  Sepsis  durchmachte  und 
5t  nach  weiteren  9  Jahren  wieder  paralytisch  wurde  und  3  Jahre 
rauf  starb  mit  histologisch  typischem  Befunde.  Rubin  beschrieb  eine 
au,  die  nach  3  jähriger  Paralyse  12  Jahre  gesund  blieb,  dann  unter 
ralytischen  Zeichen  starb  und  histologisch  Paralyse  aufwies.  N  omn  e 
schrieb  5  Fälle,  doch  wurden  4  von  ihnen  durch  H  och  e  angezweifelt 
d  auch  der  5.  ist  noch  nicht  histologisch  untersucht.  Hoche  gibt 
rar  im  Prinzip  die  Heilbarkeit  jeder  Infektion  durch  einen  bekannten 
d  in  seinen  Lebensbedingungen  untersuchten  Erreger  zu,  will  aber 
>ch  keinen  Fall  geheilter  Paralyse  anerkennen  und  stellt  als  Voraus- 
tzung  dessen  5  scharfe  Bedingungen  auf:  1.  die  klinische  Diagnose 
.iss  gesichert  sein,  2.  ebenso  die  serologisch-zytologische,  3.  psychische 
iederherstellung  muss  für  Lebensdauer  vorliegen,  4.  Tod  darf  nicht  in 
iralyseverdächtigem  Zustande  erfolgen,  5.  die  Sektion  muss  Riick- 
ämde  des  früher  paralytischen,  zum  Stillstand  gekommenen  Prozesses 
ichweisen.  Will  man  die  Skepsis  auf  die  Spitze  treiben,  dann  müsste 
an  neben  1.  und  2.  noch  verlangen,  dass  histologisch  Paralyse  sicher 
tchgewiesen  sei  an  einem  intra  vitam  durch  Trepanation  entnommenen 
irnrindenstück,  wie  es  gelegentlich  bei  Fällen  unserer  Klinik  geschah. 

Nur  unter  diesen  Vorbehalten  können  wir  an  eine  aktive  Behand- 
ng  der  Paralyse  herantreten.  Vorerst  soll  aber  erinnert  werden,  dass 
ich  die  herkömmliche  symptomatische  Behandlung  zweifel- 
3  manchmal  remissionsbegünstigend  und  lebenverlängernd1  wirkt, 
ierher  gehört  die  Abtrennung  vom  erregenden  Milieu,  Ruhigstellung, 
sbesondere  Bettbehandlung,  Regelung  der  Ernährung,  Vorbeugung  des 
ekubitus.  Vor  allem  das  Dauerbad  kann  segensreich  wirken,  zur 
eruhigung  wie  zur  Dekubitusverhütung  und  -heilung.  Einer  meiner 
alle  war  verwirrt  und  äusserst  heftig  erregt,  beschädigte  sich  mehr- 
ch  selbst,  bekam  eine  Phlegmone  am  rechten  Arm,  deren  Verband 
■  immer  wieder  abriss,  verletzte  sich  am  Augenlid  und  Ohr,  erlitt 
eitere  Phlegmonen,  doch  gelang  es  im  monatelangen  Dauerbade  die 
zidierten  Wunden  zur  Heilung  und  den  Patienten  zur  Beruhigung  zu 
-ingen.  Ohne  diese  Behandlung  wäre  er  an  Sepsis  und  Erschöpfung 
[gründe  gegangen,  so  aber  erlebte  er  eine  Remission,  die  ihm 
l4  jährige  Berufstätigkeit  in  Freiheit  ermöglichte.  Gelegentlich  konnten 
ir  durch  das  Tag  und  Nacht  fast  2  Jahre  lang  durchgeführte  Dauerbad 
as  Leben  fristen,  was  unter  Umständen  für  die  Familie  des  Kranken 
on  grosser  Bedeutung  ist. 

Seit  den  sero-zytologischen  Feststellungen,  dem  experimentellen 
achweis  von  Himstörung  bei  mit  Spirochaete  pallida  geimpften  Tieren 
ad  Noguchis  Fund  des  Erregers  im  Paralytikerhirn  ist  die  Krank- 
eit  als  maligne  Luesform'  der  Diskussion  entrückt.  Das  Problem, 
'arum  von  allen  Luikern  nur  rund  5  Proz.  paralytisch  werden,  und 
wieweit  Virus  nervosus,  angeborene  oder  erworbene  Disposition 
ieran  beteiligt  ist,  steht  noch  in  lebhafter  Erörterung,  ebenso  die 
rage,  inwieweit  die  Spirochätentoxine  oder  die  lokale  Mikroorganis- 
lentätigkeit  die  Krankheitserscheinungen  bedingen.  Aber  für  eine 
ktive  Paralysebehandlung  ist  der  Angriffspunkt  gegeben  in  der  Be- 
ämpfung  einer  vorwiegend  die  Hirnrinde  treffenden,  im  Wesen 
lalignen,  progressiven  Störung  durch  Spirochaete  pallida  und  ihre 
’rodukte. 

Als  aktive  Therapie  kommt  in  Betracht  1.  spezifische 
ntiluische  Behandlung.  2.  nichtspezifische,  fieber- 
rregende  Behandlung;  in  letzterer  Hinsicht  a)  chemische 
toffe,  b)  Derivate  von  Infektionserregern,  c)  Ueber- 
ragung  von  Infektionskrankheiten.  Zunächst  sollen  die 
Üttel  einzeln,  nebenher  und  zum  Schluss  die  im  praktischen  Fall  oft 
ingebrachten  Kombinationen  erörtert  werden, 

Ueber  Quecksilber  gehen  die  Meinungen  weit  auseinander, 
omaczewski  mass  ihm  "direkt  bakterizide  Wirkung  bei,  Perutz, 
(reibich,  Neuber  nahmen  an,  dass  es  auf  die  Körperzellen  an- 
eizend  zur  Luesimmunkörperbildung  wirkt.  K  o  1 1  e  und  Ritz  be- 
onen,  dass  die  wirksame  Quecksilberdosis  sehr  nahe  der  tödlichen 
iegt.  Fürstner,  v.  Krafft-Ebing,  Obersteiner.  Kraepe- 
i  n,  B  u  c  h  h  o  1 1  z  u.  a.  warnen,  da  Paralytiker  nach  Hg-Kur  öfter 
aschen  Körperverfall  und  plötzlich  schwere  Erregung  zeigen.  Nonne 
‘mpfiehlt  Schmierkur,  indem  nach  4  Tagen  je  4  g  grauer  Salbe  ein 
Jade-  und1  ein  Ruhetag  folgt;  darauf  mtravenös  Salvarsan  0,3 — 0,4  ge¬ 
geben  wird;  nach  einem  Ruhetage  folgt  die  zweite  Tour;  insgesamt 
P—40  Einreibungen  und  4  g  Salvarsan.  Ziehen  empfiehlt  im  Prodro- 
nalstadium  energisch  Quecksilber,  im  vorgeschrittenen  wöchentlich  nur 
;twa  1—2  g  graue  Salbe.  P  i  1  c  z,  R  ä  c  k  e  u.  a.  haben  Besserungen 


gesehen;  v.  Wagner,  der  eine  Kombination  mit  Jod  und  kleinen 
Thyreoidindosen  empfahl,  sah  sogar  bei  dementen  Paralysen  öfter 
Besserung.  Marchand  sah  Besserung  durch  endolumbale  Ver¬ 
abreichung  von  0,002  Sublimat  mit  0,02  Jodkali  in  4  von  7  Fällen. 

Als  Ersatz  kommen  in  Betracht  intramuskuläre  Injektionen  von 
Kalomel  (5,0  mit  Natr.  chlor.  5,0,  Ag.  50,0,  Muc.  g.  arab.  2,5)  oder 
Ol.  cincreum  oder  Mercinol  oder  Novasurol  oder  Enesol  (salizylarsen- 
saures  Quecksilber)  oder  Richters  Kontraluesin  (kolloidales  Hg)  oder 
Hydrargyrum  succinirmidatum  (0,2  intramuskulär  25  mal). 

Jod’  kommt  nur  als  Unterstützung  anderer  Methoden  in  Betracht 
und  lässt  rückbildende  Wirkung  luischer  Gewebeprodukte  erwarten. 
F.  Klemperer  empfahl  intravenös  eine  10  proz.  Lösung  0,1  Jod- 
kalium  oder  Jodnatrium,  insgesamt  5 — 20  g. 

Silberpräparate  wirken  auf  Tiersyphilis  günstig,  so  gaben 
Ko  Ile  und  Ritz  Kollargol,  dessen  Heildosis  zur  Giftdosis  wie  1:3 
oder  1:4  steht.  Versuche  bei  Paralytikern  von  Stonkus  und 
Weichbrodt  waren  noch  nicht  ermutigend.  Methylenblau  und  Try- 
panblau  haben  bisher  versagt. 

Grosse  Hoffnungen  galten  dem  Salvarsan,  das  Ehrlich  als 
direkt  spirochätizid  bezeichnete  und  alsbald  mit  A 1 1  „beim  ersten 
Wetterleuchten  der  Paralyse“  empfahl.  Indes  haben  die  zahllosen  Ver¬ 
suche  einer  intravenösen  Salvarsanbehandlung  der  Paralyse  keine 
erkennbaren  Erfolge  gebracht;  gelegentlich  wurden  weitgehende  Re¬ 
missionen  dieser  Behandlung  zugeschrieben,  so  von  R  ä  c  k  e  und 
Rung  e.  Immerhin  kann  ich  intravenöse  Anwendung  dann  empfehlen, 
wenn  mit  anderen  Methoden,  insbesondere  der  noch  zu  besprechenden 
Impfling,  die  klinischen  und  die  Liquorsymptome  hochgradig  gebessert 
oder  beseitigt  sind,  aber  die  Serumreaktion  noch  stark  positiv  ist. 

Knauer  empfahl  Neosalvarsan  oder  Silbersalvarsan  (0,45  bis 
0,6)  in  die  Karotis  zu  injizieren  und  sah  dabei  klinische  und  Liquor¬ 
besserung.  Meggendorfer  wandte  die  Methode  in  unserer  Klinik 
bei  37  Paralytikern  etwa  200  mal  an,  ohne  direkte  Schädigung  der  Kran¬ 
ken,  doch  auch  ohne  wesentliche  Erfolge. 

Seit  1911  wird  Salvarsan  auch  endolumbal  gegeben,  so 
von  Marinesco,  Wechselmann,  Swift  und  E  1 1  i s  u.  a. ;  letz¬ 
tere  empfehlen,  nach  intravenöser  Verabreichung  von  0,3 — 0,4  Salvar¬ 
san  40  ccm  Blut  zu  zentrifugieren,  nach  24  Stunden  12  ccm  dieses 
Serums  mit  18  ccm  Kochsalzlösung  zu  mischen,  Vi  Stunde  auf  56  0  zu 
erwärmen  und  nach  Liquorentnahme  durch  die  Punktionsnadel  in  den 
Lumbalsack  zu  injizieren.  Wechselmann  gab  Neosalvarsan  0,001 
bis  0,003  direkt  endolumbal,  doch  beobachteten  manche  Forscher  hierauf 
bedenkliche  Folgen.  Sehr  ausgedehnte  Erfahrungen  gewann  Genne- 
r  i  c  h,  dessen  Methodik  ich  auch  für  die  einfachste  und  zweckmässigste 
halten  muss.  Es  werden  40 — 90  ccm  Liquor  in  die  Bürette  gelassen 
und  in  diese  eine  Lösung  von  0,00045  bis  höchstens  0,0018  Neosalvarsan 
eingetropft,  worauf  man  durch  Hebung  der  Bürette  die  Mischung  in 
den  Lumbalsack  zurückfliessen  lässt.  Man  kann  auch  grössere  Liquor¬ 
mengen,  bis  150  ccm  entnehmen,  giesst  davon  vor  der  Mischung  aber 
soviel  weg,  dass  nur  70 — 90  zur  Verwendung  kommen.  Bei  strenger 
Aseptik,  Ruhighaltung  des  Kranken  und  Tieflagerung  des  Kopfes  ver¬ 
tragen  Paralytiker  die  Prozedur  meist  recht  gut;  andere  Fälle,  wie 
auch  gelegentlich  sehr  gebesserte  Paralytiker,  verspüren  manchmal 
Beschwerden,  Temperatursteigerung,  Kopfschmerz,  Uebelkeit,  Er¬ 
brechen.  selbst  Krampfanfälle,  Blasenschwäche,  Beinschmerzen.  Gen- 
n  er  ich  injiziert  alle  2 — 3  Wochen,  ging  manchmal  bis  zu  30  endo- 
lumbalen  Injektionen  in  1(4  Jahren,  unter  Verwendung  von  insgesamt 
0,05345  Neosalvarsan  und  455,5  ccm  Liquor.  Damit  kombiniert  er  all¬ 
gemeine  Behandlung  mit  intravenösem  Salvarsan,  mehrere,  etwa 
6  Kuren  von  je  5 — 8  Injektionen  in  einer  Stärke  von  0,2 — 0,5,  ausser¬ 
dem  manchmal  noch  mehrere  Kalomel-  und  Jodkalikuren.  Er  empfiehlt 
diese  Behandlung  bei  frischen  Fällen  mit  lebhaften  Entzündungsvor¬ 
gängen  und  entsprechend  hohen  Zellwerten,  aber  nicht  sehr  starkem 
Wassermann,  und  warnt  vor  Anwendung  bei  Paralyse  vom  Lissauer- 
schen,  die  gesamte  Rinde  treffenden  Typ.  Auch  nach  dem  Verschwin¬ 
den  des  Liquorbefundes  empfiehlt  er  jedes  Vierteljahr  eine  Injektion. 
Von  38  seiner  Fälle  seien  18  sehr  gut  gebessert,  mit  normalen  geistigen 
Funktionen,  8  gut  gebessert,  7  mässig  und  5  unbeeinflusst  oder  ver¬ 
schlechtert.  Weniger  günstig  urteilen  andere  Autoren.  Nach  meinen 
Erfahrungen  sind  manchmal  Erfolge  unverkennbar,  doch  pflege  ich  die 
Methode  nur  anzuwenden  als  Ergänzung  der  Impfbehandlung  oder  in 
Fällen,  bei  denen  letztere  nicht  durchführbar  ist.  Wesentlich  erfolg¬ 
reicher  ist  die  Methode  bei  Hirnsyphilis,  bei  der  ich  beispielsweise 
einen  auch  psychisch  schwer  angegriffenen  Fall  binnen  weniger  Monate 
durch  8  Lumbalinjektionen  von  2198/3  Zellen,  Globulinreaktion  H — h 
Wassermann  0,2  — b  auf  0/3  Zellen,  Spur  Opaleszenz,  Wassermann 
1,0  —  und  völlige  psychische  Intaktheit  gebracht  habe. 

Von  mancher  Seite  wurden  noch  heroischere  Methoden  zur  Hirn- 
salvarsanisation  empfohlen,  so  erwähnte  Gennerich  den  Subokzi¬ 
pitalstich  nach  Anton  als  beachtenswert  bei  schwerer  Rückenmarks¬ 
veränderung.  Marinesco  ging  intrazerebral  vor,  H  a  m  m  o  n  d, 
B  a  1 1  a  n  c  e  und  Campbell  gaben  durch  den  Balkenstich  Neosalvar¬ 
san,  B  e  r  i  e  1  injizierte  Salvarsanserum  durch  die  Fissura  orbitalis  Su¬ 
perior  und  Le  v  a  d  i  t  i,  Marie,  Märtel  gaben  durch  Stirnhirn¬ 
trepanation  subdural  salvarsanisiertes  Serum  oder  ein  Gemisch  von 
Krankenliquor  mit  dem  Serum  von  impfsyphilitischen,  salvarsanisierten 
Kaninchen.  Die  Erfolge  sind  keineswegs  so  bemerkenswert,  dass  sie 
zur  Uebernahme  des  erhöhten  Risikos  der  Methodik  ermutigen. 

Silbersalvarsannatrium  intravenös  14  Tage  lang  je  0,2  g,  nach  8  tägi¬ 
ger  Pause  wiederholt,  bewirkt  nach  Weichbrodt  erhebliche  Besse¬ 
rung  der  Pleozytose  und  der  Wassermannreaktion.  Aehnlich  wirkt  Sulfo- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


280 


Nr. 


xylat,  gebrauchsfertig  in  20proz.  Lösung  im  Handel;  2mal  wöchentlich  2,5 
bis  3  ccm  Lösung.  Letzteres  Mittel  kann  im  Notfall  auch  intramuskulär 
gegeben  werden,  da  es  nur  vorübergehend  entzündliche  Reizung,  aber 
keine  Nekrose  verursacht. 

Einverleibung  von  spezifischen  Immunkörpern  wie  auch  von  Lues¬ 
vakzinen  scheiterte  bisher  an  der  Schwierigkeit  der  Materialgewin¬ 
nung,  auch  der  Spirochätenzüchtung.  1909  versuchten  Browning 
und  Mackenzie  Paralytikern  ihr  eigenes  Serum  endolumbal  zu 
geben. 

Die  nichtspezifische  Paralysebehandlung,  eine  un¬ 
spezifische  Reiztherapie,  die  Umstellung  der  Körperabwehrkräfte  an- 
streb-t,  stützt  sich  auf  alte  Erfahrungen,  dass  Geisteskrankheiten  nach 
interkurrenten  fieberhaften  Erkrankungen  manchmal  in  Besserung  und 
Heilung  übergingen.  So  beschrieb  1786  Reuss  Heilung  der  Tobsucht 
durch  Pocken  und  1875  impfte  Rosenblum  22  Geisteskranke  mit 
Rekurrens,  von  denen  11  geheilt  worden  seien.  Nasse  hat  1870 
Besserung  von  Paralyse  durch  Malaria  beobachtet.  Nach  Erysipel, 
Scharlach,  Pneumonie,  Typhus,  Phlegmone  wurde  Besserung  oder  Still¬ 
stand  der  Paralyse  beschrieben.  Freilich  kam  auch  Paralyse  in  direktem 
Anschluss  an  fieberhafte  Erkrankungen  zur  Beobachtung. 

Von  chemischen  temperatursteigernden  Mitteln  wurde  viel¬ 
fach  Natrium  nucleinicum  verwandt,  2,0  mit  Natr.  chlorat.  2,0, 
gelöst  Aq.  100,0.  Donath,  der  Paralytikern  bei  Bettruhe  alle  5  bis 
7  Tage  50 — 100  ccm  jener  Lösung  injizierte,  worauf  nach  4 — 10  Stunden 
Temperaturen  von  durchschnittlich  38,5°  erfolgten,  stellte  Hyperleuko¬ 
zytose  von  durchschnittlich  23  000  fest  und  erzielte  bei  21  Fällen  in 
47,6  Proz.  wesentliche  Besserung  bis  zur  Arbeitsfähigkeit,  in  23,8  Proz. 
Besserung;  Dauer  der  Remission  bis  zu  3  Jahren.  Oskar  Fischer 
hatte  etwas  bescheidenere  Erfolge,  während  Kliene  berge  r, 
Löwenstein,  Plange,  Hauber  u.  a.  nur  unbedeutende  Ergeb¬ 
nisse  erzielten. 

Weich  brodt  setzte  Hoffnung  auf  die  Wirkung  hoher  Temperaturen 
und  konnte  bei  Lueskaninchen  durch  Erhitzung  im  Brutschrank  auf  42 
bis  45°  rektal  den  Schanker  zur  Heilung  bringen. 

Erfolgreicher  als  Fiebererzeugung  durch  Natr.  nucl.,  Quecksilber- 
nukle'in,  Albumosen,  Milch,  Chaulmoograöl  u.  a.  wirken  direkte  Bak¬ 
terienderivate.  Wagner  v.  Jauregg  versuchte  zunächst 
Pyozyaneus-  und  Streptokokkenkulturen  und  ging  1891  über  zu 
Tuberkulin.  1898  wandte  Friedländer  Typhuskulturen  an. 
Alttuberkulin  wird  zunächst  0,005  oder  0,01,  bei  Tuberkuloseverdächti- 
gen  0,001,  unter  die  Rückenhaut  gespritzt.  Erfolgt  Temperatur  von  mehr 
als  38,5°,  so  gibt  man  bei  der  nächsten  Injektion  dieselbe  Dosis;  bei 
38°  bis  38,5°  gibt  man  das  114  fache  der  vorigen  Dosis.  Alle  2  Tage 
wurde  injiziert  bis  schliesslich  0,1  und  selbst  1,0.  Pilcz,  F  ried¬ 
länder,  Cramer,  Eccard,  Tamburin  i,  Batistess  a. 
Pappenheim,  Volk,  Schacherl  u.  a.  haben  damit  gearbeitet, 
mehrfach  unter  Kombination,  v.  Wagner  selbst  gab  vor-  oder  nachher 
Hydr.  succin.  0,2  25  mal  oder  Schmierkur,  3 — 4  g  graue  Salbe  30  mal, 
ferner  intravenöse  Injektion  von  B  e  s  r  e  dk  a  schem  Typhusimpfstoff, 
25  Millionen  Keime  =  0,1  ccm  der  schwächeren  Vakzine,  mit  allmäh¬ 
licher  Steigerung,  ähnlich  wie  Tuberkulin.  Die  Erfolge  sind,  auch  nach 
meinen  Erfahrungen,  besser  als  bei  Natr.  nucl.;  Pilcz  berichtete  1911, 
dass  23  von  86  Fällen  wieder  berufsfähig  wurden.  Die  Kur  lässt  sich 
wiederholen. 

1917  hat  v.  Wagner  mehrere  Paralytiker  mit  Malaria  geimpft. 
Als  mir  Frühjahr  1919  Mühlens  vom  Tropeninstitut  Impfstoff  von 
Malaria  und  Rekurrens  freundlichst  zur  Verfügung  stellte,  begann  ich 
bei  einer  grossen  Reihe  von  Kranken  Impfungen  mit  Malaria  tertiana, 
tropica,  quartana  und  mit  Rekurrens  vorzunehmen.  Die  Erfolge  dieser, 
auch  von  Weichbrodt  in  Frankfurt  und  von  Plaut  und  Steiner 
in  München,  später  auch  von  Nonne  aufgenommenen  Impfungen 
sind  nach  Häufigkeit,  Intensität  und  Dauer  der  Wirkung  wesentlich 
günstiger,  als  bei  irgendeiner  anderen  Methode;  auch  wenn  man  an¬ 
gesichts  dpr  wenigen  Jahre  Beobachtungszeit  das  Wort  Heilung  ver¬ 
meidet,  sind  doch  sicher  ganz  ausgezeichnete,  bisher  unbekannte  Besse¬ 
rungen  erzielt.  Wir  injizieren  0,2  bis  2  ccm  des  der  Vene  eines 
malariafiebernden  Kranken  entnommenen  Blutes  in  oder  unter  die 
Haut  des  Armes  oder  Rückens  eines  Paralytikers;  intravenöse  An¬ 
wendung  kürzt  die  Inkubationszeit  ab.  Rekurrens  zeigte  keine  be¬ 
sonderen  Vorzüge,  auch  nicht  die  höchsten  Temperaturen;  am  rat¬ 
samsten  ist  Tertiana.  Bei  Hautimpfung  findet  man  Inkubationszeiten 
von  6  Tagen  bis  9  Yt  Wochen,  durchschnittlich  2  bis  3  Wochen.  Wir 
lassen  es  in  der  Regel  zu  6  bis  8,  gelegentlich  auch  mehr  Fieber- 
anfällen  kommen,  die  vielfach  41 0  übersteigen  und  vereinzelt  42 0  er¬ 
reichen;  meist  ergibt  sich  der  Quotidianatypus.  Sodann  wird  Chinin 
gegeben,  das  wirksamer  erschien  als  bei  natürlich  erworbener  Malaria. 
Man  gibt  3  Tage  lang  2  mal  0,5  Chinin,  mur.,  darauf  noch  mehrere  Tage 
einmal  0,5  Chinin,  mur.;  das  Chinin  lässt  sich  auch  intravenös  geben. 
Oder  man  gibt  täglich  0,5  Chin.  mur.  6  Tage  lang,  darauf  7  Tage 
Pause,  dann  6  Tage  0,5,  sodann  Pause  usw.,  bis  insgesamt  10  g. 
Erscheint  möglichst  sofortige  Kupferung  des  Fiebers  angebracht, 
so  gibt  man  1  g  Chinin-Urethan  intraglutäal.  In  unserer  Klinik 
sind  zurzeit  150  Fälle  mit  der  Impfmethode  behandelt.  Bei  51 
ist  die  Impfkur  seit  1/4  Jahren  beendet,  bei  weiteren  26  seit 
1  Jahr.  Von  den  51  stehen  15  in  voller  Berufstätigkeit;  15  sind  berufs¬ 
tätig,  doch  bestehen  leichte  Defekte;  7  sind  psychisch  geschwächt, 
doch  noch  arbeitsfähig;  7  sind  unverändert  und  7  sind  gestorben.  Re¬ 
missionen  traten  also  ein  in  72,5  Proz.,  dabei  sind  die  meisten  Re¬ 
missionen  intensiver  und  auch  jetzt  bereits  von  längerer  Dauer  als 
die  spontanen  Remissionen  und  auch  als  die  durch  andere  Kuren  er¬ 


zielten  Remissionen.  Wenn  man,  wie  Kirschbaum  berechne 
Aussichten  auf  Spontanremission  in  11,7  Proz.  annimmt  und  uns« 
Fälle  als  teilweise  ausgewählt,  frisch  erkrankt  und  von  kräftiger  Kc 
stitution  betrachtet,  müssen  doch  40  Proz.  nur  auf  Rechnung  der  K 
gesetzt  werden.  Ebenso  günstig  sind  die  Ergebnisse  der  seit  eim 
Jahre  behandelten  wie  auch  der  späteren  Fälle.  Die  Besserungen  si 
beurteilt  nach  klinischen,  psychologischen  und  sozialen  Gesichtspunkt! 
insbesondere  hinsichtlich  der  Arbeitsfähigkeit.  Manche  Symptome  v 
Pupillenstarre  und  -differenz,  W  e  s  t  p  h  a  1  sches  Zeichen  und  die  sei 
zytologischen  Befunde  sind  dabei  manchmal  geblieben,  mehrfach  au 
geschwunden,  aber  keinesfalls  immer  streng  parallel  der  Berufsfähigkt 
Es  handelt  sich  bei  den  Erfolgen  nicht  nur  um  klassische  und  erreg 
Formen,  sondern  auch  um  demente  und  depressive.  Die  Todesfä 
erfolgen  meist  interkurrent,  keinesfalls  war  den  Impfparasiten  seil 
die  Ursache  zuzurechnen,  es  fanden  sich  weder  Plasmodien  noch  C 
meten;  eiilmal  lag  eine  uns  vorher  nicht  bekannt  gegebene  Chin; 
idiosynkrasie  vor  und  einmal  schien  Herzschwäche  infolge  der  Te; 
peratursteigerung  zum  Exitus  beigetragen  zu  haben.  Die  besten  Ai 
sichten  haben  Fälle  in  jüngeren  Lebensjahren,  von  rüstiger  Körpi 
beschaffenheit  und  möglichst  frisch  nach  dem  Ausbruch  der  Paraly; 
Das  einem  fiebernden  Malariakranken  entnommene  Blut  bleibt  defib 
niert  und  bei  Körperwärme  3  Stunden  zur  Impfung  verwendbar.  T 
Methode  ist  daher  nicht  allenthalben  anwendbar,  sondern  nur  da,  \ 
Impfstoff  zur  Verfügung  ist;  zweckmässig  kann  man  bei  grösst 
Material  von  einem  Paralytiker  zum  andern  fortzüchten,  so  dass  ze 
weise  immer  wieder  Impfstoff  vorliegt.  Unter  Kautelen  ist  die  Methcx 
wie  auch  Mühlens  auf  Grund  seiner  parasitologischen  Prüfung  d 
Fälle  betont,  ungefährlich.  Man  muss  nur  Rücksicht  auf  das  He 
nehmen,  rechtzeitig  die  Malaria  durch  Chinin,  auch  Salvarsan  od 
Methylenblau  kupieren,  häufig  das  Blut  kontrollieren  und  darauf  acht« 
dass  nicht  in  der  Umgebung  Anopheles  sind1,  die  die  Malaria  weit« 
tragen  könnten.  Die  günstige  Wirkung  kann  wenige  Wochen  na 
der  Impfung  eintreten,  manchmal  aber  auch  erst  nach  einer  Reihe  v 
Monaten.  Nur  bei  einem  Falle  trat  ein  leichter  Rückfall  ein,  do 
reagierte  er  günstig  auf  erneute  Impfung.  Gelegentlich  wurden  au 
3  Impfungen  vorgenommen.  2  Fälle  seien  kurz  skizziert: 

Ein  38  jähr.  Kaufmann  war  plötzlich  erkrankt.  Wassermannblut  0,2  + 
Liquor  0,5  4 — I — b,  Zellzahl  83/3,  Globulin  4 — b,  Weichbrodt  4 — 1 — b,  Mast 
reaktion  paralytisch;  Pupillen  ungleich,  verzogen,  linke  reagiert  auf  Lic 
unausgiebig,  Zittern  der  Zunge  und  Hände,  Sehnenreflexe  lebhaft,  artiku 
torische  Sprachstörung,  Schriftstörung;  Euphorie,  Grössenideen,  Verschw« 
dungssucht,  Reisedrang,  heftige  Erregung.  Tertianaimpfung  intravenc 
12  Fieberanfälle;  der  letzte  noch  nach  Beginn  der  Chininbehandlung,  auf  41 
Darauf  Besserung,  psychologisch  und  klinisch  symptomfrei,  volle  Einsic 
hat  auf  Reisen  im  Ausland  erfolgreich  neue  Geschäftsverbindungen  geschafft 
Zurzeit  Zellzahl  8/3,  Globulin  Spur,  Weichbrodt  4",  Wassermann  Liquor  0,5  - 
1,0  4-,  Wassermann  Blut  4 — b+. 

36  jähr.  Beamter,  Ende  1918  erkrankt,  Ende  1919  Anstaltsbehandlung,  C 
dächtnisschwäche,  Grössenideen,  Erregung,  alle  Reaktionen  positiv,  Anfa 
1920  Tropikaimpfung,  nach  einem  Monat  klinische  Besserung,  Sprache  wied 
nahezu  ganz  gut,  wurde  dienstfähig  als  Hafenaufseher. 

Bei  allen  Erfolgen  halte  ich  es  doch  für  ratsam,  noch  eine  Kon 
b  i  n  a  t  i  o  n  vorzunehmen,  entweder  mit  Salvarsan  und  Quecksilb« 
oder  besonders  mit  Tuberkulin,  auch  Typhusimpfstoff  oder  nicht  ba 
teriellen  Stoffen,  wie  Milch. 

Wahrscheinlichkeit  spricht  dafür,  dass  bei  der  Impfmethode  c 
unspezifische  Fieberreaktion  doch  Abwehrstoffbildung  veranlasst,  s 
weit  der  Organismus  noch  dazu  imstande  ist,  und  somit  die  infiltrativ 
Störungen  bekämpft  werden.  Als  Desiderat  ist  Mitverwertung  sp 
zifischer  Abwehrstoffe  zu  bezeichnen,  durch  die  die  anscheinend  toxis 
bedingten  Störungen,  wie  die  Parenchymdegeneration,  überwund1 
werden.  Zurzeit  muss  die  Impfmethode  als  die  ergiebigste  Par 
lysebehandlung  gelten,  so  dass  es  in  jedem  Einzelfalle  Pflicht  des  Arzt 
ist,  zu  erwägen,  ob  eine  solche  Kur  durchführbar  ist.  Besteht  kei 
Möglicheit,  so  sollte  wenigstens  eine  unspezifische  Reizmethode,  a 
empfehlenswertesten  Tuberkulinbehandlung,  vorgenommen  werden, 
Verbindung  mit  Salvarsan,  wenn  angängig  endolumbal.  Erst  we; 
diese  Methoden  in  einer  ihrer  Formen  einzeln  oder  kombiniert  durc 
geführt  sind  oder  der  Fall  von  vornherein  wegen  zu  vorgeschritten' 
Verfalls  oder  anderweitiger  Gebrechen,  wie  schwerer  Herz-  und  G 
fässerkrankung,  ausscheidet,  ist  man  berechtigt,  sich  mit  der  üblich 
symptomatischen  Therapie  bei  Paralyse  zu  bescheiden. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Immanuel  Kant:  Einführung  in  die  Kritik  der  reinen  Vernunft, 

neue  Form  gebracht  von  Georg  Deycke.  Verlegt  bei  Colema 
Lübeck. 

Der  bekannte  Forscher  Deycke  legt  nicht  ein  Buch  über  Kai 
vor,  sondern  einen  Versuch,  eine  der  Hauptschriften  Kants  oh1 
Aenderungen  und  Zusätze  in  unsere  heutige  Sprache  zu  übersetze 
Das  ist  nicht  nur  ein  schwieriges,  sondern  auch  ein  erstaunlich  kühn 
Unternehmen.  Wie  immer  bei  Kant  soll  in  Gebiete  des  menschlich' 
Denkens  eingedrungen  werden,  die  dem  täglichen  Leben  fernsteh«! 
dessen  Hauptbegriffe  also  in  der  Sprache  des  Alltags  fehlen.  So  hab« 
sich  denn  Kunstausdrücke  ausgebildet,  die  nicht  ohne  weiteres  vt 
ständlich  sind,  bei  demjenigen,  der  sie  kennt,  aber  eine  lange  Rei 
geschichtlich  festgelegter  schwingender  Apperzeptionen  wecken,  c 
mit  anderen  Worten  schlechterdings  nicht  geweckt  werden  könne 
Der,  der  sie  nicht  kennt,  befindet  sich  aber  einem  seltsamen  Kaude 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


281 


i.sch  lateinischer  und  griechischer  Brocken  gegenüber,  manchmal  nur 
i  ir  notdürftig  zusammengehalten  durch  deutsche  Satzbindemittel,  das 
!  ohne  näheres  Studium  ganz  unverständlich  bleiben  muss,  vor  allem 
n,  wenn  die  beiden  alten  Kultursprachen  ihm  nicht  geläufig  sind, 
das  geistige  Leben  des  deutschen  Volkes  werden  dadurch  die  Ur- 
riften  K  a  n  t  s  als  solche  und  unmittelbar  geradezu  belanglos.  Es 
i  fast  ausschliesslich  Schriften  über  Kant  und  die  Benutzung 
nt  scher  Begriffe  und  Formulierungen  innerhalb  weitester  Kreise 
eres  geistigen  Lebens,  die  den  Einfluss  dieses  grossen  Denkers 
das  Leben  des  Volkes  vermitteln. 

Es  muss  also  zweifellos  zugegeben  werden,  dass  eine  Uebersetzung 
i  Uebertragung  der  Kan  t  sehen  Urschriften  in  eine  lebende  Sprache 
der  grössten  Wichtigkeit  und  Tragweite  sein  könnte.  Nur  so  wäre 
inöglich,  dass  an  diesem  Schatz  tiefster  Gedanken  ein  ganzes  Volk 
nicht  nur  wenige  im  richtigen  Sinne  gelehrte  Männer  teilhaben.  Die 
sehe  Sprache  ist  so  reich,  dass  sie  dem  höchsten  Gedanken  lebendi- 
Ausdruck  zu  verleihen  vermag.  Erst  in  deutscher  Sprache  aus- 
irochen  ist  er  Eigentum  des  deutschen  Volkes  und  in  seine  geistige 
/egunig  lebendig  verwoben.  Dann  aber  kann  er  selbst  auch  um- 
altend  und  fördernd  auf  die  Sprache  und  das  tägliche  Leben  zurück- 
ren.  Die  Sprache  dichtet  ja  nicht  nur  für  uns,  sondern  sie  denkt 
h  für  uns,  weit  über  das  bewusste  Gestalten  hinaus.  Es  wäre  so 

1  aüch  noch  ein  weiterer,  damit  allerdings  eng  zusammenhängender 
eit  zu  gewinnen:  die  grossen  ethischen  Gedanken  der  Menschheit 

K  a  n  t  J ist  ja  in  letzter  Beziehung  überall  auf  ein  ethisches  Ziel 
estellt  bedürfen  geradezu  der  lebendigen  Gegenwirkung  des  ge- 
chenen  Wortes:  ihre  Formulierung  muss  wie  diejenige  des  Volks- 
;  und  des  Sprichworts  aus  dem  innersten  Lebensquell  eines  Volkes 
pringen,  die  persönliche  Enge  des  Einzelnen  abstreifen  können. 

Die  Wahl  der  Schrift  kann  als  eine  sehr  glückliche  bezeichnet 
ien.  Deycke  übersetzt  die  „Prolegomena  einer  jeden  künftigen 
aphysik,  die  als  Wissenschaft  wird  auftreten  können“,  also  eine 
immenfassung  der  Ergebnisse  seiner  Kritik  der  reinen  Vernunft,  mit 
Kant  dieses  gewaltige  Werk  „nicht  für  Lehrlinge,  sondern  für 
tige  Lehrer  übersichtlich  zu  machen  versucht  hat.  Die  Ueber- 
mg  zeigt  auf  den  ersten  Blick  die  Vertrautheit  mit  der  Gedanken- 
Kan.ts.  Die  schwerfälligen  langen  Perioden  sind  mit  grossem 
:hl?£  kürzere  Sätze  aufgelöst;  in  dem  ganzen  Buch  ist  kein 
wohnliches  Fremdwort  mehr  enthalten.  Notwendig  ist  damit  auch 
f.?1™"115  *echnicus  mit  seiner  fixierten  Bedeutung  ausgeschaltet, 
duckhch  auch  seine  Klippe  an  vielen  Stellen  umgangen  ist,  so 
en  doch  für  den  nicht  Bewanderten  Unverständlichkeiten  zurück, 
den  Wirkungskreis  des  Buches  schwer  beeinträchtigen  müssen, 
cke  übersetzt  z.  B.  das  Wort  Metaphysik  mit  Uebersinnenlehre; 

•  hier  aber  nicht  der  Umfang  und  Inhalt  dieses  Begriffes  näher 
tert  werden?  Für  den  Satz  Kants  „Metaphysische  Erkenntnis 
lauter  Urteile  a  priori  enthalten“,  setzt  Deycke:  „Uebersinnliche 
nntms  muss  lauter  unmittelbare  Urteile  enthalten.“  Damit  ist  zwar 
Wortlaut  nach  der  Terminus  technicus  vermieden  worden,  in  un- 
nbarem  Gewand  muss  er  aber  ebensogut  enthalten  sein,  wenn  der 
einen  streng  definierbaren  Sinn  haben  soll.  Es  ist  selbstverständ- 
dass  sich  solche  Beispiele  in  beträchtlicher  Anzahl  geben  lassen 
mochte  deshalb  für  eine  Neuauflage  doch  einen  Kommentar,  etwa 
r  Form  eines  im  Anhänge  gegebenen  Spezialwörterbuches,  für  not- 
!  *2  V.altfn'  und  zwar  gerade  deswegen,  weil  durch  die  Uebersetzung 
ewohnhehen  philosophischen  Wörterbücher  unbenützbar  geworden 

K  a  n  t  selbst  steht  mit  festen  markigen  Knochen  in  der  geistigen 
seiner  Zeit  und  ist  ohne  Kenntnis  ihrer  Probleme  und  der  ihm 
rgehenden  Lösungen  nur  sehr  teilweise  verständlich  wenn  auch 
leben  werden  darf,  dass  der  Ballast  historischen  Wissens,  der  dem 

2  alten  Begriffe  Eingearbeiteten  unvermeidlich  anhängt,  nicht 
4  und  unter  allen  Umständen  von  Vorteil  ist. 

he  neuen  Worte  sind  zum  Teil  ausserordentich  treffend,  und  das 
das  Deycke  sich  steckt,  die  starre  begriffliche  Schale  des  Klein- 
u  sprengen,  muss  die  wärmste  Anteilnahme  jedes  Nachdenkenden 
:ken.  Kant  sehe  Gedanken  sind  die  Unterlage  für  die  gesamte 
-nschaft  von  mehr  als  einem  Jahrhundert  nach  ihm  geworden, 
em  die  Form,  in  der  Kant  sie  gegeben  hat,  dem  Verständnis 
^gewöhnliche  Schwierigkeiten  bereitet  hat,  die  für  unsere  Zeit 

•  weiter  angewachsen  sind.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  ein 
tsches  Werk  sich  an  Gemeinverständlichkeit  nie  mit  den  Schriften 
i  vf  Bleichen  lässt.  Das  dürfte  aber  auch  nie  das  Ziel  sein. 

'  nachhaltige  und  gewissenhafte  Arbeit  wird  hier  Niemand  Einlass 

o  möge  denn  Deyckes  kühner  Versuch  möglichst  weite  Kreise 
7  Der  Leser  wird  wohl  nicht  selten  nach  dem  Kant  sehen 
t  und  dann  vielleicht  nach  einem  philosophischen  Wörterbuch 
n;  ln™er  wird  er  von  dem  Studium  dieser  Schrift,  die  S  c  h  o  p  e  n  - 
;r  als  die  schönste  Kants  bezeichnet  hat.  bereichert  sein. 

Karl  Ernst  Ranke. 

,  ,r  ^  u  *  ■  S  t  a  r  k  e :  Elemente  der  physiologischen  Chemie. 

>age.  Mit  15  Figuren  im  Text.  Leipzig,  Verlag  A.  Barth,  1921. 

Preis  50  M. 

1  dem  vorliegenden  Buch  wird  eine  Darstellung  vom  Stande  der 
»logischen  Chemie  zu  geben  versucht,  welche  nicht  ohne  Wider- 
U0*™  dai'f-  Denn  an  nicht  wenigen  Stellen  finden  sich  so  offen- 

•  na  schwere  Fehler,  dass  es  dem  Rezensenten  nicht  möglich  er- 
7  dieses  Lehrbuch  einem  Lernenden  zu  empfehlen.  Einige  Ein- 

n,  die  sich  der  Zahl  nach  leicht  noch  vermehren  Hessen,  mögen  I 


dieses  Urteil  belegen.  Seite  303:  Der  Mageninhalt,  „unreiner  Magensaft 
wie  ihn  die  klinischen  Prozeduren  liefern“,  enthält  keine  freie  Salz¬ 
säure;  denn  mindestens  zwei  Eigenschaften  der  letzteren  fehlen  ihm. 
S.  351 .  Das  spezifische  Gewicht  des  Harns  wird  durch  eine  einzelne 
Zahl,  noch  dazu  mit  vierstelliger  Dezimale,  charakterisiert  ,  ein 
spezifisches  Durchschnittsgewicht  von  1,0175“.  S.  381:  Harnsäure 
Salze  reduzieren  die  Fehling  sehe  Lösung  (keine  wehere 
Angabe  wird  beigefügt;  man  denke  an  die  übliche  Methode  des 
Zuckernachweises  im  Harn!).  Die  Bezeichnungen  des  Gebietes  der 
Fermentlehre  werden  in  völlig  irreführender  Beziehung  zueinander  ge¬ 
setzt:  das  Trypsin  des  Pankreas  wird  als  „Diastase“  bezeichnet  (S.  332); 
ebenso  werden  das  Labferment,  das  Steapsin  und  die  Lezithinase  sowie 
zahlreiche  andere,  offenbar  nicht  zugehörige  Fermente  ständig  zu  den 
”  sJ?sen  *  gezählt  (S.  326  etc.).  Zymase  ist  nach  Starke  der  Be¬ 
griff  für  die  intrazellulären  Fermente  überhaupt,  während  demgegen- 
^er  J.'e  extrazellulären  Fermente  als  Enzyme  bezeichnet  werden 
IS.  119).  Auf  der  gleichen  Seite  findet  sich  z.  B.  folgender  Satz:  „Zy- 
masen  und  Enzyme  stimmen  in  den  charakteristischen  Diastaseeigen- 
schaften  so  vielfach  überein,  dass  wir  sie  im'  folgenden  gemeinschaftlich 
beschreiben  werden.“  Die  Einführung  in  die  Lehre  von  den  Kolloiden 
(S._  82— 84)  ist  ebenfalls  sehr  unglücklich;  eine  grosse  Rolle  spielen  da- 
bei  „die  künstlichen  Kolloide“,  von  denen  in  der  Kolloidchemie  selbst 
nichts  in  dem  vom  Verf.  ihnen  beigelegten  Sinne  bekannt  ist.  S  340 
wird  berichtet,  dass  „wenn  man  anstatt  der  Zellpresssäfte  den  aus  den 
Zellen  dargestellten  chemischen  Körper  Nukleohiston  selbst  auf  Zucker 
einwirken  lässt,  sich  aus  letzterem  Alkohol  und  Kohlensäuregas  bildet'4; 
wissenschaftlich  ist  hiervon  nichts  bekannt!  Der  Gefrierpunkt  des  Blu¬ 
tes  wird  (S.  213)  anstatt  bei  —0,55  bis  —0,58°  bei  —0,537°  als  normal 
angegeben.  In  einem  Buch,  welches  Anspruch  „auf  den  Charakter 
eines  kurzen,  klaren,  aber  immerhin  recht  vollständigen  Lehrbuches 
der  physiologischen  Chemie“  (vergl.  Vorwort!)  machen  will  dürften 
Angaben  wie  die  vorstehenden  nicht  enthalten  sein.  H.  Schade  -  Kiel. 

Dr.  J.  L.  E  n  t  r  e  s:  Zur  Klinik  und  Vererbung  der  Huntington- 
schen  Chorea.  149  S.  Berlin  1921.  Springer.  88  M 

Vorliegende  Monographie  ist  in  der  Reihe  der  von  R  ü  d  i  n  heraus- 
gegebenen  „Studien  über  Vererbung  und  Entstehung  geistiger  Stö- 
r.un®®  erschienen  und  aus  der  von  R  ü  d  i  n  geleiteten  genealogischen 
Abteilung  der  Deutschen  Forschungsanstalt  für  Psychiatrie  hervor¬ 
gegangen  der  wir  ausser  Rüdins  grundlegendem  Werk  auch  die 
wertvolle  Studie  von  Hoffman  n  über  die  Nachkommenschaft  bei 
endogenen  Psychosen  verdanken. 

Ausgehend  von  15  neu  beschriebenen  Fällen  hat  Entres  eine 
Reihe  sehr  instruktiver  Stammbäume  erforscht.  Der  Erbgang  entspricht 
in  allen  Familien  dem  sog.  einfach  dominanten.  Da  allerdings  homo- 
gametisch  mit  der  Anlage  behaftete  Individuen  nicht  gefunden  wurden 
so  käme,  wie  Ref.  hinzufügen  möchte,  auch  intermediäres  bzw.  inter- 
ferentes  Verhalten  in  Betracht,  im  Analogie  zu  den  Morgan  sehen 
Erfahrungen  an  Drosophila  sogar  mit  grösserer  Wahrscheinlichkeit  als 
eigentlich  dominantes.  Dieser  Unterschied  ist  allerdings  beim  Men- 
schen  mehr  von  theoretischer  als  praktischer  Bedeutung.  Isolierte  Fälle 
hat  tntre  s  bei  seinen  fast  ein  Jahrzehnt  hindurch  betriebenen  Nach¬ 
forschungen  überhaupt  nicht  aufgefunden.  Entres  zieht  mit  erfreu- 
iu  er  Bestimmtheit  auch  die  rassenhygienischen  Folgerungen  aus  seinen 
theoretischen  Ergebnissen;  u.  a.  fordert  er  die  Zulassung  des  künst- 
hchen  Abortes  für  die  Angehörigen  der  Choreatikerfamilien.  Die  solide 
und  bedeutungsvolle  Arbeit  darf  nicht  nur  die  Beachtung  der  Neuro¬ 
logen  und  Psychiater  fordern,  sondern  in  mindestens  ebenso  hohem 
urade  auch  das  allgemeine  Interesse  der  Aerzte  und  Hygieniker. 

Lenz-  München. 

O.  Cozzolino:  Lehrbuch  der  Pädiatrie.  3.  Aufl.  1.  Bd.  Neapel 
192 1.  571  S. 

Vorläufig  ist  erst  der  1.  Band  des  bekannten  italienischen  Lehr¬ 
buches  erschienen.  Er  enthält:  den  allgemeinen  Teil,  die  Säuglings- 
ernahrung,  die  Krankheiten  der  Neugeborenen,  die  akuten  Infektions¬ 
krankheiten  und  die  Erkrankungen  des  Verdauungsapparates.  Bei  der 
Durchsicht  der  einzelnen  Kapitel  gewinnt  man  den  Eindruck,  dass  es  sich 
H.™  ,eint  v5r<;reffliches’  gross  angelegtes,  ausserordentlich  gründliches 
Werk  handelt,  das  der  italienischen,  aber  nicht  minder  auch  der 
deutschen  Pädiatrie  alle  Ehre  macht.  Letzteres  empfindet  man  mit  be¬ 
sonderer  Genugtuung.  Das  Buch  steht  ganz  auf  der  Höhe  der  Zeit 
und  verrät  eine  geradezu  stupende  Literaturkenntnis  des  anscheinend 
mit  Bi.enenfleiss  ausgerüsteten  Autors.  Besonders  ausführlich  und  lehr- 
ieich  ist  der  grosse  Abschnitt  über  die  akuten  Infektionskrankheiten 
Bei  der  Betrachtungsweise  der  Ernährungsstörungen  baut  C.  auf  den 
Lehren  der  deutschen  Pädiatrie  auf,  -schlägt  aber  bei  der  Einteilung 
derselben  eigene  Wege  ein.  Die  Ausstattung  des  Buches  entspricht 
nicht  seinem  Inhalt.  M  o  r  o. 

Thoraxplastik  und  Skoliose  von  Dr.  Oskar  H  u  g  -  Zürich  Stutt¬ 
gart,  Verlag  von  Ferdinand  Enke,  1921.  Beilagenheft  der  Zeitschrift 
für  orthopädische  Chirurgie.  Band  XLII. 

Im  ersten  Teil  des  vorliegenden  Werkes  bespricht  Verfasser 
in  fesselnder  Weise  die  geschichtliche  Entwicklung  der  ganzen  Lungen¬ 
chirurgie.  Von  der  Freundschen  Mobilisationstherapie  —  aktive  Er- 
weiterung  der  Lunge  — ,  die  im  Gegensatz  zur  Immobilisationstherapie 
(runktionsausschaltung)  steht,  ausgehend,  wird  die  ganze  Pneumo¬ 
thoraxbehandlung  in  erschöpfender  Weise  behandelt:  die  Pneumo¬ 
lyse,  Lungenplomben  bei  Spitzentuberkulose,  die  Phreniko¬ 
tomie  bei  Lungeiibasistuberkulose,  um  dann  zu  den  die  Brustwand 


282 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  t 


verändernden  Eingriffen  der  Thorakoplastiken  überzugehen:  die  Tem¬ 
porärresektion,  ohne  Substanzverlust,  die  modellierende  Resektion  — 
die  Entfernung  der  lateralen  knöchernen  Brustwand  ,  die  Pleuropneu- 
molysis  thoracoplastica  nach  F  r  i  e  d  r  i  c  h  (Entknochung  der  mittleren 
und  unteren  Brustwand),  die  Willmsche  Pfeilerresektion  (partielle 
Entfernung  der  oberen  Rippen  im  Bereiche  der  1.— 8.  Rippe),  die 
Sauerbruch  sehe  Thorakoplastik  (Resektion  der  1.— 10.  Rippe  von 
12  cm  Länge  unter  Anwendung  des  Unterdruckverfahrens  in  Lokal¬ 
anästhesie). 

Der  zweite  Teil  behandelt  die  Folgeerscheinungen  an  1  horax 
und  Wirbelsäule  nach  operativen  Eingriffen  wegen  Lungenerkrankungen’, 
wobei  die  Intensität  des  Eingriffes  und  das  Alter,  resp.  Modellations- 
fälrigkeit  des  Skeletts,  die  ausschlaggebenden  Faktoren  sind.  Dieses 
Kapitel  ist  für  Phthisiologen,  Chirurgen  und  Orthopäden  gleich  inter¬ 
essant.  Praktisch  wichtig  ist  die  Korrektur  der  Thoraxwand  durch  die 
richtig  dosierte  Pneumothoraxbehandlung.  Der  Einfluss  des  Empyems 
auf  das  Skelett  ist  im  I.  Stadium  thoraxstützend,  deshalb  Konvexität 
nach  der  erkrankten  Seite.  Im  II.  Stadium  (Kollabierungsstadium)  Kon¬ 
vexität  nach  der  gesunden  Seite.  Je  nach  Zunahme  des  opeiativen 
Eingriffs  nach  Empyem  verändern  sich  die  statischen  Verhältnisse 
des  Rumpfskeletts.  Die  Skelettveränderungen  nach  Thorakoplastik 
wegen  Phthise  erfahren  an  der  Hand  von  22  operativen  Fällen  eine  ein¬ 
gehende  Kritik,  gute  Bilder  veranschaulichen  die  Resultate.  Die  post¬ 
thorakale  Skoliose  ist  eine  am  schnellsten  einsetzende.  Das  Maximum 
der  Eindellung  liegt  fast  immer  an*  dem  lateralen  oberen  Teil;  para¬ 
doxe  Atmung  bei  den  meisten  Patienten  durch  Ausschaltung  der 
Musculi  intercostales;  direkte  Veränderung  der  Thoraxwand;  konvexe 
seitliche  Abweichung  des  unteren  Stern umrandes,  Ausbildung  des  ge¬ 
sundseitigen  Empyems  und  dadurch  mangelhafter  Qasaustausch.  Ver¬ 
lagerung  des  Schultergürtels,  die  Skoliose  ist  immer  operationsseitig 
konvex  und  kyphosierend. 

Eine  eingehende  morphologische  Besprechung  der  Rumpf¬ 
muskulatur  und  ihre  Beziehung  zur  Wirbelsäulenverkrümmung  folgt 
diesen  Ausführungen. 

Im  III.  Teil  bespricht  Verfasser  die  biologischen  Grundlagen  der 
Skciiose  im  allgemeinen  und  sucht  ihre  entwicklungsgeschichtlichen 
Tatsachen  festzustellen,  die  an  der  Basis  der  Skoliose  wurzeln.  Er 
teilt  die  Skoliose  ein 

1.  in  postthorakoplastische  Skoliose  (Grund:  operative  Eingriffe), 

2.  in  habituelle  Skoliosen  (Grund;  die  durch  den  Schulbetrieb  ver¬ 
änderte  Lebensweise  des  Kindes), 

3.  in  rachitische  Skoliosen  und 

4.  angeborene  Skoliosen. 

Im  Rahmen  eines  kurzen  Referates  lässt  sich  leider  nur  streifen, 
was  der  Verfasser  in  einer  Fülle  von  äusserst  fesselnden  Gedanken¬ 
gängen  in  einem  232  Seiten  umfassenden  Werk  vorführt.  Der  Inhalt 
ist  für  den  Chirurgen,  den  Orthopäden  und  den  Phthisiologen  gleich 
wertvoll.  Die  Lebhaftigkeit  der  Sprache  bringt  den  Leser  auch-  über 
trockenes  Material  spielend  hinweg.  Man  legt  das  Buch  nicht  mehr 
gerne  weg,  wenn  man  einmal  angefangen  hat,  sich  in  seinen  Inhalt  zu 
vertiefen.  R.  P  iir  c kh  a  u  e  r- München. 

Gesammelte  Auszüge  aus  Dissertationen  an  der  medizinischen 
Fakultät  Köln  im  Jahre  1919/20.  Herausg.  von  Prof.  Dr.  A.  Dietrich- 

Bonn,  1921.  Verlag  von  A.  Marcus  &  E.  Weber  (Dr.  Albert  A  ii  n). 
268  Seiten  gr.  8.  25  M.  ungeb. 

Die  medizinischen  Doktorarbeiten  können  nicht  mehr  gedruckt 
werden,  es  werden  nur  mehr  ein  Paar  Schreibmasehinenexemplare  ab¬ 
gegeben.  Das  ist  eine  traurige  Sache,  denn  sie  ist  ein  Zeichen  der 
unerhörten  Not  Deutschlands  und  ganz  besonders  der  deutschen  Wissen¬ 
schaft.  Wenn  man  das  von  der  Kölner  Fakultät  herausgegebene  Buch 
mit  den  Auszügen  aus  115  Doktorarbeiten  durchblättert,  kann  man1  sich 
aber  des  Gedankens  nicht  erwehren,  dass  diese  Not  auch  etwas  Gutes 
mit  sich  bringt.  Gestehen  wir  es  ganz  offen;  die  meisten  Dissertationen 
waren  wirklich  nicht  wert,  in  der  bekannten  Breite  gedruckt  zu  werden 
und  auch  der  Gedanke,  diese  115  Kölner  Dissertationen  auf  einen  Hauten 
getürmt  zu  sehen  und  durchblättern  oder  gar  lesen  zu  müssen,  ver¬ 
ursacht  Alpdrücken.  So  aber,  auf  ein  und  zwei  Druckseiten  zusammen¬ 
gedrängt,  machen  sich  auch  die  „Fälle  von  . . .  “  ganz  nett,  man  freut 
sich  über  das  rege  Leben  in  der  Fakultät,  liest  vieles  mit  Befriedigung 
und  Gewinn.  Man  kommt  zu  dem  Schluss,  dass  dieses  neue  Verfahren 
eigentlich  ganz  ausgezeichnet  ist.  So  ist  das  Material  der  grossen  An¬ 
stalten  richtig  verwertet,  anspruchslos  gebracht,  aber  ausreichend  und 
übersichtlich.  Ein  Eingehen  auf  Einzelheiten  ist  natürlich  nicht  möglich, 
es  steckt  aber  viel  Interessantes  in  dem  Buch.  Dauernden  Wert  haben 
vor  allem  die  verschiedenen  Arbeiten  über  die  Kriegsgeschehnisse. 
Wünschenswert  wäre  bessere  Ordnung  der  Arbeiten  nach  Materie  und 
ein  Sachregister.  '  Kerschensteine  r. 

Kumbuke.  Erlebnisse  eines  Arztes  in  Deutsch-Ostafrika.  Von 
Arthur  Hauer.  Mit  8  farbigen  Tafeln  und  21  Tuschzeichnungen  von 
Curt  Gregorius.  1922.  Dom-Verlag,  Berlin.  329  S. 

Ein  stolzes,  schönes  und  wehmütiges  Buch.  Zum  friedlichsten 
Werke  ausgezogen,  mit  all  dem  Wagemut  und  der  Selbstlosigkeit  des 
deutschen  Arztes,  bekämpft  der  Verfasser  in  unserer  Kolonie  Deutsch- 
Ostafrika  die  Schlafkrankheit  und  all  die  anderen  der  Kultivierung  ent¬ 
gegenstehenden  tropischen  Krankheiten,  insbesondere  deren  Erreger, 
schweift  mit  frohem  Sinn  durch  die  unendlich  weiten  Lande  des  mär¬ 
chenhaften  Gebietes,  mit  offenen  Augen  für  alles,  was  die  zauberhafte 
Tier-  (Elefanten,  Nashorne,  Löwen  u.  a.)  und  Pflanzenwelt  in  erstaun¬ 


licher  Fülle  darbietet  ...  das  Herz  geht  dem  Leser  auf,  gepackt  vo 
unendlicher  Sehnsucht  nach  all  dem  Schönen  . . .  und  das  Herz  vei 
krampft  sich,  wenn  man  weiter  liest  von  den  unsagbaren  Muhsalen,  di 
der  Krieg  über  die  Kolonie  gebracht  hat.  Es  ziehen  die  schwere 
Kämpfe  der  Kolonisten  mit  den  feindlichen  Truppen  an  uns  vorüber 
die  treuen  Askaris,  in  ihrem  Heldentume  für  uns,  leben  in  dei 
Buche,  alles  geschaut  durch  die  Augen  des  ärztlichen  Verfassers.  1 
spannenden  Skizzen  stellt  der  Verfasser  in.  flottem  Stile  all  das  dai 
dann  erfahren  wir  von  den  schweren  Erkrankungen  des  Arzte 
selbst,  schliesslich  seine  Gefangenschaft  und  seinen  Transport  nac 
Indien  endlich  die  Heimfahrt  ins  unfrei  gewordene  Vaterland. 

Von  dem  Erleben  in  Deutsch-Ostafrika  möchte  man  gern 
noch  mehr  erfahren  und  miterleben,  und  um  ganz  in  jenei  zauberhafte 
Stimmung  zu  verbleiben,  möchte  man  gerne  den  Teil  der  Gefangen 
Schaft  in  Indien  und  die  Rückkehr  nach  Deutschland  für  ein  eigene 
Buch  reserviert  haben.  Die  Gesamtstimmung  wäre  einheitlicher.  Dt 
Buch  wird,  wie  für  uns  Erwachsene,  auch  für  unsere  reifere  .lugen 
ein  dankbares  Objekt  der  Empfehlung  sein.  Max  Nassauer. 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 


33. 


Vereinfachung  a 
lieferte  gegenub 
von  seltenen  Au 


Metalle  auf  die  Iminul 


Zeitschrift  für  Immunitätsforschung  und  experimentelle  Therapi 

Band,  Heft  1  (Auswahl). 

Gaethgens  -  Hamburg:  Beitrag  zur  Frage  der  Komplementauswertui 
bei  der  Wassermann  sehen  Reaktion.  .  t  • 

Verf.  hat  die  K  a  u  p  sehe  Modifikation  der  WaR.  mit  der  Origim 
methode  verglichen  und  eine  höhere  Empfindlichkeit  dei  ersten  feststcili 
können,  ohne  dass  die  Spezifität  in  irgendwie  nennenswerter,  Weise  litt,  t 
die  Komplementauswertung  gibt  er  eine  Modifikation  und 
die  ihm  ebenso  gute  Dienste  geleistet  hat.  Die  Methode 
der  Original-WaR.  10  Proz.  mehr  positive  Reaktionen,  die, 
nahmen  abgesehen,  spezifischer  Natur  waren. 

Hajos-Pest:  Ueber  die  Wirkung  der 

agglutination.  .  .  ,  ,  ,.  ,1 

Durch  stark  verdünnte  Metallsalzlösungen  wird  die  Immunagglutinatij 
gehemmt.  Am  stärksten  hemmte  das  TI.  Mg,  weniger  Zn,  Al.  Mn,  die  übrig) 
Metalle  haben  kaum  einen  Einfluss.  Die  Spuren  von  Metallen  konnten  , 
den  Metallbakterienaufschwemmungen  mit  mikrochemischen  Reaktionen  naej 
gewiesen  werden. 

E.  Fried  her  ge  r  und  K.  0  s  h  i  k  a  w  a  -  Greifswald:  Ueber  (j 
Wirkung  der  Einspritzung  von  Serum,  Toxinen  und  anderen  Giften  ln  c 
Karotis  zentralwärts  bei  verschiedenen  Tierarten. 

Wie  Forssmann  zuerst  gezeigt  hat,  entsteht  bei  Einspritzung  vj 
giftigen  Antibammel-Kaninchensera  in  die  Karotis  nach  dem  Herzen  zu  nie 
das  bei  intravenöser  Einspritzung  zu  beobachtende  Symptomenbild  dj 
Anaphylaxie,  sondern  ein  wesentlich  davon  abweichender  Symptome] 
komplex,  der  sich  hauptsächlich  in  Manege-  und  Rollbewegungen  äussert  u 
den  Forssmann  auf  eine  Affektion  des  Kleinhirns  zurückführt.  In  aij 
gedehnten  Nachuntersuchungen  unter  mannigfaltiger  Variation  der  B 
dingungen  konnten  Verfasser  diese  Resultate  bestätigen  und  eine  Anzahl  neij 
Ergebnisse  finden,  deren  Wiedergabe  hier  zu  weit  führen  würde, 
histologischer  Untersuchungen  (Schröder)  ergibt  sich,  dass 
Antiserum  nicht  im  Kleinhirn,  sondern  in  der  Medulla 
hier  schwere  Veränderungen  an  den  Kernen  setzt. 


Auf  Gru] 
das  gifti: 
oblongata  angreift  uj 


L.  Saathoff  -  Oberstdorf. 


Archiv  für  Verdauungskrankheiten  mit  Einschluss  der  Stoff weclis 
Pathologie  und  der  Diätetik,  redig.  von  Prof.  Dr.  J.  Boas.  Bd.  XXVI 
Heft  5/6.  j M 

F.  G  r  o  c  d  e  1  -  Frankfurt  a.  M.:  Zur  Magennomenklatur.  (Aus  cj 

Röntgenabteilung  am  Hospital  zum  Heiligen  Geist,  Frankfurt  a.  M.  Vorstaij 
Dr.  F.  M.  G  r  o  e  d  e  1.) 

Die  Abgrenzung  der  einzelnen  Magenabschnitte  müssen  wir  in  ers 
Linie  wohl  nach  röntgenologisch  erkennbarer  Morphologie  und  Funktion  v 
nehmen,  da  sie  allein  sich  intra  vitam  mit  Sicherheit  studieren  lassen,  wc 
auch  zuzugeben  ist,  dass  intra  vitam  und  post  mortem  ähnliche  Eormbihj 
vorhanden  sein  mögen.  Da  nun  der  anatomische  Aufbau  des  Magens  durch:; 
nicht  eine  bestimmte  Form  bedingt,  im  Gegenteil  eine  Reihe  von  Formmögbj 
keifen  bietet,  denn  geformt  wird  der  Magen  letzten  Endes  durch  die  FätigM 
des  Nervensystems,  so  erscheint  es  auch  vergebliche  Mühe,  eine  nach  a) 
tomischen  Richtlinien  aufgestellte  Nomenklatur  für  alle  Fälle  durchführen  | 
wollen.  Erst,  wenn  wir  einmal  genügende  Klarheit  über  die  nervöse  V 
sorgung  des  Magens  besitzen,  wird  es  auch  möglich  sein  eine  anatonusj 
physiologische  Nomenklatur  durchzuführen. 

Nick- Berlin:  Ueber  hochsitzende  Duodenalstenosen.  (Aus  der  innel 
Abteilung  des  Augusta-Hospitals.  Prof.  Dr.  Schlayer.) 

Ist  es  schon  äusserst  schwierig  eine  tiefsitzende  Duodenalstenose  klini 
von  einer  Pylorusstenose  zu  trennen,  so  ist  bei  hochsitzender  Stenose  d 
Differenzierung  bekanntlich  überhaupt  unmöglich.  Die  2  hier  veröffentlich) 
Fälle,  die  vor  der  Operation  als  Pylorusstenose,  bedingt  durch  Karzmr 
angesprochen  werden  mussten,  geben  Verf.  Veranlassung  zu  folgender  Fra 
Stellung:  Wie  kommt  es,  dass  bei  der  suprapapillären  Duodenalsteri. 
folgender  eigenartiger  Symptomenkomplex  sich  darbietet:  Fehlende  bi 
auffallend  geringe  Hypertrophie  der  Muskularis,  bei  starker  Magenekt.* 
sowie  Retention,  in  Verbindung  mit  HCl-Defizit  und  Auftreten  von  Mlfl 
säure?  Zur  Erklärung  muss  seiner  Ansicht  nach  die  uns  geläufige  Erschein 
der  gutartigen  Pylorusstenose  nicht  so  fast  als  die  Folge  der  mechanisch 
Stenose,  sondern  als  Wirkung  des  erkrankten  Pförtners  selbst,  durch  aki 
Reizwirkung  aufgefasst  werden. 

B  ä  r  so  n  y  -  Pest:  Beiträge  zur  Radiologie  des  Ulcus  duodeni. 

B.  beschreibt  seine  seit  1912  gemachten  weiteren  röntgenologischen 
fahrungen  und  Beobachtungen.  Differentialdiagnostisch  lenkt  er  die  ■■■ 
merksamkeit  darauf,  dass  nicht  nur  im  Falle  grosser  Kolondehnung,  sowie 
Kaskadenmagen,  sondern  auch  bei  nichtkompensierter  Stenose,  wenn 
Beginn  kaum  Erbrechen  vorhanden  war,  an  die  Möglichkeit  eines  Duode^ 
geschwürs  zu  denken  ist.  Im  übrigen  sprechen  Beschwerden  im  recl 
Hypochondrium  bei  Frauen  mehr  für  Gallensteine,  bei  Männern  mehr 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


283 


denalgeschwür,  welch  letzteres  anfangs  meist  nur  nachmittags  Schmerzen 
j  und  erst  später  auch  nachts,  bei  ihm  sind  die  Schmerzen  zumeist  auch 
ich,  um  dann  auszusetzen  und  nach  längerer  Pause  wiederzukehren, 
:  reiid  bei  Gallensteinen  die  Krampfanfälle  in  mehrtägigen  bis  wöchent- 
>n  Intervallen  aufzutreten  pflegen. 

S  c  h  o  p  p  e  -  Frankfurt  a.  M.:  Vergleichende  Untersuchungen  auf  tryp- 
les  Ferment  ln  den  Fäzes  und  im  Duodenalsaft  mit  der  Kaseinmethode. 

,  der  mediz.  Universitäts-Poliklinik.  Prof.  J.  Strasburger.) 
Während  nach  Sch.s  Untersuchungen  die  zur  Prüfung  auf  tryptisches 
nent  im  Stuhl  unsprünglich  angegebene  Gross-Koslowski  sehe 
•inmethode  als  diagnostisches  Hilfsmittel  heutigentags  nicht  mehr  ange- 
ichen  werden  kann  und  auch  die  von  Matko  angegebene  Modifikation 
unter  gewissen  Einschränkungen  einen  diagnostischen  Schluss  gestattet, 
rt  die  Kaseinmethode,  mit  Duodenalsaft  angestellt,  brauchbare  Resultate. 
Annahme  einer  funktionellen  Pankreasstörung  allerdings,  im  Zusammen- 
g  mit  Magenerkrankungen,  wird  durch  Sch.s  Untersuchungsergebnisse 
t  gestützt,  weitere  Beobachtungen  in  dieser  Richtung  sind  erforderlich, 
auch  hinsichtlich  der  Frage,  ob  Darmerepsin  hei  Anwendung  der  Kasein- 
hode  im  Duodenalsaft  wesentlich  beteiligt  ist. 

K  e  1 1  i  n  g -  Dresden:  Ulcus  pepticum  iejuni  und  Pylorusausschaltung. 
dem  Artikel  von  Prof.  H  a  b  e  r  e  r  in  Heft  1  d.  Zschr.  Bd.  28. 

K.  bestreitet  Hab  er  er  die  Bedeutung  seines  einen  Falles  von 
jrusausscbaltung  bei  Ulcus  duodeni  nach  K  e  1 1  i  n  g  hinsichtlich  der  daraus 
jgenen  Schlussfolgerungen,  umsomehr,  als  sich  nicht  ohne  weiteres  be¬ 
iten  lässt,  dass  nicht  auch  trotz  der  Resektion  des  ganzen  Pylorusteiles 
tische  Ulzera,  wenn  auch  sehr  selten,  entstehen  können. 

B  a  u  e  r  m  e  i  s  t  e  r  -  Braunschweig:  Pylorospasmus  und  Pylorusstenose 
Röntgenbild. 

Wenn  B.  schreibt,  dass  zur  Entscheidung,  ob  im  Röntgenbilde  ein 
orospasmus  oder  eine  Pylorusstenose  vorliegt,  in  zweifelhaften  Fällen 
i  noch  andere  Untersuchungsmethoden  herangezogen  werden  müssten,  so 
:heint  mir  diese  Deduktion  insofern  nicht  ganz  richtig,  als  normaler  Weise 
;e  Untersuchungen  doch  schon  vorher  ausgeführt  sein  sollten,  ehe  der 
nke  überhaupt  vor  den  Schirm  gestellt  wird. 

Rennen-  Düren:  Pleuritis  und  Magenschmerzen.  (Aus  dem  städtischen 
nkenhaus  Düren,  Oberarzt  Dr.  Liebermeister.) 

Die  Schwierigkeit  der  Diagnose  Ulc.  ventric.  bei  fehlender  Blutung  macht 
uns  zur  Pflicht,  bei  Magenschmerzen  mit  mangelnden,  greifbar  funk¬ 
eilen  Veränderungen  am  Magen  selbst  bzw,  an  anderen  Organen  des 
lomens  auch  an  die  Möglichkeit  einer  Pleuritis  zu  denken.  Besonders 
ide  man  da  nach  einer  Pleuritis  diaphragmatica  als  Frühsymptom  von 
erkulose,  wobei  das  Röntgenbild  und  diagnostische  Tuberkulininjektionen 
ntbehrliche  Hilfsmittel  darstellen. 

F  i  n  s  t  e  r  e  r  -  Wien :  Zur  Indikationsstellung  bei  akuten  Magen-  und 

denafblutungen. 

Wenn  auch  die  Ansicht  der  meisten  Internisten  und  vieler  Chirurgen 
in  geht,  bei  der  Indikationsstellung  zur  Operation  'der  akuten  Blutungen 
konservative  Behandlung  als  Normalverfahren  zu  bezeichnen,  so  glaubt 
doch  mit  aller  Entschiedenheit  gegen  Schüllers  Beweisführung  in 
ler  Arbeit  „Ueber  die  Indikationen  zum  chirurgischen  Eingreifen  bei 
irtigen  Magenerkrankungen“  in  Heft  1  d.  Archivs  Bd.  28  Stellung  nehmen 
müssen,  denn  die  Behauptung,  dass  die  Resultate  der  Operation  während 
akuten  Blutung  schlechter  seien  als  die  der  internen  Behandlung,  lässt 
i  nur  dann  aufrecht  erhalten,  wenn'  man  eben  vollkommen  unrichtige 
len  zum  Vergleiche  heranzieht.  A.  J  o  r  d  a  n  -  München. 

Zeitschrift  für  orthopädische  Chirurgie  einschliesslich  der  Heil- 
nnastik  und  Massage.  XLII.  Band.  1.  Heft. 

Sven  Johannsson:  Ein  Fall  kongenitalen  Defekts  von  Radius 

Ulna. 

Verf.  beschreibt  einen,  bisher  in  der  Literatur  noch  nicht  beschriebenen 
eines  totalen  Defektes  beider  Vorderarmknochen  mit  Hautnarbe  (wohl 
nionfalte);  der  Humerus  zeigt  im  Röntgenbild  an  seinem  distalen  Ende 
■  rechtwinkelige  Beugung.  Diese  wurde  durch  Osteotomie  gerade  gestellt, 
•auf  auch  der  Arm  in  gerader  Stellung  korrigiert  wurde. 

P.  M  ö  h  r  i  n  g  -  Kassel:  Ein  neuer  Osteoklast. 

Wirkung  geht  aus  einer  Abbildung  hervor. 

Fr.  Staffel:  Ein  eigenartiger  Stützkorsetttypus. 

Beschreibung  eines  vom  Verf.  unter  Weglassung  wichtiger  auch  für  das 
ginal-Hessingkorsett  nötiger  Stützen  konstruierten  Korsettes.  Die  Vor- 
i,  die  Verf.  von  seinem  „weichen  System“  angibt,  dürften  wohl  für  Fälle, 
einer  wirklichen  Stütze  bedürfen,  kaum  in  Frage  kommen. 

A.  B  r  ü  n  i  n  g  -  Giessen:  Beitrag  zur  Lehre  vom  Fussgewölbe  und  vom 
ttfuss. 

Verf.  hat  seine  frühere  Meinung  über  den  Plattfuss  geändert.  Unter- 
lungen  an  Studenten,  die  sich  dem  Sport  widmen,  haben  ihn  davon  über- 
gt,  dass  am  leistungsfähigsten  jene  Füsse  sind,  bei  welchen  sich  unter  dem 
atarsus  I  und  V  Schwielen  finden;  alle  guten  Schnelläufer  und  Fuss- 
ger  gehören  jener  Klasse  an.  Verf.  glaubt,  dass  jeder  Pes  plan,  mit  Pes 
i.  transv.  beginnen  muss.  Selbstverständlich  können  beide  Senkungen 
eneinander  hergehen.  Der  Knickfu.ss  hängt  vom  Gang  des  Menschen  bei 
wärts  gekehrter  Fussspitze  ab;  das  Primitive  ist  die  Parallelstellung  des 
ses.  Nach  phylogenetischen  Betrachtungen  hält  Verf.  die  Anschauung  für 
richtige,  die  den  Metatarsus  III  als  vorderen  Bogen  des  Fussgewölbes 
eichnet. 

F.  S  c  h  u  1 1  z  e  -  Duisburg:  Die  Einteilung  des  Plattfusses  in  seinen  ein- 

len  Formen  und  deren  Behandlung. 

Die  vom  Verf.  geübte  Technik  beim  Redressement  des  Plattfusses  mit 
!em  schon  aus  der  Klumpfussbehandluiig  bekannten  Redresseur  beruht 
tatsächlich  auf  der  Veränderung  in  der  Form  «nid  Stellung  des  Kalkaneus 
'ich  und  in  seinem  Verhältnis  zum  Talus. 

M.  B  r  a  n  d  e  s -  Dortmund:  Zur  M  a  d  e  I  ti  n  g  sehen  Deformität  des 
idgelenks. 

Br.  hat  2  Geschwister,  die  schon  vor  10  Jahren  wegen  Madelung- 
er  Deformität  von  ihm  untersucht  wurden,  einer  eingehenden  Untersuchung 
erzogen.  Er  fand,  dass  die  Deformität  sich  seit  dieser  Zeit  noch  weiter 
gebildet  hat  und  schliesst  daraus,  dass  die  von  Springer  aufgestellte 
mrie  bezüglich  der  Entstehungsweise  der  Madelung  sehen  Deformität 
it  in  allen  Fällen  zutrifft,  sondern  dass  in  verschiedenen  Fällen  die  eigent¬ 


lich  auslösende  Ursache  in  einem  lokalen  Prozess  des  Handgelenks  zu 

suchen  ist.  . .  ,  „  .  . 

M.  Brandes  -  Dortmund :  Die  Volkmann  sehe  Sprunggelenk¬ 
deformität  als  Folge  kongenitaler  Luxation  der  Fibula  nach  hinten. 

Die  V  o  1  k  m  a  n  n  sehe  Sprunggelenkdeformität,  eine  hereditäre  kongeni¬ 
tale  Luxation  des  Sprunggelenks  wird  durch  Defekt  der  Fibula  oder  durch 
Verlagerung  der  Fibula  nach  hinten  verursacht.  Der  Verfasser  verwirft  die 
von  D  r  e  i  f  u  s  s  vorgeschlagene  Atrothese  des  Sprunggelenks  für  solche 
Fälle  wo  es  sich  nur  um  eine  Verlagerung  der  Fibula  handelt  und  befürwortet 
Sehnenplastik.  R.  Pürckhauer  -  München. 


Archiv  für  Orthopädische  und  Unfallchirurgie.  Band  19. 

Heft  1.  Roeren  -  Köln:  Ueber  progrediente  Fussdeformitäten  hei  Spina 

bifida  occulta.  * 

Ausführliche  Darstellung  dieser  Deformitäten  (Pes  equvnus,  I  es  varus. 
Pes  excavatus).  Therapeutisch  kann  die  Verwachsung  des  Conus  medullans 
gelöst  bzw.  ein  dort  sitzendes  Myofibrolipom  beseitigt  werden.  Ausserdem 
Wiederherstellung  des  gestörten  Muskelgleichgewichts  am  Fuss  und  event. 
Operationen  an  Knochen  und  Faszie. 

Magnus- Jena:  Vlerfüssler  mit  fakultativem  Handgang. 

Beschreibung  eines  schweren  Falles  von  Kinderlähmung  mit  Handgang, 
mit  Abbildungen  seiner  ßewegungsfähigkeit. 

v.  Schütz:  Untersuchung  über  den  Gang  von  Doppelt-Oberschenkel- 

atnputierten.  . 

Mit  Hilfe  photographischer  Augenblicksaufnahmen  nach  du  Bois- 
R  e  y  m  o  n  d  wurde  der  Gang  untersucht  und  in  zahlreichen  Kurven  dar- 


D  e  b  r  u  n  n  e  r  -  Berlin:  Ueber  den  Wert  der  A  1  b  e  e  sehen  Operation 
bei  tuberkulöser  Spondylitis. 

Genaue  Aufstellung  der  Indikationen  auf  Grund  der  Erfahrungen.  Unge¬ 
eignet  bei  Fisteln  oder  Abszessen  im  Schnittgebiet  oder  schlechtem  Allge¬ 
meinzustand.  Bei  schweren,  langdauernden  Lähmungen  angezeigt  bei  gleich¬ 
zeitiger  Laminektomie,  ausserdem  bei  jeder  Spondylitis  mit  und  ohne  Abszess. 
3  monatliche  Bettruhe  in  Bauchlage  und  Unterstützung  durch  die  moderne 
Tuberkulosetherapie  (Sonne,  Luft,  Ernährung).  Kinder  bis  zum  4.  Lebens¬ 
jahre  sind  nicht  zu  operieren,  ältere  nur  dann,  wenn  mehr  als  2  Wirbel 
erkrankt  sind.  Besonders  Erwachsene  eignen  sich  für  die  Operation.  Ueber- 
mässig  grosser  Gibbus  ist  Gegenindikation.  Mehrfache  Herde  sind  nicht  zu 
operieren. 

M  a  t  h  e  i  s  -  Graz:  Ein  angeborener  Schulterblatthochstand  nach 
F.  König  operiert. 

Embryonale  Bildungsstörung  häufig  mit  Skoliose,  Muskel-Rippendefekt, 
Wirbelspalten,  Halsrippen  und  Keilwirbeln  verbunden.  Das  umgebogene 
obere  Schulterblattende  ist  in  Schlüsselbeingrube  tastbar.  Bisweilen  Beweg¬ 
lichkeit  des  Armes  behindert.  Im  beschriebenen  Fall  zeigt  Röntgenbild 
knöcherne  Spange  vom  Querfortsatz  des  7.  Halswirbels  gegen  inneren  oberen 
Schulterblattwinkel  ziehend.  Operation:  Entfernung  der  Knochenspangen  oder 
bindegewebigen  Stränge  zwischen  Wirbelsäule  und  Schulterblatt  |Und  des 
umgebogenen  Schulterblattwinkels,  oder  die  König  sehe  Operation,  hier 
modifiziert  ausgeführt:  Freilegung  und  Abtragung  des  inneren  oberen 
Schulterblattteils,  sodann  wird  ein  1  cm  breiter  Streifen  des  inneren  Schulter¬ 
blattrandes  mit  Meissei  abgetrennt,  worauf  sich  das  Schulterblatt  4 — 5  cm 
abwärts  ziehen  lässt.  In  dieser  Lage  werden  die  beiden  Schulterblattteile 
wieder '  miteinander  vereinigt.  Sodann  wird  der  untere  Schulterblattwinkel 
so  durch  einen  Knopflochschlitz  des  Latissmus  dorsi  durchgeführt,  dass  eine 
ausgiebige  Verschiebung  des  Schulterblattes  möglich  wird.  Gute  Beweg¬ 
lichkeit. 

V  a  1  e  n  t  i  n  -  Frankfurt  a.  M.:  Zur  Kenntnis  der  Geburtslähmung 
(Duchenne-Erb)  und  der  dabei  beobachteten  Knochenaffektionen. 

Stellt  fest,  dass  es  sich  nicht  um  Luxation  des  Oberarms  handelt,  dass 
nur  in  Ausnahmefällen  bei  Anwendung  grober  Gewalt  Epiphysenlösung  beob¬ 
achtet  wird,  da  ja  bei  spontaner  Geburt  das  Leiden  auch  vorkommt.  Deutet 
die  Veränderung  als  Folgen  der  Nervenverletzung,  als  neurotische  Knochen¬ 
atrophie  und  sucht  die  Verletzungsstelle  am  E  r  b  sehen  Punkt.  Die  Innen¬ 
rotation  erklärt  sich  durch  Lähmung  bestimmter  Muskeln,  in  einzelnen  Fällen 
durch  Distarsion  des  Schultergelenks. 

F  r  i  s  c  h  -  Würzburg:  Ueber  Wachstumshemmung  im  Oberkiefer  bei 
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. 

Die  Lippenspalte  ist  möglichst  frühzeitig  zu  schliessen,  weil  wegen  der 
leichteren  Formierbarkeit  die  Aussichten,  die  durchgehende  Spalte  in  eine 
unvollkommene  zu  verwandeln,  am  besten  sind.  Orthodontische  Behandlung 
nach  der  Operation  notwendig. 

v.  d.  H  ü  1 1  e  n  -  Giessen:  Zur  Klinik  elektrischer  Unfälle. 

2  Fälle  von  Starkstromverletzung,  bei  denen  wiederholte  Blutungen, 
offenbar  infolge  Gefässwandschädigung  durch  den  Strom  beobachtet  wurden. 
In  einem  Falle  mit  Kopfverletzung  stiess  sich  ein  handtellergrosser  Sequester 
des  Schädeldachs  allmählich  ab. 

R  a  d  i  k  e  -  Berlin:  Erfahrungen  mit  Kraftübertragungsapparaten  bei 
Lähmungen,  Schlottergelenken  und  Gelenkdefekten. 

Beschreibung  von  Bandagen,  mit  denen  durch  Schulterheben  der  Unter¬ 
schenkel  betätigt  wird,  insbesondere  der  amerikanischen  Fitwellbandage.  Am 
Arm  gelang  es  bei  Pseudarthrosen  und  Schulferdefekten  nur  selten,  den  mit 
Schienenhülsenapparat  versehenen  Arm  mit  einer  solchen  Bandage  aus¬ 
reichend  zu  bewegen.  Verwendung  der  Fitwellbandage  zur  Bewegung  leichter 
Beinapparate  bei  Quadrizepslähmung  und  Knieschlottergelenk. 


Heft  2. 

P  e  r  t  h  e  s  -  Tübingen:  Ueber  plastischen  Daumenersatz,  insbesondere 
bei  Verlust  des  ganzen  Daumenstrahls. 

a)  Fernplastik  nach  Nicola  doni.  b)  Umgebungsplastik  durch  Spalt¬ 
bildung  oder  Fingerauswechslung  oder  Drehung  von  Fingern  gegeneinander, 
so  dass  sie  sich  zur  Greifung  berühren  können.  P.  hat  nur  Umgebungs¬ 
plastiken  ausgeführt:  Bildung  eines  selbständigen  Daumenmetakarpus  unter 
Entfernung  des  Metakarpus  II  zur  möglichst  tiefen  Spaltbildung.  Bei  Verlust 
des  ganzen  Daumenstrahls  Anlegung  eines  Spaltes  zwischen  2.  Metakarpus 
und  übriger  Mittelhand  und  Artikulierung  des  2.  Metakarpus  mit  dem 
Multungulum  .  majus  und  schliesslich  Drehung  des  Zeigefingerstumpfes  zur 
Mittelhand  zur  Bildung  einer  Zange.  Mit  dieser  Methode  wurde  in  3  Fällen 
eine  sehr  brauchbare  Hand  erzielt. 

S  c  h  m  i  1 1  -  Köln:  Bursitis  calcarea  am  Epicondylus  externus  humeri. 
Ein  Beitrag  zur  Pathogenese  der  Eplkondylitis. 


284 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N) 


Mitteilung  eines  Falles  mit  Schmerzen  an  der  Aussenseite  des  Ellen- 
bogengelenks  Im  Rüntgenbild  am  lateralen  Condylus  hürnen  von  ihm  ab 
grenzbar  ein  unregelmässiger  bohnengrosser  Schatten  von  K"ochtgns^stg"j' 
Die  Operation  findet  eine  mit  krümeliger  Masse  ausgefullte  Zyste,  du e  e  t 
fernt  wird.  Dieselbe  besteht  aus  schwieligem  (jewebe  mit  Hohlraumen,  die 
mit  kohlen-  und  phosphorsaurem  Kalk  ausgefüllt  sind. 

Weil-  Breslau:  Die  Aetlologie  der  Plexuslähmung  der  Neugeborenen 

Nach  Kritik  der  bisherigen  Anschauungen  über  die  Ursache  des  L  ndens 
stellt  er  eine  neue  Hypothese  auf.  Er  glaubt,  ebenso  wie  der hp.eb urt  ' 
fach  als  intrauterine  Druckschädigung  anzusehen  ist  und  nicht  als  (jeburt 
Schädigung,  auch  einen  Teil  der  Entbindungslahmungen  als  intrauterine  Druck¬ 
schädigung  ansprechen  zu  sollen.  _  _  ... 

K  r  e  u  z  -  Berlin:  Zur  intrapelvinen  extraperitonealen  Resektion  des 

Nervus  obturatorius  nach  Selig.  .  .  m 

ln  13  Fällen  ausgeführt,  8  mal  nach  Selig,  o  mal  von  einem  supra¬ 
symphysären  Querschnitt.  Beschreibung  und  Krankengeschichten.  Nach¬ 
behandlung  mit  Schienen  und  Uebungen. 

B  a  u  m  a  n  n  -  Aarau:  Ueber  die  Dauerresultate  der  operativ  behandelten 

Mcniskusverletzungen  des  Kniegelenks.  Pll(, 

Anwendung  der  B  r  u  n  sehen  Exstirpationsmethode,  d.  h.  der  Entfernung 
nur  des  beweglichen  Teiles  des  Meniskus  und  nur  bei  schwerer  Zerreissung 
die  totale  Entfernung.  Von  90  Nachuntersuchten  waren  52  Proz.  ideal  geheilt, 
ohne  die  geringste  Einbusse  ihrer  Leistungsfähigkeit.  Bei  41  Eroz.  schwankt 
die  Qualität  zwischen  glänzend  und  gut,  sie  konnten  ohne  erhebliche  Be¬ 
schwerden  ihren  Beruf  erfüllen.  Nur  6.6  Proz.  sind  mehr  oder  weniger 
ungünstig  Hierbei  Kombination  mit  Arthritis  deformans.  Die  Arthritis 
deformans  steht  in  keinem  ursächlichen  Zusammenhang  mit  der  Entfernung 
des  Meniskus  Wiederaufnahme  der  Arbeit  meist  schon  4—5  Wochen,  sonst 
spätestens  8—10  Wochen  nach  der  Operation.  Indikation  zur  Operation, 
wenn  es  nach  mehrwöchiger  konservativer  Behandlung  wieder  zu  einem 

Rezidiv  kommt.  ....  .  D 

Bo  eckh -Heidelberg:  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Aetiologie  und  Be¬ 
handlung  der  rachitischen  Thoraxdeformitäten. 

Unter  1000  Rachitikern  beobachtete  man  fast  700  mal  Thoraxrachitis.  Die 
intramammilläre  Einsenkung  am  Thorax  gilt  sogar  als  Fruhsymptom  der 
Rachitis  Der  bimförmige  Thorax  zeigt  im  oberen  und  unteren  Abschnitt 
grosse  Unterschiede  des  sagittalen  und  Querdurchmessers.  Normalerweise 
beteiligt  sich  bei  der  Atmung  des  Kindes  Thorax  und  Abdomen  gleichmässig. 
Beim  rachitischen  Thorax  wölbt  sich  das  Abdomen  bei  Inspiration  stark  voi, 
während  der  Thorax  sich  wenig  oder  nicht  bewegt.  Der  muskelschwache 
Bauch  muss  gestützt  werden,  um  die  rein  abdominale  Atmung  auszuschalten 
und  sie  dem  Thorax  aufzuzwingen.  Dies  geschieht  durch  eine  Binde  um  den 
Leib,  die  auch  das  seitliche  Ausweichen  der  Rippenbögen  verhindert. 

F  r  o  s  c  h  -  Berlin:  Statistik  der  Knochen-  und  Qelenktuberkulose  in  den 
letzten  5  Jahren  (1915 — 1920). 

Aus  der  interessanten  Aufstellung  des  grossen  Materials  aus  der  Berliner 
orthopädischen  Poliklinik  geht  hervor,  dass  dem  Mittelstände  20  Proz.  mehr 
Kranke  entstammen,  wie  dem  Proletariat,  dass  das  Leiden  in  erster  Linie 
eine  Erkrankung  des  Kindesalters,  dass  mehr  das  weibliche  als  das  männliche 
Geschlecht  beteiligt  ist  und  die  rechten  Extremitäten  etwas  bevorzugt  sind. 
Die  höchste  Frequenz  wurde  1918/19  erreicht. 

M  o  n  t  f  o  r  t  -  München:  Aus  der  Beschaffungsstelle  für  orthopädische 

Versorgung  Münchens.  . 

Die  Arbeit  ist  von  grossem  Wert  für  alle  Aerzte,  die  mit  der  •Versorgung: 
der  Beschädigten  zu  tun  haben.  Im  Original  zu  lesen. 

v.  S  c  h  ii  t  z  -  Berlin:  Die  Fahrkartenlochzange  als  Ansatzstück. 

Der  Oberarmamputierte  ist  für  die  dauernde  und  schnelle  Arbeit  nicht 
geeignet.  Der  Unterarmamputierte  mit  gut  erhaltener  Ellenbogenbeugung  da¬ 
gegen  vermag  wirtschaftlich  mit  diesem  Hilfsgerät  zu  arbeiten. 


Heft  3  und  4. 

Li  er- Zürich:  Die  funktionelle  Prognose  der  offenen  und  subkutanen 
Sehnenverletzungen  der  Finger  und  der  Hand. 

Extensorenverletzungen  sind  häufiger  und  günstiger  als  Flexoren¬ 
verletzungen.  Primäre  Naht  61  Proz.  Heilung  der  Strecker,  38  Proz.  der 
Beuger.  Sekundäre  Naht  32  Proz.  Heilungen  der  Strecker.  17  Proz.  der 
Beuger.  Prognose  bei  Landwirten  am  besten,  weil  glatte  Wunden,  bei  Metall- 
und  Fabrikarbeitern  am  schlechtesten,  wegen  der  Zerfetzung.  Im  Alter  von 
mehr  als  60  Jahren  selten  Heilungen.  Ursache  der  Misserfolge  meist  Ver¬ 
wachsung.  Infektion  bei  den  Flexoren  erheblich  mehr,  als  bei  den  Extensoren. 
Lokalisation  bei  Extensoren:  Prognose  schlecht  am  Nagel-  und  Mittelglied, 
am  besten  am  Grundgelenk  und  Handrücken:  proximal  vom  Handrücken 
wieder  schlechter.  Bei  Flexoren:  gut  nur  über  dein  Grundgelenk,  in  Hohl- 
liand  und  Handgelenk  schlecht. 

B  r  a  n  d  e  s  -  Dortmund :  Zum  Spätresultat  der  Elfenbeinbolzungen  des 
Fussgelenkes. 

2  mal  Bruch  der  Bolzen,  3  mal  Wanderung  der  Bolzen  aus  Kalkaneus 
und  Talus  nach  oben  weit  in  die  Markhöhle  der  Tibia  hinein,  offenbar  infolge 
von  Waokelbewegungen  bei  Schritt  und  Tritt.  Die  Erfolge  der  Knochen¬ 
bolzung  sind  im  Enderfolg  der  Elfenbeinbolzung  überlegen,  besonders  wenn 
sie  periostbedeckt  sind,  wegen  der  Bildung  von  Knochenbrücken,  die  die 
Ankylose  herbeiführen. 

G  r  a  u  h  a  n  -  Kiel :  Zur  operativen  Behandlung  des  angeborenen 
Schulterblatthochstands  nach  König. 

Beschreibung  eines  Falles  mit  doppelseitigem  Hochstand  und  Defekt  der 
unteren  Partie  des  Kukullaris.  Links  abnorme  Verbindung  des  medialen 
Randes  mit  Querfortsätzen  der  Brustwirbel.  Der  obere  Teil  war  deformiert 
nach  oben  aussen  vorn,  so  dass  er  vorn  am  Hals  prominierte  und  Erhebung 
des  Armes  beschränkte.  Operation  nach  König  mit  befriedigendem  kos¬ 
metischen  und  funktionellen  Resultat. 

S  c  h  u  b  e  r  t  -  Königsberg:  Zur  Frage  der  hohen  Oberarmbrüche: 
Ursache  und  Behandlung  der  Schulterversteifung. 

Entscheidend  ist  der  Zustand  des  Deltoideus,  der  auch  bei  Atrophie  den 
Gelenkschluss  aufrechterhält.  Primär  tritt  reflektorische  Adduktions¬ 
kontraktur,  sekundär  Schrumpfung  der  Gelenkkapsel  ein.  Für  die  meisten 
hohen  Oberarmbrüche  empfiehlt  sich  Streckverband  in  rechtwinkliger 
Abduktion.  Während  der  Verbandbehandlung  und  nach  Abnahme  des  Ver¬ 
bandes  Bewegungsbehandlung,  im  wesentlichen  mit  aktiven  Uebungen. 

B  r  a  n  d  e  s  -  Dortmund :  Ueber  die  operative  Behandlung  der  Klaueu- 
Hohlfüsse. 

20  Fälle.  Bei  leichten  Fällen:  Redressement,  Faszio-  und  Myotomie  der 


Fusssohle  und  Verpflanzung  des  Extensor  hallucis  an  das  Köpfchen 
Sesambein  des  ersten  Metatarsus.  Bei  Lähmung  oder  ^rese  des  Til 
anticus  Verpflanzung  des  Peroneus  longus  auf  Tibialis.  Quere  Durchsc  s 
düng  des  Lig  Plant  long.  ist  wichtig  bei  starker  Exkavation.  Beim  typu 
Klauenhohlfuss  besteht  selten  ein  echter  Equinus,  meist  nur  Equinus  i 
Vorderfusses,  mit  Abknickung  im  Chopart.  Achillotomie  vermehrt  de . 
die  Deformität.  In  schweren  Fällen  Keilosteotonne  in  der  (legend  i 

Chopart.  ,  .. 

G  a  u  g  e  1  e  -  Zwickau:  Eine  Klumpfussoperation. 

In  bestimmten  Fällen  gibt  Adduktion  des  Vorderfusses,  besonders , 
Grosszehe,  Anlass  zu  Rezidiven.  Abduziert  man  dieselbe,  so  senkt 
der  Aussenrand  des  Fusses  abwärts.  Drückt  man  diesen  nach  oben, 
die  Grosszehe  in  Adduktion.  Der  Aussenrand  ist  bei  Kiurnpfuss  lange 
der  Innenrand.  Der  5.  Mittelfussknochen  widerstrebt  der  Korrektur.  G 
mehrfach  die  Basis  des  5.  Metatarsus  entfernt  und  die  gegenüberlie« 
Seite  des  Kuboids  angefrischt,  um  Verwachsung  zu  bekommen.  Dam! 
der  Widerstand  beseitigt.  Gute  Resultate 

v.  Schütz -Berlin:  Die  Messung  indirekter  Kraftquellen  zur  Betatl 

k u i i s tli ch et-i r Gl ^ e ^e r^ r 3 f t ^ u e 1 1 e n  sind  V0I1  Dr.  ing.  Meyer  gemessen  wo 
v.  Sch.  hat  unter  der  Leitung  von  Prof.  Schlesinger  die  indirt 
Kraftquellen  untersucht  und  gemessen  und  in  sehr  ausführlichen  lat 
und  vielen  Abbildungen  die  Grösse  der  Dauerleistung  ermittelt 

Sonntag-  Leipzig:  Ueber  federnde  und  nichtfedernde  Subluxatlor 

Ellenköpfchens.  .  , 

Das  nicht  seltene  Leiden  der  Subluxation  der  Ulna  im  unteren  K 
Ulnargelenk,  das  häufig  nach  Verletzungen  auf  tritt,  ist  noch  nicht  ge! 
da  anatomische  Untersuchungen  fehlen.  Wahrscheinlich  sind  Kapsel, 
mentum  later,  int.  und  Lig.  suberuentum  zerrissen.  Reposition  ist  b 
Retention  schwierig.  Fester  Verband  3  Monate  lang.  Beim  typischen  Ra 
bruch  tritt  das  Leiden  auch  auf.  Behandlung:  entweder  feste  Lederbar j 
oder  Operation  mit  Fixation  durch  Bandnaht  oder  Knochennaht  mit  basl 
Verstärkung,  nur  ausnahmsweise  Resektion.  _ 

R  ü  h  1  e  -  Göttingen:  Röntgenologische  Studien  über  eine  mit  dem  IN 
Os  acetabuli  bezeichnete  Veränderung  am  oberen  Pfannenrand. 

Das  röntgenologische  Os  acetabuli  ist  nicht  mit  dem  anatomischen  j 
stanten  4.  Beckenelement  identisch.  Es  ist  stets  eine  pathologische  ) 
änderung.  meist  Folge  rachitischer  oder  osteomalazischer  Erkranku 
seltener  eine  Fraktur,  oder  ein  Sequester,  oder  eine  Ossifikation,  Cd 
mobile.  Bei  Spätrachitis  ist  es  als  Spontaninfraktion,  nach  Art  einer  f 
hellungszone  aufzufassen. 

Bla  ss- Worms:  Hebung  des  Hängefusses  bei  Peroneuslähmung  i) 

Sehnenplasitk.  ,  .  .  _  .  ,  <■[ 

3  Fälle,  in  denen  der  Tibialis  posticus  absteigend  Sehne  auf  . 
nach  Nicoladoni  auf  den  gelähmten  Tibialis  anticus  verpflanzt  v 
unter  geringer  Spannung  bei  höchstmöglicher  Stellungskorrektur  inj 
Knopfloch  der  Sehne  durch  einen  subkutanen  Fettkanal  ohne  Abknit 
des  Muskels.  In  einem  Falle  wurde  neben  dem  Tibialis  posticus  der  Fl 
hailucis  longus  auf  die  Extensoren  umgepflanzt,  blieb  aber  funktioi 
Offenbar  weil  er  durch  die  Herumfuhrung  um  die  Aussenseite  des  l 
Schenkels  nach  vorn  abgeknickt  wurde. 

Tätigkeitsbericht  der  Prüfstelle  für  Ersatzglieder  Charlottenburg. 

Insbesondere  Erfahrungen  über  den  Carnesarm. 

Ho  h  mann  -  Münch! 


Archiv  für  Gynäkologie.  Band  115.  Heft  2. 

O.  Zietzschmann:  Ueber  Funktionen  des  weiblichen  GenitaF 
Säugetier  und  Mensch. 

Die  führende  Rolle  für  das  Genitale  ist  in  allen  Stadien  der  Entwic 
und  im  geschlechtsreifen  Zustande  bis  zum  Verlöschen  der  Funktion) 
Keimdrüse  zuzusprechen.  Die  zyklische  Tätigkeit  des  Ovars  unti 
Gebärmutter  steht  unter  der  Herrschaft  von  Hormonen.  Die  Mithilfe 
interstitiellen  Eierstocksdrüse  ist  noch  nicht  erwiesen.  Der  reifende  Fel 
regt  die  erste  Neubildung  der  Uterusschleimhaut  an.  Das  Corpus.  li 
regt  fortgesetzte  Neubildung  im  Uterus  bis  zur  Höhe  und  Ueberleituil 
den  Schwangerschaftszustand  an,  Der  sich  entwickelnde  Embryo  sichei) 
Erhaltung  des  Corpus  luteum. 

R.  Zander:  Ueber  Radiumdosierung. 

In  der  B  u  m  m  sehen  Klinik  ist  die  Technik  bei  Radiumbehandlunj 
üebärmutterkrebses  so  ausgebildet,  dass  ausser  einem  intraut  j 
liegenden  Radiumröhrchen  (ca.  50mg)  noch  gleichzeitig  ein  zv, 
quer  vor  die  Portio  gelegt  wird.  Um  Verschiebungen  zu  vermeiden, 
der  Apparat  durch  Eingiessen  -einer  rasch  erstarrenden  sog.  Stenzmas 
die  Scheide  festgehalten.  Wichtig  ist  die  Feststellung,  dass  Radiumpräri 
bis  zur  Berührung  nebeneinandergelagert,  sich  in  ihrer  Wirkung  addf 
und  dass  auch  rechtwinklig  zueinander  gelagerte  Präparate  sich  verstä 

H.  Zacherl:  Beitrag  zur  Klinik  und  Therapie  der  Eklampsie,  j 

Bericht  über  188  Fälle  von  Eklampsie,  darunter  zweimal  o 
Krampf  e.  Sterblichkeit  der  Kinder  33  Proz..  der  Mütter  20,7  f 
Therapie  ist  die  der  ,,sog.  mittleren  Linie“,  d.  h.  Grundsätze  von  Si 
ganoff  kombiniert  mit  Aderlass;  Leitung  der  Geburt  exspektativ.  J 
sinken  der  mütterlichen  Sterblichkeit  von  21,7  Proz.  in  den  Jahren  190' 
auf  12.7  Proz.  in  den  Jahren  1911 — 20! 

H.  Katz:  Ueber  den  plötzlichen  natürlichen  Tod  in  Schwangers) 
Geburt  und  Wochenbett. 

Sehr  eingehende  und  interessante  Durcharbeitung  von  95  Fällen,  di| 
zur  Obduktion  gekommen  sind.  33  Frauen  starben  plötzlich  wä; 
der  Gravidität,  während  des  Geburtsaktes  14.  In  unmittelbarem  Anstf 
an  die  Geburt  starben  29  und  im  Wochenbett  19.  22  mal  waren  Krankl 

des  Herzens  und  der  Gefässe,  der  Lungen  und  Niereij  Ursache,  3 
Schwangerschaftstoxikosen.-  Verblutung  und  Luftembolie  verschuldetet 
Tod  in  24  Fällen;  während  im  Wochenbett  19  Frauen  meist  an  Throi 
embolie  zugrunde  gingen. 

F.  Kirstein:  Ueber  die  prognostische  Bedeutung  der  Keimhän 
bei  Kreissenden  und  Wöchnerinnen. 

Auf  Grund  seiner  Untersuchung  glaubt  K.  an  die  von  anderer  j 
bestrittene  pathognomonische  Wichtigkeit  der  Hämolyse.  Wichtiger  fil 
ist  die  Virulenz  der  Erreger  und  die  Widerstandskraft  der  Kranken, 
wir  aber  über  diese  letztere  gar  nichts  Sicheres  wissen,  leidet  die  Prog 
zierung  an  einer  bisher  noch  nicht  auszufüllenden  Lücke.  . 


,  Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


285 


F.  Kirstein:  lieber  die  passive  Immunisierung  des  Neugeborenen  mit 
Behrings  Diphtherie-Vakzin  „TA“. 

Die  aktive  Immunisierung  der  Neugeborenen  mittels  des  Vakzins  „TA“ 
lieint  möglich  zu  sein,  ist  aber  für  die  Bekämpfung  der  Diphtherie  un- 
eignet,  da  sie  sich  wenig  wirksam  oder  zu  langsam  entwickelt.  Neuge- 
irene  kann  man  passiv  immunisieren,  wenn  die  Mutter  in  den  letzten 
hwangerschaftsmonaten  mit  „TA“  behandelt  wird.  Trotzdem  dann  der 
ltitoxingehalt  des  Neugeborenen  so  auf  das  Vierfache  erhöht  werden  kann, 
kranken  auch  solche  Kinder  ebenso  häufig  wie  Kinder  nicht  vorbehandelter 
iitter.  Erfolge  bei  Neugeborenendiphtherie  sind  scheinbar  weniger  auf  den 
ntitoxingehalt  als  auf  das  normale  unspezifische  Pferdeserum 
beziehen. 

B.  Aschner:  Ueber  einen  eigenartigen  Ovarialtumor  aus  der  Gruppe 

r  Folllkulome. 

Auffallende  Menstruationsstörungen  und  ein  bisher  noch  nicht  beschrie- 
ner  Befund  in  Form  einer  gänseeigrossen,  massiven  Corpus  luteum- 
nlichen  Bildung.  (Einzelheiten  der  sehr  eingehenden  pathologisch-anatomi- 
lien  Untersuchung  lassen  sich  in  kurzen  Worten  nicht  berichten.) 

H.  Füth:  Beitrag  zur  Scheidenverätzung  mit  Chlorzink. 

Eine  an  Fluor  Erkrankte  hat  sich  anstatt  des  5  proz.  Protargoltampons 
[bst  einen  Tampon  eingeschoben,  der  mit  50  proz.  Chlorzinklösung 
;  tränkt  war.  Folge:  eine  vollständige  Abstossung  der  vollkommen 
krotisch  gewordenen  oberflächlichen  Schichten  im  Scheidengewölbe  und 
der  Portio  in  Form  eines  negativen  Gipsabgusses.  Heilung  ohne  Scha¬ 
ni  (Solche  Beobachtungen  kamen  in  den  Zeiten,  da  man  noch  den 
llorzinkstift  nach  Dumontpallier  verwendete  und  die  Scheide  nicht 
nügend  schützte,  doch  öfter  vor.  D.  B.) 

H.  Baumm:  Osteogenesis  imperfecta. 

Von  gesunder  I.-para  wird  eine  Frühgeburt  mit  9  Monaten  entbunden, 
dien  Veränderungen  am  Schädel  sind  Arme  und  Beine  stark  verkrümmt, 
■chter  Oberarm  und  beide  Oberschenkel  sind  gebrochen.  Röntgenbild.  Er- 
hrung  an  der  Mutterbrust.  Spontanfrakturen  im  Verlauf  der  nächsten 
jnate.  Das  Kind  gedeiht  sonst  gut,  kann  aber  weder  gehen  noch  sitzen, 
e  Differentialdiagnose  ob  Osteogenesis  imperfecta  oder  Osteopsathyrosis  ist 
jht  scharf  zu  machen.  Therapeutisch  schien  Phosphorlebertran  von 
itzen  zu  sein. 

Rob.  Meyer:  ..Plattenepithelknötchen“  in  hyperplastischen  Drüsen  der 
irpusschleimhaut  des  Uterus  und  bei  Karzinom. 

Im  Anschluss  an  die  bekannte  Erscheinung,  dass  Epithelveränderungen, 
:  im  mikroskopischen  Bild  den  Eindruck  des  Karzinoms  machen,  klinisch 
;er  gutartig  sind,  d.  h.  oft  eben  nur  durch  die  Ausschabung  geheilt  bleiben, 
Versuchte  M.  mit  bekannter  Gründlichkeit  einen  eigenen  Fall.  Zu  einem 
dgültigen  Schluss  über  die  diagnostische  Wertung  solcher  „Plattenepithel- 
ötchen“  kommt  auch  M.  nicht,  meint  aber,  es  wäre  gut,  solche  Kranke 
t  im  Auge  zu  behalten. 

W.  Strakosch  und  H.  E.  Anders:  Beitrag  zu  der  Lehre  von 
n  Akardiern:  Ueber  einen  Holoakardius  eumorphus. 

Im  Gegensatz  zu  der  allgemeinen  Erfahrung  hat  in  diesem  Falle  der 
ardische  Zwilling  ein  völliges  Geburtshindernis  geschaffen  und  machte  eine 
rstückelnde  Operation  notwendig;  ausserdem  tiefsitzende  Plazenta.  Wegen 
ehgradigen  Oedems  des  Akardius  muss  nach  spontaner  Geburt  des  ersten 
nllings  der  zweite  z.  T.  embryotomiert  werden.  Die  pathologisch- 
atomische  Beschreibung  des  absolut  herzlosen  Kindes  muss  im  Original 
t  seinen  Abbildungen  gelesen  werden.  W.  S.  F  1  a  t  a  u  -  Nürnberg. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  4. 

M.  Henkel- Jena:  Die  intrakraniellen  Blutungen  Neugeborener. 

Diese  sind  durch  Traumen  intra  partum  leicht  zu  erklären;  aber  nicht  in 
en  Fällen,  in  denen  die  Sektion  des  Neugeborenen  diese  Blutungen  als 
desursache  aufdeckt,  ist  das  Trauma  nachweisbar.  Hier  muss  die  Asphyxie 
;  die  Ursache  der  Blutung  angesprochen  werden.  Diese  Annahme  wird 
durch  unterstützt,  dass  auch  sonst  bei  der  Sektion  Blutungen,  wenn  auch 
r  kleine  und  kleinste  (Herzmuskel,  Endokard  usw.)  festgestellt  wurden, 
r  die  Behandlung  dieser  Geburtskomplikation  ergeben  sich  aus  diesen 
obachtungen  wichtige  therapeutische  Folgen:  rasches  Eingreifen  durch 
rceps  bei  starker  Asphyxie  unter  besonderer  Herztönekontrolle. 

J.  A  r  n  o  1  d  -  Innsbruck:  Schwangerschaft  nach  schwerer  beiderseitiger 
:nexentzündung.  Kasuistische  Mitteilung, 
bl.  1921,  Nr.  43.)  Antikritik. 

M.  M  ü  1 1  e  r  -  Mainz:  Klinische  Beobachtungen  über  Traubenzucker  als 
ihenförderndes  Mittel. 

Auf  Grund  einer  Reihe  von  Versuchen  schliesst  Verf.,  dass  der  Trauben- 
cker  in  40 — 50  proz.  Konzentration  in  Menge  von  je  10  ccm  intravenös 
pliziert,  steril,  ein  gutes  wehenförderndes  Mittel  ist,  vornehmlich  bei  Er- 
idungswehenschwäche;  er  ist  schadlos  für  Mutter  und  Kind  und  hat  den 
rzug  der  Billigkeit  und  leichten  Erlangbarkeit. 

W.  S  i  g  w  a  r  t  -  Frankfurt  a.  M.:  Erwiderung  auf  den  Artikel  von 
Sachs:  Zur  Entwicklung  des  nachfolgenden  Kopfes  beim  toten  Kinde. 
H.  Baumann  -  Breslau.  Zum  IV.  Handgriff.  Polemik  gegen  Fuchs. 
H.  H  e  1  1  e  n  d  a  1 1  -  Düsseldorf:  Blutige  Verfärbung  des  Nabels  als  dia- 
ostisches  Zeichen  von  Extrauteringravidität. 

Bestätigung  der  H. sehen  Beobachtung  durch  C  e  1 1  e  n  -  Baltimore  und 
•insohoff  -  Cincinnati.  Werner-  Hamburg. 

Zeitschrift  für  die  gesamte  Neurologie  und  Psychiatrie.  1921. 
md  73. 

O.  F  o  e  r  s  t  e  r  -  Breslau:  Zur  Analyse  und  Pathophysiologie  der 
iären  Bewegungsstörungen. 

Zu  den  Bewegungsstörungen,  welche  mit  den  Basalganglien  im  Zu¬ 
mmenhang  stehen,  gehören  ausser  der  Chorea  diejenigen  der  Paralysis 
itans,  die  nahe  verwandte  Gliederstarre  bei  Arteriosklerose,  die  Be- 
:gungsstörungen  bei  Pseudosklerose  und  Wilson  scher  Krankheit,  die 
hetose  und  der  Spasmus  mobilis,  das  Krampussyndrom  (Torsionsneurose, 
’stonia  lordotica),  der  Torticollis  spasticus.  Die  von  O.  und  C.  Vogt 
ilech thin  hierher  gerechneten  Störungen  der  L  i  1 1 1  e  sehen  Krankheit  sind 
ah  F.  der  Ausdruck  ganz  verschiedener*  Prozesse,  von  denen  einer  nur  die 
ramidenbahn  betrifft,  während  andere  die  Basalganglien  beteiligen, 
ährend  es  sich  bei  allen  genannten  Störungen  um  Ausfallserscheinungen 
ndelt,  gibt  es  in  Zitter-  und  tonischen  Krampfzuständen  auch  eigenartige 


Reizerscheinungen,  die  auf  die  Basalganglien  zurückweisen.  Die  Krankheits¬ 
prozesse,  die  zu  diesen  Bewegungsstörungen  führen  können,  sind  ganz  ver¬ 
schiedener  Art.  Sie  beteiligen  z.  T.  auch  andere  Hirnregionen,  so  dass  Misch¬ 
bilder  zustande  kommen;  aber  auch  die  verschiedenen,  den  einzelnen  basalen 
Ganglien  zugehörigen  Erscheinungen  verflechten  sich  untereinander  zu 
striären  Mischbildern.  Die  Tatsache  einer  weitgehenden  somatotopischen 
Gliederung  in  den  Ganglien,  wie  der  Umstand,  dass  die  Krankheitsprozesse 
bald  progressiv,  bald  regressiv  verlaufen,  erschwert  die  Herausschälung 
einzelner  kennzeichnender  Grundtypen  sehr.  Da  jedoch  einzelne  Krankheits¬ 
bilder  ziemlich  nahe  reinen  Typen  entsprechen,  gelingt  es  doch,  zur  Auf¬ 
stellung  von  Grundtypen  zu  kommen,  deren  F.  zwei  genau  darstellt,  nämlich 
das  hypokinetisch-rigide  Pallidumsyndrom  und  das  athetoide  Striatum¬ 
syndrom.  Das  erstere  ist  gekennzeichnet  durch  Tremor  in  der  Ruhe,  der 
auch  fehlen,  kann,  durch  die  Erhöhung  des  plastischen  formgebenden  Muskel¬ 
tonus,  durch  den  Rigor  (Erhöhung  des  passiven  Dehnungswiderstandes  der 
Muskeln),  durch  Spannungsentwicklung  der  Muskeln  bei  passiver  Annäherung 
ihrer  Insertionspunkte  (Adaptations-,  Fixationsspannung,  kataleptisches  Ver¬ 
halten),  durch  tonische  Nachdauer  der  Kontraktion  bei  elektrischer  Reizung, 
durch  Fehlen  der  Irradiation  bei  Reflexbewegungen  und  tonische  Nachdauer 
derselben,  durch  Fehlen  der  Reaktiv-  und  Ausdrucksbewegungen  und  deren 
eventuelle  tonische  Nachdauer,  durch  Bewegungsarmut,  durch  verlangsamten 
Beginn  und  Ablauf,  geringe  Exkursion  der  Bewegungen,  Ermüdbarkeit  und 
Schwächung  der  Kraft  bei  Willkürbewegungen  mit  eventueller  Nachdauer 
derselben,  Fehlen  und  mangelnde  Verstärkung  normaler  Mitbewegungen, 
Fehlen  der  für  •  das  Pyramidensyndrom  charakteristischen  Bewegungs¬ 
synergien,  daher  Erhaltenbleiben  isolierter  Willkürbewegungen.  Das  athe¬ 
toide  Striatumsyndrom  dagegen  zeichnet  sich  aus  durch  das  athetoide  Be¬ 
wegungsspiel  in  der  Ruhe,  eine  Herabsetzung  des  plastischen  formgebenden 
Muskeltonus  im  Krampfintervall,  Haltungsanomalien  der  Glieder  und  des 
Rumpfes,  die  der  Hockerstellung  entsprechen,  Ueberdehnbarkeit  der 
Muskeln,  Neigung  zu  inkonstanter  Fixationsspannung,  ausserordentlich 
intensive  und  extensive  Reaktiv-  und  Ausdrucksbewegungen  mit  Neigung  zu 
tonischer  Nachdauer,  Mitinnervationen  und  Mitbewegungen  bei  willkürlichen 
Bewegungen,  Unfähigkeit  zu  sitzen,  gehen  und  stehen,  an  deren  Stelle  reaktive 
Massenbewegungen,  die  an  Kletterbewegungen  erinnern,  treten. 

Das  Pallidumsyndrom  beruht  auf  dem  Ausfall  der  Funktion  des  Globus 
pallidus,  der  einmal  bei  der  Ausführung  willkürlicher  Bewegungen  mitwirkt, 
indem  er  die  notwendigen  Mitbewegungen  besorgt,  Reaktiv-  und  Ausdrucks¬ 
bewegungen  ihren  Ursprung  gibt,  ein  Organ  der  Massenimpulse  ist,  auch  die 
unwillkürlichen  Bewegungssukzessionen  vermittelt,  andererseits  aber  das 
zerebellare  System  hemmt.  So  kommt  beim  Ausfall  des  Pailidums  also 
einmal  der  Verlust  der  Reaktiv-  und  Mitbewegungen  usw.  zustande,  dann 
aber  durch  Enthemmung  des  zerebellaren  Systems  der  Rigor,  die  Fixations¬ 
spannung  und  wohl  auch  der  Tremor.  Das  Striatum  seinerseits  ist  dem 
Pallidum  superponiert;  bei  seinem  Ausfall  wird  das  Pallidum  enthemmt, 
wodurch  sich  alle  angeführten  Erscheinungen  erklären  lassen.  Besonders 
wird  die  Aehnlichkeit  des  Striatumsyndroms  mit  den  Kletterbewegungen  der 
Affen  betont,  die,  ebenso  wie  die  Neugeborenen,  als  Pallidumwesen  zu  be¬ 
trachten  seien. 

In  einem  weiteren  Abschnitt  wird  die  Chorea  besprochen,  deren  grosse 
Aehnlichkeiten  mit  der  Athetose  betont  und  ihre  Genese  auf  eine  gewisser- 
massen  als  Ataxie  zu  bezeichnende  Störung  des  Striatums  zurückgeführt. 
Torsionsspasmus,  Ticks  und  Myoklonie  endlich  werden  als  lokale  Athetose- 
syndrome  gedeutet. 

Die  grundlegende,  ausserordentlich  wichtige  Abhandlung  ist  durch  eine 
grosse  Fülle  symptomatologischer  Feinarbeit  reich,  mit  mehr  als  170  aus¬ 
gezeichneten  Abbildungen  ausgestattet.  Die  Unterschiede  der  einzelnen 
Syndrome  werden  ebenso  scharf  gegeneinander  als  gegen  das  Pyramiden¬ 
syndrom  herausgehoben,  die  Erklärungsversuche  bis  an  die  Grenzen  unseres 
Wissens  vorgeschoben.  Ein  dem  Inhalt  der  Arbeit  entsprechendes  Referat 
ist  hier  unmöglich;  diese  ist  am  besten  im  Original  nachzulesen. 

F.  H.  Le  wy- Berlin:  Zur  pathologisch-anatomischen  Differential¬ 
diagnose  der  Paralysis  agitans  und  der  Huntington  sehen  Chorea. 

Während  bei  der  P.  a.  sich  nur  leichte  Veränderungen  im  Putamen. 
dagegen  schwerste  im  Globus  pallidus  finden,  ist  das  Verhalten  bei  der 
H.  Ch.  gerade  umgekehrt.  Die  Erkrankungen  des  Linsenkerns  sind  jedoch 
bei  beiden  Prozessen  nur  Teiler&heinungen  viel  weiter  ausgebreiteter  Schä¬ 
digungen.  Ist  es  auch  noch  nicht  entfernt  möglich,  aus  dem  histologischen 
Bild  Schlüsse  auf  klinische  Symptome  zu  ziehen,  so  kann  man  doch  aus  dem 
Zusammentreffen  ätiologischer  und  bestimmt  lokalisierter  Schädigungen  und 
charakteristischer  histologischer  Bilder  urteilen,  welcher  Krankheitsgruppe 
die  Präparate  angehört  haben.  L.  spricht  sich  gegen  die  Zusammenfassung 
in  gewissem  Sinne  abgrenzbarer  Krankheitsbilder  zum  amyostatischen  usw. 
Komplex  aus.  tritt  vielmehr  für  eine  genaueste  Einzeldurchforschung  ein,  die 
uns  vielleicht  sogar  Einblicke  in  die  Beziehung  des  pathophysiologischen 
Geschehens  zu  den  Zellerkrankungen  ermöglichen  werden. 

F.  Schob:  Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Friedreich-ähnlichen 
Krankheitsbilder. 

Mitteilung  zweier  Beobachtungen:  1.  Friedreich-ähnliches  Bild,  das  sich 
von  der  F  ried  reich  sehen  Krankheit  dadurch  unterscheidet,  dass  das 
Leiden  angeboren  ist  und  sich  keine  Progredienz  und  keine  ausgesprochene 
Heredität  und  Familiarität  zeigt,  ausserdem  aber  Augenerscheinungen: 
Chorioiditis  dissem.,  Nystagmus,  Abduzens-  und  Blickparese  bestehen.  Bei 
einer  Schwester  des  36  jähr.  Kranken  fand  sich  desgleichen  Chorioiditis  und 
Abduzenslähmung,  so  dass  also  doch  eine  gewisse  Familiarität  vorlag. 

2.  Mitteilung  des  pathologisch-histologischen  Befundes  eines  in  der  Fest¬ 
schrift  für  Ganser  beschriebenen  Friedreich-ähnlichen  Falles,  der  sich 
wahrscheinlich  auf  dem  Boden  kongenitaler  Lues  entwickelt  hatte.  Erkrankt 
waren  die  Systeme  der  Purkinjezellen,  die  der  Kleinhirnkörner,  der  Oliven¬ 
zellen  und  der  Hinterstränge.  Es  wird  zum  Schluss  die  Annahme  näher 
erwogen,  ob  durch  exogene  Ursachen  wie  hier  das  gleichartige  morpho¬ 
logische  Bild  der  systematischen  Parenchymdegeneration  entstehen  kann. 
Die  Arbeit  ist  mit  schönen  Abbildungen  belegt  und  enthält  wertvolle  ein¬ 
gehende,  hier  aber  nicht  zu  berichtende  Einzelergebnisse  und  Betrachtungen. 

B  a  p  p  e  r  t  (Hirnverletzteninstitut  Frankfurt:  Zur  Frage  der  Untersuchung 
der  körperlichen  Leistungsfähigkeit  bei  Hirnverletzten. 

Mit  Hilfe  verschiedener  Apparate  (Finger-,  Handergograph,  Gewichts¬ 
und  Bederhebebückapparat)  werden  mehr  umschriebene  Muskelgruppen  einer¬ 
seits,  den  gesamten  Organismus  anderseits  in  Anspruch  nehmende  unter- 
maximale  und  maximale  Gewichts-  und  Dauerleistungen  an  Normalen  und 


2  86 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Hirnverletzten  untersucht.  Dabei  zeigen  sich  schon  sehr  grosse  persönliche 
Verschiedenheiten  bei  Normalen,  so  dass  man  nicht  daran  denken  kann, 
..Normalkurven“  zu  gewinnen.  Verschiedenheiten,  die  jedoch  von  den  Kurven 
Hirnverletzter  übertroffen  werden.  Diese  bieten  im  Prinzip  dasselbe  Bild 
wie  die  ermüdeter  Normaler.  Die  Ermüdung  äussert  sich  in  Schwankungen 
der  -Hubhöhe  und  Störungen  des  Rhythmus,  erst  des  inneren,  später  auch  des 
äusseren.  Die  Kurven  sinken  bei  Ermüdung  nicht  gleichmässig  ab;  es  bilden 
sich  vielmehr  immer  tiefer  liegende  Plateaus.  Dem  einzelnen  Plateau  kann 
man  nicht  ansehen,  ob  es  sich  um  die  Leistung  eines  frischen  oder  ermüdeten 
Menschen  handelt.  Auch  in  der  Ermüdung  ist  noch  der  ganze  Organismus  in 
Tätigkeit.  ...  ,  . 

Bei  der  Beurteilung  kommt  es  nicht  auf  die  Einzelleistung  an  (man  kann 
nicht  von  einer  Leistung  auf  andere  schliessen),  sondern  man  muss  -diese 
zu  der  Gesamtheit  der  übrigen  Leistungen,  dem  Leistungssystem,  in  Be¬ 
ziehung  setzen  und  feststellen,  wie  dadurch  das  Leistungssystem  und  damit 
auch  die  praktische  Leistungsfähigkeit  verändert  wird.  B.  betont  ausdrück¬ 
lich  den  nur  methodologischen  Wert  seiner  mit  vielen  Kurven  belegten  Arbeit, 
die  ein  neuer  Beleg  für  die  Schwierigkeit  der  Beurteilung  ergographischer 
Leistungen  ist. 

W.  Mayer-Gross  und  -  G.  Steiner-  Heidelberg :  Encephalitis 
lethargica  in  der  Selbstbeobachtung.  - 

Ausgezeichnete  Selbstschilderung  eines  gebildeten,  ..unbestechlich  be¬ 
obachtenden“  Kranken,  der  nach  einer  Enc.  leth.  eine  schwere  Bewegungs¬ 
störung  (Akinese,  Rigidität,  Zittern)  und  eine  eigenartige  psychische  Ver¬ 
änderung,  in  -deren  Vordergrund  Zwangsphänomene  stehen,  zurückbehalten 
hat.  Es  finden  sich  ferner  mangelnde  Ansprechbarkeit  der  Affekte,  nach¬ 
haltige  depressive  Stimmungen,  eine  abnorm  gesteigerte  Einfühlfähigkeit, 
Fehlen  der  spontanen  Urteilsbildung  und  besonders  Störungen  auf  dem  Ge¬ 
biete  des  Wollens,  Störungen  in  den  Abläufen  durch  Willkü'reinstellung.  Das 
nach  dem  Enderfolg  hinzielende  Wollen  bleibt  unwirksam,  wenn  nicht 
„Ueberlegung“  oder  „wilde  Begeisterung“  zu  Hilfe  kommen.  Bei  dem  vor 
der  Krankheit  kraftvollen,  auf  die  Wirklichkeit  gerichteten  Menschen  herrscht 
jetzt  die  Reflexion  vor.  Es  sind  der  Selbstschilderung,  die  ausserordentlich 
interessant  ist,  nur  wenige  zusammenfassende  und  kritische  Bemerkungen 
beigefügt. 

F.  Jahnel:  Die  Spirochäten  im  Zentralnervensystem  bei  der  Paralyse. 

(Referat  auf  der  Jahresversammlung  des  deutschen  Vereins  für  Psychiatrie 
1921.)  *  * 

Man  kann  bei  geduldigem  Suchen  mindestens  bei  50  Proz.  aller  Paralysen 
im  Gehirn  Spirochäten  nachweisen.  Die  Behauptung  einer  besonderen  Lues 
nervosa  durch  Marie  und  L  e  v  a  d  i  t  i  wird  -durch  J.s  Zurückführung  von 
deren  Befunden  auf  eine  eigenartige  Kaninchenspirochätose  widerlegt.  In 
den  inneren  Organen  von  Paralytikern  werden  Sp.  vereinzelt  gefunden.  Im 
Gehirn  zeigen  sie  sich  hauptsächlich  in  der  Rinde,  selten  in  der  weissen 
Substanz,  auch  im  Kleinhirn  und  den  zentralen  Ganglien.  Sie  finden  sich 
auch  in  den  Meningen,  aber  stets  nur  an  wenigen  Stellen,  bisher  noch  nicht 
über  dem  Grosshirn.  Diese  Befunde,  denen  sicher  eine  grössere  Bedeutung 
zukommt,  schlagen  vielleicht  eine  Brücke  zu  gewissen  Fällen  von  Hirnlues, 
helfen  vielleicht  auch  die  Präparalyse  klären.  Bei  -der  Tabes  werden  selten 
Sp.  gefunden,  vor  allem  im  arachnoidalen  Gewebe;  ihre  Rolle  für  die  Tabes 
ist  ungeklärt.  Das  mikroskopische  -Bild  entspricht  ja  nur  einem  Momentbild 
aus  einem  jahrelangen  Krankheitsvorgang.  Sp.  finden  sich  einmal  disse- 
miniert,  unregelmässig  verstreut,  ferner  herdförmig  von  kleinen  Kolonien  bis 
zu  riesigen  Herdbildungen.  Zu  der  letzteren  Form  gehört  auch  der  vaskuläre 
Verteilungstyp.  Regelmässige  Beziehungen  zu  bestimmten  Gewebselementen 
lassen  sich  nicht  nachweisen. 

Karl  N  e  u  b  ü  r  g  e  r  -  München:  Histologisches  zur  Frage  der  diffusen 
Hirnsklerose. 

Histologische  Darstellung  zweier  Fälle,  die  einer  besonderen  Form  nicht¬ 
eitriger  Entzündung  des  Hemisphärenmarks  angehören.  Es  handelt  sich  um 
eine  Erkrankung,  die  verschieden  grosse  Bezirke  der  weissen  Substanz, 
u.  U.  das  ganze  Hemisphärenmarklager  betrifft.  Die  Arbeit  bietet  vorwiegend 
anatomisches  Interesse. 

Siegfried  S  a  1  0  m  o  n  -  Heidelberger  Klinik:  Ueber  einen  Fall  von  seniler 
Paralyse. 

Bei  einer  71  jähr.  Frau,  die  klinisch  als  senile  Demenz  diagnostiziert 
war,  fand  sich  anatomisch  ein  ausgesprochener  paralytischer  Prozess,  un¬ 
abhängig  davon  deutliche  senile  Rindenveränderungen  in  Form  von  Drusen 
und  Alzheimer  scher  Fibrillenveränderung.  Infektion  vor  25  Jahren. 

Friedrich  W  o  h  1  w  i  1 1  -  Hamburg:  Zur  Frage  der  sog.  Encephalitis 
congenita  (Virchow).  II.  Teil.  Ueber  schwere  zerebrale  Destruktions- 
Prozesse  bei  Neugeborenen  und  kleinen  Kindern.  (Kortikale  und  medulläre 
Enzephalomalazien  und  Sklerosen.) 

Es  werden  9  Fälle  mitgeteilt,  bei  denen  es  intrauterin  oder  in  frühester 
Kindheit  zu  ausgedehnten,  rein  degenerativen  Veränderungen,  teils  Er¬ 
weichungen,  teils  sklerotischen  Prozessen,  gekommen  ist,  die  in  verschiedener 
Weise  lokalisiert  sind.  Durch  die  gleiche  Schädlichkeit  scheint  bald  das  ganze 
ektodermale  Gewebe  vernichtet,  bald  die  Glia  verschont  zu  werden,  wobei 
offenbar  die  Lokalisation,  vor  allem  die  besondere  Art  der  Glia  an  den  be¬ 
troffenen  Stellen,  vielleicht  auch  die  Intensität  der  Einwirkung  mitspielt. 
Aetiologisch  kommt  in  einzelnen  Fällen  wohl  das  Geburtstrauma  in  Betracht, 
jedoch  nicht  überall.  Einmal  wurde  zugleich  eine  Fibrose  der  Schilddrüse’ 
angetroffen,  was  an  Beziehungen  der  Erkrankung  zu  Blutdrüsenstörungen 
denken  lässt.  Die  Fälle  stellen  grösstenteils  frische  Stadien  derselben 
Prozesse  dar.  die  als  lobäre  oder  atrophische  Sklerose  bzw.  sklerotische 
Hemisphärenatrophie  bekannt  sind.  Fü'r  diese  kommt  als  Aetiologie  eine 
Enzephalitis  so  gut  wie  nie  in  Frage.  Die  interessante  Arbeit,  in  der 
das  Klinische  stark  zurücktritt,  bietet  fast  ausschliesslich  spezielles  hirn¬ 
anatomisches  Interesse. 

Hans  H  e  r  in  e  I  -  Hamburg  bzw.  Rinteln:  Ueber  Spirochätenbefunde  bei 
atypischen  Paralysen. 

Ausser  bei  stationärer  Paralyse,  wo  ein  Parasitenbefund  ein  Aufflackern 
des  paralytischen  Krankheitsprozesses  kennzeichnet,  und  in  den  erheblich 
affizierten  Stellen  herdförmiger  Paralysen  fand  sich  bei  allen  Formen 
atypischer  Paralysen  (solchen  mit  Entwicklung  miliarer  Gummen,  mit  End- 
arteriitis,  sehr  rasch  verlaufenden  Erkrankungen,  juvenilen  und  senilen 
Formen)  allenthalben  Pallida.  Dagegen  fehlten  die  Spirochäten  bei  End- 
arteriitis  syph.  der  kleinen  Hirngefässe,  auch  bei  kombinierten  Lues- 
Paralysefällen  an  solchen  Stellen,  die  vom  luetischen  Prozess  eingenommen 
waren. 


j.  S  c  h  u  s  t  e  r  -  Pest:  Ein  Fall  von  multipler  Sklerose  mit  positive 

Spirochätenbefund.  .... 

In  einem  Falle  von  multipler  Sklerose,  der  besonders  rasch  verlauf' 
war,  fanden  sich  in  frischen  Herdchen  vereinzelte  wohlcharakterisier 
Spirochäten,  die  in  älteren  Fällen  vermisst  wurden. 

A.  Jordan  und  M.  K  r  o  1 1  -  Moskau:  Ein  Beitrag  zur  Different!: 
diagnose  zwischen  Nervenlepra  und  Syringomyelie. 

19  jähr.  Mädchen,  wegen  Krätze  eingeliefert,  z.eigt  als  auffallendste 
Befund  neben  der  Krätze  Mutilationen  der  Finger  an  beiden  Händen,  Main 
perforans  an  beiden  Füssen,  Perforationen  der  Nasenscheidewand,  daneb 
eine  Reihe  von  Krankheitszeichen:  eigenartige  fleckweise  Verteilui 
dissoziierter  Empfindungsstörungen,  Lagophthalmus,  Verdickung  des  link 
Nerv,  medianus,  Pigmentationen  und  Depigmentationen,  anästhetische  Narbe 
bildungen,  Vergrösserung  der  Lymphdrüsen,  Ausfall  der  Augenbrauen,  E 
haltenbleiben  der  Nägel  an  den  verstümmelten  Fingern,  die  schon  klinis 
viel  eher  für  -Lepra  sprachen.  Die  Kranke  stammte  aus  einer  Gegend, 
der  Lepra  auch  sonst  vorgekommen  war.  In  einem  Infiltrationsherd  Hess 
sich  tatsächlich  Leprabazillen  nachweisen.  Die  Bordet- Gengou  sc 
Reaktion  war  negativ.  Nicht  ein  einzelnes  Symptom,  aber  die  Summe  all 
Symptome,  ihre  Gruppierung,  ermöglicht  die  Stellung  der  Lepradiagno! 
deren  Aeusserungen  nach  Ansicht  -der  Autoren  wohl  fast  ausschliesslich  Fol 
der  Erkrankung  der  peripheren  Nerven  sind,  nicht  oder  doch  sehr  seit, 
durch  toxisch  bedingte  Rückenmarksschädigungen  hervorgerufen  sind. 


Georg  S  tief  Per:  Die  Seborrhoea  faclel  als  ein  Symptom  der  Enc 
phaütis  lethargica.  , 

2  Fälle  von  Palliduinsyndrom  nach  Enc.  leth.,  welche  die  -bekam! 
Erscheinung  des  Salbengesichts  zeigen.  Als  Ursache  der  Erscheinung  wi 
eine  Enthemmung  entsprechender  vegetativer  Zentren  in  der  Linsenkerj 
gegen-d  angenommen. 

Karl  Grosz- Wien:  Zur  Klinik  der  Ostitis  deformans  (Paget)  d 

Schädels.  t 

2  Fälle  von  Ostitis  deformans,  die  ausschliesslich  den  Schädel  betrat«  I 
1.  56  jähr.  Frau  mit  Aortenatheromatose.  Plötzliches  Einsetzen  eines  se 
starken,  dauernden  Drehschwindels,  zerebellaren  Gangs;  Nystagmus,  Kc 
nealreflex  links  herabgesetzt.  Internusparese?  Dabei  auffallende  Vergrös« 
rung  und  Deformation  des  Schädels  mit  Tympanismus.  Hochgradige  D 
struktion  und  Deformation  der  Schädelkapsel,  basale  Impression,  Deformati. 
des  Gesichtsschädels.  Im  weiteren  Verlauf  Zunahme  der  Deformation,  Makrj1 
glossi-e,  quälende  Schmerzen  an  den  Beinen.  2.  49  jähr.  Frau,  leie) 
Arteriosklerose.  Vor  einem  halben  Jahre  Kopfschmerzen,  leichter  Schwind  1 
Schluckbeschwerden,  Doppeltsehen.  Objektiv  Fehlen  der  Kornealrefle;  i 
rechts  Abduzensparese. '  Schädeldeformation  usw.  analog  dem  ersten  Fa 
In  beiden  Fällen  leichte  endokrine  Störungen,  im  1.  Makroglossie,  my 
ödematöse  Erscheinungen  im  Gesicht,  Fehlen  der  Augenbrauen,  vermehrt) 
Blutzucker,  im  2.  erhöhter  Blutzucker  und  leichte  alimentäre  Glykosurie.  t; 
Störungen  können  auf  eine  Schädigung  der  Hypophyse  durch  den  Krankheit 
Prozess  Hinweisen.  Im  Hinblick  auf  andere  Erfahrungen  sind  jedoch  andei 
Zusammenhänge  möglich.  Für  die  Diagnose  sehr  wichtig  ist  das  Röntge 
verfahren 


Erwin  Thomas- Köln:  Ueber  statischen  Infantilismus  bei  zerebral 
Diplegie.  J 

Mitteilung  von  5  Fällen  zerebraler  Diplegie  verschiedenen  Alters,  lB 
denen  im  Gegensatz  einmal  zu  den  sonst  bestehenden  spastischen  Erschj 
nüngen,  anderseits  zur  Beteiligung  der  Muskelgruppen  bei  der  Hemiplesi 
eine  auffallende  Atonie  der  Nacken-  und  Rückenmuskulatur  besteht  r 
früher  bestand;  diese  ist  hervorgerufen  durch  auf  Rückständigkeit 
geistigen  Entwicklung  beruhenden  Nichtgebrauch. 

Heinrich  D  r  e  y  f  u  s  s  -  Heidelberg:  Multiple  Sklerose  und  Beruf. 

Aus  einer  Zusammenstellung  von  1151  gesicherten  Fällen  von  multipi 
Sklerose  ergibt  sich  ein  Hervortreten  der  landwirtschaftlichen  Berufe  -J 
den  absoluten  Zahlen,  ferner  bei  der  Differenzierung  nach  den  Handwerk 
berufen  ein  Plus  bei  den  Holzberufen  (Schreiner,  Tischler  usw.)  und  ei- 
sprechende  Befunde  für  das  weibliche  Geschlecht.  Die  Untersuchung  wur 
unternommen  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Annahme  Steiners,  d. 
für  die  Uebertragung  des  Erregers  Zecken  in  Betracht  kommen,  und  so  1) 
sonders  Leute,  die  viel  im  Freien  arbeiten,  betroffen  werden. 

H.  P  f  i  s  t  e  r  -  Berlin-Lichtenrade:  Die  diagnostische  Bedeutung  $ 
Glutäalklonus.  . 

Der  Glutäalklonus,  den  man  erhält,  wenn  man  dicht  an  der  Rückset 
des  Oberschenkels  von  unten  her  die  Hinterbacke  umfasst  und  sie  tt 
kurzem,  kräftigen  Rucke  nach  oben  bzw.  oben  und  etwas  nach  aussen  dräi| 
und  der  in  Zuckungen  analog  denen  beim  Patellar-  und  Fussklonus  besteht,  «p 
anhalten,  so  lange  die  Hand  mit  der  Zerrung  nicht  nachlässt,  ein  Phänomf 
das  am  besten  in  Bauchlage  erhalten  wird,  ist  ein  echtes  Pyramidensymptd, 
das  auf  gleicher  Stufe  mit  Babinski,  Patellar-  und  Fussklonus  steht  und  i 
17  Proz.  der  Fälle  mit  Schädigung  der  Pyramidenbahn  vorhanden  ist.  i 
ist  ein  ganz  sicheres  Zeichen,  wie  sich  einwandfrei  erweisen  lässt.  V« 
Pseudoklonus,  den  man,  seltener,  bei  Neurotikern  antrifft,  unterscheidet  sf 
der  echte  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie  der  Pseudopatellar-  und  Fusskloij 
von  dem  echten  Klonus.  Gelegentlich  kann  der  Glutäalklonus  das  ert 
Pyramidenzeichen  sein. 


H  H  n  H  h  n  «  p  n  .  Hpirlplhprtr •  MüP.hweU  ftines  Stirntiimors  mit  Röntß'1 


strahlen.  ,  I 

Ein  Gliom  im  Stirnhirn  Hess  sich  röntgenologisch  nachweisen,  ohne  d» 
eine  Verkalkung  des  Tumors  selbst  oder  Aenderungen  in  seiner  UmgebiJ 
am  Schädeldach  vorhanden  waren.  Es  wird  angenommen,  dass  -der  Tun" 
sich  durch  Mineralreichtum  auszeichnete. 

J  o  s  s  m  a  n  n  -  Breslau:  Zur  Kritik  des  Begriffs  „unbewusstes  P' 

ehisches  Geschehen“  und 

R.  A.  E.  Hoff  mann:  Zur  Einteilung  und  Bezeichnung  der  Psyc  ■ 

pathien.  Zum  Referat  hier  nicht  geeignet. 

J.  L.  E  n  t  r  e  s  -  Eglfing:  Ueber  H  u  n  t  i  n  g  t  o  n  sehe  Chorea. 

Referat  einer  grösseren,  bei  Springer  erschienenen  Arbeit.  F 
drängte  Zusammenfassung  der  wertvollen  Untersuchungen  an  15  neuen  Fall 
von  H. scher  Chorea,  aus  denen  geschlossen  werden  kann,  dass  es  sich  i 
eine  dominant  gehende,  mendelnde  Erkrankung  handelt.  Fälle  aus  f 
Literatur,  die  scheinbar  nicht  zu  dieser  Annahme  stimmen,  ergeben  sich  = 
aus  einem  oder  dem  anderen  Grunde  unzuverlässig:  verschleierte  o-< 
mangelhaft  erhobene  Vorgeschichte,  Fehldiagnosen,  zu  frühes  Absterben  > 
Zwischenglieder  usw.  Die  grösste  Zahl  der  Erkrankungen  wird  zwiscF 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


287 


n  30.  und  45  Lebensjahr  manifest.  Früherer  Erkrankungsbeginn  beruht 
:nbar  auf  komplizierenden  Leiden.  Einzelne  Familien  zeigen  oft  auf¬ 
end  übereinstimmende  Manifestationszeit.  Auch  sonst  bestehen  gewisse 
enheiten  in  einzelnen  Familien:  Zurücktreten  der  fast  immer  vorhandenen 
chischen  Störungen.  Für  eigenartige  psychotische  Bilder  wird  eine  Mo- 
sation  latenter,  entsprechender  Erbanlagen  angenommen. 

Friedrich  M  o  e  r  c  h  e  n  -  Wiesbaden :  lieber  Pseudopsychosen. 

Zum  Referat  nicht  geeignet. 

Walter  Jacobi-Jena:  Zur  Frage  der  allgemeinen  Proteinkörper- 
raple  und  aktiven  Immunisierung  der  progressiven  Paralyse. 

Drei  Fälle  von  Paralyse  wurden  mit  lange  fortgesetzten  Injektionen 
i  fötalen  luetischen  Leberextrakten  behandelt.  Danach  interessante  Ueber- 
nindlichkeitserscheinungen,  selbst  nach  Injektionen  von  NaCl.  1  Fall 
n  unverändert  zum  Exitus,  die  beiden  anderen  zeigten  leichte  Remissionen, 
en  Zusammenhang  mit  der  Therapie  bezweifelt  wird,  die  am  ehesten  noch 
den  im  Gefolge  der  Behandlung  auftretenden  Fiebererscheinungen  zu- 
nnengebracht  werden. 

Heinrich  H  e  r  s  c  h  m  a  n  n  -  Wien:  Zwei  Fälle  von  Eigentumsdelikten 
dge  krankhaften  Triebes  zum  Verschenken. 

2  Frauen  gegen  Ende  der  20  er  Jahre,  wegen  ausgedehnter  Unter- 
lagungen  forensisch,  kamen  zu  ihren  Delikten  vorwiegend  unter  dem 
fluss  ihres  „Triebes“  zum  Verschenken.  Beide  zeigten  hysterische  Züge, 
ir  interessant  ist,  dass  die  erste  Kranke  durch  einen  Vater  belastet  ist, 
in  ganz  gleicher  Weise  Eigentumsdelikte  beging,  um  andere  regalieren 
1  beschenken  zu  können.  Dabei  konnte  ein  unmittelbarer  Einfluss  auf 
Kranke  ausgeschlossen  werden,  weil  der  Vater  starb,  als  die  Kranke 
fahre  alt  war. 

Max  Kirsch  bäum  -  Köln:  lieber  Persönlichkeitsveränderungen  bei 
dem  infolge  von  epidemischer  Enzephalitis. 

Mitteilung  von  4  Fällen  von  Persönlichkeitsveränderung  bei  Kindern 
14,  12  und  11  Jahre)  nach  Enzephalitis,  die  dreimal  in  dauerndem  oder 
übergehendem  asozialem  Verhalten  sich  kundgab,  einmal  am  ehesten  einem 
jomanischen  Zustandsbild  entsprach.  Es  wird  die  Vermutung  ausge- 
ochen,  dass  die  Enzephalitis  auf  das  jugendliche  Gehirn  anders  einwirkt 
auf  das  ausgereifte.  (Es  kommen  jedoch  auch  ausgesprochene  Persönlich- 
tsveränderungen  bei  Erwachsenen  vor  [Ref.].)  Man  muss  für  möglich 
ten,  dass  es  sich  vereinzelt  auch  um  eine  natürliche  Entwicklung,  oder 
r  auch  um  die  Auslösung  konstitutionell  verankerter  Reaktionsformen 
delt. 

Andreas  K  1  u  g  e-Pest:  Die  Erweiterung  des  Foramen  occipitale  magnum. 

Mitteilung  von  2  Beobachtungen  plötzlicher  Todesfälle  von  Kranken,  bei 
en  es  infolge  hirndrucksteigernder  Prozesse  (Tumor  und  Hydrozephalus) 
einer  Erweiterung  des  For.  occip.  und  des  Raumes  zwischen  Opziput  und 
as  und  Hereinbeziehung  von  Gehirnteilen,  insbesondere  der  Medulla 
ongata,  in  diesen  Raum  gekommen  war.  Durch  Muskelfixation  wird  im 
:emeinen  ein  Schutz  der  lebenswichtigen  Partien  gesichert.  In  beiden 
len  trat  der  Tod  infolge  von  Zufallsbewegungen  bei  „Vergessen“  der 
ation  durch  Kompression  der  Medulla  zustande. 

Heinrich  Fischer-  Giessen :  Tierexperlmentelle  Krampfstudien. 
Mitteilungen  der  Protokolle,  die  anderweitigen  Ausführungen  des  Autors 
ir  die  Genese  des  „elementaren“  Krampfes  zugrunde  liegen.  Während 
linchen  gesetzmässig  nach  Einatmung  von  Amylnitrit  epileptiforme  Krämpfe 
:ommen,  treten  diese  nicht  oder  doch  sehr  abgeschwächt  ein,  wenn  man 
Nebennieren  ausschaltet.  Entfernung  beider  Nebennieren  hat  nach  den 
itokollen  einen  krampfhemmenderen  Einfluss  als  die  einer.  Die  Krampf- 
eitschaft  kann  gesteigert  werden  durch  vorherige  Rindenreizung.  Vor- 
densein  von  Beinebennieren  machte  isch  durch  die  höhere  Krampfbereit- 
aft  bemerkbar.  Die  Krampffähigkeit  ist  nicht  lediglich  eine  Fähigkeit  des 
lirns,  sondern  des  Gesamtorganismus.  Die  Nebennieren  spielen  dabei  eine 
sse  Rolle;  ihr  Angriffspunkt  liegt  im  Tonusanteil  der  quergestreiften 
skulatur.  Deren  Ansprechbarkeit  wird  durch  Ausschaltung  der  Neben- 
ren  herabgesetzt. 

Hellmuth  G  r  a  g  e  -  Chemnitz:  Ein  Fall  von  Isolierter  reflektorischer 

lillenstarre. 

Ungeklärter,  doch  wohl  der  Lues  verdächtiger  Fall  (4  Fehlgeburten),  bei 
i  eine  isolierte  reflektorische  Pupillenstarre  auf  eine  nicht  sichergestellte 
’.ephalitis  bezogen  wird. 

E.  P  o  1 1  a  k  und  E.  Stern  schein  -  Wien :  Experimentelle  Unter¬ 
hungen  zur  Frage  des  Verlaufes  der  okulopupillären  Fasern  in  den  hinteren 
rzeln.  (Vorläufige  Mitteilung.) 

An  2  Kaninchen  wurden  die  hinteren  Wurzeln  von  C  5  bis  D  3  reseziert, 
waren  keine  Folgeerscheinungen  an  der  Pupille  bemerkbar.  Daraus  wird 
chlossen,  dass  die  hinteren  Wurzeln  keinen  Einfluss  auf  den  'Dilatatortonus 
Pupille  ausüben.  Lange-  München. 

Zieglers  Beiträge  zur  pathologischen  Anatomie  und  zur  allge- 
Inen  Pathologie.  Band  68.  Heft  1.  1921. 

Anton  Weichselbaum  t.  Nachruf. 

Hugo  R  i  b  b  e  r  t  t.  Nachruf.  - 

J.  Aschoff:  Zur  Begriffsbestimmung  der  Entzündung. 

A.  bringt  hier  gegenüber  J  o  r  e  s,  der  seinen  Entzündungsbegriff  scharf 
egriffen  und  abgelehnt  hatte,  noch  einmal  eine  zusammenfassende  Darstel- 
?  seiner  Anschauungen  und  seiner  Begriffsbestimmung  der  Entzündung: 
er  Entzündung  versteht  A.  vom  biologischen  Standpunkte  aus  die  Ge- 
ltheit  der  mit  klinischen,  morphologischen  und  physiologischen  Methoden 
hweisbaren,  auf  pathologische  Reize  hin  erfolgenden  Regulationsvorgänge 
Organismus;  dieselben  können  in  restituierende,  reparative  und  defensive 
men  eingeteilt  werden,  sie  sind  in  allgemeine  (Fieber,  Leukozytose,  Anti¬ 
perbildung  etc.)  und  in  lokale  defensive  Reaktion  (Entzündungsherd)  zu 
inen.  Sowohl  die  restituierende  wie  die  reparative  und  auch  die  defensive 
Zündung  spielen  sich  nicht  nur  am  Gefäss-  und  Bindegewebsapparat, 
dem,  was  A.  wieder  besonders  betont,  auch  am  Parenchym  ab. 

M.  Staemmler:  Ein  Beitrag  zur  Lehre  von  der  Zystenniere.  (Aus 
u  pathol. -hygienischen  Institut  der  Stadt  Chemnitz.) 

Auf  Grund  der  histologischen  Untersuchung  von  7  eigenen  Fällen,  die 
s  Erwachsene,  teils  Kinder  (zwei  Totgeburten)  betrafen,  kommt  St.  unter 
tischer  Besprechung  der  Literatur  zu  der  Auffassung,  dass  bei  den  Zysten- 
ren  sowohl  der  Neugeborenen  wie  auch  der  Erwachsenen  eine  Kombination 
er  angeborenen  Entwicklungshemmung  mit  einer  echten  pri¬ 


mären  Geschwulstbildung,  einem  multilokularen  Kystom  (N  a  u  - 
werck -  Hufschmidt)  vorliegt,  also  primäres  Neoplasma  in  einer  miss¬ 
bildeten  Niere,  wobei  die  Bildung  der  Geschwulst  oft  der  Entwicklungs¬ 
störung  nicht  parallel  geht. 

J.  Wätjen:  Zur  Pathologie  der  trachealen  Schleimdrüsen.  (Aus  dem 
pathol.  Institut  zu  Freiburg  i.  B.) 

Bei  Grippe,  Diphtherie,  Pocken  und  bei  Gelbkreuzvergiftungen  findet  W. 
schweren  Strukturzerfall  der  Schleimdrüsen  der  Luftröhre,  die  sich  neben 
Desquamation  in  Nekrose  am  abgestossenen  wie  auch  am  noch  wandständigen 
Epithel  äussern,  was  gleichzeitig  mit  deutlichen  funktionellen  Störungen  der 
Schleimabsonderung  einhergeht;  nach  W.  sind  die  Veränderungen  nicht  bak¬ 
teriell,  sondern  zuerst  toxisch  bedingt.  Sie  bereiten  erst  den  Boden  für 
sekundäre  Bakterienansiedelungen  und  deren  Folgen  (Wandabszesse  in  der 
Luftröhre,  den  Bronchien  und  im  Lungengewebe,  besonders  bei  Grippe  und 
bei  Gelbkreuzvergiftungefil).  Bei  Aetzvergiftungen  durch  Säuren,  Alkalien 
und  Sublimat  treten  auch  Veränderungen  der  Luftröhrenschleimhaut  auf,  sie 
zeigen  jedoch  anderen  Charakter  wie  bei  den  genannten  Erkrankungen. 

G.  Herxheimer  und  W.  Gerlach:  Ueber  Leberatrophie  und 
ihr  Verhältnis  zu  Syphilis  und  Salvarsan.  Zugleich  ein  Beitrag  zur  Frage 
der  Leberzellregeneration.  (Aus  dem  pathol.  Institut  des  Stadt.  Kranken¬ 
hauses  zu  Wiesbaden.) 

Im  Hinblick  auf  die  in  den  letzten,  Jahren  scheinbar  gehäuften  Beob¬ 
achtungen  über  das  Auftreten  sowohl  von  einfachem  Ikterus  wie  auch  von 
akuter  gelber  Leberatrophie  im  Verlaufe  von  Salvarsanbehandlung  gewinnen 
die  auf  Grund  von  6  einschlägigen  Beobachtungen  und  deren  klinischer  und 
histologischer  Würdigung  niedergelegten  Ausführungen  ein  besonderes 
Interesse:  Die  Autoren  trennen  scharf  den  einfachen  Ikterus,  dessen 
gehäuftes  Auftreten  dem  Salvarsan  zugeschoben  wird;  hjer  wären  katar¬ 
rhalische  Zustände,  wie  sie  sehr  wohl  durch  die  Ausscheidung  des  einver¬ 
leibten  Salvarsanarsens  in  der  Leber  und  durch  den  Magen  (vergl.  die 
Experimente  von  Aladow  an  Hunden  mit  P  a  w  1  o  w  scher  Fistel!)  zu¬ 
stande  kommen,  als  Ursache  des  Ikterus  anzusprechen;  bei  den  Fällen  von 
sog.  akuter  gelber  Leberatrophie  mit  fast  immer  tödlichem 
Ausgang,  von  denen  nach  der  Zusammenstellung  der  Autoren  in  den  letzten 
8  Jahren  41  Beobachtungen  angeblich  nach  Salvarsanbehandlung  mitgeteilt 
worden  sind  —  nicht  alle  sehr  kritisch,  wie  betont  wird  —  weisen  die 
Verf.  darauf  hin,  dass  der  Beweis  eines  Kausalzusammenhanges  durchaus 
nicht  erbracht  worden  sei;  denn  die  akute  gelbe  Leberatrophie  kommt  be¬ 
kanntlich  auch  ohne  jede  Salvarsanbehandlung  im  Verlauf  der  Lues  zur 
Beobachtung,  wie  es  unter  den  von  den  Verfassern  mitgeteilten  6  Fällen 
zweimal  festgestellt  wurde  und  —  was  besonders  wichtig  ist  — ,  diese 
Fälle  bieten  dann,  wie  hier  gezeigt  werden  konnte,  vollkommen  das  gleiche 
histologische  Bild  wie  die  angeblich  durch  Salvarsanbehandlung  verursachten 
Todesfälle  an  akuter  gelber  Leberatrophie!  Es  wird  auch  daran  erinnert, 
dass  in  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  der  Quecksilberbehandlung  be¬ 
sonders  von  englischen  Autoren  der  gleiche  Vorwurf  gemacht  worden  sei. 
Bemerkenwert  ist  auch  eine  Beobachtung  der  Verf.,  dass  sie  bei  einigen 
kurz  nach  Salvarsan-Quecksilberkuren  Verstorbenen  zwar  in  der  Leber 
chemisch  grosse  Mengen  von  Arsen,  aber  sonst  weder  makro-  noch  mikro¬ 
skopische  Veränderungen  am  Lebergewebe  nachweisen  konnten,  was  gegen 
direkte  Arsenempfindlichkeit  spricht. 

V.  F.  Schilling:  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Parotisgeschwülste.  (Aus 
dem  pathol.  Institut  zu  Marburg.) 

Sch.  hat  in  dem  von  ihm  beschriebenen  Fall  einer  Mischgeschwulst  auf 
die  Berstung  der  epithelialen  Schleimzysten  und  das  Eindringen  der  Schleim¬ 
massen  in  das  umgebende  Bindegewebe  hingewiesen,  während  man  sonst 
meist  eine  schleimige  Umwandlung  des  Bindegewebes  in  derartigen  Tumoren 
feststellte. 

Al.  Schmincke:  Ueber  lymphoepitheliale  Geschwülste.  (Aus  dem 
pathol.  Institut  der  Universität  München.) 

Sch.  beschreibt  unter  Zugrundelegung  von  5  Beobachtungen  eine  be¬ 
sondere  Gruppe  von  Geschwülsten,  die  im  Bereich  der  Gaumentonsillen,  des 
weichen  Gaumens  und  des  Epipharynx  gelegen  sind  und  hier  in  die  Mund- 
und  Rachenhöhle  vorspringende,  bald  ulzerierende  Knoten  bilden,  die  durch 
Röntgen-  und  Radiumbestrahlung  sehr  gut  zur  Rückbildung  zu  bringen  sind; 
sie  zeigen  histologisch  ein  typisches  diffus  infiltrierendes  Wachstum  mit 
weitgehender  Zell-  und  Kernatypie.  Analog  den  von  J  o  1  1  y  benannten 
lymphoepithelialen  Organen,  wie  sie  Thymus  (Hammar,  M  a  x  i  m  o  w) 
und  Tonsillen  (M  o  1 1  i  e  r)  darstellen,  ist  auch  in  den  beschriebenen  Ge¬ 
schwülsten  der  histologische  und  histogenetische  Aufbau:  ein  synzytiales 
Epithelstroma  mit  eingelagerten  losgelösten  histiogenen  und  eingewanderten 
hämatischen  Lymphozyten. 

V.  Becker:  Besteht  ein  ätiologischer  Zusammenhang  zwischen 
Oxyuren  und  der  akuten  Wiirmfortsatzentzündung?  (Aus  dem  Pathologischen 
Institut  der  Hamburgischen  Universität.) 

ln  der  Hälfte  aller  normalen,  durch  Appendektomie  entfernten  Wurm¬ 
fortsätze  finden  sich  ohne  histologisch  erweisbare  Veränderungen  Oxyuren 
vor;  klinisch  kann  dabei  ein  heftiger  akuter  Appendizitisanfall  vorgetäuscht 
sein.  Ein  Zusammenhang  zwischen  histologisch  feststellbarer  akuter  Appen¬ 
dizitis  und  der  Anwesenheit  von  Oxyuren  besteht  nach  B.  nicht;  Oxyuren 
finden  sich  auch  in  entfernten,  akut  entzündeten  Wurmfortsätzen  nicht  häufiger 
als  sonst  an  der  Leiche. 

B.  weist  ferner  auf  die  häufige  Mitbeteiligung  der  kleinen  Venen  im 
Mesenteriolum  der  Appendix  bei  Wurmfortsatzentztindiiiig  hin  (Wandnekrose, 
Thrombophlebitis),  Gefahr  für  embolische  Prozesse  in  der  Leber! 

Kleinere  Mitteilungen: 

E.  Lauda:  Physiologische  Druckschädigungen  und  Arteriosklerose  der 
Duralgefässe. 

Ein  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Beziehungen  zwischen  Arteriosklerose  und 
mechanischen  Einflüssen  auf  die  Gefässwand.  (Aus  der  Prosektur  des 
Krankenhauses  Wieden  in  Wien.)  Herrn.  Merkel-  München. 

Klinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  4. 

Br.  B  1  o  c  h  -  Zürich:  Einiges  über  die  Beziehungen  der  Haut  zum  (ie- 
samtorganismus. 

Die  neue  Richtung  betont  wieder  viel  stärker  als  bisher  die  gesetz- 
mässigen  Beziehungen  zwischen  Haut  und  inneren  Organen.  Auf  dieser 
Grundlage  ergeben  sich  auch  verschiedene  neue,  oder  besser  modernisierte 
Gesichtspunkte  in  therapeutischer  Beziehung.  (Uebersichtsreferat.) 


288 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


E.  R  e  i  s  s  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  pathologische  Physiologie  der  chroni¬ 
schen  Obstipation.  Zusammenfassendes  Referat. 

E.  A  b  d  e  r  h  a  1  d  e  n  -  Halle:  Neuere  Untersuchungen  über  das  Wesen 

und  die  Bedeutung  der  Nutramine  (Vitamine).  . 

Aus  Versuchen  an  Tauben  zeigte  sich,  dass,  wenn  diese  Tiere  durch  eine 
bestimmte  einseitige  Ernährung  einer  alimentären  Dystrophie  ausgesetzt  wur¬ 
den,  sie  eine  ausserordentlich  stark  eingeschränkte  Gewebsatmung  zeigten. 
Fügte  man  der  Nahrung  wieder  Hefe  oder  Kleienstoffe  hinzu,  so  stieg  der 
Qaswechsel  sofort  wieder  stark  an.  Es  scheint  also,  dass  aus  den  aus 
Hefe  oder  Kleie  gewonnenen  Produkten  dem  Organismus  Stoffe  zugeführt 
werden,  welche  zur  Zellatmung  in  enger  Beziehung  stehen.  Einseitige  Er¬ 
nährung  führte  bei  Tieren  auch  zur  Einbusse  der  Fortpflanzungsfähigkeit. 

H.  P  e  i  p  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Grundsätzliche  Fragen  in  der  Chirurgie 

der  Nebennieren.  *  D  , 

Im  Gegensatz  zum  Ausfall  von  Tierexperimenten  und  klinischen  Beob¬ 
achtungen  nach  Nebennierenexstirpation  beim  Menschen  Hess  sich  am  er¬ 
wachsenen  Menschen  nach  einer  10  Monate  zurückliegenden  linkseitigen 
Nebennierenreduktion  zeigen,  dass  innerhalb  dieses  Zeitraumes  keine  nach¬ 
weisbare  kompensatorische  Hypertrophie  irgendwelchen  Nebennierengewebes 
aufgetreten  war.  Der  betreffende  Fall  (23  j ähr .  Kranke),  mit  Sektion,  wird 
mitgeteilt. 

Fr.  L  a  o  u  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  die  Wirkung  des  Hochgebirges 
aui  das  Blut  und  den  Flüssigkeitsaustausch  zwischen  Blut  und  Geweben. 

Aus  früheren  Untersuchungen  steht  fest,  dass  bei  Aufenthalt  in  einer 
Höhe  ab  1500  m  eine  langsame  Zunahme  der  roten  Blutkörperchen  und  des 
Hämoglobins  eintritt.  Die  Blutregeneration  wird  durch  Höhenaufenthalt  be¬ 
schleunigt.  Der  Gewichtsverlust  nach  Bergtouren  kann  durch  Wasser-  und 
Kochsalzaufnahme  rasch  wieder  ausgeglichen  werden.  Verf.  erörtert  schliess¬ 
lich  die  Ursachen  der  zu  beobachtenden  Blutveränderungen. 

A.  Neustadt  und  E.  S  t  a  d  e  1  m  a  n  n  -  Berlin:  Zur  Frage  der  Wir¬ 
kungsunterschiede  von  verschiedenen  Tuberkulinen  verschiedener  Herkunft, 
sowie  der  Tuberkulinschäden  nach  diagnostischen  Tuberkulininjektionen. 

Aus  den  Untersuchungen  der  Verfasser  erhellt,  dass  es  ein  Tuberkulin 
von  absoluter  Zuverlässigkeit  nicht  gibt.  Von  den  gebräuchlichen  Alttuber¬ 
kulinen  scheint  dem  A.T.H.  die  relativ  grösste  Zuverlässigkeit  zuzukommen. 
Verfasser  berichten  dann  noch  an  Hand  mehrerer  Fälle  über  Tuberkulin¬ 
schäden  nach  diagnostischen  Injektionen.  Auf  Grund  ihrer  Erfahrungen 
erscheint  ihnen  der  Wert  diagnostischer  Tuberkulinreaktionen  als  viel  zu 
gering  im  Verhältnis  zu  dem  möglichen  Schaden.  Sie  gelangen  daher  zu 
einer  absoluten  Ablehnung  dieses  diagnostischen  Verfahrens. 

G.  J  o  a  c  h  i  m  o  g  1  u  -  Berlin:  Ueber  die  Dosis  letalis  des  Arseniks. 

Ein  näher  mitgeteilter  Fall  lehrt,  dass  auch  eine  grosse  Arsendosis,  auch 
wenn  kein  Erbrechen  eintritt,  nicht  unbedingt  zum  Tode  führen  muss.  Der 
betr.  junge  Mann  hatte  gleichzeitig  etwa  \lA  Teelöffel  salzsaures  Morphin 
und  einen  Teelöffel  arsenige  Säure  genommen.  (  Man  nimmt  im  allgemeinen 
an,  dass  die  tödliche  Dosis  des  Arseniks  für  einen  Erwachsenen  etwa 
0,1 — 0,2  g  beträgt. 

A.  E.  Al-der-St.  Gallen:  Die  Eigenharnreaktion  nach  Wildbolz  im 
Säuglingsalter. 

Verf.  hat  die  genannte  Reaktion  (vergl.  Näheres  dazu  im  Original)  bei 
32  Säuglingen  nachgeprüft,  sowie  bei  8  kleineren  Kindern  und  einem  älteren. 
Er  fand  in  80  Proz.  eine  positive  Reaktion,  so  dass  sie  eine  spezifische  Tuber¬ 
kulosereaktion  nicht  darstellt.  Mindestens  für  diese  Altersklassen  ist  diese 
'Reaktion  nicht  brauchbar.  Der  positive  Ausfall  war  in  den  betr.  Fällen  auf 
die  chemische  Salzwirkung  der  Harnsalze  zurückzuführen. 

F.  S  c  h  ö  n  i  n  g  -  Jena:  Behandlung  der  Erythrämie  mittelst  Röntgen¬ 
strahlen. 

3  derartige  Fälle  werden  mitgeteilt.  Sie  erweisen  die  Röntgenbestrah¬ 
lung  als  ein  ausreichend  wirksames  Mittel,  um  die  Polyzythämie  zur  Heilung 
zu  bringen. 

P.  György:  Phosphate  und  Zellatmung. 

Verf.  kommt  zum  Ergebnis,  dass  das  Phosphat-Ion  die  Zellatmung  er¬ 
höht,  selbst  in  einer  sehr  geringen  Konzentration. 

G.  Mies  eher:  Die  Pigmentgenese  im  Auge  nebst  Bemerkungen  über 
die  Natur  des  Pigmentkornes. 

Das  Wesen  der  Pigmentgenese  im  Auge  ist  durch  den  Nachweis  der 
Pigmentoxydase  geklärt  worden;  wir  kennen  aber  die  chemische  Konstitution 
und  Herkunft  der  Muttersubstanz  noch  nicht.  Das  Pigmentkorn  besteht  aus 
zwei  Komponenten. 

L.  Pinkussen:  Ueber  die  Beeinflussung  des  Stoffwechsels  der  Kohle¬ 
hydrate  durch  Strahlung. 

Bei  Diabetikern  gelang  es  in  einer  grösseren  Reihe  von  Fällen  durch 
Bestrahlung  nach  Sensibilisierung  mit  Eosin  den  Blutzucker  erheblich 
herunterzudrücken  und  den  Harnzucker  zu  vermindern  oder  zum  Ver¬ 
schwinden  zu  bringen. 

H.  Böge:  Echinokokkus  der  Wirbelsäule  und  des  Rückenmarkes. 

Kasuistische  Mitteilung. 

A.  R  o  s  t  -  Freiburg  i.  Br.:  Zur  Behandlung  der  Frühsyphilis. 

Schluss  folgt. 

L.  L  a  n  g  s  t  e,i  n  -  Berlin:  Heilnahrungen  im  frühesten  Kindesalter. 

Für  Unterernährung  und  Atrophie  ist  die  beste  Heilnahrung  die  Frauen¬ 
milch.  Viele  Atrophien  und  Hypotrophien  erfordern  stärkere  Kohlehydrat¬ 
zufuhr,  als  in  den  gewöhnlichen  künstlichen  Nahrungsgemischen  vorhanden 
ist  (Malzsuppenextrakt).  Kinder  mit  Neigung  zu  Enterokatarrh  ertragen  kohle¬ 
hydratreiche  Mischungen  weniger  gut,  für  diese  kommen  Mischungen  in 
Betracht,  welche  zu  einer  Sterilisierung  des  Dünndarms  fahren.  Sie  müssen 
gärungshemmend  wirken  und  zugleich  die  Indikation  der  Darmschonung  er¬ 
füllen.  Aus  wirtschaftlichen  Gründen  sollen  die  Aerzte  nicht  immer  sogleich 
zu  den  teuren  Konserven  schreiten,  sondern  die  Nahrung  aus  Milch,  Wasser 
und  Zucker  event.  mit  einem  Eiweisspräparat  oder  Kalk  zusammenstellen. 

K.  K  i  s  s  k  a  1 1  -  Kiel:  Scharlachprobleme. 

In  der  kritischen  Bearbeitung  seines  statistischen  Materiales  führt  Verf. 
aus,  dass  die  Seuchenforschung  gegenwärtig  hinter  der  bakteriologischen  mit 
Unrecht  sehr  zurückgetreten  sei.  Er  betont  die  sehr  verschiedene  Letalität 
der  Scharlachepidemien,  unter  Zugrundelegung  des  Berliner  Materials  von 
1861  bis  1913.  Vor  allem  fordert  er  auch  —  mit  Recht!  —  eine  Zentral¬ 
stelle,  welche  das  statistische  Material  sachgemäss  zusammenstellt  und 
brauchbare  Schlüsse  daraus  zieht.  Grassmann  -  München. 


Medizinische  Klinik.  Heft  7. 

A.  H  e  f  f  t  c  r  -  Berlin :  Ueber  Salvarsan  und  die  Maximaldosis. 

Unbeschadet  des  grundsätzlichen  Wertes  der  Maximaldosen  starkwirkt 

der  Arzneimittel  hat  die  Feststellung  der  Salvarsartdosen  aus  den  vt 
Verfasser  dargelegten  Gründen  keinen  praktischen  Nutzen. 

E.  Sc  h  i  ff -Berlin:  Die  asthenische  Gefässreaktion  als  konstitutionel 
Stigma  bei  Kindern. 

Das  refraktäre  Verhalten  von  blassen,  schwach  gebauten  Kindern  gegtj 
über  der  blutdrucksteigernden  Wirkung  des  Adrenalins  wird  als  asthenist| 
Gefässreaktion  bezeichnet.  Sie  ist  in  vielen  Fällen  schon  vorauszusaz 
aus  der  Pulsbeschaffenheit  des  Kindes. 

F.  Glaser  und  B  u  s  c  h  m  a  n  n  -  Berlin-Schöneberg:  Der  makii 
skopische  Hämokoniennachweis. 

Für  die  Diagnose  des  Ikterus  und  besonders  seiner  dissoziierten  Form 
wird  an  Stelle  der  schwierigen  mikroskopischen  Hämokonienprobe  die  maki 
skopische  Betrachtung  des  Blutserums  auf  Opaleszenz  bzw.  Trübung  na 
Verzehren  eines  Butterbrotes  empfohlen.  Durch  Ueberschichtung  des  Seru 
mit  frisch  bereiteter  wässeriger  5  proz.  Glyzerinlösung  kann  der  Ausfall  i 
Probe  verstärkt  werden. 

Finkbeiner  -  Zuzwil :  Kretinismus  und  endemische  Ossifikatloi 
Störungen. 

Von  den  drei  aufgeworfenen  Fragen  wird  die  erste,  d.  h.  ob  die  scha 
prinzipielle  Trennung  von  Kretinismus  und  Chondrodystrophie  klinisch  ; 
rechtfertigt  sei,  auf  Grund  eigener  Beobachtungen  dahin  beantwortet,  d; 
zwischen  beiden  gewisse  klinische  Beziehungen  im  Sinne  der  älteren  Autor 
denkbar  sind. 

W.  W  e  y  g  a  n  d  t  -  Hamburg:  Tierversuche  und  klinische  Beobachtung 
bei  Darreichung  von  Zentralnervensystemsubstanz. 

Das  bekannte  Präparat  Promonta  erwies  sich  in  Tierversuchen  und  au 
in  zahlreichen  Fällen  von  leichten  Psychosen  usw.  als  ein  wertvolles  H< 
mittel,  das  für  eine  grosse  Reihe  von  Indikationen  empfehlenswert  ist. 

S.  Suchy-Wien:  Uebermässiger  Nikotingenuss  als  Ursache  einer  r 
gemeinen  Endarteriitls. 

Der  ausführlich  mitgeteilte  Fall  beweist  wiederum  die  schädigen 
Wirkung  des  Nikotins  auf  sämtliche  Gefässe  und  weist  auf  die  Notwendigk 
hin,  bei  einer  das  Anfangssymptom  der  Erkrankung  bildenden  Gehstörui 
zumal  zusammen  mit  abnormen  Sensationen,  an  einen  Abusus  von  Nikot 
Koffein  usw.  zu  denken. 

K.  F  e  i  t  -  Koblenz:  Ueber  Pityriasis  rosea  bei  Syphilitikern  uf 
Jarisch-Herxheimer  sehe  Reaktion. 

Auf  Grund  des  mitgeteilten  Falles  und  sonstiger  Erfahrung  in  der  Lik 
ratur  scheint  die  Herxheimer  sehe  Reaktion  keine  für  Lues  spezifisch 
zu  sein. 

R.  Reinhard -  Eichelba  um  -  Berlin :  Die  Therapie  der  Ei 
didvmitis  und  Funiculitis  gonorrhoica  durch  den  Praktiker. 

Arthigon  intravenös,  Ichthyol  örtlich,  dazu  Heftpflasterverband 
Stauung,  unter  Umständen  Terpichin  intramuskulär  geben  gute  und  raset 
Erfolge. 

B.  C  o  g  1  i  e  v  i  n  a  -  Triest:  Die  Technik  der  intralumbalen  Dispargi. 
therapie. 

Bei  Meningitis  cerebrospinalis  epidemica. 

H.  D  o  1  d  -  Marburg:  Zur  Kenntnis  meiner  Trübungs-Flockungsreaktiil 

Nur  bei  6  Proz.  von  600  Fällen  blieb  die  sonst  fast  regelmässige  Uebl 
einstimmung  zwischen  den  gebräuchlichen  Reaktionen  und  der  D  o  1  d  scl| 
Probe  aus.  Die  einfache  und  durch  Frühablesung  praktisch  brauchbif 
Methode  kann  also  für  die  einschlägigen  Untersuchungen  durchaus  empfohii 
werden,  falls  die  eindeutigen  technischen  Vorschriften  genau  befolgt  werde 

E.  Tobias-  Berlin:  Zur  Frage:  Hysterie  und  Hydrotherapie. 

Vorsicht! 

A  x  m  a  n  n  -  Erfurt:  Lichterythem  und  Wellenlänge. 

Hinweis  auf  die  praktische  Bedeutung  der  Untersuchungen  vi 
H  a  u  s  s  e  r  und  Vahle. 

W.:  Häufigere  Zustandsbilder  bei  Influenza.  S 


Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  5  u.  6.  A.  F  r  a  e  n  k  e  1  -  Wien:  Zur  Lehre  von  der  Krebskrankh«, 

Vorgetragen  i.  d.  Ges.  d.  Aerzte  am  20.  I.  1922. 

H!  Wimberger-Wien:  Bemerkenswerter  Ablauf  einer  Spondylii 
tuberculosa. 

14  jähr.  Junge,  der  nur  eine  unregelmässige  Form  der  Lendenwirb 
gegend  und  Abnahme  des  Allgemeinzustandes,  sonst  nichts  Auffallendes  zeig 
Im  Röntgenbild  liess  sich  im  Bereich  des  stark  destruierten  letzten  Brust-  ul 
der  beiden  oberen  Lendenwirbel  ein  verkalkender  Senkungsabszess  na<[ 
weisen.  Vollkommene  klinische  Ausheilung  in  der  Sonnenstation. 

E.  Gold  und  F.  Re  iss- Wien:  Ueber  das  Verhalten  des  Leukoderi 
syphiliticum  der  Bloch  sehen  Dopareaktion. 

E.  F  r  o  m  m  e  r  -  Pest:  Ein  Fall  chronischer  Invagination,  komplizL 
durch  eitrige  Wurmfortsatzentzündung. 

Der  seltene  Fall  betraf  eine,  58  jähr.  Kranke. 

A.  Kirch:  Zur  Diagnose  der  Darmtuberkulose. 

Bemerkungen  zu  dem  Aufsatz  von  Loli  in  Nr.  3. 

A.  S  e  r  k  o  -  Ljubjana:  Ueber  einen  Fall  von  Claudicatio  intermltttf 
universalis  infolge  von  Hypoplasie  des  Herzens. 

Bei  dem  13  jähr.  Knaben,  bei  dem  sich  eine  bedeutende  Hypoplasie  fej 
stellen  liess,  besteht  ein  eigentümlicher  nach  kurzer  körperlicher  Anstrengu! 
hochgradiger  Ermüdungszustand  vor  allem  mit  Versagen  der  unteren  Extreil- 
täten;  nach  kurzer  Erholung  stellt  sich  die  Leistungsfähigkeit  mehr  oir 
weniger  wieder  her.  Verf.  bezeichnet  den  Zustand  als  Claudicatio  universa 

Th.  B  a  r  s  o  n  y  -  Pest:  Kardlaveränderungen  bei  Speiseröhrenprozess. 

Erwiderung  auf  die  Bemerkungen  von  O.  Stricker  in  Nr.  47,  19r 

Nr.  4  u.  5.  B.  Asch  er- Wien:  Die  praktische  Bedeutung  der  Leb 
vom  Habitus  und  die  Renaissance  der  Humoralpathologie  als  therapeutisb 
Konsequenz  der  Konstitutionslehre. 

A.  bespricht  die  noch  vielfach  strittige  und  ungeklärte  Lehre  vom  HabL 
und  der  Konstitution  (wobei  er  u.  a.  auf  die  Bedeutung  der  Pigmentverb;- 
nisse,  Temperament,  Innensekretion,  Blutmischung,  die  Frage  der  Hypo-  ul 
Hypertonie  hinweist)  besonders  in  bezug  auf  die  Frauenheilkunde  und  b'l 


ebruar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


239 


allem  den  grundsätzlichen  Unterschied  zwischen  den  Geschlechtern 
r:  Bei  der  Frau  sind  hervorstechend  die  Neigung  zu  Asthenie, 
optose  und  Aehnlichkeit  mit  dem  kindlichen  Organismus  bei  grösserer 
arkeit  des  Nervensystems  und  rascherer  und  reichlicherer  Blutbildung, 
die  grössere  Neigung  zur  Bildung  von  Neoplasmen.  Der  Bedeutung  der 
-titution“  entsprechen  müssen  in  der  Medizin  wieder  mehr  wie  gegen- 
r  —  die  Kurpfuscher  haben  immer  mehr  daran  festgehalten  —  die 
■alen  „Allgemeinkrankheiten“  gegenüber  den  exogenen  Infektionen  ge- 
gt  und  die  Therapie  mehr  darauf  eingestellt  werden  (Beispiel: 
ruelle.  klimakterische,  postklimakterische  Störungen  und  andere  Frauen- 
heiten).  In  therapeutischer  Hinsicht  ergibt  sich  eine  vermehrte  Be- 
ig  der  Abführkuren  und  anderer  ableitenden  Mittel,  insbesondere  aber 
derlasses,  dessen  sehr  erweiterter  Anwendung  A.  sehr  das  Wort  redet, 
es  im  Original. 

Ir.  6.  St.  W  e  i  s  s  und  E.  Stern-  Pest:  Ueber  Häinolysinbildung  nach 

xstirpation. 

)ie  Verfasser  bestätigen  die  Beobachtung  von  Leuken  und  B  e  c  h, 
;h  bei  Tieren  nach  Milzexstirpation  die  Hämolysinbildung  eine  beträcht- 
Abnahme  erfährt. 

!>.  Saxl  und  D.  Scherf- Wien:  Ueber  die  Ausscheidung  von  Farb- 
l  durch  Magensaft  und  durch  die  Galle. 

'rgebnis:  Parenteral  gegebenes  Methylenblau  wird  durch  die  Galle  und 
reichlich  durch  den  Magensaft  ausgeschieden.  Letztere  Ausscheidung 
.  beschleunigt  bei  —  auch  anaziden  —  Geschwüren  des  Magens  und 
;nums.  Im  übrigen  besteht  bei  Anaziden  häufig  eine  Verlangsamung  der 
toffausscheidung. 

I.  H  o  f  m  a  n  n  -  Wien :  Ueber  Lungenabszess  nach  subkutaner  Thorax- 

zung.  Beschreibung  eines  Falles. 

.  Po  k- Wien:  Die  Körperseitentemperatur,  ein  differentialdiagnostisches 

littet. 

)ie  vergleichende  Temperaturmessung-  gleichzeitig  in  beiden  Achsel- 
i  ergibt  öfters  eine,  bisweilen  sehr  ausgeprägte  Temperaturerhöhung 
er  Seite  einer  lokalisierten  entzündlichen  Erkrankung  und  kann  zur 
entialdiagnose  dienen  (Beispiele:  Adnextumor,  uteriner  Abortus 
.trauteringravidität,  Appendizitis  —  Extrauteringravidität). 

II.  L  e  k  i  s  c  h  -  Wien :  Eine  Modifikation  der  N  e  i  s  s  e  r  sehen  Spritze. 
4it  Abbildungen. 

■ 

Vierter  medizinische  Wochenschrift. 

Ir.  3.  M.  G  r  o  s  s  m  a  n  n  -  Wien:  Die  Verwendung  des  Protargols  bei 
aryngologischen  Krankheitsfällen. 

las  Protargol  (Durchspülungen  mit  0,5 — 1  proz.  Lösung,  Einlegen  von 
ans  mit  10 — 15  proz.  Lösung)  wirkt  sehr  günstig  bei  Ozaena;  ebensolche 
ons  sind  nützlich  bei  Asthma  nasale  mit  Sukkulenz  der  Schleimhaut, 
sslich  sind  bei  Angina  phlegmonosa  Auswischungen  der  Tonsillarbuchten 
onzentrierter  Protargollösung  zu  empfehlen. 

ir.  4.  E.  Eitner-Wien:  Ueber  Korrektur  kleiner  Narben  im  Gesicht. 
[1.  schildert  das  Transplantationsverfahren,  womit  er  besonders  bei 
nnarben  gute  kosmetische  Erfolge  erzielt. 

lr._  6.  J.  S  c  h  i  f  f  m  a  n  n  -  Wien:  Einige  seltenere  Indikationen  zur 
caesarea. 

)  Schwangerschaftsunterbrechung  wegen  Encephalitis  lethargica. 
avidität  im  interponierten  Uterus,  c)  Retroflexio  uteri,  intraperitoneale 
lentverkiirzung.  d)  Uterus  duplex,  Endometritis  sub  partu  (anschliessend 
Operation).  Bergeat  -  München. 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Bamberger  Aerzteabend. 

Sitzung  vom  14.  Januar  1922. 

’rof.  Dr.  Lobenhoffer  stellt  vor:  2  Fälle  von  arteriosklerotischer 

mer  Gangrän  des  Fusses,  die  mit  subkutanen  Infusionen  von  Natr.  citr. 
wöchentlich  250  ccm)  vorbehandelt  waren  und  die  Amputation  im  Be- 
des  Fusses  ohne  Weiterschreiten  der  Gangrän  vertragen  hatten, 
lydronephrose,  bei  der  die  Zystoskopie  versagt  hatte,  weil  ein  sich 
;renhöhe  teilender  doppelter  Ureter  bestand,  von  denen  der  obere  in 
genes,  normal  grosses  Nierenbecken  führte,  dem  das  obere  Nierendrittel 
orte,  während  der  untere  Ureter  am  Eintritt  in  den  Hydronephrosesack 
harte  Schwielen  verschlossen  war.  Besprechung  der  Ursachen  der 
inephrose  und  der  Differentialdiagnose. 

lilzzyste.  Im  Laufe  eines  Jahres  nach  leichtem  Trauma  entstanden, 
sopfgrosser  Tumor,  der  den  Rippenbogen  vorwölbte.  Unterer  Milzrand 
die  dünnen  Bauchdecken  fühlbar.  Blutbild  unverändert.  Splenektomie. 
>le  echte  Zysten,  von  denen  eine  sehr  gross,  die  anderen  nur  klein 
i.  Infiziertes  Hämatom  im  Wundbett  ohne  Leukozytose, 
kricht  über  4  Epileptiker,  bei  denen  die  linke  Nebenniere  exstirpiert 
Einer  davon  scheidet  aus,  weil  Niere  und  Nebenniere  fehlte.  Bei 
’•  Kranken  vorübergehendes  Ausbleiben  der  Anfälle,  die  nach  2  Monaten 
wieder  einstellten  und  häufiger  als  vor  der  Operation  wurden.  Beim 
anken  erst  keine  Veränderung,  jetzt  sind  die  Anfälle  etwas  seltener 
25  nur  15),  beim  4.  Kranken  wird  jetzt  entschieden  Besserung  be¬ 
st.  Anfälle  sehr  viel  seltener  und  kürzer,  stets  mit  Aura,  die  früher 
arhanden  war.  Ist  lebhafter  und  arbeitsfrendig.  Bei  allen  4  handelte 
h  um  junge  Männer  um  20  Jahre  mit  relativ  leichten  Anfällen  und  ohne 
uheblichen  geistigen  Defekt.  Die  Operation  liegt  Y\  Jahre  zurück.  Stets 
n  e  r  scher  Schnitt,  von  dem  aus  die  Nebenniere  gut  zu  erreichen  ist. 
Epilepsie  nach  Kopfschuss.  Narbe  über  der  rechten  Stirnhälfte.  Frei- 
Abpräparieren  der  Narbe,  unter  der  sofort  der  erweiterte  Ventrikel 
Abfluss  von  sehr  viel  Liquor,  Ausfullen  des  Ventrikels  mit  Netz,  von 
•>n  Zipfel  aussen  über  die  narbige  Hirnrinde  ausgebreitet  wird  Deckung 
reitem  Galealappen. 

Infangs  hohe  Temperaturen,  im  Liquor  viele  Leukozyten,  aber  nie  Bak- 
(ruhende  Infektion?),  langsames  Abklingen;  seit  der  Operation  an- 

ei. 

Ovarialkystom,  den  ganzen  Bauch  ausfüllend,  mit  breiten  Verklebungen 
era  Peritoneum  der  vorderen  und  hinteren  Bauchwand,  die  beim  Ab¬ 


lösen  stark  bluteten.  Austapczicren  der  ganzen  Wundflächc  mit  freitransplan¬ 
tiertem  Netz.  » 

Unter  dem  Bild  einer  hypertrophischen  Sklerose  eiriliergeliender  Skirrlius 
des  Magens.  Lig.  gastrocolicum,  Netz,  Serosa  des  Darmes  und  des  Mesen¬ 
teriums  mit  dicken,  sträng-  und  flächenförmigen,  teilweise  netzartig  unge¬ 
ordneten  Bindegewebsplatten  besetzt.  Am  sehr  kleinen  Magen  Serosa  eben¬ 
falls  zuckergussartig  verdickt,  Muscularis  mucosae  breites  weisses  Band, 
Schleimhaut  teils  glatt,  teils  polsterförmig.  Mikroskopisch  stellenweise  sichere 
Karzinomnester.  Wahrscheinlich  stecken  hinter  den  als  Linitis  hyperplastica 
beschriebenen  Erkrankungen  stets  sehr  zellarme  Skirrhen. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Chemnitz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  23.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Reichel.  Schriftführer:  Herr  König. 

Herr  Geheimrat  Prof.  Dr.  Reichel:  Zur  Spontanheilung  maligner 
Tumoren. 

Vortr.  stellt  der  Gesellschaft  einen  Patienten  mit  Spontanheilung  eines 
Hirntumors  vor.  den  er  ihr  bereits  im  Jahre  1902  gezeigt  hat.  Wegen  der 
grundsätzlichen  Bedeutung  des  Falles  seien  die  wichtigeren  Einzelheiten  ge¬ 
nauer  wiedergegeben: 

Der  Kranke  Karl  Franz  M.,  Schmied,  damals  39  Jahre  alt,  trat  am 
17.  April  1902  in  das  Krankenhaus  ein.  Er  gab  an,  aus  gesunder  Familie 
zu  stammen;  beim  Militär  ein  kleines  Geschwür  am  Sulcus  coron.  penis 
gehabt  zu  haben,  welches  bald  abheilte.  Seit  einem  Vierteljahr  bemerkte 
er  an  der  linken  Schläfenseite  eine  Anschwellung,  welche  allmählich  wuchs. 
Er  hatte  grosse  Schmerzen  in  der  linken  Gesichtshälfte,  die  nach  dem 
Unterkiefer  ausstrahlten.  Die  Sehschärfe  war  auf  dem  linken  Auge  in  der 
letzten  Zeit  schlechter  geworden,  so  dass  er  links  Finger  nur  in  3  m  Ent¬ 
fernung  zählte.  Ebenso  hatte  das  Gehör  auf  dem  linken  Ohr  gelitten. 

An  der  Aussenseite  des  linken  Schläfenbeins  sah  man  oberhalb  des 
Jochbeins  eine  Geschwulst  mit  einem  Längsdurchmesser  von  ca.  3  cm,  einen 
Höhendurchmesser  von  2 lA  cm.  Ihr  vorderer  Rand  reichte  bis  zur  Linea 
semicircularis,  der  obere  verlief  3  Querfinger  breit  oberhalb  des  Jochbeins, 
der  hintere  bis  1  Querfinger  breit  vor  dem  Ohr.  Die  Geschwulst  war  hart, 
unverschieblich. 

Da  Patient,  wie  erwähnt,  beim  Militär  ein  Geschwür  am  Geschlechtsteil 
gehabt  hatte,  wurde  zunächst  eine  Behandlung  mit  Jodkali  eingeleitet.  Er 
verbrauchte  im  ganzen  30  g.  Eine  Besserung  trat  nicht  ein,  die  Schmerzen 
hielten  an,  so  dass  Pat.  nachts  ruhelos  umherlief.  Der  Tumor  behielt  die 
gleiche  Grösse.  Am  3.  Mai  wurde  daher  zur  Operation  geschritten.  Ab¬ 
lösung  eines  grossen,  nach  oben  konvexen  Weichteillappens  mit  unterer 
Basis,  der  samt  dem  Schläfenmuskel  nach  abwärts  geklappt  wird.  An  der 
Grenze  des  Keilbeinflügels  und  des  Schläfenbeins  wurde  der  Tumor  sichtbar, 
schimmert  in  Pfennigstückgrösse  durch  die  verdünnte  Schädelkapsel.  Der 
Knochen  wurde  zunächst  in  der  Grösse  eines  Zweimarkstückes  entfernt. 
Es  quoll  die  Tumormasse  mit  der  verdickten  Dura  vor.  Gleichzeitig  strömte 
viel  Arachnoidealflüssigkeit  ab.  Der  Tumor  war  blaurot,  blutete  ausser¬ 
ordentlich  leicht.  Die  Trepanationsöffnung  wurde  zugleich  mit  temporärer 
Resektion  des  Jochbeins  bis  auf  über  Funfmarkstückgrösse  erweitert,  doch 
kam  man  nicht  an  die  Grenze  der  Geschwulst.  Da  der  Puls  elend  wurde, 
musste  die  Operation  abgebrochen  werden.  Tamponade  mit  Jodoformgaze¬ 
verband. 

Die  von  Herrn  Prof.  Nauwerck  vorgenommene  mikroskopische 
Untersuchung  der  bei  der  Operation  entfernten  Geschwulststücke  ergab: 
Spindelzellensarkom  mit  einzelnen  Riesenzellen;  heröweise 
Hämosiderin. 

Aus  dem  Verlauf  ist  nur  folgendes  hervorzuheben:  Eine  sehr  starke  Ab¬ 
sonderung  aus  der  Wunde  zwang  anfangs  täglich  zum  Verbandwechsel.  Am 
12.  Mai  hatte  sich  die  Geschwulst  fast  auf  das  Doppelte  vergrössert  und 
quoll  aus  der  Schädellücke  hervor.  Sie  zeigte  einen  grauweissen  Belag. 
Die  subjektiven  Beschwerden  gingen  zurück.  Unter  dem  Belag  sah  man  röt¬ 
liche  Granulationen.  Von  Anfang  Juni  an  wurde  eine  allmähliche  Verkleinerung 
der  Geschwulst  festgestellt,  o|ine  dass  sich  Stücke  derselben  abgestossen 
hätten.  Am  20.  Juni  war  sie  bis  auf  Walnussgrösse  geschrumpft,  am  5.  August 
bis  auf  Pfennigstückgrösse.  Am  21.  August  war  der  Tumor  völlig  ver¬ 
schwunden;  nur  noch  eine  linsengrosse  Oeffnung,  aus  welcher  einige 
Tropfen  seröser  Flüssigkeit  quollen,  zeigte  die  Stelle  der  früheren  Geschwulst 
an.  Später  bildete  sich  hier  eine  tiefe  Einsenkung.  Am  30.  September  1902 
wurde  Pat.  geheilt  entlassen. 

Am  30.  August  1921,  also  nach  über  19  Jahren,  stellte  sich  Pat.  auf 
Aufforderung  zur  Nachuntersuchung  vor.  Er  gab  an,  es  sei  ihm  seit  der 
Operation  gesundheitlich  dauernd  gut  gegangen,  nur  sei  das  Sehen  auf  dem 
linken  Auge  und  das  Hören  auf  dem  linken  Ohr  schlecht  geblieben.  Nur 
hie  und  da  habe  er  nach  schwerer  Arbeit  in  der  Hitze  etwas  Kopfdruck,  der 
aber  meist  rasch  vorüberginge.  Eigentliche  Kopfschmerzen  habe  er  nicht. 
Im  linken  Arm  habe  er  nicht  dieselbe  Kraft  wie  im  rechten;  er  sei  aber 
bis  jetzt  völlig  arbeitsfähig. 

Objektiv  war  das  Allgemeinbefinden  des  Untersuchten  ein  gutes.  Die 
linke  Schläfengegend  war  stark  muldenförmig  eingezogen.  Eine  feste,  breite, 
völlig  glatte  Narbe  war  fest  mit  dem  Knochen  verwachsen.  Gehirnpulsation 
bestand  nicht.-  Zeichen  von  irgendwelchen  Metastasen  fehlten  völlig. 

Herr  Dr.  Panofsky:  Untersuchungen  über  Hirngewicht  und  Schädel¬ 
kapazität  nach  der  Reichardt  sehen  Methode. 

Die  gemeinsam  mit  Herrn  Dr.  Staemmler  an  etwa  1000  Leichen 
angestellten  Untersuchungen  über  das  Verhältnis  Hirngewicht:  Schädel¬ 
kapazität  hatten  folgendes  Ergebnis:  Von  Krankheiten  ohne  Hirnveränderungen 
haben  das  geringste  Hirngewicht,  also  die  grösste  Differenz  gegenüber  der 
Schädelkapazität:  die  -Tuberkulose  und  die  arteriosklerotischen  und  zirrhoti- 
schen  Prozesse.  Die  stärkste  Erhöhung  des  Hirngewichts  findet  sich  bei 
den  Infektionen  des  Peritoneums  und  den  vom  weiblichen  Genitale  aus¬ 
gehenden  septischen  Erkrankungen,  bei  endogenen  und  exogenen  Intoxika¬ 
tionen  und  (1  Fall)  bei  akuter  Nephritis.  Von  Hirnkrankheiten  zeigten  einige 
im  epileptischen  oder  paralytischen  Anfall  Verstorbene  ein  höheres  Hirn¬ 
gewicht  als  dem  Durchschnitt  bei  diesen  Erkrankungen  entsprach.  Das  Hirn¬ 
gewicht  der  Paralytiker  war  geringer  als  bei  Normalen. 

Das  Auftreten  postmortaler  Quellungsvorgänge  und  die  Unmöglichkeit, 
andere  zur  Vermehrung  des  Hirngewichtes  führende  Faktoren  (Hyperämie, 


Oedem  individuelle  Verschiedenheiten  usw.)  sicher  auszuschhessen,  beein- 
'äSt  in,  Einzelfall  den  Wert  der  Reichardt  sehen  Methode  insofern 
als  nur  die  Verminderung,  nicht  aber  die  Vermehrung  des  Hirngewicht  s 
sichere  Schlüsse  auf  das  Verhalten  des  Gehirns  während  des  Lebens  gestattet 
Eine  ausführliche  Veröffentlichung  erfolgt  in  der  Frankfurter  Zschr.  1. 

Pathologie. 

Diskussion:  Herr  Hansel. 


Aerztlicher  Verein  zu  Danzig. 


(Eigener  Bericht.) 
Sitzung  vom  5.  Januar  1922. 


Herr  Sebba:  Therapie  einiger  Mund-  und  Kieferkrankheiten  auf  Grund 

'^^Di^Thefrk^def^'okalen  Spirochätose  der  Mundhöhle  zu  welcher 
K  o  1 1  e  und  Beyer  die  Stomatitis  ulcerosa,  Gingivitis,  Alveolarpyorrhoe, 
Plaut-Vincent-Angina  und  Noma  rechnen,  ist  ziemlich  allgemein  abgelehnt. 
Dementsprechend  tritt  an  Stelle  der  Salvarsantherapie,  welche  keine  Dauer- 
resultate  gibt,  für  die  Stomatitis  epidemica  die  Entfernung  der  nekrotischen 
Schleimhaut-  und  Zahnfleischpartien,  der  subgingivalen  Konkremente,  die 

Vibrationsmassage  und  die  Chlorzinkbehandlung.  .  ,  Fr^Winis?  und 

Auch  die  Alveolarpyorrhöe  kann  nur  chirurgisch  durch  Frmlegung  und 
Entfernung  der  Granulationsmassen,  der  subgingivalen  Konkremente  und .der 
in  Resorption  begriffenen  Partien  des  Alveolarrand. «  seheü  wei rden 
S.  empfiehlt  das  Hochziehen  des  zur  Freilegung  der  Krankheitsherde  ge 
schaffenen  Zahnfleischlappens  durch  Haltenähte,  welche  hinter  den  Zahnen 

geknüpft  wz"dnerneplantation  wendet  s  hauptsächlich  bei  der  chronischen 
granulomatösen  Periodontitis,  seltener  bei  akuter  und  abszedierender  Per  - 
odontitis  an.  Der  extrahierte  Zahn  wird  vom  Penodonteum,  soweit  es  er¬ 
krankt  ist,  befreit,  die  Foramina  apicalia  und  die  Wurzelkanale  des  Zahnes 
werden  abgeschlossen  und  die  kariöse  Zahnhöhle  mit  einer  Füllung  versehen. 
Der  so  vorbereitete  Zahn  wird  entweder  sofort  oder  nach  1  2  lagen  Unter- 

vallreplantation  nach  Sebba)  in  die  leere  Alveole  replantiert.  Die  B  - 
festigung  beginnt  am  10.  Tage;  nach  4  Wochen  steht  der  Zahn  fest  im  Kiefer- 
knochen  und  ist  funktionstüchtig.  Die  experimentellen  Empflanzungsversuche 
Schroeders  -  Berlin  mit  Elfenbein  zeigen,  dass  Elfenbein  vom  Knochen 
als  ebenbürtig  aufgenommen  wird.  Gehr  icke -Berlin  hat  mit  Erfolg 
Elfenbeinwurzeln  in  den  Kieferknochen  implantiert  und  Zahnkronen  auf  die 
eingeheilte  Elfenbeinwurzel  aufgesetzt.  Die  Röntgenaufnahme  nach  3/a  Jahren 
zeigte,  dass  die  Wurzelknochen  mit  der  künstlich  ausgefrästen  Alveole  ver¬ 
wachsen  waren.  S.  hat  unter  27  Replantationsfällen  nur  einen  Misserfolg 
"■ehabt.  Ein  vor  9  Jahren  replantierter  Zahn  ist  noch  heute  funktionsfähig. 

Der  Einfluss  von  eitrigen  Mundaffektionen  auf  die  Entstehung  von 
chronischen,  schleichend  verlaufenden  Allgemeininfektionen  (Nephritis,  Appen¬ 
dizitis,  Cholezystitis  etc.)  darf  nicht  unterschätzt  werden  Diese  können 
ebenso  wie  von  anderen  latenten  Infektionsherden  (Urogenitalsystem, 
Tonsillen,  Furunkulose,  Nasenriebenhöhlenaffektionen  etc.)  auch  von  der 
Mundhöhle  ausgehen,  worauf  auch  F  i  s  c  h  e  r  -  Cincinnati  in  seiner  Arbeit: 
Infektionen  der  Mundhöhle  und  Allgemeinerkrankungen,  neuerdings  aufmerk¬ 
sam  macht. 


Herr  Ad.  Schmidt:  Die  Magenresektion  nach  Reichel. 

Es  wird  die  Gastrojejunostomia  retrocolica  Reichels  nach  den  Mit¬ 
teilungen  des  Autors,  wie  sie  in  der  Literatur  zu  finden  sind,  erklärt.  Erwähnt 
werden  Körnlein.  Mikulicz,  Graser,  A.  v.  Bergmann,  P  61y  a, 
Wilms,  Sasse,  Hofmeister,  Finsterer  und  einige  französische 
Autoren,  die  ähnliche  Methoden  anwandten.  Zu  Naraths  Abhandlung  ..Zur 
Geschichte  der  zweiten  B  i  1 1  r  o  t  h  sehen  Resektionsmethode  des  Magens 
(D.  Zschr.  f.  Chir.  1916)  ist  Stellung  genommen  und  betont,  dass  die 
Resektionsmethode  nach  Reichel  nicht  ohne  weiteres  als  Billroth  II  an- 
gesprochen  werden  kann.  . 

In  der  Klinik  des  Geh.  Rat  Barth  wurde  streng  nach  den  R  eiche  1- 
schen  Vorschriften  verfahren,  nur  wurden  alle  Fälle  in  Sauerstoff-Aether- 
Narkose  operiert.  Seit  Anfang  Mai  wurde  die  Reichel  sehe  Magen¬ 
resektion  bei  16  Fällen  ausgeführt.  Hiervon  waren  7  Magenkrebs,  4  kallöse 
Geschwüre  des  Magens,  1  narbige  Pylorusstenose  und  4  Duodenalgeschwüre. 

Nachuntersucht  wurden  9  Fälle  und  zwar  1  8  Monate  nach  der 

Operation.  Die  Säurewerte  waren  herabgesetzt,  doch  fanden  sich  in  3  Fällen 
fast  normale  Werte.  Die  Form  der  Mägen  nach  der  Operation  wird  an  der 
Hand  von  Röntgenbildern  gezeigt.  Die  Entleerungszeit  schwankt  von 
1>2— 4K  Stunden  und  beträgt  im  Durchschnitt  2lA  Stunden.  Die  Grösse  des 
resezierten  Magenteils  ist  für  die  Entleerungszeit  des  Testierenden  Magens 
ohne  Bedeutung.  Es  fand  sich  3  mal  noch  eine  über  handbreite  Intermediär¬ 
schicht.  Im  Duodenum  wurden  nur  vereinzelt  Kontrastschatten  nach¬ 
gewiesen.  Die  Entleerung  erfolgte  ohne  Störungen  durch  die  abführende 
Jejunalschlinge.  Peristaltik  wurde  an  grossen  Magenresfen  oft  deutlich  und 
leicht  auslösbar  beobachtet. 

Die  Körpergewichtszunahme  schwankte  zwischen  6  Pfund  und  52  I  fund 
und  betrug  im  Durchschnitt  20  Pfund.  Wesentliche  Beschwerden  wurden 
nicht  angegeben.  Auffallend  war  der  gute  Appetit  und  die  Beschwerdefreiheit 
bei  dem  Genuss  jeglicher  Nahrungsmittel.  Kurzer  Hinweis  auf  die  funk¬ 
tioneilen  Erfolge  bei  anderen  Magenresektionen  und  der  oben  beschriebenen. 

Die  relativ  normale  Entleerung  wird  durch  die  Art  der  Einpflanzung  des 
Magens  in  das  Jejunum  erklärt,  am  Magenausgang  wird  ein  Sporn  gebildet 
(7pinhni.n<D  und  die  Peristaltik  des  Dünndarms  führt  einen  zeitweiligen  Ver- 


Magens  in  uas  JCJUIUUI1  Cliviail,  atu  .mafc^ua  uofeaiift  w.iu  will 

(Zeichnung)  und  die  Peristaltik  des  Dünndarms  führt  einen  zeitweiligen  Ver¬ 
schluss  der  abführenden  Schlinge,  dort  wo  sie  an  den  Magen  angeheftet  ist, 
herbei.  Richtunggebend  für  die  Entleerung  des  Mageninhaltes  ist  die  Dünn¬ 
darmperistaltik. 

Die  Magenverdauung  wird  durch  die  Darmverdauung  ersetzt  und  vor¬ 
zugsweise  sind  es  die  Pankreasfermente,  die  hier  vikariierend  eintreten. 
Galle  und  Pankreassaftabsonderung  erfolgt  z.  T.  mechanisch,  z.  T.  durch  das 
Prosekretin  des  Dünndarmes,  z.  T.  auf  nervösem  Wege.  Bei  den  resezierten 
Mägen  spielt  sich  demnach  eine  Darmverdauung  im  Magen  ab. 

Die  Reichel  sehe  Methode  wird  auf  Grund  der  günstigen  Erfahrungen 
zur  Nachprüfung  empfohlen. 


(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  21.  November  1921. 
Vorsitzender:  Herr  Pässler. 

Schriftführer:  Herr  Grunert  und  Herr  Wemmers. 


Vor  der  Tagesordnung: 

Herr  Becker:  Ein  Fall  von  TintenstiStverletzung  des  Auges 

Ein  junger  Mann  von  22  Jahren  hatte  bereits  1916  und  1919  lei 

Tintenstiftverletzungen  der  Augen  überstanden;  beide  Male  waren  du 
die  Au  een  geflogenen  Tintenstiftspitzen  sofort  durch  Ausspulungen  entl 
worden  Die  jetzige  Tintenstiftverletzung  hatte  vor  18  Tagen  stattgefui 
und  das  linke  Auge  betroffen.  Es  handelte  sich  um  einen  mittelschw 
Fall.  Beim  Schreiben  eines  Briefes  am  Abend  war  die  Spitze  des  Im 
Stiftes  in  das  linke  Auge  geflogen,  ohne  Beschwerden  zu  verursachen. 
Morgens  bemerkte  der  Kranke  verschiedene  blaue  Flecke  im  Kopfki 
und  Drücken  im  verletzten  Auge.  Bei  der  ersten  Untersuchung  in  der  Au 
abteilung  des  Johannstädter  Stadtkrankenhauses  —  17  Stunden  nach  der 
letzung  —  war  das  linke  Auge  stark  vioDett  gefärbt  und  ausserst  hchtsc 
Aus  dem  Bindehautsack  entleerten  sich  befm  Ausspülen  nekrotische  Bi 
hautfetzen  und  einige  Körnchen  von  einem  Tintenstift,  ln  der  oberen  Ue 
gangsfalte  bemerkte  man  schläfenwärts  einen  grosseren  Defekt  der  Bul 
bindehaut.  Die  Hornhaut  war  fast  ganz  getrübt,  in  den  nächsten  lagen 
später  bis  zur  Vorstellung  des  Kranken  zentral  in  grösserem  Umfang  i 
riert,  so  dass  zur  Zeit  der  Vorstellung  Finger  knapp  in  A  m  gezahlt  wur 
Dabei  war  am  Bulbus  nach  dem  Schwinden  der  Methylviolettfarbung 
mählich  eine  gemischte  Injektion  bei  heftiger  Lichtscheu  aufgetreten.  B  e  c 
ist  der  Ansicht,  dass  nach  dem  bisherigen  Verlauf  das  Endresultat  auch 
ein  gutes  sein  wird;  er  erwähnt  noch  die  Mitteilungen  über  Tintenstitt 
letzungen  des  Auges  von  Prof.  O  1  o  f  f  -  Kiel  und  von  Dr.  F  T  e  y }  a  g  '  Fe> 
in  der  M.m.W.  und  D.m.W.  und  teilt  die  Ansicht  Oloffs,  dass  sofo 
und  wiederholte  Spülungen  des  verletzten  Auges  von  grösster  Wichtu 
sind  weil  durch  diese  das  eigentlich  schädigende  Agens  des  I  intenst 
—  das  Methylviollett  —  möglichst  schnell  entfernt  wird. 

Herr  J.  H.  Schultz:  Die  modernen  Hysterietheorien  und  ihre  Be 

tung  für  die  ärztliche  Praxis.  .  . 

Vortragender  betont  zunächst,  von  der  Erörterung  e  i  n  z  e  1 
hysterischer  Symptome  ausgehend,  die  relative  klinische  Se 
heit  rein  hysterisch  psychogener  Symptome  im  Gegensatz  zu  den  ube 
häufigen  „Deck-  und  Fixationssymptomen“  bei  unerkannten  oder  bereits^ 
gelaufenen  somatischen  Beschwerden;  oft  sind  hysterische  „Hüllensymptc 
Vor-  oder  Nachläufer  organischer  „Kernsymptome“.  Ein  praktisch  wicht 
bereits  von  Briciuet  oft  erwähntes  Alltagskernsymptom  ist  namen 
der  Muskelrheumatismus  in  seinen  verschiedenen  Formen,  der  meist  auf 
sprechende  Therapie  gut  reagiert  („hysterische  Kopfschmerzen!  ).  Be 
ders  ist  davor  zu  warnen,  Krankheitserscheinungen,  die  in  eines  der 
läufigen  klinischen  Bilder  nicht  passen,  ohne  weiteres  als  hysterisch 
buchen.  (Fall  einer  atypischen,  von  sorgfältigen  Internisten  als  nervöse 
pepsie  überwiesenen  Erkrankung  eines  19jährigen,  die  sich  gegen  jede  lt| 
pie  als  refraktär  erwies  und  endlich  als  Magenkarzinom  enthüllte;  nut, 
Quälerei  mit  „Psychotherapie“).  Sicher  psychogene  Symptome  führen  i 
obwohl  ein  erhebliches  Bereich  unklarer  „funktioneller  Storu 
zugegeben  werden  muss,  bei  der  Behandlung  bald  zu  tieferen  sei 
sehen  Grundlagen.  (Fall  von  schwerem,  ruckhaftem  Verbeugt) 
tick  bei  einem  34jährigen;  Friedensleiden.  Grundlage:  Aufstieg  vom  Arbe 
jungen  mit  5  Pfennig  )4-Stundenlohn  zum  Direktor  und  Besitzer  eines  gro* 
Werkes  mit  200  000  M.  Jahreseinkommen,  Heirat  mit  einer  BourgeoistoJ 
stark  gesellschaftlich  beschränkter  Art,  Verleugnung  durch  die  frülf 
Freunde,  obwohl  noch  Mitglied  der  S.P.D.,  Gefühl  der  Fremdheit  und }< 
Geduldetseins  in  Familie  und  Umgangskreis  der  Frau.  Schwinden  des 


Grundkonflikt, 
lins  „Entwkr 


ptomes  nach  drei  erlösenden  Aussprachen  über  diesen 
ptomfreiheit  von  1  K>  Jahren;  Beziehungen  zu  Kraepe 

'  U  11  Die  Eingliederung  echt  hysterischer  Erscheinungen  in  die  Psyche 
öffnet  eine  Reihe  von  Fragen.  Bewusste  E  r  s  t  p  r  o  d  u  k  t  i  o  n  (Simu 
t  i  o  n)  auf  dem  Wege  der  regulären  „Willkür“  ist  kaum  anzunehmen,  dagp 
bisher  hysterische  Symptome  nicht  bekannt,  die  nicht  durch  geeiip 


sind  oisner  uy siei iscuc  ojminuim-  - -  -  „ 

suggestive  Massnahmen  darzustellen  wären,  besonders  in  Hypnose  (Lews 
d  o  w  s  k  y),  so  dass  Möbius’  Definition:  „Hysterische  Symptome  ! 
hypnotische  Erscheinungen  ohne  Hypnotiseur“  in  diesem  Sinne  nicht 
widersprechen  ist.  Die  Schöpfung  ausgesprochen  hysterischer 
fordert  ein  gewisses,  wenn  auch  übel  angewandtes  Künstlertum,  so  dasf 
Ersterscheinung  trotz  des  parodistischen  Resultates  die  Problerm.li 
künstlerischen  Schaffens  aufrollt.  Anders  das  Festhalten  eines  köl 
lieh  dargebotenen  Symptomes;  es  führt  auf  die  von  Forel  zum  erstel 
eingehend  dargestellte  „krankhafte  Gewöhnung  des  Nervensystems",  int 
Zirkel  von  Beschwerde  und  Angst:  D  u  b  o  i  s'  Schraubensymptom,  zu  t 
von  Kretschmer  besonders  hervorgehobenen  und  theoretisch  Uberba 
Problem  der  „willkürlichen  Reflexverstärkung“.  Neben  Willkür.  Sugge« 
Gewöhnungs-  und  Uebungsmechanismen  (die  wieder  zur  Simulation  rl 
Form  zurückführen  können)  erfordert  der  Gesichtspunkt  des  erstrebten  L I 
im  hysterischen  Symptome  Beachtung  (Unfall-  und  Spät  kriegsfälle).  autp 
Bonhöffe  r  besonderen  Wert  legte,  während  in  anderen  Fällen  wl 
Nachahmungstendenzen  im  Vordergrund  stehen. 

Ein  Versuch,  das  hysterische  Erleben  in  seiner  lebendigen  Ganzh 
fassen  (Kraepelin,  Scheler,  K  1  a  g  e  s,  H  e  1 1  p  a  c  h)  wird  beit 
reinen  Fällen  die  „hysterische  Canaille“  mit  B  i  n  s  w  a  n  g  e  r  als  degeneri 
Komplikation  ausscheiden  und  nach  tieferen  Kennzeichen  suchen  lassen  J 
Urieinheitlichkeit  nud  Zerrissenheit  des  Erlebens,  das  groteske  Schleudern^ 
Abreissen  der  Stimmungen  lassen  den  J  a  n  e  t  sehen  Begriff  der  „4 
soziation“  als  besonders  wesentlich  erscheinen;  er  gibt  auch  für 
von  Scheler  und  Klages  ausgezeichnet  gesehene  „übermässige  14 
in  anderen“  und  im  ausdrucksmässigen  bei  innerer  Leere  und  Kälte  (K  1  a  i 
Rückschlag  des  Darstellungsdranges  gegen  das  Gefühl  der  Lebensohnma  • 
ungesuchtes  Verständnis,  auch  nahe  Berührungen  zu  dem  psychopathisj 
Typus  des  „Mnemisch  Dissoziierten“  (Schultz).  Während  dieser  ’ 
aber  in  seiner  reinen  Form  ohne  Annahme  besonderer  Zwischenglieder 
Frlebens  („Unbewusstes  und  Unterbewusstes“)  leicht  verständlich  ist,  ‘ 
in  vielen  hysterischen  Mechanismen  die  Interpolation  verständige1 
erklärender  psychischer  Reihen  eine  ausserordentliche  psychokhn 
Hilfe  dar.  Hier  liegen  die  Werte  der  Breuer-Freud  sehen  PsychofcD 
sis  (L  Frank)  und  vieler  Gesichtspunkte  der  nach  Ansicht  des  VortM 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


291 


nur  bei  bestimmten  konstitutionellen  Voraussetzungen  zuständigen  Sexual- 
;hoanaIyse  S.  Freuds.  Kritische  Verwertung  der  hier  gegebenen  An- 
ingen  kann  sehr  helfen,  wie  an  drastischen  Beispielen  primitiv-symboli- 
r  Träume  gezeigt  wird.  (Erwähnung  der  „dream-therapy“  von  Haber- 
nn- New  York).  Wie  Freud  selbst  in  den  Perioden  seines  Schaffens 
sich  selbst  hinaus  wies,  zuletzt  besonders  überraschend  in  seiner  jüng- 
Mitteilung  „Jenseits  vom  Lustprinzip“,  so  sind  die  besten  Köpfe  aus 
;m  Kreise  zu  neuen  Problemstellungen  vorgeschritten:  Adler,  Jung, 
eder  vertieften  die  Kenntnisse  der  in  die  Zukunft  gerichteten  Tenden- 
der  Neurose  gegenüber  der  rein  historisch-psychogenetisch  arbeitenden 
:inalanalyse  Freuds. 

Von  den  psychologischen  Theorien  der  Hysterie,  die  unsere  Zeit  beherr- 
n  ist  ausserordentlich  viel  wertvolles  Material  zusammengetragen;  aber 
i  sind  es  „Theorien“;  eine  wirklich  universelle  und  restlos  befriedi- 
(e  Synthese  der  verschiedenen  Teillösungen  liegt  bisher  noch  nicht  vor. 
wird  auch  nie  im  Sinne  einer  Festlegung  der  Krankheit  Hysterie, 
lern  nur  im  Sinne  einer  evidenten  Auflösung  der  hysterischen  Reaktion 
u  p  p)  zu  erhoffen  sein. 

Aussprache:  Herr  Hans  H  a  e  n  e  1:  Bei  den  verschiedenen  Gesichts- 
iten,  von  denen  man  an  das  Hysterieproblem  herangegangen  ist,  habe  ich 
i  vermisst,  die  für  mich  eine  Leitlinie  bilden.  Wenn  ich  neurologischen 
ten  gegenüberstehe,  so  frage  ich  mich,  wieweit  kann  ich  aus  den  Sym- 
ren  des  Kranken  entnehmen,  ob  er  unter  seinen  Krankheitssymptomen  lei- 
oder  nicht.  Wenn  sich  in  dieser  Beziehung  ein  Missverhältnis  heraus- 
t,-  so  ist  das  eine  Verschiebung  der  Persönlichkeit  aus  Gründen,  die 
ler  besonderer  Analyse  bedürfen.  So  komme  ich  auf  die  Diagnose  einer 
erischen  Disposition  zu.  Ich  diagnostiziere  also  psychoneurotische  Re- 
onsweisen,  selten  eine  Hysterie.  Zum  anderen  vermisste  ich  den  Be- 
des  Gesundheitsgewissens.  Beim  Hysterischen  ist  dieses  defekt.  (Wenn 
Kranke  nicht  mehr  das  Interesse  hat,  in  allen  Fällen  der  Gesundheit  den 
tritt  zu  lassen,  so  entsteht  eine  hysterische  Reaktionsweise. 

Herr  Kurt  Schmidt:  Das  Gebiet  der  Hysterie  ist  wesentlich  ein- 
hränkt  worden  durch  die  fortschreitende  Erkenntnis  z.  B.  von  den  endo- 
en  Erkrankungen.  Organisch  bedingte  Krankheiten  können  ausheilen  mit 
icklassung  neurotischer  Erscheinungen.  Diese  müssen  dann  psychisch 
mdelt  werden.  Wir  müssen  von  der  Hysterie  die  hysterische  Disposition 
rscheiden.  Für  die  praktische  Tätigkeit  ist  die  Psychoanalyse  am  wich¬ 
en.  Ich  verweise  da  besonders  auf  die  Theaterangst.  Der  erste  Angst- 
and  hat  gewöhnlich  eine  körperliche  Indisposition  zum  Aniasl  Indem 
dem  Kranken  das  zum  Bewusstsein  bringt,  kann  man  Heilung  erzielen. 
Herr  J.  H.  Schultz  (Schlussbemerkung)  betont  die  Unmöglichkeit,  im 
men  eines  kurzen  Vortrages  Vollständigkeit  zu  erstreben.  Kohn- 
m  m  s  „Gesundheitsgewissen“  führt  leicht  zu  moralisierend  orientierten 
sverständnissen,  während  der  von  H.  H  a  e  n  e  1  betonte  Widerspruch 
sehen  Beschwerden  und  Klagen  in  der  Behandlung  der  Ausdrucksstörungen 
ages)  kurzen  Raum  fand;  der  prinzipielle  Unterschied  von  „Krank- 
“  und  „Reaktion“-Hysterie  wird  nochmals  hervorgehoben. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  19.  Dezember  1921 . 

Vorsitzender:  Herr  v.  Wild.  Schriftführer:  Herr  Grosser. 

Aussprache  zu  den  Vorträgen  der  Herren  Flesch-Thebesius 
C  u  n  o.  (Vgl.  Sitzungsbericht  vom  5.  Dezember  1921,  d.  W.  1922  S.  216.) 
Herr  L  u  d  1  o  f  f  warnt  vor  der  Extcnsionsbehandlung  der  Köxitis  wegen 
dir  der  Miliartuberkulose  oder  der  tuberkulösen  Meningitis.  Beides  ist 
dem  Gipsverband  nicht  zu  befürchten.  Er  warnt  weiter  davor,  Spondy- 
kranke  in  Rübkenlage  zu  behandeln.  Der  Spondylitiker  gehöre  auf  den 
ch.  Rückenlage  führe  häufig  zu  Pneumonie.  Neuerdings  hat  L.  erstaun- 
3  Erfolge  mit  der  von  Quincke  wieder  empfohlenen  Kauterisations- 
mdlung  der  Spondylitis  gesehen,  wahrscheinlich  infolge  Zurückgehens 
endlicher  Oedeme;  auch  L.  betont,  dass  man  mit  dem  alten  Brenneisen, 
it  mit  dem  Paquelin  arbeiten  müsse.  Die  Lokalisation  des  tuberkulösen 
zesses  beeinflusst  die  Prognose:  am  günstigsten  ist  sie  bei  Spina  ventosa 
Schultergelenkstuberkulose,  am  trübsten  bei  Koxitis.  Für  das  Kniegelenk 
die  Resektion  die  Methode  der  Wahl.  Die  Art  des  Prozesses  erfordert 
ichiedene  Behandlung:  proliferierende  Formen  gehören  fast  immer  in  den 
sverband,  fi'bröse  erfordern  Osteotomie,  kariöse  Resektion. 

L.  fasst  eine  grosse  Zahl  .von  „Heilungen“  nur  als  Besserungen  auf. 
iter  weist  er  darauf  hin,  dass  kleine  Tuberkelherde  im  Knochen  der 
Stellung  durch  Röntgenstrahlen  entgehen.  Im  Interesse  der  historischen 
echtigkeit  betont  er  die  grundlegenden  Verdienste  Joachimsthals 
Hohenlychen  und  die  Priorität  Bernhards  vor  R  o  1 1  i  e  r. 

Herr  Grosser  möchte  bei  der  Diagnose  der  kindlichen  Tuberkulose 
it  so  grossen  Wert  auf  Drüsenschwellung  und  Fieber  legen,  da  auch 
enrachenaffektionen  und  Bewegung  Fieberursachen  sein  können.  Hilus- 
senschwellung  kommt  sicher  auch  nach  Bronchitis  und  nach  Grippe  vor. 
ist  wenn  ein  positiver  Pirquet  gefunden  wird,  ist  damit  die  tuberkulöse 
ur  der  Hilusdrüsenschwellung  noch  nicht  gesichert.  Das  Röntgenbild  ist 
mit  stärkster  Kritik  zu  verwerten.  Therapeutisch  empfiehlt  G.  allgemeine 
'orierung.  Von  spezifischer  Behandlung  ist  er  abgekommen:  will  man  aber 
■erkulin  geben,  so  wähle  inan  eine  Methode  mit  guter  Dosierungs- 

dichkeit. 

Herr  W.  H  o  f  in  a  n  n  bedauert,  dass  die  konservative  Behandlung  der 
urgischen  Tuberkulose  oft  an  pekuniären  Gründen  scheitert.  Auffällig  ist 
gute  Erhaltung  der  Muskulatur  bei  der  Sonnenbehandlung. 

Herr  S.  Auerbach:  Bei  der  neuerdings  erkannten  Wichtigkeit  der 
vehrfunktion  der  Haut  wäre  zu  erwägen,  ob  man  nicht  bei  metaluischen 
rankungen  Hautreizmethoden  therapeutisch  verwerten  solle. 

Auch  Herr  Cahen-Brach  hat  Auftreten  und  hinterher  nach  Monaten 
schwinden  von  Hilusschatten  bei  infektiösen  Prozessen  beobachtet.  Vom 
lerkulin  Rosenbach  hat  er  in  der  Kinderpraxis  nicht  mehr  als  bei  sonstiger 
landlung  gesehen. 

Herr  L  o  e  w  e  weist  auf  die  Wichtigkeit  der  Eingipsung  der  Glieder  in 
r  natürlichen  Haltung  hin.  In  einigen  Fällen  sah  er  Günstiges  von  der 
iluftbehandlung  der  S  c  h  m  i  e  d  e  n  sehen  Klinik,  besonders  bei  Hand- 
mkstuberkulosen;  für  diese  Form  und  die  Tuberkulose  der  Ellbogen  kann 
auch  die  Röntgenbehandlung  empfehlen.  Er  äussert  sich  skeptisch  über 


die  Erfolge  der  Jodkalibehandlung  und  wirft  die  Frage  auf,  ob  nicht  syphi¬ 
litische  Prozesse  dabei  untergelaufen  sind. 

Herr  N  e  i  s  s  e  r  betont  den  klimatischen  Unterschied  des  Höhenklimas 
vom  Klima  der  Ebene;  die  Aenderungen  des  Klimas  sind  bereits  oberhalb 
400  m  deutlich.  Er  begrüsst  deshalb  den  Plan  des  Rekonvaleszentenvereins, 
im  Anschluss  an  die  Heilstätte  Ruppertshain  eine  Abteilung  für  chirurgische 
Tuberkulosen  zu  errichten. 

Herr  Linke  (als  Gast)  hebt  hervor,  dass  es  bei  der  Heilwirkung  des 
Höhenklimas  nicht  so  sehr  auf  die  absolute  Höhe,  sondern  auf  den  Unter¬ 
schied  zwischen  der  Lage  des  Kurortes  und  dem  bisherigen  Aufenthalt  des 
Kranken  ankomme.  Für  Frankfurter  Verhältnisse  seien  die  Höhenlagen  von 
Königstein,  Falkenstein  und  ähnlichen  Orten  im  Taunus,  die  um  etwa  300  m 
gegen  Frankfurt  differieren,  bereits  ein  ausreichender  Unterschied. 

Herr  Ascher:  Die  über  einer  Stadt  lagernde,  aus  Wasserdampf, 
Strassenstaub  und  vor  allem  aus  Rauch  bestehende  Atmosphäre  nimmt  in  ge¬ 
ringer  Höhe  über  den  Dächern  bereits  an  Dichte  ab,  so  dass  es  durchaus 
verständlich  ist,  dass  in  einer  Höhe  von  einigen  hundert  Metern  über  Frankfurt 
die  Sonnenstrahlung  bereits  eine  ganz  wesentlich  höhere  ist,  als  in  der  Stadt, 
aber  auch  nicht  wesentlich  anders  als  einige  hundert  Meter  höher  am  Feldberg. 
Im  Hochgebirge  werden  natürlich  andere  Verhältnisse  hinzukommen:  ob  sie 
aber  so  grundlegende  Unterschiede  ausmachen,  dass  eine  wesentlich  grössere 
Leistungsfähigkeit  der  heilenden  Strahlen  dadurch  -  bewirkt  wird,  bedarf  noch 
der  Untersuchung. 

Herr  R.  Oppenheimer:  Ueber  die  Jodnatriumbehandlung  entzünd¬ 
licher  Prozesse. 

Ausgehend  von  einer  Arbeit  Schacherls,  welcher  die  intravenöse 
Jodnatriumbehandlune-  bei  der  Syphilis  des  Zentralnervensystems  erprobte, 
versuchte  Oppenheimer  intravenöse  und  lokale  Jodnatriumbehandlung 
bei  verschiedenen  entzündlichen  Vorgängen.  Wurden  täglich  2 — 5  ccm  einer 
50  proz.  wässerigen  Jodnatriumlösung  an  4 — 5  aufeinanderfolgenden  Tagen 
i  n  t  r  a  v  e  n  ö  s  injiziert,  so  traten  niemals  Erscheinungen  von  Jodismus, 
Ni.erenschädigungen  oder  stärkere  Beeinträchtigung  des  Allgemeinbefindens 
auf.  Von  manchen  Kranken  wurde  die  Injektion  entlang  der  injizierten  Vene 
während  5 — 10  Minuten  als  schmerzhaft  angegeben.  Der  intravenösen  Jod¬ 
natriumbehandlung  wurden  zunächst  4  Fälle  von  akuter  Epididymitis  unter¬ 
worfen;  in  dreien  zeigte  sich  schneller  Rückgang  der  Geschwulst  und 
Schmerzhaftigkeit.  Ebenso  wurde  ein  Fall  von  subakuter  Prostatitis  ohne 
örtliche  Behandlung  günstig  beeinflusst.  Ueber  die  Behandlung  von  3  Fällen 
von  Nebenhodentuberkulose  lässt  sich  Abschliessendes  noch  nicht  sagen. 
Versagt  hat  die  intravenöse  Behandlung  in  einem  Falle  eitriger  Parametritis 
mit  sekundärer  Pyelonephritis,  sowie  bei  einem  Beckenabszess. 

Bei  Gonorrhöe  und  Katarrhen  der  Vagina  und  Urethra  wurde  die  ört¬ 
liche  Jodnatriumbehandlung  versucht.  Zur  vaginalen  Behandlung  wurden 
Tampons  mit  50  proz.  Jodnatriumglyzerinlösung  getränkt,  zur  Behandlung  der. 
männlichen  und  weiblichen  Harnröhre  eine  Lösung  von  Natr.  jodat.  5,0, 
Glycerin  pur.  5,0,  Acid.  boric.  1,0,  Aq.  dest.  ad  50,0,  zehn  Minuten  in  der 
Harnröhre  belassen.  3  Falle  von  nichtgonorrhoischem  Harnröhrenkatarrh  bei 
Männern  heilten  nach  wenigen  Tagen.  Eine  subakute  weibliche  Gonorrhöe, 
wo  trotz  intensiver  örtlicher  Behandlung  während  6  Wochen  Gonokokken¬ 
freiheit  nicht  erzielt  war,  wurde  durch  4  kombinierte  Behandlungen  zur 
Heilung  gebracht.  Ebenso  konnte  in  kurzer  Zeit  ein  Fall  von  Kindergonorrhöe 
zur  Ausheilung  gebracht  werden,  der  sich  gegen  die  übliche  örtliche  Be¬ 
handlung  refraktär  verhalten  hätte.  Versagt  hat  dagegen  die  Jodnatrium¬ 
behandlung  in  2  Fällen  akuter  Gonorrhöe. 

Zur  Wundbehandlung  wurden  Streifen  in  50  proz.  Jodnatriuiri- 
lösung  getaucht  und  täglich  2  mal  erneuert.  In  3  Fällen  von  suprapubischer 
Prostatektomie,  wo  infolge  Berieselung  durch  infizierten  Harn  die  Wunde 
belegt  aussah,  erfolgte  Reinigung  innerhalb  weniger  Tage.  Besonders  be¬ 
weisend  für  den  Erfolg  örtlicher  Jodnatriumbehandlung  war  ein  Fall  von 
perinephriti^chem  Abszess,  der  sich  bis  in  das  kleine  Becken  erstreckte.  Trotz 
zweimaliger  Spaltung  bestanden  hohe  Temperaturen  und  Schüttelfröste  weiter. 
Nachdem  während  6  Tagen  täglich  10 — 25  ccm  50  proz.  wässeriger  Jod¬ 
natriumlösung  in  die  Wunde  eingeträufelt  waren,  bestanden  nur  noch  sub¬ 
febrile  Temperaturen  und  der  Kranke  wurde  späterhin  geheilt  entlassen. 
O.  empfiehlt  daher  ausgedehnte  Versuche  mit  der  intravenösen  und  örtlichen 
Jodnatriumbehandlung  in  der  inneren  Medizin,  Gynäkologie  und  Chirurgie. 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  19.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Stich.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  Voigt:  Neue  Untersuchungen  über  geschützte  Silberhydrosole 
und  die  Eigenschaften  von  Schutzkolloiden. 

Für  die  therapeutischen  Erfolge  intravenöser  Silberinjektionen  spielt,  wie 
auch  neuerdings  durch  die  Untersuchungen  von  Dietrich  bestätigt,  das 
Schutzkolloid  keine  wesentliche  Rolle,  da  es,  allein  injiziert,  bei  den 
daraufhin  untersuchten  Präparaten  wirkungslos  blieb  (Kollargol  und  Elektro- 
kollargol  [Dietrich],  Dispargen  [Voigt]).  Wir  müssen  annehmen,  dass 
nur  solche  Stoffe  im  Organismus  leistungssteigernd  wirken  können,  die 
ähnlich,  wie  für  das  kolloide  Silber  bekannt,  in  ihm  gewisse  Reaktionen  aus- 
Iösen  und  erfahren.  Für  die  Charakterisierung  der  in  Frage  kommenden 
Stoffe  ist  das  Untersuchen  zusammen  mit  kolloiden  Metallen  (Z  s  i  g  in  o  n  d  y, 
Voigt)  ein  wichtiges  Hilfsmittel.  Vortr.  berichtet  über  die  Ergebnisse  aus¬ 
gedehnter  derartiger  Untersuchungen,  die  demnächst  in  der  Kolloidzeitschrift 
veröffentlicht  werden,  über  das  Schutzkolloid  des  Dispargens:  1.  Selbst  ein 
sehr  hoher  Gehalt  an  Schutzkolloid  (ca.  70  Proz.  des  Trockenpräparats)  ge¬ 
stattet  nicht  die  Konzentration  der  Auflösung  beliebig  niedrig  zu  ge¬ 
stalten,  ohne  dass  Ag  ausflockt;  es  erscheint  vielmehr  ein  gewisser  Salzgehalt 
für  die  Haltbarkeit"  erforderlich.  2.  Verschiedene  Salze  wirken,  unabhängig 
von  der  Valenz  in  dieser  Hinsicht  verschieden,  die  Neigung  zum  Absetzen 
wird  aber  stets  mit  abnehmendem  Salzgehalt  (n / 1 0 — -n / 1 60)  grösser, 
was  auch  Kontrollversuche  mit  kolloidem  Au  bestätigen.  Selbst  die  Ver¬ 
wendung  der  Auflösung  des  reinen  Schutzkolloids  in  der  Konzentration 
der  2  proz.  Dispargenlösung  zur  Herstellung  der  Salzlösungen  ändert  nichts 
an  dieser  Tatsache.  Im  Gegensatz  hierzu  nimmt  die  Neigung  mit 
wachsendem  Salzgehalt  z  u,  wenn  die  Salzlösungen  mit  neutrali¬ 
sierter  Schutzkolloidlösung  hergestellt  sind.  3.  Unter  dem  Einfluss  ge¬ 
wisser  Salzlösungen  kommt  eine  erhebliche  Teilchenvermehrung  zustande,  die 


292 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nt 


wohl  durch  Einwirkung  auf  das  Schutzkolloid  zu  erklären  ist.  Hierbei  spielt 
offenbar  auch  die  Dauer  der  Einwirkung  eine  Rolle:  nach  einer  gewissen  Zeit 
ist  das  Optimum  der  Wirkung  erreicht  und  es  tritt  dann,  verhältnismassig 
schnell  zunehmend,  die  entgegengesetzte  Beeinflussung  des  Hydrosols  ein. 
4.  Es  ist  anzunehmen,  dass  ähnliche  Vorgänge:  Ausflockung,  Umlagerung, 
Um-  und  Aufladung  u.  ä.  m.  sich  auch  bei  der  Injektion  ,, leistungssteigernder 
Stoffe  im  Körper  abspielen,  die  sich  in  allen  Einzelheiten  unserer  Kenntnis 
immer  entziehen  werden,  in  manchen  Stadien  aber  beim  Studium  des  Schic  - 
sals  des  kolloiden  Ag  und  AgJ  im  Säugetierorganismus  beobachtet  worden  sind. 

Herr  F.  Bremer:  Demonstration  eines  37  jähr.  Mannes  mit  den 
Symptomen  der  amyotrophlschen  Lateralsklerose.  Da  in  der  Familie  8  Mit¬ 
glieder  in  2  Generationen  in  ähnlicher  Weise  erkrankt  sind,  so  ist  das  Krank¬ 
heitsbild  zu  den  Heredodegenerationen  vom  spastisch-paretischen  Typus  zu 
rechnen.  Eigenartig  ist  das  Ueberwiegen  der  Vorderhorn-  und  das  Zuriick- 
treten  der  Pyramidenstörungen. 

Herr  F.  Stern:  Chronisch  ainyostatische  Enzephalitis  und  enzephali- 

tlsche  Folgezustände.  ,  .  ,  „ 

Demonstration  von  13  Fällen  von  vorwiegend  klinischen  Gesichtspunkten 
ausgehend.  Der  Demonstration  vorausgeschickt  werden  kurze  Erörterungen 
über  die  klinische  Einheitlichkeit  des  enzephalitischen  Krankheitsprozesses, 
der  sich  auf  wenige  Formen  zurückführen  lässt,  sowie  eine  Erklärung  der 
Pathophysiologie  des  Linsenkernapparates.  Leichtere  und  schwerere  Fälle 
des  bekannten  Parkinsonismus  sine  agitatione  mit  charakteristischen  vegeta¬ 
tiven  Störungen  und  psychischen  Veränderungen,  euphorischer  Apathie  einer¬ 
seits,  triebhafter.  Unruhe  andererseits  werden  zuerst  vorgestellt;  die  Un¬ 
abhängigkeit  der  Paresen  und  der  Spontaneitätsstörung  von  der  Hypertonie 
kommt  an  einzelnen  Fällen  besonders  stark  zum  Ausdruck,  ebenso  zeigen 
einige  Fälle  überraschend  das  Symptom  der  plötzlichen  Lösung  schwerer 
Akinese.  Angeschlossen  werden  mehrere  Fälle  mit  spastisch-athetotischen 
Syndromen,  einseitig  wie  doppelseitig,  sowie  Kombination  mit  den  dys- 
pnoischen  Atemstörungen,  welche  bis  zu  dauernden  Anfällen  grotesken 
Schnaufens  sich  steigern  können  und  besonders  hysterieverdächtig  erscheinen; 
weiterhin  einige  Fälle  mit  Resterscheinungen  choreiforiner  und  tetanieformer 
Zuckungen.  Kurze  Besprechung  der  Prognose  und  Therapie.  (Genauere 
Ausführungen  an  anderer  Stelle.) 

Aussprache:  Herr  G  ö  p  p  e  r  t:  In  der  gleichen  Zeit,  in  der  sich  die 
Enzephalitis  vermehrt,  sehen  wir,  wenigstens  in  Göttingen,  und  zwar  genauer 
im  Jahre  1920  bis  November  1921  bei  Kindern  als  Zeichen  meningealer 
Reizung  das  Kernig  sehe  Symptom  auftreten.  Meist  schliesst  sich  diese 
Störung  an  wohlcharakterisierte,  fieberhafte  Erkrankungen  der  oberen  Luft¬ 
wege,  die  sog.  Kindergrippe,  an.  Doch  ist  oft  die  primäre  Affektion  ganz 
auf  den  Nasenrachenraum  beschränkt,  so  dass  sie  nur  bei  grösster  Auf¬ 
merksamkeit  erkannt  wird.  Wir  dürfen  uns  daher  nicht  wundern,  dass  bei 
Fällen,  die  erst  später  in  Beobachtung  kommen,  die  Patienten  von  einer 
solchen  Affektion  nichts  mehr  wissen.  Dann  sieht  das  Krankheitsbild  recht 
merkwürdig  aus.  Oefters  kommen  die  Kranken  zur  Behandlung,  weil  sie  bei 
körperlicher,  namentlich  aber  bei  geistiger  Anstrengung  Kopfschmerzen  be¬ 
kommen  und  in  der  Schule  seit  kurzer  Zeit  versagen.  Wer  die  Krankheit 
schon  einmal  durchgemacht  hat,  zeigt  auch  bei  geringen  fieberhaften  Affek¬ 
tionen  oft  recht  langwierige  Rückfälle.  Vielleicht  ist  nicht  ganz  ausge¬ 
schlossen,  dass  eine  gewisse  Verwandtschaft  zu  den  gezeigten  Krankheits¬ 
bildern  besteht.  Bezeichnend  ist  übrigens,  dass  die  seit  Anfang  Dezember 
einbrechende  epidemische  Grippe  fast  keine  neuen  Fälle  gebracht  hat. 

Herr  Staemmler:  Ueber  Veränderungen  der  sympathischen  Ganglien 
bei  akuten  Infektionskrankheiten. 

Im  Verlauf  akuter  Infektionen  (besonders  Streptokokken-,  Staphylo¬ 
kokken-  und  Pneumokokkenerkrankungen)  finden  sich  in  den  Ganglien  des 
Sympathikus  1.  degenerative  Prozesse  an  den  Ganglienzellen  (Quellung  von 
Kern  und  Protoplasma,  Untergang  des  Kernes,  Umwandlung  der  ganzen 
nekrotischen  Zelle  in  eine  strukturlose,  manchmal  kolloidähnliche  Masse), 
zuweilen  begleitet  von  Wucherung  der  Kapselzellen;  2.  entzündliche  Vor¬ 
gänge  am  Blutgefässbindegewebsapparat  (Hyperämie  der  Kapillaren,  Emi¬ 
gration  weisser  Blutkörperchen,  mehr  oder  weniger  ausgedehnte  Infiltrate  im 
Gewebe,  manchmal  unter  Bildung  neuronophagieähnlicher  Bilder). 

Die  degenerativen  Prozesse  betreffen  meist  nur  einzelne  Zellen,  doch 
kann  auch  ein  grosser  Teil  derselben  dem  Untergang  verfallen. 

Die  Bedeutung  dieser  Vorgänge  liegt  einmal  in  der  akuten  Wirkung 
auf  den  Kreislauf  (Vasomotorenlähmung),  zweitens  bei  wiederholten  Infek¬ 
tionen  und  dem  Fehlen  einer  Regeneration  im  Nervensystem,  im  allmählichen 
Entstehen  einer  "Schwäche  des  sympathischen  Nervensystems,  die  anatomisch 
wohl  in  der  sogenannten  Altersveränderung  der  Ganglien  begründet  ist. 
einer  mit  Bindegewebsvermehrung  einhergehenden  Atrophie,  oft  deutlich  ent¬ 
zündlichen  Charakters. 

Neben  den  Infektionskrankheiten  werden  zweifellos  auch  andere  Gifte 
zu  derselben  Schädigung  des  Sympathikus  führen  können,  wie  Vortr.  das  für 
Diabetes  und  Alkoholismus  beobachtete. 

Aussprache:  Herren  üöppert.  Heubner.  Reichenbach, 
Koennecke,  Ebbecke.  Stern  und  Staemmler. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 

Gewerbemedizinalrat  Dr.  G  e  r  b  i  s  spricht  über  Stellung  und  Aufgaben¬ 
gebiet  des  staatlichen  Gewerbearztes. 

Die  Landesgewerbeärzte  sollen  einerseits  als  üewerbeaufsichtsbeamte  an 
der  Durchführung  und  etwaigen  Erweiterung  der  Arbeiterschutzgesetzgebung 
mitwirken,  allen  Behörden  als  Gutachter  und  ärztliche  Berater  zur  Verfügung 
stehen,  anderseits  aber  zur  Erkennung  und  Verhütung  aller  Gewerbekrank¬ 
heiten  beitragen.  Hierfür  ist  Mitarbeit  der  Aerzteschaft  erforderlich.  Der 
Landesgewerbearzt  kann  durch  Erforschung  der  Arbeitsbedingungen  und  des 
ganzen  Milieus  in  einzelnen  Erkrankungsfällen  zur  Klärung  der  Aetiologie  bei¬ 
tragen,  der  Arzt  in  der  Praxis  kann  den  Landesgewerbearzt  auf  vermutete 
gewerbliche  Gesundheitsschädigungen  in  bestimmten  Betrieben  hinweisen. 
Planmässige  Untersuchungen  ganzer  Arbeitergruppen,  die  von  der  Arbeits¬ 
gemeinschaft  der  staatlichen  Gewerbeärzte  Deutschlands  nach  einheitlichen 
Gesichtspunkten  durchgeführt  werden,  sollen  die  Gesundheitsverhältnisse  der 


verschiedenen  Berufszweige  sicherer  ermitteln,  als  es  die  Statistik  auf  i  ,| 
bisherigen  Grundlagen  ermöglicht.  j: 

In  der  Besprechung  betont  Herr  Paul  S  c  h  m  l  d  t.  dass  eine  ; 
kätnpfung  der  Gewerbekrankheiten  ohne  die  Aerzte  ebensowenig  möglich  i 
wird  wie  eine  Bekämpfung  der  Infektionskrankheiten.  Ein  Landesgewig 
arzt  bedarf  der  persönlichen  Beziehungen,  um  die  Schäden  kennen  zu  le  * 
und  sie  abzustellen.  Gewerbehygienische  Zentralstellen  wurden  schon  1 
in.  Preussen  vermisst,  nachdem  Bayern  und  Baden  mit  gutem  Bei 
vorangegangen  waren.  Nur  durch  Zentralstellen  können .  die  praktis 
Erfahrungen  vieler  Einzelorgane  in  eine  wirksame,  systematische  Prophj 
umgewertet  und  der  Wissenschaft  nähergebracht  werden.  In  der  01 
Stellung  der  Gewerbekrankheiten  mit  den  Unfällen  möchte  S  c  h  in  i  d 
behutsamem  Vorgehen  mahnen.  Die  Schweiz  hatte  diese  Gleichstellung  ge 
lieh  eingeführt,  aber  infolge  schlechter  Erfahrungen  wieder  abgeschafft, 
grosse  Schwierigkeit  liegt  in  dem  Mangel  objektiver  wissenschaftlicher 
gnosen  bei  vielen  gewerblichen  Krankheiten.  Ohne  diese  werden  sich  H 
chondrie  und  Hysterie  breitmachen.  Jedem  Arbeitsmann  soll  sein  h 
werden,  aber  auf  Grund  exakter  wissenschaftlicher  Diagnosenstellung 
auf  Grund  von  Gefühlsdiagnosen.  Dazu  gehört  eine  gute  spezialisti 
Durchbildung  der  Aerzte  auf  diesem  Gebiete.  ■> 

Herr  Herzfeld  verspricht  sich  von  einer  besonderen  Versiehe 
für  gewerbliche  Krankheiten  nichts  Gutes.  Sie  würde  die  Schäden,  wi 
der  Unfallversicherung  anhaften,  in  erhöhtem  Grade  mit  sich  bringen, 
viele  Beschäftigungen  stets  ungesund  bleiben  werden,  wäre  es  von 
grössten  Wichtigkeit,  diejenigen  rechtzeitig  anderswo  unterzubringen,  die 
bestimmte  Arbeit  nicht  vertragen.  An  dem  Fehlen  einer  solchen  Für? 
scheitert  trotz  allen  Aufwandes  hauptsächlich  die  Bekämpfung  der  Tt 
kulose  bei  den  Arbeitern. 

Herr  Clausen:  Zur  Entstellung  und  Behandlung  des  Begleitschle 

Clausen  bespricht  einleitend  die  neuesten  Anschauungen  über 
Auge  als  Organ  des  Raumsinnes.  Er  erörtert  die  Korrespondenz  der  t 
häute  und  geht  kurz  auf  das  binokulare  Einfach-  und  Doppeltsehen 
Nachdem  er  auf  die  für  die  Entstehung  des  Schielens  so  ausserordentlich  ' 
tige  Assoziation  der  Konvergenz  mit  der  Akkommodation  und  den 
Fusionsvorgang  hingewiesen  und  kurz  die  Heterophorien  gestreift  hat,  kc 
Vortragender  zum  eigentlichen  Thema,  dem  sog.  Begleitschielen,  für  di 
Entstehung  eine  Reihe  von  Faktoren  mechanischer  und  nervöser  Natu 
Frage  kommen,  so  die  topographisch-anatomischen  Verhältnisse  der  Oi 
i  wie  Form  und  Grösse  der  Bulbi  und  der  Augenhöhlen,  Oeffnungswinke: 
Orbita,  Veränderungen  in  den  Beziehungen  zwischen  Bulbus  und  s, 
Adnexen,  in  erster  Linie  Muskeln  und  Orbitalfaszien.  Hinsichtlich  der 
vösen  Beeinflussung  der  Augenstellung  kommen  in  der  Hauptsache  das  Fus 
bestreben  und  die  Assoziation  von  Akkommodation  und  Konvergenz  in  F 
Die  grösste  Bedeutung  für  die  Stellung  der  Augen  ist  von  allen  Fak 
sicherlich  der  Fusion  beizulegen.  Letztere  ist  nach  den  Untersuchunger 
Vortragenden  dem  Vererbungsgesetz  meistens  in  gleich  hohem  Masse  u 
werfen  wie  die  übrigen  Faktoren,  d.  h.  die  topographisch-anatomischen 
hältnisse  des  Auges  und  seiner  Umgebung  wie  endlich  auch  die  Refrakt 
Verhältnisse.  Nach  alledem  musste  eine  hochgradige  Vererbbarkeit  des 
gleitschielens  erwartet  werden,  die  dann  auch  durch  Anlegung  genau 
Stammbäume  bei  allen  vorkommenden  Schielfällen  fast  durchweg  erw 
werden  konnte.  CI.  projiziert  12,  zum  Teil  über  4 — 5  Generationen  sic 
streckende  Stammbäume,  aus  denen  mit  zwingender  Beweiskraft  die  I 
gradige  Vererbung  des  Begleitschielens  ersichtlich  ist.  Da  jedoch  nich 
einheitlicher  Faktor,  sondern  eine  ganze  Reihe  von  Faktoren  in  Frage  kon 
die  jeweils  von  verschiedener  ausschlaggebender  Bedeutung  sein  köi 
und  auf  die  mangelhafte  Fusion,  wenn  auch  zum  grössten  Teil,  so  doch 
allein  die  Entstehung  des  Schielens  in  dem  einen  oder  anderen  Fall  be> 
werden  darf,  so  hat  Vortragender  zunächst  davon  abgesehen,  besti; 
Regeln  für  die  Vererbung  des  Begleitschielens  aufzustellen,  weil  es  sich, 
auf  Grund  der  komplizierten  Verhältnisse  auch  nicht  anders  zu  erw. 
nicht  um  eine  einfache  rezessive  oder  dominante  Anomalie  beim  Be 
schielen  handelt.  Fast  ausnahmslos  liess  sich  jedoch  in  allen  Fällen 
starke  Vererbung  des  Begleitschielens  aufweisen.  Da  der  Fusion  woh 
der  wichtigste  Anteil  für  die  Entstehung  des  Schielens  beizumessen  ist 
Fusion  selbst  aber  mit  dem  6.  Jahre  völlig  ausgebildet  zu  sein  pflegt,  so 
die  Behandlung  des  Schielens  möglichst  frühzeitig,  wenn  angängig  schon 
1.  Lebensjahr  ab,  einsetzen,  zu  welcher  Zeit  eine  genaue  Korrektion 
vorliegender  Refraktionsanomalien  erfolgen  muss.  Auch  muss  mög 
schon  vom  3.  bis  4.  Lebensjahr  an  mit  stereoskopischen  Uebungen  zur 
beiführung  oder  Festigung  des  Fusionsvermögens  begonnen  werden.  1 
diese  konservative  Behandlung  nach  einiger  Zeit  nicht  zum  Ziel,  so 
man  mit  der  operativen  Therapie  nicht  zu  lange  zögern.  In  Fällen 
nach  den  augenblicklich  üblichen  Indikationsstellungen  die  Tenotomi 
Frage  kommt,  hat  Vortragender  diese,  wenn  nötig,  unter  Umstände 
einer  Sitzung  auch  auf  beiden  Augen  ausgeführt  und  je  nach  der  d 
eintretenden  mehr  oder  weniger  vollkommenen  Beseitigung  der  Stell 
abweichung  die  Augen  ev.  noch  beim  Einwärtsschielen  dufch  Atropin  in 
Akkommodation  gelähmt,  um  dadurch  den  Konvergenzreiz  zu  unterbi 
Um  eine  oberflächliche  Verklebung  der  Operationswunde  zu  erreichen,  v 
das  Auge  nur  für  höchstens  eine  Stunde  unter  Verband  gestellt.  Dann  v 
unter  Benutzung  der  jn  Frage  kommenden,  korrigierenden  Brille,  gew 
inassen  im  noch  labilen  Zustand,  des  operierten  Auges,  an  dem  der 
tomierte  Muskel  noch  keinen  festen  Hai;  gefunden  hatte,  sofort ii 
Uebungen  am  Stereoskop  bzw.  Amblyoskop  begonnen.  Diese  Uebil 
müssen  in  den  ersten  Wochen  nach  erfolgter  Operation  unter  ärztlicher» 
trolle  in  sorgfältigster  und  ausdauerndster  Weise  fortgesetzt  werden.! 
dieser  Behandlung  hat  Vortragender  fast  bei  allen  Fällen  sehr  günstigd 
sultate  erzielt,  insofern,  als  nicht  nur  die  Stellungsanomalie  meistens  I 
behoben,  sondern  auch,  in  einzelnen  Fällen  sogar  bei  Erwachsenen  f 
ein  binokulares  Sehen,  ja  eine  Fusion  3.  Grades,  meistens  allerdings  J 
längeren  mit  grosser  Energie  fortgesetzten  stereoskopischen  UebungeJ 
zielt  wurde.  CI.  hält  die  im  unmittelbaren  Anschluss  an  die  Operation 
zunehmenden  stereoskopischen  Uebungen  für  ausserordentlich  wichtig.' 
bei  mehrtägigem  Verbände  das  operierte  Auge,  falls  nicht  etwa  eine  f 
lagerung  ausgeführt  sein  sollte,  sich  sehr  leicht  wieder  in  die  ihm  gew 
Schielstellung  begibt  und  der  Muskel  an  einer  unerwünschten  Stelle  wl 
anwächst.  Irgendwelche  nachteiligen  Folgen  hat  Vortragender  von  « 
offenen  Wundbehandlung  nicht  gesehen,  da  die  kleine  Konjunktivalwund 
wohnlich  nach  ganz  kurzer  Zeit  ziemlich  fest  wieder  verklebt  ist.  j 


Februar  1922. 


293 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  13.  Dezember  1921. 
irsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  Hnebschmann. 

Aussprache  über  die  Vorträge  der  Herren  Marchand  (Patho- 
;che  Anatomie  der  Lungentuberkulose,  M.m.W.  1922  Nr.  1)  und 
äbsehmann  (Zur  Pathologie  der  Lungentuberkulose.  M.m.M.  1921, 
13.  S.  1380). 

Herr  Marchand  gibt  eine  Zusammenfassung  seines  Vortrages. 

Herr  Huebschmänn  tut  '  das  gleiche.  Er  führt  sodann  das 
■hoff  sehe  Schema  zur  Einteilung  der  tuberkulösen  Prozesse  in  der 
;e  vor.  Pathologisch-anatomisch  sei  dieses  noch  nicht  ganz  erschöpfend, 
sch  ist  nach  seiner  Meinung  die  Einteilung  von  Eugen  A  1  b  r  e  c  h  t  vor¬ 
dien. 

Herr  Strümpell:  Die  Kenntnis  der  gröberen  und  feineren  patho- 
isch-anatomischen  Veränderungen  bei  der  Lungentuberkulose 
durch  die  eingehenden  Arbeiten  der  letzten  Jahre  einen  gewissen  Ab- 
iss  erreicht.  Es  fragt  sich  nun,  welchen  Standpunkt  die  Klinik  den 
ren  anatomischen  Anschauungen  und  Einteilungsversuchen  gegenüber  ein- 
len  soll. 

Ich  gehe  davon  aus,  dass  die  genaue  klinische  Diagnose  eines  jeden 
;lnen  Falles  von  Lungentuberkulose,  nachdem  dessen  ätiologische  Natur 
gestellt  ist,  zunächst  eine  rein  anatomische  sein  muss.  Wir  müssen, 
;it  wie  möglich,  feststellen,  in  welcher  Ausdehnung  die  Lungen  von 
tuberkulösen  Erkrankung  befallen  sind  und  welche  Form  die  Erkrankung 
t.  •  -Diese  Aufgabe  kann  - —  namentlich  mit  Zuhilfenahme  der  Röntgen- 
irsuchung  —  bis  Zu  einem  ziemlich  grossen  Grade  von  Genauigkeit  gelöst 
len.  Wir  können  die  noch  völlig  frei  gebliebenen  Lungenabschnitte  von 
bereits  erkrankten  abgrenzen,  wir  können  alle  kleineren  und  grösseren, 
tleer  gewordenen  Teile  der  Lunge  erkennen,  wir  können  die  meisten 
its  erfolgten  Einschmelzungsprozesse,  also  die  Kavernen  bildungen 
;r  Lunge,  mit  Sicherheit  erkennen,  wir  können  Schrumpfungsvor¬ 
ige  feststellen,  wenigstens  soweit  sie  grössere  Abschnitte  der  Lunge 
.■ffen,  und  können  endlich  gewisse  wichtige  sekundäre  Prozesse 
rankungen  der  Pleura,  Pneumothorax)  nachweisen.  Wie  man  sieht,  sind 
her  nur  physikalische  Aenderungen  des  Lungengewebes,  vor  allem 
lerungen  seines  Luftgehalts,  die  wir  erkennen.  Unser  Urteil  über  die 
to  logische  Natur  der  diesen  Veränderungen  zugrunde  liegenden  Vör¬ 
ie  ist  ein  rein  sekundäres,  abgeleitetes  Analogieurteil. 

Mit  der  Feststellung  der  anatomischen  Veränderungen  in  der  Lunge  ist 
rlich  nur  die  Kenntnis  des  jeweiligen  Zustandsbildes  erreicht. 

:  entsteht  die  zweite,  fast  noch  wichtigere  Frage  nach  der  Aktivität 
Prozesses,  nach  dem  Kräfteverhältnis  zwischen  der  Angriffskraft  des 
ikheitserregers  und  den  Abwehrkräften  des  Körpers.  Ist  der  festgestellte 
js  quo  ein  stationärer,  ein  in  rascherem  oder  langsamerem  Fort¬ 
reiten  oder  in  langsamem  Zurückweichen,  d.  h.  in  H  e  i  1  u  n  g  s  - 
denz  begriffener?  Von  pathologisch-anatomischer  Seite  ist  bekanntlich 
rdings  mit  grossem  Nachdruck  behauptet  worden,  dass  die  Beantwortung 
obigen  prognostischen  Fragen  vor  allem  von  der  Feststellung  der 
on  deren  histologischen  Natur  der  im  Einzelfall  vorliegenden 
rkulösen  Prozesse  abhängig  sei.  Die  neu  eingeführten  Namen  der  „pro- 
ctiven“  und  der  „exsudativen“  Form  der  tuberkulösen  Ver¬ 
engen  sollen  die  sichere  Leitschnur  zur  prognostischen  Beurteilung  der 
einen  Fälle  abgeben.  „Der  Charakter,  d.  h.  die  histologische  Art  der 
isischen  Prozesse  entscheidet  vor  allem  über  die  klinische  Heilbarkeit 
Lungenphthise.“  Dieser  Satz  mag,  was  ich  nicht  zu  entscheiden  habe, 
rein  pathologisch-anatomischen  Standpunkt  aus  richtig  sein.  Eine 
mtliche  klinische  Bedeutung  muss  ich  ihm  aber  durchaus  absprechen, 
n  erstens  glaube  ich  nicht,  dass  wir  mit  irgendwelcher  Sicherheit  mit 
:  unserer  klinischen  Methoden  in  allen  Fällen  jene  uns  Aelteren  übrigens 
n  lange  bekannte  Unterscheidung  der  histologischen  Vorgänge  schon  zu 
weiten  der  Kranken  machen  können,  und  zweitens  müssen  doch  auch 
Anatomen  zugeben,  dass  sich  in  vielen  Fällen  „produktive“  und  „exsuda- 
‘  Prozesse  so  vielfältig  miteinander  vereinigen,  dass  schon  hierdurch 
Unterscheidung  für  die  Beurteilung  des  Gesamtzustandes  an 
t  verliert.  Natürlich  zweifle  ich  nicht,  dass  jetzt  die  Diagnose  „produktive 
:ise“  und  „exsudative  Phthise“  infolge  der  suggestiven  Macht  des  Wortes 
der  Autorität  in  gewissen  ärztlichen  Kreisen  modern  werden  wird.  Ich 
hte  aber,  dass  die  Sicherheit  dieser  Diagnostik  nicht  immer  im  gleichen 
lältnis  zur  wirklichen  Einsicht  in  die  vorliegenden  Krankheitsprozesse 
en  wird.  Was  den  Kliniker  aber  vor  allem  zur  Ablehnung  des  obigen 
:es  bewegen  muss,  ist  seine  grosse  Einseitigkeit.  Von  wie 
reichen  sonstigen,  teils  innerlich  begründeten,  teils  rein  zufälligen  Er- 
issen  hängt  das  Schicksal  des  einzelnen  Kranken  ab!  Von  seiner  eigenen 
ititutionellen  Widerstandskraft,  von  mannigfachen  äusseren  Umständen, 
dem  Eintritt  von  Komplikationen  (Blutungen,  Pneumothorax  u.  a.).  von 
Ausbreitung  der  Tuberkulose  auf  andere  Organe  (Larynx,  Darm,  Meningen, 
are  Aussaat)  usw.!  Wie  kann  man  da  sagen,  dass  vor  allem  der  histo- 
sche  Charakter  der  Erkrankung  entscheidet,  wenn  er  auch  natürlich  als 
her  nicht  ohne  Einfluss  auf  den  weiteren  Verlauf  des  Leidens  ist.  Dies 
aber  kein  klinisch  hervortretendes  wesentliches  Merkmal. 

So  sind  wir  also  bei  der  Beantwortung  der  wichtigen  Frage  nach 
jeweiligen  Aktivität  des  vorliegenden  tuberkulösen  Prozesses  hauptsäch- 
immer  noch  auf  die  alten  klinischen  Merkmale.  Konstitution  und 
itus,  Heredität  und  Familiarität,  Alter,  Ernährungszustand  und  von  den 
einen  klinischen  Erscheinungen  vor  allem  auf  das  Verhalten  der 
;enwärme  angewiesen,  die  ein  ungemein  feines  und  sicheres  Reagens 
den  jeweiligen  Stand  des.  Kampfes  zwischen  Krankheitserreger  und 
pergewebe  ist.  Völlige  Fieberlosigkeit  ist  mit  wenigen  Ausnahmen  stets 
Zeichen  der  Kampfesruhe,  die  zum  Wiederaufbau  und  zur  Ausheilung 
krankhaften  Veränderungen  benützt  werden  kann.  Jede  Fiebersteigerung 
eutet  eine  Aktivität  des  Angriffes.  In  nichts  anderem  spiegeln  sich 
Phasen  und  Schwankungen  des  langwierigen  Kampfes  so  deutlich  wieder, 
in  der  fortlaufenden  Fieberkurve.  Man  hat  neuerdings  gemeint,  in  den 
dfischen  tuberkulösen  Kutanreaktionen  noch  sicherere  Hinweise  auf  die 
eilige  Kampfesstärke  des  befallenen  Organismus  zu  besitzen.  Ich  will 
hierüber  kein  abschliessendes  Urteil  erlauben.  Aber  nach  dem,  was  ich 
'über  gelesen  und  was  ich  selbst  gesehen  habe,  scheinen  mir  die  Ver¬ 
russe  noch  keineswegs  genügend  geklärt  zu  sein,  um  zu  bindenden  Schluss¬ 


folgerungen  die  Berechtigung  zu  geben.  Für  den  Kliniker  ist  die  Tuberkulose 
weder  ausschliesslich  ein  anatomischer  Vorgang,  noch  viel  weniger  ausschliess¬ 
lich  ein  „immunbiologisches  Problem“,  sondern  eine  Krankheit,  die  sich 
aus  zahllosen  Einzelprozessen  zusammensetzt,  deren  Anwesenheit  und  Be¬ 
deutung  in  jedem  Einzelfall  nach  Möglichkeit  genau  festzustellen  die  Aufgabe 
des  klinisch  geschulten  Arztes  ist. 

Die  schier  unerschöpfliche  Mannigfaltigkeit  in  dem  Verlaufe  und  der 
Erscheinungsweise  der  Lungentuberkulose  macht  auch  die  neuerdings  wieder 
stark  hervortretende  Neigung  nach  schematischen  ■  Einteilungen  der  verschie¬ 
denen  „Formen“  der  Lungentuberkulose  mit  Aufstellung  einer  Menge  von 
Namen  und  Bezeichnungen  von  vornherein  wenig  aussichtsreich  und  praktisch 
wenig  brauchbar.  Ich  halte  diese  Schemata  auch  in  didaktischer  Hin¬ 
sicht  für  nicht  zweckmässig.  Die  Wirklichkeit  lässt  sich  in  das  Prokrustesbett 
des  Schemas  doch  nicht  ohne  Zwang  hineinpressen  und  der  Schüler  verliert 
darüber  die  Hauptaufgabe  des  Arztes,  jeden  Einzelfall  nach  all  seinen  be¬ 
sonderen  Eigentümlichkeiten  genau  zu  analysieren,  aus  dem  Auge.  Dass 
man  gewisse  Hauptformen  der  Lungentuberkulose  nach  ihrer  Wirkung  unter¬ 
scheiden  kann,  versteht  sich  von  selbst.  Auch  die  Aufstellung  der  drei 
Stadien  der  Lungentuberkulose  gilt  höchstens  für  eine  gewisse  Anzahl  aus 
der  Kindheit  stammender  Infektionen,  aber  keineswegs  für  die  m.  E.  nicht 
seltenen  Fälle  späterer  Infektion. 

Schliesslich  halte  auch  ich  den  Vorschlag,  statt  der  ätiologisch  voll¬ 
kommen  eindeutigen  und  gut  gewählten  Bezeichnung  „1  uberkulose 
jetzt  wieder  den  alten  Namen  „Phthise“  einzuführen,  für  sachlich  un¬ 
zweckmässig  und  unbegründet.  Sollen  wir  jetzt  etwa  auch  von  „phthisischer 
Meningitis“,  von  „Gelenkphthise“.  „Hautphthise“  u.  a.  sprechen?,  ganz  abge¬ 
sehen  von  dem  logischen  Widersinn  einer  „produktiven  Phthise'  .  Auch  hier 
macht  sich  zwar  jetzt  wieder  die  Suggestionsmacht  der  Autorität  geltend. 
Ich  hoffe  aber,  nicht  für  immer. 

Herr  A  s  s  m  a  n  n  betont  im  Gegensatz  zu  einer  modernen,  rein  immun¬ 
biologischen,  noch  sehr  spekulativen  Richtung  den  grossen  Wert  exakter 
pathologisch-anatomischer  Grundlagen  für  die  klinische 
Beurteilung  der  Tuberkulose. 

Im  einzelnen  bespricht  er  zunächst  seine  Erfahrungen  an  Kriegs¬ 
tuberkulosen.  In  einem  Teil  derselben  fand  er  bei  äusserlich  gar  nicht 
disponiert  aussehenden,  kräftigen  Männern  mit  gutem  Thoraxbau  eine  auf¬ 
fallende  Ausbreitung  der  Tuberkulose  in  den  unteren  und  mittleren  Lungen¬ 
abschnitten  bei  freien  oberen  Lungenteilen.  Er  weist  auf  die  Aehnlichkeit 
mit  der  Ausbreitung  der  kindlichen  Tuberkulose  hin.  Es  liegt  der  Gedanke 
nahe,  dass  hierfür  bei  diesen  Formen  de-r  Kriegstuberkulose  einmal  das  unge¬ 
wöhnliche  Mass  äusserer  Schädigungen,  dann  aber  vielleicht  auch  ein  Mangel 
an  Schutzstoffen  infolge  Fehlens  einer  früher  überstandenen  Infektion  ver¬ 
antwortlich  zu  machen  ist.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  herrschte  aber  auch 
bei  den  Kriegstuberkulosen  das  vorwiegende  Befallensein  der  Oberlappen 
und  eine  absteigende  Tendenz  des  Krankheitsprozesses  von  oben  nach  unten 
vor,  so  dass  hier  kein  grundsätzlicher  Unterschied  gegenüber  dem  sonstigen 
Verhalten  angenommen  wird. 

Zweitens  übt  A.  Kritik  an  der  Theorie,  dass  die  Verbreitung  der  Tuber¬ 
kulose  beim  Erwachsenen  in  der  Regel  vom  Hiius  nach  der  Spitze  auf 
retrogradem  Lymphtransport  erfolge.  Die  Röntgenbefunde  von 
S  t  ti  r  t  z  und  Rieder,  die  den  Boden  für  diese  Anschauung  gegeben  haben, 
ermangeln  ganz  einer  anatomischen  Kontrolle.  Eigene  ausgedehnte  ver¬ 
gleichende  anatomische,  röntgenologische  und  klinische  Untersuchungen 
lieferten  keine  Unterlagen  für  diese  Anschauung.  A.  bittet  Herrn  Geheimrat 
Marchan d,  sich  vom  pathologisch-anatomischen  Standpunkte  zu  dieser 
Frage  zu  äussern.  Die  Röntgenbilder  können  auch  ganz  anders  ausgelegt 
werden.  A.  nimmt  an,  dass  wenigstens  in  vielen  Fällen  den  sog.  S  t  ü  r  t  z  - 
sehen  „lymphangitischen“  Strängen  hauptsächlich  die  blutgefüllten  Gefässe. 
keine  tuberkulösen  Veränderungen  der  Lymphgefässe  zugrunde  liegen.  Er 
ist  der  Ansicht,  dass  im  allgemeinen  viel  zu  viel  tuberkulöse  Veränderungen, 
namentlich  in  der  Hilusgegend  bei  der  Röntgendiagnostik  der  Tuberkulose 
angenommen  werden,  oft  auch  in  vollständig  normalen  Fällen. 

Bezüglich  der  Nomenklatur  meint  A„  dass  die  Einteilung  nach 
Fraenkel-Alb  recht  den  praktischen  Anforderungen  in  anatomischer, 
röntgenologischer  und  klinischer,  auch  in  prognostischer  Hinsicht  am  besten 
gerecht  werde. 

Herr  Wandel  betont  1.  die  zunehmende  Häufigkeit  der  tuberkulösen 
Lymphdrüsenerkrankungen,  besonders  der  Hilustuberkulosen,  auch  bei  Er¬ 
wachsenen,  deren  Weiterverbreitung  auf  das  interstitielle  Lungengewebe  man 
in  guten  Röntgenbildern  oft  verfolgen  kann;  nicht  so  sehr  die  bekannten 
interstitiellen  Stränge,  als  deutlich  peribronchitische  Umscheidungen  in  der 
Nähe  des  Hiius  zeugen  von  dem  Fortschreiten  des  Prozesses.  Jahrelang  können 
solche  Tuberkulosen  interstitiell,  d.  h.  geschlossen,  bleiben  und  klinisch  nichts 
anderes,  als  häuiige  subfebrile  Temperatursteigerungen  darbieten,  bis  plötz¬ 
lich  doch  Tuberkelbazillen  gefunden  werden,  weil  irgendein  Bronchialdurch¬ 
bruch  erfolgt  ist. 

2.  Der  Wert  der  A  s  c  h  o  f  f  sehen  Einteilung  in  eine  produktive  und 
eine  exsudative  Form  für  die  Klinik  darf  freilich  nicht  überschätzt  werden. 
Und  doch  hat  insbesondere  die  anatomische  und  röntgenologische  Differen¬ 
zierung  der  ersteren,  prognostisch  günstigeren,  mit  Schrumpfungen  aus¬ 
heilenden  Form  schon  viel  genützt.  Beispiel  einer  Infektionsserie  von 
3  Gliedern,  jedesmal  mit  jahrzehntelangem  benignem  Verlauf.  Die  Beurteilung 
der  prognostisch  ungünstigeren  exsudativen  Form  bereitet  dem  Kliniker 
viel  mehr  Schwierigkeiten,  weil  ihrem  Wesen  nach  die  verschiedenartigsten 
Prozesse  in  der  tuberkulösen  Lunge  dieser  Form  zugrunde  liegen  können. 
In  einer  tuberkulösen  Lunge  können  1.  echte  pneumonische  Prozesse 
mit  mehr  oder  minder  protrahiertem  Verlauf  auftreten,  oft  auch  rezidivierend; 
während  der  Zeit  der  pneumonischen  Exsudation  vermehrtes,  charak¬ 
teristisches.  tuberkelbazillenfreies  Sputum.  Hierher  gehören  auch  die  als 
„epituberkulös“  bezeichneten  unspezifischen  Lungeninfiltrationen.  Sie 
alle  können  restlos  verschwinden.  2.  Luetische  Entzündungen  in  der 
tuberkulösen  Lunge  können  die  exsudative  Form  Vortäuschen,  bei  Jodbehand¬ 
lung  sich  vollkommen  aufhellen.  3.  Können  ausgedehnte  Lymph¬ 
stauungen  neben  tuberkulösen  Herden  Vorkommen  und  wieder  ver¬ 
schwinden,  so  z.  B.  als  H  e  r  d  r  e  a  k  t  i  o  n  e  n  während  der  spezifischen 
Therapie,  manchmal  auch  spontan.  Beispiele.  Alle  diese  Zustände  sind  rönt¬ 
genologisch  und  klinisch  von  der  spezifisch-exsudativen  Form  schwer  zu  unter¬ 
scheiden  und  fordern  zur  Vorsicht  in  der  Prognosestellung  auf. 

Herr  Marchand  betont,  dass  ein  Vorrücken  der  Tuberkulose  vom 
Hiius  zur  Spitze  nur  vorkomme,  wenn  ein  Einbruch  einer  Hilusdrü'se  in  einen 
Bronchus  vorliegt. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


294 

Herr  Hu  eck:  Die  Ansicht  der  meisten  pathologischen  Anatomen  dürfte 
dahin  gehen,  dass  der  erste  tuberkulöse  Herd  stets  peripher  im  Lungengewebe 
liegt  und  dass  sich  die  Erkrankung  von  hier  aus  zentralwärts  zu  den  Hilus- 
drüsen  hin  ausbreitet.  Die  Tatsache,  dass  namentlich  die  Röntgenunter¬ 
suchung  in  der  Klinik  vielfach  die  umgekehrte  Vorstellung  erweckt  hat  —  Aus¬ 
breitung  vom  Hlius  aus  peripherwärts  in  die  Lunge  — ,  kann  u.  a.  oft  dadurch 
bedingt  sein,  wie  besonders  Ranke  betont  hat,  dass  anatomisch  das 
Zwischengebiet  zwischen  peripherem  Lungenherd  und  Hilusdrüsen  im  Sinne 
einer  unspezifischen  Lymphangitis  erkrankt,  die  einerseits  zu  schwieliger  Ver¬ 
dickung  der  Wand  der  Qefässe  und  Bronchien,  andererseits  zu  Bronchial¬ 
katarrhen  führt,  die  wiederum  Atelektasen  auch  in  zentral  gelegenen  Lungen¬ 
abschnitten  zur  Folge  haben.  . 

Die  Versuche,  die  Lungentuberkulose  „einzuteilen  ,  erscheinen  doch  auch 
von  praktisch-klinischen  Gesichtspunkten  aus  bedeutungsvoll.  Zum  mindesten 
erscheint  die  Möglichkeit  gegeben,  die  drei  prognostisch  wichtigen  Formen 
der  indurierenden  (zirrhotischen),  produktiven  (proliferativen)  und  exsudativen 
Tuberkulose  mit  klinischen  Mitteln  (insbesondere  Röntgenverfahren)  zu  er¬ 
kennen  und  zu  unterscheiden.  . 

Herr  Kruse:  Für  den  Hygieniker  und  Bakteriologen  erscheint  als  be¬ 
sonders  bemerkenswertes  Ereignis  dieser  Aussprache,  dass  gerade  die  er¬ 
fahrensten  Kenner  der  Lungentuberkulose  die  sehr  moderne  Theorie,  nach  der 
die  Lungentuberkulose  der  Erwachsenen  gewissermassen  nur  das  letzte 
Stadium  der  Kindheitstuberkulose  sein  soll,  ablehnen.  Gewiss  gibt  es 
spezifisch  immunisierende  Vorgänge  bei  der  Tuberkulose,  man  darf  ihre  Trag- 
weite  aber  nicht  überschätzen  (vergl.  Zschr.  f.  Tub.  39,  S.  382).  Neben  dei 
spezifischen  kann  auch  eine  natürliche  Immunität  gegen  Tuberkulose  erworben 
werden.  So  ist  wohl  die  verhältnismässige  Widerstandsfähigkeit  der  zivili¬ 
sierten  Völker  durch  die  jahrhundertlange  Auslese  im  Kampfe  gegen  die  Tuber¬ 
kulose  hervorgerufen  worden,  nicht  durch  spezifische  Immunisierung. 

Herr  Klarfeld:  Die  pathologische  Anatomie  des  Gehirns  in  ihren  Be¬ 
ziehungen  zur  Psychiatrie.  (Erscheint  als  Originalartikel  in  der  M.m.W.) 

Aussprache:  Herr  Niessl  v.  Mayendorf:  Nicht  Rinden¬ 
histopathologie,  sondern  die  Gehirnmechanik,  die  Lehre  von  dem  gesetz- 
mässigen  Zusammenwirken  der  Gehirnteile  vermögen  über  die  physiologischen 
Grundlagen  der  psychischen  Elemente  wissenschaftlich  aufzuklären.  Mikro¬ 
skopische  Anatomie,  Physiologie  und  Pathologie  des  Gehirns  müssen  zur  Auf¬ 
findung  dieser  Gesetze  Zusammenarbeiten. 

Herr  Buinke:  Wenn  die  pathologische  Anatomie  der  Psychosen  warten 
sollte,  bis  die  Anatomie  der  sog.  psychischen  Elemente  gefunden  ist,  so  würde 
sie  recht  lange  warten  müssen;  denn  wir  glauben  ja  heute  gar  nicht  mehr, 
dass  es  psychische  Elemente  gibt. 


Wissenschaftlicher  Verein  der  Aerzte  zu  Stettin 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  6.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Hager.  Schriftführer:  Herr  M  ü  h  1  m  a  n  n. 

Herr  Neisser:  Ueber  die  hepatolienalen  Erkrankungen. 

Zum  Referat  nicht  geeignet. 

Herr  Lieh  teil  au  er:  Die  Beziehungen  der  Chirurgie  zu  den  hepato¬ 
lienalen  Systemerkrankungen. 

Es  werden  folgende  Fragen  besprochen: 

1.  Ist  die  jetzt  allgemein  vorherrschende  Ansicht  über  die  Funktion 
dieser  Organe  im  physiologischen  und  pathologischen  Zustande  geeignet, 
einen  Einfluss  auf  die  allgemeine  Chirurgie  und  ihre  praktische  Anwendung 
zu  gewinnen? 

2.  Sind  wir  imstande,  durch  chirurgische  Massnahmen  die  Erkrankungen 
dieses  Systems  zu  beeinflussen? 

Herr  Hei  mann:  Besprechung  der  Methoden  zur  Resistenzprüfung  der 
roten  Blutkörperchen  und  des  Bilirubinnachweises  nach  van  den  Bergh 
und  seiner  Modifikationen. 

Herr  F  I  a  t  e  r:  Demonstration  des  Kolorimeters  von  Meulengracht 
zum  quantimetrischen  Nachweis  von  Gallenfarbstoff  im  Blutserum. 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  v  o  rn  16.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Stock.  Schriftführer:  Herr  Jüngling. 

Herr  Gmelin:  Beitrag  zur  Askaridose  aus  der  Pathologie  unserer 
Haustiere. 

Unter  Hinweis  auf  die  Arbeiten  von  F  ü  1 1  e  b  o  r  n  über  die  Beteiligung 
der  Blutbahn  an  der  Vermehrung  der  Askariden  im  Körper  des  Wirts  (Arch. 
f.  Schiffs-  u.  Tropenhyg.  Bd.  24  u.  25)  zeigt  Ref..  welche  Bedeutung  diesen 
Arbeiten  für  die  tierärztliche  Pathologie  gerade  jetzt  zukommt,  da  seit  dem 
Krieg  eine  ganz  ungewöhnliche  Vermehrung  der  Askariden  nicht  bloss  bei 
den  Menschen,  sondern  insbesondere  auch  bei  den  Haustieren  festzustellen 
ist.  Es  werden  die  Askaridosen  der  Haustiere  und  ihr  wirtschaftlicher 
Schaden  geschildert  und  dann  die  Ursachen  der  Schädigung  des  Wirts  be¬ 
sprochen,  die  nicht  bloss  in  der  Massenbesiedelung  des  Dünndarms  und  der 
gelegentlichen  Wanderung  der  Würmer  bestehen,  sondern  insbesondere  auch 
in  den  durch  die  Askariden  ausgeschiedenen  Toxinen.  An  der  räumlichen 
Ausbreitung  der  Askariden  ist  zweifellos  die  Unsauberkeit  des  Futters,  Ver¬ 
bitterung  von  Mühlenstaub,  Hinterkorn,  schlechter  Kleie  —  vergl.  die  Müller¬ 
pferde  —  ebenso  schuld  wie  Unsauberkeit  im  Stall.  Die  Vermehrung  im 
Wirtstier  nach  der  von  F  ü  1 1  e  b  o  r  n  geschilderten  Weise,  die  eine  Lücke 
im  Entwicklungsgang  der  Askariden  ausfüllt,  muss  dem  Veterinärpathologen 
ohne  weiteres  schon  darum  annehmbar  erscheinen,  als  eine  ganze  Reihe 
älterer  Beobachtungen  dadurch  zwanglos  erklärt  wird,  z.  B.  der  Fund  aus¬ 
gewachsener  Askariden  bei  10  Tage  alten  Kälbern  (Ga  steig  er),  14  Tage 
alten  Fohlen  (Ref.),  ferner  die  Erkrankung  des  Respirationsapparates  und  der 
Nieren,  die  G  a  s  t  e  i  g  e  r  bei  einer  Askaridenenzootie  in  Miesbach- 
Tegernsee  festgestellt  hatte.  Dass  die  Askaridenlarven,  obgleich  sie 
erheblich  grösser  sind,  als  die  Mikrofilarien,  bei  ihrer  Wanderung  durch  die 
Blutbahn  keine  erheblichere  Störung  der  Gesundheit  bedingen,  kann  den 
Veterinärpathologen  nicht  verwundern,  da  ihm  eine  analoge  Wanderung  von 
dem  erheblich  grösseren  Skierostoma,  mit  dem  95  Proz.  aller  Pferde  behaftet 


sind  bekannt  ist.  Es  wird  sodann  die  Entwicklung  und  Wanderung  v 
Scle’rostoma  vulgare  durch  die  Blutbahn  an  Lichtbildern  und  Präparaten  i 
zeigt. 

Aussprache:  Herr  v.  Schleich,  Herr  Gmelin,  Herr  A  b  e  g 
Herr  Reich,  Herr  Mönckeberg,  Herr  Birk,  Herr  Perthes.  H 
Gmelin. 

Herr  Vogel:  Das  Gehörorgan  der  Singzikaden. 

Herr  V.  berichtet  über  die  von  ihm  kürzlich  gemachte  Entdecku 
Fast  überall  im  Tierreich,  wo  kompliziertere  Organe  der  Lauterzeugung  v 
handen  sind,  finden  wir  auch  Gehörorgane,  so  vor  allem  bei  den  durch  Lunj 
atmenden  Wirbeltieren.  Auch  bei  den  „musizierenden“  Heuschrecken  i 
Grillen  sind  Sinnesorgane  vorhanden,  deren  Bau  als  Gehörorgane  gedeu 
werden  kann:  für  das  Vorhandensein  solcher  spricht  auch  das  Experime 
Noch  vollkommenere  Organe  der  Lauterzeugung  als  bei  den  eben  genann 
Gruppen  finden  wir  unter  Insekten  bei  den  männlichen  Singzikaden  ( 
Weibchen  sind  stumm).  Sie  liegen  als  2  rundliche,  elastische  Platten 
den  Seiten  des  ersten  Hinterleibsringes  und  werden  durch  einen  riesij 
V-förmigen  Muskel  in  Schwingungen  versetzt,  wodurch  eben  der  „Gesai 
der  Singzikaden  entsteht.  Zahlreiche  Beobachtungen  weisen  darauf  hin,  d 
die  Singzikaden  hören,  doch  hat  man  bisher  vergebens  nach  einem  e 
sprechenden  Sinnesorgan  gesucht.  Das  vom  Vortragenden  als  Gehörorj 
gedeutete  Organ  liegt  an  den  beiden  Seiten  des  2.'  Hinterleibsringes  in  ei 
halbkugeligen,  mit  der  Leibeshöhle  (=Blutraum)  kommunizierenden  Kap 
ausgespannt  zwischen  2  federnden  Skelettstücken,  von  denen  das  eine  (innt 
je  mit  einer  grossen,  straff  gespannten,  auf  der  Bauchseite  gelegenen  Memb 
in  Verbindung  steht.  Diese  Membranen  wurden  von  früheren  Auto 
(hauptsächlich  dem  berühmten  Reaiimur)  als  Resonatoren  gedeutet,  e 
Deutung',  deren  Unrichtigkeit  L  e  p  o  r  i  bereits  1868  dargelegt  hat,  wel 
sich  aber  bis  auf  den  heutigen  lag  erhalten  hat.  Aus  der  Lagebeziehung 
Membranen  zu  den  Sinnesorganen  lässt  sich  vielmehr  ihre.  Bedeutung, 
akustische  Trommelfelle  (Tympana)  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  ableii 
Die  in  einem  Skelettring  zwischen  1.  und  2.  Hinterleibsring  ausgespann 
rundlichen  oder  ovalen  Trommelfelle  besitzen  einen  Durchmesser  von  2 
4  min  und  eine  Dicke  von  vielfach  nur  0,0005  mm.  In  der  Mitte  zeigen 
schöne  Farbringe  (Prinzip  der  dünnen  Plättchen).  Ein  am  Skelcttr 

inserierender  kleiner  Muskel  dürfte  als  Spanner  (Tensor  tympani)  diei 
ein  grosser  Luftsack  (sog.  Tracheenblase)  verwächst  mit  der  inneren  W 
düng  der  Tympana.  Da  die  Tracheenblase  durch  das  Tracheensystem 
der  Aussenluft  kommuniziert,  so  ist,  was  physiologisch  wichtig  ist,  auf  Inn 
und  Aussenseite  des  Trommelfells  annähernd  gleicher  Luftdruck.  Das  Sim 
orgaii  selbst  besteht  aus  etwa  1500  sehr  langen  Sinneszellen,  welche  du 
basale  und  distale,  faserig  strukturierte  Epidermiszellen  straff,  wie 
Saiten  eines  Instrumentes,  zwischen  den  schon  erwähnten  Skelettstüc 
ausgespannt  sind.  Die  feinsten  Schwingungen  der  Tympana  müssen 
auf  die  Sinneszellen  übertragen  werden.  Der  feinere  Bau  der  letzteren,  in: 
sondere  ihre  Stiftkörperendigungen,  verhalten  sich  im  wesentlichen  wie 
den  Gehörorganen  der  Heuschrecken  und  Grillen.  Der  das  Organ  im 
vierende  Nerv  kommt  aus  dem  Bauchmark.  Das  Gehörorgan  findet  : 
nicht  nur  beim  tonproduzierenden  Männchen,  sondern  in,  gleicher  Gri 
auch  bei  den  stummen  Weibchen,  welche  durch  den  Gesang  der  Männe 
angeloclu  werden  sollen;  die  Tympana  der  letzteren  sind  jedoch-  et- 
grösser  als  die  der  Weibchen. 

Die  Ansicht,  dass  es  sich  im  beschriebenen  Organ  um  ein  Gehöror 
handelt,  ist  äusserst  wahrscheinlich,  bedarf  jedoch  noch  der  experimente 
Stütze,  mit  welcher  der  Vortragende  sich  im  kommenden  Sommer  befa: 
will. 


Würzburger  Aerzteabend. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  des  ärztl.  Bezirksvereins  v  o  m  7.  Februar 
in  der  medizinischen  Poliklinik. 

Herr  Magnus-Aisleben  demonstriert : 

1.  Syringomyelie  (Syringobulbie) :  46  jälir.  Mann,  typischer  Befund 
beiden  Armen,  rechts  stärker  als  links,  Spasmen  im  rechten  Bein,  Kyi 
skoliose,  chronische  Luxation  des  rechten  Schultergelenks.  Ferner:  re 
Zungenhälfte  atrophisch,  fibrilläre  Muskelzuckungen  daselbst,  Hypästhesie 
rechten  Gesichtshälfte,  rotatorischer  Nystagmus  nach  rechts.  Da.  i 
neueren  Untersuchungen  der  rotatorische  Nystagmus  im  hintersten  Teile 
Vestibulariskernes  lokalisiert  sein  soll,  wird  man  den  Nystagmus  hier  ni 
der  Lähmung  des  Hypoglossus  und  des  sensiblen  Trigeminus  wohl  als  lok 
Symptom  der  von  unten  nach  oben  fortschreitenden  Bulbuserkrankung 
sprechen  dürfen. 

2.  T  h  o  m  s  e  n  sehe  Krankheit:  15  jähr.  Kranker.  Bei  Händedruck, 
sonders  links,  deutliche  Erschwerung  der  Handöffnung;  bei  Beklopfen 
Streckmuskulatur  des  Unterarmes  beiderseits  sekundenlang  anhaltende  I 
traktion.  Dieser  Zustand  hat  sich  seit  2  Jahren  allmählich  entwickelt, 
älterer  Bruder  des  Kranken,  bei  welchem  im  Jahre  1910  in  der  hiesigen  n 
zinischen  Poliklinik  sichere  Zeichen  von  Thomsen  scher  Kran! 
mechanisch  und  elektrisch  festgestellt  wurden,  ist  jetzt  völlig  beschwerd 
und  als  Schlosser  tätig.  Bei  diesem  ist  jetzt  objektiv  nur  durch  Beklo 
der  Zunge  noch  eine  Dauerkontraktion  nachweisbar;  sonst  alles  völlig  o 
Die  beiden  Kranken  berichten,  dass  ihre  Mutter  als  junges  Mädchen  tneh 
Jahre  lang  an  der  gleichen  „Muskelsteifigkeit“  gelitten  hat  und  seitdem 
ständig  gesund  geblieben  ist.  (Diese  Beobachtungen  werden  von  HI 
Dr.  Stattmüller  ausführlich  veröffentlicht  werden.) 

3.  Tabes:  3  Kranke;  bei  einem  derselben,  einem  42  jähr.  Marmel 

Optikusatrophie  und  sehr  starker  Ataxie  hat  Herr  Prof.  Port  die  1 
v.  Bayer  sehe  Tonusbandage  aus  elastischen  Zügen  angefertigt.  Deifi 
stration  .derselben  und  Besprechung  ihrer  theoretischen  Grundlagen  uber,t 
muskuläre  Koordination.  » 

4.  Lymphatische  Leukämie:  57  jähr.  Mann;  im  Dezember  1920  Behänd« 
in  der  hiesigen  medizinischen  Poliklinik  wegen  Bronchitis  und  Emphyt 
Damals  wurde  Drüsenschwellung  am  Halse  und  Vergrösserung  der  Ton:l 
vermerkt.  Seit  %  Jahren  zunehmende  Anschwellung  am  Halse  mit  ziehe* 
Schmerzen,  Mattigkeitsgefühl;  jetzt  erhebliche  Schwellung  der  Halsdrtfi 
Axillar-,  Inguinal-  und  Bronchialdrüsen;  Milz  2  Querfinger  unterhalb  < 
Rippenbogens.  Blutbefund  am  3.  Januar  4  600  000  rote,  65  000  weisse  Ö 
körperchen,  90  Proz.  Hämoglobin.  Die  weissen  Blutkörperchen  best;» 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


295 


stenteils  aus  kleinen  Lymphozyten.  Röntgenbestrahlung  der  Drüse. i- 
iren:  4  Feldern,  mit  je  lA  HED.  Ain  24.  Januar  Drüsenpakete  zurück- 
ngen.  Befinden  besser,  4  800  000  rote,  34  000  weisse  Blutkörperchen, 
erum  gleiche  Bestrahlung.  Am  7.  Februar  Befinden  gut,  Drüsenpakete 
er,  4  700  000  rote  und  6900  weisse  Blutkörperchen,  darunter  40  Proz. 
nukleäre,  50  Proz.  kleine  Lymphozyten,  7  Proz.  grössere  Lymphozyten, 
-oz.  Uebergangszellen,  1  Proz.  Mastzellen,  keine  Bestrahlung,  Eisen¬ 
lik. 

5.  Situs  inversus:  47  jähr.  Frau.  Elektrokardiogramm  zeigt  in  Bestätigung 
rer  Beobachtungen,  dass  bei  Ableitung  I  alle  drei  Zacken  nach  unten 
htet  sind,  während  Ableitung  II  and  III  keine  deutlichen  Abweichungen 

der  Norm  zeigen. 

6.  Diabetes:  48  jähr.  Mann,  Besprechung  der  Haferkur. 

7.  Demonstration  von  Röntgenbildern  über  Pneumothorax. 


lysikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  2.  Februar  9122. 

Herr  Vogt:  Ueber  die  Dynamik  der  Keimblattbildung  nach  Versuchen 

Triton. 

Quere  Abtragung  des  Daches  der  Furchungshöhle  an  Blastulastadien  von 
;rist.  und  taen.  ergibt  bei  Spätoperation  (dicht  vor  und  im  Beginn  der 
rulation)  Embryonen,  die  ausser  Defekten  im  Kopfbereich  normal  sind, 
Frühoperation  (mittleres  Blastulastadium)  dagegen  Exogastrulae  von 
nel-  oder  Pilzform.  Bei  diesen  trennt  eine  tiefe  Ringfurche  das  animale 
Uebergangsmaterial  vom  vegetativen.  An  der  Dotterkugel  kann  trotzdem 
eher  Ansatz  zur  Invagination  des  Urdarms  auftreten.  Die  Ringfurche 
Is  die  dem  Urmundschluss  homologe  konzentrische  Zusammenziehung  der 
rgangszone  zu  deuten,  die  aber  an  falscher  Stelle,  nämlich  oberhalb 
tt  unterhalb  des  Keimäquators  erfolgt  (der  rasch  sich  vollziehende 
rtschluss  zieht  diese  Zone  fälschlich  animalwärts  empor  und  verhindert 
ire  normale  Verschiebung  nach  abwärts).  Epibolie  der  Uebergangszone 
Invagination  der  Dotterzellen  wirken  normalerweise  synergetisch,  er- 
:rn  sich  aber  als  lokal  getrennt  determinierte,  aktive  Prozesse:  das 
riment  zerlegt  die  Gastrulation  in  ihre  2  Phasen.  Zum  Determinations- 
em  ergibt  sich  ferner:  die  Unterdrückung  der  Urdarmbildung  kann  die 
mg  der  Medullaranlage  völlig  verhindern,  trotz  Auftretens  von  Chorda 
in  Somite,  Blutanlage  u.  a.  differenziertem  Mesoderm.  Kleine  Dachstücke 
en  differenziert  zu  Flimmerepithel  werden.  Die  Dynamik  der  Keimblatt- 
ng  ist  weder  durch  Wachstumsdruck  noch  durch  aktive  Einzelbewegungen 
Zellen  erklärbar,  sondern  aufzufassen  als  lokal  determinierte,  aktive 
enbewegung  ganzer  Keimabschnitte. 

Herr  Ganter:  Untersuchungen  über  den  menschlichen  Darm. 
Gemeinsam  mit  van  der  Reis  -  Greifswald  mittels  der  von  Ganter 
führten  Darmpatronenmethode  am  menschlichen  Dünndarm  ausgeführte 
iriologische  Untersuchungen  haben  ergeben,  dass  gewisse,  nicht  darm- 
e  Keime  im  menschlichen  Dünndarm  abgetötet  werden.  Die  Abtötung 
;ine  scheinbare,  d.  h.  sie  wird  nicht  durch  motorische  oder  resorbierende 
tionen  des  Darmes  vorgetäuscht.  Die  bakterizide  Funktion  kommt  dem 
des  Dünndarms  zu.  Es  wurde  mit  der  Methode  weiterhin  festgestellt, 
der  Inhalt  des  Dünndarms  beim  Gesunden  nicht  keimfrei  ist,  sondern 
eine  obligate  Dünndarmflora  vorhanden  ist,  die  allerdings  weniger  üppig 
an  Arten  weniger  reichhaltig  ist  als  die  Dickdarmflora. 

Dann  schildert  G.  seine  neue  Versuchsanordnung,  mit  der  sich  die  Be- 
ngen  des  menschlichen  Dünndarms  registrieren  lassen.  Es  ergibt  sich 
len  mit  dieser  Methode  angestellten  Versuchen  und  den  demonstrierten 
en,  dass,  ähnlich  wie  dies  Trend  elenburg  beim  isolierten  Säuge- 
irm  festgestellt  hat,  auch  am  menschlichen  Dünndarm  bei  einem  be¬ 
uten  kritischen  Innendruck  ziemlich  regelmässige  Kontraktionen  auf- 
l,  deren  Frequenz  10 — 12  in  der  Minute  beträgt.  Weitere  Steigerung 
nnendruckes  übt  keinen  Einfluss  auf  die  Frequenz  und  die  Grösse  der 
aktionen  aus.  Bei  Sinken  des  Druckes  unter  den  kritischen  Punkt  hören 
lontraktionen  momentan  auf.  Eine  Ermüdbarkeit  konnte  nicht  festgestellt 
en.  Es  wird  der  Beweis  erbracht,  dass  es  sich  um  peristaltische  Wellen 
:1t.  Durch  Erweiterung  der  Versuchsanordnung  wird  die  Geschwindig- 
ler  peristaltischen  Wellen  gemessen.  Die  Versuchsanordnung  lässt  sich 
auf  Untersuchungen  am  Oesophagus  und  Dickdarm  anwenden. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  27.  Januar  1922. 

Jerr  S.  Peiler:  Ergebnisse  der  von  der  Oesterreichischen  Gesellschaft 
Erforschung  und  Bekämpfung  der  Krebskrankheit  durchgefiihrten 
lelforschung.  (Von  6000  Aerzten  haben  bloss  400  die  versendeten  Frage- 

i  ausgefüllt.) 

Uarr  A.  Haberda:  Stellung  des  Arztes  im  österreichischen  und  im 
ehen  Strafgesetzentwurf. 

Jas  österrreichische  Strafgesetz  stammt  eigentlich  aus  dem  Jahre  1803, 
das  Gesetz  von  1852  nicht  wesentlich  von  dem  alten  Gesetz  abweicht, 
lern  Herrenhause  im  Jahre  1912  vorgelegte  Entwurf  ist  in  der  Monarchie 
Gesetz  geworden.  Seit  1918  sind  einige  Teilnovellen  im  Nationalrat 
gt  worden.  Auch  in  Deutschland  soll  ein  neues  Strafgesetz  dem  Reichs- 
vorgelegt  werden. 

7ortr.  berichtet  über  einige  Punkte,  die  die  Aerzte  interessieren. 

•  Eigenmächtige  ärztliche  Behandlung.  Während  früher 
:utschland  ein  Arzt  wegen  eines  Eingriffes,  zu  dem  der  Operierte  oder 
gesetzlicher  Stellvertreter  die  Zustimmung  nicht  gegeben  hatten,  wegen 
:rer  körperlicher  Verletzung  belangt  werden  konnte,  kann  er  (im  Falle 
esetzwerdung  des  Entwurfes)  nur  wegen  Einschränkung  der  persönlichen 
eit  geklagt  werden.  Der  österreichische  Entwurf  verbietet  nur  die 
ition  gegen  den  Willen  des  Kranken,  der  deutsche  verlangt  die  ausdrück- 
Zustimmung.  Der  österreichische  Entwurf  lässt  auch  bei  Bewusstlosig- 
die  vitale  Indikation  gelten  (z.  B.  bei  Selbstmordversuchen).  Sehr 
ig  sind  diese  Bestimmungen  auch  wegen  event.  Entschädigungsklagen 
osmetischen  Operationen,  die  nicht  gelungen  sind.  Uebertragung  von 
Seiten  zu  Heilzwecken  (z.  B.  Malaria  bei  Paralyse)  ist  straffrei. 


II.  Verletzungen  mit  Zustimmung  des  Verletzten  sind 
nur  zu  Heilzwecken  bei  kranken  Personen  gestattet,  z.  B.  Tubenresektionen 
bei  gesunden  Frauen  also  nicht,  wohl  aber  bei  Frauen,  bei  denen  eine 
Gravidität  Gefährdung  des  'Lebens  zur  Folge  hätte;  Blutentziehungen  mit 
Zustimmung  des  Blutspenders  sind  gestattet;  die  Frage  bezüglich  der 
Steinach  sehen  Operation  ist  nicht  klar  lösbar. 

III.  Für  die  Abtreibung  der  Leibesfrucht  gilt  nur  die 
strenge  medizinische  Indikation  als  berechtigter  Grund. 

IV.  Tötung  der  Leibesfrucht  im  M  u  1 1  e  r  1  e  i  b  e  ist  nur 
dann  straflos,  wenn  auf  andere  Weise  die  Gefahr  für  die  Schwangere  nicht 
abzuwenden  ist. 

V.  Der  „Notstand“  gilt  als  Strafausschliessungs- 
grund  nur  bei  vitaler  Indikation. 

VI.  Verletzung  der  Schweigepflicht  wird  strenge 
bestraft;  auch  fahrlässige  Verletzung  kann  durch  schlechte  Verwahrung 
von  Krankenprotokollen  eintreten.  Vortr.  macht  auf  die  besonders  leichte 
und  häufige  Möglichkeit  der  Pflichtenkollision  bei  venerischen  Erkrankungen 
aufmerksam. 

VII.  Die  An  zeige  Pflicht  beim  Verdacht  von  Ver¬ 
brechen  obliegt  nicht  dem  praktischen  Arzt,  sondern  dem  Totenbeschauer. 

VIII.  Beide  Entwürfe  kennen  keinen  Berufszwang. 

IX.  Der  deutsche  Entwurf  enthält  eine  besondere  Bestimmung  für  un¬ 
wahre  Bekundungen,  also  für  ärztliche  Zeugnisse,  die  der  Wahrheit 
nicht  entsprechen.  Vortr.  warnt  vor  der  Ausstellung  von  Gefälligkeits¬ 
zeugnissen. 

X.  Schutz  des  Arztes  gegen  ungerechte  Anklagen. 
Der  österreichische  Entwurf  fordert  zur  Strafbarkeit,  dass  ein  Schaden  ent¬ 
standen  ist. 

XL  Das  Kurpfuschertum  wird  auch  dann  bestraft,  wenn  es 
berufsmässig  ausgeübt  wird,  nicht  nur  wenn  es  gewerbsmässig  betrieben 
wird.  In  dieses  Gebiet  fallen  die  Geheimmittel,  das  Hypnotisieren  durch 
Laien  usw. 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  15.  Februar  1922. 

Tagesordnung: 

Herr  M.  Berliner:  Ueber  Zwergwuchs. 

Fortsetzung  der  Aussprache:  Ueber  Salvarsanfragen. 

Herr  O.  Rosenthal:  Die  Lues  primaria  seropositiva  ist  schon  als 
Sekundärstadium  aufzufassen.  Die  100  Proz.  Heilungen  des  Herru  L  e  s  s  e  r 
sind  eine  längst  widerlegte  Behauptung,  ganz  abgesehen  davon,  dass  inner¬ 
halb  2  Jahren  ein  Urteil  völlig  unmöglich  ist.  Meningitische  Reizung  bedeutet 
eine  absolute  Kontraindikation  gegen  Salvarsananwendung,  und  er  stimmt 
mit  den  Vorrednern  darin  überein,  dass  bei  der  Salvarsantherapie  mehr  wie 
bisher  auf  die  Alarmsymptome  zu  achten  ist.  Er  bekennt  sich  als  Anhänger 
einer  chronisch-intermittierenden  Behandlung. 

Herr  v.  Wassermann  spricht  vom  biologischen  Standpunkt  aus. 
Das  Primärstadium  reicht  von  der  Infektion  bis  zum  Eintritt  der  seropositiven 
Reaktion;  bis  zu  diesem  Termin  liegen  keinerlei  Gewebsläsionen  vor.  Den 
unabänderlichen  Zyklus  der  Lueserscheinungen  vermag  nur  das  Salvarsan 
aufzuheben.  Das  serumpositive  Stadium  ist  in  ein  allergisches  und  in  ein 
nichtallergisches  Stadium  zu  trennen.  In  dem  Verlauf  der  Lues  sind  Ruhe¬ 
pausen  eingeschaltet,  und  das  Wesen  dieser  Latenz  ist  vollkommen  unbekannt. 
Man  wird  dabei  an  einen  biologischen  Kompensationsvorgang  denken  müssen. 

Im  seropositiven  Stadium  der  Syphilis  ist  die  spirillizide  Wirkung  des 
Salvarsans  wichtig.  Ist  das  Stadium  der  Allergie  erst  eingetreten,  so  kann 
die  ätiologische  Therapie  keine  Abtötung  der  Erreger  mehr  erzielen. 

Es  ist  ihm  jetzt  gelungen,  einwandfreie  Kulturen  der  Spirochaete  pallida 
zu  erhalten.  Mit  ihnen  lassen  sich  durch  positives  Serum  ausserordentlich 
eindeutige  Agglutinationsphänomene  erhalten. 

In  Zukunft  wird  die  Behandlung  der  Syphilis  sich  ausserordentlich  kom¬ 
pliziert  gestalten,  da  man  alle  möglichen  biologischen  Phänomene  beachten 
müsse  und  sich  nicht  auf  die  Beobachtung  der  Wassermann  sehen 
Reaktion  wird  beschränken  dürfen. 

Herr  Ulrich  Friedemann:  Bei  Salvarsanschädigungen  wird  oft  als 
Fehldiagnose  akute  gelbe  Leberatrophie  diagnostiziert.  Es  handelte  sich  in 
seinen  Fällen  um  durch  Salvarsaninjektionen  provozierte  Tropikaerkrankungen 
(komatöse  biliäre  Malaria).  Ausser  seinen  3  Fällen  sind  4  weitere  in  der 
Literatur  verzeichnet.  Sämtliche  Fälle  wären  sonst  als  Salvarsanschädigungen 
angesehen  worden.  Von  seinen  Kranken  haben  2  in  Deutschland  die  Malaria 
tropica  erworben,  was  eine  Folge  der  durch  den  Krieg  zahlreich  gewordenen 
Malariaträger  anzusehen  ist.  Bei  Fieber  und  Ikterus  nach  Salvarsan¬ 
injektionen  ist  das  Blut  stets  auf  Malaria  zu  untersuchen;  durch  intravenöse 
Chinintherapie  ist  Rettung  dieser  Fälle  dann  noch  möglich. 

Herr  Pinkus:  Das  Salvarsan  erzielt  besonders  Erfolge  bei  maligner 
frünulzeröser  Syphilis.  Bei  zu  stark  reagierenden  Organen  erzeugt  das  Sal¬ 
varsan  bedrohliche  Erscheinungen,  wie  z.  B.  die  Blutungsreaktionen,  die 
häufiger  im  Anfang  der  Kur  auftreten.  Trotz  Ko  11  es  Ausführungen  be¬ 
zweifelt  Vortr.,  dass  das  Salvarsan  so  gut  hergestellt  wird,  wie  früher. 

Herr  Morgenroth:  Als  giftiges  Produkt  wurde  das  erste  Oxydations¬ 
produkt  des  Salvarsans,  welches  auch  den  angioneurotischen  Komplex  er¬ 
zeugt,  gefunden. 


Salvarsan 

Oxydationsprodukt 
des  Salvarsans 

As  ==  As 

O  =  As  As  =  O 

/\  /\ 

II  II 

/\  /\ 

II  II 

\/NHs 

\/NHa 

OH  OH 

OH  OH 

Salvarsan  zeigt  in  alkalischen  Lösungen  aber  eine  ganz  verschiedene 
(iiftigkeit,  beim  längeren  Stehen  tritt  sogar  eine  Entgiftung  ein.  Giftigkeit  und 
Entgiftung  beruhen  auf  Aenderung  des  kolloidalen  Zustandes. 

Herr  Fritz  Lesser:  Durch  schwache  Salvarsandosen  werden  seiner 
Erfahrung  nach  Neurorezidive  erzeugt,  die  bei  grossen  Dosen  ausbleiben. 
Vortr.  vertritt  die  Anwendung  der  minimalen  wirksamen  Dosis.  Bei  Wieder¬ 
holungen  der  Kur  steht  die  Gewinnchance  nicht  mehr  in  richtigem  Verhältnis 
zur  Gefahr.  Wolff-Eisner. 


296 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Verein  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  zu  Berlin. 


Pädiatrische  Sektion. 

(Eigener  Bericht.) 


Sitzung  vom  13.  Februar  1922. 


Demonstrationssitzung:  Hvdm. 

Herr  Cassel:  1.  Fall  von  Hydrozephalus.  Kind  mit  riesigem  Hydro 
-/enh  ihis  erst  seit  kurzem  gelingt  es  dem  Kind,  das  enorme  Kopfgebilde 
S1  S»“o  »  haltt“  Es  sind  41  sys«, ns, Ische  . 

18  Monaten  in  ziemlich  kurzen  Intervallen  von  meist  nur  8  14  Tagen  vor 

genommen  worden,  wobei  jedesmal  80—100  ccm  Lumbalflüssigkeit  abgelassen 
wurden.  Der  Erfolg  wird  als  günstig  beurteilt,  da  der  Kopfumfang  seitdem 

"ICht2.mdemoSnsTrierteder  Vortragende  eine  Monoplegie,  die  bei  einem  Kinde 
im  9.  Monat  in  Verbindung  mit  positivem  Wassermann  auftrat  und  von  ihm 
als  syphilitischer  Hydrozephalus  angesprochen  wird.  Ein  solcher  Verlauf  ist 
ungewöhnlich,  da  ein  syphilitischer  Hydrozephalus  sonst  gewöhnlich  nach 
Ablauf  anderer  syphilitischer  Erscheinungen  im  5.-6.  Lebensmonat  auftrit t. 

Dazu  Herr  J  a  p  h  a,  der  einen  ähnlichen  Fall  gesehen  hat,  der  dann 
später  noch  eine  eitrige  Meningitis  überstand. 

Herr  Jap  ha:  1.  Arthritis  chronica.  Die  Erkrankung  begann  voi 
2  Jahren  mit  einem  unbestimmten  Ausschlag,  remittierendem  Fieber,  Er¬ 
krankung  der  Gelenke,  die  steif  wurden  und  sich  stark  aufgetrieben  zeigten, 
Anwendung  von  Sanarthrit  besserte  die  Beweglichkeit  und  liess  auch  die 
Drüsenpakete  verschwinden.  Nach  12  Sanarthritinjektionen  wV^de  d  , 
noch  Caseosan  verabreicht.  Jetzt  ist  nur  noch  eine  Schwellung  der 

te'le  Dazu  Herr  Karger,  der  hervorhebt,  dass  bei  dem  Erfolg  die  Be¬ 
wegungstherapie  die  Hauptsache  sei.  T  , 

2.  Knochen-  und  Kehlkopflues.  Die  Differentialdiagnose  gegen  Tuber¬ 
kulose  war  schwierig,  die  bestehende  Kehlkopfstenose  wurde  durch  Neo- 
salvarsan  beseitigt,  das  bei  Kindern  nicht  die  Gefahren  bietet,  welche  man 

sonst  ihm  nachsagt.  „  .,  p-,.  „ 

3  Myxödem.  Der  Vortragende  demonstriert  eine  Reihe  von  Fallen, 
welche  meistens  durch  die  Behandlung  wesentlich  gebessert  sind  Die  Be¬ 
handlung  muss  früh,  möglichst  vor  dem  12.  Jahre  einsetzen  und  dauernd 

durchgeführt  werden.  n 

Herr  Gehrt:  Drei  Fälle  von  Meningitis  serosa  mit  Amaurose,  Der 

eine  der  demonstrierten  Fälle  wurde  frisch  während  der  Entstehung  beob¬ 
achtet.  Die  Differentialdiagnose  zwischen  Hirntumor  und  Meningitis  serosa 
bereitet  einige  Schwierigkeiten.  Für  letztere  spricht  das  akute  Einsetzen 
der  Erscheinungen,  ln  einem  2.  Fall  wurden  hypophysäre  Symptome  beob¬ 
achtet.  Der  Ausgang  der  Meningitis  serosa  in  Neuritis  mit  nachfolgender 
Erblindung  ist  glücklicherweise  selten.  In  den  vorliegenden  3  Fallen  findet 
sich  kein  Turmschädel,  der  in  den  sonst  beschriebenen  Fallen  die  Regel  zu 
bilden  scheint  und  die  Erblindung  durch  Abklemmung  der  Aquaeduktus  im 
Sinne  von  Bönnighaus  heFbeiführen.  . 

Herr  Erich  Müller  demonstriert  einen  Fall  von  solitärer  Echinokokken- 
blase  der  Lunge,  welche  durch  Röntgendurchleuchtung  festgestellt  worden  war. 

Dazu  Herr  Rabe,  welcher  die  Differentialdiägnose  ausführlich  schildert, 
welche  gegen  Dermoidzyste  schwierig  ist.  . 

Herr  Martens  betont,  dass  eine  Dermoidzyste  natürlich  eigentlich 
operiert  werden  müsste  und  dass  es  der  Begründung  bedarf,  wenn  man  darauf 
verzichtet  Bei  konservativer  Behandlung  hat  man  24 — 30  Proz.  Exitus  und 
die  Statistik,  die  auf  Grund  der  Literatur  Garre  kürzlich  veröffentlicht  hat. 
erscheint  für  die  Operation  sehr  günstig.  Trotzdem  muss  man  natürlich  be¬ 
denken,  dass  die  Statistik  ein  falsches  Bild  gibt,  da  mehr  günstige  als  un¬ 
günstige  Fälle  veröffentlicht  werden.  Im  vorliegenden  Fall  muss  wegen  der 
absolut  zentralen  Lage  und  der  dadurch  sich  ergebenden  grossen  Gefahi  die 
Operation  abgelehnt  werden.  Von  der  Punktion  ist  dringend  abzuraten,  da 
bei  ihr  wiederholt  Todesfälle  auf  dem  Operationstisch,  vo.rgekommen  sind. 

Herr  Lauter:  Rektalschleimhautbefunde  bei  kindlicher  Gonorrhöe. 
Da  die  meisten  Rezidive  vom  Rektum  ausgehen,  ist  in  allen  Fällen  von 
Gonorrhöe  bei  Kindern  die  Untersuchung  des  Rektums  und  die  Abimpfung 
von  der  Rektalschleimhaut  erforderlich.  . 

Herr  Hultschinsky:  Röntgenbehandlung  der  Rachitis.  Bei  Rachitis 
wurde  erst  ganz  kürzlich  Röntgenbehandlung  angewandt.  Der  Erfolg  beweist, 
dass  auch  tiefer  dringende  Strahlen  wirksam  sind.  . 

Herr  L.  F.  Meyer:  Syphilitisches  Nabelgeschwür.  Die  Erkrankung 
stellte  sich  zunächst  unter  dem  Bilde  einer  banalen  Nabelulzeration  dar,  in 
der  sich  jedoch  ein  positiver  Spirochätenbefund  ergab.  Finkaistein  hat 
bekanntlich  das  Vorkommen  von  syphilitischen  Nabelgeschwüren  vollkommen 
geleugnet.  Die  Differentialdiagnose,  ob  es  sich  um  einen  Primäraffekt  oder 
um  eine  Aeusserung  einer  kongenitalen  Syphilis  handelt,  ist  aus  vielen  Gründen 
schwierig.  A.  Wolff-Eisner. 


Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 

Neuer  Standesverein  Münchener  Aerzte. 


Erfolg  des  Streikes  konntefl  lediglich  eine  etwas  bessere  Bezahlung  und  re: 
zweifelhafte  Zugeständnisse  hinsichtlich  der  freien  Arztwahl  verzeich; 
werden.  —  Nunmehr  ist  die  Versicherungspflicht  plötzlich  auf  die  Einkomr 
bis  40  000  M.  unter  Wiedererhöhung  der  Grenze  für  Versicherungsbereehtig 
ausgedehnt  worden.  Die  wiederholt  erhobenen  Forderungen  der  Aerzte  ha 
keine  Beachtung  gefunden  und  die  Aussichten  in  dieser  Beziehung  für 
Zukunft  sind  wenig  erfreulich;  mit  der  Entwertung  der  Mark  wird  die 


Sitzung  vom  3.  Februar  1922. 

Nach  Begrüssung  der  neueingetretenen  Mitglieder  machte  der  Vorsitzende 
Herr  Bergeat  auf  die  in  Nr.  42  und  4  des  Korrespondenzblattes  veröffent- 
i ; . i. * unH  grösstenteils  sehr  unbefriedigenden 


nerr  tsergear  aui  uie  m  im.  uuu  - -  - 

lichten  Honorarvereinbarungen  und  grösstenteils  sehr  unbefriedigenden 
Honorarverhandlungen  aufmerksam. 

Als  Hauptpunkt  kamen  sodann  „Kassenärztliche  Fragen 
(Reichsversicherungsordnung)“  zur  Besprechung. 

Der  erste  Referent  Herr  Grassmann  gab  einen  kurzen  Ueberblick 
über  die  Entwicklung  seit  dem  Aerztestreik  1920.  Dieser  war  bekanntlich 
veranlasst  durch  die  Erhöhung  der  Versicherungsgrenze  von  2500  auf 
12  000  M  und  der  Grenze  für  die  Versicherungsberechtigung.  Unsere 
Münchener  Hauptforderung  ging  dahin,  dass  nur  die  wirklich  Bedürftigen  an 
der  Wohltat  der  Krankenversicherung  teilnehmen  dürften.  Auch  der  Neue 
Standesverein  hatte  zu  der  Frage  Stellung  genommen  und  war  in  einer 
Resolution  für  möglichste  Wiederherstellung  der  freien 
ärztlichen  Praxis  durch  billige  Einschränkung  der 
freiwilligen  Fortversicherung.  Abschaffung  des  Pau¬ 
schale  und  Bezahlung  der  Einzelleistung  eingetreten.  Als 


sicherungsgrenze  fortschreiten.  Wenn  von  uns  etwas  et.reicht  werden 
muss  unsere  Organisation  schärfer  am  Werke  sein,  als  bisher. 

Herr  Lukas  als  zweiter  Referent  gab  ein  Bild  von  der  Entwickl 
der  Honorarverhältnisse  in  München,  kam  sodann  auf  den  bayerischen  Mar 
vertrag  zu  sprechen,  durch  den  die  Möglichkeit  eines  Streikes  der  Ae 
sehr  eingeengt  worden  sei,  und  trat  für  bessere  Vertretung  unserer  luteres 
im  Parlament  ein. 

Herr  Bergeat  bemerkte  hiezu,  dass  eine  derartige  Erhöhung 
Versicherungsgrenze  früher  von  uns  wohl  nicht  so  erstaunlich  ruhig 
genommen  worden  wäre.  Wir  bräuchten  wieder  mehr  Selbstvertrauen,  < 
feste  Direktion  und  einen  einheitlichen  Willen.  Wie  1920  mussten 
ethischen  Fragen  wieder  über  die  Honorarfragen  gestellt  und  diese  I 
fassung  im  ärztlichen  Nachwuchs  rege  gehalten  werden.  Ein  fest 
Programm  tue  uns  not  und  für  ein  solches  kämen  vor  allein  die 
Fragen :  Freiwillige  Fortversicherung,  Versicheruai 
grenze  und  freie  Arztwahl  als  ein  Ganzes  in  Betracht. 

Die  Familienversicherung,  die  Ausdehnung  der  Versicherung  auf  alle  w 
schädlich  Schwachen,  die  Arbeitsgemeinschaft  mit  den  Krankenkassen  berij 
das  Interesse  der  Aerzte  viel  weniger.  Mit  diesen  sozialen  Forderungen,  | 
anderen  zugute  kommen,  sollten  die  Aerzte  wirklich  nicht  immer  dem  Gest 
geber  entgegengehen,  solange  ihre  eigenen  Hauptforderungen  ständig  nur  I 
gewiesen  werden  und  sie  auch  in  Honorarfragen  allenthalben  nur  Widerstl 
finden.  Deswegen  brauche  man  aber  noch  lange  nicht  von  einer  „Los  von  | 
Kassen“-Politik  zu  sprechen,  die  natürlich  nicht  möglich  wäre. 

Fortgesetzt  müsse  die  Organisation  an  der  Erreichung  obiger  L 
arbeiten,  auch  wenn  nicht  gerade  eine  gesetzgeberische  Aktion  in  Sicht 
Auch  unser  zentrales  Finanzwesen  müsse  gestärkt  werden  und  Ausgaben,  t 
der  unmässig  hohe  Zuschuss  für  das  Organ  des  LV.  sollen  endlich  I 

schwinden.  „  ,  ,,  ,  ....  . 

Fast  scheine  in  Oesterreich,  wohl  infolge  unerträglicher  Verhältnis 
die  kassenärztliche  Bewegung  z.  Z.  lebhafter  zu  sein  als  bei  uns.  Der  \1 
Erfolg  eines  6  wöchigen  Aerztestreiks  in  einer  Grossstadt  wie  Wien  verd| 
alle  Beachtung. 

Mit  der  Aufforderung,  der  Neue  Standesverein  solle  an 
von  1920  festhalten  und  diese  neuerdings  betonen,  schloss 
unter  allseitiger  Zustimmung.  ijr 

An  der  kurzen  Diskussion  beteiligten  sich  die  Herren  v.  Dessau! 
Neger  und  v.  Zumbusch.  .  ,1 

Weiterhin  führte  Herr  Grassmann  Klage  über  die  späte  .1 
Stellung  der  Morgenpost  und  Ausfall  der  Sonntagszustellung,  l 
durch  Bestellungen  von  Besuchen  durch  die  Post  nicht  rechtzeitig  in  (1 
Hände  des  Arztes  gelangten  und  daher  erst  verspätet  ausgeführt  wei 
könnten.  Sein  Vorschlag,  diesen  Missstand  der  zuständigen  Stelle  he 
Abhilfe  mitzuteilen,  fand  allgemeine  Billigung.  I 

Auch  eine  Anregung  Bergeat  s,  dass  eine  Herabsetzung  der  städtists 
Liftsteuer  seitens  der  beteiligten  Aerzte  anzustreben  sei,  wurde  gutgeheil 
und  eine  gleiche  behufs  Einführung  eines  billigen  Tarifes  für  Einzelstre| 
der  Strassenbahn  lebhaft  begrusst. 

Den  Schluss  der  Sitzung  bildete  der  Bericht  des  Kassiers  über  e 
günstigen  Stand  der  Kasse,  weshalb  der  V  e  r  e  i  n  s  b  e  i  t  r  a  g  auf  der  t 
herigen  Höhe  belassen  werden  konnte.  K.  Goert 


seiner  Resolui 
Herr  B  e  r  g  J 


Kleine  Mitteilungen. 


Galerie  hervorragender  Aerzte  und  Naturforsch 
Von  Adolf  Kussmaul,  dessen  100.  Geburtstag  in  diesen  Tagen } 
feiert  wird,  sind  2  Bilder  in  der  Galerie  erschienen,  das  eine  bei  sei 
80.  Geburtstag,  das  andere  die  Büste  des  Kussmaul-Denkmals  darstel 
Beide  Blätter  stehen  denjenigen  unserer  Abonnenten,  die  sie  noch  i| 
besitzen,  auf  Wunsch  kostenfrei  zur  Verfügung. 


Therapeutische  Notizen. 


St.  Engel  und  Martha  T  ü’r  k  -  Dortmund  geben  Beiträge 
Behandlung  der  Säuglings  Syphilis. 

Bei  der  Art  der  Behandlung  spielt  das  Alter  der  Säuglinge  eine  j 
zu  unterschätzende  Rolle.  Es  ergeben  sich  danach  2  Stadien  für  diel 
handlung.  In  dem  frühesten  Säuglingsalter  ist  infolge  der  Kleinheit 
Venen  eine  intravenöse  Behandlung  sehr  schwierig.  Hier  muss) 
Quecksilber  behandelt  werden,  und  zwar  ist  das  Novasurol,  das  intramus! 
angewendet  wird,  das  Mittel  der  Wahl.  Seine  Wirkung  ist  schnell 
energisch,  eine  vollständige  Heilung  der  Krankheit  Wird  aber  dadurch  f 
erreicht.  .  .  J 

Vom  Ende  des  ersten  Lebenshalbjahres  an  kann  ein  intravenös  d 
wendendes  Präparat  gegeben  werden,  und  zwar  kommt  hier  allein  das  . 
salvarsan  in  Frage,  das  von  den  Säuglingen  gut  ertragen  wird.  Das  ! 
salvarsan  kann  in  einer  Dosis  von  0,15  einmal  wöchentlich  6  8  Wd 

lang  gegeben  werden.  Nach  dieser  Kur  ist  die  WaR.  meist  negativ.  ( - 
Halbmonatshefte  1921,  8.)  H.  Thierx) 


schs) 


H.  D  i  e  1 1  e  n  -  Schatzalp-Davos  beobachtete  einen  Fall  von 
Somnifenvergiftung  mit  Ausgang  in  Heilung. 

Eine  23  jährige  Kranke,  die  an  schwerer  Schlaflosigkeit  litt,  hatte  t 
Wissen  des  Arztes  15  ccm  Somnifenlösung  genommen,  das  ist  fast  das  31 
der  üblichen  immer  gut  vertragenen  Dosis.  Die  Kranke  bekam  eine  n. 
48  Stunden  dauernde  Bewusstlosigkeit  mit  lebensbedrohlicher  Lähmunb 
Zentralnervensystems.  —  Das  Somnifen  ist  eine  Flüssigkeit,  die  in  1  cci 
Diäthylaminsalze-  von  0,1  Diäthyl  und  0,1  Dipropenylbarbitursäure  en: 
Es  wird  in  einer  Dosis  von  30 — 40  Tropfen  verabreicht.  Die  obige  E 
achtung  mahnt  aber  zur  Vorsicht  bei  höheren  Dosen.  (Ther.  Halbmn 
hefte  1921,  18.)  H.  T  h  i  e  r  , 


Februar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


297 


Studenten  belange. 

°  , 

Bildung  von  Studentenschaften  an  den  bayerischen  Hochschulen. 

Das  bayerische  Staatsministeriuin  für  Unterricht  und  Kultus  hat  unter 
i  lb.  Januar  1922  die  schon  lange  .erwartete  Bekanntmachung  über  die 
ung  von  Studentenschaften  an  den  bayerischen  Hochschulen  erlassen,  die 
igkeit  hat  für  die  Universitäten  München,  Wiirzburg  und  Erlangen,  die 
^mische  Hophschule  München,  die  Hochschule  für  Landwirtschaft  und 
.ierei  in  Weihenstephan  und  die  Handelshochschulen  München  und  Niirn- 
-  Aus  dem  Inhalt  dieses  staatlichen  Erlasses  ist  folgendes  hervorzuheben: 
Der  s  1  bestimmt  die  Mitgliedschaft:  „Die  vollimmatrikulierten 
lenten  deutscher  Staatsangehörigkeit  an  einer  bayerischen  Hochschule 
dle  ..Studentenschaft“,  Die  Studentenschaft  wird  vom  Staats- 
sterium  für  Unterricht  und  Kultus  als  Zusammenschluss  aller  an  der  Höch¬ 
te.  zugelassenen  Studierenden  staatlich  anerkannt,  wenn  sie  darauf  anträgt 
sich  eine  Satzung  gegeben  hat.  die  den  Vorschriften  dieser  Bekannt- 
iung  entspricht.  Die  Satzung  der  Studentenschaft  kann  bestimmen,  ob, 
welchem  Umfange  und  zu  welchen  Bedingungen  vollimmatrikulierte  Aus- 
3r  an  der  Studentenschaft  oder  ihren  Einrichtungen  teilnehmen  dürfen 
Studentenschaften  der  einzelnen  bayerischen  Hochschulen  steht  es  frei 
untereinander  sowie  mit  entsprechenden  Verbänden  anderer  deutscher 
ischulen  zu  vereinigen.“ 

Die  Z  wecke  des  Zusammenschlusses  zu  Studentenschaften  gibt  §  2  an¬ 
al  Vertretung  der  Gesamtheit  der  Studierenden; 

b)  Wahrnehmung  der  studentischen  Selbstverwaltung,  vor  allem  auf 
Gebiete  allgemeiner  sozialer  Fürsorge  für  die  Studentenschaft; 

c)  Teilnahme  an  der  Verwaltung  der  Hochschule  in  studentischen  An- 
cenheiten  und  an  der  akademischen  Disziplin; 

d)  Mitarbeit  an  der  Erledigung  allgemein  vaterländischer,  wirtschaft- 
r  und  Bildungsfragen; 

e)  Pflege  des  geistigen  und  geselligen  Lebens  zur  Förderung  der  Gemein- 
t  aller  Hochschulangehörigen; 

f)  Pflege  der  Leibesübungen  der  Studierenden.  Ausgeschlossen  sind 
;ii  dei  I  arteipolitik  und  des  Glaubensbekenntnisses 

Die  rechtlichen  Verhältnisse  regelt  §  3. 

Der  §  4  gibt  an,  was  die  Satzung,  die  sich  jede  Studentenschaft 
Beachtung  der  in  der  Bekanntmachung  gegebenen  allgemeinen  Vor- 
;ten  geben  muss,  enthalten  soll.  Die  Satzung  bedarf  nach  §  5  der  Zu- 
ning  des  Senats  und  unterliegt  der  Genehmigung  des  Ministeriums. 

J der^Hochsc h u  te"  Satzung  wird  die  Studentenschaft  verfassungsmässiges 

üur  Beratung  und  Unterstützung  der  Studentenschaft  in  Vermögens- 
egenheiten  ist  ein  V  e  r  m  ö  g  e  n  s  b  e  i  r  a  t  bestimmt  (§§  7  und  8) 

Jie  SS  9  14  enthalten  Bestimmungen  über  Beiträge  und  Kassenführung. 

Venn  eine  Studentenschaft  oder  eines  ihrer  Organe  gegen  diese  Be- 
lungeii  verstösst,  so  kann  nach  §  15  der  Senat  den  Beschluss  oder  die 
e‘ne  m,t  Gründen  versehene  an  den  A.St.A.  zu  richtende 
f^Sn^ct11S^ndnn'  wodurch.  der  betr-  Beschluss  oder  die  Massnahme 
Jlg  ausser  Kraft  gesetzt  wird.  Bei  einem  Einspruch  gegen  solch  eine 
■tandung  trifft  das  Ministerium  die  Entscheidung 
:sust  ein  eigentümliches  Zusammentreffen,  dass  der  Erlass  dieser  staat- 

TV4  der  Aufstelhlng  der  neuen  •Notverfassung 
te  deutschen  Studentenschaften  zusammenfällt.  Man  muss  abwarten 

iMto  s"£“j£r,'nscha,<en  ” de"  sich 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  22.  Februar  1922. 

~ P/r  SCU°n  iängere  Zeit  in  Bearbeitung  stehende  Entwurf  eines  Ge- 

/eDhs^i  m  p  f  u  n  g  d  ®  r  G  e  schlecht- skrankheiten  wurde 

wänv  fir  ren°mme,n;>  De.r  Entwurf  enthält  den  ärztlichen  Behand- 
J ip  oL  Geschlechtskranke  im  ansteckungsfähigen  Stadium  und 
1  t  die  Behandlung  durch  Nichtapprobierte  aus,  er  enthält  weiter  den 
iiB.  vr.n  H  -fUCl!  Krankenhauszwang  für  Geschlechtskranke,  die  An- 
2LI  Jeihnltteln  ln  f.er  Zeitung  wird  verboten.  Jeder  Beischlaf 
eensahtl  l..  h"68  DY'ssentbch  Ansteckungsfähigen  soll  bestraft  werden, 
den  Entwnr?”1/  Tm  d6S  R.ei(fhsrats  stimmte  der  Vertreter  Bayerns 
b  lÄL  h  6  wesentlichen  Anträge  Bayerns  im  Ausschüsse 
ÄÄ  worden  seien  und  der  Entwurf  in  seiner  gegenwärtigen 
zuwider  laufe  reIlglosen  Empfinden  der  Mehrheit  des  bayerischen 

? foDendPr5^ .An.scbauung den  .tatsächlichen  Verhältnissen  entspricht, 

Veriassungsausschuss  ges.e.I.er 

,^lrd  aafgefordert,  dahin  zu  wirken,  dass  der  dem 
sch  .  ?td  Gesetzentwurf  zur  Bekämpfung  der 
hrten  FWim  kra  n.k  h.e,ten  soweit  abgeändert  wird,  dass  die  be- 
ihkcSskranSr  des,  b.ay,f ischerl  Landesrechtes  zur  Bekämpfung  der 
nze  d  öpf  (n  bei  behalt  en  werden  können,  dass  ferner  die  Bestim- 
hfun^mnpi  -zei  es-«ber  die  Straffreiheit  der  Gewerbsunzucht,  der 
S”n?d« nLUM  dfr,  offPn1tllchen  Reklame  die  Mittel,  die  neben  der 
X  bfsSÄeJdS tSkrankhelten  auch  der  Verhütung  der  Empfängnis 

i  Geburten8uenrdUn|ph?v  dafÜr  wge  tragen’  dass  gegen  die  Verhinderung 
etzesvm-i  U  ld  Schwangerschaftsunterbrechungen  so  rasch  als  möglich 
etzesvoHagen  im  Re.chsrat  beantragt  werden. 

s  die  zum  SnfnLS0"  n“f  a‘.le  unterstellten  Behörden  dahin  einwirken, 
g  von  Grhm-f0P  gegenITd‘e  tdanmassige  und  geschäftsmässige  Verhinde- 
erbrechiincrp  n  .unc^  Unfruchtbarmachungen  sowie  Schwangerschafts- 
■endet  werden.“66'811  gesetzüehen  Mittel  mit  allem  Nachdruck  an- 

mnfen  wurden'1561'6  Mmderheit  wandte  sich  gegen  diese  Anträge,  die 

p i ung ^ n ifr 6 't i '  uS‘,Ch  nach  dem  Vorgänge  der  Nationalen  Liga  zur 
n  dl  eG  k“l0f,  neuerdings  auch  eine  Nationale  Liga 
eschlechtskrankhf  iten  gebildet.  Sie  zerfällt  in 


3  Abteilungen  mit  jeweils  besonderem  Arbeitsbereich,  nämlich:  1  Eine  medi¬ 
zinische  zur  grösstmöglichen  Herabsetzung  der  Zahl  der  Infektionsträger,  sie 
macht  die  Vermehrung  der  Armenapotheken  des  Landes  zu  ihrer  besonderen 
Aufgabe.  2.  Eine  Abteilung  für  sittliche  Aufklärung,  die  durch  Vorträge 
Schriften  und  grosszügige,  unermüdliche  Propaganda  in  den  Tageszeitungen 
die  Kenntnis  der  Geschlechtskrankheiten  und  ihrer  Vorbeugungsmittel  in  allen 
Volksschichten  zu  verbreiten  bemüht  ist.  3.  Eine  Abteilung  für  soziale 
Fürsorge  mit  der  Aufgabe  des  Minderjährigenschutzes,  der  Hilfe  für 
Schwangere  mit  venerischen  Erkrankungen  sowie  der  Errichtung  von  Heimen 
für  erbsyphilitische  Kinder. 

—  In  dem  unter  der  Leitung  von  Prof.  Dr.  B  o  e  h  n  k  e  stehenden 
^„e,S  “  n  d  b  e  \ 4  s  d  1  e"s  \  e  d  e  r  Berliner  Schutzpolizei  (Schupo) 
sind  z.  Z.  29  Aerzte,  2  Zahnärzte.  2  Apotheker  und  150  Sanitätspolizeibeamte 
tätig.  Auf  dem  18  Polizeisanitätsstellen  tun  zu  verschiedenen  Stunden  des 
tages  insgesamt  10  Schupoärzte  Dienst  und  leiten  in  den  angegliederten 
nauskrankenstuben  die  Behandlung  der  leichteren  Erkrankungen.  Für  die 
schwereren  Fälle,  auch  für  einzelne  besondere  von  auswärts  steht  das 
r1SlerteL  Rüher®  Garnisonslazarett  in  der  Scharnhorststrasse  nunmehr 
ausschliesslich  der  Schupo  zur  Verfügung.  Es  ist  mit  450  Betten,  die  ge- 
Pge,ntbch., schon  nahezu  sämtlich  belegt  waren,  sowie  mit  allen  notwendigen 
Fachabtetlungen  und  9  Ambulatorien  ausgestattet.  Eine  Zentrale  zur  Des¬ 
infektion  und  Entlausung  der  Schupokasernen,  die  meist  mit  schwefliger 
v.aure  vorgenommen  wird,  ist  dem  Krankenhaus  angegliedert.  Auch  eine 
eigene  Kuranstalt  mit  100  Betten  besitzt  die  Schupo  in  Biesenthal  Für 
Lungenkranke  können  Heilstättenkuren  gewährt  werden,  entweder  in  einer 
r  vertraglich  verpflichteten  Heilstätten  oder  in  einer  beliebigen  anderen 
bei  Auszahlung  der  Vertragsheilstättentaxe  an  den  Kranken.  Die  gesamte 

lerne  !nd fh»  ‘  ktÄef  4ikam“,e  K"leSSe"  d“  Sd™°- 

freien  VemMgung^ "«"ßrlndenburgiscten B Krankenkassen"  d^'fiinTglLgs- 
abkommen  getroffen,  demzufolge  für  das  1.  Vierteljahr  1922  folgende  Ge  - 

für  Besucifein^V86  len  solltep;  10,M-  für  Beratung  eines  Kranken,  20  M. 

7  ,  e  nes  Kranken,  nachts  und  an  Feiertagen  das  Doppelte.  150  v.  H. 

Oder  Pin/Up  6,1  ,ubrlgen  Sätzen  der  Preussischen  Gebührenordnung  von  1920 
oder  eine  Pauschalsumme  von  100  M.  pro  Kassenmitglied  und  Jahr  wenn 
die  Kassen  diese  Art  der  Bezahlung  vorziehen  sollten;  ferner  7.50  M  für 
Nan JaU  nde  Kdoipeter  der  Fahrt  zum  Kranken  bei  Tage,  12.50  M  bei 
w  fL  Dlef0„FordoU1!^en  wurden  von  den  Kassenvertretern  in  der  am 
.  Februar  1922  in  Berlin  geführten  Verhandlung  einstimmig  abgelehnt  Der 
Aerzteverband  der  Provinz  Brandenburg  legt  Wert  darauf  die  abge  ehnten 
Forderungen  ajjch  der  Oeffentlichkeit  bekannt  zu  geben,  um  sich  von  vom 
herein  gegen  den  Vorwurf  zu  schützen,  er  habe  durch  übertrieben  hohe 
Honorarforderungen  die  Einigung  mit  den  Kassenvertretern  unmöglich  ge- 

M  ~  Vom  oberbayer.  Schwurgerichte  wurde  der  prakt.  Arzt  Dr  Otto 
f  lahrpn'fi  Lunchen  wegen  V’er  V  e  r  b  r  e  c  -h  e  n  der  Abtreibung  zu 
M°ua{fn  Gefängnis  verurteilt  unter  Anrechnung  von  1  Jahr  1  M^nat 
Untersuchungshaft.  Desgleichen  erhielt  der  prakt.  Arzt  Dr.  Karl  Boeckel 
in  München  wegen  strafbarer  Eingriffe  in  3  Fällen  eine  Gefängnisstrafe 
von  1  Jahr  6  Monaten;  wegen  eines  Falles  wurde  er  dem  Schwurgerichte 
wpSfn'  f  Dle  Verhandlungen  zeigten  mit  erschreckender  Deutlichkeit 

München  eTreicht'  w^und’ rbSmäS^ige  Vernichtung  des  keimenden  Lebens  in 
unenen  erreicht  hat  und  man  kann  ermessen,  welche  Zustände  eintreten 

Ahtrtm,’  Wen"-  d‘e  iet,Zt  n°ch  Mstehenden  gesetzlichen  Schranken  gegen  die 
Abtreibung,  wie  manche  es  wünschen,  beseitigt  würden. 

.  .  ,In  einern  Schreiben  an  die  Landesregierungen  weist  der  Peiniic 

"  ““'“fr,"??"' ht„dr ra'  aif  »"3  oSAä 

r>,r,e„en  e"Ber 

"s"-d"  w”": 

In  Anbetracht  der  bedenklichen  Zunahme  des  Alknhnimicc 

miMsmsmm 

SÄ  'iltSi":’  w  väüTÄJs  SS 

d-aif  ?'5m  Drucksachen,  nri?  Jenen  cs  “m^rkaji 

Schwangerscliaft'^reschwerden^veJrinuer^'oder^indere*1'^  N?'v'\»''hUge. 

das  Rad-Jo  nicht  nur  Heilmittel,  sondern  auch  Geheimmittel  (?„SSc-Übris^ns 

gKSfArS? „Ä'tadl *-  Ä" -äSÄ 

auf  mehrere  Jahre  zurückgehender  Anfragen  an  die  Ra'd-J^Gesellschaft '  bis 


298 


MttNG.HP.NER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  8 


keine  Aufklärung  über  wesentliche  Bestandteile 


auf  den  heutigen  Tag  noch 

des  Mittels  erfolgt  ist.  ,  R  „  „ ;  n  n  der  Vor- 

—  Das  bayer.  Kultusministerium  hat  den  B  e*  *n  v  e  ,  . 

Tä  t1^  aui1^ .^riel^setzt.  1  "Ina^rikulLlon *  Utut t  vom  20.  April 

hiS  -^Berlin  veranstaltete  kürzlich  Dr.  Kurt  S i\ in  *  e  r  mit^em  unter 
seiner  Leitung  stehenden  Aerztec  lor  esetzte  Programm,  Beethovens 
Konzert.  Das  für  Liebhaberkrafe  ^  -  aite  Chorvariation 

rs  fffiftrr.tT»»  .»*  ** « —■ 

'"’,r-WDt  S?Ä  Association  berlch«.  «b^ 
dcckunn  eines  aus  dem  16.  Jahrhundert  S^^  KataloaisieruriK 

Sei  'KJÜ '  ttS  ÄXr  'L'stonschen  ües«, 

s  ssl  Häsäs 

S£g 

sstas 

?  *£r  SEEää  ä 

SlÄrS7e*p»™»s 'tner  Zeit.  Lehens-  «nd  Veriiinttunsseiiitiere 
_  pc  ;st  eben  alles  schon  dagewesen.  .  .. 

einen  frühen  Neanderta  typ  darstellt  und  z™“Jen  g  ^  einer  späteren  Zeit 
Pittdown  einzureihen  ist,  der  sich  aber  .  N  h  der  Beschreibung 

erhalten  haben  dürfte,  als  jene  anderen! n  Europa. ^^f^Uenes  Exemplar, 

&  SvÄeÄr;£  tAÄS 

a  ä  ss. ™  gxS£sÄ 

mächtigen  Augenwülste  und .  *>«“*•  «“  ais  bei  den  schon  bekannten 

Umensch^nschädeln^kanr1 man  wohl  annehmen  dass  sm  im  Leben  sich 

r^^sSari 

raUfnne‘  der  5  Molar  ze^gt  sogar  bereits  die  Merkmale  der  Rückbildung. 

isiüsipiliH 
lÜSliisptl 

S’Äi«  -  6  Del  SS;S-“Ä  "dem  de” 

j52nder?aMl5"nnd  B°  mer-Schldel  (1400)  surück.  übartrillt  aber  den  von 

Oibtahat  der  nur  llOOmsstn  jn  Dresden  ,*«  ,,1.1  Mts 

eine  in  QetndnSaft  mit  de,  Deutsche«  aeseltschalt  zu,  B.kantpta*  4er 
Oese, dech.sk, ankheiten  .e,a„s.aite,e  Aus  tt.  H.U.J.B  „ 

»  f™  m.  «1 U?  S?h  S“'r  h  b  ,  i  tt  «  n  b  i ,  d  „  ,  *  U  „  d 
fürsor  ge  findet  Pfingsten  1922  in  Hamburg  im  Museum  für  Kunst 

*  af  staatliche. 

ho„ke»  ddun  .  a  «ffi^JetSchwelitSen.  »)  kewe, bliche  Etae.g.isse. 
“  kSlerische  Ersengnisse.  c) .  Be, uls.nBteBnh.it«..  6.  Verschiedenen. 
t  itpratnr  Abteilung  B.  7.  Gehörhilfsmittel.  _  .. 

DasSeran,  ar  für  soziale  Medizin  des  Gaues  Gross-Berlin 
des  Verbandes  der  Aerzte  Deutschlands  veranstaltet  vom  27.  Februar  bis 
20  M?rzl922  seinen  23.  Zyklus  üW  das  Thema:  P  r  z  t“  n  d  Berufs¬ 
beratung“.  Näheres  durch  Herrn  Sanitätsrat  Dr.  A.  P  e  y  s  e  r,  Char¬ 
lottenburg  2,  Grolmanstr.  42/43.  r,  r|n,,cn- 

_  An  der  sozialhygienischen  Akademie  Charlotten 

bürg  wird  im  Sommer  1922  vom  24.  April  bis  29.  Juli  ein  soz'a,lhysienischei 
Vollkursus  zur  Vorbildung  von  Kreis-,  Kommunal-,  Schul-  und  Fursorgearzten 
stattfinden  Der  Lehrgang  entspricht  den  Prüfungsbestimmungen  für _Kre  s- 
“ ebenso  die  nebenbei  fakultativ  abgehaltenen  dreimonatigen  Sonder 
1  nrse  in  mthologischer  Anatomie,  Bakteriologie  und  Hygiene  sowie  gericlt 
l'iclier  Medizin.  '  Aerzte  können  auch  Einzelvorlesungen  als  Gasthörer  be¬ 
suchen  Anfragen  und  Meldungen  sind  möglichst  bald  an  das  Sekretariat  im 
Krankenhaus  Charlottenburg-Westend,  Spandauerberg  15/16,  zu  richten,  das 
auch  mit  Hilfe  des  Wohnungsamts  geeignete  Wohnungen  vermittelt. 

—  Im  Hygienischen  Institut  der  Universität  Greifswald  findet  in  der  Zeit 
vom  19.— 30.  April  1922  ein  „Lehrgang  der  I  m  m  u  n  i  t  a  t  s  1  e  h  r  e  m  1 1 
praktischen  Uebungen“  statt.  Besonders  berücksichtigt  werden 
die  Serodiagnostik  (W  a  s  s  e  r  m  a  n  n  sehe  Reaktion,  Flockungsreaktionen, 
[Sachs-Georgi.  Meinicke],  forensischer  Blutnachweis,  Agglutination  usw.)  und 


gierungs-^uml  A*»*"”*»-  *  ** 

"""“De,  von  D  e  .  «k.c  b  m  a  »  „  ln,  Acr^V^  tirnnt,., 

KASSA* 

STÄ  S  tSTSff  SÄ  Ä«  kos,. . . 

VCrf“T  1  e'c'kt  lebe  ?  & 

Ä 

Marienwerder)  2.  ln  der  Woche  vom  5.-11.  Februar  1  ™  dje  \ 

vom  22^— 28.' Januar 'wurdeifn'achträ^nch  noch  50  Erk^ankungeii  ^ raothaf 

ku'ngen  (undP  68  "  Tode°sfölle),  davon ^  in 3 f^^n^en^^vön  fo  Böhm 
Po«skaVSs1 1^,1",  der  Slowakei^  und.  in  ^ 

Städten  '"übt?  Ä»  g«««  J  alfr"  uifd*  1000  E 
mit  36,6,  die  geringste  Nürnberg  mit  12,6  1  odestallen  p  Vö{f  R.-Q.-A 

wohner.  Jahresw0che,  vom  22.-28.  Januar  1922,  hatten  von  deutscl 

Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Mfchen- aladb. 
mit  28,0,  die  geringste  Ludwigshafen  mit  6,3  Todesfällen  pro  Jahr^u  d^lOOO  F 

wohner 


'  a.  3M. h  Dr°  Kurt  "scherr  hat  sich  für  Kinderheilkui 
der  Antrittsvorlesung:  Neuere  Ergebnisse  über  Spasi 


und  Neurolo 
Stern  ist 


Hochschu 
Frankfurt 
habilitiert.  Thema 

philieforschung^  g  ^  Dem  Privatdozenten  für  Psychiatrie 

Oberarzt  an  der  psychiatrischen  Klinik,  Dr  med-  Felix 
Dienstbezeichnung  a.  o.  Professor  verliehen  worden  H>k.) 

Hamburg.  Die  Privatdozenten  Dr.  Johannes  B r  o  a  e  r  s  en 
tomie)  1  Prosektor  am  anatomischen  Institut,  und  Dr.  Wilhelm 
b  e  r  g'  (Orthopädie),  Leiter  des  chirurgischen  Ambulatoriums  Eppendorf. 

zu  ausserpla. "Sem1  PrivatdOozLTen5  a°.reon  RrüfSsoTfür  "innere  Medizin 

Sc^ 

Ass fs' ten t S<am " h y^g i e ni'schen C 1  n s t i t u f  ^i at " 'einen"  1- e h r a uf t r ag6  zur  Vertretung 

S°ZmM  ü  n  s  feT  ierwltenDurchhkMinisterialerlaSS  vom  28  I.  1922  ist  I 
beauftragten  Dozenten  füV  Zahnheilkunde  Prof.  Äpii  eJ  Stta  edd  tariat  | 
medizinisch-propädeutischen  Abteilung  ein  planmassiges  Extraordma  I 
der  Verpflichtung  verliehen,  die  Zahnheilkunde  in  Vorlesungen  und  Uebuil 

an  dTüUbineÄ  M|ÄWT^^nTetriÄurg.  Vorstand  des  J 
logischen  Instituts,  hat  einen  Ruf  an '  Stelle  des  verstorbenen  Geh.-I 

V  e  r  w  o  r  n  nach  Bonn  erhalten.  ,  ,  t 

Basel.  Dr.  E.  S  c  h  1  i  1 1 1  e  r  habilitierte  sich  für  das  Fach  der  i 

RhmovLarynEo'ogie.  70(1  iäbrise  Ofündonssleü, jj 

Universität*  ^tatt!*1  Der  Rektor  Proi.  Sn  Cello  bat  die  Vorbei., 

der  Festlichkeiten  übernommen-,  \  PrSciHpnten  i 

Paris.  Am  17.  Dezember  1921  wurde  durch  den  Präs'dente,,( 
Republik  die  neue  chirurgische  Universitäts-Klinik  eingeweih  .  >  | 

sich  in  dem  geräumigen  Gebäude  des  ehemaligen  Jesuitenkollegs  Ru| 
Vaugirard.  Zu  Kriegszeiten  war  dort 
richtet,  dessen  gesamtes  Inventar  im 
von  der  Brasilianischen  Regierung  der 

suhenLt  _  wurde^^  japanische  Gesandte  hat  dem  Rektor  der  Dniversifät 
persönliche  Spende  von  6  500  000  Kr.  zur  Linderung  der  finanziellen -Sch» 
keifen  der  Universität  überreicht.  -  Der  *.  0-  ^  ^ 

und  Gynäkologie,  Dr.  Konstantin  J.  B  u  c  u  r  a,  ist  zum  Vorstande  de  g 
logischen  Abteilung  der  •  Allgemeinen  Poliklinik  ebenda  ernannt  w 
Als  Privatdozenten  in  der  med.  Fakultät  wurden  -^lassen.  Dr 
Luger  für  interne  Medizin,  Dr.  Bernhard  Gottlieb  fu ^  Zahnüeux! 
Dr  '  Hugo  Stern  für  Laryngo-Rhinologie  mit  besonderer  BeruckMctn| 
der  Phoniatrie,  Dr.  Ernst  Freund  für  interne  Medizin  und  .1 

Oerstmann  für  Psychiatrie  und  Neurologie,  (bk.) 


das  Brasilianische  Hospital  eil 
Werte  von  2  000  000  Fr.  nun« 
Pariser  medizinischen  Fakultät 


Todesfälle.  _  ,  r>  „i  c  ♦  „  r  k  .-c 

Am  1  Februar  starb  Herr  Sanitätsrat  Dr.  med.  Paul  Starke 
seit  über  10  Jahren  für  die  Interessen  der  Ae^teschaft  höchst  verdttd 

be  k  a  n  nt  'wu  nie  ft  !fßff ^eSt^fSer  AMeilÄr  Stel.envermi.t.un,! 
Verbandes,  in  welcher  Eigenschaft  er  sich  durch  glkommene  D- npa. . 
keit  und  ungewöhnliche  Umsicht  auszeichnete.  Als  Geschäftsführer  der 
digen  Kommission  der  Aerzte  und  Lebensvers.cherungsge  e «schuften 
es  ihm  die  Versicherungsabteilung  des  Verbandes  aus  kleinen  Anfang 
einer  ergiebigen  Einnahmequelle  für  die  Wohlfahrtsabteilungen  des  Verl 

zu  untwickeln.^  starb  in  Dresden  an  Herzleiden  infolge  SdilaJ 

Verkalkung  der  am  1  X.  1921  in  den  Ruhestand  getretene  leitende 
der  chirurgischen  Abteilung  des  Stadtkrankenhauses  Friedrichstadt.  Geh 
Rat  Prof.  Dr.  Hermann  L  i  n  d  n  e  r  im  70  Lebensjahre.  p. , 

In  Wien  starb,  74  Jahre  alt,  Dr.  Julius  Heitzmann.  - 
zusammen  mit  seinem  Bruder  C.  Heitzmann  den  bekannten  H' 
man  tischen  anatomischen  Atlas,  der  neben  dem  »  V  !  [jj ’°bf?  , 

jahrzehntelang  das  wichtigste  Lehrmittel  für  den  anatomischen  Unter: 
Deutschland  und  Oesterreich  bildete. 


Ke I.  iorenbiaLiier  uiuuiauu w vrio,  _ _  .  . —  —  - - - - : — ^71  : 

V.,l.t  1.  F.  S.W.  7,  P.ni1r.,lSra».  -  Druck  von  E.  MUlttAP.  Buch-  »nd  K»n,«.r»«l,,r,i,  M»h«. 


der  einzelnen  Nummer  3. - d.  •  Bezugspreis  ln  Deutschland 

und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  .  .  . 

dgenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


•  • 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richteil 

für  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8^—1  Ohr), 
rar  Bezujy :  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse- -trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen- Verwaltung,  Weinstr.  2/1 II. 


Iedizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


9.  3.  März  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


»er  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck 


gelangenden  Originalboiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  in  Bonn. 
(Direktor:  Geh.  Rat  v.  Franque.) 

her  die  postoperativen  Bauchfellverwachsungen*). 

Dr.  Heinrich  Martius,  Privatdozent  und  I.  Assistent 

der  Klinik. 

Vuf  das  Problem  der  Vermeidung  von  Bauchfellverwachsungen 
Laparotomien  ist  in  den  letzten  Jahrzehnten  viel  mühsame  ex- 
lentelle  Arbeit  verwendet  worden.  Wenn  man  bedenkt,  dass  der 
y  einer  jeden  Bauchoperation  durch  Verwachsungsbeschwerden 
trächtigt  werden  kann  und  dass  ein  Teil  der  Operierten  durch 
gileus  sogar  in  die  höchste  Lebensgefahr  gerät,  so  haben  diese 
ihungen  auch  ihre  volle  Berechtigung.  Die  folgenden  Zeilen  mögen 
n,  inwieweit  es  bei  dem  heutigen  Stande  unserer  Operations- 
ik  in  unserer  Macht  steht,  die  postoperativen  Bauchfelladhaesionen 
ermeiden  und  welche  klinische  Bedeutung  den  Verwachsungen 
dl  nach  gynäkologischen  Bauchoperationen  zukommt. 

Sesonders  umfangreich  sind  die  Versuche,  die  Entstehung  von  Ver- 
sungen  durch  irgendeinen  chemischen  Stoff,  der  während  der 
ition  in  die  Bauchhöhle  hineingebracht  wird,  zu  verhindern.  In 
•  Beziehung  nehmen  wir  und  mit  uns  die  meisten  anderen  Gynä- 
en  einen  ablehnenden  Standpunkt  ein.  Weder  das  von  Höhne 
ie  Peritonitisverhütung  eingeführte  Kampferöl,  noch  die  vielen 
en  Stoffe,  die  als  „Gleitschmiere“  gedacht  sind,  verdienen  mit 
den  Ruf,  die  peritonealen  Adhaesionen  zu  verhüten.  Zu  dieser 
nung  haben  uns  sowohl  eigene  Misserfolge  als  auch  theoretische 
jungen  geführt,  v.  Franque  veröffentlichte  auf  dem  internatio- 
Gynäkologenkongress  in  Berlin  im  Jahre  1912  einen  Todesfall 
Laparotomie,  der  nur  auf  die  Kampferölprophylaxe  geschoben  wer- 
ronnte.  Die  Technik  war  genau  nach  den  Vorschriften  von 
n  e  durchgeführt  worden. 

iir  das  Peritoneum  bildet  wie  für  jedes  lebende  Gewebe  jede 
derung  der  Lebensbedingungen  einen  Reiz.  Das  feine  Endothel 
erosa  hat  eine  besonders  hohe  Reaktionsfähigkeit  im  Vergleich 
nderen  Gewebsarten  allen  Reizen  gegenüber.  Je  nach  der 
intensität  erfolgt  eine  Erregung.  Lähmung  oder 
törung  der  Lebenstätigkeit  der  Zellen1).  Da  die 
schwelle  für  das  überaus  empfindliche  Perito- 
n  sehr  niedrig  liegt,  so  antwortet  dasselbe  auch 
geringfügigsten  Aenderungen  der  Lebensbedin- 
;  e  n  gegenüber  mit  derjenigen  Z  e  1 1 1  ä  t  i  g  k  e  i  t,  die 
iie  Serosa  charakteristisch  ist,  nämlich  der  so¬ 
nnten  Plastizität.  Die  Ausscheidung  eines  plastischen 
ates  ist  eine  für  die  Erhaltung  oder  Wiederherstellung  der  pliy- 
schen  Verhältnisse  in  der  Bauchhöhle  eminent  wichtige  Eigen- 
des  Bauchfells,  ohne  die  eine  erfolgreiche  Bauchchirurgie  über- 
nieh-t  möglich  wäre.  Es  könnte  also  höchstens  unsere  Aufgabe 
die  plastischen  Eigenschaften  der  Serosa  durch  irgendwelche 
ahmen  auf  bestimmte  Stellen,  an  denen  Verklebungen  notwendig 
.  B.  für  die  Heilung  der  peritonealen  Wunden  oder  iür  die  Lokali- 
von  Entzündungen  usw.  zu  beschränken, 
as  Hineinbringen  eines  chemischen  Fremdkörpers  dagegen  in  die 
höhle  muss,  wenn  es  sich  nicht  etwa  um  etwas  Indifferentes, 
physiologische  Kochsalzlösung,  handelt,  einen  Reiz  ausüben,  der 
sionen  eher  entstehen  lässt,  als  verhütet. 

ie  Richtigkeit  dieser  Ansicht  ist  auch  durch  die  neuesten  experi- 
Jen  Untersuchungen  mit  arteigenem,  flüssigem  Fett  durch  L  ö  h  n  - 
2)  wieder  bestätigt  worden. 

ir  halten  also  die  chemische  intraperitoneale  Adhaesionsprophy- 
ir  kein  erfolgversprechendes  Verfahren. 

as  die  anderen  Massnahmen  zur  Vermeidung  von  Adhaesionen 
ifft,  so  sind  sie  mehr  operationstechnischer  Art. 
d  weitem  das  Wichtigste  ist  die  exakte  Peritoneali- 
ing  der  Wundflächen  und  Stümpfe.  Sie  spielt  bei 
näkologischen  Operationen  eine  besonders  grosse  Rolle, 
wie  hohem  Masse  die  Stielversorgung  an  der  Verbesserung  der 
tionserfolge  mitgeholfen  hat,  kann  man  am  besten  an  der  Ent- 

Nach  einem  Referat  in  der  gemeinsamen  Sitzung  der  Niederrheinisch- 
iischen  Chirurgen  und  Gynäkologen  in  Düsseldorf  am  26.  November  1921. 

S.  Verworn:  Allgem.  Physiol.  S.  371  ff. 

.  9. 


Wicklung  der  einfachen  Myomoperationen  verfolgen.  Olshausen 
erlebte  bei  366  Myomoperationen  bis  1907  allein  6  Fälle  von  Rela- 
parotomie  wegen  Ileus  durch.  Darmverwachsungen  am  Zervix-  oder 
Ligamentstumpf,  bevor  er  die  Stümpfe  versenkte.  Die  „retroperito- 
neaie  Versorgung“  des  Zervixstumpfes  wurde  zuerst  von  Bassini 
im  Jahre  1886  und  dann  besonders  von  Hof  m  eie  r  im  Jahre  1888 
verlangt.  Aber  erst  durch  eine  Mitteilung  von  C  h  r  o  b  a  k  aus  dem 
Jahre  1891  wurde  die  „retroperitoneale  Methode“,  d.  h.  die  Verlegung 
des  ganzen  durch  die  Operation  gebildeten  Wundgebietes  hinter  das 
Peritoneum,  zum  Prinzip  erhoben. 

Chrobak  vernähte  die  peritoneale  Wunde  fortlaufend  mit  Katgut 
ausserhalb  des  einen  Adnexstumpfes  beginnend  und  ausserhalb  des 
anderen  Stumpfes  endigend,  also  genau  so,  wie  wir  es  jetzt  auch  noch 
machen. 

Die  Mortalität  der  abdominalen  Myomoperatiönen  verringerte  sich 
in  dieser  Zeit  (1885 — 1906)  von  34,8  Proz.  auf  5,1  Proz. 3),  eine  Ver¬ 
besserung,  bei  der  ausser  der  Stielversorgung  natürlich  noch  sehr  viel 
andere  Momente  mitgespielt  haben. 

Neben  der  exakten  Peritonealisierung  ist  zartes,  schonendes  Ope¬ 
rieren  mit  genauer  Blutstillung  und  möglichster  Einschränkung  der 
intraperitonealen  Drainage  das  Wichtigste.  BTS  e  gute  Technik 
ist  die  beste  Adhäesionsprophylaxe.  Dass  das  Bauch¬ 
fell  vor  mechanischen,  chemischen  und  thermischen  Reizen  möglichst 
geschont  werden  muss,  ist  bei  der  grossen  Empfindlichkeit  desselben 
klar. 

Noch  nicht  entschieden  ist  die  Frage,  wie  weit  die  Hautdes¬ 
infektion  mit  Jodtinktur  als  peritonealer  Reiz  in  Betracht 
kommt.  Flesch-Thebesius4)  hat  kürzlich  an  dem  Material  der 
Frankfurter  chirurgischen  Klinik  nachgewiesen,  dass  die  postoperativen 
StrangileusfäMe  zugenommen  haben  und  zwar  von  12  auf  22  Fälle, 
berechnet  auf  die  gleiche  Zahl  von  Laparotomien  in  je  4  Jahrgängen 
(1911 — 1915  und  1915 — 1919)  mit  und  ohne  Joddesinfektion  der  Haut. 
Er  schiebt  die  Zunahme  auf  dieses  Hautdesinfektionsverfahren.  Auch 
König  (Marburg),  H  o  f  f  m  a  n  n  (Meran)  und  D  o  o  s  e  (Lübeck)  haben 
eine  Zunahme  der  Ueusfälie  festgestellt. 

Wir  schützen  diie  Därme  aufs  sorgfältigste  vor  der  Berührung  mit 
der  gejodeten  Haut,  indem  das  durchschnittene  Peritoneum  parietaie 
ringsherum  mit  M i k u H c z klammern  an  Schutztücher  aus  Billroth- 
batist  (nicht  Gaze,  da  sie  durchlässig  ist)  festgeklemmt  wird.  Ein 
absolut  zuverlässiger  Abschluss  der  Haut  für  den  eventrierten  Darm 
ist  aber  auch  damit  nicht  erreichbar.  Die  Schutztücher  können  sich 
verschieben,  und  es  können  Lücken  entstehen.  Möglicherweise  könnte 
schon  die  verdunstende  Jodtinktur  einen  genügend  starken  Reiz  auf 
die  Darmserosa  ausüben.  Allerdings  kommt  es  bei  unseren  Operatio¬ 
nen,  die  wir  regelmässig  in  Beckenhochlagerung  ausführen,  so  gut 
wie  niemals  zu  einer  Eventration  der  Därme.  Dieselben  werden  viel¬ 
mehr  sofort  vor  Beginn  der  Operation  im  kleinen  Becken  mit  grossen 
Bauchtüchern  zurückgedrängt  und  so  mehr  oder  weniger  vollständig 
aus  dem  Bereich  des  eigentlichen  Operationsgebietes  ausgeschaltet. 
Wenn  noch  anzustellende  Versuche  ergeben,  dass  die  Jodtinkturdesin¬ 
fektion  tatsächlich  auch  bei  sorgfältigster  Abdeckung  der  Haut  die  Ad- 
haesionsbildung  begünstigt,  wird  man  dieses  so  überaus  handliche  und 
sichere  Hautdesinfektionsverfahren  bei  Laparotomien  wieder  fallen  las¬ 
sen  müssen.  Unsere  Erfolge  sprechen  nicht  für  eine 
ursächliche  Bedeutung  der  Joddesinfektion:  denn 
wir  wenden  sie  immer  an  und  trotzdem  erlebten  wir 
in  keinem  unkomplizierten  Fall  die  Notwendigkeit 
der  Re  Laparotomie  wegen  frischer  Adhaesionsbil- 
d  u  n  g. 

Um  Dünndarmverwachsungen  im  kleinen  Becken  vorzubeugen, 
wird  ausser  exaktester  Vernähung  des  Peritoneums  bei  unseren  Lapa¬ 
rotomien  vor  Schluss  der  Bauchhöhle  gewöhnlich  die  Flexura  sig- 
moidca  über  die  Peritonealnaht  gelegt  und  dort  bis  zum 
Verschluss  des  Peritoneum  parietale,  nachdem  die  Beckenhochlagerung 
in  Beckentieflagerung  umgewandelt  ist.  mit  einem  Stieltupfer  fest¬ 
gelulten  oder  sogar  mit  einer  Appendix  epiploica  im  kleinen  Becken 
festgenäht,  um  so  einen  dachartigen  Abschluss  zwischen  grossem  und 
kleinem  Becken  herzusteHen. 

Schliesslich  gehört  die  Entfernung  des  Prozess us  vermifor- 
m  i  s,  auch  wenn  er  ganz  gesund  ist,  bei  jeder  gynäkologischen  Lapa- 

2)  Arch.  f.  Gyn. 

3)  Nach  Olshausen:  Veits  Hb.  1907  12.  Aufl. 

4)  D.  Zschr.  f.  Chir.  1920,  157,  H.  1—2. 

3 


300 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr. 


rotomie  zur  Prophylaxe  gegen  den  postoperativen  Strangileus.  seitdem  ! 
wir  erlebten,  dass  nach  einer  Totalexstirpation  wegen  chronischer  Ad-  j 
nexentzündung  der  Wurmiortsatz  zusammen  mit  einem  Zipfe  des  gros¬ 
sen  Netzes  an  der  Abtragungsstelle  der  rechten  Adnexe  verklebte  und 
eine  strangförmige  Brücke  bildete,  unter  der  sich  19  Tage  nach  der 
Operation  eine  Dünndarmschlinge  inkarzerierte.  so  dass  wegen  Ileus 
relaparotomiert  werden  musste. 

Wie  eng  die  Nachbehandlung  nach  den  Lapaioto- 
mien  mit  der  Adhaesionsprophylaxe  verknüpft  ist,  hat  besonders 
Vogel5)  mit  Nachdruck  immer  wieder  hervorgehoben.  Nicht 
Ruhigstellung  des  Darmes,  sondern  frühzeitige  An- 
regung  der  Peristaltik  muss  unser  Bestreben  sein, 
um  dem  in  Bewegung  befindlichen  Dünndarm  keine  Zeit  zu  lassen,  an 
geschädigten  Serosastellen  zu  verkleben. 

Wir  gehen  nach  den  gynäkologischen  Laparotomien  so  vor,  dass 
am  Tage  der  Operation  ein  oder  zwei  Tropfklystiere  mit  Koffein  ge¬ 
geben  werden.  Bereits  in  der  Nacht  nach  der  Operation,  wenn  die 
Kranke  vom  ersten  Schlummer  erwacht,  wird  löffelweise  Tee  bewilligt. 
Schon  am  ersten  Tage  nach  der  Operation  erfolgt  ein  Darmeinlaul 
und  am  zweiten  Tage  nach  der  Operation  wird  mit  Rizinusöl  oder 
Frangol  abgeführt.  Vom  Lichtbogen  wird  ausgedehnter  Gebrauch  ge- 
macht.  Physostigmin,  Peristaltin  oder  Hypophysin  haben  wir  im  all¬ 
gemeinen  nur  gegeben,  wenn  die  Darmfunktion  nicht  in  Gang  kommen 
wollte  und  sahen  keinen  ausschlaggebenden  Einfluss  dieser  Mittel. 

Auf  die  Bedeutung  der  „mechanischen  Nachbehandlung“  Lapa- 
rotomierter  mit  frühzeitigen  Bewegungsübungen  und  Aufrichten  des 
Oberkörpers  für  die  Adhaesionsprophylaxe  hat  Qoetze')  in  einem 
der  letzten  Hefte  dieser  Wochenschrift  von  neuem  aufmerksam  gemacht. 

Soviel  über  die  Adhaesionsprophylaxe  bei  und  nach 

Laparotomien.  ,  ,.  , 

Welche  klinische  Bedeutung  haben  nun  aber  die  post¬ 
operativen  Adhaesionen  speziell  nach  gynäkologischen  Laparotomien? 
Bei  der  Durchsicht  des  operativen  Materials  der  Bonner  Frauenklinik 
fanden  sich  zunächst  4  Fälle  von  postoperativem  Strangileus  unter 

754  Laparotomien  seit  1912.  ,  .  ,  „  . 

Es  erübrigt  sich,  auf  die  Fälle  im  einzelnen  einzugehen.  13ei 
zwei  von  ihnen  handelte  es  sich  um  Genital-  und  Peritonealtuberkulose. 
Der  dritte  Fall  wurde  oben  bereits  erwähnt.  Bei  ihm  gab  der  zurück- 
gelassene  Wurmfortsatz  die  Veranlassung  zur  Darmeinklemmung.  Der 
vierte  postoperative  Strangileus  kam  nach  einer  durch  Stieltorsion 
vollständig  vom  Uterus  getrennten  Ovarialzyste  mit  starken  peri- 
tonitischen  Reizerscheinungen  vor.  ' 

Also  alles  komplizierte  Fälle,  während  wir  nach 
unkomplizierten  Laparotomien  keinen  einzigen 
Strangileusfall  feststellen  konnten  trotz  umfang¬ 
reicher  Na  chforschungen,  denen  z.  B.  auch  sämtliche  Fälle 
von  Wertheim  scher  Totalexstirpation  und  sämtliche  Fälle  von 
Laparotomien  wegen  Adnexentzündung  unterworfen  wurden. 

Ausser  den  Ileusfällen  hat  die  Durchsicht  unserer  Krankengeschich¬ 
ten  drei  Fälle  von  Strangbeschwerden  nach  alter 
Ventrifixur  ergeben. 

Es  handelt  sich  um  drei  fast  vollkommen  übereinstimmende  ralle, 
bei  denen  der  von  anderer  Seite  ventrifixierte  Uterus  wegen  starker 
Zerrungsbeschwerden  von  uns  wieder  gelöst  werden  musste,  und  zwar 
hatte  sich  aus  der  flächenhaften  Anheftungsstelle  des  Corpus  uteri  am 
Peritoneum  parietale  der  Bauchwand  ein  derber  Strang  ausgezogen, 
der  ausgesprochene  Adhaesionsbeschwerden  machte,  ein  Vorkommnis, 
das  gar  nicht  so  selten  ist. 

Hier  muss  die  Frage  angeschnitten  werden,  wel¬ 
cher  von  den  zahlreichen  abdominalen  Profixur- 
methoden  mit  Rücksicht  auf  derartige  Ereignisse 
der  Vorzug  zu  geben  ist.  Im  letzten  Jahre  haben  sich  wieder 
verschiedene  Autoren  zu  diesem  alten  Diskussionsthema  geäussert '). 

Diejenigen  abdominalen  Profixurmethoden,  die  den  physiologischen 
Verhältnissen  am  nächsten  kommen,  sind  zweifellos  die  verschiedenen 
Arten  der  Verkürzung  der  Ligamenta  rotunda,  sei  es  nun,  dass  man  die 
Bänder  nach  Baldy-Guggisberg  durch  die  Ligamenta  lata  hin¬ 
durchzieht  und  hinten  auf  den  Uterus  aufnäht,  sei  es,  dass  man  sie  nach 
Menge  vorne  auf  den  Uterus  aufnäht  oder  sei  es,  dass  man  die  von 
Knoop  neu  empfohlene  Werth  sehe  Methode  vorzieht,  bei  der 
die  Ligamenta  rotunda  von  dem  Bauchschnitt  aus  in  den  Leisten¬ 
kanälen  aufgesucht  und  verkürzt  werden.  Auch  die  Methode  von 
D  o  1  e  r  i  s  gehört  hierher. 

Wer  im  Einzelfall  eine  festere  Fixation  des  Uterus  für  erforder¬ 
lich  hält  und  die  Leopoldsche  Operation  ausführt,  muss  die  An- 
nähung  des  Uterus  an  die  Bauchwand  sehr  ausgiebig  vornehmen  und 
zwar  mit  Verödung  der  ganzen  Fossa  vesico-uterina 
nach  Werth,  um  sowohl  der  Ileusgefahr  als  auch  der  Gefahr  der 
Adhaesionsbeschwerden  vorzubeugen.  Wir  halten  durchweg 
die  sogenannte  „schwebende“  Antefixation  des 

Uterus  durch  Verkürzung  der  Ligamenta  rotunda für 

ausreichend  und  führen  sie  meistens  nach  Baldy- 
Guggisberg  oder  Dolöris  aus. 


B)  Zbl.  f.  Gyn.  1904  Nr.  21,  D.  Zschr.  f.  Chir.  63,  Die  Heilkunde  1908, 
Zbl.  f.  Chir.  1916  Nr.  37  und  1917  Nr.  30,  Fortschr.  d.  Med.  1916/17. 

6)  M.m.W.  1921  H.  44. 

7)  Eckstein:  Zbl.  f.  Gyn.  1920  Nr.  26.  —  Hastrup:  Zbl.  f.  Gyn. 
1921  Nr.  15.  —  Garcia  de  la  Serrana:  Zbl.  f.  Gyn.  1921  Nr.  36.  — 
Knoop:  Zbl.  f.  Gyn.  1921  Nr.  36. 


Ausser  bei  Ileus  und  bei  ausgesprochenen  Strangsymptcmen  sii 
wir  mit  den  Relaparotomien  wegen  Adhaesionsbeschwerden  von  jeh 
sehr  zurückhaltend  gewesen,  so  dass  unser  Operationsmaterial  in  dies 
Beziehung  nur  klein  ist  und  zur  zahlenmässigen  Lösung  der  Fra? 
auf  die  ich  jetzt  einzugehen  habe,  nicht  ausreicht.  Ich  meine  c 
Frage  nach  der  Häufigkeit  der  postoperativen  V  er  w  acl 
su  n  gen.  Wieviel  Laparotomien  haben  peritoneale  Adhaesionen  z 
Folge  und  wieviel  heilen  ohne  solche  Verwachsungen  aus? 

Bisher  war  es  nur  bei  Gelegenheit  von  Relaparotomien  müglu 
ein  Urteil  darüber  zu  gewinnen.  Jeder  Operateur  kennt  die  Verwac 
sungen,  besonders  des  Netzes,  als  harmlosen  Nebenbefund.  Auf  solcs 
Beobachtungen  fussend,  findet  man  auch  in  der  Literatur  nicht  seit 
die  Bemerkung,  dass  Adhaesionen  nach  Bauchoperationen  nichts  lil 
gewöhnliches  sind  und  keinerlei  Beschwerden  machen  brauchen, 
diesem  Sinne  hat  sich  Schatz,  Kaltenbach,  Ols  hau  sei 
Kehrer,  Martin,  Pankow  und  mancher  andere  geäussert.  V 
fanden  bei  der  Nachuntersuchung  von  62  wegen  Adnexentzündung  oj- 
rierter  Frauen  3  mal  Adhaesionsbeschwerden,  also  nur  4,8  Proz. 

Sehr  genau  hat  Payr8 9 10)  sein  Operationsmaterial  auf  die  pol 
operativen  Adhaesionen  hin  bearbeitet.  Er  musste  bei  3000  Laparol 
mierten  in  3,26  Proz.  der  Fälle  wegen  Adhaesionsbeschwerden  relaffi 
rotomieren  und  stellte  bei  weiteren  10 — 12  Proz.  der  Fälle  \  erwat* 
sungen  fest,  die  aber  nicht  wieder  operiert  werden  brauchten.  All 
auch  diese  einem  grossen  Material  entnommenen  und  einheitlich  >j 
wonnenen  Zahlen  lassen  keinen  Schluss  in  der  Frage  zu:  Wie  oft  sij- 
Adhaesionen  tatsächlich  vorhanden  und  wie  oft  nicht? 

Es  ist  ein  Verdienst  Naegelis,  die  Röntgenuntersuchung  t| 
Hilfe  der  Lufteinblasung  in  die  Bauchhöhle  zur  Lösung  dieser  Frag 
herangezogen  zu  haben u).  Dabei  ergaben  sich  bemerkenswerte  Fi 
sultate.  Naegeli  fand  bei  dem  Material  der  Bonner  chirurgisch 
Klinik  mit  Hilfe  des  Pneumoperitoneums  unter  148  Fällen  von  Bau> 
Operationen  118  mal  Adhaesionen  =  79,8  Proz.  Bei  den  darunter  lg 
findlichen  114  „grossen  Laparotomien“  fand  sich  sogar  ein  Prozents* 
von  91,2  mit  Adhaesionen;  also  nur  jeder  zehnte  Fall  war  frei  \i 
Bauchfellverwachsung.  Wenn  man  diese  Zahlen  mit  den  Angall 
von  Payr  und  unseren  Nachuntersuchungen  in  Vergleich  setzt.» 
ergibt  sich  der  zwingende  Schluss,  dass  die  post  operativ» 
Adhaesionen  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  keil 
Beschwerden  verursachen. 

Bei  den  N  a  e  g  e  1  i  sehen  Fällen  handelt  es  sich  meistens  um  La] 
rotomien  in  der  oberen  Bauchhöhle.  Was  die  gynäkologische  Operati 
anbetrifft,  so  lässt  sich  unser  K  a  i  s  e  r  s  c  h  n  i  1 1  m  a  t  e  r  i  a  1 1 )  1 
gewissem  Grade  zur  Beurteilung  der  Häufigkeit  der  postoperati'i 
Adhaesionen  verwerten.  Wir  haben  in  den  letzten  11  Jahren  33  wied¬ 
holte  Kaiserschnitte  gemacht.  Ich  fand  bei  14  von  diesen  Fällen» 
den  Operationsberichten  Adhaesionen  vermerkt.  Dabei  handelte  S 
sich  bei  11  Fällen  erstmalig  um  den  klassischen  Kaiserschnitt. 
ihnen  zeigten  8  Fälle  beim  zweiten  Kaiserschnitt  Adhaesionen.  22  i 
handelte  es  sich  erstmalig  um  tiefe  intraperitoneale  oder  extrapi- 
toneale  Kaiserschnitte.  Von  diesen  zeigten  6  Verwachsungen  bei  >i 
Wiedereröffnung  der  Bauchhöhle.  “■  I 

Wenn  also  im  ganzen  die  Zahl  der  Adhaesionsfälle  auch  viel  F 
ringer  ist  als  bei  dem  chirurgischen  Material,  so  fällt  doch  auf,  dä 
nach  dein  klassischen  Kaiserschnitt  derselbe  hohe  Prozentsatz  vor;  I 
haesionen  zu  konstatieren  war  wie  bei  den  N  a  e  g  e  1  i  sehen  Fäll 

Inwieweit  diese  Kaiserschnittzahlen  auf  die  anderen  gynäkokl 
sehen  Operationen  übertragbar  sind,  muss  dahingestellt  bleiben.  AI 
ist  durch  sie  aber  doch  wohl  zu  dem  Schluss  berechtigt,  dass  a ul 
nach  den  gynäkologischen  Laparotomien  die  poj 
operativen  Adhaesionen  nichts  seltenes  sind, _al 
weit  weniger  häufig  Vorkommen  bei  denjenig* 
Bauchoperationen,  aie  sich  nur  im  kleinen  Becken  abspiefl 
als  bei  den  Laparotomien,  die  sich  in  die  grosse  Bauchhüll 
erstrecken.  Aber  auch  nach  den  gynäkologischen  Baut, 
Operationen  besteht  noch  ein  erheblicher  Unti, 
schied  in  der  Zahl  der  Fälle  mit  Adhaesionen  und  ijj 

Adhaesionsbeschwerden.  .  x  i 

Noch  häufiger  als  nach  der  ersten  Laparotomie  scheint  die  A 
bildung  von  peritonealen  Verwachsungen  zu  sein  nach  denjemfi 
Bauchschnitten,  die  wegen  Adhaesionen  ausgeführt  werden. 

Auch  das  ist  früher  schon  öfter  betont11)  und  durch  die  N  a  e  gej 
sehen  Untersuchungen  bestätigt  worden.  Er  fand  in  fast  a| 
Fällen  (in  39  von  42),  die  wegen  Adhaesionen  operiert  waren,  x 
Wochen  nach  der  Relaparotomie  bei  der  Lufteinblasung  wieder 
wachsungen,  meist  in  ausgedehnterem  Masse  als  vorher,  woben 
Kranken  dann  oft  beschwerdefrei  waren  oder  auch  wieder  Beschwer 

hatten.  . , 

In  klinischer  Beziehung  ist  es  nun  von  aliergrosster  W 
tigkeit,  welche  Abhängigkeit  zwischen  den  Beschwerden  nach  el 
Laparotomie  und  den  peritonealen  Adhaesionen  besteht. 

Die  grossen  Schwierigkeiten  in  der  Beurteilt* 
der  postoperativen  Adhaesionsbeschwerden  hat 
ihren  Grund  inderhäufigen  Differenz  zwischen  a* 
tomischem  und  klinischem  Befund. 


8)  Zbl.  f.  Chir.  1914  S.  99. 

9)  Zbl.  f.  Chir.  1919  Nr.  41,  D.  Zschr.  f.  Chir.  163,  5/6. 

10)  Der  abdominale  Kaiserschnitt.  Zschr.  f.  Geb.  u.  Gyn.  83. 

u)  z.  B.  Riedel:  Langenbecks  Arch.  1904,  47,  S.  154. 


Aärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Erstens  können  Adhaesionen  vorhanden  sein,  ohne  Beschwerden 

machen. 

Zweitens  können  vorhandene  Beschwerden  als  Adhaesions- 
chwerden  aufgefasst  werden,  ohne  dass  Adhaesionen  vorhanden 

k 

Und  drittens  haben  die  sogenannten  „Adhaesionsbeschwerden“ 
erlich  oft  gar  nichts  mit  den  vorhandenen  und  nachweisbaren  Ad- 
sionen  zu  tun. 

Welches  sind  nun  aber  die  Symptome,  die  mit  Recht  auf 

■  postoperativen  Adhaesionen  bezogen  werden 
nnen?  Ich  spreche  hier  nicht  von  den  d  a  r  m  ver¬ 
wenden  Verwachsungen,  die  ganz  getrennt  zu  be- 
adeln  sin  d. 

Das  Wesen  der  Adhaesionsbeschwerden  ist  durch  die  eigentiini- 
e  Sensibilität  der  Bauchorgane  bedingt,  die  durch  die  Untersuchun¬ 
gen  Lennander,  L.  R.  Müller,  Käppis  und  anderen  ge- 
t  ist.  Wir  wissen  jetzt,  dass  das  Peritoneum  viscerale  und  die 
chorgane  unempfindlich  sind,  dass  durch  das  Mesenterium  jedoch 
n  Zug  an  den  Organen  Schmerzempfindungen  vermittelt  werden, 
aber  von  unbestimmtem  Charakter  und  nicht  lokalisierbar  sind, 
r  schmerzempfindlich  ist  dagegen  das  Peritoneum  parietale.  Es 
durch  die  sensiblen  Fasern  des  Sympatikus  in  der  oberen  Bauch¬ 
te  unter  Vermittlung  der  Nervi  splanchnici  an  das  Rückenmark  an- 
;hlossen.  Auch  bei  ihnen  ist  die  Lokalisationsfähigkeit  der  Schmer¬ 
weit  geringer  als  z.  B.  bei  der  Haut. 

Wenn  nun  die  normalerweise  in  gewissem  Grade  beweglichen 
ane  der  Bauchhöhle  durch  Verwachsungen  fixiert  werden,  so  kann 
sich  bei  den  dadurch  hervorgerufenen  Beschwerden  lediglich  um 
ungsschmerzen  am  Peritoneum  parietale  oder  an  der  Befestigungs- 
e  der  betreffenden  Organe  handeln.  Dementsprechend  machen 
gedehnte,  feste,  flächenhafte  Adhaesionen  meistens  gar  keine  oder 
iger  Beschwerden  als  Stränge,  da  die  flächenhaften  Fixationen  den 
anen  überhaupt  keine  Bewegungen  erlauben  und  damit  keine  Mög- 
<eit  zur  Zerrung  vorhanden  ist.  Das  gilt  besonders  für  die  Organe 
kleinen  Beckens,  die  ja,  wie  z.  B.  der  Uterus,  häufig  künstlich 
rt  und  zur  Deckung  gebraucht  werden. 

Dass,  wie  Payr  meint,  die  Adhaesionen  in  der  unteren  Bauch- 
e  mehr  Beschwerden  machen  als  die  in  der  oberen,  können  wir 
1  unseren  Beobachtungen  nicht  bestätigen.  Bei  den  Genitalorganen 
ht  die  Fixation  an  und  für  sich  jedenfalls  nichts  aus,  wenn  das 
rte  Organ  nicht  zufällig  auf  den  Darm,  die  Blase  oder  einen 
r  drückt. 

Sehr  charakteristisch  für  Adhaesionsbeschwerden  durch  sträng¬ 
te  Verbindungen  der  Organe  mit  der  Bauchwand  ist  die  Ab- 
pgkeit  der  Schmerzen  von  einer  bestimmten  Körperhaltung  und 

■  Lagewechsel.  Bei  den  drei  oben  erwähnten  Fällen  von  Adhae- 
sbeschwerden  nach  Ventrifixur  war  dieses  Symptom  sehr  aus- 
ägt. 

Neben  dem  Zerrungsschmerz  können  die  Adhaesionen  aber  noch 
andere  Art  von  Beschwerden  machen.  Oft  stehen  Funk- 
nsstör ungen  des  Darmes  im  Vordergründe  des 
nkheitsbildes:  ich  meine  hier  wieder  nicht  die  Ileuserschei- 
ren,  sondern  unbestimmte  chronische  Beschwerden,  wie  Druck- 
hl  .mit  Neigung  zur  Obstipation  und  zum-  Meteorismus,  Appetit- 
■keit,  Abmagerung  und  eine  sich  sekundär  entwickelnde  Neu- 
lenie.  Diese  Erscheinungen-  stehen  sicher  oft  in  ursächlichem  Zu- 
uenhang  mit  Bauchfelladhaesionen  und  dürften  auf  einer  Herab- 
un-g  der  Motilität  des  flächenhaft  verwachsenen  Darmes  beruhen, 
a  auch  andererseits  wieder  hervorznheben  ist,  dass  ausgedehnte 
lesionen  von  Dünndarmschlingen  untereinander  und  mit  der  Bauch- 
d  oft  völlig  erscheinungslos  vorhanden  sind. 

Also  auch  da  wieder  die  grosse  Differenz  zwischen  anatomischem 
klinischen  Befund,  durch  die  die  Diagnosenstellung  so  erschwert 

Im  Allgemeinen  wird  die  Diagnose  „Adhaesions- 
c h werden"  viel  zu  oft  gestellt.  Alle  diejenigen  Krank¬ 
ender,  die  sich  gelegentlich  hinter  dieser  unbestimmten  Diagnose 
ergen,  aufzuzählen-  und  zu  erörtern,  hiesse  hier  die  ganze  abdomi- 
Diagnostik  aufrollen.  Aber  wenn  wir  vor  der  zu  häufigen  Annahme 
Adhaesionsbeschwerden  warnen-,  so  hat  dieser  negative  Standpunkt 
s  Unbefriedigendes,  ebenso  unbefriedigend,  wie  etwa  die  Kranken 
als  Psychoneurotiker  zu  behandeln,  die  nach  Laparotomien  wieder 
Beschwerden  zum  Arzt  kommen. 

Zweifellos  sind  die  Beschwerden  nach  Laparotomien  häufig  rein 
tioneller  Natur  und  beruhen  darauf,  dass  sich  die  normalen  Vor- 
x  des  Magendarmkanals,  z.  B  die  Darmbewegungen,  aus  unbe- 
den  in  bewusste  sensible  Funktionen  umwandeln12).  Eine  La- 
tomie  ist  als  psychisches  Trauma  sicher  nicht  zu  unterschätzen, 
-ii  dieses  I  rauma  kann  bei  nervös  schwach  konstituierten  Men- 
n  die  Erregbarkeit  des  Nervensystems  so  gesteigert  werden,  dass 
normalen  Funktionen  im  Abdomen  als  Beschwerden  empfunden 
m'  Ehrend  den  Menschen  mit  nicht  herabgesetzter  Reizschwelle 
Nervensystems  alle  diese  Vorgänge  gar  nicht  zum  Bewusstsein 
men.  Auf  diese  Weise  können  psychoneurotische  Krampfzustände 
Darmes  und  der  Bauchmuskulatur  sowie  Hyperästhesie  des  Peri- 
ums  manifest  werden.  Wieweit  nicht  nur  eine  erworbene  Dis- 
-ion  oder  eine  angeborene  Konstitution  bei  der  Entstehung  der 
uesionsbeschwerden,  sondern  auch  bei  der  Ausbildung 

*')  W  a  1 1  h  a  r  d  in  Menge-Opitz  S.  186. 


301 

der  Verwachsungen  selber  mit  im  Spiele  sein  kann,  ist  nur 
schwer  zu  entscheiden.  Nach  Payr  neigen  Leute  mit  asthenischem 
Stiller  sehen  Habitus  besonders  zur  Adh-aesionsbildung.  Mir  scheint 
der  Zusammenhang  eher  der  zu  sein,  dass  bei  solchen  minderwertig 
konstituierten  Individuen  die  Adhaesionen  nur  leichter  Beschwerden 
machen,  dass  bei  ihnen  also  nicht  öfter  Adhaesionen,  sondern  nur 
öfter  Adhaesionsbeschwerden  vorhanden  sind,  als  bei  nervenkräftig 
veranlagten  Menschen. 

Aber  wie  dem  auch  sei.  sowohl  die  Diagnose  der  rein  oder  vor¬ 
nehmlich  psychogen  entstehenden  Beschwerden,  als  auch  die  Annahme 
der  „Adhaesionsbeschwerden“  selbst,  sei  es  nun,  dass  Verwachsungen 
nachgewiesen  sind  oder  nicht,  ist  nur  erlaubt,  wenn  alle  anderen  Ur¬ 
sachen  für  die  bestehenden  Schmerzen  ausgeschlossen  sind. 

Eine  dominierende  Rolle  in  der  Differential  diagnose  gegen 
die  Adhaesionsbeschwerden  spielen  die  in  und  seit  dem  Kriege  so 
häufig  gewordenen  spastischen  Zustände  des  Darmes  und 
andere  Störungen  in  dem.  verwickelten  Ineinandergreifen  der  Zusam¬ 
menziehungen  und  Erschlaffungen  verschiedener  Darmabschnitte  auf 
funktioneller  Basis.  Die  durch  lokale  Darmspasmen  herv-orgerufenen 
Bläh'Ungsbeschwerden  können  zu  den  schwersten  kolikartigen  und  ileus- 
ähnlichen  Erscheinungen  führen.  A.  Mayer13)  hat  kürzlich  auf  die 
Bedeutung  der  lokalen  Darmspasmen  (segmentärer  Dannkrampf)  auf¬ 
merksam  gemacht.  Für  die  spastischen-  Zustände  des  Darmes  bildet 
das  Atropin  ein  souveränes  Mittel  und  wird  ex  juvantibus  die  Dia¬ 
gnose  erleichtern.  Nach  A.  M  a  y  e  r  kommt  auch  die  Lumbalanästhesie 
therapeutisch  in  Betracht. 

Von  den  mannigfaltigen  auf  einem  lokalen  Krankheitsprozess  be¬ 
ruhenden  Leiden,  die  differentialdiagnostisch  heranzuziehen  sind,  ist 
in  erster  Linie  an  ein  Rezidiv  desjenigen  Leidens  zu  denken,  das 
zu  der  ersten  Laparotomie  geführt  hat.  Daneben  kommen  entzündliche 
Darmerkrankungen  vom  gewöhnlichen  Darmkatarrh  bis  zur  Kolitis 
membranacea  in  Frage.  Dass  Nieren-  oder  Uretersteine,  Darm-  und 
Genitaltumoren  und  Lageveränderungen1  Gallensteinkoliken  und  Magen- 
ulcera  äuszuschliessen  sind,  dass  ferner  stets  an  eine  epigastrische  Hernie 
zu  denken  ist,  braucht  kaum  erwähnt  zu  werden.  Auch  eine  gewöhn¬ 
liche  Zystitis  kommt  differentialdia-gnostisch  in  Betracht.  Es  ist 
wohl  nicht  nur  ein  Zufall,  dass  bei  zwei  uns  kurz  hintereinander  wegen 
postoperativer  Adhaesionen  überwiesenen  Frauen  sich  eine  Cystitis 
colli  fand.  Beide  Kranken  verliessen  nach  der  entsprechenden  Be¬ 
handlung  beschwerdefrei  die  Klinik. 

Soviel  über  die  Diagnose  der  Adhaesionsbeschwerden,  die  durch 
das  Pneumoperitoneum  eine  erfreuliche  Erleichterung  und  Verfeine¬ 
rung  erfahren  hat.  Aber  auch  bei  Anwendung  dieser  Un¬ 
ter  s  u  c  h  u  ng  s  m  e  t  h  o  d  e  wird  stets  die  Möglichkeit  zu 
berücksichtigen  sein,  dass  die  festgestellten  Ad¬ 
haesionen  nicht  für  die  geklagten  Beschwerden  ver¬ 
antwortlich  zu  sein  brauchen-. 

Was  schliesslich  die  Behandlung  der  postoperativen  Adhaesionen 
anbetrifft,  so  ist  zunächst  zu  entscheiden,  wann  operiert  werden  soll. 
Ausser  bei  Ileus  tritt  das  operative  Vorgehen  in  sein  Recht, 
wenn  die  geklagten  Beschwerden  einen  streng  loka¬ 
lisierten  und  konstanten  Charakter  haben  und  wenn 
sie  mit  dem  im  Pneumoperitoneum-  erhobenen  Be¬ 
funde  übereinstimmen.  Wir  möchten  die  Forderung  aufstel¬ 
len,  dass,  wenn  nicht  etwa  Ileus  besteht,  die  Adhaesionsbeschwerden 
nur  auf  Grund  dieser  Unters  uchungsmethode  und  bei 
genauer  Kongruenz  des  erhobenen  Befundes  und  der 
geklagten  Beschwerden  zur  Operation  gelangen 
sollen.  Dadurch  ist  sicher  eine  grosse  Zahl  der  ohne  strengte  Indika¬ 
tion-  und  unnötig  aus-geführten  Relaparotom-ien  wegen  Adhaesionsbe- 
schwerden  zu  vermeiden.  Dabei  ist  auch  zu  berücksichtigen,  dass  die 
peritonealen  Verwachsungen  einer  spontanen  Rückbildung  fähig  sind, 
wie  auch  von  Flesch-Thebesius  kürzlich  wieder  hervor-gehoben 
worden  ist.  Eine  zu  frühzeitige  erneute  Operation  würde  -dann  nichts 
weiter  erreichen,  als  dass  sich  wieder  neue  Adhaesionen  bilden,  also 
das  Gegenteil  von-  dem,  was  erreicht  werden  sollte. 

Wii  möchten  also  unsern  zurückhaltenden  Standpunkt  in  -der  ope¬ 
rativen  Behandlung  der  Adhaesionsbeschwerden,  immer  vorausgesetzt, 
dass  kein  Ileus  und  keine  Strangsymptome  bestehen,  damit  begründen, 
dass 

erstens  sich  unter  der  Diagnose  „Adhaesionsbeschwerden“  oft  ein 
anderes  Leiden  verbirgt, 

zweitens  eine  Relaparotomie  meistens  neue  Adhaesionen  sich  aus- 
bilden  lässt  un-d- 

driUens  in  gewissem  Grade  auch  eine  spontane  Rückbildung  der 
Adhaesionen  möglich  ist. 

Unter  den  nicht  operativen  Behandlungsmethoden 
hat  sich  die  Magnetbehandlung  des  eisengefüllten  Darmes  nach  Payr 
bisher  nicht  eingeführt.  Sehr  zweckmässig  scheint  uns  jedoch  die 
Saugbehandlung  nach  Kr  oh14)  zu  sein,  über  die  wir  jedoch  keine 
eigenen  Erfahrungen  haben.  Auch  die  Anwendung  des  Pneumoperi¬ 
toneums  zur  Adhaesions  be  Handlung  nach  N  a  e  g  e  1  i  ist  noch  zu 
neu,  um  schon  beurteilt  werden  zu  können.  Sie  verdient  aber  der 
Nachprüfung  und  verspricht  Erfolg.  Es  wäre  erfreulich,  wenn  diese 
von  G  ö  t  z  e 15) 'erfundene,  so  sinnreiche  röntgenologische  Methode  auch 

1 ’)  Hess:  M.m.W.  1918  S.  1382.  —  A.  Mayer:  Ueber  abnorme  Kon- 
traktionsphänomene  am  Darm  (segmentärer  Darmkrampf).  Zbl.  f.  Gyn  1921 
Nr.  45.  14)  M.m.W.  1914  Nr.  7. 

15)  M.m.W.  1918  Nr.  46. 


» 


3* 


302 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  9 


therapeutischen  Wert  gewänne.  Eines  kann  man  schon  sicher 
sagen,  dass  durch  das  Pneumoperitoneum  die  Diagnostik  der  Ad¬ 
häsionsbeschwerden  ein  grosses  Stück  weiter  gekommen  ist.  Es  hat 
uns  besonders  gezeigt,  dass  die  Relaparotomien  einzuschränken 
sind  und  dass  wir  von  dem  erstrebten  Ideal,  so  zu  operieren^  dass 
überhaupt  keine  ungewollten  Adhaesionen  entstehen,  noch  weit  entfernt 
sind. 


Aus  der  Psychiatrischen  und  Nervenklinik  der  Universität 
Leipzig.  (Direktor:  Qeheimrat  Bumke.) 

Die  pathologische  Anatomie  des  Gehirns  in  ihren  Be¬ 
ziehungen  zur  Psychiatrie*). 

Von  Dr.  B.  Klarfeld,  wissenschaftl.  Assistenten  und  Vorstand 
des  histopathologischen  Laboratoriums. 

M.  H.!  Die  Entwicklung  der  klinischen  Psychiatrie  begann  mit  dem 
Augenblick,  wo  sich  die  Erkenntnis  von  dem  Zusammenhänge  der 
Psychiatrie  mit  der  somatischen  Medizin  durchgesetzt  hatte.  Der  Zu¬ 
sammenhang  zwischen  Körper  und  Geist,  die  funktionelle  Zuordnung 
des  Psychischen  zum  Physischen  ist  ja  eine  selbstverständliche  Voraus¬ 
setzung  der  naturwissenschaftlichen  Betrachtungsweise.  Geisteskrank¬ 
heiten  sind  Gehirnkrankheiten,  oder  wie  es  K  r  a  e  p  e  1  i  n  ausdrückt, 
sind  die  psychischen  Erscheinungsformen  mehr  oder  weniger 
feiner  Gehirnveränderungen,  was  natürlich  nicht  sagen  will, 
dass  die  Gehirnveränderungen  in  jedem  Falle  morphologischer  Art  sein 
müssen.  Allerdings  kann  uns  auch  die  genaueste  Kenntnis  der  mate¬ 
riellen  Vorgänge  im  Gehirn  nichts  über  die  Einzelheiten  des  psychischen 
Geschehens  sagen.  Das  körperliche  und  das  psychische  Geschehen  sind 
inkommensurabel,  die  funktionelle  Zuordnung  darf  nicht  als  ein  grober 
Parallelismus  gedacht  werden.  Die  psychischen  Erscheinungen  müssen 
für  sich  erforscht  werden,  das  ist  das  Gebiet  der  Psychopathologie. 
Dagegen  werden  wir  bestrebt  sein  zu  erkennen,  inwieweit  gesetz- 
massige  Beziehungen  zwischen  bestimmten  Gehirnveränderungen  und 
bestimmten  psychischen  Symptomenkomplexen  bestehen. 

Die  moderne  klinische  Psychiatrie  bemüht  sich,  analog  der  soma¬ 
tischen  Medizin  Krankheitseinheiten  herauszuarbeiten,  Einheiten,  die 
eine  bestimmte  Aetiologie,  ein  charakteristisches  klinisches  Bild,  einen 
bestimmten  Verlauf  und  Ausgang  und  einen  besonderen  anatomischen 
Befund  haben.  Der  pathologischen  Anatomie  fällt  die  Aufgabe  zu,  zu 
dem  Gesamtbilde  der  psychischen  Krankheit  die  besondere  Art  des 
Hirnbefundes  zu  ermitteln.  Bei  der  Eigentümlichkeit  der  Psychiatrie, 
die  zwei  Reihen  von  zwar  verbundenen,  aber  miteinander  nicht  ver¬ 
gleichbaren  Tatsachen,  das  körperliche  und  das  psychische  Geschehen 
erforscht  und  nebeneinander  stellt,  kann  die  Lösung  der  Aufgabe  nur 
in  engster  Fühlung  mit  der  Klinik  gelingen.  Die  Problemstellung,  die 
in  gleichem  Masse  die  Bedürfnisse  der  Psychopathologie  wie  der. soma¬ 
tischen  Medizin  berücksichtigen  muss,  kann  für  die  Anatomie  der 
Geisteskrankheiten  nicht  lediglich  nach  den  Gesichtspunkten  der  patho¬ 
logischen  Anatomie  erfolgen.  Die  pathologische  Anatomie  der  Geistes¬ 
krankheiten  fällt  nicht  mit  der  pathologischen  Anatomie  des  Gehirns 
zusammen:  sie  hat  eine  besondere  Problemstellung,  verfolgt  besondere, 
von  der  Klinik  vorgeschriebene  Ziele  und  ist  daher  als  eine  ange¬ 
wandte  Wissenschaft,  als  eine  angewandte  pathologische  Anatomie  des 
Gehirns  anzuseHfen. 

In  verhältnismässig  wenigen  Jahren  hat  die  Anatomie  der  Geistes¬ 
krankheiten  recht  Erhebliches  für  die  Psychiatrie  geleistet.  Ich  er¬ 
innere  nur  an  die  Abgrenzung  der  Paralyse  von  den  „paralyseähnlichen 
Krankheitsbildern  einerseits,  von  den  sog.  einfach  luetischen  Gehirn¬ 
erkrankungen  anderseits.  Auch  darf  nicht  vergessen  werden,  dass  es 
schliesslich  doch  die  Anatomie  gewesen  ist,  die  durch  den  Nachweis 
von  Spirochäten  im  Paralytikergehirn  den  endgültigen  Beweis  für  die 
luetische  Natur  der  Paralyse  geführt  hat.  Auf  dem  Gebiete  der  Er¬ 
krankungen  des  Rückbildungsalters  war  es  im  wesentlichen  die  Ana¬ 
tomie,  die  die  Unterscheidung  der  spezifisch  senilen  Erkrankungen  von 
den  auf  Gefässveränderungen  beruhenden  ermöglicht  hat.  Auch  die 
Erkenntnis  von  dem  Zusammenhänge  gewisser  präseniler  Erkrankungen, 

1  insbesondere  der  Alzheimer  sehen  Krankheit  mit  dem  Altersblödsinn 
haben  wir  der  Anatomie  zu  verdanken.  Das  Gebiet  der  Epilepsien 
wurde  mit  Hilfe  der  Anatomie  aufgeteit.  Dass  man  heute  symptoma¬ 
tische  Epilepsien  auf  atherosklerotischer,  luetischer,  enzephalitischer 
Grundlage  von  der  genuinen  Epilepsie  unterscheidet,  ist  ein  Verdienst 
der  Anatomen.  Auch  einige  Formen  von  Idiotie,  die  tuberöse 
Sklerose,  die  beiden  Formen  der  amaurotischen  Idiotie,  die 
kongenital-luetischen  Erkrankungen,  gewisse  Entwicklungsstörungen  sind 
anatomisch  erforscht  worden.  Auf  anderen  Gebieten  ist  es  zwar  nicht 
gelungen,  die  Hirnveränderung  in  ihrer  Besonderheit  zu  erfassen,  so 
doch  wenigstens  den  Nachweis  zu  führen,  dass  es  sich  um  organische 
Erkrankungen  handelt.  Dies  gilt  z.  B.  für  gewisse  präsenile  Psychosen, 
auch  für  Fälle  von  Dementia  praecox,  für  Intoxikations-  und  Infektions¬ 
psychosen. 

Man  hört  es  nicht  selten  sagen,  die  Anatomie  der  Geisteskrank¬ 
heiten  habe  ihr  Bestes  schon  gegeben,  sie  könne  für  die  Psychiatrie 
nichts  mehr  leisten.  Dies  ist  ein  Irrtum.  Gewiss  überstürzen  sich 
heute  nicht  die  Erfolge,  wie  dies  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  gewesen 
ist.  Der  Fortschritt  jener  Epoche  kann  aber  auch  nicht  zum  Mass- 

*)  Vortrag,  gehalten  in  der  Medizinischen  Gesellschaft  zu  Leipzig.  Sitzung 
vom  13.  Dezember  1921. 


stab  genommen  werden.  Damals  machte  man  sich  an  Probleme  herai 
deren  Lösung  im  Prinzip  gelingen  musste,  weil  es  sich  um  grob-org; 
msche  Erkrankungen  handelte.  Paralyse,  atherosklerotischc  Erkrai 
kungen,  senile  und  präsenile  Demenz,  alles  Erkrankungen  mit  scho 
makroskopisch  wahrnehmbarer  organischer  Grundlage,  deren  Erfoi 
schung,  nachdem  N  i  s  s  1  und  Alzheimer  den  W  eg  gezeigt  hattei 
im  Prinzip  gelingen  musste.  Heute  liegen  die  Dinge  ganz  ander 
Heute  suchen  wir  nach  den  Hirnveränderungen  derjenigen  Geiste: 
krankheiten,  wo  es  gar  nicht  im  vorhinein  feststeht,  dass  da  morpht 
logische  Veränderungen  überhaupt  vorhanden  sind.  Bei  Dementia  prai 
cox,  Epilepsie,  klimakterischen  Psychosen,  toxischen  und  infektiöse 
Erkrankungen  sehen  wir  nicht  sehen  mit  dem  blossen  Auge,  dass  g< 
staltliche  Hirnveränderungen  in  jedem  Falle  vorhanden  sind.  Hii 
handelt  es  sich  um  Veränderungen,  wenn  sie  vorhanden  sind,  feiner: 
Art,  für  die  wir  zum  Teil  erst  eine  Untersuchungsmethodik  ausarbeiti 
müssen.  Veränderungen,  zu  deren  Verständnis  wir  eine  genaue  Kenn 
nis  der  biologischen  Vorgänge  im  Nervensystem  brauchen.  Die  Fo 
schungen  Heids  haben  unsere  Kenntnisse  von  der  Struktur,  den  Z> 
sammenhängen  und  der  Biologie  des  Nervensystems  ganz  neu  g< 
staltet;  für  das  Verständnis  des  pathologischen  Geschehens  aber  \vu 
den  diese  neuen  Erkenntnisse  noch  lange  nicht  genügend  verwerte 
Ich  glaube,  in  so  manchem  Falle  soll  das  pathologische  Moment  gai  nie 
in  einer  primären  Erkrankung  der  Nervenzelle,  der  Nervenfaser  g 
sucht  werden,  sondern  in  einer  Störung  der  innigen  Beziehungen  d 
Nervenelemente  und  der  Glia.  Ich  stelle  mir  die  physiologische  Arbeit 
teilung  und  dementsprechend  auch  die  physiologische  Integration  i 
Nervengewebe  so  weit  fortgeschritten  vor,  dass  die  nervösen  Elemen 
im  wesentlichen  nur  noch  ihre  spezifischen  Funktionen  auszuüben  ve 
mögen;  die  vegetativen  dürften  zum  grössten  Teil  von  der  Glia  übt 
nornmen  worden  sein.  So  dass  die  Nervenzelle  erst  im  Verein  mit  d 
Glia  lebensfähig  und  funktionell  vollwertig  ist.  Nervenzelle  und  G 
zusammen  bilden  sozusagen  eine  Lebenseinheit,  zusammen  müssi 
sie  jeden  Reiz,  jede  Schädigung  beantworten.  Ich  glaube,  dieselbe  Ko 
zeption  hat  N  i  s  s  1  vorgeschwebt,  als  er  bei  der  Darstellung  der  tyi 
sehen  Zellerkrankungen,  seiner  schweren  und  akuten  Zellveranderur 
darauf  hinwies,  dass  zur  Charakterisierung  der  Nervenzellerkrankui 
eine  bestimmte  Giiaveränderung  gehöre.  Zum  Begriff  der  schwer 
Zellveränderung  Nissls  gehört  einerseits  die  Verflüssigung  c 
Ganglienzelle,  andererseits  die  amöboide  Umwandlung  der  Glia.  LI 
akute  Zellerkrankung  Nissls  ist  eine  Schwellung  der  Ganghenze 
plus  eine  bestimmte  progressive  Veränderung  der  Glia.  Ich  glaube  nie 
dass  diese  Veränderung  der  Glia  als  eine  lediglich  sekundäre  Erscheint! 
im  Sinne  W  e  i  g  e  r  t  s  aufzufassen  sei.  Wir  besitzen  Anhaltspunl 
dafür,  dass  die  Glia  eine  das  Nervensystem  betreffende  Schädigung  au 
direkt  beantwortet  und  nicht  nur  sekundär,  nach  vorheriger  Schädigu 
der  nervösen  Elemente.  Nervenelemente  und  Glia  reagieren  zusamm 
auf  eine  gesetzte  Schädigung,  d.  h.,  dass  erst  die  Summe  der  nervös 
und  gliösen  Veränderungen  der  Ausdruck  der  gesetzten  Schädigu1 
und  der  geweblichen  Reaktion  ist.  Eine  bestimmte  Ganglienzellv 
änderung  mit  neurophagischen  Erscheinungen  an  der  umgebenden  C 
ist  der  Ausdruck  einer  qualitativ  oder  quantitativ  anderen  Schädigu 
als  dieselbe  Ganglienzellveränderung  ohne  die  neurophagischen 
scheinungen. 

Die  konsequente  Durchführung  dieser  Anschauung  von  der  fu 
tionellen  Einheitlichkeit  des  Systems  Nervenelement  plus  Glia  wu 
unsere  Auffassung  der  pathologischen  Vorgänge  im  Nervensyst 
wahrscheinlich  nicht  unwesentlich  modifizieren.  Ich  kann  hier  auf  dii 
Fragen  nicht  näher  eingehen,  ich  möchte  nur  erwähnen,  dass  wa: 
scheinlich  auch  unsere  Auffassung  der  entzündlichen  Vorgänge  ; 
Nervengewebe  einer  Ueberprüfung  unterzogen  werden  müsste.  M 
wären  imstande,  in  dem  System  Nervenzelle  plus  Glia  eine  rein  regr 
slve  Störung  von  einer  progressiven  Veränderung  zu  unterscheiden  ■ 
müssten  uns  daher  mit  dem  V  i  r  c  h  o  w  sehen  Begriff  einer  parenchx 
tosen  Entzündung  auseinandersetzen.  Ich  kann  auf  diese  Fragen  ni 
eingehen,  nicht  nur  weil  die  Zeit  drängt,  sondern  auch  weil  sie  n 
lange  nicht  spruchreif  sind.  j 

Die  Schwierigkeiten,  mit  denen  die  Anatomie  der  Geisteskrai 
heiten  auf  ihrer  jetzigen  Entwicklungsstufe  zu  kämpfen  hat,  sind  zl 
Teil  recht  erheblich.  Die  feinen  Gewebsveränderungen,  mit  denen  jj 
es  jetzt  zu  tun  haben,  kommen  nicht  nur  als  das  anatomische  Komi 
psychischer  Erkrankungen  vor,  sie  können  unter  Umstäiden  der  Ar 
druck  einer  schweren  körperlichen  Schädigung  sein,  oder  auch  nur  1‘ 
Eingriffes,  den  der  Tod  bedeutet.  Wir  sind  daher  gezwungen,  in  eint 
jeden  Falle  zu  sondern,  was  von  dem  histopathologischen  Gesamtbif 
in  eine  Beziehung  zur  Psychose  gebracht  werden  kann,  und  was  f 
die  erwähnten  Schädlichkeiten  zurückgeht.  j 

Dazu  kommt,  dass  die  Dauer  der  psychischen  Erkrankungen  ha* 
recht  lang  ist.  Die  anatomischen  Veränderungen  wechseln  je  nach  il 
Entwicklungsstadium  der  Erkrankung.  Wir  können  daher  bei  einem 
demselben  Prozess  verschiedene  Veränderungen  antreffen,  je  nach  öl 
Stadium,  in  dem  der  Kranke  verstarb.'  Es  bedarf  einer  dauernden  K 
trolle  an  der  Hand  der  Klinik,  um  den  Entwicklungsgang  der  anato 
sehen  Veränderungen  rekonstruieren  zu  können.  1 

Und  eine  andere  Schwierigkeit,  die  in  dem  eigentümlichen  Verhall 
der  Anatomie  der  Geisteskrankheiten  zur  klinischen  Psychiatrie  begr 
det  ist.  Die  Problemstellung  geht  von  der  klinischen  Psychiatrie  ö 
dafür  muss  aber  auch  die  Klinik  einwandfreie,  eindeutige  Fälle 
Grundlage  der  anatomischen  Untersuchungen  liefern.  Das  kann  * 
Klinik  in  vielen  Fällen  nicht.  So  kann  uns  der  Kliniker  nicht  sag 
ob  die  Dementia  praecox  als  eine  einheitliche  Erkrankung  oder  als  f 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


3Ü3 


nkheitsgruppe  aufzufassen  ist.  Ob  gewisse  Fälle  von  Katatonie  in 
t  Rahmen  der  Dementia  praecox  hineingehören  oder  auch  nicht, 
jnso  unpräzis  sind  die  Anschauungen  über  die  Abgrenzung  gewisser 
tinfektiöser  Schwächezustände  von  der  Dementia  praecox,  über  die 
itkatatonie,  über  gewisse  präsenile  Erkrankungen.  Allerdings  hat 
h  die  Klinik  hier  mit  sehr  verwickelten  Verhältnissen  zu  tun.  Das 
lim  ist  ja  nur  ein  Teil  des  Qesamtkörpers,  seine  Erkrankungen  sind 
fig  nicht  primär,  sondern  die  Folge  der  Erkrankung  eines  anderen 
;ans.  So  sind  es  namentlich  Stoffwechselstörungen,  die  das  Ge- 
1  in  Mitleidenschaft  ziehen,  Störungen  in  der  Tätigkeit  des  endo- 
len  Systems.  Manches  spricht  dafür,  dass  die  eigentliche  Ursache 
ger  Geistesstörungen,  der  Dementia  praecox,  der  genuinen  Epilepsie 
um  nicht  von  der  Basedowpsychose,  dem  Kretinismus,  dem  hypo- 
sären  Infantilismus  zu  sprechen  — ,  in  der  Dysfunktion  einer  Blut- 
$e  oder  des  endokrinen  Systems  zu  suchen  ist.  Die  Gehirnverände- 
g  ist  hier  sekundär,  wobei  es  noch  fraglich  bleibt,  inwieweit  auch 
ogerie  Momente  anderer  Art,  wie  die  besondere  Veranlagung  des 
lirns  eine  Rolle  spielen.  Die  psychische  Erkrankung  ist  häufig  die 
ultante  mehrerer  Faktoren,  deren  Anteil  im  einzelnen  nicht  leicht  zu 
timmen  ist.  Eine  Klärung  kann  hier  nur  durch  das  Ineinandergreifen 
ischer  und  anatomischer  Forschung  herbeigeführt  werden. 

Trotz  dieser  prinzipiellen  Schwierigkeiten  mangelt  es  auch  heute 
it  an  Problemen,  an  deren  Lösung  die  Anatomie  mit  ihren  heutigen 
teln  erfolgreich  mitwirken  kann.  So  z.  B.  auf  dem  Gebiete  der  Idio- 
.  Idiotie  ist  ein  klinisch-symptomatologischer,  kein  nosologischer 
;riff.  Die  Hirnveränderung,  die  dem  klinischen  Bilde  des  Sclnvach- 
is  zugrunde  liegt,  kann  ganz  verschieden  und  das  Endresultat  gar  ver- 
edener  Prozesse  sein.  Wohl  hat  man  mehrere  Formen  der  Idiotie 
lusgehoben  und  eine  jede  für  sich  analysiert,,  aber  eine  grosszügige, 
immenfassende  Bearbeitung  des  Gebietes  steht  noch  aus.  A  1  z  - 
im  er  hatte  es  vorgehabt,  hat  auch  ein  wertvolles  Material  zu- 
imengebracht,  leider  starb  er,  ohne  seine  Untersuchungen  zu  einem 
chluss  gebracht  zu  haben.  Die  klinische  Psychiatrie  verlangt  nach 
;r  systematischen  Einteilung  der  Idiotien,  Bumke  bezeichnet  es 
eine  dringende  wissenschaftliche  Aufgabe,  die  grosse  Masse  der 
eborenen  oder  früherworbenen  Schwächezustände  rtach  ätiologischen, 
comischen  und  klinischen  Prinzipien  in  verschiedene  Krankheiten  zu 
egen.  Ich  glaube  mit  Ziehen,  dass  eine  Einteilung  nach  ätio- 
schen  Prinzipien  auf  sehr  grosse  Schwierigkeiten  stossen  würde, 
mehr  Aussichten  bietet  eine  pathologisch-anatomische  Einteilung, 
sie  von  Bourneville  versucht  worden  war.  Vor  allem  müssten 
beiden  grossen  Gruppen  der  Idiotie  durch  Entwicklungsstörung  und 
:h  postfötale  Krankheitsprozesse  reinlich  geschieden  werden.  Inner- 
der  Gruppe  der  Idiotien  durch  Entwicklungsstörung  hätten  wir  die¬ 
sen  Formen,  die  durch  „primäre  Aplasie“,  durch  eine  „idiogene“ 
vicklungsstörung  verursacht  werden,  von  den  anderen  zu  trennen, 
denen  es  sich  um  eine  „sekundäre  Aplasie“,  eine  „peristatische“ 
Wicklungsstörung  handelt.  Soviel  ich  sehe,  wird  diese  zweite 
ppe  auf  Kosten  der  ersteren  immer  mehr  erweitert.  So  z.  B.  werden 
mit  einer  Porenzephalie  vergesellschafteten  Mikrogyrien  und  Hetero- 
en  der  grauen  Substanz  auf  eine  Störung  der  Korrelationen,  auf  einen 
fall  von  „Bildungsreizen“  zurückgeführt.  Die  Unterscheidung  zwi¬ 
rn  echter  und  erworbener  Porenzephalie  wird  aufgegeben,  man  er- 
t  alle  Porenzephalien  für  fötal  erworbene  Schädigungen.  Die  ex- 
mentellen  Arbeiten  von  Spatz  über  die  besondere  Reaktionsweise 
unreifen  Nervengewebes  machen  es  in  der  Tat  wahrscheinlich,  dass 
1  die  sog.  echten  Porenzephalien  das  Resultat  einer  sehr  frühen 
idigung  des  Gehirnes  sind.  Die  Beantwortung  dieser  Fragen  wäre 
die  Psychiatrie  von  prinzipieller  Bedeutung,  da  sie  uns  vielleicht  sehr 
itige  Aufschlüsse  über  die  Rolle  der  Vererbung,  wie  der  Keimschädi- 
g  in  der  Entstehung  der  Geisteskrankheiten  geben  könnte. 

Auch  die  durch  chronische  Intoxikationen  bewirkten  Dauerzustände 
en  der  anatomischen  Bearbeitung.  Hier  kommt  in  erster  Linie  der 
nische  Alkoholismus  in  Betracht.  Die  Schwierigkeiten  liegen  hier 
er  relativen- Spärlichkeit  des  Materials  und  auch  darin,  dass  die  An¬ 
ten  der  Kliniker  darüber,  was  als  eine  im  kausalen  Sinne  alkoholische 
;tesstörung  anzusehen  sei,  zum  Teil  auseinandergehen.  So  z.  B. 
in  der  chronische  halluzinatorische  Schwachsinn  der  Trinker  von 
?en  Autoren  als  eine  Dementia  praecox  bei  einem  Alkoholiker  auf- 
sst  wird.  Indessen  sind  diese  Schwierigkeiten  nicht  unüberwind- 
Ein  dankbares  Gebiet  für  die  Anatomie  ist  auch  die  Gruppe  der 
einer^Erkrankung  der  Basalganglien  einhergehenden  Psychosen, 
von  C.  und  0.  Vogt,  Spiel  m  eye  r,  Bielschowsky  u.  a. 
diesem  Gebiete  erzielten  Ergebnisse  ermuntern  zu  weiteren  For¬ 
mten.  Die  Erforschung  gerade  dieser  Gruppe,  wo  eine  anscheinend 
'tzmässige  Verbindung  bestimmter  neurologischer  Symptomenkom- 
e  mit  charakteristischen  psychischen  Krankheitsbildern  gefunden 
1  —  die  Erforschung  gerade  dieser  Gruppe  kann  uns  wichtige  Auf- 
usse  über  den  Aufbau  des  Psychismus  geben.  Ich  kann  hier  nicht 
er  auf  diese  Probleme  eingehen,  sie  £ind  viel  zu  komplex,  um  in 
ee  auch  nur  flüchtig  skizziert  werden  zu  können. 

Beim  Studium  dieser  Gruppe  müssen  wir  u.  a.  auch  auf  die  Frage 
i  den  inneren  Zusammenhängen  der  einzelnen  Hirngebiete  stossen. 
möchte  hier  nicht  auf  die  Frage  der  lokalisatorischen  Einteilung  des 
irns  in  ihren  Beziehungen  zum  Psychischen  eingehen.  Welche  An¬ 
mutigen  man  auch  darüber  haben  mag,  die  Forderung  einer  exakten 
alisierung  der  festgestellten1  histopathologischen  Veränderungen  ist 
ihaus  berechtigt  und  selbstverständlich.  Die  Aufgabe  wird  uns 
wesentlich  erleichtert  durch  die  grossartigen  Vorarbeiten  von 
; c h s i g,  Brodmann,  Vogt,  v.  Monakow.  Wir  werden  ver¬ 


suchen  müssen,  sowohl  die  areale  wie  die  laminäre  Lokalisation  zu 
berücksichtigen.  Allerdings  wird  man  hier  zu  einer  Technik  greifen 
müssen,  die  zahlreiche  Arbeitskräfte  und  grosse  Mittel  voraussetzt. 

M.  H.l  Ich  könnte  hier  noch  manches  aufzählen,  was  die  heutige 
Anatomie  der  Psychosen  mit  der  heutigen  Methodik  in  Angriff  nehmen 
kann.  Doch  möchte  ich  Ihre  Geduld  und  Ihre  Zeit  nicht  über  Gebühr 
in  Anspruch  nehmen.  Um  so  mehr  als  ich  noch  einige  Worte  über  die 
Entwicklungstendenzen  unserer  Disziplin  sagen  möchte.  In  Anlehnung 
an  die  Untersuchungen  von  W  1  a  s  s  a  k  und  insbesondere  von  Reich 
hat  es  Alzheimer  unternommen,  die  Stoffwechselvorgänge,  ganz 
besonders  die  Abbauerscheinungen  im  Nervensystem  unter  pathologi¬ 
schen  Verhältnissen  mit  Hilfe  mikrochemischer  und  farbenanalytischer 
Methoden  zu  erforschen.  Ich  brauche  kaum  daran  zu  erinnern,  wie  wich¬ 
tige  Erkenntnisse  wir  diesen  Forschungen  verdanken.  In  einer  Reihe 
von  Psychosen,  bei  denen  uns  die  üblichen  Methoden  im  Stiche  ge¬ 
lassen  hatten,  gelang  es  Alzheimer  mit  Hilfe  seiner  Technik  einen 
ausgedehnten  Zerfall  des  Nervengewebes  nachzuweisen  und  so  den  Be¬ 
weis  der  organischen  Natur  der  Erkrankung  zu  führen.  So  für  die  akute 
Katatonie,  den  genuin-epileptischen  Anfall,  gewisse  Erkrankungen  des 
Rückbildungsalters. 

Diese  Forschungsrichtung  gewinnt  an  Bedeutung,  wenn  man  be¬ 
denkt.  wieviel  Gewicht  auf  einen  pathologischen  Abbau  des  Nerven¬ 
gewebes  als  Grundlage  der  Erkrankungen  in  den  letzten  Jahren  von 
anderer  Seite  her  gelegt  wird.  Es  ist  klar,  dass  wir  mit  der  mikro¬ 
chemischen  Methodik  Vorgänge  erforschen,  die  zum  grossen  Teil  aus¬ 
gleichbar  sind  und  nicht  immer  zu  einer  dauernden  morphologischen  Ver¬ 
änderung  führen.  Dadurch  erweitert  sich  selbstverständlich  in  un¬ 
geahnte/  Weise  das  unsern  Untersuchungen  zugängliche  Gebiet  der 
Gehirnvorgänge  und  ihrer  Abweichungen  unter  pathologischen  Verhält¬ 
nissen.  Hier  liegt  auch  die  Möglichkeit,  einiges  über  den  Mechanismus 
zu  erfahren,  durch  den  das  endokrine  System  in  das  Gehirnleben  ein¬ 
greift.  So  wäre  es  möglich,  dass  wir  mit  Hilfe  der  mikrochemischen 
Methodik  Einblick  gewinnen  könnten  auch  in  dasjenige  Gebiet  der 
Psychosen,  das  man  als  das  organisch-funktionelle  bezeichnet  hat. 

M.  H.l  Es  ist  das  gewöhnliche  Schicksal  einer  jeden  Entwicklung: 
je  tiefer  man  in  das  Wesen  einer  Wissenschaft  eindringt,  je  mehr  das 
Verständnis  für  die  Zusammenhänge  wächst,  um  so  komplizierter  wer¬ 
den  die  Probleme,  um  so  mehr  wächst  ihre  Zahl.  Um  die  Probleme  der 
modernen  Psychiatrie  erfolgreich  in  Angriff  nehmen  zu  können,  bedarf 
es  einer  zielbewussten  Zusammenarbeit  des  Klinikers,  des  Anatomen 
und  des  Chemikers,  einer  Zusammenarbeit,  wie  sie  K  r  a  e  p  e  1  i  n  bei 
der  Konzeption  einer  Forschungsanstalt  für  Psychiatrie  vorgeschwebt 
hat.  In  dieser  Zusammenarbeit  für  das  gemeinsame  Ziel,  die  Erfor¬ 
schung  des  geisteskranken  Menschen,  ist  die  Anatomie  ebenso  unent¬ 
behrlich,  wie  die  Psychopathologie. 


Aus  der  Chirurg.  Universitätsklinik  (Augustahospital)  in  Köln. 

Oesophagusplastik,  Methodik  und  Erfolge*). 

Von  Prof.  Dr  Paul  Frangenheim. 

Gutartige  Verengerungen  des  Oesophagus,  die  jeder  Sondenbehand¬ 
lung  trotzen  oder  zu  Rezidiven  neigen,  erfordern  die  Schaffung  eines 
neuen  Speiseweges.  Ehe  wir  einen  Kranken  zu  einem  lebenslänglichen 
Magenfistelleben  verdammen,  soll  der  künstliche  Ersatz  der  unwegsam 
gewordenen  Speiseröhre  versucht  werden.  Vielleicht  ist  die  Zeit  nicht 
fern,  wo  mit  fortschreitender  Technik  der  einzelne  auf  Grund  persön¬ 
licher  Erfahrungen  die  Oesophagusplastik  der  Sondenbehandlung  mit 
ihren  vielen  Gefahren  und  ihren  Unbequemlichkeiten  für  den  Kranken 
vorzieht. 

Nachdem  der  Dünndarm,  der  Dickdarm,  der  Magen  ganz  oder  zum 
Teil,  ferner  die  Brusthaut  in  Form  eines  antethorakalen  Hautschlauches 
allein  oder  in  Verbindung  mit  Dünndarm,  Dickdarm  oder  Magen  zum 
Ersatz  der  Speiseröhre  verwendet  wurden,  sind  die  Möglichkeiten  der 
Oesophagusplastik  erschöpft.  Die  klinische  Beobachtung,  die  Erfolge 
werden  ergeben,  ob  das  eine  oder  andere  Verfahren  als  die  Methode 
der  Wahl  zu  bezeichnen  ist  oder  ob  alle  gleich  gute  Resultate  er¬ 
geben. 

Ax hausen  sieht  in  der  Vereinigung  von  Dünndarm 
mit  einem  antethorakalen  Hautschlauch  die  Methode  der 
Wahl.  Die  meisten  Kranken  wurden  bisher  auf  diese  Weise  operiert. 
Wir  verfügen  in  der  Literatur  schon  jetzt  über  eine  grössere  Anzahl 
von  Dauerresultaten  und  sind  somit  imstande,  Endgültiges  über  dieses 
Verfahren  zu  berichten.  Das  Verfahren  eignet  sich  für  jugendliche  und 
ältere  Kranke  und  wird  dann  angewandt  werden,  wenn  es  nicht  gelingt, 
eine  ausgeschaltete  Jejunalschlinge  nach  dem  ursprünglichen  Vorschläge 
von  Roux  bis  zum  Jugulum  emporzuführen.  Besteht  diese  Möglich¬ 
keit  ■*—  und  bei  Kindern  gelingt  es  anscheinend  nach  unseren  Er¬ 
fahrungen-  und  denen  anderer  fast  stets,  die  Dünndarmschlinge  bis 
zum  Halse  heraufzuführen  — ,  so  ist  diese  Roux  sehe  Methode  unter 
allen  Umständen  einfacher  und  aus  diesem  Grunde  der  Verwendung 
von  Dünndarm  mit  einem  Hautschlauch  (Lex  er,  Wu  listein)  vor¬ 
zuziehen.  Die  Kürze  des  Mesenteriums  und  die  mit  zunehmendem 
Alter  stets  ungünstigere  Gefässversorgung  setzen  dem  Roux  sehen 
Verfahren  bestimmte  Grenzen.  Bei  zu  kurzem  Mesenterium  wird  die 
ausgeschaltete  Schlinge  nur  soweit  heraufgeleitet,  als  die  anatomischen 

*)  Vorgetragen  in  der  Sitzung  der  Med.-Wissenschaftl.  Gesellschaft  an 
der  Universität  Köln  am  13.  Januar  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Verhältnisse  es  gestatten.  Die  Beobachtung  bei  der  Operation  zeigt  | 
auch,  ob  die  Gefässversorgung  eine  ausreichende  ist;  wenn  sie  un-  j 
genügend  ist,  kann  die  Dünndarmschlinge  manchmal  nur  bis  zum 
Schwertiortsatz,  bestenfalls  bis  in  die  Höhe  der  Brustwarzen  ausgeleitet 
werden.  Die  Kürze  des  Mesenteriums  des  Dünndarmes  führte  zur 
Ver  wendung  des  Dickdarmes  (K  ellin  g,  Vulliet)  an  Stelle 
des  Jejunums.  Aber  auch  am  Dickdarm  (Colon  transversum)  gibt  es 
anatomische  Verhältnisse,  die  die  Verwendung  dieses  Darmabschnittes 
zur  Oesophagusplastik  unmöglich  machen:  zu  kurzes  Mesenterium, 
ungenügende  Beweglichkeit  der  beiden  Flexuren,  und  hierdurch  Schwie¬ 
rigkeiten  bei  der  Enteroanastomose  nach  Ausschaltung  des  Colon  trans- 

versum.  ,  D .  . 

Gegen  die  Verwendung  des  Dickdarmes  sprechen  nach  B  1  a  u  e  l 
die  grössere  Infektionsgefahr  und  ein  physiologischer  Grund,  nämlich 
die  Verbindung  eines  stark  säurebildenden  Teiles  des  Verdauungs- 
traktus  mit  einem  Teile,  der  nur  ein  schwach  alkalisches  Sekret  in 
massiger  Menge  liefert.  Dadurch  könnte  die  notwendige  _  Neutrali¬ 
sierung  des  Magensaftes  vielleicht  eine  unvollkommene  sein,  sobald 
dieser  in  dem  ausgeschalteten  Dickdarm  aufwärts  steigt.  Damit  soll 
auch  bei  der  Verwendung  eines  Hautschlauches  der  notwendige  Schutz 
für  diesen  fortfallen,  ln  der  Literatur  sind  Nachteile  über  die  Verwen¬ 
dung  des  Dickdarmes  nicht  bekannt  geworden. 

Sowohl  die  Verwendung  des  Dünndarmes  wie  die  des  Dickdarmes 
mit  der  meist  in  einer  Sitzung  auszuführenden  Enteroanastomose,  der 
Magendarmvereinigung,  und  der  Ausleitung  der  ausgeschalteten  Dünn¬ 
darmschlinge  nach  der  Tunnelierung  der  Brusthaut  bedeuten  für  die  elen¬ 
den  Kranken  stets  einen  sehr  grossen  Eingriff.  Durch  die  Verteilung 
der  genannten  Operationen  auf  mehrere  Sitzungen  hoffte  man  die  in  der 
Regel  zuerst  auszuführende  Darmausschaltung  und  -ausleitung  weniger 
eingreifend  zu  gestalten  Die  Verwendung  des  Magens  zum 
Ersatz  des  Oesophagus  brachte  die  gewünschte  Vereinfachung  des  Ver¬ 
fahrens,  sofern  ein  Teil  der  Vorderwand  des  Magens  (Hirsch)  oder 
die  grosse  Kurvatur  (Jianu)  zur  Schlauchbildung  benutzt  wurden. 
Die  Zahl  der  auf  diese  Weise  operierten  Kranken  ist  noch  gering. 
Gewisse  Schwierigkeiten  wird  die  Verwendung  eines  Teiles  des  Magens 
immer  bereiten,  da  der  Magen  bei  länger  bestehenden  Verengerungen 
der  Speiseröhre  oft  hochgradig  geschrumpft  ist.  Die  von  K  i  r  s  c  h  n  e  r 
empfohlene  und  bisher  von  ihm  einmal  mit  bestem  Erfolge  ausgeführte 
Verwendung  des  ganzen  Magens  zur  Oesophagusplastik  ist 
jedenfalls  den  Teilplastiken  vorzuziehen,  besonders  wenn  es,  wie  in 
dem  K  i  r  s  c  h  n  e  r  sehen  Falle,  gelingt,  den  unter  die  Brusthaut  ver¬ 
lagerten  Magen  direkt  mit  dem1  am  Halse  quer  durchtrennten  Oeso¬ 
phagus  zu  vereinigen.  Wenn  der  Heilverlauf  bei  allen  auf  diese  Weise 
operierten  Kranken  stets  ein  so  günstiger  ist,  wie  in  dem  Kirschner- 
schen  Falle,  so  wäre  die  Verwendung  des  ganzen  Magens  zum  Ersatz 
der  unwegsam  gewordenen  Speiseröhre  allen  anderen  Operations¬ 
methoden  vorzuziehen.  Wenn  der  Eingriff  an  sich  auch  ein  sehr  grosser 
ist,  so  bietet  doch  die  Beendigung  der  ganzen  Plastik  in  einer  Sitzung 
ausserordentlche  Vorteile. 

Die  von  Esser  empfohlene  Bildung  eines  Haut¬ 
schlauches  aus  Thierschschen  Läppchen  und  die  direkte 
Vereinigung  dieses  Hautschlauches  mit  einer  Gastrostomie  vermeidet 
die  Eröffnung  der  Bauchhöhle  und  ist  dadurch  allen  anderen  Verfahren 
überlegen.  Eine  Nachprüfung  des  Verfahrens  steht  noch  aus. 

Fast  alle  bisher  bekannt  gegebenen  Plastiken  erforderten  eine 
grössere  Anzahl  operativer  Eingriffe  und  erstreckten  sich  über  viele 
Monate,  selbst  Jahre.  Neuere  Veröffentlichungen  lassen  aber  erkennen, 
dass  die  Zahl  der  Einzeleingriffe  immer  geringer  wird  und  die  Fertig¬ 
stellung  der  Oesophagusplastik  dementsprechend  kürzere  Zeit  be¬ 
ansprucht.  Die  Mitteilung  jedes  Einzelfalles  und  aller  Misserfolge  sind 
insofern  von  Wichtigkeit,  als  die  Schwierigkeiten,  die  sich  bei  jedem 
Falle  darboten,  begangene  Fehler  u.  dgl.  allgemein  bekannt  wurden^  und 
so  konnte  ein  jeder  vom  anderen  lernen  und  jene  Fehler  vermeiden, 
die  zu  besonderen  Komplikationen  geführt  hatten. 

Im  vergangenen  Jahre  ist  es  mir  gelungen,  eine  Oesophagusplastik 
nach  Roux  in  3  Sitzungen  ohne  Zwischenoperationen  zu  Ende  zu 
führen.  Die  Plastik  erforderte  8  Wochen.  Wenn  auch  von  dem  letzten 
Eingriff  bis  zu  dem  Augenblick,  wo  der  Kranke  ein  Glas  Wasser  trinken 
konnte,  noch  10  Tage  vergingen,  so  war  doch  schon  vorher  fest¬ 
zustellen,  dass  der  neue  Speiseweg  unmittelbar  nach  der  letzten  Opera¬ 
tion  benutzt  wurde,  denn  der  verschluckte  Speichel  gelangte  nicht  nach 
aussen.  Den  guten  Erfolg  der  Plastik  verdanken  wir  dem  jugendlichen 
Alter  des  Kranken,  nicht  minder  der  Berücksichtigung  alles  dessen,  was 
in  der  Literatur  über  die  Oesophagusplastik  niedergelegt  ist,  wobei  uns 
eigene  Erfahrungen  zugute  kamen.  Wir  lassen  einige  Daten  über  die 
Plastik  folgen; 

Der  6 jähr.  Knabe  trank  vor  1  Yi  Jahren  Sodalösung;  ein  halbes  Jahr 
später  Schluckbeschwerden,  die  durch  Bougierung  gebessert  wurden.  Das 
Kind  konnte  dann  mit  flüssiger  und  breiiger  Kost  ernährt  werden.  14  Tage 
vor  der  Aufnahme  trat  eine  Verschlechterung  ein.  Der  Kranke  konnte  auch 
diese  Nahrung  nicht  mehr  schlucken,  sondern  erbrach  alles. 

Der  Kranke  wiegt  nur  12X>  kg.  Bei  der  Durchleuchtung  zeigt  sich 
nach  Verschlucken  einer  kleinen  Menge  Wismut  eine  Stenose  in  der  Höhe 
des  Abgangs  des  linken  Bronchus.  Eine  Sondierung  gelingt  nicht. 

Zunächst  Anlegung  einer  Magenfistel  durch  den  linken  Rektus  nahe  der 
Kardia.  Da  nach  einiger  Zeit  die  Sondierung  noch  nicht  möglich  ist,  erhält 
der  Kranke  des  öfteren  eine  kleine  Stahlkugel,  armiert  mit  einem  Seiden¬ 
faden  zum  Schlucken;  diese  wurde  stets  erbrochen.  Eine  Sondierung  ohne 
Ende  ist  also  nicht  ausführbar.  Allmähliche  Gewichtszunahme  auf  15 14  kg. 
Oesophagusplastik  nach  Roux. 

14.  111.  1921.  Ausleitung  einer  Dünndarmschlinge.  Die  Kontinuität  des 


Darmes  wird  durch  eine  Scitenanustomose  wieder  helgestellt.  Die  ausgi 
leitete  Schlinge  wird  seitlich  mit  dem  Magen  vereinigt  und  unterhalb  diesi 
Vereinigungsstelle  mit  einem  Seidenfuden  abgeschnürt.  Die  Schlinge  wir 
unter  die  Brusthaut  verlagert.  Sie  reicht  bis  zum  Jugulum. 

14.  IV.  1921t  Quere  Durchtrennung  des  Oesophagus  am  Halse,  d; 
aborale  Ende  wird  übernäht  und  versenkt,  das  orale  zirkulär  mit  der  Hai 

vernäht.  c  . 

9.  V.  1921.  Vereinigung  des  Oesophagus  mit  dem  oberen  Ende  dij 
ausgeleiteten  Dünndarmschlinge  durch  einen  der  linken  Halsseite  entnommen! 
tü'rflügelartigen  Hautlappen.  ,  .  , 

Am  20.  V.  1921  trank  der  Knabe  zum  erstenmale  Flüssigkeit  und  a 
19.  VI.  1921  wurde  er  geheilt  mit  gut  funktionierendem  künstlichem  Oesi'j 

phagus  entlassen.  . 

13.  I.  1922.  Die  Magenfistel  ist  geschlossen.  Der  neue  Speiscwi  ■ 
funktioniert  ausgezeichnet.  Die  unter  der  Brusthaut  verlagerte  DarmschlinJ 
zeigt  lebhafte  Peristaltik  (s.  Abb.). 

Abweichend  von  dem  Roux  sehen  Vorschlag  wurde  die  aul 
geleitete  Darmschlinge  retrokolisch  ausgeleitet,  aber  so,  dass  gleichsaji 
nur  eine  unilaterale  Aus¬ 
schaltung  gemacht  wurde, 
die  Vereinigung  der  Darm¬ 
schlinge  mit  dem  Magen  er¬ 
folgte  durch  eine  Seitenana- 
stomose  und  unterhalb  die¬ 
ser  Anastomose  wurde  die 
ausgeschaltete  Jejunal¬ 
schlinge  nur  abgebunden, 
nicht  durchtrennt.  Das  be¬ 
deutet  eine  geringe  Abkür¬ 
zung  des  Verfahrens.  Die 
quere  Durchtrennung  des 
Oesophagus  am  Halse,  die 
bei  vollkommen  unweg¬ 
samer  Speiseröhre  bedenk¬ 
liche  Folgen  haben  kann  — 

Sekretansammlung,  Zerset¬ 
zung,  Dilatation  — .  ist  ohne 
nachteilige  Folgen  für,  den 
Patienten  gewesen.  Die 
Bildung  des  Oesophagus- 
mundes  am  Halse  gestaltet 
sich  bei  querer  Durchtren¬ 
nung  entschieden  einfacher, 
als  wenn  der  Oesophagus 
nur  quer  halb  axial  eröffnet 
wird. 

Alle  Versuche  des  Oesophagusersatzes  bei  gleichzeitig  yorhandeneö 
Oesophaguskarzinom  sind  bisher  fehlgeschlagen,  das  wird  sich  n 
ändern,  wenn  die  Plastik  erst  nach  radikaler  Beseitigung  des  Karzinor; 
gemacht  wird,  ein  kühner  Wunsch,  dessen  Erfüllung  wir  noch  harrej 
Bei  gutartiger  Verengerung  des  Oesophagus  ist  der  plastische  Ersa 
der  Speiseröhre  des  öfteren  mit  Erfolg  ausgeführt  worden,  der  nunmci 
auch  als  Dauererfolg  zu  bezeichnen  ist,  da  wir  Patienten  kennen,  ci 
seit  12  Jahren  ihren  neuen  Oesophagus  ohne  nennenswerte  Beschwerd 
benutzen.  Die  Patientin  L  e  x  e  r  s.  die  erste  1910  fertiggestellte  Plast 
klagt  zuweilen  über  lästiges  Jucken  im  Hautschlauch.  Dass  über  dej 
artige  Beschwerden  nicht  häufiger  geklagt  wird,  ist  uns  begreitlkj 
seitdem  wir  durch  die  anatomischen  Untersuchungen  Paul  Mülle 
wissen,  dass  die  Epidermis  des  Hautschlauches  auch  nach  jahrelang 
Benetzung  mit  Speichel,  Speisebrei,  Magensaft,  keine  krankhaften  V<| 
änderungen  erkennen  lässt.  Die  Lanugohaare  des  zur  Bildung  dt 
Hautschlauches  verwendeten  Hautlappens  waren  an  der  Oberfläcj 
nicht  einmal  zu  sehen,  geschweige  denn  in  störender  Weise  ai 
gewachsen.  Anderseits  ist  aber  auch  die  mehrfach  geäusserte  V<1 
mutung  nicht  zutreffend,  dass  ein  zu  langer  Darmschlauch  funktiom 
von  Nachteil  sein  kann  (Blauei).  Die  von  Stieda  als  17jähri) 
operierte  Patientin  bekam  27  jährig  starke  Beschwerden  durch  das  lf 
ihr  auftretende  Schwangerschaftserbrechen. 

In  der  Literatur  sind  bisher  28  erfolgreich  durch  geführ» 
Oesophagusplastiken  bekannt  gegeben  worden.  Die  vj 
schiedenen  Methoden  sind  an  diesen  Erfolgen  wie  folgt  beteiligt:  M 
thode  Bircher  L  Roux  3,  Wullstein-Lexer  16,  Kellinl 
Vulliet  3,  Jianu  1.  K  i  r  s  c  h  n  e  r  1,  Esser  1.  bei  2  erfolgreich. 
Plastiken  ist  die  Operationsmethode  nicht  bekanntgegeben. 

Der  Schluckmechanismus  bei  der  Oesophagu- 
Plastik  ist  des  öfteren  genau  studiert  worden  (Schreiber  u.  4 
Sobald  die  Speisen  den  Halsteil  des  Oesophagus  verlassen  haben,  fall» 
sie  in  kurzer  Zeit  in  den  Magen  hinunter.  Nur  Nicolaysen  erwähl 
dass  bei  seiner  Patientin  flüssige  Nahrung  rasch  herabglitt,  währe! 
feste  Speisen  sich  zuerst  im  mittleren  Teile  des  Hautrohres  ansammclb 
und  mit  ein  paar  Mund  voll  Wasser  herabgespült  werden  mussten  od 
durch  Druck  mit  der  Hand  über  dem  oberen  Teil  des  Sternums  her¬ 
gepresst  wurden.  Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  dass  die  Speist 
um  so  rascher  in  .den  Magen  gelangen,  je  länger  das  zur  Plastik  v- 
wendete  Hautrohr  ist.  Bornhaupt,  der  einen  Patienten  nach  R  o  i . 
den  anderen  nach  Wullstein-Lexer  operiert  hatte,  fand,  dri 
der  Mechanismus  des  Schluckens  bei  beiden  Patienten  ein  ganz  v- 
schiedener  war.  Im  ersten  Falle  sah  man  nach  jedem  Schluckakt,  V 
die  Speisen  mit  einem  Ruck  mit  mässiger  Geschwindigkeit  das  aus  <ä 
Brustwand  gebildete  Rohr  passierten,  dann  erst  setzte  eine  langsa  - 
Peristaltik  in  der  subkutan  gelegenen  Dünndarmschlinge  ein. 


lärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


305 


:iten  Falle  sah  man  nach  jedem  Schluckakt  den  subkutan  gelagerten 
in  sich  peristaltisch  aufblähen  und  gewann  den  Eindruck,  dass  die 
ise  im  Darmrohr  nicht  mit  derselben  Geschwindigkeit  weiter- 
irdert  wird  wie  im  ersten  Falle  durch  das  Hautrohr.  Bornhaupt 
:hte  deshalb  behaupten,  dass  die  aus  der  Brusthaut  gebildete  Speise- 
e  den  physiologischen  Verhältnissen  mehr  entspricht  als  die  lang¬ 
te  Beförderung  der  Speise  durch  die  Darmperistaltik.  Bei  unserem 
ienten  ist  während  der  Nahrungsaufnahme  dauernd  eine  lebhafte 
istaltik  zu  sehen,  die  auch  durch  einfaches  Berühren  der  subkutan 
lagerten  Darmschlinge  ausgelöst  werden  kann  (s.  Abbild.).  Der 
ient  schluckt  aber  jede  Nahrung  mühelos. 

Bornhaupt  hat  behauptet,  dass  die  Oesophagusplastik  nur  bei 
achsenen  und  bei  Kindern  über  10  Jahren  angezeigt  ist,  während 
Kindern  unter  10  Jahren  die  Plastik  nicht  versucht  werden  seil, 
1  Kinder  Eingriffe  in  der  Bauchhöhle  schlecht  vertragen.  Die 
schenzeit  hat  gelehrt,  dass  auch  bei  Kindern  die  Oesophagusplastik 
Erfolg  gemacht  werden  kann.  Hinz  hat  ein  2%  Jahre  altes  Kind 
riert,  Sundblad  ein  3 jähriges,  Verfasser  einen  6jährigen  Knaben, 
benhofer,  Axhausen  8jährige.  Mehrere  10-  und  13jährige  sind 
Erfolg  operiert  worden  (Axhausen,  B  1  a  u  e  1,  R  e  h  n,  Mad- 
i  e  r,  R  o  u  x),  von  denen  nach  vollendeter  Plastik  einige  an  Zu- 
;krankheiten  starben  (Status  thymico-lymphat.,  Diphtherie,  Pneu- 
rie).  Die  meisten  Operierten  gehören  dem  2.  und  3.  Dezennium  an. 

sind  aber  der  Ansicht,  dass  die  Operation  in  jedem  Lebensalter 
lacht  werden  kann,  wenn  durch  vorherige  Anlegung  einer  Magen- 
pl  der  Ernährungs-  und  Kräftezustand  der  meistens  unterernährten 
ienten  ein  derartiger  ist,  dass  sie  dem  Eingriff  gewachsen  sind. 
Gross  ist  das  Anwendungsgebiet  der  Oesophagoplastik  nicht,  so 
|:e  es  nicht  gelingt,  das  Oesophaguskarzinom  mit  in  ihren  Bereich 
riehen.  Die  von  Roux  empfohlene  prophylaktische  Frühsondierung 
Oesophagus  nach  Verätzungen  ist  in  ihrem  Dauererfolg  noch  nicht 
ibersehen.  Von  einer  gelungenen  Sondenbehandlung  muss  man  ver- 
;en,  dass  der  Behandelte  so  viel  schlucken  kann,  dass  er  normal 
ihrt  und  arbeitsfähig  ist.  Aber  bei  lange  fortgesetzter  Sondierung 
ht  sich  in  der  Regel  eine  hochgradige  Unterernährung  bemerkbar, 
er  Patient  konnte  nach  längerer  Sondenbehandlung  nur  flüssige 
breiige  Speisen  schlucken.  Ausserdem  bekam  er  ein  Rezidiv,  das 
r  Sondenbehandlung  trotzte.  Bei  einem  derartigen  Kranken  ist  der 
Schluss  zur  Oesophagoplastik  leicht  gefasst,  zumal  wenn  die  an- 
andte  Mühe  so  reichlich  belohnt  wird,  wie  bei  allen  bisher 
ngenen  Plastiken. 

Literatur. 

Budde:  Zur  Frage  des  plastischen  Ersatzes  schleimhautbekleideter 
re.  II.  Oesophagus.  D.  Zschr.  f.  Chir.  161.  —  Fon  io:  Ein  Fall  von 
thorakaler  Oesophagoplastik.  Schweiz,  m.  Wschr.  1921  Nr.  38  Lit.  — 
ingenheirn:  Oesophagoplastik.  Ergehn,  d.  Chir.  u.  Orth.  5.  Lit. 
Hartung:  Zur  Bildung  des  Hautschlauches  bei  der  antethorakalen 
iphagusplastik.  Med.  Kl.  1919  Nr.  26.  —  Hinz:  Zur  präthorakalen 
iphagoplastik.  D.m.W.  1921  Nr.  37.  —  Madien  er:  Ueber  den  Ersatz 
Speiseröhre  durch  antethorakale  Schlauchbildung.  D.  Zschr.  f.  Chir.  155.  — 
Iler  Paul:  Anatomische  Untersuchungen  des  Speiseweges  nach  totaler 
Dphagusplastik.  Beitr.  z.  klin.  Chir.  118.  —  Ranzi:  Ueber  totale 
iphagoplastik.  W.kl.W.  1919  Nr.  10.  —  Roux:  Oesophago  —  jejuno  — 
rostomose  et  retrecissements  cicatriciels  de  l’oesophage.  Grece  med.  Ig. 
Vr.  7,  1920.  —  Sundblad:  Ueber  anthethorakale  Oesophagoplastik. 
i  chir.  scandinav.  1921,  53,  H.  6. 


ts  der  medizinischen  Universitätsklinik  Königsberg  i.  Pr. 
(Direktor:  Geh.-Rat  Prof.  Matth  es.) 

Röntgenbestrahlung  bei  Asthma  bronchiale. 

Von  Felix  Klewitz. 

Hinweise  auf  die  günstige  Beeinflussung  des  Asthma  bronchiale 
:h  Röntgenstrahlen  finden  sich  bereits  in  der  älteren  Literatur1); 
r  die  Methode  hat  nicht  die  Verbreitung  gefunden,  die  sie  ver- 
it.  Zum  Teil  liegt  dies  wohl  daran,  dass  die  Methodik  der  Bestrah- 
r  wenig  exakt  ausgearbeitet  war,  wodurch  mancher  Misserfolg  zu 
ären  sein  dürfte.  Wir  selbst  haben  seit  mehreren  Jahren  alle 
imatiker  systematisch  mit  Tiefenbestrahlung  behandelt  und  in  Kürze 
-its  andernorts2)  über  unser  Vorgehen  berichtet.  Schon  damals 
5  sich  sagen,  dass  in  vielen  Fällen  von  Asthma  bronchiale  sehr 
i  Erfolge  erzielt  wundert,  wir  waren  aber  nicht  in  der  Lage,  etwas 
eres  über  die  Dauer  des  Erfolges  zu  sagen.  Auch  haben  wir 
:re  Erfahrungen  inzwischen  an  reichlichem  Material  erweitert,  so 
ä  vir  nunmehr  ein  abschliessendes  Urteil  über  die  therapeutischen 
•Ige  fällen  können. 

Unser  Vorgehen  weicht  von  dem  früher  angegebenen  nur  wenig  ab; 
war  es  nötig,  für  das  inzwischen  aufgestellte  moderne  Instrumentarium 
zweckmässige  Einzeldosis  neu  festzustellen.  Diese  Feststellung  der 
eldosis  geschah  natürlich,  wie  schon  früher  betont,  auf  empirischem 
:e;  unsere  Erfolge  beweisen,  dass  sie  richtig  gewählt  ist.  Bei  erheb- 
:n  Abweichungen  nach  oben  und  unten  sahen  wir  Misserfolge,  mit- 
r  auch  unangenehme  Nebenerscheinungen. 

Ueber  unser  Instrumentarium  sei  folgendes  gesagt:  Symmetrieapparat; 
eröhren  bzw.  S.H.S. -Röhren,  Belastung  2  M.A.  (Wintz-Automat).  Span¬ 
tshärtemesser:  108 — 112;  Fokushautdistanz:  23  mm;  Feldgrösse:  10:  15  cm. 

')  Literatur  bei  Wett  er  er:  Hb.  d.  Röntgenther. 

')  Strahlentherapie  1921,  12. 


Prozentuale  Tiefendosis:  18 — 20  Proz.  der  H.E.D.  hinter  10  cm  Wasser. 
Filter:  0,5mm  Zink;  H.E.D.  (hinter  Zink):  45  Min. 

Im  einzelnen  gehen  wir  so  vor,  dass  im  ganzen  sieben  Felder  von  je 
10:  15  cm  Grösse  bestrahlt  werden,  und  zwar  vier  vom  Rucken,  drei  von  der 
Brust  aus 3).  Die  Dosis  pro  Feld  beträgt  Vs  H.E.D.,  die  Dauer  der  Be¬ 
strahlung  pro  Feld  bei  unserem  Instrumentarium  also  15  Minuten  (unter 
Zinkfilter,  das  ausschliesslich  verwandt  wird).  Wir  bestrahlten  im  allge¬ 
meinen  1 — 2  Felder  pro  Tag,  wobei  wir  uns  in  erster  Linie  nach  dem  Be¬ 
finden  des  Kranken  richten;  mehr  oder  weniger  starker  Röntgenkater  ist 
nicht  ganz  selten.  In  spätestens  sieben  Tagen  ist  also  die  Bestrahlung 
beendet;  sie  kann  übrigens  ohne  Bedenken  ambulant  durchgeführt  werden. 
Damit  ist  die  Kur  aber  nicht  beendet;  wir  dringen  darauf,  dass  in  jedem 
Falle  eine  nochmalige  Durchbestrahlung  erfolgt  und  zwar  spätestens  nach 
Ablauf  von  vier  Wochen.  Diese  erneute  Bestrahlung  soll  auch  dann  statt¬ 
haben,  wenn  schon  die  erste  vollen  Erfolg  gehabt  hat.  Die  Erfahrungen 
an  unserem  immerhin  reichlichen  Material  rechtfertigen  diese  Massnahme, 
deren  Durchführung  leider  nicht  selten  an  der  Unvernunft  der  Patienten  oder 
äusseren  Umständen  scheitert.  Eine  dritte  Durchbestrahlung  ist  nur  dann 
nötig,  wenn  bei  erfolgreich  bestrahlten  Fällen  nach  einiger  Zeit  wieder 
Anfälle  auftreten. 

In  letzter  Zeit  sind  wir  dazu  übergegangen,  unmittelbar  im  Anschluss 
an  die  erste  Bestrahlungsserie  eine  zweite  anzuschliessen.  Dieses  Vorgehen 
scheint  besonders  wirksam  und  der  Erfolg  nachhaltiger.  Wir  möchten  aber 
davor  warnen,  etwa  aus  Zeitersparnis  anstatt  der  zwei  Serien  nur  eine 
mit  doppelter  Einzeldosis  (2/a  H.E.D.)  zu  geben;  grössere  Dosen  werden  nach 
unserer  Erfahrung  oft  schlecht  vertragen  und  halten  die  Patienten  von 
Wiederholung  der  Bestrahlungen  ab. 

Der  Erfolg  zeigt  sich  mitunter  bald,  bisweilen  schon  vor  Beendi¬ 
gung  der  ersten  Bestrahlungsserie :  die  Anfälle  verschwinden,  die  ka¬ 
tarrhalischen  Erscheinungen  nehmen  ab.  In  anderen  Fällen  stellt  sich 
der  Erfolg  erst  nach  der  ersten,  selten  erst  nach  der  zweiten  Durch¬ 
bestrahlung  ein.  Mitunter  wird  nur  eine  Besserung  des  Zustandes  er¬ 
reicht.  derart,  dass  die  Anfälle  seltener  und  weniger  heftig  auftreten; 
auch  in  diesen  Fällen  ist  der  Erfolg  immerhin  offensichtlich.  Nur 
in  der  Minderzahl  der  Fälle  wird  gar  kein  Erfolg  erzielt. 

Folgende  kurze  Zusammenstellung  wird  das  Gesagte  näher  erläu¬ 
tern;  sie  betrifft  insgesamt  24  Fälle;  die  Zahl  unserer  Beobachtungen 
ist  nicht  unerheblich  grösser,  doch  haben  wir  ausschliesslich  Fälle  be¬ 
rücksichtigt  von  denen  wir  auf  brieflichem  oder  mündlichem  Wege 
Nachricht  über  ihr  Befinden  erhalten  konnten.  Wir  haben  der  besseren 
Uebersicht  halber  den  erzielten  Erfolg  verschieden  bewertet  und  zwar 
bedeuten  drei  +++.  dass  Anfälle  bisher  überhaupt  nicht  mehr  auf¬ 
getreten  sind,  zwei  ++,  dass  während  der  ersten  Monate  gleichfalls 
die  Anfälle  ausblieben,  später  sich  selten  und  in  milderer,  den  Kranken 
wenig  belästigender  Form  einstellten;  mit  einem  +  ist  ein  Erfolg  ge¬ 
bucht,  derart,  dass  die  Kranken  zwar  für  einige  Wochen  ganz  anfalls¬ 
frei  waren,  dann  aber  sich  wieder  Anfälle  einstellten,  wenn  auch  sel¬ 
tener  und  weniger  heftig;  ein  —  bedeutet,  dass  eine  Besserung  nicht 
erzielt  wurde;  diese  verschiedene  Bewertung  der  Erfolge  hat  natur- 
gemäss  etwas  Subjektives;  da  ihr  aber  ausschliesslich  meist  schriftliche 
Angaben  der  Patienten  zu  Grunde  gelegt  sind,  ist  die  Objektivität  wohl 
(hinreichend  gewährleistet. 

Tabelle. 


Wie  oft 

Wie  oft 

Fall 

Erfolg 

durch- 

Fall 

Erfolg 

durch- 

bestrahlt? 

bestrahlt? 

1.  We. 

w 

2  mal 

13.  Rom. 

++ 

3  mal 

2.  Eu. 

2  „ 

14.  Schi. 

+++ 

1  » 

3.  Ostr. 

4.  Ti. 

++ 

4 — h 

1  ,, 

1  .. 

15.  Ma. 

16.  Krü. 

n 

3  „ 

2  „ 

5.  Ku. 

+++ 

2  ,, 

17.  Schu. 

++ 

2  ,, 

6.  Hi. 

# 

3  ,, 

18.  Ku. 

— 

3  ,, 

7.  Ma. 

1  ,, 

19.  Ba. 

— 

2  „ 

8.  Su. 

2  ,, 

20.  La. 

— 

1 

9.  Ou. 

H — 1 — h 

1  » 

21.  Ro. 

— 

1  >. 

10.  Zi. 

+ 

1 

22.  Ko. 

— 

1  » 

11.  Sehe. 

+ 

2  „ 

23.  Ha. 

— 

1 

12.  Scha. 

+ 

1  .. 

24.  Kau. 

— 

Man  ersieht  aus  der  Zusammenstellung,  dass  bei  17  der  24  be¬ 
strahlten  Kranken  ein  Erfolg  erzielt  wurde;  und  zwar  war  er  fünfmal 
derart,  dass  er  einer  Heilung  gleichkam.  Neunmal  führte  er  zu  vorüber¬ 
gehender  Heilung  und  späterer  nachhaltiger  Besserung;  zweimal  trat 
nur  Besserung  ein.  Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  dass  bei 
keinem  der  17  mit  Erfolg  bestrahlten  Fälle  die  subkutane  Anwendung 
von  Nebennierenextrakt  bisher  mehr  nötig  war;  dabei  hatten  einige 
dauerndem  Adrenalin-abusus  gehuldigt.  Bei  sieben  Fällen  wurde  kein 
Erfolg  erzielt;  bemerkenswerter  Weise  war  bei  fünf  dieser  sieben  er¬ 
folglos  bestrahlten  Fälle  nur  eine  einmalige  Durchbestrahlung  vorge¬ 
nommen  worden.  Allerdings  brachte  mitunter  auch  bei  den  erfolgreich 
behandelten  Fällen  eine  einmalige  Serienbestrahlung  unter  Umständen 
sogar  vollen  Erfolg;  aber  das  hält  uns  nicht  ab,  auf  eine  Wieder¬ 
holung  der  Bestrahlung  in  jedem  Falle  zu  dringen. 

Ueber  die  Wirkungsweise  der  Strahlen  vermögen  wir  nichts  Siche¬ 
res  zu  sagen;  nur  glauben  wir  mit  Sicherheit  eine  rein  psychische 
Wirkung  ausschliessen  zu  können.  Es  ist  möglich,  dass,  wie  Schil¬ 
ling4)  annimmt,  die  Schleim  sezernierenden  Zellen  der  Bronchialwan¬ 
dungen  von  den  Strahlen  beeinflusst  werden.  Es  wäre  aber  auch  denk¬ 
bar,  dass  auf  das  autonome  Nervensystem  eine  Wirkung  ausgeübt  wird. 

Das  Blutbild  wurde  mehrmals  kontrolliert;  die  eosinophilen  Zellen 
wurden  nach  Abschluss  der  Bestrahlungsserie  selten  in  gleicher  Zahl, 


3)  Vorn  links  wird  nur  1  Feld  bestrahlt,  so  dass  die  Herzgegend  frei 

bleibt.  4)  D.m.W.  1909,  42. 


3Ü6 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


häufiger  reichlicher  als  vor.  Beginn  der  Bestrahlung  gefunden:  eine  Ver¬ 
minderung  fanden  wir  nie5 6).  . 

Wir  pflegen  während  und  noch  längere  Zeit  nach  Abschluss  der 
Bestrahlung  Jod  zu  geben,  etwa  l(- — 2)  g  pro  Tag  [meist  in  Form  von 
Jodammonium 8)]  und  haben  den  Eindruck,  dass  es  gerade  bei  gleich¬ 
zeitiger  Strahlentherapie  günstig  wirkt.  Gewöhnlich  verordnen  wir 
gleichzeitig  Belladonna  ev.  mit  Papaverin7)  und  Kalk  (Calcium  chlor.;, 
letzterer  soll  monatelang  genommen  werden.  Die  Anwendung  von 
Nebennierenextrakten  wird  bei  erfolgreich  behandelten  Fällen  bald 
gänzlich  überflüssig. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Erlangen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Jamin.) 

Ueber  Jodprophylaxe  bei  Grippe. 

Von  Privatdozent  Dr.  Ernst  Stettner. 

Im  Jahre  1920  wurde  über  den  Verlauf  der  Grippeepidemie  in  der 
Erlanger  Universitäts-Kinderklinik  des  Jahres  1918  berichtet  und  dabei 
neben  anderem  festgestellt,  dass  innerhalb  11  Tagen  sämtliche  in  der 
Klinik  untergebrachten  Kinder  und1  das  gesamte  Personal,  soweit  es 
nicht  jenseits  des  40.  Lebensjahres  stand,  von  der  Infektion  ergriffen 
wurde.  Bemerkenswert  erschien  dabei,  dass  sich  innerhalb  der  kurzen 
Zeitspanne  von  11  Tagen  die  Infektionskraft  des  Grippevirus  im  Hause 
erschöpfte,  denn  später  aufgenommene  grippefreie  Kinder  erkrankten 
nicht  mehr  an  Grippe.  Im  Dezember  1921  ging  wiederum  eine  ähnliche 
Grippewelle  über  unsere  Stadt  und  in  einigen  Kliniken  wiederholte 
sich  das  gleiche  Ereignis  wie  1918,  indem  neben  den  dort  unter¬ 
gebrachten  Kranken  fast  das  ganze  Personal  für  Pflege  und  Haus  inner¬ 
halb  weniger  Tage  an  Grippe  erkrankte.  In  unserer  Klinik  verlief 
diesmal  die  Epidemie  anders.  Es  ist  möglich,  dass  dies  auf  eine  pro¬ 
phylaktische  Massnahme  zurückzuführen  ist,  die  wir  in  Form  der  Ver¬ 
abreichung  einer  kleinen  Jodgabe  durchführten. 

Finck  wies  1920  darauf  hin,  dass  mit  Hilfe  von  Jod  der  Ausbruch 
eines  beginnenden  Schnupfens  verhindert  oder  der  Verlauf  wenigstens 
günstig  beeinflusst  werden  kann.  Er  empfahl  eine  Jodjodkalilösung. 
Unterdessen  sind  Arbeiten  von  J.  P  losch  und  Salomon  und  von 
Cheinisse,  Aubyn,  Farrer  und  D  u  f  o  u  r  erschienen,  in  welchen 
das  Jod,  meist  in  Form  von  Jodtinktur,  zur  Vorbeuge  und  Behandlung 
von  Infektionskrankheiten,  meist  Grippe,  empfohlen  wird.  _  Wir  prüf¬ 
ten  nun  bei  der  diesjährigen  Grippeepidemie  die  Wirksamkeit  der  Jod¬ 
prophylaxe  und  gaben  vom  8.  XII.  an  jeden  in  der  Klinik  Anwesenden 
und  jedem  grippefreien  Zugang  je  1  Tablette  Dijodyl-Riedel,  Säuglingen 
y2  Tablette  und  glauben  damit  gute  Erfahrungen  gemacht  zu  haben. 

Unsere  diesmalige  Hausinfektion  verlief  in  der  Zeit  vom  6.  bis 
17.  XII.,  also  wieder  innerhalb  11  Tagen.  In  dieser  Zeit  waren  in  der 
Klinik  46  Kinder  untergebracht  und  21  Erwachsene  (Aerztc.  Schwestern, 
Hausangestellte)  beschäftigt.  Von  den  46  Kindern  waren  14  als  grippe¬ 
krank  eingeliefert  und1  8  wegen  Scharlach  isoliert.  Es  verbleiben  somit 
24  grippefreie  Kinder  und  21  Erwacbc''ne.  die  der  Infektionsgefahr  un¬ 
mittelbar  ausgesetzt  waren.  Ein  Blick  auf  untenstehende  Tabelle  lässt 
den  Verlauf  der  Hausinfektion  vor  und  nach  der  Jodprophylaxe  ohne 


weiteres  erkennen. 

Säuglinge 

Kinder 

Erwachsene 

der  Infektion  ausgesetzt ' 

9 

15 

21 

ohne  Jodprophylaxe  waren 

4 

10 

5 

davon  erkrankt 

2 

7 

4 

unter  Jodprophylaxe  standen 

5 

5 

16 

davon  erkrankt 

4 

0 

0 

Aus  der  Tabelle  scheint  hervorzugehen,  dass  mit  Hilfe  von  Jod 
jenseits  des  Säuglingsalters  ein  vollkommener  Schutz  gegen  Grippe 
erreicht  werden  kann1.  Das  ist  natürlich  kaum  der  Fall.  Für  eine  solche 
Annahme  sind  die  mitgeteilten  Zahlen  viel  zu  klein.  Trotz  ihrer  Klein¬ 
heit  sprechen  sie  für  eine  günstige  Umgestaltung  der  Verhältnisse. 
Keine  Schutzwirkung  sahen  wir  bei  den  Säuglingen,  hier  konnte 
lediglich  eine  Verzögerung  des  Krankheitsbeginnes  um  3 — 4  Tage  be¬ 
obachtet  werden. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  scheint  uns  der  Umstand,  dass  dies¬ 
mal  die  Pflegerinnen  nahezu  völlig  grippefrei  geblieben  sind.  Damit 
wurde  die  Verbreitung  der  Krankheit  im  Hause  am  stärksten  gehemmt 
und  es  gelang  diesmal,  die  wegen  Scharlach  isolierten  Kinder,  auch  ohne 
Jodprophylaxe,  grippefrei  zu  halten. 

Ueber  die  Behandlung  der  Grippe  mit  Jod  sind  wir  noch  zu  keinem 
abschliessenden  Urteil  gekommen.  Wir  können  einstweilen  lediglich 
vermerken,  dass  bei  Behandlung  mit  dem  jodhaltigen  Yatrenkasein 
keine  schwereren  Lungenkomplikationen  mit  Todesfolge  im  Bereiche 
unseres  kleinen  Materials  aufgetreten  sind. 

Die  Wirkungsweise  des  Jods  im  Organismus  unter  dem  Gesichts¬ 
winkel  der  Steigerung  der  Abwehrkräfte  theoretisch  zu  erörtern,  hat 
solange  keinen  Zweck,  bis  nicht  die  vermutete  prophylaktische  Wirkung 
an  einem  umfangreichen  Material  erhärtet  ist.  Im  Hinblick  auf  die  Un¬ 
gefährlichkeit,  Einfachheit  und  Billigkeit  des  Verfahrens  empfehlen  wir 

5)  Die  Zählungen  wurden  von  Frau  L  a  a  s  e  r  vorgenommen,  die  in  ihrer 
Doktordissertation  ausführlich  über  die  hier  nur  auszugsweise  wiederge¬ 
gebenen  Erfahrungen  berichten  wird. 

6)  Jodammon.  5,0.  Liqu.  ammon.  anis.  1  ( —  3),  Tinct.  Op.  benz.  3,0, 
Succ.  Liquir.  10,0,  Aqu.  dest.  ad  200,  3 — 4  mal  tägl.  1  Essl. 

7)  Etwa  Extr.  Bellad.  0,3,  Papaver.  1,0  für  30  Pillen,  3  mal  täglich 

1  Stück. 


einstweilen  für  weitere  Versuche  alle  8 — 10  Tage  je  1  Tablette  eir 
Präparates  mit  bekanntem  Jodgehalt  zu  nehmen. 


Literatur. 

1  Jamin  und  Stettner:  Ueber  Grippe  und  Krankheitsbereitscl 
mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Altersdisposition  bei  Kindern.  Jb 
Kindhlk.  1920,  91,  S.  1—20.  —  2.  J.  F  i  n  c  k: 

3.  E.  M  e  r  c  k  s  Jahresberichte,  33. — 34. 


M.m.W.  1920,  Nr.  15.  S. 
Jahrg.,  1919—1920,  S.  158— 


426. 

■159. 


Aus  der  wissenschaftlichen  Abteilung  des  Sächsischen  Seru 

Werkes  Dresden. 

Haut-  und  Tuberkuloseimmunität*). 

(Zugleich  ein  Beitrag  zur  Frage  der  aktiven  Tuberkulös« 

Immunisierung.) 

Von  Dr.  W.  Böhme,  Abteilungsvorstand. 

M.  s.  g.  H.!  Die  meisten  Erfahrungen,  die  Sie  und  andere  h 
her  mit  der  P  o  n  n  d  o  r  f  sehen  Hautimpfung  sammelten,  liefen  aui  . 
Koch  sehe  Alttuberkulin  hinaus.  Mit  ihm  baute  Ponndori  zunäc 
in  fast  12  jährigen  Versuchen  seine  Methodik  aus,  dieser  Impfstoff  bild 
bis  heute  das  Kriterium  des  Erfolges  oder  Misserfolges  einer  Metho 
die  ihre  Einführung  in  das  Problem  der  Tuberkuloseimmunisieru 
letzten  Endes  ja  äusseren  Beobachtungen  verdankt,  die  bei  der  Pock 
Schutzimpfung  gemacht  wurden. 

Da  auf  die  Technik  der  Impfausführung  durch  Demonstrationen  ■ 
sondert  eingegangen  worden  ist,  brauche  ich  dieser  bei  meinen  A 
führungen  keine  besondere  Beachtung  zu  schenken.  Jedenfalls,  so  i 
fach  sie  anzuste-llem,  von  ihrer  richtigen,  dem  eigentlichen  Zweck  \ 
gerecht  werdenden  Ausführung  hängt  nicht  zuletzt  der  Erfolg  und 
Beurteilung  der  ganzen  Impfung  —  auch  vom  immunitätswissensch; 
liehen  Standpunkte  aus  —  ab. 

Schon  bald  nach  gewisser  Ausbreitung  der  Hautimpfmethode  wur< 
Wünsche  nach  Impfstoffen  auf  breiterer  antigener  Basis  laut,  als 
das  für  subkutane  Therapie  gebräuchliche  Alttuberkulin  darstellt.  1 
klinische  und  biologische  Verhalten  des  Organes  Haut  Hess  sie  gerec 
fertigt  erscheinen. 

Die  Brauchbarkeit  der  Alttuberkuline  hat  man  durch  Vergleichs» 
fungen  auf  verschiedene  Stellen-  der  Haut  zu  prüfen  versucht.  Dage; 
ist  einzuwenden,  dass  keineswegs  jedes  einzelne  Hautstück  unter  g 
gleichen  Bedingungen  für  die  Auslösung  der  diagnostischen  Lol 
reaktion  steht,  dass  Wechselwirkungen  zwischen  den  zugleich  beimpf 
Feldern  sicher  vor  sich  gehen  und  auch  der  mechanische  Vorgang 
Einimpfung  nicht  unbedingt  gleichsinnig  s-ein  wird. 

Für  die  therapeutische  Verwendung  eines  Impfstoffes  n 
der  P  o  nn-d  o r  f  sehen  Methode  wird  nicht  so  sehr  die  Breite  der  Lol 
reaktion  ausschliesslich,  als  vielmehr  der  antigene  Aufbau  dessel 
und  der  klinische  Effekt  bestimmend  sein  müssen. 

Nicht  mit  vollem  Recht  ist  also  auch  die  Ursache  der  Schwankun: 
im  Herstellungsmodus  der  einzelnen  Institute  zu  suchen:  denn  die 
ist  für  das  Koch  sehe  Alttuberkulin  weder  ein  Geheimnis,  noch  ■ 
besonders  empfindlichen  Faktoren  abhängig.  Die  richtige  Konzentrat 
bei  der  Einengung  und  die  hinreichende  Mischung  mit  bovinem  Tut 
kulin,  das  nach  den  uns  heute  vorliegenden  Erfahrungen  eine  komp 
sierende  Reaktionsbreite  in  besonderen  Fällen  erkennen  lässt,  gewi 
leistet  für  jedes  Alttuberkulin-  Koch  die  Eigenschaften,  die  man  ■ 
ihm  als  Diagnostikum  und  für  den  Zweck  subkutaner  therapeuti.se 
Injektionen  erwarten  darf,  wie  es  das  M  o  r  o  sehe  Tuberkulin  zeigt, 

Das  Schwergewicht  der  Kritik  liegt  vielmehr  im  Wesen  der 
als  Tuberkulinreaktion  bekannten  Erscheinungen,  soweit  Alttuberk 
in  Frage  kommt,  und  in  der  Anpassung  des  Impfstoffes  an  klinische 
biologische  Tuberkuloseerfahrungen  in  der  durch  die  Hautimpfm-rth 
gegebenen-  Erweiterung  ihrer  Nutzanwendung. 

Als  nun  Ponndorf  vor  längerer  Zeit  mit  mir  in  der  aus 
sprochenen  Absicht  in  Arbeitsgemeinschaft  trat.  Versuche  nach  dit 
Richtung  anzustellen,  kamen  mir  experimentelle  Tuberkulosearbc 
sehr  zu  statten,  deren  erste  Anfänge  bis  in  die  Jahre  1912  und  1 
zurückreichen,  als  ich  den  Vorzug  hatte,  in  Instituten  autoritär 
Tuberkuloseforscher  arbeiten  zu  dürfen,  als  es  Much -Hamburg  j 
Maragliano  -  Genua  sind. 

Es  lag  zunächst  nahe,  für  die  besonderen  Zwecke  der  Hautimpi 
das  Tuberkulin  auf  ein  praktisch  höchstmögliches  Mass  einzuen 
und  es  mit  der  autolysierten  Leibessubstanz,  also  dem  bazillä 
Eiweiss  und  sein-en  uns  chemisch  bekannten  Mantelstoffen-  von  den 
seiner  Herstellung  benutzten  humanen-  und  bovinen  Kulturen  se! 
stark  anzureichern,  um  so  dem  Impfstoff  die  Materialien  mitzugel) 
aus  denen  der  Organismus  den  unseren  heutigen  Kenntnissen  nach  j 
kannten  antigen-en  Komplex  der  Tuberkuloseimmunij 
aufzubauen  scheint.  Es  ist  also  hervorzuheben,  dass  die  baziliij 
Beimengungen  der  unter  diesem  Gesichtspunkte  erhaltenen  Impfst 
nicht  ausschliesslich  intakte  Tuberkelbazillenleichen  darstellen,  sond 
soweit  noch  mikroskopisch  erkennbar,  sämtliche  Uebergänge  ' 
Much  s-chen  Solitärgranulu-m  zur  streptoiden,  Ziehl-negativen  Bazil 
form  bis  zu  intakten,  Ziehl-gefärbten  Bazillen  zeigen.  Trotz  gj 
erheblichen  Gehaltes  an  bazillärem  An-tigen  wird  das  mikroskopb 


*)  Gekürzt  nach  einem  Vortrag,  gehalten  in  der  Aerzteversamm 1 
Weimar  über  Erfahrungen  mit  der  Hautimpfung  nach  Ponndorf,' 
27.  November  1921. 


.  ärzl922^ 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


307 


im  vorwiegenden  Eindruck  durch  die  Gegenfarbe  geformter  und 
i  oser  Elemente  als  Kennzeichen  des  weitgehenden  autolytischen 
:sses  beherrscht.  Es  ist  damit  die  Resorption  dieser  Antigene 
|  hrleistet,  wenn  auch  Tierversuche  den  Vollzug  der  Resorption 
loch  intakten  Bazillen-  in  den  Hautzellschichten  gleichfalls  erkennen 

IC 

)a  ich  nicht  behaupten  oder  zu  vermuten  wagen  möchte,  dass  die 
lierte  Einführung  Tuberkulin  +  Tuberkelbazillenantigene  (Endo- 
e)  in  der  soeben  gekennzeichneten  Form,  etwa  dank  der  bio- 
:h  völlig  gesonderten  Stellung  der  Haut,  die  heute  theoretisch 
erfahrungswissenschaftlich  geforderten  Voraussetzungen  der  Br¬ 
ing  einer  aktiven  Immunität  ersetzen  würde,  werde  ich  am  Ende 
;r  Ausführungen  Versuche  erwähnen,  die  die  Hautimpfmethode  für 
n  Endzweck  Vorspannen.  Da  „Resistenz“  im  praktischen  Erfolg 
:h  beschränkte  Immunität  ist,  wird  ihre  Dauer  nach  Hautimpfung 
iesen  toten  Stoffen  entscheiden  müssen,  wieweit  sie  dem  Begriff 
unität“  gleichgesetzt  werden  kann. 

)ie  einzige  Möglichkeit  einer  objektiven  Beantwortung  dieser 
mentalen  Frage  über  die  Leistungsgrenzen  der  Hautimpfung  mit 
|i  geschlossenen  Antigenkomplex  können  natürlich  nur  lange  Zeit 
i breitester  Basis  fortgeführte,  frühzeitige  prophylaktische 
iungen  am  tuberkulosegefährdeten  Menschen 
in  Würde  die  Mortalitäts-  und  Morbiditätsziffer  sicher  zu  beob¬ 
inder  Impfdistrikte  einen  markanten  Sturz  zeigen,  wären  wir  der 
uche,  die  die  einzige  Hoffnung  heute  nur  noch  in  der  Verwendung 
lebenden  Vinis  erblicken,  allerdings  enthoben. 

Dieser  „Tuberkulosehautimpfstoff  A“  ist  natürlich  für 
iitane  Injektionen  keinesfalls  verwendbar,  da  seine  hierfür  üblichen 
brumgen  zu  tuberkulin-  und  endotoxinhaltig  wären.  Er  ist  kein 
jaerkulin.  Die  Möglichkeit  oder  Unmöglichkeit  einer  Dosierung 
ie  Zwecke  der  Hautimpfung  ist  in  letzter  Zeit  von  verschiedenen 
a  zum  Gegenstände  der  Erörterungen  gemacht  worden.  Ob  bei  der 
iodik  der  Kutanimpfung  eine  strenge  Dosierung  erforderlich,  oder 
eser  Begriff  einstweilen  nur  theoretisch  der  Klinik  der  subkutanen 
rerkulinkur  entlehnt  ist,  wird  allein  die  klinische  Beobachtung  ent- 
len  müssen. 

Tir  scheint  logischerweise  theoretisch  das  Erfordernis  einer  stren- 
Dosierung  nicht  gegeben.  Ob  ich  beispielsweise  einen  Tropfen  an¬ 
muten  Tuberkulins  in  die  Subkutis  oder  in  die  kapillaren  Lymph- 
:n  der  endermalen  Zellschichten  bringe,  bedeutet  ja  einen  funda- 
den  Unterschied.  Von  der  Subkutis  aus  wird  das  Tuberkulin  in 
rst  kurzer  Zeit  restlos  resorbiert  und  in  voller  Dosis  unvermittelt 
tuberkulösen  Gewebe  zugeführt.  Die  letale  Dosis  liegt  nach  einem 
r  Literatur  verzeichneten  Falle  offenbar  noch  unter  1  ccm  unver- 
en  Alttuberkulins,  das  den  Tod  in  wenigen  Stunden  auslöste, 
e  man  die  gleiche  Menge  Tuberkulin  restlos  in  die  Interzellular- 
-  der  Haut  bringen,  so  wäre  eine  derartige  Wirkung  keinesfalls 
ch.  Im  Durchschnitt  bringt  man  ja  tatsächlich  bei  der  Ponn- 
schen  Methodik  Mengen  in  die  obersten  Zellschichten,  die  zwi- 
0,2  und_  0,6  ccm  eines  hochkonzentrierten  Impfstoffes  schwanken, 
rngen,  die  nach  dieser  Applikation  über  das  bald  vorübergehende 
einer  starken  lokalen  und  Herdreaktion  in  schädigendem  Sinne 
sgingen,  sind,  soweit  Ponndorf  und  die  Referenten  berichteten, 
beobachtet  worden.  Solche  Reaktionen  treten  ja  auch  gelegent¬ 
schon1  bei  den  bisher  bekannten  diagnostischen  Hautimpfungen 
Aber  noch  eins  ist  zur  Beleuchtung  dieser  Frage  aus  immuni- 
technischen  Tierexperimenten  von  grosser  Wichtigkeit  zu  fol- 
Wir  besitzen  zahlreiche  Daten,  aus  denen  eindeutig  nach  vielen 
'ungen  hervorgeht,  dass  die  Haut  nach  Einbringen  ganz  bestimmter 
ionsgifte  in  einer  etwa  100  mal  geringeren  Dosis,  als  zur  Auslösung 
;ischer,  humoraler  Reaktionsstoffe  bei  subkutaner  Injektion  not¬ 
ig  sind,  quantitativ  das  gleiche  leistet#  ohne  hin- 
derum  bei  Steigerung  um  das  Vielfache  dieser 
is  weder  serologisch  noch  klinisch  eine  k  u  mu¬ 
te  od  e  r  s  u  m  m  i  e  r  t  e  Wirkung  auszulösen! 

>iese  Ueberlegungen  und  Erscheinungen  sprechen  und  können  nur 
ne  sehr  bedeutungsvolle  Schutzfunktion  der  Haut  im  Sinne  einer 
ortunen  Selbstdosierung  und  Ausschaltung  der  herd- 
lgenden  Momente  sprechen.  Es  handelt  sich  hier  letzten  Endes 
as  wissenschaftliche  Erfassen  aller  Funktionen  eines  Organes,  dem 
empirisch  schon  lange  Zeiten  breiten  therapeutischen  Raum  gab. 
-rst' in  letzter  Zeit  jedoch  scheint  man  sich  mit  diesen  Begriffen 

•  nein  näher  zu  befassen,  wie  aus  den  Veröffentlichungen  von  Cie- 
s.  \\  e  i  n  h  ard  t.  Müller,  S  c  h  m  i  d  t  -  L  a  b  i  u  m  e  hervorgeht, 
•ollten  nun-  klinische  Beobachtungen  doch  eine  Dosierung1)  dieser 
toffe  für  die  Hautimpfung  in  gewissen  Fällen  erforderlich  oder 
chenswert  machen,  so  wäre  sie  auf  recht  leichte  Weise  derart  zu 
:nen>  dass  man.  was  den  unverdünnten  Impfstoff  anlangt,  nach 
en  dosiert,  weiterhin  aber  vielleicht  mit  Vio,  Vs  oder  1lz  der  leicht 

•  herzustellenden  Verdünnungen  des  Ansgangsstoffes  arbeitet.  Man 
m.  E.  allerdings  dabei,  sowohl  der  funktionellen  Sonderstellung 

aut,  als  auch  einem  vieltausendfachen  klinischen  Material  zu  wenig 
, ns  schenken.  Offenbar  bestehen  zwischen  einer  durch  sub- 
e  Ueberdosierung  hervorgerufenen  infausten  Herdreaktion  und  der 
,»  Hautimpfung  zu  beobachtenden  Reizauslösung  im  tuberkulösen 
beachtenswerte  Unterschiede.  Die  Haut  scheint  in  ihrem 
nonsablauf  die  Gefahr  für  den  Herd  abzufangen. 

I  Hautimpfstoffe  werden  neuerdings  in  Kapillaren  abgegeben,  die 
ar  eine  Impfung  dosierte  Quantum  enthalten. 

ir.  9. 


Dieser  Hauptimpfstoff  A  wird  noch  eine  weitere  Anpassung  an  die 
Methodik  und  an  die  immunitätswissenschaftlichen  Erfordernisse  dadurch 
erfahren,  dass  das  beigefüfte  bazilläre  Antigen  nicht  durch  Temperatur¬ 
grade  abgetötet  wurde,  sondern  die  Bazillen  spontan  zum  Absterben 
gebracht  werden. 

Dass  Temperaturen  —  und  es  kommen  nur  relativ  hohe  in  Frage  — 
das  bazilläre  Protoplasma  irgendwie  so  verändern,  dass  sein  antigener 
Aufbau  wesentlich  beeinträchtigt  wird,  lehren  hinreichende  Erfahrungen. 
So  empfiehlt  auch  Löwenstein  mit  Recht,  es  schon  für  Injektions¬ 
zwecke  mit  spontan  abgestorbenen^  artgleichen  Bazillen  zu  versuchen. 

Besonders  in  den  letzten  Jahren  ist  nun  ausser  den  bekannten 
Mischinfektionen  klinischer  Tuberkulose  viel  über  Krankheitsgruppen 
geschrieben  worden,  die  man  unter  „Mischinfektionen  auf 
tuberkulöser  Basis“  und  „tuberkulöse  Intoxika¬ 
tionen“  zusammenfasste.  Nähere  Einzelheiten  müssen  in  den  Litera¬ 
turstellen  nachgelesen  werden.  Es  sei  hier  nur  auf  die  Arbeiten  von 
Poncet,  Ponndorf  und  G.  Hirsch  verwiesen.  Besonders  in 
Frankreich  haben  diese  Ideen  Fuss  gefasst. 

Charakteristisch  für  beide  Gruppen  ist  wohl  das  gänzliche  Fehlen 
klinischer  und  physikalischer  Symptome  für  Tuberkulose  bei  Vor¬ 
herrschen  von  vielgestaltigen  Beschwerden  ohne  sicher  erkenntliche 
Ursache.  Es  ist  ja  bekannt,  dass  bei  der  Mehrzahl  von  diesen  Misch¬ 
infektionen  auf  tuberkulöser  Basis  Streptokokken,  neben  Pneumokokken, 
Influenzabazillen  in  der  Hauptsache  und  gelegentlich  auch  Staphylo¬ 
kokken  u.  a.  im  Blute  resp.  Sputum  kulturell  festgestellt  wurden. 
Ponndorf  konnte  soeben  zeigen,  dass  bei  solchen  Patienten,  im  Ver¬ 
gleich  zu  Kontrollen  von  Gesunden,  z.  B.  mit  reinen  Mischvakzinen 
dieser  Erreger,  spezifische  Reaktionen  durch  Hautimpfungen  ausgelöst 
wurden. 

Es  schien  daher  für  diese  Fälle  Erfordernis,  den  Hautimpfstoff  „A“ 
mit  einer  stark  dosierten  Quote  jener  Organismen  zu  verstärken,  die 
sowohl  bei  völlig  larvierter,  als  auch  bei  der  klinischen  Tuberkulose 
das  Bild  charakteristisch,  ja  entscheidend  beherrschen.  Dieser  so  kom¬ 
binierte  „H  a  u  t  i  m  p  f  s  t  o  f  f  B“  löst  auch  klinisch  charakteristische 
Sonderreaktionen  aus,  wie  Ponndorf  früher  und  andere  soeben  be¬ 
richteten.  Beide  Impfstoffe  werden  im  Institut  kulturell  auf  lebende 
pathogene  Keime  und  am  tuberkulösen  Meerschwein  auf  spezifische 
Reaktivität  (intrakutan)  und  hierauf  schliesslich  von  Herrn  Ponn- 
d  o  r  f  am  Kranken  selbst  klinisch  geprüft.  Die  fertigen,  geprüften  Impf¬ 
stoffe  tragen  den  Namenszug  Ponndorf.  Die  Impfstoffe  stellen  eine 
dicke,  braune,  stark  trübe  Flüssigkeit  dar,  die  bei  geeigneter  Auf¬ 
bewahrung  als  praktisch  unbeschränkt  haltbar  gelten  können.  Theore¬ 
tisch  und  praktisch  scheint  viel  dafür  zu  sprechen,  dass  man  mit  dem 
Hautimpfstoff  „B“  ausschliesslich  wird  auskommen  können. 

Die  Theorien  und  Hilfstheorien  der  biologischen  Tuberkulin »virkung 
können  in  diesem  Rahmen  nicht  näher*  berührt  werden.  Ohne  den 
Vv  ert  theoretischer  Konklusionen  für  alle  naturwissenschaftlichen  und 
für  alle  therapeutischen  Fortschritte  im  Besonderen  zu  verkennen, 
scheint  es  mir  doch,  als  ob  die  Theorie  sich  zuweilen  etwas  zu  hoch 
über  die  praktischen  Beobachtungen  erhebt  und,  statt  in  enger  An¬ 
lehnung  diese  zu  unterstützen,  ihrer  Nutzanwendung  hinderlich  zu 
werden  droht.  ■ —  Es  wird  über  aller  Theorie  zu  oft  vergessen,  dass 
letzten  Endes  der  praktische  Erfolg  entscheidet. 

Die  Theorie  der  Toxin-Antitoxinbindung,  die  Anaphylaxietheorie, 
letztere  im  klinischen  Begriff  der  negativen  und  positiven  Anergie 
(v.  Hayek,  Kämmerer),  die  jüngst  durch  Selter  aufgestellte 
,,Reizkörper“-Theorie  nichtantigener  Natur  stimmen  *praktisch  darin 
überein,  dass  die  Tuberkulinempfindlichkeit  auf  jeden  Fall 
als  spezifische  Schutzwirkung  des  tuberkulösen  Organismus 
aufzufassen  ist. 

Der  Versuch,  die  Tuberkulinwirkung  und  wohl  auch  diejenige  art¬ 
spezifischer  Antigene  in  den  grossen  Proteinkörpertopf  zu  werfen,  darf 
als  abgetan  gelten,  da  mit  keinem  heterogenen  Eiweisskörper,  selbst 
solchen  verwandter  Art,  eine  dem  Tuberkulin  an  typischer  Gesetz¬ 
mässigkeit  und  Intensität  gleichkommende  Reaktion  auszulösen  ist. 
Dass  unspezifische  Nebenkomponenten,  auch  anatomische  und  physio¬ 
logische  der  Haut,  eine  Rolle  beim  Reizablauf  mitspielen,  ist  dabei  nicht 
bestritten. 

So  gelang  es  uns  natürlich  auch  nicht,  mit  heterogenen  Körpern, 
mit  Seren,  Vakzinen,  Milch,  Nährböden  u.  a.  Stoffen  die  bei  der  P  o  n  n  - 
d  o  r  f  sehen  Impfung  auftretenden  Phänomene  auszulösen.  Am  ehesten 
scheint  mir  der  Versuch  aussichtsreich,  die  Tuberkuhnwirkung  in  engster 
Anlehnung  an  Histologie-  und  Biologie  des  Tuberkels  zur  Klärung  zu 
bringen. 

Kein  biologisches,  spezifisches  Produkt,  das  den  abgetöteten 
Bazillus  zum  Ausgangspunkt  nahm,  erreichte  nach  bisheriger  Applika¬ 
tionsform  und  Dosierung  mehr,  als  eine  bestenfalls  weitgehende,  aber 
vorübergehende  Resistenz,  durch  kein  anderes  wurde  aber  auch  diese 
Wirkung  übertroffen.  Die  bisherigen  12  jährigen  Erfahrungen  mit  der 
Hautimpfung  in  ihrer  jetzigen  Gestalt  lassen  es,  besonders  auch 
auf  prophylaktischem  Wege,  möglich  erscheinen,  die  Abwehr¬ 
kräfte  im  gesunden  Gewebe  so  weitgehend  zu  mobilisieren,  dass  bei 
gewissen  Tuberkuloseformen  eine  anatomische  Latenz,  bei  Schutz¬ 
geimpften  eine  vielleicht  lebenslange  Resistenz,  natürlich  unter  Voraus¬ 
setzung  sozialer  Normbegriffe,  als  das  Durchschnittsziel  zu  erreichen 
sein  wird. 

Heilkörper  gegen  Tuberkulose  passiv  in  Seren  durch  antitoxische, 
bakterizide,  präzipitierende,  agglutinierende  u.  a.  Stoffe  einzuführen  ist 
von  al  en  namhaften  Forschern  nach  jeder  Richtung  versucht  und  von 
allen  als  völlig  aussichtslos  auch  wieder  aufgegeben  worden.  Dass  eine 

4 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


3Ü8 


Nr. 


Immunmilch  und  auf  der  Partigenlehre  aufgebaute  Partigensera  (S  t  r  u  - 
bell)  in  gleichem  Rahmen  zu  beurteilen  sind,  ergibt  sich  sowohl  aus  , 
der  Geschichte,  als  aus  dem  jetzigen  Stande  des  Tuberkuloseproblems,  j 
Der  schulmässige  Antikörpernachweis  ist  eben  nachweislich  keines.aiJS 
bei  Tuberkulose,  wie  etwa  bei  Rotlauf  und  Diphtherie,  mit  Heil-  odei 
Schutzkraft  identisch,  wie  ihm  ja  auch  vice  versa  praktisch  weder  eine  ; 
diagnostische,  noch  prognostische  Bedeutung  zukommt. 

Der  Begriff  dier  absoluten  und'  relativen  Immunität  ist  nach 
heute  geltender  Anschauung  untrennbar  mit  dem  lebenden,  artspezifi¬ 
schen  Bazillus  verbunden.  Ich  sage  dies  jedoch  mit  der  Einschränkung 
des  vorhin  über  „Resistenz“  Erwähnten. 

Dies  kam  auch  auf  den-  beiden  letzten  Kongressen  Wiesbaden  und 
Elster  von  autoritativer  Seite  klar  zum  Ausdruck. 

Dass  es  absolute  Immunität  auch  nicht  nur  durch  Tuberkulose  gibt, 
zeigen  eine  Anzahl  Tiere  (Pferd,  Hund,  Katze),  die  zeitlebens  kaum 
oder  überhaupt  nicht  an  Tuberkulose  erkranken.  Hier  handelt  es  sich 
um  das  zweite  Gesicht  der  Sphinx. 

Das.  Problem  der  aktiven  Immunisierung  mit  lebendem  Virus  wurde 
bisher  bekanntlich  zunächst  am  Rind  von  R.  K  o  c  h  an  bis  in  neuere  Zeit 
in  Angriff  genommen.  Bis  auf  wenige  Einzelversuche  handelte  es  sich 
hierbei  allerdings  hauptsächlich  um  nicht  artspezifische,  lebende 
Impfstoffe.  Möller  behandelte  wohl  als  Erster  2  Kranke  mit  intra¬ 
venösen  Einspritzungen  lebender  Menschentuberkelbaziilen  in  mini-  j 
malsten  Dosen  ohne  Schaden  mit  gutem  Erfolg,  und  Wichmann 
stellte  dem  Aerztlichen  Verein  Hamburg  in  jüngster  Zeit  ein  Mädchen 
vor,  dessen  Haut-  und  Schleimhauttuberkulose  und  Lupus  des  Gesichtes 
er  durch  aktive  Immunisierung,  und  zwar  durch  Intrakutanimpfung  mit 
abgeschwächten,  lebenden,  menschlichen  I  uberkelbazillen  ohne  jede 
andere  Therapie  heilte. 

Betrachtet  man  die  Erfolge,  die  unter  Heranziehung  der  für  Aus¬ 
lösung  von  Schutzreaktionien  so  hervorragend  geeigneten  Haut  nach 
der  Ponndorf  sehen  Methodik  bisher  erzielt  wurden,  so  drängt  sich 
gewissermassen  die  Frage  auf,  o b  diese  Methodik  auch  für  die 
aktive  Immunisierung  mit  lebendem  Impfstoff  als  beson¬ 
ders  aussichtsreich  herangezogen  werden  könnte. 
Wir  müssen  dabei  fragen,  welche  klinischen,  experimentellen,  und 
welche  theoretischen  Grundlagen  hierzu  berechtigen. 

Die  klassischen  Versuche  Römers  und  Josephs  bewiesen  be¬ 
kanntlich,  dass  die  experimentelle  Reinfektion  auf  dem  Boden  einer  be¬ 
stehenden  Tuberkulose  nicht  angeht,  beim  Rinde,  bei  Schafen,  Affen, 
Meerschweinchen,  bei  Kindern  und  Erwachsenen  konnte  festgestellt 
werden,  dass  minimale  Mengen  Tuberkelbazillen  gegen  spätere  hohe 
Dosen  schützten.  In  eigenen  orientierenden  Versuchen  der  letzten 
Jahre  bei  Kaninchen  fand  ich  diese  Beobachtungen  oft  in  überraschen¬ 
der  Weise  bestätigt.  An  karzinomkranken  Tuberkulösen  konnte  gezeigt 
werden,  dass  eine  experimentelle  Reinfektion  nicht  anging;  F.  Klem- 
p  e  r  e  r  konnte  in  einem  Selbstversuch  erweisen,  dass  bei  subkutanei 
Injektion  lebender  Rindertuberkelbazillen  die  Tuberkulose  völlig  lokal 
blieb.  Die  soeben  erwähnten  therapeutischen  Injektionen  mit  lebenden 
Bazillen  bei  bereits  bestehender  Tuberkulose  sprechen  unbedingt  für 
die  Gangbarkeit  dieses  Weges  unter  Heranziehung  der  Haut.  Voraus¬ 
setzung  für  die  Durchführung  dieses  Problems  ist,  dass  die  Methode  der 
Applikation  schädliche  Erscheinungen  ausschliesst. 

Sie  wird  als  ungefährlich  gelten  müssen,  wenn  erstens  ein  Stamm 
abgeschwächter  Virulenz  verwendet  wird,  ferner  eine  ausgezeichnet 
durchgeführte  Emulsion  variierende  Dosierung  ausschliesst  und 
die  Impfung  in  den  Boden  einer  allergisch  hoch- 
geimpften  Haut  erfolgt. 

Auch  die  natürliche  Beobachtung  spricht  für  die  Gangbarkeit 
dieses  Weges.  Die  relativ  seltene  tuberkulöse  Infektion  der  Haut  beim 
Menschen,  die  verschwindend  seltenen  Fälle  solcher  Infektionen  beim 
Tier  trotz  engster  und  dauernder  Berührung  mit  Tuberkelbazillen,  aie 
überraschenden  Heilungen  von  Lupus,  Tuberkuliden  u.  a.  Hautinfektionen 
durch  Impfungen  in  die  abgrenzende  gesunde  Epidermis,  wie  aus  den 
eben  gehörten  Berichten  und  Demonstrattonen  hervorgeht,  sprechen 
für  eine  ausgezeichnete  Schutz-  tesp.  Heilfunktion  des  Hautorganes. 

Diese  Ueberlegungen  führten  dazu,  den  Weg  nach  langwierigen  Ar¬ 
beiten  im  Versuch  zu  beschreiten  und  mit  einem  artspezifischen,  leben¬ 
den  Impfstoff  soeben  charakterisierter  Eigenschaften,  in  seinem  eigenen 
Tuberkulin  suspendiert,  Menschen  ohne  jede  Schädigung  aktiv  zu 
immunisieren! 

Hier  sei  nur  allein  diese  nakte  Tatsache  erwähnt,  ohne  zu  präjudi- 
zieren,  mir  wohl  bewusst,  dass  ein  Urteil  über  die  Brauchbarkeit  dieser, 
auf  die  aktive  Immunisierung  erweiterten  Ponndorf  sehen  Impfung 
heute  keineswegs  abgegeben  werden  kann.  An  eine  allgemeine  Frei¬ 
gabe  dieses  Impfstoffes  soll  vorerst  gleichfalls  nicht  gedacht  werden, 
bis  ein  Kreis  für  dieses  Problem  interessierter  Kliniker  ein  erstes  All- 
gemeinurteLl  abgeben  kann1. 

Auch  Versuche,  diese  Unterlagen  für  eine  praktische  Rinderimmuni¬ 
sierung  zu  verwerten1,  sind  im  Gange. 

Es  wäre  lebhaft  zu  begrüssien,  wenn  sich  Herren  bereit  erklären 
wollten,  eine  praktische  Durchführung  dieser  Anregung  an  ihren  Kliniken 
zu  übernehmen,  um  a  priori  wissenschaftlich  und  klinisch  die  Brauchbar¬ 
keit  der  Idee  und  des  Impfstoffes  vor  Uebergabe  an  die  Allgemeinheit 
soweit  abzugrenzen,  dass  Enttäuschungen  und  Eindrücke  vermieden 
werden,  wie  wir  sie  in  den  letzten  Jahren  gerade  auf  dem  Gebiete  der 
aktiven  Tuberkuloseimmunisierung  erlebt  haben. 

Wie  die  aktive  Immunisierung  nur  ausschliesslich  auf  eine  voll 
geschützte  Haut  erfolgen  dürfte,  würde  der  biologische  Vollzug  dieser 


aktiven  Impfung  möglicherweise  durch  Nachimpfungen  mit  dem  11a 
Impfstoff  vorteilhaft  zu  unterstützen  sein.  . 

Es  dürfte  noch  interessant  sein,  zu  erwähnen,  dass  auch  für  auf 
Infektionen,  Typhus,  Gonorrhöe  u.  a.  Hautvakzinen  von  etwa  bO 
100  Milliarden  Keimen  pro  Kubikzentimeter,  die  unter  Ausschluss 
chemischen  oder  thermischen  Attacken  hergestellt  sind.  Versuchen 
Verfügung  stehen,  die  zeigen  sollen,  ob  die  für  I  ubeikulose  entschic 
brauchbare  Methode  vielleicht  auch  hier  praktische  Resultate  zeiti 
kann.  Von  Herrn  Schmidt-Labaume  haben  Sie  soeben  erm 
gende  Ausführungen  hinsichtlich  der  Gonorrhöe  gehört. 

Am  Ende  meiner  Ausführungen  sehen  Sie,  meine  sehr  geehi 
Herren,  dass  die  seit  nunmehr  12  Jahren  erprobte  Ponndorf s 
Hautimpfmethode  sowohl  befruchtend  auf  das  Bestreben  nach  H 
Stellung  breiter  basierter,  unserem  heutigen  immunitätswisscnsch 
liehen  Standpunkte  entsprechender  Impfstoffe  wirkt,  als  auch  geeia 
erscheint,  dem  Tuberkuloseproblem  neue,  vielleicht  verhei<ssungs\ 
Impulse  zu  geben. 


Clemens:  Die  Haut  als  Angriffsorgan  der  Behandlung.  M.ni.W.  } 
Nr.  31,  S.  999.  —  Weinhardt:  Die  Bedeutung  der  inneren  Sekretion 
Hautkrankheiten,  speziell  bei  der  Psoriasis.  Med.-Noturwiss.  Verein  liibin 
Sitzung  vom  20.  Juni  1921.  —  E.  F.  Müller:  Die  Haut  als  immunisiere! 
Organ)  M.m.W.  1921,  Nr.  29,  S.  912.  —  Schmidt-Labaume: 
Verallgemeinerung  der  Kutanimpfung  nach  Ponndorf  mit  besonderer 
rücksichtigung  der  Gonokokkenkutanimpfung.  Med.  Kl.  1921,  Nr.  43,  S.  1 

—  v.  Hay  ek:  Das  Tuberkuloseproblem.  Gust.  Springer,  1921.  —  E,  I 
wen  stein:  Vorlesungen  über  Tuberkulose.  Jena  1920.  K.  Jose 
Ue.ber  das  Kutituberkulin  und  seine  intrakutane  Auswertung.  D.m.W.  1 
Nr  32,  S  920.  —  H.  Kämmerer:  Ueber  Tuberkulindiagnostik.  A 
Kl.  1921,  Nr.  6  u.  7.  —  Selter:  Ueber  das  Wesen  der  Tuberkulinreakt 
Zschr.  f.  Immunität  und  experim.  Ther.  1921,  32,  H.  3/4.  H.  Cursi 
mann:  Untersuchungen  über  Tuberkulinreaktionen.  Med.  Kl.  1921,  Nr. 
S.  643.  —  E.  Sons  und  F.  v.  M  i  k  u  1  i  c  z  -  R  a  d  e  c  k  i:  Ueber  die  „| 
zifität“  der  Tuberkulinreaktion.  D.m.W.  1921,  S.  735.  _  W.  Böhia 
Immunisierungsversuche  gegen  Meerschweintuberkulose  mit  artfremden  /jj 
genen.  D.m.W.  1920,  Nr.  43.  S.  1187.  —  W.  Böhme:  Friedmannimpfl 
und  Rindertuberkulose.  Berl.  Tierärztl.  Wschr.  1921,  Nr.  12  u.  13.  (I 
auch  die  weitere  Literatur.)  —  P.  U  h  1  e  n  h  u  t  h:  Die  experimentellen  Grj 
lagen  der  spezifischen  Tuberkulosetherapie.  Med.  Kl.  1921,  Nr.  25.] 
Kruse:  Berliner  med.,  Gesellschaft,  Sitzung  vom  24.  November  1920,  B.kl 
1920,  Nr.  51.  —  v.  S  z  e  n  t  -  G  y  ö  r  g  y  i:  Biochem.  Zschr.  1920/21. 
K.  Sato:  Die  Auswirkung  der  Vakzineimmunität  im  Anschluss  an  kui 
Impfung.  Zschr.  f.  Imm. Forsch.  1921,  Orig.-Bd.  32,  Nr.  6.  E.  S  u  cl 
Ueber  Milchinjektionen  bei  Lungentuberkulose.  Med.  Kl.  1921,  Nr.  46| 
F  Moro:  Ueber  ein  „diagnostisches  Tuberkulin“.  D.m.W.  1920,  Nr.  44h 
H.  Grotz:  Heildermatitis.  München  1921,  Verlag  R.  Müller  und  Steinl 

—  E.  Sklarz:  Die  Haut  als  therapeutisches  Organ.  Eine  Reminiszen.jj 
Edward  Jenner.  B.kl.W.  1921,  Nr.  45. 


Lieber  die  Behandlung  des  Abortes. 

Von  Dr.  Max  Samuel,  Köln. 

Die  neue  Literatur  hat  eine  Unzahl  von  Arbeiten  über  die  zwl 
mässigste  Abortbehandlung  gebracht.  Insbesondere  sind  eine  Rt 
von  Abhandlungen  veröffentlicht,  welche  ein  verschiedenes  VorgiS 
fordern  bei  fieberndem  oder  nicht  fieberndem  Abort,  ferner  ob  es  t 
wiederum  bei  fieberndem  Abort  um  hämolytische  oder  nicht  hri 
lytische  Bakterien  handelt.  Ein  weiterer  Unterschied  ergab  sicht 
man  den  Krankheitsfall  in  der  Klinik  oder  zu  Hause  behandelt,  n 
Eine  ist  bei  hämolytischen  Keimen  für  Abwarten,  der  Zweite  wr! 
bis  bei  fieberhaften  Fällen  Entfieberung  eintritt,  ein  Dritter  wartet! 
fieberhaften  Fällen  bis  zur  Spontanabstossung,  ein  Vierter  tampoij 
ein  Fünfter  geht  sofort  aktiv  vor  usw.;  ähnlich  ist  die  Unstimihil 
bezüglich  der  Anwendung  der  Instrumente,  denn  auch  hier  schwaijj 
die  Ansichten  vom  ausschliesslichen  uterinen  Gebrauch  derselben!) 
zum  absoluten  Verwerfen  jeglichen  Instrumentes  hin  und  her. 

Seit  8  Jahren  habe  ich  viele  hunderte  Aborte  erledigt  und  1t 
nur  fünf  Todesfälle,  welche  nachweisbar  einen  kriminellen  Eingrifft 
macht  hatten.  Bakteriologische  Untersuchungen  habe  ich  nicht  stk 
durchgeführt,  weil  noch  über  ihre  Bedeutung  absolute  Uneini.l 
herrscht.  fl 

Der  Zweck  meiner  Ausführungen  soll  der  sein,  dem  Praktiken 
einfachste  und  sicherste  Behandlung  des  Abortes  mit  besonderer? 
rücksichtigung  des  fieberhaften  Abortes  anzugeben  und  auf  einige  ffl 
griffe  hinzuweisen,  welche  auch  bei  den  schwierigsten  Fällen  den  \ 
griff  erleichtern  und  ermöglichen.  Das  Vorgeben  ist  dasselbe,  oljä 
Behandlung  im  Hospital  oder  in  der  Praxis  geschieht. 

Grundsätzlich  unterscheide  ich  das  Vorgehen  bis  zum  zw: 
Monat  von  dem,  welches  nach  dem  zweiten  Monat  stets  geboten 
Jeder  Abort  bis  zum  zweiten  Monat  ist  möglichst  digital  zu  erleclf 
jeder  Abort  über  zwei  Monate  unbedingt  digital;  vor  zwei  Mob 
darf  in  bestimmten  Fällen  kürettiert  werden.  Ich  verwende  \U 
Tamponade  noch  Spülungen  nach  Erledigung  des  Abortes.  Wäru» 
oberster  Leitsatz  digitale  Austastung?!  Sowohl  bei  fiebernden' 
nichtfiebernden  Fällen  ist  durch  digitale  Ausräumung  absolute  Ge  i 
dass  alles  heraus  ist  und,  dass  keine  Verletzung  gesetzt  wird.  ■ 
digitale  Ausräumung  oder  Kürettage  soll  nach  vorherigem  Katb: 
sieren  in  Narkose  gemacht  werden. 

Es  ist  sicher,  dass  nicht  jeder  Fall  von  Blutung  gleich  ausger 
werden  muss,  und  die  Schwangerschaft  bei  drohenden  FehlgebU 
auch  wenn  Wehen  da  waren  und  Stücke  abgegangen,  bleibt  oft  : 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


eiter  bestehen.  Dies  hat  man  besonders  bei  ganz  frommen  Jüdinnen 
obachtet,  denn  nach  altjüdischem  Gesetz  darf  der  Ehemann  sich  von 
iner  Frau  sofort  scheiden  lassen,  wenn  sie  nach  10  Jahren  der  Ehe 
in  Kind  geboren  hat.  In  solchen  Fällen  blieben  Frauen  selbst  monate- 
lg  absolut  still  liegen  und  erreichten  oftmals,  dass  die  Schwangerschaft 
ieb.  Es  ist  also  sicher  nicht  absolut  notwendig,  bei  geringen  Bin- 
ngen  gleich  den  Fall  aufzugeben. 

Wir  dürfen  aber  nicht  ausser  acht  lassen,  wie  gross  der  Prozentsatz 
tifizieller  Abtreibungen  ist.  Es  ist  nicht  richtig,  dass  jeder  fiebernde 
>ort  kriminell  sein  muss.  Warum  bin  ich  aber  bei  jedem  fiebernden 
iort  besonders  für  digitale  Ausräumung?  Es  ist  sicher,  dass  mit 
inem  Instrument  so  bestimmt  Verletzungen  auszuschliessen  sind,  wie 
t  dem  Finger,  und  wie  oft  merkt  man  bei  der  digitalen  Austastung 
rletzungen,  durch  die  allzuleicht  dann  instrumenteil  eine  grössere  Ge- 
:ir  heraufbeschworen  wurde.  In  den  ersten  zwei  Monaten  darf  bei 
chtfieberiMem  Abort  kiirettiert  werden,  wenn  die  Blutung  stark  ist 
d  die  Zervix  sich  nicht  bis  zur  Möglichkeit  einer  digitalen  Austastung 
hnen  lässt.  Grundsatz  ist,  bei  einer  Kürettage  in  Klinik  oder  Privat- 
us  keinerlei  Hilfskraft  zum  Halten  von  Instrumenten  oder  der  Beine 
benötigen,  denn  erstens  geht  ohne  Hilfskraft  alles  bequemer  und 
'eitens  wird  die  Aseptik  eher  gewährleistet.  Jeder  Eingriff  —  digitale 
istastung  oder  Kürettage  —  ist  im  Privathause  auf  einem  Tische  zu 
tchen^  wobei  die  Beine  durch  ein  gedrehtes  und  links  seitlich  ge- 
otetes  Betttuch  maximal  gebeugt  gehalten  werden.  Ein  zweites  ge¬ 
eiltes  Bettuch  wird  an  dem  einen  freien  Zipfel  der  Knotenstelle 
geknotet,  dann  oben  um  beide  Tischbeine  geschlungen  und  auf  der 
;hten  Seite  der  Patientin  wiederum  an  das  erste  Bettuch  angeknotet, 
tzt  sind  die  Beine  fest  und  unverschieblich,  auch  seitlich  auseinander 
halten.  Diese  zuverlässigen,  improvisierten  Beinhalter  lassen  sich 
jedem  Hause  sofort  hersteilen  und  es  entfällt  damit  jegliches  Mit- 
hmen  von  Beinhaltern  (Abbildung). 


Falls  der  Narkotiseur  wünscht,  die  linke  Hand  zu  befestigen,  um 
an  der  rechten  Hand  den  Puls  zu  fühlen,  ist  es  ein  leichtes,  an  dem 
eiten  noch  freien  Zipfel  des  ersten  geknoteten  Bettuches  ein  ge- 
htes  Taschen-  oder  Handtuch  anzubinden  und  so,  um  das  Hand- 
enk  gedreht,  wiederum  am  Bettuch  zu  befestigen,  dass  auch  die  linke 
id  unverschieblich  hält. 

Vor  Beginn  jedes  Eingriffes  ist  nochmals  genau  in  Narkose  zu 
ersuchen,  ob  sich  doch  noch  irgendein  pathologischer  Befund  an  den 
längen  ergibt  Um  Assistenz  unnötig  zu  machen,  soll  jeder  Arzt 
sich  selbst  haltendes  hinteres  Spekulum  besitzen.  Sehr  zweckmässig 
der  verbesserte  Spiegel  nach  Auvard  (Abbild.).  Ein  vorderer 
egel  steüt  dann  die  Portio  ein,  welche  mit  zwei  Kugelzangen  gefasst 
cL  Zwei  sollen  es  deshalb  sein,  weil  um  so  weniger  ein  Ausreisscn 
m  zu  befürchten  ist.  Wenn  man  diese  Kugelzangen  federnd  in  der 
.en  Hand  hält  und  mit  der  Sonde  in  der  rechten  die  Uteruslänge  vor- 
itig  misst,  hat  man  eine  Perforation  nicht  zu  befürchten.  An  dieser 
Ile  möchte  ich  auf  die  partielle  Erschlaffung  des  Uterus  aufmerksam 
■ihen,  welche  von  verschiedenen  Beobachtern  beschrieben  ist.  Diese 
seht  eine  Perforation  vor,  doch  wenn  man  eine  Weile  wartet,  fühlt 
n  bald  wieder  den  Widerstand  der  Uteruswand.  Man  dehnt  mit 
‘garsdien  Dilatatoren  vorsichtig  bis  12  und  benutzt  dann  die 
etten  in  der  bekannten  Weise.  Man  verwende  möglichst  Küretten, 
che  dann  nahezu  in  ihrer  Grösse  Nr.  12  der  He  gar  sehen  Dilata- 
en  entsprechen. 

Bei  fieberndem  Abort  ist  es  am  angenehmsten,  wenn  die  digitale 
naumung  schon  möglich  ist.  Oft  gelingt  es  bei  vorsichtiger  Dehnung 
Hegar  Nr.  17  oder  18  auszutasten.  Sollte  bei  fieberndem  Abort 
och  die  Dehnung  bis  Nr.  12  nur  möglich  sein,  so  lege  man  zwei  bis 
!  sphde  lange  Laminariastifte  ein  und  räume  den  nächsten  Tag  aus. 
i  einiger  Uebung  gelingt  die  Austastung  mit  dem  Finger  stets,  und 
lte  die  Zervix  die  gelösten  Reste  nicht  passieren  lassen,  so  drückt 
n  vom  hinteren  Scheidengewölbe  die  gelösten  Reste  —  die  äussere 


309 

Hand  fest  auf  dem  Uterus  —  heraus.  In  einigen  Fällen  muss  man  den 
W  i  n  t  e  r  sehen  Abortlöffel  hierzu  nehmen.  Eine  Verletzung  ist  nicht 
möglich,  wenn  der  Löffel  gerade  ist  un^l  beide  Löffelöffnungen  genau 
aufeinander  passen.  Handelt  es  sich  um  einen  Abort  im  3.,  4  oder 
späteren  Monat,  gleichviel  ob  er  fiebert  oder  nicht,  und  die  Zervix  ist 
ru  einen  Finger  durchgängig,  so  ist  meine  Methodik  folgendermassen : 
Ehe  ich  mit  dem  Finger,  welcher  im  Uterus  ist,  irgendetwas  mache 
taste  ich  mich  nach  dem  Kopfe,  drücke  diesen  mit  dem  Finger  gegen 
die  der  Uteruswand  aufliegende  äussere  Hand  und  bohre  dabei  den 
ringer  in  eine  Fontanelle  ein,  ebenso  eventriere  ich  Bauch  und  Brust. 
Der  eingehakte  Finger  bringt  dann  bequem  den  Fötus  heraus  oder 
aber  es  ist  jetzt  leicht  mit  dem  Wi  nt  ersehen  Abortlöffel.  Jedenfalls 
hat  man  auf  diese  Weise  nicht  mehr  nötig,  stundenlang  nach  dem  ab¬ 
gerissenen  Kopfe  zu  suchen  oder  andere  Instrumente  zu  Hilfe  zu  nehmen. 
Ist  der  Uterus  leer,  so  steht  die  Blutung;  in  einzelnen  Fällen  von  Atoiiie 
ist  Sekakornin  oder  'I  enosin  angebracht. 

Eine  Tamponade  oder  Spülung  nach  der  Ausräumung  habe  ich  seit 
2  Jahren  nicht  mehr  benötigt.  Nach  jeder  Kürettage  oder  Austastung 
drücke  ich  —  die  äussere  Hand  fest  auf  dem  Uterus,  die  innere  Hand 
im  hinteren  Scheidengewölbe  —  die  letzten  gelösten  Reste  und  Blut¬ 
gerinnsel  heraus. 

Zusammenfassung. 

Jeder  Abort  soll  möglichst  digital  ausgetastet  werden,  ohne  nach- 
herige  Anwendung  von  Instrumenten. 

Im  Privathause  sollen,  sowohl  bei  Curettage  wie  Austastung,  meine 
aus  2  Bettüchern  improvisierten  Beinhalter  verwandt  werdend 

Bei  nicht  fieberhaften  Aborten  bis  zum  2.  Monat  darf  kürettiert 
werden,  wenn  die  Zervix  sich  nicht  weiter  als  bis  He  gar. Nr.  12  in 
einer  Sitzung  dehnt.  Eine  Kürette  soll  rhit  hinterem  Selbsthalter- 
spekulum  ohne  Assistenz  gemacht  werden.  Auch  bei  fieberhaften 
Aborten  bin  ich  für  aktives  Vorgehen. 

Nach  2  Monaten  soll  stets  digital  ausgetastet  werden.  Der  Kopf 
des  Kindes  ist  dann  vor  der  Ausräumung  dadurch  zu  verkleinern’,  dass 
der  eingefiihrte  Finger  sich  bei  Gegendruck  der  äusseren  Hand  in  eine 
fl°nt,ane11?  embohrt.  Gelöste  Reste  dürfen  im  Notfälle  mit  dem  Abort- 
loffel  nach  Winter  entfernt  werden. 

Tamponade  und  Spülungen  halte  ich  nicht  für  nötig. 


Aus  der  Universitäts-Augenklinik  zu  Greifswald. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  W.  Löhlein.) 

Intrakardiale  Adrenalininjektion  bei  Narkoseherzstill¬ 
stand  eines  Säuglings. 

Von  Dr.  C.  Bliedung,  I.  Assistent  der  Klinik. 

Es  ist  in  diesen  Blättern  erst  vor  kurzem  von  Vogt  und  von 
Frenzei  über  intrakardiale  Adrenalihinjektionen  bei  Narkoseherzstill¬ 
stand  berichtet  worden.  In  der  zusammenfassenden  Arbeit  von  Fren¬ 
zei  wird  darauf  hingewiesen,  dass  .bei  der  Bewertung  des  Mittels 
nui  jene  Fälle  zu  berücksichtigen  sind,  bei  welchen  im  sonst  gesunden 
Organismus  das  Herz  infolge  akuter  Schädigung  versagt.  Bei  dieser 
koirektem  Betrachtungsweise  fallen  dem  Mittel  nicht  jene  Versager  zur 
Last,  welche  durch  ungünstige  Nebenumstände,  wie  organische  Herz- 
sch wache,  Erschöpfung  des  Herzens  durch  vorhergehende  Infektions¬ 
krankheiten  oder  durch  Ueberreizung  nach  langdauernder  Behandlung 
mit  Exzitantien  usw.,  bedingt  sind.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ge- 
winnt  das  Mittel  überraschend  an  Bedeutung.  Denn  es  kommen  dann 
auf  9  aus  der  Literatur  bekannte  Fälle  5  Dauererfolge. 

Ueber  den  Angriffsort  des  Mittels  gehen  die  Ansichten  auseinander. 
Auch  über  die  Technik  besteht  noch  keine  eindeutige  Ansicht.  Das 
Adrenalin  soll  das  Gangliensystem  und  vor  allem  die  sympathischen 
Nervenendigungen  erregen.  Sicher  ist  es  jedenfalls  nach  den  prak¬ 
tischen  Erfahrungen,  dass  das  Mittel  imstande  ist.  den  Kreislaufmotor 
un  gefahrdrohenden  Moment  wieder  in  Gang  zu  bringen  und  so  eine 
Entgiftung  des  Blutes  zu  bewirken.  Dabei  erweisen  sich  die  gleich- 
zeitige  Erweiterung  der  Koronararterien  und  die  vasokonstriktorische 
Wirkung  auf  die  peripheren  Gefässe  neben  der  Herzreizwirkung  als  er¬ 
folgreich.  Wird  rechtzeitig  injiziert,  so  können  irreparable  Schädigungen 
des  Zentralnervensystems  vermieden  werden. 

Je  nach  dem  Ort.  der  Applikation  unterscheidet  man  intraperi¬ 
kardiale,  intramyo'kardiale  und  fntraventrikulare  Injektionen.  Da  die 
Injektion  immer  ein  Eingriff  ins  Dunkle  bleibt,  leuchtet  es  ein,  dass 
das  Perikard  nicht  mit  Sicherheit  getroffen  werden  kann.  Besonderes 
Gewicht  wird  von  einzelnen  Autoren  auf  die  intraventrikulare  Injek¬ 
tion  gelegt.  Dabei  wird  von  manchen  wieder  der  linke  Ventrikel  be¬ 
vorzugt.  Ausschlaggebend  für  den  Erfolg  scheinen  die  Resorptions¬ 
verhältnisse  zu  sein.  Da  nun  der  gefäss-  und  lymphspaltenreiche  Herz¬ 
muskel  nach  Henschen  in  hervorragender  Weise  an  der  Resorption 
beteiligt  ist  und  da  ferner  das  Reizleitungssystem  des  Herzens  wahr¬ 
scheinlich  in  der  Herzmuskulatur  selbst  zu  suchen  ist,  dürfte  es  bezüg¬ 
lich  der  Schnelligkeit  und  Ausgiebigkeit  der  Wirkung  von  untergeordne¬ 
ter  Bedeutung  sein,  ob  die  Injektion  in  einen  Ventrikel  oder  in  die 
Muskulatur  erfolgt.  Die  praktischen  Ergebnisse  sprechen  jedenfalls  da¬ 
für.  Auch  soll  das  Adrenalin  am  Herzmuskel  selbst  keine  Schädigungen 
hervorrufen.  Weit  wichtiger  ist  es,  die  Gefahrzonen  zu  meiden,"  zu 
denen  ja  die.  hintere  Herzwand  gehört.  Dies  wird  natürlich  um  so 
schwieriger,  je  mehr  man  sich  darauf  kapriziert,  mit  der  Spitze  der 
Kanüle  ein  eng  umschriebenes  Ziel  zu  erreichen.  Solange  nur 

4* 


310 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


eine  Reizwirkung  erreicht  werden  soll,  erscheint  es  daher  besser,  hebe 
auf  eine  intraventrikuläre  Injektion  zu  verzichten,  als  den  Erfolg  des 
Eingriffes  durch  ein  allzu  kühnes  Vordringen  mit  der  Nadel  zu  gefährden. 
Anders  liegen  die  Dinge,  wenn  mit  der  Reizwirkung  eine  Entlastungs¬ 
punktion  des  überdehnten  rechten  Ventrikels  oder  eine  Infusion  in  den 
linken  Ventrikel  zum  Zwecke  der  Wiederherstellung  seines  normalen 
Schlagvolumens  verbunden  werden  soll.  Das  beifolgende  Schema  von 
Hen  sehen  gibt  einen  guten  Uebcrblick  über  die  Wahl  des  Einstich¬ 
punktes  für  die  verschiedenen  Zwecke. 


Projektion  der  einzelnen  Herzabscknltte 
auf  die  vordere  Brustwand. 


Stellen  für  die  Entlastungs- 
vi/  Jy  punktion  des  r.  Vorliofes. 


/-x\  r?\  Stellen  für  die  Entlastungs- 
Dy  punktion  d.  r.  Ventrikels. 


/T\  /C'.  Stellen  für  die  Infusion  d.  1. 
Uy  Dy  Ventrikels. 


Neben  den  Gefahrzonen,  Scheidewand  der  Vorhöfe  und  der  Ventrikel, 
Zone  des  H  i  s- T a  wa  r  a  sehen  Bündels,  oberes  Drittel  der  vorderen 
Längsfurche,  Basis  des  rechten  Herzohres,  Einmündungsstelle  der  beiden 
Hohlvenen  (sino-aurikuläres  System)  und  hintere  Hälfte  der  atrioventri¬ 
kulären  Grenzen  ist  auf  die  Dosierung  des  Reizmittels  zu  achten 
(Henschen).  Eine  Ueberdosierung  kann  unter  Umstanden  infolge 
Erschöpfung  der  Schlagenergie  des  Herzens  erneuten  Herzstillstand  nach 
Wiederbelebung  zur  Folge  haben.  Die  Reizdosis  des  Adrenalin  scheint 
nach  den  bisherigen  Erfahrungen  beim  Erwachsenen  bei  1  mg  zu  liegen. 
Irgendwelche  Erfahrungen  über  Dosierung  und  Technik  bei  Säuglingen 
liegen  nach  der  Literatur  bisher  nicht  vor.  Bekanntgegeben  wurde  ein 
Fall  von  Brünings,  üocti  blieb  die  von  ihm  ausgeführte  Injektion 
bei  einem  6  Monate  alten  Kinde  erfolglos. 

Der  erste  Dauererfolg  wurde  in  unserer  Klinik  erzielt.  Es  handelte  sich 
um  ein  Kind,  das  zur  Zeit  der  Injektion  4  Monate  alt  war.  Es  hatte  einen 
doppelseitigen  Buphthalmus.  Der  intraokuläre  Druck  betrug  beiderseits 
50  mm  Hg.  Herz  und  sonstige  Organe  waren  gesund.  7  Tage  nach  der 
Aufnahme  wurde  in  Chloroformnarkose  eine  druckentlastende  Operation  des 
rechten  Auges  vorgenommen.  Da  diese  erfolglos  blieb,  wurde  nach  weiteren 
10  Tagen  abermals  in  Chloroformnarkose  eine  E  1 1  i  o  t  sehe  Trepanation  aus¬ 
geführt  Der  Dauererfolg  blieb  auch  jetzt  aus.  Nach  16  Tagen  Wiederholung 
der  Operation  in  Chloroformnarkose.  Nach  Beendigung  dieser  dritten  Opera¬ 
tion  und  Narkose  war  der  Puls  klein,  die  Atmung  oberflächlich  und  das 
Aussehen  des  Kindes  sehr  blass.  Es  musste  längere  Zeit  hindurch  künstliche 
Atmung  angestellt  werden.  Obgleich  das  Kind  herzgesund  war,  machte  es 
nach  dieser  Narkose  einen  recht  ungünstigen  und  verfallenen  Eindruck. 
Auch  durch  die  dritte  Operation  wurde  keine  dauernde  Druckherabsetzung 
erzielt  Sollte  also  das  Sehvermögen  des  Kindes  nicht  dem  vollständigen 
und  sicheren  Verfall  überlassen  werden,  so  musste  abermals  zur  Operation 
geschritten  werden.  Infolge  dieser  zwingenden  Indikation  wurde  nach  einer 
14  tägigen  Pause  eine  weitere  Trepanation  nach  El  Hot  in  Chloroform¬ 
narkose  ausgeführt.  Operation  und  Narkose  waren  kaum  nach  etwa  5  Mi¬ 
nuten  beendet,  als  der  Puls  sehr  klein  und  die  Atmung  oberflächlich  wurde. 
Haut  und  Schleimhäute  waren  blass.  Das  Kind  hatte  1  g  Chloroform  be¬ 
kommen.  Nach  einigen  Minuten  künstlicher  Atmung  trat  vorübergehende 
geringe  Besserung  des  Pulses  und  der  Atmung  ein.  Eine  bessere  Durch¬ 
blutung  war  anderweitig  nicht  zu  bemerken.  Die  Besserung  dauerte  jedoch 
nur  kurze  Zeit,  infolgedessen  wurden  nunmehr  2/io  ccm  Kajnpferöl  gegeben. 
Die  künstliche  Atmung  war  inzwischen  fortgesetzt  worden.  Nach  der 
Kampferinjektion  waren  einige  kräftige  Pulsschläge  zu  fühlen.  Sehr  bald 
darauf  wurde  der  Puls  wieder  schwächer  und  etwa  5  Minuten  nach  Be¬ 
endigung  der  Narkose  trat  Herzstillstand  und  gleichzeitig  Stillstand  der 
Atmung  ein.  Das  Kind  sah  blass  und  verfallen  aus.  Unter  diesen  bedroh¬ 
lichen  Erscheinungen  wurden  ihm  etwa  1  Minute  nach  dem  Herzstillstand 
2/io  ccm  einer  1  prom.  Adrenalinlösung  langsam  intrakardial  injiziert.  Der 
Herzmuskel  sprach  fast  augenblicklich  an.  Es  setzte  ein  überraschend  regel¬ 
mässiger  und  kräftiger  Puls  ein.  Gleichzeitig  tat  das  Kind  die  ersten 
Atemzüge,  die  alsbald  tiefer  und  regelmässiger  wurden.  Das  Lebensrot  stellte 
sich  wieder  ein.  Eine  halbe  bis  eine  Minute  nach  der  Injektion  machte  es 
mit  Händen  und  Füssen  Abwehrbewegungen,  öffnete  die  Augen  und  stiess 
den  ersten  Hungerschrei  aus.  Im  Laufe  des  Tages  und  der  folgenden  Zeit 
traten  keine  auffallenden  Erscheinungen  oder  Erregungszustände  auf. 


Die  Injektion  wurde  in  der  folgenden  Weise  ausgeführt:  Nach  Ab¬ 
schätzung  der  Länge  der  Kanüle,  die  etwa  3 34  cm  betrug,  wurde  diese 
im  vierten  Interkostalraum  hart  am  Stemum  in  der  Mitte  zwischen 
4.  und  5.  Rippe  eingestochen.  Nach  etwa  1  cm  tiefem  Eingehen  fühlte 
man  veränderten,  härteren  Widerstand  des  Herzmuskels.  Unter  Ab¬ 
schätzung  der  Länge  des  draussen  verbliebenen  Endes  der  Kanüle  wurde 
diese  unter  leichter  Neigung  nach  medianwärts  langsam  um  einen 
weiteren  Zentimeter  vorgeschoben  und  dann  2/io  ccm  der  Lösung  langsam 
injiziert.  Der  leitende  Gedanke  war  hierbei,  wenn  nicht  den  rechten 
Ventrikel,  so  doch  sicher  die  Herzmuskulatur  annähernd  in  der  Mitte 
der  vorderen  Herzwand  zu  treffen,  wo  diese  der  Brustwand  dicht  an- 


Andererseits  sollten  auch  die 


liegt  und  von  der  Pleura  unbedeckt  ist. 

Gefahrzonen  vermieden  werden.  „  j 

Als  wesentliches  Ergebnis  des  Versuches  ist  wohl  die  Feststellung 


der  zureichenden  Reizdosis,  welche  im  ersten  Lebensjahr  bei  Tio  mg 


zu  liegen  scheint,  anzusehen.  Auch  die  Technik,  die  nicht  wesentlich 
von  den  bis  jetzt  am  meisten  gebräuchlichen  Arten  abweicht,  durfte 
wohl  wegen  ihrer  Einfachheit  zu  empfehlen  sein. 

Es  ist  von  F  r  e  n  z  e  1  die  Forderung  aulgestellt,  die  intrakardiale 
Adrenalininjektion  unter  den  typischen  W leaerbelebungsmassnahmei 
aufzunehmen  und  bei  jeder  Narkose  das  Instrumentarium  hierzu  bereit-: 
zuhalten 

Für  den  Ophthalmologen  ist  das  Mittel  jedenfalls  eine  bedeutungs¬ 
volle  Reserve.  Gerade  bei  Operationen  an  Jugendlichen  kommt  er  mch 
ohne  Narkose  aus.  Eine  kurze  Statistik  über  das  Material  unsere  j 
Klinik  im  letzten  Jahr  ergibt,  dass  bis  zum  5.  Lebensjahr  alle  Opera¬ 
tionen  im  9.  Lebensjahr  noch  50  Proz.,  über  das  15.  Lebensjahr  lnnaui 
nur  noch  1  Proz.  der  Operationen  in  Narkose  vorgenommen  werden 

Ls  erscheint  daher  die  genannte  Forderung  für  unser  Fach  gerecht! 
fertigt,  zumal  stets  eine  zwingende  Indikation  vorliegt,  wenn  bei  Jugendl 
liehen’ operiert  werden  muss. 

Literatur. 

Frenzei:  Bekämpfung  des  Narkoseherzstillstandes  durch  intrakardial 
Adrenalininjektionen.  M.m.W.  1921  S.  730.  -  Vogt:  Ueber  die  Grundlage I 
und  die  Leistungsfähigkeit  der  intrakardialen  Injektion  z»r  Wiederholung 
Ebenda  S.  732.  _ ___ 


Aus  dem  städt.  Säuglingsheim  Dresden.  (Prof.  Bahrdt.)i 

Ueber  die  intravenöse  Injektion  von  Kampferwasser 

bei  Säuglingen. 

Von  Dr.  R.  Scheich  er. 

ln  Fällen  von  äusserster  Herzschwäche,  in  denen  wir  durch  sut 
kutane  Gaben  von  Kampferöl  zu  langsame  oder  gar  keine  Wirkurj 
mehr  erzielen  konnten,  versuchten  wir  Kampfer  in  wässeriger  Losur 
intravenös  zu  geben.  Das  Präparat  wird  von  der  Firma  E.  Merck  . 
sterilen  Ampullen  zu  40 — 500  ccm  in  den  Handel  gebracht  und  ste? 
nach  dem  Vorschlag  von  Prof.  Leo-Bonn  eine  Ringerlösung  tu 
einem  Kampfergehalt  von  0,142  Proz.  dar.  , 

Gleich  einer  unserer  ersten  Versuche  bot  einen  überraschend! 
Erfolg.  Ls  handelte  sich  um  den  7  Monate  alten  Säugling  Gerhard  : 
mit  Kapillärbronchitis.  Am  2.  6.  1920  um  6  Uhr  morgens  kollabier, 
das  Kind  plötzlich;  es  trat  stärkste  Dyspnoe  auf,  der  Puls  war  sei 
schlecht  gefüllt,  deutliches  Trachealrasseln  war  hörbar.  Trotz  su 
kutaner  Injektion  von  Kampferöl  trat  weitere  Verschlechterung  d, 
Zustandes  ein;  der  Puls  war  nicht  mehr  zu  fühlen,  die  Atmung  setz 
aus  —  der  Exitus  schien  gekommen.  Da  spritzte  ich  in  eine  Schade 
vene  langsam  8  ccm  Kampferwasser  ein.  Während  der  Injektion  zeig 
sich  starke  Rötung  in  reichlich  Handtellergrösse  um  die  Injektion 
stelle.  Der  Puls  wurde  allmählich  wieder  fühlbar  und  war  2  Stund 
später  voll  und  kräftig;  auch  die  künstliche  Atmung  war  nach  et\ 
3 — 4  Minuten  nach  der  Injektion  überflüssig.  Das  Kind  hat  von  da  an  r 
mehr  Kampfer  nötig  gehabt  (auch  nicht  Kampferöl  subkutan)  und  wur 
7  Wochen  später  als  geheilt  in  gutem  Ernährungszustände  entlassen. 

Dieses  anscheinend  so  günstige  Ergebnis  veranlasste  uns,  öftt, 
Kampferwasser  intravenös  anzuwenden.  Bestimmend  für  uns  \m 
in  erster  Linie,  eine  möglichst  rasche  Kampferwirkung  zu  erziel«) 
Wir  gaben  im  allgemeinen  Dosen  von  10 — 20  ccm;  das  entspräci 
einer  Kampfermenge  von  0,014—0,03  ccm,  also  etwa  dem  20.— 30.  1 
einer  subkutanen  Kampferölinjektion  von  0,5  ccm.  Nach  den  Angaben  vl 
Leo  (D.m.W.  1913,  H.  13)  genügt  bei  wässriger  intravenöser 
jektion  der  50.  Teil  der  Kampfermenge  einer  subkutanen  Oelinjektri 
um  das  Gleiche  zu  erreichen.  Nicht  unwesentlich  dürfte  fernerhin  \ 
einem  Säugling  in  mehr  oder  minder  ausgetrocknetem  Zustande  ! 
Einverleibung  von  10—20  ccm  Flüssigkeit  direkt  in  die  Blutbahn  st 

Unsere  Versuche  erstreckten  sich  bisher  über  54  Fälle  und  zw. 

27  Bronchopneumonien, 

3  Kapillärbronchitis,  J 

10  schwere  Ernährungsstörungen  (Dekomposition,  Intoxikation! 

9  schwere  Ernährungsstörungen  und  Bronchopneumonie, 

4  Ruhr, 

1  Meningitis  epidemica. 

Wenn  unsere  absoluten  Erfolge  auch  als  gering  anzusehen  sil 
so  ist  dabei  zu  berücksichtigen,  dass  die  weitaus  meisten  Fälle 
Zeit  der  Injektionen  sich  in  moribundem  Zustande  befanden.  Bisweil 
wurden  mehrere  Injektionen  innerhalb  eines  oder  mehrerer  läge 
macht;  11  davon  in  den  Sinus  sagittalis,  da  aus  technischen  Grünj 
die  Injektion  in  eine  Vene  unmöglich  war. .  J 

Irgendwelche  Reizerscheinungen  der  Injektionsflüssigkeit,  die  nei| 
das  Gefäss  gelangte,  wurden  niemals  beobachtet.  —  In  5  Fällen 
sehr  schlechtem  Turgor  wurde  das  Kampierwasser  subkutan  apphzj 
in  Mengen  bis  zu  100  ccm.  Auch  dabei  zeigte  sich  keinerlei  lol- 
Reizung  und  die  Resorption  ging  gegenüber  andern  Flüssigkeiten  n 
langsamer  vonstatten.  Eine  Kampferwirkung  war  bei  dieser  Art 
Applikation  nicht  festzustellen.  —  Einmal  wurde  bei  einem  sehr  sdr 
dekomponierten,  moribunden  Kinde  im  Alter  von  3 XA  Monaten 
Kampferwasser  intraperitoneai  (80  ccm)  gegeben,  allerdings  o 
irgendwelche  sichtbare  Wirkung.  Der  Exitus  trat  nach  2  Stunden 


;  März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


311 


Zur  Technik  der  Injektion  ist  nur  zu  sagen,  dass  sie  mit  einer 
j  e  r  sehen  Spritze  und  mittelstarker,  ausgeglühter  Platinkanüle  aus¬ 
führt  wurde.  —  Eine  deutliche  günstige  Wirkung  der  intravenösen 
ektion,  wenn  auch  mehrmals  nur  für  kurze  Zeit,  konnten  wir  in 
Fällen  feststellen,  derart,  dass  meist  noch  während  der  Injektion, 
:  stets  langsam  ausgeführt  wurde,  der  Puls  grösser  wurde,  öfters 
ir  der  nicht  fühlbare  Puls  wieder  deutlich  zu  fühlen.  Dabei  liess  die 
spnoe  nach,  die  Atmung  wurde  ruhiger  und  tiefer,  und  das  Aussehen 
s  Kranken  besserte  sich  sichtlich.  Das  würde  sich  völlig  mit  den 
fahrungen  Hosemanns  (D.m.W.  1916,  H.  44)  und  Leos  (D.m.W. 
13,  H.  13  und  M.m.W.  1913,  H.  43)  decken.  Besonders  von  der 
irkung  auf  das  Atemzentrum  hebt  Leo  hervor,  dass  sie  ungleich 
irker  und  rascher  ist  und  ebensolange  anhalte  wie  bei  bei  weitem 
irkeren  subkutanen  Oelinjektionen. 

In  8  Fällen,  die  freilich  sowieso  als  „verzweifelte  Fälle“  anzusehen 
iren,  konnten  wir  keine  Wirkung  des  Kampferwassers  feststellen, 
ihrend  in  den  übrigen  Fällen  die  Wirkung  zweifelhaft  schien.  Ein¬ 
il  erlebten  wir  bei  einem  moribunden  Fall  den  Exitus  während  der 
iektion,  wohl  sicher  aber  nicht  „propter  hoc“. 

Eine  pneumokokkenwidrige  Wirkung  des  Kampfers,  die  von  ver¬ 
miedenen  Seiten  hervorgehoben  wurde,  haben  wir  bei  der  wässerigen 
I  ektion  nicht  erwartet  und  uns  auch  von  einer  etwaigen  prophylak- 
chen  Wirkung  nicht  überzeugen  können.  Die  einmal  ausgebrochene 
ankheit  lässt  sich  durch  Kampfer  nicht  heilen  (Rosenthal,  Verh. 
Kongr.  f.  inn.  Med.  1914).  wie  Leo  auch  besonders  betont  (D.m.W. 
18,  H.  11)  und  die  prophylaktische  Bekämpfung  gelänge  nur  bei 
rem  Bruchteil  der  Pneumokokkenstämme. 

Eines  unserer  Fälle  sei  noch  besonders  gedacht  wegen  der  unerwünschten 
benwirkungen :  H.  P.,  3  Monate  alt.  Ausgedehnte  Bronchopneumonie 
derseits.  Im  Zustand  stärkster  Dyspnoe  und  Zyanose  wird  bei  nicht  fühl- 
rem  Puls  eine  langsame  Injektion  von  20  ccm  Kampferwasser  in  eine 
hädelvene  gemacht.  Während  der  Injektion  wird  die  Umgebung  der  Injek- 
nsstelle  in  reichlich  Fünfmarkstückgrösse  sehr  blass,  nach  einigen  Stunden 
rötet.  Puls  und  Atmung  bessern  sich  sichtlich.  Da  am  nächsten  Tage 
eder  stärkere  Dyspnoe  auftritt,  werden  in  die  gleiche  Vene,  wenig  unter- 
b  der  gestrigen  Injektionsstelle,  wiederum  20  ccm  Kampferwasser  injiziert, 
be:  zeigt  sich  ebenfalls  Erblassen,  dann  Rötung  in  der  gleichen  Ausdehnung 
e  gestern,  mit  unregelmässig  gezackten  Rändern.  Wirkung  gleichgut  wie 
|i  Tage  vorher.  Es  sei  besonders  bemerkt,  dass  beide  Male  eine  frische 
rpulle  genommen  wurde  und  die  Injektion  in  die  Vene  glatt  von  statten 
ig.  Im  Verlaufe  der  nächsten  Tage  wurde  die  Rötung  immer  stärker, 
id,  bis  am  8.  Tage  eine  oberflächliche  Hautnekrose  begann  und  sich  fast 
er  das  ganze  gerötete  Gebiet  erstreckte.  Unter  Salbenbehandlung  heilte 
:  Nekrose  bald  ab,  das  Kind  hatte  die  Pneumonie  überstanden  und  konnte 
Wochen  später  als  geheilt  entlassen  werden. 

|  Trotz  dieser  recht  unangenehmen  Nebenwirkung  und  unserer  ja 
pht  gerade  glänzenden  Erfolge  dürften  doch  weitere  Versuche  mit 
iTavenöser  Kampferwasserinjektion  zu  empfehlen  sein,  soweit  diese 
ethode  jetzt  nicht  durch  die  intravenöse  Kampferölinjektion  überholt 
rd  (Fuld,  Ther.  Hrnh.  1920,  S.  460  und  Fischer,  B.kl.W.  1921, 
869).  über  die  aber  wohl  die  Akten  noch  nicht  geschlossen  sind, 
denfalls  dürfte  bei  atrophischen,  wasserverarmten  Säuglingen,  bei 
nen  neben  der  Herzwirkung  auch  die  Flüssigkeitszufuhr  in  Betracht 
mmt,  die  wässerige,  intravenöse  Injektion  vorzuziehen  sein,  und 
eitere  Versuche  damit  sind  erwünscht. 

P.S.  Während  des  Druckes  erschien  eine  Arbeit  von  L  e  o  in  der 

m. W.  1922  S.  155:  Ueber  die  Wirkung  intravenöser  Kampferöliniek- 

n,  in  der  besonders  über  die  Wirkung  auf  die  Atemgrösse  berichtet 
rd:  Rascher  und  hoher  Anstieg  der  Atemgrösse  mit  baldigem  Abfall, 
nn  allmähliches  und  viele  Stunden  anhaltendes  Ansteigen  weit  über 
in  Anfangswert  der  Atemgrösse.  Bei  subkutaner  Oelinjektion  nur 
nz  allmähliche  und  geringe  Wirkung.  —  Das  bestätigt  aufs  Beste 
isere  Beobachtungen  der  Kampferwasserwirkung  auf  die  Atmung. 


jezifische  Therapie  und  Prophylaxe  des  Gelbfiebers. 

Von  Prof.  Dr.  Ol  pp- Tübingen. 

Schon  1907  hat  A.  M.  Stimson  vom  U.  S.  Public  Health  Service 
len  spiralförmigen  Protisten  demonstriert  und  veröffentlicht,  den  er 
s  der  Niere  eines  in  New  Orleans  1905  an  Gelbfieber  gestorbenen 
anken  nach  L  e  v  a  d  i  t  i  gefärbt  hatte.  Nfo  g  u  c  h  i,  dem  wir  die  1918 
erst  im  Leberbrei  vom  Meerschweinchen,  dann  auch  beim  Menschen 
folgte  Entdeckung  des  Gelbfiebererregers  verdanken,  den  er  Lepto- 
ira  icteroides  nannte,  hat  den  von  Stimson  gefundenen  Parasiten 
it  dem  von  ihm  beschriebenen  als  identisch  erklärt.  1919  und  1920 
■lang  es  Noguchi  und  KI  i  gl  er  in  Yukatan  und  in  Peru,  Gelb- 
ber  auf  Meerschweinchen  zu  übertragen  und  den  Erreger  aus  ihnen 
eder  zu  isolieren.  Le  Blanc  vom  Rockefellerinstitut  hat  diese  Be- 
nde  1921  in  Verakruz  bestätigt. 

Nach  vorausgegangenen  experimentellen  Tierversuchen  und  Vor- 
hriften  N  o  g  u  c  h  i  s  haben  nun  L  y  s  t  e  r  und  P  a  r  e  j  a  zum  erstenmal 

-  Serumbehandlung  beim  Menschen  mit  Erfolg  durchgeführt,  und  zwar 
i  einem  amerikanischen  Matrosen  von  Honduras  und  bei  dem  mexi- 
uiischen  Gesandten  von  Nikaragua.  Das  spezifische  Serum  wurde 
m  Pferden  gewonnen.  Bis  zum  31.  Dezember  1920  waren  170  Fälle 
'f  diese  Weise  behandelt.  Hierbei  zeigte  es  sich,  dass  die  Kranken, 

-  das  Anti-Ikteroides-Serum  innerhalb  der  ersten  3  Krankheitstage  erhal- 
n  hatten,  nur  eine  Mortalität  von  13,6  Proz.  aufwiesen,  d.  h.  13  Todes- 
lle  bei  95  Erkrankungen,  während  die  Sterblichkeit  bei  den  75  Fällen, 


die  erst  nach  dem  4.  Tage  mit  dem  Serum  behandelt  waren,  52  Proz. 
Detrug  (39  Todesfälle).  Dies  würde  mit  der  längst  bekannten  Tatsache 
übereinstimmen,  dass  die  Stegomyia  fasciata  von  einem  Gelbfieber¬ 
kranken  während  der  3  ersten  Fiebertage  Blut  gesogen  haben  muss, 
um  eine  Infektion  hervorrufen  zu  können. 

Während  derselben  Epidemien  wurden  783  Gelbfieberfälle,  die  nicht 
mit  Serum  behandelt  wurden,  beobachtet,  von  denen  442  starben.  Das 
ergibt  eine  Mortalität  von  56,4  Proz. 

Wenn  sich  die  Serumbehandlung  weiterhin  als  erfolgreich  ausweist, 
ist  ein  ungeheurer  Fortschritt  in  der  Gelbfiebertherapie  erzielt.  Es 
wäre  das  erstemal  in  der  Geschichte  der  Spirochätenkrankheiten  dass 
ein  Leiden,  dem  wir  bisher  therapeutisch  machtlos  gegenüberstanden, 
nicht  durch  Arsenpräparate,  sondern  durch  ein  spezifisches  Serum  er¬ 
folgreich  behandelt  werden  kann. 

Noch  wichtiger  erscheint  mir  die  Prophylaxe,  die  Noguchi  emp¬ 
fiehlt.  Er  gibt  Injektionen  von  2,0  ccm  einer  abgetöteten  Leptospira- 
ikteroides-ReinkuItur,  die  mindestens  2  000  000  000  Keime  pro  Kubik¬ 
zentimeter  enthält.  Von  3230  auf  diese  Weise  2  mal  geimpften  Per¬ 
sonen  bekam  keine  das  Gelbfieber,  während  267  Fälle  unter  den  nicht¬ 
geimpften  Individuen  auftraten.  Beide  Gruppen  waren  der  Infektion  in 
gleichem  Masse  ausgesetzt  in  Guatemala,  Salvador  und  Tuxpan.  Diese 
Versuche  sollten  noch  in  grösserem  Massstabe  nachgeprüft  werden. 
Wenn  sich  die  prophylaktische  Impfung  tatsächlich  bewährt,  so  wäre 
die  grosse  Gefahr  wesentlich  herabgemindert,  auf  die  m.  W.  M  a  n  s  o  n 
zum  erstenmal  hingewiesen  hat.  nämlich  die  Verschleppung  des  Gelb¬ 
fiebers  von  der  Ostküste  Amerikas  durch  den  Panamakanal  nach  der 
Ostküste  Asiens,  die  mit  Stegomyia  fasciata  reichlich  versehen  ist  und 
in  hygienischer  Beziehung  noch  sehr  viel  zu  wünschen  übrig  lässt.  Bei 
etwaiger  Einschleppung  des  Gelbfiebers  nach  China  und  angrenzende 
Länder  wäre  es  dann  nur  noch  eine  Frage  von  Geld  und  ärztlichem 
Personal,  um  prophylaktisch  und  therapeutisch  erfolgreich  Vorgehen  zu 
können. 

Literatur. 

A.  H.  Stimson:  Note  on  an  Organism  Found  in  Yellow  Fever  Tissue. 
Reports  U.  S.  P.  H.  S.  22,  Part  1,  451,  1907.  —  Hideyo  Noguchi:  Etiology 
of  Yellow  Fever,  Papers  I — XIII.  Journ.  Exper.  Med.  29:  547—596,  Juni  1919; 
30:  1—29,  Juli  1919;  30:87—93,  August  1919;  30:  401—410,  Oktober  1919; 
31:  135—168,  Februar  1920;  32:  381—400,  Oktober  1920;  33:  683—692, 
Juni  1921.  —  Noguchi  and  Kl  i  gl  er:  Experimental  Studies  on  Yellow 
Fever  occuring  in  Merida,  Yukutan.  Journ.  Exper.  Med.  32:  601,  Nov.  1920 
und  627,  Nov.  1920.  —  Noguchi  and  Kl  i  gier:  Experimental  Studies 
on  Yellow  Fever  in  Northern  Peru.  Journ.  Exper.  Med.  32:  239  und  253, 
Febr.  1921.  —  Hideyo  Noguchi:  Serum  Treatment  of  Animais  Infected 
with  Leptospira  icteroides.  Journ.  Exper.  Med.  31:  129,  Febr.  1920.  — 
Noguchi  and  P  a  r  e  j  a,  Wenceslao:  Prophylactic  Inoculation  against 
Yellow  Fever.  Journ.  Amer.  Med.  Assoc.  76:  96,  Jan.  1921.  —  Hideyo 
Noguchi:  Prophylaxis  and  Serum-Therapy  of  Yellow  Fever.  Journ. 
Amer.  Med.  Assoc.  77:  181 — 185,  Juli  1921. 


Eine  Kriegsneurose  in  ärztlicher  Selbstbeobachtung. 

Von  Dr.  med.  A.  Am b old. 

Alter  27  Jahre.  Schon  vor  dem  Kriege  ausgesprochene  neurasthenische 
Beschwerden,  hauptsächlich  zerebral-psychischer  und  kardiovaskulärer  Rich¬ 
tung  (rasche  körperliche  und  geistige  Ermüdbarkeit,  Insuffizienzgefühl,  nasale 
Reflexneurose  mit  starker  wässeriger  Sekretion,  Arrhythmie).  Wegen  der 
Herzgefässneurose  erst  1916  eingezogen.  Im  Feuer  3  Wochen,  sonst  beim 
Feldlazarett  oder  in  der  Heimat.  Oktober  1818  leichte  Grippe  ambulant 
überwunden,  seither  elend  gefühlt.  8  November  1918  nach  angreifenden 
Strapazen  völlig  erschöpft  mit  begonnener  Pneumonie  ins  Feldlazarett;  am 
folgenden  Tage  hochfiebernd  mit  dem  Räumungstransport  des  Lazarettes  in 
dem  Durcheinander  des  Rückzuges  mit  Lazarettzug  abtransportiert. 

Hier  erwache  ich  am  3.  Tage  des  Transportes  plötzlich  mit  einem 
ganz  groben  Schüttelzittern  meiner  beiden  Arme.  Mein  erster  Eindruck 
—  als  ich  überhaupt  begriffen  hatte,  was  vor  sich  ging,  war  Erstaunen, 
dann  meldete  sich  das  psychologische  Interesse,  sowie  auch  eine  gewisse 
Genugtuung,  denn  —  über  den  Zweck  des  Schiittelns  war  ich  mir  als¬ 
bald  klar:  manifeste  „schwere  Krankheit“  sollte  die  fehlende  ärztliche 
Hilfe  (die  bei  der  Ueberlastung  des  Zuges  mit  nicht  transportfähigen 
Schwerverwundeten  nicht  im  entferntesten  den  dringendsten  Aufgaben 
gerecht  werden  konnte)  erzwingen.  Nach  kurzem  Schwanken,  ob  ich 
das  Symptom  in  dem  angedeuteten  Sinne  verwerten  solle,  machte  ich 
mir  klar,  dass  dies  Ziel  auch  direkter  zu  erreichen  sein  müsse  und  unter¬ 
drückte  alsbald  das  Schütteln,  was  eine  ständige,  nicht  unerhebliche 
Kraftanstrengung  erforderte.  Das  Schütteln  selbst  ermüdete  mich  trotz 
meinet  elenden  Körperverfassung  in  keiner  Weise. 

Am  nächsten  Morgen  —  und  dieser  Beobachtung  wegen  ist  der 
sehr  klarlievende  Fall  vielleicht  von  Interesse  —  lanen  die  Arme  ruhig, 
aber  der  Schüttelmechanismus  stand  mir  völlig  nach 
Belieben  zu  Gebote:  ich  konnte  ohne  Mühe  schütteln  oder 
die  Arme  ruhig  halten  und  ohne  weiteres  vom  einen  zum  anderen 
übergehen. 

Als  der  Verlauf  der  Krankheit  und  die  äusseren  Geschehnisse  mich 
nach  8  Tagen  im  Heimatlazarett  noch  fiebernd  und  kaum  gebessert 
daran  denken  liessen.  den  Schüttelmechanismus  wieder  zu  probieren, 
stand  er  mir  nicht  mehr  zu  Gebote. 

Ohne  meine  ärztliche  Kenntnis  der  Sachlage  hätte  mir  der  Schüttel¬ 
tremor  mit  seiner  Plötzlichkeit  und  Heftigkeit  wahrscheinlich  als  echte 
Krankheitsäusserung  imponiert. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


312 

Aus  dem  Pharmakologischen  Institut  der  Universität  Bonn. 
(Direktor:  Geh.  Rat  Prof.  Leo.) 

Albertan,  ein  neues  Antiseptikum. 

Von  Prof.  Dr.  C.  Bachem. 

Neben  den  jodhaltigen  Ersatzpräparaten  des  Jodoforms  hat  man 
neuerdings  erfolgreich  auch  Verbindungen  von  Aluminium  mit  an¬ 
deren  Körpern  verwendet.  Das  neueste  Produkt  auf  diesem  Gebiete 
ist  das  Albertan.  Ich  habe  dieses  Präparat  durch  Herrn  H.  Har¬ 
ten  scheidt  prüfen  lassen  und  es  sind  die  Ergebnisse  eingehend 
in  dessen  unter  meiner  Leitung  entstandenen  (zahnärztlichen)  Inau¬ 
guraldissertation,  Bonn  1921,  niedergelegt. 

Albertan  besteht  chemisch  aus  einer  Verbindung  von  Aluminium 
und  Phenolalkoholen  und  ist  nach  Angabe  der  herstellenden  Fabrik1) 
als  ein  Aluminiuinpolyphenylat  aufzufassen  mit  einem  Gehalt  von 
8  Proz.  Aluminium.  Die  Darstellung  selbst  ist  Geheimnis  der  Fabrik. 
Das  einen  chemisch  einheitlichen  Körper  darstellende  Präparat  ist  von 
neutraler  Reaktion  und  in  allen  bekannten  Lösungsmitteln  unlöslich. 
Albertan  ist  ein  überaus  feinkörniges  Pulver  von  graugelber  Farbe. 
Die  feine  Verteilung  der  Teilchen  ist  so  gross,  dass  es  leicht  gelingt, 
das  Pulver  in  Staubform  der  Luft  mitzuteilen.  Im  Gegensatz  zu  Jodo¬ 
form  ist  Albertan  völlig  geruchlos.  Bei  der  Nachprüfung  der 
Löslichkeit  wurde  versucht,  das  Mittel  in  Wasser,  Aether  und  Alkohol 
zu  lösen,  indem  die  genannten  Lösungsmittel  5  Tage  lang  unter  zeit¬ 
weiligem  Schütteln  einwirkten.  Niemals  war  indes  die  geringste  Lö¬ 
sung  festzustellen.  Wenn  demnach  überhaupt  eine  nennenswerte.  Dis¬ 
soziation  bei  der  antiseptischen  Wirkung  auf  Wunden  usw.  stattfindet, 
so  muss  diese  ausserordentlich  langsam  vor  sich  gehen,  was  seiner¬ 
seits  wieder  eine  protrahierte  Wirkungsdauer  garantiert. 

Infolge  der  feinpulverigen  Beschaffenheit  besitzt  Albertan  eine 
grosse  Adsorptionsfähigkeit.  Hierin  scheint  ein  grosser  Vor¬ 
teil  des  Präparates  zu  liegen.  Die  Adsorptionsfähigkeit  wurde  durch 
Entfärbung  einer  Farbstofflösung  geprüft  und  zwar  wurde  das 
Präparat  nach  dieser  Richtung  mit  zwei  anderen  Mitteln  von  hoher 
Adsorptionsfähigkeit,  nämlich  weissem  Bolus  und  Tierkohle,  verglichen. 
10  Reagenzgläser  wurden  mit  je  10  ccm  einer  verdünnten  Methylen¬ 
blaulösung  (0,02  Proz.)  gefüllt.  Den  Lösungen  wurde  das  zu  prüfende 
Albertan  zugesetzt  und  zwar  von  0,1  angefangen  stufenweise  aufwärts 
bis  zu  1  g.  Die  nach  12  Stunden  vorgenommene  Filtration  zeigte, 
dass  die  Methylenblaulösung,  der  0,3  g  Albertan  zugesetzt  war,  sich 
vollständig  entfärbt  hatte,  während  die  Lösung  von  0,2  g  noch  einen 
bläulichen  Schimmer  zeigte.  Zum  Vergleich  wurden  analoge  Versuche 
mit  Bolus  alba  und  Tierkohle  angestellt  und  gefunden,  dass  die  Me¬ 
thylenblaulösung  durch  Zusatz  von  1  g  Bolus  alba  entfärbt  wurde, 
während  bei  der  Prüfung  mit  Tierkohle  schon  die  geringe  Menge  von 
0,01  genügte,  um  eine  Entfärbung  herbeizuführen.  Wenn  Albertan  also 
auch  nicht  die  Adsorptionsfähigkeit  der  Tierkohle  erreicht,  so  übertrifft 
es  in  dieser  Hinsicht  Bolus  alba  ganz  erheblich.  Ein  weiterer  Unter¬ 
schied  zeigte  sich  bei  den  genannten  Versuchen  darin,  dass  sich  am 
Spiegel  der  Flüssigkeit  dauernd  kleine  Mengen  mit  Farbstoff  beladener 
Albertankörnchen  absetzten,  die  wenig  Tendenz  zeigten,  zu  Boden  zu 
sinken,  was  bei  Bolus  alba  nicht  der  Fall  war,  dass  ferner  die  Albertan¬ 
körnchen  ungleich  länger  im  Wasser  suspendiert  blieben  als  die  Bolus¬ 
körnchen,  eine  Erscheinung,  die  ebenfalls  zu  Gunsten  des  Albertans 
spricht. 

Auch  die  Kapillarkraft  des  Albertans  wurde  in  einer  zwar 
etwas  rohen,  aber  für  die  praktischen  Bedürfnisse  hinreichenden  Form 
geprüft  und  zwar  in  der  gleichen  Weise,  wie  dies  bereits  Diebel2) 
in  seiner  Inauguraldissertation  (Zur  Wundbehandlung  mit  pulverför¬ 
migen  Substanzen)  festgestellt  hatte  und  der  auch  bezüglich  der  Me¬ 
thylenblauversuche  zu  ähnlichen  Resultaten  gekommen  war.  In  kleine, 
vierfach  gefaltete  gleichgrosse  Gazebeutelchen  wurde  die  gleiche,  ge¬ 
nau  abgemessene  Menge  Albertan  sowie  Bolus  und  Kohle  gegeben.  Die 
Wägung  ergab  für  das  Bolussäckchen  8,85  g,  das  Albertansäckchen 
7,25  g  und  das  Tierkohlesäckchen  7,06  g.  Die  drei  Säckchen  wurden 
nun  gleichzeitig  in  ein  Gefäss  mit  Wasser  eingetaucht  und  nach 
10  Minuten  wieder  herausgenommen.  Nachdem  sie  10  Minuten  frei 
aufgehängt  und  abgetropft  hatten,  ergab  eine  erneute  Wägung,  dass  das 
Bolussäckchen  38,65  g,  das  Albertansäckchen  42,50  g  und  das  Kohle¬ 
säckchen  40,7  g  schwer  waren.  Zusammen  mit  der  Gaze  hatte  al$o 
Bolus  29,80  g,  die  Tierkohle  33,64  g  und  Albertan  35,25  g  zugenommen. 
Andere  Versuche  ergaben  ähnliche  Resultate.  —  Diese  Versuchsanord¬ 
nung  gestattet  uns  zwar  nicht,  genaue  Schlüsse  über  die  Kapillarkraft 
der  untersuchten  Pulverarten  zu  ziehen;  da  aber  die  Prüfung  unter 
den  gleichen  Versuchsbedingungen  stattfand,  gibt  uns  die  Anordnung 
wenigstens  ein  vergleichendes  Resultat.  Albertan  übertrifft  also 
an  Kapillarkraft  Bolus  alba  bei  weitem,  und  selbst  die  Tierkohle, 
deren  hohe  Adsorptionskraft  bekannt  ist,  erreicht  nicht  die  Kapillarkraft 
des  Albertans.  Dieb  el.  der  zu  den  analogen  Versuchen  statt  Wasser 
Hydrozelenpunktat  benutzte,  hatte  ebenfalls  bei  der  nämlichen  Ver¬ 
suchsanordnung  beim  Albertan  im  Verhältnis  zu  Bolus  eine  vermehrte 
Gewichtszunahme  beobachtet. 

In  einigen  Versuchen  wurde  sodann  die  bakterizide  Kraft 
des  Albertans  festgestellt.  Unter  den  nicht  pathogenen  Keimen 

*)  Hergestellt  von  den  Chem.-pharmaz.  Fabriken  Albert  &  Lohmann, 
O.  m.  b.  H.  in  Fahr  a.  Rhein. 

2)  J.  Diebel:  Zur  Wundbehandlung  mit  pulverförmigen  Substanzen. 
Inaug.-Dissert.  Berlin,  1921. 


Nr.  9 


wurde  Bazillus  prodigiosus  gewählt,  dessen  Wachstum  sich  bekanntlich j 
durch  rötliche  Farbe  auszeichnet  und  daher  leicht  verfolgt  werden 
kann.  In  einer  mit  Nähragar  beschickten  Petrischale  wurden  die  Pro-' 
digiosus-Kultnren  strichweise  verimpft  und  die  Impfstriche  teils  mii 
dem  zu  prüfenden  Albertan  bedeckt,  teilweise  mit  Jodoform,  währenc 
andere  Striche  zur  Kontrolle  frei  blieben.  Nach  24  ständigem.  Ver¬ 
weilen  im  Brutschrank  konnte  in  beiden  Fällen  eine  geringe  Wachs-, 
tumshemmung  beobachtet  werden,  welche  jedoch  nach  48  Stunden  be 
den  Kulturen  unter  Einwirkung  des  Jodoforms  bedeutend  stärker  in  dk 
Erscheinung  trat,  als  unter  Albertaneinwirkung.  Gleiches  Resultat  er¬ 
gaben  die  Versuche  mit  Reagcnzglaskulturen  mit  schräg  erstarrten 
Agar. 

Von  pathogenen  Keimen  wurden  Bakterium  coli  und  der  Mikro- 
kokkus  pyogenes  aureus  in  der  gleichen  Weise  mit  Albertan  (bzw 
Jodoform)  behandelt,  wobei  sich  das  gleiche  Resultat  wie  bei  den  Ver¬ 
suchen  mit  nicht  pathogenen  Keimen  ergab.  .  J 

Die  Giftigkeit  des  Albertans  wurde  an  Kaninchen  in  der  Weist 
geprüft,  dass  die  Tiere  das  Mittel  in  aufsteigender  Menge,  mit  Wassei 
aufgeschwemmt,  per  os  erhielten.  In  Intervallen  von  2  Tagen  wurde 
die  Einzeldosis  bis  auf  5  g  gesteigert.  Während  der  ganzen  Versuchs¬ 
dauer  trat  nicht  die  geringste  Störung  im  Allgemeinbefinden  auf,  selbs: 
5  g  schienen  keine  üblen  Wirkungen  hervorzurufen.  Theoretisch  könnt; 
eingeworfen  werden,  dass  die  Phenolkomponente  des  Präparates  eint 
Ausscheidung  von  Eiweiss  bedingen  könnte.  Jedoch  ergab  die  tägliche 
Harnuntersuchung,  dass  dieser  Einwand  in  praxi  unbegründet  ist. 

Auf  Grund  der  angestellten  Versuche  scheint  also  die  wertvolish 
Eigenschaft  des  Albertans  die  geringe  Giftigkeit  und  grosse  Adsorp- 
tionsfähigkeit  zu  sein.  Bei  sezernier  enden  Wunden  wird  durcl 
Albertan  eine  gründliche  Trockenlegung  der  Wunde  in  kurzer  Zeit  er¬ 
reicht,  wodurch  eine  schnelle  Einschränkung  der  Sekretion  erfolgt,  wi< 
aus  folgendem  Tierversuch  hervorgeht:  Einem’  Kaninchen  wurden  durcl 
Reiben  mit  grobkörnigem  Sandpapier  zwei  fünfmarkstückgrosse  Wun 
den  gesetzt,  welche  binnen  kurzer  Zeit  starke  Sekretion  zeigten.  E: 
wurde  nun  die  eine  Wunde  in  dünner  Schicht  mit  Albertan  bestreut 
während  die  andere  Wundfläche  zur  Kontrolle  freiblieb.  Bereits  naci 
12  ständiger  Einwirkung  war  eine  deutliche  Verminderung  der  Sekretioi 
und  nach  weiteren  12  Stunden  eine  völlige  Austrocknung  der  Wundt 
zu  beobachten.  Dabei  war  eine  Schädigung  der  Wunde  oder  ihrer  Um 
gebung  in  keiner  Weise  festzustellen.  Verschorfung  und  Epithelisie  t 
rung  fand  in  kurzer  Zeit  statt.  Die  Kontrollwunde  zeigte  nach  24  Stun 
den  noch  Rötung  und  Sekretion,  heilte  also  langsamer  als  die  m: 
Albertan  behandelte. 

Wenn  auch  die  bakterizide  Kraft  des  Albertans  hinter  der  des  Jodo! 
forms  zurücksteht,  so  entzieht  es  doch  infolge  seiner  sekretionsvermin. 
dernden  und  austrocknenden  Wirkung  den  Bakterien  den  Nähr 
bo  den  und  hemmt  auf  diese  Weise  deren  Wachstum. 

Inzwischen  ist  Albertan  nun  auch  klinisch  erprobt  worden) 
Nachdem  bereits  Diebel  nach  nur  3 — 4 maligem  Aufstreuen  eim 
starke  Sekretionsverminderung  mit  Granulationsbildung  beobachtet  hat) 
wurde  auch  aus  anderen  Krankenhäusern  (Universitätskliniken  usw. 
berichtet,  dass  das  Mittel  bei  zahlreichen  Wunden  seine  Schuldigkeil 
tut,  wobei  besonders* auf  die  austrocknenden  Eigenschaften  hingewieseij 
wird.  Bei  Brandwunden  schien  es  sich  besonders  zu  bewähren.  Aul 
diesem  Grunde  empfehlen  sich  auch  Alberta n -  Brandbinden) 
die  bei  Verbrennungen  zweiten  Grades  in  Frage  kommen  und  als  Er 
satz  der  Wismutbinden  gedacht  sind.  Während  Albertan  selbst  ge 
ruchlos  ist,  kommen1  ihm  ausgesprochen  desodorierende  Eigenschafte’ 
zu.  Mit  seiner  sekretionseinschränkenden  Wirkung  hängt  auch  di< 
schnelle  Reinigung  schmieriger  Wunden  und  Granulationen  zusammer 

Im  Anschluss  an  diese  Ausführungen  sei  noch  kurz  einer  zweite; 
Verbindung  gedacht  des  Albertan-Wismuts,  einer  Phenyl 
Wismutverbindung  mit  29  Proz.  Wismut.  In  seinen  äusseren  Eigen 
schäften  gleicht  dieser  Körper  sehr  dem  Albertan;  er  ist  aber  trot 
seines  Gehaltes  an  Wismut  voluminöser  als  Albertan.  Während  voi 
diesem  20  g  einen  Raum  von  41  ccm  einnehmen,  füllen  20  g  Albertan 
Wismut  einen  solchen  von  49  ccm.  Auch  dieses  erwies  sich  im  Tier) 
versuch  als  praktisch  ungiftig  und  es  dürfte  vor  allem  zur  Behandlung 
von  Darmerkrankungen,  bei  denen  neben  der  Wismutwirkung  eine  uni 
mittelbar  desinfizierende  Wirkung  erwünscht  ist,  in  Frage  kommen 
Diesbezügliche  Versuche  werden  meines  Wissens  zur  Zeit  von  anderel 
Seite  angestellt. 

Ein  Beitrag  zum  Zustandekommen  nächtlicher  Waden 

krämpfe. 

Von  Dr.  Kurt  Ochsenius,  Chemnitz. 

In  einem  dankenswerten  Artikel  hat  Prof.  M  ar  w  e  d  e  1  -  Aachen 
in  Nr.  35  des  vorigen  Jahrganges  dieser  Wochenschrift  über  das  Zui 
standekommen  und  die  Verhütung  der  nächtlichen  Wadenkrämpfc  be 
richtet.  Dankenswert  ist  der  Aufsatz  deswegen  zu  nennen,  weil  ei 
Kapitel  des  Alltags,  das  keinen  Anspruch  auf  hochwissenschaftliche  Be 
deutung  erheben  kann,  für  würdig  befunden  wurde,  in  dieser  Wochen 
Schrift  bzw.  in  einer  Vereinigung  von  Chirurgen  zur  Diskussion  gestell 
zu  werden,  was  bisher  in  der  Regel  ja  leider  nur  dann  zu  geschehe 
pflegt,  wenn  —  wie  auch  im  vorliegenden  Fall  —  der  betr.  Autor  da 
Leiden  am  eigenen  Körper  kennen  zu  lernen  Gelegenheit  hatte. 

Der  Wunsch  der  im  praktischen  Leben  stehenden  Kollegen,  e 
möchten  in  den  medizinischen  Zeitschriften  noch  mehr  Fragen  des  Al1 


lärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


313 


;  behandelt  werden,  hat  ja  bereits  zu  einer  Aktion  geführt,  die  aller- 
1;  wohl  noch  nicht  in  die  Oeffentlichkeit  getreten  ist.  Mit  dem  er¬ 
nten  Artikel  ist  ein  vielversprechender  Anfang  gemacht  worden; 
!  l  wir  darin  ein  günstiges  Omen! 

v'on  jeher  sind  Selbstbeobachtungen  von  Aerzten  ganz  wertvoll 

■  'sen ;  es  sei  mir  daher  als  vorübergehendem  „Wadenkrämpfler“  ein 

■  gestattet.  Dass  Ueberstreckung  des  Fusses  im  Sinne  der  Spitz- 
:  tellung  am  Tage  bei  mir  eine  Schmerzhaftigkeit  der  Wadenmuskula- 

is  zur  Dauer  von  3  Tagen  verursacht,  habe  ich  erst  in  diesen  Tagen 
<  zur  Genüge  ausprobiert;  das  will  ich  dem  Autor  gerne  zugeben. 
>  es  resultiert  daraus  nicht  ein  nächtlicher  Anfall.  Zu  dieser  Dis- 
iion  zu  Muskelkrämpfen  muss  m.  E.  noch  ein  auslösender  Faktor 
men. 

ps  sind  nun  10  Jahre  her,  dass  ich  von  dem  unangenehmen  Krampf 
:r  Muskulatur  beider  Waden  morgens  geweckt  wurde;  er  stellte 
an  den  nächsten  3  Morgen  regelmässig  um  die  gleiche  Zeit  — 

;  um  A  6  Uhr  —  wieder  ein.  In  der  Lebensweise  hatte  sich  nichts 
jlert,  das  Herumlaufen  bei  den  Patienten  war  stets  das  gleiche,  die 
ppathie  war  auch  dieselbe.  Ich  überlegte  hin  und  her,  da  fiel  mein 
auf  das  neue  Paar  Sockenhalter,  das  am  oberen  Teil  der  Wade 
tigt  wird  und  das  ich  erst  seit  4  Tagen  trug.  Ich  Hess  es  weg,  am 
Hten  Tag  kein  Krampf;  am  folgenden  Tag  wurde  es  wieder  an- 
\  t,  prompt  trat  der  Krampf  wieder  auf.  Seitdem  liess  ich  es  ganz 
und  habe  keinen  Anfall  mehr  gehabt,  obwohl,  wie  gesagt,  die 
jerzhaftigkeit  der  Wadenmuskulatur  willkürlich  durch  Ueberexten- 
;  jederzeit  ausgelöst  werden  kann.  Da  Wadenkrämpfe  im  Kindes- 
.  sehr  selten  sind,  bezieht  sich  meine  Erfahrung  nur  auf  Beobach- 
sn  an  2  Bekannten,  bei  denen  der  Anfall  ebenfalls  erstmalig  nach 
ben  eines  straffen  Sockenhalters  auf  trat. 

Es  würde  meines  Erachtens  erspriesslich  sein,  wenn  auf  das  aus- 
;de  Moment  bei  dem  Anfall  in  Zukunft  die  Aufmerksamkeit  noch 
i  gelenkt  würde.  Und  in  diesem  Sinne  schien  mir  dieser  kurze 
1  eis  als  Ergänzung  zu  den  interessanten  Ausführungen  berechtigt, 

1  ja  auch  von  seiten  der  Nervenärzte  die  Kompression  der  Nerven 
licht  zum  wenigsten  auch  der  Gefässe  mit  der  daraus  resultierenden 
hhlechterung  der  Blutversorgung  verantwortlich  gemacht  wird. 

Zu  Adolf  Kussmauls  100.  Geburtstage 

(am  22.  Februar  1922.) 

Von  Prof.  Dr.  W.  Fl  einer  in  Heidelberg. 

(Fortsetzung.) 

j/or  der  Gründung  einer  eigenen  Praxis  wollte  Kussmaul,  an- 
kt  vom  Ruhme  der  neuen  Wiener  Schule,  den  Meister  der  pat'ho- 
]:hen  Anatomie  Rokitansky  und  seinen  Schüler,  den  Kliniker 
;  d  a.  in  ihren  Arbeitsstätten  wirken  sehen.  So  reiste  er  zusammen 
Feinem  Freunde  Bronn  er  im  Sommer  1847  nach  Wien,  wo  er 
Jesenkomplex  des  allgemeinen  Krankenhauses  in  der  Alservorstadt 
medizinischen  Erwartungen  durch  die  Fülle  dessen,  was  er  für 
;  ärztliche  Ausbildung  vorfand,  weit  übertroffen  sah.  In  den 
nnaten  des  Wiener  Aufenthaltes  wohnte  er  300  klinischen  und 
jhtlichen  Sektionen  bei,  die  Rokitansky  selbst  ausführte  und 
Protokolle  der  Meister  in  gedrängter  Kürze  und  doch  erschöpfend 
rte.  In  der  chirurgischen  Klinik  von  Dum  reich  er  sah  er  die 
Chloroformnarkose;  kurze  Aethernarkosen  hatte  er  schon  bei 
er  in  Heidelberg  ausgeführt.  Sehr  lehrreich  fand  er  die  Haut- 
bei  Hebra  und  den  Kurs  bei  Bednar,, im  Findelhause  über 
dieiten  der  Neugeborenen.  In  grösster  Dankbarkeit  und  Ver- 
ig  gedenkt  Kuss  maul  in  seinen  Jugenderinnerungen  des  treff- 
l  Ignaz  Philipp  Semmelweis,  welcher  die  beiden  Assistenten 
geles  in  ihren  Studien  so  viel  als  möglich  förderte  und  ihnen 
eltene  Erlaubnis  verschaffte,  sechs  Wochen  im  Gebärhause  zu 
izieren.  Kurz  vorher  —  Frühjahr  1847  —  hatte  S  e  m  m  e  1  w  e  i  s, 
Kenntnis  der  Mikroorganismen,  lediglich  auf  Grund  pathologisc'h- 
'tnischer  Befunde  und  klinischer  Beobachtungen  die  Identität  der 
envergiftung  und  des  Wochenbettfiebers  erkannt.  Mit  Vorliebe 
:c  die  Seuche  im  Gebärhause  die  Abteilung  für  den  Unterricht 
erzte  und  verschonte  diejenige  für  den  Unterricht  der  Hebammen. 
Erklärung  lag  nahe:  die  Mediziner  beschäftigten  sich  mit  patho- 
:h-anatomischen  Studien  im  Leichenhause,  die  Hebammen  nicht, 
fliese  Erwägung  gestützt,  wurde  fortan  kein  Mediziner  mehr  zu 
Jsuchungen  in  der  Frauenklinik  zugelassen,  der  sich  nicht  vorher 
ältig  die  Hände  mit  Chlorkalklösung  gereinigt  hatte.  So  ist 
melweis  zum  Wohltäter  der  Menschheit  geworden;  der  Ge- 
bh  des  Chlorkalks  war  der  Anfang  der  Antisepsis  und  die 
'liehe  Waschung  der  Hände  der  Anfang  der  Asepsis.  Beide 
baden  sind  zur  Grundlage  des  Erfolges  der  chirurgischen  Technik 
I  rden. 

'as  klinische  Haupt  der  neuen  Wiener  Schule  war  Skoda,  der 
ante  Diagnostiker  auf  dem  Gebiete  der  Atmungs-  und  Kreislauf- 
he.  Er  bezog  die  von  der  Norm  abweichenden,  perkutorischen 
Auskultatorischen  Schallerscheinungen  nicht  mehr  wie  Laentiec 
wine  Schüler  direkt  und  symptomatisch  auf  bestimmte  Krank- 
A,  sondern  streng  wissenschaftlich  nur  auf  physikalische  Verände¬ 
rt  in  den  betreffenden  Organen.  Dann  wurden  die  Möglichkeiten 
dacht,  welche  pathologischen  Zustände  das  physikalische  Verhalten 
untersuchten  Organe  verändert  haben  könnten  und  zuletzt  erst 


die  Diagnose  der  Krankheit  gestellt,  welche  die  pathologisch-anatomi¬ 
schen  Organveränderungen  hervorgerufen  hatte.  Die  physikalische 
Diagnostik  stand  somit  auf  einem  sicheren,  wissenschaftlichen  Boden 
und  die  klinische  Diagnose  war  ein  komplizierter  Denkakt,  eine  logische 
Schlussfolgerung. 

Kussmaul  besuchte  die  Skoda  sehe  Klinik  mit  höchstem  In¬ 
teresse.  fand  aber  in  ihr  doch  keine  innere  Befriedigung,  denn  für 
Skoda  galt  nur  Diagnostik  und  pathologische  Anatomie,  die  Heil¬ 
kunst  aber  —  wenn  es  sich  nicht  um  mechanische  und  äussere  Ein¬ 
griffe  handelte,  wie  sie  die  Chirurgen  und  Hebra  übten  —  gar  nichts. 
So  entstand  in  Skodas  Klinik  der  therapeutische  Nihilismus,  denn 
Lehrer  und  Schüler  vergassen  die  eigentliche  Aufgabe  der  Medizin: 
das  Heilen.  Damit  sank  die  beste  aller  menschlichen  Künste  von  ihrer 
Höhe  tief  herab.  Der  Ruf  wissenschaftlich  gebildeter  Aerzte  litt 
Schaden  in  den  Augen  des  Publikums  und  der  Pfuscherei  wurden  Tor 
und  Tür  geöffnet. 

In  Prag,  wohin  die  Freunde  gleich  nach  Weihnachten  1847  zogen, 
war  das  anders.  Von  Professoren  und  Dozenten  freundlich  aufgenom¬ 
men  und  wie  Kollegen  behandelt  —  nicht  wie  „medizinische  ABC- 
Schützen  und  Ignoranten“  —  fühlten  sie  sich  bald  heimisch  und  hielten 
die  Prager  für  „bessere  Menschen“  als  die  Wiener. 

Dem  berühmtesten  und  beliebtesten  Lehrer  Prags,  dem  internen 
Kliniker  Oppolzer  bewahrte  K  u  s  s  m  a  u  1  zeitlebens  ein  dankbares 
Gedächtnis.  Er  schildert  den  reicherfahrenen,  von  den  humanen  Auf¬ 
gaben  der  Heilkunst  durchdrungenen  Mann  als  einen  getreuen  Ekkehard 
in  allen  Nöten  und  Gefahren  der  Praxis  und  stellte  ihn  höher  als 
Skoda. 

Inzwischen  war  Virchows  Stern  aufgegangen:  seine  Kritik 
von  Rokitanskys  „Handbuch  der  pathologischen  Anatomie“  und 
sein  Programm,  mit  dem  er  das  zusammen  mit  Reinhard  heraus¬ 
gegebene  „Archiv  für  pathologische  Anatomie  und  Physiologie“  er- 
öffnete,  wirkte  so  mächtig  auf  K  u  s  s  m  a  u  1,  dass  er  gerne  mit  Bron- 
ner  gleich  nach  Berlin  gereist  wäre,  um  Virchow  zu  hören  —  da 
erfolgte  Ende  Februar  mit  dem  Sturze  Louis  Philipps  die  Erklärung 
der  Republik  in  Frankreich.  Auch  in  Deutschland  drohte  die  Revo¬ 
lution.  Das  zwang  zu  rascher  Abreise. 

Glücklich  von  Prag  in  die  Heimat  zurückgekehrt,  folgte  Kuss- 
m  a  u  1  der  Aufforderung  des  badischen  Kriegsministeriums  zum  Eintritt 
in  das  Heer,  weil  bei  der  unsicheren  Weltlage  und  der  erschütterten 
Ordnung  die  Zeit  zur  Gründung  einer  eigenen  Praxis  nicht  günstig  war. 

Als  Feldarzt  dem  Bat.  Holtz  in  Rastatt  zugeteilt,  machte  Kuss- 
maul  die  Heerfahrt  der  badischen  Brigade  nach  Holstein  mit,  die 
aber  —  bis  auf  1  Bataillon  —  schon  im  Herbst  1848  zurückberufen 
wurde,  um  den  Rheinwinkel  bei  Basel  von  Staufen  bis  Wehr  zu  be¬ 
wachen,  weil  S  t  r  u  v  e  und  B  1  i  n  d  von  der  Schweiz  aus  in  der 
Markgrafschaft  die  Republik  proklamiert  und1  bewaffnete  Haufen  ge¬ 
sammelt  hatten.  Als  Oberarzt  und  Leiter  des  Feldspitals  fand  dann 
den  Winter  über  Kuss  maul  in  Lörrach  und  in  Rändern  eine 
befriedigende  ärztliche  Tätigkeit,  die  ihm  das  Vertrauen  sowohl1  der 
Offiziere  als  auch  der  Mannschaften  und  der  Bürgerschaft  eintrug. 

Im  April  1849  zum  2.  Male  nach  Schleswig  Holstein  kommandiert, 
verblieb  Kussmiaul  dort  mit  dem  Bat.  Porbeck,  bis  dasselbe  nach 
dem'  schmählichen  Waffenstillstand  zwischen  Preussen  und  Dänemark 
wegen  der  in  der  Heimat  ausgebrochenen  Meuterei1  des  badischen 
Heeres,  die  den  Grossherzog  zwang,  das  Land  zu  verlassen,  heim¬ 
berufen  wurde. 

Die  militärische  Laufbahn  Kussmauls  endete  mit  einem  monate¬ 
langen,  schweren,  kaum  zu  bewältigenden  Dienst  in  der  Festung 
Rastatt.  Dort  hatte  sich  das  aufständische  badische  Heer  auf  Gnade 
und  Ungnade  den  belagernden  Preussen  ergeben  und  wurde  zusammen 
mit  bürgerlicher  Volkswehr  und  Freischaren  —  an  6000  Mann  —  in 
die  Kasematten  abgeführt,  wo  neben  der  grössten  Not  auch' das  Stand¬ 
gericht  herrschte.  Endlich  kam  Ende  Dezember  1849  der  schon  lange 
erbetene  Abschied  und  die  grossherzoglich  badische  Felddienstmedaille 
für  treuen  Dienst  im  Heere. 

In  K  a  ti  d  e  r  n  hatte  Kussmaul  ein  so  gutes  Andenken  hinter¬ 
lassen,  dass  man  nach  dem  Wegzug  des  einen  der  beiden  dort  prak¬ 
tizierenden  Aerzte  ihn  aufforderte,  die  Stelle  des  Abgegangenen  ein¬ 
zunehmen.  In  den  ersten  Tagen  des  März  1850  folgte  er  dem  will¬ 
kommenen  Rufe,  denn,  „an  der  Schlei  und  der  Eider  hatte  er  oft  sehn¬ 
süchtig  der  herrlichen  Landschaft  in  der  badischen  Heimat  oben  bei 
Basel  gedacht,  wo  der  Rheinstrom  nach  dem  Norden  sich  wendet  und 
Wiese  und  Kander,  die  munteren  Töchter  des  Schwarzwaldes,  sich  mit 
ihm  vermählen.  Der  gesegnete  Winkel  umschliesst  die  Aemter  Lör¬ 
rach,  Schopfheim  und  Müllheim,  den  südlichsten  Teil  der  altbadischen 
oberen  Markgrafschaft,  das  Heimatland  Hebels,  verklärt  vom  Schim¬ 
mer  der  Poesie.  Ein  Volk  alemannischen  Stammes,  regen  und  betrieb¬ 
samen  Geistes  bewohnt  die  schönen  Gauen“  (Jugenderinnerungen, 
S.  451/2). 

Es  gelang  ihm  rasch,  Vertrauen  und  Praxis  zu  erwerben.  Die 
ärztliche  Tätigkeit  gewährte  ihm  volle  Befriedigung  und  ein  mehr  als 
ausreichendes  Einkommen.  Jetzt  war  der  feste  Boden  gefunden,  wo¬ 
rauf  er  den  eigenen  Herd  gründen  und  die  seit  4  Jahren  mit  rührender 
Geduld  „des  fahrenden  Doktors“  harrende  Braut  heimführen  konnte. 
Da  starb  plötzlich  der  verehrte  Vater  und  die  Hochzeit  musste  ver¬ 
schoben  werden,  bis  der  Herbst  ins  Land  zog. 

Nach  3  Jahren  reinsten  Glückes  fand  die  Tätigkeit  in  Rändern 
ihren  jähen  Abschluss.  Den  ungeheuren  Strapazen  einer  an  Umfang 
immer  mehr  zunehmenden  Praxis  in  der  gebirgigen  Gegend  zur  strengen 
Winterzeit  waren  die  Kräfte  K  u  s  s  m  a  u  1  s  auf  die  Dauer  nicht  ge- 


314 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ni) 


wachsen.  Im  Februar  1853  lähmte  ihn  eine  schwere,  rheumatische 
„Meningitis  lumbalis“  und  fesselte  den  jungen  Arzt  monatelang  ans 
Krankenbett  oder  auf  den  Fahrstuhl.  Er  sah  sich  gezwungen,  die 
Landpraxis  aufzugeben. 

Als  aber  mit  dem  Gefühle  der  wiederkehrenden  Gesundheit  neuer 
Lebensmut  erwachte,  tauchte  aus  den  Sorgen  wieder  das  Ideal  der 
Studienzeit  auf:  die  akademische  Laufbahn.  Die  Fähigkeit 
hierzu  hat  zuerst  N  a  e  g  e  1  e,  der  Geburtshelfer,  bei  seinem  hoch- 
begabten  Schüler  Kussmaul  erkannt,  als  dieser,  noch  vor  dem 
Staatsexamen,  bei  ihm  Assistent  war.  Der  Vorschlag  erschien  aber 
Kuss  maul  damals  aus  Mangel  an  Mitteln  unausführbar 

In  Wien  und  Prag  erweckte  die  Freude  an  der  medizinischen 
Wissenschaft  aufs  neue  die  Idee  bei  Ku s s m au  1,  sein  Glück  als  Dozent 
in  Heidelberg  zu  versuchen;  der  Ausbruch  der  Revolution  zerstörte  aber 
diesen  hochstrebenden  Zukunftsplan.  Erst  bei  der  Genesung  von 
schwerer  Krankheit  zeigte  sich  die  Möglichkeit  zur  Verwirklichung  der 
Idee,  war  Kussraaul  doch  durch  die  in  der  Praxis  erworbenen  Mittel 
in  den  Stand  gesetzt,  noch  einmal  für  einige  Semester  auf  eine  Uni¬ 
versität  zu  gehen.  Er  dachte  s>ich  nunmehr  die  pathologische  Anatomie, 
die  durch  Virchow  eine  neue  Gestalt  und  reichen  Inhalt  gewonnen 
hatte,  als  künftiges  Lehrfach  und  zog  deshalb  nach  Würzburg,  wohin 
Virchow  von  Berlin  berufen  worden  war.  In  Würzburg  immatriku¬ 
liert,  beschäftigte  Kussmaul  stich  bei  Virchow.  Koelliker  und 
Scherer  vorwiegend  mit  anatomischen,  physiologischen,  chemischen 
und  pathologisch-anatomischen  Studien  und  besuchte  die  Kliniken  nur 
ab  und  zu  aus  Neugier,  ihre  Leiter  lehren  zu  sehen. 

Virchow  nahm  grosses  Interesse  an  Kussmaul,  riet  ihm  aber 
mehr  zum  klinischen  Lehrfache,  als  zum  pathologisch-anatomischen 
und  empfahl  ihn  zuerst  an  Griesinger  in  Tübingen  und,  da  dessen 
mit  einem  Dozenten  zu  besetzende  Assistentenstelle  inzwischen  ver¬ 
geben  war,  hernach  an  Hasse  in  Heidelberg,  den  Nachfolger 
P  f  e  u  f  e  r  s. 

Nach  erfolgter  Promotion  im  Sommer  1854,  bei  welcher  ihm  sein 
Freund  Nikolaus  Friedreich,  der  nachmalige  Heidelberger  Kliniker, 
opponierte,  verliess  Kuss  maul  Würeburg  und  wandte  sich  nach 
Illenau,  der  Badischen  Landes-Heil-  und  Pflegeanstalt,  um  unter 
Rollers  Leitung  sich  praktische  Erfahrungen  in  der  Psychiatrie  zu 
sammeln.  In  der  Illenauer  Bibliothek  stiess  Kussmaul  beim  Stu¬ 
dium  eines  psychiatrischen  Werkes  von  J  a  k  o  b  i  -  Siegburg  auf  Ver¬ 
suche  über  die  Kompression  der  Karotiden  zu  Heilzwecken.  Es  traf 
sich  gut,  dass  ein  früherer  Assistent  J  a  k  o  b  i  s,  der  später  auf  so  tra¬ 
gische  Art  aus  dem  Leben  geschiedene  Gudden  zugleich  mit  Kuss¬ 
maul  in  Illenau  weilte  und  diesem  das  in  Siegburg  oft  geübte  Ver¬ 
fahren  zeigen  konnte.  Wie  vom  Schlage  gerührt  verliert  ein  Mensch, 
sobald  die  Blutbahn  seiner  Karotiden  gesperrt  wird,  das  Bewusstsein 
und  den  willkürlichen  Gebrauch  seiner  Muskeln,  denn  die  von  den 
Wirbelarterien  zugeführte  Blutmenge  reicht  nicht  aus,  die  Funktionen 
des  Gehirns  zu  unterhalten.  Kussmaul  brachte  diese  Beobachtungen 
zusammen  mit  den  berühmten  Versuchen  Claude  B  e  r  n  a  r  d  s,  die  dieser 
2  Jahre  zuvor  über  die  Verrichtungen  des  Halssympathikus  angestellt 
hatte.  Auf  Durchschneidung,  also  Lähmung,  und  auf  elektrische  Rei¬ 
zung  des  Halssympathikus  am  Schnittende  des  Kopfteils  traten  mit 
gesetzmässiger  Regelmässigkeit  bestimmte  Veränderungen  in  der  Blut¬ 
fülle,  Farbe  und  Wärme  der  entsprechenden  Kopfhälfte  und  bestimmte 
Bewegungen  am  Auge  der  gleichen  Seite  ein,  welche  Donders, 
de  Ruyter,  Schiff  und  Virchow  aus  der  vasomotorischen 
Natur  des  Halssvmpathikus  erklärten.  Falls  nun,  sagte  sich  Kuss¬ 
maul,  die  Annahme  eines  besonderen  vasomotorischen  Nervensystems 
richtig  war,  so  musste  es  gelingen,  dieselben  Erscheinungen  am 
Kopfe,  die  man  durch  Lähmung  oder  durch  Reizung  des  sympathischen 
Halsnerven  hervorrief,  durch  einfache  mechanische  Sperrung  und 
Wiederherstellung  des  Stromlaufes  in  den  grossen  Schlagadern,  die 
den  Kopf  mit  Blut  versorgen,  zu  erzielen.“  Vom  Gedanken  erfüllt,  „mit 
der  Leuchte  des  physiologischen  Versuches  in  der  Hand  in  die  dunkle 
Provinz  der  Pathologie  der  Zirkulationsstörungen  des 
Gehirns  siegreich  vorzudringen“,  zog  Kussmaul  von  Illenau  nach 
Heidelberg,  um  da  sein  Glück  als  Dozent  zu  versuchen. 

Aus  der  in  Illenau  konzipierten  Idee  entsprangen  drei  wichtige 
experimentelle  Arbeiten,  die  im  Laboratorium  von  Dr.  B  o  r  n- 
träger  ausgeführt  wurden,  bei  welchem  Kuss  maul  chemische 
Analyse  belegt  hatte.  Die  erste:  „Untersuchungen  über  den 
Einfluss,  welchen  die  Blutströmung  auf  die  Be¬ 
wegungen  derlrisund  anderer  Teile  des  Kopfes  aus¬ 
übt“  nahm  einen  grossen  Teil  des  Winters  1854/55  in  Anspruch.  Sie 
wurde  der  Würzburger  Fakultät  als  Dissertation  vorgelegt  und  fand 
Aufnahme  in  den  Verhandlungen  der  physikalisch-medizinischen  Ge¬ 
sellschaft  dortselbst  (Nr.  1.  VI,  1855).  Die  zweite:  „Ueber  den 
Einfluss  der  Blutströmung  in  den  grossen  Gefässen 
des  Halses  auf  die  Wärme  des  Ohrs  beim  Kaninchen 
und  ihr  Verhältnis  zu  den  Wärmeveränderungen, 
welche  durch  Lähmung  und  Reizung  des  Sympathi¬ 
kus  bedingt  werden“2)  erfolgte  unter  Mitarbeit  der  Studenten 
T  e  n  n  e  r  und  B  ü  1  a  u,  und  die  dritte  Arbeit:  „Untersuchungen 
über  Ursprung  und  Wesen  der  fallsuchtartigen  Zuk- 
kungen  bei  der  Verblutung,  sowie  der  Fallsucht 
überhaupt“3)  von  Kussraaul  und  T  e  n  n  e  r  war  der  Glanzpunkt 
jener  experimentellen  Arbeitsperiode;  sie  hat  die  Lehre  von  der  Epilepsie 

2)  Moleschotts  Untersuchungen  zur  Naturlehre  I. 

3)  Ibidem  III. 


mächtig  gefördert  und  bewiesen,  dass  manche  Formen  der  Fällst 
in  einem  Krampfe  der  Gefässmuskeln  der  Hirnarterien  beruhen. 

Die  Habilitation  in  Heidelberg  war  mit  manchen  Schwierigke 
verknüpft:  die  alte  Fakultät  war  nicht  mehr  da,  mit  Ausnahme 
Chelius,  und  der  neuen  war  Kuss  maul  bei  seiner  Wieder 
nach  Heidelberg  ein  Fremdling.  Der  schöne  Traum  vom  Lehrfache 
pathologischen  Anatomie  schwand  gleich  nach  dem  ersten  Besuche 
Hasse,  denn  dieser  war  an  eine  ältere  Abmachung  gebunden. 
Theodor  v.  Dusch,  den  nachmaligen  Polikliniker,  Sohn  des  i 
maligen  badischen  Staatsministers  A.  v.  Dusch  und  Schwiegers 
des  Chemikers  G  m  e  1  i  n.  Hasse  konnte  somit  Kussmaul  in  sei 
Vorhaben,  trotz  Virchows  Empfehlungsbrief  nicht  stützen.  Der 
N  a  e  g  e  1  e,  Kussmauls  väterlicher  Freund  war  verstorben  und 
der  Augenheilkunde  hatte  sich  Kussmaul  schon  in  Wien  und  1 
abgewandt,  weil  ihm  die  sichere  Hand  für  die  feinen  Operationen 
Auge  versagt  war.  So  wandte  er  sich  dann,  auf  den  Rat  seines  a 
Gönners  Chelius  der  Pharmakologie  und  Toxikologie 
und  nahm  daneben  noch  gerichtliche  Medizin-  und  Psy 
i  a  t  r  i  e  in  Aussicht,  denn  es  traf  sich  geschickt,  dass  damals  ge 
die  Stelle  eines  Assistenzarztes  beim  Physik 
Heidelberg  frei  wurde,  um  welche  sich  Kussmaul  bewarb, 
wurde  ihm  am  30.  April  1855  übertragen.  Hierzu  haben  ihm  sic 
neben  der  psychiatrischen  Ausbildung  in  Illenau,  einige  Veröff 
lichungen  aus  der  Praris  vieles  geholfen:  z.  B.  die  Arbeit  über 
endemische  Wurstvergiftung,  die  er  zusammen  mit  sei 
Vater,  vor  dem  Eintritt  in  das  badische  Heer  im  Frühjahr  1848  in  W 
loch  beobachtet  und  samt  Leichenbefunden  in  der  Zeitschrift  der  I 
sehen  Aerzte  für  Staatsarzneikunde  erscheinen  Hess  und  die  Arbc 
über  „P  o  1  y  o  s  t  i  t  i  s“  —  die  wohl  die  erste  Beschreibung  der  ak 
Osteomyelitis  war  — ,  über  „K  o  n  t a  g  i  o  s  i  t  ä  t  und  B  e  h  a  n  dl  i 
der  Ruh r“,  über  „Septische  Stomatitis“  und  über  den 
dominaltyphus  in  der  Umgebung  vonKandern  ,  di- 
alle  als  praktischer  Arzt  in  Kandern  verfasst  und  zumeist  in  den 
teilungen-  des  badischen  ärztlichen  Vereins  publiziert  hat. 

Da  die  Würzburger  Dissertation  zur  Habilitation  in  Heidelberg  r 
galt,  musste  Kussmaul  hier  nochmals  in  einem  Kolloquium  vor 
Fakultät  den  Nachweis  guter  Kenntnisse  liefern.  Eine  besondere  Hr 
tationsschrift  wurde  ihm  aber  erlassen,  weil  er  seinerzeit  die 
demische  Preisfrage  gelöst  und1  die  Abhandlung  „Ueber  die  Far1 
erschein-ungen  am  Grunde  des  menschlichen  Auges“  als  Druckse 
herausgegeben  hatte.  Endlich  erfolgte  am  14.  Juli  1855  nach  Abhai 
einer,  von  der  scholastischen  Aera  übernommenen  öffentlichen  Di 
tation  die  Habilitation:  die  venia  legendi  wäre  aber  noch  bei’ 
gescheitert  an  der  frivolen  Art,  mit  welcher  ein  Opponent  —  de 
Name  Kussmaul  zwar  verschwiegen,  aber  nie  vergessen  ha 
die  achte  These  angriff  und  auf  regierende  Häuser  überleitete:  „Die 
unter  Verwandten  ist  aus  sittlichen,  nicht  aus  physiologischen  Grüi 
verwerflich“  (Kussmaul:  Aus  meiner  Dozentenzeit,  S.  37). 
politische  und  kirchliche  Reaktion  war  eben  damals  so  mächtig, 
kurz  vor  Kussmauls  Habilitation  freie  Denker  wie  Kuno  F  i  s  ei 
und  0.  Moleschott  des  Rechts  beraubt  wurden.  Vorlesungei 
halten. 

Den  Studenten  hatte  die  interessante  Disputation  Kussma 
besser  gefallen  als  der  Fakultät,  er  fand  deshalb  schon  bei  der  ei 
Vorlesung  über  Arzneimittellehre,  die  er  nur  auf  dem  schwr 
Brett  ankündigen  konnte,  weil  das  Vorlesungsverzeichnis  für  das  Wr 
semester  1855/56  schon  gedruckt  war,  volle  Bänke.  Gut  besucht 
auch  das  im  Sommersemester  1856  gelesene  Publikum  über  die  Hr 
fragen  der  Biologie,  das  er  ungefähr  in  der  Art  von  Bi  chats 
cherches  phvs-iologiques  sur  la  vie  et  la  mort“  gestaltete.  Dann  fol 
Vorlesungen  über  Toxikologie,  gerichtliche  Anthropologie,  Psychi 
für  Mediziner  und-  Juristen,  gerichtliche  Medizin  für  Juristen,  ger 
liehe  Medizin  und  Toxikologie  für  Mediziner  —  die  Toxikologie 
meinsam  mit  Dr.  Bornträger  —  und  über  allgemeine  Patholi 
insgesamt  9  verschiedene  Vorlesungen  in  7  Semestern,  eine  g  e  v 
tige  Leistung  neben-  experimentellen  Arbeiten  und  beruh 
Tätigkeit. 

Kussmauls  Lehrmethode  entsprach  wohl  am  meisten ! 
Go  eth  eschen  Vorschrift,  die  er  seinen  Faust  dem  Wagner  and 
fehlen  Hess: 

Such’  Er  den  redlichen  Gewinn.  Sei  er  kein  schellenlauter  Tor! 

Es  trägt  Verstand  und  rechter  Sinn  mit  wenig  Kunst  sich  selber  vorj 

Doch  lasse  ich  Kussmaul  über  seine  Vortragsweise  Selber  re 
habe  ich  doch  nicht  das  Glück  gehabt,  ihn  noch  in  der  Klinik  zu  hi 

„Der  freie  Vortrag  ist  mir  nicht  leicht  geworden;  ich  brauchte' 
Mühe  Zeit  und  Uebung,  bis  ich  mir  eine  Redefertigkeit,  wie  sie1 
Dozent  besitzen  muss,  erwarb . “ 

„Anfangs  arbeitete  ich  meine  Vorträge  sorgfältig  auf  dem  Papier, 
bis  ich  erkannte,  dass  ein  wissenschaftlicher  Aufsatz  und  ein  wisj 
schaftlicher  Vortrag  recht  verschiedene  Dinge  sind.“  Seine  L1 
in  Heidelberg  batten  ihre  Werke  immer  noch  vorgelosen. 

„Der  Leser  mag  sich  nach  Lust  Zeit  zum  Verständnis  'I 

Aufsatzes  nehmen, _ der  Hörer  kann  das  nicht.  Der  Vortrag 

wehrt  dem  Hörer  jede  Zerstreuung  und  zwingt  ihn,  auf  jedes  Wor- 
nau  zu  merken  und  den  Gedankengang  mitzugehen,  er  bedarf 
Sprache,  die  ihn  fesselt  durch  Lebhaftigkeit.  Bestimmt! 
des  Ausdruckes  und  sicheres  Denken, 

Lange,  wenn  auch  kunstvolle  Perioden,  die  den  Leser  viell 
‘entzücken,  ebenso  ein  allzu  gleich  massiger,  'wenn  auch  wohlgese1 
Gang  der  Darstellung,  der  den  Leser  anspricht,  aber  den  H  f 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


315 


V 

1 

März  1 922. 

ischläfert,  taugen  für  den  Vortrag  nicht.  So  begreift  man  auch,  warum 
>le  Gewohnheiten  des  Lehrers,  wie  z.  B.  das  Zupfen  am  Bart,  das 
iuspem,  das  Einlegen  sinnloser  Flickworte  u.  dgi.  m.,  den  Hörer  an 
r  fortgesetzten  Aufmerksamkeit,  die  der  Vortrag  verlangt,  nicht  zer- 
reuen  und  schädigen  dürfen. 

„Um  meinen  Zweck  zu  erreichen,  beschränkte  ich  mich  deshalb  bald 
rauf,  mein  Thema  auf  dem  Papier  nur  zu  ordnen  und  arbeitete  auf 
eser  Grundlage  den  Vortrag  darüber  im  Kopfe  aus.  Ich  sagte  mir  ihn, 
if  und  abgehend,  so  lange  laut  oder  halblaut  vor,  bis  er  sich  glatt 
ie  ein  Faden  von  der  Spule  abwickelte.“ 

„Ab  und  zu  gönnte  ich  den  Zuhörern  eine  Ruhepause,  um  sie  vor 

müdung  zu  schützen  und  frisch  zu  erhalten .  Auch  behielt  ich 

eine  Zuhörer  stets  im  Auge,  um  aus  ihren  Mienen  zu  entnehmen,  ob 

2  dem  Vortrage  mit  Verständnis  folgten .  Kurz  vor  dem  Vortrage 

irfte  ich  mich  nicht  mit  Memorieren  und  Aufsagen  quälen,  auch  nicht 
irher  stundenlang  in  der  dumpfen  Stube  sitzen:  am  besten  geriet  der 
prtrag,  wenn  ich  mich  vorher  ein  Stündchen  im  Freien  erging. 

Trotz  redlicher  Mühe,  die  ich  mir  gab,  habe  ich  es  aber  nie  zum 
liprovisator  auf  dem  Katheter  gebracht,  denn  so  lange  ich  lehrte, 
usste  ich  mich  auf  jede  Vorlesung  vorbereiten,  der  klinische  Unter¬ 
st  allein  liess  eine  Vorbereitung  nur  teilweise  zu.“ 

Aus  seinen  Vorlesungen  hat  Kussmaul  manche  Anregungen  zu 
men  Arbeiten  geschöpft.  Die  Untersuchungen  über  Toten-  und 
hloroformstarre,  auch  diejenigen  über  Zerreissung  der 
arotiden  beim  Erhängen  entstammen  der  gerichtlichen  Medi- 
n  und  die  Untersuchungen  über  die  GiftwirkungdesFliegen- 
ihwammes,  bei  welcher,  nach  Maschkas  Angaben,  die  Toten¬ 
arre  fehlen  sollte,  der  Toxikologie.  (Die  Totenstarre  fehlt  aber  bei 
esen  Pilzvergiftungen  nicht,  wohl  tritt  dieselbe  aber  sehr  schnell  auf 
id  verschwindet  auch  nach  wenigen  Stunden  wieder:  Maschka 
heint  demnach  nur  zu  spät  beobachtet  zu  haben.)  Das  berühmte  Buch 
>er  die  Bildungsfehler  der  Gebärmutter  verdankt  Kuss- 
a  u  1  seiner  gerichtsärztlichen  Stellung  in  Heidelberg.  Die  amtliche 
Jktion  einer  im  3.  Monat  ihrer  ersten  Schwangerschaft  unter  den  Er- 
.heinungen  einer  inneren  Verblutung  gestorbenen  Frau,  welche  die 
achbarschaft  für  vergiftet  hielt,  ergab  eine  linksseitige  Eil  eit  er- 
chwangerschaft  und  innere  Verblutung  durch  Berstung  des 
mchtsackes.  Merkwürdigerweise  enthielt  aber  der  linke  Eierstock 
;in  Corpus  luteum,  während  der  rechte  zwei  solcher  aufwies,  von 
eichen  der  eine  dem  Zustand  in  den  ersten  Schwangerschaftsmonaten 
ltsprach. 

Das  Ei,  welches  sich  im  linken  Eileiter  entwickelte,  musste  also 
)m  rechten  Eierstock,  wo  es  erzeugt  worden  war,  quer  durch  die  Ge- 
irmutter  hindurch  in  den  linken  Eileiter  hinübergewandert  sein. 

Eileiterschwangerschaften  hatte  man  fälschlicherweise  auch  bei 
inigen  Präparaten  der  Heidelberger  anatomischen  Sammlung  an- 
mommen.  Ein  genaueres  Studium  lehrte  aber  K.,  dass  es  sich  hier 
n  Schwangerschaft  in  einem  mangelhaft  entwickelten  Nebenhorn  einer 
inhörnigen  Gebärmutter  handelte.  Diese  Entdeckung  gab  ihm  Ver¬ 
fassung  zum  Studium  der  Entwicklungsgeschichte  und 
hysiologie  der  einhörnigen  Gebärmutter.  Auch  wies 
r  nach,  dass  die  Schwangerschaft  in  Nebenhörnern  fast  ausnahmslos, 
ach  noch  an  der  Leiche,  für  Eileiterschwangerschaft  gehalten  wurde, 
»en  Abschluss  des  Werkes  bildete  eine  Abhandlung  über  Nach- 
mpfängnis,  ein  für  Physiologen  und  Juristen  gleich  anziehendes 
hema,  das  in  innigem  Zusammenhang  mit  der  Verdoppelung  der  Ge- 
ärmutter  steht. 

Die  Monographie  ging  unter  dem  Titel  „Vondem  Mangel,  der 
erkümmerung  und  Verdoppelung  der  Gebärmutter, 
on  der  Nachempfängnis  und  der  Ueber Wanderung 
es  Eies,  mit  58  Holzschnitten  (Würzburg,  Stahels  Verlag,  1859)  in 
ie  Welt  hinaus,  verbreitete  Kussmauls  Ruhm  und  galt  noch  1900 
ach  Hegars  Beurteilung,  als  eine  fundamentale  Arbeit,  welche  der 
iynäkologie  ein  neues  Gebiet  erschlossen  und  allgemeine  Bedeutung 
ewahrt  hat. 

Das  letzte  Werk  aus  der  fruchtbaren  Dozentenzeit  Kussmauls 
l  Heidelberg  bildeten  die  „Untersuchungen  über  das 
eelenleben  des  neugeborenen  Mensche  n“. 

In  seinen  Vorlesungen  über  die  Seelenstörungen,  als1  welche  K.  die 
'sychiatrie  angekündigt  hatte,  empfand  er  es  als  einen  Mangel,  dass 
isher  niemand  jener  Frage  nähergetreten  war.  Die  Philosophen  Kant 
jind  Hegel  bemassen  das  Seelenleben  des  Neugeborenen  übermässig 
och.  Mich  eiet,  der  Hegelianer,  nannte  sogar  das  Schreien  des  Neu- 
eborenen  das  Entsetzen  des  Geistes  über  das  Unterworfensein  unter 
he  Natur;  Aerzte  und  Naturforscher  dagegen  sprachen  dem  neu- 
eborenen  Menschen  jede  Spur  von  Intelligenz  ab;  Karl  Vogt  be- 
auptete  sogar,  dass  derselbe  auf  einer  tieferen  Stufe  geistiger  Be- 
abung, stehe,  als  jedes  andere  Säugetier.  Kuss  maul  hat  durch  Ex- 
erimente  und  Beobachtung  diese  Widersprüche  aufgeklärt  und  eine 
uverlässige  Grundlage  geschaffen,  auf  welcher  die  Psychologie  weiter¬ 
auen  konnte.  Die  grosse  Bedeutung  des  inhaltsreichen  kleinen  Büch¬ 
eiris,  das  1859  bei  Winter  in  Heidelberg  erschien,  ist  erst  später  voll- 
uf  gewürdigt  worden:  1885  und  1896  hat  dasselbe  neue  Abdrücke  durch 
Jietzker  in  Tübingen  erfahren. 

Die  Dozentenzeit  Kussmauls  in  Heidelberg  fiel  in  die  grösste 
,  nd  ruhmreichste  Periode,  welche  die  Ruperto-Carola  in  den  fünf  Jahr- 
mnderten  ihres  Bestehens  erlebte.  Seit  1852  wirkte  in  ihr  B  u  n  s  e  n, 
er  grosse  Chemiker  und  seit  54  neben  ihm  sein  Freund  K  i  r  c  h  h  o  f  f, 
er  grosse  Physiker,  und  1858  wurde  durch  die  Berufung  von  H  e  1  m  - 
oltzauf  den  nunmehr  von  der  Anatomie  abgetrennten  und  selbständig 

Nr.  9. 


gewordenen  Lehrstuhl  der  Physiologie  ein  Triumvirat  geschaffen,  wie 
es  an  der  gleichen  Universität  wohl  noch  nie  vorgekommen  ist. 

Kussmaul  hat  ein  Semester  lang  K  i  r  c  h  h  o  f  f  s  Vorlesung  über 
Elektrizität  und  in  einem  anderen  diejenige  von  Helmholtz  über  die 
Sinnesorgane  und  das  Nervensystem  regelmässig  besucht.  Auch  trat  er 
mit  vielen,  später  berühmt  gewordenen  jüngeren  Gelehrten  aus  aller 
Herren  Länder,  die  in  den  Laboratorien  der  genannten  drei  grossen 
Männer  wissenschaftlich  arbeiteten,  in  nähere  Beziehungen.  Um  nun 
einen  regen  Gedankenaustausch  über  die  Bestrebungen  und  Arbeiten 
zwischen  den  jüngeren  Naturforschern  und  Aerzten  zu  ermöglichen, 
gründete  Kussmaul,  unterstützt  von  Kekule,  dem  Chemiker, 
Wundt,  dem  Physiologen  und  späteren  Philosophen,  und  von  Can- 
t  o  r,  dem  Mathematiker,  am  24.  Oktober  1856  den  Naturhisto¬ 
risch-medizinischen  Verein,  den  auch  die  älteren  Profes¬ 
soren  werktätig  unterstützten:  eine  Schöpfung,  die  heute  noch  besteht 
und  in  der  wissenschaftlichen  Welt  grosses  Ansehen  geniesst. 

Mit  der  Berufung  Friedreichs  nach  Heidelberg,  im  Frühjahr 
1858,  mit  welchem  ihn  schon  seit  der  Würzburger  Studienzeit  eine 
innige  Freundschaft  verband,  trat  Kussmaul  der  inneren  Klinik  und 
damit  seinem  eigentlichsten  Berufe  wieder  näher  und  war,  solange  er 
noch  in  Heidelberg  weilte,  Friedreichs  treuer  Begleiter  bei  den 
klinischen  Visiten  und  regelmässiger  Gast  in  der  Klinik. 

Auf  der  Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  im  Sep¬ 
tember  1857  in  Bonn  hatte  K  u  s  s  m  a  u  1  durch  seine  wohlgelungenen 
Experimente  über  die  vasomotorischen  Funktionen  des  Halssympathikus 
und  über  die  fallsuchtartigen  Zuckungen  das  Auge  des  Erlanger  Ana¬ 
tomen  Ger  lach  auf  sich  gezogen  und  bei  näherer  persönlicher  Be¬ 
kanntschaft  -dessen  Sympathie  erworben.  G  e  r  1  a  c  h  glaubte  schon  da¬ 
mals  in  dem  jugendlichen  Forscher  Kussmaul  den  richtigen  Mann 
für  die  Nachfolgerschaft  des,  einem  Siechtum  verfallenen.  Klinikers 
Dittrich  gefunden  zu  haben  und  bewirkte  nach  des  letzteren  Tode 
die  Berufung  Kussmauls  an  die  innere  Klinik  in  Erlangen  im 
Jahre  1859.  (Schluss  folgt.) 


Für  die  Praxis. 

Behandlung  und  Prognose  der  akuten  Mittelohrentzündung. 

Von  Scheibe-Erlangen. 

Die  grössere  Hälfte  der  akuten  Mittelohrentzündungen  heilt  ohne 
Durchbruch  des  Eiters,  allein  durch  Resorption  (imperforative  Form). 
In  der  kleineren  Hälfte  der  Fälle  wird  mehr  Sekret  gebildet,  als  die 
Mittelohrräume  zu  fassen  vermögen,  und  es  kommt  zum  Durchbruch 
(perforative  Form).  Es  besteht  nicht,  wie  man  früher  annahm,  ein 
prinzipieller,  sondern  nur  ein  gradueller  Unterschied,  deshalb  ist  auch 
die  früher  übliche  Trennung  in  Katarrh  und  Eiterung  jetzt  fast  allgemein 
aufgegeben.  Man  kann  es  aber  der  imperforativen  Form  nicht  ansehen, 
ob  sie  nicht  doch  noch  zum  Durchbruch  führen  wird.  Hiebei  kommt 
aber  nicht  lediglich  der  Durchbruch  durch  das  Trommelfell  in  Betracht. 
Dieser  kann  auch  durch  den  Knochen  erfolgen,  sei  es  nach  aussen, 
sei  es  nach  innen.  Aus  rein  praktischen  Gründen,  besonders  mit  Rück¬ 
sicht  auf  die  Behandlung,  ist  es  aber  zweckmässig,  die  Unterscheidung 
in  perforative  und  nicht  perforative  Otitis  media  bei¬ 
zubehalten 

Wichtiger  noch  ist  die  Einteilung  in  genuine  und  sekundäre  Mittel¬ 
ohrentzündung  und  zwar  im  Hinblick  auf  die  Verschiedenheit  der  Pro¬ 
gnose.  Es  ist  deshalb  notwendig,  auf  diesen  Unterschied  näher  ein¬ 
zugehen. 

Man  nennt  die  Otitis  mit  einem  nicht  gerade  glücklich  gewählten 
Ausdruck  „genui n“,  wenn  sie  nach  operativen  Eingriffen  in  der 
Nase,  nach  Katarrh,  Angina,  oder  ohne  bekannte  Ursache,  also  im  sonst 
widerstandsfähigen  Organismus  eintritt. 

Zwei  Drittel  der  genuinen  Mittelohrentzündungen  heilen  ohne 
Durchbruch  nach  aussen.  Wenn  eine  Perforation  des  Trommelfells  ein¬ 
tritt,  so  ist  sie  unsichtbar  klein  und  gewöhnlich  nur  an  der  Wucherung 
ihres  Randes  oder  dem  Heraussickern  des  Sekretes  zu  erkennen.  Als 
Loch  ist  sie  nur  dann  zu  sehen,  wenn  der  Durchbruch  in  einer  zufällig 
bestehenden  Narbe  oder  in  einer  atrophischen  Stelle  erfolgt.  Niemals 
entstehen  zwei  Perforationen;  ebenso  vereitern  die  zugehörigen  Lymph- 
drüsen  nie.  Infolge  der  starken  Reaktion  der  Schleimhaut  entsteht 
häufig  Retention  in  einer  oder  einigen  Zellen,  d.  h.  ein  Empyem.  Der 
unter  Druck  stehende  Eiter  bricht  sich  meist  durch  die  Knochenwand 
Bahn.  Dies  geschieht  durch  Knocheneinschmelzung  bzw.  durch  rarefi- 
zierende  Otitis,  dagegen  sehen  wir  im  sonst  wiederstandsfähigen 
Organismus  keine  Nekrose  des  Knochens.  Bei  freiem  Abfluss  aus  allen 
Zellen  ist  keine  endokranielle  Komplikation  zu  befürchten. 

Als  „sekundär  e“  Eiterungen  bezeichnet  man  die  nach  be¬ 
stimmten  Allgemeinkrankheiten.  Sie  sind  ausgezeichnet  durch  mangel¬ 
hafte  Reaktion  der  Schleimhaut:  es  kann  zu  nekrotisierender  Ent¬ 
zündung  kommen.  Nur  ein  kleiner  Teil  der  sekundären  Form  — 
etwa  Yz  —  heilt  ohne  Durchbruch  des  Trommelfells,  dabei  sind  die 
Influenzafälle  mit  eingerechnet,  die  von  den  sekundären  am  meisten 
Aehnlichkeit  mit  den  genuinen  haben.  Es  können  zwei  oder  mehr 
Perforationen  entstehen,  die  oft  als  mehr  oder  weniger  grosse  Löcher 
sichtbar  sind.  Wie  das  Trommelfell,  kann  auch  die  Schleimhaut  nekro¬ 
tisch  zerfallen.  Infolgedessen  kann  es  auch  zur  Nekrose  des 
Knochens  kommen,  und  zwar  —  was  hervorgehoben  werden 
muss  —  mit  Vorliebe  gerade  bei  vollständig  freiem  Abfluss. 

5 


316 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  9. 


Die  Drüsen  können  vereitern.  Zu  Empyem  kommt  es  infolge  der 
geringen  Schwellung  der  Schleimhaut  sehr  selten,  dagegen  können 
endokranielle  Komplikationen  auch  bei  vollständig  freiem  Abfluss  ent¬ 
stehen.  Um  Missverständnisse  zu  vermeiden,  sei  betont,  dass  in  Fällen 
von  leichten  Allgemeinkrankheiten  die  erwähnten  Unterschiede  nicht 
auitreten  müssen;  auch  sind  es  nicht  alle  Allgemeinkrankheiten,  die 
diesen  Unterschied  im  Verlauf  bedingen,  sondern  nur  die  sog.  kon¬ 
sumierenden  Allgemeinkrankheiten,  insbesondere  die  akuten  Infektions¬ 
krankheiten  und  die  Tuberkulose.  Die  nicht  mit  Abmagerung  einher¬ 
gehenden  Allgemeinkrankheiten,  wie  Chlorose,  Arteriosklerose  und 
Gicht,  lassen  diesen  Einfluss  auf  den  Verlauf  der  Mittelohreiterungen 
nicht  erkennen. 

Zum  Verständnis  des  klinischen  Verlaufs  müssen  noch  folgende 
drei  pathologisch-anatomische  Tatsachen  besonders  betont 
werden: 

1.  Die  Mittelohrentzündung  erstreckt  sich  nicht  nur  auf  die  Haupt¬ 
räume,  sondern  immer  auch  auf  alle  oder  die  meisten  peripheren  pneu¬ 
matischen  Zellen.  Es  besteht  also  in  jedem  Falle  eine  Mitbeteiligung 
des  Warzenteils,  also  gleichsam  eine  Mastoiditis.  Die  beliebte  Be¬ 
zeichnung  „Mastoiditis“  für  die  Retention  im  Warzenteil  und  deren 
Folgen  ist  deshalb  irreführend. 

2.  Die  Entzündung  betrifft  nicht  bloss  die  Schleimhaut  und  deren 
tiefste  periostale  Schicht,  sondern  greift  vom  Periost  aus  auch  auf  die 
benachbarten  Markräumc  über.  Dies  ist  der  Grund,  warum  so  oft 
gleich  im  Beginn  eine  Druckempfindlichkeit  des  Warzenteils,  also  des 
äusseren  Periosts,  sich  einstellt. 

3.  Die  Entzündung  erstreckt  sich  nicht  nur  auf  die  Räume 
des  Mittelohrs,  sondern  auch  auf  die  Nachbarräume,  Gehör¬ 
gang,  Labyrinth  und  Schädelhöhle.  Das  geht  aus  dem  zweiten 
Satz  hervor.  Am  besten  sieht  man  dies  im  knöchernen  Gehörgang, 
noch  ehe  das  Trommelfell  durchbricht.  Die  Mitbeteiligung  der  Schädel¬ 
höhle  können  wir  aus  dem  häufigen  einseitigen  Kopfweh  und  die  des 
Labyrinths  aus  dem  häufigen  starken  Sausen,  der  Einengung  der  oberen 
Tongrenze  und  den  nicht  seltenen  Schwindelanfälleü  schliessen.  Bis 
zum  Entstehen  einer  Pachymeningitis  externa  aber  oder  einer  Laby¬ 
rinthitis  ist  noch  ein  ebenso  weiter  Weg,  wie  bis  zur  Entstehung  eines 
subperiostalen  Abszesses  auf  dem  Warzenteil. 

Die  Diagnose  der  akuten  Mittelohrentzündung  bietet  dem  Prak¬ 
tiker  meist  keine  Schwierigkeiten.  Schwer  ist  sie  nur  dann,  wenn 
gleichzeitig  ein  Furunkel  des  Gehörgangs  besteht.  Allerdings,  wenn  Per¬ 
forationsgeräusch  zu  hören  ist  oder  Schleim  in  der  Spülflüssigkeit 
schwimmt,  oder  wenn  Druckempfindlichkeit  des  ganzen  Warzenteils 
vorhanden  ist,  kann  kein  Zweifel  aufkommen.  Fehlen  alle  diese  An¬ 
zeichen,  so  lässt  sich  für  die  Diagnose  häufig  ein  Symptom  verwerten, 
das  merkwürdigderweise  bisher  fast  in  keinem  Lehrbuch  Erwähnung 
findet.  Es  ist  das  der  Ohrschmerz  bei  Ruktus.  Er  entsteht  durch  Kon¬ 
traktion  eines  Binnenmuskels  in  der  Paukenhöhle  und  fehlt  im  Beginn 
der  Mittelohrentzündung  nur  selten.  Aber  man  muss  darnach  fragen, 
da  die  Kranken  ihn  von  selbst  fast  niemals  erwähnen, 

Behandlung. 

Am  wichtigsten  ist  die  A 1 1  g  e  m  e  i  n  b  e  h  a  n  d  1  u  n  g.  Ueber  sie 
bestehen  keine  nennenswerten  Meinungsverschiedenheiten.  Im  Vorder¬ 
gründe  steht  das  Vermeiden  von  Schädlichkeiten,  wie  kör¬ 
perliche  und  geistige  Anstrengung  und  Alkohol.  Wenn  man  bedenkt,  dass 
62  Proz.  Männer  und  nur  38  Proz.  Frauen  den  Ohrenarzt  wegen  Mittel¬ 
ohrentzündung  aufsuchen,  so  ist  das  sicherlich  dem  Umstande  zuzu¬ 
schreiben,  dass  durch  die  obengenannten  Schädlichkeiten  „Kongestion“ 
nach  dem  Kopfe  und  damit  eine  Verschlimmerung  des  Ohrenleidens  her¬ 
vorgerufen  wird.  Stuhlverstopfung  soll  aus  dem  gleichen  Grunde  be¬ 
kämpft  und  die  Tieflage  des' Kopfes  vermieden  werden.  Gewöhnlich 
hat  es  der  Kranke  Helion  selbst  herausgefunden,  dass  Schmerzen  und 
Ausfluss  geringer  sind,  wenn  er  ausserhalb  des  Bettes  ich  befindet, 
oder  im  Bette  durch  ein  paar  Kissen  die  Kopflage  erhöht. 

Ueber  die  Lokalbehandlung  herrschen  die  verschiedensten 
Ansichten  —  kein  Wunder,  da  die  meisten  Mittelohrentzündungen,  be¬ 
sonders  die  genuinen,  ohne,  ja  selbst  trotz  falscher  Lokalbehandlung 
heilen. 

Am  wenigsten  Widerspruch  werde  ich  wohl  finden,  wenn  ich  bei 
der  imperforativen  Form  empfehle,  gegen  Schmerzen  10  proz.  Karbol¬ 
glyzerin  einzuträufeln,  obgleich  diese  Behandlung  vielleicht  den  wenig¬ 
sten  Einfluss  hat;  aber  der  Kranke  kommt  damit  am  leichtesten  über 
die  schmerzvollen  Nächte  hinweg,  ohne  den  Arzt  in  seiner  Nachtruhe 
zu  stören.  Daneben  empfiehlt  es  sich,  Morphium,  Aspirin  u.  dgl.  gegen 
die  Schmerzen  zu  verordnen.  Nicht  nur  gegen  die  Schmerzen,  sondern 
gegen  die  Entzündung  selbst  soll  der  Eisbeutel  helfen,  besonders 
wenn  Druckempfindlichkeit  des  Warzenteils  oder  Klopfen  besteht.  Viele 
Ohrenärzte  verordnen  zwar  warme  Umschläge  und  erwarten  von  ihnen 
wohl  Vermehrung  der  Eiterung  und  Durchbruch  nach  aussen:  damit 
dürfte  aber  auch  stärkere  Schwellung  verbunden  sein.  Das  wollen  wir 
aber  gerade  vermeiden.  Am  festen  ist  die  Heilung  ohne  Durchbruch 
des  Trommelfells  und  ohne  Retention  in  den  Zellen.  Die  dankbarsten 
Fälle  in  der  Praxis  sind  die,  welche  nach  fortgesetzten  warmen  Um¬ 
schlägen  mit  Schwellung  hinter  der  Muschel  zum  Arzt  kommen.  Hier 
geht  die  Schwellung  auf  Eisbeutel  noch  verhältnismässig  häufig  zurück. 

Eine  ebenso  grosse  Streitfrage  ist  die  Luftdusche,  obgleich 
durch  zwei  überzeugende  Statistiken  von  Brieger  und  Denker 
nachgewiesen  ist,  dass  die  mit  Luftdusche  behandelten  Fälle  schneller 
heilten  als  die.  bei  welchen  sie  weggelassen  wurde.  Nur  soll  man  sie 
nicht  gleich  in  den  ersten  Tagen  anwenden,  da  sic.  ebenso  wie  der 


Schneuzakt,  Schmerzen  hervorrufen  kann.  Bei  Druckempfindlichkeit 
sieht  man  dieselbe  manchmal  direkt  nach  der  Luftdusche  entschieden 
geringer  werden  oder  ganz  verschwinden.  In  die  Augen  springend 
ist  auch  bisweilen  darnach  die  Hörverbesserung.  Vor  allem  aber  jrieht 
man  die  günstige  Wirkung  der  Luftdusche  bei  den  perforativen  Fällen, 
wenn  sie  Eiter  aus  der  Paukenhöhle  in  den  Gehörgang  schleudert.  Sie 
ist  dem  V  a  1  s  a  1  v  a  sehen  Versuch  vorzuziehen,  da  bei  ihm  Stauung 
im  Kopfe  entsteht.  Die  Bedenken,  welche  gegen  die  Luftdusche  vor- 
gebracht  werden,  sind  rein  theoretischer  Natur  und  brauchen  hier  nicht 
erörtert  zu  werden.  .  ,11 

Auch  die  Frage  der  Anwendung  der  Parazentese  ist  strittig 
und  wird  es  noch  so  lange  bleiben,  bis  die  Lehre  von  der  Entstehung 
des  Empyems  der  Warzenzellen  Allgemeingut  der  Ohrenärzte  geworden 
ist.  Nach  meiner  Erfahrung,  die  sich  mit  der  von  Zaufal.  Piff  1. 
Siebenmann  und  P  r  e  y  s  i  n  g  deckt,  ist  die  Parazentese  keine 
lebensrettende,  sondern  höchstens  eine  schmerzlindernde  Operation. 
Der  Praktiker  kann  ruhig  ohne  Gefahr  für  seinen  Kranken  auf  den 
Trommelfellschnitt  verzichten.  Das  Empyem  der  Paukenhöhle  bricht 
auch  von  selbst  durch,  und  auf  das  gefährliche  Empyem  der  Warzen¬ 
zellen  hat  die  Parazentese  keinen  Einfluss.  Das  Trommelfell  ist  das 
beste  Sicherheitsventil;  darum  sind  Durchbrüche  durch  die  Fenster  ins 
Labyrinth  bei  der  imperforativen  genuinen  Mittelohrentzündung  ausser¬ 
ordentlich  selten 1),  und  eine  Fistel  im  Boden  der  Paukenhöhle  nach  dem 
Bulbus  der  Vena  jugularis-  zu  ist  noch  kaum  beobachtet  worden. 

Will  man  den  Spontandurchbruch  des  Empyems  der  Paukenhönle 
ev.  unter  Zuhilfenahme  des  Eisbeutels  und  schmerzlindernder  Mitte 
nicht  abwarten.  so  kann  man  die  Leiden  des  Kranken  um  einen  oder 
einige  Tage  abkürzen,  wenn  man  die  Parazentese  bei  folgenden  Sym¬ 
ptomen  macht:  Schmerzen,  Klopfen,  Vorwölbung  und  ev.  gelbliches 
Durchscheinen  des  Trommelfells,  Fieber  und  Druckempfindlichkeit  des 
Warzenteils  im  Beginn  der  Mittelohrentzündung,  zumal  wenn  die  Hör¬ 
weite  für  Flüstersprache  weniger  als  50  cm  beträgt.  Bei  besserer  Hör¬ 
weite  ist  die  Schleimhaut  noch  resorptionsfähig  genug,  so  dass  das  Em¬ 
pyem  noch  zur  Aufsaugung  gelangen  kann. 

Die  Parazentese  ist  sehr  schmerzhaft,  sie  ist  kein  leichter  Eingriff j 
da  der  Untersucher  nur  mit  einem  Auge  in  den  Gehörgang  sient,  so  dass 
er  die  Tiefe  schwer  abschätzen  kann.  Die  Schmerzen  lassen  sich  be¬ 
deutend  lindern,  wenn  man  eine  Viertelstunde  vorher  einen  kleiner 
Wattebausch  auf  das  Trommelfell  legt,  der  mit  einem  Brei  aus  Alypir 
und  Adrenalin  bestrichen  ist.  Eine  Gefahr  für  die  Gehörknöcheicbei 
besteht  nicht,  wenn  der  Trommelfellschnitt  im  hinteren  unteren  Qua¬ 
dranten  gemacht  wird. 

Erfolgt  Ausfluss,  so  soll  sich  die  antiseptische  Behänd] 
lung  anschliessen.  Der  Gehörgang  wird  mit  lauwarmer  Borsäuie-| 
oder  physiologischer  Kochsalzlösung  ausgespritzt.  Die  Spritze  ist  zwa 
bei  manchen  Ohrenärzten  verpönt,  aber  auf  andere  senonendere  Weist 
lässt  sich  der  Eiter  und  besonders  die  abgestossene  Epidermis  gar  nich 
entfernen.  Nach  der  Ausspritzung  wird  die  Luftdusche  gemacht.  Daiu| 
wird  unter  Spiegelkontrolle  sehr  sorgfältig  ausgetrooenet.  Man  benütz  | 
dazu  eine  feine,  watteumwickelte,  biegsame  Sonde,  mit  der  man  be 
grösserer  Perforation  in  die  Paukenhöhle  hineingeht.  Wie  wichtig  di< 
gründliche  Austrocknung,  besonders  bei  grösseren  Perforationen  ist 
sieht  man  an  den  Kranken,  die  sich  selbst  ausspritzen,  die  sich  abe 
nicht  genügend  austrocknen  können.  Meist  geht  bei  diesen  die  Heiluni 
nicht  eher  vorwärts,  als  bis  man  die  Austrocknung  selbst  übernimmt 
Die  vielfach  beliebten  starren  Holzstäbchen  oder  die  Pinzette  sind  da 
zu  ungeeignet.  Also  die  Devise  lautet:  Trockenbehandlung,  aber  nich 
für  sich  allein,  wie  sie  gegenwärtig  noch  sehr  modern  ist,  sondern  ers 
nach  vorheriger  Ausspülung!  Zum  Schluss  wird  zwe'ckmässi'g  ein  amt 
septisches  Pulver  in  den  Gehörgang  geblasen.  Dazu  nimmt  man  an 
besten  Borsäure,  die  im  Gegensatz  zu  Dermatol,  Jodol  und  ähnlichen 
vom  Eiter  aufgelöst  und  fast  von  allen  Kranken  gut  vertragen  w'rd.  De 
Gehörgang  wird  oberflächlich  mit  einem  Wattepfropf  verschlossen,  Lei 
der  Patient  wechseln  muss,  so  oft  er  nass  ist. 

Die  antiseptische  Behandlung  ist  absolut  notwendig  bei  den  Otitidei 
mit  grosser  Perforation,  da  ohne  sie  ein  grosser  Prozentsatz  durch  Ein 
dringen  von  Fäulnispilzcn  chronisch  wird,  aber  auch  bei  den  gcnu'nei 
Eiterungen  mit  unsichtbarer  Perforation  hat  sie  grosse  Vorteile.  Ersten 
bekommt  man  ein  viel  klareres  Bild  vom  Trommelfell  und  von  dei 
Hämmerteilen;  das  ist  aber,  wie  an  anderer  Stehe  nusgeführt  wt-dei 
soll,  sehr  wichtig  für  die  Diagnose  des  Empyems  im  Warzenteil.  Zwei 
tens  sehen  wir  niemals  Fötor  auftreten,  und  drittens  bildet  sich  sei: 
selten  ein  Furunkel  oder  Ekzem. 

Vor  der  Tamponade  des  Gehörgangs  und  vor  der  Bier  sehen  Stau 
ung  möchte  ich  warnen.  Dölger  berichtet  über  22  Fälle,  die  mi 
Tamponade  behandelt  worden  waren.  Bei  11  davon  war  das  Sekre 
übelriechend,  und  bei  9  musste  die  Aufmeisselung  des  Warzenfort 
satzes  gemacht  werden.  Es  scheint,  dass  die  Fäulnisgifte  durch  di-; 
Perforation  hindurch  auf  das  Mittelohr  ungünstig  einwirken,  auch  wen? 
die  Saprophyten  selbst  nicht  eindringen.  Uebrigens  wirkt  die  Gaze  an 
den  Abfluss  immer  eher  hindernd  als  fördernd,  die  abgestossene  Epij 
dermis  aber  vermag  sie  überhaupt  nicht  aufzusaugen.  Der  Gehörgan:; 
ist  das  schönste  Drainrohr,  das  man  sich  denken  kann.  Warum  so 
man  dies  noch  durch  Gaze  verlegen?  Auch  hier  liegt,  ebenso  wi 
bei  der  Spritze,  ein  Missverstehen  chirurgischer  Grundsätze  vor.  Bt 
Wunden  —  der  Gehörgang  ist  keine  Wunde  —  lässt  sich  die  Tamponad 
oft  nicht  entbehren,  aber  auch  da  ist  sie  von  Uebel. 

1)  Viel  häufiger  sehen  wir  die  Labyrinthitis  bei  der  sekundären  Mittet 
ohreiterung  und  zwar  je  grösser  die  Trommeifellperforation  desto  häufiger 
also  unabhängig  von  Retention  durch  das  Trommelfell. 


5.  März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ueber  die  Nachteile  der  Bi  ersehen  Stauung  kann  ich  mich  kurz 
assen,  da  sie  wohl  allgemein  aufgegeben  ist.  Sie  hat  gleichsam  wie 
hin  Experiment  von  neuem  bewiesen,  wie  schädlich  die  Stauung  für  die 
Mittelohrentzündung  ist.  Im  Anschlüsse  an  ihre  Anwendung  wurden 
.usserordentlich  häufig  Empyeme  im  Warzenteil  mit  rapider  Einschmcl- 
:ung  des  Knochens  beobachtet.  Einsichtige  Ohrenärzte  haben  dies 
orausgesehen  und  deShalb  die  Bier  sehe  Stauung,  die  eine  Zeitlang 
ielfach  Mode  war,  nicht  mitgemacht. 

Prognose. 

Der  Kranke  will  in  erster  Linie  von  seinen  Schmerzen  befreit  sein. 
)ie  nächste  Frage  aber  ist,  wie  seine  Mittelohrentzündung  verlaufen 
vird.  Wie  lange  wird  das  Leiden  dauern,  wird  das  Gehör  wieder  nor¬ 
mal,  heilt  das  Loch  im  Trommelfell  wieder  zu,  oder  wird  die  Eiterung 
chronisch  werden,  ist  eine  Operation  notwendig,  ist  das  Leiden  lebens¬ 
gefährlich?  Diese  Fragen  auf  Grund  von  ohrenärztlichen  Statistiken 
beantworten  zu  wollen,  würde  dem  Praktiker  gar  nichts  nützen,  da  die 
Ibrenärzte  fast  nur  die  schweren  Falle  sehen.  Den  folgenden  Aus¬ 
übungen  ist  deshalb  eine  Statistik2)  der  sog.  Frühfälle  zugrunde  ge¬ 
egt,  das  heisst  derjenigen  Fälle,  welche  innerhalb  der  ersten  3  Tage 
n  Behandlung  kommen.  Bedingung  war  natürlich,  dass  sie  bis  zu  Ende 
leobachtet  werden  konnten.  Die  Behandlung  war  die  in  den  obigen 
Ausführungen  geschilderte. 

Was  zunächst  die  Prognose  der  genuinen  Mittelohrentzündung 
betrifft,  so  heilten  zwei  Drittel  ohne  Durchbruch  und  nur  in  einem  Drittel 
rfolgte  Ausfluss,  sei  es  spontan,  sei  es  nach  Parazentese. 

J  Wenn  nach  der  Dauer  gefragt  wird,  so  antwortet  man  am  besten, 
lass  sie  sehr  verschieden  ist  und  sich  nicht  genau  bestimmen  lässt, 
n  einem  Tag  können  alle  Beschwerden  vorüber  sein,  die  Krankheit  kann 
ber  auch  mehrere  Wochen  oder  Monate  dauern.  Eine  längere  Dauer 
ils  ein  halbes  Jahr  kommt  selbst  in  den  kompliziertesten  Fällen  kaum 
emals  vor.  Damit  ist  zugleich  gesagt,  dass  kein  Fall  chronisch  wird, 
venigstens  nicht  bei  sachgemässer  Behandlung.  Die  durch- 
Tchnitt  liehe  Dauer  der  imperforativen,  also  der  leichteren  Fälle 
jtis  zur  Wiederkehr  des  normalen  Gehörs  betrug  10  Tage,  die  durch- 
chnittliche  Dauer  des  Ausflusses  in  den  perforativen  Fällen  12  Tage. 
)as  Trommelfell  schliesst  sich  in  allen  Fällen  wieder,  und  die  Hörweite 
vird  wieder  normal  resp.  wie  vorher.  Restitutio  ad  integrum  sehen  wir 
neist  sogar  ohne  Behandlung.  Nur  in  den  Fällen  mit  einer  grossen 
Perforation  in  einer  Narbe  oder  atrophischen  Stelle  des  Trommelfells 
vird  die  Eiterung  infolge  des  Eindringens  von  Fäulnispilzen  ohne  Be- 
landlung  leicht  chronisch. 

Komplikationen,  und  zwar  Empyem  mit  seinen  Folgen,  bekamen 
,-on  100  drei.  Ein  Fall  unter  200  musste  operiert  werden.  Bei  unbehan- 
lelten  Fällen  ist  die  Anzahl  der  Komplikationen  und  der  Operationen 

vesentlich  grösser. 

Die  wichtige  Mortalitätsziffer  der  genuinen  Otitis  lässt  sich  vor- 
äufig  nur  abschätzen,  da  die  Zahl  der  behandelten  Frühfälle  —  175  — 
:u  klein  war.  Da  aber  unter  den  175  Fällen  5  Empyeme  beobachtet 
wurden,  und  da  nach  einer  grösseren  ohrenärztlichen  Statistik,  die  sich 
mf  die  gleichen  Behandlungsmethoden  aufbaut,  auf  15  Komplikationen 
Todesfall  trifft,  so  würde  auf  500  Frühfälle  1  Todesfall  entfallen.  Da 
iber  die  Komplikationen  bei  den  Frühfällen  sofort  in  Behandlung 
:ommen,  während  in  jener  ohrenärztlichen  Statistik  viele  verschleppte 
■'äile  sich  finden,  so  kommt  schätzungsweise  1  Todesfall  auf  1000  Fälle, 
a  vielleicht  auf  2000  oder  3000.  Die  Lebensgefahr  ist  also  eine  ge- 
inge,  aber  ausschliessen  lässt  sich  der  letale  Ausgang  trotz  sofortiger 
.achgemässer  Behandlung  nicht  mit  Sicherheit;  das  kommt  von  der 
inzugänglichen  Lage  einzelner  peripherer,  pneumatischer  Zellen. 

In  den  ohrenärztlichen  Statistiken  kommt  schon  auf  100  akute 
Aittdohreiterungen  1  Todesfall.  Das  lässt  eher  verstehen,  warum  die 
Aittelohrentzündungen  nicht  nur  in  Aerzte-,  sondern  auch  in  Laien- 
ireisen  so  gefürchtet  sind.  Noch  verständlicher  aber  wird  es,  wenn  man 
ledenkt,  dass  die  Kranken  mitten  aus  voller  Gesundheit  manchmal  in 
venigen  Wochen,  ja  Tagen  dahingerafft  werden,  und  dass  die  meisten 
Todesfälle  gerade  im  besten  Alter  erfolgen.  Zwar  im  Greisenalter  sind 
lie  Mittelohreiterungen  wegen  der  starken  Entwicklung  der  pneuma¬ 
ischen  Zellen  am  gefährlichsten,  aber  alte  Leute  erkranken  selten  daran. 
3ei  Kindern  dagegen  tritt  die  akute  Mittelohrentzündung  zwar  am 
läufigsten  auf,  ist  aber  infolge  der  geringen  Entwicklung  der  pneuma¬ 
ischen  Zellen  fast  ungefährlich,  wie  jeder  vielbeschäftigte  Kinderarzt 
bestätigen  kann. 

Ich  komme  nun  zum  Schluss  zur  Prognose  der  sekundären 
fiterung.  Bei  ihr  ist  der  Verlauf  ein  ganz  anderer.  Bei  Influenza  zwar 
leilte  die  Otitis  noch  öfter  ohne  Durchbruch  des  Trommelfells  als  bei 
ler  genuinen,  und  die  durchschnittliche  Dauer  des  Ausflusses  betrug 
iur  8  Tage,  bei  Masern  aber  dauerte  der  Ausfluss  schon  19  Tage,  bei 
Scharlach  38  Tage,  und  bei  Tuberkulose  gar  sehen  wir  nur  ganz  aus- 
lahmsweise  Heilung  eintreten. 

Immerhin  wurden  auch  von  den  sekundären  Fällen  bei  sofortiger 
lehandlung  nur  1  Proz.  chronisch,  in  unbehandelten  Fällen  allerdings 
usserordentlich  viel  mehr;  bei  der  sekundären  Form  ist  der  Einfluss 
er  Behandlung  ganz  augenfällig. 

Der  Verschluss  des  Trommelfells  bleibt  häufig  aus,  besonders  bei 
ien  schweren  Fällen  von  Scharlach  und  bei  tuberkulöser  Eiterung.  Bei 
etzterer  habe  ich  nur  einmal  die  Perforation  sich  schliessen  sehen. 

Während  bei  Influenza,  Pneumonie,  Masern  und  Typhus  das  Gehör 
neist  wieder  normal  wird,  bleibt  in  den  schwersten  Fällen  von  Schar- 


717 


lachotitis  fast  immer  Schwerhörigkeit  zurück,  bei  Tuberkulose  aber  ist 
die  Wiederkehr  normalen  Gehörs  ausgeschlossen. 

Komplikationen  treten  fast  dreimal  so  häufig  auf,  wie  bei  der 
genuinen  Otitis.  Bei  Influenza,  Diabetes  und  anderen  leichteren  All¬ 
gemeinkrankheiten  sehen  wir  auch  Empyeme  wie  bei  der  genuinen 
Otitis,  bei  den  schweren  Scharlachfällen  aber  und  bei  der  Tuberkulose 
fast  nur  Nekros'e  des  Knochens,  manchmal  mit  ausgedehnter  Sequester¬ 
bildung.  Da  die  Nekrose  der  spontanen  Rückbildung  weniger  fähig  ist, 
als  das  Empyem,  führen  die  sekundären  Eiterungen  verhältnismässig 
häufiger  zur  Operation  als  die  genuinen.  Bei  ihnen  musste  schon  von 
50  Fällen  einer  operiert  werden. 

Infolge  der  nekrotisierenden  Entzündung  schreitet  die  Zerstörung 
sehr  häufig  unaufhaltsam  bis  zur  Dura  und  bis  ins  Labyrinth  fort.  Die 
Labyrinthitis  hat  meist  dauernde  Taubheit  und  bei  Kindern,  wenn  sie 
doppelseitig  ist,  meist  Taubstummheit  zur  Folge.  Dagegen  führt  sie  im 
Gegensatz  zur  Labyrinthitis  bei  der  genuinen  Eiterung  —  die  glück¬ 
licherweise  sehr  viel  seltener  ist  —  fast  niemals  zur  Meningitis.  Die 
Entzündung  macht  also  fast  immer  im  Labyrinth  Halt. 

Das  gleiche  gilt  von  der  Dura.  So  häufig  Pachymeningitis  externa 
bei  Scharlach  und  Tuberkulose  entsteht,  so  selten  greift  die  Entzündung 
von  der  Dura  auf  die  weichen  Hirnhäute,  das  Gehirn  und  auf  die  .Sinus 
über.  Bei  Tuberkulose  habe  ich  nur  einen  einzigen  Todesfall  erlebt, 
ebenso  wie  Troeltsch  und  Bezold.  Und  bei  Scharlach  habe  ich 
trotz  schwerster  Zerstörung  im  Mittelohr  noch  keinen  Fall  vom  Ohr 
aus  tödlich  enden  sehen. 

.  Wir  können  also  den  Satz  aufstellen:  Je  mehr  Neigung  zur  Heilung 
besteht,  desto  gefährlicher  ist  die  Mittelohreiterung,  je  grösser  aber  die 
Zerstörung  im  Ohr  und  je  geringer  die  Neigung  zur  Heilung  ist,  desto 
ungefährlicher.  So  paradox  dieser  Satz  auch  ist,  er  ist  durch  grosse, 
hier  nicht  näher  anzuführende  Zahlen  bewiesen.  Es  ist  eben  ein 
Heilungsvorgang  und  zwar  die  reaktive  Schwellung  der  Schleimhaut,, 
welche  zur  Retention  in  den  Zellen  und.  damit  zu  den  tödlichen  endo- 
kraniellen  Komplikationen  führt,  während  die  nekrotisierende  Entzündung 
zwar  sehr  häufig  unaufhaltsam  bis  ins  Labyrinth  und  bis  zur  Dura  fort¬ 
schreitet,  aber,  wie  schon^gesagt,  hier  Halt  macht.  Eine  Erklärung  für 
dieses  Verhalten  vermag  ich  vorläufig  nicht  zu  geben. 

Ueber  die  Retention  in  den  Zellen,  d.  h.  das  Empyem  in  der  näch¬ 
sten  Nummer! 


Soziale  Riesizio  uns  fierztliciie  sianfleoonoeieseinieißa. 

Grundlagen  und  Ziele  der  Tuberkulosebekämpfung*). 

Von  Medizinalrat  Dr.  G.  Seiffert,  München. 

Wie  bei  jeder  menschlichen  Tätigkeit  kann  man  auch  bei  der 
Tuberkulosebekämpfung  nur  dann  erfolgreiche  Arbeit  leisten,  zu  Fort¬ 
schritten  kommen  und  sich  selbst  zur  Arbeit  richtig  einstellen,  wenn 
man  sich  über  die  allgemeinen  Bedingungen,  das  Wesen  und  den  Zweck 
der  Arbeit  möglichste  Klarheit  verschafft  hat.  Nur  wenn  man  sich  der 
wissenschaftlichen  Grundlagen  bewusst  ist.  wird  man  ein  schematisches 
Arbeiten  nach  bestimmtem  Rezept  vermeiden,  wird  man  sich  nicht  in 
unfruchtbare  Kleinarbeit  verlieren.  Geht  man  an  eine  Erörterung  über 
die  Grundlagen  und  Ziele  der  Tuberkulosebekämpfung  heran,  so  muss 
man  zunächst  die  Grundsätze,  denen  die  Tuberkulosebekämpfung  folgen 
soll,  nach  ihrer  epidemiologischen  Berechtigung  und  ihre  Durchführ¬ 
barkeit  unter  den  Verhältnissen  der  Wirklichkeit  prüfen,  dann  weiter 
untersuchen:  wie  soll  praktisch  vorgegangen,  wie  soll  Geleistetes  be¬ 
urteilt,  in  welcher  Richtung  soll  weitergearbeitet  werden? 

Die  Methodik  der  Tuberkulosebekämpfung  zeigt  gegenüber  der  Be¬ 
kämpfung  anderer  übertragbarer  Krankheiten  offenkundige  Verschieden¬ 
heiten.  Haben  diese  Differenzen  ihre  Berechtigung,  oder  ist  vielleicht 
die  Tuberkulosebekämpfung  gegenüber  der  Bekämpfung  anderer  Infek¬ 
tionskrankheiten  noch  lückenhaft  und  rückständig?  Die  Seuchen¬ 
bekämpfung  sieht  heute  ihre  Hauptaufgabe  darin,  durch  Ausschalten  des 
Erregers  die  fortlaufende  Kette  der  Infektionsfälle  zu  unterbrechen, 
mag  man  die  Ausschaltung  durch  Erregervernichtung,  z.  B.  durch  Des¬ 
infektion  oder  durch  eine  möglichste  Abschliessung  des  Infektions¬ 
herdes,  z.  .B.  durch  Isolierung  des  Kranken  erreichen  wollen.  Der 
theoretisch  und  logisch  unanfechtbare  Gedanke,  durch  Erregerausschal¬ 
tung  ein  Weiterschreiten  der  Krankheit  zu  verhüten,  stösst  bei  seiner 
Durchführung  in  der  Praxis  auf  Schwierigkeiten,  die  je  nach  Art  der 
einzelnen  Krankheiten  verschieden  grosse  sind.  Wenn  eine  Krankheit 
nur  selten  und  vereinzelt  auftritt,  wie  z.  B.  die  Pest  oder  Cholera 
unter  unseren  Breiten,  ist  es  sehr  leicht,  den  Erreger  durch  Vernichtung 
auszuschalten  und  hierdurch  weitere  Infektionen  zu  unterbinden.  Je 
verbreiteter  aber  eine  Infektionskrankheit  im  Volke  ist.  desto  schwieriger 
wird  es.  die  auch  entsprechend  mehr  ausgestreuten  Erreger  zu  erfassen 
und  unschädlich  zu  machen.  Die  Tuberkulose  ist  wohl  die  verbreitetste 
Infektionskrankheit,  sie  stellt  für  Europa  z.  B.  den  grössten  Gegensatz 
gegenüber  der  Pest  dar.  Ihr  Erreger,  der  freilich  nicht  ubiquitär, 
sondern  in  gewissem  Grade  an  die  nähere  Umgebung  des  Tuberkulösen 
gebunden  ist,  macht  allein  durch  seine  weite  Verbreitung  eine  völlige 
Ausschaltung  unmöglich.  Hierzu  kommt  seine  relativ  grosse  Unempfind¬ 
lichkeit  gegenüber  äusseren  Einflüssen,  z.  B.  Austrocknung  usw. 

Neben  der  örtlichen  Kiankheitsverbreitung  beeinflusst  auch  die  zeit¬ 
liche  Krankheitsdauer  die  Menge  der  ausgestreuten  Keime.  Je  kürzer 


*)  Vortrag,  gehalten  Im  ärztlichen  Fortbildungskurs  am  27.  X.  1921. 

5* 


2)  Dr.  Alb  recht:  M.m.W.  1906  Nr.  21. 


318 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  9. 


der  Krankheitsverlauf,  je  grösser  die  Aussicht,  die  Erreger  zu  erfassen, 
eine  wirksame  Bekämpfung  im  Sinne  der  Erregerausschaltung  durch¬ 
zuführen.  Die  zeitlich  ausserordentlich  lange  Dauer  der  Tuberkulose¬ 
erkrankung  —  man  kann  durchschnittlich  eine  5  jährige  Krankheitsdauer 
mit  ungefähr  2  jähriger  Bazillenausscheidung  annehmen  —  macht  eine 
völlige  Erregerausschaltung  bei  Tuberkulose  illusorisch. 

Kommt  zu  einer  langen  Krankheitsdauer  noch  hinzu,  dass  der 
Kranke  nicht  durch  die  Schwere  seines  Leidens  am  Verkehr  mit  seinen 
Mitmenschen  stark  behindert  ist,  wie  etwa  ein  bettlägeriger  Typhus¬ 
kranker,  so  wird  hierdurch  der  Wirkungsbereich  der  Erreger  so  ver- 
grössert,  dass  ihre  Erfassung  kaum  oder  gar  nicht  mehr  möglich  wird. 
In  besonders  'hohem  Grade  trifft  dies  für  die  Tuberkulose  zu* die  einem 
Kranken  bei  stärkster  Bazillenausscheidung  gestattet,  oft  jahrelang 
seinem  Beruf  nachzugehen  und  seine  bisherige  Lebensweise  beizu¬ 
behalten.  Wiederum  eine  neue,  fast  unüberwindliche  Schwierigkeit, 
die  Tuberkelbazillen  zu  erfassen  und  unschädlich  zu  machen. 

Verbreitung,  Krankheitsdauer  und  Krankheitsverlauf  erschweren  im 
Gegensatz  zu  fast  allen  anderen  übertragbaren  Krankheiten  das  wich¬ 
tigste  Ziel  der  Seuchenbekämpfung,  Ausschaltung  des  Erregers,  bei  der 
Tuberkulose  in  so  hohem  Grade,  dass  dieses  Ziel  auch  unter  den  günstig¬ 
sten  Verhältnissen  wohl  nie  vollkommen  erreicht  werden  kann.  Das 
Krankheitsbild  der  Tuberkulose  erklärt  es  ohne  weiteres,  dass  man  mit 
einer  reinen  Erregerbekämpfung  bei  der  Tuberkulose  Fiasko  erleiden 
würde.  Man  könnte  einwenden,  in  früheren  Jahrhunderten  ist  durch 
strengste  Isolierung  Kranker  und  hiermit  auch  der  Erreger  aus  der 
menschlichen  Gesellschaft  bei  einer  anderen,  der  Tuberkulose  in  ihrerr 
Art  sehr  nahestehenden  Infektionskrankheit,  dem  Aussatz,  Aehnliches 
gelungen.  Bei  dieser  hervorragendsten  Tat  des  Mittelalters  auf  dem 
Gebiet  der  Seuchenbekämpfung  darf  man  aber  nicht  vergessen,  dass 
die  Lepra  eine  gar  nicht  mit  der  Tuberkulose  in  Vergleich  zu  bringende 
geringe  Verbreitung  hatte.  Weiterhin  muss  man  bedenken,  dass  sich 
unsere  heutigen  Anschauungen  über  die  Freiheit  der  Person  gegenüber 
dem  Mittelalter  so  geändert  haben,  dass  man  sich  heute  nicht  mehr 
zu  gesetzlichen  Massregeln  herbeilässt,  die  eine  erfolgreiche  Bekämp¬ 
fung  durch  rücksichtslose  Zwangsisolierung  aller  Kranken  ermöglichen. 
Schliesslich  wäre  auch  bei  der  grossen  Verbreitung  der  Krankheit  eine 
entsprechende  Bekämpfungsweise  heute  in  ihrer  Durchführung  finan¬ 
ziell  undenkbar.  Man  muss  daher  bekennen,  dass  der  Krank'ieits- 
charakter  der  Tuberkulose  es  heute  nicht  erwarten  lässt,  dass  man 
durch  umfangreiche  Desinfektionsmassnahmen,  Isolierung  von  Kranken 
usw.  auch  bei  Aufwendung  grösster  materieller  Mittel  allein  eine  wirk¬ 
same  Bekämpfung  durchführen  kann. 

Hiermit  wird  man  nun  keineswegs  zu  dem  Schluss  gelangen  dür¬ 
fen,  bei  den  geringen  Aussichten  auf  völlige  Erregerausschaltung  sei 
jede  Erregerbekämpfung  zwecklos.  Man  wird  bei  der  Tuberkulosebe¬ 
kämpfung  diese  Aufgabe  niemals  vernachlässigen  dürfen,  nur  muss  man 
sich  stets  bewusst  sein,  dass  die  direkten  Bekämpfungsmethoden  des 
Erregers,  die  bei  den  meisten  anderen  übertragbaren  Krankheiten  allein 
zu  vollem  Erfolg  führen,  hier  nur  unterstützend  mitwirken.  Man  darf 
aber  die  Erregerbekämpfung  im  Verein  mit  anderen  Massnahmen  nicht 
gering  anschlagen.  Sie  ist  in  der  Kette  der  Bekämpfungsmassnahmen 
der  Tuberkulose  ein  unentbehrliches  Glied,  das,  nur  für  sich  allein  ge¬ 
nommen,  praktisch  von  keinem  zu  grossen  Wert  ist. 

Wieweit  ist  die  direkte  Erregerbekämpfung  bei  der  Tuberkulose 
durchführbar  und  was  kann  von  ihr  erwartet  werden?  Die  Bazillen¬ 
bekämpfung  kann  in-  und  ausserhalb  des  kranken  Körpers  erfolgen. 
Bis  heute  besitzt  man  kein  Mittel  zur  Vernichtung  der  Tuberkelbazillen 
im  menschlichen  Körper.  Soweit  sie  im  Körper  des  Angesteckten  oder 
Kranken  unschädlich  gemacht  werden,  ist  es  der  angeborenen,  erwor¬ 
benen  und  durch  ärztliche  Massnahmen  geförderten  Widerstandskraft 
des  menschlichen  Körpers  zu  verdanken.  Diese  vernichteten  Erreger 
kommen  aber  gegenüber  den  ausgeschiedenen  Tuberkelbazillen  prak¬ 
tisch  gar  nicht  in  Frage.  Eine  Vernichtung  der  Tuberkelbazillen  im 
Sinne  der  Ehrlich  sehen  sterilisatio  magna  des  Körpers  durch  ein 
chemotherapeutisches  Mittel  erscheint  zur  Zeit  aussichtslos,  ebenso  ist 
es  unmöglich,  durch  irgendeine  aktive  oder  passive  Immunisierung  eine 
Abtötung  der  Tuberkelbazillen  im  Körper  zu  erreichen.  Irgendwelche 
wirksame  Methoden  zur  Abtötung  der  Tuberkelbazillen  im  mensch¬ 
lichen  Körper,  die  an  sich  die  radikalste,  sicherste  und  auch  durch¬ 
führbare  Tuberkulosebekämpfung  darstellen  würden,  sind  bis  heute 
nicht  entdeckt. 

Die  Vernichtung  der  Tuberkelbazillen  ausserhalb  des  Körpers  kann 
im  Auswurf  theoretisch  sicher  durchgeführt  werden.  Durch  Kochen, 
Zusatz  von  Desinfizientien  ist  die  Vernichtung  der  Bazillen  im  Aus¬ 
wurf  gesichert.  In  Heilstätten  und  bei  vernünftigen  Kranken  wird  sich 
die  Auswurfbeseitigung  hygienisch  einwandfrei  durchführen  lassen.  Im 
täglichen  Leben  werden  aber  dauernd  mit  dem  Auswurf  grösste  Mengen 
Tuberkelbazillen  unbedacht  oder  gewissenlos  ausgestreut,  hiergegen 
kann  man  praktisch  so  gut  wie  gar  nicht  vorgehen.  Tuberkulöse,  die 
sich  regelmässig  einer  Spuckflasche  bedienen,  sind  leider  ausserhalb 
einer  Heilstätte,  fern  von  dem  Auge  eines  Arztes  oder  einer  Für¬ 
sorgerin  nicht  allzu  häufig.  Spuckverbote  werden  auch  unter  Androhung 
hoher  Strafen  nicht  allzuviel  erreichen.  Eher  wird  sich  etwas  durch 
Belehrung  Kranker  und  durch  entsprechende  hygienische  Erziehung  der 
Bevölkerung,  insbesondere  der  Jugend,  langsam  erreichen  lassen. 

Gegen  die  von  den  Tuberkulösen  ausgehusteten  Tröpfchen,  die 
Tuberkelbazillen  enthalten  und  bei  langem  und  engem  Zusammenleben 
mit  Tuberkulösen  zweifelsohne  zu  Ansteckungen  führen  können,  ist 
ein  völliger  Schutz  praktisch  schwer  durchzuführen.  Gegen  die  Tröpf¬ 


cheninfektion,  deren  Bedeutung  vielleicht  von  mancher  Seite  zu  hoch' 
eingeschätzt  wird,  ist  nur  ein  indirekter  Schutz  —  sieht  man  zunächst) 
von  der  Trennung  des  Kranken  von  seiner  Umgebung  ab  —  für  der 
täglichen  Verkehr  durch  gesundheitliche  Erziehung  des  Kranken  um 
seiner  Angehörigen  zu  gewissen  Vorsichtsmassregeln,  die  aber  prak¬ 
tisch  nur  bei  gewissenhaften  und  verständigen  Personen  Nutzen  ver¬ 
spricht,  zu  erreichen.  • 

Die  Desinfektion  der  von  Tuberkulösen  bewohnten  oder  verlassene! 
Räume  hat  nur  Wert,  wenn  sie  sachgemäss  durchgeführt  wird.  Die 
völlige  Abtötung  der  Tuberkelbazillen  durch  Raumdesinfektion  ist  tech¬ 
nisch  nicht  leicht  und  wird  in  der  Praxis  nur  selten  vollkommen  er¬ 
reicht.  Glücklicherweise  scheint  eine  indirekte  Ansteckung  durch  dir 
Wohnung  viel  seltener  wie  durch  den  Kranken  zu  erfolgen.  Immer-] 
hin  muss  man  schlechtgehaltenen  Wohnungen  als  Inf ektionsverrnittlei j 
ernste  Beachtung  schenken.  Wenn  die  Sauberkeit  der  Bewohner  eint 
mangelhafte  ist,  können  in  der  Wohnung  eines  Tuberkulösen  sich  Kin-j 
der  durch  verschmierten  Auswurf  anstecken,  kann  tuberkelbazillen-j 
reicher  Staub  eine  Ansteckung  vermitteln.  Die  Wohnungspflege  uik 
die  Reinlichkeit  ist  daher  bei  tubetkulösen  Familien  besonders  zu  be¬ 
achten  und  zu  fördern.  Eine  Wohnung  in  gutem  baulichen  Zustand 
die  ein  Tuberkulöser  verlassen  hat,  wird  nach  einer  gründlichen  Säu¬ 
berung  und  Scheuerdesinfektion  für  die  Nachbewohner  ungefahrlict 
sein.  Eine  Formalindesinfektion  wird  bei  ganz  besonders  gelagerter 
Einzelfällen  hin  und  wieder  anzuwenden  sein,  ihren  Zweck  wird  siel 
aber  nur  bei  strengster  Durchführung  erfüllen  können. 

Die  Erregerausschaltung  ist  in  der  Praxis  in  der  Hauptsache  au: 
ein  Unschädlichmachen  des  Auswurfs,  Förderung  der  Wohnungspflego 
und  der  Reinlichkeit  beschränkt.  Dazu  kommt  bei  einem  Wohnungs-| 
Wechsel  des  Tuberkulösen  die  gründliche  Scheuerdesinfektion.  Bis  zt 
einem  gewissen  Grade  kann  durch  persönliche  Vorsichtsmassregeln 
des  Kranken  und  seiner  Umgebung  die  Gefahr  der  Erregerübertraguru| 
vermindert  werden. 

Da  die  Erregerausschaltung  im  praktischen  Leben  nur  sehr  begrenz  j 
möglich  ist,  wird  man  weiterhin  überlegen,  wie  die  Gefahr,  die  vor 
dem  bazillenausscheidenden  Kranken  ausgeht,  zu  verringern  ist.  Da; 
sicherste  Vorgehen  besteht  in  einer  Isolierung  des  Kranken,  etwa  ir 
einem  Krankenhaus  oder  in  einer  ähnlichen  Anstalt.  Es  wurde  schor 
oben  angedeutet,  dass  eine  Isolierung  aller  Bazillenausscheider,  die 
nur  unter  gesetzlichem  Zwang  zu  erreichen  wäre,  für  die  nächste  Zei  ! 
undurchführbar  ist.  Gesetzt  die  hierzu  erforderlichen  Mittel,  entspre¬ 
chende  Anstalten  wären  vorhanden,  so  würden  sich  nur  wenige  Men 
sehen  einer  Isolierung  während  einer  durchschnittlich  doch  mehrjäh-| 
rigen  Krankheitsdauer  freiwillig  unterziehen.  Ob  eine  Volksvertretung 
heute  die  Energie  fände,  Entsprechendes  zum  Gesetz  zu  erheben.  olj 
eine  Regierung  die  Gewalt  hätte,  das  Gesetz  durchzuführen,  muss  ernst-] 
haft  angezweifelt  werden.  Eine  zwangsweise  Dauerisolierung  alleii 
Bazillenausscheider,  die  wirksamste  Bekämpfungsmethode,  wird  wohl 
nie  durchgeführt  werden. 

Immerhin  wird  schon  etwas  erreicht  sein,  wenn  man  einen  Teil 
der  Bazillenausscheider  bewegt,  sich  freiwillig  wenigstens  zeitweise  in 
eine  Anstalt  aufnehmen  zu  lassen,  wenn  man  einen  Teil  der  Schwer  ! 
tuberkulösen  bis  zu  ihrem  Ende  hospitalisiert.  Ihre  Ansteckungsgefahr 
ist  für  die  Zeit  der  Isolierung  beseitigt.  Es  muss  daher  jede  Aufnahme 
eines  Bazillenausscheiders,  mag  sie  auch  nur  wenige  Wochen  dauern 
in  eine  Heilstätte  oder  ein  Krankenhaus  als  Ansteckungsverringerunü 
wertvoll  erscheinen.  Man  muss  anstreben,  möglichst  viele  offene  Tu 
berkulosefälle  möglichst  lange  freiwillig  zu  isolieren. 

Wenn  hiermit  heute  noch  keine  grossen  Erfolge  erzielt  sind,  stj 
liegt  es  einmal  daran,  dass  geeignete  Unterkunftsstellen  noch  wenisj 
zahlreich  sind,  zweitens  daran,  dass  die  Volksanschauung  sich  noch  zt 
wenig  mit  einer  Isolierung  Tuberkulöser  vertraut  gemacht  hat,  vielmehi 
in  jeder  Hospitalisierung  eine  gewisse  Vorbereitung  auf  einen  baldigei 
Tod  sieht.  Weiterhin  darf  man  auch  nicht  die  Psychologie  des  Tuber 
kulösen  unberücksichtigt  lassen,  der  oft  egozentrisch  denkt,  nicht  au j 
seinem  gewohnten  Lebenskreis  ausscheiden  will  und  den  Ernst  seine 
Krankheit  für  sich  und  noch  viel  weniger  für  seine  Ufngebung  voll  ein 
sieht.  Schliesslich  ist  die  Hospitalisierung  wiederum  eine  Geldfrage 
einmal  eine  Frage  nach  Deckung  der  Verpflegskosten  und  zweiten] 
nach  der  Unterhaltsbestreitung  für  die  Familie  des  Kranken. 

Trotz  der  Schwierigkeiten  muss  die  Hospitalisierung  als  direkte 
Bekämpfungsmassregel  der  Tuberkulose  ernsteste  Beachtung  finden 
Bei  entsprechender  Beeinflussung  der  Volksanschauung  und  richtige! 
Ueberredung  des  Kranken  wird  es  möglich  werden,  eine  ständig  wachj 
sende  Zahl  von  Bazillenausscheidern  einer  mehr  oder  minder  längere.! 
Isolierung  zu  unterwerfen. 

Ist  eine  einwandfreie  Wohnung  vorhanden,  ist  durch  die  Einsichj 
und  Gewissenhaftigkeit  des  Kranken  und  seiner  Familie  ein  entspre! 
eilendes  hygienisches  Verhalten  gesichert,  so  kann  auch  ohne  Hospita! 
lisierung  die  Ansteckungsgefahr  bedeutend  herabgesetzt  werden.  Di 
Ansteckungsgefahr  ist  am  grössten,  wenn  der  Bazillenausscheider  i: 
einem  überbelegten,  wenig  oder  gar  nicht  gelüfteten  Schlafzimmer  di 
Nacht  mit  seiner  Familie  zubringt.  Bei  Tage  ist  die  Infektionsgefah 
wohl  eine  geringere.  Hauptsache  ist  daher  Verbesserung  des  Schlaf 
raumes.  Die  Forderung  eines  eigenen  Schlafraumes  für  den  Kranke1 
kann  bei  der  heutigen  Wohnungsnot  und  den  hohen  Lebenskosten  nu 
in  wenigen  Fällen  erfüllt  werden.  Es  muss  wenigstens  erreicht  werder 
dass  der  Kranke  ein  eigenes  Bett  erhält  und  es  auch  wirklich  nur  fü 
sich  benutzt.  Schliesslich  wird  man  daran  denken  können,  offen  Tuber 
kulöse  während  der  Nacht  z.  B.  in  einer  Walderholungsstätte  zu  iso 
Heren. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


319 


.  irz  1922. 


»ann  der  Kranke  nicht  isoliert  oder  durch  anderweitige 
lahmen  ungefährlich  gemacht  werden,  so  muss  man  die  Jn- 
j  nsgefahr  dadurch  zu  vermindern  suchen,  dass  man  die  bedrohten 
[  ienmitglieder,  insbesondere  die  Kinder  von  ihm  trennt.  Einer 
■; rtrennung,  die  -meist  ein  Zerreissen  der  Familienbande  bedeutet, 
m  sich  nur  wenige  Familien  unterziehen.  Es  fehlt  auch  sehr  oft 
eeigneten  Unterbringungsmöglichkeiten  der  Kinder,  es  können 
durch  die  Trennung  bedingten  höheren-  Unterhaltskosten  nicht  auf- 
1 werden.  Man  wird  sich  zunächst  damit  begnügen  müssen 
man  diese  Trennung  bei  besonders  misslichen  Verhältnissen 

*  ht.  Auch  hier  wird  man  ernsthaft  überlegen  müssen,  ob  man 
i  wenigstens  eine  Halbtrennung  während  der  Nacht  durchsetzen 
i 

aucd  eine  Gesamtisolierung  aller  Bazillenausscheider  un- 
tührbar  erscheint,  ist  vorübergehende  Hospitalisierung  eines  Teils 
anken.  Halbisolierung  während  der  Nacht,  Verbesserung  der  Woh- 
.  Verhältnisse,  Trennung  oder  Halbtrennung  der  Familienmitglieder 
.ranken  bei  einem  Teil  der  Tuberkulösen  aussichtsvoll  und  er- 
;  ar. 

ie  bisherigen  Ausführungen  über  direkte  Bekämpf ungsmöglich- 
3  der  Tuberkulose  dürften  bewiesen  haben,  dass  unter  den  jetzigen 
]  Itnrssen  und  nach  dem  augenblicklichen  Stand  der  Forschung  hier 
bmmenes  nicht  erreicht  werden  kann.  Man  muss  aber  mit  allen 
'n  ^  ^  Mögliche  anstreben;  das,  was  heute  zur  direkten  Tuber- 
Bekämpfung  getan  werden  kann,  wird  trotz  seiner  Unvollkommen- 
viele  Neuansteckungen  verhüten  können. 

iel  mehr  wie  bei  anderen  übertragbaren  Krankheiten  spielen  bei 
uberkulose  indirekte  Bekämpfungsmethoden  eine  Rolle.  Der  Um- 
Hieser  indirekten  Massnahmen  ist  sehr  gross,  die  Art  und  der 
ihrer  Anwendung  sehr  wechselnd.  Sie  werden  von  den  ver- 
l  ensten  Momenten  bestimmt,  sie  sind  daher  im  Einzelnen  nicht 
!  festzulegen,  geschweige  denn  gesetzlich  zu  regeln.  Ebensowenig 
man  immer  klar  die  Wirkung  indirekter  Massnahmen  erkennen 
.n,  zumal  nicht  in  kurzen  Zeitspannen.  Ihr  Einfluss  auf  übertrag- 
e  Krankheiten,  besonders  auf  die  Tuberkulose,  wird  oft  unter- 
5 1  und  bleibt  vielfach  unerkannt. 

welcher  Richtung  sind  von  indirekten  Massnahmen  bei  der  Tu- 
«osebekampfung  Erfolge  zu  erwarten?  Um  diese  Frage  zu  be- 
srten,  muss  man  zweierlei  berücksichtigen,  einmal  den  durch- 
]. liehen  Krankheitsablauf  der  Tuberkulose  und  zweitens  die  Krank- 
eeinflussung  -durch  günstige  bzw.  ungünstige  Urmveltsbedingun- 
.  Die  Krankheitsbilder  der  Tuberkulose  schwanken  zwischen  den 
:nen  subakuter  und  chronischer  Krankheitsformen.  Die  Tuber¬ 
bietet  in  ihren  einzelnen  Verlaufsformen  das  Bild  einer  Streuungs- 
ij  dar  bei  der  die  höchste  Zahl  von  jenen  Verlaufsbildern  er- 
}  wird,  der  Infektion  ein  mehrjähriges  Latenzstadium  folgt, 
ch  ausserlich  durch  gar  keine  oder  nur  sehr  geringfügige  Krank- 
rscheinungen  bemerkbar  macht,  das  dann  in  ein  längeres  Krank- 
}adium  übergeht,  dessen  Symptomenkomplex  nach  Art,  Schwere 
>auer  kaleidoskopartig  wechselt.  Praktisch  hat  sich  fast  jeder 
h  einmal  mit  Tuberkulose  infiziert.  Der  Prozentsatz  der  Er- 
ngen  ist  aber  den  Infektionen  gegenüber  verhältnismässig  sehr  ge- 
Die  durchschnittliche  Erkrankungsresistenz  ist  bei  der  mensch- 
j  .^asse  unter  günstigen  Lebensbedingungen  hoch.  Der  Grad  der 
cikungsresistenz  zeigt  Schwankungen  im  Verlauf  des  Lebens; 

:  in  den  allerersten  Lebensjahren  gering,  nimmt  bis  zum  Ent- 
■  r  s  . r  ^hebjich  zu,  um  dann  stark  zu  sinken  und  im 
en  Alter  wieder  mässig  anzusteigen.  Wie  bei  allen  Lebens- 

•  men  findet  man  naturgemäss  auch  hier  grosse  Verschiedenheit, 
cm  durchschnittlichen  Krankheitsverlauf  kann  man  für  die  Tuber- 
oekampfung  wichtige  Fingerzeige  gewinnen.  Soweit  es  geht, 
lurch  direkte  Bekämpfung  die  Infektion  jedes  Lebensalters  ver- 
“ werden  müssen.  Der  Gedanke,  dass  eine  Infektion  nach  dem 
{  en  Kindesalter  und  vor  dem  Entwicklungsalter  einen  gewissen 
r  2&gen  spätere  exogene  oder  endogene  Reinfektionen  bieten 
.muss  noch  als  recht  problematisch  und  noch  zu  wrenig  bewiesen 
Tnen,  um  eine  Infektion  in  genannter  Lebenszeit  unberücksichtigt 
sen  oder  gar  zu  begünstigen.  Auf  Grund  der  Erfahrungen  über 
■ankheitsresistenz  in  den  einzelnen  Lebensaltern  muss  man  alles 
‘hen.  um  eine  Infektion  in  den  ersten  Lebensjahren,  in  denen  die 
leitsdisposition  am  grössten  ist  zu  verhüten;  das  Gleiche  gilt  für 
itwicklungsjahre.  Schliesslich  wird  man  bei  erfolgter  Infektion 
'ernuhen  müssen,  besonders  in  den  Lebensperioden  erhöhter 
leitsdisposition,  wie  z.  B.  dem  Entwicklungsalter  die  Latenz- 
.  möglichst  lange  auszudehnen,  damit  das  Individuum  möglichst 
Aratte  sammelt,  um  ohne  schwerere  Erschütterungen  und  tiefer- 

ae  Veränderungen  ein  beginnendes  Krankheitsstadium  mit  Erfolg 
naen  zu  können.  Eine  Durchseuchungsresistenz  im  Sinne  völliger 
;  jnsabwehr  wird  schwerlich  zu  erreichen  sein.  Eine  sehr  wesent- 
.rhohung  der  Erkrankungsresistenz  liegt  dagegen  im  weiten  Be- 
les  praktisch  Möglichen. 

'S  dem  durchschnittlichen  Krankheitsablauf  ergeben  sich  für  die 
uiosebekämpfung  folgende  Forderungen:  Verhütung  der  Infektio- 
sonders  im  frühesten  Kindesalter,  der  Infektionen  bzw.  Reinfek- 
1  im  Entwicklungsalter,  möglichste  Ausdehnung  des  Latenzsta- 
zwischen  Infektion  und  offenkundiger  Krankheit  oder  gar  Ver- 
leglicher  Krankheitserscheinung. 

•rEÄs  der  Umweltsbedingungen  auf  die  Tuberkulose  äussert 
Erhöhung  der  Infektionsgefahr,  Verkürzung  des  Latenzstadiums 


und  schnellerem  und  schwererem  Verlauf  des  Krankheitsstadiums. 
Hauptsächlich  kommen  in  Frage  ungünstige  Einflüsse,  die  bedingt  sind 
durch  die  Wohnungs-,  Ernährungs-  und  Berufsverhältnisse,  den  Stand 
der  Lebenshaltung  und  die  Art  der  Lebensführung. 

Die  Wohnungsverhältnisse  erhöhen  in  erster  Linie  die  Ansteckungs¬ 
gefahr,  je  enger  die  Menschen  bei  ungeeigneter  Wohnungspflege  zu¬ 
sammenwohnen.  desto  grösser  die  Infektionsaussichten.  Ungesunde, 
feuchte,  lichtarme  -und  kalte  Wohnungen  werden  dazu  beitragen  können, 
das  Latenzstadium  zu  verkürzen  und  den  Krankheitsverlauf  wesent¬ 
lich  zu  verschlechtern. 

-  Per  TEinfIlISS  d?r  Ernährung  äussert  sich  in  bedeutsamster  Weise 
am  das  Latenzstadium  im  Sinne  einer  Verkürzung,  auf  die  eigentliche 
Erkrankung  im  Sinne  schwerer  und  schnell  verlaufender  Organzerstö¬ 
rungen.  Hierfür  spricht  eindeutig  das  Aushungerungsexperiment  des 
verflossenen  Krieges.  Die  Infektionsgefahr  wird  durch  den  Ernährungs- 
zustand  insoweit  beeinflusst,  als  die  Zahl  der  offenen  Tuberkulose  bei 
schlechten  Ernährungsverhältnissen  steigt.  Es  ist  aber  auch  anzuneh- 
men,  dass  ein  unterernährter  Mensch  ein  günstiger  Boden  für  eindrin¬ 
gende  Bakterien  ist,  dass  er  exogenen  und  endogenen  Reinfektionen 
weniger  Widerstand  leisten  kann  wie  ein  guternährtes  Individuum. 

,  Enge  schmutzige  und  ungelüftete  Arbeitsräume  erhöhen  die  In¬ 
fektionsgefahr,  wenn  sich  unter  den  Arbeitern  Bazillenhuster  befinden, 
ist  der  Körper  des  Arbeiters  der  Arbeit  nicht  gewachsen,  durch  über¬ 
massige  Arbeit  geschwächt,  wirken  auf  ihn  schädliche  Einflüsse  ein, 
unter  denen  die  Staubeinwirkung  auf  die  Lunge  an  erster  Stelle  steht 
so  wird  die  Arbeit  ähnlich  wie  Unterernährung  wirken.  Die  Bakterien 
rinden  bei  einer  Infektion  einen  günstig  vorbereiteten  Boden,  die  La¬ 
tenzzeit  wird  verkürzt,  der  Krankheitsverlauf  verschlechtert. 

Der  Stand  der  allgemeinen  Lebenshaltung,  die  sich  ihrerseits  in 
der  Hohe  des  Einkommens  widerspiegelt,  ist  für  die  Tuberkulose  von 
weitgehender  Bedeutung.  Die  Lebenshaltung  bedingt  die  Güte  der 
Wohnung  und  den  Stand  der  Ernährung.  Ausreichender  Erwerb  schützt 
VOl.r-V,-b1erarr,beit  und  macdt  es  möglich,  durch  anderweitige  Massregeln 
schädliche  Berufs-  und  Umweltseinflüsse  zu  paralysieren. 

Schliesslich  spielt  für  den  Verlauf  der  Tuberkulose  die  Lebens- 
iuhrung;  des  Einzelnen  eine  massgebende  Rolle.  Je  weniger  sie  den 
Gesundheitsnormen  folgt,  je  mehr  sie  sich  gesundheitlichen  Exzessen 
uberlasst,  desto  ungünstiger  wird  nach  jeder  Richtung  der  Verlauf  und 
die  Verbreitung  der  Tuberkulose  beeinflusst. 

Was  ist  hieraus  für  die  Bekämpfung  der  Tuberkulose  zu  ent¬ 
nehmen?  Sie  muss,  soweit  es  in  ihrer  Möglichkeit  liegt,  die 
gesundheitliche  Verbesserung  der  Wohnungs-,  Ernährungs-,  Berufs¬ 
verhältnisse  und  der  Lebensführung  beeinflussen.  Auf  die  Höhe  der 
Lebenshaltung,  des  nötigen  Durchschnittseinkommens  sowie  der  all¬ 
gemeinen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  kann  sie  keinen  Einfluss  aus- 
.  ^ies  ist  Aufgabe  der  Staatswirtschaft,  der  gegenüber  nicht  aus¬ 
drücklich  genug  betont  werden  kann,  dass  eine  Tuberkulosebekämp- 
nI!?.inur  Aussicht  auf  Erfolg  hat,  wenn  die  äussere  und  innere 
Politik  eines  Volkes  die  gesamte  Wirtschaftslage  vor  einem  Herabsinken 
auf  ein  niedrigeres  Lebensniveau  bewahrt.  Die  Höhe  des  Lebens¬ 
niveaus  entscheidet  über  die  Höhe  der  Tuberkuloseverbreitung. 

Die  Wohnungsfrage  im  Sinne  der  Beschaffung  ausreichender,  preis¬ 
werter,  geräumiger  und  gesunder  Wohnung  kann  die  Tuberkulosebe¬ 
kämpfung  praktisch  wenig  beeinflussen,  sie  wird  dagegen  auf  die  Woh¬ 
nungspflege  durch  die  Bewohner  in  Bezug  auf  Reinlichkeit  und  Erhal¬ 
tung  der  Wohnung  durch  die  Heimfürsorge  einwirken  können.  Sie 
wird  durch  Mietzuschüsse  und  ähnliche  Mittel  das  dichte  Zusammen¬ 
wohnen  Tuberkulöser  mit  ihrer  Umgebung  zu  verhüten  suchen  Da 
bei  der  heutigen  Wohnungsnot  in  dieser  Richtung  nicht  zu  viel  zu 
erwarten  ist.  muss  der  laufenden  Wohnungspflege  besondere  Beach- 

£escaen^I  werden,  hier  kann  durch  Belehrung  auch  mit  wenigen 
Mitteln  etwas  erreicht  werden. 

Auf  die  allgemeine  Verbesserung  der  Ernährung  kann  die  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  nicht  einwirken.  Sie  wird  aber  versuchen  müssen, 
iur  tuberkulöse  Kranke  und  Gefährdete,  insbesondere  deren  Kinder.  Nah¬ 
rungsmittel  zu  verbilligten  Preisen  unter  Hinzuziehung  geeigneter  Stel¬ 
len  zu  vermitteln.  Zum  Teil  lässt  sich  auch  durch  Belehrung  bei  der 
Heimfursorge  erreichen,  dass  die  zur  Verfügung  stehenden  Nahrungs¬ 
mittel  wirtschaftlicher  ausgenutzt  und  besser  zubereitet  werden. 

Die  für  die  Tuberkulose  wichtigen  Berufsgefahren  werden,  soweit 
es  sich  um  unhygienische  und  überfüllte  Arbeitsräume,  um  Staub- 
betriebe  Ueberarbeit  bei  Frauen  und  Jugendlichen  handelt,  auf  Grund 
gesetzlicher  Massnahmen  durch  die  Gewerbeaufsicht  usw.  vermindert 
werden  können.  Die  eigenen  Aufgaben  der  Tuberkulosebekämpfung 
bestehen  nur  darin,  Tuberkulöse  und  Tuberkulosegefährdete  auf  ihren 
ungeeigneten  Beruf  hinzuweisen  und  sie  den  Stellen  zuzuführen,  die 
für  eine  Berufsberatung  und  Berufsumstellung  in  Frage  kommen.  Die 
in  der  Tuberkulosebekämpfung  tätigen  Personen  werden  sich  hier  meist 
nur  auf  allgemeine  Ratschläge  beschränken  können,  sie  werden  vor 
ungeeigneten  Berufen  warnen.  Tuberkulöse  den  ihnen  entsprechenden 
Berufen  zuzuführen,  wird  die  Fürsorge  gewöhnlich  nicht  in  der  Lage 
se‘n*  da  ihr  nähere  Berufskenntnisse  fehlen  und  sie  über  die  wirt¬ 
schaftlichen  Berufsaussichten  nicht  genügend  unterrichtet  ist. 

Die  Lebensführung  lässt  sich  durch  allgemeinhygienische  Beleh- 
rung,  die  in  früher  Jugend  einsetzen  soll,  in  gewissem  Grade  gesund- 
heitlich  bestimmen,  hierbei  soll  auch  die  Tuberkulosebekämpfung  in 
ihrem  Rahmen  mitwirken.  Freilich  wird  in  der  heutigen  Zeit  ein  all¬ 
zugrosser  Optimismus  nicht  am  Platze  sein,  dass  das  Volk  und  in  erster 
Linie  die  Jugendlichen  dieser  Belehrung  folgen  werden. 


■MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Im  Sinne  einer  indirekten  Bekämpfung  der  Tuberkulose  arbeitet 
jede  Massnahme,  die  dem  allgemeinen  Gesundheitsschutz  und  der 
Gesundheitsfürsorge  dient.  Es  ergibt, sich  hieraus  als  selbstverständlich 
dass  die  Tuberkulosebekämpfung  engst  verbunden  mit  allen  anderen 
Zweigen  der  Gesundheitspflege  und  Gesundheitsfürsorge  zusammen- 

Jrl  LDer  Ueberblick  über  die  einzelnen  Bekämpfungsmöglichkeiten  der 
Tuberkulose,  ihre  Begründung  und  Bewertung  unter  Berücksichtigung 
der  praktischen  Verhältnisse  ergibt  dass  unter  den  mannigfachen  Mass¬ 
nahmen  keine  einzige  für  sich  durchgreifend  wirksam  sein  kann  dass 
nur  dann,  wenn  der  ganze  Komplex  der  Massnahmen  in  Tätigkeit  tritt, 
ein  Erfolg  zu  erwarten  ist.  Die  Vielheit  der  Bekamprungsmassnahmen 
erlaubt  keine  schematische  Behandlung.  Die  Bekämpfung  muss  nach 
Lage  des  einzelnen  Falles  individuell  durchgeführt  werden  Es  werden 
je  nach  den  sich  im  Einzelfall  ergebenden  Bedürfnissen  und  Notwendig¬ 
keiten  bestimmte  Massnahmen  in  den  Vordergrund  treten,  andere  we¬ 
niger  berücksichtigt  bleiben  können. 

Die  Tuberkulosebekämpfung  hat  sich  heute  auf  verschiedenen  Ge¬ 
bieten  zu  bewegen.  Sie  will  neue  Ansteckungen  verhüten  und  ihnen 
durch  Fürsorge  vorbauen.  Sie  will  Angesteckte  durch  körperliche  Kral- 
tigung  und  Resistenzsteigerung  vor  einer  Erkrankung  bewahren  und 
schliesslich  sucht  sie  durch  therapeutische  Massnahmen  Erkrankte  zu 
heilen  und  den  Erkrankten  möglichst  lange  erwerbsfähig  zu  erhalten. 
Letzte  Aufgabe  gehört  streng  genommen  nur  insoweit  zur  eigentlichen 
Tuberkulosebekämpfung,  als  hierdurch  eine  Bazilienausscheidung  ver¬ 
hütet  oder  durch  Abheilung  zum  Verschwinden  gebracht  wird.  Die 
therapeutische  Beeinflussung  der  Tuberkulose  ist  historisch  so  eng  mit 
der  Tuberkulosebekämpfung  verknüpft,  dass  man  diesen  Teil  von  ihr 
nicht  mehr  wird  scharf  abtrennen  können.  Hiermit  steht  die  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  vor  einer  so  grossen  Zahl  von  Aufgaben,  wie  su.  bei 
keiner  anderen  Krankheit  und  in  keinem  anderen  Fursorgezweig  zu  er- 

iUlleiKönnen  die  bestehenden  Einrichtungen  der  Tuberkulosebekämpfung 
den  gestellten  Aufgaben  gerecht  werden?  Wie  kann  durch  weiteren 
Ausbau  die  Bekämpfung  erweitert  und  verbessert  werden? 

Zur  Bekämpfung  einer  Krankheit  muss  man  die  Krankheitsfälle 
kennen  und  möglichst  vollständig  erfassen.  Hierfür  hat  sich  bei  den 
übertragbaren  Krankheiten  die  Meldepflicht  als  notwendig  erwiesen. 
Bei  der  Tuberkulose  ist  eine  allgemeine  Meldepflicht  aller  Tuberkulose¬ 
fälle  praktisch  undurchführbar.  Das  sehr  wechselnde  Bild  der  in  den 
verschiedenen  deutschen  und  ausserdeutschen  Landern  bislang  be¬ 
stehenden  Meldepflicht  der  Tuberkuloseerkrankten  ergibt,  dass  sich 
die  Meldepflicht  fast  nur  auf  offene  Lungen-  und  Kehlkopftuberkulosen 
erstreckt,  aber  auch  hier  mit  weitergehenden  Einschränkungen.  Meist 
sind  nur  die  Todesfälle  an  offener  Lungen-  und  Kehlkopftuberkulose 
meldepflichtig,  ausserdem  Erkrankungen  an  offener  Lungen-  und  Kehl¬ 
kopftuberkulose  unter  besonders  gefährlichen  Verhältnissen.  Der  neue 
Entwurf  zur  reichsgesetzlichen  Bekämpfung  der  Tuberkulose  sieht  eine 
Meldepflicht  für  ansteckende  Erkrankungen  an  Lungen-, und  Kehlkopt- 
tuberkulose  vor.  Ob  durch  diese  Meldepflicht,' falls  der  Entwurf  zum 
Gesetz  werden  sollte,  alle  in  Betracht  kommenden  Fälle  erfasst  werden, 
muss  bezweifelt  werden.  Es  wird  immerhin  durch  eine  derartig  um¬ 
fassende  Meldepflicht  ein  wesentlich  grösserer  Twl  der  Tuberkulose¬ 
erkrankten  bekannt  werden  wie  bisher.  Diese  Meldepflicht  hat  ab¬ 
gesehen  von  ihrer  medizinalstatistischen  Bedeutung  aber  nur  Wert, 
wenn  die  Bekämpfungseinrichtungen  so  ausgebaut  sind,  dass  in  den 
Einzelfäjlen  auch  eine  wirksame  Bekämpfung  getrieben  werden  kann. 
Hiervon  ist  man  aber  heute  noch  weit  entfernt  und  die  Geldnot  wird 
auch  in  der  nächsten  Zeit  einen  entsprechenden  Ausbau  leider  kaum 
gestatten.  An  sich  könnte  man  trotzdem  einer  ausgedehnteren  Melde¬ 
pflicht  das  Wort  geben,  damit  man  über  den  wirklichen  Umfang  der 
Erkrankungsfälle  und  ihre  näheren  Verhältnisse  genauere  Unterlagen 
wie  bisher  gewinnt.  Man  muss  sich  aber  auch  darüber  klar  sein,  dass 
einer  richtigen  Durchführung  der  Meldepflicht  mannigfache  praktische 
Schwierigkeiten  im  Wege  stehen.  Jedenfalls  wird  die  Meldepflicht 
für  die  nächste  Zeit  nach  Inkrafttreten  eines  Reichsgesetzes  medi- 
zinalstatistisch  nur  annähernde  Wirklichkeitsbilder  ergeben,  hat  nian 
doch  bislang  mit  der  bestehenden  sehr  begrenzten  Meldepflicht  in  den 
einzelnen  Ländern  nur  recht  bescheidene  Erfolge  erzielt. 

Ob  die  geplante  reichsgesetzliche  Bekämpfung  der  Tuberkulose 
ihren  Zweck  in  weitem  Umfang  erfüllen  kann,  wird  in  erster  Linie 
davon  abhängig  sein,  ob  die  zur  Durchführung  nötigen  Mittel  beschaut 
werden  können.  Hiergegen  dürften  bei  der  jetzigen  Lage  Deutsch¬ 
lands  sehr  erhebliche  Bedenken  bestehen. 

Die  ältesten  Einrichtungen  gegen  die  Tuberkulose  sind  die  Heil¬ 
stätten.  Der  ursprüngliche  Zweck  der  Heilstätten  war  —  und  an  ihm 
wird  auch  heute  noch  festgehalten  — ,  durch  Heilbehandlung  den  Ein- 
tritt  der  Invalidität  zu  verhüten  oder  hinauszuschieben,  den  Tuber¬ 
kulosekranken  wieder  erwerbsfähig  zu  machen  und  möglichst  lange 
erwerbsfähig  zu  erhalten.  Sie  sollten  als  therapeutische  Massnahmen 
im  Rahmen  der  Kranken-  und  Invaliditätsversicherung  dienen.  Erst 
später  erblickte  man  in  den  Heilstätten  auch  eine  Massnahme  zur 
Tuberkulosebekämpfung.  Wie  weit  die  Heilstätten  ihre  ursprüngliche 
Aufgabe  erfüllen,  soll  an  dieser  Stelle  unerörtert  bleiben.  Es  soll  nur 
untersucht  werden,  wieweit  die  Heilstätten  für  die  eigentliche  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  in  Frage  kommen.  Durch  die  Isolierung  der  Kranken 
in  den  Heilstätten  wird  für  diese  Zeit  die  von  ihnen  ausgehende  In¬ 
fektionsgefahr  für  ihre  Umgebung  ausgeschaltet.  Der  Heilste ttenauf- 
cnthalt  trägt,  wenn  er  auch  verhältnismässig  nur  kurz  ist,  stets  etwas 


zu  einer  Ansteckungsverringerung  bei.  Weiterhin  kommt  für  die 
berkulosebekämpfung  in  Frage,  dass  bei  einer  Anzahl  von  hallen  d 
die  Heilstättenbehandlung  eine  Besserung  und  damit  oit  auch  das 
hören  der  Bazillenausscheidung  herbeigeführt  wird,  dass  bei  e 
anderen  Teil  durch  die  Heilstättenbehandlung  eine  JBazillenausscbei 
überhaupt  verhütet  wird.  Der  erzieherische  Einfluss,  den  die  Heils 
auf  ihre  Insassen  in  Bezug  auf  gesundheitliche  Lebensführung,  ric 
Beseitigung  des  Auswurfes  usw.  ausübt,  ist  wertvoll,  er 
meist  nur  bei  einsichtsvollen  und  gewissenhaften  Patienten  vo^S 
haltiger  Wirkung  sein.  So  lange  die  Heilstätten  nur  besserungst; 
Patienten  für  beschränkte  Zeit  aufnehmen  können,  ist  ihr  YB 
engeren  Rühmen  der  li^berkulosebckämpiung  beschränkt.  HB 
Tuberkulosebekämpfung  würden  sie  dagegen  von  höchster  Bedet 
werden,  wenn  sie  auch  nichtbesserungsfähige  oder  erst  durch  lai 
Behandlungsdauer  beeinflussbare  Kranke  für  viele  Monate  aufnel 
könnten.  Dem  steht  aber' die  bisherige  gesetzliche  Regelung  ube 
Heilstättenaufnahme  entgegen.  Die  Erfüllung  dieser  Aufgabe  n 
weiterhin  die  unzureichende  Bettenzahl  unmöglich,  deren  Hohe  1 
den  ursprünglichen  Anforderungen  genügt  und  deren  Umfang  in 
heutigen  Zeit  nicht  wesentlich  erhöht  werden  kann.  Schhesshc 
geben  sich  noch  Schwierigkeiten  bei  der  Kostendeckung  für  die 
pflegung  Schwertuberkulöser.  Die  angeführten  Schwierigkeiten  m: 
cs  zweifelhaft,  ob  es  praktisch  durchführbar  und  wirtschaftlich 
ist,  die  Heilstätten  in  diesem  Sinne  zu  verwerten.  Man  Wird 
wohl  zunächst  darauf  beschränken  müssen,  die  Heilstätten  ihrei 
sprünglichen  Heilaufgaben  zu  erhalten  und  sie  diesen  Bedürfnissen 
sprechend  zu  erweitern.  Bei  den  ungeheuren  Kosten  für  Neubat 
Betrieb  ist  man  gezwungen,  den  Kreis  ihrer  Aufnahmen  auf  ausge 
teste  Fälle  zu  beschränken.  Die  Heilstätten  werden  vielfach  be 
durch  ungeeignete  Fälle  und  Nichttuberkulöse;  eine  strengere 
tung.  die  vornehmlich  durch  eigene  Beobachtungsstationen  en 
könnte,  ist  eine  Notwendigkeit.  Eine  Musterstation  wurde  z.  B.  i 
die  Landesversicherungsanstalt  Mittelfranken  in  Nürnberg  eingen 
Unter  dem  Gesichtspunkt  der  Tuberkulosebekämpfung  wird  der  rl 
zweck  der  Heilstätte  darin  gesehen,  Bazillenausscheider  tempor; 
isolieren,  besserungsfähige  Tuberkulöse  nicht  zu  offenen  Tuberku 
werden  zu  lassen  und  bei  offenen  Tuberkulösen  die  Bazillenaus! 
düng  zu  beseitigen.  Es  liegt  aus  diesem  Grunde  auch  die  Lord' 
aller  Heilstätten,  die  sich  der  kindlichen  Tuberkulose  annehmei 
grössten  Interesse  der  Tuberkulosebekämpfung. 

Die  Isolierung  möglichst  zahlreicher  Bazillenausscheider  auf 
Zeiträume  ist  die  wichtigste  Frage,  deren  Lösung  die  Tuberkulc 
kämpfung  entscheidend  beeinflussen  wird.  Hier  liegt  der  Hebe 
zu  einer  wirksamen  Tuberkulosebekämpfung  mit  aller  Kraft  angi 
werden  muss.  Es  wurde  schon  oben  darauf  hingewiesen,  dass 
zwangsweise  und  dauernde  Isolierung  aller  Bazillcnausscheide 
einzige  wirklich  durchgreifende  Massnahme,  aus  verschiedenen  Gr 
heute  undurchführbar  ist.  Es  wird  sich  aber  doch  erreichen  1. 
für  längere  Zeiträume  freiwillig  Kranke  zum  Eintritt  in  geschlc 
Anstalten  zu  bewegen.  Eigene  Krankenhäuser  oder  Heime  für  bc 
tuberkulöse  haben  sich  erfahrungsgemäss  nicht  bewährt,  da  in 
das  Volk  nur  Sterbehäuser  sieht  und  deshalb  seine  Angehörigen 
hingibt  oder  länger  belässt.  Zweckentsprechender  sind  Kra 
häuser.  die  alle  Formen  der  Tuberkulose  aufnehmen.  Sie  finde 
schon  in  einzelnen  Städten  und  man  hat  bei  entsprechender  Bee 
sung  durch  den  Arzt  und  die  Fürsorge  erreichen  können,  dass 
ein  grosser  Teil  der  offenen  Tuberkulösen  eintritt  und  ein  sehr  t 
licher  Teil  Tuberkulöser  in  ihnen  stirbt.  Gegen  diese  Kranken! 
bestehen  nur  finanzielle  Bedenken.  Ihr  Bau  und  ihre  Einrichtui 
fordern  erhebliche  Mittel,  die  man  heute  kaum  aufbringen  kann 
Netz  derartiger  Anstalten  über  das  ganze  Land  auszubreiten,  vet 
die  Geldnot.  Es  besteht  dagegen  ein  anderer  gangbarer  Weg,  de 
wenig  beschritten  wird.  Die  Kranken  sollen  in  kleineren  Kn 
häusern,  besonders  in  ländlichen  Gegenden,  in  besonderen  1  uberk 
abteilungen,  die  mit  nur  verhältnismässig  wenig  Mittel  ausgebaui 
den  können,  auf  genommen  werden.  Verschiedentlich  haben  su 
Landesversicherungsanstalten  bei  invaliden  Schwertuberkulösen 
erklärt,  an  Stelle  der  Invalidenrente  die  Pflege  in  einem  Krankl 
treten  zu  lassen.  Wirksam  wird  diese  Ablösung  aber  nur  sein, 
wenigstens  ein  Teil  der  Rente  den  Angehörigen  belassen  wi 
Kranke  sich  nur  zum  Eintritt  in  eine  Anstalt  entschlossen  \v 
wenn  in  dieser  Form  wenigstens  teilweise  Sorge  für  ihre  Larnil 
troffen  wird.  Es  ist  notwendig,  ausreichende  Mittel  zu  beschafft 
auch  Schwertuberkulösen,  die  nicht  Invalidenrentner  sind,  la 
Aufenthalt  in  Krankenhäusern  zu  ermöglichen.  Es  wird  längs; 
erreichen  sein  —  hierfür  sprechen  Erfahrungen  z.  B.  in  Engla 
das  Volk  an  die  Unterbringung  Schwertuberkulöser  in  die  Kr 
häuser  mehr  und  mehr  zu  gewöhnen,  wenn  der  Aufenthalt  aus 
liehen  Mitteln  oder  auf  dem  Versicherungswege  bestritten  wird.  1 
hin  wird  nur  ein  Bruchteil  der  Schwertuberkulösen  aufgenommei 
den  können.  Es  wird  ernstlich  zu  erwägen  sein,  ob  man  nicht 
Fällen,  wo  aus  Mangel  an  Pflege,  aus  Widersetzlichkeit  des  K 
und  Aehnlichem  eine  stark  erhöhte  Ansteckungsgefahr  besteht,  fl 
lieh  eine  Zwangsisolierung  in  Krankenhäusern  durchsetzen  so 
Der  Gedanke,  erwerbsfähige  Tuberkulöse  ln  eigenen  Arbei 
nien  anzusiedeln,  ist  theoretisch  gut  gedacht,  gegen  die  pra; 
Durchführbarkeit  bestehen  aber  sehr  ernsthafte  Bedenken.  Ehe 
der  Gedanke,  Tuberkulöse  mit  ihren  Familien  in  besonderen  n 
unterzubringen,  durchführbar,  es  bestehen  aber  auch  hier  ZI 
ob  auf  die  Dauer  die  Familien  die  bald  als  Tiiberkulosehäuscr  g' 


•z  1 922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


321 


j  eten  Wohnungen  beziehen  werden.  Jedenfalls  wäre  es  nur  bei 
t lrung  sehr  hoher  Mietsbegünstigungen  möglich, 
an  muss  offen  gestehen,  trotz  mannigfacher  Vorschläge  ist  die 
j  der  Isolierung  von  Bazillenausscheidern  praktisch  nicht  gelöst, 
i  iuss  aber  in  Einzelfällen  jeden  gangbaren  Versuch  machen,  dieses 
i  erreichen;  der  Versuch  wird,  richtig  aufgefasst,  gar  nicht  so 
j  gelingen. 

!e  Behandlungsmassnahmen,  die  eine  Abheilung  der  Tuberkulose 
amit  ein  Aufhören  der  Bazillenausscheidung  erzielen  können, 
vom  Standpunkt  der  Tuberkulosebekämpfung  unterstützt  wer- 
Besonders  gilt  dies  für  die  aussichtsvolle  Behandlung  der  kind- 
Tuberkulose.  Sicher  wird  auch  die  Pneumothoraxbehandlung, 
und  Stranlenbehandlung.  die  chirurgische  Behandlung  der  Lun- 
lerkulose  für  die  Tuberkulosebekämpfung  eine  immer  mehr  wach- 
Rolle  spielen.  Ob  und  wieweit  die  immunbiologischen  Methoden 
i  Tuberkulosebekämpfung  von  Bedeutung  werden,  müssen  erst 
e  Erfahrungen  lehren.  Bei  Angesteckten,  Krankheitsbedrohten, 
ehr  leicht  erkrankten  Tuberkulösen  wird  man  durch  körperliche 
;ung  und  geeignete  therapeutische  Massnahmen  sehr  günstige 
j  erzielen  und  hiermit  zur  Tuberkulosebekämpfung  wirksam  bei¬ 
können.  Es  werden  die  schwereren  Erkrankungen  vermieden, 
rd  erreicht,  dass  aus  den  Angesteckten  keine  Bazillenträger 

i. 

er  liegt  auch  die  grosse  Bedeutung  der  Walderholungsstätten, 
wohl  nach  ihrer  Zahl  wie  nach  ihrer  Betriebsart  eines  inten- 
Ausbaues  bedürfen,  der  auch  heute  noch  durchgeführt  werden 
Der  ursprüngliche  Sinn  der  Walderholungsstätten,  nach  dem 
leute  meist  noch  verfahren  wird,  ist.  Krankheitsgefährdete  oder 
tuberkulöse  während  des  Tages  aufzunehmen,  für  die  Nacht 
die  Patienten  in  ihre  Wohnung  zurück.  Sicherlich  ist  der 
rufenthalt  in  den  Walderhglungsstätten  von  Nutzen.  Frische 
intsprechende  Lebensweise  und  gute  Beköstigung  werden  einen 
ünstigen  Einfluss  auf  den-  Körper  im  Sinne  einer  erhöhten  Er- 
ngsresistenz  ausiiben.  Die  Rückkehr  am  Abend  in  oft  sehr  un- 
;e  Wohnungsverhältnisse,  in  die  gewohnte  Umgebung  und  damit 
Sorgen  und  Leiden  des  Alltags  werden  aber  einen  grossen  Teil 
l  Tage  für  die  Gesundheit  Gewonnenen  wieder  zunichte  machen. 
Form  des  Tagesaufenthaltes  erfüllt  die  Walderholungsstätte  ihre 
>en  nur  teilweise.  Sie  kann  als  solche  sehr  zweckmässig  sein 
ärkung  und  Erholung  be  ansteckungsgefährdeten  Kindern.  Immer 
aber  ihr  Erfolg  beschränkt,  wenn  sie  ihre  Insassen  zur  Nacht- 
ix  Familie,  zuriickgibt.  Die  Walderholungsstätten  werden  ihren 
nur  dann  voll  erfüllen  können,  wenn  sie  ihre  Kranken  sowohl 
Nacht  wie  für  den  Tag  aufnehmen  könnten.  Die  finanziellen  Be- 
■  Segen  einen  Nachtbetrieb  der  Walderholungsstätten  dürften 
uheblich  sein,  da  die  laufenden  Betriebskosten  keine  sehr  grosse 
ing  gegenüber  dem  Tagesbetrieb  bedeuten  werden.  Es  kommt 
;  einmalige  Ausgabe  die  Bereitstellung  der  Schlafräume  und  ihrer 
tung  in.  Frage.  Für  den  Vollbetrieb  der  Walderholungsstätten 
s  wichtig  in  die  Wagschale,  dass  viele  Leichtkranke,  die  jetzt 
Stätten  aufgenommen  werden,  mit  gleichem  Erfolge  in  Wald- 
lgsstätten  behandelt  werden  können,  vorausgesetzt,  dass  der 
halt  dauernd  ist.  So  wird  es  möglich,  die  Heilstätten  zu  ent- 
und  hier  mehr  Platz  für  solche  Fälle  zu  schaffen,  die  einer 
:n  Heilstättenkur  bedürfen.  Ein  Heilstättenneubau  ist  heute  fast 
lieh,  die  wesentlich  geringeren  Kosten  für  Errichtung  einer  Wald- 
igsstätte  sind  eher  aufzubringen.  Bestehende  Walderholungs- 
sollen  für  Dauerbetrieb  ausgebaut  werden.  Für  neu  zu  er¬ 
de  Walderholungsstätten  sind  Bau-  und  Betriebspläne  von  vorne- 
aut  Dauerbetrieb  anzulegen.  Da  Walderholungsstätten  mit  Dauer- 
nicht  in  nächster  Nähe  bei  den  Wohnorten  der  Kranken  liegen 
i,  können  sie  auch  der  ländlichen  Bevölkerung  dienen,  fiir  die 
Tagesbetrieb  meist  verschlossen  bleiben.  Walderholungsstätten 
cenbetrieb  können  nur  von  grösseren  Städten  oder  in  dichter  bc- 
en  Gegenden  durch  Interessenverbände  mehrerer  Gemeinden 
-t  werden.  Für  kleine  Städte  und  ländliche  Gegenden  kommt 
>atz  der  Walderholungsstätten  in  der  Form  in  Frage,  dass  man 
-inrichtung  an  kleinere  Krankenhäuser  anlchnt.  Die  Erholungs- 
muss  nicht  immer  im  Walde  liegen,  sie  kann  auch  in  einem 
,  staubfreien  Garten  nahe  bei  oder  in  einer  kleinen  Stadt  ge- 
cin.  Im  Krankenhausgarten  können  die  nötigen  Liegehallen  und 
-'hlafbaracke  errichtet  werden,  eventuell  können  für  das  Ueber- 
1  geeignete  Krankenhausräume  hergerichtet  werden.  Das  Wich¬ 
el  Kostensparende  liegt  darin,  dass  der  Betrieb  der  Erholungs- 
besondeis  der  Küchenbetrieb,  mit  dem  Krankenhausbetrieb  ver- 
wird,  dass  vielleicht  auch  die  Aufsicht  durch  das  Kranken- 
visonal  ausgeiibt  wird.  Wird  das  System  der  Walderholungs¬ 
unter  diesen  Gesichtspunkten  ansgebaut  -  und  dieser  Ausbau 
otz  der  Geldnot  ausgeführt  werden  — ,  so  wird  man  hierdurch 
i .irekte  Tuberkulosebekämpfung  bei  Krankheitsgefährdeten  und 
- ’apeutische  Beeinflussung  früher  Tnberkulosefälie  sehr  wesent- 
fdem. 

I'uptauigabe  der  Fürsorgestelleu  wird  es  sein,  die  Kranken,  Krank- 
jund  Ansteckungsgefährdeten  zu  erfassen,  Erkrankungen  bzw. 
Kung.  festzustellen,  den  Einzelnen  je  nach  Bedürfnis  den  besteh- 
'  Einrichtungen  zuzuführen  und  durch  Heimfürsorge  in  der  Fa- 
Ansteckungsgefahr  möglichst  herunterzudrücken.  Die  Für- 
-  eile  erfüllt  einmal  rein  ärztliche  Aufgaben.  Als  solche  dient  sie 
-r  Linie  der  Diagnose  der  Krankheit  und  ihres  Stadiums.  Dass 


in  der  Fürsorgestelle  eigentliche  Behandlung  getrieben  wird,  dürfte 
abzulehnen  sein.  Vom  Standpunkt  der  Tuberkulosebekämpfung  er¬ 
scheint  es  nötig,  in  einer  Fürsorgestelle  das  Hauptgewicht  auf  die 
eigentliche  Fürsorgearbeit  zu  legen,  unter  der  die  Heimfürsorge  weit¬ 
aus  an  erster  Stelle  steht.  Die  Heimfürsorge  soll  einmal  die  In¬ 
fektionsgefahr  vermindern,  indem  der  Kranke  zu  hygienischer  Lebens¬ 
weise,  zu  richtiger  Behandlung  seines  Auswurfes  angehalten  wird.  Die 
.Heimfürsorge  wird  prüfen,  wie  eine  Isolierung  des  Kranken,  wie  die 
Trennung  von  infektionsgefährdeten  Familienmitgliedern,  besonders 
von  Kindern  erfolgen  kann,  sie  wird  geeignete  Unterbringungsmöglich¬ 
keit  suchen  und  durch  taktvolle  Ueberredung  die  Kranken  und  ihre 
Angehörigen  zu  einer  entsprechenden  Isolierung  bewegen.  Die  Heim¬ 
fürsorge  wird  die  Wohnungspflege  verbessern  und  die  Familie  des 
Tuberkulösen  zur  Reinlichkeit  und  zu  gesundheitlicher  Lebensführung 
erziehen.  Sie  wird  Winke  geben,  wie  die  Lebenshaltung,  die  Ernäh¬ 
rung  verbessert  werden  kann.  Das  grosse  Gebiet  der  vielseitigen, 
kleinen  Massnahmen  der  indirekten  Tuberkulosebekämpfung  ist  das 
eigenste  Gebiet  der  Heimfürsorge.  Will  diese  Arbeit  Erfolg  sehen,  so 
muss  sie  von  geeigneten  Arbeitern  ausgeführt  werden;  hierfür  werden 
wohl  nur  weibliche  Fürsorgepersonen  in  Frage  kommen,  bei  denen 
ein  praktischer  Blick  .für  die  Lebensverhältnisse,  die  Gabe,  das  Zu¬ 
trauen  des  Befiirsorgten  zu  gewinnen  und  ein  menschliches  Mitgefühl 
ebenso  erforderlich  sind  wie  ein  entsprechendes  hygienisches  und  für¬ 
sorgerisches  Wissen.  Der  . Erfolg  der  Heimfürsorge  ist  in  höchstem 
Masse  von  der  Persönlichkeit  und  Eignung  der  Fürsorgerin  abhängig. 

Der  Ausbau  der  Fürsorgestellen  wird  sich  in  erster  Linie  in  der 
Richtung  der  Heimfürsorge  zu  bewegen  haben.  Jede  Fürsorgestelle 
soll  mindestens  über  eine  Fürsorgerin  verfügen,  die  mit  Vorteil  gleich¬ 
zeitig  auch  auf  anderen  Gebieten  der  Gesundheitsfürsorge  tätig  sein 
kann.  Eine  Fürsorgestelle,  die  keine  Fürsorgerin  für  Hausbesuche  hat, 
ist  unfertiges  Stückwerk,  das  seinen  Hauptzweck  nicht  erfüllt.  Der 
Ausbau  der  Fürsorgestellen  in  der  ärztlichen  Richtung  muss  einmal 
in  der  Weise  geschehen,  dass  nur  Fürsorgeärzte  mit  guten  spezia- 
listischen  Kenntnissen  verwandt  werden,  dass  andererseits  bei  kleinen 
Fürsorgestellen  Anschluss  an  Krankenhäuser  mit  Röntgeneinrichtung 
gesucht  wird,  da  Röntgenuntersuchung  für  die  Tuberkulosediagnose 
unbedingt  nötig  ist,  heute  aber  eigene  Röntgenapparate  nur  von  den 
grössten  Fürsorgestellen  beschafft  werden  können.  Sehr  nötig  ist  es, 
dass  auch  unter  den  praktischen  Aerzten  das  oft  fehlende  Verständnis 
für  die  Tuberkulosefürsorge  geweckt  wird,  dass  die  Fürsorgestelle 
in  engster  Weise  mit  den  praktischen  Aerzten  zusammenarbeitet  und 
ihr  Vertrauen  besitzt,  nur  dann  wird  es  möglich  sein,  die  Tuber¬ 
kulösen  weitgehendst  zu  erfassen  und  in  Fürsorge  zu  nehmen. 

Zur  indirekten  Tuberkulosebekämpfung  gehört  schliesslich  noch 
die  Volksbelehrung  über  Wesen  und  Verhütung  der  Tuberkulose.  Das 
Wissen  des  Volkes  ist  auf  diesem  Gebiete  sehr  mangelhaft.  Man  kann 
durch  Vorträge,  Belehrungsfilme,  Presseaufsätze,  Merkblätter  usw.  die 
Erwachsenen  auf  die  Gefahren  hinweisen  und  wird  bei  systematischer 
Belehrung  langsam  erreichen,  dass  das  Wissen  in  die  Masse  dringt  und 
wenigstens  von  dem  einsichtigeren  Teil  der  Bevölkerung  auch  an¬ 
gewandt  wird.  Recht  wichtig  erscheint  es,  diese  Volksbelehrung  schon 
in  der  Schule  einsetzen  zu  lassen.  Gesundheitliche  Volksbelehrung 
muss  mehr  wie  bisher  in  den  Unterrichtsstoff  der  Schule  eingefügt  wer¬ 
den;  In  dieser  Richtung  müssen  neben  dem  Arzt  Lehrer  und  Geistliche 
auf  das  Volk  einwirken.  Es  muss.  Volksanschauung  werden,  dass  die 
Tuberkulose  eine  heilbare  und  vermeidbare  Krankheit  ist.  dass  jeder 
Fall  möglichst  frühzeitig  dem1  Arzt  und  der  Fürsorge  zuzuführen  ist. 

Das  Arbeitsprogramm  der  Tuberkulosefürsorge  ist  sehr  gross,  seine 
richtige  .Durchführung  ist  abhängig  von  dem  speziell  medizinischen  und 
dem  sozialhygienischen  Wissen  und  Verständnis,  der  Organisationsgabe, 
der  Energie  und  Hingabe  des  Arztes,  der  die  Tuberkulosebekämpfung, 
an  erster  Stelle  betreiben  soll  und  ihre  Leitung  in  der  Hand  behalten 
muss,  von  dem  Verständnis  der  Behörden,  die  diese  Arbeit  unter¬ 
stützen  sollen,  vom  Zutrauen,  vom  guten  Willen  und  von  der  Einsicht 
der  Befiirsorgten  und  schliesslich  vom  Ausschlaggebendsten,  den  nötigen 
Mitteln.  Flieran  fehlt  es  und  wird  es  voraussichtlich  in  der  nächsten 
Zukunft  stark  mangeln.  Das  Reich  und  die  Länder  werden  die  vollen 
Kosten  der  Tuberkulosebekämpfung  nicht  aufbringen  können.  Die 
kommunalen  Mittel  sind  unter  der  heutigen  Steuergesetzgebung  stark 
beschränkt.  Bei  den  steigenden  Kosten  für  anderweitige,  oft  weniger 
wichtige  kommunale  Aufgaben  kommt  die  Tuberkulosebekämpfung  ge¬ 
wöhnlich  zu  kurz.  Die  freiwillige  Hilfstätigkeit  kann  nicht  mehr  in 
dem  Masse  Mittel  zur  Verfügung  stellen,  wie  es  in  vergangenen,  besse¬ 
ren  Zeiten  möglich  war.  Man  muss  sinnen,  wie  die  wenigen  Mittel 
am  besten  ausgenützt,  wie  sie  etwa  gesteigert  werden  können.  Jede 
Verzettelung  der  Mittel  muss  streng  verhütet  werden.  Ueberall.  wo 
es  durchgeführt  werden  kann,  müssen  die  in  Betracht  kommenden  Geld¬ 
geber  zu  Interessengemeinschaften  zusammengefasst  werden;  die  ein¬ 
zelnen,  an. sich  unzureichenden  Mittel  müssen  zusammengeworfen  wer¬ 
den,  um  in  ihrer  Gesamtheit  wirkungsvoll  zu  werden.  Landesver- 
si.cherungsanstalten  und  Krankenkassen  müssen  noch  weit  mehr  wie 
bisher  einen  Teil  ihrer  Mittel  für  die  Tuberkulosebekämpfung  bereit¬ 
stellen,  entlasten  sie  doch  hierdurch  auch  die  für  ihre  Pflichtleistungen 
aufzubringenden  Kosten.  Organisationen,  die  sich  zu  wirtschaftlichen 
oder  anderen  Zwecken  zusammengeschlossen  haben,  sollen  ebenfalls 
einen  Teil  ihrer  Einnahmen  der  Tuberkulosebekämpfung  bei  ihren  Mit¬ 
gliedern  zukommen  lassen.  Vornehmlich  sollen  hieran  die  Organisatio¬ 
nen  des  nichtversicherten  Mittelstandes  denken,  der  heute  materiell 
am  schwersten  durch  die  1  uberkuloseerkrankungen  seiner  Angehörigen 


3  22 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N; 


betroffen  wird.  Ein  Teil  der  Gewinne  aus  öffentlichen  und  indu¬ 
striellen  Unternehmungen  sollte  der  Tuberkulosebekämpfung  zufliessen. 
Derartige  Mittel  können  durch  die  Tätigkeit  einer  Zentralstelle  nur 
beschränkt  erschlossen  werden,  es  gibt  manche  ergiebige  Quellen  lo¬ 
kaler  Natur,  die  durch  persönliche  Beeinflussung,  z.  B.  durch  den  Leiter 
einer  Tuberkulosefürsorgestelle  mit  Geschick  und  Geduld  auch  heute 
noch  gar  nicht  so  selten  eröffnet  werden  können.  Alle  lokalen 
Fürsorgeeinrichtungen  müssen  sich  der  Mühe  unterziehen,  derartige 
Stellen  aufzufinden  und  für  die  Tuberkulosebekämpfung  zu  gewinnen. 
Durch  diese  wichtige  Kleinarbeit  werden  sich  die  pekuniären  Hilfs¬ 
mittel  auch  jetzt  noch  nicht  unwesentlich  vermehren  lassen. 

Hierzu  kommt  eine  bessere  haushälterische  Verwendung  der  Mit¬ 
tel.  sie  dürfen  nicht  einseitig  oder  in  oft  gegensätzlicher  Nebeneinander¬ 
arbeit  ausgegeben  werden.  Jede  Fürsorgeeinrichtung  soll  ihren  Haus¬ 
haltplan  aufstellen  und  hierbei  überlegen,  wie  durch  Einsparung  un¬ 
nötiger  Ausgaben  ihre  Mittel  für  das  unbedingt  Nötige  vermehrt  wer¬ 
den  können.  Bei  jedem  einzelnen  Fürsorgefall  muss  kritisch  geprüft 
werden:  welche  Massnahmen  versprechen  bei  geringstem  Mittelauf¬ 
wand  den  besten  Erfolg?  Wenn  unter  derartigen  Gesichtspunkten  ge¬ 
arbeitet  wird,  so  wird  sich  trotz  der  Geldarmut  die  Fürsorge  am  Leben 
erhalten  können.  Die  Fürsorgestellen  werden  den  Kampf  um  ihre 
Kostendeckung  am  ehesten  durchführen  können.  Viel  schwerer  ist 
dieser  Kampf  bei  Anstalten  und  ähnlichen  Einrichtungen.  Bei  manchen 
Anstalten  besteht  die  Befürchtung,  dass  es  aussichtslos  ist,  dass  die 
Anstalten  zu  einer  Schliessung  gezwungen  werden.  In  diesen  Fällen 
wird  man  schlechtere  Anstalten,  die  ihren  Aufgaben  nur  unvollkom¬ 
men  genügen,  rechtzeitig  aufgeben,  wenn  hierdurch  die  Erhaltung  guter 
Einrichtungen  gesichert  wird.  Neueinrichtungen  dürfen  nur  mit  gröss¬ 
ter  Vorsicht  geschaffen  werden,  wenn  die  materiellen  Voraussetzungen 
vorhanden  sind,  dass  der  Betrieb  wirklich  durchgeführt  werden  kann. 
Sonst  bedeuten  Neueinrichtungen  nur  Mittelverzettelung  zum  Schaden 
des  Bestehenden. 

Wer  soll  den  Kampf  gegen  die  Tuberkulose  führen?  In  erster 
Linie  der  Arzt,  der  aber  über  entsprechende  Vorbildung  und  Eignung 
verfügen  muss.  Da  die  Tuberkulosebekämpfung  mit  den  verschiedenen 
anderen  Massnahmen  zur  Gesundheitspflege  und  Fürsorge  eng  ver¬ 
knüpft  ist,  soll  sich  ihrer  der  Amtsarzt,  besonders  in  ländlichen  Ge¬ 
genden,  annehmen.  In  Gichter  bevölkerten  Gegenden  und  in  Städten 
wird  er  sich  die  Aufsicht  erhalten,  die  praktische  Einzelarbeit  aber 
eigenen  Tuberkulosefürsorgeärzten  überlassen  müssen,  die  je  nach  den 
Verhältnissen  diese  Arbeit  haupt-  oder  nebenamtlich  versehen.  Neben 
dem  Arzt  sind  für  die  eigentliche  Fürsorge  Fürsorgerinnen  nötig,  die 
eine  gute  Ausbildung  in  der  Tuberkulosefürsorge  erhalten  müssen. 
Grössere  Städte  werden  vielleicht  eigene  Tuberkulosefürsorgerinnen 
anstellen.  In  kleineren  Städten  und  auf  dem  Lande  soll  die  Tuber¬ 
kulosefürsorge  von  Bezirksfürsorgerinnen  neben  ihrer  anderen  Fürsorge¬ 
arbeit  übernommen  werden.  Es  muss  aber  Vorsorge  getroffen  werden, 
dass  von  ihnen  die  Tuberkulosefürsorge  auch  richtig  durchgeführt  wird 
und  nicht  aus  Arbeitsüberhäufung  oder  besonderer  Vorliebe  für  andere 
Fürsorgezweige  vernachlässigt  wird. 

Der  individuelle  Charakter  der  Tuberkulosefürsorge  erlaubt  kein 
schematisches  Arbeiten.  Sie  kann  daher  nicht  durch  eine  Zentral¬ 
stelle  nach  einheitlichen  strengen  Normen  organisiert  und  geleitet 
werden.  Der  Fürsorgetätigkeit  muss  den  lokalen  Verhältnissen  Ent¬ 
sprechend  freier  Spielraum  gelassen  werden.  Anderseits  ist  es  aber 
notwendig,  dass  die  Fürsorge,  so  weit  es  geht,  nach  einheitlichen  Grund¬ 
sätzen  arbeitet.  Eine  Zentralstelle  muss  daher  vorhanden  sein,  die 
Leitlinien  gibt,  Auskünfte  erteilt,  bei  der  Geldverteilung  aus  öffentlichen 
Mitteln  mitspricht  und  wissenschaftlich  die  Tuberkulosebekämpfung 
fördert.  Hierfür  haben  sich  die  aus  ärztlichen  Fachvertretern  und 
Vertretern  des  Staates  lose  gebildeten  Landesverbände  zur  Bekämpfung 
der  Tuberkulose  als  sehr  zweckmässig  erwiesen.  Sie  werden  den 
genannten  Aufgaben  einer  Zentralstelle  gerecht  und  vermeiden  dabei 
die  üblen  Folgen,  die  sich  aus  einer  zu  intensiven  Zentralisierung  wo¬ 
möglich  unter  straffen  gesetzlichen  Vorschriften  ergeben. 

Das  Grundgerüst  für  die  Tuberkulosebekämpfung  ist  aufgerichtet. 
In  ihren  einzelnen  Teilen  ist  sie  schon  mehr  oder  minder  ausgebaut. 
Der  Plan  des  Gebäudes  ist,  so  weit  es  der  heutige  Stand  der  Wissen¬ 
schaft  ermöglicht,  fertig.  Der  völlige  Ausbau  wird  noch  lange  Zeit 
erfordern,  es  wird  wie  bei  vielen  anderen  Bauten  hauptsächlich  davon 
abhängen.  ob  sich  zu  seiner  Fertigstellung  die  nötigen  Mittel  finden 
werden.  Wenn  der  jetzige  Plan  der  Tuberkulosebekämpfung  auch,  rein 
theoretisch  gedacht  lückenhaft  und  angreifbar  ist  so  muss  man  doch 
stets  berücksichtigen,  dass  seine  Durchführung  zu  eng  und  zu  vielfach 
mit  dem  praktischen  Leben  in  Verbindung  steht,  dass  man  wie  im 
Leben  immer  auch  hier  Kompromisse  schliessen  muss,  freilich  nur  unter 
der  Voraussetzung,  dass  man  mit  den  gemachten  Konzessionen  seinem 
Ziel  am  nächsten  kommt  und  jederzeit  Gutes  durch  Besseres  ersetzt. 
Was  die  Zukunft,  vor  allem  dje  wissenschaftliche  Vorarbeit,  der  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  an  Fortschritten  und  neuen  Aufgaben  bringen  wird, 
ist  noch  unsicher.  Der  gemachte  Anfang  ist  aber  gut  und  entwicklungs¬ 
fähig.  Man  wird  unentwegt  an  ihm  Weiterarbeiten,  wenn  auch  die  reife 
Frucht  der  Arbeit,  die  völlige  Ausrottung  der  Tuberkulose,  vielleicht 
erst  in  Jahrhunderten,  vielleicht  auch  nie  geerntet  werden  kann. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Prof.  Dr.  Gustav  Hegi:  Illustrierte  Flora  von  Mitteleuropa 
besonderer  Berücksichtigung  von  Deutschland,  Oesterreich  und 

Schweiz.  IV.  Band,  zweite  Hälfte.  München,  J.  F.  L  e  h  m  a  n  n. 

Schon  mehrfach  wurde  auf  das  grosse,  prachtvoll  illustrierte 
wissenschaftlich  die  höchsten  Ansprüche  befriedigende  Werk  in  di 
Wochenschrift  hingewiesen.  Es  ist  durch  die  Ungunst  der  Kriegs- 
Nachkriegsverhältnisse  immer  noch  nicht  zum  vollen  Abschluss  gebr 
aber  weit  gefördert  und  seit  einiger  Zeit  darf  man  hoffen,  dass  es 
wieder  rasch  vorwärts  geht. 

5  starke  Quartbände  (je  5—600  Seiten)  sind  jetzt  vollstä 
1,  2,  3  behandeln  die  Gefässkryptogamen,  Gymnospermen,  M 
cotyledonen,  3  und  4  die  Choripetalen,  welche  der  eben  begon 
Band  4  (2)  und  5  zu  Ende  bringen  wird.  Band  6  (1)  den  ersten 
der  Sympetalen  vorführend,  ist  ebenfalls  vollständig.  Band  6  (2) 
deren  2.  Teil,  darin  die  Hauptmenge  der  Kompositen,  bringen. 

Die  Arbeit  ist  so  gross  angelegt  und  durchgeführt,  dass  Hegi 
nach  Mitarbeitern  umsehen  musste;  so  sind  die  Sympetalen 
H  a  j  e  k  bearbeitet,  während  an  den  Choripetalen  Prof.  R 
Keller,  Dr.  Josias  Braun-Blanquet,  Dr.  Gams  und 
Schmid  und  andere  grössere  oder  kleinere  Abschnitte  bearb' 
Der  Charakter  des  Buches  ist  dabei  aber  ein  durchaus  einheiti 
geblieben.  Hegi  hat  selbst  viele  Zusätze  beigesteuert.  Neben 
wildwachsenden  Pflanzen  des  grossen  Gebietes  sind  sehr  zahlr 
Einschleppungen  und  bekanntere  Kultur-  und  Gartenpflanzen  anh, 
weise  behandelt,  natürlich  nicht  mitnumeriert  und  nur  gelegentli 
schwarzen  Ergänzungsbildern  vorgeführt.  Ja  durch  kurze  Exkurs 
es  gelungen,  stets  die  mitteleuropäische  Flora  im  Rahmen  der  ' 
flora  zu  zeigen.  Neben  der  Morphologie  und  Systematik  k< 
Pflanzengeographie  und  -biologie  sehr  vielseitig  und  interessan 
Wort.  Viele  Literaturangaben  gestatten  über  kritische  Fragen  n 
Quellen  zu  benützen.  In  gleicher  Liebe  wie  früher  sind  die  lateini; 
Namen  erklärt,  insbesondere  aber  von  Dr.  M  a  r  z  e  1 1  die  mannigf; 
deutschen  Namen  gesammelt  und  erläutert.  Nutzen  und  Schade 
Pflanzen,  chemische  Bestandteile,  kurz,  was  man  nur  wissen  wi 
zu  finden. 

Der  Bilderschmuck  in  Farbtafeln,  schwarzen  Ergänzungsbilden 
photographischen  Aufnahmen  und  das  Papier  ist  gleich  gut  und 
wie  früher.  Und  was  die  Hauptsache  ist  —  man  kann  mit  dem  I 
praktisch  gut  arbeiten,  sorgsame  Bestimmungstafeln  lassen  au 
schwierigen  Gattungen  die  Arten  sicher  ermitteln. 

Das  prächtige  Werk  bringt  also  dem  Liebhaber  wie  dem  Bota 
dem  Anfänger  wie  dem  Vorgerückten  reiche  Belehrung  und  sol 
keiner  Bibliothek  fehlen.  Mir  ist  es  ein  sehr  oft  und  gern  ben 
zuverlässiger  Freund  geworden. 

Den  Autor,  seine  Mitarbeiter  und  den  Verlag,  die  trotz 
Schwierigkeiten  das  Werk  mit  zäher  deutscher  Ausdauer  weiter? 
haben,  darf  man  zu  dem  bisher  Geleisteten  aufs'  wärmste  be: 
wünschen.  K.  B.  Lehma 

H.  K.  Corning:  Lehrbuch  der  Entwicklungsgeschichte  des 

sehen.  Mit  672.  davon  105  farbigen  Abbildungen.  1921.  Bergm 
München. 

Corning  stellt  in  seinem  neuen  Lehrbuch  die  Entwicklun 
Menschen  in  den  Mittelpunkt  der  Darstellung  und  kommt  damit 
einem  nicht  unberechtigten  Wunsche  unserer  heutigen  Medizine 
gegen.  Im  Gegensatz  zu  anderen  Werken  wird  daher  die  vergleic 
Embryologie  der  früheren  Entwicklungsperioden,  wie  Furchung.  B 
der  Keimblätter  usw.  in  möglichster  Kürze  gegeben.  Durch  Eint 
in  zahlreiche  kleinere  Abschnitte  wird  die  Uebersicht  für  den  An 
nach  Möglichkeit  erleichtert.  Eingestreute  Kapitel  allgemeinen 
haltes,  wie  z.  B.  über  den  Wert  der  einzelnen  Furchungszellen 
die  Gastrulationstheorie,  über  Plazentarbildungen,  über  das  Exkn 
System,  über  Hermaphroditismus  usw.  erwecken  in  trefflicher  und 
fasslicher  Weise  bei  dem  Studierenden  das  Interesse  an  der  En 
lungslehre  und  bringen  ihm  ihre  Bedeutung  zum  Bewusstsein.  N 
der  Wahl  des  Zeichners  war  Corning  weniger  glücklich.  Die  A 
düng  der  in  der  Heraldik  zur  Versinnbildlichung  der  Farbe  gebräucl 
Strichmanier  auf  mikroskopische  Zeichnungen  ist  wenig  nachaf 
wert.  Auch  den  plastischen  Zeichnungen  würde  man  öfters  gern 
mehr  künstlerisches  Empfinden  wünschen.  Worunter  der  wissen 
liehe  und  didaktische  Wert  ja  nicht  zu  leiden  braucht.  Manche 
mata,  wie  das  nach  Bryce  (Fig.  5)  zur  Veranschaulichung  der  Sp 
histogenese.  wären  bei  der  2.  Auflage  besser  durch  neuere  zu  er: 
wobei  im  Text  auch  die  doch  völlig  gesicherte  Beteiligung  der 
somen  am  Aufbau  des  Spermiums  u.  a.  erwähnt  werden  könnte, 
sonst  müsste  der  eine  oder  der  andere  Abschnitt,  wie  z.  B.  de 
die  Entwicklung  der  Lunge,  in  Hinblick  auf  neuere  Ergebnisse 
umgearbeitet  werden.  Diese  Wünsche  sollen  jedoch  nicht  hinde 
Corningsche  Werk  zur  Einführung  in  die  Entwicklungslehr 
wärmste  zu  empfehlen.  B.  R  o  m  e  i  s  -  Mün<| 

H.  Helfe  rieh:  Atlas  und  Grundriss  der  traumatischen  Fr: 
und  Luxationen.  Mit  64  farbigen  und  16  schwarzen  Tafeln.: 
427  Figuren  im  Text.  10.  Auflage.  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Mi 
Preis  100  M.  'J 

Das  bei  allen  bisherigen  Auflagen  erstrebte  Ziel  des  Verl 
das  Buch  auf  der  Höhe  der  Zeit  zu  erhalten,  tritt  auch  diesmal  wi' 
deutlich  zutage. 


:  März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


323 


Sowohl  im  allgemeinen,  wie  im  speziellen  Teile  haben  alle  Er- 
1  ,  rangen  der  letzten  Zeit  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Be- 
rfnisse  des  praktischen  Arztes  Verwertung  gefunden;  so  in  ersterem 
I  besondere  die  neuen  Formen  der  Behandlung  mit  Dauerzug;  aber 
;  ;h  im  zweiten  Teile  sind  viele  Abschnitte  umgearbeitet  und  ergänzt. 
:  Tafeln  und  Textbilder  sind  wesentlich  vermehrt  und  namentlich 
truktive  Röntgenaufnahmen  in  reichlicher  Anzahl  eingefügt.  Papier, 
ick  und  Ausstattung  sind  trotz  der  Not  der  Zeit  vorzüglich. 

So  erfüllt  das  Buch  auch  in  seiner  jetzigen  Auflage  den  Wunsch 
; ,  Verfassers,  „es  möge  den  Studierenden  die  Einführung  in  das  wich- 
2  Gebiet  der  Frakturen  und  Luxationen  erleichtern  und  Aerzten  ein 
-uchbarer  Führer  sein“,  vollauf. 

Es  dürfte  wohl  kaum  lange  dauern,  so  wird  dieser  zehnten  eine  neue 
ulage  folgen;  denn  „der  Helferich“  soll  sich  im  Besitze  eines  jeden 
dizinstudierenden  befinden  und  muss  in  jeder  Handbibliothek  eines 
iktischen  Arztes,  auch  in  der  bescheidensten,  vorhanden  sein.  KI. 

H.  Brüning:  Kurzgefasstes  Lehrbuch  der  Untersuchung  am  Kran- 

abette  des  Kindes.  F.  Enkes  Verlag.,  Stuttgart.  1921.  312  S. 

Mit  der  Veröffentlichung  dieses  Buches  sollte  einem  Mangel  ab- 
lolfen  werden,  den  der  Autor,  wie  er  im  Vorwort  sagt,  schon  seit  Be¬ 
tt  seiner  pädiatrischen  Tätigkeit  stets  empfunden  hat.  indem  „der 
iderheilkunde,  im  Gegensatz  zu  den  meisten  übrigen  medizinischen 
jzialfächern,  ein  besonderes  Lehrbuch  der  Untersuchung  am  Kran- 
lbett  fehlt“.  Freilich  hat  es  sich  nicht  vermeiden  lassen,  „dass 
nche  Dinge*  welche  in  ähnlichen  Werken,  insbesondere  der  inneren 
dizin  und  der  speziellen  klinischen  Diagnostik  geschildert  werden. 
:h  in  dem  vorliegenden  Buch  sich  wiederfinden“.  Immerhin  war  B. 
niiht,  „die  letzteren  möglichst  kurz  zu  fassen,  das  rein  Kinderärzt- 
le  schärfer  herauszuheben  und  vor  allem  auch  durch  kurze  klinisch- 
gnostische  Abschnitte  zu  vervollständigen“.  Morn 

Emmerich  und  Hage:  Winke  für  die  Entnahme  und  Einsendung 
l  Material  zur  bakteriologischen,  serologischen  und  histologischen 
tersuchung.  Ein  Hilfsbuch  für  die  Praxis.  Springer,  Berlin  1921. 
(ns:  9  M. 

Das  kleine  Heftchen  von  45  -^Seiten  beantwortet  kurz  und 
ndlich  wohl  so  ziemlich  alle  Fragen,  die  im  Verkehr  zwischen  ern¬ 
tendem  Arzt  und  Untersuchungsstelle  auftauchen  können.  Es  weist 
j  die  Fehler  hin,  die  erfahrungsgemäss  häufig  bei  der  Einsendung 

Inacht  werden  und  bespricht,  wie  man  es  dabei  nicht  machen  soll, 
r  Vorzug  des  Hilfsbuches  ist,  dass  es  nicht  einseitig  vom  Standpunkt 
Seuchenbekämpfung  beschrieben  ist,  sondern,  dass  es  auch,  histo- 
ische  Untersuchungen,  mehr  klinische  Verfahren  (Opsonischer  Index, 
.ierhaldenreaktion).  gerichtlich-medizinische  Untersuchungen  (Blin¬ 
ken.  Spermanachweis)  usw.  berücksichtigt.  Tn  der  Einleitung  wird 
Recht  darauf  hingewiesen,  dass  manche  einsendenden  Aerzte  die 
:teriologische  Untersuchung  überschätzen  und  andere  Aerzte  sic 
erschätzen  und  dass  beide  Auffassungen  auf  Unkenntnis  beruhen, 
u  hilft  die  Benutzung  dieses  Hilfsbüchleins  sicherlich  ab.  Es  wäre 
wünschen,  dass  es  Verbreitung  fände.  Leider  wird  es  aber  denen 
it  helfen  können,  die  durch  Halbwissen  auf  diesen  Sondergebieten 
i  zu  falscher  Kritik  und:  zum  Misstrauen  gegen  die  Arbeiten  einer 
dersuchungsstelle  verleiten  lassen.  R  i  m  p  a  u  -  Solln  (Isartal). 

Lehrbuch  der  gerichtliche l  Medizin  mit  Zugrundelegung  (le¬ 
tschen  und  österreichischen  Gesetzgebung  und  ihrer  Neuordnung 
i'Dr.  Julius  Kratter.  Hofrat,  o.  ö.  Professor  der  gerichtlichen  Medi- 
i.  R.  an  der  Universität  Graz.  2  Bände.  Erster  Band.  Theore- 
her  Teil.  2.,  wesentlich  erweiterte  Auflage.  Stuttgart.  Verlag  von 
dinand  Enke.  1921.  724  Seiten.  Preis:  broch.  132  M..  geb.  150  M. 
Das  ausgezeichnete  Lehrbuch  unseres  Altmeisters  der  gerichtlichen 
dizin  liegt  hier  in  neuer  und  in  verschiedenen  Kapiteln  erweiterter 
m  vor;  die  erste  Auflage  war  1912  erschienen  und  ihr  folgte  dann 
9  das  als  2.  Band  gedachte  schöne,  durch  zahlreiche,  dem  1.  Band 
lig  fehlende  Abbildungen  ausgezeichnete  Werk:  „Gerichtsärztliche 
xis“  des  gleichen  Verfassers,  das  auch  in  dieser  Wochenschrift 
20,  S.  462)  angezeigt  worden  ist.  Der  vorliegende  Band  ist  nun 
1.  Band  des  ganzen  Werkes  bezeichnet.  Kratter  hat  es  ver- 
nden.  trotz  der  mehrfachen  Umarbeitungen  und  Ergänzungen  ein- 
ier  Kapitel  doch  den  Umfang  des  Werkes  nicht  wesentlich  zu  er¬ 
lern  (100  Seiten),  was  sich  äusserlich  durch  die  Wahl  eines  etwas 
neren  Papiers  der  neuen  Auflage  gar  nicht  bemerklich  macht. 

Sehr  erfreulich  ist,  dass  jetzt  u.  a.  auch  die  Benzidinprobe, 
wegen  ihrer  grossen  Schärfe  und  ihrer  gegenüber  der  Gtiajak- 
fflprobe  doch  bedeutend  einfacheren  Ausführbarkeit  sehr  wichtig  ist. 

:  ihrem  Recht  kam:  bei  dem  Kapitel:  Beurteilung  von  Narben 
te  Ref.  auch  gerne  die  sehr  interessante  und  praktisch  wichtige  histo- 
sche  Arbeit  Marchands  (W.m.W.  1915  Nr.  6)  erwähnt  gesehen, 
!ehe  auf  die  Altersbestimmung  der  Narben  und  auf  die  ausserordent- 
e  Wichtigkeit  von  Fremdkörpereinschlüssen  in  solchen  hinweist. 
Wie  die  1.  Auflage,  so  möchte  Ref.  auch  diese  2.  Auflage  aufs  aller- 
'  niste  empfehlen,  es  wird  aus  dem  Buch  nicht  nur  der  praktische 
t.  der  sich  in  dem  Werke  einmal  gelegentlich  Rat  sucht,  sondern 
der  Berufssachverständige  immer  wieder  Belehrung  und  Bereiche- 
’g  seiner  eigenen  Erfahrung  gewinnen.  H.  M  e r  k  e  1  -  München. 

.  Das  ärztliche  Heiratszeugnis.  71.  S.  Leipzig  1921.  Kabitzsch. 
is  15  M. 

Vorliegendes  Sammelheft  bringt  eine  Reihe  von  Vorträgen,  die  in 
••Aerztlichen  Gesellschaft  für  Sexualwissenschaft  und  Eugenik“  in 


Berlin  gehalten  worden  zu  sein  scheinen.  Nach  einem  einleitenden 
Vorwort  von  dem  Vorsitzenden  dieser  Gesellschaft,  Geh.  Rat  Posn  er 
spricht  sich  Prof.  Westenhöfe  r,  der  Vorsitzende  der  Berliner  Ge¬ 
sellschaft  für  Rassenhygiene,  unbedingt  für  obligatorische  ärztliche 
Heiratszeugnisse  aus.  Wenn  er  allerdings  sagt,  dass  das  eigentliche 
Mittel,  welches  zur  Gesundung  der  Rasse  führe,  „sich  zum  grossen 
Teil  mit  radikalen  politischen  und  wirtschaftlichen  Forderungen  deckt, 
die  von  den  Arbeitern  aller  Länder  erhoben  werden“,  so  ist  das  m.  E. 
bedauerlich,  .weil  es  die  Frage  der  Rassenhygiene  ohne  Not  in  das 
Gezänk  der  Parteien  zerrt.  Der  zweite  Beitrag  von  dem  Augenarzt 
Crzellitzer  handelt  von  der  „Farr.ilienforschung  als  Grundlage  für 
das  Heiratszeugnis“.-  Der  dritte  Mitarbeiter,  der  Psychiater  Lepp- 
m  a  n  n,  verhält  sich  gegen  das  Heiratszeugnis  radikal  ablehnend,  zeigt 
sich  allerdings  nicht  ganz  mit  der  modernen  Erblichkeitsforschung  ver¬ 
traut.  Auch  der  nächste  Beitrag  von  Prof.  Heller,  welcher  die  Frage 
hinsichtlich  der  Geschlechtskrankheiten  behandelt,  kommt  zur  Ab¬ 
lehnung  eines  obligatorischen  Zeugnisses.  Geh.  Rat  Strassmann 
berichtet  über  tatsächliche  Erfahrungen,  welche  er  als  Gynäkologe  bei 
der  Eheberatung  gemacht  hat.  und  spricht  sich  ebenfalls  gegen  obliga¬ 
torische  Zeugnisse  aus.  Der  Jurist  Sontag  erklärt  sie  zwar  für  höchst 
wünschenswert,  aber  für  vorläufig  bei  uns  leider  undurchführbar.  Der 
letzte  Beitrag  von  dem  Herausgeber  des  Heftes,  dem  Frauenarzt  und 
Rassenhygieniker  Hirsch,  ist  sehr  wertvoll  und  beachtenswert.  Er 
spricht  sich  für  obligatorische  Heiratszeugnisse  ohne  Eheverbote  und 
ohne  Zwang  zum  Austausch  aus.  Die  Untersuchung  soll  m  der  Haupt¬ 
sache  nur  jedem  Ehekandidaten  selber  Klarheit  über  seine  Ehefähigkeit 
bringen.  Dann  ist  es  auch  nicht  notwendig.  Männer  und  Mädchen,  die 
niemals  geschlechtskrank  waren,  mit  allen  Provokationsmethoden  und 
Schikanen  darauf  zu  untersuchen.  „Die  Deutsche  Gesellschaft  zur 
Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  hat  ein  solches  obligatorisches 
Untersuchungsverfahren  ausgearbeitet  und  meines  Erachtens  damit  ge¬ 
zeigt.  wie  es  nicht  gemacht  werden  soll.“  Dem  kann  sich  Ref.  nur 
anschliessen.  Lenz-  München. 

Arthur  Kittel:  37  Jahre  Landarzt  in  Preussisch-Litauen.  1869  bis 

1906.  Verlag  Kittel,  Königsberg.  46  Seiten. 

„Den  Tag  meiner'  endgültigen  Abfahrt  aus  Russ  machte  ich  nicht 
bekannt  . . .  mein  Neffe  (mein  Nachfolger)  brachte  mich  frühmorgens 
an  den  Strom  . . .  doch  kam  ich  noch  zur  Zeit  in  Tilsit  an  zum  Zuge 
nach  Königsberg.  Hier  unterhalte  ich  einen  lebhaften  Verkehr  mit 
meinen  alten  Universitätsgenossen.  Im  März  1919  erblindete  ich.“ 
So  schliesst  das  kleine  Büchlein,  das  der  83  jährige  blinde  Kollege  nieder¬ 
schrieb.  In  ihm  erzählt  er  einfach  und  schlicht  von  aufreibendster  ärzt¬ 
licher  Tätigkeit  in  seinem  kleinen  litauischen  Oertchen.  immer  voll  freu¬ 
digster  Lebensbejahung,  sich  aufreibend  in  segenspendender  Betäti¬ 
gung.  Es  rollt  das  Leben  des  Landarztes  vorüber,  wie  sie  tausendfach 
sich  opfern,  keines  Lohnes  gewärtig  . . .  darum  ist  das  Büchlein  liebens¬ 
wert  und  lesenswert.  Max  Nassauer. 

Zeitschriften  -U  ebersicht. 

Bruns’  Beiträge  zur  klinischen  Chirurgie,  red.  von  G  a  r  r  e, 

K  ü  1 1  n  e  r  und  v.  Brunn.  125.  Bd.  1.  Heft.  Tübingen,  Laupp.  1922. 

Aus  der  Marburger  Klinik  berichtet  A.  L  ä  w  e  n  über  Operationen  an 
den  Plexus  chorioidei  der  Seitenventrikel  und  über  offene  Fensterung  des 
Balkens  bei  Hydrocephafus  Internus.  Der  von  Dandy  eingeschlagene  Weg 
durch  die  Gehirnsubstanz  in  den  Seitenventrikel  gibt  die  einzige  Möglichkeit, 
den  ganzen  Plexus  aus  einem  Seitenventrikel  herauszubekommen,  erscheint 
aber  nur  zweckmässig,  wenn  es  sich  um  bedeutende  Ausdehnungen  der  Ven¬ 
trikel  handelt.  L.  schildert  einen  Fall,  in  dem  er  wegen  Hydrocephalus  int. 
auf  einer  Seite  die  Resektion  des  Plexus  chor.  vornahm,  die  von  dem  Kinde 
3  Wochen  überlebt  wurde,  bei  dem  aber  wegen  Bildung  einer  Liauorfistel  die 
Wirkung  der  Operation  nicht  festgestellt  werden  konnte.  L.  stellte  an  grossen 
und  mittelgrossen  Hunden  Versuche  an.  von  einer  Inzision  durch  den  Balken 
aus  den  Plexus  aus  einen  Seitenventrikel  herauszuziehen,  von  denen  er  drei 
längere  Zeit  am  Leben  erhalten  konnte  und  zeigt  an  einem  weiteren  Fall 
("Operation  wegen  nichtlokalisierbaren  Hirntumors),  dass  die  offene  Balken- 
fensterung  technisch  durchführbar  ist  und  vertragen  wird  (wenn  sie  auch  in 
dem  beschriebenen  Fall  nur  die  Somnolenz  und  andere  Hirndrucksymptome 
beseitigte).  Weiterhin  schildert  L.  einen  Fall,  in  dem  er  wegen  schwerster 
Eklampsie  die  Balkenfensterung  vornahm,  bei  dem  sich  eine  wesentliche 
Abnahme  des  Hirndrucks  danach  konstatieren  Hess,  der  Eingriff  aber  infolge 
des  raschen  Zusammensinkens  der  noch  relativ  dicken,  viel  Blut  führenden, 
die  Wand  der  Seitenventrikel  bildenden  Hemisphärenschicht  auf  die  Blut¬ 
verteilung  im  Gehirn  wirkte  und  die  lebenswichtigen  Zentren  in  der  Medulla 
oblongata  schädigte. 

Erich  E  i  c  h  h  o  f  f  gibt  aus  der  K  ü  1 1  n  e  r  sehen  Klinik  Beiträge  zur 
Chirurgie  des  Rektums.  Bericht  über  die  an  der  Breslauer  Klinik  behandelten 
Rektumkarzinome.  Derselbe  stützt  sich  auf  das  Material  von  1879 — 1920 
(1021  Fälle:  von  denen  allerdings  21.6  Proz.  nur  für  einige  Zahlenangaben  ver¬ 
wertet  werden  konnten  und  800  Fälle  in  nähere  Verwendung  kamen  und  610 
159.7  Proz.  der  Gesamtzahll  in  Behandlung  genommen  wurden).  Im  1.  Teil 
bespricht  E.  Alter  und  Geschlecht.  Sitz  und  Form  der  einzelnen  Tumoren. 
Symptome  und  Diagnostik.  Auch  nach  F  s  Material  ist  das  Rektumkarzinom 
fast  doppelt  so  häufig  bei  Männern  als  bei  Frauen,  und  findet  sich  eine  Reihe 
von  jugendlichen  Kranken  (2. — 3.  Dezennium),  von  denen  nur  13  opei'abel 
waren  und  der  itingste  Kranke  17  Jahre  alt  war.  Bezüglich  des  Sitzes  unter¬ 
scheidet  er  die  seltenen  Karzinome  des  Anus,  die  der  Portio  perinealK  die 
häufigen  Karzinome  der  Amnulle  (60.7  Proz.)  und  die  hochsitzenden  Rektum¬ 
karzinome.  Im  2.  Teil  bespricht  E.  die  Radikaloperation  bzw.  die  Indikations¬ 
stellung  hiezu,  solange  noch  Aussicht  auf  Erfolg  besteht,  soll  radikales  Ver¬ 
fahren  eintreten,  wenn  nicht  besondere  Gegenindikationen  (Herz-  und  Lungen¬ 
affektionen.  zu  schlechter  Allgemeinzustand)  bestehen,  auch  bei  70-  und 
75  jährigen  Kranken  wurde  noch  radikal  operiert.  Eine  gewisse  Vorbereitung 


324 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  9 


(5—8  Tage  vorher  täglich  1—2  Esslöffel  Rizinusöl),  am  Tag  vor  dem  Eingriff 
Darmspülung,  2—3  Tage  vor  der  Operation  nur  flüssige  Kost,  ist  von  grosser 
Bedeutung.  Auch  die  Breslauer  Klinik  hält  eine  präliminare  Kolostomie  nicht 
für  notwendig,  d.  h.  nur  bei  bedrohlichen  Zuständen  (drohendem  oder  kom¬ 
plettem  Darmverschluss)  für  indiziert.  Die  Mehrzahl  der  Radikaloperationen 
(75  Proz.)  wurde  in  Allgemeinnarkose,  von  1900  ab  in  Mischnarkose  oder 
Rückenmarksanästhesie  ausgeführt,  letztere  mit  0,15  proz.  Novokain  nach 
'/,  Stunde  vor  der  Operation  gegebenen  0,02  Morphium.  Im  allgemeinen  wird 
in  linker  Seitenlage  mit  gebeugten  Oberschenkeln  und  etwas  nach  vorn  ge¬ 
neigter  rechter  Seite  operiert,  gelegentlich  auch  in  Bauchlage,  mit  stärkerer 
Beckenhochlagerung;  E.  bespricht  die  verschiedenen  Arten 
Operation  (partielle  Exzisionen,  Amputationen  (113  Fähe),  Resektionen 
(199  Fälle)  und  Invaginationen  (4  Fälle)  und  die  Nachbehandlung.  Die 
Operationsmortalität  betrug  24,5  Proz..  die  Dauerresultate,  und  funktionellen 
Resultate  werden  eingehend  gewürdigt,  auch  die  Technik  des  Anus  Praeter- 
naturalis  wird  erörtert  (auch  bezüglich  der  Dauerresultate)  und  in  Tabellen 
das  Resultat  der  einzelnen  Operationsniethoden  zusammengestellt 

Alexander  H  e  1 1  w  i  g  bespricht  aus  der  Frankfurter  chir.  Klinik  die  Hyper¬ 
thyreosen  leichteren  Grades  (eine  vergleichende  klinische  und  pathologisch¬ 
anatomische  Studie)  und  geht  auf  die  als  unausgebildete  Formen  (formes  frustes 
Charcot),  Kropfherz.  Basedowoid  etc.  beschriebenen  näher  ein  und  gibt 
10  Krankengeschichten  mit  dem  histologischen  Befund  der  operierten 
Thyreoidea  mit  Abbildungen,  er  betont  in  den  leichten  Formen  genaue  Er¬ 
hebung  der  Anamnese.  Wenn  auch  dem  Exophthalmus  die  diagnostische 
Bedeutung  nicht  allgemein  zugesprochen  wird,  so  äst  doch  der  Glanz  der 
Augen,  die  Erweiterung  der  Lidspalte  in  der  Mehrzahl  der  leichten  Thyreosen, 
der  feinschlägige  Tremor  in  zahlreichen  leichten  Fällen  zu  konstatieren, 
ebenso  Schlaflosigkeit  und  Hyperhidrosis,  besonders  der  Blutbefund  wird  zur 
Entscheidung,  ob  man  es  bloss  mit  nervösen  Erschöpfungszuständen  oder  mit 
einer  progressiven  Hyperthyreose  zu  tun  hat,  herangezogen.  Die  histo¬ 
logischen  Befunde  lassen  zwischen  den  Hyperthyreosen  leichten  Grades  und 
dem  klassischen  Basedow  prinzipielle  Unterschiede  nicht  erkennen.  H.  sieht 
in  dem  Vollbasedow  das  charakteristische  Endglied  in  der  grossen  Kette  von 
Krankheiten,  die  bei  aller  Ungleichartigkeit  ihrer  klinischen  Erscheinungen 
doch  sämtlich  von  derselben  Ursache  herzuleiten  sind,  der  Hypersekretion  der 

Schilddrüse.  , .  .  ,  ....  .. 

H.  F.  O.  H  a  b  e  r  1  a  n  d  gibt  aus  der  Kölner  chirurgischen  Klinik  experi¬ 
mentelle  und  klinische  Untersuchungen  mit  Chelonin  bei  chirurgischer  Tuber¬ 
kulose  und  kommt  nach  ausführlicher  Schilderung  seiner  Versuche,  bak¬ 
teriellen  und  klinischen  Beobachtungen  zu  dem  Schluss, _  dass  es  ein  Kunst¬ 
fehler  ist,  eine  prophylaktische  oder  therapeutische  Vakzination  mit  lebenden, 
wenn  auch  avirulenten,  den  menschlichen  Tuberkelbazillen  verwandten  | 

Mikroben  zu  üben.  . 

Ellen  L  e  c  h  n  e  r  gibt  aus  der  Bonner  Klinik  einen  Beitrag  zur  Kasuistik 
der  Hirnangiome  und  beschreibt  nach  Anführung  von  56  Fällen  aus  der  Lite¬ 
ratur  (von  denen  51  auf  das  Grosshirn  entfallen)  und  Besprechung  der 
Symptomatologie  und  des  Verlaufes  ein  faustgrosses  Angiom  des  Schläfen- 
lappens,  das  operiert  wurde,  aber  grosse  Schwierigkeiten  dabei  bot. 

Heinr.  Altemeyer  gibt  aus  den  Dortmunder  Krankenanstalten  eine 
Arbeit  zur  Technik  der  Beseitigung  von  gutartigen  Stenosen  der  Papilla 
Vateri  und  teilt  eine  von  H  e  n  1  e  in  mehreren  Fällen  erfolgreich  geübte 
Operationsmethode  mit.  . 

Walter  Altschul  gibt  aus  der  chirurgischen  Klinik  fn  Prag  einen 
neuen  Beitrag  zur  Äetiologie  der  Schiatter  sehen  Erkrankung;  teilt  7  neue 
Fälle  mit.  nach  denen  er  seine  Ansicht  bestätigt  findet,  dass  es  sich  bei  dieser 
Erkrankung  um  eine  Verletzung  der  Tibiaepiphyse,  sei  es  durch  direkte  sei 
es  durch  indirekte,  wenn  auch  manchmal  recht  geringfügige  Gewalt  handelt. 

Paul  Caan  gilbt  aus  der  Kölner  Klinik  einen  Beitrag  zur  Frage  des 
Wesens  und  der  Pathogenese  derOstitis  deformans  (Paget)  und  kommt  im 
Anschluss  an  2  näher  mitgeteilte,  hauptsächlich  Veränderungen  an  der  Tibia 
aufweisende  Fälle  zu  der  Ansicht,  dass  es  sich  dabei  weniger  um  neuro- 
pathische  Störungen  als  um  Dysfunktion  mehrerer  zueinander  in  Wechsel¬ 
funktion  stehender  hypokriner  Drüsen  handelt,  deren  Hormone  entzündungs¬ 
erregend  auf  das  Knochenmark  wirken,  denen  hyperplastische  Wucherungen 
und  degenerative  Umwandlungsprozesse  folgen. 

Gerhard  W  o  1  f  f  beschreibt  aus  dem  Breslauer  jüdischen  Krankenhause 
eine  typische,  durch  Muskelzug  entstandene  Abrissfraktur  der  unteren  Hais¬ 
und  oberen  Brustwirbeldorne  und  geht  auf  den  Mechanismus,  bei  dem  es 
sich  meist  um  einen  mit  dem  Arm  zu  leistenden  Kraftaufwand  handelte  und 
bei  dem  besonders  der  Trapezius  in  Betracht  kommt  (Heben  schwerer  Gegen¬ 
stände  vom  Boden),  näher  ein  und  erwähnt  die  dabei  vorkommenden  Sensi¬ 
bilitätsstörungen.  Sehr. 


Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  5. 

F.  v.  Hofmeister:  Unterbindung  der  Art.  hepat.  propria  ohne  Leber¬ 
schädigung. 

Verf.  schildert  1  Fall  von  Ligatur  der  Art.  hepat.  propr.  jenseits  des 
Abganges  der  Art.  gastr.  dextr.  bei  gleichzeitiger,  fast  totaler  Magenexstir¬ 
pation  mit  völlig  ungestörter  Heilung.  Der  glatte  Heilverlauf  erklärt  sich 
vielleicht  daraus,  dass  eine  Triplizität  der  Leberarterie  —  normale  Art.  hepat., 
Art.  für  den  linken  und  Art.  für  den  rechten  Leberlappen  —  vorlag;  jeden¬ 
falls  verdankte  die  Leber  ihre  arterielle  Versorgung  nicht  ausschliesslich 
dem  Kollateralkreislauf  durch  die  Adhäsionen.  Trotzdem  ist  die  Art.  hepat. 
propr.  stets  mit  äusserster  Vorsicht  zu  behandeln. 

Prof.  Vidakovits  -  Pest:  Zur  Frage  der  Drainage  nach  Struniektomie. 

Verf.  ist  heute  noch  Anhänger  der  Drainage  nach  Strumektomie  und  be¬ 
gründet  seinen  Standpunkt. 

Duschan  M  a  1  u  s  e  1  r  e  w  -  Subotica:  Ueber  das  Verhalten  des  Blut¬ 
druckes  bei  Achsendrehuiig  des  Mesenteriums. 

An  2  Fällen  von  Torsion  des  Mesenteriums  konnte  Verf.  beobachten,  dass 
die  Torsion  am  Anfang  mit  einer  bedeutenden  Blutdrucksteigerung  einher¬ 
geht,  während  das  Zuruckdrehen  des  torquierten  Mesenteriums  eine  kritische 
Blutdrucksenkung  zur  Folge  hat;  wodurch  die  Erhöhung  des  Blutdruckes 
bedingt  ist,  ist  noch  ungeklärt,  während  das  Sinken  des  Blutdruckes  durch 
die  Erweiterung  der  durch  die  Torsion  gelähmten  Mesenterialgefässe  ver¬ 
ursacht  wird.  Mit  2  Krankengeschichten. 

R.  V  o  g  e  1  e  r  -  Berlin-Steglitz:  Der  quere  bogenförmige  Bauchschnitt 
bei  eitrigen  Bauchoperationen. 

Auf  Grund  günstiger  Beobachtungen  weist  Verf.  darauf  hin.  dass  der 
quere  Bogenschnitt  mit  Durchtrennung  der  geraden  Bauchmuskeln  in  be¬ 


liebiger  Höhe  auch  für  eitrige  Bauchoperationen  die  günstigste  Bauch 
eröffnung  darstellt.  Die  Eiterung  einer  queren  Bauchwunde  greift  nicht  au 
die  Faszie  über,  während  bei  dem  Medianschnitt  die  Eiterung  fast  stets  i 
die  Tiefe  greift'  dieser  Vorteil  wird  aber  nur  erzielt  durch  die  quere  Durch 


schneidung  der  Muskulatur.  .  ... 

A.  W.  F  i  sehe  r -Frankfurt  a.  M.:  Bemerkungen  zur  Arbeit  vo 
E.  Makai:  Zur  Frage  des  sog.  Ulcus  simplex  des  Darmes. 

Verf.  widerlegt  kurz  die  von  Makai  erhobenen  Einwandc. 

E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndori. 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  5  und  6. 

F.  Lichtenstei  n- Leipzig:  Intra  partum  spontan  entstandenes  Bauet 

deckenhamatom.  ^  g  {  au{  diese  relativ  seltene  Geburtskomplikation  au 

merksam  gemacht  hat,  mehren  sich  die  Veröffentlichungen  über  derartig 
Fälle,  deren  Verlauf  und  Äetiologie  mehrere  Abweichungen  voneinander  bictei 
H.  Hinsei  mann-  Bonn:  Die  Entstehung  der  Trophoblast-  un 

Synzytiallakunen  des  menschlichen  Eies.  ,  ,1 

Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von  T  emesväry:  „Ueber  ein  sehr  jungt 
menschliches  Ei  in  situ“  im  Arch.  f.  Gyn.  Bd.  CXV,  Heft  1. 

Fr.  Klee-Bonn:  Ein  Karzinomsarkom  des  Uterus. 

Schilderung  eines  grossen  Mischtumors.  Diese  Uteruskombinatiun: 

tumoren  sind  sehr  selten.  . 

Fr.  H  e  in  1  e  i  n  -  Bochum:  Zur  Behandlung  der  Placenta  praevia  l.ni 
treuryse  oder  Kaiserschnitt.  Ein  Beitrag  zur  kürzlich  erschienenen  Motu 
graphie  von  F.  Hitschmann:  „Die  Therapie  der  Placenta  praevia  . 

Kritisch-statistischer  Bericht  über  133  Fälle  unter  11  000  Geburten  se 
1906.  3  Todesfälle  =  2,3  Proz.  Kindliche  Mortalität  —  19,5  Proz.  Metrei 

ryse  ist  die  Methode  der  Wahl. 

H.  R  e  h  -  Frankfurt  a.  M.  :  Der  fünfzigprozentige  Alkohol  zur  Blu 

Auswischung  bzw.  Ausspülung  des  blutenden  Endometriums  führt  ? 
einer  stumpfen  und  raschen  Blutstillung,  die  für  manche  Situationen  ang< 
bracht  und  empfehlenswert  sein  kann.  Bei  atonischen  Blutungen.  Blutung« 
post  abortum  und  bei  endometritischen  Blutungen  brachten  Spülungen  m 
50 — 70  proz.  Alkohol  bald  Blutstillung. 

N.  L  o  u  v  o  s  -  Athen:  Echinokokkenzyste  im  Douglas  als  Geburt 
hindernis. 


Nr.  6. 

J.  A  m  r  e  i  c  h  -  Wien:  Ein  Fall  von  primärem  Tubenkarzinom. 

Der  primäre  Tubenkrebs  ist  keineswegs  eine  besondere  Seltenheit.  D 
Veröffentlichung  dieses  Falles  wird  damit  begründet,  dass  der  Fall  z 
Klärung  der  Frage,  welche  Rolle  die  Entzündung  für  die  Entstehung  d 
Tubenkurzinoms  spielt,  beitragen  kann  und  auch  noch  bezüglich  der  path 
logischen  Anatomie  Besonderheiten  aufwies. 

V.  Hie  ss  und  F.  H  i  r  s  c  h  e  n  h  a  u  e  r  -  Wien:  Zur  Behandlung  d 
Wochenbettfiebers. 

Bericht  über  einige  Versuche  mit  kolloidalem  Silber,  Elektrokollargi 
Dispargen,  Caseosan,  P  r  e  g  1  scher  Jodlösung  mit  den  verschiedensten  R 

sultaten.  ... 

P.  v.  K  u  b  i  n  y  i  -  Szegedin  (Ungarn):  Herabsetzung  der  Mortalität  d 
Freund-Wert  heim  sehen  Karzinomoperation. 

Die  vom  Verf.  vorgeschlagenen  Verbesserungen  bestehen  in: 

1.  gründlichster  Vorbereitung  des  Krebses  vor  der  Operation, 

2.  verschärfter  Wundschutz,  insbesondere  ein  kreisendes  Instrume 
tarium, 

3.  Gebrauch  von  Eingiessung  von  Wasserstoffsuperoxyd  in  die  Barn 

höhle,  ., 

4.  Bevorzugung  der  kombinierten  vagino-abdominalen  oder  abdomir 
vaginalen  Methode, 

all  dies  in  Verbindung  mit  der  Tiefentherapie  als  Nachbehandlung. 

A.  L  ö  s  e  r  -  Berlin :  Trichomonas  vaginalis  und  Glykogengehalt 
Scheide  in  ihren  Beziehungen  zur  Kolpitis  und  zum  Fluor. 

Polemik  mit  Höhne,  Stephan,  Abel  in  der  Bazillosanfrage. 

Bettina  N  e  u  e  r  -  Nürnberg:  Virulenzprüfung  der  Streptokokken  na 
S  i  g  w  a  r  t  s  Methode. 

Ausgedehnte  Nachprüfung  des  S  i  g  w  a  r  t  sehen  Zeichens  Hessen  ki 
einheitliches  Ergebnis  erkennen:  bald  Wachstum,  bald  völlige  Wachstun 
hemmung  der  Streptokokken  auf  den  Filtraten,  ja  selbst  unterschiedlicl 
Verhalten  ein  und  demselben  Filtrat  gegenüber.  Die  S  i  g  w  a  r  t  sehe  M 
thode  führt  nicht  zur  Differenzierung  und  Virulenzerkennung  der  Strep 
kokkenstämme. 

M.  B  e  h  r  e  n  d  -  Frauendorf  (Stettin):  Schwere  Schädigung  der  Unt' 
leibsorgane  intra  partum. 

Interessante  Kasuistik.  Werner-  Hamburg 


Zeitschrift  für  Kinderheilkunde.  30.  Band.  1.  u.  2.  Heft.  '9 

(Nachträglich.) 

B.  S  a  1  g  e  -  Bonn :  Die  Bedeutung  der  Geschwindigkeit  der  Entwickli 
für  die  Konstitution. 

Die  normale  oder  anormale  Beschaffenheit  des  kindlichen  Körpers 
bestimmten  Entwicklungsabschnitten  ist  abhängig  von  der  Geschwindigk 
der  Entwicklungsvorgänge ;  viele  als  konstitutionelle  Anomalien  bezeichn 
Zustände  sind  nichts  anderes  als  Anachronismen,  als  ein  Hineinragen  frü 
normaler  Zustände  und  Funktionen  in  Lebensabschnitte,  in  denen  sie  sei 
überwunden  sein  müssten. 

Jos.  B  e  c  k  e  r  -  Bonn :  Ueber  Haut  und  Schweissdrüsen  bei  Föten  i 
Neugeborenen. 

Aenne  S  c  h  m  i  t  z  -  Bonn:  Zur  Entwicklung  der  quergestreiften  Mus 
latur. 

Beide  Arbeiten  sind  durch  S  a  I  g  e  s  oben  zitierte  Meinung  veranlag 
die  eine  beweist  an  Haut  und  Schweissdrüsen,  die  andere  an  der  Faserdi- 
der  quergestreiften  Muskeln  bei  Föten  und  Neugeborenen,  dass  grosse  jrj 
viduelle  Verschiedenheiten  im  Ausbildungszustand  beider  Arten  von  Elemen' 
bei  gleichalten  Kindern  bestehen.  Diese  Formelemente  entwickeln  sich 
ungleich  rasch,  was  auf  Verschiedenheiten  der  Konstitution  beruhen  mt 

Albert  H  u  t  h  -  München:  Ernährungszustand  und  Körpermaasse. 

31  Schüler  einer  Klasse  wurden  von  Schulärzten  nach  klinischen  <1 
sichtspunkten  hinsichtlich  ihres  Ernährungszustandes  beurteilt  und  in  t’ 


’Z  1 922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


325 


;te  gebracht.  Vom  gleichen  Schülermaterial  wurden  verschiedene 
maassindizes  berechnet  und  auch  diese  in  Ranglisten  angeordnet;  es 
(sich  nicht  die  mindeste  Korrelation  zwischen  Ernährungszustand  und 
i:inem  Körpermaassindex. 

artin  V  i  c  t  o  r  -  Charlottenburg;  Ueber  plötzliche  Todesfälle  lm  Säug- 
,  er  als  Folge  von  akuter  Nebenniereninsuffizienz. 

vei  Fälle.  Klinische  Zeichen:  Purpuraartige  Hautblutungen,  plötzlich 
ende  gehäufte  Konvulsionen,  in  der  anfallsfreien  Zeit  hochgradige 
e,  Dyspnoe,  kaum  fühlbarer,  weicher  Puls.  Anatomischer  Befund; 
;ung  bzw.  frische  Blutung  einer  Nebenniere. 

.  Pfaundler  und  K.  S  c  h  ü  b  e  1  -  München ;  Verdauungsversuche 
nndarm  junger  Ziegen  bei  Einverleibung  arteigener  und  artfremder 

abgebundene,  aber  in  situ  belassene  Darmschlingen  neugeborener 
|i  wurde  z.  T.  Ziegen-,  z.  T.  Kuhmilch,  sowohl  in  nativem  als  in 
i  lautem  Zustand  eingebracht  und  dann  nach  einiger  Zeit  der  Rückstand 
[  cht.  Es  ergab  sich  mangelhafte  Erledigung  der  Kuh-  gegenüber  der 
jnilch,  also  Resorptionsbehinderung  der  artfremden  Milch,  analog  den 
;  en  Anschauungen  über  die  pathogene  Rolle  der  Resorptionsverlang- 
i  für  die  Entstehung  der  akuten  Verdauungsstörungen  beim  Säugling, 
itz  W  e  n  g  r  a  f  -  Wien;  Ueber  die  Ausscheidung  getrunkenen  Wassers 
läugling. 

je  wasserausscheidende  Fähigkeit  der  Niere  ist  schon  in  den  ersten 
'tilgen  voll  ausgebildet.  Die  Wasserausscheidung  ist  beim  Brustkind 
| liessend,  beim  hypotrophischen  etwas  verzögert,  beim  dyspeptischen 

jtändig. 

ltau  v.  B  a  r  a  b  ä  s  -  Pest:  Die  Behandlung  von  Säuglingskrankheiten 
inschlichen  Blutinjektionen. 

ite  Erfolge  bei  chronisch  ernährungsgestörten  und  bei  exsudativen 
igen.  Injektion  von  8 — 10  ccm  Blut  der  Mutter  6 — 7  mal  in  Abständen 
-5  Tagen. 

i  ter  K  u  1 1  e  r  -  Berlin :  Masernschutz  durch  Rehonvaleszentenserum. 
Istätigt  Degkwitz'  Angaben,  nur  hält  er  rudimentär  verlaufende 
i  für  ungeschwächt  kontagiös. 

i  Pfaundler  und  L.  v.  S  e  h  t  -  München:  Ueber  Syntropie  von 
leitszuständen. 

wird  eine  Formel  aufgestellt,  nach  der  sich  das  bisher  bloss  nach 
I  ven  Eindrücken  behauptete  vorzugsweise  ZusKmmentreffen  zweier 
jeitszustände  in  Zahlen  ausdrücken  lässt.  Für  verschiedene  wichtige 
icungen  des  Kindesalters  wird  an  grossem  Material  diese  Zahl,  die 
i  oder  negativ  sein  kann  (Syn-  bzw.  Dystropie),  angegeben.  Näheres 
jjinal.  Gott. 

litschrift  für  die  gesamte  Neurologie  und  Psychiatrie.  74.  Bd. 
Heft. 

[ul  Schilder:  Bemerkungen  über  die  Psychologie  des  paralytischen 

!i  wahns. 

Uteilung  dreier  Fälle  von  Paralyse,  bei  denen  in  ähnlicher  Weise,  wie 
s  früher  bei  Manie  festzustellen  versuchte,  auf  der  Psychose  voraus- 
:  unliebsame  Erlebnisse  eine  in  entsprechenden  Grössenideen  sich 
de,  ins  Uebermass  getriebene  Reaktion  erfolgte.  Die  durch  die  un- 
imen  Erlebnisse  in  Gang  gesetzten  Abwehrmechanismen  sind  durch 
■alytischen  Prozess  abgeändert  (die  Grössenideen  tragen  den  Stempel 
itiklosigkeit).  Während  bei  2  Kranken  die  Grössenideen  rasch  ab- 
,  dauerte  die  dritte  Psychose,  in  welcher  die  Wahnbildungen  einen 
bhizophrenen  Anstrich  hatten,  lange  Zeit  fort. 

.  thur  K  r  o  n  f  e  1  d  -  Berlin :  Ueber  schizophrene  Veränderungen  des 
itseins  der  Aktivität. 

^schafft  sich  in  einer  Reihe  von  Abschnitten:  „die  psychopathologi- 
liennzeichen  psychotischer  Primärsymptome“,  „der  gegenwärtige  Be- 
jswandel  des  Schizophreniebegriffes“,  „psychotische  Primärsymptome 
I  Schizophrenie“,  „Bemerkungen  zur  Phänomenologie  des  Aktivitäts- 
j:seins“,  „das  Ich  und  die  Gefühle“  erst  ein  breites  Fundament  und 
ft  dann  in  einem  kurzen  Abschnitt  zuerst  die  qualitativen  Modifiku- 
des  Bewusstseins  der  Aktivität,  die  bei  Schizophrenen  gleichartig 
iert  sind  wie  bei  Nichtschizophrenen  als  ein  von  psychologischen 
ngen  genetisch  abhängiges,  sekundäres,  pychisches  Geschehen.  Spe- 
schizophren  werden  sie  erst  dann,  wenn  die  primären  genetischen 
ngen  und  Fundamente  schizophren  sind.  Die  qualitativen  Aenderungen 
häufigeren.  Das  seltenere  primäre  Fehlen  des  Aktivitätsbewusstseins, 
dem  Erlebniskorrelat  der  objektiven  katatonischen  Sperrungen,  Para- 
und  sonstigen  psychomotorischen  Anomalien  zum  Ausdruck  kommt, 
echtes  primäres  Symptom  der  Schizophrenie  anzusehen.  Hier  sind 
a  der  Erlebniskontinuität,  wie  sie  sich  eben  nur  im  psychotischen 
geschehen  finden  und  dieses  eindeutig  von  allen  charakterologischen 
ten  und  Blüten  des  Schizoids  unterscheiden. 

iien  K  a  h  n  -  München:  Ueber  die  Bedeutung  der  Erbkonstitution  für 
iätehung.  den  Aufbau  und  die  Systematik  der  Erscheinungsformen  des 

s. 

unternimmt  den  Versuch,  einige  Erscheinungsformen  des  Irreseins  in 
iifachen  Beziehung  zu  Erbkonstitution,  Konstellation  und  Umwelt  zu 
j  en,  wobei  unter  Konstellation  die  durch  Umwelteinflüsse  erworbene 
rrutig  des  Organismus  verstanden  wird.  Konstellative  Eigenschaften 
'O  im  Laufe  des  Lebens  erworbene,  nicht  vererbbare  Eigenschaften, 
schliesslich  konstitutionell  bedingte  Krankheiten  werden  das  manisch- 
ve  Irresein,  die  Dementia  praecox  und  die  Epilepsie  besprochen  und 
I  aufzuzeigen  versucht,  wie  man  sich  ihr  Zustandekommen  erbbio- 
!  erklären  muss.  Kahn  nimmt  für  alle  drei  Krankheiten  das  Zu¬ 
wirken  zweier  verschiedener  Faktoren  an,  für  das  manisch-depressive 
-  eine  endokrin-zirkuläre  Grundstörung  und  eine  auf  diese  abge- 
]•  affine  (elastisch-labile)  Affektivität,  für  die  Schizophrenie  eine  An- 
’  Schizoid  (die  allein  in  gewissen  psychopathischen  Typen  sich  aus- 
md  eine  zur  Prozesspsychose,  für  die  Epilepsie  eine  Anlage  zu  Epi¬ 
ker  allein  wieder  ein  Psychopathentyp  entspricht),  und  eine  Anlage 
feptisch-endotoxischen  Grundstörung.  Im  Gegensatz  zu  diesen  erb- 
i  tionell  bedingten  stehen  die  vorwiegend  konstellativ  verursachten 
jiten,  von  denen  Kahn  die  Paralyse  und  das  Delirium  tremens  be- 
Ist  im  allgemeinen  bei  der  Paralyse  die  Verursachung  und  die  be- 
I  Ausbildung  der  Erkrankung  konstellativ  bedingt,  so  muss  man  bei 
('typischen  Formen  das  Hereinspielen  in  der  Anlage  gelegener  Fak¬ 


toren  annehmen.  Die  reinen  erbkonstitutionellen  Formen  bedürfen  zu  ihrer 
Manifestation  nur  der  Einwirkung  der  gewöhnlichen  Lebensreize,  die  reinen 
konstellativen  dagegen  können  auf  dem  Boden  jeder  beliebigen  Erbkonstitution 
entstehen.  Bei  der  systematischen  Ordnung  werden  die  reinen  erbkonsti¬ 
tutionellen  Formen  als  eigene  Gruppen  ins  System  gestellt  werden  können. 
Die  konstellativen  Formen  werden  als  grosse  Gruppen  (mechanische, 
toxische,  infektiöse)  zusammengefasst  werden  müssen.  Da  jedoch  mannig¬ 
fache  Mischanlagen  Vorkommen,  ausserdem  konstellative  Faktoren  bei  erb¬ 
konstitutionell  bedingten  Krankheiten  und  umgekehrt  wesentliche  Verände¬ 
rungen  der  Krankheitsbilder  hervorrufen  können,  wird  es  oft  nicht  möglich 
sein,  eine  einfache  Diagnose  zu  machen;  es  ist  dann  die  mehrdimensionale 
Diagnostik  im  Sinne  Kretschmers  am  Platze.  Die  erbkonstitutionell- 
konstellative  Auswertung  der  pathogenetischen  Komponenten  —  ein  Gesichts¬ 
punkt,  welcher  der  erbbiologischen  Forschung  zu  verdanken  ist  —  verspricht 
Klärung  auf  vielen  Gebieten  und  Beseitigung  mancher  alter  Vorurteile. 

Karl  B  i  r  n  b  a  u  m  -  Berlin:  Grundgedanken  zur  klinischen  Systematik. 

Die  Psychose  ist  eine  lebendige  funktionelle  Einheit,  die  aus  dem  Zu¬ 
sammenspiel  verschiedenartiger  Kräfte  sich  ergibt.  In  diesem  Zusammen¬ 
spiel  wirken  Faktoren  sehr  verschiedener  Valenz,  hochwertige,  die  nahe  mit 
dem  jeweiligen  Krankheitsvorgang  Zusammenhängen,  —  das  sind  formale 
Strukturelemente  von  allgemeiner  elementarer  Natur  —  und  geringerwertige, 
die  als  Einschaltungen,  Aufpflanzungen,  Ableitungen,  Ausgestaltungen,  als 
pathoplastische  zusammengefasst,  nicht  zum  Wesen  einer  Krankheit  gehörig 
betrachtet  werden  können.  Die  allgemeineren  Grundformen,  nach  denen  sich 
praktisch  brauchbare  klinische  Krankheitseinheiten  abgrenzen  lassen,  sind  zu 
finden  als  diejenigen,  die  sich  erfahrungsgemäss  konstant  und  gleichartig  bei 
dem  gleichen  pathogenen  Agens  zeigen,  die  als  letzte  klinische  Gegebenheiten 
erscheinen  und  übrig  bleiben,  wenn  man  alles  pathoplastische  Beiwerk  abge¬ 
streift  hat.  Dieser  letzte  Weg  ist  zurzeit  der  brauchbarste.  B.  gibt,  um 
zu  veranschaulichen,  wie  der  Aufbau  eines  Krankheitssystems  nach  seinen 
Anschauungen  zu  denken  ist.  ein  vorläufiges  Orientierungsmodell,  ein  kompli¬ 
ziertes  Schema,  das  hier  nicht  näher  zu  besprechen  ist. 

Hermann  H  o  f  f  m  a  n  n  -  Tübingen:  Studie  zum  psychiatrischen  Konsti¬ 
tutionsproblem.  Ein  Beitrag  zum  erbbiologisch-klinischen  Arbeitsprogramm. 

Es  ist  die  Aufgabe  der  psychopathologischen  Forschung,  konstitutionelle 
und  konstellative  Eigenschaften  zu  unterscheiden  und  vor  allem  auch  aus 
den  konstellativen  die  konstitutionelle  Komponente  herauszuschälen.  Bei  der 
Konstitution  ist  zunächst  zu  achten  auf  die  Konstitutionsvalenz,  die  ver¬ 
schieden  gross  anzunehmen  ist,  je  nachdem  geringfügige  oder  starke  Milieu¬ 
faktoren  zur  Entfaltung  des  Phaenotypus  nötig  sind.  Die  Frage  der  K.- 
Valenz  ist  von  grosser  praktischer  Bedeutung  für  die  Aufstellung  exakter 
Erblichkeitsregeln.  Unter  Hinweis  auf  Kretschmer  bespricht  H.  ferner 
von  Konstitutionsarten  vor  allem  die  manisch-depressive  und  schizophrene  in 
ihren  Auswirkungen.  Auf  den  erbbiologischen  Zusammenhang  des  präsenilen 
Beeinträchtigungswahns,  der  Paraphrenien  und  der  Paranoia  mit  der  Schizo¬ 
phrenie  wird  hingewiesen.  Wahrscheinlich  handelt  es  sich  hier  um  Konsti¬ 
tutionslegierungen,  „intermediäre  Konstitutionen“,  deren  Bedeutung  an  ein¬ 
zelnen  Fällen  mit  manisch-depressiver  und  schizophrener  Erblichkeit  aufge¬ 
zeigt  wird.  Für  manche  Melancholien  des  Rückbildungsalters  darf  die  An¬ 
nahme  einer  derartigen  .  intermediären“  Konstitution  als  relativ  gut  bewiesen 
gelten.  Auch  für  die  Ausgestaltung  vorwiegend  konstellativer  Leiden  kommen 
sicher  meist  besondere  konstitutionelle  Momente  in  Betracht.  In  dem 
dritten  Teil  seiner  Ausführungen  betont  H.  die  Bedeutung  der  Familien¬ 
forschung  für  die  Klinik  und  gibt  eine  Reihe  von  in  jedem  einzelnen  Falle 
notwendigen  Fragestellungen.  Als  hereditäre  Vizinitätsregel  stellt  er  den 
Satz  auf:  Treten  zwei  klinische  Abnormitäten,  die  bislang  in  der  Systematik 
als  selbständige  Einheiten  geführt  wurden,  besonders  häufig  in  enger  heredi¬ 
tärer  Nachbarschaft  nebeneinander  in  einer  Familie  auf,  so  ist  damit  eine 
biologische  Verwandtschaft,  die  Beteiligung  gleicher  Konstitutionselemente 
bewiesen. 

F.  K  e  h  r  e  r  -  Breslau :  Der  Fall  Arnold.  Studie  zur  neueren  Para¬ 
noialehre. 

Ausführliche  Mitteilung  einer  Krankengeschichte  mit  guten  Selbstschilde¬ 
rungen  und  einer  eingehenden  Analyse,  die  zu  beweisen  versucht,  dass  auf 
dem  disponierenden  Boden  der  pubischen  Persönlichkeitsumbildung  als  Ant¬ 
wort  spezifisch  angelegter  Persönlichkeiten  auf  die  entscheidenden  Lebens¬ 
konflikte  dieser  Altersstufe  echte  Wahnreaktionen  mit  derselben  Schärfe  der 
Systematisierung  in  derselben  Aufeinanderfolge  von  Beziehungs-,  Ver- 
folgungs-  und  Grössenwahn  Zustandekommen,  wie  sie  bisher  als  charakte¬ 
ristisch  für  die  chronisch  unheilbare  Paranoia  gegolten  haben.  K.  glaubt 
von  einer  rein  reaktiven,  d.  h.  in  kurzer  Phase  zur  vollen  Ausheilung 
kommenden,  also  subakuten,  echten  Paranoia  sprechen  zu  können.  Auf  Einzel¬ 
heiten  des  Falles  wie  der  Analyse  kann  hier  leider  nicht  eingegangen  werden. 

Alfred  Meyer-Bonn:  Ueber  das1  L  e  r  i  sehe  Handvorderarmzeichen. 
Wesen  und  diagnostische  Bedeutung. 

Das  Leri  sehe  Vorderarmzeichen  besteht  darin,  dass  bei  Beugung  der 
Finger  gegen  die  Hohlhand  und  weiterhin  der  Hand  gegen  den  Unterarm  eine 
Kontraktion  des  Bizeps  und  Brachioradialis  erfolgte,  die  sich  in  einer 
Beugung  des  Unterarms  äussert.  Es  findet  sich  bei  98  Proz.  der  Gesunden, 
fehlt  bei  Lähmungen,  im  epileptischen  Anfall  usw.  Asymmetrien  sind  fast 
immer  ein  pathologisches  Zeichen.  Sein  Fehlen  wurde  als  besonders  feines 
Symptom  der  Pyramidenbahnerkrankung  angesehen.  M.  kommt  nun  an  der 
Hand  von  Untersuchungen  an  einem  grösseren  Krankenmaterial  und  Beobach¬ 
tungen  an  Gesunden  im  Gegensatz  zu  anderen  Untersuchern  zu  der  Ver¬ 
mutung,  dass  es  sich  beim  L  d  r  i  sehen  Zeichen  nicht  um  einen  Reflex, 
sondern  um  eine  Schmerzreaktion  handelt. 

_  Siegmund  A  u  e  r  b  a  c  h  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  zentrales  Fieber  nach 
Gehirn-  und  Rückenmarksoperationen. 

An  der  Hand  eigener  Fälle,  solcher  aus  der  Literatur  und  der  physio¬ 
logischen  Untersuchungen  kommt  A.  zu  dem  Schluss,  dass  die  Hauptursache 
der  zentralen  Hynerthermie  in  den  die  Ventrikel  eröffnenden  oder  die  Ven¬ 
trikelwand  ohne  Eröffnung  in  einen  Reizzustand  versetzenden  Verletzungen 
gelegen  sei.  Erheblicher  Abfluss  oder  Stauung  von  Liquor  bewirkt  eine 
derartige  Reizung.  Um  die  Annahme  einer  individuell  verschiedenen  La¬ 
bilität  der  wärmeregulierenden  Zentren  kommt  man  nicht  herum.  Für  die 
Indikationsstellung  kann  die  Möglichkeit  der  offenbar  für  sehr  junge  und  alte 
Menschen  gefährlichen  Hyperthermie  nichts  ändern. 

Josef  Gerstmann  -  Wien:  Ueber  die  Einwirkung  der  Malaria  tertiana 
auf  die  progressive  Paralyse.  II.  Mitteilung. 

G.  berichtet  zusammenfassend  über  200  Fälle,  vorwiegend  Paralysen, 
die  mit  Mal.  tert.  behandelt  wurden.  Ausser  25  früher  besprochenen,  bei 


326 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


denen  günstige  Erfahrungen  erzieh  wurden,  blieben  von  116  neu  verwerteten 
Paralysen  nur  38  ungebessert;  von  den  übrigen  wiesen  42  mit  einer  KranK- 
heitsdauer  bis  zu  2'A  Jahren  Remissionen  ohne  Zeichen  einer  psychischen 
Defektuosität  auf,  22  solche,  bei  denen  die  Defekte  nicht  ohne  Ä'fn “ 
erkennen  waren  (Krankheitsdauer  bis  zu  3 A  Jahren)  und  “d  .  , 

missionen  (Krankheitsdauer  bis  zu  6  Jahren)  mit  ohne  weiteres  erkennbaren 
Schwächezuständen.  Die  angegebenen  Zahlen  sind  keine  endgult'^®n-  ' d*  d'e 
unvollkommenen  Remissionen  noch  spät  zu  vollkommenen  werd  • 

Unter  dem  Einfluss  der  Behandlung  traten  vielfach  Aenderungen  des  KranK- 
heitsbildes  auf.  delirante,  paranoide,  halluzinoseartige,  katatone,  hysteriforme 
Bilder,  die  nun  die  Szene  beherrschten  und  kurz  oder  lange  anh>e“en,  ohne 
die  Prognose  zu  verschlechtern.  Zwischen  dem  serologischen  und  klinischen 
Verhalten  besteht  keine  Uebereinstimmung.  Die  unvollkommenen  Remis¬ 
sionen  zeigen  eher  weitergehende  Besserungen  des  serologischen  Befundes 
In  vielen  klinisch  gebesserten  Fällen  findet  sich  sogar  eine  Verschlechterung 
des  serologischen  Befundes.  Die  günstigsten  Aussichten  bieten  die  am  wenig¬ 
sten  fortgeschrittenen  Fälle.  Die  Remissionen  können  sehr  rasch.,  aber  auch 
erst  nach  Monaten  deutlich  werden.  Sie  scheinen  dauerhaft  zu  sein ;  manche 
dauern  schon  4  Jahre  an.  Ob  man  nun  die  Malaria  mit  Chinin  bekämpft 
oder  ob  man  ausserdem  noch  Salvarsan  gibt,  scheint  ohne  Belang  für  die 

Behandlungsaussichten  zu  sein.  .  . 

V  K  a  f  k  a  -  Hamburg:  Die  Kolloidreaktion  des  Liquor  cerebrospinalis. 

K  bespricht  auf  Grund  seiner  ausgedehnten  Erfahrungen  die  Kolloid- 
reaktionen.  die  eine  Erweiterung  unserer  bisherigen  Liquordiagnostik  be- 
deuten,  weil  sie  am  empfindlichsten  sind  und  uns  ein  Bild  der  qualitativen 
Eiweissverhältnisse  geben.  Schlüsse  *us  den  gewonnenen  Kurven  dar! 
freilich  nur  der  ziehen,  der  die  Technik  beherrscht  und  die  kolloidchemischen 
Grundlagen  genau  kennt.  Die  Ergebnisse  der  im  ganzen  besten  Goldsol- 
reaktion  sind  nur  verwertbar,  wenn  die  Lösung  makroskopisch  und  vor 
allem  biologisch  einwandfrei  ist,  d.  h.  auf  Salz-  und  Kolloidempfindlichkeit 
geprüft  worden  ist.  Da  die  Empfindlichkeit  der  Goldsolreaktion  gegen 
äussere  Einflüsse  eine  sehr  grosse  ist  und  man  diese  bisher  nicht  auszu¬ 
schalten  versteht,  ist  die  durch  besondere  Verfahren  empfindlicher  gemachte, 
dabei  viel  weniger  diffizile  Mastixreaktion  oft  vorzuziehen.  K  gibt  als 
besondere  Modifikation  die  gefärbte  Normomastixreaktion  an  und  empfiehlt 
bei  einer  Verdünnung  von  1 :  1  anzufangen.  Die  Berlinerblaureaktion  bei 
einer  Verdünnung  von  1:100  ist  nur  verwertbar  für  die  Diagnose  des  nor- 
malen  Liquors,  wenn  sie  negativ  ist,  und  für  die  Erkennung  der  Meningitis. 
Die  anderen  Kolloidreaktionen  (Cercolid-,  Kollargol-,  Benzoereaktion  der 
Franzosen)  kommen  neben  den  drei  ersten  nicht  oder  noch  nicht  in  Betracht. 
Die  charakteristischen  Kurven  sind  die  der  Paralyse  und  der  Meningitis.  Bei 
nichtparalytischen  syphilitischen  Erkrankungen  des  Nervensystems  -finden  sich 
abgeschwächte  Meningitiskurven,  deren  Minimum  die  sog.  Lueszacke  ist. 
Die  sog.  abortiven  Paralysekurven  bei  luetischen  Prozessen  konnte  K.  als 
nach  links  verschobene  Lueszacken  deuten.  Als  Grundlage  der  Kolloid- 
reaktiönen  ist  das  qualitative,  weniger  das  quantitative  Verhalten  der  Liquor- 
eiweisstnischung  anzusehen.  Die  Kolloidkurven  erleichtern  vielfach  die 
klinische  Diagnose  vor  allem  im  Bereiche  der  luetischen  Erkrankungen. 
Wenn  sich  gegenüber  einigen  Krankheiten  (mutt.  Sklerose,  Tumoren,  mit 
starkem  Abbau  einhergehende  Arteriosklerose)  Schwierigkeiten  ergeben,  so 
gestattet  doch  das  Gesamtbild  der  Liquorveränderungen  im  Verein  mit  der 
Klinik  meist  die  Diagnose.  Bei  günstiger  Entwicklung  können  die  Kolloid- 
reaktionen  dahin  führen,  bei  der  Erkennung  des  pathogenetischen  Prozesses 
mitzuhelfen. 

F.  K.  W  a  1 1  e  r  -  Rostock  :  Zur  Histologie  Und  Physiologie  der  mensch¬ 
lichen  Zirbeldrüse.  ,  ,, 

W.  tritt  zunächst  gegenüber  anderen  Autoren  für  die  Nervenzellennatur 
der  von  ihm  beschriebenen  Pinealzellen  mit  Fortsätzen  und  Endkolben  ein. 
Ferner  stellt  er  im  Anschluss  an  einen  genauer  beschriebenen  Fall  (Gliome  im 
Kleinhirn.  Verwirrtheitszustand,  zunehmende  Hirndruckerscheinungen,  epi- 
Icptiformc  Anfälle,  Tod  im  Anfall  nach  langjähriger  Krankheitsdauer),  bei 
dem  sich  die  Zirbel  um  das  Dreifache  vergrössert  fand  und  vor  allem  die 
Randgeflechte  hypertrophisch  waren,  unter  Heranziehung  einiger  weiterer 
Fälle  die  Hypothese  auf,  dass  der  Zirbeldrüse  eine  hirndruckregelnde  Funk¬ 
tion  zukomme. 

F.  P  1  a  u  t  -  München:  Vergleichende  Untersuchungen  über  Phagozytose 
in  Serum,  Kochsalzlösung  und  Liquor. 

Während  gewaschene  und  ungewaschene  menschliche  Leukozyten  in 
aktivem  Serum  gleich  stark  Amylum  phagozytieren.  geht  die  Phagozytose  in 
inaktiviertem  Serum  verlangsamt  vor  sich  und  erreicht  geringere  Werte. 
Gewaschene  Leukozyten  nehmen  weder  in  0,85  proz.  Kochsalzlösung,  noch 
in  Normosallösung,  noch  endlich  im  Liquor  Amylum  auf.  Dagegen  phagozy¬ 
tieren  ungewaschene  Leukozyten  in  Kochsalzlösung  nach  anfänglicher  Verlang¬ 
samung  in  gleichem  Umfange  wie  in  aktivem  Serum.  Im  Liquor,  gleichgültig  ob 
dieser  erhitzt  wurde  oder  nicht,  phagozytieren  ungewaschene  Leukozyten  erst 
nach  längerer  Exposition  und  in  geringerem  Prozentsatz.  Der  Eiweissreichtum 
in  den  untersuchten  Grenzen  spielt  dabei  keine  Rolle.  Auch  wenn  man  dem 
Liquor  Serum  zusetzt,  ist  die  Phagozytose  beschränkt,  bei  10  Proz.  Serum¬ 
gehalt  noch  sehr  gering.  Der  Zusatz  von  Liquor  zu  Kochsalzlösung  schwächt 
die  Phagozytose  ungewaschener  Leukozyten  erheblich  ab;  sie  bleibt  von 
einem  40  proz.  Zusatz  an  nach  20  Minuten  nahezu  aus.  Mehrstündige 
Digestion  ungewaschener  Leukozyten  mit  Liquor  verändert  die  Phagozytose 
nicht.  Digeriert  man  jedoch  mit  Liquor  bei  37°,  so  wird  die  Phagozytose 
abgeschwächt,  jedoch  nicht  mehr  als  bei  Digestion  mit  Kochsalzlösung  oder 
Serum  bei  37°.  Wäscht  man  die  Leukozyten  jedoch  nach  der  Digestion 
bei  37°.  so  zeigt  sich  keine  Veränderung  der  Phagozytose  gegenüber  nicht- 
digerierten  Leukozyten.  Es  wird  gefolgert,  dass  der  hemmende  Einfluss  des 
Liquors  auf  die  Phagozytose  nicht  darauf  beruht,  dass  die  Leukozyten  in 
dieser  Flüssigkeit  in  besonderem  Masse  geschädigt  werden. 

Zum  Schluss  bespricht  P.  mit  grösster  Vorsicht  die  Bedeutung  seiner 
Befunde,  wenn  sich  heraüsstellen  sollte,  dass  .auch  für  die  Bakterienphago¬ 
zytose  der  Liquor  als  solcher  ein  ungeeignetes  Medium  ist  und  um  so  ge¬ 
eigneter  wird,  je  mehr  er  den  Charakter  des  Serum  annimmt. 


von  äusseren  Umständen  ab.  sei  nicht  als  diagnostisches  Zeichen  zu  vi 
wenden.  Das  Verhalten  der  Kinder  beim  Liebesgebahren  sei  als  charakte: 
logisches  Kennzeichen  zu  verwerten,  es  deute  oft  eijd^n^l^g  e^ünchen 


Klinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  5  nicht  eingetroffen,  w 
später  referiert.  Nr.  6  u.  7. 

Al.  E  1 1  i  n  g  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Angriffspunkte  der  Diuretika. 

Uebersichtsreferat. 

F.  Karewski  -  Berlin:  Ueber  den  Bauchschmerz  und  seine  different 
diagnostische  Bewertung  bei  akuten  abdominellen  Erkrankungen.  I 

Verf.  erörtert  zunächst  die  Bedingungen,’  unter  welchen  abdominelle 
krankungen  zu  Schmerzen  führen,  gibt  eine  kurze  Charakteristik  der  abdo ' 
nellen  Schmerzen.  Die  Beschaffenheit  spontaner  Bauchschmerzen  kann 
klare  klinische  Bilder  bei  kritischer  Beurteilung  wenigstens  soweit  :l 
klären,  dass  man  sagen  kann,  ob  die  Erkrankung  noch  das  ursprünglich 
fallene  Organ  betrifft,  oder  ob  sie  schon  auf  das  Peritoneum  ubergegru 
hat.  Die  richtige  Art  der  Untersuchung  wird  auseinandergesetzt,  auf  die 
die  Differentialdiagnose  sehr  viel  ankommt,  die  anatomischen  Unterlagen 
die  richtige  Lokalisierung  des  Ausgangspunktes  der  Schmerzen  werden! 
Kürze  dargestellt.  Skeptische  Beurteilung,  sorgfältige  und  Zusammenhanges 
klinische  Beobachtung,  Wertung  der  psychologischen  Fehlerquellen  kfivj 
die  richtige  Diagnose  weitgehend  sichern 

E.  Billigheimer  -  Frankfurt  a.  M.:  Der  Kalziumspiegel  Im  Blute : 

seine  Beeinflussung  durch  verschiedene  Gifte.  ] 

Zunächst  ergaben  die  angestellten  Versuche,  dass  der  Kalziumspiegel  I 
bei  jedem  Menschen  der  gleiche  ist,  nämlich  ca.  9,4  mg-Proz.  betragt.  Nl 
Adrenalininjektionen  wurde  Sinken  des  Kalkspiegels  gefunden,  nach  Pilokaa 
zeigte  sich  eine  Tendenz  zur  Steigerung,  nach  Atropin  blieb  der  Kalkspul 
am  konstantesten,  auf  Natriumphosphat  zeigte  sich  ein  Absinken.  Verf.  I 
schliesslich  eine  Theoriß  der  Wirkungen  dieser  Gifte. 

H.  Meyer-  Göttingen:  Die  chronische  Duodenalstenose. 

2  Fälle  dieser  in  ihrem  Wesen  noch  nicht  geklärten  Erkrankung  werj 
mitgeteilt.  In  beiden  wurde  operiert  und  die  Duodenojejunostomie  ausgtfiij 
Die  klinischen  Erscheinungen  sind  spärlich,  Verwechslungen  mit  Pyloi 
Stenose  liegen  nahe.  Das  Krankheitsbild  des  artenomesenterialen  Duodef 
Verschlusses  gibt  vielleicht  Erklärungsmöglichkeiten. 

Eva  Langanke-Königsberg:  Ueber  die  morphologischen  Bestandli 
des  Duodenalinhaltes  und  ihre  differentialdiagnostische  Bedeutung. 

Verf.  hat  auf  Grund  der  Rothman-Manheim  sehen  Angaben 
20  Fällen  die  durch  die  Duodenalsonde  gewonnene  „Galle“  auf  ihre  morii 
logischen  Bestandteile  untersucht.  Sie  kann  sich  aber  der  Ansicht  der  bei 
genannten  Autoren,  dass  eine  äusserste  Zellarmut  den  Duodenalinhalt  cr.a 
terisiere,  nicht  anschliessen,  in  den  meisten  Fällen  fand  sie  zahlreiche  zej 
Bestandteile,  z.  T.  auch  Leukozyten.  .  • 

C  P  o  s  n  e  r  -  Berlin:  Eine  bisher  unbekannte  Form  der  Azoosper: 

In  einem  näher  mitgeteilten  und  noch  2  weiteren  Fällen  bestand  I 
dem  Kranken,  der  nie  geschlechtskrank  gewesen  war  und  dessen  Potenz  m 
war,  Azoospermie  aus  dem  Grunde,  dass  infolge  eines  noch  nicht  aulgeklaj 
Hindernisses  die  im  Hoden  tatsächlich  nachgewiesenen  Spermatozoen  nicti 
das  Ejakulat  gelangen  konnten.  P.  bezeichnet  diese  Form  als  angeboi 
Obliterations-Azoospermie.  Eine  Therapie  ist  bisher  nicht  gefunden.^ 

J.  K  1  i  p  s  t  e  i  n  -  Mannheim:  Ueber  einzeitige  Salvarsan-Embarin- I 
Saivarsan-Cyarsal-Behandlung.  ...  . 

Die  bisherigen  Versuche  führten  zu  dem  Eindruck,  dass  die  beiden 
nannten  Methoden  die  syphilitischen  Symptome  rasch  beseitigen,  die  V 
günstig  beeinflussen  und  ernstere  Zwischenfälle  nicht  verursachen.  Ein  na 
vorteil  liegt  in  der  absoluten  Schmerzlosigkeit  der  Anwendung.  Ein  we; 
licher  Unterschied  in  der  therapeutischen  Wirksamkeit  der  beiden  MetM 

wurde  nicht  festgestellt.  ,  ,  . 

R.  Schelcher  -  Dresden:  Zur  Behandlung  der  Dlphtheriebazillentri 

mit  Dlphthosan.  ,  . 

Das  Diphthosan  ist  ein  Flavizidpräparat,  das  mit  Sussstoff  versetzu 
Das  Ergebnis  der  Versuche  fordert  zu  weiterer  Prüfung  auf.  Die  Behandl 
mittelst  Spülungen  oder  Einträufelungen  einer  Lösung  von  1 :  5000  kann  , 
im  Privathause  durchgeführt  werden.  Bei  einfachem  Schnupfen  wurde! 
Erfolg  des  Mittels  nicht  gesehen. 

Th.  G  ö  1 1  -  München:  Psychische  Anomalien  im  Klelnklndesalter. 

Der  Zeichnung  der  verschiedenen  klinischen  Bilder,  welche  sich  ausl 
mannigfaltigen  psychischen  Anomalien  der  Kleinkinder  ergeben,  schliesst  I 
sehr  bemerkenswerte  Ausführungen  an,  wie  sich  die  Verkennung  dieser 
stände  gestalten  kann,  d.  h.  die  unrichtige  Annahme  solcher  Anomalien, 
recht  vielen  Fällen,  welche  den  Eindruck  von  psychischen  Anomalien  i 
bieten,  handelt  es  sich  um  das  Ergebnis  von  Nichterziehen  durch  Eltern] 
sich  selbst  nicht  in  der  Hand  haben.  Fehler  und  Unterlassungssünden  u 
frühesten  Erziehung  des  Kleinkindes  spielen  eine  sehr  grosse  Rolle,  eine  sl 
leitete  geistige  Entwicklung  liegt  oft  zugrunde. 

de  Bo  er:  Paroxysmale  Tachykardie. 

Die  ventrikuläre  Form  von  paroxysmaler  Tachykardie  ist  dasselbe’ 
gehäufte  Extrasystolie  der  Kammern,  bei  welcher  die  Erregung  lantl 
aber  nicht  „ruckweise  rundkreist“.  Durch  das  Experiment  beim  rrj 
herzen  wurde  gezeigt,  dass  man  die  künstliche  paroxysmale  Tachyk 
beenden  kann,  indem  man  der  rundkreisenden  Erregung  durch  einen  IO 
tionsschlag  eine  zweite  Erregung  entgegenschickt. 

S.  d  e  B  o  e  r  -  Amsterdam:  Die  Prädisposition  der  Vorhöfe  zum  ' 


Jakob  K  1  ä  s  i  -  Zürich:  Beitrae  zur  Frage  der  kindlichen  Sexualität. 

K.  gibt  eine  Reihe  von  wirklich  netten  Kindergeschichtchen,  mit  denen 
er  beweisen  möchte,  dass  es  ein  Erwachen  des  Geschlechtsempfindens  im 
Sinne  des  Manifestwerdens  nach  vorangehender  vollständiger  Ruhe  nicht 
gebe.  Der  Sexualtrieb  könne  sich  schon  im  frühesten  Lebensalter,  wenigstens 
auf  psychischem  Gebiete,  mit  allen  seinen  besonderen  Qualitäten  äussern 
wie  bei  Erwachsenen.  Ob  es  dabei  zu  sexuellen  Akten  komme,  hänge  rein 


mern. 


fl«  #  y-V  .  «  , 

Beim  Flimmern  zirkuliert  die  Erregung  ruckweise  in  einer  Kien 
dieser  Bedingung  kann  von  den  Vorhöfen  leichter  entsprochen  werde' 
von  den  Kammern,  da  bei  den  ersteren  eine  ziemlich  zirkumskripte  I 
trittsstelle  der  Erregung  besteht. 

H.  Langer  und  E.  M  e  n  g  e  r  t  -  Charlottenburg:  Ueber  Hellprin;’ 
der  akuten  Ernährungsstörungen  im  Säuglingsalter  und  die  Möglichkeit 
Koliserumtherapie.  .. 

Die  Bedeutung  des  Koliserums  scheint  den  Verfassern  darin  zu  n] 
dass  es  durch  Zuführung  von  spezifischen  Schutzstoffen  das  ergänzt, 
der  künstlichen  Heilnahrung  fehlt  und  sie  von  der  Frauenmilch  untersch 
Das  injizierte  Koliserum  beschleunigt  in  vielen  Fällen  die  Reparation. 

F  ü  1 1  e  b  o  r  n:  Ueber  den  Infektionsweg  bei  Askaris. 

Auf  Grund  neuer  Versuche  kann  Verf.  bestätigen,  dass  mit  den  Eierr 
schluckte,  reife  Askarislarven  sich  verhalten  wie  verfütterte  Strongy' 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


327 


z_1922. 

me,  indem  sie  von  den  Darmwänden  aus  durch  die  Pfortader  zur 
und  dann  auf  dem  Blutwege  zur  Lunge  gelangen.  Ein  Teil  der 
larven  gelangt  regelmässig  durch  die  Lungen  zum  linken  Herz  und 
mn  in  alle  Organe  eingeschwemmt  werden. 

gen  S  c  h  u  1 1  z  e  -  Marienburg:  Oberschenkelosteomyelitis  nach  Zahn¬ 
ung. 

suistische  Mitteilung. 

Haudek  und  A.  Kriser-Wien:  lieber  die  Röntgenbehandlung 

s  e  d  o  w  sehen  Krankheit. 

f  Grund  ihrer  Erfahrungen  und  zahlreicher  Angaben  in  der  Literatur 
lie  Verfasser  lebhaft  für  diese  Therapie  ein.  Die  Misserfolge  betragen 
:rschiedenen  Statistiken  nur  10 — 25  Proz.  lieble  Begleiterscheinungen 
sich  heute  durch  entsprechende  Technik  vermeiden,  auch  die  Kapsel- 
hsungen,  wegen  welcher  Eiseisberg  vor  den  Bestrahlungen 
treten  nicht  in  dem  befürchteten  Grade  auf.  Die  Technik  wird  be- 
n. 

ch  bei  Herzneurosen  mit  kardiovaskulären  Beschwerden  haben  die 
er  bei  richtiger  Dosierung  oft  Gutes  erreicht.  Verfasser  bekennen  sich 
Standpunkte,  dass  kein  Basedow  operiert  werden  soll,  ehe  er  nicht 
lt  worden  ist. 

Engelsmann  -  Kiel:  Die  neue  Desinfektionsordnung  und  der  prak- 

Arzt. 

ly. 

F  r  a  n  k  -  Breslau :  Das  Tetaniesyndrom  und  seine  Pathogenese, 
rbersichtsartikel. 

.  R  e  h  n  -  Freiburg  i.  Br.:  Ueber  myoelektrische  Untersuchungen  bei 
scher  Katalepsie. 

rf.  hat  zu  seinen  Untersuchungen  eine  eigene  Methode  mittelst  sog. 
stichelektroden  angewendet  und  konnte  im  Gegensatz  zu  den  Ergeb- 
von  Fröhlich  und  Meyer  zeigen,  dass  im  hypnotischen  Zustand 
orische  Entladungen  in  der  Muskulatur  bestehen,  welche  anscheinend 
iem  Typus  der  normalen  Innervation  entsprechen.  (Vergl.  die  Kurven 
iginals!)  Der  Muskel  leistet  im  Zustand  der  Hypnose  eine  elektrisch 
ire  Tätigkeit,  welche  unmittelbar  mit  der  äusseren  Arbeit  verknüpft 
:  ist  zu  folgern,  dass  die  kataleptische  Muskelstarre  einfach  als  Tetanus 
gehäufter  gewöhnlicher  Innervationen  anzusprechen  ist. 

K  ü  s  t  n  e  r  -  Breslau:  Schwangerschafts-  und  Menstruationsglvkosurie. 
:rf.  berichtet  über  Versuche  zur  Klärung  der  Frage,  ob  die  Glykosurie 
ersten  Monaten  der  Gravidität  renalen  Ursprungs  ist.  Aus  diesen 
nen  scheint  hervorzugehen,  dass  der  renale  Diabetes  nicht  in  ursäch- 
Zusammenhang  mit  dem  Ei  resp.  der  Plazenta  steht,  sondern  dass 
die  veränderte  Funktion  des  Ovariums  die  Zuckerausscheidung  be¬ 
st. 

S  a  1  o  m  o  n  -  Giessen:  Die  entzündlichen  Augenerkrankungen  der  Neu- 
len  in  der  Nachkriegszeit. 

itsprechend  der  Zunahme  der  weiblichen  Gonorrhöe  in  der  fraglichen 
iegen  auch  die  entzündlichen  Augenerkrankungen  der  Säuglinge  an. 
rzlich  erschienene  Statistik  aus  Bayern,  welche  das  Gegenteil  darzutun 
,  muss  Zweifeln  begegnen.  Die  nichtgonorrhoischen  Augenentzundungen 
lerdings  zurückgegangen.  Ihre  Prognose  ist  durchaus  günstig,  wenn 
er  Behandlung  jede  Polypragmasie  vermieden  wird.  Für  die  Prophy- 
r  gonorrhoischen  bewährte  sich  die  Sopholanwendung  (Verbindung  von 
Formaldehyd  und  Nukleinsäure).  Davon  wird  I  Tropfen  einer  5  proz. 
:  ins  Auge  gebracht.  Verf.  fordert  die  obligate  Anwendung  der 
höeprophylaxe  durch  ganz  Deutschland. 

F  r  ä  n  k  e  1  -  Breslau:  Erfahrungen  und  Dauerergebnisse  in  der 
othoraxbehandlung  der  Lungentuberkulose. 

e  Erfahrungen  an  75  resp.  57  Fällen  sind  dem  Berichte  zugrunde  gelegt, 
usbleiben  des  Erfolges  bei  einem  Teile  dieser  Fälle  wird  von  Verf. 
ichlich  dem  vorzeitigen  Abbrechen  dieser  Behandlung  zur  Last  gelegt, 
mg  der  Erfahrungen  und  der  bei  der  Methode  beobachteten  Gesichts- 
Bezüglich  der  Technik  hat  die  Stichmethode  sich  in  ihrer  heutigen 
Ikommnung  durchgesetzt.  Das  Verfahren  ist  im  grossen  und  ganzen 
r,  kann  aber  kaum  in  die  Hand  des  praktischen  Arztes  gelegt  werden, 
auptkampf  gegen  die  Tuberkulose  liegt  nach  wie  vor  auf  sozialem 

.  L  o  t  s  c  h  -  Berlin :  Die  traumatischen  Läsionen  des  Talus. 

ergl.  Bericht  der  M.m.W.  (1921  Nr.  50)  über  die  Sitzung  der  Berl. 

lesellschaft  vom  1.  Dezember  1921. 

S  e  1  b  r  i  g  -  Berlin-Weissensee:  Die  operative  Frakturbehandlung  nach 

;rf.  hat  viele  Frakturen  mit  dem  Verfahren  der  Knochenverschraubung 
eit,  das  La  ne  1894  angegeben  hat.  Der  Vorteil  der  Knochennagelung 
esonders  in  der  Herstellung  einer  normalen  Knochenkonfiguration,  auch 
ran  die  Methode  bei  infizierten  und  komplizierten  Frakturen  mit  Erfolg 
len.  Die  Methode  verdient  eine  grössere  Beachtung. 

Michaelis:  Die  Abhängigkeit  der  Wirkung  der  Chininalkaloide 
kterlen  von  der  Alkalität, 
icht  zu  kurzer  Inhaltsangabe  geeignet. 

.  Königsfeld  -  Freiburg  i.  Br.:  Ueber  die  Beeinflussung  des  mensch- 
Stoffwechsels  durch  Chlorophyllpräparate. 

erf.  teilt  in  Kürze  mit,  dass  es  durch  Zufuhr  von  Chlorophyllpräparaten 
5san)  gelingt,  den  menschlichen  Stoffwechsel  im  Sinne  einer  Steigerung 

anflussen. 

•  Dreser:  Die  Bewegung  der  Atemluft  in  den  Alveolargängen  der 

3?  ' 

halt  kann  nicht  gekürzt  wiedergegeben  werden. 

La  n  d  e  n  b  e  r  ge  r  -  Würzburg:  Tuberkulinprobe  und  Skrofulöse 
len  Erfahrungen  bei  der  augenärztlichen  Klientel. 

ie  hier  mitgeteilten  Erfahrungen  zeigen,  dass  die  Tuberkulinprobe  bei 
hugenärztlichen)  Bild  der  Skrofulöse  als  diagnostisches  Hilfsmittel  kaum 
;tge  kommt;  sie  gibt  jedoch  einen  wichtigen  Anhaltspunkt  für  den 
der  Allergie  des  kranken  Körpers  und  besonders  seines  Integuments, 
lergie  läuft  weitgehend  mit  der  Ekzembereitschaft  des  Körpers  parallel, 
r.  L  ö  f  f  1  e  r  -  Halle  a.  S.:  Grundregeln  für  den  Fixationsverband, 
usammenfassende  Instruktion  für  den  Praktiker  über  dieses  Thema, 
f  f  1  e  r  -  Danzig:  Der  Arzt  als  Gesundheitslehrer, 
erf.  fordert  innerhalb  der  berufsmässigen  Hingabe  an  das  Volkswohl 
ing  der  neugestellten  Aufgabe,  Gesundheitslehrer  zu  werden, 
echtsanwalt  H.  .Friedländer  -  Charlottenburg:  Steuergesetze. 


H.  G  r  ü  s  s:  Flüssige  Kristalle.  Feuilleton. 

R.  F  r  e  i  s  e  -  Berlin :  Klinische  Mikromethoden  unter  besonderer  Berück¬ 
sichtigung  der  neueren  Verfahren. 

Referat.  Grass  mann  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  6. 

F.  Deutsch  und  R.  P  r  i  e  s  e  1  -  Wien :  Herzuntersuchungen  bei 
Schwangeren  und  Gebärenden. 

Auf  Grund  zahlreicher  radiologischer  Befunde  zeigt  sich  das  gesunde 
Herz  wohl  unter  dem  Einfluss  der  Gravidität  vergrössert,  jedoch  nur  in  sehr 
geringem  Maasse.  Ausserdem  ergab  sich,  dass  diese  Vergrösserung  auf 
Rechnung  beider  Herzanteile  zu  setzen  ist,  dass  dieselbe  durch  die  Wehen¬ 
tätigkeit  keine  weitere  Zunahme  erfährt  und  sich  im  Wochenbett  sehr  rasch 
zurückbildet.  Der  objektive  Befund  akzidenteller  Herzgeräusche  in  der 
Gravidität  dürfte  auf  eine  gewisse  Neigung  zur  Funktionsschwäche  hinweisen. 

H.  B  i  b  e  r  s  t  e  i  n  -  Breslau:  Ueber  Hautdiphtherie,  insbesondere  die 
ekzematoide  Form. 

Die  „Diphtheria  ekzematoides“  ist  den  nicht  charakteristischen  Formen 
der  Wunddiphtherie- an  die  Seite  zu  stellen  und  durch  genaue  bakteriologische 
Untersuchung  mit  Sicherheit  zu  diagnostizieren.  Die  Wirksamkeit  der  Serum¬ 
behandlung  ist  ungenügend;  bewährt  hat  sich  dagegen  das  Eukupin:  Betupfen 
mit  5  proz.  alkalischer  Lösung,  Verband  mit  2  proz.  Salbe. 

Umfrage  über  die  neue  Influenzaepidemie. 

Prophylaxe  gegen  die  Tröpfcheninfektion  ist  allgemein  hygienisch;  die 
Inkubationszeit  dürfte  nur  nach  Stunden  zählen.  Erworbene  Immunität  wird 
von  manchen  angenommen.  Der  Eintritt  feuchter  Witterung  hat  zweifellos 
einen  Einfluss  auf  die  Infektionswelle;  abgehärtete  Personen  bleiben  gewöhn¬ 
lich  verschont.  Der  Pfeiffer  sehe  Bazillus  wurde  im  Sputum  oft  ge¬ 
funden.  Charakter  der  Epidemie  allgemein  als  leicht  bezeichnet.  Salizyl- 
präparate  bewähren  sich  am  besten.  Der  von  einem  der  Beantworter  ge¬ 
machte  Vorschlag  der  „Alkoholprophylaxe“  wird  sehr  bald  den  Weg  in  die 
Tageszeitungen  finden. 

L.  Lindenfeld  -  Wien:  Ueber  Meningitis  gonorrhoica. 

Mitteilung  der  Krankengeschichte  und  des  genauen  Obduktionsbefundes; 
der  histologische  Befund  der  Meningitis  war  übrigens  nicht  spezifisch. 

A.  L  i  n  h  a  r  t  -  Plan:  Ueber  vorübergehenden  Verschluss  von  Körper¬ 
öffnungen  mittels  Hautknopflöchern. 

Empfehlung  für  den  Verschluss  des  abdominalen  Anus  praeternaturalis. 

H.  v.  0  r  t  e  n  b  e  r  g  -  Santa  Cruz:  Zur  Kasuistik  seltener  Ileusfälle. 

Persistenz  des  strangförmigen  Ductus  omphalo-mesentericus  und  Strangu- 
lationsileus. 

F.  Friedländer-  Charlottenburg:  Nachtrag  zu  meiner  Arbeit:  Ueber 
senile  Hysterie  (Astasie-Abasie  und  Vagotonie). 

Sektionsbefund  bestätigte  die  klinische  Diagnose. 

R.  Feustell  -  Grünau:  Ueber  praktische  Erfahrungen  mit  Lytophan. 

Gegenüber  geringen  Erfolgen  bei  chronischer  Gicht  ist  für  rheumatische 
Erkrankungen  aller  Art  und  jeden  Verlaufes  das  Mittel  dem  Praktiker  zu 
empfehlen. 

W.  Gaethgens  und  G.  S  a  1  v  i  o  1  i  -  Hamburg:  Beitrag  zu  Theorie 
und  Praxis  der  Ausflockungsreaktion  von  Sachs  und  G  e  o  r  g  i. 

Bei  der  Kombination  von  S.-G.-R.  mit  der  Wa.R.  ergeben  nur  spezifische 
Ausflockungen  eine  Hemmung  der  Hämolyse,  während  unspezifische  Aus¬ 
füllungen  negativ  reagieren.  Da  letztere  vornehmlich  nach  kürzerer  Ein¬ 
wirkung  der  Bruttemperatur  auftreten,  empfiehlt  sich  die  Ablesung  in  zweifel¬ 
haften  Fällen  erst  nach  48  Stunden. 

Ernst  T  o  b  i  a  s  -  Berlin :  Ueber  die  Bedeutung  der  Hydro-  und  Thermo- 
therapie  für  die  Physiologie  und  Pathologie  des  weiblichen  Sexualapparates. 

Klinischer  Vortrag.  S. 

Schweizerische  Medizinische  Wochenschrift.  1921.  Nr.  50  (nach¬ 
träglich). 

Hotz:  Zur  Kropffrage. 

Verf.  fand  bei  behäbigen,  fetten  Frauen  im  Klimakterium  mit  grosser 
diffuser  oder  knotiger  Struma  (grober  Kolloidkropf  mit  Hypothyreose)  guten 
Erfolg  von  Jodkali  (5  proz.,  je  5  Tropfen  an  den  ersten  5  Tagen  jeden  Monats), 
wahrend  bei  vorzeitig  erschöpften  kropfigen  Frauen  im  geschlechtsreifen  Alter 
Jod  sehr  gefährlich  ist,  die  rechtzeitige  Operation  vollen  Erfolg  bringt.  Bei 
Kindern  sah  er,  dass  in  der  gleichen  Familie  jüngere  Kinder  kretinisch,  ältere 
hyperthyreotisch  waren  bei  ganz  gleichen,  weichen,  pulsierenden  Kröpfen, 
kleinbläsig  mit  flüssigem  Kolloid,  hohem  Epithel.  Ist  bei  der  ersteren  Gruppe 
Jod  erfolglos,  soll  man  operieren  und  hat  dann  oft  noch  Erfolg.  Verf. 
befürwortet  sehr  die  Jodprophylaxe  im  Kindesalter  nach  K  1  i  n  g  e  r  u.  a. 

Galli-Valerio  -  Lausanne:  La  flagelliase  des  Euphorbiacees  en 
Suisse.  (3e  contribution  ä  l’adaptation  des  parasltes.) 

M  a  s  s  i  n  i  -  Basel:  Ueber  tuberkulöse  Myokarditis. 

Bei  einem  Fall  von  chronischer  Myokarditis,  der  weder  intra  vitam  noch 
bei  der  Sektion  Zeichen  von  spezifischer  Tuberkulose  irgendeines  Organs 
darbot,  wurden  mittelst  Tierversuchs  aus  dem  Herzmuskel  Ttiberkelbazillen 
vom  Typus  humanus  gezüchtet. 

W.  L  ü  s  c  h  e  r  -  Basel :  Ueber  Myocarditis  tuberculosa. 

Sehr  ausführliche  Beschreibung  von  2  Fällen  mit  ganz  verschiedenem 
histologischem  Charakter  (produktiv-entzündliches  Granulationsgewebe  und 
chronisch  fibroplastische  Entzündungsform),  aber  positivem  Bazillcnbefund. 
Verf.  weist  darauf  hin,  dass  bei  systematischer  Anwendung  des  Tierversuchs 
Myokarditisfälle  wohl  häufiger  als  tuberkulös  erkannt  würden,  wofür  ja  auch 
Liebermeisters  Erfahrungen  sprechen.  E.  Jacob-  Bremen. 

Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  Archiv  für  innere  Medizin.  III.  Band,  Heft  3. 

N.  Roth -Pest:  Respirations-Stoffwechselversuche  an  Röntgen-behandel- 
ten  Basedow-Kranken. 

Die  Respirationsstoffwechselanalyse  gibt  Aufschluss  über  den  bei 
Basedowkranken  gesteigerten  Oxygenverbrauch  und  die  Kohlensäureausgabe. 
In  den  untersuchten,  ausgesprochenen  Basedowfällen  wurde  nach  Röntgen¬ 
bestrahlung  in  beiden  Punkten  eine  Wiederherstellung  zur  Norm  gefunden 
und  somit  die  Wirksamkeit  der  Behandlung  erwiesen.  Bleibt  diese  Wir¬ 
kung  aus,  so  ist  die  Fortsetzung  der  Bestrahlung  aussichtslos.  In  der 


328 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


unausgebildeten  Form  fehlt  obige  Stoffwcchselstörung,  weshalb  auch  diese 
Kontrolle  des  Bestrahlungserfolges  nicht  tunlich  ist. 

St.  Rusznyak  -  Pest:  Krankheiten  und  Jahreszeiten. 

Der  Einfluss  der  Jahreszeiten  auf  die  Krankheitshäufigkeit  ist  vielfach 
beobachtet,  die  Ursachen  noch  wenig  aufgeklärt.  Aeussere,  zumal  klimatische 
Einflüsse  kommen  vor  allem  für  die  Infektions-  und  ..Erkältungs  krankheiten 
in  Betracht,  für  andere  Krankheiten  sind  periodische  Einflüsse  der  Innen¬ 
sekretion  und  Regulationen  von  Seite  des  vegetativen  Nervensystems,  auch 
wechselnde  Zustände  der  Anaphylaxie,  anzunehmen.  Eine  grössere  Zahl 
von  Krankheiten  zeigt  eine  jährlich  zweimalige  Häufung  (Frühjahr  und 
Herbst),  so  die  Tuberkulose,  die  Rheumatismen,  Malaria,  Nephritis,  das 
Magengeschwür,  Cholelithiasis  und  Neurosen,  klimakterische  Störungen. 
Andere  häufen  sich  im  Frühjahr:  Geisteskrankheiten,  Tetanie,  Basedow, 
Gicht,  Diabetes,  Chlorose.  Herzfehlerbeschwerden,  andere  im  Herbst:  Tabes, 
Duodenalgeschwür,  Asthma,  Hirnblutungen. 

A.  v.  F  e  k  e  t  e,  D.  Fuchs,  B.  M  o  1  n  a  r  -  Pest:  Ueber  die  Nephro- 
pathia  gravidarum.  . 

Für  die  Nephropathia  gravidarum  lassen  sich  zwei,  allerdings  häufig 
sich  vermischende  Typen  aufstellen:  1.  der  nephrotische,  verbunden  mit 
Kochsalz-  und  Wasserretention  (Oedeme),  ohne  Blutdrucksteigerung,  Augen¬ 
hintergrundsveränderung  und  ohne  Vermehrung  des  Restnitrogens  im  Blut¬ 
serum,  2.  der  nephritische  mit  Nitrogenretention,  Blutdrucksteigerung  und 
Retinitis  albuminurica.  Ersterer  reagiert  meist  gut  auf  wasser-  und  kochsalz¬ 
arme  Diät,  letzterer  tut  das  nicht  und  zeigt  rasche  Progression  und  führt 
oft  zur  künstlichen  Unterbrechung  der  Schwangerschaft.  Die  Eklampsie  be¬ 
trifft  —  ausser  scheinbar  Gesunden  —  vorzugsweise  die  nephrotischen 
Formen.  Die  Nephrose  hat  ihre  pathofogische  Grundlage  in  einer  Erkrankung 
der  Gefässe  des  Unterhautzellgewebes  oder  auch  der  Nieren,  die  Nephritis 
in  der  Erkrankung  der  Nierengefässe,  die  Eklampsie  in  der  Erkrankung  der 
Gehirngefässe. 

L.  Karczag  und  D.  Marko-Pest:  Zur  Differentialdiagnose  der 
sterno-mediastlnalen  Dämpfungen. 

Für  die  Differentialdiagnose  sind  vor  allem  zu  beachten  die  anatomischen 
und  respiratorischen  Verhältnisse  der  rechten  Lunge,  welche  bis  zur  Mitte 
des  Brustbeins  reicht  und  sich  keilförmig  zwischen  das  Brustbein  und  die 
Mediastinalgebilde  einschiebt  und  die  Veränderungen  der  Aorta  (Aorta  pro¬ 
minens  und  praecurrens),  welche  röntgenologisch  festzustellen  sind. 

St.  Rusznak  und  J.  Barat-Pest:  Ueber  den  Mechanismus 
der  Resistenzveränderung  der  roten  Blutkörperchen. 

Betrifft  vor  allem  die  erhöhte  Resistenz  der  jungen  Blutkörperchen  gegen¬ 
über  der  osmotischen  und  chemischen  Hämolyse. 

F.  S  t  e  r  n  b  e  r  g  -  Pest:  Ueber  Purpuraerkrankungen. 

Analyse  verschiedener  Fälle  von  essentieller  Thrombopenie,  chronisch 
intermittierende  Thrombopenie,  akuter  essentieller  Thrombopenie,  anaphylak¬ 
toider  Purpura,  toxischer,  Ernährungspurpura. 

K.  Hajo  s-Pest:  Ueber  den  Einfluss  des  Magensaftes  auf  die  Bakterien 
der  Typhus-Koli-Dysenteriegruppe. 

Die  keimtötende  Wirkung  des  Magensaftes  auf  die  genannte  Bakterien¬ 
gruppe  beruht  nur  auf  seinem  Salzsäuregehalt.  Die  Abtötung  erfolgt  bei 
dem  normalen  Magensaft  in  15 — 20  Minuten.  Ihr  entgehen  am  ehesten  die 
mit  Flüssigkeit  eingeführten,  den  Magen  also  eher  verlassenden  Bakterien. 
Der  hypo-  und  anazide  Magensaft  ist  daher  weniger  wirksam.  Mischinfek¬ 
tionen  kommen  oft  dadurch  zustande,  dass  durch  eine  primäre  Ruhrinfektion 
die  Azidität  des  Magensaftes  herabgesetzt  wurde. 

L.  Csaki-Pest:  Ueber  die  Verteilung  des  Blutzuckers  im  strömenden 
Blute. 

Die  Blutkörperchen  des  Gesunden  sind  auch  bei  vermehrtem  Blutzucker¬ 
gehalt  zuckerfrei,  die  des  Diabetikers  sind  auch  bei  niedrigem  Zuckerspiegel 
zuckerhaltig.  Ketonkörper  haben  auf  dieses  Verhältnis  keinen  Einfluss.  Nach 
Defibrinieren  oder  Zusatz  von  gerinnungshemmenden  Körpern  verhält  sich 
das  Blut  des  Gesunden  wie  das  des  Diabetikers. 

E.  Földe  s-Pest:  Diabetisches  Oedem  und  Azidose. 

Einfluss  der  Azidose  auf  die  Oedembereitschaft.  Vergrösserung  der 
roten  Blutkörperchen  bei  Diabetikern  mit  bedeutender  Azidose.  Abnahme 
der  Grösse  durch  Sodagaben  (Laugenwirkung),  Vergrösserung  der  Blutkörper¬ 
chen  bei  Oedembereitschaft.  Oedembereitschaft  als  Folge  geschädigter 
Nierenfunktion  infolge  der  Azidose.  Beziehungen  der  Hydrämie  zur  Oedem¬ 
bereitschaft;  Einfluss  der  Sodagaben  auf  die  Hydrämie,  die  Zahl  der  roten 
Blutkörperchen  und  die  Oedembereitschaft. 

G.  Hetenyi  und  J.  V  and  o  r  f  y  -  Pest:  Experimentelle  Unter¬ 
suchungen  über  den  Mechanismus  der  Regurgitation  beim  Menschen. 

Bei  der  Magensekretion  kommt  stets  eine  physiologische  Regurgation 
zustande,  wenn  der  Salzsäurespiegel  des  Mageninhaltes  einen  gewissen, 
individuell  verschiedenen  Grad  erreicht  hat,  und  zwar  in  zwei  Phasen: 
anfangs  fliesst  Pankreassaft  in  den  Magen,  dann  Galle  und  Darmschleim. 
Bleibt  die  Regurgitation  aus,  so  kann  es  zur  Hyperazidität  kommen. 

E.  v.  Haynal-Pest:  Der  diagnostische  Wert  des  S  c  h  i  1 1  i  n  g  sehen 
Blutbildes. 

St.  Rusznyak,  J.  Barrat  und  G.  Daniel -Pest:  Experimentelle 
und  klinische  Untersuchungen  über  das  Antitrypsin. 

Untersuchungen  über  die  Natur  der  Antitrypsine  (Kolloide,  aber  weder 
Fettkörper  noch  Eiweissverbindungen).  Die  Antitrypsinreaktion  des  Blut¬ 
serums  ergibt  häufig  paradoxen  Ausfall,  ist  nicht  charakteristisch  für  Krebs. 
Die  Kachexie,  bei  welcher  sie  häufiger  positiv  ist,  ist  auch  auf  andere  Weise 
zu  erkennen.  Immerhin  spricht  die  positive  Reaktion  mehr  für  Krebs  als 
die  negative  gegen  einen  solchen.  Bergeat  -  München. 


Amerikanische  Literatur. 

A.  W.  Hewlett  und  J.  P.  S  w  e  e  n  e  y:  Chinidinbehandlung  bei  Vor¬ 
hofflimmern.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  LXXVII,  Nr.  23.) 

Chinidin  wurde  in  11  Fällen  von  Vorhofflimmern  angewandt,  wobei  fünf 
Fälle  geheilt  wurden.  Verf.  kommen  zu  folgenden  Schlussfolgerungen:  Das 
Chinidin  stellt  in  einer  gewissen  Anzahl  von  Fällen  einen  normalen  Herz¬ 
rhythmus  her.  Frische  Fälle  von  Vorhofflimmern  werden  am  günstigsten 
beeinflusst,  ln  einigen  Fällen  kann  das  Chinidin  schwere  Symptome  hervor- 
rufen,  welche  einen  ungünstigen  Einfluss  auf  die  Kompensation  ausüben.  Es 
ist  daher  ratsam  das  Chinidin  nur  zu  gebrauchen,  nachdem  die  Dekompen¬ 
sation  durch  andere  Mittel  behandelt  worden  ist. 


S.  B.  Burk:  Bluttransfusion  in  den  Sinus  longitudinalis  superior 
Säuglingen,  die  an  Ernährungsstörungen  leiden.  (Med.  Record,  N.  Y„  1921 

Nr.  18.)  •• 

Die  Transfusion  zitrierten  Blutes  bei  Säuglingen  mit  Ernahrungsstorun 
hat  sich  praktisch  bestens  bewährt.  Die  Transfusion  bei  Säuglingen  wird 
besten  durch  den  Sinus  longit.  sup.  gemacht.  Bei  Kindern  unter  2  Jahren 
die  vordere  Fontanelle  leichten  Zutritt  zum  Sinus,  der  sich  wegen  sc 
Grösse  und  oberflächlichen  Lage  sehr  zur  Bluttransfusion  eignet. 

A.  H.  E  b  e  1  i  n  g  und  A.  C  a  r  r  e  1:  Endresultate  kompletter  Hn 
transplantation  der  Hornhaut.  (Journ.  Exper.  Med.,  Baltimore,  1921,  XX) | 
Nr.  5.) 

Es  wurde  ein  kleines  üewebestiiek,  welches  die  ganze  Dicke  der  Hi, 
haut  einer  Katze  einnahm,  auf  die  Hornhaut  einer  anderen  Katze  überpfb ; 
Das  Stück  wurde  nach  2  Jahren  untersucht  und  vollständig  transparent  ; 
funden.  Die  Wölbung  der  Kornea  schien  normal  zu  sein. 

A.  Carrel  und  A.  H.  E  b  e  1  i  n  g:  Alter  und  Vermehrung  der  Eil . 
blasten.  (Journ.  Exper.  Med.,  Baltimore,  1921,  XXXIV,  Nr.  6.)  1 

Experimentell  besteht  ein  bestimmtes  Verhältnis  zwischen  dem  Wachs* 
einer  reinen  Kultur  von  Fibroblasten,  die  in  Plasma  kultiviert  werden.  | 
dem  Alter  des  Tieres,  von  welchem  das  Plasma  herrührt.  Die  Zellvermehtj 
nimmt  ab,  je  älter  das  Tier  ist.  Ein  ähnliches  Verhältnis  besteht  zwischen : 
Lebensdauer  der  Fibroblasten  in  vitro  und  dem  Alter  der  Tiere.  Die  ’j 
schiedenheit  der  Wachstumsrate  einef  reinen  Kultur  von  Fibroblasten  !i 
als  Reagens  gewisser  Modifikationen,  welche  unter  dem  Einfluss  des  AI 
im  Blutserum  auftreten,  gebraucht  werden.  Der  Einfluss  des  Alters  auf 
Serum  ist  charakterisiert  nicht  durch  die  Abnahme  eines  akzelericrerj 
Faktors  in  der  Vermehrung  der  Fibroblasten,  sondern  durch  die  Verstärk« 
eines  Hemmungsfaktors. 

L.  Clend  enning:  Die  Ursachen  ungünstiger  Symptome  nach  Gas 
enterostomie.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  LXXVII,  Nr,  16. 

Beobachtungen  an  36  praktischen  Fällen  führen  Verf.  zu  folgenden  Rtj 
taten:  Die  Gastroenterostomie  ergibt  gute  Resultate  nur  in  sorgfältig  auf 
wählten  Fällen.  Die  günstigsten  Resultate  werden  erzielt  in  Fällen  von  L.« 
pylori  mit  Obstruktion.  Am  wenigsten  günstig  sind  die  Resultate  bei  1 
schwüren,  die  vom  Pylorus  abliegen.  Die  Kranken,  bei  denen  die  Gail 
enterostomie  ausgeführt  wird,  haben  geringe  oder  gar  keine  Verdamu 
beschwerden,  wenn  die  Fälle  gehörig  ausgewählt  werden.  Die  Ursau 
ungünstiger  Folgen  der  Gastroenterostomie  sind  Jejunalgeschwür,  Rezii 
des  Geschwürs,  besonders  Geschwüre  an  der  hinteren  Magenwand,  Dian 
infolge  zu  schneller  Beförderung  der  Nahrung,  Erweiterung  des  Jejunumi 
folge  einer  zu  grossen  Oeffnung,  gastrische  Stasis  infolge  zu  hoher  .1 
führung  der  Gastroenterostomie  und  endlich  nachfolgende  Magenerkrankj 

L.  Fisher  und  A.  Cohen:  Lungenabszess  bei  Erwachsenen  i 
Tonsillektomie  unter  Allgemeinnarkose.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chici 
1921,  LXXVII,  Nr.  17.) 

Wahrscheinlich  sind  mehrere  Ursachen  für  das  Entstehen  eines  Fünf 
abszesses  verantwortlich.  Es  ist  leicht  möglich,  dass  Aspiration  infiziei 
Materials  einen  Lungenabszess  hervorrufen  kann,  wobei  eine  fe'nlerll 
Technik  eine  Rolle  spielt.  Sehr  wahrscheinlich  liegt  aber  in  den  mea 
Fällen  die  Ursache  darin,  dass  infizierte  Emboli  durch  die  Lymph-  oder  ll 
gefässe  weitergetragen  werden  und  sich  in  den,  Lungen  festsetzen. 

Wie  kann  nun  diese  schwere  Folge  vermieden  werden?  An  der  h 
eines  grossen  statistischen  Materials  zeigen  Verf.,  dass  Lungenabszessei 
nahe  ausschliesslich  nach  Operationen’  unter  Allgemeinnarkose  auftrl 
während  bei  lokaler  Anästhesie  nachfolgende  Lungenabszesse  sehr  selten  I 
Diese  günstige  Wirkung  der  Lokalanästhesie  ist  auf  folgende  Weise  m 
klären:  1.  Sie  verhindert  Aspiration  infizierten  Materials.  2.  Sie  fuhrt  1 
Kontraktion  der  Lymph-  und  Blutbahnen  im  Operationsfeld  herbei  und  1 
hindert  auf  diese  Weise  eine  Weiterbeförderung  infizierten  Materials.  3.! 
allgemeine  Schock  und  die  allgemeinen  üblen  Einwirkungen  sind  geringen 
bei  der  Allgemeinnarkose.  4.  Lokalanästhesie  kann  einen  ruhenden  Infekti! 
herd  im  Respirationstrakt  unmöglich  zum  Ausbruch  bringen. 

H.  C.  Bumpus  und  J.  C.  Me  iss  er:  Herdinfektion  in  Fällen  1 
Pyelonephritis.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  LXXVII,  Nr.  i 

Bei  82  Kaninchen  wurden  Injektionen  eines  grüne  Farbe  produziere! 
Streptokokkus  gemacht,  der  von  den  Gaumenmandeln,  von  Harn  und  1 
von  Kranken  gewonnen  wurde,  die  an  Pyelonephritis  litten.  Bei  62  di 
Versuchstiere  wurden  Läsionen  in  den  Nieren  hervorgerufen.  Veri; 
glauben,  dass  dies  ein  Beweis  sei,  dass  Pyelonephritis  oft  durch  eine  H 
infektion,  welche  Streptokokken  enthält,  verursacht  wird.  Die  Streptoko! 
zeigen  eine  Vorliebe  für  den  Harntraktus.  Der  Kolonbazillus,  welcher) 
wohnlich  für  die  Krankheit  verantwortlich  gemacht  wird,  hat  nur  eine  ul 
geordnete  Bedeutung. 

J.  A.  Fordyce  und  I.  Rosen:  Laboratoriumsergebnisse  bei  ll 
und  Spätsyphilis.  Eine  Uebersicht  über  1064  Fälle.  (Journ.  Am.  Med.  Asl 
Chicago,  1921,  LXXVII,  Nr.  26.) 

Etwa  25 — 30  Proz.  aller  Fälle  von  Sekundärsyphilis  weisen  eine  Infell 
des  Zentralnervensystems  auf.  Dies  kann  nur  durch  eine  Lumbalpun'l 
festgestellt  werden,  da  die  klinischen  Symptome  in  den  ersten  Monaten: 
bedeutend  sind.  Das  Nervensystem  wird  bei  Männern  viel  häufiger  in  j 
leidenschaft  gezogen  als  beim  weiblichen  Geschlecht.  Die  Wassermal 
sehe  Probe  des  Blutes  bleibt  häufig  negativ,  während  die  Zerebrospl 
Flüssigkeit  einen  aktiven  luetischen  Prozess  anzeigt.  Keine  Kranken  «1 
als  geheilt  entlassen  werden  ohne  eine  Untersuchung  der  Zerebrospinalflii 
keit.  Eine  Unterlassung  dieser  Untersuchung  kann  oft  schwere  und  unwj 
rufliche  Folgen  haben. 

Pupillenanomaliem  und  Paralyse  der  Gehirnnerven  sind  oft  Pi 
gnomonisch  und  weisen  immer  auf  Syphilis  des  Nervensystems  hin.  I 
Fehlen  klinischer  Symptome  schliesst  Syphilis  des  Nervensystems  nicht1 
Die  klassischen  Symptome  der  Tabes  können  bei  negativem  Blut-  und  LU 
befund  Vorkommen.  Die  Kolloidgoldprobe  ist  von  den  Verfassern  wät' 
der  letzten  6  Jahre  angewandt  worden  und  hat  sich  von  grossem  diagt 
sehen  und  praktischen  Wert  erwiesen. 

G.  H.  Weaver:  Beobachtungen  über  die  Behandlung  des  Schar 
fiebers  durch  menschliches  Immunserum.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chi«; 
1921,  LXXVII,  Nr.  18.) 

Schon  vor  3  Jahren  hat  Verf.  einen  Artikel  veröffentlicht  über  die 
handlung  des  Scharlachfiebers  durch  Injektionen  von  Immunserum,  das« 
Scharlachrekonvaleszenten  gewonnen  wurde.  Seitdem  hat  er  diese  Bel« 
lungsmethode  in  vielen  Fällen  akuter  Erkrankung  angewandt  und  durc 


;irz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


329 


jige  Resultate  erzielt.  Das  Serum  wurde  meistens  intramuskulär  in 
i  von  60 — 90  ccm  eingespritzt.  Nur  in  wenigen  Fällen  wurde  dasselbe 
renös  gebraucht.  Wenn  die  erste  Dosis  keine  Besserung  brachte,  wurde 
j  24  Stunden  eine  zweite  Einspritzung  gemacht.  Eine  lange  Erfahrung 
dass  die  Serumbehandlung  frühzeitig  angewandt  werden  muss. 

(.  M.  Blackford:  Magensymptome.  Beobachtungen  an  1000  Fällen, 
n.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1921,  LXXV1I,  Nr.  18.) 

Jnter  den  1000  Fällen  wiesen  14  Proz.  organische  Erkrankungen  des 
ns  auf.  Alle  diese  Fälle  wurden  ziemlich  genau  vermittelst  der  Röntgen- 
en  diagnostiziert.  In  34  Proz.  der  Fälle  lag  abdominale  Erkrankung 
i  wobei  die  Magenfunktion  auf  dem  Reflexwege  gestört  wurde.  Gallen- 
,  lentzündung  verursacht  mehr  Störungen  der  Magenfunktion  als  irgend- 
mdere  Abdominalerkrankung.  In  18  Proz.  aller  Fälle  konnte  allgemeine 
i  merkrankung  als  Ursache  der  Magenstörung  festgestellt  werden.  In 
•oz.  konnten  keine  objektiven  pathologischen  Veränderungen  entdeckt 
:n.  Hier  musste  die  Störung  der  Lebensweise  und  allgemeiner 
äche  zugeschrieben  werden.  Bei  einem  Drittel  aller  Fälle,  bei  denen 
r  eine  Operation  vorgenommen  worden  war,  war  die  Störung  funktionell. 
Proz.  aller  Fälle  konnte  keine  Diagnose  gestellt  werden.  Bei  13  oder 
Proz.  der  untersuchten  Kranken  war  der  Wurmfortsatz  entfernt  worden, 
ei  10  Proz.  aller  untersuchten  Frauen  war  vorher  eine  Beckenoperation 
normnen  worden. 

Z.  C.  Browning:  Bericht  über  einen  Fall  von  Tuberkulose  des 
mmarks.  (Med.  Record,  N.  Y„  1921,  C,  Nr.  24.) 

n  diesem  Falle  bestand  zugleich  Tuberkulose  der  Nebennieren  und  der 
Iklappe  des  Herzens. 

i.  A.  Koser  und  R.  B.  Edmondson:  Beobachtungen  über  Bacillus 
nus-Infektion  von  in  Blechbüchsen  verpacktem  Spinat.  (Journ.  Am. 
Assoc.,  Chicago,  1921,  LXXVII,  Nr.  16.) 

n  letzter  Zeit  sind  eine  Anzahl  von  Fällen  von  Botulinusvergiftung  durch 
enspinat  vorgekommen.  Hierauf  hat  das  chemische  Bureau  zu 
mgton  eine  Reihe  von  Untersuchungen  über  büchsenverpackten  Spinat 
:ht,  die  zu  folgenden  Resultaten  führten:  Bacillus  botulinus,  Typ  A,  kann 
n  Büchsenspinat  vermehren  und  sein  charakteristisches  Toxin  produ- 
.  Eine  Temperatur  von  37  0  C  ist  dem  Wachstum  des  Bazillus  günstig, 
die  Vermehrung  des  Keimes  hinreichend  zugenommen  hatte,  so  war 
n  des  Spinatsaftes  genügend,  ein  Meerschweinchen  innerhalb  18  Stunden 
ten.  Das  Wachstum  des  Bacillus  botulinus  erfolgt  unter  Gas-  und 
scher  Toxinbildung.  Von  174  Probebüchsen  verdächtigen  Spinats  wurde 
acillus  botulinus  oder  dessen  Toxin  in  6  Büchsen  gefunden.  In  allen 
war  es  Typ  A.  Diese  6  Büchsen  waren  alle  aufgetrieben  und  ver- 
ten  beim  Oeffnen  einen  widerlichen  Geruch.  Das  Aussehen  und  der 
h  solcher  Büchsen  bilden  daher  ein  Warnungszeichen  gegen  den  Genuss 
r  Nahrung. 

.  A.  McLeod  und  W.  F.  Jacobs:  Hypernephrom  des  Sternums. 
Record,  N.  Y„  1921,  C,  Nr.  23.) 

'erfasser  berichten  über  2  Fälle  dieser  Erkrankung,  die  beide  mit  Tod 

;en. 

L  Einhorn:  Fälle  von  Gallenblasenerkrankung  andere  Affektionen 
/erdauungsapparates  vortäuschend.  (Med.  Record,  N.  Y„  1921,  C, 

1.) 

..  berichtet  über  3  solcher  Fälle.  In  einem  Falle  bestand  ein  typisches 
les  Magenkarzinoms;  ein  anderer  Fall  täuschte  ein  Duodenalgeschwür 
ind  im  dritten  Falle  hatten  kompetente  Aerzte  die  Diagnose  auf  Darm- 
iktion  gestellt.  In  allen  diesen  Fällen  wurde  die  richtige  Diagnose 
direkte  Untersuchung  des  Duodenalinhaltes  vermittelst  des  Duodenal- 
ches  gemacht. 

.  T  w  i  d  d  e  1 1:  Vitamine  in  der  Kinderernährung.  (Med.  Record,  N.  Y., 

C,  Nr.  22.) 

erf.  hat  eine  Anzahl  von  Säuglingen,  die  an  Ernährungsstörungen  litten 
eine  Zunahme  an  Gewicht  zeigten,  in  der  Weise  behandelt,  dass  er  die 
r  mit  frischem  Eigelb,  in  Milch  verrührt,  ernährte.  Die  Kinder  nahmen 
:h  an  Gewicht  zu  und  gediehen  vortrefflich  bei  dieser  Nahrung. 

.  Twiddell:  Bemerkungen  zur  operativen  Behandlung  besonderer 
von  eiternder  Meningitis.  (Med.  Record,  N.  Y.,  1921,  C,  Nr.  17.) 

'erf.  berichtet  über  2  Fälle  von  eitriger  Meningitis,  die  nach  einer 
idektomie  auftrat.  Es  wurde  eine  Dekompressivoperation  ausgeführt, 
mlicher  senkrechter  Einschnitt  und  Entfernung  des  Knochens.  Die  Dura 
war  straff  gespannt,  so  dass  beim  Einschnitt  der  Eiter  herausspritzte. 
Kultur  wies  den  Streptokokkus  auf.  Am  oberen  und  unteren  Wund- 
1  wurde  je  ein  Gummidrain  unter  die  Dura  mater  eingelegt.  Wund- 
s  mit  Katgutnaht.  Innerhalb  4  Stunden  sank  die  Temperatur.  Das 
im  verschwand  nach  einigen  Stunden.  Heilung. 

.  R.  Pennington:  Die  Anwendung  von  Kaliumnitrat  bei  Osteo- 
is  und  anderen  Infektionen.  (Med.  Record,  N.  Y.,  1921,  C,  Nr.  23.) 

»ie  Kaliumnitratlösung  wird  in  Verbindung  mit  einem  Umschlag  von 
locken  gebraucht.  Das  Salz  wird  mit  dem  Hafer  gemischt  und 
^nd  Wasser  zugegossen,  um  das  Ganze  in  einen  Brei  zu  verwandeln. 

je  nach  der  gewünschten  Reaktion  1 — 4  g  per  28  g.)  Der  Verband 
in  einer  Dicke  von  etwa  3  mm  auf  die  kranke  Fläche  gelegt.  Diese 
dlungsmethode  hat  sich  in  einer  grossen  Anzahl  von  Fällen  aus- 
hnet  bewährt.  Während  nach  operativen  Eingriffen  Rezidive  häufig 
'St  bei  diesem  Verfahren  nicht  ein  einziger  Rückfall  beobachtet  worden. 

•  Aaron  und  E.  Beck:  Die  Phenoltetrachlorphthaleinprobe  für  die 
iunktion.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago.  1921,  LXXVII,  Nr.  21.) 
'henoltetrachlorphthalein  (Abkürzung:  Tetrachlor)  wurde  zuerst  von 
lorff  und  Black  hergestellt.  Es  ist  ein  geruch-  und  geschmackloses 
•misches  Pulver,  unlöslich  in  Wasser  und  bildet  mit  Alkalien  tief  ge- 
Salze.  Es  wird  hauptsächlich  durch  die  Galle  ausgeschieden  und  in 
‘uodenalinhalt  geworfen.  Schon  früher  wurden  von  Rowntree  und 
eil  Versuche  gemacht,  das  Tetrachlor  als  Probe  für  die  Leberfunktion 
rwerten.  Der  letztere  spritzte  das  Tetrachlor  intravenös  ein  und  ge¬ 
lte  den  Duodenalschlauch  zur  Untersuchung  des  Duodenalinhaltes. 

'a  sich  das  Tetrachlor  leicht  verändert,  haben  Verfasser  ein  besseres 
rat  hergestellt.  2,5  g  Tetrachlor  wird  mit  5  ccm  einer  doppelt  normalen 
mnydroxydlösung  und  45  ccm  dreifach  destillierten  Wassers  in  eine 
ische  (200  ccm  haltend)  gefüllt.  Kochen  während  20  Minuten  mit  Rück- 
mdensator  und  Filtrierung  in  eine  100  ccm  haltende  Flasche.  Das  j 
at  ist  eine  wässerige  Lösung  des  Dinatriumsalzes  von  Phenoltetrachlor-  { 
ein,  welche  eine  tiefe  Purpurfarbe  annimmt  und  sich  sehr  leicht  zersetzt,  I 


da  das  Alkali  des  Salzes  sich  mit  dem  Silikat  des  Glasbehälters  zu  verbinden 
strebt  und  so  ein  Niederschlag  entsteht.  Um  dies  zu  verhindern,  werden 
Reagenzgläser  mit  geringem  Silikatgehalt  in  eine  reinigende  Flüssigkeit  ge¬ 
setzt.  Dann  werden  sie  sechsmal  in  reinem  Wasser  gewaschen  und  in  einem 
Waschapparat  von  der  Reinigungsflüssigkeit  freigemacht.  Dann  werden  die 
Röhrchen  dreimal  in  destilliertem  Wasser  gewaschen  und  getrocknet.  Hierauf 
werden  sie  mit  reiner  Baumwolle  geschlossen  und  während  lK>  Stunden  in 
einen  heissen  Lüftsterilisator  gesetzt.  Alles  muss  mit  grösster  Reinlichkeit 
ausgeführt  werden. 

1,5  ccm  (75  mg  Tetrachlor)  wird  in  ein  Reagenzglas  gegossen  und  ver¬ 
siegelt.  Diese  Tuben  zeigen  keine  Veränderungen  während  mehrerer  Monate. 
Bei  der  Anwendung  wird  ein  Gummischlauch  in  den  Magen  und  das  Duodenum 
eingeführt.  Wenn  der  Kranke  auf  der  rechten  Seite  liegt,  fliesst  der  Duodenal¬ 
inhalt  tropfenweise  vom  Schlauch  ab.  Wenn  ein  guter  Abfluss  hergestellt 
ist,  wird  mit  einer  Tuberkulinspritze  1  ccm  der  Lösung  (50  mg)  in  eine  Vene 
des  Unterarms  eingespritzt.  Der  Abfluss  vom  Duodenalschlauch  wird  in  ein 
Porzellangefäss  geleitet,  das  eine  40  proz.  Natriumhydroxydlösung  enthält. 
Der  Farbstoff  erscheint  zuerst  als  ein  schwacher  Purpurring,  der  allmählich 
tiefer  und  intensiver  wird,  bis  das  Maximum  erreicht  ist. 

Dieses  Verfahren  wurde  bei  7  praktischen  Fällen  angewandt  und  ergab 
befriedigende  Resultate.  Es  ist  jedoch  klar,  dass  die  Methode  in  einer 
grösseren  Anzahl  von  Fällen  verwendet  weroen  muss,  um  ein  bestimmtes 
Urteil  zu  ermöglichen.  Wenn  mehr  als  15  Minuten  verstreichen  bis  die  ersten 
Zeichen  des  Farbstoffes  erscheinen,  kann  man  mit  Sicherheit  Leber¬ 
veränderungen  annehmen.  Alle  Kranken,  bei  denen  die  Leber  nicht  normal 
funktionierte,  ergaben  eine  Verzögerung  des  Farbstoffes. 

A.  A  1 1  e  m  a  n  n. 

Im  Druck  erschienene  Inauguraldissertationen. 

Universität  Breslau.  November — Dezember  1921. 

Knosalla  Johannes:  Selbstverstümmelung  bei  Soldaten  im  Kriege  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  chirurgischen  Seite. 

Sabath  Hanns  Georg:  Systematische  Untersuchungen  über  Vorkommen 
von  Soor  und  Hefe  in  der  weiblichen  Vagina. 

Schwartz  Theodor:  Ueber  einen  Beitrag  zur  operativen  Behandlung  des 
Mastdarmprolapses  bei  Kindern. 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Medizinische  Gesellschaft  zu  Chemnitz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  14.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Reichel.  Schriftführer:  Herr  König. 

Herr  Tittel:  Ueber  Schwangerschaftspyelitis. 

Die  Pyelitis  als  Schwangerschaftkomplikation  ist  durchaus  nicht  selten. 
Die  Diagnose  ist  meistens  leicht,  kann  jedoch  exakt  nur  mit  Zystoskop  und 
Harnleiterkatheter  gestellt  werden.  Neben  der  üblichen  Behandlung  mit 
reichlich'  Flüssigkeitszufuhr  per  os,  Seitenlage,  Harnantiseptizis  ist  die  direkte 
Beeinflussung  durch  Nrerenbeckenspülungen  im  subakuten  und  chronischen 
Stadium  zu  empfehlen.  Die  Erfolge  dieser  Behandlung  sind  so,  dass  künst¬ 
liche  Unterbrechung  der  Schwangerschaft  wegen  Pyelitis1  nicht  mehr  in  Frage 
kommt. 

Diskussion:  Herr  K  r  u  1 1  und  Herr  Ochsenius. 

Herr  Büttner:  Ueber  Bedeutung  und  Anwendung  der  Proteinkörper¬ 
therapie. 

Es  wird  über  die  Erfolge  mit  den  verschiedenen  Präparaten  berichtet. 
Bei  Gelenkerkrankungen  in  subakuten  und  schon  chronischen  Stadien  werden 
mit  2 — 5  ccm  Milch  intraglutäal  bemerkenswerte  Besserungen  erzielt.  Ab¬ 
szesse  wurden  nie  gesehen.  Den  Vorzug  leichterer  Dosierbarkeit  hat  das 
Caseosan,  aber  auch  da  sind  die  Dosen  verschieden  an  Individuum  und 
nach  Krankheit.  Wenn  auch  eine  gewisse  Allgemeinreaktion  wünschenswert 
erscheint,  so  kann  eine  übermässige  hier  besser  vermieden  werden  als  bei 
Milch.  Herdreaktion  ist  in  positivem  und  negativem  Sinn  ebenso  damit 
auslösbar,  während  die  Lokalreaktion  so  gut  wie  wegfällt.  Anwendungs¬ 
gebiet  ist  der  subakute  Gelenkrheumatismus,  der  gonorrhoische  Gelenk¬ 
rheumatismus,  die  Komplikation  der  Gonorrhöe  überhaupt  und  verschiedene 
Hauterkrankungen.  Bei  akutem  Gelenkrheumatismus  und  besonders  dessen 
Komplikation  der  Endokarditis  sowie  bei  Endocarditis  lenta  und  krypto¬ 
genetischer  Sepsis  sind  Dosen  von  2 — 5  ccm  einer  2 — 5  proz.  Kollargollösung 
intravenös  auch  in  3 — 5  tägigen  Abständen  besonders  wirksam.  Das  Silber 
wirkt  nicht  chemotherapeutisch,  sondern  katalytisch.  Schüttelfröste  werden 
dabei  häufiger  gesehen  bei  älterer  Kollargollösung,  seltener  bei  frischer  und 
Fulmargin,  das  auch  intramuskulär  anwendbar  und  wirksam  ist  ohne  zu  starke 
Lokalerscheinungen,  aber  deutliche  Herdreaktion  gibt.  In  seiner  Wirksam¬ 
keit  ähnlich  ist  das  Vakzineurin  bei  Neurotiden  und  Neuralgien,  unwirksam 
ist  es  bei  den  Veränderungen  der  Enzephalitis.  Bei  primär  oder  sekundär 
chronischen  Gelenkerkrankungen  werden  mit  Sanarthrit  mehr  oder  weniger 
lang  anhaltende  Besserungen  der  Schmerzhaftigkeit  und  der  Arbeitsfähigkeit 
erzielt  je  nach  dem  Grade  der  bereits  vorhandenen  anatomischen  Verände¬ 
rungen.  Obgleich  eiweissfrei,  so  scheinen  auch  bei  diesem  Präparat,  ebenso 
wie  dem  20  proz.  Terpentin  Eiweissspaltprodukte  zu  entstehen,  die  sekundär 
erst  wirksam  werden.  Das  Grundprinzip  ist  die  Leistungssteigerung  nicht 
einzelner  Zellen,  sondern  des  ganzen  Körpers.  Wenn  auch  die  Basis  dieser 
Art  von  Behandlung  sehr  breit  zu  sein  scheint,  so  ist  vorläufig  die  spezifische 
Therapie  doch  nicht  als  abgetan  zu  bezeichnen.  Prophylaxe  konnte  bisher 
mit  diesem  Präparat  praktisch  noch  nicht  getrieben  werden  wie  etwa  bei 
der  Diphtherie  oder  dem  Tetanus.  Eine  gewisse  elektive  Gruppenwirkung 
scheint  dennoch  zu  bestehen.  Proteinkachexie  wurde  nicht  gesehen,  wohl 
aber  Andeutungen  von  Anaphylaxie,  2  mal  bei  Milch,  häufiger  bei  Kollargol, 
wenn  auch  rasch  vorübergehend.  Die  altbewährten  Behandlungsarten  sind 
nicht  aufzugeben,  können  aber  sehr  wertvoll  durch  parenterale  Eiweissgaben 
unterstützt  und  verstärkt  werden. 

In  der  Diskussion  werden  anaphylaktische  Erscheinungen  nach 
Aolan  von  Dr.  H  a  r  f  f  erwähnt,  ausserdem  sprechen  Geh. -Rat  R  e  i  c  h  e  1, 
Prof.  Clemens,  Dr.  N  e  u  b  e  r  t  und  Dr.  Wagner. 


330 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.« 


Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  28.  November  1921. 

Vorsitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r. 

Schriftführer:  Herr  Q  r  u  n  e  r  t  und  Herr  Wemmers. 

Herr  Schneider  (a.  G.):  Die  Lehre  vom  Eigenwillen  (Thelematologie) 
und  ihr  Verhältnis  zur  Psychologie  und  zu  den  angewandten  Geisteswissen¬ 
schaften.  ,  . 

Die  Tatsache  des  Eigenwillens,  die  allgemeinste  und  festeste  unserer 
Eigenschaften,  wird  in  Leben  und  Lehre  zu  wenig  berücksichtigt.  Der  Eigen¬ 
wille  verdient  Gegenstand  einer  besonderen  Wissenschaft  zu  werden,  der 
Thelematologie.  Diese  ist  eine  aus  der  Psychologie  herausgewachsene  Er¬ 
fahrungswissenschaft,  die  sich  zu  dieser  verhält,  wie  die  Technik  zur  Physik. 
Diese  Thelematologie  ist  die  grundlegende  Wissenschaft  für  die  Ethik, 
Pädagogik,  Volkswirtschaft,  Soziologie  und  Politik.  Der  Eigenwille  lässt  sich 
sondern  in  Eigenhilfe  und  Eigennutz.  Eigenhilfe  ist  die  Entwicklung  und  Be¬ 
tätigung  der  eigenen  Anlagen  ohne  Forderung  irgendeines  Opfers  fremden 
Eigenwillens.  Eigennutz  ist  die  gewünschte  oder  vollbrachte  Hemmung  eines 
fremden  Eigenwillens,  d.  h.  je$e  Form  von  Einzelgewalt. 

Das  Ziel  des  menschlichen  Eigenwillens  ist  das  persönliche  Glück,  das 
nur  in  der  Form  des  Eigenhilfs-  oder  Tätigkeitsglückes  durch  das  Mittel 
der  Sittlichkeit  erreicht  werden  kann.  Sittlichkeit  ist  die  Notwendigkeit  der 
Anpassung  der  eigenen  Eigenhilfe,  d.  h.  des  persönlichen  Tätigkeitsglückes, 
an  die  Eigenwillen  der  vielen,  verschiedenen,  gedächtnisbegabten  Mit¬ 
menschen.  Gefühlsbegabte  Menschen  sind  von  Natur  zur  Rücksicht  auf 
andere  Menschen,  d.  h.  zur  Nächstenliebe  und  Eigenhilfe  geneigt;  Menschen 
ohne  Gefühlsbegabung  neigen  zur  Rücksichtslosigkeit  und  zum  Eigennutz. 
Daher  sind  nur  gefiihlsbegabte  eigenhelfende  Menschen  zur  wahren  Sittlich¬ 
keit  zu  erziehen,  gefühlsunbegabte  eigennützig  veranlagte  Menschen  können 
nur  zur  Verstandes  Sittlichkeit  erzogen  werden,  d.  h.  sie  müssen  durch 
thelematologische  Verstandeserkenntnisse  und  praktische  Lebenserfahrungen 
inmitten  der  anderen  eigenwilligen  Menschen  das  ersetzen,  was  ihnen  an 
natürlichem  Gefühl  fehlt.  Eigennützige  Menschen  sind  unglückliche  Gefühls¬ 
krüppel. 

Die  Tatsache  der  Vererbung  der  geistigen  Veranlagung  im  besonderen 
und  der  geistigen  Kausalität  im  allgemeinen  muss  uns  veranlassen,  unsere 
Mitmenschen  nicht  für  ihren  Charakter  verantwortlich  zu  machen,  d.  h.  uns 
nicht  zu  entrüsten  und  nicht  zu  hassen.  Der  eigenhelfende  Verzicht  auf 
Einzelgewalt  ist  bei  der  Stärke  des  menschlichen  Eigenwillens  nur  in  dem¬ 
jenigen  Gesamtwesen,  Staat  möglich,  der  die  Gemeingewalt  zur  Sicherung 
der  Einzeleigenhilfe  wirksam  anwendet.  Der  Staat  ist  die  Eigenwillen- 
Organisation' eines  Volkes,  er  muss  daher  das  Räderwerk  seines  Organismus 
durch  die  natürliche  Wirkungsrichtung  der  einzelbürgerlichen  Eigenwillen 
treiben  lassen.  Innerhalb  des  thelematologisch  organisierten  Staates  wird 
der  notwendige  Kampf  ums  Dasein  nicht  mehr  in  der  niedrigen  Form  des 
Gewaltkampfes,  sondern  in  der  höheren  Form  des  W  ettkampfes 
geübt.  Der  Staat  hat  die  thelematologische  Aufgabe,  jede  Einzeleigenhilfe  zu 
befreien,  und  jeden  Einzeleigennutz  zu  überwachen,  d.  h.  auszunützen,  aus¬ 
zuschalten  oder  zu  hemmen. 

Die  staatliche  Befreiung  der  Einzeleigenhilfe  besteht  in  der  Schaffung 
freiester  Entwicklungs-  und  Betätigungsmöglichkeit  aller  Begabungen.  Der 
Einzeleigennutz  wird  vom  Staate  ausgenützt,  d.  h.  besteuert,  wenn  er 
sich  mit  dem  Eigennutz  der  Mitmenschen  ohne  Eigenwillenschädigung  aus¬ 
tauscht,  ausgeschaltet,  wenn  er  gegen  den  Staat  wirken  will  (Steuer¬ 
reform),  unterdrückt,  wenn  er  den  Eigenwillen  der  Mitmenschen  hemmt 
(bürgerliches  und  Strafrecht). 

Bei  dieser  Unterdrückung  des  verbrecherischen  Eigennutzes  ist  das  Ziel 
der  staatlichen  Gemeingewalt  nicht  die  Bestrafung  des  Verbrechers,  sondern 
die  Sicherung  der  Gesellschaft.  Der  einzelne  Staat  ist  gegenüber  seinen 

Bürgern  ein  G  e  m  e  i  n  w  i  1 1  e,  d.  h.  frei  von  jedem  Eigennutz;  der  Staat 

ist  gegenüber  den  anderen  Einzelstaaten  ein  Gesamteinzelwille, 

d.  h.  erfüllt  von  starkem  Gesamteigennutz,  neben  staatlicher  Gesamt¬ 

eigenhilfe. 

Das  Vorhandensein  von  vielen  gesamteigenwilligen  Staaten  neben¬ 
einander  auf  der  Erde  wird  allmählich  zur  Anerkennung  einer  zwischen¬ 
völkischen  Gesamtsittlichkeit  und  einer  zwischenvölkischen  Organisation 
zwingen. 

Letztere  wird  zur  Aufstellung  eines  über  den  Einzelstaaten  stehenden 
Gemeingesamtwillens  der  „Menschheit“  führen,  dem  die  den  Einzelstaaten 
entzogene  Gesamteinzelgewalt  als  Gemeingesamtgewalt  über¬ 
tragen  wird. 

Nur  diese  Organisation  der  Staaten  zur  Menschheit  sichert  einerseits 
die  notwendige  Befreiung  der  staatlichen  Gesamteigenhilfe,  d.  h.  der  freien 
völkischen  Kulturentwicklung,  andererseits  den  organisierten  Völkerfrieden. 
Der  Krieg  wird  eingeschränkt,  nicht  durch  Verzicht  auf  den  völkischen 
Gesamteigenwillen,  sondern  durch  die  mit  Hilfe  der  zwischenstaatlichen 
Organisation  ermöglichte  Befriedigung  der  völkischen  Gesamteigen¬ 
hilfe. 

Die  Ethik  des  Christentums  erstrebt  das  falsche  Ziel  der  irdischen 
Selbstverleugnung  mit  dem  richtigen  Mittel  der  Nächstenliebe;  die 
Ethik  des  Herrenmenschentums  erstrebt  das  richtige  Ziel  der  persön¬ 
lichen  Selbstbehauptung  mit  dem  falschen  Mittel  der  Einzelgewalt; 
die  Ethik  des  auf  die  Thelematologie  gegründeten  Lebensglaubens  erstrebt 
das  richtige  Ziel  der  persönlichen  Selbstbehauptung  mit  dem  rich¬ 
tigen  Mittel  der  Nächstenliebe. 

Aussprache:  Herr  Ganser  kann  sich  in  vielen  Punkten  den  Aus¬ 
führungen  des  Vortragenden  nicht  anschliessen.  Von  Einzelheiten,  auf  die 
einzugehen  die  Zeit  nicht  gestattet,  abgesehen  findet  er  die  Methode  der 
Untersuchung  anfechtbar.  Der  Vortragende  hat  das  ganze  psychische  Ge¬ 
schehen  unter  den  Gesichtspunkt  des  Willens  gestellt.  Wenn  auch  bei  dieser 
einseitigen  Betrachtung  dem  Gegenstände  interessante  Seiten  abgewonnen 
werden  können,  so  hat  doch  die  dialektische  Behandlung  mit  Begriffs¬ 
erklärungen,  die  vielfach  blosse  Umschreibungen  waren,  eine  tiefere  Er¬ 
kenntnis  nicht  vermitteln  können;  ja  sie  hat  in  wichtigen  Punkten  gefehlt, 
indem  sie  die  Gefühle  von  Lust  und  Unlust  teils  unberücksichtigt  gelassen, 
teils  verstandesmässig  und  dazu  recht  subjektiv  gewertet  hat,  ohne  zu  be¬ 
rücksichtigen,  dass  sie  in  ihrer  Ursprünglichkeit  jeder  Erklärung  unzugänglich 
sind. 


Herr  Hans  Hacuel:  Ein  grosser  Teil  der  Ausführungen  des  Vort 
stützt  sich  auf  die  Feststellung  eines  Unterschiedes  zwischen  der  Eigei 
hilfe  auf  der  einen  und  dem  Eigennutz  auf  der  anderen  Seite.  Ich  bring 
es  nicht  fertig,  diesen  Unterschied  zu  erkennen.  Für  mich  ist  alles  a 
dem  Selbsterhaltungstrieb  beruhend.  Ich  glaubte  auch  weitere  Widersprüci 
zu  erkennen,  die  auf  dem  fehlerhaften  Grundgedanken  bestehen.  . 

Herr  Schneider:  Die  Lehre  vom  Eigenwillen  leugnet  nicht  d 
hohe  Bedeutung  des  Gefühlslebens  auf  die  Gestaltung  des  Willens,  behaupt 
jedoch,  dass  zusammengesetzte  Affekte  aus  Gefühlen  und  Vorstellung!, 
hervorgehen  und  daher  durch  Verstandes-  und  Vernunftsvorstellungen  g 
wandelt  werden  können.  Die  Scheidung  des  Eigenwillens  in  Eigenhilfe  ur 
Eigennutz  ist  lehrmässig  und  praktisch  durchzuführen  und  ergibt  wertvol 
Ausblicke  für  angewandte  Geisteswissenschaften  und  für  das  praktisct 

Leben.  „ 

Herr  Ganser:  Der  Vortr.  hat  mich  nicht  überzeugt.  Er  vergisst,  da: 
die  Gefühle  das  Ursprüngliche  und  einer  Analyse  nicht  zugänglich  sin 
Seine  Betrachtungsweise  muss  auf  Irrwege  führen. 

Sitzung  vom  5.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  P  ä  s  s  1  e  r. 

Schriftführer:  Herr  Grünest  und  Herr  Wemmers. 

Tagesordnung: 

Wahl  des  Vorstandes  für  1922/23. 

Herr  Galewsky:  Die  persönliche  Prophylaxe  (Selbstschutz)  bei  d 
Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten.  ' 

Vortr.  bespricht  kurz  die  Grundlagen  der  Bekämpfung  der  Geschlechl 
krankheiten,  die  1.  in  der  Prophylaxe,  2.  in  der  Hpilung  bestehen,  und  ve 
breitet  sich  dann  eingehend  über  die  modernen  Bestrebungen,  die  z 
Förderung  des  Selbstschutzes  dienen  sollen.  Er  berichtet  über  die  Ei 
richtungen  und  Bestrebungen  in  England,  Amerika  usw.  und  referiert  du 
über  die  Konferenz  der  Deutschen  Gesellschaft  zur  Bekämpfung  der  G 
schlechtskrankheiten  am  30.  September  und  1.  Oktober  in  Berlin,  bei  der  vi 
5  Referenten  die  Themata  bearbeitet  waren.  G.  erwähnt,  dass  unter  d 
mechanischen  Schutzmitteln  sich  nach  allen  bisherigen  Erfahrungen  am  best 
Sublimat  und  Silbersalze  bewährt  haben,  und  dass  auch  frisch  bereite 
Sublimatsalben  ebenso  wie  Chininsalben  gute  Erfolge  erzielt  haben. 

Nach  Hervorhebung  der  Schwierigkeiten,  die  in  der  Bekämpfung  zwei 
verschiedener  Krankheiten  wie  der  Gonorrhöe  und  der  Syphilis  liegen,  t 
richtet  Vortr.  über  die  Erfolge,  die  in  Manchester,  London,  Berlin  und  Koble 
in  eigens  dazu  eingerichteten  Stationen  und  Rettungswachen  erzielt  word 
sind,  und  erhofft  ebenfalls  von  der  Einrichtung  derartiger  Desinfektionsstell 
Gutes,  wenngleich  er  sich  der  Schwierigkeiten  dieser  Einrichtungen  w< 
bewusst  ist. 

Nach  Besprechung  der  verschiedenen  Methoden  der  Prophylaxe  1 
Mann  und  Frau,  insbesondere  bei  den  Prostituierten,  wendet  .sich  G.  zi 
Schluss  zur  Organisation  und  Propaganda  und  hofft,  dass  —  wie  auch 
anderen  Ländern  —  im  neuen  Strafgesetzbuch  der  Vertrieb  aller  zur  Pi 
phylaxe  dienenden  Mittel,  wenn  er  in  dezenter  und  nicht  anstössiger  We 
vor  sich  geht,  freigegeben  werden  wird,  wie  es  im  neuen  Gesetzentwi 
bereits  vorgesehen  ist,  wo  eine  scharfe  Trennung  zwischen  empfängn 
verhütenden  und  schützenden  Mitteln  bereits  durchgeführt  ist. 

Aussprache:  Herr  Mann. 

Herr  Flachs  fragt  an,  ob  eine  prophylaktische  Behandlung  mit  S 
varsan  gegen  Infektion  mit  Lues  schützen  würde. 

Herr  Galewsky  verneint  die  Frage  des  Herrn  Flachs. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  2.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  S  e  u  f  f  e  r  t.  Schriftführer:  Herr  Rosenhaupt. 

Herr  Schlosser:  Das  Stadtgesundheitsamt. 

Die  nationale  Not  verhilft  dem  Volk  zu  den  verantwortlichen  Stel 
amtlicher  Gesundheitsfürsorge  und  dem  Arzt  zur  Anerkennung  als  Faclnm 
in  der  Verwaltung.  Solange  die  Gesundheitsämter  aber  verschönerte  sta 
ärztliche  Dienststellen  verbleiben,  können  sie  ihren  Zweck  nicht  erfüll 
Der  Grossstädte,  in  denen  das  Stadtgesundheitsamt  seinen  Namen  rec 
fertigt  und  eine  vollberechtigte  und  vollverpflichtete  selbständige  Abteili 
der  Verwaltung  darstellt  und  seiner  Aufgabe  durch  Bestellung  eines  Arz 
als  Amtsvorsitzenden  Rechnung  getragen  wird,  sind  einstweilen  nur  v 
einzelt  wenige,  aber  es  geht  entschieden  und  deutlich  voran.  Die  Orga 
sationsform  ist  —  bezeichnend  für  die  Jugend  der  Einrichtung  —  bisher  r 
mals  in  2  Grossstädten  die  gleiche;  mit  Recht  hält  sich  die  aufstrebei 
Reformation  von  jeder  Schablone  fern  und  passt  sich  den  Lokalbedinguni 
an.  Frankfurt  hat  vielleicht  seine  Besonderheit  darin,  dass  die  Umstell; 
aus  der  juristischen  auf  die  medizinische  Vorbildung  nach  schweren  Müh 
dann  aber  so  radikal  erfolgte,  dass  sämtliche  Verwaltungsstellen  mit  Me 
zinern  besetzt  sind  ohne  juristische  Facharbeiter  und  Hilfsarbeiter: 
Amtsvorsitzende,  sämtliche  Dezernenten,  der  Verwaltungsdirektor  des  stäi 
sehen  Krankenhauses  (Universitätskliniken)  sind  Mediziner,  2  Ordinarien  1 
Fakultät  (Hygieniker  und  Psychiater)  im  Nebenamt  Dezernenten  des  Sta 
gesundheitsamtes.  Zweckmässigerweise  ist  die  Personalbegutachtun 
abteilung  von  den  eigentlichen  Aufgaben  des  Amtes  abgetrennt  und  dem  Ofc 
stadtarzt  selbständig  unterstellt.  Sämtliche  ärztliche  Kräfte  sind  im  Sta 
gesundheitsamt  vereint:  5  Stadtärzte,  2  Stadtassistenzärzte,  nebenaintl 
16  Schulärzte,  2  Fürsorgeärzte,  4  Krippeärzte,  sämtliche  Krankenhaus-  l 
Anstaltsärzte.  Das  ganze  Gebiet  ist  aufgeteilt  in  8  Dezernate: 

1.  Stadtmedizinalwesen,  Statistik. 

2.  Stadthygiene  (einschliesslich  Infektionskrankheiten),  Nahrur 
mitteikontrolle. 

3.  Verbindung  mit  dem  Wohlfahrtsamt.  (Freies  W< 
fahrtsarztwesen,  Volksseuchen,  Fürsorge  für  die  Kriegsopfer,  hygienis 
'Volksbelehrung,  Ausbildung.) 

4.  Verbindung  mit  dem  Jugendamt.  (Säuglingsfürsoi 
Kostkinder,  Krippen,  Säuglings-  und  Kinderheime,  Rachitiker-  und  Krüpi 
fürsorge,  Erholungsfürsorge.) 

5.  Schulhygiene.  (Schulärzte,  Schulzahnklinik,  Kindergärten 
Horte,  ärztliche  Berufsberatung.) 


,ärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


331 


6.  Psychopathenfürsorge.  (Fürsorgestelle,  Gefährdeten- 
rge,  Heilerziehungsheime.) 

7.  Rettungswesen.  (Zentralisiert.) 

8.  Anstaltswesen,  ärztliche  Fortbildung. 

Die  Schöpfung  des  neuen  Amtes  erfolgte  ohne  Anforderung  neuen  Per- 
ls  und  ohne  weitere  Raumansprüche. 

Die  Gesundheitskommission  auf  staatliche  Verordnung  ist  personell 
isch  mit  der  Deputation  fü'r  das  städtische  Gesundheitswesen,  bereichert 
i  Polizeipräsidium  und  Kreismedizinalräte  als  Mitglieder.  —  Das  Für- 
.■wesen  wird  zurzeit  auf  allen  Gebieten  unter  städtische  Führung  ge- 
.  neu  Tuberkulosefürsorge,  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten, 
lingsfiirsorge,  jedoch  unter  Beibehaltung  der  ausführenden  privaten 
nisationen.  Die  Einheitlichkeit  des  Wohlfahrtswesens  wird  gesichert 
l  einen  städtischen  Wohlfahrtsverband  sämtlicher  sozialer  Aemter:  Wohl¬ 
samt,  Jugendamt,  Stadtgesundheitsamt,  Arbeits-  und  Wohnungsamt. 

Herr  Karl  Landauer:  Das  Tetanoid. 

Am  Material  der  Poliklinik  wurde  nach  tetanoiden  Symptomen  gefahndet, 
ruf  diese  Weise  eventuell  einer  nosologischen  Einteilung  der  Psycho- 
en  näherzukommen.  Insgesamt  wurden  über  1000  Kranke  untersucht, 
anden  sich  erstens  das  Fazialisphänomen  von  Chvostek  bei  zirka 
’roz.,  zweitens  das  Trousseau  sehe  Phänomen  (R.-R.  200  mm, 
kling  hausen  sehe  Manschette,  Dauer  der  Anwendung  2  Minuten) : 

■  Phase:  sensible  Reizerscheinungen  bei  ca.  %  der  Untersuchten,  also 
hologisch ;  zweite  Phase :  myokloitiforme  Zuckungen  bei  etwa  20  Proz.  (+) ; 

:  Phase:  Ulnariskrampf,  das  ist  Geburtshelferhand,  federnder  Krampf  bei 
5  Proz.  (++);  vierte  Phase:  Allgemeinerscheinungen:  allgemeine 
ungen,  tetanische  Krämpfe,  epileptische  Krämpfe  und  Abszencen  in 
illen.  Ferner  wurden  beobachtet:  kataleptischer  Trousseau  in  ca.  3  Proz. 
in  6  Fällen  ein  Krampf  unter  Extension  und  Abduktion  des  Daumens  bei 
ung  der  übrigen  Finger  in  allen  Gelenken  (Epitrousseau).  Drittens 
rische  Uebererregbarkeit  (E  r  b  sches  Phänomen)  in  28  Fällen.  Ferner 
en  beobachtet  bei  Kranken,  die  ein  oder  mehrere  dieser  Symptome 
eil :  Uebergreifen  der  Zuckung  bei  mechanischer  Erregung  auf  Nachbar¬ 
te  in  10  Proz.,  myoklonieähnliche  Zuckungen  besonders  in  Form  sehr 
ifter  Sehlafzuckungen  bei  etwa  30  Proz.,  grobschlägiger  unregelmässiger 
lor  bei  12  Proz.,  Spontankrämpfe  der  Waden  und  Grosszehenballen  in 
roz.,  einmal  des  linken  Fazialis  und  zweimal  des  Daumenballens  rechts, 
ikteristikum:  passive  Ueberwindung  erfordert  geringe  Kraft  und  kupiert. 
Ile  von  spontanen  tetanischen  Anfällen.  In  20  Proz.  der  Fälle  folgende 
hlafstörungen :  Alltagsgedanken  lassen  nicht  zur  Ruhe  kommen;  Kranke 
;n  nicht  aufhören  zu  denken  und  zwar  an  gleichgültige  Dinge,  Tagreste. 
Symptom  nur  hervorstechender  Teil  der  allgemeinen  inneren  Unruhe, 
ble  Reizerscheinungen  in  25  Proz.  Sehr  häufig  Schlafstörungen  im  Sinne 
ngstträume  und  des  Aufschreckens,  überhaupt  häufig  Angsterscheinungen, 
re  Beobachtung  von  Katarakten,  Zahn-,  Nagel-  und  Haarerscheinungen, 
le,  die  als  Magentetanien  imponieren.  1  mal  Quincke  sches  Oedem. 
Die  Symptome  wurden  gefunden  bei  ganz  verschiedenen  Erkrankungen; 
is:  einer  postoperativen  und  4  Graviditätstetanien,  zweitens  5  juvenilen 
den,  in  deren  Kindheit  die  Spasmophilie  eine  Rolle  spielte.  Drittens 
lepressionen :  vor  allem  häufig  Chvostek,  entsprechend  der  Uebererreg- 
it  des  Fazialis  (Zucken  um  den  Mund)  bei  normalem  Schmerz.  Viertens 
tzuständen  aller  Art  vom  katatonen  Raptus  bis  zur  physiologischen  Angst 
jesunden  Kindes.  Hier  auch  Trousseau  sehr  häufig,  immer  aber  sehr 
ger,  oft  nach  wenigen  Minuten  nicht  mehr  nachweisbar.  Fünftens  bei 
iren  Psychopathen.  Bei  solchen  mit  psychogenem-  Einschlag  häufig 
iptischer  Trousseau.  Sechstens  bei  Hysterie.  Hier  zweimal  halb¬ 
er  Trousseau,  einmal  Trousseau  und  Chvostek  gekreuzt.  Siebtens  bei 
tomatischer  Neurasthenie  namentlich  im  Gefolge  von  Grippe,  chronischer 
lohreiterung  (in  36  Fällen),  Typhus,  Ruhr  und  Arteriosklerose.  Achtens 
lirnkranken  aller  Art:  Chorea,  zerebrale  Kinderlähmung,  Paralyse  und 
raumen,  sowie  vor  allem  Enzephalitis. 

n  der  Therapie  erweist  sich  Kalk  in  leichten  Fällen  als  Kalkan,  in 
ren  als  Ca.  lact.,  in  schweren  als  Ca.  chlorat.  intravenös  als  frappant 
Mittel.  Erb  und  Trousseau  verschwinden  oft  bereits  10  Minuten  nach 
rijektion.  Beim  Versagen  des  Ca.  Magnesium  chlorat.  intravenös.  Dies 
Glich  in  jener  kleinen  Gruppe  mit  Epi-Trousseau,  die  charakterisiert  ist: 
itige,  aber  sehr  reizbare  Psychopathen,  welche  auf  geringfügige  Anlässe 
nfälle  haben  von  Zittern  und  Gewaltakten  mit  dem  Gefühl,  dass  sie  die 
lt  über  sich  verloren  haben.  Inkontinenz  der  Affekte.  In  2  Fällen 
meen,  sonst  stets  auch  auf  Epilepsie  verdächtige  Symptome.  Hier  war 
hvostek  positiv  und  Ulnaris  übererregbar,  dagegen  stets  der  Medianus, 
der  Radialis  an  der  Grenze  des  Normalen.  Diese  Fälle  werden  unter 
etanie  zusammengefasst,  wobei  offen  bleibt,  ob  dies  eine  Krankheit 
meris  oder  eine  Mischung  von  Epilepsie  und  Tetanie. 

Ja  tetanoide  Symptome  somit  bei  den  verschiedensten  Erkrankungen 
ten,  dürfte  das  Tetanoid  nur  ein  anderer  Name  für  Uebererregbarkeit 
Es  bleibt  nur  ein  ganz  kleiner  Rest  von  echten  Tetanien,  juvenilen 
ien  (als  Wiedererscheinung  der  Spasmophilie)  und  die  Gruppe  des  Epi- 
)ids.  Basedowoide  Symptome  waren  bei  30  Proz.  der  Tetanoiden 
zeisbar.  ebenso  häufig  Infantilismus,  in  wenigen  Fällen  Akromegalie, 
dem  und  Eunuchoidismus.  Der  J  e  u  s  c  li  sehe  Versuch  der  Einteilung 
’syehopathen  in  basedowoid  und  tetanoid  ist  daher  verfehlt. 


izinisch-biolog.  Abend  der  Universität  Frankfurt  a.  M. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  7.  Februar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Voss.  Schriftführer:  Herr  Völker. 

,err  Oppenheimer:  Die  Ausscheidung  von  Scharlachrotöl  durch 
eher  (Demonstration.) 

lacn  Verbitterung  von  Scharlachrotöl  an  Versuchstiere,  insbesondere 
-•  tritt  eine  Rotfärbung  in  den  Gallengängen  auf.  Bei  gleichzeitiger 
reichung  von  Cholesterin  wird  diese  Veränderung  wesentlich  intensiver, 
ss  eine  makroskopisch  sichtbare  Rotfärbung  der  Leber  zustande  kommt. 

lerr  Fischer:  Völliger  Abriss  eines  Papillarmuskels  im  linken  Veu- 
durch  Koronarsklerose.  (Demonstration.) 

>ei  einem  bisher  gesunden  Kranken,  der  ganz  plötzlich  unter  äusserst 
luichen  Herzerscheinungen  erkrankte  und  nach  10  Monaten  ad  exitum 
srgab  die  Sektion  folgenden  Befund:  ein  Papillarmuskel  war  völlig  ab¬ 


gerissen  und  die  Sehnenfäden,  an  denen  das  obere  Stück  hing,  hatten  sich 
mehrfach  überdreht.  Die  Muskulatur  unterhalb  der  Abrissstelle  zeigte  eine 
Nekrose,  die  auf  mangelnde  Blutversorgung  infolge  hochgradiger  Sklerose  der 
ernährenden  Koronararterie  zurückzufüWen  war. 

Herr  Berber  ich:  Die  Pubertätsdrüse. 

Nach  einer  kurzen  historischen  Einleitung  setzt  sich  Vortr.  mit  den  An¬ 
schauungen  Steinachs  auseinander.  Die  eigenen  Untersuchungen  sprechen 
(ebenso  wie  die  noch  unveröffentlichten  von  J  a  f  f  6)  gegen  eine  trophische 
und  resorptive,  aber  für  eine  gewisse  innersekretorische  Funktion  der 
Zwischenzellen.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  es  sich  bei  letzterer  mehr  um 
eine  korrelative  Funktion  handelt,  während  die  innersekretorische  Funktion 
der  Genitalsphäre  von  den  Hodenzellen  ausgeht. 

Herr  Mader:  Ueber  die  regulatorische  Dysfunktion  des  thermo- 
genetischen  Apparates  bei  missbildeten  Neugeborenen. 

Bei  2  Missgeburten,  -die  u.  a.  erhebliche  zerebrale  Missbildungen  zeigten, 
wurden  Temperaturschwankungen  zwischen  35  und  42°  beobachtet,  die  durch 
keinerlei  äussere  Momente  (Erwärmung  oder  Abkühlung)  beeinflusst  werden 
konnten. 

Herr  Leichen  Ueber  den  Kalziumgehalt  des  menschlichen  Blutserums 
und  seine  Beeinflussung  durch  Störungen  der  inneren  Sekretion. 

Thyreoidinfütterung  und  Basedow  bewirkten  ein  Sinken,  Myxödem  ein 
Steigen  des  Kalkspiegels;  bei  Hypophysenverfütterung  fand  sich  ebenfalls 
Senkung,  in  einem  Falle  von  Hypophysentumor  Erhöhung.  Behandlung  mit 
Ovarienpräparaten  hatte  Senkung,  Kastration  Erhöhung  zur  Folge.  Auch 
bei  Suprarenininjektion  konnte  Senkung  beobachtet  werden.  Das  Suprarenin 
wirkt  im  kalkarmen  Milieu  besser,  während  bei  erhöhtem  Blutkalk  eine 
Hemmung  der  Adrenalinwirkung  eintritt.  Bei  Zuführung  von  Epithelkörper¬ 
chen  kam  eine  Steigerung  des  Blutkalkspiegels  zustande. 

J.  E.  Kayser-Petersen. 


*  Aerztlicher  Verein  in  Hamburg. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Februar  1922. 

Herr  Lippmann  berichtet  über  einige  Fälle  von  Icterus  catarrhalis 
mit  Leber-  und  Milzschwellung  und  positivem  Bazillenbefund  (Paratyphus  A 
oder  Typhus)  oder  entsprechender  Agglutination.  L.  sah  etwa  zehnmal  soviel 
Fälle  von  klinisch  gleichem  Verlauf,  mit  und  ohne  Fieber,  ohne  dass  der 
Nachweis  einer  gleichen  Infektion  erbracht  werden  konnte,  glaubt  aber  doch, 
dass  sie  auch  als  Infektionsfolgen  aufgefasst  werden  müssen,  und  nimmt 
damit  Naunyns  Cholangielehre  auch  für  den  Icterus  catarrhalis  an. 

Herr  Tlieys  stellt  eine  Kranke  vor,  bei  der  eine  isolierte  Kaverne 
im  rechten  Oberlappen  nahe  der  Pleura  bestand.  Operative  Eröff¬ 
nung  der  Kaverne  nach  Rippenresektion  hatte  guten  Erfolg.  Pneumo¬ 
thorax  oder  Thorakoplastik,  die  bei  ausgedehnteren  Zerstörungen  eines 
Lungenlappens  die  Methoden  der  Wahl  sind,  kamen  im  vorliegenden  Falle 
nicht  in  Betracht. 

Herr  Dan  zieer  zeigt  ein  durch  Operation  gewonnenes  Präparat  von 
Pseudomyxoma  oeritonei,  einen  höckerigen  Tumor,  der,  unter  dem  Colon 
transversum  gelegen,  anscheinend  vom  Pankreas  ausging. 

Herr  Hellmuth:  Differentialdiagnose  zwischen  Schwangerschaftsniere 
und  chronischer  Glomerulonephritis  in  graviditate.  Untersuchung  der  Oedem- 
flüssigkeit  mit  dem  P  u  1  f  r  i  c  h  sehen  Refraktometer  ergibt,  dass  die 
Schwangerschaftsnierenerkrankungen  mit  den  Nephrosen  in  Parallele  gesetzt 
werden  können,  während  die  Glomerulonephritis  einen  wesentlich  höheren 
Eiweissgehalt  der  Oedemflüssigkeit  aufweist. 

Herr  Nürnberger  fand  an  dem  Material  der  Frauenklinik  sehr 
häufig  Schädigungen  bei  Bluttransfusionen;  Untersuchung  von  Blutproben  auf 
Hämaegiutinine  ergab,  dass  sie  bei  Graviden  ungleich  häufiger  sind  als  bei 
anderen  Menschen.  Zur  raschen  Feststellung  dieses  offenbar  bei 
den  Schädigungen  in  Betracht  kommenden  Faktors  mischt  N.  einen  Tropfen 
Spender-  und  Empfängerblut  in  einem  Tropfen  Natriumzitratlösung  auf  dem 
Objektträger;  man  kann  dann  schon  makroskopisch  sofort  die  Agglutination 
erkennen. 

Herr  Paschen  berichtet  über  Versuche  betreffend  den  Wert  der 
Revakzination:  Impft  man  Kaninchen  auf  der  einen  Seite  mit  Vakzine  unter 
Zusatz  von  Wiederimpflingsserum,  das  unmittelbar  vor  der  Revakzination 
entnommen  -ist.  auf  der  anderen  Seite  mit  der  gleichen  Vakzine  4*  Serum  des 
gleichen  Spenders,  14  Tage  später  entnommen,  so  zeigt  sich  auf  der  einen 
Seite  keine,  auf  der  anderen  starke  Hemmung,  selbst  wenn  bei  dem  Wieder¬ 
geimpften  keine  erhebliche  Reaktion  aufgetreten  war. 

Diskussion  zu  dem  Vortrage  des  Herrn  Bonne:  Kann  unser 
deutsches  Volk  sich  aus  dem  Boden  unseres  Vaterlandes  selbst  ernähren? 
(Vergl.  d.  W.  Nr.  6,  S.  217.) 

Herr  Cal  Vary:  zur  Abstinenzfrage;  Herr  Hahn:  Kritik  der  Klein¬ 
siedelungen;  Herr  Klean  Schmidt:  zur  Frage  der  Milchversorgung. 
Vorzüge  der  Trockenmilch;  Herr  Weygand  t:  psychischer  Faktor  der 
Siedlungspolitik;  zur  Alkoholfrage;  Herr  Wichmann:  hält  Klein¬ 
siedlungen  in  mancher  Beziehung  für  bedenklich;  Herr  Lichtwitk; 
Herr  Z  i  p  p  e  r  1  i  n  g:  Bodenreform;  Herr  Engel  mann;  Herr  Kestner: 
über  Vollkornbrot;  Herr  Knack:  Polemik  über  soziale  Fragen. 

Herr  Bonne;  Schlusswort.'  Max  F  r  a  e  n  k  e  1  -  Hamburg. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

Sitzung  vom  11.  Januar  1922. 

Herr  B  u  c  h  h  o  1  z  und  Herr  Zange:  Röntgenstrahlenbehandlung  der 
Kehlkopftuberkulose.  (Mit  Lichtbildern  und  Krankenvorstellung.) 

Herr  Runge:  Ueber  die  Bedeutung  des  C  o  r  t  i  sehen  Organs  für  das 
Hören. 

Sitzung  vom  25.  Januar  1922. 

Herr  Ergeeilet  zeigt  einen  47  Jährigen  mit  ausgedehnter  fleckiger 
Melanosis  der  Sklera,  Melanosis  der  Iris  und  Aderhaut.  Sehnervenscheibe 
pigmentfrei.  Die  tiefbraune  Iris  ist  dick.  Bälkchen  und  Krypten  fehlen  im 
Ziliarteil  ganz.  Eine  Kontraktionsfurche  ist  nahe  dem  temporalen  Randteil 
entwickelt.  Im  steil  abfallenden  Pupillenteil  kleine  Wärzchen.  —  Die  Iris  des 
anderen  Auges  ist  im  allgemeinen  hellgrau  (an  einzelnen  Stellen  Pigment¬ 
fleckchen),  sie  zeigt  aber  auch  eine  Bildungsstörung  in  Gestalt  einer  ziemlich 


332 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


dicken  Gefässschlinge,  die  im  lockeren  Irisgewebe  korkzieherartig  gewunden 
auf  der  temporalen  Seite  von  der  Iriswurzel  bis  zum  Sphinkter  zieht. 

Herr  Hannemann:  Remonstration  eines  Falles  von  Polykorie  des 
rechten  Auges.  In  der  Iris  zeigt  der  Pupillartei!  eine  eigenartige  Wulstung  in 
der  Art,  dass  der  nasale  Teil  anch  vorn  zu  umgestülpt  ist.  Nach  Homatropin¬ 
einträufelung  sieht  man  mehrere  teils  grössere,  te*ls,  !tl®1(nere,  °fff"“n^re"  ’J" 
Irisdiaphragma  konzentrisch  dem  Pupillarrand  im  Sphinktergebiet,  im  ganzen 
6  an  der  Zahl,  einschliesslich  der  an  normaler  Stelle  befindlichen  Hauptpupille. 

Herr  A.  Schmitt:  Kurze  Beschreibung  eines  Falles  von  ungewöhn¬ 
licher  Form  der  Altersatrophie  der  Iris  mit  Ablösung  des  vorderen  Irisblattes 
und  Aufsplitterung  desselben  in  einzelne  in  der  Vorderkammer  flottierende 
Fasern.  (Erscheint  anderweitig  ausführlich.)  ,  ,  .  , 

Herr  Seile:  1.  Cholestearinkristalle  ln  der  Vorderkammer  bei  Phthisig 

2.  Demonstration  einer  vergoldeten  Silberkugel  in  einem  Exenterations- 
stumpf  des  Auges,  die  30  Jahre  beschwerdelos  getragen  und  dann  mit  dem 
Stumpf  wegen  Entzündungserscheinungen  entfernt  werden  musste.  , 

Herr  A  Schmitt:  Das  Starkrankenmaterial  der  Umv. -Augenklinik 
Tübingen  1901—1919,  8614  Fälle  betreffend,  wird  statistisch-klinisch  nach  ver¬ 
schiedenen  Gesichtspunkten,  wie  Bevorzugung  des  männlichen  oder  weib¬ 
lichen  Geschlechts,  zuerst  erkrankte  Seite,  Refraktion,  Astigmatismus,  Alter 
der  Starerkrankung.  Beruf,  Heredität,  Missbildungen  der  Augen,  angebliche 
Aetiologie,  vorhergegangene  und  gleichzeitige  Erkrankungen  untersucht  und 
die  Wahrscheinlichkeit  einer  endogenen  Ursache  der  Starerkrankung  gemäss 
den  Ergebnissen  festgestellt.  (Erscheint  anderweitig  ausführlich.) 

Herr  Erggelet:  Vorführung  des  Differentialpupilloskop  von  Hess. 

Herr  Brückner:  Zur  Zytologie  des  Auges. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  19.  Januar  1922. 

Herr  .1  o  r  e  s:  1.  Pathologisch-anatomische  Demonstrationen. 

2.  Zur  Frage  des  postembryonalen  Gefässwachstums. 

Vortr.  hat  Anlass  genommen,  noch  einmal  auf  die  Wachstumsvorgange 
in  der  Intima  zurückzukommen,  die  sich  nach  der  Geburt  in  der  Aorta  des- 
cendens  zuerst  zeigen  und  die  hier  wie  auch  im  übrigen  Gefässsystem  bis  in 
die  späteren  Lebensalter  hinein  sich  fortsetzen.  Jores  stützt  sich  dabei  aut 
ein  Material,  das  hauptsächlich  schon  vor  längerer  Zeit  gesammelt  war  und 
das  z.  T.  von  Dr.  Uyama  bearbeitet  worden  war. 

Im  Hinblick  auf  die  Untersuchungen  Rankes  und  H  u  e  c  k  s  über  die 
Strukturen  des  Gefässbindegewebes,  hält  Jores  die  strenge  Unterscheidung 
einer  elastischen  Hyperplasie  und  einer  regenerativ-bindegewebigen  Intima¬ 
verdickung  nicht  mehr  aufrecht.  Die  Untersuchung  erstreckte  sich  auf  ver¬ 
gleichende  Betrachtung  der  gleichen  Gefässabschnitte  an  Fällen  verschiedenen 
Alters.  Legt  man  hierfür  die  Befunde  an  der  Aorta  thoracica  zugrunde, 
so  zeigt  sich,  dass  eine  Intimaschicht  mit  vorwiegend  elastischer  Grund¬ 
substanz  sich  nach  der  Geburt  in  wenigen  Monaten  bis  zu  einer  gewissen 
Stärke  entwickelt,  die  dann  annähernd  konstant  bleibt.  Längsmus'kulare 
Anteile  dieser  Intimaschicht  sind  zwar  in  der  Ablage  schon  beim  Neu¬ 
geborenen  vorhanden,  bilden  sich  aber  erst  später  aus  und  dann  nur  gering. 
In  der  Regel  wird  die  Längsmuskulatur  durch  starke  Hyperplasie  elastischer 
Grundsubstanz  verdeckt.  Eine  stärkere  Zunahme  der  Intima,  insbesondere 
in  Form  kollagener  Bestandteile  wird  von  Mitte  bis  Ende  des  2.  Jahrzehnts 
an  häufiger  angetroffen.  Aber  ihr  Vorkommen  ist  nicht  an  ein  bestimmtes 
Alter  gebunden,  auch  ist  die  Zunahme  mit  dem  Alter  ungleichmässig,  so  dass 
eine  mit  dem  Alter  parallel  gehende  Verstärkung  der  Intima  nicht  fest¬ 
zustellen  ist.  Reichliche  Ausbildung  der  elastischen  Elemente  fand  sich  zu¬ 
weilen  auch  noch  im  6.  Jahrzehnt,  allerdings  in  einer  Form,  die  die  nachträg¬ 
liche  Elastinimprägnation  in  vorher  überwiegend  kollagen  angelegten  Schichten 
als  wahrscheinlich  annehmen  lässt.  Rechnet  man  hinzu,  dass  im  Alter  Elastin- 
fasern  in  der  Gefässwand  auftreten,  deren  Vorhandensein  leicht  bei  Elastin- 
färbung  übersehen  werden  kann,  so  ergibt  sich,  dass  der  Gefässwand  die 
Fähigkeit  zur  Bildung  elastischen  Gewebes  auch  im  Alter  nicht  abgeht.  Die 
stärkeren  Grade  einer  Intima,  namentlich  soweit  sie  als  kollagen  imprägnierte 
Lagen  und  Schichten  auftreten,  sind  pathologisch  und  als  Anpassungs¬ 
wachstum  aufzufassen.  Mit  dem  Lebensalter  können  sie  nicht  direkt  Zu¬ 
sammenhängen,  aber  ihr  häufiges  und  in  späteren  Jahrzehnten  regelmässiges 
Vorkommen  ist  auf  pathologische  Schädigungen  zurückzuführen,  von  denen 
mit  .zunehmendem  Alter  so  gut  wie  alle  Menschen  betroffen  werden. 

Schwieriger  ist  zu  beurteilen,  ob  die  bald  nach  der  Geburt  auftretende 
subendotheliale  und  vorwiegend  elastische  Schicht  physiologisch  oder  patho¬ 
logisch  ist.  Ihr  regelmässiges  Vorkommen  spricht  gegen  die  letztere  An¬ 
nahme.  Aber  da  Vortragender  eine  elastisch-hyperplastische  Schicht  bei 
einer  44  cm  langen  Frühgeburt  vorfand,  die  9  Tage  gelebt  hatte,  so  scheint 
ein  Zusammenhang  zwischen  der  Ausbildung  der  Schicht  in  der  Aorta  und 
dem  Beginn  des  postembryonalen  Lebens  zu  bestehen.  Andererseits  können 
die  namhaft  gemachten  physiologischen  Einflüsse,  wie  Wegfall  des  Plazentar¬ 
kreislaufes  (T  h  o  m  a),  Dehnung  und  Spannung  der  Aorta  durch  Längen¬ 
wachstum  (A  s  c  h  o  f  f),  deswegen  nicht  in  Betracht  kommen,  weil  die  Ent¬ 
wicklung  der  Schichten  bei  den  daraufhin  untersuchten  Säugetieren,  auch  bei 
den  domestizierten  fehlt.  Somit  ist  selbst  für  die  erste  Anlage  der  Intima¬ 
schichten  nach  der  Geburt  die  pathologische  Entwicklungsweise  nicht  ganz 
auszusch Hessen. 

Bemühungen  des  Vortragenden  über  die  Art  derjenigen  Schädigungen, 
auf  welche  das  Arteriensystem  mit  elastischen  und  bindegewebigen  Hyper¬ 
plasien  der  Intima  reagiert,  näheren  Aufschluss  zu  gewinnen,  haben  nicht 
zum  Ziele  geführt.  Aber  Jores  glaubt  der  Vorstellung  entgegentreten  zu 
können,  dass  das  Arteriensystem  einer  physiologischen  Uber  die  allgemeinen 
Alterserscheinungen  hinausgehenden  Abnutzung  unterliege. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  10.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  Huebs.chmann. 
Herr  Klein  Schmidt  stellt  einen  50  jähr.  Kranken  vor,  bei  dem  ein 
walnussgrosses  Fibrosarkom,  das  von  der  Dura  ausgehend  in  die  Gegend  der 


linken  Zentralwindung  vordringend,  exstirpiert  worden  war.  Der  Tum 
hatte  ausser  allgemeinen  Hirndrucksymptomen  eine  Lähmung  der  rec.i 
seitigen  Extremitäten  verursacht.  Nach  Umschneidung  der  Dura  war  t 
Tumor  ohne  Schwierigkeiten  und  ohne  Verletzung  des  Gehirns  enukleu 
worden.  Trotzdem  entwickelte  sich  bei  nicht  ganz  ungestörter  Heilung  ei 
hauptsächlich  motorische  Sprachlähmung,  die  sich  jetzt  allmählich  bessert, 
Lähmung  der  Extremitäten  hat  sich  ebenfalls  etwas  gebessert. 

Aussprache:  Herr  B  o  s  t  r  o  e  m  bespricht  die  neurologische  D 
trtiosc  dos  t^cillos 

Herr  Payr:  1.  Ueber  eine  keimfreie  kolloidale  Pepsinlösung  zur  Narb: 
erweichung.  Verhütung  und  Lösung  von  Verwachsungen.  (Ist  nn  Zbl. 
Chir  1922,  Nr.  1  erschienen;  ref.  d.  W.  Nr.  4,  S.  134.) 

2.  Demonstration  eines  Falles  von  operiertem  Sarkom  der  Membra 
interossea  des  Unterarms  bei  einem  14  jähr.  Mädchen. 

3  Fall  voll  operiertem  retrosternalem  Kropf  von  Zweimannsfaustgros 

Herr  Hohl  bäum:  1.  Schwierige  Beseitigung  eines  Anus  praet 

Be'i  einem  auswärts  wegen  Appendizitis  operierten  23  jähr.  Mädcher  i 
stand  ein  linksseitiger  lliakalafter,  der  dem  Zoekum  angehorte  und  n: 
ungewollter  Durchtrennung  der  Sigmaschlinge  angelegt  worden  war.  B6 
Stümpfe  waren  blind  verschlossen.  Die  abführende  Schlinge  war  dui 
Gefässschädigung  bis  auf  Fingerdicke  geschrumpft  und  verengert  bis  i 
Beginn  der  Rektumampulle,  das  proximale  Ende  der  Sigmaschlinge  endete, 
der  Höhe  der  linken  Spina  il.  a.  s.  und  lag  hinter  dem  verlagerten  Zoe  kt 
Durchziehen  des  mobilisierten  oralen  Sigmastumpfes  durch  eine  neugeschafh 
Oeffnung  im  Beckenboden.  Extraperitoneale  Anastomose  dieses  mit  d 
Rektum.  Reposition  des  Zoekums  und  Verschluss  des  Zoekalafters  führtej 
Stuhlentleerung  auf  normalem  Wege  mit  völliger  Kontinenz. 

2.  Aneurysma  der  Poplitea  nach  Osteotomie  wegen  Genu  valgum. 

5  Wochen  nach  primär  geheilter  Osteotomie  trat  nach  Abnehmer 

Gipsverbandes  ein  faustgrosses  Aneurysma  der  Poplitea  auf.  Durch  N 
einer  erbsengrossen  Oeffnung  an  der  Hinterwand  derselben  und  Deckung  ■ 
Naht  mit  dem  Sartorius  wird  das  Aneurysma  zur  Heilung  gebracht.  I  ms 
Tib.  ant.  und  post,  nach  der  Operation,  sowie  gegenwärtig,  6  Monate  spa 
normal.  Die  Entstehung  des  Aneurysma  wird  durch  Elevatonumdruck 

die  Arterie  erklärt.  .  .  , 

3.  Spontantetanie,  mit  Epithelkörperchentransplantation  behandelt. 

Bei  einer  22  jähr.  Schwester  waren  akut  sich  häufig  wiederhole 
Tetanieanfälle  aufgetreten.  Es  wurden  2  Epithelkörperchen  (auch  durch  hi: 
logische  Untersuchung  als  solche  festgestellt)  aus  einer  Leiche  wenige  Mim 
nach  dem  Tode  entnommen  und  der  Kranken  präperitoneal  transplanh 
7  Stunden  nach  der  Operation  noch  ein  kurz  dauernder  Anfall,  dann  Sistie 
der  Anfälle  bis  heute,  2  Monate  später.  Gegenwärtig  nur  noch  Lhvos 
kaum  angedeutet,  Trousseau  und  Erb  negativ.  .. 

Aussprache:  Herr  Payr  gibt  Bemerkungen  zur  Technik  der  Kn 
Operation.  Eine  postoperative  Tetanie  hat  er  bei  2000  Strumaoperatio 
nie  gesehen. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Magdeburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  2.  Februar  1922. 

Herr  Teu  scher:  Knochenoperationen  bei  Verkrümmungen  der  unti 
Ex  t  rem  i  tä  te  n 

T  zeigt  an  der  Hand  von  Lichtbildern  die  in  der  orthopädischen  f 
anstalt"  von  Prof.  Dr.  B  1  e  n  c  k  e  üblichen  Operationen  zur  Beseitig 
knöcherner  Deformitäten  der  unteren  Extremitäten  mit  Heranziehung 
hierzu  überhaupt  angegebenen  Methoden. 

Gezeigt  werden  photographische  Aufnahmen  und  Röntgenbilder 
Kranken  mit  knöchernen  Ankylosen  im  Hüftgelenk,  hauptsächlich  auf 
Boden  tuberkulöser  Koxitiden  entstanden,  bei  denen  durch  die  schräge 
trochantere,  die  intertrochantere  oder  die  pelvotrochantere  Osteotomie 
gute  Korrektur  der  Flexions-Adduktionskontraktur  des  Oberschenkels  er 
wurde.  Bei  knöchernen  Ankylosen  des  Kniegelenkes  in  starker  Be 
Stellung  erwies  sich  die  Drehmann-W  erndorff  sehe  paraartikr 
Methode  als  sehr  erfolgreich.  Sehr  zahlreich  sah  T.  Genua  valga  zur  ( 
ration  kommen,  die  in  den  meisten  Fällen  in  der  suprakondylären  Osteot< 
nach  M  a  c  E  v  e  n  bestand  und  gute  Resultate  zeitigte.  An  der  Hand 
Röntgenbildern  konnte  der  Vortragende  die  starken  arthritischen 
änderungen  zeigen,  die  beim  Ausbleiben  der  operativen  Behandlung  eintn 
Bei  Totalkrümmung  der  Beine  im  Varussinne  wurde  gewöhnlich  in  einer 
mehreren  Sitzungen  schräg  durchmeisselt,  je  nachdem  Tibia  oder  Femur 
der  stärksten  Verkrümmung  war.  Auch  die  keilförmige  Osteotomie  mt 
mehrfach  in  Anwendung  treten,  um  zufriedenstellende  Resultate  zu  erzi 
Es  kam  immer  zu  glatten  Heilungen  mit  guter  Konsolidierung  der  1  ragnu 
Nur  in  einem  Fall  trat  eine  Katguteiterung  ein.  die  einen  nochmaligen  Ein 
erforderte,  da  sonst  die  Gefahr  der  Sequestrierung  einer  Knochenzacke 
stand,  die  sich  bei  der  Durchmeisselung  nicht  hatte  vermeiden  lassen, 
einem  anderen  Kranken  verursachte  eine  derartige  Zacke  Beschwerden 
den  ersten  Gehversuchen.  Beide  Male  nach  Abmeisselung  der  Zacke  gl 
Erfolg.  Bei  Kindern  mit  rachitischen  nullförmigen  Unterschenkelverk 
mungen  gute  Resultate  nach  A  n  z  o  1  e  1 1  i  und  Röpke.  Bei  scharfen 
Knickungen  im  unteren  Drittel  wurde  regelmässig  schräge  oder  keilfor 
Osteotomie 'vorgenommen,  mit  der  immer  eine  befriedigende  Korrektur 
reicht  wurde.  Schliesslich  berichtet  T.  noch  über  gemachte  Erfahrunger 
Hallux  valgus-Operationen.  von  denen  die  nach  der  kürzlich  von  H  o  h  m 
angegebenen  Methode  ausgeführten  sehr  zuverlässig  und  erfolgreich  ersehe 

Diskussion:  Herren  Kirsch,  Habs,  Tfchmarke,  A.  Bien 
und  Reichardt. 

Herr  A.  Blencke:  Demonstration  eines  Kriegsverletzten,  der  m 
einer  Schussverletzung  am  linken  Fuss  eine  Spitz-Klumpfussstellung  r 
Durch  Sehnenverlängerung  und  keilförmige  Osteotomie  wurde  erreicht, 
der  Fuss  wieder  ganz  aufgesetzt  und  voll  belastet  werden  kann. 

Herr  A.  Blencke:  Der  augenblickliche  Stand  der  Behandlung 
Knochen-  und  Gelenktuberkulose.  i 

(Der  Vortrag  erscheint  in  Bruns’  Beiträgen  zur  klinischen  Ohiru: 


HR  - 

/  ' 

. 

z  1922.  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.  333 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  22.  Februar  1922. 

rr  Thann  ha  user:  Demonstriert  das  seltene  Krankheitsbild  eines 
i  sarkoms  mit  diffuser  Melanose.  Die  ganze  Hautoberfläche  der  Kranken 
iiel  braun-schwarz  verfärbt,  auch  die  Schleimhäute  und  sogar  die  Zähne 
ihr  oder  minder  stark  pigmentiert.  Im  übrigen  finden  sich  in  der  Haut 
i  .ehwarze  Knötchen  -eingelagert,  im  Abdomen  ein  mächtiger  Tumor  und 
ollige  Leber.  Den  Ausgangspunkt  des  Leidens  dürfte  ein  von  Jugend 
(teilender  Pigmentnävus  auf  der  Brust  bilden.  Der  Urin  ist  dunkelbraun 
it  Melanogen:  in  den  letzten  Tagen  auch  Melaninreaktion.  Um  der 
unbekannten  Konstitution  des  Melanins  auf  die  Spur  zu  kommen,  hat 
i.ender  mit  H.  Weiss  zusammen  die  Vorstufe,  das  Melanogen,  aus 
in  isoliert  und  einen  Körper,  der  die  Brenzkatechinreaktion  gibt,  wahr- 
ch  Protokatechusäure  oder  Homoprotokatechusäure  darin  entdeckt, 
rr  Rosenberger  stellt  einen  Fall  von  lange  Zeit  unerkannt  ge- 
Ur  Granatsplitterverletzung  des  Gehirns  vor  und  knüpft  daran  die 
j  !g,  bei  unklaren  Nervensymptomen  auch  leichter  Art,  soweit  sie 
Uilnehmer  betreffen,  niemals  die  Röntgenuntersuchung  zu  versäumen, 
ifig,  wie  im  vorliegenden  Falle,  rasche  und  vollständige  Aufklärung 

1 

s  rr  Oberndorfer  projiziert  eine  grössere  Anzahl  der  in  seinem 
i  kürzlich  gesammelt  erschienenen  Diapositive  von  pathologischen 
I  ten.  Die  äusserst  plastisch  wirkenden,  bis  in  alle  Einzelheiten  und 
:  des  Abdomens  klar  durchgezeichneten  Bilder  häufiger  und  seltener 
ischer  Abnormitäten  und  pathologischer  Veränderungen  erweckten 
:  ine  Bewunderung. 

rr  Grassmann  verliest  eine  Entschliessung  gegen  die  geplante 
ng  des  alten  Botanischen  Gartens,  dessen  Erhaltung  im  Interesse  der 
:  ner  Volksgesundheit  dringend  geboten  wäre;  sie  wird  einstimmig 

inmen. 

Irr  Kämmerer  spricht  über  Bronchialasthma.  (Der  Vortrag  er- 
i  demnächst  in  ausführlicher  Form.) 
skussion:  die  Herren  Eskuchen,  Thannhauser,  Ranke 

1  r  u  t  z. 


migung  der  Münchener  Fachärzte  für  innere  Medizin. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  2.  Februar  1922. 

!  sitzender:  Herr  R.  May.  Schriftführer:  Herr  Handwerck. 

Irtsetzung  der  Aussprache  über  seltenere  Elektrokardiogramme  und 
itrationen  von  solchen: 

rr  Mobitz  (als  Gast)  zeigt  Elektrokardiogramme  eines  20jährigen 
Ins,  bei  welchem  im  Verlauf  einer  Pneumonie  einen  Tag  lang  eine 
idige  Dissoziation  zwischen  Vorhof-  und  Kammertätigkeit  bestand. 
Iz  des  Vorhofs  f23,  der  Kammer  128  in  der  Minute.  Es  wird  nach- 
n,  dass  die  Leitung  zwischen  Vorhof  und  Kammer  intakt  bleibt,  denn 
er  Sinusreiz  ausserhalb  der  refraktären  Kammerperiode  einfällt,  findet 
iberleitung  statt.  Somit  entsteht  die  hochgradige  Dissoziation  lediglich 
en  geringgradigen  Frequenzunterschied  der  Reizbildung  im  Sinus-  und 
I  I  f  f  sehen  Knoten. 

rr  v.  Romberg:  1.  Das  Chinidin  hat  nach  einer  Zusammenstellung 
eratur  durch  Herrn  v.  Kap  ff  in  etwa  der  Hälfte  der  Fälle  von 
|  :11er  Arhythmie  regelmässigen  Rhythmus  herbeigeführt.  Auch  die 
liinische  Klinik  hatte  bei  ihren  Kranken  etwa  53  Proz.  Erfolge.  Typisch 
5  Vorhofflimmern  oder  -flattern  über  regelmässige  Vorhoftachysystolie 
Iweiser  Blockierung  der  A.-V.-Ueberleitung  in  den  regelmässigen 
us  über  (Demonstration  von  Kurven).  Leider  scheint  der  Erfolg  nie- 
i  wirklich  dauernder  zu  sein.  Seine  längste  bisher  beobachtete  Dauer 
n  der  Klinik  10  Monate.  Auch  chronische  Darreichung  von  Chinidin 
in  dem  vorübergehenden  Charakter  des  Erfolges  anscheinend  nichts, 
lieh  kommt  eine  Zeit,  in  der  das  Mittel  nicht  mehr  wirkt  oder  nicht 
:rtragen  wird.  Trotzdem  bildet  es  eine  sehr  wertvolle  Bereicherung 
rapie. 

5  Chinidin  wurde  nach  den  Angaben  v.  Bergmanns  nur  immer 
m  Essen  gegeben.  Bei  älteren  oder  sehr  empfindlichen  Leuten 
lie  Einzeldosis  auf  0,2  begrenzt.  Sie  wurde  dann  unter  Umständen 
m  Tage  wiederholt.  Wenngleich  einzelne  Fälle  guter  Chinidinwirkung 
Insuffizienz  bekannt  sind,  so  sind  das  doch  grösste  Ausnahmen.  Das 
sollte  als  ein  lähmend  wirkendes  Mittel  nur  gebraucht  werden,  wenn 
Tätigkeit  vorher  und  zwar  möglichst  schon  einige  Wochen  befriedigend 
11t  ist.  Die  gleichzeitige  Verordnung  von  Chinidin  neben  Digitalis 
v.  R.  nicht  zweckmässig. 

Demonstration  der  EKG.  von  selteneren  Arhythmien:  a)  regelmässige 

ichystolie  mit  der  ganz  ungewöhnlich  hohen  Frequenz  von  660  in 
lute.  Die  Kammersystole  folgt  mit  verschiedener  Ueberleitungszeit 
i.  bzw.  jedem  6.  Vorhofreiz.  Nach  1,2  Pulv.  fol.  Digit,  geht  die 
ktion  in  Flimmern  mit  einer  Frequenz  von  675 — 600  über.  Durch 
Blockierung  wird  die  Kammertätigkeit  regelmässig,  75  in  der  Minute, 
j  Aus  der  unter  Leitung  von  H.  Straub  (jetzt  Halle)  angefertigten 
!von  S  t  r  a  u  b  e  1  (D.  Arch.  f.  klin.  Med.)  und  aus  entsprechenden 

1  tungen  der  Klinik  6  EKG.  von  Sinusvorhofblock,  davon  einer  bei 

2  jährigen  Arbeiter  mit  gesundem  Herzen,  der  bald  vorü'bergeht.  Es 
p  verschiedene  Wirkung  auf  die  Ueberleitung  von  Vorhof  zur  Kammer 
Den  und  auf  die  Erklärungen  hingewiesen,  wie  sie  Wenckebaeh 
jlcrseits  H.  Straub  gegeben  haben. 

Aus  der  Straubei  sehen  Arbeit  mehrere  EKG.  totaler  Sinus- 
'  ie  (Sinusflimmern).  Der  Herzschlag  macht  in  diesen  Fällen  den 
p  perpetueller  Arhythmie.  Den  R-Zacken  gehen  aber  regelrechte 
|n  voraus.  Als  Vorhofextrasystolie  ist  die  Störung  nach  dem  ganzen 
Vht  aufzufassen.  Die  Erklärung  einer  völlig  regellosen  Reizerzeugung 
sknoten  entsprechend  dem  Flimmern  oder  Flattern  der  Vorhöfe  bei 
ähnlichen  perpetuellen  Arhythmie  hat  am  meisten  für  sich, 
s-sp  rache:  Herr  Handwerck  fragt,  ob  Herr  v.  R.  Chinidin 
'  ambulanten  Kranken  in  der  Sprechstunde  verordne, 
r  v.  Romberg:  Die  Chinidinbehandlung  bedarf  fortlaufender  sorg- 
eobachtung,  wenn  es  sich  um  perpetuelle  Arhythmie  handelt.  Der 


Kranke  sollte  möglichst  zweimal  täglich  vom  Arzt  gesehen  werden.  Er  muss 
Bettruhe  halten. 

Herr  Handwerck  gesteht,  dass,  so  ermutigend  auch  die  Berichte 
v.  Bergmanns  gewesen  wären,  er  sich  nach  der  Lektüre  der  vorher¬ 
gehenden  Veröffentlichung  Freys  nicht  habe  entschliessen  können,  Chinidin 
ohne  weiteres  in  der  Sprechstunde  zu  verordnen,  obwohl  dies  vielfach  zu 
geschehen  scheine.  So  habe  ihm  ein  57  jähr.,  noch  sehr  rüstiger  Herr,  der 
angeblich  seit  seinem  28.  Jahr  an  Anfällen  von  Herzjagen  (anfänglich  alle 
Monate  einen  Anfall,  seit  seinem  50.  Jahr  seltener,  1917 — 1920  überhaupt 
keinen  Anfall)  leide,  und  der  ihn  vor  einem  Jahre  zum  erstenmal  in  der 
Sprechstunde  mit  einem  Anfall  von  Tachyarhythmie  (120  vollkommen  unregel¬ 
mässige  Herzaktionen  in  der  Minute)  konsultiert  habe,  berichtet,  dass  er  bei 
seinen  beiden  letzten  Anfällen  (Mai  und  Oktober  1920)  von  je  3 — 4  Tage 
langer  Dauer  an  früher  nicht  beobachteten  Ohnmachtsanwandlungen  gelitten 
habe,  auch  nachher  habe  er  noch  1 — 2  Monate  sich  nicht  so  wohl  gefühlt 
(gegen  Morgen  Erwachen  mit  momentanem  Herzaussetzen).  Die  Frage:  Sie 
haben  wohl  Chinidin  erhalten,  wurde  bejaht.  Der  Rat,  Chinidin  bei  dem 
neuen  Anfall  nicht  zu  nehmen,  wurde  befolgt:  Der  Anfall  dauerte  30  Stunden, 
danach  Wohlbefinden  wie  in  früheren  Jahren  nach  den  Anfällen.  Ausser 
Blutdruck:  180/100  mm  Hg  R.-R.  kein  Herzbefund.  Darmatonie. 

Herr  v.  Romberg:  Bei  Behandlung  der  paroxysmalen  Tachykardie 
oder  Tachyarhythmie  bewährt  sich  eine  einmalige  Gabe  von  0,4 — 0,5  Chinidin 
in  einer  Anzahl  von  Fällen  vortrefflich  zur  Kupierung  der  Anfälle.  Bei 
häufigen  derartigen  Anfällen  kann  eine  solche  einmalige  Dosis  ein-  oder 
zweimal  wöchentlich,  unter  Umständen  nur  einmal  oder  mehrmals  monatlich 
auch  prophylaktisch  günstig  wirken.  Voraussetzung  ist  auch  bei  dieser 
Anwendung  eine  tadellose  Herztätigkeit  und  im  Allgemeinen  das  Fehlen  auch 
leichter  zerebraler  Störungen.  In  zweifelhaften  Fällen  empfiehlt  sich  die 
allmähliche  Erreichung  der  wirksamen  Dosis  wie  bei  perpetueller  Arhythmie 
oder  die  längere  Verabfolgung  kleinerer  Mengen. 

Herr  Neubauer  frägt  an,  ob  der  Herr  Vortragende  die  gleichzeitige 
Anwendung  von  Chinidin  und  Digitalis  unter  allen  Umständen  ablehnt.  Wir 
befolgen  zwar  ebenfalls  die  Regel,  dass  Insuffizienzerscheinungen  vor  An¬ 
wendung  des  Chinidins  durch  Digitalis  beseitigt  werden  sollen;  aber  wir 
pflegen  dann  die  Digitalismedikation  während  der  Chinidinkur  fortzusetzen, 
in  der  Annahme,  dass  dadurch  einerseits  die  günstige  Wirkung  des  Chinidins 
auf  das  Vorhofflimmern  unterstützt,  anderseits  ungünstige  Nebenwirkungen  des 
Chinidins  ausgeschaltet  werden  können.  Wir  haben  mit  dieser  Kombination 
keine  ungünstigen  Erfahrungen  gemacht. 

Herr  v.  Romberg:  Die  mögliche  ungünstige  Wirkung  des  Chinidins 
auf  die  Herzkraft  glaubt  v.  R.  durch  gleichzeitige  Digitalisverabfolgung  nicht 
vermeiden  zu  können.  Der  Angriffspunkt  der  beiden  Mittel  ist  offenbar  zu 
verschieden.  Die  unmittelbare  Gefährdung  insuffizienter  Herzen  durch 
Chinidin  kann  so  gross  sein,  dass  v.  R.  nochmals  dringend  empfiehlt,  Chinidin 
nur  bei  befriedigender  Herztätigkeit  anzuwenden. 

Herr  Neubauer  stellt  weiter  die  Anfrage,  wie  der  Herr  Vortragende 
die  Kombination  von  Chinidin  mit  anderen  Kreislaufmitteln,  z.  B.  mit  Koffein, 
bewertet. 

Herr  v.  Romberg:  Die  Kombination  des  Chinidins  mit  Koffein  wurde 
von  ihm  noch  nicht  versucht.  Die  Anregung  ist  jedenfalls  im  Auge  zu  be¬ 
halten. 

Herr  Grassmann  hat  bisher  üble  Nebenerscheinungen  bei  der 
vorsichtigen  Anwendung  des  Chinidins  noch  nicht  gesehen.  Hinsichtlich  der 
Kombination  von  Digitalis  mit  Chinidin  erwähnt  er  eine  frühere  Mitteilung 
von  Wenckebaeh,  welcher  den  gleichzeitigen  Gebrauch  dieser  beiden 
Medikamente  unter  gewissen  Modalitäten  empfohlen  hat.  Der  ausgedehnteren 
Anwendung  des  Chinidins  in  der  Privatpraxis  steht  der  Umstand  entgegen, 
dass  der  Preis  des  Mittels  für  den  Mittelstand  unerschwinglich  ist.  Man 
müsste  geradezu  einen  Fonds,  ähnlich  wie  s.  Z.  für  Radium,  schaffen,  um 
diesen  von  der  Krankenversicherung  ausgeschlossenen  Kreisen  die  Benützung 
von  Chinidin  zu  ermöglichen. 

Herr  v.  Romberg:  Auch  in  der  von  Wenckebaeh  empfohlenen 
Art  scheint  v.  R.  die  Kombination  von  Digitalis  und  Chinidin  nicht  zweck¬ 
mässig.  Zur  Erzielung  guter  Wirkung  erfordert  die  perpetuelle  Arhythmie 
grössere  Digitalisgaben  als  der  regelmässige  Rhythmus.  Gibt  man  sonst 
z.  B.  0,3  Pulv.  fol.  Digital,  titrat.,  sind  bei  perpetueller  Arhythmie  0,4 — 0,5. 
ev.  0,6  in  24  Stunden  zu  gebrauchen.  Die  Wirkung  kommt  dann  bekanntlich 
bisweilen  rascher,  in  vielen  Fällen  aber  auch  nicht  schneller  oder  erst  später 
als  bei  regelmässigem  Rhythmus  mit  den  Normaldosen.  Mit  der  Verordnung 
kleiner  Digitalismengen  bei  vorwiegender  Arhythmie  kann  man  nur  eine 
chronische  Digitalisierung  unterhalten.  Sie  scheint  v.  R.  neben  Chinidin,  wie 
betont,  unzweckmässig.  Umgekehrt  sind  bei  vorwiegender  Herzinsuffizienz 
neben  grossen  Digitalismengen  relativ  kleinere  Chinidindosen  nur  eine  Hem¬ 
mung  für  den  vollen  Digitaliserfolg.  Man  kommt  sicher  mit  der  getrennten 
Verabfolgung  der  beiden  Mittel  weiter.  Die  alte  Zusammenverordnung  von 
Chinin  mit  Digitalis  verwendete  nach  unseren  heutigen  Anschauungen  ganz 
unzureichende  Chininmengen  von  etwa  0,3  in  24  Stunden. 

Herr  v.  Romberg:  Demonstration  der  Kurven  von  Diurese,  Körper¬ 
gewicht,  Pulszahl  und  Pulsdruck  bei  einer  schweren  Herzinsuffizienz  einer 
älteren  Frau  mit  Hypertonie,  Kropf,  mit  merklichen  thyreotoxischen  Erschei¬ 
nungen  (Glanzaugen,  Zittern,  Schwitzen,  anhaltender  Tachykardie,  Unter¬ 
ernährung)  mit  perpetueller  Arhythmie,  mit  anfänglich  schwerer  Herzschwäche, 
besonders  allgemeinem  Hydrops.  Durch  entsprechende  Digitalisbehandlung. 
Beschränkung  der  Flüssigkeitszufuhr,  durch  zeitweise  salzarme  Kost  zunächst 
gute  Besserung  und  befriedigende  Entwässerung.  Dann  aber  kein  rechtes 
Weiterkommen.  Fortbestehen  beträchtlicher  Reste  der  Oedeme,  dauernd  hohe 
Pulsfrequenz.  Dann  unter  Aussetzen  der  Digitalis  Jodkur  nach  E.  Neisser 
3  mal  täglich  1,  2,  3  usw.  Tropfen  Sol.  Kal.  jodat.  1:20.  Schon  bald  nach 
Beginn  bessere  Diurese,  bei  3  mal  7  Tropfen  beträchtliche  Verlangsaipung 
des  Pulses  auf  normale  Frequenz,  Zunahme  der  Entwässerung,  sciir  gutes 
Gesamtbefinden.  Weitergabe  der  nützlichen  3  mal  7  Tropfen  für  etwa 
3  Wochen  beabsichtigt,  wenn  der  Puls  ruhig  bleibt.  Meist  dann 
Pause  von  etwa  1  Monat  und  Wiederholung  der  Jodkur  für  3  Wochen 
in  noch  mehrmaligem  Wechsel  ratsam.  Die  Neisser  sehe  Jodbe¬ 
handlung  ist  in  derartigen  operativ  wegen  des  Herzens  nicht  anzufassenden 
Erkrankungen  ein  grosser  Vorteil.  Sic  verlangt  sorgliche  Beobachtung  der 
Pulsfrequenz,  sofortiges  Abbrechen  bei  Zunahme  der  Pulszahl,  ev.  Zurück¬ 
gehen  auf  noch  kleinere  Jodmengen  als  angegeben. 

Aussprache:  Herr  R.  May  erinnert  an  die  Empfehlung  des 
Thyreoidins  für  sich  allein  und  in  Verbindung  mit  Diuretin,  Digitalis  usw. 

I  zur  Behandlung  der  Oedeme  durch  E  p  p  i  n  g  e  r. 


334 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


N 


Herr  R.  v.  H  ö  s  s  1  i  n  demonstriert  Elektrokardiogramme  eines  Kranken, 
bei  dem  ursprünglich  Zweifel  bestanden,  ob  die  bradykardischen  Anfälle  nur 
durch  vagotonische  Einflüsse  oder  durch  Veränderungen  im  Bündel  bedingt 
waren.  Eine  hochgradige  Verbreiterung  der  R. -Zacke  an  deren  Spitze  liess 
letztere  Annahme  berechtigt  erscheinen.  Ein  in  einem  bradykardischen  An¬ 
falle  1913  aufgenommenes  Elektrokardiogramm  'zeigte  bei  Halbierung  der  t  uls- 
zahl  ausser  den  regelmässigen  P-Zacken  vor  R  noch  an  anderen  btellen  An¬ 
deutungen  von  P-Zacken,  während  solche  in  einem  1915  im  Anfall  ange¬ 
nommenen  Elektrokardiogramm  nicht  zum  Vorschein  kamen.  Nach 
reicher  Operation  eines  Duodenalulcus  hörten  die  Beschwerden  und  Anfälle 
völlig  auf,  so  dass  diejenigen  Recht  zu  behalten  schienen,  welche  die  Herz¬ 
störungen  lediglich  auf  vagotonische  Einflüsse  zurückführten.  Im  Jahre  1919 
kehrten  die  bradykardischen  Anfälle  in  verstärktem  Masse  wieder  und  nun 
zeigten  die  Elektrokardiogramme  völlig  ausgebildete  Dissoziation  und  regel¬ 
mässig  von  den  Vorhöfen  ganz  unabhängige  Kammerautomatie. 

Im  Gegensatz  zu  diesem  Falle  konnte  v.  H.  in  einem  anderen  Falle, 
welcher  klinisch  die  Symptome  einer  Adams-Stokes  sehen  Krankheit 
mit  Erbrechen  und  Bewusstseinsverlust  im  bradykardischen  Anfall  aufwies, 
durch  das  Elektrokardiogramm  nachweisen,  dass  es  sich  um  eine  reine  Sinus¬ 
bradykardie  ohne  jede  Andeutung  einer  Ueberleitungsstörung  handelte.  Der 
Fall  verlief  dementsprechend  auch  günstig. 


Wissenschaftlicher  Verein  der  Aerzte  zu  Stettin. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  10.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Hager.  Schriftführer:  Herr  M  ü  h  1  m  a  n  n. 

Herr  HoHmann  stellt  einen  Doppelt-Unterschenkel-Amputierteii  vor, 
der  mit  ganz  einfachen  Kunstbeinen  (Holztrichter  ohne  Oberschenkelschienen) 
vorzüglich  geht:  ferner  werden  Armamputierte  mit  modernen  Armprothesen 
(Carnes,  Kresser,  Hüftner,  Sauerbruch,  Krukenberg)  vorgestellt. 

Herr  E.  O.  Schmidt:  Ueber  Meniskusverletzungen. 

Meniskusverletzungen  sind  eine  keineswegs  seltene  Erkrankung.  Die 
Häufigkeit  wird  demonstriert  durch  die  beobachteten  Fälle  an  dem  allge¬ 
meinen  Krankenhause  Hamburg-Barmbeck  und  dem  allgemeinen  Kranken¬ 
hause  Bethanien-Stettin.  Nach  geschichtlicher  Uebersicht  wird  auf  die 
Anatomie  des  Kniegelenks  eingegangen.  Die  Mechanik  des  Kniegelenks  wird 
näher  erläutert.  Jede  erfolgte  Streckung  wird  von  einer  Aussenrotation  des 
Unterschenkels  beendet,  jede  Beugung  beginnt  mit  einer  Innenrotation.  Die 
statischen  Verhältnisse  der  Articulatio  genus  werden  genauer  präzisiert. 
Nach  Erläuterung  der  P  a  n  r  a  t  sehen  Bilder  der  Meniskusverschiebung  bei 
Beugung  —  Aussenrotation  und  —  als  Neues  —  der  Innenrotation  bei 
„Streckung“,  wird  auf  die  Entstehungsmöglichkeiten  der  Meniskusverletzung 
hingewiesen.  Die  Meniskusverletzung  • —  rascheste  Aussenrotation  bei  fest¬ 
stehendem  Unterschenkel  „reflektorischen  Herumreissen“  des  Körpers  bei 
gerade  gerichtetem  Gang  —  die  Hyperextension,  ungehemmt,  beim  Fussball- 
spiel,  durch  Fehlen  des  Balles,  die  „reflektorische  Innenrotation“  bei  den 
einzelnen  Sportarten  wird  beleuchtet.  Aussenrotation  —  bei  Beugung  — 
lässt  eine  mediale,  Innenrotation  —  meist,  doch  nicht  durchweg  bei 

Streckung  —  lässt  eine  laterale  Meniskusverletzung  zustande  kommen.  Es 
wird  dann  auf  die  Diagnose  der  Meniskusverletzungen  eingegangen,  die  Be¬ 
deutung  der  mehr  oder  minder  langen  Einklemmung,  das  ruckartige  Ver¬ 
schwinden  derselben,  die  typischen  Druckpunkte  usw.  werden  hervorgehoben. 
Ueber  die  Therapie  lässt  sich  nur  sagen,  dass  nur  die  chirurgische  Therapie 
eine  rationelle  ist. 

Konservative  Behandlung  kommt  nur  bei  den  wenigen  dazu  geeigneten 
Fällen  in  Betracht. 

Bei  der  Operation  soll  man  erhalten  was  nicht  losgelöst  ist.  wobei  zu 
bemerken  ist,  dass  von  den  kleinsten  Teilen,  die  zurückgelassen  sind,  Rezidive 
ausgehen  können. 

Diskussion:  Herr  Selig:  Die  frischen  Fälle  bei  jungen  Leuten  zu 
operieren,  ist  wohl  allgemeine  Ansicht  und  wie  auch  Nachuntersuchungen, 
so  u.  a.  die  von  Konjetzny  dartun,  sind  dabei  die  Endresultate  gut.  Be' 
älteren  Kranken  und  zur  Operation  sonst  ungeeigneten  Fällen  sind  andere 
Massnahmen  erforderlich.  Um  zu  vermeiden,  dass  diese  gleich  nach  Ab¬ 
klingen  des  Unfalls  umherlaufen  und  sich  dadurch  schwere  Schädigungen  zu¬ 
ziehen,  müssen  wir  ihnen  sofort  beim  Aufstehen  einen  das  Knie  entlastenden 
Apparat  geben.  Die  Beschwerden  verschwinden  meistens  ganz.  Ob  spontane 
Auflösung  des  teilweise  abgelösten  Meniskus  dazu  beiträgt,  bleibe  dahin¬ 
gestellt. 

Herr  Lichtenauer:  Meniskusverletzungen  sind  keine  seltenen  Er¬ 
krankungen.  Ich  habe  im  vorigen  Jahre  5  Fälle  operiert.  Auffallend  ist,  dass 
selbst  bei  rezidivierenden  Fällen  die  Diagnose  so  selten  gestellt  wird.  Die 
Operation  gibt  gute  Resultate.  Iii  dem  von  Herrn  Selig  angeführten  Falle, 
der  spontan  geheilt  sein  soll,  hat  es  sich  m.  E.  nicht  um  eine  Meniskus¬ 
verletzung  gehandelt. 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  30.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Stock.  Schriftführer:  Herr  Jüngling. 

Herr  Röder:  Demonstration  eines  Bronchialfremdkörpers. 

An  Hand  eines  Falles  (2  jähriges  Kind  mit  Erbse  im  rechten  Haupt¬ 
bronchus  und  sekundärer  Pneumonie  rechts)  wird  die  Frage  erörtert,  ob  bei 
kleinen  Kindern  die  obere  und  untere  Bronchoskopie  ausgeführt  werden  soll. 
Vortr.  kommt  zu  dem  Schluss,  dass  stets  die  obere  Bronchoskopie  angewandt 
werden  soll.  Die  primäre  untere  Bronchoskopie  lehnt  er  wegen  der  infolge 
der  Tracheotomie  begünstigten  Lungenkomplikationen  ab. 

Herr  Noltenius  berichtet  über  Beobachtungen  betreffend  Raum¬ 
empfindungen  und  Fallgefühl  beim  Fliegen. 

Das  Schiefstehen  der  Erde  erklärt  er  aus  einer  Verwirrung  der  normalen 
reflexmässigen  Raumempfindung  durch  die  im  Kurvenflug  auftretende 
Zentrifugalkraft.  Das  Fallgefühl  beruht  auf  einer  Aufhebung  der  Nervenreize, 
die  normalerweise  vom  Statolithenapparat  der  Muskulatur  zufliessen,  einer 
Aufhebung  des  Ewald  sehen  Labyrinthtonus.  Physikalische  Erwägungen 


verlangen,  dass  diese  Fallempfindung  nur  bei  senkrechter  Kopfha5 
empfunden  werden  könne.  Das  steht  mit  den  Beobachtungen  des  ortrage 
im  Einklang. 

Aussprache:  Herr  R  ©  i  s  s,  Herr  Noltenius. 

Herr  B  e  n  t  e  1  e  berichtet  über  gehäuftes  Auftreten  von  Diplokol 

otitiden  im  Anschluss  an  Grippe.  ,  , 

Charakteristisch  ist  nahezu  symptomloser  Verlauf  bis  zu  den  schwe 
Komplikationen.  Besondere  Neigung  zu  Meningitis  und  Sinusphle 
Genaueste  Ohruntersuchung  ermöglicht  rechtzeitiges  Erkennen  und  tingr 
Herr  Alb  recht:  a)  Ueber  die  Behandlung  der  doppelsei 
Postikuslähmung  (Demonstration).  , 

A  bespricht  zunächst  die  bisher  angegebenen  Methoden  und  geht 
auf  seine  eigenen  Versuche  über.  Von  den  verschiedenen  Behandlung, 
hat  sich  ihm  folgende  bewährt:  Laryngofissur.  Ablösung  der  Schiein 
einer  Seite  vom  Morgagni  sehen  Ventrikel  bis  zur  Trachea.  Submt 
Resektion  des  Aryknorpels.  Abtragung  der  Weichteile  zwischen  Schiein 
und  Knorpel.  Tamponieren  der  Schleimhaut  gegen  den  Knorpel. 

Aussprache:  Herr  Perthes,  Herr  R  e  i  s  s.  Herr  A  1  b  r  e  c  h 
b)  Ueber  die  Vererbung  von  Ohraffektionen. 

Die  konstitutionell  sporadische  Taubstummheit  vererbt  sic$>  monoli; 
rezessiv,  die  hereditäre  Labyrinthschwerhörigkeit  dominant,  die  Otoskf 
sowohl  dominant  wie  auch  auf  andere  bisher  noch  nicht  erkannte  Art. 
otosklerotische  Prozess  ist  somit  nicht  als  biologische  Einheit  aufzufasse 
Aussprache:  Herr  Perthes,  Herr  A  1  b  r  e  c  h  t,  Herr  V  e  i 


Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzbu 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  16.  Februar  1922. 

Herr  Braus:  Pfropfungen  von  Gliedmassen. 

Herr  B.  berichtet  über  seine  eigenen  Pfropfungsversuche  und  über 
von  Harrison  und  seinen  Schülern  stammende  Experimente  über  T 
plantationen  von  Gliedmassen.  Es  gelingt  bei  Amblystoma.  punctatun 
vordere  rechte  Extremitätenknospe,  wenn  sie  anf  die  entsprechende 
Seite  verpflanzt  wird,  zu  einer  typischen  linken  Extremität  auswachse 
lassen,  wenn  bei  der  Verpflanzung  (über  den  Rücken  her)  die  Stelle 
rechts  dorsal  lag,  links  ventral  zu  liegen  kommt  (harmonische  Verpflanz 
Die  verpflanzte  rechte  Extremitätenanlage  ergibt  jedoch  auf  die  linke 
gebracht,  eine  rechte  Extremität,  wenn  die  Anlage  um  die  Vorderseite 
Kopfes  herumgebracht  und  so  eingepflanzt  wird,  dass  die  Stelle,  die  r 
dorsal  lag,  links  wiederum  dorsal  zu  liegen  kommt  (disharmonisch), 
man  es  in  der  Hand  hat,  an  beliebiger  Stelle  eine  linke  oder  rechte  Extrc 
zu  erzeugen,  beruht  darauf,  dass  in  der  Anlage  vorne  und  hinten  im  früh 
Stadium  bereits  festgelegt  ist,  dorsal  und  ventral  jedoch  durch  die  Umgs 
verändert  wird.  Beweisend  hiefür  ist  die  Beobachtung,  dass  man  i 
Drehung  der  Extremitätenanlage  an  Ort  und  Stelle  um  180°  auf  der  1 
Seite  eine  rechte  Extremität  erzeugen  kann.  Die  verpflanzte  Extremit; 
auch  von  Einfluss  auf  ihre  Umgebung  derart,  dass,  je' weiter  sie  kaudal' 
gesetzt  wird,  auch  aus  entsprechend  kaudalwärts  gelegenen  Rückenm 
Segmenten  ihre  Innervierung  erfolgt. 


Arzneiinlttelkommission  der  Deutschen  Gesellschaft  für  in 
Medizin,  unterstürzt  vom  deutschen  Aerztevereinsbur 

Bericht  über  die  Sitzung  vom  3.  Januar  1922  in  W  ü  r  z  b 
(Anwesend :  Gottlieb,  Heffter,  Holste,  Penzoldt,  v.  R 
b  e  r  g.  Spatz,  S  t  i  n  t  z  i  n  g.) 

Der  Vorsitzende  (Penzoldt)  gab  eine  Uebersicht  über  die  fr 
Tätigkeit  der  A.-K.  Zur  Bekämpfung  der  überhandnehmenden  Schädel 
Arzneimittelwesens  wurde  die  A.-K.  1911  vom  Kongress  für  innere  Mi 
gegründet.  Als  Ideal  schwebte  ihr  der  Council  on  Pharmacy  and  Cher 
of  the  American  Medical  Association  vor.  Für  deutsche  Verhältnisse  1 
’r  jedoch  Vorbilder  und  vor  allem  grössere  Geldmittel.  Mit  dem  JV 
eines  Vorbildes  sind  wohl  auch  manche  Fehler,  die  unleugbar  im  Anfan 
macht  wurden,  zu  entschuldigen.  Mit  dem  Fehlen  genügender  Mittel  häi 
zusammen,  dass  sich  die  A.-K.  zunächst  auf  die  Bekämpfung  der  rek 
haften  und  irreführenden  Anpreisungen  u.  ä.  beschränkte.  Diese  mi 
Arbeit  in  zahlreichen  schriftlichen  und  mündlichen  Beratungen  durchgeh 
Bestrebungen,  die  in  Gestalt  der  Arzneimittellisten  in  die  Oeffentlichkeit  t 
stiessen  in  den  beteiligten  Kreisen  vielfach  auf  Gleichgültigkeit,  noch 
aber  auf  ausgesprochene  Feindseligkeit,  welch  letztere  sich  zu  heftige: 
griffen  in  der  Presse  und  sogar  zu  gerichtlichen  Klageandrohungen  steig 
Es  fehlte  aber  auch  nicht  an  Zustimmung  insbesondere  seitens  der 
liehen  Verbände.  Es  gelang  der  A.-K.  hervorragende  konsultierende  Mitg 
zu  gewinnen.  Vor  allem  wurde  eine  Verständigung  mit  den  besonders 
essierten  Vereinigungen  (dem  Verband  der  chemischen  Grossindustrie 
pharmazeutischen  Fabriken,  den  Verlegern  der  medizinischen  Fachpresse 
erreicht,  teils  angebahnt.  Der  Erfolg  war  eine  wesentliche 
besserung  des  Anzeigewesens. 

Nur  die  Regierungen  verhielten  sich  gegen  den  Gedanken  einer  Prü 
stelle  für  Arzneimittel  vollständig  ablehnend. 

Während  des  Krieges  haben  verschiedene  Generalkommandos  erireu 
weise  Verfügungen  nach  den  Grundsätzen  der  A.-K.  zum  Schutz' 
Kranken  getroffen.  Die  Tätigkeit  der  A.-K.  ruhte  während  des  Ki 
Herbst  1919  nahm  infolge  der  erneut  und  erhöht  hervortretenden  St 
des  Arzneimittelwesens  die  A.-K.  ihre  Arbeit  wieder  auf.  Damals 
beschlossen,  im  Aufträge  der  A.-K.  verfasste  aufklärende  Ver  off 
lichungen  über  neuere  Arzneimittel  der  Fachpresse  zur  Verfügu 
stellen.  Um  eine  Auskunftsstelle  und  womöglich  eine  P  r  ü  f  u 
stelle  für  Arzneimittel  einzurichten,  wandte  sich  die  A.-K.  an  die  deu 
Aerzte  um  Beiträge.  Die  Sammlung  ergab  leider  nur  eine  Summe,  ui 
die  Einrichtung  und  der  Betrieb  der  Auskunftsstelle  nicht  länger  als  eii 
möglich  ist. 

Deshalb  wurde  am  3.  Januar  1922  entsprechend  dem  Anträge'  de 
schäftsführers  (H  o  1  s  t  e  -  Jena)  der  Beschluss  gefasst:  Die  A.-K..  dere 
nennung  in  dem  oben  stehenden  Sinne  ergänzt  wird,  soll  sich  an  die  de 
Aerzteschaft  mit  der  Bitte  wenden,  60  000  M.  im  Jahre  ihr  zur 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


335 


rz  1922. 


zu  stellen.  Nur  so  sei  es  möglich,  die  Auskunftsstelie  im  Be¬ 
rn  erhalten.  Wenn  jeder  Arzt  jährlich  den  geringen  Beitrag  von 
.-eben  würde,  so  wäre  die  Auskunftsstelle  gesichert.  Bei  dieser  kann 
■.der  Arzt  Belehrung  über  die  ihm  unbekannten  Arzneimittel  u.  ä. 
os  erholen.  Diese  Auskunftsstelle,  wie  die  Arbeiten  der  A.-K.  über¬ 
sind  von  grossem  Werte  für  den  ärztlichen  Stand,  den  auf  der  wissen- 
chcn  Höhe  auch  in  der  Arzneimittelbehandlung  zu  erhalten  eine  hohe 
e  ist,  sowie  auch  für  das  Wohl  der  Kranken,  die  vor  schädlichen  und 
;en  Mitteln  zu  schützen  jedem  Arzte  am  Herzen  liegen  muss.  Eine 
e  Zahl  von  aufklärenden  Veröffentlichungen  in  den  med.  Zeitschriften 
die  nächste  Zeit  in  Aussicht  genommen  worden.  Die  Gründung  einer 
dien,  pharmakologischen  und  therapeutischen  Prüfungsstelle  soll,  wenn 
afür  die  Mittel  zu  bekommen  sein  sollten,  im  Auge  behalten  werden. 


Auswärtige  Briefe. 

Berliner  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

e  Vorstands  wählen  in  der  Medizinischen  Gesellschaft.  —  Der  Vertrags- 
f  über  die  Familienversicherung. 

ich  niemals  seit  dem  Bestehen  der  „Berliner  Medizinischen  Gesell¬ 
war  das  Interesse  der  Mitglieder  in  so  weitgehendem  Maasse  für  die 
les  Vorstandes,  insbesondere  des  ersten  Vorsitzenden,  in  Anspruch  ge- 
n  wie  in  diesem  Jahre.  Das  kann  man  begrüssen,  weil  er  eine  engere 
{  zwischen  Vorstand  und  Mitgliedern  zur  Voraussetzung  hat;  man 
»  aber  auch  bedauern,  weil  es  uns  wieder  zum  Bewusstsein  bringt,  dass 
:ht  mehr,  wie  früher,  über  eine  Anzahl  überragender  Persönlichkeiten 
j  n,  die  neben  ihrer  anerkannten  wissenschaftlichen  Bedeutung  auch  die 
."igenschaften  eines  Vorsitzenden  der  grössten  ärztlichen  Körperschaft 

In.  Die  Zeiten  sind  vorüber,  wo  neben  V  i  r  c  h  o  w  Männer  wie 
rgmann,  Senator,  Waldeyer  und  später  Orth  wirkten,  so 
ir  die  Frage  entstehen  konnte,  wer  von  mehreren  der  geeignetste  sei, 
d  wir  uns  heute  eimgestehen  müssen,  dass  man  ein  wenig  in  Ver- 

Iit  kam,  um  einen  geeigneten  zu  finden.  So  war,  da  Orth  schon 
1  letzten  Jahren  nur  aus  besonderem  Pflichtgefühl  das  Amt  beibehalten 
etzt  aber  aus  Gesundheitsrücksichten  eine  Wiederwahl  in  keinem  Falle 
en  zu  können  erklärte,  die  Neuwahl  schon  lange  Gesprächsstoff  in  den 
r  Aerztekreisen  gewesen,  und  man  sah  ihr  mit  einer  gewissen 
ng  entgegen.  Damit  sie  besser,  wie  es  bei  früheren  Gelegenheiten 
len  war,  vorbereitet  werde,  hatte  sich  ein  Ausschuss  gebildet,  der  die 
Jer  der  Gesellschaft  wiederholt  aufforderte,  Wünsche  und  Anregungen 
gelangen  zu  lassen.  So  war  eine  Stelle  geschaffen,  bei  der  jeder,  der 
ir  die  Sache  interessierte,  seine  Ansichten  zum  Ausdruck  bringen 
Der  Ausschuss  nahm  seine  Arbeit  auf,  und  bei  seinen  sehr  ein¬ 
en  Beratungen  wurde  natürlich  an  erster  Stelle  die  Kandidatur  des 
:en  stellvertretenden  Vorsitzenden,  Herrn  Kraus,  besprochen,  der 
rsammlungen  in  mustergültiger  Weise  geleitet  hatte.  Aus  rein  sach- 
Gründen,  deren  Erörterung  hier  zu  weit  führen  wurde,  die  er  selbst 
rrchaus  anerkannte,  und  hauptsächlich,  weil  er  mit  anderen  Aufgaben 

Iin  Anspruch  genommen  ist,  nahm  man  davon  Abstand,  ihm  diesen 
anzubieten,  und  man  kam  überein,  Herrn  Körte  vorzuschlagen, 
erklärte  sich  auf  Befragen  auch  bereit,  den  Posten  anzunehmen,  falls 
einer  grösseren  Mehrheit  gewählt  würde.  Soweit  schien  alles  in 
den  Bahnen  zu  verlaufen,  da  ereignete  sich  etwas  Unerwartetes.  Eine 
i  von  Aerzten  war  mit  diesem  Vorschläge  nicht  zufrieden,  vielleicht 
,  weil  sie  ein  Mitglied  der  Fakultät  als  ersten  Vorsitzenden  wünschte, 
zte  sich  aber  nicht  mit  dem  Ausschuss  in  Verbindung,  erklärte  später, 
öffentlichungen  über  das  Bestehen  eines  solchen  übersehen  zu  haben, 
ternahm  ihrerseits  Schritte,  um  Herrn  Kraus  zur  Annahme  einer 
itur  zu  bewegen.  Dieser  erklärte,  dass  er  das  Vorgehen  des  Aus- 
s  allerdings  gebilligt  habe;  wenn  aber  eine  grössere  Mehrheit  der 
Jer  ihn  als  Vorsitzenden  wünschen  sollte,  so  würde  er  sich  ihr 
ersagen.  Damit  war  eine  recht  unerquickliche  Situation  geschaffen; 
Woche,  die  der  Wahl  vorausging,  herrschte  die  Stimmung  eines 
mpfes;  die  Mitglieder  erhielten  Zuschriften  von  beiden  Gruppen,  in 
lie  Wahl  des  einen  bzw.  des  anderen  Kandidaten  empfohlen  wurde.  Es 
imerhin  ein  wenig  erfreulich,  dass  es  doch  mehr  als  einen  gibt,  auf 
h  das  Vertrauen  einer  grösseren  Zahl  der  Berliner  Aerzte  vereinigte; 
hr  wenig  erfreulich  war  der  Eindruck,  den  man  bei  der  Wahl  selbst 
Die  Versammlung  verlief  stürmisch  wie  eine  erregte  Volksver- 
ng.  Gewählt  wurde  schliesslich  Herr  Kraus.  Dass  damit  die 
der  Gesellschaft  einer  sicheren  Hand  anvertraut  ist,  bezweifeln  auch 
en  nicht,  die  ihm  ihre  Stimme  nicht  gaben.  Nur  bleibt  es  bedauerlich. 
Ibst  bei  einer  Gelegenheit,  die  ausschliesslich  dem  wissenschaftlichen 
;enkreise  angehört,  die  Berliner  Aerzteschaft  nicht  die  Ruhe  und 
aufbringen  konnte,  die  man  bei  ihrer  sozialen  Stellung  zu  verlangen 
igt  ist. 

r  Zufall  fügte  es,  dass  wenige  Tage  zuvor  in  demselben  Saale  des 
beck-Virohow-Hauses  ein  ähnliches  Bild  mangelnder  Diszipliniertheit 
n  Augen  des  Zuschauers  sich  entrollte.  Am  18.  Februar  fand  eine 
^ame  Mitgliederversammlung  des  Gross-Berliner  Aerztebundes  und 
Wirtschaftlichen  Abteilung  statt.  Gegenstand  der  Verhandlung  war  die 
ung  der  Familienversicherung,  ein  Thema,  das  schon  wiederholt  die 
r  erregt  hatte,  allerdings  auch  von  einschneidender  Bedeutung  für  die 
aftliche  Existenz  sehr  vieler  Aerzte  ist.  Wie  schon  früher  an  dieser 
lerichtet  wurde,  besteht  eine  vertragliche  Verpflichtung  zwischen  den 
ikassenverbänden  und  dem  Aerztebund,  über  die  ärztliche  Ver- 
:  der  Familienmitglieder  zu  verhandeln.  Diese  Verhandlungen  waren 
n  Mangel  zuverlässiger  statistischer  Unterlagen  für  die  Kassen  und 
Unübersehbarkeit  der  wirtschaftlichen  Einwirkung  für  die  Aerzte 
rdentlich  schwierig;  sie  drohten  schon  zu  scheitern,  und  es  trat 
•in  Zeitpunkt  ein,  wo  einige  Kassen  versuchten,  einzelne  Aerzte  fest 
den.  Dieser  Versuch  ist  misslungen.  Die  Verhandlungen  wurden 
aufgenommen  und  führten  unter  gegenseitigen  Zugeständnissen  schliess- 
einem  Vertragsentwurf,  der  von  den  Vertretern  der  beiden  Parteien 
nmen  wurde.  Der  Vertrag  soll  zunächst  nur  für  eine  Versuchszeit 
,em  Jahre  abgeschlossen  werden,  die  genügen  kann,  um  seine  Wir¬ 


kung  zu  erproben,  anderseits  nicht  so  lang  ist,  dass  schwere  Schäden  aus 
ihm  erwachsen  können.  Wegen  seiner  ganz  besonderen  Bedeutung  aber 
sollten  vorher  die  Mitglieder  befragt  werden.  Der  Vertragsentwurf  ist 
ganz  gewiss  nicht  frei  von  Schönheitsfehlern.  Ebenso  gewiss  aber  ist  es, 
dass  in  ihm  das  erreicht  ist,  was  erreichbar  war.  Nichtsdestoweniger  war 
man  auf  Widerstände  gefasst,  und  diese  kamen  in  der  Mitgliederversammlung 
in  recht  heftiger  Form  zum  Ausdruck.  Wieder  waren  es  die  Kollegen  einiger 
Vororte,  die  die  grössten  Schwierigkeiten  machten  und  auf  keines  ihrer  ver¬ 
meintlichen  Rechte  verzichten  zu  dürfen  glaubten.  Sie  erreichten  es  auch, 
dass  ihnen  gewisse  Zugeständnisse  gemacht  und  Mindestsätze  gewährleistet 
wurden.  Der  Verlauf  der  Versammlung  war  so,  wie  leider  erwartet  werden 
konnte:  sehr  stürmisch  und  nicht  sehr  würdig.  Das  Ergebnis  war  so,  wie 
glücklicherweise  erwartet  werden  konnte:  Dem  Vorstande  wurde  die  Er¬ 
mächtigung  zum  Vertragsabschlüsse  erteilt.  M.  K. 


Zum  Entwurf  der  bayerischen  Standesgerichtsordnung. 

Von  Sanitätsrat  Dr.  Bergeat  in  München. 

Die  Notwendigkeit,  das  ehrengerichtliche  Verfahren  bei  den  ärztlichen 
Bezirksvereinen  durch  einheitliche  Vorschriften  zu  ordnen,  ist  schon  zu  der 
Zeit  erkannt  worden,  als  wir  in  Bayern  noch  keine  gemeinsame  Landes¬ 
ärztekammer,  sondern  noch  nur  acht  selbständige  Aerztekammern  hatten.  Im 
Jahre  1910  ist  von  mir  den  Aerztekammern  der  Entwurf  einer  Ehrengerichts- 
ordnung  vorgelegt  worden.  Die  Beratung  ergab  in  der  oberbayerischen  und 
der  mittelfränkischen  Kammer  in  wichtigen  Punkten  beträchtliche  Ab¬ 
weichungen.  Der  Plan,  durch  Ausgleich  dieser  Unterschiede  zu  einer  allge¬ 
mein  gültigen  Fassung  zu  gelangen,  scheiterte  1913  vor  allem  an  dem 
grundsätzlich  ablehnenden  Verhalten  einer  Aerztekammer.  Im  Krieg  ist  die 
Tätigkeit  der  Aerztekammern  erloschen.  Immerhin  ist  das  früher  Geschaffene 
nicht  vergeblich  gewesen;  vielmehr  hat  sich  gezeigt,  das$  sich  die  Ehren¬ 
gerichtsordnung  da,  wo  sie  eingeführt  war,  bewährt  und  gute  Dienste  ge¬ 
leistet  hat. 

Nun  hat,  wie  in  Nr.  6  der  M.m.W.  mitgeteilt,  der  Landesausschuss 
der  Aerzte  Bayerns,  in  fortschreitendem  Ausbau  des  Standeswesens  begriffen, 
auch  diese  Angelegenheit  aufgenommen  und  gemäss  dem  vorjährigen  Be¬ 
schluss  der  Landesärztekammer  den  Bezirksvereinen  den  Entwurf  einer 
Standesgerichtsordnung  zur  Beratung  unterbreitet.  Die  mit  der  Ausarbeitung 
betraute  Kommission  hat  ihren  Beratungen  eine  von  mir  ausgeführte,  ein¬ 
greifende  Umbearbeitung  zur  Grundlage  genommen.  Von  besonderem  Werte 
und,  wie  ich  sagen  darf,  zu  einer  wirklichen  Freude,  ist  uns  die  Mitarbeit 
eines  seit  Jahren  in  der  ärztlichen  Standesgerichtsbarkeit  tätigen  juristischen 
Beraters  geworden,  des  Herrn  Stadtrates  Dr.  Merkel  in  Nürnberg.  Ihm 
verdanken  wir  die  unverdrossene  Sichtung  der  oft  eigenartig  verwickelten 
Materie  und  die  straffe  und  erschöpfende  Fassung  der  von  uns  für  notwendig 
erachteten  Bestimmungen.  Man  kann  nur  wünschen,  dass  wir  Aerzte  auch 
künftig,  wo  immer  wir  uns  Gesetze  schaffen  wollen,  uns  solcher  sachver¬ 
ständiger  Mithilfe  bedienen  und  zu  erfreuen  haben  werden.  Stadtrat 
Dr.  Merkel  hat  dem  Entwurf  eine  ebenfalls  bereits  veröffentlichte  l)  aus- 
.  fü’lirliche  Begründung  beigegeben,  welche  s.  Z.  einen  wertvollen  „Kommentar“ 
zur  Ehrengericihtsordnung  bilden  wird.  Im  Folgenden  soll  nun  ein  kurzer 
Ueberblick  über  den  Inhalt-  des  Entwurfes  gegeben  werden. 

Der  Stoff  der  Standesgerichtsordnung  hat  gegen  früher  einen  stark  ver¬ 
änderten  Aufbau  und  durch  die  Vervollständigung  der  alten,  sowie  die  Auf¬ 
nahme  neuer  Bestimmungen  eine  ganz  wesentliche  Erweiterung  erfahren. 
Durch  die  Gliederung  in  Abschnitte  mit  entsprechenden  Bezeichnungen  hat 
die  Uebersichtlichkeit  viel  gewonnen.  Als  Einleitung  zum  Ganzen  wird  der 
Zweck  und  die  Zuständigkeit  der  Standesgerichtsbarkeit  in  gedrungener  Form 
dargelegt  und  jedes  Mitglied  der  Bezirksvereine  verpflichtet,  vor  der  An¬ 
rufung  öffentlicher  Gerichte  jede  aus  dem  Berufsleben  entspringende  Klage 
gegen  einen  Kollegen  —  unbeschadet  der  gesetzlichen  Rechte  —  zuerst  der 
Standesgerichtsbarkeit  zu  unterbreiten.  Ebenso  wird  die  Verpflichtung  ausge¬ 
sprochen,  jeder  Ladung  vor  das  Schieds-  und  Ehrengericht  Folge  zu  leisten. 

Die  ersten  Stellen  der  Gerichtsbarkeit  bilden  die  Schieds-  und  Ehren¬ 
gerichte  bei  den  Bezirksvereinen.  Man  hat  vor  Jahren  schon  daran  gedacht, 
diese  Gerichte  durch  Angliederung  an  die  Aerztekammern  aus  dem  engen 
örtlichen  Kreis  herauszuheben,  in  dem  die  Sachlichkeit  nicht  immer  leicht  zu 
wahren  ist.  Da  aber  zur  geeigneten  Schlichtung  der  meist  anfallenden  ört¬ 
lichen  Streitigkeiten  auch  die  Kenntnis  der  örtlichen  Verhältnisse  notwendig 
ist  und  ausserdem  die  zunehmende  Verkehrsunterbindung  eine  Zentralisierung 
immer  mehr  erschwert,  wurde  der  Gedanke  nicht  weiter  verfolgt.  Als 
Berufungsgericht  für  die  Urteile  der  Vereinsehrengerichte  dienen  die  Kammer¬ 
ehrengerichte.  je,  eines  für  den  Bereich  der  Aerztekammer. 

*  Die  Schieds-  und  Vereinsehrengerichte  sind  mit  drei  Richtern  (Aerzten) 
besetzt,  wozu  auf  Beschluss  des  Ehrengerichtes  als  vierter  Richter  ein  mit 
der  Befähigung  zum  Richteramt  ausgestatteter  Jurist  treten  kann;  das 
Kammerehrengericht  besteht  aus  fünf  Richtern,  von  denen  einer  Jurist  sein 
muss,  der  gleichfalls  von  der  Aerztekammer  zu  wählen  ist.  Das  bisherige, 
stellenweise  durch  Zuruf  recht  summarisch  vollzogene  Verfahren  zur  Wahl 
der  Ehrenrichter  wird  durch  die  Vorschrift  der  geheimen  Abstimmung  ver¬ 
bessert.  Früher  bestand  teilweise  ein  recht  lebhafter  Widerspruch  gegen 
die  Zuziehung  eines  Juristen  zum  ärztlichen  Ehrengericht.  Dieser  Wider¬ 
spruch  kann  hoffentlich  als  überwunden  gelten.  Wo  diese  Einrichtung  ins 
Leben  getreten  ist,  hat  sie  sich  in  jeder  Weise  für  das  Ansehen  der  Gerichte 
sowohl  wie  für  das  Interesse  der  Parteien  als  so  nutzbringend  erwiesen, 
dass  man  nicht  mehr  darauf  wird  verzichten  wollen.  Ebenso  wird  hoffentlich 
jetzt  die  von  mir  von  jeher  vertretene  Uebertragung  des  vollen  Stimmrechtes 
an  den  juristischen  Richter  keinem  Einwand  mehr  begegnen.  Sie  ist  meines 
Erachtens  ein  Gebot  der  Standeswürde  des  Richters.  Neu  aufgenommen  wurde 
die  förmliche  Verpflichtung  der  Ehrenrichter  durch  ein  Handgelübde  und  die 
dafür  bestimmte  Formel.  Hier  wäre  nebenbei  bemerkt  noch  eine  kleine 
Aenderung  am  Platze  durch  wenigstens  teilweise  Uebertragung  des  Vollzuges 
an  den  Vorsitzenden  des  Gerichtes  (statt  des  Vorsitzenden  des  Bezirks¬ 
vereines  oder  der  Aerztekammer). 

Der  Entwurf  bringt  diie  höchst  notwendige  strenge  und  vollkommene 
Trennung  des  schiedsgerichtlichen  (Schlichtungs-)  Verfahrens  von  dem  eigent¬ 
lichen  ehrengerichtlichen  (Straf-)  Verfahren.  Das  schiedsgerichtliche  Ver- 

')  Bayer,  ärztl.  Korr.Bl.  1922  Nr.  6  u.  7. 


336 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


fahren  beim  beruflichen  Streit  zweier  Aerzte  gipfelt  nach  dem  Scheitern  einer 
Vermittlung  in  einem  Schiedsspruch,  sofern  sich  beide  Parte“" 
verbindlichen  Unterwerfung  unter  den  Schiedsspruch  vorher  bereit  eiklaren. 
Cine  Berufung  gegen  den  Schiedsspruch  gibt  es  nicht.  ,  | 

Das  ehrengerichtliche  Verfahren  tritt  ein  auf  Strafantrag  der  Vorstand 
Schaft  des  Bezirksvereins,  auf  Strafantrag  eines  Arztes  oder  auf  Selbst¬ 
anzeige  Klagen  von  Laien  werden  von  der  Vorstandschaft  des  Bezirksvereins 
geprüft  und  gegebenenfalls  übernommen,  wodurch  die  Vorstandschaft  zur 
Partei  im  Verfahren  wird.  Zur  Wahrung  der  Unabhängigkeit  des  Ehrenge¬ 
richtes  wird  diesem  im  Gegensatz  zu  früher  das  Recht  zur  selbständigen 
Einleitung  eines  Strafverfahrens  in  dem  vorliegenden  Entwurf  nicht  mehr 

ungesäumt.,  ßedürfnjs  erwiesen  sich  ausdrückliche  Bestimmungen  (§15)  über 
die  Dauer  der  Klagefristen  und  solche  über  die  Wiederaufnahme  des  Ver- 
fahrens  (§  19).  Beide  Punkte  sind  in  Dr.  Merkels  Begründung  an  der 
Hand  der  einschlägigen  Vorschriften  der  Reichsstrafprozessordnung  genauer 
erläutert.  Auch  die  Vorkehrungen  für  den  Fall,  dass  ein  Richter  oder  ein 
ganzes  Gericht  (auch  das  ist  schon  vorgekommen),  als  befangen  abgelehnt 
werden  sollte,  sind  ergänzt  und  erweitert  worden,  so  dass  es  zu  Ver¬ 
legenheiten  und  Zweifeln  kaum  mehr  kommen  dürfte.  =  .  ,, 

Nach  §  17  erkennt  das  Ehrengericht  im  Falle  der  Verurteilung  auf  a)  Ver¬ 
weis  oder  b)  Geldstrafe  oder  c)  Aberkennung  des  aktiven  und  passiven  Wahl- 
rechtes  auf  bestimmte  Dauer  oder  d)  auf  Androhung  der  hrklärung  der 
Standesunwürdigkeit  oder  e)  Erklärung  der  Standesunwürdigkeit.  Verbindung 
der  Geldstrafe  mit  einer  anderen  Strafe  und  Verschärfung  der  Strafen  durch 

Veröffentlichung  ist  zulässig.  .  .  .  . 

Die  Fassung  der  Punkte  d)  und  e)  bereitete  nicht  geringe  Schwierig¬ 
keiten,  welche  in  der  staatlichen  Verfassung  der  Bezirksvereine  liegen,  ^ins¬ 
besondere  bezüglich  des  Ausschlusses  aus  einem  Bezirksverein.  Der  Aus¬ 
schluss  aus  dem  Bezirksverein  steht  nicht  dem  Ehrengericht  zu,  sondern  unter¬ 
liegt  dem  Beschlüsse  der  Vereinsversammlung.  Das  Ehrengericht  muss  sich 
daher  auf  die  Feststellung  der  Standesunwürdigkeit  beschränken  und  die 
Folgerungen  dem  Vereine  uberlassen.  Beschliesst  dieser  den  Ausschluss,  so 
steht  dem  Betroffenen  noch  eine  Beschwerde  an  die  Aerztekammer  (Be- 
schwerdekommission)  offen,  welche  in  diesem  Fall  noch  gewissermassen  die 
oberste  Instanz  über  dem  Kammerehrengericht  bildet.  Infolgedessen  war  es, 
einerseits  zur  Wahrung  des  Ansehens  der  Ehrengerichte,  anderseits  mit  Rück¬ 
sicht  auf  die  schweren  moralischen  und  wirtschaftlichen  Folgen  des  Aus¬ 
schlusses,  geboten,  für  Entscheidungen  nach  §  17  e  die  Einstimmigkeit  des 
Gerichtsbeschlusses  zur  Voraussetzung  zu  machen.  Die  Kommission  hat  nicht 
verkannt,  dass  hier  die  Geschlossenheit  des  Verfahrens  einiges  zu  wünschen 
übrig  lässt.  Ein  wichtiger  Grund  mehr  neben  anderen  wichtigen  Gründen, 
um  eine  baldige  zeitgemässe  Umänderung  der  durch  Allerhöchste  Verordnung 
von  9.  VII.  1895  festgelegten  bayerischen  Standesverfassung  eifrig  zu  be- 


Weitere  eingehende  Bestimmungen,  die  hier  nicht  erörtert  werden  sollen, 
regeln  als  eine  Art  Geschäftsordnung  das  eigentliche  Verfahren  bei  den 
Ehrengerichten:  Die  Aufgaben  des  Vorsitzenden,  die  Zusammensetzung  des 
Gerichtes,  die  Ladungen,  die  Berichterstattung  und  Vernehmung,  das  Protokoll, 
die  Entscheidung  des  Gerichtes  und  Bekanntgabe  derselben,  die  Kosten¬ 
deckung  (zu  welcher  die  Parteien  im  ziemlichen  Urrifang  herangezogen 
werden),  die  Aktenbildung,  die  Wahrung  des  Geheimnisses  und  den  Jahres¬ 
bericht  der  Gerichte. 

Vieles  an  diesen  Bestimmungen  mag  als  selbstverständlich  und  deshalb 
überflüssig  erscheinen,  ist  es  aber  nicht  bei  der  unserem  freien  Beruf  im  Blut 
steckenden  Neigung  zur  Formlosigkeit;  erst  durch  die  ausdrückliche  Fest¬ 
legung  wird  das  einheitliche  und  selbstsichere  Arbeiten  der  Ehrengerichte 
gewährleistet  und  ihr  Verfahren  vor  unfreundlichen  Angriffen,  welche  wie 
bekannt  in  der  Regel  die  Form  bemängeln,  geschützt. 

So  leicht  es  im  allgemeinen  der  Kommission  gelungen  -ist,  sich  auf  be¬ 
stimmte  Beschlüsse  zu  einigen,  in  einem  Punkte  ist  sie  nicht  einig  geworden, 
das  ist  die  Zulässigkeit  des  Ehrenwortes.  Daher  legt  sie  für  §  32  zwei 
Fassungen  vor: 

Die  Abnahme  des  Ehrenwortes  ist  unzulässig 

oder 

I.  Die  Abgabe  des  Ehrenwortes  nach  dem  Ermessen  der  Parteien, 
Zeugen  und  Sachverständigen  ist  unzulässig. 

II.  In  besonders  bedeutungsvollen  Fällen  kann  das  Gericht  be- 
schliessen,  einer  Partei,  einem  Zeugen  oder  Sachverständigen  das  Ehren¬ 
wort  abzunehmen,  was  in  förmlicher  Weise  zu  geschehen  hat.  Solche 
Aussagen  sin‘d  wörtlich  aufzuzeichnen  und  nach  Anerkennung  durch  den 
Aussagenden  in  das  Protokoll  aufzunehmen. 

Die  Frage  ist  von  -solcher  praktischer  und  ethischer  Bedeutung,  dass  sie 
nicht  durch  Uebergehung  sich  selbst  überlassen  werden  kann,  sondern  gelöst 
werden  muss.  Die  Lan-d-esärztekammer  wird  die  letzte  Entscheidung  zu  treffen 
haben.  Unser  juristischer  Berater  und  mehrere  Mitglieder  der  Kommission 
lehnen  das  Ehrenwort  ab,  andere  vertreten  die  zweite  Fassung.  Da  ich  zu 
den  letzteren  zähle,  mögen  mir  einige  Bemerkungen  erlaubt  sein 2), 
wobei  ich  vorausschicke,  dass  bisher  auch  die  Aerztekammern  in  dieser 
Frage  soweit  überhaupt  eine  geteilte  Stellung  einnahmen.  In  Oberbayern  galt 
bisher  -dem  Sinne  nach  die  zweite  Fassung,  -die  mittelfränkische  Kammer  -hat 
die  ganze  Bestimmung  als  überflüssig  gestrichen. 

-Das  Dilemma,  richtig  gefasst,  ist  ein  sehr  enges:  Soll  die  Abnahme  des 
Ehrenwortes  unter  allen  Umständen  untersagt  oder  soll  sie  unter  gewissen 
engbegrenzten  Umständen  zulässig  sein? 

Die  juristische  Auffassung  -beruft  -sich  vor  allem  darauf,  -dass  im  Straf¬ 
verfahren  der  öffentlichen  Gerichte  der  Parte-ieneid  ausgeschlossen  -ist.  Man 
wird  die  Grunde,  -die  dazu  geführt  haben,  sehr  wohl  würdigen  und  sich  auch 
der  Ansicht  nicht  verschldessen,  dass  das  ärztliche  Ehrengericht  um  so  ein¬ 
wandfreier  nach  aussen  dasteht,  je  mehr  sich  sein  Verfahren  dem  der  ordent¬ 
lichen  Gerichte  anschliesst,  doch  lassen  sich  auch  für  die  andere  Auffassung 
gewiss  recht  gute,  weniger  rechtswissenschaftliche  als  allgemeine  Gründe 
beibringen.  Kein  Gerichtsverfahren  kann  zur  Feststellung  der  Wahrheit  und 
des  Rechtes  heroischer  Mittel,  d.  h.  der  besonders  feierlichen  Aussage,  ent¬ 
behren.  Dem  öffentlichen  Gericht  dient  dazu  der  Zeugeneid.  Gerade  hierin 


2)  Soeben,  nachdem  obige  Betrachtungen  im  wesentlichen  nieder¬ 
geschrieben  waren,  erschien  in  -Nr.  8  des  Bayer.  Aerztl.  Korresp.  ein  Aufsatz 
Dr.  Merkels,  in  dem  der  Gegenstand  von  der  juristischen  Seite  beleuchtet 
wird. 


kann  sich  das  ärztliche  Ehrengericht,  dem  die  Vereidigung  nicht  zusteht,  , 
öffentlichen  Gericht  eben  gar  nicht  anpassen  und  dafür  kann,  von  vornlie 
nur  im  beschränkten  Maasse,  nur  in  dem  Ehrenwort  ein  Ersatz  cefu i 
werden  für  die  Fälle,  wo  andere  Mittel  nicht  zum  Ziele  führen.  Auch  der  Zeu. 
cid  ist  bekanntlich  nicht  frei  von  der  Möglichkeit  schwerster  moralis 
Konflikte,  welcher  Möglichkeit  -die  verfeinerte  und  humanere  Rech tspi 
unserer  Zeit  auch  Rechnung  trägt.  Dieselbe  Umsicht  in  der  Abwägung 
Zulässigen  kann  auch  unseren  Ehrengerichten  zur  Pflicht  gemacht  wer 
Dem  ganzen  Wesen  nach  unterscheidet  sich  aber  das  Ehrengericht  doch; 
von  dem  ordentlichen  Gericht.  Ich  meine,  natürlich  cuin  grano  saus, 
Objekt  seiner  Tätigkeit.  Das  ordentliche  Gericht  setzt  bei  seinen  Angekla 
eine  grosse  Menge  von  mala  fides  oder  nur  recht  wenig  bona  fides  vor 
es  gibt  ihnen  fast  das  Recht,  sich  mit  allen  Mitteln,  auch  -dem  der  Unw 
heit,  der  Bestrafung  zu  entziehen.  Das  wollen  wir,  so  scheint  mir  wen-igsi 
bei  einem  ärztlichen  Standesgericht  doch  nicht  ohne  weiteres  als  Grund 
übernehmen  Wir  verlangen  von  dem,  der  vor  seinen  Standesgenossen 
Richtern  steht,  auch  Wahrhaftigkeit  in  seinen  Aussagen  und  verurteilen  n 
gewiesene  Unwahrheit  jedenfalls  weit  schärfer  als  es  das  ordentliche  Oe: 
tut.  Daher  besteht  m.  E.  nicht  ein  absolutes  Bedenken  gegen  -das  Ehren' 
einer  Partei.  Ausgeschlossen  in  jeder  Weise  wäre  es  freilich,  das  Ehren’ 
als  moralische  Daumenschraube  zu  benützen,  um  die  Beweisführung  zu 
leichtern  und  dem  Beklagten  das  Bekenntnis  seiner  Schuld  abzuzwingen. 
Bedenken  g-egen  eine  solche  grausame  Art  des  Rechtsverfahrens  dürfte  . 
der  Grund  dafür  sein,  dass  das  ordentliche  Gericht  im  Strafprozess  auf 
Parteieneid  —  im  Zivilprozess  spielt  der  Parteieneid  sogar  eine  gr 
Rolle  —  verzichtet,  zumal  bei  der  drakonischen  Strafe,  die  auf  den  Mei 
gesetzt  ist.  Meine  Ueberzeugung  ist  aber,  dass  mit  dieser  radikalen 
lehnung  des  Parteieneides  dem  persönlichen  Rechtsempfinden  und  Rei 
bedürfnis  manches  Angeklagten  empfindlicher  Abbruch  geschieht,  indem 
ihm  den  Gegenei-d  zu  seiner  Verteidigung  versagt.  Die  Lücke,  die  man 
empfindet,  ist  der  Hauptgrund,  warum  ich  bei  unseren  Ehrengerichten, 
vielleicht  doch  einer  etwas  feineren  Differenzierung  fähig  sind,  als  die  orc 
liehen  Gerichte,  das  Ehrenwort,  auch  bei  den  Parteien,  nicht  ganz 
geschlossen  sehen  möchte.  In  erster  Linie  zum  Schutz  des  Beklagten.  Ge 
bei  der  Art  des  ärztlichen  Berufslebens,  das  sich  so  vielfach  ohne  Zeugen 
spielt,  sind  nicht  schwer  Fälle  denkbar,  in  denen  ein  tadelfreier  Man 
schweren  Verdacht  geraten  oder  gebracht  werden  kann  und  alles 
seinen  Ungunsten  zu  sprechen  scheint  und  wo  auch  der  Makel  eines  , 
liquet“  von  verderblichster  Wirkung  ist.  Hier  soll  jedes  Mittel  der 
tei-digung  offengehalten,  keines  aus  Grundsatz  verschlossen  bleiben, 
dürfen  zu  den  Ehrengerichten,  denen  wir  ja  die  Initiative  Vorbehalten 
denen  das  Recht  der  freien  Beweiswürdigung  immer  gegeben  ist,  das  Vcrtr 
haben,  dass  sie  von  der  ihnen  gegebenen  Vollmacht  den  richtigen  Gehr 
zu  machen  w-issen  und  ebenso,  dass  die  juristische  Beratung  Missbrauche 
Missgriffe  zu  verhindern  imstande  sein  wird. 

Mein  Empfinden  spricht  für  den  Sinn  -des  zweiten  Paragraphen; 
geeignetere  Fassung,  welche  jede  Sicherung  gibt,  wird,  wenn  erfordei 
gefunden  werden.  Möge  -die  Entscheidung,  wie  sie  auch  ausfalle,  uns; 
Stande  zum  Wohl  gereichen,  wie  wir  dies  von  der  ganzen  neuen  Star 
gerichtsordnung  erhoffen  dürfen. 


Kleine  Mitteilungen. 

Therapeutische  Notizen. 

Ein  merkwürdiger  Fall  von  Heilung  einer  Darm  tu  b 

k  u  1  o  s  e. 

Im  Frühjahr  1915  wurde  ich  zu  dem  damals  etwa  50  Jahre  alten  l 
halter  Karl  Schm,  in  Ründeroth  gerufen. 

Er  lag  schon  2)4  Jahre  schwer  krank  zu  Bett.  Ueber-einstinu 
hatten  alle  bisher  untersuchenden  Aerzte  die  Krankheit  als  Darmtuberk 
bezeichnet.  Der  Zustand  war  so  bedenklich  geworden,  dass  der  behänd 
Arzt,  die  pflegende  Schwester,  wie  auch  die  Angehörigen  das  Ableben 
Kranken  für  die  allernächsten  Wochen  erwarteten. 

Befund:  Abendliches  Ansteigen  der  A.-T.  auf  etwa  40  '.  Abmagt 
„bis  zum  Skelett“.  Passive  Rückenlage.  Dekubitus  in  Sakral-  und  Fe 
gegend.  Stuhl  stets  schokoladenbraun;  eingesandte  Probe  enthielt  Tube 
bazillen.  Hochgradige  Schwäche:  der  Kranke  ist  seit  Monaten  nicht 
in  der  Lage,  sich  im  Bette  zu  setzen. 

Behandlung.  Ich  baute  meinen  Heil-plan  auf  den  Versuchen 
Gräfin  Prof.  Linden  in  Bonn  auf,  durch  Kupfer  den  Koch  sehen  Ba 
zu  beeinflussen. 

Mein  Gedanke  war,  durch  regelmässige  Darreichung  von  minit 
Mengen  eines  Kupfersalzes  zu  erreichen,  dass  monatelang  ständig  eine  ge 
Menge  von  Kupfer  im  Körper  anwesend  sei. 

Ich  wählte  das  Kup-fersulfat.  Seiner  wässerigen  Lösung  liess  ich  < 
Gelatine  alba  und,  zwecks  Kontrahierung  der  Darmwandgefässe  < 
Adrenalin  beifügen. 

Die  Darreichung  geschah  genau  gleichmässig  jede  Stunde  von  ino 
8  Uhr  bis  abends  10  Uhr.  Es  durfte  kein  Brechreiz  auftreten;  baid 
die  richtige  Dosis  ermittelt. 

Nebenbei  liess  ich  zur  Herabdrückung  des  Fiebers  von  3 — 9  Uhr 
mittags  alle  2  Stunden  einen  Esslöffel  einer  einprozentigen  Pyramidonh 
geben.  Das  war  die  ganze  Behandlung. 

Verlauf:  Nach  1  Woche  Stuhl  normal  gefärbt,  Befinden  bede 
besser;  es  gelingt  dem  Kranken,  sich  im  Bette  aufzurichten.  Nach  2  W- 
kann  er  auf  einige  Minuten  selbständig  aufstehen,  um  Bedürfnisse  zu 
richten.  Nach  3  Wochen  finde  ich  ihn  im  Garten  sitzen.  Nach  4  W- 
geht  er  1  km  zu  Fuss.  Nach  3  Monaten  tritt  er  seinen  Dienst  wiede 
nimmt  aber  das  Kupfer  noch  weitere  3  Monate.  Bis  heute,  also 
6  Jahren,  ist  der  Mann  gesund  geblieben. 

Dr.  med.  Hubert  Kahle-  Köln  a. 

H.  H  a  r  1 1  u  n  g,  Knappschaftskrankenhaus  Emanuelsegen  O.S.,  ber 
über  die  im  dortigen  Krankenhaus  mit  gutem  Erfolg  durchgeführte  B  e  h : 
lung  von  Verbrennungen.  H.  richtet  sich  in  seiner  Behan 
nach  den  von  T  sch  marke  dargelegten  Grundsätzen,  d.  h.  er  sieht  in 
Verbrennung  eine  frische,  nicht  infizierte  Wunde  und  sucht  diese  vor 
Dingen  vor  Infektionen  zu  bewahren.  Die  von  ihm  angewandte  V 


irz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


327 


■gung  besteht  darin,  die  Haut  mit  Jodtinktur  zu  desinfizieren,  danach  die 
rmisfetzen  abzutragen,  die  Blasen  mit  ihrem  gallertigen  Inhalt  zu 
:n  und  einen  sterilen  Verband  anzulegen.  Er  bevorzugt  dabei  Jodoform¬ 
wegen  ihrer  schmerzstillenden  Wirkung.  Den  ersten  Verband  lässt  er 
Tage  liegen,  weicht  ihn  danach  im  Wasserbad  los  und  versorgt  die 
c  weiter  mit  Salben-  oder  feuchten  Verbänden.  Auf  diese  Weise  be¬ 
it  er  die  Verbrennungen  ersten  und  zweiten  Grades.  Bei  den  Ver- 
mgen  dritten  Grades  lässt  er  den  Schorf  auf  der  Wunde  möglichst  un- 
t. 

on  grosser  Wichtigkeit  ist  es,  schon  bei  den  ersten  Verbänden  die  sehr 
eintretenden  Kontrakturen  zu  berücksichtigen  und  die  Verbände  so 
gen,  dass  diese  vermieden  werden.  So  z.  B.  bei  einer  Verbrennung 
andrückens  die  Hand  in  leichter  Beugestellung,  bei  einer  solchen  der 
.äche  die  Hand  in  überkorrigierter  Streckstellung  einzubinden.  (Ther. 
onatshefte  1921,  15.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 

/alter  Körting-Prag  (Universitätsklinik)  berichtet  über  die  Be- 
lung  der  Grippe  bei  Schwangeren,  wie  sie  an  der  dortigen 
lklinik  mit  relativ  günstigem  Erfolg  durchgeführt  wurde.  Es  handelt 
:ier  besonders  um  die  mit  Pneumonie  komplizierten  Grippefälle,  wo 
s  einer  massenhaften  Exsudation  seröser  Flüssigkeit  in  die  Alveolen 
»ronchien  das  Leben  der  Schwangeren  akut  bedroht  ist.  Hier  wurde 
eine  frühzeitig  angewendete  Adrenalintherapie  Günstiges  erreicht.  Das 
alin  wurde  intramuskulär,  alle  3 — 4  Stunden,  je  1  ccm  Stammlösung 
)0)  gegeben.  Oft  wurden  bis  zu  18  ccm  der  Lösung  verabreicht.  Kör¬ 
gründet  den  Heilerfolg  darauf,  dass  es  durch  die  Grippeerkrankung  zu 
toxischen  Schädigung  der  Nebennieren  gekommen  ist,  die  zu  einer 
en  Durchlässigkeit  der  Kapillaren  führt  und  dadurch  zu  der  enormen 
ation  in  die  Alveolen.  Durch  die  künstliche  frühzeitige  Einverleibung 
.drenalin  kann  diese  Hypofunktion  des  Adrenalinsystems  ausgeglichen 
n.  (Ther.  Halbmonatsh.  1921.  21.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 

ie  Behandlung  gewisser  Lungenaffektionen  mit 
nikpräparaten  in  hohen  Dosen  und  zwar  50  proz.  Lösung 
la.  cacodylicum  oder  Arrhenal  empfiehlt  F.  Nidergang  (Presse 
ile  1921  Nr.  78).  Bei  ausgesprochener  Lungentuberkulose  gibt 
Behandlung  keinerlei  Erfolg,  doch  liegt  ihr  Indikationsgebiet  haupt- 
:h  im  Lungenemphysem,  mit  oder  nicht  mit  Bronchitis  verbunden  und  in 
irklichen,  asthmaähnlichen  Dyspnoen,  ferner  noch  vielleicht  bei  fötider 
litis  und  Lungengangrän.  Es  werden  immer  eine  Reihe  von  10 — 12  In¬ 
ten  gemacht  und  zwar  alle  2  Tage  oder  wenigstens  2  mal  pro  Woche 
enös,  indem  man  allmählich  mit  der  Dosis  (jedesmal  um  1  ccm)  an- 
und  das  Maximum  von  5 — 6  g  des  Arseniksalzes  schliesslich  erreicht 
Eine  Anzahl  nach  dieser  Methode  behandelter  Patienten  haben  seit 
Jahre  keinen  neuen  Anfall  von  Empyhsem  mehr,  andere  nach  völliger 
g  neue  Anfälle,  die  im  allgemeinen  weniger  heftig  waren  und  rasch 
t  wurden,  gehabt.  N.  nennt  seine  Methode  eine  antiseptische  und 
ipnoische  Lungenbehandlung.  St. 


Studentenbelange. 

im  Streit  um  die  Verfassung  der  deutschen  Studentenschaft. 

er  Verfassungsstreit,  der  die  deutschen  Studentenschaften  seit  langer 
rregt  und  daher  an  dieser  Stelle  schon  des  öfteren  behandelt  wurde, 
rch  den  Erlass  der  Notverfassung  in  ein  besonders  entscheidendes 
im  getreten.  Es  dürfte  deshalb  von  grossem  Belange  sein,  das  Urteil 
Hannes  zu  hören  —  Universitätsprofessor  Dr.  jur.  L  e  n  t  -  Erlangen  — . 
e  kein  anderer  in  der  Lage  ist,  die  Vorgänge  mit  unvoreingenommenem 
ju  betrachten,  hatte  er  doch  den  Vorsitz  des  Spruchhofes,  der  über  die 
ceit  der  Erlanger  Verfassung  zu  entscheiden  hatte.  Die  folgenden  Aus¬ 
gen  sind  einem  Artikel  aus  dem  „Fränkischen  Kurier“  entnommen, 
ch  in  den  „Deutschen  Akademischen  Stimmen“  erschienen  ist. 
egen  die  auf  dem  Erlanger  Studententag  beschlossene  Aenderung  der 
tger  Verfassung  hatten  mehr  als  12  Studentenschaften  Einspruch  er- 
1  weswegen  die  Angelegenheit  dem  Spruchhof  überwiesen  wurde,  der 
Gern  Vorsitz  von  Prof.  Dr.  L  e  n  t  in  einer  Sitzung  am  10.  XII.  1921  ent- 
<  dass  Stück  1  der  Erlanger  Verfassung,  welches  eine  Gliede- 
3 ler  bisher  einheitlichen  deutschen  Studentenschaft  in  drei  autonome 
i;n:  die  reichsdeutsche,  die  deutsch-österreichische  und  die  sudeten- 

■  he  Studentenschaft  vorsieht,  wegen  satzungswidriger  Abstimmung  un- 
lj  g  sei.  Durch  diese  Lage  wurden  einige  Führer  zu  dem  Entschluss 
usst,  die  Gegensätze  gar  nicht  mehr  zum  Austrag  kommen  zu  lassen, 
*1  sie  die  deutsche  Studentenschaft  auf  eine  völlig  neue  Grundlage 
>  i.  Mit  einem  Gewaltstreich  wurde  die  neue  Verfassung  als  Not  ver- 
jü  für  gültig  und  bis  1925  unabänderlich,  zugleich  die  Erlanger  und 
Ger  Verfassung  für  aufgehoben  erklärt. 

Rechtlich  ist  die  Notverfassung  unzweifelhaft  u  n  - 
g.  Mit  vollem  Recht  haben  daher  der  Kreis  Bayern  und  die  S  tu  - 
schäften  von  den  Universitäten  Berlin  und  Marburg  und  von  der 
shochschule  Leipzig  die  Notverfassung  als  ungültig  abgelehnt. 

J  der  Frage,  ob  die  Notverfassung  ein  Fortschritt  oder  eine  günstige 
t  ist,  die  verdient,  von  der  deutschen  Studentenschaft  nachträglich 
>niert  zu  werden,  äussert  sich  Prof.  Lent  wie  folgt:  „.  .  .  Sie  be- 
kt  die  deutsche  Studentenschaft  auf  einen  wirtschaftlichen  Zweckver- 
dem  daneben  noch  hochschulpolitische  Aufgaben  zufallen.  Dagegen  ist 
beit  für  die  deutsche  Kultur  und  Volksgemeinschaft,  die  noch  in  der 
er  Verfassung  festgelegt  war,  ausgemerzt.  ...  Es  ist  der  klare  Ver- 
•uf  die  hohen  Ziele,  welche  den  aus  dem  Kriege  heimkehrenden,  durch 
wolution  erschütterten  Studenten  vorschwebte,  das  deutliche  Zeichen 
bebbens  jenes  ideellen  Strebens  nach  Mitarbeit  am  Wiederaufbau, 
jetzt,  wo  alles  darauf  ankommt,  allen  Volksgenossen  ihre  Pflicht  zur 

■  an  Staat  und  Volk  über  den  Beruf  hinaus  einzuprägen,  die  furchtbare 

I Gültigkeit  zu  bannen,  mit  welcher  weite  Kreise  allem  staatlichen  Ge- 
n  gegenüberstehen,  ist  es  in  meinen  Augen  tief  bedauerlich,  dass  die 
lie  Studentenschaft  nicht  mehr  feierlich  allen  ihren  Angehörigen  die 
zur  Mitarbeit  am  deutschen  Volke  vor  Augen  hält.  .  .  .  Tief  be- 
ch  ist  auch  die  völlige  Trennung  der  deutschen  Studentenschaft  von 
terreichisohen  und  sudetendeutschen.“ 


Den  Gesamteindruck,  den  Prof.  Lent  von  der  Notverfassung 
hat,  können  wir  aus  folgendem  Satze  entnehmen:  „Das  Ganze  kommt  mir 
vor  —  ich  kann  mich  irren,  aber  ich  fühle  so  —  als  ein  Sieg  von  Kräften, 
die  um  jeden  Preis  verhindern  wollten,  dass  die  deutsche  Studentenschaft 
ein  Werkzeug  des  nationalen  Aufstiegs,  von  einheitlichem  nationalem  Geiste 
erfüllt  würde.“ 

Ich  glaube,  diese  Ausführungen  sprechen  eine  deutliche  Sprache  und  be¬ 
dürfen  keiner  Ergänzung.  v.  V. 

In  Freiburg  haben  die  Wahlen  zu  dem  von  48  auf  20  Sitze  ver¬ 
ringerten  Allgemeinen  Studentenausschuss  für  das  Sommersemester  eine 
absolute  Mehrheit  für  den  Hochschulring  deutscher  Art  ergeben,  der  mit 
039  Stimmen  11  Sitze  erhielt.  Der  Hochschulverband  katholischer  Stu¬ 
dierender  erhielt  6,  die  freie  Hochschulgruppe  3  Sitze.  Die  Wahlbeteiligung 
betrug  63  v.  H.  —  Bei  der  gleichzeitig  stattfindenden  Urabstimmung  über 
die  Frage:  Sollen  vom  S.-S.  1922  an  die  Studierenden  der  beiden  ersten 
Semester  verpflichtet  sein,  wöchentlich  2  Stunden  Leibesübungen  zu  treiben, 
ergab  sich  eine  Zweidrittelmehrheit  für  Einführung  der  pflichtmässigen  Leibes¬ 
übungen  mit  1283  gegen  577  Stimmen. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  3.  März  1922. 

Am  27.  v.  Mts.  wurde  der  Erweiterungsneubau  der 
chirurgischen  Universitätsklinik  in  München  in  feier¬ 
licher  Weise  eingeweiht.  Eine  zahlreiche  Festversammlung,  die  höchsten 
bpitzen  der  Münchener  Behörden,  der  Stadt  und  der  Universität  ein- 
schliessend,  füllte  den  mit  Pflanzen  geschmückten  grossen  Hörsaal  der  chirur¬ 
gischen  Klinik.  Der  Rektor  der  Universität,  Geheimrat  v.  Drygalski, 
eröffnete  die  Feier  mit  Dankesworten  an  den  Leiter  der  Klinik  und  an  die 
Stellen,  deren  einsichtiges  Entgegenkommen  trotz  der  Ungunst  der  Zeiten  den 
Bau  ermöglicht  hatte,  worauf  Prof.  Sauerbruch  die  Festrede  hielt.  Er 
gab  einen  Ueberblick  über  die  Entwicklung  der  chirurgischen  Klinik  im  vorigen 
Jahrhundert,  der  Verdienste  seiner  beiden  Vorgänger  Nuss  bäum  und 
engerer  besonders  gedenkend,  und  erläuterte  dann  die  Aufgaben  und  die 
Anordnung  des  Neubaues.  Mit  bewegten  Worten  dankte  auch  er  allen,  die 
sich  um  den  Bau  verdient  gemacht  haben,  insbesondere  dem  künstlerischen 
Schöpfer  des  Baus,  Oberregierungsrat  Kollmann,  und  schloss  mit  einem 
Appell  an  die  anwesenden  Studierenden,  trotz  schwerer  Not  festzuhalten  im 
Vertrauen  auf  die  Zukunft  des  Vaterlandes.  Nach  der  Feier,  deren  Eindruck 
durch  stimmungsvolle  Gesangsvorträge  erhöht  wurde,  führte  ein  Rundgang  die 
ei  Sammlung  durch  die  neuen  Räume.  Diese  enthalten  im  Hauptgeschoss 
Uperationssäle,  Vorbereitungs-  und  Waschräume,  eine  S  a  u  e  r  b  r  u  c  h  sehe 
Druckdifferenzkammer,  im  Erdgeschoss  Laboratorien  und  im  2  Stock 
Bibliothek,  Sammlung  und  Assistentenwohnungen.  Man  war  überrascht  und 
ertre«1  dder  d*e  Schönheit  und  vollkommene  Zweckmässigkeit  des  Ge¬ 
schaffenen.  Wenn  auch  der  Bau  -an  künstlerischem  Beiwerk  einfacher  ge¬ 
halten  ist,  als  andere  noch  in  der  Vorkriegszeit  entstandene  JJniversitäts- 
bauten  desselben  Baükünstlers,  z.  B.  Poliklinik  und  Frauenklinik,  so  steht  er 
doch  m  bezug  auf  Gediegenheit  des  Materials  und  der  Arbeit  auf  voller  Höhe. 
Dass  das  im  verarmten  Deutschland  noch  möglich  gewesen  ist,  ist  erfreulich 
und  gereicht  zum  besonderen  Ruhme  dem  eigentlichen  Schöpfer  des  Baus 
Geheimrat  Sauerbruch.  Wie  schon  der  Rektor  der  Universität  in  seiner 
Rede  andeutete,  ist  der  Bau  i  h  m  bewilligt.  Nur  das  ausserordentliche  Ver- 
trauen  und  die  Autorität,  die  er  sich  in  der  kurzen  Zeit  seines  Wirkens  in 
München  zu  erwerben  gewusst  hat,  haben  es  vermocht,  die  zähen  Wider- 
Stande  zu  überwinden,  die  sonst  einer  so  hohen  Forderung  seitens  der  Re¬ 
gierung  und  des  Landtags  sicher  entgegengesetzt  worden  wären.  Insoferne 
bedeutet  die  Eröffnung  des  Klinikbaus  einen  Ehrentag  für  unseren  soeben  auch 
mit  der  Kussmaul-Medaille  ausgezeichneten  Professor  Sauerbruch. 

—  Man  schreibt  uns:  Das  Gesetz  über  die  Prüfung  und  Be¬ 
glaubigung  von  Fieberthermometern,  das  jetzt  in  Kraft  ge¬ 
treten  ist,  legt  nicht  nur  den  Fabrikanten  die  Verpflichtung  auf,  alle  von 
ihnen  hergestellten  Fieberthermometer  amtlich  prüfen  zu  lassen,  bevor  sie  sie 
in  den  Verkehr  bringen,  sondern  es  verlangt  von  den  Gross-  und  Kleinhänd¬ 
lern,  dass  sie  ihre  Bestände  den  Prüfungsanstalten  zur  Kontrolle  vorlegen 
Dabei  ergab  sich,  dass  ein  beträchtlicher  Teil  der  Lagerware  aus  Apotheken 
und  Drogerien  —  durchschnittlich  30  Proz.  —  bei  der  Prüfung  als  unbrauch¬ 
bar  ausgeschieden  werden  musste,  sei  es,  dass  die  Instrumente  falsch  an¬ 
zeigten  —  Abweichungen  von  Qrad  und  mehr  sind  gar  kejne  Seltenheit  _ 

sei  es,  dass  die  Instrumente  andere  Mängel  aufwiesen,  die  für  die  Beurteilung 
einer  Krankheit  verhängnisvoll  werden  können.  Es  zeigte  sich  ferner,  dass 
diese  durchschnittlich  30  Proz.  unbrauchbarer  Thermometer  nicht  den  gewöhn- 
F«he!l  AfUSfa  a  bH-  !?,er  ,Prüfung  darstellen,  dass  vielmehr  gewissenlose 
Sh,mr?n™ni  Ufld  H^ndleIr  ,dan(ach  «strebt  haben,  allen  bei  ihnen  aufgehäuften 
Schund  noch  vor  dem  Inkrafttreten  des  Gesetzes  an  den  Mann  zu  bringen 
Dabei  sind  die  aus  diesen  Kreisen  der  Zwischenhändler  zur  Prüfung  ein¬ 
gereichten  Mengen  von  Thermometern  verhältnismässig  nur  klein;  man  muss 
also  annehmen,  dass  noch  viel  mehr  minderwertige  Ware,  entgegen  den  Be¬ 
stimmungen  des  Gesetzes,  von  Kleinhändlern  heimlich  ungeprüft  an  den  Ver¬ 
braucher  abgesetzt  wird.  Die  ungeprüften  Fieberthermometer  bilden  also 
'eiztMln  deT  Uebergangszeit  eine  grössere  Gefahr  für  Leben  und  Gesundheit 
der  Menschen  als  je  zuvor  Es  ist  Pflicht  eines  jeden  Arztes,  das  seinige  dazu 
beizutragen,  um  solche  schädlichen  Instrumente  so  schnell  wie  möglich  aus- 
zumerzen  und  dadurch  die  Segnungen  des  Gesetzes  in  vollem  Umfange  herbei- 
zufuhren.  Zur  amtlichen  Prüfung  von  Fieberthermometern  sind  zurzeit  ausser 
der  Physikalisch-Technischen  Reichsanstalt  zu  Charlottenburg  noch  die  beiden 
thüringischen  Staatsprüfämter  in  Ilmenau  und  Gehlberg  und  das  anhaitische 
.  taatsprufamt  in  Zerbst  berechtigt.  Jedes  Thermometer,  das  die  Prüfung  be¬ 
standen  hat,  wird  von  allen  vier  Anstalten  in  gleicher  Weise  durch  Aufätzen 
des  Zeichens  DR,  einer  laufenden  Nummer  und  der  Jahreszahl  beglaubigt 
Amtliche  Prufungsscheine  werden  im  allgemeinen  nicht  ausgestellt;  die  bisher 
vielfach  von  den  Verfertigern  mitgegebenen  Fabrikscheine,  welche  die  amt¬ 
liche  Prüfung  Vortäuschen  sollen,  sind  gänzlich  wertlos  und,  soweit  sie  zahlen 
massige  Angaben  über  die  Fehler  des  Instruments  enthalten,  sogar  vielfach 
unrichtig  und  irreführend.  Mit  amtlichen  Stempeln  beglaubigte  Fieberthermn 
meter  hefern  —  die  Maximumthermometer  auch  nach  dem  Erkalten  —  auf 
(1.1  richtige  Angaben  der  I  emperatur  des  Kranken.  Da  ein  solches  Thermo 


338 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


meter  aber  möglicherweise  um  diesen  Betrag  zu  hoch  oder  zu  niedrig zelge"  ] 
kann,  so  können  zwei  derartige  Instrumente  im  ungünstigsten  ralle  um  das  , 
Doppelte,  also  um  0,2 u  voneinander  abweichen.  Ob  sich  diese  Grenzen  mit 
der  Zeit  enger  ziehen  lassen  —  vorausgesetzt,  dass  in  Ae.r.zt®kr.eis®" 
haupt  ein  Bedürfnis  dafür  besteht  — ,  muss  einer  spateren  Ueberlegung  vor- 

behdlU.ii  Dreibein  ^  ^  k  r  i  m  i  n  e  1 1  e  n  Aborte  hat  die  bayerische  Re¬ 
gierung  veranlasst,  die  Abgabe  von  Q  u  e  1 1  s  t  i  f  t  e  n  in  Apotheken  unter 

Rezeptzwang  zu  stellen.  (S.  u.  Amtliches.)  .  ,  cfr„t 

—  Im  April  d.  J.  werden  die  psychiatrischen  Abteilungen  bei  dem  Straf¬ 
vollstreckungsgefängnisse  München  (Stadelheim)  —  „  fü.r  ,  ,dle 
gerichtsbezirke  München  und  Augsburg  —  und  denx,QerJchtsge*ang"lsseniltl”] 
Nürnberg  —  für  die  Oberlandesgerichtsgefängnisse  Nürnberg,  Bamberg  und 
Zweibrücken  —  eröffnet.  Sie  werden  von  Fachärzten  geleitet  und  mit  dem 
erforderlichen  Pflegepersonal  ausgestattet  sein  aber  wegen  Raummangels 
vorerst  nur  männliche  Untersuchungs-  oder  Strafgefangene  aufnehmen  können. 
Aus  dem  nämlichen  Grunde  sollen  auch,  zumal  von  auswärts,  nur  solche 
Gefangene  eingewiesen  werden,  bei  denen  die  Begutachtung  durch  einen 
Facharzt  unumgänglich  ist.  Bei  den  engen  Zusammenhängen  zwischen 
Kriminalität  und  psychischer  Entartung  oder  Erkrankung  durfte  es  den  neuen 
Beobachtungsstellen  nicht  an  Material  fehlen  und  man  darf  sich  wohl  von 
ihrer  Arbeit  manches  wissenschaftlich  wertvolle  Ergebnis  erwarten  und 
ebenso  manchen  strafrechtlichen  Fortschritt  in  der  heiklen  Frage  der  Ver¬ 
antwortungsfähigkeit  vieler  Verbrecher. 

—  Nach  amtlichen  Berichten  betrug  in  F  r  a  n  k  r  e  ic  h  ^  ®rs*|,n 
Semester  des  Jahres  1921  die  Zahl  der  0  ebu  r  t  e  n  421  180  424  668  , 
die  der  Todesfälle  348  329  (356  728),  die  der  Eheschliessungen  228  185  (332 1  242) 
die  der  Scheidungen  15  567.  Der  Geburtenüberschuss  betrug  also  '2  851 
(67  940),  in  Deutschland  war  er  in  den  3  ersten  Monaten  desselben  Jahres 
179  356.  Die  entsprechenden  Zahlen  des  Vorjahres  sind  in  Klammern  beigefügt. 

—  Der  Reichsausschuss  für  Leibesübungen  veranstaltet  gemeinschaftlich 
mit  dem  Reichsverband  für  Zucht  und  Prüfung  deutschen  Halbblutes  in 
der  Zeit  vom  15.  Juni  bis  2.  Juli  1922  in  der  grossen  Automobil-Ausstellungs¬ 
halle  am  Kaiserdamm  in  Berlin,  also  in  der  unmittelbaren  Nahe  der  Statte 
der  gleichzeitig  stattfindenden  deutschen  Kampfspiele,  dem  Stadion,  eine 
Deutsche  Sport-Ausstellung,  die  einen  umfassenden  Ueberblick 
über  die  Leistungsfähigkeit  aller  für  die  verschiedensten  Gebiete  des  Sportes, 
sowie  Turnen,  Wandern,  Reiten,  Fahren  usw.  tätigen  deutschen  Industrie¬ 
zweige  bieten  wird.  Das  Bureau  der  Ausstellung  befindet  sich  in  den  Ge¬ 
schäftsräumen  des  Reichsausschusses  für  Leibesübungen,  Berlin  W  35,  Kur- 

fürstenstr.  48/III.  ,  ,  .  . 

—  Zum  Leiter  der  geburtshilflich-gynäkologischen  Abteilung  an  den 
neuen  Krankenanstalten  der  Stadt  Mannheim  wurde 
Prof.  Holzbach,  früher  Assistent  bei  Prof.  Seil  heim  in  Tübingen, 
ernannt.  In  der  engeren  Wahl  waren  ausser  ihm  Proff.  G  a  u  s  s  -  Freiburg, 

E  n  g  e  1  th  o  r  n  -  Jena  und  E  y  m  e  r  -  Heidelberg. 

—  Herr  Dr.  K.  Reicher  hat  sich  nach  9  jähriger  Tätigkeit  in  Bad 
Mergentheim  in  Bad  Homburg  niedergelassen. 

—  An  den  Akademischen  Heilanstalten  zu  Kiel  werden  vom  20.  Mai  bis 
29  Juli  d  J  an  den  Sonnabenden  unentgeltlich  Fortbildungskurse  für  Aerzte 
in 'allen  klinischen  Fächern,  einschliesslich  Physiologie,  Hygiene,  Pathologie, 
Pharmakologie,  soziale  und  gerichtliche  Medizin  und  Physikochemie  gehalten. 
Teilnahme  nach  vorheriger  Anmeldung  gegen  eine  Einschreibgebühr.  Auskunft 
erteilt  Prof.  Klingmüller,  Direktor  der  Univ. -Hautklinik,  Kiel,  Hospit.il- 
strasse  26 

“  —  Vom  3. — 8.  April  findet  an  der  medizinischen  Fakultät 
der  deutschen  Universität  in  Prag  ein  Fortbildungs¬ 
kurs  über  Herz  -  und  Gefässerkrankungen  statt.  Zuschriften 
sind  an  das  Dekanat  der  deutschen  medizinischen  Fakultät  in^  Prag  II 
(Krankenhausgasse)  zu  richten  mit  dem  Vermerk  „Fortbildungskurs  auf  dem 
Briefumschlag.  Programme  werden  auf  Wunsch  zugesendet. 

—  Vom  6. — 11.  März  d.  J.  findet  auf  Anordnung  des  sächsischen  Mini¬ 
steriums  des  Innern  unter  Leitung  des  Stadtbezirksarztes  Ob.-Med.-Rat  Dr. 

H  a  u  f  f  e  in  Chemnitz  ein  ,,L  ehrgang  für  Aerzte  über  Schul¬ 
gesundheitspflege“  statt,  der  in  erster  Linie  für  sächsische  Bezirks¬ 
ärzte  und  solche  Aerzte  Sachsens  bestimmt  ist,  die  sich  schon  als  Schul¬ 
ärzte  betätigen  oder  dies  zu  tun  beabsichtigen. 

—  Die  46.  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Chi¬ 
rurgie  findet  vom  19.  bis  22.  April  1922  im  Langenbeck-Virchow-Hause, 
Berlin  NW.  6,  Luisenstr.  58/59,  statt.  Als  Hauptthemata  stehen  zur  Be- 
sprechung:  „Die  experimentellen  Grundlagen  der  Wunddesinfektion  .  Ref.. 
Herr  Prof.  N  e  u  f  e  1  d  -  Berlin  (als  Gast).  „Die  chirurgische  Allgemein¬ 
infektion“.  Ref.:  Herr  Prof.  L  e  x  e  r  -  Freiburg.  „Die  Bedeutung  der  histo¬ 
logischen  Blutuntersuchung“.  Ref.:  Herr  Dr.  S  t  a  h  1  -  Berlin.  „Die  Muskel¬ 
verpflanzung“.  Ref. :  Herr  Prof.  W  u  1 1  s  t  e  i  n  -  Essen.  Eine  Ausstellung  von 
Instrumenten,  Apparaten  und  Gebrauchsgegenständen  zur  Krankenpflege  ist  in 
Aussicht  genommen.  (Anmeldungen  an  die  Hauskommission  des  Langenbeck- 
Virchow-Hauses  zu  Händen  des  Herrn  M  e  1  z  e  r.)  Demonstrationsabend  für 
Röntgenbilder  am  Mittwoch,  den  19.  April,  abends  8  Uhr,  im  Langenbeck- 
Virchow-Hause. 

—  Die  13.  Tagung  der  Deutschen  Röntgen-Gesell¬ 
schaft  findet  am  Sonntag  (nach  Ostern),  den  23.  April  bis  Dienstag,  den 
25.  April  1922  im  Langenbeck-Virchow-Hause,  Berlin  NW.  6,  Luisenstr.  58/59 
statt.  Vortragsanmeldungen  werden  spätestens  bis  1.  März  an  die  Adresse 
des  Vorsitzenden,  Prof.  Dr.  Franz  G  r  o  e  d  e  1  in  Frankfurt  a.  M„  Hospital 
zum  Heiligen  Geist,  erbeten.  Anmeldungen  und  Anfragen  bezüglich  Aus¬ 
stellungen  sind  zu  richten  an:  Herrn  Direktor  Hirschmann.  Berlin  N.  24, 
Ziegelstr.  30.  Die  Mitgliedskarten  sind  bei  Herrn  Melzer,  Berlin,  Langen- 
beck-Virchow-Haus,  baldigst  gegen  Einzahlung  des  Jahresbeitrages  (30  M.) 
vorauszubestellen  (Postscheckkonto  H.  Melzer,  Berlin,  Nr.  3757).  Nicht¬ 
mitglieder  können  die  Tagung  gegen  Lösung  einer  Teilnehmerkarte  zu  30  M. 
besuchen. 

—  Die  diesjährigen  Jahresversammlungen  des 
Deutschen  Zentralkomitees  zur  Bekämpfung  der  Tuber¬ 
kulose  finden  vom  17. — 19.  Mai  in  Bad  Kosen  statt.  Am  1.  Tag  wird 
die  Tuberkulose-Aerzte-Versammlung  (nur  für  Aerzte)  abgehalten  werden, 
am  2.  Tage  die  Generalversammlung  und  die  Ausschusssitzung  und  am 
3.  Tage  je  eine  Sitzung  der  Mittelstands-,  Lupus-  und  Fursorgestellenkom- 
mission.  Für  jede  Versammlung  ist  ein  allgemein  interessierender  Vortrag 
mit  anschliessender  Erörterung  vorgesehen. 


—  Die  „V  ereindgung  der  leitenden  Verwaltungsbt 
amten  von  Krankenanstalten  Deutschlands  hält  in  d< 
Tagen  vom  2—4.  Juli  ds.  Js.  in  Wiesbaden  ihren  Kongress  ab.  D 
Tagung  geht  vom  29.  Juni  bis  1.  Juli  ein  Fortbildungskursus  im  städtisch. 
Krankenhause  für  schon  im  Amte  befindliche 


leitende  Verwaltungsbeam 


voraus.  p  ^  g  {  portUgal.  Vom  13.— 26.  November  v.  J.  5  Erkrankung 
und  3  Todesfälle  in  Ribeira  Grande  (Azoren).  Britisch  Ostafrika.  Vc 

1  August  bis  30.  September  v.  J.  85  Erkrankungen  und  ab  Todesfälle 

Uganda.  —  Brasilien.  Vom  30.  Oktober  bis  5.  November  v.  J.  3  Erkra 

kungeri  und  4  Todesfälle  in  Bahia.  ,  , .  _  , 

—  Cholera.  Britisch  Ostindien.  Vom  16.  Oktober  v.  J.  bis  7.  J 

nuar  d.  J.  76  Erkrankungen  und  79  Todesfälle  in  Kalkutta;  vom  11.  Se{ 
tember  bis  5.  November  v.  J.  57  Erkrankungen  und  52  Todesfälle  in i  Karact: 
vom  11.  Dezember  v.  J.  bis  7.  Januar  d.  J.  2  Erkrankungen  und  3  Todesfall 

in  Madras.  ,  _ 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  In  der  Woche  vom  12.— 18.  F 
bruar  1  Erkrankung  im  Kreise  Neidenburg  (Reg.-Bez.  Allenstein).  Für  d 
Zeit  vom  29.  Januar  bis  4.  Februar  wunden  nachträglich  8  Erkrankung 
(und  3  Todesfälle)  ermittelt.  Ferner  wurden  nachträglich  gemeldet  ai 
Frankfurt  a.  O.  für  die  Zeit  vom  22. — 28.  Januar  8  Erkrankungen  (ui 

2  Todesfälle),  vom  15.— 21.  Januar  16  (8)  und  vom  8.— 14.  Januar  26  (1).  • 
Danzig.  In  der  Woche  vom  22.-28.  Januar  2  Erkrankungen  in  der  Sta 

—  In  der  5.  Jahreswoche,  vom  29.  Januar  bis  4.  Februar  1922  liatt 
von  deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkt 
München-Gladbach  mit  30,9,  die  geringste  Barmen  mit  11,7  Todesfällen  p 
Jahr  und  1000  Einwohner.  R--G--A. 

Hochschulnachrichten. 

Bonn.  Prof.  Dr.  W.  Trendelenburg,  Direktor  des  pharmak 
logischen  Institutes  in  Rostock  hat  einen  Ruf  in  gleicher  Eigenschaft  na 
Bonn  erhalten  an  Stelle  des  Geh.  Rats  Prof.  Dr.  Leo. 

Erlangen.  Am  23.  Februar  hielt  Dr.  med.  et  med.  dent.  Karl  Haue 
stein  zwecks  Habilitierung  für  das  Fach  der  Zahnheilkunde  seine  Prob 
Vorlesung  „Ueber  Alveolarpyorrhöe“.  Der  Titel  der  von  der  medizinisch1 
Fakultät  angenommenen  Habilitationsschrift  lautet:  „Kieferhöhlenerkra 

kungen“.  ,  .  , 

F  r  a  n  k  f  u  r  t  a.  M.  Dr.  Kurt  Sehe  er  (nicht  Sc  her  r,  s.  vor.  N 
hat  sich  für  Kinderheilkunde  habilitiert.  ... 

Freiburg  i.  B.  Dr.  Ferdinand  W  agenseil.  Assistent .  des  an 
tomischen  Instituts,  habilitierte  sich  für  Anatomie  und  Anthropologie. 

Giessen.  Für  das  Jahr  1922/23  wird  von  der  medizinische 
Fakultät  folgende  Preisaufgabe  gestellt:  1.  Für  den  akademischen  Prei 
Es  soll  bei  Fällen  von  Pseudologia  phantastica  untersucht  werden,  ob  si 
dabei  Störungen  der  optischen  Merkfähigkeit  nachweisen  lassen.  2.  1  ür  d 
Baiser-Preis:  Die  pathogenen  Hyphomyzeten  in  der  Giessener  Gegend.  C 
staatlichen  Preise  betragen  je  180  M„  der  Preis  der  Balserstiftung  besteht 
den  ungefähr  500  M.  betragenden  Jahreszinsen  des  Stiftungskapitals.  Es  ka 
auch  die  Hälfte  der  Preise  zur  Verteilung  kommen.  Die  Bewerbungsschr 
ist  vor  dem  1.  April  1923  an  die  Fakultät  einzusenden,  (hk.) 

G  ö  1 1  i  n  g  e  n.  Der  a.  o.  Professor  der  Zahnheilkunde  und  Direktor  d 
zahnärztlichen  Instituts,  Dr.  Hermann  Euler,  wurde  zum  ord.  Profess 

ernannt,  (hk.)  »sJ 

Hamburg.  In  der  medizinischen  Fakultät  habilitierten  sich  Dr.  Er 
Le  Blanc  für  innere  Medizin  und  Dr.  Hans  Schmidt  für  Immunität 
Wissenschaft,  (hk.) 

Heidelberg.  Anlässlich  des  100.  Geburtstags  Adolf  Kussmau 
verlieh  die  medizinische  Fakultät  den  Kussmaul-Preis  dem  Direktor  d 
Münchener  chirurgischen  Klinik  Prof.  F.  Sauerbruch  für  seine  Verdien: 
um  die  Förderung  der  Lungenchirurgie. 

Kiel.  Ernannt  wurde  der  Privatdozent  für  Physiologie  und  allgemei 
Biologie,  Prof.  Dr.  phil.  et  med.  August  Putter  in  Bonn  vom  1.  April  d. 
ab  zum  Abteilungsvorsteher  am  physiologischen  Institut  und  zugleich  zt 
Ordinarius  an  der  Universität  Kiel,  (hk.) 


Todesfälle. 

Am  23.  Februar  1922  starb  plötzlich  und  vollkommen  unerwartet  Dr.  J 
hann  S  a  p  h  i  e  r,  der  Chefarztstellvertreter  der  dermatologischen  Uinvi 
sitätsklinik.  Sein  Tod  bedeutet  nicht  nur  für  die  Münchener  Klinik,  sonde 
auch  für  die  dermatologische  Wissenschaft  einen  schweren  Verlust.  A 
seiner  Feder  sind  bereits  eine  Reihe  höchst  beachtenswerter  Veröffentlichung 
hervorgegangen,  noch  grösseres  war,  da  er  erst  im  37.  Lebensjahre  stai 
zu  erwarten.  In  letzter  Zeit  beschäftigte  er  sich  am  meisten  mit  ä 
Dermatoskopie,  er  hat  sie  als  Erster  für  die  Erforschung  der  Hautkrar 
heiten  nutzbar  gemacht.  Er  war  nicht  nur  als  Arzt  und  Forscher  hervi 
ragend  tüchtig  und  begabt,' sondern  auch  ein  ethisch  ausserordentlich  hoc 
stehender  Mensch.  Sein  Name  wird  in  der  dermatologischen  Wissensch 
fortleben.  *  L.v  Zumbusch. 

ln  Hamburg  ist  am  23.  d.  M.  der  a.  o.  Professor  für  Geburtshilfe  u 
Gynäkologie  an  der  dortigen  Universität,  Oberarzt  am  Allgemeinen  Kranke 
hause  Barmbeck  Dr.  Walter  R  ü  d  i  n  im  61.  Lebensjahre  gestorben,  (hk.) 


Nr.  5346  c  2. 


Amtliches. 

(Bayern.) 

Verordnung  über  Abgabe  von  Quellstiften  in  Apotheke 
Auf  Grund  des  Reichsstrafgesetzbuches  §  367  Ziff.  5  und  des  Poliz 
Strafgesetzbuches  Art.  2  Ziff.  9  wird  verordnet: 

§  1.  Stifte,  Sonden  oder  Meissei  aus  Laminaria,  Tupeloholz  oc 
anderen  quellfähigen  Stoffen  dürfen  nur  auf  schriftliche,  mit  Datum  u 
Unterschrift  versehene  Anweisung  (Rezept)  eines  Arztes  oder  zum  Gebrai. 
in  der  Tierheilkunde  eines  Tierarztes  zu  Heilzwecken  abgegeben  werd< 
§  2.  Sie  dürfen  —  ausserhalb  der  Tierheilkunde  —  nur  auf  jedesn 
erneute,  schriftliche,  mit  Datum  und  Unterschrift  versehene  Anweisung  eii 
Arztes  wiederholt  abgegeben  werden. 

München,  den  24.  Februar  1922. 

I.  A.  gez.: 

Graf  v.  Lerchenfeld.  Dr.  M  e  y  e  r.  Dr.  Schweyer.  Dr.  M  a 
Dr.  v.  Deybeck.  Oswald.  Wutzlhofer.  Hamm. 


Verlag  von  J.  F.  Leh  m  ann  in  München  S.W.  2,  Paul  Heysestr.  26. 


Druck  von  E.  Mühlthaler’s  buch-  und  Kunstdruckerei,  München. 


der  einzelnen  Stummer  3.—  U.  •  Bezugspreis  In  Deutschland 
und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  .  .  . 

i  Igenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  rti 


**  ""“"hi  "  viiijii  ,  */m. 

Iedizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


10.  10.  März  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz.  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


er  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  7nd'  yeiTrmtu7g7e7  i7cüeaer  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden^Origina^eiträge 

Originalien. 


der  medizinischen  Klinik  des  St.  Marienkrankenhauses 
in  Frankfurt  a.  M. 

Ueber  die  Funktion  der  Nebennierenrinde. 

Von  Richard  Stephan  in  Frankfurt  a  M. 

'ie  experimentellen  Beobachtungen  über  die  Bedeutung  der  Neben- 
jri  in  ihren  Beziehungen  zu  dem  Gesamtsystem  der  endokrinen 
,  :n  haben  sich  im  Laufe  des  letzten  Jahrzehntes  zu  einem  wahrhaft 
i ‘rsehbaren  Material  gesteigert;  vor  allem  aber  ist  es  nahezu  un- 
;;h  geworden;  die  am  Tier  festgestellten  Einzeltatsachen  über  die 
j nogische  Wirkung  der  Nebenniere  unter  den  verschiedensten  Be¬ 
rgen  des  Experimentes  zu  einem  überzeugenden  und  nicht  wider- 
ren  Ergebnis  einheitlich  zusammenzufassen.  Das  erhellt  eindeutig 
er  Tatsache,  dass  die  klinische  Betrachtungsweise  einen  nur  sehr 
leiden en  Nutzen  aus  der  verschwenderischen  Fülle  der  experimen- 
ä  Einzelheiten  gezogen  hat.  Im  grossen  und  ganzen  sind  wir  über 
[Schon  von  Addison  erschöpfend  geschilderten  Symptomen- 
ex  des  akuten  Nebennierenschwundes  nicht  hinausgekommen; 
lie  Entdeckung  des  Adrenalins  mit  seiner  nunmehr  bis  ins  Letzte 
iten  Einwirkung  auf  Blutdruck,  sympathisches  Nervensystem  und 
eres  Kapillarrohr  hat  die  pathologische  Physiologie  der  Neben- 
nicht  irgendwie  entscheidend  zu  beeinflussen  vermocht.  Der 
ch  des  Ausbaues  einer  klinischen  Nebennierensymptomatologie  ist 
Addison  noch  einmal  durch  französische  Kliniker  mit  der  Prü¬ 
des  Begriffes  der  „Hyperepinephrie“  in  Zusammenhang  mit  dem 
nenten  Hochdruck  und  der  primären  Nierensklerose  unternommen 
;n,  aber  schon  in  den  Anfängen  steckengeblieben.  Die  in  dieser 
mg  sich  bewegenden  Mitteilungen  von  Vaquez,  Aubertin 
u  b  a  r  d  sind  von  Wiesel,  Schwarz  und  Goldzieher  zum 
estatigt  und  in  wichtigen  Einzelheiten  ergänzt  worden,  haben  im 
:i  aber  merkwürdig  wenig  Nachprüfung  erfahren.  Es  kann  un- 
! r  vorausgesagt  werden,  dass  sie  die  weitere  Forschung  über  das 
!i  der  sog.  essentiellen  Hypertension  aus  ihrem  Literatschlummer 
ken  wiia;  für  unser  Thema  mag  ihre  kurze  Erwähnung  zunächst 
Im. 

s  gesicherte  Tatsachen,  die  für  das  Verständnis  des  folgenden 
elang  sind,  seien  vorausgeschickt:  Die  Nebenniere  baut  sich  auf 
inde  und  Mark.  Die  Trennung  in  zwei  Gewebsarten  —  Inter¬ 
im  un.d  chromaffines  Gewebe  —  ist  anatomisch  und  entwick- 
eschichtlich  scharf  ausgesprochen.  Das  Markgewebe  ist  ekto- 
er  Herkunft,  die  Rinde  wird  aus  dem  ventralen  Anteil  des  Meso- 
s  entwickelt.  Eine  ganz  besondere  Betonung  erfordert  dabei  der 
nd,  dass  das  Interrenalsystem  —  von  äusserst  seltenen  Aus- 
n  abgesehen  —  ausschliesslich  in  der  Nebennierenrinde  zur  Ent- 
j  ng  gelangt,  während  das  chromaffine  Gewebe  nach  den  wichtigen 
juchungen  Kohns  in  starker  Verbreitung  regelmässig  ausser  im 
Jauch  im  Grenzstrang  des  Sympathikus,  in  den  Paraganglien  der 
ii.  im  Plexus  solaris  und  im  Ganglion  stellatum  sowie  im  Verlauf  der 
nmalarterien  und  der  sympathischen  Nerven  nachweisbar  ist. 
.muss  sicheinprägen,  dass  das  Markgewebe  nur 
i  Bruchteil  des  chromaffinen  Systems  im  Orga¬ 
ns  ausmacht,  und  dass  demgemäss  die  operu- 
.  Entfernung  beider  Nebennieren  nur  das  g e - 
i e  Kind  engewebe  aus  dem  Körper  eliminiert,  das 
s  y  stem  hingegen  quantitativ  kaum  beeinfluss*, 
ildung  des  den  chromaffinen  Zellen  entstammenden  Adrenalins 
•  t  so  wahrscheinlich  keine  nennenswerte  Störung.  Weiterhin  ist 
.meutung  zu  wissen,  dass  im  wachsenden  Organismus  der  Funk- 
J.r  Nebenuierenrinde  eine  bedeutungsvolle,  in  ihren  Einzelheit  in 
i licht  hinreichend  geklärte  Rolle  bei  der  Regulation  der  Wachs- 
jipulse  zukommt  und  dass  bei  Adenomen  der  Rinde  im  Kindesalter 
holt  eine  prämature  Gesamtentfaltung  und  Hypergenitalismus 
Kt  wurden.  In  der  Periode  des  abgeschlossenen  Wachstums  sind 
Kenntnisse  noch  sehr  viel  dürftiger;  die  Atrophie  des  Genital- 
'  k  U*  der  Hypophyse  darf  wohl  als  regelmässiger  Begleiter 
hrbus  Addisonii  bezeichnet  werden,  falls  der  Ablauf  der  Erkran- 
■i.enugend  Zeit  zur  Involution  übrig  lässt.  Und  schliesslich  mögen 
Die  eigenartigen  Beziehungen  der  Rinde  zum  Cholesterinstoff- 
r  vermerkt  werden  und  darauf  hingewiesen  sein,  dass  in  der 

■  Kmden-  oder  Markschwund  der  Pathogenese  der  Addison- 
jeit  zugrunde  liegt,  die  widersprechendsten  Meinungen  vertreten 

■  1U 


werden.  Die  Mitbeteiligung  der  Nebennieren  an  den  klinischen  Sy.m- 
ptomenbildern  der  pluriglandulären  Erkrankungen  ist  noch  strittig  und 
nicht  analysierbar;  ebenso  muss  vorläufig  die  Existenz  eines  primären 
Nebennierendiabetes  als  durchaus  fraglich  bezeichnet  werden. 

Unsere  eigenen  Untersuchungen  und  Beobach- 
t  u  n  ge  n  i  n  dieser  Richtung  gingen,  ursprünglich  von 
k  1  i  n i s  c h  e  n  Studien  über  Blutdruckschwankungen 
i n  der  Klimax  aus.  Sie  galten  zunächst  der  Erforschung  des  Zu- 
sammenhanges  von  subjektiven  Beschwerden  und  objektiven  Krank¬ 
heitsäusserungen  in  ihren  jeweiligen  Beziehungen  zu  Biutdrucksteige- 
rung  und  eventueller  Störung  der  Nierenfunktion;  soweit  sie  sich  nicht 
unmittelbar  auf  das  im  Titel  fixierte  Thema  zurückführen  lassen,  sollen 
sie  hier  ausser  Betracht  bleiben.  Aus  dem  in  systematischer 
Weise  an  einem  grossen  Krankenbestand  v  o  r  genom¬ 
menen  Prüfungen  resultierten  in  durchaus  ein¬ 
deutiger  W  e  ise  zunächst  zwei  Ergebnisse:  Einmal 
d  i  e  u  n  g  e  w  öhnliche  Häufigkeit  permanenter,  in  der 
Intensität  starkem  Wechsel  unterworfener  Hyper- 
tension  als  Vorläufer  und  Begleiter  des  Klimak¬ 
teriums;  und  sodann  eine  fast  gesetzmässige  Poly¬ 
globulie  mittleren  Grades,  die  im  Durchschnitt  zwi¬ 
schen  5,8 — 7  Mille  pro  Kubikmillimeter  beträgt  und 
tageweise  Schwankungen  bis  IVg  Mille  erkennen 
lasst.  Die  Kurve  der  Blutdruckerhöhung  geht  dabei  keineswegs  der¬ 
jenigen  der  Erythrozytenzahl  parallel.  Dass  es  sich  um  eine  wahre 
Vermehrung  der  roten  Elemente  in  der  Volumeinheit,  nicht  um  eine 
sekundär  bedingte  Erscheinung  —  durch  Wassereindickung  der  Blut¬ 
flüssigkeit  oder  um  Verschiebungserythrozytose  —  handelt,  liess  sien 
nn  Einzelfall  unschwer  feststellen.  Wir  vermerkten  in  einer  grossen 
Zahl  von  Einzelbeobachtungen  zunächst  diese  Befunde,  ohne  auf  ihre 
I  athogenese  einzugehen.  Es  sei  dabei  noch  angeführt,  dass  als  regel¬ 
massiger  Begleiter  von  Hypertension  und  Polyglobulie  das  Endo- 
thelsymptom1)  in  wechselndem  Ausmasse  in  Erscheinung  tritt. 
Hy  Pertension,  Polyglobulie  und  positives  Endo¬ 
thelsymptom  als  charakteristische  Trias  der  kli¬ 
makterischen  Allgemeinstörung  —  das  w-ar  das  dia¬ 
gnostische  Ergebnis  unserer  grossen  Untersu¬ 
ch  u  n  g  s  r  e  i  h  e. 

Weiterhin  leiteten  uns  therapeutische  Erwägungen  auf  der  Basis 
der  Arbeitshypothese,  dass  einem  Teil  der  objektiven  klimakterischen 
*-  i-mptome  eine  endogen  bedingte  Dysfunktion  der  Nebennieren  patho¬ 
genetisch  zugrunde  liege;  die  Berechtigung  einer  solchen  Betrach¬ 
tungsweise  soll  hier  ausser  Diskussion  bleiben.  Ziel  dieser  Versuche 
musste  sein,  durch  temporäre  oder  zeitliche  Ausschaltung  von  Neben¬ 
nierensubstanz  die  theoretisch  postulierte  Hyperfunktion  —  Blutdruck- 
Steigerung  zu  vermindern.  Das  gegebene  Verfahren  war  das  röntgen- 
therapeutische,  das  auch  für  die  Beeinflussung  der  Nebenniere  schon 
seine  Vorläufer  hat,  die  freilich  alle  vor  der  Zeit  exakter  Dosierungs¬ 
möglichkeit  liegen  und  denen  daher  nur  mehr  ein  sehr  beschränkter  Wert 
zukommt;  immerhin  konnte  die  Ungefährlichkeit  der  Tiefenbestrahlung 
dei  Nebenniere  aus  ihnen  erschlossen  werden.  Unser  Vorgehen  wich 
gegenüber  allen  bisherigen  Versuchen  in  zwei  prinzipiellen  Punkten  ab: 
V\  u  beschränkten  uns  stets  auf  die  linke  Nebenniere  und  belasteten 
dlC;  111aut  elner  einzigen  Sitzung  bei  einem  Einfallsfeld  von  18 : 24  cm 
mit  der  Maximaldosis  harter,  zinkfiltrierter  Strahlung  in  der  Absicht, 
soweit  wie  technisch  möglich,  die  linke  Nebenniere  durch  den  Röntgen- 
strahl  zu  schädigen.  Die  Beobachtung  einer  event.  Wirkung  wurde  in 
täglicher,  klinischer  Kontrolle  durchgeführt.  Abgesehen  von  einem 
Rontgenkater  wechselnden  Grades  wurden  Schädigungen  der  Patienten 
me  beobachtet  in  einer  Versuchsreihe,  die  zunächst  10  Fälle  schwerer, 
ausgeprägter  klimakterischer  Störungen  umfasste. 

In  teil  weis  er  Uebereinstimmung  mit  den  Mit¬ 
teilungen  der  Literatur  konnten  wir  auch  bei  dieser 
intensiven  einseitigen  Bestrahlung  der  Neben¬ 
niere  in  keinem  Falle  eine  irgendwie  sichere  Be¬ 
einflussung  des  Blutdrucks  konstatieren,  von  vor¬ 
übergehenden,  auch  spontan  häufigen’  Schwa n- 
Rungen  der  Werte  nach  unten  abgesehen.  Dagegen 
ergab  sich  bei  der  fortlaufenden  Beobachtung  in 
jeaem  Einzelfall  das  zunächst  überraschende  Er¬ 
gebnis,  dass  die  erhöhten  Erythrozyten  zahlen  zur 
No  rm  ab  sanken  und  trotz  derweiter  bestehenden  üb- 
rigen  Sym  ptome  stets  auf  normaler  Höhe  blieben.  Die 

N  Vergl.  B.kl.W.  1921:  Ueber  das  Endothelsymptom. 


3 


340 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Verminderung  setzte  gewöhnlich  nach  zwei  lagen  ein  und  war  nach  yei- 
lauf  einer  Woche  beendet.  Bei  6  von  10  Kranken  war  das  allmähliche 
Absinken  von  einem  deutlichen  Skleralikterus  und  einer  Urobilinuric 
begleitet;  es  waren  dies  jene  Fälle,  bei  denen  die  Polyglobulie  vor  dem 
Versuch  besonders  ausgeprägt  war.  Ueber  den  Einfluss  der  Neben¬ 
nierenbestrahlung  auf  das  Endothelsymptom  sagten  die  Versuche  nichts 
Sicheres  aus,  weil  das  Stauungsphänomen  in  der  Klimax  auch  ohne 
therapeutischen  Eingriff  quantitativ  grossem  Wechsel  unterworfen  ist. 
Die  naheliegende  Frage  nach  der  Ursache  der  Erythrozytenverminde¬ 
rung  musste,  so  sehr  sie  verständlicherweise  im  Vordergrund  stand, 
zunächst  offen  bleiben.  Es  kamen  allzu  verschiedene  Ursachen  in  Be¬ 
tracht:  Milzreizung,  Leberschädigung,  direkte  Stromaschädigung  usw. 
Beim  damaligen  Stand  der  Versuche  durfte  allein 
das  Fazit  gezogen  werden,  dass  die  einmalige  Tie¬ 
fenbestrahlung  einer  Nebenniere  das  P  a  r  e  n  c.h  y  m, 
insbesondere  das  Mark,  nicht  zu  zerstören  vermag, 
es  wird  im  folgenden  zu  zeigen  sein,  dass  diese 
Schlussfolgerung  in  der  Hauptsache  falsch  war. 

Die  therapeutischen  Versuche  wurden  im  weiteren  Verlauf  auch 
auf  das  Krankheitsbild  der  „essentiellen  Hypertension“  der  blanden 
Nierensklerose  ausgedehnt,  das  mit  dem  Symptomenkomplex  des 
pathologischen  Klimakteriums  mehrere  führende  Symptome  gemeinsam 
hat.  Auch  hier  war  der  Endzweck  die  Herabsetzung  des  dauernd  er¬ 
höhten  Blutdrucks;  in  gleicher  Weise  wie  bei  den  übrigen  Bestrahlungen 
blieb  auch  bei  diesen  Fällen  der  hypothetisch  angestrebte  .Erfolg  aus 
Aber  auch  hier  wurde  der  merkwürdige  Einfluss  aut 
die  über  die  Norm  gesteigerte  Zahl  der  roten  B  1  u  t  - 
elemente  vermerkt.  Bei  zwei  besonders  schweren  Fällen 
essentieller  Hypertension,  bei  denen  schon  monatelang  alle  klinischen 
Behandlungsmethoden  erfolglos  erschöpft  worden  waren,  schlugen  wii 
schliesslich  den  Kranken  die  einseitige  Nebennierenexstirpation  vor, 
immer  noch  in  dem  Gedanken,  dass  die  Röntgenbeeinflussung  perkutan 
keine  genügende  Konzentration  der  Bestrahlung  am  Wirkungsort  er¬ 
laubte.  Die  relative  Gefahrlosigkeit  des  Eingriffes  war  durch  die  an 
Fischers  Entdeckung  sich  anschliessenden  Mitteilungen  über  Neben¬ 
nierenreduktion  bei  Epilepsie  hinreichend  erwiesen.  In  grösster  Kürze 
seien  zunächst  die  Krankengeschichten  angeschlossen:  alle  klinischen 
Daten  und  Erwägungen,  die  sich  nicht  unmittelbar  auf  unsere  heutige 
Fragestellung  beziehen,  fehlen  hier  und  werden  anderwärts  ausführlich 
mitgeteilt. 

Fall  1.  J.  B..  41  jähr.  S.  In  poliklinischer,  ständiger  Beobachtung 
seit  August  1920. 

Anamnese  auch  familiär  o.  B.  Früher  nie  ernstlich  krank,  vor 
19  Jahren  Fall  auf  den  Kopf.  Bewusstlosigkeit.  Seitdem  häufig  Kopf¬ 
schmerzen,  grosse  Reizbarkeit.  1916  im  Felde  grosse  Aufregung  bei  Trommel¬ 
feuer.  Nach  4  Wochen  in  die  Heimat.  Monatelang  Anfälle,  angeblich  mit 
Bewusstlosigkeit  und  Krämpfen.  Damals  in  wenigen  Wochen  ergraut.  Blut¬ 
druck  soll  bei  wiederholten  Untersuchungen  über  200  mm  Hg  betragen  haben. 
Objektives  war  darüber  nicht  zu  erfahren.  Nach  Entlassung  vom  Militär 
Besserung.  Seit  Anfang  1920  viel  seelische  Erregungen;  seitdem  wieder 
Anfälle,  häufige  Erregungszustände,  Schwindel,  viel  Herzklopfen,  absolute 
Schlaflosigkeit.  Zu  keiner  Arbeit  fähig. 

Objektiv  wurde  poliklinisch  festgestellt:  Nervöses,  äusserst  reiz¬ 
bares  Wesen,  frühzeitiges  Ergrauen.  Keine  pathologischen  Veränderungen  an 
den  Innenorganen,  insbesondere  keine  Herzvergrösserung  und  keine  Albumin¬ 
urie.  Nervensystem  ohne  erkennbare  objektive  Störungen.  Wassermann  in 
Blut  und  Liquor  negativ. 

Blutdruck  (zu  verschiedenen  Tageszeiten  und  Tagen)  schwankend 
zwischen  220/170  systolisch,  160/90  diastolisch. 

Erythrozytenwerte  zwischen  7  200  000  und  6  200  000 
schwankend,  Hämoglobin  entsprechend  erhöht;  einmal  wurde  ein  Wert 
von  8  800  000  festgestellt.  Leukozyten  zwischen  8  und  40  000.  Keine  Ver¬ 
schiebung  der  Leukozytenformel.  An  den  Erythrozythen  frisch  und  in  ge¬ 
färbtem  Präparat  keine  pathologischen  Veränderungen. 

Klinische  Aufnahme  am  1.  II.  1921.  Dem  obigen  Befund  nach¬ 
zutragen  ist  von  der  stationären  Beobachtung,  dass  die  Nieren  funktionell  bei 
wiederholter  Untersuchung  intakt  gefunden  werden.  (Wasserversuch,  Harn¬ 
menge  etc.)  Nüchternwerte  von  Blutzucker  und  Reststickstoff  in  Serum 
98  mg-Proz.  bezw.  21  mg-Proz.  Im  Urin  kein  Urobilin  und  Urobilinogen. 
Serum  ganz  hell  und  klar.  Wiederholte  serologische  Unter¬ 
suchung  auf  den  Gehalt  des  Serums  an  Gerinnungsfer¬ 
ment  ergibt  regelmässig  stark  unternormale  Werte, 
wie  sie  für  eine  Hypofunktion  des  Mihsystems  cha¬ 
rakteristisch  sind. 

Während  der  ersten  Woche  des  Krankenhausaufenthaltes  absolute  Bett¬ 
ruhe.  Starke  Erregung.  Anfälle  von  Tachykardie,  Schlaflosigkeit.  Wiederholt 
Ohnmächten  mit  Erloschensein  der  Patellarreflexe,  aber  Erhaltenbleiben  der 
Pupillenreaktion.  Keine  typischen  epileptischen  Anfälle.  Erythrozyten  dauernd 
über  6 'A  Mille.  Blutdruckwerte  fortlaufend,  bei  Bettruhe  systolisch  gemessen. 
190,  180,  172,  198,  166,  172,  166,  170,  158,  160,  165,  166,  148,  145  mm  Hg. 
Vom  14.- — 25.  Tage  zwischen  140 — 155  mm  Hg.  Endothelsymptom  in  wech¬ 
selnder  Stärke  positiv.  Während  der  ganzen  Beobachtungszeit  im  auffallen¬ 
den  Gegensatz  zu  dem  hohen  Erythrozytenwerte  äusserste  Blässe  der  ge¬ 
samten  Haut.  Massiger  Dermographismus. 

Am  20.  II.  im  Einverständnis  und  nach  Aufklärung 
des  Kranken  operative  Entfernung  der  linken  Neben¬ 
niere  (Dr.  Flörcken).  Ganz  minimale  Blutung  während  der  Opera¬ 
tion.  Am  Morgen  der  Operation  6  800  000  Erythrozyten,  6  Stunden  nachher 
6  700  000  E„  8200  L. 

Am  3.  III.  gutes  Allgemeinbefinden,  deutlicher  Skleralikterus,  E.  6  200  000, 
Urin  o.  B. 

Am  4.  III.  Ikterus  der  Sklera  noch  mehr  ausgesprochen.  Urobilin  +. 
Urobilinogen  ±,  E.  5  140  000. 

5.  III.  E.  5  200  000.  Ikterus  kaum  mehr  vorhanden,  Urobilin  schwach  +. 

6.  III.  Gutes  Befinden,  kein  sicherer  Ikterus  mehr.  Urin  o.  B. 


Nr.  H 


•'7  — 15  in  se|ir  rasche  Erholung.  Operationswunde  heilt  reaktionsli 
Erythrozytenwerte  zwischen  4  700  000  =  5  200  000.  Blutdruck  während  d 
ganzen  Zeit  nie  unter  145  schwankend  zwischen  145  175  mm  Hg,  also  i 

verändert  gegenüber  den  Zahlen  vor  der  Nebeunierenexstiipation. 

10  Tage  vor  dem  Eingriff  Bestrahlung  eines  Hautfeldes  mittels  <1 
Quarzlampe  in  einer  Dosierung,  die  bei  normalen  .  Kontrollfällen  leid 
Rötung  und  deutliche  Braunfärbung  erzeugt.  Haut  bleibt  völlig  reaktionsl 
14  Tage  nach  der  Operation  Bestrahlung  an  korrespondierender  Stelle  un 
gleichen  Bedingungen  ergibt  ausgesprochene  Bräunung. 

Die  Erythrozytenzahlen  sind  bisher  —  bei  poliklinischer  weiterer  E 
obachtung  dauernd  normal  geblieben  (bis  Dezember  1920).  Der  Blutdru 
schwankte  wie  vor  dem  Eintritt  zwischen  140  und  185  mm  Hg.  blieb  a! 
völlig  unbeeinflusst.  Das  Endothelsymptom,  das  wochenlang  nach  der  Opei 
tion  negativ  geblieben  war,  ist  inzwischen  wieder  in  wechselnder  Stär 
nachweisbar.  Einen  sicheren  Einfluss  auf  den  Allgemei 
b  e  f  u  n  d  hat  die  N.-N.  -  Exstirpation  nicht  gezeitigt. 

Die  exstirpierte  Nebenniere  war  makroskopisch  auffallend  gross,  insl 
sondere  das  Mark.  Mikroskopisch  (Prosektor  Dr.  R  e  i  n  h  a  r  d  t  -  Leipz 
lautet  die  Epikrise:  „Es  ist  also  ein  dem  allgemeinen  Lipoidstoffwecli 
des  Individuums  parallel  gehender  hoher  Lipoid-  und  Cholesterinestergeh 
der  Nebennierenrinde  und  ein  die  klinisch  festgestellte  Hypertension  a 
klärender,  durch  den  Reichtum  an  chromafiinen  Zellen  in  der  stark  e 
wickelten  Marksubstanz  nachweisbarer,  hoher  Adrenalingehalt  der  Nebi 
niere  festgestellt.“ 

Fall  2.  Schä.  Ch„  36  jähr.  2.  In  poliklinischer  Beobachtung  s 
Januar  1920,  stationär  ab  13.  VI.  1921.  ’jj 

Anamnese:  Eine  Schwester  mit  38  Jahren  an  S  c  h  1  a 
anfall  gestorben,  angeblich  bei  Schrumpfniere,  sc 
aber  vorher  ganz  gesund  gewesen  sein.  Die  Kranke  sei 
früher  gesund,  aber  immer  sehr  nervös.  Seit  19  Jahren  verheiratet,  kinderl 
4  mal  Abort,  2mal  Totgeburt.  Früher  wiederholt  angestellte  Untersuchum 
auf  Wassermann  sollen  stets  negativ  gewesen  sein.  Mann  gesund.  Eh 
falls  mit  negativer  WaR.  Vor  3  Jahren  mehrere  Monate  sehr  hefti; 
„Nervenrheumatismus"  im  ganzen  Körper.  Seit  ca.  :'A  Jahren  äusst 
heftige  Kopfschmerzen,  die  die  Kranke  völlig  schlaflos  machen.  Ausserd 
heftige,  wandernde  neuralgieforme  Schmerzen  überall.  Angeblich  30  Pfi 
Gewichtsabnahme. 

Befund:  Grazil,  leidlicher  Ernährungszustand,  blasse  Gesichtsfar 
Sensorium  vollkommen  klar,  fieberfrei.  Nervensystem  ohne  objektive  V 
änderungen.  Innere  Organe  ohne  sichere  Veränderungen;  insbesondere  H 
nicht  vergrössert  (Röntgenologisch  relativ  klein).  Geringe  Vergrössen 
der  Schilddrüse. 

Urin  o.  B.  Spez.  Gewicht  1015 — 20.  Wasserversuch  ergibt  aus 
geringer  Verzögerung  der  Gesamtausscheidung  keine  Anomalien.  Rest 
19,5  mg-Proz.,  Harnsäure  im  Serum  1,25  mg-Proz.,  Blutzucker  114mg-Pn 
WaR.  — .  , 

Blutdruck:  Bei  häufigen  Messungen  280/150,  260/125.  270:160  u 
Bettruhe  ändert  nichts  an  der  Höhe  des  Druckes. 

Blutbefunde  laufend  E.  6  700  000,  6  360  000,  6  900  ( 

6  300  000  usw.  Leukozyten  stets  um  9000,  Hämoglobin  100 — 110  Proz.  Leu 
zytenformel  o.  B.  Endothelsymptom  regelmässig  ++++.  Im  Augenhin 
grund  kleine,  fleckige  Blutungen.  Serologische  Untersuch  u 
auf  Gerinnungsferme  n.t  ergibt  starke  Verminderu 
bei  fast  normaler  Gerinnungszeit.  Bei  der  absoluten  Un 
einflussbarkeit  des  Zustandes  durch  klinische  Behandlung  wird  der  Kran 
die  Exstirpation  einer  N.  N.  vorgeschlagen. 

Operation  am  24.  VI.  1921  (Dr.  Flörcken).  Exstirpation 
linken  Nebenniere  in  Mischnarkose,  die  technisch  rasch  und  leicht  geh 
Minimaler  Blutverlust  bei  der  Operation.  Die  Kranke  erholt  sich  in  wem 
Tagen  von  dem  Eingriff. 

Erythrozyten  am  Morgen  der  Operation  6  700 1 
6  Stunden  später  6  800  000,  am  25.  VI.  6  662  000.  26.  VI.  6  1  00  000,  27. 

5  540  000.  29.  VI.  5  600  000.  2.  VII.  5  500  000.  9.  VII.  5  200  000.  15. 

4  900  000.  Von  hier  ab  bis  Dezember  1921  bei  poliklinisch 
Beobachtung  um  5  000  000.  24  Stunden  nach  der  Operation  au: 

sprochener  Skleralikterus,  der  3  Tage  anhält  und  von  mittelstarker  Urob 
urie  begleitet  ist.  Sehr  erhebliche,  monatelang  anhaltende  klinische  Be 
rung,  nach  der  N.-N. -Exstirpation,  insbesondere  völliges  Freisein  von  K 
schmerzen  und  ausgezeichneter  Schlaf.  Serumwerte  14  Tage  post 
Rest-N.  40  mg-Proz.  Harnsäure  0,9  mg-Proz.  Blutzucker  77  mg-Proz.  C 
r  innungsferm  ent  jetzt  in  normaler  Menge  vorhand 

In  gleicher  Weise  wie  bei  Fall  1  wurde  vor  und  nach  der  Operatio: 
ein  korrespondierendes  Bauchfeld  mit  der  Quarzlampe  bestrahlt:  vor  • 
Eingriff  starke  Rötung,  mittelstarke  Pigmentierung,  nachher  starke  Röi 
und  ganz  aussergewöhnlich  starke  Braunfärbung  der  Haut. 

Makroskopisch  ist  die  exstirpierte  Nebenniere  von  normalem  Ausse 
sicher  nicht  vergrössert.  Mikroskopisch  (Prosektor  Dr.  Reinhardt)  fii 
sich  ebenfalls  keine  eindeutigen  Zeichen  für  Hypertrophie  des  Parenchj 
Die  linke  Niere  ist  bei  der  Operation  makroskopisch  von  norm: 
Aussehen,  auf  der  Oberfläche  ganz  glatt.  Ein  zwecks  mikroskopischer  Ui 
suchung  exzidiertes  Nierenstückchen  ist  leider  beim  Versand  verloren 
gangen. 

Derkritischen  Besprechung  dieser  beiden  O  p  e 
tionsfälle,  deren  Ergebnisse  sich  in  fast  allen  Pur 
ten  decken,  sei  noch  eine  dritte  Beobachtung  ans 
reiht,  die  für  das  Verständnis  des  folgenden  \ 
Bedeutung  erscheint:  Bei  einer  58jährigen  Frau,  die  an 
operablem  Magenkarzinom  litt  und  solaminis  causa  bestrahlt  wei 
sollte,  wurde  ein  Rückenfeld  auf  die  linke  Nebenniere  in  der  gleit 
Anordnung  und  Intensität  wie  bei  den  bisher  erwähnten  Fällen  ai 
ziert.  Die  Kranke  starb  nach  6  Wochen  an  einer  interkurrenten  Blut 
Die  Obduktion  ergab  eine  starke  Verkleinerung  der  linken  Nebent; 
gegenüber  rechts,  in  der  Hauptsache  die  Rinde  betreffend.  Mik 
skopisch  war  fast  das  gesamte  Rindenparench 
zerstört  und  bindegewebig  organisiert.  Das  M 
liess  ebenso  wie  die  rechte  NN.  keine  Strahl 
Schädigung  erkennen.  Die  zum  Teil  dem  Strahlenkegel 
gänglich  gewesenen  Organe  —  Leber,  Pankreas,  Niere,  Darm  —  b 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


341 


lärz  1922 


irmales  Aussehen.  Es  war  mit  diesem  Versuch  somit 
i  escn,  dassdie  einmaligeBestrahlungdcr  Ncben- 
:  c  in  einer  Dosis,  die  höchstens  30  P  r  o  z.  der  HED. 
■  i  c  h  t,  zu  einer  Nekrose  des  Rindenparenchyms 
1 1,  während  das  chromaffine  System  nicht  er- 
tibar  geschädigt  wird;  m.  a.  W.:  Die  NN. -Rinde  ist 
I  hem  Masse  radiosensibel,  das  Markgewebe  hin- 
n  durch  praktisch  anwendbare  Strahlendosen 
:  t  beeinflussbar. 

issen  wir  die  Resultate  des  bislang  Mitgeteilten  unter  einheitlichen 
,itspunkten  zusammen  —  der  verfügbare  Raum  muss  das  Sum- 
he  des  Vorgehns  an  dieser  Stelle  erklären  so  lassen  sich 
de  Ueberlegungen  als  erwiesen  aussprechen:  Die  einmalige 
genbestrahlung  der  Nebenniere  mittels  einer 
rbierten  Dosis  von  ca.  30—35  Proz.  HED.  hat  die 
Iteration  des  Rindenparenchyms  im  Qefolge; 
Dark  bleibt  unbeeinflusst.  Ein  klinischer  Effekt 
in  ne  einer  Verminderung  des  Blutdruckes  ist 
h  die  Tiefenbestrahlung  nicht  zu  erzielen.  Wie 
ergleich  mit  den  Ergebnissen  der  operativen  Therapie  lehrt,  darf 
negative  Effekt  aber  nicht  auf  die  ungenügende  Beeinflussung 
romaffinen  Gewebes  bezogen  werden;  denn  auch  die  einseitige 
oation  der  NN.  bleibt  ohne  Einfluss  auf  die  anormal  hohe  Ein- 
g  des  arteriellen  Druckes.  Es  stehen  hier  demgemäss 
Folgerungen  zur  Diskussion:  Entweder  ist  die  Regu- 
des  Blutdruckes  durch  zentrale  Fakto-en  bedingt  und  ganz  un- 
dg  von  der  Funktion  des  Markgewebes,  oder  aber  die  Ausschal¬ 
es  Markes  einer  Nebenniere  ist  an  Masse  zu  gering,  um  gegen- 
ier  Gesamtfunktion  des  chromaffinen  Systemes  in  Betracht  zu 
m.  Wir  hätten  also  bei  der  einseitigen  NN.-Reduktion  —  einerlei 
ch  das  Messer  oder  durch  Strahlung  —  zwar  mit  einer  Halbierung 
ndengewebes,  aber  nur  mit  einer  relativ  ganz  geringen  Verminde- 
er  chromaffinen  Gewebssubstanz  zu  rechnen;  sie  bedeutet  also, 
len  naheliegenden  Vergleich  aus  der  Therapie  des  Morbus  Base- 
heranzuziehen,  in  bezug  auf  das  Mark  eine  ungenügende  Keil- 
on  der  Thyreoidea,  in  bezug  auf  die  Rinde  aber  eine  Halbseiten¬ 
ation  mit  einer  Verminderung  um  die  Hälfte  des  Parenchyms.  Die 
gs  erwähnten  Befunde  K  o  h  n  s  sprechen  für  diese  Auffassung, 
'lieh  vorläufig  noch  nicht  sicher  zu  beweisen  ist.  Es  muss  mit 
iedenen  Möglichkeiten  bei  den  einzelnen  Krankheitsbildern  ge- 
t  werden;  hier  wird  vor  allem  eine  sorgfältige  klinische  Anali- 
;  jedes  einzelnen  Falles  einzusetzen  haben.  Die  Fragen  des 
len  Effektes,  der  therapeutischen  Auswirkungsmöglichkeiten 
ollen  hier  ganz  ausser  Betracht  bleiben. 

is  will  in  ersterLinie  vielmehr  das  Problem  b  e  - 
tigen,  auf  welchem  Wege  die  Umstellung  der 
globulie  auf  normale  Erythrozyten  werte  in  der 
mein  heit  zustande  kommt.  Sekundäre  Momente,  wie 
rkungen  des  Wasser-  und  Eiweissgehaltes  der  Blutflüssigkeit 
_d  nach  dem  Eingriff,  kennten  mit  Sicherheit  ausgeschlossen  wer- 
-benso  zeigte  sich  unwiderlegbar,  dass  die  vielfach  geltende,  von 
e  r  inaugurierte  Ansicht  vom  Kapillarspasmus  als  ursächlichem 
it  der  kompensatorischen  Polyglobulie  nicht  zu  Recht  besteht: 
iie  Reduktion  der  NN. -Rinde  bewirkt  stets  normale  Erythro- 
erte  auch  dann,  wenn  die  Hypertension  und  damit  der  hypo- 
i  erhöhte  Kapillartonus  unverändert  fortbesteht.  Es  blieben 
esslich  zur  Erklärung  nur  mehr  zwei  Möglich- 
n :  Eine  von  der  Funktion  der  Rinde  in  irgendwelcher  Weise 
ige,  vermehrte  Bildung  der  roten  Blutkörperchen  —  eine  ver- 
Markfunktion  —  oder  aber  eine  auf  dem  gleichen  Modus  be- 
- 1  Verminderung  der  physiologischen  Mauserung  der  Erythro- 
eine  verminderte  Hämolyse,  deren  Angriffspunkt  dann  in  einer 
nten  Funktion  des  retikulo-endothelialen  Zellapparates  zu  suchen 
Für  die  erstere  Annahme  Hessen  sich  keinerlei 
Itspunkte  gewinnen;  die  letztere  aber  konnte 
n  wandfreier,  experimenteller  Beweisführung 
bewiesen  werden. 

^wurde  in  früheren  Untersuchungen 2)  gezeigt,  dass  der  quanti- 
jehalt  der  Blutflüssigkeit  an  proteolytischem  Ferment  abhängig 
der  Funktion  des  Milzsystemes:  durch  chemische  und  physi- 
Funktionsreize  der  Pulpazelle  lässt  sich  regelmässig  eine  Ver- 
g  des  Fermentes  erzielen.  Ihre  quantitative  Fixierung  hat  statt 
'Og.  „Gerinnungsanalyse“,  die  zwar  keine  absoluten  Zahlenwerte 
in  ihren  Ausischlägen  gegenüber  Normalblut  aber  praktisch  völlig 
lende  Vergleichsmomente  zeigt.  Es  muss  dabei  noch  hinzu¬ 
werden1,  dass  hämolytische  Tätigkeit  der  Pulpazelle  und  Fer- 
)duktion  quantitativ  Hand  in  Hand  gehen;  eine  dauernde  Ver- 
ing  an  proteolytischem  Ferment  im  Serum  charakterisiert  nach 
i  ausgehenden  Versuchen  auch  stets  eine  gegenüber  der  Norm 
lerte  Hämolyse  im  Organismus.  So  viel  von  der  theoretischen 
Setzung.  In  allen  Fällen  von  Polyglobulie  mit 
.rtension  wurde  nun  absolut  regelmässig  eine 
je  Verminderung  des  proteolytischen  Fer- 
;^sin  der  Blutflüssigkeit  in  zahlreichen  Einzel- 

b'ergl.  R.  Stephan  sowie  Stephan  und  Wohl:  Untersuchungen 
'•>  proteolytische  Serumferment,  Qerinnungsferment  und  proteolytisches 
1  rment.  Zschr.  f.  d.  ges.  exper.  Med-  1921.  Die  ausführliche  Publi- 
uer  Versuchsprotokolle,  auf  der  sich  die  weiteren  Ausführungen 

:  erfolgt  a.  a.  O. 


versuchen  f  e  s  t  g  e  s  t  e  1 1 1.  Die  Tatsache  der  dauernd  anormal 
niedrigen  Funktion  des  Milzsystems  bei  den  oben  erörterten  Krankheits- 
zuständen  war  damit  sicher  festgestellt,  die  verminderte  Hämolyse  als 
Ursache  der  Erythrozytenvermehrung  in  der  Volumeinheit  aber  nur 
wahrscheinlich  gemacht.  Sie  wurde  erwiesen  durch  die 
Wirkung  der  Rindenreduktion:  Sowohl  durch  die  Strahlen¬ 
nekrotisierung  wie  auch  durch  den  chirurgischen  Eingriff  trat  schon 
24  Stunden  nach  der  Ausschaltung  der  linken  NN.  eine  erhebliche  Stei¬ 
gerung  des  Fermentgehaltes  auf,  der  nach  ca.  3  Tagen  normale  Werte 
eri eichte  und  in  der  Folge  auf  dieser  Höhe  blieb.  Der  Vermehrung  der 
Fermentmenge  gingen  parallel  die  Zeichen  der  durch  die  Rindenreduktion 
bedingten  Steigerung  der  Hämolysie:  Rasche  Verminderung  der  Erythro¬ 
zyten,  leichter  Ikterus,  Erhöhung  der  Serumbilirubinkonzentration  und 
Urobilinurie.  Wir  sind  gewohnt,  diese  Symptome  auf  eine  gesteigerte 
Blutmauserung  zurückzuführen  und  sie  auf  eine  Hyperfunktion  des 
retikuloendothelialen  Zellsystemes  zu  beziehen.  Der  Vergleich  der 
klinischen  Analyse  mit  den  Ergebnissen  des  Experimentes  sagt  dem¬ 
gemäss  aus :  D  i  e  Funktion  des  Milzsystemes  unterliegt 
der  Regulierung  durch  die  Nebennierenrinde;  Hyper- 
Junktion  des  Rindenparenchyms  bedingt  Hypofunk¬ 
tion  des  Milzgewebes,  als  deren  klinischer  Ausdruck 
Polyglobulie,  als  deren  serolog  ischer  Vermindern  n  g 
der  Ferment  ko  nzentration  im  Serum  zu  gelten  hat. 
Ob  der  Antagonismus  der  beiden  endokrinen  Drüsen  auch  in  umgekehr¬ 
ter  Richtung  zur  Auswirkung  kommt,  ist  vorläufig  ungeklärt.  Hier  haben 
weitere  klinische  und  experimentelle  Forschungen  einzusetzen.  Sie 
werden  von  Bedeutung  sein  vor  allem  für  die  Frage  von  der  Patho¬ 
genese  mancher  Formen  der  perniziösen  Anämie.  Es  spricht  schon  jetzt 
manches  für  die  Annahme,  dass  einzelne  Formen  von  Polyzythämie  und 
Anaemia  perniciosa  pathogenetisch  Antipoden  sind  und  dass  die  Funktion 
der  NN.-Rinde  dabei  im  Mittelpunkt  des  Geschehens  steht.  Davon 
anderwärts  mehr. 

Die  Linie,  auf  der  die  weitere  Forschung  sich  zu  bewegen  hat,  :st 
damit  klar  vorgezeichnet r  Es  ist  vor  allem  zu  prüfen,  ob  das  gefundene 
Gesetz  von  der  hormonalen  Zügelung  der  Miizfunk- 
tion  durch  das  Rind  e  n  i  n  kr  e  t  nur  für  die  Pulpazelle  Geltung 
hat  oder  ob  es  auch  auf  alle  übrigen  Zellen  des  Organismus  ausgedehnt 
werden  darf.  Einige  Beispiele  liegen  bereits  vor.  In  unseren  Kranken- 
geschichten  sind  die  Hautreize  mittels  ultravioletter  Strahlung  erwähnt 
denen  eine  eindeutige  Auslegung  zukommt:  Die  gleiche  Dosis  elektro¬ 
magnetischer  Reizung  der  Epithelzelle,  die  vor  der  Rindenreduktion 
überhaupt  nicht  oder  nur  zu  minimaler  Pigmentbildung  in  der  Epidermis 
führt,  bewirkt  nach  dem  Eingriff  eine  starke  Bräunung  der  bestrahlten 
Hautpartien.  Kontrollen  nach  andersartigen  Operationen  blieben  stets 
negativ.  Die  Regulierung  der  Zellfunktion  durch  die  NN.-Niere  ist  da¬ 
mit  auch  für  das  Hauptepithel  in  hohem  Masse  wahrscheinlich  gemacht 
und  damit  die  gleichzeitig  wie  bisher  nur  auf  komplizierterem  YVege  er¬ 
klärbare  Pipientierung  bei  der  Addisonkrankheit  auf  sehr  einfache  Weise 
dem  Verständnis  nähergerückt:  Die  Schwächung  oder  der  totale  Aus- 
fall  der  Rindenfunktion  bei  NN. -Schwund  hebt  die  physiologische  Rc 
gulation  der  Epidermiszellfunktion  auf  und  verursacht  Funktions- 
anomalie  in  dem  Sinne,  dass  nunmehr  jeder  Reiz,  gleichgültig  welcher 
Art  und  Intensität,  die  spezifische  Funktion  der  Hautzellen  —  eben  die 
Pigmentproduktion  —  in  Tätigkeit  treten  lässt.  In  der  gleichen  Rich¬ 
tung  wäre  die  postmortale  Pigmentierung  von  Hautstücken  ini  Brut¬ 
schrank  einer  Erklärung  zugänglich.  Versuche,  die  wir  mittels  Röntgen¬ 
strahlenreizes  auf  verschiedene  Organe  bei  der  essentiellen  Hyper¬ 
tension  durchgeführt  haben,  sprechen  gleichfalls  für  eine  Hemmung 
der  Funktion  aller  Zellen;  auf  Einzelheiten  kann  hier  nicht  eingegangen 
werden.  Im  gleichen  Sinne  wären  vereinzelte  Beobachtungen  der 
Hypertensionsliteratur  zu  verwerten:  Einmal  die  von  Böen  he  im  er- 
Hyperchlgrämie  bei  Epilepsie  und  deren  Schwinden  nach  der 
NN. -Exstirpation,  und  sodann  vor  allem  die  Tatsache,  dass  beim  Hyper- 
tonikei  der  Ausgleich  zwischen  Blut  und  Gewebe  nach  intravenöser  In¬ 
jektion  hochprozentiger  Traubenzuckerlösung  viel  langsamer  statthat 
als  beim  Normalen.  Hyperglykämie  haben  wir  in  unseren  Fällen  ver¬ 
misst,  von  anderer  Seite  ist  sie  als  häufiger  Begleiter  der  permanenten 
Blutdruckerhöhung  beschrieben  worden.  Derartige  Befunde  könnten 
nur  dann  als  beweisend  angesehen  werden,  wenn  sie  im  Anschluss  an 
eine  Leistungsprüfung  des  Organismus  beobachtet  würden;  für  die  Be¬ 
ut  teiluug  im  nüchternen  Zustand  sind  die  Ausschläge  unserer  Metho¬ 
den  wohl  nicht  hinreichend  scharf.  Im  ganzen  dürfen  wir  aus 
dem  Mit  geteilten  den  Schluss  ziehen,  dass  das  In- 
K  r  e  t  der  NN.  -  Rinde  mit  Gewissheit  auf  hormonalem 
Wege  und  in  antagonistischer  Weise  die  Funktion 
d  e  s '  M  i  1  z  systemes  beherrscht  und  dass  mit  Wahr¬ 
st  .  ‘Z1 1  *.c  h  k  e  *  *  die  Annahme  einer  Zügelung  der  Zell- 
t  ä  t  i  g  k  eit  durch  die  Nebenniere  auch  für  den  gesam¬ 
ten  Organismus  Gültigkeit  hat. 

Es  werden  durch  diese  Feststellungen  eine  Reihe 
von  physiologischen  und  klinischen  Fragen  auf¬ 
gerollt,  von  denen  hier  zum  Schluss  nur  die  wichtig¬ 
sten  gestreift  werden  können:  In  therapeutischer  Hinsicht 
ist  die  Unbeeinflussbarkeit  der  Blutdruckerhöhung  durch  direkte  Ein¬ 
wirkung  auf  die  NN.  erwiesen.  Bei  der  hohen  Radiosensibilität  des 
Rindenparenchyms  sind  doppelseitige  Tiefenbestrahlungen,  auch  in 
kleinen  Dosen,  unter  allen  Umständen  kontraindiziert.  Die  von  Dresel 
eingeführte  Reizbestrahlung  der  NN.  bei  Diabetes  verbietet  sich  damit, 
da  Spätschädigungen  niemals  auszuschliessen  sind.  Für  die  Tumor¬ 
therapie  lässt  sich  die  Unmöglichkeit  der  Beeinflussbarkeit  solcher  Neo- 

3* 


MßNCHENER_MED  IZ I  NI  SCH  E  _W  0  C  HENSCH  RI  FT. 


Ö42 

Plasmen  ableiten,  die  in  der  Nachbarschaft  der  NN.  gelegen  sind  und 
bei  deren  Durchstrahlung  der  obere  Nierenpol  mehr  als  30  Proz.  der 
HED.  appliziert  erhält.  Eine  grosse  Reihe  fremder  und  eigener  Be¬ 
obachtungen  von  „Bestrahlungskachexie“  beim  Magen-,  1  ankreas-  und 
( iallenblasenkarzinom  finden  auf  diese  Weise  ihre  einfache  trklaiung 
Die  Behandlung  der  Polyzythämie  durch  NN.  -  k  c- 
duktion  befindet  sich  noch  im  Versuchsstadium;  sie 
Kann  so  lange  nicht  allgemein  empfohlen  werden,  als  grössere  vei suchs¬ 
reihen  nicht  vorliegen  und  wir  noch  nicht  sicher  imstande  sind,  pathoge- 
netisch  verschiedene  Gruppen  dieser  Erkrankung  klinisch  abzutrennen. 
Wir  selbst  sind  mit  diesen  Fragen  augenblicklich  beschäftigt,  rur  die 
Beeinflussung  der  perniziösen  Anämie  sollen  Untei  suchungen  über  die 
Wirkung  subkutaner  Injektionen  von  reinem  Rindenextrakt  unter¬ 
nommen  werden;  die  Beschaffung  geeigneter  Präparate  ist  bisher  noch 
nicht  gelungen.  Durch  Adrenalin  lässt  sich  das  Rindeninkret  selbst¬ 
verständlich  nicht  ersetzen.  ■ 

Und  schliesslich  sei  noch  eine  weitere  therapeutische  Auswirkungs- 
möglichkeit  kurz  erwähnt,  die  sich  aus  den  obigen  Ergebnissen  zwang¬ 
los  herleiten:  ln  welcher  Weise  ist  der  Ablauf  von  Infektionskrankheiten 
und  von  Tumorerkrankungen  von  der  Funktion  der  Nebennierenrind^ 
abhängig?  Es  ist  a  priori  nicht  unwahrscheinlich,  dass  auch  die  Tätig¬ 
keit  des  zellulären  Abwehrmechanismus  des  Organismus  der  Steuerung 
durch  das  Rindeninkret  unterworfen  ist  und  dass  wir  künftighin  Wege 
finden  werden,  die  Regulierung  des  Verlaufes  in  zweckmässigem  Sinne 
durch  therapeutische  Einwirkung  zu  beherrschen.  Hier  stehen  wir  ganz 
im  Beginn  der  Erkenntnis,  die  nur  durch  strengste  Kritik  und  sorgfältigste 
klinische  Beobachtung  gefördert  werden  kann.  Ein  ausführliches  Ein¬ 
gehen  auf  diese  theoretisch  wie  praktisch  gleichennassen  wichtigen  Fra¬ 
gen  verbietet  sich  in  einer  Abhandlung,  deren  1  enoi  ausschliesslich  am 
das  Herausarbeiten  der  Grundtatsachen  eingestellt  ist. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  zu  Königsberg. 

Ueber  Leberfunktionsprüfungen. 

Von  Privatdozent  Dr.  Lepehne. 

I,  Chromodiagnostik. 

In  einer  kürzlich  erschienenen  Mitteilung  fl]  hatte  ich  darauf 
hingewiesen,  dass  von  mir,  unabhängig  von  den  gleichartigen  Unter¬ 
suchungen  Ros  ent  hals  und  v.  Falkenhausens  L2J,  ebenfalls 
eine  „Chromodiagnostik“  der  Leber  mittels.  Farbstoffinjektion  und 
Duodenalsondierung  versucht  worden  war.  Hier  soll  über  die  Eigeb- 
nisse  etwas  ausführlicher  berichtet  werden.  Im  Gegensatz  zu  den 
genannten  Autoren,  die  eine  subkutane  Injektion  von  Methylenblau 
verwandten,  habe  ich  Indigo  kann  in  intravenös  gespritzt  und  bin 
dabei  zu  abweichenden  Resultaten  gekommen. 

Zuerst  wurden,  wie  berichtet,  fertige  Tabletten  zur  Herstellung  der 
Indigokarminlösung  benutzt,  später  injizierte '  ich  stets  2,0  ccm  einer  2  proz. 
wässerigen  Indigokarminlösung  (nur  kurze  Zeit  haltbar)  intravenös,  was  stets 
gut  vertragen  wurde.  Der  Duodenalsaft  wurde  in  Abständen  von  5  Minuten 
gesondert  aufgefangen. 

Bei  Lebergesunden  trat  —  bisher  nur  mit  1  Ausnahme  — 
durchschnittlich  35  Minuten  nach  der  Injektion  eine 
plötzlich  beginnende  Grünfärbung  der  bis  dahin 
gelbbräunlichen  Galle  auf,  die  meist  ganz  scharf  einsetzte, 
oft  so,  dass  cie  untere  Hälfte  der  auigefangcnen  Portion  noch 
gelb,  die  obere  grün  war.  Der  früheste  Beginn  war  einmal 
15  Minuten,  der  späteste  50  Minuten  nach  der  Injektion. 
Die  Stärke  der  Grünfärbung  war  nicht  ganz  gleichmässig, 
meist  recht  beträchtlich  und  hielt,  mitunter  etwas  nachlassend, 
bis  zum  Abbruch  des  Versuches  (etwa  1/4  Stunden)  an.  Ein¬ 
mal  konnte  nach  1  Stunde  40  Minuten,  zweimal  nach  2  Stunden  die 
Wiederkehr  der  normalen  Gallenfarbe  beobachtet  werden.  Eine  Mengen¬ 
zunahme  des  Duodenalsaftes,  die  nach  Rosenthal  den  Beginn  der 
unsichtbaren  Methylenblauausscheidung  bedeutet,  konnte  ich  bei  Beginn 
der  Grünfärbung  nicht  feststellen.  Ueberhaupt  ist  die  Menge  der  auf¬ 
gefangenen  Portionen  sehr  wechselnd  (Spasmen  des  Choledochus- 
sphinkters,  cf.  Stepp  [3],  M  e  y  n  e  r  [4]).  Mitunter  versiegte  gerade 
kurz  nach  der  Injektion  der  Gallenfluss  fast  völlig,  was  vielleicht  als 
eine  psychisch  bedingte  Reaktion  des  Sphinkters  anzusehen  ist. 

Bei  Leberkranken  waren  die  Resultate  nicht  ganz  gleich¬ 
mässig.  Im  Gegensatz  zum  Lebergesunden  wurde 
bei  dem  Icterus  catarrhalis  und  einem  Ikterus 
infolge  chronischer  Cholangitis1)  das  Indigo¬ 
karmin  nicht  mit  der  Galle  ausgeschieden.  Ein 
Fall  von  Icterus  catarrhalis  wurde  einmal,  4  weitere  Fälle  sowie 
die  Cholangitis  im  Abstand  von  5—7  Tagen  zweimal  untersucht.  Jedes¬ 
mal  blieb  eine  Grünfärbung  bei  diesen  teils  auf  der  Höhe  des  Ikterus, 
teils  im  Abklingen  begriffenen  Fällen  bis  zu  2)4  Stunden  nach  der 
Injektion  völlig  aus.  Eine  etwaige  Leukoverbindung  des  Farbstoffes 
konnte  weder  nach  der  Methode  von  Rosen  th  al,  noch  sonstwie 
nachgewiesen  werden.  Somit  scheint  in  diesen  Krankheiten 
die  —  vielleicht  diffus  geschädigte  —  Leber  in  der  Regel 
zur  Ausscheidung  des  Indigokarmins  unfähig  zu  sein.  Im  Gegen¬ 
satz  hierzu  fanden  Rosenthal  und  v.  Falkenhausen,  dass  ge- 


»)  34  jähr.  Mann;  seit  2  Jahren  krank,  leichter  Ikterus,  Leber  vergrössert 
und  hart;  Milz  palpabel.  Blutbild  o.  B.  Im  Serum  „Stauungsbilirubin“; 
Urin:  Ug  ++.  WaR.  — . 


rade  bei  Leberkranken  das  subkutan  injizierte  Methylenblau  besom 
rasch  ausgeschieden  würde  und  betrachten  dies  als  eine  Stütze 
Minkowrski  sehen  Theorie  des  Ikterus  durch  Parapedese  (erh< 
Durchlässigkeit  der  Leberzellen).  Hiermit  stehen  meine  Befunde  r. 
in  Einklang,  da  sie  gerade  eine  erschwerte  Duiciilässigkeit 
den  Farbstoff  erwiesen  haben.  . 

Positive  Indigoausscheidung  b  e  1  I  k  t  e  r  u  skr . 
k  e  n  erhielt  ich  zweimal.  Einmal  bei  einem  fast  abgelaufenen  Ict 
catarrhalis.  Der  zweite  Fall  betraf  einen  abklingenüen  Icterus  ca 
rhalis  eines  Kindes  (Urobilinogenurie,  Subikterus,  palpable  Leber) 
zeigte  nach  40  Min.  Grünlarbung. 

Von  2  Cholelithiasisfällen  verlief  der  eine  am  Tage  i 
einem  schweren  Anfall  ohne  Ikterus  mit  „positiver  Chromocht 
(25  Min.),  der  zweite,  eine  chronische  Cholelithiasis  ohne  Ikterus 
g'rosser,  harter,  druckempfindlicher  Leber  dagegen  mit  „negativer  Chro 
cholie“.  Wie  Lebergesunde  verhielten  sich  eine  leichte  Hepatitis  am! 
einer  Salvarsankur  mit  Gallensäureausscheidung  im  Urin  (s.  Teil 
sowie  ein  multiples  Zystadenom  der  Leber,  das  dieselbe  in  einen  ries 
Tumor  verwandelt  hatte.  Negative  Chromocholie  bei  einem  anscheit 
Lebergesunden  konnte  bis  jetzt  nur  einmal  festgestellt  werden 
einem  jungen  Menschen  mit  Rückenschmerzen  ohne  klinischen  Bei 
aber  positivem  Urobilinogengehalt  der  Lebergalle  (s.  1  eil  Ill),.i 

Zusammenfassend  müssen  wir  sagen,  dass  in  diagnostisc 
Hinsicht  diese  Methode  nicht  weiterzuführen  scheint.  Vielleicn 
die  Methylenblauprobe  Rosenthals  eher  dazu  geeignet,  wenn 
auch  infolge  der  ausbleibenden  sichtbaren  Verfärbung  der  Galle  1 
plizierter  ist  -).  Ob  es  möglich  ist  in  progno  st  i  s  eher  H  in  s  i 
nach  dem  positiven  oder  negativen  Ausfall  der  Indigochromochohe 
Stärke  der  noch  vorhandenen  allgemeinen  Leberschädigung  zu 
urteilen,  muss  dahingestellt  bleiben. 

Dass  das  P  h  e  n  o  1  s  u  1  f  o  p  h  t  h  a  1  e  i  n  sich  als  nicht  gallel 
erwies,  habe  ich  schon  in  der  ersten  Mitteilung  berichtet.  Kongp 
—  20  ccm  einer  2 proz.  wässrigen  Lösung3)  intravenös  —  wurdt 
Lebergesunden  nach  20—35  Minuten  ausgeschieden.  Die  Rotiar 
uer  Gatle  setzt  nicht  so  scharf  ein,  nimmt  allmählich  an  Starke  zu 
ist  vielfach  schlecht  zu  erkennen.  Unsere  Resultate  bei  Leberkru 
waren  nicht  eindeutig.  Bei  Ikteruskranken  wird  der  Farbstoff  in 
Regei  anscheinend  rasch  ausgeschieden.  ; 

"  Ein  Versuch,  nach  intravenöser  Yatreninjektion  Jod  in  der  » 
nachzuweisen,  misslang.  Wie  mir  Rosen  thal  brieflich  rnitt 
wird  Jod  auch  durch  den  Pankreassaft  ausgeschieden.  San; 
säur  e,  die  ich  in  der  Form  der  Mendel  sehen  [5]  intravenöse: 
jcktion4)  gab,  wurde  weder  bei  einem  Lebergesunden,  noch  bei 
Cholelithiasis,  noch  bei  einem  Icterus  catarrhalis  im  Verlauf  von  2 
und  3  Stunden  nach  der  Injektion  mit  der  Galle  ausgeschieden. 
Lisenchloridreaktion  war  in  allen  Portionen  negativ,  obgleich  minin 
Spuren  von  zur  Galle  zugesetzter  Salizylsäure  eine  tiefe  Violettiar 
gaben.  Der  Urin  gab  stark  positive  Reaktion.  Zu  Zwecken  der  L< 
funktionsprüfung  ist  die  Salizylsäure  also  unbrauchbar.  Diese  L 
achtung  dürfte  auch  eine  direkte  therapeutische  Sali; 
Wirkung  vom  Blutstrom  her  auf  die  Gallenwege  in  Frage  s 
len,  zumal  die  Salizylsäureinjektion  auch  keinen  besonders  reicnl 
oder  etwa  konzentrierten  Gallenfluss  nach  sich  zog.  Ob  nic‘>' 
Indigokarmin  oder  das  Kongorot  in  den  Fällen  mit  pos 
Ausscheidung  eine  therapeutische  Wirkung  auf  die  ü; 
wege  ausiiben  könnte,  muss  weiteren  Untersuchungen  uberlassen  bk 
Positive  Kongorotausscheidung  scheint  mit  einer  Konzentration  der 
oder  einem  Zufluss  von  „Blasengalle“  einherzugehen  (s.  u.).  Bc 
kenswerterweise  nehmen  die  im  gefärbten  Duodenalsaft  gotunc 
Zellen  keine  Vitalfärbutig  an. 

Ueber  die  Frage,  ob  der  Beginn  und  die  Dauer  der  Chromoi 
wesentlich  durch  Erkrankungen  der  Niere  beeinflusst  wird,  kan 
bisher  noch  keine  sichere  Auskunft  geben.  Theoretisch  müsst 
schleunigte  oder  gehemmte  Farbstoffausscheidung  durch  die  Nterc 
den  Ausfall  unserer  Probe  von  Bedeutung  sein.  Kongorot  wird  mr 
Urin  nicht  sichtbar  ausgeschieden. 

Schliesslich  sei  noch  das  Problem  der  sogen.  „Blas  eng; 
erörtert,  dem  ich  auch  auf  dem  Wege  der  Chromocholie  näh 
kommen  suchte.  Während  die  meisten  Autoren  bisher  annahmen 
die  auf  intraduodenale  Injektion  von  Wittepepton,  Magnesiumsulfa 
subkutane  Injektion  von  Pilokarpin  etc.  und  auch  mitunter  spontai 
leerte  wesentlich  dunkler  gefärbte  Galle  durch  Beimischung  von  U 
biasengalle  infolge  Kontraktion  der  glatten  Gallenblasenmuskulat 
erklären  sei  (cf.  Lyon  [6],  Simon  [7],  Stepp  [3],  R  o  t  h  ma n 
Lepehne  [9]),  wendet  sich  neuerdings  Einhorn  1101  gegen 
Auffassung.  Er  behauptet,  dass  der  auch  durch  Einführung  von 
kose,  Kalomel,  Kochsalz  etc.  zu  erzielende  dunklere  Gallenfluss  n 
die  Produktion  einer  konzentrierteren  Galle  als  Folge  des  ehern 
Anreizes  aufzufassen  sei.  Einhorn  sah  nämlich  auch  nach  Exstir 
der  Gallenblase  dunklen  Gallenfluss  und  konnte  anderseits 
einer  Laparotomie  bei  eingefiihrter  Duodenalsonde  keine  Kontrakt 
Gallenblasenmuskulatur  nach  Magnesiumsulfatinjektion  beobachte! 


-)  Möglicherweise  dürfte  aber  die  Probe  durch  die  von  Sax 
Scherf  beobachtete  Methylenblauausscheidung  in  den  Magen  gestört  ' 
(W.kl.W.  1922  Nr.  6).  Indigokarmin  wurde  im  Tierversuch  dieser 
nicht  in  den  Magen  ausgeschieden. 

3)  Acltere  Lösung  wirkte  toxisch!  (vorübergehende  Amaurose, 

schmerzen).  .  „„  „  . 

')  Na.  salic.  8,0,  Coffein,  natrio  salic.  2,0,  Aqua  dest.  50,0,  davon  . 

intravenös  bei  gut  gestauter  Vene. 


lärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


343 


t  konnte  ebenso  wie  in  meinen  früheren  Untersuchungen  bei  2  Kran- 
ijrtit  Cholezystektomie  keine  „BlasemgaHe“  erhalten.  Allerdings  trat 
j  sonst  der  Reflex  diesmal  nicht  regelmässig,  sondern  nur  in  einigen 
p  auf.  Die  Chromocholie  könnte  in  dieser  Frage  vielleicht  insofern 
Bedeutung  sein,  als  die  Intensität  der  Grün-  oder  Rotfärbung  der 
nicht  zunehmen  dürfte,  wenn  die  Dunklerfärbung  nach  Magnesium- 
nur  auf  einer  Zumischung  von  Blasengalle  beruht,  denn  es  ist  an- 
imen,  dass  in  der  kurzen  Zeit  nach  derF'arbstöffinjektion  (bis2Stun- 
bei  dem  ständigen  Abfluss  der  Lebergalle  so  gut  wie  kein  Farbstoff 
je  Gallenblase  übergetreten  sein  dürfte.  Bei  Verdünnung  dieser 
:j  engalle“  mit  Wasser  bis  zur  Intensität  der  vorher  erhaltenen  hellen 
.  ;rgalle“  müsste  dann  der  grüne  oder  rote  Farbton  bedeutend  an 
e  abnehmen.  Mir  standen  bisher  nur  4  einwandfreie  Resultate  zur 
'gung.  Zweimal  erwies  sich  die  Grün-  bzw.  Rotfärbung  der  f iinf- 
ll verdünnten  Blasengalle  wesentlich  schwächer  als  in  dfer  farbigen 
gaüe,  in>  2  anderen  Fällen  jedoch  war  die  Intensität  der  grünen 
i  auch  nach  lOfacher  Verdünnung  noch  ebenso  stark  wie  die  der 
3  Kalle!  Dieses  widerspruchsvolle  Verhalten  kann  ich  noch  nicht 
1  en.  Die  praktisch-therapeutische  Bedeutung  dieser  Frage  liegt 
I  :r  Hand. 

a  c  h  t  r  a  g  bei  der  Korrektur:  In  einer  soeben  zum  Referat 
i enen  Arbeit  hat  auch  Hatieganu  i.  m.  Injekt.  von  Indigo- 
:n  zur  Leberfunktionsprüfung  verwandt  und  in  Uebereinstimmung 
teinen  Versuchen  beim  Icterus  cat.  fehlende  Indigoausscheidung 
Iden  (Annales  de  med.  1921,  10,  S.  400). 

II.  Die  Galiensäuren  im  Duodenalsaft  und  Urin. 

/ährend  in  Frankreich  die  Untersuchung  insbesondere  des  Urins 
aliensäuren  schon  lange  in  den  Kreis  der  Leberfunktionsprüfungen 
en  war,  hatte  man  in  Deutschland  den  Störungen  des  Kreislaufs 
illenfarbstoffe  das  Hauptinteresse  zugewandt  (cf.  Botzian  [ 1 1  ], 
n  t  h  a  1  Ll2],  L  e  p  e  h  n  e  [13]  u.  a.).  Dies  lag  zum  grossen  Teil 
'  fehlenden  leichten  Methodik.  Unlängst  hat  nun  Hermann  M  ii  1  - 
14j  die  in  Frankreich  viel  benutzte  Haysche  Schwefelblumen- 
einer  ausgedehnten  Kontrolle  ihrer  Brauchbarkeit  unterzogen.  Er 
u  dem  Schluss,  dass  ausser  Galiensäuren  nur  die  meist  mit  ihnen 
; Geschäfte ten  Aminosäuren  eine  gleiche  Herabsetzung  der  Über¬ 
spannung  des.  Urins  bewirkten.  Diese  exakten  Untersuchungen 
es  nahe,  die  Schwefelblumenprobe  als  Leber¬ 
tionsprüfung  zur  Fesstellung  von  Störungen 
Galiensäuren  Sekretion  mittels  Untersuchung 
J  r  i  n  s  und  des  Duodenalsaftes  zu  verwenden.  In- 
icn  haben  die  französischen  Autoren  Gilbert,  Chabrol  und 
rd  [15]  vergleichende  Untersuchungen  auf  Galiensäuren  am  Urin 
■  Tropfenzählers  und  im  Blut  mittels  der  Pe  1 1  e  n'-k  of  e  r  tchen 
veröffentlicht.  Ferner  hat  Be.th  [16]  eine  Methode  der  quanti- 
i  Schätzung  der  Galiensäuren  im  Duodenalsaft  und  Harn  mittels 
nzählung  ausgearbeitet,  die  aber  infolge  ihrer  überaus  grossen 
iziertheit  für  praktische  Zwecke  nicht  in  Frage  kommt, 
ü  meinen  Untersuchungen,  die  zusammen  mit  Medizinalpraktikant 
mann  (s.  a.  Inaug.-Diss.  Königsberg  1922)  ausgeführt  wurden, 
e  ich  die  Probe  in  folgender  einfacher  Form  an,  die  eine  verhält¬ 
st  exakte  Ablesung  ermöglichte. 

if  in  Petrischalen  oder  Uhrschälchen  gegossenen  stubenwarmen  Urin  bzw. 
alsaft  in  verschiedenen  Verdünnungen  (s.  u.)  wurde  mittels  Messerspitze 
z  kleines  Häufchen  von  Schwefelblumen  (Sulfur  praccipitatum  crudum) 
inger  Höhe  darauf  fallengelassen.  Nach  Ablauf  von  5  Minuten  wurde  nun 
i.  ob  sich  ein  ..Randschleier“  gebildet  habe:  Bei  herabgesetzter  Über¬ 
spannung  verteilen  sich  nämlich  die  Schwefelblumen  in  dieser  Zeit  als 
ner,  dünner  Schleier  um  das  Häufchen,  während  sie  bei  fehlenden 
äuren  sich  überhaupt  nicht  ausbreiten  oder  höchstens  einen  gröberen 
enkranz  bilden,  der  sich,  besonders  mittels  Lupe,  leicht  von  dem 
chleier“  unterscheiden  lässt.  Mitunter  wird  die  Probe  nach  10  bis 
Uten  noch  positiv:  wir  betrachteten  jedoch  5  Minuten  als  Grenze, 
miger  Uebung  gelingt  die  Unterscheidung  zwischen  positivem  und 
ein  Ausfall  der  Probe  auch  bei  geringem  Gallensäuregehalt  leicht, 
das  bei  positivem  Ausfall  eintretende  Zubodensinken  von  Schwefcl- 
als  Kontrolle  dienen  kann.  Auch  wir  stellten  noch  einige  Kontrollen 
itung  der  Methode  an.  Kochsalz,  Fettsäuren  und  Azetonkörper  sollten 
h  a  b  r  o  1  und  Benard  sowie  nach  Doumes  [17]  die  Oberfiächen- 
ng  herabsetzen.  Kochsalz  ergab  nur  in  praktisch  nicht  vorkommenden 
Nationen,  Azetonkörper  zeigten  überhaupt  keine  positive  Reaktion, 
ach  Eingabe  von  Cadechol  (Kampfer  +  Desoxycholsäure)  blieb  die 
i  be  negativ. 

ttds  dieser  Probe  gelingt  es  nun  zwar  nicht,  ein  exaktes  Maass 
i ^geschiedenen  Gallensäuremengen  zu  erhalten,  wohl  aber  eine 
er  gl  e ic h sz wecken  genügende  Schätzung  der- 
u  vorzunehmen,  indem  am  Duodenalsaft  und  a  in 
Diejenige  Verdünnung  festgestellt  wird,  die  g  e  - 
noch  einen  positiven  Ausfall  gibt.  In  der  Regel 
3  rnehrere,  zu  verschiedenen  Zeiten  der  Sondierung  aufgefangene 
plportionen  untersucht  werden,  um  Fehlerquellen  möglichst  aus- 
Ussen. 

Um  Lebcrgesunden  fällt  die  Probe  a  m  Urin  stets  n  e  - 
aus.  Nach  den  französichen  Befunden  soll  auch  das  Blut  des  Ge- 
trei  von  Galiensäuren  sein.  Im  Duodenalsaft  waren  die  er- 
n  Verdünnungszahlen  sehr  ungleichrnässig.  In  der  Mehrzahl  lagen 
Ja  h  1  e  n  d  e  r  „L  e  b  e  r  g  a  1 1  e“  zwischen  1  :  200  und  1  : 500. 
Jere  und  höhere  Werte  wurden  seltener  angetroffen,  wo- 
Uen  unter  1:50,  vielleicht  sogar  unter  1:100  bei  Leber- 
pn  wohl  auf  Verdünnung  des  Duodenalsaftes  durch 
I  °9er  Pankreassaft  oder  auf  Schleimbeimengung  beruhen. 


,  'Höhere  Werte  fanden  wir  bei  einem  Ulcus  duodemi  mit  früherer  Chole¬ 
zystektomie  (1:600),  bei  einem  Diabetes  (1:800)  und  bei  einer  per¬ 
niziösen  Anämie  mit  Pleiochromie  (1:800,  I:  1000).  Hierbei  muss  man 
an  eine  mehr  oder  weniger  starke  Beimischung  von  „Blasengalle“  den¬ 
ken.  Daher  wäre  es  zweckmässig,  um  brauchbarere  Vergleichszahlen 
zu  erhalten,  zugleich  eine  quantitative  Schätzung  des  Biliriibingehaltes 
vorzunehmen,  da  eine  Beurteilung  nur  nach  der  Farbintensität  sich  als 
nicht  ausreichend  erwies.  Meist  war  für  uns  eine  quantitative  Bili¬ 
rubinbestimmung  wegen  der  gleichzeitigen  Farbstoffausscheidung  un¬ 
möglich.  Positive  Indigokarminausscheidunig  änderte  übrigens  die  Gal¬ 
lensäurezahlen  nicht.  Bei  der  Kongorotausscheidung  aber  zeigten  die 
roten  Portionen  immer  höhere  Zahlen  (z.  B.  1:900;  1:1200).  Ent¬ 
weder  ist  es  also  durch  den  Reiz  des  ausgeschiedenen  Farbstoffes  zu 
einer  Gallenblasengallebeiinischung  oder  zu  einer  konzentrierteren  Leber¬ 
gallensekretion  gekommen  °).  Auch  die  teils  spontan,  teils  nach  intra¬ 
duodenaler  Injektion  von  Pepton  oder  Magnesiumsulfat  erhaltene  dunk¬ 
lere  „B  1  a  s  e  n  g  a  1 1  e“  ergab  wesentlich  höhere  Werte 
b  i  s  zum  f  ü  n  f  f  a  c  h  e  n  d  e  r  „L  e  b  e  r  g  a  1 1  e“,  wie  folgende  Tabelle 


Diagnose 

Leber 

galle 

Blasengalle 

Myalgie . 

1 

80 

1 

500 

Leukämie . 

t 

l 

120 

l 

600 

II 

1 

200 

1 

700 

Neurasthenie  . 

1 

150 

1 

700 

Splenomegalie  .  .  . 

1 

180 

1 

650 

Bronehiektasie  .  . 

I 

1 

250 

1 

1200 

II 

1 

250 

1 

1200 

Diabetes  . 

1 

800 

1 

1800 

Basedowoid  .... 

I 

1 

400 

1 

2500 

II 

1 

500 

1 

2500 

Mehr  übereinstimmend  und  von  grösserer  pathologisch-physiologi¬ 
scher  und  diagnostischer  Bedeutung  sind  die  bei  Leberkranken 
erhaltenen  Zahlen.  Der  Duodenalsaft  (Lebergalle)  von 
9  Fällen  von  Icterus  catarrhalis  sowie  von  dem  oben¬ 
erwähnten  Fall  von  chronischer  Cholangitis  wie? 
bei  wiederholt  vorgenom  rnener  Untersuchung  in 
verschiedenen  aufgefangenen  Portionen  auf  der 
Hölle  des  Ikterus  die  niedrigen  Verdünnungszahlen 
von  1 :  20  bis  1 :  50,  etwas  höhere  Zahlen  bis  zu  normalen 
Werten  beim  Abklingen  des  Ikterus  auf  (s.  Tabelle). 
Die  Werte  der  Blasengalle  waren  dabei  verhältnismässig  hoch.  D  i  e 
Gallen  saurem  engen  i  m  Urin  wäre  n,  wie  wir  in  Ueber¬ 
einstimmung  mit  den  französischen  Autoren  fanden,  dagegen  ganz 
auffallend  gering  oder  fehlten  ganz,  obgleich  doch  an 
eine  Retention  wie  des  Bilirubins,  so  auch  der  Galiensäuren  zu  denken 
wäre.  Meist  gab  nur  der  unverdünnte  Urin  eine  positive  Probe,  die 
Stärkstmögliche  Verdünnung  betrug  auf  der  Höhe  eines  Icterus  cat. 
1  : 3.  Bei  einem  totalen  Choledochusverschluss  infolge  von  Karzinom 
sprach  der  stark  bilirubinhaltige  Urin  sogar  nur  bis  zu  einer  Verdünnung 
von  1:5  an!  Dies  stimmt  damit  überein,  dass  die  genannten  Autoren 
auch  im  Blut  nur  Spuren  von  Gallensäuren  fanden.  Dabei  hat  Zusatz 
von  Urin  zu  Duodenalsaft  oder  zu  einer  Lösung  von  Na.  glycocholic. 
keine  Hemmung,  sondern  gerade  eine  Erhöhung  der  Verdünnungszahl 
zur  Folge.  Die  folgende  Tabelle  gibt  eine  Uebersic'nt  über  die  in  der 
Lebergalle,  der  Blasengalle  und1  im  Urin  gefundenen  Verdünnungszahlen 
sowie  einen  Hinweis  auf  die  Farbe  der  Lebergalle,  auf  Bilirubinurie 
und  Urobilinogenurie  und  den  Ausfall  der  Chromodiagnostik  mit  Indigo¬ 
karmin.  (G.  =  Galiensäuren.) 


Diagnose 

Datum 

Lebergalle 

Blaseu- 

galle 

Urin 

Chromo¬ 

cholie 

Icter.  catarrh. 

30.  XI. 
5.  XII. 

I  :  20  hell 

1  :  30  bell 

1  :  20 

- 

Bil.  +  Ug.  ?  G.  1  :  3  + 

Bil.  +  Ug.  —  G.  1  :  0  + 

negativ 

negativ 

negativ 

Ieter.  catarrh. 

19.  XU. 

1  :  20  bell 

I  :  40 

— 

Iiil.  +  Ug.  +  G  1  : 1  + 

Abkling.  Icterus 
catarrh. 

29.  XI. 

1  :  30  normal 

1  :  40 

1  :  20 

1  :  60 

— 

Bil.  —  LTor. 

G.  — 

positiv 

Icter.  catarrh. 

14.  XII. 

21.  XII. 

1  :  50  bell 

I  :  70 

1  :  50  hell 

1  :  120 

Bil.  +  Ug  +  G.  l  :  1  + 

van.  G.  — 

negativ 

negativ 

Ieter.  catarrh. 
Rezitiv. 

24.  I. 

1.  II, 

8.  II. 

15  II. 
23.  II 

1  :  40  dunkel 

1  :  7  dunkel 

1  :  8  dunkel 

1  :  30  dunkel 

1  :  15  dunkel 

I  :  260 

1  :  600 
l  :  300 

Bil  +  Ug.  G.  l  :0  -h 
Bil.  +  Ug.  +  G.  — 
Bil.  +  Ug.  ++  G.  - 
BU.+ Ug.-f+4-G.  - 
Bil. +  Ug.  -H-  +  G.  - 

negativ 

negativ 

Abkling  Icterus 
catarrh. 

25.  X. 

1.  xr. 

1  : 100  normal 
1:10 

1  :  40  normal 

Bil.  -  Ug.  ++  G.  - 

Bil.  —  Ug.  J-  G  — 

negativ 

negativ 

Abkling.  Icterus 
catarrh 

6.  XII. 
20.  XI t 

1  : 150  dunkel 
vac.  dunkel 

1  : 150  dunkel 

1  : 210 

1  :2m  dunkel 

1  : 250 

1  :  800 
1:60 

Bil.  ?  Ug.  -f-  +  G.  — 
Bil.  -  Ug.  ++  G.  - 

positiv 

Abkling  Ikterus 
catarrh. 

12.  I. 

17. 1. 

1  :  380 

1  :  700 

Bil.  -  Ug.  ++  G.  - 

Bil.  —  Ug.-f+G.l  :0  + 

- 

Abkling.  Ikterus 
cat arrh 

5.1. 

1  :  3U0  dunkel 

— 

Bil.  —  Ug.  +- j-  G.  4  :  o  -]- 

— 

Chron.  Cholangitis 
subicterus 

t'.  XI. 
23.  XI 

23.  XI [ 

1  :  40  dunkel 

1  : 100  normal 

1  :  65  hell 

l  :  400 

1  :  500 

1  :  700 

Bil.  4-  Ug.  +++  G.  - 
Bil  —  Ug.+++G  1:0  + 
Bii.  -  Ug.  +++  G.  - 

negativ 

negativ 

8)  Zufügung  von  Kongorot  zu  Lebergalle  ergab  keine  verstärkte  Herab¬ 
setzung  der  Oberflächenspannung. 


34-1 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Einige  weitere  Untersuchungen  bezogen  sich  auf  Leberkranke 
ohne  Ikterus.  Bei  einer  Cholelithiasis  erhielten  wir  am 
Tage  nach  einem  schweren  Anfall  niedrige  Gallensäurezahlen  der 
dunkelgefärbten  Lebergalle  (1  :  150)  bei  positiver  Gallensäureausschei- 
dung  im  Urin:  1:1  +  (Bil.  —  Ug.  +++).  Bei  verringerter  Gallen¬ 
säureausscheidung  in  den  Darm  war  es  also  zu  einem  Uebei  tritt  von 
üallensäuren  in  das  Blut  und  somit  in  den  Urin  gekommen.  Vielleicut 
dürften  diese  Untersuchungsmethoden,  besonders  die  Schwefelblumen- 
probe  am  Urin,  eine  differentialdiagnostische  Bedeutung  gerade  für  die 
Gallensteinkoliken  haben.  Vier  Tage  nach  dem  Anfall  harn  es  an¬ 
scheinend  zu  einer  Ausschwemmung  der  retinierten  Salze.  Anstieg  in 
der  Lebergalle  auf  1  : 350  und  1  :  500,  Uringallensäuren  fehlend.  Auch 
bei  einem  Kranken  am  Ende  einer  Salvarsankur  konnten  wir  Gallen- 
Säureausscheidung  im  Urin  bei  auffallend,  niedrigen  Werten  im  Duo¬ 
denalsaft  (1 : 80;  1  :  70)  feststellen.  Im  übrigen  hatten  wir  nur  Gelegen- 
'heit,  den  Urin  einiger  Leberkranken  zu  untersuchen.  2  Fälle  von 
Ca.  hepatis  ohne  sichtbaren  Ikterus  gaben  stark  positive  Proben  (1.2 
und  1  : 3),  ein  dritter  Fall  reagierte  negativ.  Positive  Probe  ergab 
auch  eine  Bronchopneumonie  mit  grosser  Fettleber  (Autopsie).  Hier 
zeigte  die  Untersuchung  des  Blutserums,  dass  zugleich  ein  latenter 
Ikterus  vom  Typus  des  „Stauungsbilirubins“  bestand.  Negativ  verlief 
die  Reaktion  bei  einer  schweren  Leberzirrhose  und  bei  der  schon  ge¬ 
nannten  Zystenleber. 

III.  F  a  1 1  a  sehe  Gallenprobe.  Urobilinogenurle. 

Falta,  Högl  er  und  Kn  ob  loch  f  19]  haben  vor  kurzem  an¬ 
gegeben,  dass  nach  Eingabe  von  3  g  Fel  tauri  siccum  dep.  es  nur  bei 
Leberkranken  zu  einer  „alimentären  Urobilinogenurie“  käme,  voraus¬ 
gesetzt,  dass  keine  Pleiochromie  bestände,  da  hierbei  die  alimentäre 
Urobilinogenurie  auch  ohne  Lebererkrankung  auftreten  könne.  Ich 
habe  diese  Probe  an  einer  Anzahl  von  Fällen  nachgeprüft  unter  Ver¬ 
wendung  des  Merckschen  Präparates.  Da  von  den  Autoren  _  keine 
Zeitangaben  gemacht  waren,  so  verabreichte  ich  das  Pulver  meist  am 
Vormittag  und  untersuchte  den  Urin  vorher,  dann  3— 5  Stunden  später, 
zum  zweiten  Male  nach  6 — 7  Stunden  und  in  4  Fällen  12  Stunden 
nach  Eingabe.  Ich  konnte  mich  von  der  Eindeutigkeit  dieser  Methode 
nicht  überzeugen,  besonders  wenn  wir  auch  die  Urobiliinprobe  an¬ 
stellten,  Wir  erhielten  positive  Urobilinogenurie  4  Stunden  nach  Ein¬ 
nahme  des  Pulvers  bei  einer  Leukämie,  bei  einem  völlig  kompensierten 
Herzfehler  und  bei  einer  grossknotigen  verkäsenden  Lungentuberkulose, 
positive  Urobilinurie  12  Stunden  nach  Beginn  des  Versuchs  bei  einem 
Basedowoid,  bei  Hyperazidität  und  Epilepsie,  also  bei  Erkrankungen,  bei 
denen  auf  eine  Leberveränderung  nicht  zu  schliessen  war.  Anderer¬ 
seits  gab  die  mehrfach  erwähnte  chronische  Cholangitis  mit  Subikterus 
bis  6  Stunden  nach  der  Einnahme  kaum  einen  nennenswerten  positiven 
Ausschlag, .  wie  folgende  Tabelle  zeigt. 


V 

900  a.  m.  vor 

]9C0 

300 

der  Einnahme 

Übg. 

schwach 

■T 

schwach  + 

Cb. 

schwach  + 

schwach  -p 

schwach  -j- 

Meine  Untersuchungen  führten  mich  auf  die  Vermutung,  dass  es 
Tagesschwankungen  auch  bei  der  spontanen  Urobilinogenurie  gebe. 
Daraufhin  wurde  bei  der  früher  erwähnten  Cholelithiasis  vom  4.  Tage 
nach  dem  letzten  sehr  schweren  Kolikanfall  ab  der  Morgen-  (9  Uhr)  und 
Abendurin  (6  Uhr)  täglich  im  Reagenzglase  so  stark  verdünnt,  bis 
nach  Zusatz  des  Urobilinogenreagens  eine  Rotfärbung  nach  Ablauf 
von  3 — 5  Minuten  nicht  mehr  zu  erkennen  war.  Dabei  ergaben 
sich  nun,  wie  die  folgende  Kurve  zeigt,  ganz  uner¬ 
wartet  grosse  Unterschiede  im  Urobiiinogengehalt 
des  Morgen  -  und  Abendurins.  Die  Abendportion  ent¬ 
hielt  4  bis  7  mal  so  viel  Urobilin  ogen  als  die  Morgen- 
Portion.  Gleichartige  Unter¬ 
suchungen  bei  Lebergesunden 
und  anderen  Leberkranken  zeig¬ 
ten  einige  Male  ebenfalls,  wenn 
auch  bedeutend  niedrigere  Ta¬ 
geskurven.  Wahrscheinlich  hängt 
diese,  in  der  Literatur  (Hilde- 
b  r  a  n  d  t  [20],  Meyer-Betz 
[21])  nicht  erwähnte  Erschei¬ 
nung  von  dem  stärkeren  Gallen¬ 
fluss  nach  der  Mittagsmählzeit 
ab.  Nur  Grimm  [22]  hat  schon 
auf  den  Einfluss  bestimmter  Er¬ 
nährung  auf  die  Urobilinogenurie 
hingewiesen,  ohne  aber  auf  die 
praktische  Wichtigkeit  einzu¬ 
gehen,  Verschiedene  Konzentra¬ 
tion  der  Urinportionen  könnte 
allerdings  zu  ähnlichen  Befunden 
führen.  Trotzdem  müsste  unter 
Berücksichtigung  meiner  Befunde  beim  Suchen  nach  einer  diagnostisch 
wichtigen  Ürobilinogenuiie  oder  Urobilinurie  bei  negativem  Befunde 
am  Vormittagsurin  stets  auch  der  Abendurin  untersucht  werden,  um 
nicht  zu  falschen  Resultaten  zu  kommen.  So  müsste  auch  bei  der 
Gallenprobe  Faltas  die  Einnahme  des  Pulvers  in  den  Morgenstunden 
und  die  Urinuntersuchung  bis  etwa  gegen  3  Uhr  nachmittags  analog 


dem  oben  angeführten  Versuch  stattfinden,  da  eben  eine  positive  l 
bilinogenprobe  bei  Leberkranken  auch  bei  negativem  Morgen-  und  \ 
mittagsurin  am  Spätnachmittag  spontan  auftreten  kann. 

Zum  Schluss  sei  noch  ganz  kurz  auf  d  i  e  d  i  a  g  n  o  s  1 1  s  i 
Bedeutung  der  Urobilinogenocholie  hingewiesen  (cf.  i 
Strisower  [23].  Im  Gegensatz  zur  Norm  war  sie  in  der  „Le1 
galle“  sehr  stark  ausgesprochen  bei  obiger  Cholelithiasis  und  bei 
Salvarsanhepatitis.  Positive  Rotfärbung  ergaben  auch  ein  abklinge 
Ikterus,  ein  Ulcus  duodeni  und  der  anscheinend  lebergesunde  Ivra 
mit  negativer  Chromocholie,  während  die  Fälle  von  Icterus  cat. 
Urobilinogen  in  der  Lebergalle  aufwiesen.  Stets  urobilinogenh: 
erwies  sich,  wie  bei  meinen  früheren  Untersuchungen  191,  nur 
„Gallenblasengalle“. 

Literatur. 


1  Lepehne:  B.kl.W.  1921  Nr.  49.  —  2.  Rosenthal 

v.  Falkenhausen:  B.kl.W.  1921  Nr.  44.  —  3.  Stepp:  Z.  f.  klin.  i 

1920,  89.  S.  313.  —  4.  M  e  y  n  e  r:  M.K1.  1920  Nr.  26.  5.  M  e  n  d  e  1:  1 

Monatsh.  1904  S.  165.  —  6.  Lyon:  New  York  medical  Journal  1920, 
Nr  1  u  2  —  7.  Simon:  zit.  nach  Kongresszentralbl.  1921,  19,  S.  101 
8.  Roth  mann:  Grenzgeb.  1921,  33,  S.  497.  —  9.  Lepehne:  D.  Art 
klin  Med  1921.  137,  S.  78.  —  10.  Einhorn:  New  York  med.  Joi 

1921,  114,  Nr.  5,  S.  262,  zit.  Kongresszentralbl.  1921,  20,  S.  453. 

11  Botzian:  Grenzgeb.  1920,  32,  S.  544.  —  12.  Rosenthal:  D.  I 
{.  klin.  Med.  1921,  135,  S.  257;  Arch.  f.  exp.  Path.  u.  Pharm.  1921.  91.  S.  24 
13.  Lepehne:  I).  Arch.  f.  klin.  Med.  1921,  136,  S.  88,  1921,  135,  S. 
1920.  132,  S.  96.  Erg.  d.  inn.  Med.  u.  Kindhlk.  1921,  20.  •  14.  H.  Mül 
Schweiz,  med.  Wschr.  1921  Nr.  36.  15.  Gilbert,  Cliab 

Benard:  Cpt.  rendus  des  seances  de  la  soc.  de  biol.  1920,  83,  S. 
zit.  Kongresszentralbl.  1921.  17,  .S  400;  Gaz.  des  hopitaux  1921  Nr.  28 
Kongresszentralbl.  1922,  21,  S.  322.  16.  Beth:  Wien.  Arch.  i.  jnn. 

19M  ?  S  565  —  17.  Doumes:  Annales  de  med.  1921,  10,  S.  26. 

Kongresszentralbl.  1921,  20,  S.  292.  —  18.  Fuhrmann  und  Kisch: 
d.  ges.  exp.  Med.  1921,  24,  S.  84.  —  19.  F  a  1 1  a,  H  ö  g  1  e  r  und  K  n  o  b  1  r 
MmW  1921  Nr.  39.  —  20.  Hildebrandt:  Z.  f.  klin.  Med.  1906 
S 351 —  21.  Meyer-Betz:  Erg.  d.  inn.  Med.  u.  Kindhlk.  1906 


o.  ooi.  —  ui.  m  ^  y  w  i  v  «.  ^ . . .  '  _ 

S.  733.  —  22.  Grimm:  Virch.  Arch.  1893,  132,  S.  246.  —  23.  S  t  r  l  s  o  » 


f 

Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Frankfurt  a.  I 
(Direktor:  Prof.  Dr.  v.  Bergmann.) 

Zur  Frage  der  Pankreasfunktion  bei  der  Ruhr. 

Von  Dr.  Ladislaus  v.  Friedrich. 

Das  alljährlich  immer  von  neuem  beobachtete  Aufflackern  und 
treten  der  Ruhr  wäre  schon  allein  genügend,  um  unser  Interesse  d 
Krankheit  zu  widmen.  Wenn  wir  uns  überlegen,  dass  zu  diesen  al 
frischen  Fällen  noch  zahlreiche  der  chronischen  Formen  —  welche  i 
von  Kriegszeiten  stammen  —  hinzukommen,  so  ist  es  erklärlich, 
nicht  nur  der  chronisch  werdende  Charakter  dieser  Infektionskran 
das  Interesse  der  Klinik  in  den  letzten  Jahren  auf  sich  lenkte,  sot 
auch  andere,  vielseitige,  mit  dieser  Krankheit  Zusammenhang 
Probleme. 

Die  zahlreichen  Beobachtungen  der  Kriegszeit  —  wo  infolge 
grossen  Materials  auch  bei  der  Ruhr  besonders  reichliche  Erfahru 
gesammelt  werden  konnten  —  haben  ergeben,  dass  Magenstöru 
bei  Dysenterie  durchaus  häufige  Erscheinungen  sind.  Dass  scho 
akuten  Stadium  der  Magen  in  Mitleidenschaft  gezogen  wird,  ist  ins 
nicht  zu  verwundern,  da  dies  schon  von  allen  fieberhaften  Erkrankt 
und  vor  allem  von  solchen  bekannt  ist,  die  entweder  durch 
schweren  toxischen  Eigenschaften  oder  wegen  anderer  Umstänc 
ich  erwähne  nur  den  grossen  Wasser-  und  Kochsalzverlust  — 
Organismus  schädigen.  Anders  liegen  die  Verhältnisse  in  der  Ri 
valeszenz  und  nach  Ablauf  der  Krankheit.  Während  nach  den  nu 
Infektionskrankheiten  die  begleitende  Gastritis  oder  funktionelle  Mi 
Wertigkeit  des  Magens  zur  Norm  zurückkehrt  —  rein  klinisch  : 
durch  gesteigerten  Appetit  sich  kennzeichnend  — ,  finden  wir  be 
Ruhr  gerade  da  erst  Klagen  von  den  Kranken  angeführt,  die 
über  die  Rekonvaleszenz  reichen.  U  f  f  e  1  m  a  n  n  konnte  scho 
Jahre  1875  bei  ruhrkranken  Kindern  An-  oder  Subazidität  festst 
Vermehrt  erfolgten  solche  Publikationen  im  Kriege,  es  seien 
Schlesinger  fl],  Porges  [2],  Edelmann  [3],  Cahn 
B  r  ii  n  a  u  e  r  [5],  Roubitschek  und  L  a  u  f  b  e  r  g  e  r  [6],  S  cl 
der  [7]  u.  a.  genannt.  Nur  ln  der  Deutung  der  postdysenteri: 
Achylie  sind  sich  die  Autoren  nicht  einig.  Ein  Teil  nimmt  an, 
die  Achylie  schon  vor  der  Infektion  da  war,  nur  latent  gebliebe 
und  gerade  diese  begünstigte  die  Ruhrinfektfon.  In  diesem 
äusserten  sich  Porges,  Cahn,  Roubitschek.  Dagegen  gl: 
die  andern  es  als  Ruhrfolgezustand  auffassen  zu  können.  _  S  c  h  r  ö 
der  seine  37  Fälle  schon  während  der  Krankheit  lind  in  der  R 
valeszenz  beobachten  konnte,  meint,  dass  die  Achylie  eine  Folg 
Ruhrtoxinwirkung  auf  die  Magendrüseif  sei.  Er  meint  ferner,  da: 
schwersten  Achylien  bei  der  S  h  i  ga  -  K  r  u  s  e  -  Ruhr  vorkommet 
allgemeinen  verlaufen  ja  die  S  h  i  ga  -  K  r  u  s  e  -  Ruhrfälle  am  sc 
sten.  Doch  ist  es  nicht  die  Regel,  wie  ich  [8]  das  auch  bei  Bes 
bung  einer  Epidemie'  zeigen  konnte,  bei  welcher  der  Shiga-Kr 
Bazillus  in  allen  Fällen  entweder  bakteriologisch  oder  serologisch 
gewiesen  werden  konnte  und  die  Fälle  doch  in  kürzester  Zei 
leichtesten  Ablauf  zeigten.  Die  Klinik  ist  also  hier  inassgebcndei 
das  neuerdings  wieder  von  S  t  ra  u  s  s  [9|  betont  wird.  Ueber  die  n 
keit  der  postdysenterischen  Achylien  ist  auch  noch  keine  Heb 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


(■MF 

.  vmung  in  der  Literatur.  Die  Mehrzahl  der  genannten  Autoren 
al  in  21 3  oder  50  Proz.  ihrer  Fälle  Anazidität.  Dagegen  fand 
Laus  s  [101  in  Uebereinstimmung  mit  R  ö  in  h  e  1  d  und  A.  A  1  e  xa  n  - 
I  r  nur  in  30  Proz.  der  Fälle  Achylie;  aber  es  mag  wohl,  wie  er 
j  betont,  vom  Zeitraum  der  Beobachtung  abhängen. 

Ausser  den  Magenbeschwerden,  die  ihre  Erklärung  teilweise  in 
Anazidität  oder  Achylie  finden,  stehen  die  Darmerscheinungen  auch 
den  chronischen  Ruhrformen  bei  einer  grossen  Gruppe  der  Er- 
x  ikten  im  Vordergrund  der  klinischen  Symptome.  Wir  wollen  von 
kolitischen  Erscheinungen  ganz  absehen,  weil  sie  doch  selbstver- 
tidlich  zum  eigentlichen  Bild  der  Ruhr  gehören.  Wenn  wir  mit 
asburger[ll]  drei  Formen  der  chronischen  Ruhr  anerkennen,  so 
es  hauptsächlich  die  dyspeptisch-diarrhoischen  Fälle,  die  uns  vor 
ii  interessieren.  Es  wechseln  dabei  oft  Obstipation  mit  häufigen 
chfällen.  Bei  der  Häufigkeit  der  Achylie  resp.  der  Subazidität  war 
laheliegend,  bei  denjenigen  Fällen;  wo  nicht  mehr  erkennbare  Zei- 
l  eines  Dickdarmkatarrhs  vorliegen,  an  gastrogene  Diarrhoen  zu 
cen  oder,  was  auch  naheliegt,  an  eine  Schädigung  der  Pankreas- 
tion. 

Wir  wissen  ja,  dass  die  Salzsäure  der  natürlichste  und  stärkste 
;ger  der  Pankreassaftsekretion  wenigstens  im  Tierexperimente  ist. 
;ler  Literatur  liegen  mehrfache  Untersuchungen  vor.  die  das  Ver- 
ien  der  Pankreassekretion  bei  Achylia  gastrica  zum  Studium  wähl- 
:  So  fanden  Frank  und  Sch  itten  heim  [12]  bei  Anaziden  im 
riihstück  V  o  1  h  a  r  d  s  Trypsin,  ebenso  Gross  [13]  im  Stuhl.  V  o  1  - 
d  [14]  traf  bei  22  Achylikern  9  mal  kein  Trypsin  im  ausgeheberten 
eninhalt  nach  Oelfrühstück  an.  Gross  fand  neben  Achylia  gastrica 
Jylia  pankreatica  auch  bei  Kranken  ohne  Durchfälle.  Ehr  mann 
"Lederer  [15]  fanden  bei  98  Fällen  von  Achylie  und  Anazidität 
ipsin  überaus  reichlich  im  Mageninhalt.  Kuttner  [16]  sagt,  dass 
Achylia  gastrica  auch  eine  Achylia  pankreatica  hinzutreten  kann, 
li  ist  das  ein  seltenes  Vorkommnis,  v.  Noorden  [17]  fand  nor- 
i;  Ausnutzung  der  Nahrung  bei  Achylikern  und  nur  selten  niedere 
enentwerte  im  Duodenalsaft.  Aehnliohe  -Beobachtungen  machte 
l  z  b  u  r  g  [18],  —  Glässner  [19]  teilte  vor  kurzem  Resultate  mit, 
er  bei  akuten  und  chronischen  Ruhrkranken  erhob,  er  zeigte,  aller- 
js  an  einem  sehr  kleinen  Material  (8  Fälle),  dass  die  akuten  Ruhr- 
mit  einer  Pankreashypochylie  einhergehen,  bei  den  chronischen 
ihn  fand  er  eine  vollkommene  Pankreasachyiie  im  Duodenalsaft, 
■untersuchte  aber  nur  auf  Trypsin.  Katsch  und  ich  [20] 

>  teil  vor  kurzem  bei  Angabe  einer  neuep  Methode  der  Pankreas- 
!  etionssteigerung  an  einem  grossen  Material  von  Achylien  zeigen, 
i  die  Magenachylie  keineswegs,  parallel  mit  einer  Pankreasachyiie 
i  ergeht,  ja  wir  konnten  in  keinem  Fall  eine  komplette  Pankreas- 
:  iie  finden.  Was  die  Durchfälle  betrifft,  konnten  wir  keinen  Pa- 
; iisrnus  zur  Pankreasfunktion  finden;  die  funktionellen  Pankreas- 
ochylien  verliefen  nicht  gleichzeitig  mit  Diarrhoe.  Wir  untersuchten 
ili  auch  einige  Ruhrfälle  mit  demselben  Ergebnis.  Von  diesen  er- 
» nen  Befunden  ausgehend  schien  es  ganz  lohnend,  eine  grössere 
ie  von  Ruhrkranken  auf  das  Verhalten  des  Pankreas  zu  unter- 
!  en  und  zwar  in  verschiedenen  Stadien  der  Krankheit. 

Die  Technik  war  die  übliche.  Ich  untersuchte  den  mittels  der 
llenalsonde  gewonnenen  Duodenalsaft  auf  Trypsin  und  Diastase; 
i  Steapsin  wurde  diesmal  nicht  untersucht,  da  es  sich  bei  den  vor- 
lehenden  Untersuchungen  zeigte,  dass  sein  Verhalten  wechselnd  ist 
keine  charakteristischen  Eigenschaften  der  Pankreasarbeit  dar- 
; .  Ich  w'andte  auch  die  in  der  erwähnten  Publikation  empfohlene 
!  erreizmethode  an.  Die  Fermentuntersuchungen  sind  nach  der 
i  lode  von  F  u  1  d  und  Wohlgemuth  ausgeführt  worden.  Da 
ch  bei  den  Vorversuchen  zeigte,  dass  der  unverdünnte  Duodenal¬ 
in  allen  Röhrchen  verdaut  wurde,  wurde  ein  lv  10  verdünnter  Saft 
wendet.  Untersucht  wurden  insgesamt  20  Fälle.  Es  wäre  zu 
ührend,  auf  alle  Fälle  einzugehen;  am  besten  veranschaulichen 
■rhobenen  Resultate  Tabelle  1  und  2.  wo  getrennt  die  akuten  von 
chronischen  Fällen  zu  sehen  sind. 

Jeberblicken  wir  die  Tabelle  1,  wo  die  akuten  Rulirfälle  zusummeii- 
•Ült  sind,  so  sehen  wir  vor  allem,  dass  in  keinem  der  10  Fälle  die  für  die 
i  easverdauung  charakteristischen  Fermente  Trypsin  und  Diastase  fehlen, 
öintersuchten  Fälle  sind  sichere  Ruhrfälle  gewesen.  Die  Diagnose  wurde 
1  -'der  bakteriologisch  oder  serologisch  gesichert,  oder  gelang  dieser,  Nach- 
;  nicht,  was  ja  bei  der  Ruhr  öfters  zutrifft,  so  war  das  klinische  Bild  das 
i  einwandfreien  Dysenterie.  Es  befinden  sich  da  Fälle,  die  ganz  am 
n  der  Erkrankung  untersucht  wurden,  ferner  solche,  die  nach  einigen 
i  nach  Aufhören  der  akuten  Erscheinungen  untersucht  wurden,  und  auch 
D;  bei  welchen  die  akuten  Erscheinungen  zwar  abgeklungen  waren,  die 
£  immer  noch  breiige  Durchfälle  ohne  Schleim-  und  Blutbeimengungen 
G  (Fall  1  und  4).  Die  Magenuntersuchung  ergibt,  wie  das  ja  schon  bc- 
r .  bereits  im  akuten  Stadium  eine  Subazidität  (Fall  4  und  9),  aber  auch 
Achylie.  Hier  möchte  ich  darauf  hinweisen,  dass  die  Untersuchung 
üchternen  Mageninhaltes,  welchen  wir  mit  der  Duodenalsonde  gewinnen, 
er  in  das  Duodenum  gelangt,  nicht  gleichzusetzen  ist  mit  dem  Ergebnis 
’robefrühstiicks  (siehe  die  Fälle  2,  4,  5,  7).  Ist  doch  das  Probefrühstück 
anz  anderer  sekretorischer  und  motorischer  Reiz  auf  den  Magen,  als 
1  Godenalsonde.  Was  zunächst  das  Trypsin  betrifft,  so  sehen  wir  den 
:  gsten  Wert  in  'Fermenteinheiten,  ausgedriickt:  16  vor  der  Aether- 
fung  bei  Fall  Nr.  3,  wo  noch  Fieber  und  Durchfälle  bestanden;  dass  aber 
5  Pankreas  funktionsfähig  ist,  zeigt  die  Reizbarkeit  nach  Aether- 
itzung.  Fall  Nr.  8  zeigt  ebenfalls  niedrige  Werte,  dagegen  finden  wir 
1  all  7  iin  Beginn  der  Erkrankung  äusserst  hohe  Fermenteinheiten.  Die 
Gsewerte  waren  am  niedrigsten  bei  Fall  Nr.  8,  wo  auch  die  Trypsin- 
:  nieder  ausgefallen  sind.  Die  höchsten  Werte  sehen  wir  bei  Fall  4  bei 
äusserst  schweren  Ruhr.  Dass  beide  Fermente  nicht  parallel  abge¬ 


345 


sondert  werden,  bessel-  gesagt  nachgewiesen  werden  können,  wurde  schon  in 
der  erwähnten  Arbeit  von  Katsch  und  mir  betont  und  wir  sehen  hier 
wieder  die  Bestätigung  dieser  Beobachtungen  (siehe  Fall  1,  4,  5).  Es  können 
daher  bei  der  Beurteilung  der  Pankreasfunktion  durch  einseitigen  Ferment¬ 
nachweis  auch  aus  diesem  Grunde  Fehler  erwachsen.  Dass  nicht  die  Schwere 
des  Falles,  noch  weniger  die  Verschiedenheit  des  Erregers,  das  Maassgebende 
ist,  beweisen  einige  Fälle  (Nr.  2,  8,  10).  Ebensowenig  ist  für  die  Durchfälle 
die  Magenachylie  maassgebend.  Wenn  wir  uns  klarmachen,  dass  die  er¬ 
haltenen  Befunde  sich  alle  auf  1  :  10  verdünnten  Duodenalsaft  beziehen,  so 
müssen  wir  erkennen,  dass  bei  den  akuten  Fällen  nur  selten  eine  deutliche 
Hypochylie  des  Pankreas  nachgewiesen  werden  konnte.  Dass  das  Pankreas 
nur  funktionell  hypochylisch  war,  beweist  am  besten,  dass  mittels  Aether- 
reizes  in  den  meisten  Fällen  eine  erhöhte  Tätigkeit  zu  erkennen  war.  Die 
Titrationsazidität  schwankte  zwischen.  8 — 15  ccm  n/10  NaOH  mit  Phenol¬ 
phthalein  als  Indikator  auf  100  ccm  Saft  berechnet.  Das  spezifische  Gewicht 
des  Saftes  betrug  1008 — 1014. 

Wenden  wir  uns  zu  der  Tabelle  2,  zu  den  chronischen  Fällen,  so  sehen 
wir  hier  10  Fälle  untersucht,  bei  welchen  die  Ruhrinfektion  schon  lange 
zurückliegt,  aber  die  Krankheit  noch  gar  nicht  zum  Stillstand  gekommen  ist 
oder  nach  zeitweisem  Wohlbefinden  immer  von  neuem  aufflackert  oder  sogar 
von  neuem  beginnt,  so  dass  wir  in  diesen  Fällen  von  einem  Ruhrrezidiv 
sprechen  können.  Zunächst  finden  wir  hier  bei  den  Magen.inhaltsunter- 
suchungen  in  den  meisten  aber  nicht  in  allen  Fällen  eine  Achylie.  Noch 
auffallender  ist  hier  die  Erscheinung,  dass  der  nüchterne  Mageninhalt  weniger 
verdauungstüchtig  ist  als  der  nach  dem  Probefrühstück  gewonnene,  was  nach 
dem  Gesagten  selbstverständlich  ist,  doch  berücksichtigt  werden  muss.  Bei 
einem  einzigen  Fall  (Nr.  6)  sehen  wir  kein  tryptisches  Ferment  im  Duodenal¬ 
saft.  Allerdings  ist  sehr  zu  betonen  und  bemerkenswert,  dass  derselbe  Fall 
nach  Aethereinspritzung  doch  Trypsin  aufweist,  doch  vor  allem  ist  in  ihm  die 
Diastase  reichlich  vorhanden.  Starke  Durchfälle  bestanden  in  diesem  Fall 
trotz  der  vorhandenen  Magenachylie  und  Mangel  des  tryptischen  Ferments, 
nicht.  Die  niedrigsten  Trypsinwerte  vor  Aether  zeigt  Fall  7,  ein  äusserst 
hartnäckiger  chronischer  Fall;  doch  nach  Aether  zeigt  auch  er  normales  Ver¬ 
halten.  Sehr  hohe  Werte  zeigen  Fall  2  und  4  trotz  der  bestehenden  Durch¬ 
fälle.  Diastase  fehlt  in  keinem  Falle,  doch  sind  die  Werte  vor  Aether,  also 
im  nicht  präparierten  Duodenalsaft  in  vielen  Fällen  niedrig.  Parallelismus 
zwischen  Diastase  und  Trypsin  fehlt  öfters,  wie  dies  Fall  2  und  4  zeigen. 
Vergleichen  wir  die  beiden  Tabellen,  so  sehen  wir  keine  wesentlichen  Unter¬ 
schiede.  Wir  können  also  in  den  chronischen  Fällen  auch  -nur  höchstens  die 
Hypofunktion  des  Pankreas  feststellen,  ohne  dass  hierbei  die  Schwere  des 
Falles  beurteilt  werden  könnte. 

Es  ist  keinesfalls  aus  unserem  Material  zu  er¬ 
sehen,  dass  die  Achylie  bei  der  Ruhr  gleichzeitig 
von  einer  Pankreasachyiie  begleitet  wird  oder  gar, 
dass  das  Ruhrtoxin  in  spezifischer  Weise  das  Pankreas  schädige, 
wie  es  scheinbar  beim  Magenparenchym  der  Fall  ist.  Dass 
bei  akuten  schweren  Krankheiten,  also  auch  bei  der  Rühr,  die  Drüsen¬ 
organe  keine  normale  Funktion  entfalten,  ist  geläufig  und  so  ist  es 
auch  nicht  zu  verwundern,  dass  bei  den  akuten  schweren  Fällen,  wo 
der  Wasser-  und  Chlorverlust  des  Organismus  hochgradig  ist,  auch 
die  Pankreasfunktion  darniederliegt.  Ebenso  kann  man  sich  die  Hypo¬ 
funktion  oder'  zeitweilige  Afunktion  des  Pankreas  erklären  bei  den 
schweren  chronischen  Formen,  die  zur  Kachexie  führen,  oder  bei  den 
ödetnatösen  Formen.  Leider  hatten  wir  keine  Gelegenheit,  solch  eine 
toxisch-kachektische  Form  zu  untersuchen.  Wenn  wir  uns  also  über¬ 
legen,  worin  die  prinzipiellen  Unterschiede  unserer  Untersuchungen 
gegenüber  denen  G  1  ä  s  s  n  e  r  s  bestehen,  so  können  wir  uns  leicht  vor¬ 
stellen,  dass  er  durchweg  solche  schwere  Formen  der  chronischen 
Ruhr  untersuchte.  Allerdings  fehlten  uns  seine  klinischen  Daten  und 
seine  Untersuchungen  beziehen  sich  nur  auf  das  tryptische  Ferment. 

Dass  aber  bei  der  Ruhr  Stühle  zu  beobachten  sind,  die  so  gedeutet 
werden  können,  dass  sie  auf  eine  Pankreassekretionsstörung  hinweisen, 
wird  von  vielen  Autoren  beschrieben.  So  betont  schon  Porges 
(1.  c.)  dass  man  auch  in  der  Rekonvaleszenz  der  Ruhrkranken  öfters 
Stühle  sieht,  die  unveränderte  Speisereste  enthalten,  manchmal  wieder 
Stühle,  die  eine  Gärungsdyspepsie  zeigen.  Die  Ursache  derselben  nach 
diesem  Autor  sei  die  vorhandene  Magenachylie,  es  seien  daher  diese 
Störungen  gastrische  Diarrhöen,  aber  er  denkt  auch  schon  an  eine  Mit¬ 
beteiligung  des  Dünndarms  im  Sinne  einer  Gastroenterokolitis.  A  1  b  u 
[21 1  sagt,  dass  die  Dünndarmbeteiligung  mit  einer  gleichzeitigen  Hyper- 
motilität  des  Magens  häufig  bei  der  Ruhr  vorkommt.  Kuttner  und 
L  ehma  n  n  [22]  deuten  die  Diarrhöen  meist  als  funktionell  oder  als 
Zeichen  einer  chronischen  Kolitis.  Schmidt  und  Kaufmann  [23] 
glauben,  dass  diese  unveränderten  Speisereste  im  Stuhl  auf  Fort¬ 
bestehen  des  Katarrhs  im  Ileum  hinweisen.  M  a  1 1  h  e  s  [24],  Löwen- 
t  h  a  l  [25]  u.  a.  heben  auch  sowohl  bei  akuten  und  chronischen  wie 
postdysenterischen  Kolitiden  den  Dünndarmcharakter  in  einzelnen  Darm¬ 
entleerungen  hervor.  S  t  r  a  s  b  u  r  g  e  r  (1.  c.)  untersuchte  bei  der  dys¬ 
peptischen  Form  der  chronischen  Ruhr  die  Pankreasfunktion  mittels 
der  S  c  h  m  i  d  t  -  K  a  s  c  hiv  a  d  o  sehen  Kernprobe  und  fand  hierbei 
keine  Veränderung.  Jedoch  betont  er,  dass  diese  Probe  nur  gröbere 
Störungen  der  Pankreasfunktion  aufzudecken  imstande  ist.  Er  meint, 
dass  bei  den  Fällen,  wo  in  den  Fäzes  unverdaute  Nahrungsreste  zu 
finden  sind,  es  sich  nicht  um  eine  gastrogene  Diarrhöe  handelt,  son¬ 
dern  um  Funktionsstörungen  des  Dünn-  und  Dickdarmes,  ferner,  dass 
die  Durchfälle  nicht  durch  Fehlen  der  Salzsäure  bedingt  seien,  sondern 
es  handele  sich  um  koordinierte  Störungen  gleichzeitig  des  Dünndarmes 
oder  der  Bauchspeicheldrüse.  Strauss  (1.  c.)  fand  in  einer  grossen 
Anzahl  Fälle,  die  er  mittels  der  Probedarmdiät  untersuchte,  viele,  die 
auf  Pankreasstörungen  hinwiesen.  Wir  fanden  selbst  bei  Anwendung 
der  Schmidtseben  Probekost  öfters  bei  den  untersuchten  Fällen 
geringgradige  Störungen;  teils  viel  Neutralfett,  Fettnadeln,  Stärkereste 
oder  Muskelfaserreste.  Jedoch  konnten  wir  in  keinem  Falle  aus 
dieser  Probe  einen  auffallenden  Ausfall  der  fermentativen  Tätigkeit 


346 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1( 


Tabelle  1.  Akute  Fälle. 


Nr. 

Name  und  Alter 

Probe¬ 

frühstück 

Mit,  der  Duodenalsonde 

Trypsin-  |  Diastase- 

Einheiten 

Klinik  und  Bemerkung 

- - — - - 

Magen¬ 

inhalt 

Duodenalsuft 

Vor  j  Nach 
Aether 

Vor  |  Nach 
Aether 

1 

1 

A.  R.  18  J. 

35  ccm 

25  :  48 

80  ccm 

8  :  14 

12  ccm  Jk  XaOH 

1 

125 

125 

1 

64 

250 

Leichte  Ruhr.  3.  Woche  nach  Beginn  der  Erkrankung  untersucl 
Stühle  noch  breiig. 

2 

W.  St  50  J. 

62  ccm 

18  :  38 

20  ccm 

6  :  28 

10  c  cm  ~  NaOH 

125 

N.  B. 

125 

X.  B. 

-\V i dal :  1  :  320  positiv  auf  Shiga-Kruse  Seit  einem  Monat  DurcUfal 
Schleim  und  Eiter  im  Fäzes.  Rektoskopisch :  8  cm  über  de 
Spinkter  2  erbsenarosse  Ulcera. 

3 

M.  Z.  24  J. 

70  ccm 

16  :  36 

Sofort  kam 
Duod.-Saft 

N.  B. 

16 

32 

64 

125 

20.  Tag  der  Erkrankung.  Noch  Temperaturen.  5— 6  mal  tägl.  sclileimi 
breiige  Stühle.  Im  Stuhl  Y-Bazillen. 

4 

K.  B.  54  J. 

10  eem 

8  :  25  • 

25  cem 

0  :  4 

12  ccm  NaOH 

64 

250 

250 

250 

64.  Tag  der  Erkrankung.  Schwere  Ruhr.  Schleim  und  Nacligäru 
im  Stuhl. 

5 

M.  G.  11  J. 

50  ccm 

20  :  43 

40  ccm 

5  :  12 

10  ccm  Jjj  NaOH 

125 

N.  B. 

64 

N.  B. 

Leichte  Ruhr.  7.  Tag  der  Erkrankung.  Noch  blutig-sclüeim.  Durckfäl 

6 

J.  R.  24  J. 

15  cem 

4  :  28 

30  cem 

0  :  4 

12  ccm  Jjj  NaOH 

64 

125 

125 

125 

Am  6.  Tag  der  Erkrankung.  Stuhl  ent!  alt  kein  Blut  mehr. 

7 

E.  B.  53  J. 

80  ccm 

18  :  30 

25  ccm 

0  ;  6 

N.  B. 

250 

N.  B. 

125 

N.  B. 

2.  Tag  der  Einlieferung.  Frische  Ruhr.  Durchfälle,  Tenesmen. 

8 

A.  P.  40  J. 

40  ccm 

0  :  6 

N.  B.*) 

15  ccm  ^  NaOH 

32 

32 

32 

64 

Am  14.  Tag  der  Erkrankung.  Zeitweise  diorrhoische  Stühle 

9 

Fr.  H.  9  J. 

45  ccm 

5  :  24 

80  ccm 

0  :  20 

8  ccm  ^  NaOH 

64 

N.  B. 

125 

N.  B. 

Bakteriologisch:  Flexuer  5.  Tag  der  Erkrankung. 

• 

10 

B.  0.  64  J. 

1 

40  ccm 

O  :  12 

U  «->*<>* 

1  J 

125 

1 

125 

250 

500 

4.  Woche.  Zeitweise  noch  Durchfälle.  Bakteriol.:  Typus  Y. 

1 

•)  N.  B.  =  Nicht  bestimmt. 


Tabelle  2.  Chronische  Fälle. 


Nr. 

Name  und  Alter 

Probe- 

frühstück 

Mit  der  Dnodenalsonde 

Trypsin-  |  Diastase- 

Einheiten 

Klinik  und  Bemerkung 

o'- 

Magen¬ 

inhalt 

Duodenalsaft 

Vo t  |  Nach 
Aether 

Vor  |  Nach 
Aether 

1 

M.  H.  40  J. 

55  ccm 

0  :  11 

40  ccm 

0  :  8 

4  ccm  NaOH 

16 

1 

64 

64 

250 

1915  Ruhr.  Seitdem  Magen-  und  Darmbeschwerden.  Seit  2  Wocl 
besonders  nach  Schwarzbrot  neuerlich  Schmerzen  uud  Dutelifa 

2 

A.  R;  21  J. 

80  ccm 

25  .  40 

10  ccm 

4  :  18 

10  ccm  NaOH 

500 

500 

125 

250 

August  1920  Ruhr-  Darnach  monatelang  krank.  Jetzt  zeitweise  s 
schmerzhafte  Dickdarmspasmen  unil  Durchfälle. 

3 

G.  K.  43  J. 

64  ccm 

0  :  14 

Sofortkam 

Duod.-Saft 

12  ccm  NaOH 

125 

N.  B. 

64 

N.  B. 

1916  Ruhr.  Seit  3  Wochen  neuerlich  Beschwerden.  Appetitlosigk 
Durchfälle.  Flexner  aggl.  positiv. 

4 

G.  K.  28  J. 

113  ccm 

7  :  38 

20  ccm 

0  :  15 

11  ccm  ^  NaOH 

250 

250 

64 

250 

1917  Ruhr.  Seitdem  Blähungen.  Täglich  dreimal  Stühle. 

5 

J.  K.  39  J. 

115  com 

10  :  26 

10  ccm 

0  :  14 

8  ccm  ^  NaOH 

64 

N.  B. 

64 

N.  B. 

Juli  1920  Ruhr.  Flexner  aggl.  positiv.  Jetzt  wieder  Durchfälle 
Stuhlbeschwerden. 

6 

K.  S.  30  J. 

225  ccm 

0  :  14 

20  ccm 

0  :  8 

N.  B. 

- 

16 

500 

1000 

1919  Ruhr  akquieriert.  Seitdem  Beschwerden.  Rektoskopisch  n 
Geschwüre. 

7 

F.  D.  50  J. 

43  ccm 

0  :  4 

N.  B. 

6  ccm  ^  NaOH 

32 

125 

125 

250 

Juli  1918  Ruhr.  Im  April  1921  Autnanme  m  uiu  jvuiuk 

iheumatoid.  Bei  schweren  Speisen  oder  olme  Salzsaurem 
kation  staike  Durchfälle.  

8 

M.  W  27  J. 

N.  B. 

20  ccm 

18  :  30 

25  ccm 

0  :  15 

8  ccm  NaOH 

125 

N.  B. 

250 

N.  B. 

Vor  114  Jahren  Ruhr.  Nach  gewöhnlicher  Nahrung,  hauptsäcb 
Brot,  Durchfälle. 

9 

E.  W.  19  J. 

30  ccm 

26  :  40 

10  ccm  NaOH 

64 

125 

64 

125 

Vor  V«  Jahr  Ruhr.  Subakute  Form. 

10 

E.  Th.  28  J. 

85  ccm 

0  :  6 

Sofort  kam  ■„  -o. 

Duod.-Saft.  [  D- 

125 

125 

1 

250 

N.  B. 

1 

Vor  2  Jahren  Ruhr.  Zeitweise  Durchfälle. 

des  Pankreas  oder  des  Darmes  erkennen.  Wir  glauben  daher, 
dass  die  mangelhaft  ausgenutzten  Nahrungsreste 
auf  Dünndarm  Schädigungen  zurückzuführen  seien. 
Dass  d’ie  anatomischen  Grundveränderungen  im  Dünndarm  durchaus 
nicht  so  selten  sind,  beweisen  die  Arbeiten  Schmidt  und  Kauf¬ 
manns  (1  c.).  Grub  er  und  Schaedels  [26],  die  sogar  allein  im 
Dünndarm  die  Ruhrgeschwüre  als  isolierte  Erscheinungen  beschreiben. 
Aber  es  braucht  gar  keine  anatomische  Grundlage 
im  Dünndarme  vorzuliegen,  eine  gesteigerte  Peri¬ 
staltik  infolge  Unstimmigkeiten  im  vegetativen 
Nervensystem  genügt  auch  zur  Erklärung  dieser 
Befunde. 

Wenn  wir  also  zu  der  Erklärung  der  diarrhöischen  Zustande  und 
der  dyspeptischen  Erscheinungen  durchaus  nicht  das  Pankreas  als 
Hauptfaktor  oder  im  Mittelpunkt  der  Erkrankung  stehendes  Organ  an¬ 
erkennen.  so  stehen  wir  hier  im  vollen  Einklänge  mit  der  Auffassung 
von  v.  Noordens  (1.  c.).  der  die  Hypochylia  des  Pankreas  nicht 
hoch  einschätzt  und  im  Fehlen  der  Salzsäure  noch  keinen  Grund  zum 
Versiegen  der  Pankreassekretion  annimmt.  Die  diarrhöischen  Zustände 
sind  teils  Folgezustände  der  zu  Achylia  gastrica  sich  hinzugesellenden 
Affektion  des  Dünndarmes  oder  derselbe  wird  vom  Dickdarm  aus  as- 
zendierend  infiziert.  Strasburger  weist  auf  diesen  „schwachen 
Darm"  nach  Ruhr  hin,  ohne  dass  wir  mit  Sicherheit  wüssten,  ob  immer 
ein  anatomisches  Substrat  dahintersteckt.  Jedenfalls  ist  nach  unserer 


Auffassung  die  Pankreasschädigung  bei  der  Ruhr,  wenn  überhaupt  v 
handen,  nur  selten  —  Grote  [27]  konnte  an  einem  grösseren  Mate 
auch  nur  zwei  Fälle  beobachten  —  und  von  funktioneller  Natur  i 
wir  müssen  da  mit  v.  Noorden  und  Strasburger  an  eine  koo 
nierte  Folge  gleicher  Ursachen  denken,  dagegen  die  diarrhöischen 
stände  als  durch  den  Dünndarm  bedingte  auffassen. 


Literatur. 

1.  W.  Schlesinger:  Vereinsber.  d.  Oes.  f.  hin.  Med.  W 
Februar  1915:  ref.  M.m.W.  1915  Nr.  10.  —  2.  Porges:  M.m.W. 
Nr.  17.  —  3.  E  d  e  1  m  a  n  n:  Zit.  nach  B  r  ii  n  a  u  e  r.  —  4.  ü  ahn:  B.ki.w.  i 

Nr  24.  —  5.  B  r  ü  n  a  u  e  r:  W.m.W.  1917  Nr.  6  u.  7.  —  6.  R  o  u  b  1 1  s  ch 

und  Laufberger:  Tlier.  Mh.  1915  Nr.  6.  —  7.  S  c  h  r  ö  de  r:  D.m.W.  . 

Nr.  37.  —  8.  v.  Friedrich:  D.m.W.  1917  Nr.  51.  9.  H.  S  t  r au 

Sammlg.  zwangt  Abhandl.  d.  Verdauungskrankh.  1921  7,  H.  lli. 

10.  Ders.:  Verhandl.  d.  Oes.  f.  Verdauungskrankh.  in  Homburg  1901, 
Karger.  —  11.  Strasburger:  D.m.W.  1921  Nr.  16,  17  u.  IS. 

12.  Frank  und  Schittenhelm:  Zschr.  f.  exp.  Path  u.  Ther.  191J,  » 

13.  Gross:  M.m.W.  1912 'S.  2797.  —  14.  Volhard:  M.m.W.  1907  S. 

—  15.  Ehrmann  und  Lederer:  B.kl.W.  1908  Nr.  31.  —  16.  K  nt  t  n 
Kraus-Brugsch’  Spez.  Path.  u.  Ther.  1914.  17.  v.  N  o  o  r  d  e  n -S  c  h  nn 

Klinik  der  Darmkrankheiten  1921.  —  18.  Günsburg:  M.K1.  1918  Nr  4S 
19.  Glässner:  W.kl.W.  1920  Nr.  39.  —  20.  Katsch  und  v.  Fr  iedri 
Klin.  Wschr.  1922  H.  3.  —  21.  Albu:  M.K1.  1920  Nr.  39  und  M.m.W. 
Nr.  16.  —  22.  K  u  1 1  n  e  r  und  Lehmann:  M.K1.  1920  Nr.  2. 
Schmidt  und  Ka  uff  mann:  M.m.W.  1917  Nr.  23.  24.  Matth 


März  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


347 


rschauer  Kongr.  f.  inn.  Med.  1916.  —  25.  Löwenthal:  Arch.  f.  Ver- 
ungskrankh.  1919.  —  26.  Qruber  und  Schaedel:  M  m  W  1918 
I  35.  —  27.  Grote:  M.KI.  1920  Nr.  35. 


Aus  der  medizinischen  Klinik  Würzburg. 
(Vorstand:  Prof.  Dr.  Morawitz.) 

!jer  die  Gewinnung  von  Dünndarminhalt  beim  Menschen. 

Von  Prof.  Dr.  Ganter. 

Durch  die  von  mir  angegebene  Darmschiffchenmethode  [l]  sind 
1  in  den  Stand  gesetzt,  beim  Menschen  ohne  grösseren  Eingriff 
i  ohne. dass  durch  die  Untersuchung  pathologische  Zustände  gesetzt 

•  den  sind,  aus  jedem  beliebigen  Darmabschnitt  Inhalt  zur  bakterio- 
<  sehen  oder  chemischen  Untersuchung  zu  gewinnen.  Die  von  mei- 
i  Mitarbeiter  van  der  Reis  [2]  angegebene  Methode  ermöglicht 
in  entsprechender  Weise,  gelöste  Substanzen  an  beliebigen  Stellen 
(  Darmkanals  auszugiessen.  Die  Schwierigkeiten,  die  den  angege- 
P  Methoden  anhaften,  sind  wohl  die  Ursache,  weshalb  diese  keine 
j;ere  Verbreitung  gefunden  haben,  trotz  des  Interesses,  das  man, 

:  die  zahlreichen  Zuschriften  beweisen,  ihnen  entgegengebracht  hat 

j  Hauptschwierigkeiten  liegen  zunächst  darin,  dass  für  die  Verfahren 
:  starker  Magnet  erforderlich  ist.  dessen  Beschaffung  wegen  des 
■:n  Preises  den  wenigsten  Kliniken  möglich  sein  wird.  Weiterhin 
ort  zur  Anwendung  der  Verfahren  eine  meist  wiederholte  Röntgen- 
.  hleuchtung.  Dann  ist  die  Ausführung  ziemlich  zeitraubend  und 
irdert  ein  sehr  gewissenhaftes  und  aufmerksames  Pflegepersonal, 

1  auch  von  Seiten  des  Kranken  setzt  die  Durchführung  eine  gewisse 
inerksamkeit  voraus.  Mit  dem  Verlust  von  Schiffchen  ist  immer 
echnen. 

Wenn  sich  die  angegebenen  Methoden  bei  Gesunden  oder  leicht 
siken,  wie  unsere  Erfahrung  gezeigt  hat,  unschwer  durchführen 
p,  so  begegnen  sie  doch  bei  Schwerkranken  beträchtlichen  Schwie- 
j Uten,  die  sich  aus  der  verminderten  Beweglichkeit  des  Kranken 
|ben.  Durchleuchtung  mit  Röntgenstrahlen  auch  bei  Anwendung 
Trochoskops  und  die  Anwendung  des  Magneten  stellen  Anfor- 
jngen,  denen  Schwerkranke  gelegentlich  nicht  gewachsen  sein 
len. 

Schliesslich  war  man  bei  den  Schiffchen  an  eine  gewisse  Grösse 
finden,  unter  die  man  praktisch  nicht  heruntergehen  konnte.  Die 
j  derlichen  Dimensionen  machten  die  Anwendung  in  dem  Zweige 
; Medizin  gerade  besonders  schwierig,  bei  dem  die  Untersuchung  der 
jnflora  von  besonderem  Interesse  und  von  weittragendster  Bedeu- 
I  ist,  nämlich  in  der  Kinderheilkunde. 

| Seit  Anwendung  der  Methode  bin  ich  bestrebt,  sie  zu  verbessern 

*  sie  derart  auszugestalten,  dass  die  obenerwähnten  Schwierig- 
i  n  wenn  nicht  beseitigt,  so  doch  vermindert  werden.  Eine  Voraus- 
iing  für  die  Anwendung  einer  neuen  diagnostischen  Methode  ist 
|  Unschädlichkeit.  In  der  Furcht  zu  schaden,  werden  wir  immer 
{Neigung  haben,  uns  möglichst  weit  von  der  Gefahrzone  zu  halten 
Nissern  Sinne  mit  Unrecht  insofern,  als  wir  uns  damit  häufig 
;  Mittels  begeben,  das  zur  richtigen  Diagnose  führt  und  so  zum 
Entscheidenden  Vorteil  des  Kranken  wäre.  Je  mehr  man  eine 
j  eilende  diagnostische  Methode  beherrscht,  um  so  sicherer  wird 

in  der  Beurteilung  der  Grenze,  an  der  eine  Gefahr  für  den 
jken  droht.  Bei  der  Schiffchenmethode  hat  sich  sehr  bald  ge- 
,  dass  sie  völlig  gefahrlos  ist.  Daraus  ergab  sich,  dass  die 
jiode  zur  Erreichung  des  Endziels  wesentlich  angespannt  werden 
■  Die  Richtung,  in  der  die  Verbesserung  anzustreben  war,  wurde 
1  nur  von  den  obenerwähnten  Schwierigkeiten  bestimmt,  sie  ergab 
|  auch  aus  den  Erfahrungen,  die  ich  bei  meinen  Untersuchungen 
1  Dünndarmperistaltik  [3]  gesammelt  hatte.  Bei  diesen  Unter¬ 
fingen  hatte  ich  anfänglich  die  Sorge,  ob  auch  nach  Ablassen 
Unt  aus  dem  Gummikranz  bei  der  Entfernung  des  Schlauches  aus 
Dünndarm  nicht  Schwierigkeiten  entstünden.  Die  Versuche  haben 
Borge  als  völlig  unbegründet  erkennen  lassen,  der  Schlauch  mit 
(kollabierten  Kranz  Hess  sich  leicht  herausziehen.  Diese  Erfahrung 
4  es  nahe,  zu  versuchen,  ob  nicht  durch  Anwendung  eines  dünnen 
huch  es,  den  man  vom  Munde  aus  durch  Oesophagus  und  Magen 
hn  Dünndarm  befördert,  gewissermassen  durch  eine  verlängerte 
h  o  r  n  sehe  Duodenalsonde,  Darminhalt  zu  gewinnen  wäre.  Es 
dies  doch  eigentlich  die  einfachste  und  naheliegende  Lösung  des 
lems.  Es  zeigt  sich,  dass  die  Einführung  und,  was  ebenso  wichtig. 
Entfernung  eines  mehrere  Meter  langen  Schlauches  sehr  wohl 
?t.  Nachdem  dies  festgestellt  ist,  muss  praktisch  auch  aus  den 
i  en  Abschnitten  des  Darmes  Inhalt  ähnlich  zu  gewinnen  sein  wie 
'-lern  Duodenum.  Sobald  es  sich  aber  um  bakteriologische  Unter- 
■ingen  handelt,  die  mit  dem  Dünndarminhalt  vorgenommen  werden 
n,  so  >st  die  einfache  verlängerte  Duodenalsonde  nicht  ohne 
Lres  anwendbar.  Es  würde  sonst  nach  Einführung  des  Oliven- 
-5  in  den  Magen  Mageninhalt  in  den  Schlauch  treten.  Bei  An- 
-‘n  von  Dünndarminhalt  würde  eine  Mischung  mit  dem  Magen- 
d  erfolgen  und  die  Bakterien  des  letzteren  würden  die  Unter¬ 
fing  des  Dünndarminhaltes  zum  mindesten  sehr  erschweren. 
fS  war  daher  eine  „Sonde“  zu  verwenden,  die  beim  Einfuhren 
[nSe  geschlossen  ist,  bis  das  Kopfende  die  Stelle  des  Dünndarmes 
-'ht  hat,  aus  der  Inhalt  entnommen  werden  soll, 
he  Forderung  wurde  auf  folgende  Weise  erfüllt:  Es  wurde 
em  einen  Ende  eines  mehrere  Meter  langen  dünnen  Schlau¬ 
er.  10. 


chcs  die  mehrlöcherige  Olive  der  üblichen  Duodenalsonde  befestigt. 
Ucber  den  freien,  löcherigen  I  eil  der  Olive  wurde  ein  kurzes  etwas 
weiteres,  dünnwandiges  Schlauchstück  gestülpt,  dessen  Ende  verschlos- 
Sen  Yi11"-  Durch  dieses  iibergestiilpte  Schlauchstück  wird  der  Zutritt 
von  Magen-  und  Darminhalt  verhindert.  Zum  Verschluss  des  kurzen 
Schlauchstückes  kann  ein  kleiner  Metallzylinder  Verwendung  finden, 
der  bei  eventueller  Röntgendurchleuchtung  leicht  neben  der  kleineren' 
Olive  zu  erkennen  ist. 

Ist  das  auf  die  angegebene  Weise  vorbereitete  Kopfstück  nun  in 
den  Teil  des  Dünndarmes  gewandert,  aus  dem  Inhalt  entnommen  wer¬ 
den  soll,  so  wird  mittels  einer  Spritze,  die  an  das  aus  dem  Mund 
hängende  Ende  des  Schlauches  gesetzt  wird,  eine  rasche  Druck¬ 
steigerung  im  Schlauchinnern  erzeugt;  dadurch  erweitert  sich  das 
auf  die  Olive  aufgesetzte  kurze  Schlauchstück  und  wird  abgestossen. 
Dieses  Schlauchstück  interessiert  nicht  weiter;  es  wird  per  vias  na¬ 
turales  entleert.  Man  sollte  erwarten,  dass  nunmehr  durch  Ansaugen 
mit  der  angesetzten  Spritze  Darminhalt  gewonnen  werden  könnte. 
Das  gelingt  aber  nicht  ohne  weiteres,  da  die  Menge  des  anzusaugenden 
Inhaltes  im  Allgemeinen  gering  ist.  Man  wird  praktisch,  wenn  es 
sich  einfach  darum  handelt.  Qualitative  Untersuchungen  des  Darm- 
inhaltes  durchzuführen,  sich  so  helfen,  dass  man  physiologische,  auf 
Körpertemperatur  gebrachte,  sterile  Kochsalzlösung  oder  eine  zweck¬ 
massig  zusammengesetzte  Nährlösung  durch  den  Schlauch  injiziert, 
wiederholt  ansaugt  und  erneut  injiziert.  Man  spült  auf  diese  Weise 
das  Darmstück  aus  und  saugt  schliesslich  die  zur  Untersuchung  er¬ 
forderliche  Menge  der  Flüssigkeit  an.  Das  „Spülwasser“  enthält  die 
Bakterienflora  und  lässt  sich  bakteriologisch  verarbeiten  Die  an¬ 
gesaugte  Flüssigkeit  zeigt  eine  Trübung,  gelegentlich  kleine  Teile 
(Speisereste)  und  regelmässig  mindestens  bei  Normalen  leichte  Gelb¬ 
färbung,  von  der  Galle  herrührend.  Man  wird  nicht  erwarten  dürfen, 
die  gesamte,  durdi  den  Schlauch  eingespritzte  Flüssigkeitsmenge  wie¬ 
der  ansaugen  zu  können.  Ein  Teil  der  Flüssigkeit  wird  durch  die 
Peristaltik  des  Darmes  sogleich  weiterbefördert  und  geht  dem  Versuch 
verloren.  Da  die  Olive  mehrere  Oeffnungen  trägt,  so  wird  ein  Fest¬ 
saugen  der  Olive  beim  Ansaugen  mit  der  Spritze  vermieden. 

Es  braucht  nicht  gesagt  zu  werden,  dass  man  durch  Auskochen 
des  Schlauches  samt  dem  Verschluss  diesen  vor  der  Einführung  steri¬ 
lisieren  kann,  am  besten  in  physiologischer  Kochsalzlösung.  Zweck¬ 
mässig  wird  das  aus  dem  Munde  heraushängende  Schlauchstück  hart 
am  Ende  durch  eine  Klemme  abgeschlossen,  damit  nicht  Keime  von 
aussen  in  den  Schlauch  eindringen  können.  Wenn  man  vor  Aufsetzen 
der  sterilisierten  Spritze  das  Schlauchende  bis  zur  Klemme  abschneidet, 
so  ist  man  sicher,  dass  bei  der  bakteriologischen  Verarbeitung  ge¬ 
fundene  Keime  eben  nur  aus  dem  Darmabschnitt  stammen  können, 
aus  dem  man  Inhalt  angesaugt  hat.  Man  kann  den  Schlauch  gut 
mehrere  Tage  liegen  lassen,  ohne  dass  der  Kranke  ausser  der  kleinen 
Unannehmlichkeit  des  Schlauches  im  Munde,  belästigt  wird.  Der  Kranke 
ist  in  der  Lage,  Flüssigkeit  und  schon  zerkleinerte  Speisen  ohne 
Schwierigkeit  zu  sich  zu  nehmen.  Es  kann  so  zu  verschiedenen  Zeiten 
Darminhalt  gewonnen  werden. 

Wenn  es  sich  nun  darum  handelt,  quantitative  Untersuchungen 
mit  dem  Darminhalt  anzustellen,  so  wird  das  angegebene  Verfahren, 
bei  dem  man  nur  verdünnten  Darminhalt  unbekannter  Konzentration 
gewinnen  kann,  nicht  genügen.  An  einer  Stelle  des  Darmes  ist  nicht 
genügend  Inhalt  vorhanden,  als  dass  er  den  gesamten  Hohlraum  des 
langen,  wenn  auch  dünnen  Schlauches  ausfüllt  und  gar  noch  in  die 
Spritze  angesaugt  werden  kann.  Durch  eine  einfache  Ventilvorrichtung 
als  Kopf  des  Schlauches,  wobei  durch  Ansaugen  mit  der  am  heraus¬ 
hängenden  Ende  des  Schlauches  aufgesetzten  Spritze  das  Ventil  ge¬ 
öffnetwird,  gelingt  es  unschwer,  unverdünnten  Darminhalt  zu  gewinnen. 
Zur  Entnähme  dieses  Inhaltes  aus  dem  Ventil  muss  jedoch  der  Gummi¬ 
schlauch  nach  dem  Ansaugen  aus  dem  Dünndarm  herausgeholt  werden. 

Einfacher  liegen  die  Verhältnisse  noch,  wenn  man  aus  therapeu¬ 
tischen  oder  diagnostischen  Gründen  Arzneimittel  oder  Kulturen  in 
tiefere  Stellen  des  Darmes  bringen  will.  Hier  wird  es  im  allgemeinen 
nicht  auf  steriles  Arbeiten  ankommen.  Man  wird  infolgedessen  auf 
den  Verschluss  des  eingeführten  Schlauchendes  verzichten  können. 
Zweckmässig  setzt  man  aber  eine  Olive  wie  bei  der  Duodenalsonde 
an,  um  dem  Darm  eine  gewisse  Angriffsmöglichkeit  an  den  Schlauch 
zu  geben,  so  dass  diese,  einmal  in  den  Dünndarm  gelangt,  rasch  weiter¬ 
befördert  werden  kann.  Durch  Feststellung  der  Länge  des  eingeführten 
Schlauches  weiss  man  jederzeit,  an  welcher  Stelle  des  Darmes  sich  das 
Schlauchende  befindet. 

Die  Vorteile,  die  diesem  Verfahren  gegenüber  der  Schiffchen¬ 
methode  eigen  sind,  liegen  auf  der  Hand.  Zunächst  kostet  das  Instru¬ 
mentarium  sozusagen  nichts.  Ein  Magnet  ist  nicht  erforderlich.  Von 
einer  Röntgendurchleuchtung  kann  abgesehen  werden.  Die  Anwendung 
des  Verfahrens  ist  auch  bei  Schwerkranken  möglich.  Man  ist  unab¬ 
hängig  von  der  Aufmerksamkeit  des  Kranken  und  des  Pflegepersonals. 
Den  Hauptvorzug  aber  sehe  ich  darin,  dass  die  Dimensionen  der  Vor¬ 
richtung  leicht  derart  gewählt  werden  können,  dass  sie  auch  bei  Kin¬ 
dern.  ja  Säuglingen  anwendbar  ist. 

Die  Fragestellungen,  die  sich  mit  dem  angegebenen  Verfahren  be¬ 
arbeiten  lassen,  liegen  so  nahe,  dass  ich  darauf  nicht  einzugehen 
brauche.  Ich  habe  die  wesentlichsten  Arbeitsrichtungen  schon  in  meiner 
oben  zitierten  Arbeit  angegeben.  Es  stellen  dieselben  wohl  nur  einen 
kleinen  Teil  dar,  wenn  man  das  Gebiet  der  Kinderheilkunde  ein- 
schliesst. 

Dass  das  Verfahren  völlig  gefahrlos  ist,  geht  auch  aus  der  Arbeit 
von  Einhorn  [4]  hervor,  die  erschienen  ist,  nachdem  ich  meine  Ver- 

4 


348 


mhnchener  medizinische  Wochenschrift, 


Nr.  1( 


Suchstechnik  ausprobiert  und  niedergeschrieben  hatte^ 
lässt  einen  Schlauch  verschlucken  und  fuhrt,  nachdem  das  untere 
Schlauchende  das  Coecum  erreicht  hat  medikamentös^  tes 

Dickdarmes  bei  Kolitis  aus.  Zur  Entnahme  von  Darminhalt  hat  n  1  n 
h  o  r  n  den  Schlauch  nicht  verwendet. 


Literatur. 

l  Ganter-  Ein  Verfahren,  aus  beliebigen  Teilen  des  Darmes  Inhalt  zu 
entnehmen  Dm  W  1920  Nr  9.  -  2.  van  der  Reis:  Ueber  eine  Methode. 

"srz;  dSawÄ 

behandelt  wurde.  Klin.  Wschr.  1922  S.  366. 


Aus  der  medizinischen  Universitätsklinik  Erlangen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  L.  R.  Müller.) 

Die  Behandlung  der  Tuberkulose  mit  Röntgenstrahlen. 

Von  Dr.  med.  Fritz  Hilpert, 

Vorstand  des  Röntgenlaboratoriums. 


In  den  letzten  Jahren  haben  sich  in  der  Tuberkulosebehandlung  die 
Röntgenstrahlen  eine  Stellung  erworben  an  der  heute  kein  Internist 
mehr  achtlos  vorübergehen  kann.  Zahlreich  sind  die  Arbeiten,  die 
dieses  Gebiet  erschienen  sind,  verschieden  jedoch  die  Methoden  und 
Dosen,  die  von  den  verschiedenen  Autoren  angewendet  und  eI"PfoJjle” 
werden.  Lange  Zeit  wurde  mit  kleinen  Dosen  gearbeitet  bis  Wint 
mit  seiner  Tuberkulosedosis,  die  50 — 60  Proz.  der  von  ihm  angegebene! 
Hauteinheitsdosis  (HED.)  entspricht,  auf  dem  Plan  erschien.  Ausdrück¬ 
lich  sei  erwähnt,  dass  sich  diese  Dosis  nicht  auf  die  Behandlung  d 
Lungentuberkulose  bezieht,  über  die  W  in  tz  nicht  berichtet. 
Im  Gegensatz  dazu  wendet  Ba enteister  sehr  kleine  Dosen  ai 
und  Stephan  kommt  auf  Grund  theoretischer  Erwägungen  zu  einer 
allgemeinen  „Tuberkulosedosis  von  10  Proz.  aei  HLD  J  Ls  ist  nie 
zu  verkennen,  dass  der  Begriff  einer  allgemeinen  Tuberkulosedosis  eine 
gewisse  Verwirrung  in  die  Behandlung  der  verschiedenen  tuberkulösen 
Erkrankungen  gebracht  hat.  Wir  haben  uns  hier  nun  die  Trage  vor¬ 
zulegen,  gibt  es  eine  allgemeine  Tuberkulosedosis  und  wie  gross  ist 
diese  oder  sind  für  die  verschiedenen  tuberkulösen  Erkrankungen  ver¬ 
schiedene  Dosen  in  Anwendung  zu  bringen.  Optimale  Dosis  ist  jedes¬ 
mal  diejenige,  die  den  tuberkulösen  Prozess  rasch  und  günstig  beein¬ 
flusst,  ohne  dass  schädliche  Nebenwirkungen  eintreten.  Zugleich  muss 
die  Behandlung  auch  auf  soziale  Gesichtspunkte  Rücksicht  nehmen,  so 
dass  der  Kranke  möglichst  bald  wieder  arbeitsfähig  wird,  und  wenn 
die  Behandlung  bei  Arbeitsfähigkeit  durchgeführt  wird,  dass  er  dann 
nicht  allzuhäufig  von  der  Arbeit  abgehalten  wird.  Dieser  letztere  Ge¬ 
sichtspunkt  kommt  wohl  nur  bei  der  Drüsen-  oder  bei  leichter  Knochen¬ 
tuberkulose  in  Betracht,  er  fällt  selbstverständlich  bei  der  Behandlung 
der  Lungen-  und  Bauchfelltuberkulose  weg,  denn  für  den  Erfolg  des 
Kampfes  gegen  diese  Lokalisationen  der  Tuberkulose  ist  völlige  Scho¬ 
nung  und  möglichste  Ruhe  Vorbedingung. 

Die  in  der  Röntgenliteratur  von  den  verschiedenen  Autoren  an¬ 
gegebenen  Dosen  lassen  sich  häufig  nicht  miteinander  vergleichen,  da 
die  verschiedensten  Masseinheiten  gebraucht  werden.  Ls  lasst  sich 
nach  dieser  Angabe  häufig  nur  schätzen,  ob  kleinere,  mittlere  oder 
grössere  Dosen  zur  Anwendung  kamen. 

Für  die  Behandlung  der  Lungentuberkulose  besteht  Ueber- 
einstimmung,  dass  nach  der  Vorschrift  Bacmeisters,  dem  sich  die 
meisten  Autoren  angeschlossen  haben,  nur  kleine  Dosen  gegeben 
werden  sollen.  Diese  Dosen  wirken  als  Reiz  für  die  Umgebung 
des  Tuberkels,  insbesondere  auf  das  Bindegewebe,  ohne  jedoch  einen 
raschen  Zerfall  des  tuberkulösen  Granulationsgewebes  zu  verursachen, 
der  zur  Kavernenbildung  führen  würde.  Bacineister  bestrahlte 
Lungenherde,  deren  Lage  er  durch  die  Röntgendiagnostik  genau  test¬ 
gestellt  hat,  mit  je  6  kleinen  Feldern  von  vorne  und  hinten,  die  m 
Abständen  von  einigen  Tagen  gegeben  werden.  Jeder  Herd  wird  zwei¬ 
mal  von  vorne  und  hinten  bestrahlt.  Die  Dosis  für  das  Feld  .betragt 
10—15  X  auf  die  Haut.  Ausserdem  wird  die  Behandlung  mit  künstlicher 
Höhensonne  verbunden.  Behandelt  werden  indurative  und  chronisch 
progrediente  Formen  der  Tuberkulose.  Exsudative  und  rasch  un¬ 
günstig  verlaufende  Fälle  werden  von  der  Behandlung  ausgeschlossen. 
Nach  seiner  letzten  Mitteilung  in  der  Strahlentherapie  wendet  Bac- 
meister  jetzt  ein  Verfahren  an,  wie  es  ähnlich  auch  von  uns  seit 
längerer  Zeit  geübt  wird,  indem  er  mit  kleinen  Dosen  beginnt  und  die 
Dosen  allmählich  steigert.  Er  verabreicht  auf  diese  Weise  8—30  I  roz. 

der  HED.  P  ,  . 

Sc  hl  echt- Kiel  geht  ähnlich  vor  und  gibt  für  das  Feld  5  bis 
7  bis  10  X,  gleich  V«—  %  HED.  ,  Feldgrösse  10X10  cm,  Filter  4  mm 
Aluminium.  Aehnlich  ist  auch  noch  die  Methode  von  B  o  g  e  -  Magde- 

bUfSS  c  h  r  ö  d  e  r  -  Schömberg  kam  auf  dem  Wege  des  Tierexperimentes 
ebenso  wie  früher  Bacineister  zur  Ansicht,  dass  grosse  Dosen 


*)  Anmerkung  bei  der  Korrektur:  De  la  camp  (Med.  Kl. 
1921  Nr.  48)  vertritt  die  Ansicht,  dass  „der  Begriff  der  Tuberkulosedosis 
lediglich  im  orientierendem  Sinne  gebraucht  werden  soll.  Strahlenwahldosis 
hat  sich  dem  Organ  anzupassen,  in  dem  der  tuberkulöse  Prozess  zur  Ent¬ 
wicklung  kam."  Er  ist  somit  der  Ansicht,  dass  die  tuberkulöse  Erkrankung 
der  verschiedenen  Organe  mit  verschiedener  Dosis  zu  behandeln  ist. 


verabreicht  werden  müssen,  um  einen  Erfolg  bei  der  Lungentuberki 
lose  zu  erreichen.  Er  bestrahlte  11  Fälle  mit  0,6— U  HLD.  lur  jede 
Feld,  und  zwar  in  2-3  wöchigen  Zwischenräumen  je  1  Fe.d  Dab. 
sah  er  in  5  Fällen  Verschlechterung,  darunter  1  1  odestall.  Die  L 
folge  bei  den  übrigen  Fällen  „waren  keinenfalls  besser  als  wie  ma 
sie  sonst  bei  gleichwertigem  Material  ohne  btrablentherapie  zu  t 
reichen  pflegt".  Er  hat  deswegen  die  Röntgentherapie  der  Lunge: 

tuberkulöse  wieder  aufgegeben.  K  ^  , 

Ausgehend  von  den  Erfahrungen,  die  wir  bei  der  Behandlung  dt 
Lungentuberkulose  mit  Alttuberkulin  gemacht  haben,  haben  wir  vt 
sucht,  die  Röntgenbehandlung  ähnlich  zu  gestalten,  indem  wir  n 
kleinen  Dosen  beginnen  und  allmählich  die  Dosen  steigern.  Die  B 
Strahlung  geschieht  auf  Grund  des  Röntgenbefundes.  Es  werden  r 
die  erkrankten  Partien  bestrahlt.  Die  Durchstrahlung  des  Thorax  » 
eine  möglichst  gleichmäsisge  sein,  deshalb  bestrahlen  wir  dieseö 
Lungenpartie  von  vorne  und  von  hinten.  Die  Feldgrosse  betra 
mindestens  10  T  15  cm,  Fokushaiitabstand  30  cm,  Filter  0,5  mm  Zn 
selbsthärtende  Siederöhre  am  Symmetrieinstrumentarium  der  Firr 
Reiniger,  Gebbert  &  Schall  mit  W  i  n  t  z  schein  Regenenerautoni: 
Der  eigentlichen  Lungenbestrahlung  schicken  wir  m  jedem  Falle,  ec 
Vorschläge  F  r  ä  n  k  e  1  s  folgend,  eine  Bestrahlung  dei  Milz  mit  A  HE 
auf  die  Haut  voraus.  Nach  der  Milzbestrahlung  haben  wir  ebenso  u 
Fränkel  eine  mässige  Lymphozytose,  cL  h.  eine  Vermehrung  c 
Lymphozyten  bis  etwa  10  Proz.  feststellen  können.  Die  Lungenbehan 
lung  beginnt  mit  einer  Dosis  von  Vs  bis  U«  HLD.  auf  die  Haut  \ 
vorne  und  von  hinten.  Auf  den  Erkrankungsherd  in  der  Dunge  dur 
ungefähr  in  der  Nähe  des  Hilus  nach  unserer  Berechnung  5—6  Pri 
der  HED.  zur  Einwirkung  gelangen.  Genaue  Messungen  konnten  leie 
nicht  durchgeführt  werden,  da  die  Messung  mit  dem  Wasserphanti 
die  Absorptionsverhältnisse  im  Lungengeyvebe  unrichtig  angibt  u 
eine  andere  dem  Lungengewebe  gleichartige  künstliche  Masse  uns  nit 
zur  Verfügung  steht.  Der  ersten  Bestrahlung  folgt  alle  4  Tage  ein  andei 
Feld  von  vorne  und  hinten  mit  geringer  Steigerung  der  Dosis  bis 
>/,  HED  auf  der  Haut,  was  in  der  Mitte  der  Lunge  einer  Dosis  von  i 
gefähr  15—20  Proz.  der  HED.  entsprechen  durfte.  Nach  grosser 
Dosen  legen  wir  eine  Zwischenpause  von  6  Tagen  ein.  Ls  werden  : 
mit  die  erkrankten  Lungenpartien  wiederholt  mit  immer  steigend 
Dosen  bestrahlt.  Die  Behandlung  führen  wir  2—3  Monate  dur 
Schädliche  Einwirkungen  haben  wir  bei  dieser  Art  der  Iherapie  i 
gesehen.  Dagegen  haben  wir  ganz  entschieden  den  Eindruck  i 
wonnen,  dass  so  behandelte  Fälle  einen  günstigeren  Verlauf  boten 
gleichartige  Lungenerkrankungen,  die  nicht  mit  Röntgenstrahlen 
handelt  wurden,  und  ausserdem  haben  diese  Fälle  dauernde  und  ; 
haltende  Besserung  gezeigt.  Bestrahlt  wurden  freilich  nui  chroni: 
indurative  und  langsam  progrediente  Formen.  Leider  ist  die  Zahl 
so  bestrahlten  Fälle  noch  sehr  klein,  jedoch  glauben  wir  aut  ün 
des  bei  diesen  Kranken  erzielten  Erfolges  die  Methode  zur  Nachahmi 
empfehlen  zu  dürfen.  Bei  einem  mit  künstlichem  Pneumothorax  v 
bundenen  Fall  zeigte  sich  eine  sehr  beträchtliche  Schrumpfung 
ganzen  kranken  Seite.  Allerdings  bestand  auch  längere  Zeit  ein  mit 

grosses  Pleuraexsudat.  ...  * 

Wenn  ich  nun  die  von  uns  durchgeführte  Methode  mit  der  1 
anderer  Seite  angegebenen  vergleiche,  so  muss  ich  sagen,  dass  wir 
jeden  einzelnen  Herd  eine  grössere  Gesamtdosis  verabreichen  aL 
anderen  Autoren.  Bacmeister  und  Schröder  haben  durch . 
experimente  bewiesen,  dass  grössere  Dosen  wirksamer  sind  als  klein 
Die  klinische  Erfahrung  am  Menschen  hat  gezeigt,  dass  grosse  Do 
auf  einmal  verabreicht  schlecht  vertragen  werden.  Unsere  Metti 
gestattet  uns,  mit  kleinen  Dosen  zu  beginnen,  die  Dosen  zu  steis 
und  insgesamt  eine  grosse  Dosis  gewissermassen  als  „dosis  refrac 
zu  verabreichen.  Dabei  lässt  sich  die  Methode  weitgehend  mdividr 
sieren  und  jedem  einzelnen  Fall  anpassen. 

Eine  Bestrahlung  der  Kehlkopftuberkulose  führen 
auch  nur  bei  stationärer  oder  langsam  fortschreitender  Lungentul 
kulose  unter  gleichzeitiger  diätetischer  AlJgemeinbehandlung  durch. 
Bestrahlungstechnik  dabei  ist  folgende:  Die  Feldgrösse  6X8 
Fokushautabstand  30  cm,  Filter  0,5  mm  Zink.  A  HED.  am  die  H 
Als  wirksame  Dosis  trifft  auf  den  Kehlkopf  ungefähr  25  Proz. 
Bestrahlung  ward  alle  3 — 4  Wochen  wiederholt,  nach  der  4.  Bestrahl 
setzen  wir  eine  längere  Pause  ein.  Die  Erfolge  sind  in  den  bisher! 
Fällen  befriedigend.  Bei  rasch  fortschreitender  Lungentuberkulose 
schlechtem  Allgemeinzustand  dagegen  wirkt  die  Bestrahlung  di 
verschlechternd.  Eine  ambulante  Röntgenbehandlung  der  Lungen- 
Kehlkopftuberkulose  erscheint  unzweckmässig. 

Für  die  Bestrahlung  der  tuberkulösen  Lymphome,  die  r 
unter  der  Haut  gelegen  sind,  werden  von  den  verschiedenen  Aut 
bald  kleinere,  bald  grössere  Dosen  .als  beste  Methode  empfohlen. 
Autoren,  welche  kleine  Dosen  anwenden,  wiederholen  in  kurzen  1 
sen.  z.  B.  alle  14  Tage  die  Bestrahlung  mit  der  gleichen  Dosis, 
durch  wird  sicherlich  eine  Summation  und  als  Endergebnis  eine  grös 
Dosis  erreicht.  Dies  ist  daraus  zu  ersehen,  dass  die  Haut  der  so 
strahlten  Fälle  häufig  Pigmentation  aufweist.  Die  Gesamtdosis 
eben  in  diesen  Fälled  als  „verzettelte“  Dosis  verabreicht.  An 
Röntgenologen  empfehlen  grössere  Dosen,  so  verabreicht  K 1  e  u 
für  jedes  Feld  eine  HED.  unter  3  mm  Aluminium  und  wiederholt 
solche  Bestrahlung  nach  5 — 6  Wochen. 

Wir  verabreichen  bei  den  tuberkulösen  Lymphomen  */s  HED. 
die  Haut  unter  0,5  mm  Zink  bei  einer  Feldgrösse  von  6X8  cm 
einem  Fokushautabstand  von  23  cm,  unter  Umständen  auch  30 
Wir  erreichen  damit  als  wirksame  Dosis  in  2 — 4  cm  Tiefe  40 — 50  l 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


349 


iVlärz  1922, 

■ HEIX  Nach  6  Wochen1  wird  die  gleiche  Dosis  nochmal  und  nach 
i  eren  8  Wochen  eine  dritte  derartige  Bestrahlung  gegeben.  Wir 
)  ten  in  allen  in  dieser  Weise  behandelten  Fällen  wesentliche 
i  erung  erzielen,  wenn  nicht  gleichzeitig  ein  fortschreitender  Lungen - 
1  ess  bestand.  Nicht  alle  tuberkulösen  Drüsen  reagieren  gleich- 
.  dg  auf  die  Bestrahlung.  Diejenigen  mit  mehr  bindegewebiger 
stur  reagieren  mit  Schrumpfung  und  es  bleibt  als  Endeffekt  ein 
■  er  harter  Knoten  zurück,  der  gewöhnlich  gute  Verschieblichkeit 
■■  Die  Umgebung  selbst  ist  reizlos,  die  Haut  nicht  oder  nur  gering 
;  entiert.  In  den  anderen  Fällen,  in  denen  die  Lymphome  weichere 
l.istenz  haben  und  von  vorneherein  eine  mehr  exsudative,  käsige 
i)i  zeigen,  kommt  es  rasch  zur  Einschmelzung.  Ist  der  grösste  Teil 
iDriise  oder  des  Drüsenpaketes  erweicht  und  zeigt  sich  deutliche 
jtuation,  so  wird  der  Inhalt  durch  Stichinzision  entleert.  Von  ver- 
!  denen  Autoren  wird  die  Eröffnung  des  Abszesses  abgelehnt  und 
•  ohlen,  den  Inhalt  mit  Nadel  und  Spritze  anzusaugen.  Doch  nur  in 
wenigsten  Fällen  gelingt  dies,  in  den  anderen  verstopft  sich  die 
1  sofort  durch  Käsebröckel,  die  sich  nie  durch  die  Spritze  ent- 
n  lassen  und  deren  Beseitigung  doch  wesentlich  für  einen  raschen 
ngsverlauf  ist.  Es  entsteht  allerdings  durch  die  Stichinzision  eine 
I,  die  sich  aber  nach  der  zweiten  oder  dritten  Bestrahlung  nach 
tändiger  Reinfgung  und  Entleerung  des  Abszesses  schliesst.  Die 
ehende  Narbe  ist  klein,  reizlos  und  meist  auch  auf  der  Unterlage 
|:hieblich.  Da  nur  ~is  der  HED.  gegeben  wurden,  verträgt  die 
ij  den  Reiz,  der  durch  das  Sekret  der  Fistel  bewirkt  wird,  ohne 
—res.  Grössere  Dosen  zu  geben  halte  ich  aus  kosmetischen  Grün- 
i und  wegen  der  Gefahr  für  die  Haut  für  unrichtig,  da  die  stark  bestraül- 
-ßtellen  auch  später  noch  einen  locus  minoris  resistentiae  für  In- 
rrn  bilden.  Was  die  kleineren  Dosen  betrifft,  so  können  sie  wohl 
leien  Fällen  durch  häufiger  wiederholte  Bestrahlungen,  was  einer 
zettelten“  Dosis  gleichkommt,  zum  gleichen  Effekt  führen,  doch  ist 
!l  eltenere  Bestrahlung  mit  etwas  grösserer  Dosis  für  den  Kranken 
angenehmer  als  die  häufigen  Bestrahlungen,  zumal  wenn  es  sich 
n  handelt,  dass  die  Bestrahlung  ambulant  vorgenommen  wird, 

5 lass  die  Kranken  von  auswärts  zur  Bestrahlung  kommen.  Schäd- 
1  Einwirkungen  sah  ich  bei  der  Art  unserer  Anwendung  nie.  Die 
hr,  dass  es  bei  der  raschen  Einschmelzung  zu  einer  miliaren  Aus- 
i  kommen  könnte,  halte  ich  für  sehr  gering. 

j’tepp,  der  über  eine  grössere  Zahl  von  Drüsenbestrahlungen 
ehr  gutem  Erfolg  berichtet,  verwendet  30—40  X  für  das  Feld,  was 
lj  ähr  unserer  Dosis  von  2/s  Hauteinheitsdosis  entsprechen  dürfte. 
(Sensibilisierung  der  Drüsen  durch  Jodpräparate,  wie  sie  von  diesem 

I-  empfohlen  wurde,  haben  wir  nicht  angewandt  und  halten  sie  auch 
für  nötig. 

)ie  Hilus'drüsen tuberkulöse  bestrahlen  wij-  mit  je  einem 
von  Brust  und  Rücken,  von  einer  Feldgrösse  10  X  15  cm,  30  cm 
ihau tabstand  und  0,5  mm  Zinkfilter  und  verabreichten  %  HED. 
wirksame  Dosis  dürfte  auf  den  Hilus  ungefähr  40  Proz.  der  HED. 
ni  Die  Erfolge  sind  durchweg  gut.  Diese  Art  der  Bestrahlung 
doch  nur  zu  empfehlen,  wenn  kein  stärkerer  und  kein  fortschrei- 
r  Lungenprozess  vorliegt.  Kleine  Herde  in  der  Nähe  des  Hilus 
enbronchitische  Stränge  bilden  keine  Kontraindikation, 
leb  er  die  Behandlung  der  Knochentuberkulose  möchte  ich 
hier  nicht  verbreiten,  da  dies  ausschliesslich  chirurgisches  Ge¬ 
st. 

ur  die  Behandlung  der  Bauchfelltuberkulose  werden 
^alls  von  den  verschiedenen  Autoren  verschiedene  Methoden  und 
j hiedene  Dosen  angegeben.  Seitz-Wintz  geben  als  wirksame 
I  ^  Proz.  ihrer  HED.  auf  das  Bauchfell  verabreicht  gedacht 
tuchen  dies_  dadurch  zu  erreichen,  dass  sie  unter  0,5  mm  Zinkfilter 
<  orne  und  hinten  je  ein  Fernfeld  geben,  um  so  eine  möglichst  homo- 
Durchstrahlung  des  ganzen  Abdomens  zu  erreichen.  Schlecht 
e  4  Felder  von  vorne  und  hinten  10  X  10  cm  zu  2/3  HED.  oder 
r eld  10  X  15  cm  von  vorne  und  hinten  unter  4  mm  Aluminium- 
Die  Fernfeldbestrahlung  hält  er  für  unzweckmässig,  ohne  sein 
;  zu  begründen. 

Mewitz  gibt  16 — 20  kleine  Felder  —  täglich  ein  Feld,  gleich 
(HED.  —  unter  3  mm  Aluminiumfilter.  Böge  empfiehlt  4  Felder 
HO  cm  in  zwei  Sitzungen,  auf  das  Feld  Vs— 'A  HED.  unter  3  mm 
jniumfilter  und  wiederholt  diese  Dosis  alle  3  Wochen, 
he  Bestrahlungstechnik,  die  wir  seit  2  Jahren  durchführen,  ist 
h  der  von  W  i  n  t  z  angegebenen.  Wir  verabreichen  bei  der  Bauch- 
lerkulose  je  ein  Feld  von  vorne  und  hinten,  von  ungefähr 
20  cm  Grosse  und  einem  Fokushautabstand  von  45—50  cm  und 
reichen  unter  0,5  mm  Zinkfilter  2/3  HED.  auf  die  Haut.  Damit 
hen  wir  bei  unserem  Apparate  als  wirksame  Dosis  auf  das  Bauch- 
1—50  Proz.  der  HED.  Diese  Methode  verwenden  wir  sowohl  bei 
brösknotigen  Form,  als  auch  bei  der  exsudativen  Form,  freilich 
em  wir  vorher  den  Aszites  durch  Punktion  entleert  haben.  Er- 
it  bei  der  fibrösknotigen  Form  der  Prozess  auf  ein  bestimmtes 
!  t  des  Abdomens  beschränkt,  so,  verwenden  wir  für  diese  Form 
!  tinzelfelder  mit  Konzentration  auf  den  Erkrankungsherd  und  vei- 
Hien  dort  40—50  Proz.  der  HED.  Die  Bestrahlung  wird  gewöhnlich 
0C^en  wiederholt.  Nach  weiteren  8  Wochen  wird  eine  dritte 
chlossen.  Eine  vierte  Bestrahlung  ist  nur  selten  notwendig  ge- 
\  Natürlich  ist  diese  Behandlung  mit  allgemeinen  Massnahmen 
utt-,  Sonnen-,  Ernährungsbehandlung)  zu  vereinen.  Aus  wirtschaft- 
Gründen  ist  es  nur  selten  möglich,  die  Patienten  während  der 
n.  Behandlung  in  der  Klinik  zu  behalten.  Unter  12  Kranken  hatten 
e>  7  sehr  gute  Erfolge,  doch  sind  5  Patienten  ad  exitum  gekommen. 


Ueber  diese  muss  ich  besonders  berichten.  Bei  2  Fällen  handelte  es 
sich  um  Polyserositis  tuberculosa.  Nach  der  ersten  Bestrahlung  (vorher 
Bauchpunktion)  füllte  sich  der  Aszites  sehr  rasch  wieder,  der  Allgemein¬ 
zustand  besserte  sich  nicht  und  wir  sahen  deshalb  von  einer  zweiten 
Bestrahlung  ab.  Wir  glauben  nicht,  dass  bei  der  Polyserositis  tubercu¬ 
losa,  wenn  es  sich  um  ausgesprochene  Fälle  handelt,  durch  die  Röntgen¬ 
bestrahlung  des  Abdomens  ein  Erfolg  zu  erzielen  ist.  2  Fälle,  die  auf 
die  Bestrahlung  während  des  Klinikaufenthaltes  günstig  reagierten, 
gingen  später  ausserhalb  der  Klinik  an  Darmtuberkulose  zugrunde. 
Das  Vorhandensein  von  tuberkulösen  Darmgeschwüren  scheint  uns  eine 
Gegenindikation  für  die  Bestrahlung  zu  bieten.  Auf  jeden  Fall  muss 
beim  Vorhandensein  von  tuberkulösen  Darmgeschwüren  eine  sehr  vor¬ 
sichtige  Dosierung  angewandt  werden,  damit  nicht  die  tuberkulösen 
Infiltrate,  die  vorwiegend  an  den  Lymphfollikeln  des  Darmes  sitzen,  zur 
raschen  Einschmelzung  kommen.  Dadurch  könnten  rasch  breite  Darm¬ 
geschwüre  entstehen,  die  eine  wesentliche  Verschlimmerung  des 
ganzen  Zustandes  bewirken  würden.  Ein  5.  Fall,  der  monatelang  in 
der  Klinik  lag  und  nebenbei  einen  fortschreitenden  Lungenprozess 
hatte,^  wurde  während  des  Klinikaufenthaltes  durch  die  Bestrahlung  sehr 
günstig  beeinflusst.  Der  vorher  bestehende  Aszites  -  war  vollständig 
verschwunden,'  frühere  Drüsentumoren,  im  Abdomen  waren  nach  den 
Bestrahlungen  nicht  mehr  nachweisbar,  der  Allgemeinzustand  hat  sich 
wesentlich  gebessert.  Jedoch  ein  halbes  Jahr  nach  der  Entlassung  ist 
der  Kranke  zu  Hause  gestorben1.  Was  die  Todesursache  war,  liess  sich 
nicht  genau  feststellen,  jedoch  ist  anzunehmen,  dass  eine  unzweck¬ 
mässige  Lebensführung  em  Wiederaufflackern  des  Lungenprozesses  her¬ 
vorgerufen  und  so  den  ungünstigen  Ausgang  bewirkte.  Der  Erfolg 
während  des  Klinikaufenthaltes  zeigt  in  diesem  Fall,  dass  eine  gleich¬ 
zeitig  bestehende  fortschreitende  Lungentuberkulose  an  und  für  sich 
keine  Gegenindikation  gegen  die  Bestrahlung  bildet,  wenn  damit  eine 
entsprechende  Allgemeinbehandlung  durchgeführt  werden  kann. 

Was  die  klinisch  geheilten  und  günstig  beeinflussten  Fälle  betrifft, 
so  sahen  wir  bei  den  exsudativen  Formen,  dass  ein  beträchtlicher 
Aszites  dann,  wenn  sich  die  Kranken  zur  zweiten  Bestrahlung  ein- 
steilten,  häufig  schon  verschwunden  oder  dass  nur  ein  ganz  geringer 
Rest  noch  vorhanden  war.  Das  Allgemeinbefinden  hob  sich,  was  aus 
einer  Gewichtszunahme  zu  entnehmen  war.  Die  fibrösen  Formen 
reagierten  mit  Zurückgehen  und  vollständigem  .Verschwinden  der  früher 
fühlbaren  Knoten  und  mit  wesentlicher  Besserung  des  Allgemein¬ 
befindens.  Bei  der  Bestrahlung  von  fieberhaften  Fällen  der  Bauchfell¬ 
tuberkulose  konnten  wir  wiederholt  eine  günstige  Beinflussung  der 
Körpertemperatur  feststeilen.  Es  zeigte  sich,  dass  am  Tag  der  Be¬ 
strahlung  oder  am  nächsten  ein  Temperaturabfall  eintritt,  dem  in 
manchen  Fällen  dauernd  normale  Temperaturen  folgen;  in  anderen 
Fällen  folgt  nach  einigen  Tagen  ein  nochmaliger  Anstieg  und  erst  danach 
ein  Abfall.  Bei  einer  dritten  Gruppe  freilich  kam  es  nach  kollaps- 
ai tigern  remperaturabfall  wieder  zum  Anstieg  mit  dauernd  hoher  Tem¬ 
peratur.  Auf  Grund  der  Kurven  ist  es  in  den  meisten  Fällen  möglich 
ein  prognostisches  Urteil  abzugeben. 

Eine  genaue  Erklärung  der  Ursachen,  die  die  Temperatureinwir¬ 
kungen  bedingen,  ist  schwer  zu  geben.  Das  Fieber  selbst  wird  erzeugt 
durch  die  Zerfalls-  und  Sekretionsprodukte  der  Tuberkelbazillen  und 
durch  den  Zerfall  der  körpereigenen  Zellen  in  den  tuberkulösen  Herden 
Durch  beide  gelangen  toxische  Produkte  in  den  Kreislauf,  die  die  Wärme- 
i  egulationszenti  en  im  Zwischenhirn  erregen.  Durch  die  Bestrahlung 
selbst  wird  wohl  der  Tuberkelbazillus  in  seiner  Vitalität  nicht  verändert, 
doch  dürfte  die  Vitalität  der  Zellen  der  tuberkulösen  Herde  gestärkt 
werden.  Sind  nun  in  der  auf  die  Bestrahlung  folgenden  Zeit  die  Zellen 
der  tuberkulösen  Herde  durch  den  Strahlenreiz  in  ihrer  Leistungsfähig¬ 
keit  gefördert,  so  wird  der  Infektionsprozess  in  mehr  oder  weniger 
kuizer  Zeit  eingedämmt  und  dementsprechend  kehrt  die  Temperatur 
sofort  nach  kürzeren  subfebrilen  Schwankungen  zur  Norm  zurück.  Ist 
die  Infektion  aber  so  schwer,  dass  die  Körperzellen  trotz  des  ausgeübten 
Strahlenreizes  nicht  mit  ihr  fertig  werden,  so  gehen  die  Temperaturen 
nach  dem  kollapsartigen  Abfall  wieder  in  dauernd  hohen  Stand  hinauf, 
was  ein  Fortschreiten  der  tuberkulösen  Erkrankung  bedeutet. 

■  Hauttuberkulose  wurden  von  dermatologischer  Seite 

kleine  Dosen  unter  1 — 4  mm  Aluminiumfilter  empfohlen.  Die  Bestrah¬ 
lung  muss  in  bestimmtem  meist  kurzen  Intervallen  wiederholt  werden. 
Da  wir  durch  kleine  Dosen  bei  starken  tuberkulösen  Infiltraten  der  Haut 
keine  Besserungen  sahen,  so  sind  wir  zu  grossen  Dosen  übergegangen 
und  bestrahlen  heute  die  Hauttuberkulose  mit  einer  HED.  pro  Feld  unter 
0-5  miTi  Zinikfllte.r  und  wiederholen  dieses  Dosis  2  bis  3  mal  nach  je 
6  Wochen.  Es  ist  durch  diese  Methode  vollständige  Rückbildung  der 
tuberkulösen  Infiltrate  zu  erzielen.  Bei  Lupus  sind  wir  auch  allmählich 
z}}  grösseren  Dosen  übergegangen.  Vor  der  Bestrahlung  werden 

die  Fälle  in  der  Hautklinik  so  lange  mit  20  proz.  Pyrogallussalbe  vor¬ 
behandelt,  bis  die  obere  Schicht  der  Epidermis  sich  losgelöst  hat.  Ist  der 
Lupus  nur  ganz  oberflächlich,  so  bestrahlen  wir  aus  ökonomischen 
Gründen  die  erkrankte  Stelle  mit  einer  HED.  nicht  unter  Zink,  sondern 
unter  3  mm  Aluminium  filter.  Bei  allen  tiefergreifenden  Fällen 
verwenden  wir  das  0,5  mm  Zinkfilter,  verabreichen  ebenfalls  eine  HED. 
pro  Feld.  Die  Bestrahlung  wird  nach  6  Wochen  wiederholt  und,  falls 
die  Erkrankung  nicht  zur  Abheilung  gekommen  ist,  nach  weiteren 
6  Wochen  noch  ein  drittes  Mal  durchgeführt.  Die  Erfolge  der  Röntgen¬ 
behandlung  der  Hauttuberkulose  sind  durchwegs  sehr  gute. 

Zusammenfassung. 

Die  Frage,  ob  es  eine  allgemeine  Tuberkulosedosis  gibt,  ist 
zu  verneinen.  Die  von  Wintz  angegebene  Dosis  von  50—60  Proz. 

4* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


350 


der  HED.,  die  sich  auf  die  Bestrahlung  der  Drüsen-  und  Bauchfelltuber- 
kulose  bezieht,  erscheint  uns  für  diese  Erkrankungen  ais  etwas  zu  hoch. 
Wir  schätzen  die  hiefür  nötige  Dosis  auf  40-50  Proz  dei  HEU. 
Stephan  hat  als  Tuberkulosedosis  10  Proz.  d  HED  an¬ 
gegeben.  Diese  Dosis  kann  nach  unserer  Ansicht  als  Mittelwert  für 
die  Behandlung  der  Lungentuberkulose  gelten.  Wir  beginnen 
bei  dieser  Erkrankung  mit  ungefähr  6  Proz  der  HED.  ^  steigen  im 
Laufe  der  Behandlung  allmählich  auf  15—20  Proz.  der  HED.  Hur  die 
Larynxtuberkulose  dürfte  die  optimale  Dosis  bei  ungefahi 
25  Proz  der  HED.  liegen.  Weit  grössere  Dosen  müssen  zur  erfolgi  eichen 
Bekämpfung  des  Lupus  und  der  Hauttuberkulo  ^eangewende 
werden.  Wir  schätzen  die  bei  diesen  Erkrankungen  E>osj  auf 

mindestens  80  Proz.  der  HED.  Diese  in  Prozentzahlen 
Dosen  sind  auf  den  Erkrankungsherd  zu  verabreichen  Bei  ober  lachl ich 
gelegenen  Erkrankungen  wird  diese  Dosis  gewöhnlich  durch  e  in  Ein- 
fallsfeld  bei  tiefer  gelegenen  durch  zwei  und  mehr  Emfallsfelder  er¬ 
reicht.  Unsere  Erfahrungen  mit  der  Strahlentherapie  haben  uns  gezeig  , 
dass  die  Röntgenstrahlen  nicht  nur  im  Kampf  gegen  Drusen-  und  Bauch¬ 
felltuberkulose,  sondern  auch  gegen  die  Lungen-,  Kehlkopf  und  Haut¬ 
tuberkulose  ein  wertvolles  therapeutisches  Hilfsmittel  darstellen. 


Literatur. 

Seitz  und  Wintz:  Unsere  Methode  der  Röntgentiefentherapie. 
Urban  &  Schwarzenberg.  1920.  -Küpferie:  Strahlenther  Bd.  2  He  t  2 
-  Ders.:  Strahlenther.  Bd.  5.  Heft  2.  -  Bacmeister:  Dun-W.  1916 
Nr.  4.  —  Ders.:  Zschr.  f.  Lungentub.  Bd.  27.  —  ^  e„r.  s;Q.S,tr®hrle  "thü: 
Bd  12  Heft  1.  —  Küpferie  und  De  1  a  Camp.  M.K1.  1913  Nr.  9. 

De  la'  Camp  Ther.  d.  Qegenw..  Mai  1921.  —  M.  Fränkel:  Fortschr. 
a.  d  Geb  d  Romgenstr.  22  m  26.  -  Ders.  Strahlenther  B^  9  Heft  1 
und  Bd.  12,  Heft  2  u.  3.  -  S  t  e  p  ha  n:  Strahlenther.  Bd  11.  S‘ep^ 
Strahlenther.  Bd.  10,  Heft  1.  -  Schlecht:  M.mW  1920  Nr.  28^ 

K  1  e  w  i  t  z:  M.m.W.  1920  Nr.  10.  —  M  0  r  y:  M.m.W.  1921  Nr.  4  B  ose. 
M  Kl  1921  Nr.  36.  —  Mühlmann:  Ther.  Halbmonatschr.,  Jg.  34,  Nr.  . 
Sehr  ötter:  Strahlenther.  Bd.  11.  Heft  2.  —  Schröder:  D.m.W.  19.1 
Nr.  45.  _ 


Blutung.  Bei  der  Aufnahme  bestand  hochgradige  Anämie.  Digitale  Löst 
von  Plazentarresten.  Geringer  Blutverlust.  Nach  24  Stunden  FaUus  info 
Anämie,  trotz  Kochsalz-  und  Bluttransfusion  (500  ccm  m  die  Kubituhei 
Sektion  ergab  eine  hochgradige  Ausbildung  aller  Organe. 

Ich  erwähne  diesen  Fall  nur  deshalb,  weil  der  Veiblutungs 
bei  den  Abortfällen  aus  den  ersten  Monaten  der  Schwa ngersch 
ausserordentlich  selten  ist.  Hegar  hat  in  40  jähriger  1  atigkeit  ub 
haupt  keine  Abortverblutung  erlebt  ,  ...  n 

ln  der  folgenden  Tabelle  habe  ich  die  afebrilen  und  febrilen  Abc 
fälle  zusammengestellt,  wie  sie  sich  auf  die  einzelnen  Jahre  verteil 
Die  Zahlen  der  letzten  Kolumne  zeigen  den  prozentualen  Antei, 
septischen  Aborte. 

Tabelle  1. 


Aus  der  Heidelberger  Universitäts-Frauenklinik. 

(Direktor:  Qeheimrat  Menge.) 

Zur  Frage  der  Therapie  des  septischen  Abortes. 

Von  Dr.  Ludwig  Handorn,  Assistent  der  Klinik. 

Seitdem  Winter1)  auf  dem  Kongress  der  deutschen  Gesellschaft 
für  Gynäkologie  in  Strassburg  1909  für  die  konservative  Behandlung 
puerperaler  Erkrankungen  eintrat  und  2  Jahre  später,  etwa  zu  gleiche! 
Zeit  wie  Trau  g  ott2).  auch  für  die  Therapie  des  septischen  Abortes 
durchaus  neue,  konservative  Richtlinien  aufstellte  ist  der  Kampf  um 
die  beste  Art  der  Behandlung  des  febrilen  Abortes  nicht  zur  Ruhe 
gekommen.  Immer  noch  stehen  sich  die  Ansichten  schroff  gegenube 
und  fast  unübersehbar  sind  die  Veröffentlichungen,  in  denen  die  eu  mei¬ 
nen  Autoren  sowohl  für  das  aktive,  wie  auch  für  das  konservative  Ver¬ 
fahren  beim  septischen  Abort  eintreten.  Die  Abortfrage  ist  in  den 
letzten  Jahren  zu  einem  höchst  aktuellen  Thema  geworden.  Und  dem 
schweren  Problem,  wie  die  Fehlgeburt  im  einzelnen  Fall  zu  behandeln 
sei  steht  der  praktische  Arzt  ratlos  gegenüber,  wenn  er  von  beiten 
namhafter  Autoren  das  eine  Mal  hört,  Heim  fieberhaften  Abort  muss 
sofort  ausgeräumt  werden,  das  andere  Mal,  der  fieberhafte  Abort  iS 
ein  „noli  me  tangere“,  weil  mit  der  Ausräumung  das  grösste  Unheil 
angeriohtet  werden  kann. 

Nur  an  der  Hand  von  umfänglichen  Statistiken  kann  man  zur  Klä¬ 
rung  dieser  Frage  kommen.  Aber  die  Statistiken  müssen  einheit¬ 
lich  geführt  sein,  wenn  sie  als  Vergleichsobjekte  brauchbar  sein 
sollen.  Die  beste  Aussicht  versprechen  ln  dieser  Beziehung  solche 
Zahlenzusammenstellungen,  die  nicht  einzelne  Fälle  einander  gegen¬ 
überstellen,  sondern  die  eine  aktive  und  konservative  Behandlungsara 

als  Unterlage  haben.  ....  ,  .  , 

Nur  L  a  t  zk  0 3)  und  Z  e  1  n  i  k  -  K  e  r  m  a  u  11  e  r 4)  haben  bisher  ein 

derartiges  Material  verwertet.  , 

Um  dieses  auswertbare  Material  zu  vergrossern.  habe  auch  ich 
die  Abortfälle  der  Heidelberger  Frauenklinik  unter  diesem  Gesichts¬ 
punkte  bearbeitet.  .  _  T,_  „„ 

Wir  verfügen  über  1323  Aborte  aus  einem  Zeitraum  von  13  Jahren 

(1908—1920,  klinische  Leitung:  Ge'heimrat  M  en  ge).  ,  ^°npdl®^nf  S 
Aborten  verliefen  1139  (86,1  Proz.)  afebnl  und  184  (13,9  Proz.)  febril. 
Als  fieberhafte  Aborte  habe  ich  nur  solche  bezeichnet,  bei  welchen 
die  Temperatur  38°  und  darüber  betrug.  Da  über  die  Behandlung  der 
afebrilen  Aborte  volle  Einmütigkeit  herrscht,  werden  in  folgendem  nur 
die  „septischen“  Aborte  zur  Betrachtung  kommen.  Beim  afebrilen 
Abort  räumen  wir,  wenn  er  nicht  mehr  aufzuhalten  ist,  grundsätzlich 
möglichst  bald  aus.  Bei  diesem  Vorgehen  haben  wir  nur  einen  ein¬ 
zigen  Todesfall  erlebt,  der  aber  nicht  die  Therapie  belastet.  Die  Frau 
starb  an  Verblutung. 

Frau  M.  St..  46  Jahre,  14,-Gebärende.  Abortus  incompletus  mens.  4. 

Aufgenommen  4.  IX.  1918,  gestorben  5.  IX.  1918.  V1.  „  etnrkp 

Vor  4  Wochen  Abort.  Seit  dieser  Zeit  ausserhalb  der  Klinik  starke 


Jalir 

Ge  samt  zahl 

Atebrile 

Febrile 

Proz.  der 

der  Aborte 

Aborte 

Aborte 

febr.Aborto 

1908 

1909 

69 

71 

61 

52 

8 

19 

11.6 

26,8 

1910 

1911 

61 

80 

52 

65 

9 

15 

14,8 

18, x 

1912 

100 

83 

17 

1913 

112 

96 

16 

14,3 

1914 

146 

125 

21 

•  ha 

1916 

128 

112 

16 

12,5 

1916 

110 

101 

9 

8,2 

1917 

1918 

91 

62 

80 

53 

11 

9 

12,1 

11,5 

1919 

141 

124 

17 

32,1 

1920 

152 

135 

17 

Gesamtzahl 

|  1323 

|  1139 

|  181 

13,9 

Die  Gesamtzahl  der  Aborte  hat  auch  in  der  Heideibergei  hai 
klinik  in  den  letzten  Jahren  stark  zugenommen.  Das  Prozentverhal 
der  febrilen  Aborte  ist  dagegen  im  allgemeinen  gl®J|j2ebkeben,  t 
Erscheinung,  die  auch  Latz  ko  an  seinem  grossen  Material  festste 
konnte.  Er  kam  zu  folgenden  Verhältniszahlen  für  die  septisc 

Aborte:  1911  33,75  Proz. 

1913  28,0 

1916  33,75  ,, 

1917  33,0 

1919  34,87  „ 

Wie  sich  die  septischen  Aborte  auf  die  einzelnen  Monate 

Schwangerschaft  verteilen,  geht  aus  folgender  Tabelle  hervor: 

Tabelle  2. 

Verteilung  der  septischen  Aborte  auf  die  einzelnen  Monate: 


mens.  I 

—  4 

— 

2,2  Proz. 

mens.  II 

—  62 

— 

33,7  „ 

nfiens.  III 

—  65 

— 

35,3  „ 

mens.  IV 

—  22 

— 

12,0  ., 

mens.  V 

—  16 

— 

18,7  „ 

mens.  VI 

—  7 

— 

3,8  ,, 

mens.  ? 

—  8 

' 

4,3  ,, 

!)  Winter:  Verhdl.  d.  deutsch.  Ges.  f.  Gyn.  1909,  13,  Zbl.  f.  Gyn.  1911, 

Nr.  15.  Med.  Kl.  1911.  Nr.  16.  .  „ 

2)  Traugott:  Zschr.  f.  Geburtsh.  1911,  68,  1914,  75. 

3)  Latzko:  Zbl.  f.  Gyn.  1921,  Nr.  12. 

4)  Zelnik:  W.kl.W.  1920,  Nr.  27. 


Ueber  2/s  aller  febrilen  Abortfälle  kommen  demnach  auf  de 
und  3.  Monat  der  Schwangerschaft 

Das  durchschnittliche  Verhältnis  der  gesamten  Aborte  zu  den 
bürten  ausgetragener  Kinder  berechnet  sich  aus  unserem  Materia 
1:  6  Hegar  hat  seinerzeit  für  das  Grossherzogtum  Baden  die 
hültniszahl  1  : 8 — 10  berechnet.  Stellen  wir  bei  unserem  Materia 
Jahre  1908  und  1920  einander  gegenüber,  so  bekommen  wir  die 
hültniszahl  1:7  für  1908  und  1  :4  für  1920.  Auch  bei  dieser 
rechnung  ergibt  sich  also  eine  starke  Zunahme  der  Abortziffer. 

Bei  der  Behandlung  der  fieberhaften  Aborte  gingen  wir  bis 
Jahre  1914  aktiv  vor.  Von  1915  an  wurde  konservativ 
fahren,  wobei  in  dem  Uebergangsjahr  1915  der  eine  oder  andere 
tische  Abort  noch  nach  aktiven  Prinzipien  behandelt  wurde  Bis 
Jahre  1914  wurde  demnach  bei  jedem  Abort,  ob  er  fieberhatt  v 
oder  nicht,  sofort  nach  der  Aufnahme  ausgeräumt.  Von  1915  ab  g 
wir  folgendermassen  vor:  Bei  jedem  fieberhaften  Abort  enthielte 
uns  streng  jeglichen  uterinen  Eingriffes.  Die  Kranken  müssen 
ruhe  enthalten.  Durch  Darreichung  von  2  mal  0,5  Chm in.  sult.  1 
halb  einer'  Stunde  wird  der  Uterus  zu  stärkeren  Kontraktione 
geregt.  Auf  diese  Weise  gelingt  es  oft,  die„  SPpatanentleerunp 
Uterus  zu  erreichen.  Bei  dem  im  Gang  befindlichen  Abort  is 
Chinin  in  der  Tat  ein  glänzendes,  wehenanregendes  Mittel  Mi 
Entleerung  des  Uterus  kommt  es  meistens  zum  Abfall  der  fiebert 
Temperatur  zur  Norm.  Tritt  bei  der  Chinmmedikation  kein  Mol 
so  verhalten  wir  uns  weiterhin  vollkommen  abwartend.  Bei 
ster  Bettruhe  klingt  dann  das  Fieber  gewöhnlich  in  einigen  läge 
Die  Anhänger  der  aktiven  Therapie  weisen  immer  wiede 
die  Gefahren  retinierter.  infizierter  Plazentarteile  hin.  Sie  behai 
dass  von  diesen  aus  der  Körper  immer  von  neuem  von  Keimen 
schwemmt  werde  (S  c  h  0 1 1  m  ü  1 1  e  r,  v.  F  r  a  n  q  u  e).  Nach  un 
Dafürhalten  liegt  gerade  diese  Gefahr  bei  der  Ausräumung  des  irr 
ten  Uterus  viel  näher  als  bei  der  abwartenden  Behandlung.  JA 
stens  sehen  wir  immer  von  neuem,  dass  die  in  Ruhe  gelassenen 
tierenden,  septisch  infizierten  Frauen  in  der  Regel  nach  einige, 
ganz  von  selbst  entfiebern.  Theoretisch  kann  man  die  gute  we 
im  Befinden  sich  so  vorstellen,  dass  sich  ein  Leukozyten vall 
den  abgestorbenen  und  in  Zersetzung  begriffenen  Eiteilen  bildet. 
Cher  eine  weitere  Keiminvasion  in  die  Gewebe  verhindert. 
lebendes  Gewebe  sind  durch  ihn  gewissermassen  vonelnanac 


Aärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


351 


;;den.  Mit  der  Zeit  kann  auch  eine  Autoimmunisierung  zustande 
itnen,  sodass  der  Organismus  Herr  wird  über  die  eingeschwemmten 
:  erien,  zumal  deren  Menge  durch  die  sich  hinter  dem  Infektions- 
:  bildende  Reaktionszone  allmählich  abnehmen  muss. 

Greift  man  bei  solchen  Verhältnissen  digital  oder  instrumenteil 
!  so  durchbricht  man  den  DemarkationswalL 
Der  Vergleich  mit  der  Entleerung  eines  Abszesses,  wie  ihn  manche 
ren  für  die  Ausräumung  des  infizierten  Uterusinhalts  gebraucht 
n,  ist  meines  Erachtens  nicht  richtig.  Bei  der  Eröffnung  eines 
:esses  verschaffen  wir  nur  dem  Eiter  Abfluss,  durchlöchern  aber 
i  die  pyogene  Membran,  deren  Schutz  für  den  Körper  uns  bekannt 
Bei  der  Ausräumung  des  infizierten  Uterus  wird  dagegen  der  aus 
ulationszellen  bestehende  Schutzwall  ausgedehnt  durchbrochen 
damit  der  Allgemeininfektion  *Tür  und  Tor  geöffnet.  Derselbe  Ein¬ 
ist  späte  r,  wenn  die  Bakterien  durch  die  Leukozyten  und  die 
en  Abwehrkräfte  des  Körpers  abgetötet  oder  in  ihrer  Virulenz 
liwächt  sind,  ungefährlich. 

Die  Ausräumung  des  Uterus  wird  bei  dem  Abortus  febrilis  in  der 
elberger  Frauenklinik  gewöhnlich  erst  vorgenommen,  nachdem  die 
peratur  mindestens  8  Tage  lang  völlig  normal  gewesen  ist.  In 
;m  Stadium  stellt  sie,  wie  oben  gesagt  ist,  einen  gefahrlosen  Ein- 

dar. 

Jnsere  Technik  der  Ausräumung  ist  folgende:  Nach  voraus- 
lickter  Uterusspülung  mit  Jodalkohol  vermittelst  eines  dünnkalib- 
i,  doppelläufigen  Uteruskatheters  wird,  falls  es  nötig  ist,  der  Zer- 
kanal  gut  erweitert.  Wir  benützen  hierzu  längsperforierte  H  e  - 
sehe  Dilatatorien.  welche  Menge  für  die  Aufschliessung  des 
haltigen  Uterus  bei  febrilen  Aborten  und  für  die  Dilatation  des 
ikalkanals  bei  jauchenden  Karzinomen  speziell  zur  Durchführung 
eventuell  notwendigen  Intrauterintherapie  hat  anfertigen  lassen5), 
i  Gebrauch  dieser  längsperforierten  Erweiterungssonden  wird  jede 
ipelwirkung  vermieden.  Solide  Dilatatorien  drängen  das  infektiöse 
■rial  nach  der  Stelle  des  geringsten  Druckes.  So  kann  bei  dem 
auch  solider  Instrumente  eine  weitere  Ausbreitung  der  Infektion 
i  die  Tuben,  auf  das  Bauchfell  vermittelt  werden.  Dann  wird 
Ei  oder  sein  Rest  digital  oder  instrumentell  von  der  Uteruswand 
löst  und  mit  der  Abortzange  entfernt.  Wenn  man  digital  Vorgehen 
so  darf  man  dies  nur  bei  genügend  erweitertem  Zervikalkanal 
Menge  legt  grossen  Wert  darauf,  den  Finger  bei  der  Ausräu- 
;  septischer  Aborte  nur  dann  in  die  Uterushöhle  einzuführen,  wenn 
Zervikalkanal  ihn  sehr  leicht  passieren  lässt.  Auch  der  Finger 
Itet  bei  ungenügender  Erweiterung  der  Zervix  eine  Stempelwir- 
Menge  hält  es,  wie  Opitz  und  S  t  o  e  c  k  e  1,  im  allgemeinen 
weckmässiger,  die  Ausräumung  der  infizierten  Uterushöhle  über- 
t  nicht  digital  vorzunehmen,  weil  bei  diesem  Verfahren  der  Uterus 
ier  äusseren  Hand  dem  .einzuführenden  Finger  entgegengedrückt 
en  muss.  Eine  stärkere  Quetschung  der  infizierten  Uteruswand 
sich  dabei  gewöhnlich  nicht  vermeiden.  Durch  diese  Manipu- 
t  können  nicht  nur  Keime  in  das  Wandgewebe  direkt  eingetrie- 
sondern  solche,  die  schon  tiefer  in  der  Wand  sitzen,  auch  weiter 
istreut  werden.  Besonders  in  den  Fällen,  bei  welchen  eine  be¬ 
ende  parauterine  Infektion  infolge  diagnostischer  Schwierigkeiten 
erkannt  wird,  muss  dieses  Vorgehen  schwerwiegende  Folgen 
sich  ziehen.  Schonender  wirkt  hier  die  grosse  stumpfe  Kürette, 
nan  in  all  den  Fällen  anwenden  soll,  bei  welchen  die  zervikale 
ige  für  den  Finger  nicht  ausreicht.  Sie  wird  auch  zum  vorsich- 
Nachkiirettieren  gebraucht,  wenn  vorher  der  Finger  nicht  alles 
rnen  konnte.  Wir  haben  bei  unseren,  mit  der  Kürette  behandel- 
'ällen  nie  eine  Perforation  erlebt  und  glauben,  dass  bei  zartem' 
auch  des  grossen,  stumpfen  Instrumentes  Uterusverletzungen  sich 
rlich  vermeiden  lassen. 

)ie  Resultate  unserer  aktiven  und  konservativen  Behandlungsära 
in  den  folgenden  statistischen  Zahlen  einander  gegenübergestellt. 
Latz  ko  glauben  wir,  dass  es  wenig  Sinn  hat,  Einzelfälle  mit- 
der  zu  vergleichen.  Nur  die  Gegenüberstellung  grösserer  Reihen 
nach  aktiven  und  konservativen  Prinzipien  behandelten  Fällen, 
sie  bis  jetzt  nur  von  Z  e  1  n  i  k  aus  der  Kermauner  sehen 
:  und  von  La  tzko  selbst  gegeben  wurde,  kann  Aufschluss  da¬ 
bringen,  welches  therapeutische  Verfahren  vorzuziehen  ist. 
:r  Aktivist  wird  eine  Reihe  von  Fällen  nicht  operieren  —  wegen 
hender  Komplikationen,  wegen  Spontanabgang  des  Uterusinhaltes 
der  Nonaktivist  wird  sich  genötigt  sehen,  trotz  seiner  Prinzipien 
allzu  selten  einzugreifen  und  zwar  gewöhnlich  wegen  Blutun- 
(Latzko).  Wird  man  als  Anhänger  der  konservativen  Thera- 
wegen  Blutung  zum  Eingreifen  gezwungen,  so  wird  der  Fall 
t  vorher  schon  einige  Tage  konservativ  behandelt  worden  sein, 
iss  er  in  Wirklichkeit  doch  nicht  zu  den  rein  aktiv  behandelten 
i  zu  rechnen  ist.  Der  „Aktivist“  hätte  einen  solchen  Fall  sofort 
träumt.  Und  umgekehrt  werden  bei  den  konservativ  behandelten 
i  aus  der  aktiven  Aera  häufig  die  komplizierten  Fälle,  also  solche 
’on  vornherein  viel  schlechterer  Prognose,  an  Zahl  überwiegen, 
ss  eine  Statistik,  welche  diese  Besonderheiten  nicht  berücksich- 
ein  falsches  Bild  geben  muss,  da  prognostisch  ungünstige  Fälle 
ünstigeren  verglichen  werden.  Unter  komplizierten  Fällen 
ehen  wir  solche,  bei  denen  die  Infektion  den  Uterus  bereits  iiber- 
ten,  also  auf  die  Rarametrien,  die  Adnexe  und  das  Beckenbauch¬ 
bergegriffen  hat.  Diese  komplizierten  Fälle  ganz  auszuschalten, 

E  y  m  e  r  hat  diese  hohlen  Erweiterungssonden  in  der  Zschr.  f. 
enther.  10,  S.  900  beschrieben. 


wie  manche  Autoren,  vor  allem  Halban,  fordern,  ist  m.  E.  nicht 
zulässig.  Es  wird  viele  Fälle  geben,  bei  denen  die  Entscheidung,  ob 
die  Infektion  noch  rein  uterin  oder  schon  parauterin  sitzt,  sehr  schwer 
ist.  Der  Tastbefund  kann  hier  völlig  im  Stich  lassen.  Es  ist  deshalb 
nötig,  zur  Erkennung  der  besten  Behandlungsmethode  alle  Fälle  heran¬ 
zuziehen.  „Sowie  wir  einem  auf  subjektivem  Urteil  beruhenden 
Moment,  wie  der  Anwesenheit  von  Komplikationen  zur  Zeit  der  Ein¬ 
lieferung  einen  entscheidenden  Einfluss  auf  die  Statistik  einräumen, 
öffnen  wir  der  Willkür  Tür  und  Tor“  (La tzko). 

Ich  lasse  nun  unter  Zugrundelegung  dieser  Art  von  Vergleichs¬ 
methode  unser  Material  folgen. 


Tabelle  3. 


Aktiv  beh.  Aborte  .  .  . 
Kons.  „  „  ... 

1908—14 

1915—20 

105  sept  Aborte 
79  „ 

5  Todesfälle 

7 

4,8% 

8,9% 

Mort. 

n 

Gesamtsumme . 

184  sept.  Aborte 

12  Todesfälle 

6,5% 

Mort. 

Nach  dieser  rein  zahlenmässigen  Zusammenstellung  hat  die  kon¬ 
servative  Aera  eine  fast  zweimal  so  grosse  Mortalität  aufzuweisen  wie 
die  aktive  Aera.  Sie  liefert  also  als  ersten  Eindruck  den,  dass  die 
aktive  Methode  der  konservativen  weit  überlegen  ist.  Bei  näherer 
Betrachtung  der  einzelnen,  letal  ausgegangenen  Fälle  ergibt  sich  jedoch 
ein  ganz  anderes  Resultat.  Betrachten  wir  kurz  die  12  Todesfälle. 

1.  Frau  S.  B.,  40  Jahre,  X.-para.  Abortus  incompletus  mens.  5.  Auf¬ 
genommen  24.  X.  1909,  gestorben  2.  XI.  1909. 

Zuhause  einmal  Schüttelfrost  bis  40,9  °.  In  der  Klinik  Metreuryse,  Frucht 
spontan  geboren.  Digitale  Plazentarlösung  und  Kürettage  bei  39,0°  Tem¬ 
peratur.  Hierauf  2  Schüttelfröste  und  intermittierendes  Fieber  um  39 — 40" 
bis  zu  dem  nach  9  Tagen  erfolgenden  Exitus. 

Sektionsprotokoll:  Bild  der  Bakteriämie  mit  multiplen  Abszessen  in 
Nieren  und  Lunger. 

2.  Frau  A.  G.,  35  Jahre,  VIII. -para.  Abortus  incompletus  mens.  3.  Auf¬ 
genommen  11.  VIII.  1912,  gestorben  13.  VIII.  1912. 

Perforation  der  Zervix  nach  kriminellem  Abort  (Einspritzung  von 
Seifenwasser).  Mehrere  Schüttelfröste.  Erbrechen. 

Operation:  Totalexstirpation  des  Uterus  unter'  Mitnahme  beider  Adnexe 
bei  allgemeiner  Peritonitis.  2  Stunden  nach  der  Operation  Exitus. 

3.  Frau  F.  N.,  39  Jahre,  XI. -para.  Abortus  incompl.  mens.  3.  Auf¬ 
genommen  3.  IX.  1912,  gestorben  18.  IX.  1912. 

5  Tage  vor  der  Aufnahme  Schüttelfrost.  Bei  40,3°  Fieber  Ausräumung 
und  Kürettage.  Abends  Anstieg  der  Temperatur  auf  41,3°,  dann  steiler 
Temperaturabfall.  In  den  nächsten  Tagen  langsamer  Anstieg  des  Fiebers. 
Vom  11.  Tage  ab  5  Schüttelfröste  mit  tiefen  Remissionen.  Daher  Unter¬ 
bindung  der  beiden  Venae  spermaticae  und  der  Vena  iliaca  interna  dextra. 
Am  nächsten  Tage  Exitus. 

Sektionsprotokoll:  Puerperaler  Uterus,  Status  nach  Unterbindung  beider 
Venae  ovaricae,  der  rechten  Vena  iliaca  und  zweier  Zweige  des  Plexus 
lumbosacralis,  der  linken  Arteria  iliaca.  Thrombophlebitis  der  Vena  cava 
inferior  und  der  Venae  femorales. 

4.  Frau  M.  St.,  34  Jahre,  II. -para.  Abortus  incompl.  mens.  ?.  Aufge¬ 
nommen  19.  XI.  1913,  gestorben  23,  XI.  1913. 

Am  4.  XI.  vom  behandelnden  Arzt  wegen  Fieber  und  putrider  Eihaut¬ 
reste  Ausräumung  vorgenommen.  In  septischem  Allgemeinzustand  einge¬ 
liefert.  Im  Blut  fanden  sich  Staphylokokken.  Therapie:  Kollargol,  Kochsalz 
intravenös,  Digalen.  —  In  der  Klinik  Schüttelfrost  und  zunehmende  Ver¬ 
schlimmerung.  Nach  4  Tagen  Exitus. 

Sektionsprotokoll:  Eitrige  Endometritis.  Abszess  im  rechten  Para- 
metrium,  jauchige  Thrombophlebitis  in  der  rechten  Hypogastrika  mit  throm¬ 
botischem  Abschluss  gegen  die  Iliaka.  Frischer  Thrombus  in  der  rechten 
Spermatika.  Metastatischer,  eitriger  Milzinfarkt  mit  Durchbruch  ins  Peri¬ 
toneum  und  abgekapseltem  subphrenischem  Abszess  links.  Multiple  eitrige 
Lungeninfarkte. 

5.  Frl.  A.  R.,  27  Jahre,  II. -para.  Abortus  incompl.  mens.  3.  Aufge¬ 
nommen  30.  VII.  1914,  gestorben  28.  VIII.  1914.  Ausserhalb  der  Klinik 
schon  4  Tage  Schüttelfröste.  Nach  Spontanabgang  der  Frucht  in  der  Klinik 
bei  39 5  Fieber  digitale  Plazentarlösung,  dann  dauernd  remittierendes  Fieber. 
37,5 — 41,5°  mit  14  Schüttelfrösten.  Therapie:  Pantopon  und  Morphium. 

Sektionsprotokoll:  Puerperale  Septikopyämie,  putride  Endometritis  mit 
lymphangitischer  Parametritis  abscedens,  septisch  erweichter  Infarkt  in  der 
Milz  und  rechter  Niere,  metastatischer  Abszess  in  beiden  Lungen  und  im 
Myokard.  Frische  verruköse  Endocarditis  mitralis. 

6.  Frau  E.  S.,  40  Jahre,  VIII. -para.  Abortus  incompl.  mens.  2.  Auf¬ 
genommen  28.  VII.  1915,  gestorben  29.  VII.  1915. 

Ausserhalb  der  Klinik  vom  Arzt  trotz  Fieber  4  mal  abradiert.  In  ausge¬ 
sprochenem  septischem  Allgemeinzustand  eingeliefert.  Am  nächsten  Tage 
Exitus. 

Sektionsprotokoll:  Jauchige  Endometritis,  eitrige  Salpingitis,  diffuse, 
eitrige  Peritonitis. 

7.  Frl.  A.  R.,  23  Jahre.  I.-para.  Abortus  spontanea  mens.  4.  Aufge¬ 
nommen  22.  XII.  1916,  gestorben  29.  XII.  1916. 

Bei  der  Aufnahme  40,5 0  Fieber.  Am  2.  Tag  Spontanausstossung  vo  i 
Frucht  und  Plazenta.  Temperatur  40,0°.  Dann  4  Tage  lang  Febris  continua 
um  40°.  Gestorben  an  Sepsis.  Therapie:  Herzmittel. 

Sektionsprotokoll:  Endometritis  puerperalis,  Sepsis,  septischer  Milztumor, 
Infarkt  in  Milz  und  Nieren. 

8.  Frau  S.  K.,  42  Jahre,  XIII. -para.  Abortus  incompl.  mens.  2.  Aufge¬ 
nommen  14.  X.  1918,  gestorben  26.  X.  1918. 

Vor  der  Ausräumung  6  Tage  Temperatur  um  37,0°.  Am  7.  Tag  wurde 
wegen  starker  Blutung  die  Ausräumung  vorgenommen.  Am  7.,  8.  und 

9.  Tag  fieberfrei.  Am  10.  Tag  38,2°.  In  den  nächsten  Tagen  Anstieg  bis  40,0° 
Temperatur.  Am  13.  Tag  Exitus  infolge  Grippe. 

Sektion  verweigert. 

9.  Frau  E.  K.,  35  Jahre,  V.-para.  Abortus  incompl.  mens.  ?.  Aufge¬ 
nommen  20.  IX.  1919,  gestorben  22.  IX.  1919. 

Ausserhalb  der  Klinik  wegen  Abortus  incompl.  trotz  Fieber  ausgeräumt. 

5  Tage  später  Fieber  bis  40°  mit  Schüttelfrost.  Temperatur  bei  der  Auf¬ 
nahme  38,8°.  2  Tage  später  an  Sepsis  gestorben.  Therapie:  Kollargol. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


352 


Sektionsprotokoll:  Putride  Endometritis,  multiple  Abszesse  in  Lunge, 
Leber.  Milz,  Herzmuskel.  Frische,  verruköse  Endokarditis,  Penkarditis. 

10.  Frau  V.  H..  37  Jahre,  Xl.-para.  Abortus  incompl.  mens.  2.  Aut- 
genominen  23.  XII.  1919,  gestorben  3.  I.  1920. 

Von  dem  behandelnden  Arzt  trotz  Schüttelfrost  Abrasio  vorgenommen. 
Bei  der  Aufnahme  39,8"  Temperatur.  Dann  12  Tage  lang  bis  zum  Exitus 
Febris  continua  um  40°  herum.  Therapie:  Kampfer,  Digitalis. 

Sektionsprotokoll:  Eitrige  Endometritis,  eitrige  Lymphangitis  m  beiden 
Parametrien,  Salpingitis  und  Oophoritis  sinistra.  Douglasabszesse,  phleg¬ 
monös  eitrige  Entzündung  im  retroperitonealen  Zellgewebe  entlang  der  Vena 
spermatica  sinistra  bis  zum  unteren  Nierenpol.  . 

11.  Frau  K.  E„  31  Jahre,.  Vl.-para.  Abortus  incompl.  mens.  2.  Aut- 

genommen  18.  VI.  1920,  gestorben  2.  VII.  1920.  u 

Vom  behandelnden  Arzt  ausserhalb  der  Klinik  wurde  trotz  Schüttelfrost 
Abrasio  vorgenommen.  Bei  der  Aufnahme  Temperatur  von  40,0  .  15  Tage 

lang  Febris  continua  um  40".  Septischer  Allgemeinzustand.  Therapie: 
Kollargol,  5  ccm  intravenös,  4  mal.  Im  Blut  fanden  sich  hämolytische 
Streptokokken. 

Sektionsprotokoll:  Thromboendokarditis,  septischer  Milztumor  mit  sep¬ 
tischem  Infarkt,  septischer  Infarkt  der  linken  Niere,  allgemeine  Sepsis. 

12.  Frau  L.  S..  38  Jahre,  IV.-para.  Abortus  incompl.  mens.  2.  Auf¬ 
genommen  10.  XII.  1920,  gestorben  22.  II.  1921. 

Ausserhalb  der  Klinik  wurde  trotz  Fieber  die  Ausräumung  vorgenommen. 
Dann  Temperaturanstieg  bis  40°.  Bei  der  Aufnahme  39,8"  Fieber.  Sep¬ 
tischer  Allgemeinzustand.  Im  Blut  fanden  sich  hämolytische  Streptokokken 
bis  zum  Tode.  Die  Temperatur  war  intermittierend  von  38,5 — 40,0  . 

Sektionsprotokoll:  Endometritis,  Endokarditis  mitralis  ulcerosa,  septi¬ 
scher  Milztumor  mit  teilweise  septischer  Infarzierung,  septischer  Nieren¬ 
infarkt.  ,  „  .  ,  ... 

Von  den  5  Todesfällen  der  aktiven  Aera  darf  ein  Fall  (Nr.  2)  nicht 
der  Ausräumung  zur  Last  gelegt  werden,  denn  er  ist  an  einer  durch 
einen  der-  Operation  vorausgegangenen  kriminellen  Eingriff  entstan¬ 
denen  Peritonitis  gestorben.  Fall  Nr.  4,  der  ausserhalb  der  Klinik  vom 
Arzte  trotz  Fieber  ausgeräumt  wurde,  wäre  bei  uns  in  der  Klinik 
in  der  damaligen  Zeit  ebenso  behandelt  worden. 

In  der  Zeit  1914—1920  (konservative  Aera)  wurden  von  den  7 
ad  exitum  gekommenen  Fällen  5  (Nr.  6,  9,  10,  11  und  12)  von  den 
behandelnden  Aerzten  ausserhalb  der  Klinik  trotz  bestehenden  Fiebers 
ausgeräumt  und  in  septischem  Allgemeinzustand  in  die  Klinik  ein¬ 
geliefert.  Sie  können  demnach  nicht  als  konservativ  behandelte  Fälle 
gelten.  Fall  Nr.  8  ist  an  Grippe  gestorben.  Er  darf  also  nicht  mit¬ 
gezählt  werden.  Von  Todesfällen,  die  dem  konservativen  Verfahren 
zur  Last  gelegt  werden  können,  bleibt  demnach  nur  einer  (Nr.  7). 

Unter  Berücksichtigung  dieser  Sachlage  muss  also  Tabelle  3 


folgendermassen 

lauten : 

Tabelle  3. 

Aktiv  bell.  Aborte  . 
Kons.  „  „ 

.  .  1908—14  105  sept.  Aborte 

.  .  |  1915-20  1  79  „  „ 

4  Todesfälle 
l  Todesfall 

3,8%  Mort. 
1,3%  „ 

Aus  der  berichtigten  Tabelle  geht  demnach  hervor,  dass  die  Mor¬ 
talität  bei  aktivem  Vorgehen  bedeutend  höher  ist  als  bei  konserva¬ 
tiver  Behandlung.  Latzko  berechnete  für  sein  Material  (Aborte  über 
38")  bei  aktivem  Vorgehen  11  Proz..  bei  exspektativem  Verhalten 
7,8  Proz.  Mortalität.  H  a  1  b  a  n  “)  kommt  bei  durchweg  aktivem  Vor¬ 
gehen  auf  eine  Mortalität  von  3,13  Proz..  wobei  aber  zu  berück¬ 
sichtigen  ist,  dass  H  a  1  b  a  n  komplizierte  Fälle  ausschaltet,  während 
Latzko  dies  bei  seiner  Statistik  nicht  tut. 

Zwei  Momente  werden  gegen  das  abwartende  Verfahren  immer 
wieder  ins  Feld  geführt:  Der  lange  Krankenhausaufenthalt  und  die 
Blutungsgefahr.  Ich  habe  die  durchschnittliche  Dauer  des  Kranken¬ 
hausaufenthaltes  aus  unserem  Material  berechnet  und  bin  dabei  zu 
folgenden  Zeiten  gekommen:  Bei  aktivem  Vorgehen  12  Tage,  bei  kon¬ 
servativem  15  Tage  Krankenhausaufenthalt.  Traugott  erhält  bei 
exspektativem  Vorgehen  einen  durchschnittlichen  Krankenhausaufenthalt 
von  17,5  Tagen.  Die  bei  unserem  Material  zum  Vorschein  kommende 
geringe  Differenz  von  durchschnittlich  3  Tagen  im  Krankenhausaufent¬ 
halt  bei  konservativer  Behandlung  einerseits  und  aktivem  Vorgehen 
andererseits  kann  auf  keinen  Fall  ausschlaggebend  sein  für  die  Bevor¬ 
zugung  eines  therapeutischen  Verfahrens,  das  für  den  Kranken  weniger 
Lebenssicherheit  bietet. 

In  der  allgemeinen  Praxis  wird  der  Arzt  bei  konservativem  Vor¬ 
gehen  manchmal  auf  Schwierigkeiten  stossen;  die  Kranken  werden 
ungeduldig,  da  sie  unter  dem  Eindruck  stehen,  dass  „nichts  an  ihnen 
gemacht  werde“.  Ein  zielsicherer  und  sich  der  Verantwortung  be¬ 
wusster  Arzt  wird  trotzdem  den  von  ihm  für  richtig  erkannten  Weg 
weitergehen. 

Die  Verblutungsgefahr  ist,  wie  ich  schon  oben  erwähnte,  bei  den 
Aborten  in  den  ersten  Monaten  sehr  gering.  Trotzdem  wird  sie  der 
Praktiker  aus  naheliegenden  Gründen  mehr  fürchten  als  die  Klinik, 
in  der  irnmei  ein  Arzt  zur  Stelle  ist.  der  nötigenfalls  sofort  eingreifen 
kann.  In  der  Praxis  wird  daher  die  Indikationsstellung  nicht  immer  so 
streng  gehandhabt  werden  wie  in  der  Klinik.  Mancher  Arzt  wird  bei 
einem  septischen  Abort  eingreifen,  bei  dem  der  Kliniker  noch  abge¬ 
wartet  hätte.  Doch  bedeutet  es,  wie  Latzko  sagt,  schon  sehr  viel, 
wenn  das  Fieber  an  sich  als  Anzeige  zur  Ausräumung  aus  dem  Ge¬ 
dankengang  des  Arztes  verschwindet. 

Auf  Grund  unserer  therapeutischen  Ergebnisse  werden  wir  dem 
konservativen  als  dem  schonenderen  und  überlegenen  Verfahren  auch 
in  der  Folgezeit  treu  bleiben. 

Zum  Schluss  noch  ein  Wort  zur  bakteriologischen  Indikationsstel¬ 
lung.  Wir  entnehmen  bei  allen  septischen  Aborten  Blut  aus  der  Kubital- 


vene  und  säen  die  entnommene  Probe  sofort  am  Krankenbett  auf  Näh 
böden  aus.  Der  Blutbefund .  soll  uns  aber  nur  einen  diagnostisch! 
und  prognostischen  Anhalt  geben.  Bei  positivem  Streptokokkemiac! 
weis  ist  die  Prognose  fast  immer  ungünstig.  Die  beste  Zeit  zur  Blu 
entnähme  ist  auf  der  Höhe  des  Schüttelfrostes  odei  kurz  danach. 

Auch  der  bakteriologische  Befund  des  Scheiden-  und  Uterusexsi 
dates  ist  für  uns  von  diagnostischem  und  prognostischem  Wert.  I 
bestimmt  aber  in  keiner  Weise  unser  therapeutisches  Handeln. 
nehmen  also  in  dieser  Frage  einen  ähnlichen  Standpunkt  ein  w 
Veit7),  Bumm,  Bondy8),  Mansfeld")  u.  a.  Abgesehen  davo 
dass  eine  exakte  Identifizierung  der  einzelnen  Keimarten  sowohl  ba 
terioskopisch  als  auch  durch  das  Nährbodenverfahren  ausserordentHi 
schwierig  sein  kann,  schwankt  die  Pathogenität  desselben  Bakteriur 
oft  so  stark  hin  und  her.  dass  beim  Nachweis  des  hämol\ tischt 
Streptokokkus  im  Uterusinhalt  ein  Fall  ganz  gutartig  verläuft,  währo 
ein  anderer  einer  höchst  foudroyanten  Sepsis  erliegt.  Auch  kann i  d 
Uteruskavum  schon  wieder  keimfrei  geworden  sein,  wenn  in  der  Tie 
des  Gewebes  die  Infektion  fortschreitet.  Im  Gegensatz  zu  Pa  n k o 
sind  wir  der  Anschauung,  dass  sich  die  bakteriologische  Indikation 
Stellung  für  die  Praxis  noch  weniger  eignet  als  für  die  Klinik. 


Meine  Erfahrungen  mit  Neösilbersalvarsannatrium 


Von  Prof.  Dr.  E.  Qalewskv,  Dresden. 


Der  Wunsch,  verschiedene  kleine  Unannehmlichkeiten,  die  dt 
Silbersalvarsan  anhaften,  zu  beseitigen  und  die  therapeutische  Braue 
barkeit  des  Präparates  noch  zu  erhöhen,  auf  der  anderen  Seite  t 
Lösungen  des  Silbersalvarsans  noch  mehr  zu  stabilisieren  und  dal 
zu  entgiften,  hatte  Geheimrat  Kolle  veranlasst,  auf  diesem  Gehn 
weiterzuarbeiten.  Es  ist  ihm  m'it  seinen  Mitarbeitern  gelungen,  c 
Ziel  zu  erreichen  und  ein  neues  Präparat,  das  Neosilbersalvarsa 
natrium,  zu  finden.  Ich  habe  das  Silbersalvarsannatrium  seit  dem  J\ 
1920  angewendet  und  möchte  heute  über  die  Resultate,  die  ich  r 

demselben  erzielt  habe,  berichten.  *  „  ,  .. 

Ich  habe  mit  dem  neuen  Präparat  bisher  an  290  Kranken  ut 
2800  Injektinen  gemacht,  glaube  also,  dass  ich  nach  einem  Zeitrai 
von  fast  2  Jahren  bereits  in  der  Lage  bin,  ein  Urteil  über  cas  Mit 

zu  fällen.  ,  ,  .  .•  , 

Das  NeoSiSaNa.  ist  ebenso  wie  das  alte  Silbersalvarsan  ein  dun] 
schokoladebraunes  Pulver,  welches  in  Ampullen  von  0,2  bis  0,5  ccm  ; 
liefert  wird.  Wenn  es  sich  zersetzt,  wird  es  grauschwarz,  die  Losu 
nimmt  eine  schwarz  schmutziggraue  Farbe  an,  im  Gegensatz  zur  n 
malen  ichthyolbraunen  Lösung.  Das  in  der  Ampulle  zersetzte  Pul 
darf  selbstverständlich  auch  hier  nicht  angewendet  werden. 

Der  Vorzug  des  Neösilbersalvarsannatrium  vor  dem  alten  bilb 
salvarsan  besteht  schon  bei  der  Lösung  darin,  dass  es  sich  se 
leicht  und  vollkommen  löst  und  dass  die  Lösungen,  verglüh 
mit  denen  des  Neosalvarsan  (aber  auch  des  alten  Silbersalvarsan)  s 
stabilisiert  sind.  Das  Präparat  hält  sich  24  Stunden  an  der  Luft  ol 
wesentliche  Zunahme  der  Giftigkeit,  in  2 — 4  Stunden  erfo.gt  ub 
haupt  keine  Zunahme  der  Giftigkeit,  während  Neosalvarsanpraparate 
3__4  Stunden  das  Zwei-  bis  Dreifache  der  Giftigkeit,  in  24  btum 
das  Sechs-  bis  Siebenfache  erreichen  können. 

Was  die  Schnelligkeit  und  Vollkommenheit  der  Lösung  anbelai 
so  sind  die  Lösungen  von  Neösilbersalvarsannatrium  völlig  gleich 
des  Neosalvarsans.  Als  weiteren  Vorteil  hat  das  NeoSiSaNa,  dass 
in  einer  Dosis,  die  halb  so  gross  ist,  als  die  des  Neosalvarsans.  her' 
heilend  im  Tierversuch  wirkt.  Dies  ist  deshalb  wichtig,  weil 
NeoSiSaNa.  auch  aufzufassen1  ist  als  ein  chemisch  st 
b  i  1  i  s  i  e  r  t  e  s,  biochemisch  verstärktes  N  e  o  s  a  1 Iv  ä  r  s 
Ms  weiterer  Vorzug  des  NeoSiSaNa.  spielt  das  Moment  eine  Ro.le,  fl 
sich  das  Präparat  leicht  mit  Hg  mischen  lässt  und  sich  infolgedes 
besser  zur  Kombinationskur  mit  Hg  —  wegen  der  Methylen-Sulfoxy 
KomDonente,  die  es  enthält  —  als  Mischspritze  verwenden  lasst. 

Ich  habe  das  Präparat  stets  in  Dosen  von  0,2,  0,3.  0,35, 

0  45  und  0,5  angewendet.  Die  Dosis  0,2  habe  ich  nur  als  taste 
Dosis  verwendet.  Als  normale  Dosis  zur  Behandlung  hat  sich  am  bei 
0,3 — 0,45  bewährt  (alle  4 — 5  Tage). 

Was  die  Wirkung  des  Präparates  auf  die  Spirochäten  und  die 
scheinungen  selbst  anbelangt,  so  ist  sie  eine  ausserordentlich  g 
Die  Spirochäten  im  Primäraffekt  verschwinden  im  allgemeinen  her 
nach  der  ersten  Injektion.  Die  Wirkung  auf  den  Primäraffekt  seihst 
ebenfalls  sofort  zu  erkennen.  Derselbe  heilt  schnell  ab,  die  Dm 
bilden  sich  ebenfalls  rasch  zurück,  wenn  man  ohne  Hg  behandelt, 
allgemeinen  ist  das  NeoSiSaNa.  vielleicht  um  eine  Kleinigkeit  schwur 
als  das  alte  9iSa„  dafür  ist  aber  seine  Verträglichkeit  e 
um  so  grösssere.  Ebenso  schnell  verschwinden  Exantheme 
andere  luetische  Erscheinungen,  Auch  Schleimhauterscheinungen  v 
den  ausserordentlich  günstig  beeinflusst. 

Mein  Behandlungsschema  w'ar  im  allgemeinen:  10 — 12  Injektu 
NeoSiSaNa.  zur  Abortivbehandlung  bei  seronegativer  Lues  I.  10 
12  Injektionen  mit  Hg  kombiniert  (oder  auch  allein)  bei  seroposit 
Lues  I.  Jeder  Abortivkur  lasse  ich  nach  6  Wochen  Pause  eine  zw 
Sicherheitskur  von  4 — 6  Injektionen  folgen  (ev.  wieder  mit  Hg  k 
biniert).  Sowohl  vor  der  Kur  wie  nach  den  ersten  Injektionen  als  * 


7)  Veit:  Ergehn,  d.  Uyn.  1914. 

8)  Bondy:  Zschr.  f.  üeburtsh.  70. 
°)  Mansfeld:  Gyn.  Rdsch.  1916, 


M.m.W. 
H.  17. 


1911,  Nr.  38. 


6)  Halb  an:  Zbl.  f.  Gyn.  1921,  Nr.  12, 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


353 


. 

i;h  Schluss  der  Kur  schalte  ich  gewöhnlich  die  Blutproben  eSo,  um 
.  Schwankungen  der  Blutprobe  festzustellen. 

Mit  dieser  Abortivbehandlung  (also  14 — 18  NeoSiSaNa.-Injektiouen) 
ji  primärer  serologischer  Lues  habe  ich  bisher  30  Fälle  behandelt,  die 
i  1 — 1A  Jahre  serologisch  und  klinisch  verfolgen  konnte1).  Alle 
,  ese  Fälle  sind  bisher  o'hne  Rezidive  verlaufen. 
Gleicht  liegt  das  daran,  dass  ich  zu  dieser  Abortivkur  nur  Fälle  ver- 
»  nde.  die  möglichst  frühzeitig  zu  mir  kommen,  und  dass  ich  Fälle 
i  der  5.  oder  6.  Woche  nicht  mehr  zur  reinen  Abortivkur  nehme, 
sserdem  behandle  ich  bei  jedem  Kranken  Primäraffekt  und  die  dazu- 

1  lörende  Scleradenitis  mit  Hg-Salben  usw.  Ich  glaube,  dass  —  so- 
■it  man  nach  \V<  Jahren  überhaupt  rechnen  kann  —  in  meinen 

llen  die  Abortivbehandlung  als  gelungen  anzusehen  ist,  da  bisher 
ntliche  Wa.-Blutproben  negativ  ausgefallen  sind  und  klinische  Re- 
ive  nicht  aufgetreten  sind. 

Neben  diesen  reinen  Abortivkure'n  wurden  auch  kombinierte 
iren  von  NeoSiSaNa.  und  Hg  gemacht,  um  zu  sehen,  ob  die- 
ben  kräftiger  und  nachhaltiger  wirken,  und  um  die  Verträglichkeit 
n  Hg  und  NeoSiSaNa.  zusammen  zu  prüfen.  Einen  wesentlichen 
terschied  zwischen  beiden  Behandlungsmethoden  für  die  Abortiv- 
landlung  kann  ich  bei  meinen  Frühfällen  nicht  anerkennen.  Ich 
re  nicht  den  Eindruck,  als  ob  mit  Hg  ein  wesentlicher  Fortschritt 
feit  würde,  wenn  man  zeitig  genug  anfängt.  Dagegen  vertragen 
e  Kranken  die  reine  Sal  varsankur  sicherlich 
ss  er  als  die  kombinierte.  Ich  glaube  aber,  dass  in  allen 
llen,  wo  die  Blutprobe  positiv  ausfällt,  eine  kombinierte  Kur  in  der 
gel  am  Platze  ist.  Ganz  zweifellos  ist  dies  der  Fall  in  den  Fällen 
ii  manifester  sekundärer  Lues.  Hier  werden  wir  auf  die  kombinierte  Kur 
rläufig  nicht  verzichten  können.  Ich  habe  aber  auch  bei  positivem  Wa. 
Fällen,  in  welchen  die  Kranken  sich  vor  Hg  scheuten  oder  nach  der 
iten  schlecht  vertragenen  Injektion  das  Hg  verweigerten,  mit  reinen 
oSiSaNa.-Injektionen  auch  bei  Lues  I  seropositiva  sehr  gute  Re- 
tate  erzielt,  und  mit  reinen  Salvarsankuren  ein  absolutes  Freibleiben 
rt  serologischen  und  klinischen  Rezidiven  erreicht. 

Was  die  Verträglichkeit  des  Mittels  anbelangt,  so  scheint 
r  dieselbe  eine  ausserordentlich  gute  zu  sein.  Der 
jioneurotische  Symptomenkomplex  tritt  so  gut  wie  gar  nicht  mehr 
:.  Die  beängstigenden,  aber  im  allgemeinen  harmlosen  Erscheinungen, 
2r  die  ich  als  Erster  beim  SiSa.  berichtet  habe,  fehlen  hier  so  gut 

2  ganz.  Nur  äusserst  selten,  vielleicht  2—3  mal,  habe  ich  eine  Wal- 
gshyperämie  im  alten  Sinne  —  aber  viel  leichter  —  konstatieren 
inen. 

Von  besonderen  Nebenerscheinungen  habe  ich  in  2  Fällen  Erbrechen 
ebt;  ab  und  zu  trat  ein  leichter  Schüttelfrost  auf.  aber  doch  nur 
Ingen  Grades.  Stärkere  Schüttelfröste  traten  nur  in  den  Fällen 
:,  in  denen  der  Wa.  bereits  positiv  war  und  unmittelbar  auf  die  In- 
tfon  eine  starke  Jarisch  -  Herxheim  er  sehe  Reaktion  auftrat, 
o  in  den  Fällen,  wo  es  sich  bereits  um  einen  starken  Spirochäten¬ 
fall  und  ein  richtiges  Spirochätenfieber  handeln  musste.  Zwei  meiner 
mken  vertrugen  das  NeoSiSaNa.  im  allgemeinen  schlecht;  sie  fiihl- 
sich  nach  dem  Gebrauch  desselben  nicht  wohl  und  gaben  an,  dass 
en  früher  das  reine  Neosalvarsan  besser  bekommen  wäre.  Tat- 
dilich  war  dies  auch  der  Fall,  als  ich  dieses  wieder  verwendete. 
:se  Kranken  scheinen  also  eine  besondere  Empfindlichkeit  gegen 
;  neue  Präparat  gehabt  zu  haben.  Das  gleiche  trat  in  einem  dritten 
II  ein,  in  dem  ich  einem  Kranken  mit  einer  starken  ulzerösen  Spüt- 
s  der  Nase  NeoSiSaNa.  gab.  Dasselbe  wirkte  zwar  ausgezeichnet, 

■  Kranke  klagte  aber  über  ein  so  auffallend  starkes  Schwitzen  und 
esmaligen  leichten  Schüttelfrost,  dass  ich  auch  hier  wieder  zum  Neo- 
varsan  überging,  welches  er  besser  vertrug.  Sonst  wurde  das  Prä- 
'at  überall  ausgezeichnet  vertragen  und,  abgesehen  von  10  Kranken, 

über  starkes  Fieber  klagten2),  habe  ich  weitere  Nebenerscheinungen 
nittelbar  an  die  ersten  Injektionen  nicht  konstatieren  können.  Da¬ 
ten  habe  ich  zweimal  Ikterus  beobachtet;  einmal  bei  einem  Kranken. 

■  bereits  längere  Zeit  mit  Neosalvarsan,  Silbersalvarsati  und 
oSiSa.  4-  Hg  behandelt  war,  bei  welchem  es  also  zweifelhaft  war. 
lchem  der  Präparate  der  Ikterus  zuzuschreiben  war.  In  einem  zwei- 
i  Fall  trat  im  Anschluss  an  die  8.  NeoSiSaNa. -Injektion  bei  einer  sehr 
pfindlichen  Kranken  ein  Exanthem  auf.  dem  später  ein  Ikterus  folgte, 
dass  die  Kranke  das  Krankenhaus  aufsuchen  musste.  Ausser  dieser 
en  schweren  Salvarsandermatitis  habe  ich  noch  4  Fälle  von  Salvar- 
idermatitis  im  Verlaufe  der  letzten  \A  Jahre  gesehen.  Es  handelte 
h  in  2  Fällen  um  leichtere  Erkrankungen,  die  verhältnismässig  schnell 
rübergingen;  nur  in  einem  Falle,  den  ich  bereits  'in  der  Dermatol, 
sehr. 3)  veröffentlicht  habe,  in  welchem  es  sich  um  eine  Röntgen- 
i  Salvarsandermatitis  handelte,  musste  der  Kranke  mehrere  Wochen 
>  Zimmer  hüten.  Sonst  verliefen  die  anderen  Fälle  im  allgemeinen 
dit  und  günstig.  Dann  habe  ich  noch  einen  leichten  Arsenzoster 

einem  Kranken  gesehen,  der  aber  in  kurzer  Zeit  wieder  verschwand, 
sind  also  1m  allgemeinen  sehr  wenig  Nebenerscheinungen,  die  auf- 
Geten  sind,  und  abgesehen  von  2  Fällen  von  Exanthem,  die  die  Kran- 
■i  veranlassten,  das  Krankenhaus  aufzusuchen,  die  aber  auch  günstig 
^liefen,  habe  ich  keine  ernsteren  Nebenerscheinungen  gesehen. 

Im  letzten  Jahre  habe  ich,  um  auch  diese  Methode  zu  prüfen. 
oSiSaNa.  als  Mise  hin  jektion  mit  Novasurol  oder 
ü  a  r  s  a  1  gegeben  und  habe  mich  von  der  guten  Mischbarkeit  mit 

b  Ausser  diesen  30  Fällen  sind  noch  eine  grosse  Anzahl  von  kurzer 
fobachtungszeit  mit  ebenfalls  bis  jetzt  sehr  guten  Resultaten  in  Behandlung. 
")  Darunter  4  an  einem  Tage  (Wasserfehler?). 

3)  Derm.  Wschr.  1921. 


beiden  Hg-Präparaten  und  von  der  guten  Wirkung  dieser  Mischinjek¬ 
tionen  überzeugt.  Von  einem  bin  ich  allerdings  fest  überzeugt:  dass 
diese  Mischspritzen  nicht  so  energisch  und  nicht  so 
anhaltend  wirken  wie  die  Kombination  von  S  a  1  v  a  r  - 
san  +  Hg  intramuskulär  injiziert.  Ich  habe  bereits  von 
andern  Kollegen  behandelte  Kranke  mit  Lues  II  nach  dieser  Injektions¬ 
methode  gesehen,  die  im  Sekundärstadium  schnellere  und  ernstere 
Rückfälle  gehabt  haben  als  ich  sie  in  meiner  Praxis  gewöhnt  bin.  Ob 
dies  an  den  vielleicht  geringeren  Dosen  oder  an  der  Mischung  liegt, 
kann  ich  heute  noch  nicht  mit  Sicherheit  sagen.  Ich  glaube  also,  dass 
die  Mischinjektionen  zwar  eine  schnelle  Wirkung,  aber  doch  nicht  eine 
so  nachhaltige  besitzen.  Diese  klinischen  Beobachtungen  stimmen  mit 
den  von  Kolle  bei  Kaninchenschankern  ermittelten  Tatsachen,  die 
er  in  Hamburg  auf  dem  Kongress  der  D.  dermatol.  Ges.  mitteilte,  überein. 

Wie  vorsichtig  man  mit  der  Deutung  von  Nebenwirkungen  sein 
muss,  zeigten  mir  2  Fälle,  die  ich  in  der  letzten  Zeit  erlebte.  Einer 
meiner  Patienten,  der  mich  mit  einem  starken  Primäraffekt  und  posi¬ 
tivem  Wa.  aufsuchte,  erhielt  zuerst  eine  schwache  NeoSiSa.-Injektion; 
darauf  Jarisch-Herxheimer  sehe  Reaktion,  Schüttelfrost  und 
Fieber.  Zweite  Injektion  besser  vertragen,  nur  noch  ganz  leichte  Tem¬ 
peratursteigerung.  Dritte  Injektion  NeoSiSa.  0,3  +  Novasurol  als 
Mischspritze  ruft  eine  akute  Hg-Intoxikation  hervor  (Fieber,  sehr  zahl¬ 
reiches  Erbrechen,,  gehäufte  Durchfälle;  nach  Weglassen  des  Nova- 
sarols  und  Erholungspause  werden  die  NeoSiSaNa.-Injektionen  sehr  gut 
vertragen.  In  einem  zweiten  Fall  bei  einem  16  jährigen  Mädchen  mit 
Lues  congenita  werden  die  NeoSiSaNa.-Injektionen  sehr  gut  vertragen. 
Als  ich  zur  Steigerung  Cyarsal  zusetzte,  erfolgte  ebenfalls  ein  Kollaps, 
starkes  Erbrechen,  Durchfall,  Schüttelfrost.  Auch  hier  wieder  wurden 
die  ersten  NeoSiSaNa.-Injektionen  gut  vertragen1). 

Ausser  diesen  beiden  Misserfolgen  habe  ich  bei  den  Mischspritzen 
sonst  keine  wesentlichen  Nebenerscheinungen  gesehen. 

Ganz  kurz  möchte  ich  noch  über  einige  interessante  Fälle  berich¬ 
ten,  die  die  Wirksamkeit  des  neuen  Präparates  zeigen  sollen. 

1.  Eine  schwere  beiderseitige  Keratitis  parenchymatosa,  sehr  lange  mit 
Hg  vorher  vergeblicli  behandelt,  ist  nach  zwei  NeoSiSaNa. -Injektionskuren 
fast  völlig  ausgeheilt. 

2.  Eine  äusserst  hartnäckige  Leukoplakie,  die  seit  4  Jahren  mit  Neo¬ 
salvarsan  und  Hg  behandelt  worden  ist,  und  nebenbei  schwere  vegetierende 
Lueserscheinungen  an  Nase  und  Ohr  zeigt,  erhält  zuerst  eine  Zittmannkur 
und  dann  9  NeoSiSaNa.-Injektionen.  Leukoplakie  und  Lues  vegetans  heilen 
sofort  ab,  obwohl  Patient  ein  starker  Raucher  ist  und  sehr  unregelmässig  zur 
Kur  kommt.  Ein  leichtes  leukoplakisches  Rezidiv  der  Zunge  heilt  nach 
wenigen  Injektionen  einer  zweiten  Kur  sofort  ab. 

3.  Ein  Patient,  welcher  eine  kombinierte  Neosalvarsan-  und  Hg-Kur-  von 
zusammen  7  Salvarsan-  und  20  Hg-Spritzen  erhalten  hat  wegen  primärem 
Ulcus  durum,  erkrankt  kurze  Zeit  nach  Beendigung  der  Kur  an  schwerer 
ulzeröser  Lues  im  Gesicht,  an  der  Urethra  und  am  Arm  bei  positivem 
Wassermann  und  Spirochäten  im  Urethralgeschwür.  Mit  10  NeoSiSaNa.-Injek¬ 
tionen  ist  das  schwere  Rezidiv  abgeheilt.  Der  Patient,  der  an  einer  schweren 
galoppierenden  Lues  erkrankt  ist,  ist  z.  Z.  noch  bei  mir  in  Behandlung, 
sein  Wassermann  ist  negativ,  Erscheinungen  hat  derselbe  z.  Z.  nicht  mehr, 
nachdem  er  noch  einmal  ein  zerebrales  Rezidiv  durchgemacht  und  seitdem 
noch  2  NeoSiSaNa. -Kuren  erhalten  hat. 

Fasse  ich  mein  Urteil  zusammen,  so  halte  ich  das 
Neosilbersalvarsannatrium  für  ein  sehr  wirksames, 
bei  weitem  das  Neosalvarsan  überragendes  Präpa- 
r  a  t.  welches  dem  Silbersalvarsan  'in  seiner  Wirkung  fast  gleich  ist 
und  den  Vorzug  hat,  dass  es  in  höheren  Dosen  verträglicher  ist  als  das 
Silbersalvarsan.  Man  kann  infolgedessen  höhere  Dosen  geben  als  beim 
Silbersalvarsan.  ohne  dass  die  Verträglichkeit  darunter  leidet.  Der  Vor¬ 
zug  desselben  liegt,  wie  'ich  schon  oben  anführte,  darin, -dass  der  angio- 
neurotische  Symptomenkomplex  fast  ganz  wegfällt,  dass  das  Präparat 
in  einer  Dosis,  die  halb  so  gross  wie  die  des  Neosalvarsan  ist,  schon 
heilend  im  Tierversuch  wirkt,  dass  das  NeoSiSaNa.  sich  ebenso  schnell 
und  vollkommen  wie  das  Neosalvarsan  löst,  und  dass  diese  Lösungen 
von  NeoSiSaNa  ausserordentlich  haltbar  und  stabilisiert  sind.  Ein 
Stehenlassen  der  Lösungen  länger  als  Id  Stunde  ist  aber  trotzdem  zu 
vermeiden.  Ich  kann  das  NeoSiSaNa.  auf  Grund  meiner  Erfahrungen 
insbesondere  für  die  Abortivbehandlung  zur  reinen  Salvarsankur  auf  das 
wärmste  empfehlen.  Es  ist  aber  auch  ebensogut  in  Kombination  mit 
Hg  oder  als  Mischspritze  bei  der  sekundären  Lues  und  auch  bei  der  ter¬ 
tiären  Lues  'in  Verbindung  mit  Jod  ein  ausserordentlich  wirksames,  gut 
verträgliches  Präparat. 


Aus  dem  hygienischen  Institut  der  Universität  Qiessen. 
(Direktor:  Prof.  E.  Qotschlich.) 

Ein  Anreicherungsverfahren  zum  Nachweis  von  wenigen 
oder  in  ihrer  Wachstumsenergie  gehemmten  Keimen  im 

menschlichen  Harn. 

Von  Prof.  Huntemüller. 

Das  Verschwinden  der  Krankheitserreger  aus  dem  Blute  des 
kranken  bzw.  genesenden  Körpers  ist  schon  sehr  bald  nach  den  grund¬ 
legenden  Entdeckungen  Robert  Kochs  und  seiner  Schüler  Gegenstand 
der  Forschung  gewesen.  Hierfür  konnten  einmal  die  bakterientötende 
Wirkung  des  Blutes,  die  Ablagerung  in  den  verschiedenen  Organen  und 


1)  Aehnliche  Erfahrungen  habe  ich  auch  mit  Suifoxylat  +  Hg  als 

Mischspritze  gemacht. 


354 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  10. 


endlich  die  Entfernung  mit  den  Se-  und  Exkreten  des  Körpers  verant¬ 
wortlich  gemacht  werden. 

„Die  Fähigkeit  des  Organismus,  mittels  der  Nierensekretion  sich 
nicht  bloss  von  gewissen  gelösten,  sondern  auch  von  organisierten 
Giften  zu  befreien,  „sollte  bis  zu  einem  gewissen  Grade  als  eine  wert¬ 
volle  Einrichtung  der  Natur  zu  begrüssen  sein“  (Cohn  heim  Uj)  utlld 
deshalb  der  Harn  „ein  ausgezeichnet  günstiges  Objekt  für  die  Unter¬ 
suchung  auf  die  Anwesenheit  von  Organismen  im  Körper  darbieten 

(Klebs[2l).  ,  .  .  t  ..  .. 

Die  bakteriologische  Urinuntersuchung  hat  aber  nicht  die  diagnosti¬ 
sche  Bedeutung  erlangt  (Neumann  [3]),  wie  man  es  auf  Grund 
theoretischer  Ueberlegung  annehmen  zu  müssen  glaubte.  Denn  an  der 
Hand  einer  grossen  Reihe  von  experimentellen  Untersuchungen 
(W  y  s  s  o  k  o  w  i  t  s  c  h  [4].  Opitz  [5],  J.  Koch  |6|  u.  a.)  konnte 
nachgewiesen  werden,  dass  die  Ausscheidung  von  Bakterien  durch  die 
Nieren  kein  physiologischer  Vorgang  ist  (Biedl  und  Kraus  |7J), 
sondern  erst  nach  Schädigung  der  Nierenzellen  stattfindet. 

Eine  Schädigung  der  Nieren  im  Verlaufe  von  Infektionskrankheiten 
infolge  von  Toxinwirkung  oder,  wje  wir  gleich  noch  sehen  werden, 
durch  Ablagerung  von  Krankheitskeimen,  wird  aber  häufig  beobachtet, 
so  dass  der  Befund  der  spezifischen  Krankheitserreger  im  Urin  bei 
inneren  Krankheiten  nicht  gar  so  selten  ist.  und  z.  B.  beim  Typhus 
auch  diagnostisch  verwertet  wird.  In  neuerer  Zeit  sind  sogar  mehr¬ 
fach  im  Urin  Diphtheriebazillen  nachgewiesen  (Conra  di  und  Bier- 
a  s  t  [8],  Beyer  [9]  usw.),  so  dass  wir  auch  bei  dieser  als  reine 
Toxikose  aufgefassten  Krankheit  mit  einem  gelegentlichen  Eindringen 
der  Erreger  in  die  Blutbahn'  zu  rechnen  haben.  Denn  an  die  Herkunft 
der  Keime  aus  dem  Blut  ist  in  diesen  beiden  Fällen  wohl  nicht  zu 
zweifeln,  während  wir  andererseits  auch  mit  einer  Infektion  des  Urins 
auf  dem  Lymphwege  vom  Darm  aus  oder  aszendierend  durch  die 
Urethra  zu  rechnen  haben. 

Die  Ausscheidung  der  Typhuskeime  im  Urin  ist  für  die  Epidemio¬ 
logie  des  Typhus  von  grosser  Wichtigkeit  und  kann,  wie  die  Erfahrung 
lehrt,  jahrelang  fortdauern,  nachdem  die  Typhusbazillen  längst  aus  dem 
Blute  verschwunden  sind.  Diese  Keime  stammen  aus  Bakterienherden 
in  der  Niere  selbst,  und  Orth  [10l  bezeichnet  gewisse  Entzündungs¬ 
herde  in  der  Marksubstanz  der  Nieren  bei  septischen  Erkrankungen  als 
„Ausscheidungsaffektionen“,  eine  Bezeichnung,  für  deren  Richtigkeit  die 
oben  schon  erwähnten  Arbeiten  über  das  Schicksal  der  ins  Blut  inji¬ 
zierten  Mikroorganismen  den  Beweis  erbracht  haben.  Nach  Wysso- 
ko  witsch  [4]  verschwinden  diese  schnell  aus  dem  Blute  und  werden 
hauptsächlich  in  der  Leber,  ferner  in  der  Milz  und  nur  in  Ausnahmefällen 
in  der  Niere  abgelagert.  Ob  es  sich  dabei  um  einen  physiologischen 
Vorgang  handelt,  möchte  ich  sehr  dahingestellt  sein  lassen.  Jedenfalls 
können  diese  Ablagerungen,  wenn  es  sich  um  pathogene  Keime  handelt, 
wie  J.  Koch  [6]  nachweisen  konnte,  zu  eitrigen  Nephritiden  führen 
und  „der  Nachweis  von  Traubenkokken  im  Urin  kann  daher  für  die 
Diagnose  eitriger  Nierenerkrankungen,  bei  Pyämie.  Osteomyelitis. 
Endokarditis,  Phlegmone,  Furunkel  und  Karbunkel  von  Bedeutung  sein.“ 

Hu  eb  sch  mann  [11]  kommt  auf  Grund  ätiologischer  und  patho¬ 
logisch-anatomischer  Untersuchungen  zu  dem  Schluss,  dass  eine  echte 
akute  Glomerulonephritis  nie  durch  echte  Bakterientoxine  oder  sonst 
irgendwie  gelöste  Gifte,  sondern  ausnahmslos  durch  endotoxische  Bak¬ 
terien  hervorgerufen  wird. 

In  vielen  Fällen  werden  sich  die  primären  Herde  oder  die  Eingangs¬ 
pforten  der  infektiösen  Keime  gar  nicht  mehr  feststellen  lassen.  Denn 
eine  leichte  Angina,  eine  kleine  eiternde  Hautwunde,  ein  Darmkatarrh, 
Stuhlverstopfung,  Gravidität  usw.  können  den  Mikroorganismen  Ge¬ 
legenheit  geben,  in  den  Organismus  einzudringen,  um  dann  auf  dem 
Blut-  oder  Lymphwege  in  die  inneren  Organe  zu  gelangen  und  hier 
zunächst  abgelagert  zu  werden.  Die  Keime  können  jetzt  selbst  längere 
Zeit  im  Latenzzustand  verharren,  bis  eine  Resistenzherabsetzung  des 
Organismus  ihnen  die  Möglichkeit  bietet,  die  Schutzkräfte  des  Körpers 
zu  überwinden  und  ihre  pathogene  Wirkung  zu  entfalten.  Diese  Ab¬ 
lagerung  kann  nun  überall  im  Körper  stattfinden,  und  wir  sehen  der¬ 
artige  Herde  bei  der  Staphylokokkenpyämie,  dem  Paratyphus  usw.  in 
den  verschiedensten  Organen  auftreten,  doch  scheinen,  wie  es  auch 
Wy  ssokowitsch  experimentell  feststellen  konnte,  Leber,  Milz  und 
Nieren  bevorzugt  zu  werden. 

Die  Herde  in  der  Leber  sollen  an  anderer  Stelle  den  Gegenstand 
unserer  Betrachtung  bilden:  hier  vollen  wir  uns  speziell  mit  der  bak¬ 
teriellen  Infektion  der  Harnwege  beschäftigen. 

Durch  die  guten  Erfolge  der  Autovakzinbehandlung  nach  W  right 
besonders  bei  infektiösen  Blasen-  und  Nierenerkrankungen,  ist  die  bak¬ 
teriologische  Urinuntersuchung  wieder  in  den  Vordergrund  des  Inter¬ 
esses  getreten.  Ueber  ihre  Bedeutung  für  die  Diagnose  und  Therapie 
speziell  der  akuten  Nephritis  hat  sich  Scheidemantel  [12l  des 
näheren  geäussert.  Er  hält  die  Untersuchung  des  gefärbten  Sediment¬ 
ausstriches  in  der  Bakteriologie  der  Nephritis  deshalb  für  besonders 
wichtig,  weil  nach  seinen  Erfahrungen  im  Gegensatz  zum  eitrigen  Harn 
bei  Zystitis  der  nep'hritische  Harn  häufig  steril  bleibt,  obwohl  im  Aus¬ 
strich  reichlich  Bakterien  nachzuweisen  sind.  Ich  kann  diese  Beob¬ 
achtung  nur  bestätigen,  habe  aber  gerade  mit  auf  Grund  dieses  Be¬ 
fundes  die  von  Scheideman  tel  verworfene  Nährbouillon  mit  gutem 
Erfolg  zu  unseren  Züchtungsversuchen  herangezogen.  Denn  die  in 
ihrer  Wachstumsenergie  gehemmten  Bakterien  entwickeln  sich  nur  sehr 
schwach  und  zögernd  auf  den  festen  Nährböden,  so  dass  ihr  Nachweis 
häufig  misslingt. 

Diese  Wachstumshemmung  ist  bei  den  aus  der  Niere  stammenden 
Keimen  wohl  in  erster  Linie  auf  -eine  Schädigung  durch  die  Immunstoffe 


des  Körpers  zurückzuführen,  eine  Annahme,  die  in  dem  verspäteten 
Wachstum  von  Typhuskeimen  aus  dem  Blut  bei  der  C  o  n  r  ad  i  sehen 
Gallenanreicherung  ihre  Bestätigung  findet  und  die  neuerdings  besonders 
wieder  bei  Schutzgeimpften  nachgewiesen  werden  konnte. 

Auch  in  den  Urin  können  diese  Immunstoffe  übergehen,  wenigstens 
ist  dieser  Beweis  für  die  Agglutinine  geliefert.  Das  Vorkommen  vor 
Antikörpern  im  Urin'  ist  nach  G.  Michaelis  [13l  schon  von  W  right 
bei  seiner  Vakzinationstherapie  beobachtet  und  gibt  einen  guten  In¬ 
dikator  für  die  Fortschritte  der  Immunisierung.  Es  handelt  sich  hierbe 
um  das  Auftreten  von  Fadenbildungen  bei  Bact.  coli,  wie  sie  vor 
Pfaundler  [14]  im  Immunserum  beschrieben  wurden.  Die  Aus¬ 
scheidung  von  Agglutininen  durch  den  Harn,  denn  hierauf  beruht  das 
Phänomen,  findet  aber  nach  den  Untersuchungen  von  H.  v.  H  ö  s  s  • 
lin  [15]  nur  bei  Schädigung  der  Niere  statt,  während  gesunde  Nieren 
für  Agglutinine  undurchlässig  sind.  _ 

Ferner  können  auch  chemisch  wirksame  Stoffe  im  Urin  auftreten 
Durch  die  Untersuchungen  von  K.  B.  Lehmann  [16l  und  I.  Rich¬ 
ter  [17]  wissen  wir,  dass  frisch  gelassener  Harn  durch  seinen  Gehalt 
an  sauren  Phosphaten,  aromatischen.  Substanzen  u.  dgl.  bakterizic 
wirken  kann.  Auch  Meyer -Betz  [18]  konnte  beobachten,  dass 
der  dünne,  schwachsaure  Harn  bei  Pyelitiskranken  dem  Bact.  coli  di» 
üppigste  Vermehrung  gestattet,  während  stark  saurer  Harn  im  all¬ 
gemeinen,  im  besonderen  der  stark  saure  konzentrierte  Harn  der  hoch 
fiebernden  Kranken  ein  Bakterienwachstum  unter  den  gewöhnlich« 
Verhältnissen  lange  Zeit  nicht  aufkommen  lässt.  Ebenso  könnt« 
Hoppe-Seyler  [20]  feststellen,  dass  konzentrierte,  an  aromatischer 
Verbindungen' (Aetherschwefelsäure  und  Glukuronsäure)  reiche  Urin- 
beigemengte  Kolibazillen  absterben  lassen.  Er  strebte  daher  ebens- 
wie  M  e  y  e  r  -  B  e  t  z  [18]  und  H  a  a  s  [19]  bei  der  Behandlung  der  Koli 
pvelitis  und  Zystitis  eine  stark  saure  Reaktion  und  starke  Konzentratiot 
des  Harnes  an.  Auch  nach  Jahn  [21]  ist  bei  tierischem  Harn  der  be 
deutende  Einfluss  der  Azidität  bzw.  Alkaleszenz  bei  der  keimtötende) 
Wirkung  offensichtlich. 

Aber  nicht  nur  die  verminderte  Wachstumsenergie,  sondern  aucl 
die  geringe  Zahl  der  Keime  erschwert  häufig  ihren  Nachweis.  Hier  ver 
sagt  auch  die  mikroskopische  Betrachtung  des  gefärbten  Sediment 
ausstriches,  da  ein  Bodensatz  bei  positivem  Bakterienbefund  nicht  vor 
handen  zu  sein  braucht.  Besonders  ist  dies  bei  frischen  Fällen  voi 
infektiöser  Nephritis  der  Fall,  wo  erst  geringe  pathologische  Verände 
rungen  Platz  gegriffen  haben.  Hier  kann  eine  rechtzeitige,  positive  bak 
teriologische  Harnuntersuchung  die  Diagnose  klären,  und  der  Prozes 
bei  geeigneter  Therapie  ohne  grosse  Funktionsschädigung  zur  Abheilun; 
kommen.  .  .  , 

Unter  Berücksichtigung  dieser  verschiedenen  Punkte  habe  ich  de: 
flüssigen  Nährboden  trotz  seiner  Nachteile  zur  Anreicherung  heran 
gezogen,  ln  der  bakteriologischen  Diagnostik  wird  ja  die  Anwenduii; 
eines  flüssigen  Mediums  zur  Anreicherung  mehrfach  empfohlen.  So  is 
die  Anreicherung  des  Stuhles  in  Peptonwasser  bei  Cholera,  des  Lum 
balpunktates  in  Zuckerbouillon  bei  Meningitis*  und  des  Blutes  in  Gail 
bei  typhösen  Erkrankungen  Gemeingut  der  bakteriologischen  Techni 
geworden.  Von  Travinski  [22]  ist  die  Gallemanreicherung  auc 
zum  Nachweis  von  Tvphusbazillen  im  Urin  mit  gutem  Erfolg  benutz 
Er  konnte  durch  dieses  Verfahren  bei  343  Harnproben  104  m: 
(30,32  Proz.)  Typhusbazillen  nachweisen,  während  es  bei  direkter  An¬ 
saat  auf  Drigalski-Conradi-Platten  nur  69  mal  (20,12  Proz.)  gelans 
Wurde  der  Urin  durch  den  Katheter  entnommen,  so  konnte  bei  78  Unter 
suchungen  25  mal  (32,18  Proz.)  ohne  und  35  mal  (45  Proz.)  mit  dt 
Gallenanreicherung  ein  positives  Resultat  erzielt  werden. 

Bei  diesen  AV.  handelt  es  sich  allerdings  um  den  Nachweis  gan 
bestimmter  Keime,  die  unter  normalen  Verhältnissen  im  oder  ar 
menschlichen  Körper  nicht  Vorkommen.  Doch  hat  das  Conradi 
Kayser  sehe  Galle-AV„  besonders  in  der  Modifikation  vo 
P.  Schmidt  [23]  auch  bei  Staphylo-  und  Streptokokkensepsis  gut 
Erfolge  ergeben. 

Die  Beschaffung  von  einwandfreiem,  steril  entnommenem  Ausgang: 
material  macht  hier  ebenso  wie  bei  der  Entnahme  von  Härnprohe 
Schwierigkeiten.  Dass  diese  mit  dem  Katheter  unter  streng  aseptische 
Kautelen  zu  geschehen  hat,  braucht  wohl  nicht  extra  betont  zu  werde! 
Für  den  vielbeschäftigten  prakt.  Arzt  ist  sie  daher  in  den  meisten  Fällt 
nicht  durchzuführen.  Doch  lassen  sich  bei  geeigneter  Technik  die  Fehlt 
auf  ein  erträgliches  Mass  zurückschrauben. 

Uns  stand  für  unsere  Untersuchungen  das  Material  der  Universität1 
kliniken  sowie  einiger  Fachärzte  in  Giessen  zur  Verfügung.  Zur  Kot 
trollierung  unserer  Befunde  wurden  mehrere  Portionen  des  gleiche 
Harns  untersucht  und,  falls  die  Menge  ausreichte,  was  bei  dem  dur. 
Uretherenkatheterismus  gewonnenen  nicht  immer  der  Fall  war,  je  2  cc 
zu  einer  Agarplatte  ausgegossen.  Falls  das  Resultat  aus  den  ve 
schiedenen  Proben  nicht  übereinstimmte,  wurde  eine  erneute  Einsci 
düng  erbeten.  Auf  diese  Weise  gelang  es  auch  bei  schubweiser  Air 
Scheidung  einwandfreie  Resultate  zu  erzielen. 

Nachdem  wir  uns  in  früheren  Versuchen  von  der  Brauchbarkeit  d< 
Anreicherung  überzeugen  konnten,  gehen  wir  jetzt  in  der  Weise  v< 
dass  wir  von  dem  Bodensatz  des  möglichst  frischen,  steril  entnommene 
Harns  ein  gefärbtes  Ausstrichpräparat  anfertigen  und  je  eine  gros: 
Oese  auf  Agar-  und  Endonährboden  ausstreichen.  Beim  Fehlen  ein* 
Sedimentes  unterbleibt  das  mikroskopische  Präparat,  dagegen  werde 
in  beiden  Fällen  2  ccm  des  gut  durchgemischten  Harns  zu  einer  Aga 
platte  verarbeitet,  ein  Teil  mit  der  gleichen  Menge  Bouillon  verset 
und  ein  Teil  unverdünnt  bebrütet.  Der  Rest  wird  auf  Neutralität  tu 
Eiweiss  geprüft.  Wurden  von  einem  Harn  mehrere  Portionen  eii 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Tabelle  1.  Blasenharn. 


1  alten  kn  ltnr 
lositiv  beim 

Koli 

beweg!  |  unbewegt 

Alkali  - 
bildner 

Typhus 

Paratyphus 

B 

Proteus 

Gono¬ 

kokken 

Staphylo-  |  Strepto¬ 
kokken 

Varia 

Pos  tiv 
insgesamt 

Verun- 

reinignng 

Steril 

Ausstrich  so- 
ort . 

PQ 

(6,5%) 

101 

(16,83%) 

15 

(2,5%) 

1 

(0,17%) 

1 

(0,17%) 

3 

(0,83  %) 

1 

(0,17  o/0)  • 

35 

(5,83  °/0) 

4 

(0,67  o/o) 

16 

(2,67%) 

216 

(36%) 

9 

(1,5  /„) 

!4  stg.  Anc.  . 

— 

25 

<4,17%) 

15 

(2,5%,) 

1 

(0,17%) 

1 

■  (0,17»  0) 

(0,83  %) 

— 

84 

(14%) 

6 

(1%) 

5 

(0,83  %) 

142 

(23,67%) 

(4,83®  0) 

172 

,-iuastr.  nach 

8  st".  Anr.  . 

1 

0\17  /o) 

2 

(0,B3o  0) 

i 

(0,17%) 

— 

-  — 

— 

— 

29 

(3,67%) 

_  2 

(0,33%) 

28" 

(4,67  n  „) 

4 

(0.67%) 

(,<30,0/  /q) 

igesau.t .  .  . 

40 

(6,67%) 

1  6 

(21.33%) 

31 

(5, 17%) 

2 

(0,34%) 

2 

(0,34  0  0) 

(1,33  o/o) 

i 

(0,17»  o) 

141 

'23,5°Jo) 

10 

(1,67®/*) 

23 

(3,83%) 

386 

(64,34%) 

42 

(7%) 

17.' 

(28,67%) 

Tabelle  2.  Ureterenharn. 


lus«tiieli  so- 
3rt  .  .  . 

5 

25 

7 

— 

— 

2 

— 

3 

2 

3 

47 

4 

iusstr.  nacli 

4  stg  Anr.  . 

— 

9 

12 

- 

2 

— 

10 

— 

5 

38 

— 

103 

\usstr.  nach 

8  stg.  Anr.  . 

1 

2 

— 

— 

— 

— 

— 

4 

- 

- 

7 

2 

gesamt .  .  . 

6 

'  _  < 

36 

19 

— 

— 

4 

- 

17 

2 

8 

92 

6 

103 

Tabelle  3.  Mehrfache  Untersuchungen  bei  gleichen  Kranken. 


Pat.  B  Nr.  859 
*  912  r 

„  913  1. 

„  1X61  r. 

„  1162  1. 
„  1232  1. 

„  1275  r. 

„  1276  1. 

„  1261  r. 

»  1262  I. 

„  3846  r. 

„  3847  I. 


Bl. 

Urei. 


n 

v 


Baet.  coli  (atyp.)  sofort 


77  77 

—  —  Staphylokokken  (Verunreinigung!) 

Bact.  coli  (atyp.)  sofort 

n  n 

Bact.  coli  (atyp.)  sofort 

Bact.  coli  (atyp.)  sofort 

n  nach  24  stg.  Anr. 

„  sofort 


Pat 


M  Nr.  2650  Bl. 

„  2651  1.  Ijret 

„  2652  r.  ., 

..  2814  Bl 

,.  2815  I.  Uji't. 
„  2816  r 

„  2843  Bl. 

2901  l.  Uret. 


Staphylokokken  nach  24 stg.  Anr. 
Staphylokokken  nach  24 stg.  Anr. 

77  r 

Staphylokokken  nach  24stg.  Anr. 


„  2902  r. 


;andt,  so  wird  jede  auf  diese  Art  verarbeitet.  Die  2-ccm-Platte  gibt 
;  neben  der  Kontrolle  der  AV.  zugleich  auch  Aufschluss  über  die  Zahl 
entwicklungsfähigen  Keime  in  der  Urinprobe. 

Auch  ohne  Zusatz  von  Nährbouillon  kann  man  in  den  meisten 
len  durch  Bebrütung  der  Urinproben  bei  37°  ein  gutes  Resultat  er- 
en,  da  der  Harn  im  grossen  und  ganzen  einen  guten  Nährboden  für 
(terien  bietet.  Denn  stark  saure  Urine,  die  das  Bakterienwachstum 
gere  Zeit  hemmen,  sind  nach  unseren  Erfahrungen  in  der  Praxis 
ten,  und  die  Verminderung  der  Wachstumsenergie  bei  den  aufgefun- 
len  Bakterien  ist  daher  wohl  in  erster  Linie  auf  die  Wirkung  der  Ab- 
hrstoffe  des  Körpers  zurückzuführen. 

Diese  Ansicht  findet  ihre  Bestätigung  durch  unsere  Kulturergebnisse, 
iterium  coli,  dessen  Infektionsweg  wohl  hauptsächlich  bei  Frauen 
steigend  durch  die  Urethra  führt  und  dessen  Sitz  daher  meist  die 
'•nblase  ist,  wuchs  zum  grössten  Teil,  in  etwa  80  Proz.  der  Fälle, 
n  ersten  Ausstrich  aus  dem  Originalurin  (s.  Tab.  1).  Die  3  Stämme 
Proz.),  die  eine  48  sttindige  Anreicherung  zum  Nachweis  gebrauch- 
und  in  ihrer  Wachstumsenergie  stark  gehemmt  waren,  sind,  wie 
Tab.  2  ersichtlich  ist,  aus  Ureterham,  also  aus  der  Niere  gezüchtet 
waren  d'er  Wirkung  der  Abwehrkräfte  des  Körpers  ausgesetzt  ge- 
5en-  Demgegenüber  wurden  Staphylo-  und  Streptokokken,  die  wohl 
zugsweise  vom  Blut  aus  ihren  Weg  absteigend  durch  die  Nieren  ge¬ 
nmen  hatten,  nur  in  27  Proz.  der  Fälle  beim  ersten  Ausstrich  gefunden, 
egen  in  14  Proz.  erst  nach  48  ständiger  Anreicherung.  Wenn  hierbei 
h  die  geringere  Zähl  der  im  Ausgangsmaterial  vorhandenen  Keime 
lfach  eine  Rolle  spielt,  so  Hess  sich  anderseits  diese  Wachs  tums- 
imung  bei  der  Kultur  auf  festen  Nährböden  auch  sehr  gut  nach  weisen, 
onders  die  Staphylokokkenkolonien  zeigten  häufig  starke  Qrössen- 
Jrenzen,  so  dass  man  oft  an  eine  Mischinfektion  denken  konnte,  bis 
h  die  Zwergkolonicn  durch  die  Bouillonkultur  als  Staphylokokken 
innt  wurden.  Dieser  Zwergwuchs  verlor  sich  erst  nach  mehrfachem 
lerimpfen  auf  frische  Nährböden.  Die  gleiche  Beobachtung  konnte 
Bakterien  aus  der  Koligruppe,  Paratyphus  und  anderen  gemacht 
den.  Auf  den  mit  2  ccm  Harn  gegossenen  Agarplatten  zeigte  sich 
;es  verspätete  und  spärliche  Wachstum  ebenfalls.  Mehrfach  blieben 
;  Ausgangsplatten  aber  steril,  während  die  Kultur  durch  Anreicherung 
ii  gelang.  Auch  der  Fortgang  der  Heilung,  d.  'h.  das  Anwachsen  der 
lunstoffe  im  Körper  kam  hierdurch  gut  zum  Ausdruck. 

Der  lange  Aufenthalt  im  menschlichen  Körper  führte  aber  noch  zu 
teren  Variationen.  So  wurde  z.  B.  bei  den  Staphylokokken  die  Farb- 
ibildung  vermisst;  die  Kolonien  zeigten  auf  der  Agarplatte  fast 
chweg  ein  grauweisses  Aussehen.  Das  Bacterium  coli  hatte  meist 
c  BewglicTikeit  eingebüsst  und  war  atypisch  geworden;  oft  fehlte 
I  raubenzucker-,  hin  und  wieder  auch  die  Milchzuckervergärung, 
■gegenüber  fanden  sich  häufig  Schleim-  und  Fadenbildung,  die  auch 
Eire  Autoren  (s.  G.  Michaelis  [13])  beschreiben.  Mehrfach  konn- 
■  auch  bei  den  vom  gleichen  Kranken,  aber  zu  verschiedenen  Zeiten 
lichteten  Stämmen  Verschiedenheiten  in  der  Beweglichkeit.  Säure- 
uasbildung  festgestellt  werden.  Auch  die  aus  dem  rechten  und  lin- 
'  ureterurin  des  gleichen  Kranken  gezüchteten  Stämme  zeigten  der- 
,re  Unterschiede. 

2  Fällen  konnten  im  mikroskopischen  Präparat  sowohl  wie 
Uh  das  Anreicherungsverfahren  wiederholt  Fäden  mit  echten  Ver- 

Nr.  lu. 


zweigungen  festgestellt  werden.  Ueber  diese  als  Streptotricheen  anzu¬ 
sprechenden  Gebilde  habe  ich  bereits  an  anderer  Stelle  [24]  berichtet. 

Mischinfektionen  wurden  in  20  Tüllen  beobachtet,  und  zwar  handelte 
es  sich  4  mal  um  .Koli  und  Staphylokokken,  4  mal  um  Staphylo-  und 
Streptokokken,  einmal  um  Staphylokokken  und  Hefen,  2  mal  um  Koli 
I  und  Proteus,  in  6  hallen  wurden  neben  Staphylokokken  und  in  3  Fällen 
neben  Koli  Gram-positive,  kurze,  pseudodiphtherieähnliche  Stäbchen  ge¬ 
funden,  die  aber  nur  vorübergehend  festzustellen  waren.  Vielleicht 
handelt  es  sich  hier  um  Diphtheriebazillen,  die  durch  die  Kö-rperpassage 
atypisch  geworden  waren  (s.  ob.  Conrad  i),  eine  Vermutung,  die  noch 
durch  weitere  Untersuchungen  geklärt  werden  muss. 

Verunreinigungen  aus  der  Urethra,  von  der  Haut  und  aus  der  I.uft 
konnten  in  zweifelhaften  Fällen  durch  mehrfache  Untersuchung  des 
I  gleichen  Kranken  als  solche  erkannt  werden.  Sie  treten  auch  bei  ge¬ 
eigneter  Entnahmetechnik  viel  seltener  auf,  als  man  im  allgemeinen 
anzunehmen  geneigt  ist  (s.  Tab.  3).  Auch  sind  meiner  Ansicht  nach 
Staphylokokken,  die  aus  der  Niere  stammten,  sehr  häufig  als  Verunreini- 
j  gung  angesehen  worden,  einmal,  weil  mit  einer  Staphylokokkenaffektion 
der  Niere  nicht  gerechnet  und  ferner  die  für  den  Staphylococcus  pyo¬ 
genes  verlangte  Farbstoffbildung  vermisst  wurde. 

Analoge  Befunde  bei  der  Leber,  die,  wie  oben  gesagt,  an  anderer 
Stelle  mitgeteilt  werden  sollen,  weisen  darauf  hin,  dass  wir  auch  bei 
Nierenaffektionen  viel  häufiger  mit  Staphylokokken  als  der  Ursache  zu 
rechnen-  haben,  als  allgemein  angenommen  zu  werden  pflegt. 

Schmerzen  in  der  Nierengegend  bei  klarem,  sedimentfreiem  Urin 
erwecken  klinisch  den  Verdacht  auf  Tuberkulose.  In  diesen  Fällen  ver¬ 
sagt  auch  die  mikroskopische  Untersuchung.  Bei  52  steril  entnommenen 
Urinproben,  die  uns  zur  Untersuchung  aüf  Tuberkelbazillen  eingesandt 
waren,  konnten  nur  einmal  Tuberkalbazillen  mikroskopisch  festgestellt 
werden,  einmal  fanden'  sich  säurefeste  Stäbchen,  die  sich  bei  weiterer 
Untersuchung  als  Streptotricheen  erwiesen,  in  beiden  Fällen  war  ein 
starker  Bodensatz  im  Urin  vorhanden.  Vor  Anstellung  des  Tierversuches 
sollte  stets  die  kulturelle  Untersuchung  mittels  des  Anreicherungsver- 
fahrems  herangezogen  werden,  da  sie  oft  die  Aetiologie  des  Leidens 
klärt  und  sich  der  jetzt  recht  kostspielige  Tierversuch  erübrigt.  So 
konnte  der  38  mal  geforderte  Tierversuch  8  mal  unterbleiben,  da  ander¬ 
weitige  Bakterien  gefunden  wurden,  die  den  klinischen  Befund  restlos 
klärten;  7 mal  fiel  er  positiv  und  23 mal  negativ  für  Tuberkulose  aus; 
doch  muss  dabe;  berücksichtigt  werden,  dass  bei  vorliegender  Tuber¬ 
kulose  auch  andere  Bakterien  als  Mischinfektiomen  Vorkommen  können. 
In  den  auf  Tuberkulose  verdächtigen  Fällen  konnten  insgesamt  16  mal 
Bakterien  aus  der  Koligruppe,  6  mal  Staphylo-  resp.  Streptokokken 
und  4  mal  verschiedene  andere  Keime  nachtgewies'en  werden. 

Auch  bei  septischen  Erkrankungen  kann  die  Anreicherung  des  Urins 
Aufschluss  über  die  Natur  des  Leidens  geben.  So  konnten  bei  3  auf 
Typhus  verdächtigen  Fällen,  bei  denen  die  G  r  u  b  e  r  -  Wi  d  a  1  sehe 
Reaktion  negativ  ausfiel,  aus  Harn  und  Blut  Staphylokokken  gezüchtet 
und  dadurch  die  Aetiologie  geklärt  werden.  Hier  konnte  das  Ergebnis 
der  Harn-Bouillon-Anreicherung  durch  die  C  o  n  r  a  d  i  -  K  a  y  s  e  r  sehe 
Blutkultur  bestätigt  werden. 

Das  Harn-Bouilion-AV.  gibt  aber  nicht  nur  in  einem  weit  grösseren 
Prozentsatz  als  bisher  frühzeitig  Aufschluss  über  die  Aebioiogie  der 
Erkrankung  und  gestattet  weit  sicherer  als  bisher  die  Feststellung  der 
Bakterienfi eiheit  bei  behandelten  hallen,  bei  denen  v  ir  ja  hauptsächlich 

5 


m 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.. 


Nr.  1 


mit  einer  Wachstumshemmung  zu  rechnen  haben,  sondern  es  set^ 
auch  zugleich  in  den  Stand  durch  eine  Autovakzintherapie  das  Leiden 

MK 7 U cberZ<lieb Erfdge* de"’ Autovakzintherapie  soll  später  gemeinsam  mit 
Prof,  üot sch  lieh  berichtet  werden. 


wsch>;  *-•  ‘fÄlH  74  Kd 

,oo7  26  —  8  Conradi  und  Bierast:  D.m.W.  1912.  9-  a e  j c i. 

vi  mW  1913  —  10  Orth:  Kongr.  in  Rom,  zit.  n.  Baumert.  Jali  ■ 
K-UHOb.chn.ann:  Med.  Kl  1920.  —  12.  S  c! 1^.  de ...  *1 
'«'3.  -13.  OM  1  |h  ..1  »=  F«  ■  *»**  ^ 

hiv,  “-«''JA  V  ‘-fcVf 

D.m.W  1910.  Zi.  __  Schmidt:  D.m.W.  1915.  —  24.  Hunte¬ 

rn  ülfer:'  Festschrift  fü’r  Bostroem  Zieglers  Beitr.  1921.  69.  -  D  e  r - 
selbe:  Zbl.  f.  innere  Medizin  1921,  Nr.  52. 


Aus  dem  balneologischen  Institut  Bad  Nauheim. 

Ueber  die  Verwendung  von  Aluminiumsaiten  zur  Auf¬ 
nahme  des  Elektrokardiogramms. 

Von  Proi.  Dr.  A.  Weber. 


Wertheim-Salomonson1)  hat  darauf  hingewiesen,  dass 
die  Verwendung  von  dünnen  Aluminiumsaiten  gegenüber  den  sonst 
gebräuchlichen  Quarz-  und  erst  recht  gegenüber  den  Platinsaiten  aus¬ 
serordentliche  Vorteile  bieten  würde;  auf  Grund  theoretischer  Berech¬ 
nung  die  durch  das  Experiment  vollaut  bestätigt  wurde,  stellte  er 
fest,  'dass  die  Normalempfindlichkeit  von  4  p  dicken  AlurmmumsEuten 
4  bzw  7  fach  grösser  sei  als  die  von  Quarz-  resp.  Platinfaden.  B  s 
vor  einigen  Jahren  war  die  Herstellung  von  ganz  dünnen  Alumimum- 
saiten  nicht  möglich.  Die  Firma  Heräus,  Hanau  hat  auf  Veranlassung 
von  Wertheim-Salomonson  ein  Verfahren  misgearbeitet,  auch 
ganz  dünne  Fäden  bis  herab  zu  3  p  Dicke  aus  A kimmium  herzu¬ 
stellen.  Mit  Hilfe  eines  Apparates,  den  die  Firma  Lei  tz,  Wetzlar 
baute  ist  es  ein  leichtes,  Aluminiumsaiten  von  3  p  Durchmesser  aus 
den  von  der  Firma  Heräus  bezogenen  Wollastfäden  selbst  herzustellen-). 
Solche  Saiten  von  der  erforderlichen  Länge  für  das  E  d  e  1  m  a  n  n  sehe 
grosse  Elektromagnet-Galvanometer  haben  einen  Widerstand  von  rund 
800  Mit  einem  Ballastwiderstand  von  2000  -  im  Kreise  haben 

sie  eine  Ausschlagsgeschwindigkeit  von  0,0065  Sek.,  wenn  man  eine 
Spannung  von  1  Millivolt  anlegt  und  die  Fadenspannung  so  reguliert, 
dass  bei  tausendfacher  Vergrösserung  ein  Ausschlag  von  1  Zentimeter 
resultiert 

Eine' derartig  rasche  Reaktionsgeschwindigkeit  ist  mit  Platinfaden 
niemals  zu  erreichen.  Sie  ist  insofern  von  praktischer  Bedeutung  als 
es  jetzt  möglich  sein  wird,  auch  mit  kleineren  Modellen  von  Saiten 
galvanometern  vollkommen  richtige  Elektrokardiogramme  zu  zeichnen, 
worauf  schon  S  a  m  o  j  1  o  f  f  und  Wertheim  -  Sa  o  in  onson  in 
gewiesen  haben.  Bei  Verwendung  von  2  p  dicken  Aluminiumfaden 
würde  für  die  klinische  Elektrokardiographie  ein  Permanent-Saiten- 
galvanometer  ausreichend  sein3).  Das  dürfte  eine  Kostenersparnis  vo 
schätzungsweise  80  Proz.  bedeuten.  Jedenfalls  wird  man  künftighin 
ui  Stelle  von  Platinsaiten  nur  noch  Aluminiumfaden  benutzen,  die  ab¬ 
gesehen  von  allen  anderen  Vorteilen,  auch  noch  den  der  grossen  Halt¬ 
barkeit  haben. 


WWWWvVWAVWAWAV^AVAV^AV 


— 


Zu  Adolf  Kussmauls  100.  Geburtstage 

(am  22.  Februar  1922.) 

Von  Prof.  Dr.  W.  Fleiner  in  Heidelberg. 


(Schluss.) 

Kussmaul  ist  auch  als  Kliniker  seinem  Jugendideal  vom  Arzte 
und  dem  vom  Vater  übernommenen  Glauben  an  die  hippokratische  Heil- 
kunst  treu  geblieben.  Galt  seine  Dozentenzeit  in  Heidelberg  im  wesent¬ 
lichen  der  wissenschaftlichen  Medizin,  so  suchte  er  als  Kliniker  in 
Erlangen  mit  emsigem  Fleisse  durch  genaue  klinische  Beobachtung  der 
Kranken  mit  Hilfe  von  physikalischen,  chemischen,  physiologischen  und 
pathologischen  Untersuchungen  die  durch  Einsichtgel  ä  u  t  e  1  e 
Erfahrung  sich  anzueignen,  die  r  a  t  i  o,  welche  H  e  n  1  e  und  Di  e  u  - 
f  e  r  in  ihrer  Zeitschrift  als  Grundlage  der  praktischen  Medizin  forderten. 
Er  fühlte  sich  in  Erlangen  noch  als  Lernender,  denn  als  er  auch  in  den 
Ferien  den  ganzen  Tag  in  der  Klinik  verbrachte,  gab  er  seinem  alten 
Gönner  Gerlach  auf  die  Frage,  „was  er  denn  da  immer  zu  tun  natte, 


v)  Pflügers  Arch.  1914,  158,  S.  107.  .  .  .  . 

2)  Der  Apparat  und  seine  Anwendung  ist.  in  einem  in  Gilde  me  i  sters 


)  lOCI  {\piJdlrtl  uuu  aciuc  Aiiwvnuwiif,  ~  i  •  t 

Zschr.  i.  biol.  Technik  und  Methodik  erscheinenden  Aufsatz  beschrieben. 

3)  Anmerkung  bei  der  Korrektur:  Al.-Saiten  von  2  u  Dicke 
habe  ich  in  allerletzter  Zeit  aus  von  der  Firma  Heräus  bezogenen 
Wollestondraht  mühelos  hersteilen  können. 


es  waren  doch  keine  Studenten  da“,  zur  Antwort;  „Ich  bin  eben  selb 

"0ChIn  Wie?  hatte  es  den  jungen  Arzt  schwer  bedrückt  dass  der  we 

berühmte  Diagnostiker  Skoda  über  % e  K Asm,“ 
Heilens  vergessen  hatte.  Als  junger  Kliniker  stiebte  * “ S! “J 
darnach  diesen  Fehler  auszugleichen  und  der  letzteren  zu  gieic.k 
Rechte  zu  verhelfen.  In  der  akademischen  Antrittsrede  in  Freibu 
über  die  Entwicklungsphasen  der  exakten  Medizin“  hat  er  dann  s. 
eigenes  klinisches  Programm  und  Glaubensbekenntnis  verkündigt. .. 

Wenn  Wissenschaft  M  a  c  h  t  ist,  so  muss  die  Medizin, 
mehr  sie  sich  zur  Wissenschaft  erhebt,  auch  um  so  mächtiger  . 
Kunst  sich  erweisen,  denn  die  Therapie  ist  d.e  golde, 

Frucht  um  derentwillen  das  Feld  der  med.z  i  n  i  s  c  Id 
W  issen  schaftbebautwird.  All  unsere  Arbeit  und  Muhe  ua 
vergebens,  wenn  aus  dem  medizinischen  Wissen  nichts  erwüchse.  , 
die  trostlose  Gewissheit  unseres  Unvermögens. 

Mit  rastlosem  Fleisse  und  gleichem  Interesse  für  alle  Gebiete  i 
Medizin  hat  er  die  Wissenschaft  und  die  Kunst  in  gleicher  \\  eise  j 
fördert!  Alle  seine  Arbeiten,  gross  an  Zahl  und  Verschiedenheit  i 
Stoffes  sind  Meisterwerke  in  ihrer  Art,  inhaltsreich,  klar,  und  zuv 
lässig.  So  waren  auch  seine  Vorträge  in  der  Klinik  und  die  letzt, 
überdies  besonders  anregend,  weil  sie  sich,  der  Erfahrung  und  d 
Bedürfnis  des  Arztes  entsprechend,  einer  gewissen  Universalität 
freute.  Ausser  der  auch  die  Augenheilkunde  umfassenden  Chirurgie, 
Geburthilfe  samt  der  im  Entstehen  begriffenen  Gynäkologie  und  < 
internen  Medizin  gab  es  damals  noch  keine  anderen  klinischen  Sond 

fächer  _  Das  Gebiet  der  inneren  Medizin  war  also  besondtrs  gn 

umfasste  es  doch  ausser  den  eigentlichen  inneren  Erkrankungen  . 
Erwachsenen  auch  die  Kinderheilkunde,  die  Haut-  und  Geschlechtskra 
heiten,  die  Kehlkopfkrankheiten,  die  Nervenkrankheiten  und  zum  1 
auch  die  Geisteskrankheiten.  Auch  war  die  innere  Medizin  nicht  sei. 
abgegrenzt  von  der  Chirurgie  und  Gynäkologie,  Grenzgebiete  umsaun 
ringsum  das  eigentliche  Mutterland.  Darum  stellte  sich  Kussma 
auch  niemals  die  Frage  des  Celsus:  quae  ratio  medicinae  potissima 
aut  chirurgica,  aut  pharmaceutica.  aut  diaetetica?  Er  wählte  die  Mit 
ohne  persönliche  Vorliebe  für  das  eine  oder  das  andere,  nur  nach  < 
Erfordernissen  des  Einzelfalles,  geleitet  von  strengen  Indikationen 
sich  aus  der  genauen  Diagnose  und  der  Einsicht  in  den  inneren  Met 
nismus  des  Krankheitszustandes  ergaben. 

Hervorragend  war  Russmaul  in  der  hippokratischen  Kunst, 
Ernährung  und  Lebensweise  dem  individuellen,  konstitutionellen 
dürfnis  und  Leistungsvermögen  seiner  Kranken  anzupassen  Die  . 
iachsten,  geradezu  populär  gewordenen  diätetischen  Mittel  Ku: 
m  a  11 1  s  z.  B.  die  Hafergrütze,  die  gebrannte  Mehlsuppe  und  die  bat 
milch,  hat  er  in  der  Landpraxis  im  badischen  Oberland  kennen  gelei 
sie  dienten  den  alemannischen  Bauern  zum  Frühstuck  oder  Abendes. 
Pfeufer  hatte  aber  seinen  Klinikern  schon  in  Heidelberg  als  arztii 
Pflicht  eingeschärft,  alle  ihre  Sinne  im  Interesse  ihrer  Klienten  ir 
liehst  auszubilden  und  insbesondere  dem  Geschmackssinn  sein  gi 
Recht  nicht  vorzuenthalten,  selbst  auf  die  Gefahr  des  Zipperleins 
Kehre  es  bei  ihnen  ein,  so  möchten  sie  sich  mit  Sydenham,  < 
englischen  Hippokrates  trösten:  „Die  Gicht  bevorzuge  die  geistreic 
Leute.“  Die  gute  Küche  hatte  also  mit  ihrem  Wohlgeschmack  und  i 
Bekömmlichkeit  auch  ihren  Platz  in  der  Kussmaul sehen  Diätetik 
In  der  Arzneimittellehre  erfahren,  wie  kaum  ein  anderer,  wä 
Kussmaul  nur  die  mildesten  Mittel  und  vetordnete  dieselbe! 
einfachster  Form.  Wenn  irgend  möglich,  vermied  er  die  scharfwirker 
Agentien;  vor  den  grossen  Gaben  des  Kalomels.  wie  dieselben  k 
Zeit  üblich  waren  zur  Behandlung  der  Ruhr  und  des  TyPhuS-  “ 
stets  gewarnt,  weil  dessen  Nutzen  gering  ist  und  auch,  durch  mii 
Mittel  erreicht  werden  kann.  Die  Volksmedizin  hat  er  in  seiner  c 
ländischen  Praxis  vielfach  und  die  Heilmethoden  der  Natura 
aus  ihren  Schriften,  deren  Lektüre  er  mir  manchmal  ar.ernp 
gründlich  kennen  gelernt.  Viel  zu  klug  und  zu  freidenkend, 
überlieferte  Erfahrungen  zu  verachten  oder  die  Gegner  der  Schulme. 
zu  unterschätzen,  suchte  er  in  beiden  den  Kern  von  Wahrheit,  der 
enthielten  und  verwandte  das  Brauchbare  in  der  Therapie,  ohne  dad 
seiner  eigenen  Grösse  Abbruch  zu  tun,  Physikalisch-therapeuti 
Massnahmen,  zumal  die  Anwendung  des  Wassers  in  Form  von 
schungen,  kamen  wegen  ihres  Einflusses  auf  die  Vasomotoren 
Kussma  u  ls  Klinik  vielfach  in  Anwendung,  hat  er  doch  deren  Nt 
schon  in  jungen  Jahren  am  eigenen  Körper  erfahren.  Die  kalten  ö 
wie  dieselben  zurzeit  bei  Typhus  üblich  waren,  ersetzte  er  in  hum 
Weise  und  mit  gleichem  Erfolge  durch  Teil-  oder  Ganzwaschungen 
Einschlagen  des  Körpers  in  nasse  Leintücher  auf  einem  neben 
Krankenbett  gestellten  Ruhelager. 

Unter  den  zahlreichen  werktätigen  Handleistungen  mechani: 
Art,  welche  dem  Namen  nach  zur  Chirurgie  gehören,  aber  vom  i 
tischen  Arzt  mit  gleichem  Erfolge  wie  vom  chirurgischen  oder  gyi 
logischen  Operateur  ausgeführt  werden  können,  verdient  die  von  K  t 
maul  ersonnene  und  viel  geübte  Kompressionstampon 
der  Portio  vaginalis  uteri  zur  Einschränkung  oder  V  erm 
der  übergrossen  menstruellen  Blutverluste  der  Frauen,  besondere: 
wähnung.  Die  Quelle  so  vieler  Leiden,  welche  die  fortschreitende 
armung  des  Blutes  und  der  Kräfte  zur  Folge  hat,  ist  durcr 
„Blutsparungsmethode“  Kuss m'auls  verstopft  worden ; 
selbe  hat  sich  auch  vielfach  bewährt,  wo  innere  Mittel  versagten 
die  Massnahmen  der  „kleinen  Gynäkologie“,  die  Auskratzungen  sic 
nutzlos  erwiesen. 


[  März  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


357 


Am  engsten  verknüpft  mit  dem  Namen  Kussmauls,  im  Volks- 
t  nde  geradezu  identisch  mit  ihm,  ist  die  Behandlung  der 
igenerweiterung  mittels  der  Magenpumpe.  Voraus 
i  g  dieser  Erfindung  die  „Behandlung  des  Schnupfens  der  Säuglinge“ 
.  ch  Katheterisierung  der  Speiseröhre  und  Einlaufenlassen  der  Milch  in 
ji  Magen,  wenn  den  armen  Wesen  durch  Behinderung  der  Nasen- 
\  riung  das  Saugen  unmöglich  geworden  war.  Manchem,  der  sich  für 
%  hält,  wird  dieses  Thema  höchst  unbedeutend  und  eines  grossen 
'  nnes  kaum  würdig  erscheinen:  eine  Mutter  aber,  die  ihr  Kind  dem 
\  hungern  nahe  gesehen  hat,  denkt  anders. 

So  gut  man  nun  einem  Säugling  einen  Katheter  über  den  Kehlkopf- 
»gang  hinweg  in  die  Speiseröhre,  kann  man  bei  Erwachsenen  eine 
ülutidsonde  unter  Benützung  des  Schluckaktes  in  den  Magen  hinab- 
i  ieben.  Aus  Mitleid  mit  den  Kranken,  die  von  den  im  erweiterten 
gen  angestauten,  sauren  und  zersetzten  Massen  furchtbar  gequält 
1  durch  fortgesetztes  Erbrechen  doch  nie  ganz  befreit  wurden,  schritt 
<zur  Einführung  der  Schlundsonde  und  zur  Entleerung  des  Magens 
tels  der  Pumpe.  Daran  schloss  sich  die  Spülung  des  Magens  mit 
sser  oder  Salzlösungen:  die  Lokalbehandlung  der  Magenschleimhaut, 
"welcher  auch  die  Bedeckung  von  Geschwürsflächen  mit  Wismut  ge¬ 
lt.  Die  starre  Sonde  wurde  bald  ersetzt  durch  eine  weiche  und  die 
■inpe  durch  einen  Trichter,  welcher  durch  einen  längeren  Gummi¬ 
llauch  und  ein  kurzes  gläsernes  Schaltstück  mit  der  weichen 
gensonde  in  Verbindung  gebracht  wurde.  Hatte  man  Wasser  durch 
porheben  des  Trichters  in  den  Magen  einlaufen  lassen,  so  kam  durch 
-rikung  des  Trichters  eine  Heberwirkung  zustande,  welche  ent¬ 
deckend  der  Mageninhalt  nach  aussen  ablaufen  konnte,  ohne  jegliche 
Ürchwerden  für  den  Kranken.  Was  in  den  ausgespülten  Massen  als 
ij  erdaulich  für  den  betr.  Magen  erkannt  worden  war.  wurde  in  der 
:t  weggelassen.  Hatte  die  chemische  Untersuchung  einen  Ueber- 
iuss  an  Säure  ergeben,  so  wurde  dieser  durch  Alkalien  neutralisiert 
i.  im  Gegensatz  hierzu  ein  Mangel  an  Säure  ersetzt.  Für  Diätetik 
i  medikamentöse  Therapie  ergaben  sich  also  bald  zuverlässige 
nkationen.  Als  dann  die  Methodik  der  Spülung  oder  Ausheberung  des 
igens  so  schonend  als  möglich  ausgebildet  war,  schritt  man  auch  zur 
ersuchung  der  Funktionen  normaler  Magen  und  so  erwuchs  allmäh- 
i  aus  der  ursprünglich  therapeutischen  Methode  Kussmauls  eine 
Imostische  und  aus  dieser  eine  neue  Physiologie  und  Pathologie  der 
/Igenverdauung,  wenigstens  in  sekretorischer  Hinsicht. 

Im  engen  Zusammenhang  mit  der  neuen  Behandlungsmethode  der 
igenerweiterung  standen  Kussmauls  Versuche,  die  Speiseröhre 
i  selbst  das  Innere  des  Magens  zu  sniegeln.  Tatsächlich  hat  er  die 
i  e  direkte  Oesophagoskopie  mit  Erfolg  ausgeführt  (1868). 

Von  den  motorischen  Verrichtungen  des  Magens  ergab  dessen 
rgendliche  Spülung  nur  die  Suffizienz  oder  Insuffizienz,  was  an  Stö- 
igen  dazwischen  lag,  blieb  verborgen.  Wer  das  Büchlein  über  ..Die 
rorischen  Verrichtungen  des  menschlichen  Magens“  gelesen  hat,  die 
1  isaufgab^  der  Strassburger  Universität,  die  K  u  s  s  m  a  u  1  gestellt 
:  Poensgen  bearbeitet  hat,  wird  staunen,  mit  welchem  Eifer  und 
(wand  an  Arbeit  der  erstere  nach  der  Erkenntnis  dieser  Vorgänge  ge- 
hbt  hat.  Sie  ist  ihm  versagt  geblieben,  erst  das  Röntgenverfahren, 
Kussmaul  nicht  mehr  erlebt  hat.  hat  sie  erbracht. 

Dagegen  erkannte  Kussmauls  klarer  Blick  die  Grenzen  der 
•!>iung  seiner  Behandlungsmethode  der  Magenerweiterung:  er  wmsste, 
ijs  sie  nur  Beschwerden  lindem  und  das  Leben  verlängern,  aber 
uhanische  Verengerungen  des  Magenausganges  nicht  beseitigen 
nte.  Er  glaubte,  dass  nur  die  Chirurgie  hier  Hilfe  schaffen  könnte, 
so  hat  K  u  s  s  m  a  u  1,  der  interne  Kliniker,  die  erste  Anregung  dazu 
eben,  Magenkrankheiten,  welche  für  die  interne  Behandlung  unheil¬ 
sind,  auf  operativem  Wege  in  Angriff  zu  nehmen  (Kussmaul: 
Arch.  f.  klm.  M.  6.  S.  485). 

Schneller  als  Kussmaul  es  für  möglich  gehalten  hat,  ist  die  Chirur- 

■  unter  dem  Schutze  erst  der  Antiseptik  und  dann  der  Aseptik  mit  ihrer 

■  iderbar  entwickelten  Technik  in  Gebiete  vorgedrungen,  welche  einst 
!  schliesslich  der  internen  Medizin  angehört  haben.  Anlässlich  der 
Lveihung  des  neuen  Operationssaales  der  Heidelberger  chirurgischen 
'iik  sagte  der  alte  Herr  in  einer  geistvollen  Rede,  halb  im  Scherz 
j  halb  im  Ernst:  „Wenn  ich  noch  einmal  jung  wäre,  so  würde  ich  bei 
h  Assistent  werden  und  darnach  streben,  die  vielen  Fälle,  welche 
3t  zu  Czerny  wandern,  der  medizinischen  Klinik  wieder  zurück- 
i  ewinnen.“ 

„  Czerny,  der  nach  30  jähriger,  ruhmvoller  Leitung  der  chirurgischen 
uik  in  Heidelberg  das  Krebsinstitut,  das  jetzige  Samariterhaus,  grün- 
U,  hat  zum  Gedenken  seines  ehrwürdigen  Schwiegervaters,  des 
1  spen  Arztes,  den  Kussmaulpreis  für  Verdienste  um  die  Heilkunde 
Giftet  und  der  medizinischen  Fakultät  das  Recht  verliehen,  alle 
ahre,  am  22.  II.,  dem  Geburtstage  Kussmauls,  demjenigen 
rischen  Arzte  zugleich  mit  der  Kussmaulmedaille  den  Preis  zu  er- 
welcher  ein  neues  Heilverfahren  ersonnen  hat,  das  sich  dann  in 
Praxis  bewährte.  Wir  haben  diesmal  Sauerbruch  gewählt, 
ven  seiner  Verdienste  um  die  Chirurgie  der  Brustorgane. 

Auch  auf  diesem  Gebiete  ist  K  u  s  s  m  a  u  1  ein  Vorkämpfer  gewesen, 

1  n  er  hat  „DieThorakozentesebeiPleuritis,  Empyem 
4  Pyopneumothorax“  (D.  A.  f.  klin.  M.  1868,  4.)  zum  Ge- 
"ngut  der  Aerzte  gemacht.  Das  Verfahren  war  nicht  neu.  denn  schon 
tpokrates  hat  vor  22  Jahrhunderten  dasselbe  manchmal  mit  Glück 
■geführt.  Aber  die  neue  Wiener  Schule,  deren  therapeutischer  Nihilis- 
:  schon  wiederholt  erwähnt  worden  ist,  hatte  aus  den  verunglückten 

■  suchen  des  Chirurgen  Schuh  und  des  Diagnostikers  Skoda,  die 
mündlichen  Ergüsse  in  die  Brusthöhle  operativ  zu  heilen,  den  Schluss 


gezogen,  „dass  es  besser  sei,  die  Heilung  dieser  häufigen  Krankheiten 
der  Natur  zu  überlassen,  es  müsste  denn  sein,  dass  der  Eiter  durch¬ 
brechen  wollte  und  die  Natur  bei  ihren  Heilbestrebungen  doch  nicht 
ganz  geschickt  verfahre.“ 

Kuss  maul  vermochte  nicht,  der  schliesslich  zum  Tode  führen¬ 
den  Atemnot  dieser  Gequälten  untätig  zuzusehen  und  entleerte  die 
Pleuraergüsse  durch  Punktion,  Schnitt  oder  auch  durch  Rippenresektion. 

Zur  exakten  Indikation  für  das  im  Einzelfalle  zu  wählende  Opera¬ 
tionsverfahren  reichte  die  physikalische  Diagnostik  nicht  aus:  so  kam 
er  allmählich  zur  P r  ob  e  p  u  nk  ti  o n,  einem  Verfahren,  das  jetzt  all¬ 
gemein  üblich  und  über  die  Wahl  der  Operationsmethode  entscheidend 
geworden  ist.  Wässerige  Ergüsse  konnten  durch  einfache  Punktion  zur 
Heilung  gebracht  werden,  eitrige  nur  durch  breiten  Schnitt  oder  Rippen¬ 
resektion.  Die  Spülungen  der  Pleurahöhle  mit  desinfizierenden  Flüssig¬ 
keiten,  wie  Lösungen  von  unterschwefligsaurem  Natron  (das  er  auch 
bei  Magenspülungen  verwandte,  in  der  Annahme,  dass  die  schweflige 
!  Säure,  wie  beim  Schwefeln  der  Fässer,  hemmend  auf  Pilzwucherungen 
wirkte)  und  von  Kreosotwasser,  ebenso  wie  die  von  ihm  konstruierten 
doppelläufigen  Drainröhren,  erweisen  sich  jetzt  nicht  mehr  als  nötig. 

Von  dem,  was  Kussmaul  in  der  medizinischen  Wissenschaft  und 
Kunst  geleistet  hat,  ist  in  diesem  engen  Rahmen  nur  ein  keines  Bild  ge¬ 
zeigt  worden ;  auf  schlichtem  Hintergrund  eigentlich  nur  die  Marksteine, 
welche  den  Weg  und  die  Richtung  des  Aufstiegs  zur  Höhe  der  Meister¬ 
schaft  in  der  Heilkunde  4)  kennzeichnen.  Für  eine  des  seltenen  Mannes 
würdige  Biographie  ist  noch  viel  übrig  geblieben. 

Wohl  kann  man  den  Ruhm  des  Gelehrten  nach  dem  bleibenden  Wert 
seiner  Werke  bemessen,  zur  vollen  Würdigung  des  grossen  Arztes  und 
seines  erfolgreichen  Wirkens  gehört  aber  noch  die  Kenntnis  von  der 
Eigenart  seiner  hervorragenden  Persönlichkeit.  War  sie  schon 
<rross  in  ihrer  Wirkung  des  Studenten  auf  seine  Komilitonen  zur  Zeit  der 
Gründung  der  allgemeinen  Studentenschaft  und  grösser  in  ihrem  Ein¬ 
fluss  auf  Freunde  und  Kollegen  zur  Zeit  der  Gründung  des  Naturhisto¬ 
risch-medizinischen  Vereins  in  Heidelberg,  so  stieg  sie  mit  wachsender 
Menschenkenntnis  und  Lebenserfahrung  in  der  klinischen  Laufbahn  und 
erreichte  ihren  Höhepunkt  wohl  in  Strassburg,  wo  Kussmaul  und 
seine  Klinik  das  stamm-  und  sprachverwandte  alemanische  Volk  jenseits 
des  Rheins  dem  Deutschtum  viel  näher  brachte,  als  eine  grosse  Zahl 
von  norddeutschen  Offizieren  und  Beamten  zusammengenommen.  Wenn 
er  von  seinem  Vater  sagte,  „dass  seine  ruhige  und  teilnehmende  Art 
j  mit  den  Kranken  zu  verkehren,  ihm  überall  das  Vertrauen  der  Leute 
bald  gewann,  dass  er  niemals,  um  die  Gunst  der  Menge  buhlend,  von 
der  Höhe  seiner  Bildungsstufe  herabstieg  und  gegen  Vornehm  und  Nieder 
;  stets  die  gleiche,  achtungsvolle  Höflichkeit  bewahrte,  die  dem  Arzte 
die  Gemeinheit  fernhält  und  demselben  besser  als  rohe  Manieren  auch 
die  Wertschätzung  der  Niedergestellten  gewinnt,  die  sich  durch  höf- 
I  Heftes  Benehmen  der  höher  Gebildeten  geehrt  und  gehoben  fühlen“,  so 
galt  das  alles  und  wohl  noch  in  höherem  Masse  auch  von  ihm.  Für 
!  jeden  seiner  Kranken  fand  er  den  richtigen  Ton,  einen  gütigen  Blick 
|  und  den  tröstenden  oder  aufrichtenden  Zuspruch.  An  Menschenkennt¬ 
nis  hervorragend  wirkte  Kussmaul  durch  die  Macht  seiner  Persön¬ 
lichkeit  suggestiv  auf  seine  Kranken,  sie  glaubten  fest  an  ihn.  an  sein 
!  Wissen  und  Können  und  ergaben  sich  willig  und  voller  Vertrauen  seiner 
j  Führung!  Die  hypnotische  Suggestion  vermied  er,  weil  er  glaubte,  dass 
diese  Therapie  gegen  einen  der  obersten  Grundsätze  in  der  Behandlung 
der  Nervenkrankheiten  verstiesse:  „alles  zu  meiden,  was  das  ge¬ 
schwächte  Ich  noch  mehr  schwächt  und  nichts  zu  unterlassen,  was  es 
kräftigt  und  insbesondere  den  ohnmächtigen  Willen  aufrichtet.  Nur  zu 
leicht  macht  sie  den  Kranken  zum  energielosen  Werkzeug  des  Hypnoti¬ 
seurs  und  zum  traurigen  moralischen  Schwächling.“  So  hat  Kuss- 
m  a  u  1,  um  ein  Beispiel  zu  erwähnen,  einem  jungen,  hochbegabten  Medi¬ 
ziner,  der  an  peinlichen  vasomotorischen  Störungen  litt  und  stets  er¬ 
rötete,  wenn  er  mit  anderen  Menschen  als  seinen  Familienangehörigen 
ins  Gespräch  kam  oder  ein  fremdes  Lokal  betrat,  wieder  zum  Selbst¬ 
vertrauen  verholten,  indem  er  denselben  veranlasste.  in  eine  schlagende 
Verbindung  einzutreten,  wo  er  bald  auf  der  Mensur  und  in  freier  Rede 
seinen  Mann  stellen  lernte . 

Sein  verewigter  Landesherr  hat  K  u  s  s  m  a  u  1  einen  gottbegnade¬ 
ten  Arzt  genannt,  dasselbe  tat  auch  Nauny n.  sein  Nachfolger  in 
Strassburg,  und  mit  ihm  noch  viele  Freunde.  Kollegen  und  dankbare 
Kranke. 

In  der  Vollkraft  seiner  Jahre  habe  ich  Kussmaul  nicht  gekannt 
und  seine  Bekanntschaft  erst  1889  auf  der  Naturforscherversammlung  in 
Heidelberg  gemacht,  wohin  er  sich  ein  Jahr  zuvor  nach  ruhmreicher  Vol¬ 
lendung  seiner  akademischen  Laufbahn  von  Strassburg  zurückgezogen 
hatte,  ermüdet  von  der  Last  der  klinischen  Tätigkeit  und  bedrückt  von 
der  Sorge  um  das  schwere  Leiden  seiner  treuen  Lebensgefährtin. 

Mit  der  ersehnten  Ruhe  in  Heidelberg  war  es  aber  ein  eigen  Ding. 
Durch  sein  wunderbar  erfolgreiches  Wirken  am  Krankenbett  war  in 
so  weiten  Kreisen  mit  dem  Namen  Kussmauls  die  Vorstellung  des 
Wohltäters  und  Helfers  verknüpft,  dass  gar  manche  Leidende  ihren  Weg. 
wie  früher  nach  Freiburg  oder  Strassburg,  nunmehr  nach  Heidelberg 
nahmen.  Und  Kuss  maul,  der  grosse,  menschenfreundliche  Arzt, 
kannte  nicht  die  Hartherzigkeit,  die  es  erfordert,  einen  Hilfesuchenden 
abzuweisen.  So  blieb  denn  auch  die  Heidelberger  Zeit  eine  arbeits¬ 
reiche.  gab  es  doch  manche  Tage,  sogar  Wochen,  wo  der  greise  Meister 

4)  Ausführlicher  ist  mein  „Rückblick  auf  die  literarischen  Arbeiten 
A.  K  u  s  s  m  a  u  1  s“  in  der  Festschrift  zum  80.  Geburtstage  (D.  Arch.  f.  klin. 
Med.  1902,  73)  und  vollkommen  das  literarische  Verzeichnis  Kussmauls 
und  seiner  Schüler,  der  Anhang  des  von  V.  C  z  e  r  n  v  herausgegebenen 
Nachlasswerkes  Kussmauls:  „Aus  meiner  Dozentenzeit“.  Stuttgart  1903. 

5* 


358 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  10 


sich  kaum  den  für  seine  Gesundheit  nötigen  Spaziergang  gönnen  konnte. 

Als  die  Notwendigkeit  der  Assistenz  sich  fühlbar  machte,  muss  mein 
guter  Stern  das  Augenmerk  Kussmauls  auf  mich  gelenkt  haben. 
Freudig  folgte  ich  der  Aufforderung  zur  Mithilfe,  anfangs  nur  bei  diesem 
oder  jenem  Kranken,  nach  und  nach  bei  fast  allen,  und  bald  war  ich, 
ebenso  wie  seine  Kranken,  vom  Zauber  der  K  u  s  s  m  a  u  1  sehen  Per¬ 
sönlichkeit  ganz  umfangen.  Ich  glaube  Hippokrates  in  Person  hätte 
mir  nicht  mehr  als  Kuss  maul  imponieren  können.  Mit  wachsender 
Bewunderung  sah  ich,  der  ich  doch  schon  5  Jahre  Assistent  an  der 
Erb  sehen  Klinik  und  2  Jahre  Privatdozent,  also  in  Wissenschaft  und 
Praxis  nicht  mehr  ganz  Novize  war,  die  meisterhafte  Diagncsenstellung. 
die  klassische  Einfachheit  der  Behandlung,  welche  für  jede  Klage  und 
für  jede  Störung  Linderung  und  Abhilfe  brachte,  und  die  glänzenden 
Heilerfolge. 

Die  Vorträge  und  Erzählungen,  in  denen  Kussmaul,  wie  im 
schönsten  Privatissimum  mir  seine  Erfahrungen  mitteilte  und  die 
Gründe  seines  Handelns  in  diesem  oder  jenem  Falle  auseinandersetzte, 
oleiben  mir  unvergesslich.  So  kam  ich  auch  bald  dem  Menschen  näher 
und  verehrte  in  Kussmänl  nicht  nur  den  Lehrer  und  Meister,  sondern 
auch  den  väterlichen  Freund.  Mehr  als  10  Jahre  währte  die  Zeit  ge¬ 
meinsamer  Arbeit,  die  schönste  meines  Lebens.  Obwohl  ich  auch  sein 
Arzt  war,  war  ich  doch  bei  Kussmauls  Tode  nicht  zugegen;  ähn¬ 
lich  wie  derjenige  seines  Vaters,  erfolgte  er  am  Morgen  des  28.  Mai 
1902,  unerwartet,  plötzlich  und  schmerzlos. 

In  zwei  vorzüglichen  Bildern  hat  Lenbach  die  Erscheinung 
Kussmauls  der  Nachwelt  erhalten.  Das  eine  von  diesen  zeigt  uns 
die  vornehme  Erscheinung  Kussmauls,  den  edelgeformten,  durch¬ 
geistigten  Kopf  mit  den  feinen  Gesichtszügen  und  den  wunderbar  klar, 
gütig  und  seelenvoll  blickenden  blauen  Augen  in  sprechender  Aeh.nlic'h- 
keit.  Wegen  des  umgehängten  Pelzmantels,  der  die  Vornehmheit  des 
Bildes  wirksam  hervorhebt,  hat  sich  aber  Kussmaul  entschuldigt, 
denn  er  sagte  mir,  dass  er  niemals  einen  Pelzmantel  besessen  und 
niemals  einen  getragen  hätte.  Lenbach  hätte  aber  darauf,  bestan¬ 
den,  dass  dieser  Pelzmantel  umgehängt  würde,  es  sei  der  „Bismarck¬ 
mantel“.  —  nennen  wir  ihn  den  Mantel  des  Ruhms. 

Das  zweite  Bild,  mehr  skizzenhaft  gehalten,  zeigt  Kussmaul 
im  Profil  und  lässt  die  dolichozephale  Schädelform,  ein  Zeichen  alt- 
germanischer  Abstammung,  auf  welche  Kusstnaul  immer  stolz  war, 
besonders  schön  hervortreten;  das  Bild  ist  der  1.  Auflage  der  ...Jugend¬ 
erinnerungen“  als  Titelbild  vorangestellt  und  hat  auch  der  Kussmaul-  ! 
medaille  und  der  grösseren  Kussmaulplakette  als  Modell  gedient.  Das  | 
vor  der  Freiburger  medizinischen  Klinik  stehende  Denkmal  Kuss- 
m  a  u  1  s  ist  von  Bildhauer  H.  V  o  1  z  in  Karlsruhe. 

Ein  grosser  Mann,  der  sein  Leben  lang  nichts  getan  hätte,  als 
vorwärts  streben,  um  in  Wissenschaft  und  Kunst  vergänglichen 
Ruhm  in  einer  vergänglichen  Nachwelt  zu  erwerben,  wäre  uns  sicher 
langweilig.  Kussmaul  war  das  nicht:  er  besass  einen  Reichtum  an 
Witzundflumor,  der  für  das  ganze  Leben  ausreichte. 

Schon  als  Gymnasiast  hat  er  ein  „metaphysisches  Kneiplied“  ver¬ 
fasst  mit  dem  Refrain:  „Die  Welt  ist  rund  und  muss  sich  drehn.“ 
Es  war  eine  Parodie  auf  den  trockenen  Lehrer  der  Philosophie  am 
Heidelberger  Gymnasium,  der  seinen  Primanern  Gott  und  die  Welt  und 
die  Emanationen  all  ihrer  Kräfte  in  Gestalt  von  konzentrischen  Kreisen 
auf  der  Tafel  begreiflich  zu  machen  glaubte. 

Der  Name  Kussmaul  findet  sich  auch  im  Kommersbuch,  denn 
u.  s.  stammt  das  Lied  vom  verlorenen  Sohn:  „In  dem  Land  Mesopota¬ 
mien“  etc.  von  ihm.  In  den  Fliegen  den -Blättern  vom  Jahre 
1 850' 51  hat  er  eine  Reihe  von  „Weiland  Gottlieb  Biedermaiers,  Schul¬ 
meister  in  Schwaben  auserlesenen  Gedichten“  veröffentlicht,  also  den 
Namen  Biedermaier  geschaffen.  Im  2.  Bande  der  gesammelten 
Dichtungen  von  Ludwig  Eichrodt,  einem  Jugendfreunde  Kuss¬ 
maul  s,  finden  sich  dieselben,  nebst  Beigaben  des  Buchbinders 
Horatius  Treuherz  und  des  alten  Schartenmaier  gesammelt, 
allerdings  schwer  von  denjenigen  Kussmauls  zu  trennen.  Wer  für 
naiven  Humor  und  unbewusste  Biederkeit  seinen  Sinn  frisch  erhalten 
hat,  wird  sieh  am  Buche  Biedermaier,  dessen  Vorwort  K.  geschrieben 
hat,  eine  heitere  Stunde  bereiten  können.  An  Weihnachten  1893  hat 
Kussmaul  für  seine  Freunde  die  „Poetischen  Jugendsünden  des 
Dr.  Oribasius“  drucken  lassen,  eine  Sammlung  von  Gedichten,  die  auf 
der  I^ndpraxis  in  Kandern  entstanden,  als  er  die  Landschaft  vom 
hohen  Blauen  bis  zum  Isteiner  Klotz  fast  täglich  durchschritt  und  durch¬ 
schritt.  Der  fromme  Fuchs,  der  ihn  „dichtend  und  Rezepte  schreibend“ 
zu  den  kranken  Bauern  trug“,  ward  zum  Pegasus.  —  Schon  in  Kandern 
wurden  die  Blätter  aus  den  Augen  verloren  und  kamen  erst  nach 
40  Jahren  auf  dem  Speicher  des  Heidelberger  Hauses,  unter  alten  Büchern 
vergraben  wieder  zum  Vorschein. 

Kussmaul  meinte,  „die  Muse  hätte  ihn  gemieden“,  seitdem  er 
die  Biedermaiergedichte  nach  dem  Vorbild  Sauters  verübt  hätte. 
Als  er  aber  in  Heidelberg  die  „.Tugenderinnerungen  eines  alten  Arztes“ 
zu  schreiben  begann,  ist  ihm  die  Muse  wieder  in  voller  Schönheit  zur 
Seite  gestanden,  das  sagt  uns  schon  das  Vorwort  zu  denselben.  Und 
wenn  wir  wissen,  dass  der  Druck  der  „Jugenderinnerungen“  wenige 
Monate  nach  dem  Tode  von  Kussmauls  Gattin  begonnen  wurde, 
so  wird  uns  der  tiefe  Emst  jener  Verse  erst  recht  verständlich; 

„Musst  du  Gram  im  Herzen  tragen  und  des  Alters  schwere  Last, 

Lade  Dir  aus  jungen  Tagen  die  Erinnerung  zu  Gast.“ 

Ich  brauche  auf  dieses  prächtige  Werk  nicht  näher  einzugehen, 
gehört  es  doch  auch  jetzt  noch  zu  den  in  weiten  Kreisen  mit  Vorliebe 
gelesenen  Büchern,  voll  Geist  und  Gemüt  wie  wenig  andere. 
Kuss  m  a  u  1  hat  in  den  „Jugenderinnerungen“  seinem  Vater  ein  Denk¬ 


mal  errichtet,  wie  es  schöner  und  dankbarer  kein  Sohn  tun  kann.  Wi 
uns  die  Gestalt  dieses  Mannes  im  Buche  entgegentritt,  ist  sie  Achtum 
gebietend  und  Sympathie  erweckend:  ein  würdiges  Vorbild  seine: 
grossen  Sohnes.  Wir  Aerzte  haben  allen  Grund,  dem  Verfasser  de 
„Jugenderinnerungen  eines  alten  Arztes“  dankbar  zu  sein;  denn  we 
dieses  unvergleichliche  Buch  zur  Hand  genommen  hat,  wird  es  nich 
weglegen,  ohne  das  Gefühl  der  Hochachtung  und  Ehrfurcht  vor  unserer 
schweren  und  schönen  Berufe  gewonnen  zu  haben. 


Für  die  Praxis. 

Diagnose  und  Behandlung  des  Empyems  der  Warzen¬ 
zellen  im  Verlaufe  der  akuten  Mittelohrentzündung. 

Von  Scheibe -Erlangen. 

Wie  ich  in  der  letzten  Nummer  dieser  Wochenschrift  gezeigt  hab¬ 
ist  in  den  meisten  letalen  Fällen  von  akuter  Mittelohrentzündung  Rf 
tention  in  den  Zellen,  d.  h.  Empyem,  die  Ursache  der  endokranielle 
Komplikation  Die  wichtigste  Frage  für  den  praktischen  Arzt  ist  dahe 
Ist  ein  Empyem  vorhanden  oder  nicht?  Diese  Frage  ist  entgegen  di 
allgemeinen  Ansicht,  wie  wir  sehen  werden,  auch  von  dem  Praktik 
leicht  zu  beantworten. 

Wir  unterscheiden  das  Empyem  der  Paukenhöhle,  der  Warzei 
höhle  (Antrum  mast.)  und  der  peripheren  Zellen. 

Das  Empyem  der  Paukenhöhle  ist  nicht  gefährlich.  Es  bricht  dun 
das  Trommelfell  bald  nach  aussen  durch.  Man  muss  zwar  annehme 
dass  gleichzeitig  mit  der  Paukenhöhle  auch  alle  frei  mit  ihr  kominur 
zierenden  Mittelohrräume  unter  Ueberdruck  stehen.  Durch  den  Durc 
bruch  des  Trommelfells  aber  werden  auch  sie  entlastet.  Wir  köiini 
diese  Empyeme  im  Gegensatz  zu  den  isolierten  als  solche  erster  Or 
nung  bezeichnen. 

Die  isolierte  Retention  im  Antrum  ist  selten,  da  die  Kommumkatii 
zwischen  ihm  und  der  Paukenhöhle  auch  bei  stärkerer  Schwellung  d 
Schleimhaut  meist  noch  genügt.  Nur  bei  kleineren  Kindern  beobacht 
v.  jr  öfter  Empyem  in  der  Warzenhöhle.  Dies  erklärt  sich  ohne  weiter 
aus  der  in  diesem  Alter  noch  erhaltenen  embryonalen,  d.  h.  dicker 
Schleimhaut.  Bei  der  oberflächlichen  Lage  des  Antrum  bricht  der  Eit 
fast  immer  nach  aussen  durch. 

Am  gefährlichsten  ist  das  isolierte  Empyem  der  peripheren  Zellt 
und  im  folgenden  soll  deshalb  nur  von  ihm  die  Rede  sein. 

Die  pneumatischen  Zellen  bestehen  bei  der  Geburt  noch,  nicht,  : 
beginnen  in  den  ersten  Lebensjahren  sich  allmählich  zu  entwickeln  u 
nehmen  bis  zum  Greisenalter  an  Zahl  und  Grösse  immer  mehr  zu.  II 
Entwicklung  ist  individuell  ausserordentlich  verschieden.  Sie  grenz 
vielfach  an  die  Schädelhöhle  und  nicht  selten  auch  an  das  Labyrinth, 

Retention  in  einer  Zelle  unterscheidet  sich  pat.hologisc 
anatomisch  schon  makroskopisch  von  einer  .. einfachen  Zc 
lungeiterung  mit  freiem  Abfluss.  Am  besten  können  wir  d 
bei  der  Aufmeisselung  des  Warzenteils  beobachten.  Wenn  i 
Zelle  an  die  Aussenfläche  grenzt,  so  sehen  wir  in  der  Koi 
kalis  erweiterte  Gefässlöcher  oder  nach  erfolgtem  Durchbn 
eine  zirka  linsengrosse  Fistel,  die  mit  dunkelroten  Granulation 
ausgefüllt  ist.  Der  hervorquellende  rahmige,  gelbe  Eiter  steht  deutl 
unter  Druck.  Luftblasen  entleeren  sich  nicht.  Wenn  Luftblasen  a 
steigen,  so  ist  der  Abfluss  noch  fre-i.  Nach  Abtupfen  des  Eiters  si 
man  in  der  Empyemhöhle  genau  die  gleichen,  dunkelroten  Granulatior 
wie  in  der  Fistel.  Nach  Abfluss  des  Eiters  dehnt  sich  die  entlast 
granulierende  Schleimhaut  aus.  , 

Bei  der  histologischen  Untersuchung  können  wir  feststellen,  d; 
die  entzündlich  infiltrierte  Schleimhaut  bis  auf  das  80  fache  verdickt 
Das  Epithel  fehlt  grösstenteils  an  der  Oberfläche  und  kann  sich 
Schläuchen  angeordnet  in  der  Tiefe  finden.  Die  Wand  der  Zelle  i 
der  benachbarten  Markräume  ist  überall  besetzt  mit  Osteoklasten 
H o w s h  i  p sehen  Laknnen. 

Ueberraschend  ist  die  Neigung  des  Knochenprozesses  zur  Heim 
Schon  bei  Druckentlastung  durch  Durchbruch  unter  das  äussere  Pen 
können  wir  nach  wenigen  Tagen  konstatieren,  dass  an  Stelle  der  Ost 
klasten  überall  Osteoblasten  sitzen,  welche  die  Lakuneli  wieder 
osteoider  Substanz  zudecken.  Es  ist  klar,  dass  die  Bezeichnung  „Kari 
für  diese  Knochenerkrankung  ebenso  falsch  ist  wie  die  Bezeichn! 
Ulcus  für  die,  dieselbe  Heilungstendenz  aufweisende,  Perforation 
Trommelfells  bei  der  genuinen  Mittelohreiterung.  Bei  beiden  liegt  v 
mehr  ein  an  und  für  sich  zweckmässiger  Vorgang  vor;  die  Knoch 
einschmelzung  kann  allerdings  beim  Durchbruch  nach  innen  zum  T 
führen. 

Ehe  wir  auf  die  Behandlung  eingehen,  müssen  wir  noch  die  rr 
erörtern :  Warum  entsteht  ein  Empyem  nur  in  ein 
kleinen  Teil  der  Fälle? 

Wir  sehen  das  Empyem  viel  häufiger  bei  der  genui 
Eiterung  sich  entwickeln,  als  bei  der  sekundären, 

widerstandsfähiger  der  Organismus,  desto  stärker  die  entziindli 
Schwellung  der  Schleimhaut,  desto  leichter  kann  sich  der  Ausführui 
gang  in  einer  oder  mehreren  Zellen  verstopfen,  so  dass  der  Eiter  n 
oder  nicht  genügend  abfliessen  kann  und  Ueberdruck  entsteht. 

Von  den  Empyemkranken  sind  75  Proz.  Männer  und  nur  25.  P 
Frauen.  Dieses  Zahlenverhältnis  deutet  auf  die  schädliche  Einwirk 
der  körperlichen  und  geistigen  Anstrengung,  sowie  des  Alkohols 
Doch  dürfte  auch  dem  Unterschiede  in  der  Entwicklung  des  War; 


Ijlärz  1922 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


359 


r .  itzes  beim  Manne  und  Weibe  eine  erhebliche  Bedeutung  für  das 
u  .ndekommen  dieses  auffälligen  Zahlen  Verhältnisses  zukommen, 
iiliese  Annahme  spricht  auch  die  Beobachtung,  dass  das  Empyem 
:  um  so  leichter  entwickelt,  je  verbreiteter  und  besonders  je 
c  er  die  Zellen  sind.  Mit  der  Grösse  der  Zelle  wächst  nicht  in 
|iem  Verhältnis  auch  die  Weite  des  Ausführungsganges. 

/on  weniger  Einfluss  ist  die  Art  der  Bakterien.  Dass  sich  viel 
[t  ger  Kapselkokken  finden  als  kapsellose  Eiterbakterien,  erklärt  sich 
|  tsächlich  aus  der  Tatsache,  dass  die  Kapselkokken  bei  der  genuinen 
t  ing  viel  häufiger  gefunden  werden  als  bei  den  konsumierenden 
i  meinkrankheiten.  Die  Art  der  Bakterien  scheint  jedoch  nicht  ganz 
r  Einfluss  zu  sein.  Besonders  der  Streptococcus  mucosus  findet  sich 
i  mpvemeiter  verhältnismässig  häufiger  als  bei  der  unkomplizierten 
:i  n  Mittelohrentzündung. 

Diagnose. 

,  )er  praktische  Arzt  stellt  die  Diagnose  des  Empyems  gegenwärtig 
ivhnlich  nur,  wenn.  Druckempfindlichkeit  oder  Schwellung  des  War- 
i  ils  vorhanden  ist.  Hiebei  ist  aber  darauf  hinzuweisen,  dass  einer- 
•i  die  Ursache  der  Schwellung  nicht  immer  Retention,  sondern 
Bihmal  auch  nekrotisierende  Entzündung  ist.  und  dass  anderseits 
s:mpyem  bereits  im  Beginn  erkannt  werden  soll,  wenn  es  noch 
i  Erscheinungen  an  der  Aussenfläche  macht;  vor  allem  aber  wird 
jj  og. 'latente  Empyem,  das  wegen  seiner  tiefen  Lage  am  gefährlich¬ 
eiist,  bei  diesem  Vorgehen  überhaupt  der  Diagnose  entgehen.  Wenn 
irdle  diagnostischen  Hilfsmittel,  die  uns  heutzutage  zur  Verfügung 
e  n.  zu  Hilfe  nehmen,  darf  es  aber  kein  „latentes“  Empyem  geben, 
^  für  den  Praktiker  nicht. 

leim  „latenten“  Empyem  kann  Druckempfindlichkeit  vollständig 
u.  Der  Ausfluss  aus  dem  Gehörgang  kann  sistieren  oder  hat  über- 
i:  nicht  bestanden.  Die  Temperatur  kann  normal  sein  oder  steigt 
Atens  bis  37.4  oder  37,6  und  übersteigt  selbst  bei  Kindern  nur 
in  38°.  Das  Gehör  kann  ebenfalls  wieder  annähernd  normal  sein. 
1  erzen  fehlen  im  späteren  Verlauf  meist  ganz,  selbst  wenn  der  Eiter 
t  so  hohem  Druck  steht,  dass  er  bei  der  Aufmeisselung  in.  Massen 
rkquillt.  Ich  stimme  Bier  darin  vollständig  bei,  dass  Eiterung  au 
diir  sich  keine  Schmerzen  macht. 

ins  welchen  Symptomen  stellen  wir  nun  in  solchen  Fällen  trotz 
s'ehlens  der  obigen  Erscheinungen  die  Diagnose? 

■-inen  Fingerzeig  gibt  uns  schon  die  Dauer  der  Erkrankung.  Es 
:  imer  verdächtig,  wenn  diese  bei  der  genuinen  Form  die  durch- 
hittiiche  Zeit  von  2  Wochen  wesentlich  übersteigt. 

Vichtige  Anhaltspunkte  bietet  ferner  das  Trommelfellbild.  Die 

Indliche  Schwellung  ist  so  stark,  dass  von  den  Hammerteilen  — 
und  kurzer  Fortsatz  —  nichts  zu  erkennen  ist.  Ja  selbst  die 
nergefässe  sind  von  den  übrigen  Gefässen  des  Trommelfells  meist 
abzugrenzen.  Solange  ein  Empyem  in  einer  Zelle  besteht,  hellt 
las  Trommelfell  nicht  auf.  Man  darf  deshalb  von  einem  Empyem- 
nelfell  sprechen.  Theoretisch  ist  es  schwer  zu  verstehen,  warum 
rommelfell  infolge  eines  kleinen,  ganz  entfernt  liegenden  Empyems 
?e  geschwollen  bleibt,  aber  die  Tastache  steht  fest.  Die  Erken- 
r  dieses  Symptomes  setzt  natürlich  gründliche  Reinigung  des  Gehör- 
n  mit  der  Spritze  und  vor  allem  Uebung  im  Otoskopieren  voraus. 

chliesslich  steht  uns  noch  ein  Symptom  zur  Verfügung,  das  bisher 
epu  wenig  berücksichtigt  wird,  das  aber  auch  der  Praktiker  ohne 
e  res  verwerten  kann.  Es  ist  dies  das  Klopfen.  Pulsieren,  auch 
r.'ken,  Hämmern,  Schlagen  oder  Toben  genannt.  Es  fehlt  beim 
R  em  fast  niemals.  Nur  muss  man  den  Kranken  darnach  fragen,  da 
ei.vürdigerweise  die  meisten  Patienten  es  von  selbst  nicht  angeben, 
ui  Kontrolle  mit  dem  Puls  kann  man  sich  auch  objektiv  leicht  von 
nVorhandensein  des  Klopfens  überzeugen.  Es  wird  vom  Kranken 
il  gehört  als  gefühlt.  Durch  Einführung  einer  Lärmtrommel,  wie  sie 
fl  Nachweis  einseitiger  Taubheit  benützt  wird,  in  den  Gehörgang 
sj.rariken  oder  auch  des  gesunden  Ohres  lässt  es  sich  gewöhnlich 
(Verschwinden  bringen.  Ist  es  schwächer,  so  verschwindet  es  schon. 

die  Lärmtrommel  auf  10  oder  20  cm  genähert  wird.  Man  ist  aiso 
i  ;r  Beurteilung  der  Intensität  nicht  ganz  auf  das  Urteil  des  Kranken 
vieseti.  Das  Pulsieren  besteht  auf  der  Höhe  der  Krankheit  ununter¬ 
en  Tag  und  Nacht,  keine  Minute  aussetzend.  Nachts  bei  tiefer 
des  Kopfes  ist  es  stärker  als  am  Tage.  Bei  körperlicher  An- 
Emng.  Alkoholgenuss  oder  auch  nach  reichlicher  Mahlzeit  verstärkt 
■n  ebenfalls. 

lur  bei  Kindern  in  den  ersten  Lebensjahren  müssen  wir  die  Dia- 
;  ohne  dieses  wichtige  Symptom  zu  stellen  suchen, 
n  keinem  Organ  spielt  das  Pulsieren  bei  der  Diagnose  eine  so 
c  ige  Rolle,  wie  im  Ohr.  Bei  Empyem  des  Wurmfortsatzes  und  der 
Mnblase  wird  es  anscheinend  nicht  wahrgenommen.  Oder  fragen 
-  inrurgen  zu  wenig  darnach?  Beim  Panaritium  wird  es  sehr  deut- 
1  e.iihlt.  ist  aber  für  die  Diagnose  kaum  nötig. 

R  denjenigen  Fällen  von  Fmpyem,  in  welchen  Ausfluss  besteht  — 
i-as  sind  die  meisten  —  bietet  auch  das  Sekret  charakteristische 
K  tum.ichkeiten.  Der  Eiter  ist  erstens  rahmig  und  füllt  zweitens 
■Eumen  des  Gehörgangs  ganz  aus,  während  er  in  den  unkompli- 
-  in  Fällen  von  Otitis  media  dünnflüssiger,  auch  schleimiger  ist 
t?ur  den  Boden  bedeckt.  Bisweilen  wechselt  er  in  der  Menge 
[end  stark,  und  in  diesem  Falle  kann  er  vorübergehend  auch  blutig 
T  nt  sein. 

;jber  zur  Diagnose  ist  der  Ausfluss,  wie  gesagt,  nicht  notwendig. 

1  können  sie  schon  stellen,  wenn  Klopfen  besteht  und  das 
,  mm  elf  eil  sich  nicht  aufhellt.  Voraussetzung  ist.  dass 
Ostens  2  Wochen,  seit  Beginn  der  Otitis  verflossen  sind.  Das 
■em  der  Paukenhöhle  kann  zwar  die  gleichen  Erscheinungen  machen. 


Nach  Ablauf  von  2  Wochen  kommt  dieses  aber  nicht  mehr  in  Betracht, 
weil  es  schon  früher  durchbricht. 

Behandlung. 

Die  Behandlung  kann  zunächst  konservativ  sein.  Sie  unterscheidet 
sich  in  nichts  von  der  bei  der  unkomplizierten  akuten  Mittelohreiterung. 
In  den  Fällen  mit  Ausfluss  ist  die  Borsäurebehandlung  zu  empfehlen. 
In  allen  Fällen  tut  die  Luftdusche  gute  Dienste;  wir  sehen  darnach  bis¬ 
weilen  Klopfen  und  Druckempfindlichkeit  momentan  geringer  werden. 
Auf  den  Warzenteil  wird  ein  Eisbeutel  gelpgt.  D^s  grösste  Gewicht  aber 
ist  auf  absolute  körperliche  und'  geistige  Ruhe,  Vermeidung  von  Alkohol 
und  Hochlagerung  des  Kopfes  zu  legen. 

Nehmen  unter  dieser  Behandlung  alle  Erscheinungen  ab,  so  kann 
mit  der  konservativen  Behandlung  fortgefahren  werden.  Setzt  das 
Klopfen  erst  einmal  einige  Minuten  aus,  so  bedeutet  das  gewöhnlich 
den  Anfang  der  Heilung,  vorausgesetzt,  dass  keines  der  übrigen  Sym¬ 
ptome  zunimmt.  Die  klopffreien  Pausen  werden  mit  jedem  Tage  länger, 
die  Hörweite  nimmt  zu,  der  Ausfluss,  falls  er  vorhanden  war,  hört  all¬ 
mählich  auf,  im  Trommelfell  erscheint  der  kurze  Fortsatz  wieder,  und 
erst  zuletzt  verschwinden  etwa  bestehende  Druckempfindlichkeit  und 
Schwellung. 

Unter  der  konservativen  Behandlung  heilen  mehr  als  ein  Drittel 
der  Empyeme. 

Eine  wichtige  Frage  ist  nun:  Wann  soll  operiert  werden? 

Nehmen  trotz  der  Behandlung  die  Erscheinungen  oder  auch  nur  ein 
Teil  derselben  zu.  wird  das  Klopfen  stärker,  wird  das  Gehör  schlechter, 
oder  vermehrt  sich  der  Ausfluss,  steigt  die  Temperatur,  wenn  auch 
nur  wenig,  und  tritt  Druckempfindlichkeit  oder  Schwellung  auf,  sei  es 
an  der  Aussenfläche  oder  unter  der  Spitze  oder  am  Jochbogen  oder  im 
knöchernen  Gehörgang,  so  ist  jedes  dieser  Symptome  für  sich  als  An¬ 
zeichen  dafür  aufzufassen,  dass  der  Eiter  durchbrechen  will,  und  damit 
die  Operation  angezeigt. 

Die  Operation  ist  auch  notwendig,  wenn  zwar  das  Klopfen  aussetzt, 
aber  eines  der  übrigen  Symptome  unverändert  fortbesteht  oder  gar  zu¬ 
nimmt.  In  diesem  Falle  ist  das  Aussetzen  des  Klopfens  kein  gutes, 
sondern  ein  schlechtes  Zeichen  und  deutet  auf  Druckentlastung  durch 
Durchbruch  nach  der  Schädelhöhle  hin.  Die  Kranken  behaupten  in 
diesem  Falle  häufig,  dass  in  dem  Moment,  wenn  das  „harte“  Klopfen 
aussetzt,  ein  „weiches“,  gleichfalls  pulsierendes  Rauschen  dafür  eintritt. 

Deutet  schliesslich  ausserdem  das  Auftreten  von  stärkeren  ein¬ 
seitigen  Kopfschmerzen  auf  das  Fortschreiten  nach  innen  hin.  oder  treten 
gar  weitere  zerebrale  oder  Labyrinthsymptome  auf,  so  ist  natürlich 
mit  der  Aufmeisselung  erst  recht  nicht  zu  zögern. 

Man  soll  sich  deshalb  jeden  Tag  über  die  Gesamtheit  der  Symptome 
orientieren.  Tut  man  das  nicht,  so  ist  die  Verantwortung,  die  man  mit 
dem  Zuwarten  übernimmt,  zu  gross,  und  die  Folge  kann  der  plötzliche 
Eintritt  einer  tödlichen  zerebralen  Komplikation  sein. 

Die  Operation  selbst  ist  in  den  Händen  des  Geübten  ungefährlich. 
Sie  ist  in  manchen  Fällen  sehr  leicht,  aber  andererseits  bisweilen  auch 
sehr  schwer,  so  dass  die  genaueste  Kenntnis  der  komplizierten  ana¬ 
tomischen  Verhältnisse  Vorbedingung  für  den  Operateur  ist  Sitzt  das 
Empyem  gar  in  der  Pars  petrosa  oder  in  einer  Tubenzelle,  so  findet 
es  auch  der  geübteste  Operateur  meist  überhaupt  nicht.  Dies  sind  dm 
gefürchteten  Fälle,  in  denen  auch  bei  frühzeitiger,  sachgemässer  Be¬ 
handlung  der  Tod  nicht  mit  Sicherheit  zu  verhüten  ist. 

Es  empfiehlt  sich  deshalb  für  den  praktischen  Arzt  im  allgemeinen, 
den  Kranken  zur  Operation  an  den  Facharzt  zu  verweisen.  Nur  wenn 
Druckempfindlichkeit,  Schwellung  oder  Fluktuation  auf  eine  oberfläch¬ 
liche  Lage  des  Empyems  hinweisen,  kann  er  bei  mangelnder  spezialisti- 
scher  Hilfe  sich  an  die  Operation  heranwagen.  Er  wird  dann  oft  beim 
ersten  Meisselschlag  das  Empyem  finden.  Er  erkennt  es  an  dem  her¬ 
vorquellenden  rahmigen  Eiter  und  an  den  dunkelroten  Granulationen. 
Das  Antrum,  der  Hauptraum  des  Warzenteils,  braucht  dann  nicht  eröffnet 
zu  werden. 

Die  Granulationen  sollen  nicht  mit  dem  scharfen  Löffel,  sondern 
mit  einem  stumpfen  Spatel  herausgeschabt  werden,  da  bei  längerer 
Dauer  des  Empyems  sehr  häufig  die  granulierende  Dura  in  der  Höhle 
blossliegt.  Die  erkrankte  Dnra  soll  überall  bis  ins  Gesunde  blossgeleet 
werden,  wobei  der  Spatel  als  Schützer  sich  sehr  bewährt.  Fehlt  iedes 
Symptom  einer  weiteren  Komplikation,  so  kann  man  nach  Reinigung 
mit  irgendeinem  Antiseptikum  die  Höhle  mit  Ausnahme  des  unteren 
Wundwinkels  schliessen.  Heilung  ist  bei  primärem  Verschluss  oft  in 
1 — 2  Wochen  zu  erzielen.  ^ 

Genügt  aber  der  Operationsbefund  nicht,  um  alle  Symptome  zu 
erklären,  so  beginnen  erst  die  Schwierigkeiten  der  Operation.  Man 
wird  deshalb  verstehen,  wenn  ich  dem  Praktiker  im  allgemeinen  emp¬ 
fehle.  seine  Kranken,  sobald  die  Operation  angezeigt  ist,  dem  Facharzt 
zu  überweisen.  Er  soll  sich  auf  die  Stellung  der  Diagnose  und  bei 
Fehlen  jedes  ernsteren  Symptomes  auf  die  konservative  Behandlung 
beschränken,  aber  nur  so  lange,  als  keine  Zunahme  der  Empvems- 
symptome  eintritt. 

Mit  der  Stellung  der  Prognose  nach  der  Operation  soll  man 
immer  vorsichtig  sein,  da  die  Möglichkeit  besteht,  dass  noch  ein  zweites 
tiefer  liegendes  Emnyem  bei  der  Operation  unentdeckt  geblieben  ist, 
und  da  in  keinem  Falle  von  Emovem  eine  bereits  latent  bestehe^" 
tiefere  endokranielle  Komplikation  ausgeschlossen  werden  kann.  Im 
allgemeinen  ist  die  Prognose  aber  günstig.  Von  100  Fällen  akuter 
Mittelohrentzündung,  die  mit  Fmpyem  der  Warzenzellen  kompliziert  sind, 
stirbt  höchstens  einer,  vorausgesetzt,  dass  das  Empyem  frühzeitig  in 
Behandlung  kommt. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


360 

Soziale  Medizin  und  Aerztliche  Standesangelegenhelten. 

Die  reichsgesetzliche  Ordnung  der  Wochenhilfe. 

Von  Dr.  Q.  Seiffert,  München. 

Wer  weitsichtig  die  Volksgesundheit  erhalten  und  verbessern  will, 
muss  sein  Hauptaugenmerk  auf  das  kommende  Geschlecht  richten,  auf 
die  geborene  und  noch  ungeborene  neue  Generation.  Er  weiss,  dass 
er  nicht  für  dtie  Gegenwart,  sondern  für  die  Zukunft  seines  Volkes 
schafft,  die  noch  im  Schosse  der  Mütter  liegt.  Alle  Bestrebungen  sozial¬ 
hygienischer  Natur,  die  den  Müttern  und  ihren  Kindern  zugute  kommen, 
müssen  unter  dem  Gesichtspunkt,  dass  sie  der  Erhaltung  und  Verbesse¬ 
rung  des  Volksbestandes  dienen,  bevölkerungspolitisch  auf  das  höchste 
bewertet  und  gefördert  werden.  So  wird  man  auch  in  den  gesetz¬ 
geberischen  Massnahmen,  die  der  Wochenhilfe  und  Wochenfürsorge 
dienen,  einen  wertvollen  Gewinn  seihen  und  ist  wohl  berechtigt,  sie 
„als  die  bedeutendste  sozialpolitische  Errungenschaft  der  Kriegszeit' 
zu  bezeichnen. 

Es  war  ein  langer  Weg,  bis  sich  aus  den  ersten  Anfängen  in  der 
Krankenversicherungsordnung  vom  15.  Juni  1883  die  reichsgesetzlichen 
Bestimmungen  über  Wochenhilfe  und  Wochenfürsorge  in  ihrer  heutigen 
Form  herausbildeten.  Der  kleine  Kreis  der  Frauen,  denen  zunächst  eine 
Wochenhilfe  für  3  Wochen  nach  ihrer  Niederkunft  in  Form  von  Kranken¬ 
geld  zustand,  erweiterte  sich  mehr  und  mehr,  bis  heute  praktisch  jedei 
ihrer  bedürftigen  Frau  die  Wochenfürsorge  in  wesentlich  erweiterter 
Form  zusteht.  Die  meisten  Leistungen  waren  ursprünglich  freiwillige 
Kassenleistungen;  wenn  auch  langsam  die  Zahl  der  Kassen  wuchs,  die 
sich  zu  diesen  freiwilligen  Leistungen  entschlossen,  so  konnte  sich  das 
Erstrebte  erst  voll  auswirken,  als  aus  den  fakultativen  Leistungen 
obligatorische  wurden.  Diese  Wandlung  wäre  vielleicht  sein  lang¬ 
samen  Schrittes  in  vielen  Jahrzehnten  erfolgt,  wenn  nicht  der  Einst 
der  Kriegsnot  die  Notwendigkeit  gezeigt  hätte,  das  heranwachsende 
Geschlecht  mit  aller  Kraft  zu  schützen  und  zu  erhalten,  um  die  Wunden, 
die  der  Krieg  dem  Volkskörper  schlug,  wenigstens  in  den  kommenden 
Jahren  durch  eine  kräftige,  neue  Generation  wieder  schliessen  zu 
können. 

Am  3.  Dezember  1914  erschien  die  Reichsverordnung  über 
die  Wochenhilfe  während  des  Krieges,  wodurch  eine  Beihilfe  bei 
der  Entbindung  und  bei  Sc'hwangerschaftsbeschwerden  sowie  das  Still¬ 
geld  zur  Regelleistung  wurden,  freilich  für  den  immerhin  recht  be¬ 
grenzten  Kreis  der  unmittelbaren  Angehörigen  von  Kriegsteilnehmern. 
Doch  sehr  bald  erweiterte  die  Reichsregierung  diesen  Kreis  durch  neue 
Verordnungen.  Während  und  nach  dem  Kriege  bewies  die  früher  um¬ 
strittene,  nun  aber  staatlich  anerkannte  Wochenhilfe  .ihre  Notwendigkeit 
und  ihre  Durchführbarkeit.  Es  wurde  so  eine  endgültige  Regelung  dieser 
Frage  durch  Reichsgesetz  nach  Friedensschluss  ©ine  von  allen  Seiten 
gestellte  Forderung,  die  sich  trotz  mancher,  insbesondere  finanzieller 
Bedenken  endlich  erfüllen  konnte.  Unter  dem  26.  September  1919 
wurde  ein  entsprechendes  Reichsgesetz  erlassen,  das  die  Weiterführung 
der  Kriegs  wochenhilfe  in  der  Friedenszeit  bezweckte.  Der  Inhalt  des 
Gesetzes  war  ein  guter,  seine  Fassung  aber  ausserordentlich  mangelhaft 
und  wenig  durchdacht,  so  dass  schon  nach  einem  halben  Jahre  eine 
Ueberarbeitung  als  Gesetz  vom  30.  April  1920  erfolgen  musste.  Aber¬ 
mals  mussten  Neuänderungen  erfolgen  im  Gesetz  vom  29.  Juli  1921  und 
schon  am  17.  Dezember  1921  erfuhr  dieses  wieder  eine  wenn  auch 
geringe  Aenderung,  Trotz  dieses  langen  und  eigenartigen  legislatori¬ 
schen  Entwicklungsganges  ist  das  Gesetz  nicht  als  vollkommen  zu 
bezeichnen.  Man  muss  in  ihm  etwas  Vorübergehendes  sehen,  da  es  bei 
Neubearbeitung  der  Reichsversicherungsordnung  in  diese  einbezogen 
werden  soll;  die  Fertigstellung  und  Verabschiedung  dieses  Gesetzes 
wird  sich  aber  voraussichtlich  noch  auf  eine  Reihe  von  Jahren  hinaus¬ 
zieh  en>. 

Bei  der  Wichtigkeit  des  Gesetzes  über  Wochenhilfe.  das  auch  für 
den  Arzt  nicht  ohne  Bedeutung  ist.  wird  eine  Darstellung  der  be¬ 
stehenden  Vorschriften  in  ihrer  heutigen  Form  nicht  ohne  Wert  sein. 
Fs  kommen  in  Frage  einmal  ergänzte  oder  erneuerte  Paragraphen 
der  Reichsversicherungsordnung  und  zweitens  das  eigentliche  Gesetz 
über  Wochenhilfe  und  Fürsorge. 

Nach  dem  Gesetz  gibt  es  drei  Formen  der  Wochenhilfe:  Kassen¬ 
wochenhilfe.  Fanulienwochenhilfe  und  Wochenfürsorge.  Kassen¬ 
wochenhilfe  kommt  in  Frage,  falls  die  Versicherte  mindestens 
6  Monate  vor  der  Niederkunft  gegen  Krankheit _  versichert  war, 
Farni lien wcch enhilfe  für  die  Ehefrau,  Töchter.  Stief-  und  Pflege¬ 
töchter  von  Versicherten,  die  mit  ihnen  in  häuslicher  Gemeinschaft 
leben.  Wochenfürsorge  aus  Mitteln  des  Reiches  erhält  jede  im  Inland 
wohnende  minderbemittelte  Deutsche,  für  die  die  obengenannten 
Formen  der  Wochenhilfe  nicht  in  Frage  kommen.  Als  minderbemittelt 
gelten  solche,  bei  denen  das  eigene  Einkommen  oder  das  des  Mannes 
im  Jahr  vor  der  Entbindung  15  000  M.  nicht  überstieg;  dieser  Betrag 
erhöht  sich  für  jedes  Kind  unter  15  Jahren  um  500  M.  Geleistet  sollen 
werden; 

1.  Aerztliche  Behandlung,  falls  solche  bei  der  Entbindung 
oder  Schwangerschaftsbeschwerden  erforderlich  ist.  Die  Gewährung 
ärztlicher  Behandlung  wird  erfolgen,  sobald  über  ihre  Durchführung  und 
die  Vergütung  der  Aerzte  alle  Verhandlungen  abgeschlossen  sind.  Bis 
dahin  wird  eine  Geldbeihilfe  in  der  Höhe  von  50  M.  gewährt. 
Die  Wöchnerin  soll  durch  Rechnung  oder  anderweitig  nachweisen,  wann 
und  warum  Arzt  oder  Hebamme  gerufen  wmrden.  An  Stelle  dieser  Oeld- 


beihilfe  kann  die  Kasse  ärztliche  Behandlung,  Hebammendienst  und  i 
forderliche  Arzneimittel  gewähren. 

2.  Ein  Entb  indungsbeitrag  in  der  Höhe  von  100  M.  —  Ai 
hier  kann  Sachleistung  durch  die  Kasse  erfolgen. 

3.  Ein  Wochengeld  in  der  Höhe  des  Krankengeldes 
10  Wochen,  von  denen  mindestens  6  in  die  Zeit  nach  der  Niederkr 
fallen  müssen.  Der  Mindesttagessatz  des  Wochengeldes  ist  4.50 
bei  der  Kassenwochenhilfe,  3  M.  bei  der  Familienwochenhilfe  i 
Wochenfürsorge.  Besondere  Bestimmungen  gelten  für  den  Fall,  d; 
die  Wöchnerin  gleichzeitig  Anspruch  auf  Wochengeld  und  Krankeng 
hat.  Kassen  können  an  Stelle  des  Wochengeldes  Aufnahme  in 
Wöchnerinnenheim  und  Hilfe  lind  Wartung  durch  Hauspflegerinnen 
währen;  in  letzterem  Falle  muss  der  Wöchnerin  die  Hälfte  des  Wochi 
geldes  verbleiben. 

4  Ein  Stillgeld,  solange  die  Wöchnerin  ihr  Neugeborenes  st 
bis  zum  Ablauf  der  12.  Woche  nach  der  Niederkunft.  Das  Stillg 
muss  täglich  mindestens  4.50  M.  betragen.  Stillgeld  wird  auch  geza 
wenn  die  Brust  nur  einmal,  daneben  aber  Beikost  gegeben  wird.  1, 
gestillten  Zwillingen  wird  doppeltes  Stillgeld  gewährt.  Das  Stillg 
kann  nicht  durch  Sachleistung  ersetzt  werden.  Der  Nachweis 
Stillens  wird  für  gewöhnlich  durch  Zeugnis  eines  Arztes  oder  ei 
Hebamme  erbracht.  Sehr  weitgehend  eingeführt  hat  sich  die  Ausstelli 
des  Stillzeugnisses  durch  die  Säuglingsberatungsstellen. 

Die  Kassen  können,  falls  ihre  Versicherten  infolge,  der  Schwank 
schaft  arbeitsunfähig  werden,  ein  Schwangerengeld  in  der  Höhe 
Krankengeldes  bis  zu  6  Wochen  zubilligen  und  auf  die  Dauer  die 
Leistung  die  Zeit  der  Gewährung  des  Wochengeldes  vor  der  Niet 
kunft  anrechnen.  Bei  der  Familienwochenhilfe  kann  Wochen-  und  ;• 
geld  bis  zur  Hälfte  des  Krankengeldes  erhöht  werden. 

Die  Anträge  auf  Wochenhilfe  sind  zu  stellen  für  Kassen- 
Familienwochenhilfe  bei  der  Krankenkasse  der  Versicherten  bzw. 
'•ersicherten  Familienangehörigen,  für  die  Wochenfürsorge  beim  \| 
sicherungsamt  des  Aufenthaltes  der  Wöchnerin. 

Bei  Verweigerung  der  Wochenhilfe  entscheidet  das  Versicherur 
amt.  Berufung  kann  an  das  Oberversicherungsamt  erfolgen.  Fra 
grundsätzlicher  Bedeutung  können  durch  das  Reichsversicherungs 
verbeschieden  werden.  Die  Kosten  der  Kassenwochenhilfe  y 
den  ausschliesslich  von  den  Krankenkassen  getragen,  sie  r 
nen  zu  diesem  Zweck  erhebliche  Beitragserhöhungen  (bis 
io  Proz )  vornehmen.  Die  Kosten  der  Familienwochenhilfe  tra 
Krankenkasse  und  Reich  zu  gleichen  Teilen.  Die  Wochenfürsorge 
streitet  das  Reich  ganz.  Für  Wöchnerinnen,  die  in  ihrer  Sache! 
betreffend  Wochenhilfe  brauchen,  hat  der  Landesverband  für  St 
lings-  und  Kleinkinderfürsorge,  München,  Ludwigstrasse  14/1,  3. 
(rang  eine  Beratungsstelle  eingerichtet,  die  unentgeltlich, 
Ersatz  etwaiger  Portokosten,  entsprechende  Auskunft  erteilt.  Eingeh 
behandelt  ist  die  gesetzliche  Unterlage  der  Wochenhilfe  in  einem  I 
faden  Jägers  durch  das  Gesetz  vom  19.  Juli  1921  (München.  O.  B  e 

Man  kann  naturgemäss  sichtbare  und  statistisch  ausdriiekbare 
folge  des  Gesetzes  noch  nicht  erwarten;  hiiefür  ist  das  Gesetz  nocl 
kurze  Zeit  in  Kraft.  Erfolge,  die  man  auf  seine  Vorgängern, 
Kriegswochenhife,  zurückführen  will,  müssen  mit  Vorsicht  beur 
werden,  da  hierbei  manche  andere  Faktoren  entscheidend  mitsprac 
Die  starke  Zunahme  des  Selbststillens  während  des  Krieges  wurde  ; 
fach  der  Kriegswochenhilfe  zugeschrieben;  bei  einer  Anzahl  von  F< 
mag  dies  zutreffen,  bei  dem  erheblich  grösseren  T eil  aber  dürften 
Schwierigkeit  und  die  hohen  Kosten,  Milch  für  das  Kind  zu  bescha 
zum  Selbststillen  bestimmt  haben,  beobachtet  man  doch  jetzt  an 
schiedenen  Orten,  dass  mit  der  Verbesserung  der  Emährungsverl 
nisse  die  künstliche  Ernährung  wieder  zunimmt,  wenn  auch  nicht  in 
JVIansse  wie  in  der  Vorkriegszeit.  Es  ist  unmöglich  zu  sagen,  wie 
bei  der  Stillzunahme  ein  Erfolg  der  Kriegswochenhilfe  zu  sehen 
Auch  heute,  wo  die  Milchbeschaffung  äusserst  schwierig  und  der  M 
preis  ein  unangemessen  hoher  ist,  werden  diese  Umstände  oft  viel  j 
wie  das  Stillgeld  entscheiden.  Die  Erfolge  der  Kranken-  und  Invali 
Versicherungen  sind  im  Sinne  einer  Hebung  der  Volksgesundheit 
fast  40  Jahren  mit  Sicherheit  nicht  erkennbar;  die  Auswirkung  des 
setzes  über  die  Reichswochenhilfe  zeigt  sich  vielleicht  erst  bei 
nächsten  und  übernächsten  Generation.  Dass  das  Gesetz  ganz  y 
Erfolg  bleibt,  wie  vereinzelte  Schwarzseher  annehmen,  wird  hof 
lieh  nicht  zutreffen.  J 

Die  Durchführung  des  Gesetzes  erfordert  ausserordentlich 
Mittel;  trotz  der  grossen  Gesamtaufwendungen  mag  manche  Er 
leistune  gering  erscheinen.  Man  versucht  sie  dauernd  zu  erhöhei 
dies  aber  bei  der  täglich  wachsenden  Verarmung  Deutschlands  in 
sprechendem  Masse  weiter  geschehen  kann,  ist  zweifelhaft.  Die 
währten  Leistungen  werden  nie  im  ganzen  Umfange  Vollentsc 
gungen  sein,  es  wird  schon  wesentlich  damit  gedient  sein,  wem 
einen  nicht  zu  kleinen  Zuschuss  darsteilen.  Es  liegt  aber  nicht  ; 
in  den  Geld-  bzw.  Sachleistungen  die  einzige  Bedeutung  des  Oese 
Der  Gedanke  der  Wochenhilfe  ist  lebendig  geworden  und  wirbt  c 
das  Dasein  des  Gesetzes  täglich  für  sich;  man  denke  allein  ar 
indirekte  Propaganda  für  das  Selbststillen  durch  das  Stillgeld.  I 
zu  erwarten,  dass  diese  Gedanken  immer  fester  in  den  Gedanken 
des  Volkes  eingewebt  werdbn,  dann  erfüllt  sich  das  Gesetz  auc 
seiner  ideellen  Richtung.  Auch  nach  anderen  Richtungen  bedeute 
Gesetz  Fortschritte  oder  bereitet  einen  Fortschritt  vor.  Als  seh 
deutsam  muss  hervorgehoben  werden,  dass  das  Gesetz  bei  seiner 
keinerlei  Unterschied  zwischen  ehelicher  und  unehelicher  Mutter  rr 


März  1922. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


361 


i  fakultative  Ablösung  des  W'ochengeldes  durch  Hauspflege  wird  ohne 
;  :ifel  den  Ausbau  dieser  wichtigen  Einrichtung  fördern.  Dadurch. 
Ü  vielerorts  die  Beratungsstellen  für  Säuglinge  das  Stillzeugnis  aus- 
t  en,  erhöht  sich  die  Zahl  der  befiirsorgten  Säuglinge,  die  zum  Teil 
m  nach  Ablauf  des  Stillgeldes  noch  in  der  Fürsorge  bleiben.  So 
i  et  das  Gesetz  mannigfache  neue  Möglichkeiten,  um  die  Fürsorge 
i  Vlutter  und  Kind  extensiver  und  intensiver  zu  gestalten. 

ln  manchen  Fällen  mag  vielleicht  das  Gesetz  das  Gewollte  nicht 
r  ichen.  Manche  werdende  Mutter  wird  die  Zeit,  in  der  sie  sich  vor 
r  nach  der  Niederkunft  von  der  Erwerbsarbeit  enthalten  soll,  nicht 
i  er  zweckmässig,  oft  gar  zu  ungeeigneter  und  schwerer  Beschäfti- 

Ir  benützen.  Für  manche,  weniger  gewissenhafte  Frau  wird  auch 
Stillgeld  in  seiner  jetzigen  Höhe  kein  Lockmittel  zum  Selbststillen 
.  Derartige  Nachteile  werden  aber  den  aus  dem  Gesetz  erwach- 
:  n  Nutzen  nie  überwiegen.  Die  besten  Einrichtungen  zeigten  ein- 
Je  Fehlschläge,  man  darf  an  ihnen  nicht  irre  werden,  man  muss 
Ganze  sehen.  Es  ist  auch  zu  hoffen,  dass  das  Gesetz  bei  seiner 
ültigen  Fassung  im  Rahmen  der  Reichsversicherungsordnung  seinem 
cke  noch  besser  gerecht  werden  dürfte  wie  bisher,  wird  man  doch 
dahin  auch  weit  mehr  aus  den  praktischen  Erfahrungen  über  die 

Iihabung  und  Durchführung  des  Gesetzes  gelernt  haben.  Man  darf 
Wirkung  des  Gesetzes  im  ganzen  nicht  unterschätzen.  Man  soll 
vergessen,  dass  das  Gesetz  eine  bessere  Zukunft  für  die  kommen- 
Generationen  und  ihre  Mütter  schaffen  will  und  hierbei  wird  man 
;  an  die  Worte  Friedrich  Naumanns  denken  müssen:  „Die 
ner  regieren,  die  Frauen  aber  sind  zur  Grösse  der  Nation  das 
;ste.  Denn  nur  Völker  mit  leistungsfähigen  Müttern  setzen  sich 
h,  die  Mütter  sind  das  erobernde  Element.  Wird  in  einem  Volke 
Mutterschaft  schwach,  so  nützt  alle  übrige  Kultur  nichts  mehr, 
s  Sinken  der  Mütter  ist  der  Niedergang  an  sich,  der  Sturz  in  das 
dsenalter  der  Völker.“ 


Gesundheitsverhältnisse  der  jüngeren  und  ältesten 
rgänge  des  deutschen  Volkes  bei  der  gegenwärtigen 
Ernährungslage. 

c  Oberregierungsrat  Dr.  Bogusat,  Mitglied  des  Reichs¬ 
gesundheitsamtes. 

'Obwohl  die  Freigabe  vieler  Nahrungsmittel  aus  der  Zwangswirt- 
ft  und  die  reichlichere  Lebensmittelzufuhr  aus  dem  Auslande  die 
meinen  Ernährungsverhältnisse  in  Deutschland  wesentlich  gebes- 
haben,  ist  die  Lage  derjenigen  Altersklassen  des  deutschen  Volkes, 
ehon  während  der  Kriegszeit  am  meisten  unter  Ernährungsschwie- 
:iten  litten,  nämlich  die  der  Kleinkinder,  der  Schulpflich- 
3  n  und  der  nicht  mehr  oder  nur  in  bescheidenstem  Maasse  E  r  - 
1  b  s  f  ä  h  i  g  e  n  immer  noch  keine  beneidenswerte. 

Sind  die  Kleinkinder  auch  im  allgemeinen  nicht  mehr  dadurch 
•  erhöhten  Infektionsgefahr  ausgesetzt,  dass  sie.  wie  in  den  Jahren 
—1918,  infolge  der  ausserhäuslichen  Berufstätigkeit  der  Mütter  in 
ergärten,  Krippen  und  ähnlichen  Anstalten  zusammengedrängt 
en,  so  leidet  ihr  Wohlbefinden  neben  anderem  doch  ganz  erheblich 
i  die  hohe  Verteuerung  der  Lebensmittel  sowie  die  oft  geradezu 
^ammerns  werten  Wo'hngelegenheiten.  Leider  liegt 
i  den  Gesundheitszustand  der  Kleinkinder  kein  gleichmässiges  sta- 
!  ches  Material  aus  dem  ganzen  Reiche  vor.  Immerhin  erhält  man 
ungefähres  Bild  von  dem  Umfange  der  Schädigungen,  wenn  man 
einschlägigen  Angaben  aus  einer  Reihe  von  Bezirken  und  üross- 
i  en  des  Reiches  beachtet,  nach  denen  Vs  —  Vs  der  dort  woh- 
;den  Kleinkinder  deutliche  Krankheitserschei- 
-gen  darbieten.  Namentlich  wird  über  die  auch  jetzt  noch 
gen  Fälle  von  Rachitis,  und  zwar  gerade  der  schweren  For- 
(Verkrüppelungen  nicht  nur  der  Gliedmassen,  sondern 
des  Brustkorbes)  bei  den  Zwei-  und  Dreijährigen  geklagt, 
ig  finden  sich  ausserdem  bei  Kleinkindern  Darmerkrankun- 
wohl  infolge  der  in  manchen  Familien  nicht  ausreichenden  Ver- 

Isng  der  Kleinen  mit  Griess,  Kinderzwieback  sowie  anderen  geeig- 
i  Nährmitteln  und  der  Verabfolgung  des  nicht  immer  einwandfreien 
3S  an  Stelle  jener  leichtverdaulichen  Nahrung.  Auch  Blutarmut 
och  sehr  häufig,  und  in  einzelnen  grösseren  Städten,  besonders  in 

Iitriegegenden,  fällt  fast  allgemein  bei  den  Kleinkindern  ein  schlech- 
-rnährungszustand  auf,  wenn  auch  überall  eine  gewisse  Besserung 
nüber  dem  Vorjahr  zugegeben  wird. 

schwerer  als  bei  den  Kleinkindern  treten  die  körperlichen  und 
^chen  Folgeerscheinungen  der  allgemeinen  Not  der  letzten  Jahre 
'len  Schulkindern  in  die  Erscheinung,  wenn  auch  bei  diesen 
!  "ossen  und  ganzen  eine  gewisse  Besserung  gegen  das 
(iahr  nicht  zu  verkennen  ist.  Hauptsächlich  ist  noch 
•r  der  Nachwuchs  des  sogenannten  Mittelstandes,  dessen  Bedräng- 
>  iel  zu  wenig  bekannt  ist,  in  Mitleidenschaft  gezogen.  So  wurde, 
•’iur  einige  Beispiele  anzuführen,  noch  vor  kurzem  aus  Lübeck 
;htet,  dass  dort  in  den  Mittelschulen  79,49  und  in  den  Volksschulen 
■  Proz,  aus  Bitterfeld,  dass  in  höheren  Schulen  70  Proz.,  in  Volks- 
, en  55  Proz.  der  Kinder  deutlich  unterernährt  wären.  Be- 
‘  2rs  sind  durch  unzureichende  Ernährung  in  den  Städten  die  Kinder 
'westbesolideten  und  Witwen,  sowie  solche  aus  kinderreichen  und 
'steilnehmerfamilien  geschädigt,  auf  dem  Lande  Kinder  von  Ar- 


beitnehrnern,  die  keinen  eigenen  Landbesitz  haben,  oder  aus  Familien, 
die  aus  Unverstand  oder  Gewinnsucht  ihren  Kindern  die  notwendigen 
Nahrungsmittel  entziehen,  um  sie  zu  teuren  Preisen  zu  verkaufen. 
Die  durch  mangelhaft  zusammengesetzte  oder  nicht  ausreichende  Be¬ 
köstigung  unter  der  Bezeichnung  „Unterernährung“  zusammengefassten 
Störungen,  die  eigentlich  erst  nach  dem  Kriege  bei  unserer  Schul¬ 
jugend  beobachtet  werden  konnten,  sind  mannigfacher  Natur.  Eine 
Reihe  von  Kindern  zeigt  geringes  Fettpolster  und  schlaffe  Muskulatur, 
ein  müdes,  blasses  Gesicht  und  ist  in  körperlicher  sowie  geistiger 
Leistungsfähigkeit  merklich  beeinträchtigt.  Andere  wieder  haben  zwar 
ein  leidliches  Aussehen,  sind  aber  an  Rumpf  und  Gliedmassen  ausser¬ 
ordentlich  mager.  Bei  einer  dritten  Gruppe  fällt  mehr  eine  Unter¬ 
entwicklung  auf;  die  Kinder  bleiben  klein  und  zart  und  bieten  kein 
ihren  Lebensjahren  entsprechendes  Aeusseres,  stammeigentümliche 
Unterschiede  sind  hierbei  allerdings  zu  berücksichtigen.  Dem  Alter 
nach  sind  wohl  vor  allem  die  jüngsten  Jahrgänge  der  Schule,  denen 
in  den  ersten  Entwicklungsjahren  die  wichtigsten  Nahrungsmittel  mehr 
oder  weniger  fehlten,  wesentlich  betroffen,  in  einzelnen  deutschen 
Orten  auch  ältere  Kinder,  welche  die  ganze  Hungerzeit  des  Krieges 
und  der  Nachkriegszeit  als  Schüler  durchmachten.  Dem  Geschlecht 
nach  haben  fast  überall  in  den  in  Frage  kommenden  Gebieten  d  i  e 
Knaben  mehr  gelitten  als  die  Mädchen,  letztere  in  einigen 
Städten  nur  in  den  späteren  Lebensjahren.  Die  Anzahl  der  ihrem  Er¬ 
nährungszustände  nach  nicht  vollwertigen  Kinder  schwankt  in  ver¬ 
hältnismässig  weiten  Grenzen,  sie  ist  geringer  in  Gegenden  mit  wenig 
oder  gar  keiner  Industrie  und  beträchtlicher  in  Industriegebieten  sowie 
einigen  Grossstädten. 

Von  besonderen  Krankheitsformen  ist  an  erster  Stelle 
die  T  u  b  e  r  k  u  1  o  s  e  zu  nennen,  die  in  der  Form  der  Drüsen-,  Knochen- 
und  Gelenktuberkulose  nicht  nur  bei  den  Grossstadtkindern,  sondern 
auch  bei  denen  in  mittleren  und  kleineren  Orten  sowie  bei  der  Land¬ 
jugend  eine  ausserordentliche  Vermehrung  erfahren  hat.  Vor  allem 
macht  die  Drüsentuberkulose  (Skrofulöse)  viel  von  sich  reden,  stel¬ 
lenweise  sind  bis  50  Proz.  der  Kinder  skrofulös.  Das 
Umsichgreifen  des  Leidens  in  ländlichen  Gebieten  ist  besonders  ver¬ 
hängnisvoll,  da  hier  die  Wurzeln  der  Volkskraft  angegriffen  werden 
und  bei  dem  noch  immer  geringen  Verständnis  der  Bewohner  für 
hygienische  Erfordernisse  und  dem  Mangel  an  Einrichtungen  frühzeitiger 
Fürsorge  besondere  Gefahren  drohen. 

Weiterhin  sind  wie  bei  den  Kleinkindern  so  auch  bei  den  Schul¬ 
kindern  hohe  Grade  von  Blutarmut  sehr  oft  festgestellt  worden, 
die,  da  andere  Ursachen  nicht  nachgewiesen  werden  können,  in  vielen 
Fällen  vermutlich  auf  tiefer  liegenden  Stoffwechselstörungen  beruhen. 

Ausser  Tuberkulose  und  Blutarmut  hat  die  Rachitis  bei  den 
Schulkindern  eine  nicht  unerhebliche  Verbreitung  gewonnen,  nicht 
selten  in  den  schwersten  Formen.  Knochenveränderungen  auf  ra¬ 
chitischer  Basis  kommen  zumal  bei  Schulanfängern  viel  öfter  vor  als 
früher,  und  bei  den  älteren  Schülern  schwinden  die  Zeichen  einer  über¬ 
standenen  Rachitis  nicht  in  dem  Maasse,  wie  es  beim  Vorherrschen 
besserer  Lebensbedingungen  sonst  zu  geschehen  pflegt. 

Auffallend  ist  eine  in  der  jetzigen  Ausdehnung  kaum  gekannte  Ver¬ 
schlechterung  der  Zahnverhältnisse  unter  den  Schulkindern, 
die  in  nicht  wenigen  Fällen  mit  Skrofulöse  vergesellschaftet  ist.  Bei 
den  in  ihrem  Ernährungszustände  zurückgebliebenen  Kindern  tritt 
ausserdem  der  Zahnwechsel  oft  verspätet  ein.  verschiedentlich  wurden 
Kinder  von  7 — 8  Jahren  angetroffen,  bei  denen  der  Zahnwechsel  noch 
nicht  eingesetzt  hatte. 

Bei  dem  engen  Zusammenhänge,  in  dem  Körper  und  Geist  zu 
einander  stehen  —  mens  sana  in  corpore  sano  — ,  nimmt  es  nicht 
wunder,  dass  als  Folge  des  nicht  befriedigenden  Allgemeinbefindens 
auch  geistige  Fähigkeiten  der  Kinder  wie  Aufmerksamkeit, 
Konzentrationsfähigkeit  und  Gedächtnis  bei  vielen  merklich  gelitten 
haben.  Die  seelische  Regsamkeit  ist  z.  T.  verringert,  die  Unterrichts¬ 
ergebnisse  lassen  häufig  noch  zu  wünschen  übrig. 

Man  geht  nicht  fehl  in  der  Annahme,  dass  die  Hauptschuld  an  dem 
bedauerlichen  Gesundheitszustände  unserer  Kinder  der  herrschenden 
M  i  1  c  h  n  o  t  zuzuschreiben  ist.  In  der  Zeit  vor  dem  Kriege  erhielten 
nicht  nur  Säuglinge  und  Kleinkinder  Milch,  sondern  es  stand  ebenso 
den  anderen  Familienmitgliedern  täglich  ein  fast  beliebiges  Quantum 
Milch  zur  Verfügung.  Während  und  nach  der  Kriegszeit  fiel  die  Milch¬ 
belieferung  für  die  Kleinkinder  teilweise,  für  Schüler  und  Schülerinnen 
wohl  überall  völlig  fort.  Bekanntlich  ist  nun  aber  die  Milch  als  Nah- 
rungs-  und  Aufbaumittel  für  den  wachsenden  Organismus  in  den  ersten 
Lebensjahren  durch  kein  anderes  Nahrungsmittel  zu  ersetzen  und  zwar 
besonders  deshalb  nicht,  weil,  wie  neuere  Forschungen  lehrten,  in  der 
Milch  und  den  aus  ihr  hergestellten  Produkten  Rahm,  Butter,  Käse 
bestimmte  Nahrungsstoffe  (Vitamine)  enthalten  sind,  die  für  Wachstum 
und  Entwicklung  jüngerer  Individuen  anscheinend  nicht  entbehrt  wer¬ 
den  können.  Das  Fehlen  oder  der  Mangel  an  Milch  macht  deshalb 
gewissermassen  einen  Einschnitt  in  die  körperliche  Entwicklung  der 
betreffenden  Jugend.  Die  Wachstumsintensität  verringert  sich,  der 
Mineralstoffwechsel  ist  beeinträchtigt,  die  Knochenentwicklung  gestört, 
die  Blutbildung  vermindert.  Als  Ersatz  für  die  vitaminreiche  Milch 
und.  das  Butterfett  ein  .Lebensmittel  mit  gleich  hohem  Vitamingehalt 
zu  finden,  stösst  noch  heute  auf  Schwierigkeiten.  Neben  der  Milchnot 
besteht  dazu  für  viele  Kreise  ein  Mangel  an  Fleisch  und  Eiern,  der 
zu  einer  Einseitigkeit  der  Ernährung  führt  und  auf  den  Gesundheits¬ 
und  Kräftezustand  besonders  der  älteren  Kinder  nachteilig  einwirkt. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


362 

Eine  weitere  Altersklasse,  der  die  gegenwärtige  Besserung 
der  Ernährungslage  nicht  in  wünschenswertem  Umfange  Erleichterung 
gebracht  hat.  umfasst  alle  diejenigen,  die  infolge  vorgerückter  Jahre 
nicht  m  e  h  r  oder  nur  in  ganz  bescheidenem  Maasse  als  e  r  w  e  rb  s  - 
fähig  an zusetien  sind  und  denen  anderweitige  ausreichende  ueld- 
mittel  zur  Bestreitung  des  notwendigen  Lebensunterhaltes  nicht  zur 
Verfügung  stehen,  also  vor  allem  Witwen,  Klein  -  und  Sozial¬ 
rentner,  Altpensionäre,  Angehörige  freier  Berufe 
u.  a.  m.  Wie  zahlreich  diese  Bedauernswerten  in  gesundheitlicher 
Beziehung  Opfer  der  herrschenden  Zeitverhältnisse  werden,  davon 
reden  vorläufig  nur  die  Listen  der  privaten  Wohlfahrtsvereinigungen, 
besonders  der  Tuberkulosefürsorge,  denn  noch  besteht  bei  den  Ge¬ 
nannten  vielfach  grosse  Scheu,  ihre  Leiden  und  Beschwerden  zustän¬ 
digen  Stellen  bekanntzugeben  oder  öffentliche  Hilfe  in  Anspruch  zu 
nehmen.  Ueberhaupt  pflegen  diese  Personen  sich  um  fremde  Unter¬ 
stützung,  und  sei  es  auch  zur  Behebung  körperlicher  Krankheits¬ 
zustände,  nicht  früher  zu  bemühen,  bis  alle  eigenen-  Hilfsmittel  er¬ 
schöpft  sind,  bis  alle  nicht  dringend  erforderliche  Bekleidung,  aller 
überflüssiger  Hausrat  verkauft,  eine  etwaige  Lebensversicherung  ver¬ 
pfändet  und  jede  Aussicht  auf  Selbsthilfe  geschwunden  ist.  Wenn  auch 
das  während  der  Kriegs-  und  Nachkriegszeit  beobachtete  massen¬ 
hafte  Absterben  dieser  ältesten  Jahrgänge  wesent¬ 
lich  zurückgegangen  ist,  so  bleibt  vorerst  die  Frage  offen, 
inwieweit  die.  niedrigere  Sterbeziffer  dadurch  zustande  gekommen  sein 
dürfte,  dass  der  Tod  bei  den  Angehörigen  dieser  Altersklasse  in  den 
Vorjahren  eben  ganze  Arbeit  gemacht  hat.  Im  übrigen  geht  aus  ein¬ 
zelnen  bereits  vorliegenden  Zahlenangaben  hervor,  dass  die  Sterblich¬ 
keit  dieser  Personen  noch  immer  höher  ist  als  kurz  vor  dem  Kriege. 
So  besagt  eine  Hamburger  Statistik,  dass  1920  im  dortigen  Staats¬ 
gebiet  von  über  70  jährigen  Personen  107,53  vom  Tausend  dei  Be¬ 
völkerung  gleichen  Alters  gegenüber  103,9  im  Jahre  1913  verstürben. 

Um  einer  ernsten  Gefährdung  der  in  vorstehendem  gekennzeich¬ 
neten  Bevölkerungsgruppen  vorzubeugen,  waren  in  den  letzten  Jahren 
amtliche  und  private  Stellen  nach  Kräften  bemüht,  die  bekannten 
Schwierigkeiten  zu  verringern.  Unter  anderem  wurden  aus  Reichs¬ 
mitteln  ausser  einmaligen  Beiträgen  zur  Förderung  der  Erforschung  der 
Tuberkulose,  zu  den  Fahrtkosten  für  die  Unterbringung  erholungs¬ 
bedürftiger  Kinder  im  Auslande  u.  a.  m.  fortlaufend  3  000  000  M.  zur 
Förderung  der  auf  sittliche  und  gesundheitliche  Hebung  des  Volkes 
gerichteten  Bestrebungen,  soweit  sie  allgemeine  Bedeutung  haben, 
bewilligt.  Weitere  400  Millionen  Mark  sind  in' dem  Haushalt  des 
Reichsministeriums  für  Ernährung  und  Landwirtschaft  für  1921/22  vor¬ 
gesehen  zur  Besserung  der  Milchversorgung  und  zwar  für  solche  Ge¬ 
meinden.  in  denen  die  Milchversorgung  besonders  notleidet,  d.  h.  der 
Milchbedarf  nur  bis  zu  einem  bestimmten,  noch  festzusetzenden  Bruch¬ 
teil  gedeckt  ist.  Im  Hinblick  auf  die  hohe  Bedeutung  des  Jugend- 
wanderns  für  die  körperliche  und  geistige  Wiedergesundung  unserer 
Jugend  wurde  ferner  dem  deutschen  Hauptausschuss  für  Jugendher¬ 
bergen  von  der  Reichsregierung  eine  bestimmte  Summe  überwiesen. 
In  mehreren  Ländern,  z.  B.  Sachsen,  Württemberg  und  Mecklenburg- 
Strelitz,  fand  die  Wohlfahrtspflege  bereits  eine  gesetzliche  Regelung. 
In  Preussen  wurden  durch  einen  Erlass  des  Ministers  für  Volks¬ 
wohlfährt  vom  1.  März  1921  Kur-  und  Badeorte  den  Sozialversicherten 
und  der  minderbemittelten  Bevölkerung  dienstbar  gemacht;  überdies 
wurde  alljährlich  durch  einen  besonderen  Erlass  des  gleichen  Ministers 
die  Unterbringung  von  Stadtkindern  auf  dem  Lande  unterstützt.  Bayern 
stärkte  die  Bestrebungen  der  Kleinkinder-,  Schulkinderfürsorge,  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  u.  a.  m  durch  reichliche  Zuschüsse.  Die  _  Landes¬ 
versicherungsanstalten,  denen  §  1274  RVO.  die  Möglichkeit  gibt,  Auf¬ 
wendungen  zur  Hebung  der  gesundheitlichen  Verhältnisse  der  ver¬ 
sicherungspflichtigen  Bevölkerung  zu  machen,  haben  Unternehmungen 
und  Anstalten,  die  der  allgemeinen  Kinderfürsorge  dienen,  mit  reich¬ 
lichen  Beihilfen  bedacht.  Durch  besondere  Beiträge  haben  ausserdem 
zahlreiche  Kommunalverwaltungen  für  eine  Verbilligung  des  Milch¬ 
preises  auch  für  Kleinkinder  Sorge  getragen.  Schliesslich  ist  auf  dem 
Gebiete  der  privaten  Wohltätigkeit  von  sehr  vielen  Vereinen  und  Ver¬ 
bänden  helfend  eingegriffen  worden;  leider  kann  im  Rahmen  dieses 
kurzen  Aufsatzes  auf  die  einzelnen  hierhin  gehörigen,  höchst  anerken¬ 
nenswerten  Leistungen  nicht  näher  eingegangen  werden,  besonderer 
Erwähnung  bedürfen  indes  die  Arbeit  des  Vereins  „Landaufent¬ 
halt  für  Stadtkinder“,  der  den  Charakter  einer  Reichs¬ 
zentrale  besitzt,  und  die  Hilfsaktion  der  religiösen  Gesell¬ 
schaft  der  Freunde  (Quäker)  von  Amerika,  Der  erst¬ 
genannte  Verein,  der  in  dem  berüchtigten  Kohlrübenwinter  1917 
aus  privater  Hilfsbereitschaft  entsprang  und  in  engster  Fühlung 
mit  den  Reichs-  und  Landesbehörden  steht,  hat  bis  jetzt  nahe¬ 
zu  die  gesamte  Erholungsfürsorge  der  deutschen  Kinder  geregelt.  Ihm 
ist  es  oft  unter  unsäglichen  Mühen  gelungen,  in  den  einzelnen  Jahren 
seit  seiner  Gründung  eine  erstaunlich  grosse  Anzahl  erholungsbedürf¬ 
tiger  Kinder  im  In-  und  Auslande  unterzubringen,  so  im  Jahre  1920 
allein  in  Preussen  76  981,  im  übrigen  Reich  130  999  und  im  Auslande 
36  083.  In  aufopferndster  und  dankenswertester  Weise  hat  ferner  seit 
Frühjahr  1920  das  grosszügige  und  straff  organisierte  amerikanische 
Liebeswerk  der  Quäker  unseren  Kindern  Hilfe  gebracht.  Die  Haupt¬ 
aufgabe  der  Mission  besteht  in  der  Ausgabe  einer  täglichen  Zusatz¬ 
mahlzeit  an  Kleinkinder,  Schulkinder.  Jugendliche  bis  18  Jahre  und 
werdende  sowie  stillende  Mütter,  die  durch  Unterernährung  besonders 
schwer  gelitten  haben.  Durch  die  Hilfsmission  wurden  Mitte  1920  in 
etwa  800  Orten  täglich  ungefähr  725  000  Kinder  und  Mütter  gespeist. 
Bis  zum  Jahresende  hatte  sich  die  Zahl  der  Orte,  in  denen  Speisungen 


stattfanden,  auf  ungefähr  600  vermehrt.  Der  Höhepunkt  dieser  m 
schenfreundlichen  Tätigkeit  wurde  im  Juni  1921  erreicht.  Zu  die 
Zeit  wurden  täglich  1  Million  Portionen  in  1640  Orten  abgegeben.  1 
Reich  leistete  bisher  zu  der  Quäkerspeisung  einen  Beitrag  in  H 
von  50  Millionen  Mark  zur  unentgeltlichen  Bereitstellung  von  M 
und  Zucker.  In  dem  laufenden  Etatsjahr  sind  vom  Reiche  für 
Zwecke  der  Ernährungsfürsorge  für  unterernährte  Kinder,  die  wie  \ 
dem  in  Verbindung  mit  der  Arbeit  der  Quäker  ausgeübt  werden  ; 
100  Millionen  ausgeworfen. 

Zu  erwähnen  bleibt,  dass  sich  der  infolge  vorgeschrittenen  Al 
gar  nicht  oder  nur  noch  in  bescheidenstem  Maasse  Erwerbsfähigen, 
weit  Sozialrentner  in  Frage  kommen,  das  vom  Reichstag  beschloss 
Gesetz  über  Notstandsmassnahmen  zur  Unterstützung  von  Renl 
empfängern  der  Invaliden-  und  der  Angestelltenversicherung  \ 
7  Dezember  1921  annimmt.  Auch  für  die  notleidenden  Kleinkapi 
rentner,  deren  Zahl  in  Deutschland  auf  4—500  000  geschätzt  wird, 
mancherlei  geschehen.  So  haben  beispielsweise  Bayern  im  Jahre  1 
5  Millionen  ' Mark  Staatsbeitrag  und  das  Ergebnis  einer  Sammlung 
der  Höhe  von  12  Millionen  Mark,  zusammen  17  Millionen  Mark, 
Jahre  1921  weitere  20  Millionen  Mark,  Sachsen  5  Millionen  M: 
Baden  500  000  M„  Thüringen  \'A  Millionen  Mark  für  Kleinrenh 
Mecklenburg-Schwerin  für  Minderbemittelte  einen  Betrag 
1  050  000  M.  zur  Verfügung  gestellt.  Ferner  hat  Mecklenburg-Stn 
durch  das  Gesetz  über  Altersbeihilfen  für  Kleinrentner  vom  31.  IV 
und  13.  Juli  1921  eine  Altersbeihilfe  für  die  genannten  Personen 
Form  einer  Leibrentenversicherung  eingerichtet,  bei  der  das  Land 
Hälfte  der  Kosten  trägt.  Das  Reich  will,  wie  in  einer  dem  Ha 
ausschuss  des  Reichstages  von  der  Reichsregierung  unterbreit! 
Denkschrift  hervorgehoben  wird,  sich  an  diesen  Unterstützungsm; 
nahmen  mit  einem  Zuschuss  beteiligen,  der  für  die  Zeit  vom  1.  Oktc 
1921  bis  31.  März  1922  auf  100  Millionen  Mark  bemessen  ist. 
Zuschuss  soll  auf  die  Länder  verteilt  werden  und  grundsätzlich 
solchen  Kleinrentnern  zugute  kommen,  die  selbst  —  oder,  falls  es 
um  Witwen  handelt,  deren  Ehegatten  —  ein  Vermögen  durch  Ar 
erworben  oder  erhalten  haben,  um  sich  gegen  Alter  oder  Erwe 
Unmöglichkeit  zu  schützen.  Welche  Einzelmassnahmen  noch 
anderer  Seite  —  Kommunalverwaltungen,  privater  Wohltätigkeit  i 
-  für  die  in  Rede  stehende  Altersklasse  getroffen  wurden,  kann 
nicht  näher  ausgeführt  werden. 

Ist  für  die  jüngeren  und  ältesten  Jahrgänge  unseres  Volkes 
sprechend  den  Forderungen  der  Gegenwart  von  den  verschieden! 
amtlichen  und  privaten  Stellen  auch  schon  viel  geleistet  worden, 
bleibt  immerhin  noch  viel  zu  tun  übrig.  Im  Interesse  unserer  Kin 
auf  denen  unsere  Zukunft  beruht,  ist  zu  wünschen,  dass  das  J  ugei 
wohlfahrtsgesetz.  das  die  amtliche  Zusammenfassung  ; 
Jugendbestrebungen  beabsichtigt  und  dessen  erste  Lesung  von  dem 
ständigen  Ausschuss  des  Reichstags  nunmehr  beendet  wurde,  bald 
Verabschiedung  gelangt.  Durch  einheitliches  Handeln  wird  alsc 
ganz  ausserordentlich  mehr  geschafft  werden  können  als  durch 
derzeitige  Nebeneinanderarbeiten  der  verschiedensten  Faktoren, 
lange  dieses  Ziel  nicht  erreicht  ist,  wird  man  sich  naturgemäss 
Sondermassnahmen  begnügen  müssen,  als  deren  dringlichste  wohl 
Ausdehnung  der  vielerorts  bewirkten  M  i  1  s  h  v  e  r  b  i  1  Hg  u  ng  ; 
auf  ältere  Kinder  anzusehen  ist.  Neben  den  Jüngeren  sollte  man  ; 
auch  die  A  e  1 1  e  s  t  e  n,  vor  allem  diejenigen,  die  durch  bereits  ge 
fene  Bestimmungen  nicht  erfasst  werden,  nicht  vergessen,  da  cs 
Staat,  abgesehen  von  Rücksichten  der  Menschlichkeit,  keitiesv 
gleichgültig  sein  kann,  wenn  sorgsam  aufgespeicherte  Kräfte,  die 
Allgemeinwohl  nach  einer  oder  anderen  Richtung  noch  zu  nützen 
mögen,  hilflos  zugrunde  gehen.  Wie  das  im  einzelnen  zu  gesc'hi 
hat,  ob  durch  Einführung  einer  Alterspensionsversicherung,  Erhol 
des  Existenzminiimums,  weitere  Steuererleichterungen  oder  and 
mehr,  muss  der  Prüfung  berufener  Instanzen  Vorbehalten  bleiben, 
vornehmste  Gebet  eines  jeden  Kulturstaates  muss  es  jedenfalls 
das  Alter,  das  einen  unschätzbaren  Reichtum  kostbarer  Erfahrui 
repräsentiert,  soweit  zu  schützen,  als  das  überhaupt  möglich  i 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

J.  Meisenhelmer:  Geschlecht  und  Geschlechter  im  Tierrei 

I.  Die  natürlichen  Beziehungen.  Jena  1921.  Verlag 
G.  Fischer.  896  Seiten  mit  737  Abbildungen  im  Text.  180  1 
210  M. 

Der  Verfasser,  dessen  Arbeiten  über  die  sekundären  Gesellet 
merkmale  jedem  Biologen  bekannt  sind,  hat  in  dem  vorliegenden  I 
ein  Werk  geschaffen,  das  sicher  auf  lange  Zeit  hin  grundlegend 
wird.  Mit  peinlichster  Gewissenhaftigkeit  wird  alles  behandelt,  was 
die  natürlichen  Beziehungen  der  Geschlechter  zueinander  in  allen  A 
des  Tierreiches  Bezug  hat.  Hier  im  einzelnen  auf  den  Inhalt 
Werkes  einzugehen,  würde  zu  weit  führen. 

In  klarer,  leicht  verständlicher  Weise,  erläutert  durch  zahlrt 
vorzugi Lena  Abbildungen,  werden  die  bisher  ermittelten  Tatsachen 
schildert  und  an  sie  die  Schlussfolgerungen  angeknüpft.  Dabei 
schränken  sich  die  Ausführungen  niemals  darauf,  eine  einzelue  Ers> 
nung  nur  bei  einer  bestimmten  Art  zu  ermitteln  und  die  dabei  ge\ 
nenen  Ergebnisse,  so  wie  dies  heute  leider  vielfach  üblich  ist,  zu 
allgemeinem,  sondern  stets  werden  alle  bisher  beobachteten  Erst 
nungen  in  gleicher  Weise  berücksichtigt  und  die  widersprecnei 


März  1  922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


303 


iide  in  sorgfältiger  Weise  gegeneinander  abgewogen.  Dabei  zeigt 
:  dass  häufig  genug  ganz  nahe  verwandte  Arten  hinsichtlich  des 
s  lechtlichen  Verhaltens  weit  von  einander  abweichen,  während 
r  entfernte  ähnliche  oder  gleiche  Vorkommnisse  darbieten. 

Gerade  in  der  umfassenden  Behandlung  aller  Erscheinungen  und 
!  Gegenüberstellung  unterscheidet  sich  die  Darstellungsweise  M.s 
i  legend  von  fast  allen  den  zahlreichen  anderen  Veröffentlichungen, 
ich  heute  mit  dem  Sexualitätsproblem  beschäftigen.  Sie  stützen 
eistens  ihre  überphantasiereichen  Ausführungen  nur  auf  diie  an 
i!  Art,  in  erster  Linie  am  Menschen  ermittelten,  oft  recht  zweifel- 
1i  Ergebnisse  und  glauben  durch  sinnlose  Verallgemeinerung  einer 
■  nen  Beobachtung  das  Sexualitätsproblem  lösen  zu  können. 

Vas  dagegen  M.  bringt,  ist  sachliche  Darstellung,  echte  Wissen- 
i  .  Ueberall  stellt  er  die  eigene  Anschauung  scharf  in  den  Vorder- 
B.  eine  ausführliche  Besprechung  der  entgegengesetzten  Anschau- 
gi  unterbleibt,  da  sie  bei  dem  riesigen  Umfang  des  behandelten 
B  tes  zu  weit  geführt  hätte.  Gewissenhafte  Hinweise  auf  die 
jj  en.  aus  denen  die  gemachten  Angaben  stammen,  ermöglichen  es 
h  leicht,  sich  noch  genauer  über  einzelne  Fragen  zu  unterrichten. 
Das  Buch  ist  wohl  in  erster  Linie  für  den  Forscher  gedacht,  ihm 
[l  es  reichste  Belehrung  und  ihm  wird  es  dauernd  ein  wertvolles 
Bchlagewerk  sein.  Es  wäre  nur  zu  wünschen,  dass  jeder,  der  in 
'!  olge  das  Geschlechtsproblem  behandelt,  die  Art  der  Meisen- 
:i  er  sehen  Darstellung  und  vor  allem  seine  Gründlichkeit  nach- 
ijien  suchte.  Das  wird  ihn  vor  übereilter,  sinnloser  Theorien- 
l!g,  wie  sie  heute  so  vielfach  geübt  wird,  schützen. 

:ber  auch  der  Arzt,  der  sich  die  Zeit  nehmen  kann,  das,  Buch 
erarbeiten,  wird  aus  einem  solchen  Vorgehen  reichen  Gewinn 
Bi.  Bei  der  Beurteilung  vieler  ärztlicher  Fragen  spielt  ja  heute 
a;  das  Geschlechtsproblem  eine  wichtige  Rolle.  Wer  das  Meisen- 
ji  e  r  sehe  Werk  kennt,  wird  mit  dem  Verfasser  einsehen,  „dass 
lisch  vertieftes  Verständnis  dieser  Seite  menschlichen  Wesens 
us  der  erweiterten  vergleichenden  Erfassung  der  Probleme  ge- 
r:n  werden  kann.  Der  Mensch  ist  hier  wie  überall  in  der  Natur 
n  Spezialfall“. 

er  Verlag  hat  bei  der  Herstellung  Vorzügliches  geleistet:  Grosser 
erleichtert  das  Lesen,  die  Abbildungen  sind  gut,  das  Papier 
:i  ismässig.  die  ganze  Ausstattung  gefällig. 

3  vereinigt  dieser  erste  Band  alle  Vorzüge  eines  wissenschaft- 
<  Werkes  in  sich  und  wir  dürfen  mit  grosser  Spannung  dem 
j:n  Bande  entgegensehen,  in  dem  in  erster  Linie  die  theoretischen 
i'  behandelt  werden  sollen,  die  sich  an  das  Geschlechtsprobiem 
Wen.  H.  Stieve. 


Stellung  nicht  leiden,  dabei  aber  manchem  Mediziner  erfahrungsgerfiäss 
sympathischer  werden. 

Im  übrigen  wird  eine  lückenlose  Darstellung  aller  Anwendungs¬ 
formen  der  Hochfrequenzströme  (primäres  Solenoid,  Autokonduktion, 
Kondensation,  Fulguration  usw.),  sowie  der  verwandten  Stromarten 
(Morton  sehe  Ströme,  Wave-current,  Monodische  Voltaisation  ge¬ 
geben.  Steffens  behandelt  in  einem  eigenen  Kapitel  seine  Anionen¬ 
therapie,  B  ii  h  1  e  r  bespricht  ausführlich  die  Hochfrequenztherapie  des 
pathologisch  veränderten  Blutdruckes;  mit  seiner  Anschauung,  dass  die 
Blutdrucksenkung  auch  bei  Applikation  von  Diathermieströmen  eine 
spezifische  Wirkung  der  raschen  elektrischen  Schwingungen  und  nicht 
der  Wärme  sei,  steht  er  im  Gegensatz  zu  den  allgemein  üblichen  An¬ 
sichten. 

Die  Diathermie  wird  in  einem  eigenen  Teil  behandelt.  Die 
physikalische  Einführung  hiezu  ist  eine  Wiederholung  aus  dem  ersten 
Teil.  Wenn  auch  hier  wie  im  ersten  Teil  überall  die  reiche  Erfahrung 
des  Verfassers  zum  Ausdruck  kommt  und  oft  in  kurzen  Sätzen  präzisiert 
ist,  so  wird  derjenige,  der  sich  eingehender  mit  diesem  Zweige 
der  Therapie  beschäftigen  will,  doch  noch  eines  der  ausführlichen 
Speziallehrbücher  der  Diathermie  zu  Hilfe  nehmen  müssen.  Ein  Kom¬ 
pendium  kann  nicht  alle  Einzelheiten  bringen;  wenn  es  aber,  wie  das 
vorliegende,  eine  umfassende,  kritische  Uebersicht  gibt,  dann  hat  es 
seinen  Zweck  voll  erfüllt.  H  a  m  m  e  r- München. 

Erhard  Riecke:  Lehrbuch  der  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten. 

Verlag  von  Gustav  Fischer.  884  S.  Preis  125  M. 

Das  bekannte  Werk  von  12  Autoren,  von  Riecke  herausgegeben, 
erscheint  jetzt  in  6.  Auflage.  Es  erlebte  in  15  Monaten  2  Ausgaben. 
Der  Grund  seiner  Beliebtheit  liegt  erstens  wohl  in  seiner  Natur,  halb 
Atlas  halb  Lehrbuch  zu  sein  und  zweitens  in  der  Art  seiner  Darstellung. 
Verfasser  sagt  im  Vorwort,  dass  sich  die  Neuherstellung  zahlreicher 
alter  Abbildungen  als  notwendig  erwies.  Das  ist  unbestreitbar.  Dass 
ferner  .  viele  neue  Abbildungen,  lehrreichere,  eingetauscht  wor¬ 
den  seien.  Dieser  Tausch  dient  dem  Ganzen  nur  zum  Vorteil. 

Ganz  neu  umgearbeitet  sind  die  Pilzerkrankungen.  Die  modernen 
Behandlungsarten  und  Heilmittel  sind  besprochen,  soweit  sie  sich  Hei- 
matsrecht  erworben  haben.  Der  Umfang  hat  dadurch  allerdings  um 
30  Seiten  zugenommen. 

Einige  Bilder  —  Ekthyma  gangraenosum,  Lupus  erythematodes 
faciei  z.  B.  —  könnten  verschwinden. 

An  Stelle  von  Tomasczewski  ist  Friboes  getreten. 

Der  Preis,  auf  Goldmark  umgerechnet,  ist  erstaunlich  mässig,  Druck 
und  Papier  sind  ausgezeichnet.  Karl  T  a  e  g  e  -  Freiburg  i/B. 


Weidenreich:  Das  Evolutionsproblem  und  der  individuelle 
>  tungsanteil  am  Entwicklungsgescheiten,  Heft  27  der  Vorträge 
.  ifsätze  über  Entwicklungsmechanik  der  Organismen  von  W.  Roux, 
i  1921.  J.  Springer.  Preis  48  M. 

.  weist  mit  Recht  darauf  hin,  dass  heute  kein  kritisch  denkender 
s  er  eine  einigermassen  befriedigende  Erklärung  der  Artentstehung 
könne  und  versucht  dann  die  schwebende  Frage  von  seinem 
ninkt  aus  zu  erklären.  Er  lehnt  sich  in  seinen  Anschauungen 
Rächlich  an  Naegeli  und  Oskar  Hertwig  an.  Seine  Aus- 
Gen  sind  gut  durchdacht,  berücksichtigen  aber  fast  ausschliesslich 
eren,  schon  in  alle  Lehrbücher  aufgenommenen  Tatsachen,  ohne 
gebnisse  neuerer  Arbeiten  auch  nur  zu  erwähnen.  Die  Braus- 
nschauung  z.  B.,  auf  die  W.  Bezug  nimmt,  dass  die  Gelenkenden 
2desmal  neu  durch  gegenseitige  Beeinflussung  der  artikulierenden 
fn  ihrer  zweckdienlichen  Form  gestaltet  werden,  sondern  dass  die 
1  der  Gelenkenden  vererbt  sei,  ist  durch  die  neuen  Arbeiten  von 
;  endgültig  widerlegt.  Auch  bei  der  Frage  der  Parallelinduktion 
<<die  Kenntnis  neuerer  Arbeiten,  welche  die  Abhängigkeit  der 
jrüsen  vom  Zustand  des  GeSämtorganismiss  beweisen.  W.s 
l  gnahme  sicher  beeinflussen  können.  Im  ganzen  bieten  aber  die 
!  rungen  W.s,  gerade  weil  sie  sich  in  Gegensatz  zu  der  heute 
Senden  Hauptrichtung  setzen,  viel  Anregungen  und  können  zur 
i  ung  in  die  behandelten  Fragen  empfohlen  werden. 

I  \  •  *  H.  S  t  i  e  v  e. 


■’h nee:  Kompendium  der  Hochfrequenz  in  ihren  verschiedenen 
dungsformen  einschliesslich  der  Diathermie.  344  Seiten,  179  Abb. 
von  Otto  Nemnich,  Leipzig  1920.  Preis  geb.  36  M. 

:r  Verfasser  durfte  das  Erscheinen  seines  Werkes  nicht  mehr 
i,  er  erlag  nach  Abschluss  desselben  einem  im  Felde  erworbenen 
•  A.  Laqueur  hat  daher  das1  Buch  vor  seiner  Drucklegung 
esehen  und  mit  einigen  neuzeitlichen  Ergänzungen  versehen, 
s  Hochfrequenztherapie  hat  sich,  mit  Ausnahme  der  Diathermie, 

äärneinen  in  Deutschland  nicht  recht  einbürgern  können.  Schnee 
d  in  seinem  Buche  eine  Lanze  für  sie  zu  brechen.  Die  Aus- 
ren  über  die  Bedeutung  dieses  Zweiges  der  physikalischen 
!e  wirkten  vielleicht  überzeugender,  wenn  die  biologischen  und 
■  utischen  Wirkungen  etwas  ausführlicher  und  spezialisierter  ab¬ 
wären.  (Den  Vorwurf,  dass  die  beobachteten  Heilwirkungen 
Art  seien,  entkräftet  Verfasser  dadurch,  dass  er  die  thera- 
i  Erfolge  auf  objektiv  nachweisbare  biologische  und  physi- 
latsachen  zurückführt.  In  der  richtigen  Erkenntnis,  dass  nur 
'  cckmässiger  Applikation  und  Kenntnis  der  physikalischen  Vor- 
-  befriedigende  Erfolge  erzielt  werden  können,  werden  die  physi- 
On  Grundlagen  —  für  ein  Kompendium  mitunter  zu  ausführlich  — 
Fielen  die  mathematischen  Formeln  weg,  so  würde  die  Dar- 


Die  operative  Behandlung  der  Lungentuberkulose.  Von  Prof.  Dr. 
S.  Jessen,  Geh.  Sanitätsrat  in  Davos.  Mit  11  Abbildungen  im  Text. 
3.,  gänzlich  umgearbeitete  und  erweiterte  Auflage.  Leipzig,  Verlag  von 
Curt  K  ab  i  t  z  s  c  h.  1921. 

Kurze  Zusammenfassung  persönlicher  Erfahrungen.  Tritt  mit 
Sauerb  r  u  c  h  für  die  Einrichtung  von  Anstalten  ein.  in  denen  operativ 
gegen  die  Lungentuberkulose  vorgegangen  werden  könnte.  „Nicht 
starres  Festhalten  an  einer  Methode  führt  uns  weiter,  sondern  die  Ver¬ 
bindung  und  der  Ausbau  aller  Wege.“  Karl  Ernst  Ranke. 

L.  W.  Samson:  Prostitution  und  Tuberkulose.  Klinische  und 
sozialmedizinische  Untersuchungen.  Leipzig,  G.  T  h  i  e  m  e,  1921. 
Preis  18  M. 

An  Hand  klinischer  Untersuchungen  von  1300  Berliner  Prostituierten 
1  sucht  Verfasser  über  die  Verbreitung  der  Tuberkulose  bei  Prostituierten 
ein  Bild  zu  gewinnen,  Er  fand  unter  diesen  mehr  wie  ein  Drittel 
Tuberkulöse,  etwa  ein  Viertel  hiervon  traf  auf  mittlere  Stadien. 
166  hatten  zur  Zeit  der  Lhitersuchung  Auswurf  (bakteriologische  Unter¬ 
suchung  erfolgte  nicht).  Er  untersucht  weiterhin  den  Einfluss  von 
Lebenshaltung.  Berufsschädlichkeiten.  Wohnung.  Lues,  Alkoholismus  und 
I  abakmissbrauch  auf  den  Verlauf  der  Tuberkulose  bei  Prostituierten. 
Er  kommt  dabei  zu  manchen  beachtenswerten  Ergebnissen.  Da  er 
glaubt,  dass  die  Prostitution  bei  der  Verbreitung  der  Tuberkulose  eine 
nicht  unwichtige  Rolle  spielt  — -  er  dürfte  diese  Gefahr  wohl  etwas  zu 
hoch  einschätzen  —  fordert  er  die  Miteinbeziehung  der  Tuberkulose 
in  die  bei  der  Kontrolluntersuchung  in  Betracht  kommenden  Krankheiten. 
In  der  von  ihm  gedachten  Form  wird  sich  dies  wohl  kaum  durchführen 
lassen;  immerhin  wird  man,  wenn  durch  ein  Reichstuberkulnsegesetz  1 
eine  Meldepflicht  für  Tuherkuloseerkrankungen  eingeführt  werden  sollte, 
auch  bei  den  Kontrolluntersuchungen  der  Tuberkulose  Beachtung 
schenken  und  die  Erkrankten  indirekt  durch  die  Meldung  der  Tuberku¬ 
losefürsorge  zuführen  können.  S  e  i  f  f  e  r  t. 

Karl  Birnbaum:  Kriminalpsychooathologie.  Systematische  Dar¬ 
stellung.  Julius  Springer.  Berlin  1921. 

Das  Buch  zerfällt  in  drei  Teile,  in  denen  hintereinander  die 
Kriminalpsychopathologie  im  engeren  Sinn,  die  Pönalpsychopathologie 
und  die  kriminalforensische  Psychopathologie  behandelt  werden.  Im 
ersten  —  grössten  —  Teil  werden  nach  einigen  einleitenden  Erörte¬ 
rungen  zuerst  die  psychopathologischen  Erscheinungen  als  Obiekte  der 
Kriminologie  und  dann  die  kriminellen  Erscheinungen  als  Objekte  der 
Psychopathologie  dargestellt;  ein  eigenes  Kapitel  über  das  naturwisson- 
schaftliche  Verbrecherproblem  wird  angeschlossen.  Der  zweite  Teil 
führt  über  die  allgemeine  Psychopathologie  der  Haft  zu  den  Haft- 
psychosen,  zur  Simulationsfrage  und  zu  den  Strafbehandlungswirkungen. 
Im  dritten  Teil  werden  die  einschlägigen  strafgesetzlichen  Normen 


.364 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


und  die  Aufgaben  der  kriminalforensisch-psychiatrischen  Begutachtung 

besproch B^h  hat  u  a  den  grossen  Vorzug  der  gedrängten  Kürze;  es 
gibt  kaum  eine  kriminalpsychopathologische  Fragestellung,  über  die :  es 
nicht  wenigstens  in  grossen  Zügen  orientieren  wurde.  Die  Darstellung 
ist  so.  wie  wir  sie  von  dem  rühmlichst  bekannten  Verfasser  gewohnt 
sind  Psychiater,  Kriminalpsychologen  und  Juristen  werden  sich  des 
Buches  mit  Freude  und  Nutzen  bedienen.  Es  ist  jedem  warm  zu  emp¬ 
fehlen.  der  sich  für  den  grossen  Problemkreis  bjteress^rt.  dem  es 
gewidmet  ist.  EuSen  Kahn-  München. 


Magnus  H  i  r  s  c  h  f  e  1  d:  Sexualpathologie.  Ein  Lehrbuch  für  Aeizte 
und  Studierende.  3.  Teil:  Störungen  im  Sexualstoffwechsel  mit  be¬ 
sonderer  Berücksichtigung  der  Impotenz.  Mit  5  Tafeln  (Photographien 
und  einem  Innervationsschema).  Bonn  1920.  341)  b.  . 

Der  vorliegende  Band  der  Sexualpathologie  behandelt;  Fetischismus. 
Hypererotismus,  Impotenz,  Sexualneurosen  (Sexualverdrangung).  Die 
in' Betracht  kommenden  Erscheinungen  sind  mit  ausserster  Akribie  und  in 
grosser  Breite  zusammengetragen.  In  der  theoretischen  Auffassui  g 
iiberwiegt  eine  somatologische  Auffassung  durchaus  (theoretische.  Auf¬ 
stellung' der  .Inkrete“:  „Andrin“  und  „Gynaecin“,  „psychoinkretonscher 
Parallelismus“).  -  Wer  eine  möglichst  vollständige  Zusammenstellung 
sexualpathologischer  Erscheinungen  wünscht,  mag  nach  dem  Buche 
greifen.  An  kritischer  Durcharbeitung  fehlt  es  durchaus,  und  darüber, 
ob  der  Verf.,  wie  er  meint,  „das  Glück  der  Liebe  mehrt  .  werden  die 
Meinungen  wohl  auch  sehr  auseinandergehen.  I  s  s  e  r  1  i  n  -  München. 


85  S.  Stuttgart  1921. 


Dr.  M.  Hirsch:  Die  Fruehtabtreibung. 

Enke 

Verf.,  der  ein  Berliner  Frauenarzt  ist  und  der  auch  als  Verfasser 
mehrerer  rassenhygienischer  Schriften  sowie  als  Herausgebei  des 
Archivs  für  Frauenkunde  und  Eugenetik“  bekannt  geworden  ist, 
verficht  in  vorliegender  Schrift,  wie  auch  schon  in  früheren  die  sogen, 
„soziale“  (d.  h.  eigentlich  privatwirtschaftliche)  und  die  sogen  „eugene- 
tischc“  (d.  h.  rassenhygienische)  Indikation  zum  künstlichen  Abort  mit 
manchem  Geschick  und  Ungeschick.  Als  Beleg  für  letzteres  mochte  ich 
nur  anführen,  dass  Hirsch  von  seinen  Forderungen  als  Konsequenz 
ins  Auge  fasst,  dass  sie  „die  Fruchtabtreibung  nicht  verhindern,  sondern 
nur' aus  der  Hand  der  Frau  oder  der  gewerbsmässigen  Abtreiber  m  die 
der  Aerzte  umleiten“  (S.  71).  Solche  Auslassungen  sind  leider  geeignet, 
gerade  verantwortungsbewusste  Aerzte  in  das  Lager  der  unbedingten 
Gegner  einer  an  und  für  sich  durchaus  erwägenswerten  „ache  zu 
treiben  Jedenfalls  zeigen  sie  meines  Erachtens,  dass  die  rassen¬ 
hygienische  Indikation,  nicht  wie  Hirsch  will,  dem  Ermessen  des 
einzelnen  Arztes  überlassen  werden  darf,  sondern  dass  sie  unbedingt 
einem  vom  Publikum  unabhängigen  Fachausschuss  Vorbehalten  bleiben 
müsste  Es  muss  unter  allen  Umständen  verhindert  werden,  dass  sie 
/um  Deckmantel  für  Operationen  aus  ganz  anderen  Motiven  werde. 

Lenz-  München. 


C.  M  u  z  i  o:  Geograiia  medica.  Mailand,  U.  H  o  e  p  1  i,  1922.  1212  b. 

56  Tafeln  und  Karten.  Preis  28  Lire. 

Der  Titel  verleitet  zu  der  Vermutung,  es  sei  hier  ,  ein  Wen;,  in 
italienischer  Spräche  gelungen,  wie  es  Deutschland  in  der  ..leider 
schon  1860  erschienenen  „historisch-geographischen  Pathologie  von 
August  Hirsch  besitzt.  Es  wird  jedoch  eine  freilich  oft  mühsame 
und  in  Einzelheiten  interessante  und  nicht  wertlose  Zusammenstellung 
von  Reiseerfahrungen  des  Verfassers  als  Sch.iffsarzt  und  Lesefrüchten 
ohne  Quellenangabe  geboten,  die  in  erster  Linie  für  Laien  bestimmt  ist, 
um  diesen  als  Gesundheitsführer  bei  der  Auswanderung  in  fremde  Lander 
zu  dienen.  Muzios  Buch  ist  ein  neuer  Beweis  dafür,  dass  für  eine 
wirkliche  „medizinische  Geographie“  in  neuzeitlicher  Forscherarbeit 
gewonnene  Grundlagen  noch  fehlen.  T  i  c  h  y  -  Schreiberhau. 


0.  H  e  r  t  w  i  g;  Zur  Abwehr  des  ethischen,  des  sozialen,  des  poli¬ 
tischen  Darwinismus.  2.  Auflage.  Jena  1921.  Preis  geh.  14  M 

Fast  unveränderter  Abdruck  der  1.  Auflage.  An.  vielen  Stellen  sind 
kleine  Aenderungen  und  Zusätze  angebracht,  wie  sie  den  verändeiten 
politischen  und  sozialen  Verhältnissen  der  Gegenwart  entsprechen. 

v.  M  ö  1 1  e  n  d  o  r  f  f  -  Freiburg  i.  Br. 


Zeitschriften -Uebersicht. 

und  experimentelle  Therapie. 


33. 


der 


Zeitschrift  für  Immunitätsforschung 

Band.  Heft  2  u.  3. 

S.  Büchner  und  W.  Zorn-  Greifswald : 

v’e^faTs'er’  haben  eine  Reihe  von  Versuchen  angestellt,  aus  denen  sie 
weitere  Stütze  der  Ansicht  von  Fried  berger 


Beiträge  zur  Agglutination 


schliessen,  dass  sie  eine 


des  Bazillus  OX  19  von  W  e  i  1  -  F  e  1  i  x  für 


Ergänzung  der  WaR..  sie  ergibt  noch  du  häufig  gute  Resu  täte,  wo  diese  I 
sagt  Jedoch  muss  die  Beobachtungsdauer  98  Stunden  betragen.  Neben 
inaktiven  Serum  empfiehlt  sich  dringend  die  Verwendung  aktiver  Sera  , 
Versuchszeit  wird  dadurch  abgekürzt,  die  Empfindlichkeit  bedeutend 
steigert,  ohne  dass  unspezifische  Resultate  auftreten.  Auch  eignet  sie  sich 
zur  Luesdiagnose  beim  Kaninchen.  Der  Flockungsvorgang  beruht  U' 
scheinlieh  auf  demselben  Vorgang  wie  bei  der  WaR.  Jedoch  spielen  ko! 
chemische  Zustände  bei  der  Flockungsreaktion  eine  grossere  Rolle. 

Heft  3  (Auswahl).  .  n  ,  .  . 

W  Bach  mann -Düsseldorf:  Beitrag  zu  den  Beziehungen  zwls 
Organabbauprodukten  und  Wassermannscher  Reaktion. 

Bei  Zusatz  von  ülykokoll  und  Leuzin  zu  einem  vorher  Wassern, 
negativen  Serum  gelingt  es.  dieses  Serum  positiv  zu  machen,  und  zwai 
ülykokollzusatz  in  einem  Grade,  welcher  der  Konzentration  der  zugeh 
Glykokollösung  parallel  gehen  kann.  Durch  Einspritzung  von  Am.nosh 
sowie  von  Partigenlipoid  gelingt  es  bei  Kaninchen  die  WaR.  zu  b 
flussen.  Die  Resultate  sind  aber  mit  Vorsicht  zu  verwerten,  da  daSjnor 
Kaninchenserum  schon  erhebliche  Schwankungen  im  Ausfall  der  WaR.  ; 

enteiweisster  syphilitischer  Sera  stimmt  gut  mit 
möglich,  dass  die  Reaktion  an  Organabbaustufei 
Art  sich  jedoch  nichts  Sicheres  aussagen  lässt. 


Die  Ninhydrinreaktion 
WaR.  überein.  Es  ist 
knüpft  ist,  über  deren 


scheint  bisher  nicht  einwandfrei  bewiesen,  dass  es  sich  bei  der  WaR 
eine  Antigen-Antikörperreaktion  handelt.  Ebenso  ist  der  sichere  Nachweis, 

•  ,  1  •  \\t  Z.  ^  n  n  n  cr*ViPn  AtlT.  11  TU  einen  LlDOldkt 


Substanz  um  einen  Lipoidk 
bei  der  Rekurrensinie 


es  sich  bei  der  Wassermann  sehen 
handelt,  noch  zu  erbringen. 

R.  W  e  i  c  h  b  r  o  d  t  -  Frankfurt:  Studien 
zwecks  Beeinflussung  von  Psychosen.  .  ,  ", 

Verf  hat  die  von  Plaut  und  Steiner  neuerdings  wieder  in 
rierte  Therapie  der  Paralyse  mit  Einimpfung  von  pathogenen  Rekur 
stammen  nachgeprüft.  Das  wichtigste  Heilmoment  erblickt  er  in  d« 
zielung  von  Temperaturen  über  41  °.  Während  der  ganzen  Krankheit  kt 
die  Spirochäten  im  Blute  des  Kranken.  Nach  Ueberstehen  der  Infektion  v 
die  Geimpften  bis  zu  18  Monaten  gegen  eine  Neuinfektion  geschützt. 
Liquor  waren  meist  2 — 3  Tage  nach  dem  ersten  Anfall  Spirochäten 
zuweisen,  nie  mit  Hilfe  des  Dunkelfeldes,  nur  durch  Ueberimpfen  am  \ 
Blut  und  Liquor  von  Kranken,  die  eine  Rekurrensinfektion  überst; 
Irvben  vermögen  bei  einer  Maus  eine  Infektion  zu  verhindern  oder  zu 
zögern.  Der  klinische  Erfolg  der  Behandlung  war  wechselnd  Hier 
dort  gute  Remissionen,  in  manchen  Fällen  nicht  der  geringste  Einfluss, 
schlägt  daher,  ebenso  wie  Plaut  und  Steiner,  vor,  neben  der  r 
therapie  auch  eine  energische  Salvarsankur  bei  der  Paralyse  einzu.eitei 

L.  S  a  a  t  h  o  f  f  -  Oberstd 


Beiträge  zur  Klinik  der  Tuberkulose.  Band  49,  Heft  2. 
Hertha  Liebe  (Heilanstalt  Waldhof-Elgershausen):  Bericht 

104  Pneuniothoraxfälle.  I 

Es  handelt  sich  um  59  Männer  und  95  brauen,  denen  I  neumothora! 
gelegt  wurde.  Verf.  wandte  einen  neuen  Apparat  mit  Stichmethode  aii 
gegeben  von  Dr.  Liebe  sen.;  das  Wesentliche  ist,  dass  er  drei  Gasfl? 
enthält,  eine  O-Flasche,  eine  N-Flasche  und  eine  mit  beiden  kommunizu! 
Mischflasche,  in  die  das  einziublasende  Gas  (Sauerstoff  oder  Stickstoff) ! 
eine  Sublimatwassersäule  gepresst  wird.  Benutzt  wurde  Sauerstoff  und  l 
stoff,  das  Gas  selbst  strömte  in  den  Thorax,  ein  wesentlicher  Druck,  ' 
bei  dem  Leschke  sehen  Apparat  angewandt  werden  kann,  ist  aussei 
der  Sublimatsäule  nicht  vorhanden,  atmosphärische  Luit  wurde  j 
benutzt.  Zur  Ersteinfüllung  wurden  400 — 700  ccm  O  bzw.  350  1200  c 

zur  zweiten  Füllung  500—800  ccm  O  bzw.  200 — 1400  ccm  N  bej 
Während  der  Behandlung  auftretende  Exsudate  wurden  nicht  ptm 
Doppelseitige  Lungentuberkulose  in  bestimmten  Fällen,  zum  Teil  auch 
kopi-  und  Darmtuberkulose,  waren  keine  Gegenindikation.  In  drei  Falle: 
Auftreten  von  Embolien  angenommen.  35,6  Proz.  Patienten  starben,  10, >| 
der  behandelten  zeigten  keine  Besserung.  Die  Mindestdauer  der  Belia- 
war  zwei  Jahre.  Endgültiges  über  die  Erfolge  lässt  sich  nicht  sagen,  ■ 
Teil,  wie  es  ja  bei  einer  Heilanstalt  erklärtlich  ist,  aus  der  Beobachtur 

schwunden  ist.  ...  .  „ 

Anna  K  1  e  e  m  a  n  n  (I.  med.  Klinik  München):  Ueber  das  weisse  13 
und  seine  Aenderungen  im  Verlaufe  der  Lungentuberkulose. 

Von  Bedeutung  sind  1.  Zahl  der  Neutrophilen,  2.  die  Linksverscm 
3.  die  Zahl  der  Leukozyten,  4.  die  Zahl  der  Eosinophilen.  Die  Gj 
leukozytenzahl  allein  gewährt  Stützen  weder  für  diagnostische  noC| 
gnostische  Schlüsse.  Neutrophilie  (relative)  auch  bei  fehlender  Erhöhui 
Leukozytenzahl  kann  nach  Sekundärinfektion  bzw.  Hämoptoe  auftreten 
allgemein  in  bezug  auf  Prognose  ungünstig  zu  werten,  desgleichen 
Verschiebung  des  weisseu  Blutbildes.  Lymphozytose  findet  sich  Vorzug 
in  leichteren  Fällen,  sie  ist  prognostisch  günstig  zu  werten.  Eosinopluh 
sich  bei  günstig  verlaufender!  Fällen.  ,  'J 

Brinkmann  und  Schmoeger  (Krankenhaus  St.  Georg,  Lt 
Erfahrungen  in  der  Tuberkulosetlierapie  mit  Partialantigenen  nach  Dev 

Much.  ...... 

Nach  längeren  theoretischen  Ausführungen  über  den  Streit,  ob  die  l 
wie  D  e  y  c  k  e  und  Much  behaupten,  oder  das  Eiweiss  (L  a  n  g 
Spezifische  sind,  kommen  Verfasser  auf  Grund  ihrer  Statistik  zum  E 
einer  günstigen  Beurteilung.  Von  298  Tüberkulosepatienten  (cf.  Tab 

Tabelle  1. 


über  die  ätiologische  Bedeutung 
das  Eieckfieber  sind.  . 

Hans  Sa  hl  mann  -Heidelberg:  Ueber  das  Verhalten  der  Albumine 

und  Globuline  beim  serologischen  Luesnachweis.  -  ... 

Verf.  findet  die  wirksamen  Stoffe  des  Luetikerserums  bei  den  ver¬ 
schiedenen  Ausflockungsmethoden  sowohl  in  der  Albumin-,  als  in  der  Globulin- 
fraktion  vertreten.  Beim  Kohlensäureverfahren  erhält  man  die  grösste  Menge 
m  der  Albuminfraktion.  Die  WaR.  und  die  S  a  c  h  s  -  G  e  o  r  g  i  sehe  Reaktion 
dürften  auf  den  gleichen  Eigenschaften  des  syphilitischen  Serums  beruhen 
Abweichungen  im  Verhalten  sind  wohl  durch  sekundäre  Faktoren  bedingt. 

Walther  J  a  n  t  z  e  n  -  Hamburg:  Theoretische  und  praktische  Ergebnisse 
mit  den  Flockungsreaktionen  nach  M  e  i  n  i  c  k  e. 

Die  dritte  Modifikation  M  e  i  n  i  c  k  e  s  (D.M.)  eignet  sich  vorzüglich  zur 


Stadium 

Zahl 

!  % 

Positive 

Erfolge 

Negative 

Erfo’ge 

Ver¬ 

schlechtert 

% 

°/o 

% 

1 

39 

27,7 

89,7 

5,1 

5,1 

11 

51 

37,1 

66,7 

21,6 

11,8 

III 

51 

37,1 

21  6 

13,5 

64,7 

Tabelle  2. 


Stadium 

Positiv  e 

Et  folge 

Negative 

Erfolge 

Ver¬ 

schlechtert 

°/o 

°/o 

°/o 

I 

72,7 

9 

18,2 

It 

63,6 

31,4 

4,5 

III 

4,8 

14,5 

80,6 

lärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


365' 


!  n  141  Patienten  (Tabelle  1)  mit  Partialantigenen,  davon  20  in  mehrfacher 

ehandelt. 

I.  v.  Hayek  und  R.  Peters-  Innsbruck:  Anatomische  und  biologische 
ienzierung  tuberkulöser  Lungenerkrankungen. 

>ie  tuberkulösen  Krankheitserscheinungen  der  Lungen  treten  als  bio- 
i  he  Reaktionsänderungen  >und  pathologisch-anatomische  Zustandsände- 
j  i  auf.  Darauf  bezieht  sich  die  konsequente  Durchführung  des  Aschoff- 
1)1  sehen  Schemas  (exsudative  und  produktive  Formen  etc.),  das  in  die 
•  übertragen  werden  muss,  was  nach  Ueberzeugung  der  Verfasser  nur 
die  Radiologie  möglich  ist.  Die  Unterschiede  frischer  und  narbiger 
i  sse  in  radiologischer  Hinsicht  werden  erläutert. 

T.  P  e  t  e  r  s  -  Innsbruck:  Zur  Technik  der  röntgenologisch  differenzierten 

i  nuntersuchung. 

’ie  Röntgenuntersuchung  tuberkulöser  Lungen  erfordert  eine  besonders 
lischentzündliche  und  noch  nicht  im  Narbenstadium  befindliche  Erkran- 
j  i  eingestellte  Untersuchungstechnik,  und  zwar  muss  von  Durchleuchtung 
3  ufnahrne  Gebrauch  gemacht  werden.  Die  Durchleuchtung  lässt  nur  die 
i|  Verwachsungen  und  den  pathologisch-anatomischen  Charakter  der  Fälle 
Uen,  die  extrem  einer  bestimmten  Gruppe  zuneigen,  nicht  aber  den  der 
gütigen  Zwischenstufen.  Bei  der  Aufnahme  kommt  es  auf  die  Ruhe  des 

Ies  (Muskelentspannung,  Atemstillstand,  tiefste  Inspirationsstellung)  und 
ior-anterioren  Strahlengang  an.  Die  Strahlung  muss  weich,  die  Be- 
;  grösstmöglich  sein  wegen  der  kurzen  Expositionszeit.  Um  Unscharfen 
Ausschaltung  nichtzentrierter  Strahlen  zu  vermeiden,  sind  möglichst 
,i  kleine  Einzelaufnahmen  verschiedener  Lungengebiete  angezeigt.  Der 
i  rkungsschirm  wird  abgelehnt,  da  er  durch  das  „Korn“  Unschärfen  ver- 
It.  Das  Wesentliche  bei  der  Platte  ist  diagnostische  Verwertbarkeit,  d.  h. 
Reichtum  und  Schärfe. 

|i.  Orszägh:  Ueber  die  Einwirkung  von  Pleuraexsudaten  auf  die 

«tuberkulöse. 

i  erf.  gibt  eine  historische  Uebersicht  über  die  Theorien  der  Entstehung 
je  Prognose  von  Exsudaten  bei  Tuberkulose.  Er  untersuchte  die  Allergie- 
«mg  bei  Pleuritiden  und  fand  negative  Allergie  bei  Spontanpleuritiden, 
ij  e  dagegen  bei  Pleuritiden  im  Gefolge  von  artifiziellem  Pneumothorax 
jlgert  daraus  ein  unterschiedliches  Verhalten  der  Pleuritiden.  Auf  Grund 
^Statistik  kommt  Verf.  dann  zum  Ergebnisse,  dass  der  grösste  Teil  der 
Btiden  (wo  fast  stets  eine  Lungenkomplikation  hinzukommt)  eine  un¬ 
sre  Prognose  hat  und  die  Prognose  nicht  so  sehr  vom  Exsudate  als  dem 
Ater  des  Lungenprozesses  und  der  Widerstandskraft  des  Organismus 
a:t. 

■  Frisch  (II.  med.  Klinik  Wien):  Ueber  tuberkulösen  Kopfschmerz, 
erf.  berichtet  über  Fälle  mit  „tuberkulösem  Kopfschmerz“,  die  er  als  eine 
Je  fruste“  einer  Meningitis  serosa  tuberculosa  darstellt.  Als  führende 
fome  sind  zu  nennen  Zeichen  von  Tuberkulose  an  einer  Stelle  des 
i  s,  Kopfschmerz  und  endokranielle  Druckerhöhung,  gemessen  durch  die 
E|'lröntgenuntershichung  und  die  Lumbalpunktion,  welch  beide  Methoden 
[>tets  gleiche  beziehende  Resultate  lieferte.  Die  Genese,  Symptomato- 
i  Diagnose,  Differentialdiagnose  der  Forme  fruste  werden  besprochen 
s  der  Erfahrung  heraus  therapeutisch  Lumbalpunktion  und  Alttuberkulin 
i  ilen. 

Boenheim:  Beitrag  zur  Kenntnis  des  Chlorstoffwechsels.  IV.  Der 
itoffwechsel  bei  Lungentuberkulose. 

jer  NaCl-Spiegel  im  Blute  Tuberkulöser  ist  niedrig.  Eine  Abhängigkeit 
i  en  Magenazidität  und  dem  Chlorspiegel  im  Blute  Tuberkulöser  war 
•  eststellbar.  Die  Hypochlorämie  hängt  nach  Verfassers  Ansicht  mit  der 
uralisation  zusammen.  Die  Untersuchungen  des  Verfassers  ergaben  bei 
tlen  und  leichten  Formen  von  Tuberkulose  einen  NaCl-Harnanstieg  kurz 
!  lern  Essen,  in  schweren  Fällen  kehrte  sich  das  Bild.  Die  NaCl-Aus- 
!  mg  stieg  post  coenam  nicht  an,  sondern  erst  eine  Stunde  später.  Da 
cht  einmal  Normazidität  des  Magens  vorlag  wie  bei  leichten  und  mittel- 
>  en  Fällen,  so  muss  diese  Retention  auf  einer  noch  unbekannten  Noxe 
1  n-  N  e  u  f  e  1  d  -  Hamburg. 

mtralblatt  für  Herz-  und  Gefässkrankheiten.  1921.  Nr.  22—24. 

j  M  a  t  z  n  e  r  -  Birkfeld:  Klinische  Beobachtungen  über  Disotrin. 
erf.  hat  das  Disotrin,  eine  Kombination  von  Digitalis  mit  Strophanthus- 
iden  in  208  Fällen  der  verschiedensten  Herzkrankheiten  angewendet, 
i  Form  der  intravenösen  Injektion,  teils  in  Form  von  Tropfen  oder 
1  en.  Er  erzielte  mit  dem  Mittel  Erfolge,  welche  ihm  das  Disotrin  als 
leales  Herzmittel“  erscheinen  lassen.  Nur  in  2  Fällen  von  Leber- 
:  )men  wurde  ein  Versagen  hinsichtlich  der  Herzwirkung  gesehen,  ln 
ringlich  liegenden  Fällen  verwendete  Verf.  das  sog.  Kollapsdisotrin, 

:  s  einen  Zusatz  von  Adrenalin  enthält.  Bezüglich  der  Diurese  trat  die 
'kung  erst  nach  8 — 12  Tagen  ein.  um  sich  dann  durch  viele  Wochen  auf 
ihe  zu  halten.  Bei  allen  kompensierten  und  unkompensierten  Herz- 
!  leistete  das  Disotrin  sehr  Gutes.  Hervorragend  war  die  Wirkung  bei 
'  den  Herzschwächen  in  Grippe-  und  anderen  Pneumonien.  Fälle 
^  sten  Kollapses  wurden  überwunden.  Die  Injektionen  dürfen  nie  sub¬ 
gemacht  werden.  Eine  gastrische  oder  intestinale  Störung  hat  Verf. 

I  gesehen.  Bei  kruppösen  Pneumonien  gibt  Verf.  3 — 4  Tage  intern 
>  n,  bei  Grippe  schon  gleich  von  Beginn  an,  etwa  2 — 3  mal  täglich 
'  pfen. 

Busch -Mainz:  Ueber  traumatisches  Aortenaneurysma, 
i  unmittelbaren  Anschluss  an  ein  schweres  Brusttrauma  stellten  sich 
jiem  bis  dahin  ganz  gesunden  Schwerarbeiter  Herzbeschwerden  von 
1  Charakter  ein.  welche  anfangs  überwunden  wurden.  Nach  5  Monaten 
-  bereits  Aortenaneurysma  gefunden.  Für  das  Zustandekommen  dieses 
u  smas  bleibt  als  Erklärung  nur  das  Trauma.  Einschlägige  Literatur 
l|  rörtert. 

Stadler-  Plauen:  Ueber  Isthmusstenose  der  Aorta  bei  syphil  tischer 

:  erkrankung. 

■rf.  beschreibt. 2  Fälle  von  Isthmusstenose  der  Aorta  bei  syphilitischer 
kung  derselben.  Die  Verengerung  sitzt  in  diesen  Fällen  an  der  Stelle 
ahtungsänderung  der  Aorta  zur  Deszendens,  nach  Abgabe  der  linken 
■'Ga.  Die  Erklärung  für  diese  Stenosierung  lag  im  beschriebenen  einen 
Druck  des  erweiterten  Aortenbogens  auf  die  Isthmusgegend.  Be¬ 
rten  für  das  Auftreten  solcher  Stenosen  sind:  erhebliche  Erweiterungen 
ifsteigenden  und  Bogenteils,  besonders  im  Bereich  der  Konkavität, 
‘gige  Form  der  Aorta  mit  plötzlicher  Richtungsänderung  nach  der 
dens  hin.  Die  Stenose  wird  zunächst  rein  mechanisch  hervorgerufen. 


sie  kann  aber  gesteigert  werden  durch  bindegewebige  schrumpfende  und 
atherosklerotisehe  Prozesse,  welche  durch  die  veränderte  Richtung  des 
Hauptblutstroms  begünstigt  werden.  Grassmann  -  München. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  167.  Band,  5.-6.  Heft. 

Tomosuke  May  e  da:  Untersuchungen  über  Parablose  mit  besonderer 
Berücksichtigung  der  Transplantation  und  Hypernephrektomie.  (Aus  der  chir. 
Klinik  der  Universität  Basel.  Vorstand:  Prof.  Dr.  G.  Hotz.) 

Verf.  war  in  der  glücklichen  Lage,  mit  Unterstützung  von  G.  Hotz- 
Basel  durch  ausgedehnte  Parabioseexperimente  an  weissen  Ratten  unsere 
Erfahrungen  über  dieses  hochinteressante  Problem  weiter  auszubauen.  Die 
wichtigsten  Ereignisse:  Die  Parabiose  ist  einer  Homoioplastik  gleichzusetzen, 
es  wird  das  ganze  Tier  transplantiert.  Entsteht  wie  bei  einer  gelungenen 
Homoioplastik  ein  inniger  und  dauernder  Zusammenhang  zwischen  den 
Partnern,  wobei  beide  Tiere  gut  weiter  wachsen,  so  spricht  Verf.  nach  einem 
Vorschläge  von  Hotz  von  homogener  Parabiose,  während  in  anderen  Fällen 
die  Partner  durch  eine  organische  Trennungslinie  voneinander  geschieden 
bleiben  und  Neigung  haben  sich  zu  trennen.  Dabei  magert  das  eine  Tier  ab, 
wird  anämisch,  bleibt  zurück  und  stirbt  bei  normaler  Entwicklung  des 
anderen  Tieres:  heterogene  Parabiose. 

Die  Hauptursache  der  heterogenen  Parabiose  ist  eine  toxische  Beein¬ 
flussung  des  kleinen  Organismus,  oft  Hämolyse.  Unvollkommene  Heilung 
der  Naht.  Misslingen  der  vitalen  Färbung  des  Partners,  mangelhafte  Blut¬ 
gefässkommunikation,  Misslingen  der  Uebertragung  eines  Hautmuskelstückes, 
Absterben  des  einen  Tieres  bei  doppelseitiger  Nebennierenexstirpation  sind 
die  Kennzeichen  der  heterogenen  Parabiose,  während  bei  der  homogenen 
Parabiose  bei  glatter  Wundheilung  mit  kontinuierlicher  Epitheldecke  ein 
reichlicher  Säfteaustausch  möglich  ist,  vitale  Färbung  beiderseits  gleich  stark 
auftritt,  ein  angrenzender  Hautmuskellappen  einheilt  und  das  beider  Nieren 
beraubte  Tier  am  Leben  bleibt. 

Heterogene  parabiotische  Paare  fanden  sich  in  67  Proz.,  etwas  mehr  bei 
Tieren  verschiedenen  Wurfes  als  bei  Tieren  gleichen  Wurfes.  Der  Aus¬ 
tausch  der  Körpersäfte  erfolgt  im  wesentlichen  durch  die  interzellulären 
Lymphspalten,  die  Blutkapillarenkommunikation,  ist,  ganz  gleich  ob  homogene 
oder  hetrogene  Parabiose,  nur  schwach.  Gelingt  bei  Tieren  ein  homoio- 
plastischer  Hautaustausch  (in  44  Proz.  bei  Geschwistern,  in  28  Proz.  bei 
nicht  blutsverwandten  Tieren),  so  hat  die  Parabiose  viel  bessere  Aussichten, 
dagegen  wird  durch  die  Parabiose  die  Homoioplastik  zwischen  den  Partnern 
nicht  erleichtert,  im  Gegenteil  tritt  sowohl  gegen  autoplastische  wie  homoio- 
plastische  Hautübertragung  eine  Sensibilisierung  ein. 

Bei  Trennung  der  homogenen  parabiotischen  Paare  etwa  4  Wochen 
nach  der  beiderseitigen  Hypernephrektomie  kann  das  nebennierenlose  Tier 
weiterleben,  weil  eine  Hypertrophie  der  akzessorischen  Nebenniere  eintritt. 
Eventuell  kann  das  parabiotische  Paar  auch  nach  Exstirpation  beider  Neben¬ 
nieren  weiterleben.  Bei  kleinen  Partnern  der  heterogenen  Parabiose  findet 
sich  zunächst  Reizung,  dann  Degeneration  des  Knochenmarks  und  gelegentlich 
myeloide  Herde  in  der  Milz. 

H.  Haugk:  H  i  r  s  c  h  s  p  r  u  n  g  sehe  Krankheit  und  enges  Becken. 

(Aus  der  chir.  Abt.  des  Krankenhauses  St.  Georg-Leipzig.  Leit.  Arzt:  Prof. 
Dr.  Heller.) 

Bei  dem  20  jährigen,  durch  seiii  langes  Leiden  mit  Kolitis  und  Gärungs¬ 
dyspepsie  sehr  heruntergekommenen  Kranken  wurde  durch  Resektion  des 
Megakolon  Heilung  erzielt.  Als  anatomische  Ursache  des  Leidens  wird 
eine  hochgradige  Beckenverengerung  mit  horizontal  einwärts  vorliegendem 
Steissbein  aufgefasst.  Die  Verengerung  war  so  hochgradig,  dass  von  der 
Durchziehung  des  Darmes  Abstand  genommen  werden  musste  und  ein  defini¬ 
tiver  Anus  praeternaturalis  angelegt  werden  musste.  Die  Beckenverlagcrung 
ist  in  Zukunft  als  ätiologisches  Moment  mit  in  Erwägung  zu  ziehen. 

Oskar  Stracker:  Luxationen  nach  Schussverletzungen.  (Aus  dem 
orthop.  Spital  in  Wien.  Direktor:  Prof.  S  p  i  t  z  y.) 

Im  Anschluss  an  Schussverletzungen  der  Gelenkkörper  kann  es  entweder 
plötzlich  oder  allmählich  zur  Luxation  kommen,  entweder  durch  direkte  Ge¬ 
walteinwirkung  des  Geschosses  oder  durch  den  gleichzeitigen  Sturz  des 
Verletzten  oder  durch  sekundäre  Verschiebung  durch  Muskelzug.  Die 
federnde  Fixation  fehlt,  häufig  kommt  es  zu  ankylotischen  Verbindungen  und 
Einschränkung  von  Bewegungsresten  durch  Kallusbildung.  Therapeutisch 
wurde  vielfach  mit  Redressement  Besserung  erzielt.  Im  allgemeinen  Vorsicht 
mit  blutigen  Eingriffen  wegen  der  latenten  Infektion. 

Felix  Mandl  und  Josef  P  a  1  u  g  y  a  y:  Ueber  die  Beiiideformitäten 
der  Fussballspieler.  (Aus  der  II.  chir.  Univers. -Klinik  in  Wien.  Vorstand:  ' 
Hofrat  Prof.  Dr.  J.  H  o  c  h  e  n  e  g  g.) 

Bei  einer  grossen  Anzahl  von  Kranken  fanden  sich  Varusdeformitäten. 
welche  sich  bei  Ausübung  des  Fussballsports  durch  funktionelle  Anpassung 
an  die  kinetische  Inanspruchnahme  entwickelt  hatten.  Verf.  schlagen  zur 
Verhütung  dieser  Deformitäten  eine  „funktionelle  Orthopädie“  im  Sinne 
Roux  vor,  nämlich  Verhinderung  der  einseitigen  Fussausbildung  durch 
das  Spiel  mit  beiden  Füssen,  ferner  Wechsel  in  der  Funktion  der  Spieler 
und  Einhaltung  einer  bestimmten  Altersgrenze  für  Jungmannschaften. 

Oskar  Wiedhopf:  Die  Neben-  und  Nachwirkungen  der  örtlichen  Be¬ 
täubung.  (Aus  der  chir.  Univ.-Klinik  Marburg.  Direktor:  Prof.  Dr.  L  ä  w  e  n.) 

Die  Nebenerscheinungen  bei  der  Lokalanästhesie  sind  nicht  Wirkungen 
des  zugesetzten  Adrenalins,  das  infolge  der  starken  Verdünnung  unschuldig 
ist,  sie  sind  vielmehr  auf  die  Reposition  des.  Novokains  zurü'ckzuführen  und 
im  wesentlichen  zerebraler  Natur.  Ausser  leichteren  Nebenwirkungen 
(Uebelkeit.  Erbrechen,  Herzklopfen.  Schwindel,  Schweissausbruch  u.  a.)  wur¬ 
den  Kollapse.  Erregungs-  und  Schlafzustände  und  14  Todesfälle  in  der  Literatur 
beschrieben.  Vermeidung  der  Intoxikationsgefahr  durch  Sterilisieren  des 
Instrumentariums  in  sodafreiem  Wasser,  Benutzung  dünner  Kanüle,  Ver¬ 
meidung  von  Gefäss-  und  Duraverletzungen,  Benutzung  von  Novokain¬ 
bikarbonat  oder  Zusetzung  von  Kalium  sulfuricum.  Als  Nachwirkungen  wer¬ 
den  beobachtet:  Wund-  und  Nachschmerz,  Nierenreizungen,  Hautnekrosen. 
Für  die  einzelnen  Anästhesierungsverfahren  kommen  durch  die  anatomischen 
Verhältnisse  bedingte  Schädigungen  in  Frage.  Die  Dosis  des  Novokains  soll 
1.25  g  nicht  überschreiten.  Auch  die  Lokalanästhesie  hat  ihre  strenge  Indi¬ 
kation  (vgl.  Brau  n). 

V.  E.  Mertens-  München:  Ueber  ein  aufsaugbares  Füllmittel  fiir 
Wundhöhlen  und  Fisteln. 

Der  Portugiese  J.  de  Seixas-Palma  stellte  zunächst  für  die 
Zwecke  der  Veterinärmedizin  einen  Wundkitt  her,  der  „in  erhöhtem  Maasse 
das  schaffen  soll,  was  die  eintrocknende  Wundabsonderung  zur  Verklebung 


366 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF_T_ 


Nr. 


der  Wundränder  leistet“.  Das  Präparat  ..Palmasse“  genannt,  besteht  aus 
Tannin.  Gelatine  und  Borax,  wird  heiss  in  die  Wunde^  gegossen  und  soll 
in  der  Wundhöhle  eine  gleichmässige  gallertige  Plombe  bilden. .M.  ver 
wandte  das  Mittel  nach  Operationen,  bei  denen  tH.ohl^au^fp^“f  ^Sr 
(Schenkelbruch.  Leistenbruchoperationen  nach  Perthes,  Enf®rnan.^ /i  '^ei 
Tumoren  etc.),  ferner  zur  Behandlung  von  Fisteln.  Voraussetzung  ist  dabei, 
dass  die  Fistel  genügend  desinfiziert  war.  Die  beigebrachten  Beispiele  sind 

keineswegs  überzeugend  (Ref.).  .  .  _  v  c  Knlm 

Niedlich:  Mediale  Leistenhernien  bei  Frauen.  (Aus  dem  knapp 
schaftskrankenhaus  im  Fischbachthal.  Chefarzt:  Prof.  Dr.  °  r  “  n  ®  , 

Unter  1000  seit  1011  operierten  Leistenhernien,  an  denen  78  weibjjcne 
Kranke  beteiligt  waren,  wurden  3  mediale  Hernien  und  4  weiche  Leisten 
gefunden.  Die  Seltenheit  wird  erklärt  durch  die  Untersuchungen  Dona  1 1  s, 
der  feststellte,  dass  die  hintere  Leistenkanalwand  besonders  in  der  Gegend 
der  Fovea  ing.  med.  durchschnittlich  bei  der  Frau  widerstandsfähiger  ist 
und  zwar  durch  Faserzüge,  die  von  der  hinteren  Faszie  des  Transversus 
ausgehend  nach  unten  und  aussen  verlaufen  (Lamina  pubo-transversalis). 

H.  Flörcken  -  Frankfurt  a.  M. 


Zentralblatt  für  Chirurgie.  1922.  Nr.  6  u.  7. 

Hch.  Harttung  -  Eisleben :  Zur  Frage  der  postoperativen  Tetanie 

und  Unglücksfälle  bei  Anästhesien.  '  .  ...  .  „ 

Verf.  schildert  1  Fall  von  postoperativer  Tetanie  mit  psychotischen 
Zuständen,  der  durch  Darreichung  von  Nebenschilddrüsentabletten  in  Heilung 
ausging;  wahrscheinlich  wäre  aber  auch  ohne  diese  Tabletten  Teilung  ein¬ 
getreten,  da  es  sich  nur  um  eine  vorübergehende  Schädigung  der  Epithel¬ 
körperchen  handeln  konnte.  Ein  2.  Fall,  der  ad  exitum  kam,  ist  wohl  al 
schwere  Novokainvergiftung  aufzufassen,  da  wahrscheinlich  Novokain  in  die 

Blutbahn  eingespritzt  wurde.  ....  . 

L.  A  rn  sp  er  ge  r- Karlsruhe:  Retrograde  Dünndarminvagination  nach 

Gastroenterostomie.  p _„.rn 

Verf.  schildert  ausführlich  einen  kürzlich  beobachteten  Fall  von  retro¬ 
grader  Dünndarminvagination  des  abführenden  Schenkels  der  Gastroenteio- 
stomie.  die  vor  11  Jahren  angelegt  worden  war.  Verf.  ist  geneigt,  als 
Ursache  dieses  Circulus  vitiosus,  der  bereits  vor  11  Jahren  3  mal  m  geringem 
Grade  sich  zeigte,  spastische  Zustände  an  der  Gastroenterostomiestelle  und 
der  obersten  Dünndarrnschlinge  anzunehmen,  wofür  auch  die  sehr  starKen 
Verwachsungen  der  obersten  Dünndarmschlinge  sprechen  würden. 

Hs.  Lehmann- Wien:  10  proz.  Jodkalilösung  zur  Darstellung  von 
Fistelgängen.  Abszess-  und  Empyemhöhlen  im  Röntgenbilde. 

Veranlasst  durch  die  vorzüglichen  Resultate,  die  Rub  r  1 1  i  u  s  mit 
10  proz.  Jodkaliumlösung  bei  Blasen-,  Ureter-  und  Nierenbeckenfullungen  -er¬ 
zielte,  hat  Verf.  diese  Lösung  mit  bestem  Erfolge  auch  zur  Füllung  von 
Fisteln,  Abszess-  und  Empyemhöhlen  verwendet.  Die  sehr  einfache  Technik 
ist  kurz  beschrieben.  10  proz.  K.-J.-Lösung  macht  intensiven  Röntgenschatten, 
setzt  keinerlei  störende  Nebenerscheinungen,  lässt  sich  sehr  leicht  in  feinste 
Fisteln  bringen  und  ebenso  leicht  wieder  entfernen.  _ 

A.  Wagner -Lübeck:  Zur  Technik  der  späten  zweizeitigen  Prostat¬ 
ektomie.^  fjehlt  eine  tecllnjsche  Verbesserung,  die  darin  besteht,  dass 
er  vor  de'r  Prostatektomie  das  Bauchfell  oberhalb  der  Blasenfisteln  durchtrennt 
und  es  einige  Zentimeter  tiefer  der  Blase  exakt  aufnäht.  Durch  dieses  Extra- 
peritoneallegen  der  Blase  wird  die  Operation  erleichtert  und  ihre  Dauer  ver¬ 
kürzt  Bei  exakter  Seidenanheftung  ist  das  Bauchfell  sehr  rasch  verklebt. 

J.  Hohlbaum-  Leipzig:  Tödliche  Embolie  nach  Varizenbehandlung  mit 
Pregllösung. 

Verf.  hat  kürzlich  bei  einem  Kranken  nach  intravenöser  Injektion  von 
80  ccm  P  r  e  g  1  scher  Lösung  in  eine  Krampfader  unterhalb  des  Kniegelenkes 
eine  fortschreitende  Thrombose  der  Vena  saphena,  erlebt,  aus  der  sich  zwei 
grosse  fingerlange  Emboli  ablösten  und  zum  Exitus  untei  den  Zeichen  einer 
Lungenembolie  führten.  Um  solche  fortschreitende  Thrombose  bis  zur 
Schenkelbeuge  zu  verhindern,  empfiehlt  Verf.,  zuerst  ein  Stück  Vene  vor 
ihrem  Eintritt  in  die  Vena  femoralis  zu  resezieren  und  dann  erst  die  Pregl¬ 
lösung  zu  injizieren;  dadurch  verliert  die  intravenöse  Behandlung  an  Gefähr¬ 
lichkeit,  die  sonst  ein  einfaches  und  sicheres  Mittel  zur  Beseitigung  aus¬ 
gedehnter  Varizen  darstellt. 

Herrn.  M  e  y  e  r  -  Göttingen :  Nasenkorrektur  bei  Hasenscharten¬ 
operationen.  ,  ,,  ,,  £ 

Um  -die  unschöne  Breitnase  bei  Hasenscharten  zu  korrigieren,  geht  Verf. 
so  vor  dass  er  im  oberen  Nasenlochwinkel  einen  dreieckigen  Ausschnitt 
anlegt  lind  diesen  mindestens  14  cm  weit  in  den  Nasenflügel  hineinführt;  gleich¬ 
zeitig  macht  er  noch  eine  rhombenförmige  Exzision  am  Grunde  der  Nasen¬ 
öffnung.  Aus  einer  beigegebenen  Skizze  ist  die  Schnittführung  leicht  er¬ 
sichtlich.  ,,  „  „ 

Rud.  Oppen  he  im  er-  Frankfurt  a.  M.:  Ein  operativ  geheilter  Fall 

von  tabischer  Blasenparese. 

Verf.  hat  eine  tabische  Blasenstörung  dadurch  zur  Heilung  gebracht,  dass 
er  die  motorische  Funktion  des  M.  detrusor  durch  Aufpflanzung  der  funktions¬ 
tüchtigen  M.  recti  verstärkte;  er  bildete  aus  den  beiden  Mm.  recti  einen 
Muskellappen,  den  er  auf  der  Vorder-Hinterwand  der  vorher  angefrischten 
Blase  anheftete.  Die  Technik  dieser  Plastik  ist  kurz  beschrieben;  sie  eignet 
sich  für  alle  Formen  von  Detruscparesen,  bei  denen  die  ursächliche 
organische  Nervenerkrankung  unterhalb  Ti  sitzt. 

Dr.  E.  H  e  i  m  -  Schweinfurt-Oberndorf. 


ln  einer  kurzen  Mitteilung  wird  angeregt,  an  grösserem  Material  i 
Beeinflussung  der  sog.  Ausfallserscheinungen  durch  Suggestion  in  llypnc 

\yP  U  t  e  r  -  Heidelberg:  Prinzipielle  Bemerkungen  zur  Technik  i 
Grossfeldfernbestrahlung^strahiungszeit,  Einschränkung  des  Röntgenkuh 
möglichst  genaue  Einstellung  der  Röhre.  Kompression  des  Leibes  und  da; 
Annäherung  der  Röhre  an  den  Erkrankungsherd;  Vermeidung  der  Dur 
Strahlung  überflüssig  grosser  Körpermassen.  Minderung  in  der  Einwirkung 

ungewollten  Streustrahlung.  .  .  ,  ,, 

W.  F  e  1  d  m  a  n  n  -  Düsseldorf :  Ueber  den  diagnostischen  und  the 

peutischen  Wert  des  Pneumoabdomen  bei  postoperativen  Verwachsungen  m 
Laparotomien.  WQ  ^  Verdacht  auf  Verwachsungen  mit  der  vorde 

oder  seitlichen  Bauchwand  besteht,  empfiehlt  sich  zur  Sicherstellung  der  E 
guose  die  Röntgendurchleuchtung  eines  Pneumoabdomens,  und  wenn  di 
deii  Verdacht  bestätigt,  zur  Therapie  die  Laparotomie  mit  sofort  an 
schlossener  Sauerstoffüllung  der  Bauchhöhle.  Anzustreben  ist  m  ledern  F, 
zur  Kontrolle  des  klinischen  Resultates  eine  Durchleuchtung  ungefähr 

IKlCl'w.  K  aPm  p  s  c  h  u  1 1  e  -  Duisburg:  Subperitoneales  Dermoid  als  Gebu 

Am  weiteren  Heruntertreten  und  am  Austreten  wird  der  Kopf  gehinc 
durch  eine  die  hintere  Vaginalwand  vorwölbende  Geschwulst.  Längssch 
über  den  Tumor  in  6  cm  Länge.  Dann  lasst  Sich  die  Geschwulst  le 
enukleieren.  Geburtsbeendigung  durch  Forzeps.  Naht  des  Geschwulstbe 
mit  tiefgreifenden  Knopfnähten.  Heilung  nach  14  Tagen. 

A.  P  r  o  b  s  t  n  e  r  -  Pest:  Primäre  und  Spätresultate  der  chirurgisch 
handelten  chronischen  Adnextumoren  auf  Grund  5  jährigen  Materials. 

Die  die  Arbeit  beschliessende  Zusammenfassung  lautet:  Wir  • 
schliessen  uns  zur  operativen  Therapie  nur  in  Fällen  von  seit  Jahren 
stehenden,  häufig  rezidivierenden,  jeder  konservativen  Therapie  trotzem 
lästigen  Beschwerden  oder  Arbeitsunfähigkeit,  mehrere  Monate  nach 
klingen  der  letzten  Entzündung.  Wo  die  soziale  Lage  des  Kranken  samtl: 
Forderungen  der  konservativen  Therapie  nicht  ermöglicht,  stellen  wir 
Indikation  früher  auf.  In  der  Regel  wählen  wir  die  radikale  Methode, 
entschieden  einseitigen  Entzündungen  (puerperale)  gehen  wir  konservativ 
Mit  Hilfe  der  radikalen  Operation  gelang  es  uns  bei  88,1  Proz.  endgul 
Heilung  bzw  95,5  Proz.  vollständige  Arbeitsfähigkeit  zu  erzielen,  mit  n 
ganz  5  Proz.  Mortalität.  Die  Resultate  unserer  konservativen  Operatic 
sind  trotz  rigorosester  Auswahl  der  Fälle  schlechter,  als  die  der  radik 
Operation.  Die  sog.  Ausfallserscheinungen  entstanden  in  erster  Linie 
Frauen  mit  nervöser  Disposition,  aber  in  keinem  Falle  erreichten  sie  e 
solchen  Grad,  dass  sie  -den  guten  Erfolg  der  Operation  in  Frage  ges 
hätten.  Werner-  Ha.nbur 


Frankfurter  Zeitschrift  für  Pathologie.  26.  Band,  Heft  2. 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1922.  Nr.  /. 

O.  Frankl- Wien:  Zur  Klinik  und  Pathologie  der  Adenomyosis. 

Die  Adenomyosis  uteri,  früher  wenig  beachtet,  ist  häufiger,  als  man  ge¬ 
glaubt  hat.  F.  entwickelt  an  einer  grossen  Zahl  von  Beispielen  die  Patho¬ 
logie  des  Leidens  und  ihr  histologisches  Substrat. 

F.  S  c  h  u  1 1  z  e  -  R  h  on  h  o  f  -  Heidelberg:  Der  hypnotische  Geburts¬ 
dämmerschlaf.  ....  ,  ,  .  „  , 

Die  Heidelberger  Frauenklinik  hat  sich  im  letzten  Jahr  ganz  speziell  aut 
die  schmerzlose  Geburtsleitung  in  Hypnose  eingestellt.  Verf.  schildert  die 
Methode  nochmals  und  berichtet  über  eine  Versuchsreihe  von  79  Fällen  mit 
einem  vollen  Erfolge  von  ca.  90  Proz.  —  Die  Methode  eignet  sich  aber  in 
allererster  Linie  für  Anstalten,  weniger  für  die  Allgemeinpraxis. 

P.  W  o  1  f  f  -  Darmstadt:  Die  Beeinflussung  der  sog.  Ausfallserscheinungen 
durch  Hypnose. 


Frieda  Malkwitz:  Beitrag  zur  Kenntnis  polypöser  Bronc' 
karzinome.  (Pathol.  Institut  Leipzig,  St.  Georg.)  ,  j 

Ableitung  von  versprengtem  Keim.  ^  .  ,  ... 

W.  Sch  war  zacher:  Plötzlicher  Tod  an  Erstickung  infolge 
legung  des  Kehlkopfeinganges  durch  ein  faustgrosses  Epitheliom  des  Zun 
grundes.  (Institut  für  gerichtl.  Medizin  in  Graz.)  . 

Benignes  Epitheliom,  abzuleiten-  vom  Ductus  lingualis.  Keine  Sc 

Franz  Peter  er:  Ueber  Glioma  llnguae.  (Pathol.  Institut  Basel.) 

Taubeneigrosse,  abgerundete,  blasse,  glatte  Geschwulst  unter  der  Zu 
breitbasig  in  die  Muskulatur  übergehend;  ist  als  teratoide  Geschwulst 
zusehen.  aus  unipotentem.  nur  in  Gliagewebe  differenzierbarem  Ke;m 
zuleiten.  Fliessender  Uebergang  derartiger  einfach  gebauter  Tumoren  bi 

den  Epignathi.  . 

Adolf  Hart  wich:  Bakteriologische  und  histologische  Untersuchu 
am  Fettmark  der  Röhrenknochen  (Oberschenkel)  bei  Abdominaltyi 

(Pathol.  Institut  Hamburg-Eppendorf.)  ,  T 

In  allen  untersuchten  Fällen  Hessen  sich  im  Fettmark  kulturell  lyl 
bazillen,  und  histologisch  spezifische  kleine  Nekroseherde  nachweisen, 
aber  immer  bazillenfrei  waren,  wahrscheinlich  also  Toxinen  ihre  Entste 
verdanken;  es  ist  noch  fraglich,  ob  derartige  Nekroseherde  in  Jedem  Fa  l 
Typhus  Vorkommen  müssen,  oder  nur  der  Ausdruck  schwerster  lntekti 

Smd  Rudolf  Jaffe:  Pathologisch-anatomische  Veränderungen  der  Keimdi 
bei  Konstitiitioiiskrankheiteii,  im  besonderen  bei  der  Pädatrophie.  (ri 

furt  a.  M.,  S  e  n  c  k  e  n  b  e  r  g  isches  Pathol.  Institut.) 

Der  normale  kindliche  Hoden  hat  nur  wenige  Zwischenzellen,  die 
oder  nur  Spuren  Fett  enthalten;  bei  chronischen  Infektionskrankheite 
das  Bindegewebe  zwischen  den  Hodenkanälchen  erweitert,  ödematos. 
Zwischenzellen  vermehren  sich  dabei  nicht;  dagegen  sind  bei  konstitu  i 
minderwertigen  Kindern  die  Zwischenzellen  stets  vermehrt  und  entli 
richlich  Fett.  Regelmässig  ist  dieser  Befund  bei  Pädatrophikern. 
Zwischenzellenvermelirung  ist  also  ein  anatomisches  Merkmal  für  konsti 
nelle  Minderwertigkeit,  wohl  aufzufassen  als  Störung  innerer  Funktionei 
den  Zwischenzellen  auch  im  frühesten  Kiiidesalter  zukommen. 

Johanna  Supp  es:  Ueber  das  Knorpelglykogen  der  Rippenepiphyse 
Rhachitis.  (Pathologisches  Institut  Dresden-Friedrichstadt.) 

Die  Abweichung  des  Glykogengehaltes  des  rhachitischen  Knorpels 
dem  Normalen  ist  gering,  sie  besteht  fast  nur  in  einer  Abnahme  des  Glyki 
und  einem  weniger  geordneten  Auftreten  desselben  im  wuchernden  Kn< 

Walter  Oppenheimer:  Uebermässige  Hyperplasie  des  t 
metriuins.  (Pathologisches  Institut  Danzig.)  . 

Weib,  21  Jahre.  Uterus  wegen  3  wöchentlich  sich  wiederholender  stj 
Blutungen  mit  den  Adnexen  entfernt.  Der  Uterus  war  stark  vergroj 
seine  Schleimhaut  stark  gequollen,  bis  2)4  cm  dick,  in  hirnwindungenähn 
Falten  aufgeworfen.  Histologisch  fand  sich  eine  Hyperplasie  der  Dt| 
Schicht  ohne  Entzündungszeichen.  Ursache  wahrscheinlich  Störung, 
inneren  Sekretion  vonseiten  der  kleinzystisch  veränderten  Ovarien. 

Kubig:  Beiträge  zur  pathologischen  Anatomie  der  Milz.  U  utn 
sches  Institut  Dresden-Friedrichstadt.) 

a)  Knotige  Hyperplasie  der  Milzpulpa.  Krebsmetastasen  vortausc 

b)  Blutzyste  der  Milz. 

c)  Nebenmilzartiger,  zirkumskripter  Tumor  der  Milz. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


367 


zeigte  der  gewonnene  Lipoidextrakt  nach  Z  i  e  li  1  keine  oder  nur  eine  mini¬ 
male  Säurefestigkeit.  Wahrscheinlich  spielen  physikalisch-chemische  Unter¬ 
schiede  im  Aufbau  der  Bakterien  eine  Rolle. 

W.  Pfannenstiel  -  Frankfurt  a.  M. :  Vergleichende  Untersuchungen 
über  die  Extrahierbarkeit  verschiedener  säurefester  Bakterien  mit  Aetlier- 
Azetongemischen. 

Es  gelang  mit  Aether-Azeton  ge  mischen  aus  allen  säurefesten 
Bakterien  Lipoidsubstanzen  zu  extrahieren.  Die  Säurefestigkeit  und 
die  Extrahierbarkeit  gehen  aber  nicht  parallel.  Daher  kann  auch  die  Säure¬ 
festigkeit  nicht  allein  durch  den  Lipoidgehalt  bzwi  durch  die  Wachshülle 
bedingt  sein.  Es  scheinen  noch  chemisch-physikalische  Eigenschaften  mit¬ 
zusprechen,  die  auch  für  die  Tierpathogenität  eine  Rolle  spielen  mögen 
und  durch  eine  differente  Plasmastruktur  bzw.  „die  Dispersität  der  Plasma¬ 
kolloide“  bedingt  sind.  Die  echte  Tuberkulose,  die  Hühnertuberkulose  und 
saprophytische  durch  Tierpassagen  gesteigerte  Stämme  sind  durch  Extraktion 
ihrer  Säurefestigkeit  kaum  zu  berauben.  Die  Anpassung  an  das  Tier  scheint 
zu  einer  Aenderung  des  chemisch-physikalischen  Aufbaues  zu  führen,  mit  dem 
auch  vielleicht  die  Pathogenität  zusammenhängt. 

Georg  H  e  u  e  r  -  Berlin:  Untersuchungen  über  den  Agglutinationsvorgang 
unter  Verwertung  des  Agglutinationsoptimums.  Der  Einfluss  der  Kochsalz¬ 
verdünnung  auf  die  Antikörper  der  Sera. 

B  u  c  h  n  e  r  -  Berlin:  Sind  die  Crithidien  der  Schaflaus  für  Mäuse 
pathogen? 

Neue  Versuche,  die  den  L  a  v  e  r  a  n  sehen  angepasst  waren,  zeigten,  dass 
durch  Verfüttern  von  Schaflauscrithidien  Mäuse  nicht  infiziert  werden  konnten, 
was  L  a  v  e  r  a  n  behauptet  hatte.  Diese  Differenz  ist  demnach  noch  nicht 
aufgeklärt. 

Ludwig  Bitter-Kiel:  Ueber  die  Prüfung  und  Begutachtung  von  Des¬ 
infektionsmitteln. 

Es  wird  an  einem  Beispiel,  dem  Desinfektionsmittel  „Phenoco“,  das 
ausgezeichnet  begutachtet  worden  ist,  gezeigt,  wie  unrichtig  es  ist,  nicht 
die  5  wichtigen  Punkte,  1.  hohe  Desinfektionskraft,  2.  Ungiftigkeit,  3.  Geruch¬ 
losigkeit,  4.  Wohlfeilheit,  5.  Unschädlichkeit  für  das  Material  etc.  zu  berück¬ 
sichtigen.  Bei  Nachprüfungen  ergab  sich,  dass  das  „Phenoco“  nicht  einmal 
die  Desinfektionskraft  der  Kresolseife  erreichte. 

Eugen  F  r  a  e  n  k  e  1  -  Hamburg:  Ein  weiterer  Beitrag  zur  Menschen¬ 
pathogenität  des  Bacillus  pyocyaneus. 

Beschrieben  wird  ein  Fall  von  Pyozyaneusinfektion  bei  einem 
zweimonatigen  Kinde,  bei  dem  wahrscheinlich  durch  Verschlucken  der  Er¬ 
reger  sich  zuerst  eine  nekrotisierende  Magenwanderkrankung  etablierte,  an 
die  sich  später  eine  umschriebene  Lebernekrose  anschloss.  So  ist  wohl 
nunmehr  kein  Organ  mehr  bekannt,  bei  dem  nicht  der  Bacillus  pyocyaneus 
sich  festsetzen  könnte.  Wegen  seiner  Pathogenität  ist  grösste  Sauberkeit 
bei  den  Kindern  am  Platze,  um  vorbeugend  zu  wirken. 

R.  0.  Neumann  -  Bonn. 


März  1922. 

Walter  Lii  scher:  Ueber  Myocarditis  uraemica.  (Pathologisches  In  - 
i  Basel.) 

lei  der  diffusen,  akuten  Myocarditis  interstitialis  ist  in  ätiologischer 
Jhung  eine  infektiös-toxische  und  eine  rein  toxische  Form  zu  unter- 
i  len ;  zur  letzteren  Gruppe  gehört  die  Myocarditis  uraemica,  wahr- 
i  dich  bedingt  durch  Ausscheidung  von  Harnsubstanzen  ins  Myokard.  Die 
;  nkung  ist  eine  seltene. 

C  Bann  wart:  Zur  Pathogenese  des  Morbus  Addisonii.  Zerstörung 
:  ebennierenmarkes  und  des  Grenzstranges  durch  ein  Lymphangio  endo- 
ma  peritonei  metastaticiun.  (Pathologisches  Institut  Basel.) 

)er  Fall  bildet  einen  weiteren  Beweis  für  die  Annahme,  dass  der  Morbus 
ton  eine  Folge  der  Erkrankung  des  Nebennierenmarkes  und  der  Para- 
i  en  ist,  die  beide  im  beschriebenen  Fall  von  Tumormassen  substituiert 

l* 

ilarnewitz:  Zur  Kenntnis  des  Neuroblastoma  sympathicum.  (Patho- 
|  lies  Institut  Kiel.) 

7  jähr.  Frau,  primärer  Tumor  der  linken  Nebenniere.  Metastasen  im 
I  Lungenoberlappen  und  in  beiden  Ovarien;  besteht  histologisch  aus 
iLympathoblasten-ähnlichen  Zellen,  also  aus  unreifen  Elementen. 

|:. -Hübscher:  Exostosis  cartilaginea  des  Scheitelbeins.  (Pathologi- 

I  Institut  Basel.) 

(norpelige  Exostose  auf  der  Innenfläche  des  Scheitelbeins,  also  auf 
bindegewebig  entstandenen  Belegknochen;  Genese  entweder  phylo- 
sch  zu  erklären  oder  Vorliegen  einer  sekundären  Bildung,  ähnlich  der 
lg  von  Knorpelgewebe  bei  Frakturen  auch  bindegewebig  präformierter 

en. 

Ierdinand  Wietold:  Die  grossen  Exsudatzellen  bei  Meningitis  tuber- 
i  und  käsiger  Pneumonie.  (Senckenberg  isches  Pathologisches 
it,  Frankfurt  a.  M.) 

Tie  Zellen  sind  sicher  nicht  hämatogener  Abstammung,  sondern  Ab- 
linge  fixer  Gewebszellen,  bindegewebiger  oder  endothelialer  Natur.  Es 
t  ihnen  offenbar  besondere  Funktion  im  Kampf  gegen  das  tuberkulöse 
zu,  die  morphologisch  in  Formveränderung,  Loslösung  aus  dem  Zell- 
tid,  Phagozytose  zum  Ausdruck  kommt. 

k  Yamanoi:  Ueber  autoplastische  Transplantation  der  Thymus  in 
ilz  bei  Kaninchen.  (Pathologisches  Institut  Basel.) 
lei  schonendem  und  schnellem  Arbeiten  gelingt  bei  Kaninchen  regel- 
?  die  autoplastische  Transplantation  von  Thymusgewebe  in  die  Milz; 
ransplantat  bleibt  lebensfähig,  zeigt  zuerst  degenerative  Erscheinungen, 
erationen  erst  vom  21.  Tage  ab;  zuerst  vermehren  sich  die  kleinen 
eilen,  dann  treten  auch  die  H  a  s  s  a  1  sehen  Körper  auf,  die  Unter- 
igen  machen  wieder  wahrscheinlich,  dass  die  kleinen  Thymusrinden¬ 
epithelialer  Natur  sind.  Oberndorfer  -  München. 

eitschrift  für  Hygiene  und  Infektionskrankheiten.  1922.  95.  Band, 
:ft. 

.d.  R  e  i  n  h  a  r  d  t  -  Leipzig:  Ueber  den  Einfluss  des  Trypaflavins  auf 
phtherieinfektion  und  die  Diphtherievergiftung. 

s  konnte  bei  experimenteller  Wunddiphtherie  der  Meerschweinchen  ge¬ 
worden,  dass  das  T  rypaflavin  sowohl  eine  giftneutrali¬ 
nde  als  auch  eine  bakterizide  Wirkung  ausübt.  In  Verdünnungen  von 
und  1:  1000  vermag  das  Trypaflavin  die  auf  das  Gift  zurückzuführende 
Wirkung  der  lebenden  Diphtheriebazillen  Yz  und  %  Stunden  nach  der 
on  aufzuheben,  ebenso  die  Wirkung  der  vorher  durch  Toluol  abge- 
l  Bazillen  in  einer  Verdünnung  von  1:  100;  ausserdem  neutralisiert  es 
ierie-(Bouillon-)-Gift,  das  in  Wunden  eingerieben  wurde.  In  den  oben- 
lten  Verdünnungen  tötet  Trypaflavin  auch  lebende,  in  der  Wunde  ver- 
e  Diphtheriebazillen  ab,  wenn  das  Mittel  Fa  und  V\  Stunden  nach  der 
on  an  die  Wunde  gebracht  wurde. 

d.  R  e  i  n  h  a  r  d  t  -  Leipzig:  Ueber  experimentelle  Wundinfektion  und 
desinfektion  nach  Versuchen  an  Meerschweinchen  und  Mäusen  mit 
rcholerabazillen,  Pneumokokken  und  Streptokokken. 

s  gelingt  mit  infektiösem  Material,  wie  z.  B.  den  vom  Verf.  benützten 
tercholeraerregern,  den  Pneumokokken  und  S  t  r  e  p  t  o- 
;  e  n  fortschreitende  Wundinfektionskrankheiten  bei  Meerschweinchen 
läusen  zu  erzielen  und  diese  dann  durch  Ueberrieselung  mit  geeigneten 
izientien  zur  Heilung  zu  bringen.  Für  Hühnercholera  eignete 
rypaflavin  am  besten.  Sublimat  1:1000  und  Silbernitrat  lOproz.. 
lodoform  und  Jodtinktur  kamen  nahe  an  Trypaflavin  heran.  P  n  e  u  m  o- 
:en  und  Streptokokken  wurden  durch  Trypaflavin  am  besten 
usst.  O  p  t  o  c  h  i  n  erwies  sich  als  weniger  geeignet,  V  u  z  i  n  wirkte 
.  Es  sind  also  Mittel,  die  die  betreffenden  Erreger  elektiv  beeinflussen 
ugleich  allgemein  chemotherapeutisch  wirken;  diese  Eigenschaften  sind 
dlein  nicht  ausschlaggebend. 

s  wird  auch  darauf  hingewiesen,  dass  es  mit  dieser  Methode  der 
ichen  Infektion  gelingt,  fragliche  Mittel  auf  ihre  Wirkung  im  Tier¬ 
ment  zu  prü'fen. 

.  S  c  h  i  e  m  a  n  n  -  Berlin:  Weitere  Beiträge  zur  experimentellen  Wund- 

:ktion. 

Jm  Klarheit  zu  schaffen,  ob  die  Wirkung  der  Antiseptizis  eine  direkte 
Utende  sei,  oder  ob  unspezifische  Reizmittel  die  Schutzwirkung  hervor¬ 
wurden  Mäuse  bzw.  Meerschweinchen  mit  Friedländerbakterien,  Mäuse- 
>.  Streptokokken  und  Staphylokokken  infiziert  und  dann  mit  Trypa- 
j  Sublimatlösung,  Dahlia  und  auch  mit  Reizstoffen,  Yatrenpuder  und 
fitinölpaste  behandelt.  Die  Reizmittel  hatten  keine  Erfolge  aufzuweisen, 
Ts  geschlossen  werden  musste,  dass  die  Wirkung  auf  eine  direkte  Keim- 
zurückzuführen  ist.  Trypaflavin  übte  auch  in  Form  von  Streupulver 
;l  tarke  Heilwirkung  aus. 

.  Schlossberger  und  W.  P  f  a  n  n  e  n  s  t  i  e.l  -  Frankfurt  a.  M.: 

*•  Versuche  zur  Differenzierung  der  sog.  säurefesten  Bakterien  mittels 

fementbindung. 

erf.  benützten  ausser  dem  Typus  humanus  und  bovinus  der  echten 
1  culose,  Stämme  von  Arloing,  Fried  mann,  3  Meerschweinchen- 
■estämme,  Hühner-  und  Froschtuberkulose,  den  Stamm  Ra  bin  o- 

Ich  aus  Butter  und  den  Timotheebazillus.  Eine  Differenzierung  gelang 
mit  der  Agglutination  noch  mit  der  Komplementbindungsreaktion, 
welche  Gesetzmässigkeiten  waren  nicht  vorhanden,  dagegen  aber  eine 
Gruppenspezifität.  Die  Hühnertuberkulose  machte  eine  Ausnahme 
Tn.  als  sie  im  Vergleich  mit  den  übrigen  Stämmen  noch  bei  erheblich 
ren  Verdünnungen  des  homologen  Stammes  positiv  reagierte.  Auch 


Klinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  5  (nachträglich). 

(3.  B  u  m  k  e  -  Leipzig:  Psychologie  und  Psychiatrie. 

Uebersichtsreferat. 

S.  B  e  r  g  e  1  -  Berlin:  Die  natürlichen  Abwehrmittel  des  Körpers  gegen 
die  syphilitische  Infektion  und  ihre  Beeinflussung  besonders  durch  Quecksilber. 

Auf  Grund  der  neueren  biologischen  Anschauungen,  welche  nach  Verf. 
mit  den  anatomischen  Befunden  und  klinischen  Erfahrungen  übereinstimmen, 
muss  gesagt  werden,  dass  das  Hg  die  jeweils  vorhandenen  Abwehrkräfte  des 
Körpers  zu  einer  einmaligen,  meist  unzureichenden  Auswirkung  auf  die  Spiro¬ 
chäten  gelangen  lässt,  aber  die  dauernden  natürlichen  Heilungsvorgänge  durch 
Vernichtung  der  lebenden  Produktionsquellen  der  Antistoffe  zeitweise  ver¬ 
hindert,  ohne  selbst  unmittelbar  auf  die  Erreger  einzuwirken. 

R.  H  e  n  n  e  b  e  r  g  -  Berlin:  Ueber  Salvarsan-Hlrntod. 

Verf.  teilt  3  Beobachtungen  mit  Sektionsbefunden  und  Abbildungen  der 
Präparate  mit,  bei  welchen  in  2  sog.  hämorrhagische  Salvarsunenzephalitis 
vorlag,  während  sich  im  3.  Fall  ein  grösserer  Bluterguss  im  Pons  fand. 
Epikrise.  Der  Umstand,  welcher  zu  diesem  ungünstigen  Ausgang  führte, 
konnte  nicht  klargestellt  werden. 

J.  Markwalder  -  Baden  (Schweiz):  Wirkungswert  von  Bulbus 
Scillae. 

Verf.  machte  Versuche,  um  eine  exakte  Orientierung  über  den  Wirkungs¬ 
wert  der  Droge  zu  gewinnen.  Mitteilung  der  Methodik.  Bezüglich  der  im 
Handel  befindlichen  sog.  Extrakte  ergaben  die  Untersuchungen,  dass  diese 
Extrakte  an  herzwirksamer  Substanz  weniger  wirksam  sind  als  das  Ausgangs¬ 
material.  Verf.  versuchte,  die  herzwirksame  Substanz  zu  isolieren. 

A.  H  e  1 1  w  i  g  -  Frankfurt  a.  M.:  Klinische  Narkoseversuche  mit 
Solaesthin. 

Das  S.  ist  ein  von  den  Höchster  Farbwerken  rein  hergestelltes  Methylen¬ 
chlorid,  das  sich  als  Inhalationsanästhetikum  vollwertig  brauchbar  erwies  für 
kurzdauernde  Eingriffe,  dann  zur  Einleitung  der  Vollnarkose  oder  zur  Halb¬ 
narkose,  kombiniert  mit  örtlicher  Betäubung.  Der  Artikel  bringt  ausser  den 
einschlägigen  Urversuchen  eine  kurze  technische  Anweisung  für  die  An¬ 
wendung  in  der  Praxis. 

O.  Fleischmann  -  Frankfurt  a.  M.:  Zur  Frage  der  Sero-  und  Chemo¬ 
therapie  der  otogenen  und  rhinogenen  Meningitis. 

Die  Grundbedingungen  für  eine  wirksame  Chemotherapie  sind  von  der 
Blutbahn  aus  gegeben,  während  in  den  Lumbalsack  eingebrachte  Stoffe  kaum 
über  den  Bereich  des  Rückenmarks  hinaus  wirksam  sein  können.  Verf.  be¬ 
richtet  über  Versuche  mit  Trypaflavin,  das  bei  Meningitis  nachweislich  in 
nennenswerter  Menge  in  den  Liquor  übergehen  kann.  Die  richtige  Dosierung 
ist  noch  nicht  genügend  festgestellt. 

R.  R  o  u  b  i  t  s  c  h  e  k  -  Karlsbad :  Die  renale  Schwangerschaftsglykosurie 
als  Frühsymptom  der  Gravidität. 

In  der  Gravidität  erscheint  Traubenzucker  im  Harn  bei  normalen  oder 
wenig  erhöhten  Blutzuckerwerten.  Zur  Schwangerschaftsdiagnose  kann  die 
zuckermobilisierende  Wirkung  des  Adrenalins  verwendet  werden.  Verf.  hat 
mit  einer  bestimmten  Methode,  die  sich  hierauf  gründet,  20  Gravide  untersucht 
und  konnte  bei  19  die  Glykosurie  nachweisen. 

G.  S  i  e  f  a  r  t  -  Charlottenburg:  Zur  Frage  der  Abortbehandlung. 

Feststellungen  zu  einem  früherem  Artikel  in  Nr.  51  der  B.kl.W.  1921. 

Katzumi  K  o  j  i  m  a  -  Berlin :  Ueber  die  Beziehungen  des  Saprophytlsmus 
zum  Parasitismus  bei  Bakterien. 

Aus  Versuchen  des  Verf.  ergab  sich,  dass  der  Welch-Fränkel  sehe 
Bazillus  zwei  verschiedene  Lebenskreisläufe  hat,  einen  saprophytischen  und 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


einen  parasitären.  Es  kommt  nur  auf  das  Nährsubstrat  an,  welchen  Weg  von 
beiden  der  Bazillus  schliesslich  einschlägt. 

E.  E  reudenberg  und  P.  Q  y  ö  r  g  y  -  Heidelberg:  Untersuchungen 
iiber  die  Pathogenese  der  infantilen  Tetanie. 

Nicht  zu  weiterer  Kürzung  des  wesentlichen  Inhalts  geeignet. 

M.  Koch  nt  a  n  n  und  P.  Schmidt-  Halle:  Ueber  die  Trage  der 
Anaphylaxie  bei  den  isolierten  Organen  des  Frosches. 

Aus  den  Versuchen  muss  der  Schluss  gezogen  werden,  dass  sessue 
Rezeptoren  am  Frosch  nicht  nachweisbar  sind  und  dass  im  anaphylatoxischen 
Serum  keinerlei  gelöste  Substanzen  vorhanden  sind,  die  eine  Giftwirkung  auf 
die  isolierten  Froschorgane  haben. 

G.  A.  R  o  s  t  -  Freiburg :  Zur  Behandlung  der  Frühsyphilis.  (Schluss.) 

F. s  kam  dem  Verf.  darauf  an  zu  zeigen,  dass  nur  bei  Auffassung  der 
Syphilis  als  eines  chronischen  Infektionsvorganges  es  möglich  ist,  mit  einiger 
Sicherheit  eine  Ausheilung  zu  erreichen.  Die  symptomatische  Behandlung  ist 
als  unzureichend  abzulehnen.  Die  richtige  Behandlung  der  Syphilis  erfordert 
grosse  Erfahrung  und  Uebung.  Der  Praktiker  soll  sich,  wo  möglich,  des 
Rates  und  der  Mitwirkung  des  Facharztes  bedienen. 

K.  Kassowitz  und  R.  Schick-  Wien :  Neue  Wege  der  Diphtherie- 

prophylaxe.  ,  ...  . 

Die  Verfasser  fordern  nicht  die  ausschliessliche  Bekämpfung  des  Diph¬ 
theriebazillus.  sondern  die  Ausarbeitung  der  Methoden,  mittelst  welcher  dem 
Organismus  inehr  Schutzstoffe  zugeführt  werden  können.  Die  lntrakutan- 
injektion  ist  das  Rüstzeug’  für  die  aktive  Immunisierung. 

H.  U  1  r  i  c  i  -  Sommerfeld :  Die  Krankenauswahl  für  die  Anstaltsbehand¬ 
lung  Tuberkulöser. 

O  M  e  y  e  r  li  o  f  -  Kiel:  Ueber  die  Energetik  des  Muskels. 

Refent  Grassmann  -  München. 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  5  und  6. 

F^.  Sauerbruch  und  M.  L  e  b  s  c  h  e  -  München:  Die  Behandlung  der 
bösartigen  Geschwülste.  (Schluss  aus  Nr.  4.) 

Die  von  der  Gynäkologie  veröffentlichten  grossen  Erfolge  der  Strahlen¬ 
therapie  beiin  Uteruskarzinom  konnten  von  der  Chirurgie  nicht  bestätigt 
werden  Der  Begriff  der  Karzinomdosis  trägt  ausschliesslich  den  physikali¬ 
schen  Verhältnissen  Rechnung,  während  bei  der  therapeutischen  Beein¬ 
flussung  bösartiger  Geschwülste  biologische  Vorgänge  mindestens  eine  sehr 
bedeutende  Rolle  spielen,  wie  die  sicher  nachgewiesenen  Spontanheilungen 
solcher  üeschwülte  deutlich  genug  erkennen  lasen.  Eine  tiefergreifende 
Kenntnis  vorn  Entstehen  und  Vergehen  maligner  Tumoren  wird  in  Zukunft 
eine  zielbewusste  Strahlentherapie  vielleicht  den  Weg  einschlagen  lassen, 
auf  dem  es  ihr  gelingt,  die  natürlichen  Abwehrkräfte  des  Organismus,  welche 
der  Rückbildung  oder  gar  Ausheilung  bösartiger  Geschwülste  dienen,  zu 
vermehrter  Wirksamkeit  anzureizen.  Einstweilen  muss  die  Chirurgie  in  der 
Frühdiagnose  und  Frühoperation  der  malignen  Tumoren  die  sicherste  Gewähr 
für  eine  Heilung  erblicken  und  vermag  zur  Zeit  noch  in  der  Strahlentherapie 
ein  überlegenes  Verfahren  nicht  anzuerkennen. 

Braun-  iN/ickau :  Die  Grenzen  der  örtlichen  Betäubung  in  der  Chi¬ 
rurgie. 

Lumbal-  und  Sakralanästhesie  sind  nur  bei  ganz  bestimmter,  strenger 
Indikition  berufen,  die  Narkose  zu  ersetzen.  Alle  Formen  der  pa-raverle- 
bralen  Anästhesie  haben  sich  als  zu  gefährlich  herausgestellt,  um  niclft  ver¬ 
lassen  zu  werden.  Die  örtliche  Betäubung  im  engeren  Sinpe  tritt  vor  allem 
bei  den  Operationen  an  den  Kiefern,  im  Gesicht,  in  Mundhöhle  und  Rachen, 
sowie  am  Halse  in  erfolgreichsten  Wettbewerb  mit  der  Narkose;  weniger  ( 
ist  dies  schon  am  Hirnschädel  der  Fall.  Auch  die  Brust  korb  chirifrgie 
arbeitet  vorteilhaft  mit  der  örtlichen  Betäubung,  während  Operationen  im 
Innern  der  Brusthöhle  wegen  Gefahr  des  reflektorischen  Herz-  und  Atem- 
. Stillstandes,  des  Wogens  der  Lunge  und  der  Pressatmung  beim  nicht  narkoti¬ 
sierten  Menschen  nur  in  Narkose  gestattet  sind  (S  a  u  e  r  b  r  u  c  h).  Grössere 
Bauchoperationen  werden  zweckmässig  kombiniert  ausgeführt:  örtliche  Be¬ 
täubung  für  die  Bauchwand,  kurze  Narkose  für  die  Eingriffe  am  Bauchinhalt. 
Für  Operationen  im  Gebiete  des  Plexus  sacralis  ist  die  parasakrale  An¬ 
ästhesie  ein  ausgezeichnetes  und  ungefährliches  Verfahren.  An  der  oberen 
Extremität  ist  die  Plexusanästhesie  mit  Injektion  dreiquerfingerbreit  ober¬ 
halb  des  Schlüsselbeines  bei  besonderer  Indikation  zweckmässig,  während  an 
der  unteren  Extremität  praktisch  höchstens  die  Lumbalanästhesie  für  die 
Narkose  eintreten  kann.  B.  selber  hat  niemals  bei  viel  mehr  als  50  Proz. 
seiner  Operationen  die  örtliche  Betäubung  angewendet. 

G.  S  u  1  t  a  n  -  Berlin:  Ueber  Nebennierenexstirpation  bei  Epilepsie. 

Unter  5  Fällen,  bei  denen  die  von  Fischer  angeregte  Nebennieren¬ 
reduktion  gemacht  worden  war,  konnte  einmal  eine  Besserung  des  psychischen 
Zustandes,  ein  anderes  Mal  eine  Verminderung  der  Anfälle  bei  fortgesetzter 
Luminaldarreichung  gesehen  werden.  Die  übrigen  drei  Fälle  blieben  unbe¬ 
einflusst. 

H.  Leo-Bonn:  Ueber  die  Wirkung  intravenöser  Kampferölinjektion. 

Nach  intravenöser  Injektion  von  Kampferöl  - —  s/s  der  injizierten  Oel- 
menge  wird  in  den  Lungen  festgehalten  (Fischer)  —  kommt  es  fast  un¬ 
mittelbar  zu  einem  jähen  Anstieg  der  Atemgrösse,  dem  ein  allmähliches  Ab¬ 
sinken  folgt,  worauf  ein  neuer,  den  ersten  erreichender  oder  gelegentlich 
gar  übertreffender,  länger  dauernder  Anstieg  eintritt.  Während  der  erste 
Anstieg  als  ein  Reflexvorgang  auf  die  Oelablagerung  in  den  Lungenkapillaren 
angesehen  werden  muss,  ist  der  zweite  die  Folge  einer  Kombination  von 
örtlicher  Oel-  und  resorptiver  Kampferwirkung.  Im  Tierexperiment  wurde 
nachgewiesen,  dass  0,2  ccm  Oel  auf  das  Kilogramm  Körpergewicht  bei  intra¬ 
venöser  Injektion  gefahrlos  vertragen  wurden.  Gleichwohl  bleibt  äusserste 
Vorsicht  bei  therapeutischer  Anwendung  geboten.  Vielleicht  kann  die  Ab¬ 
lagerung  des  Oeles  in  der  Lunge  zu  einer  Heilwirkung  bei  Lungentuberkulose 
benutzt  werden. 

E.  R  u  n  g  e  -  Berlin :  Zur  Behandlung  der  akuten  Anämie  sub  partu. 

Auf  Grund  günstiger  eigener  Erfahrungen  empfiehlt  Verf.  bei  jeder 
einigermassen  beträchtlichen  Geburtsblutung  das  Blut  aufzufangen,  im  Ver¬ 
hältnis  3:  2  mit  physiologischer  NaCl-Lösung,  der  1  Proz.  Natr.  citr.  zugesetzt 
ist,  zu  verdünnen  und  davon  eine  grössere  Menge  (600 — 700  ccm)  als  ge¬ 
wöhnliches  Klysma,  den  Rest  als  Tropfeinlauf  zu  geben. 

H  ü  b  n  e  r  -  Elberfeld:  Schmierseifeneinreibungen  als  Mittel  zur  Verbesse¬ 
rung  der  Syphllisbehandlung. 

Bei  gleichzeitiger  Sclnnierseifeneinreibung  —  täglich  10  g  15  Minuten 
lang  —  neben  Neosilbersalvarsan  und  Cyarsal  konnte  durchgehends  ein  er¬ 


heblich  rascheres  Negativwerden  der  WaR.  festgestellt  werden.  Als  Or 
wird  die  Reizwirkung  auf  die  Haut  (Esophylaxie)  angesehen. 

G.  K  r  e  h  s  -  Leipzig:  Neosilbersalvarsan  (N.S.S.)  und  seine  eiitzei 
Verwendung  mit  Novasurol. 

Die  genannte  Kombinationsbehandlung  wird  als  das  gegenwärtig  v, 
samste  und  dabei  unbedenklichste  Verfahren  gerühmt. 

L.  Brandt  und  IM.  F  r  a  e‘,n  k  -e  1  -  Charlottenburg:  Verödung 
Tränendrüse  durch  Röntgenstrahlen. 

Durch  Röntgenbestrahlung  der  Tränendrüse  (6  Sitzungen  an  je  2 
einanderfolgenden  Tagen  mit  Pausen  von  je  1  Woche-  Gesamtdosis  6  ' 
Aluminiunülter  4  mm)  wurde  das  nach  operativer  Entfernung  des  1  r,T 
sackes  zurückgebliebene  Tränenträufeln  beseitigt. 

F.  M.  M  e  y  e  r  -  Berlin:  Zur  Technik  der  Quarzlichtbehandlung. 

Fortbildungsvortrag. 

A  p  e  1  -  Charlottenburg :  Zur  Behandlung  des  schwachen  Haarwue 
nach  Z  u  n  t  z  und  K  a  o  p. 

Das  Kapp  sehe  Verfahren  wirkt  auch  ohne  Keratinzusatz  lediglich  d 
den  Reiz,  welchen  Ammoniak  und  Galvanisation  auf  der!  Haarboden  au; 
Zweckmässig  ist  die  Kombination  mit  der  innerlichen  Hiimagsolanbeiiandl 

M  ö  1  1  e  r  -  Peine:  Das  Erdöl  als  Heilmittel. 

Historisches. 

ü.  Sing  er- Wien:  Der  gegenwärtige  Stand  der  Pankreaserkrankun 

Schluss  folgt. 

W.  Liepmann  -  Berlin:  Gynäkologische  Ratschläge  für  den  Prakt 

H.  S  c  h  o  1 1  in  ü  11  e  r  -  Hamburg:  Ueber  den  angeblichen  Zusami 
hang  zwischen  Infektionen  der  Zähne  und  Allgemeinerkrankungen. 

Verf.  hält  den  Zusammenhang  zwischen  septischen  Allgemeinerk 
kungen  und  infektiösen  Zahnkrankheiten,  wie  er  von  Fischer  behai 
wird,  für  ausserordentlich  selten  gegeben. 

N  o  n  n  e  n  b  r  u  c  h  -  Wü’rzburg:  Ueber  Beziehungen  der  Gewebe 
Diurese  und  über  die  Bedeutung  der  Gewebe  als  Depots. 

Eine  gestörte  Wasser-  und  Salzausscheidung  durch  die  Nieren  lr 
bei  intakter  üewebsfunktion  zunächst  noch  keine  hydrämische  Plethora 
die  Gewebe  einen  Ueberschuss  von  Wasser  und  Salz  aus  dem  Blute^  r 
entfernen.  Die  Hauptursache  der  Oedeme  liegt  im  Zustande  der  Ge' 
selbst,  insbesondere  der  Blutgefässe.  Die  Diuretika  der  Purinreihe  und; 
Novasurol  haben  neben  der  Nierenwirkung  auch  noch  die  Eigenschaft, 
Gewebe  zu  entwässern  und  zu  entchloren,  woraus  sich  eine  Konzentrij 
des  Blutes  mit  absoluter  Vermehrung  des  Bluteiweisses  ergibt. 

E.  T  a  n  c  r  e  -  Königsberg:  Erfahrungen  mit  Vitaltuberkulin. 

Es  ergaben  sich  keine  Kontraindikationen  gegen  die  Verwendung  aj 
sch  Wächter  lebender  humaner  Tuberkelbazillen  beim  tuberkulösen  Menst, 

K.  B  u  r  c  h  a  r  d  i  -  Baden-Baden:  Experimentelle  Untersuchungen 
die  Kontagiosität  des  Lupus  vulgaris. 

Der  ulzerierte  Lupus  der  Haut  und  der  Nasenschleimhaut  bietet 
geringe  Ansteckungsgefahr. 

K.  N  a  s  w  i  t  i  s  -  Berlin:  Ueber  „Auslösung“  von  Zellverinehru 
durch  Wundhormone  bei  höheren  Säugetieren  und  dem  Menschen. 

Die  nach  Autotransfusion  durch  Gefrierenlassen  und  Wiederauftauen  I 
störten  Blutes  gesehene  Blutkörperchenvermehrung  wird  als  Folge 
Reizwirkung  von  Blutzerfallprodukten  angesehen. 

A.  Weil-Berlin:  Geschlechtstrieb  und  innere  Sekretion. 

Beschreibung  eines  weiblichen  Eunuchen  und  eines  männlichen  f 
choiden  mit  vergrösserter  Unterlänge,  verbreiterter  Sella  turcica«und  fej 
dem  bzw.  stark  herabgesetztem  Geschlechtsempfinden  (1  Abbildung). 


S  c  h  e  i  d  t  -  München:  Die  respiratorische  Exkursionsbreite  des  Ei 
umfanges  und  ihre  Bedeutung. 

Die  mechanischen  Bedingungen  für  die  Atmungsfunktion  des  TI 
werden  bestimmt  durch  den  auf  die  Körpergrösse  bezogenen  absoluten  li 

Brustumfang  bei  Exspiration  )*! 

umfang,  durch  den  Exkursionsquotienten " 


Brustumfang  bei  Inspiratio 
oder  durch  die  auf  den  Brustumfang  bei  ruhiger  Atmung  bezogene  ab; 
Differenz  zwischen  den  Umfängen  bei  tiefster  Inspiration  und  Exspir, 


und  durch  den  Thorakalindex. 

F.  K  ö  t  h  e  -  Leipzig:  Quecksilber  als  Reizmittel  bei  Stomatitis  ule« 

Orale  Verabreichung  von  Hydrarg.  oxydulat.  nigr.  0,01  —  Sachar. 
ad  10,0,  dreimal  täglich  1  Messerspitze  bei  sorgfältiger  Zahnreinigung 
Entfernung  von  alten  Eiweisszerfallsprodukten),  häufigen  Mundspiilungei 
1  proz.  HaOs  und  Aetzung  der  Geschwüre  mit  8  proz.  Zinc.  chlorat.  1J 
auch  in  den  langwierigen  Fällen  zu  rascher  Heilung,  vermutlich  durch 
Wirkung. 

E.  Liek-Danzig:  Nochmals  zur  Frage  der  Röntgenschädigungen. 

Polemik  gegen  Kurtzahn. 

C.  W  e  g  e  1  e  -  Königshorn :  Die  temporäre  Ausschaltung  des  N 
phrenicus. 

Die  Ausschaltung  des  Phrenikus  durch  Novokainisierung  zur  Beseit 
eines  hartnäckigen  Singultus  ist  vor  der  eingreifenden  Durchschneidu 
Anwendung  zu  bringen.  Mitteilung  eines  durch  einmalige  Injektion  da 
geheilten  Falles. 

ü.  Singer-  Wien:  Der  gegenwärtige  Stand  der  Pankreaserkranki 

(Schluss  aus  Nr.  5.) 

W.  Liepmann  -  Berlin:  Gynäkologische  Ratschläge  für  den  Pral 


Baum-  Augsb' 


Medizinische  Klinik.  Heft  8. 

Arndt-  Berlin:  Salvarsanfragen. 

Die  ungewöhnliche  Zunahme  der  schweren  Dermatitiden,  die  zun 
tödlich  verlaufen,  ist  höchstwahrscheinlich  eine  Folge  der  Zunahme  de 
handlung  mit  Salvarsan  überhaupt.  Die  vom  Verfasser  beobachteten  12  1 
fälle  werden  im  einzelnen  besprochen. 

G.  H  e  r  r  n  h  e  i  s  e  r  -  Prag:  Ueber  die  Manifestation  von  Pan 
erkrankungen  im  Röntgenbilde. 

Ausführliche  Zusammenstellung  der  an  Magen  und  Duodenum 
logisch  wahrnehmbaren  Zeichen,  die  bei  Pankreasaffektionen  zur  Beobat 
gelangen  können. 

Umfrage  über  die  neue  Influenzaepidemie. 

Uebereinstimmend  wird  der  leichte  Charakter  der  Epidemie  sow 
schubweise  Auftreten  grosser  Wellen  mit  Abbruch  des  Frostwetters  h 
gehoben.  Der  Pfeiffersche  Bazillus  wird  oft  gefunden;  es  schein 
erworbene  Immunität,  wenn  auch  keine  vollständige,  zu  geben.  Dun 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ärz  1922. 


369 


J  n  dürfte  die  Krankheit  nicht  in  besonderem  Maasse  propagiert  werden. 
Ü.g  sind  einige  Fälle  von  Enzephalitis  neu  aufgetreten. 

.  R  o  m  i  c  h  -  Qrimmenstein :  Die  Behandliingsincthoden  der  Knochen- 
elenkstuberkulose  in  der  Volksheilstätte  Grimmenstein, 
le  Behandlung  ist  individualisierend  und  vor  allen!  kombiniert,  d.  h. 
t:  ausgiebiger  operativer  Therapie  wird  die  konservative  im  Gestalt  von 
ji-  und  Luftbehandlung,  Stauung  usw.  gehandhabt.  Keine  Vorteile  durch 
lulinbehandlung;  nur  diagnostische  Verwendung  von  Röntgenstrahlen. 
{  o  e  1  c  h  a  u -.Berlin:  Lieber  die  Methoden  der  Messung  der  Körper- 
i  atur  und  über  ein  neues  Verfahren  der  Schnellmessung. 
urch  Benützung  eines  kleinen  Drahtgestelles,  welches  den  Thermometer 
i  und  in  ein  Uringlas  gehängt  wird,  lässt  sich  das  zuverlässige  und 
:i  auszuführende  Verfahren  ohne  Schwierigkeit  bei  beiden  Geschlechtern 
«den;  seine  Vorteile  sind  ausserdem  noch  darin  zu  sehen,  dass  bei 
I  einer  Infektionsgefahr  eine  grosse  Menge  Messungen  binnen  kurzer 
ritereinander  zu  bewerkstelligen  ist. 

!.  N  a  g  e  1  s  c  h  m  i  d  t  -  Berlin:  Ueber  die  Praxis  der  Röntgentiefen- 

i:  mg. 

ihsammenfassender  Vortrag,  der  erneut  darauf  hin  weist,  dass  mit  sorg- 
,  n  Gebrauch  auch  der  besten  Messinstrumente  die  Fehler  der  Dosierung 
I  licht  ausgeschaltet  sind. 

i  n  k  b  e.i  n  e  r  -  Zuzw.il:  Kretinismus  und  endemische  Ossifikations¬ 
gen. 

bzwar  vorzeitige  Verknöcherung  bei  Gesunden  im  Endemiegebiet  so 
■ie  anderwärts  vorkommt,  so  sind  doch  bisher  sichere  Fälle  von 
smus  mit  prämaturer  Ossifikation  noch  nicht  beobachtet  worden, 
man  das  ganze  Problem  als  ein  Schulbeispiel  von  Klassenvariation  be¬ 
it,  so  ergeben  sich  höchst  bemerkenswerte  Tatsachen,  die  weiteren 
3 ms  wert  sind. 

i.  B  r  a  u  n  -  Steglitz:  Zur  Behandlung  der  Oxyuriasis  (Wurmkrankheit), 
npfehlung  und  zweckmässige  Gestaltung  der  Butolankur. 

.  Frisch  und  W.  S  t  a  r  1  i  n  g  e  r  -  Wien  :  Ueber  das  Flockungs- 
igen  des  Blutplasmas  bei  Lungentuberkulose. 

as  Flockungsvermögen  des  Blutplasmas  ist  für  klinische  Zwecke  ein 
( hend  genaües  Maass  der  Grösse  der  Fibrinogenfraktion  und  somit  des 
jszerfalls;  so  gibt  die  Reaktion  für  die  Beurteilung  der  Aktivität  und 
dienz  eines  tuberkulösen  Prozesses  ein  einfaches  Hilfsmittel  an  die 

T  o  b  i  a  s  -  Berlin :  Ueber  die  Bedeutung  der  Hydro-  und  Tliermo- 
lie  bei  einigen  funktionellen  Nervenkrankheiten. 

oilepsie,  Chorea  minor,  Beschäftigungsneurosen,  Tick.  Paralysis  agitans, 
:  d  o  w  sehe  Krankheit.  S. 

chweizerische  Medizinische  Wochenschrift.  1922.  Nr.  2  und  3. 
.  G  u  g  g  i  s  b  e  r  g  -  Bern:  Die  fötale  Indikation  zur  operativen  Be¬ 
ug  der  Geburt. 

Jaquet:  Der  Oszillotonograph  zur  graphischen  Registrierung  der 
orischen  Pulsdruckschwankungen. 

^Schreibung  und  Abbildung  eines  neuen  Apparates,  der  eine  Modifikation 
a  c  h  o  n  sehen  Oszillometers  darstellt  und  die  oszillatorischen  Puls- 
:  chwankungen  aufschreibt.  Aus  dar  Kurve  lässt  sich  auch  ziemlich 
:  die  Höhe  des  systolischen  Druckes  bestimmen. 

Staehelin-  Basel:  Die  Pathologie  der  Atmung.  (Schluss.) 

F  r  i  c  k  e  r  -  Bern :  Kritische  Bemerkungen  zur  Frage  der  Funktions- 
uen  des  Magens. 

ir  die  Praxis  ist  das  Ewald-Boas  sehe  Probefrühstück  dem  E  h  r  - 
:i  sehen  Alkoholfrühstück  vorzuziehen,  schon  deshalb,  weil  durch  den 
i  die  Magensekretion  beeinflusst  wird  und  weil  es  auch  viel  besser  zur 
iätsprüfung  geeignet  ist.  Man  darf  die  bewährte  Methode  nicht  deshalb 
Ln,  weil  sie  übertriebene  Erwartungen  nicht  erfüllen  kann.  , 
Schnyder:  Zur  Kasuistik  der  Zwillingslagen, 
n  Fall  von  Einstellung  des  ersten  Kindes  in  Fusslage  und  des  zweiten 
3  fiage. 

r.  3. 

unziker  und  v.  W  y  s  s  -  Adlis  wil :  Ueber  systematische  Kropf- 

e  und  Prophylaxe. 

ie  Verfasser  haben  745  Kinder  ein  Jahr  beobachtet,  von  denen  nach 
ig  der  Schilddrüse  ca.  die  Hälfte  aus  jeder  Altersstufe  (6.— 16.  Lebens- 
/öchentlich  1  mg  Jodkali  bekam,  im  ganzen  0,04  g.  Bei  den  Behandelten 
fi  die  Schilddrüsen  durchschnittlich  um  mehr  als  die  Hälfte  kleiner, 
(also  nicht  nur  eine  Prophylaxe,  sondern  auch  eine  Therapie  des  Kropfes 
ij  Schule  auf  breiter  Grundlage  möglich.  Für  die  Prophylaxe  wird 
ilmgsweise  eine  5mal  kleinere  Dosis  genügen.  Es  ist  aber  jedenfalls  eine 
L  Dosierung  für  jede  Altersstufe  anzustreben  und  man  muss  die  Jodalkalien 
Den,  weil  sie  völlig  resorbiert  werden,  während  bei  den  organischen 
>ibindungen  die  Dosierung  wegen  der  unsicheren  Resorption  zu  un- 
L|  ist.  Der  Körper  braucht  physiologischerweise  Spuren  von  Jod  und  die 
(sserung  der  Schilddrüse  in  gewissen  Gegenden  ist  nur  eine  physio- 
fe  Einstellung  der  Bevölkerung  auf  zu  jodarme  Ernährung.  Unser  Ziel 
Fein,  die  physiologisch  nötige  Spurendosis  Jod  festzustellen  und  dem 
Ö  zuzuführen,  am  besten  als  Zusatz  zum  Kochsalz.  Dann  wird  die 
-uhr  ungefährlich  sein.  (Vergl.  auch  M.m.W.  1922  S.  47.) 
fenninger  -  Zürich:  Ueber  die  Beziehungen  der  Tiertuberkulose  zur 
';ulose  des  Menschen.  Antrittsvorlesung. 

G  1  a  n  z  m  a  n  n  -  Bern:  Die  biologische  Bedeutung  der  Vitamine  für 
iderheilkunde.  Schluss  folgt. 

J' u  n  g  -  St.  Gallen:  Klinischer  Beitrag  zur  Schwangerschaftshyper- 

V  der  Schilddrüse. 

ei  einer  im  7.  Monat  Schwangeren  (früher  9  normale  Geburten)  sah 
S  rasch  zunehmende  Sehstörung,  bitemporale  Hemianopsie,  partielle 
1  satrophie  und  typisches  Röntgenbild.  Nach  Hysterotomie  und  Tuben- 
’ation  rascher  Rückgang  aller  Erscheinungen.  Akromegalie,  Poly-  und 

Furie  fehlten. 

o  e  m  i  s  c  h  -  Arosa:  Ueber  die  Wirkung  der  T  r  e  u  p  e  1  sehen 
Hen  bei  mit  Schmerzen  verbundenen  Krankheitserscheinungen. 
mpfehlung  der  Tabletten  im  Beginn  entzündlicher  Vorgänge  (Angina, 
j)fen,  Magen-Darmkatarrh),  besonders  aber  im  Beginn  der  Migräne,  wo 
1  >ei  sich  selbst  immer  prompten  Erfolg  hatte.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Aerztlicher  Verein  zu  Danzig. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  19.  Januar  1922. 

Herr  A.  Schmidt:  a)  Ein  Beitrag  zur  zentralen  Luxation  des  Ober¬ 
schenkelkopfes. 

Es  wird  das  Röntgenbild  einer  zentralen  Luxation  gezeigt.  Ein  Kriegs¬ 
teilnehmer,  der  auf  dem  Rückmarsch  1918  von  einem  Auto  angefahren  wurde, 
fiel  um'  und  zog  sich  eine  zentrale  Luxation  zu.  Er  versuchte  noch  weiter 
zu  marschieren,  Hess  sich  dann  aber  in  ein  Feldlazarett  aufnehmen  und 
marschierte  nach  einigen  Tagen,  da  das  Feldlazarett  aufgelöst  wurde  und  die 
zurückbleibenden  Kranken  dem  Feind  übergeben  werden  sollten,  weiter.  Der 
Oberschenkel  stand  in  Strecksteilung  im  Hüftgelenk  fixiert.  Wegen  der 
günstigen  funktionellen  Stellung  kam  eine  Operation  nicht  in  Frage.  Es  wird 
auf  den  Entstehungsmechanismus  hingewiesen.  ,  Fixation  des  leicht 
abduzierten  Beines,  die  bei  der  Schrittstellung  gegeben  ist.  Begünstigt  wird 
die  zentrale  Luxation  durch  Gewalteinwirkungen  in  der  Achse  des  Schenkel¬ 
halses,  von  Bedeutung  ist  die  auf  Zug-  und  Druckwirkung  aufgebaute 
Bälkchenstruktur  des  Schenkelhalses  und  Kopfes.  Es  werden  die  Gewalt¬ 
einwirkungen  besprochen,  die  zu  Frakturen  führen  müssen.  Von  differential- 
diagnostischen  Merkmalen  ist  die  Vorwölbung  der  Gegend  der  Hüftgelenks¬ 
pfanne,  die  vom  Mastdarm  aus  palpiert  werden  kann,  von  besonderer  Be¬ 
deutung  neben  der  die  Situation  klärenden  Röntgenaufnahme.  Therapeutisch 
ist  es  von  Wichtigkeit,  ob  eine  gleichzeitige  Beckenfraktur  vorliegt.  Im  vor¬ 
liegenden  Falle  bestand  keine  gleichzeitige  Beckenfraktur.  In  frischen  Fällen 
kann  eine  Extension  mit  Hebelwirkung  auf  den  Schenkelhals  und  Kopf  zum 
Erfolg  und  günstigen  funktionellen  Resultat  führen.  In  alten  Fällen  kommt  bei 
ungünstiger  Stellung  des  Oberschenkels  die  Resektion  des  Kopfes  oder  die 
subtrochantere  Osteotomie  in  Frage. 

b)  Ein  Beitrag  zur  Kasuistik  der  Zwerchfellhernie. 

Es  werden  die  Röntgenbilder  eines  Mannes  mit  einer  Zwerchfellhernie 
gezeigt,  der  zu  einer  poliklinischen  Röntgenaufnahme  der  chirurgischen  Ab¬ 
teilung  des  Krankenhauses  •  überwiesen  wurde.  Das  erste  Bild  in  dorso- 
ventraler  Richtung  lässt  die  Vermutung  einer  linksseitigen  Verlagerung  der 
Baucheingeweide  in  die  Brusthöhle  aufkommen.  Dfe  zwei  folgenden  Bilder 
werden  nach  Verabfolgung  einer  Bariumaufschwemmung  in  dorsoventraler 
und  dextro-sinistraler  Richtung  angefertigt.  Aufnahmen  nach  einem  Kontrast¬ 
einlauf  und  einem  Pneumoperitoneum  konnten  bei  dem  poliklinischen  Kranken 
nicht  angefertigt  werden.  Mit  Hilfe  von  Skizzen  wird  der  sich  aus  den 
Bildern  ergebende  Situs  erklärt.  Ein  zwerchsackähnlicher  Magen  war  in  die 
Brusthöhle  verlagert.  Ob  Dickdarm  mit  verlagert  ist,  konnte  nicht  mit  Be¬ 
stimmtheit  angegeben  werden. 

Es  handelt  sich  um  einen  Kriegsteilnehmer,  der  1914  liegend  durch  ein 
russisches  Infanteriegeschoss  verwundet  wurde.  Einschuss  in  der  Höhe  der 
linken  9.  Rippe  in  der  hinteren  Axillarlinie.  Das  Geschoss  wurde  unter  dem 
rechten  Rippenbogen  in  der  Matnmillarlinie  in  einem  russischen  Lazarett  ent¬ 
fernt.  Der  Mann  hat  ein  sehr  wechselreiches  Gefangenenleben  in  Russland 
hinter  sich  und  musste  z.  T.  sehr  schwer  arbeiten  (Kohlengruben).  Er  hatte 
häufige,  z.  T.  ileumartige  Beschwerden,  die  auch  jetzt  noch  anfallsweise  auf- 
treten.  Zur  Operation,  die  dringend,  angeraten  wurde,  konnte  er  sich  bisher 
nicht  entschlossen. 

Besprochen  werden  die  präformierten  Zwgrchfellücken,  der  Larrey- 
sche  Raum  und  das  Foramen  Bochdaleki  und  ihre  Bedeutung  für  die  Hernia 
diaphragmatica  vera.  Die  -  Geschossart  und  Richtung,  die  resultierende 
Grösse  des  Zwerchfelloches,  der  Verlagerungsmechanismus  unter  Mitwirkung 
des  negativen  Druckes  im  Brustfellraum  und  der  Bauchpresse  und  die 
klinischen  Symptome.  Jede  Schussverletzung  der  Brust  oder  des  Bauches, 
bei  der  eine  Tympanie  in  der  linken  unteren  Brusthälfte,  Plätschergeräusche 
oder  Geräusche  des  Verdauungskanales  daselbst  nachweisbar  sind,  muss  den 
Verdacht  einer  Zwerchfellhernie  wecken.  Die  Diagnose  wird  geklärt  durch 
die  Röntgenaufnahme  in  zwei  Richtungen  unter  Zuhilfenahme  der  Kontrast¬ 
mahlzeit,  des  Kontrasteinlaufes  und  des  Pneumoperitoneums.  Die  Therapie 
ist  eine  operative.  Statistik  von  Loebell:  Arch.  f.  klin.  Chir.  Bd.  117, 
H.  3,  97  Fälle.  Von  20  nicht  operierten  Fällen  sterben  alle  bis  auf  einen’ 
68  Fälle  operiert  mit  35  Heilungen.  Statistik  von  Schioes  smann 
50  Proz.  Mortalität.  Frey:  33  Fälle,  von  denen  4  geheilt  wurden,  2  davon 
durch  Operation.  Berchthold:  24  operierte  Fälle  mit  22  Heilungen 
.  Sutter:  70  operierte  Fälle  mit  64  Heilungen. 

Der  operative  Weg  ist  bei  frischen  Verletzungen  durch  den  Einschuss 
gegeben,  bei  älteren  Verletzungen  nach  Wietings  Vorschlag  zunächst 
abdominal,  später  event.  thorakal.  Unser  Streben  muss  dahin  gehen,  nach 
gestellter  Diagnose  zur  Operation  zu  drängen,  da  der  sonst  unvermeidliche 
Ileus  das  Schicksal  des  Kranken  besiegelt. 

In  der  Diskussion  zeigte  Herr  Wilhelm  Röntgenbilder  der 
inneren  Abteilung  des  Städt.  Krankenhauses  von  einem  weiteren  Fall  von 
Zwerchfellhernie  nach  Schussverletzung  aus  der  Kriegszeit.  Es  handelt  sich 
um  eine  Verlagerung  von  Magen  und  Colon  transversum. 

Herr  Wolff:  Die  Behandlung  der  schweren  Skoliosen. 

W.  sprach  über  die  Behandlung  der  schweren  Skoliosen,  der  Kypho¬ 
skoliosen.  Er  ging  zuerst  auf  die  Korsettbehandlung  ein  und  empfahl,  an  dem 

Hessingkorsett,  das  nichts  weiter  als  stützen  soll  und  kann,  nur  diese  Eigen¬ 

schaft  auszunützen.  Dann  streifte  er  kurz  die  blutigen  Behandlungsmethoden, 
über  welche  vorläufig  noch  kein  Urteil  abzugeben  ist.  Gymnastik  und 
Massage  sind  bei  den  schweren  Skoliosen  nur  Hilfsmittel  fü’r  die  übrige  Be¬ 
handlung.  Da^  gilt  auch  für  die  K  1  a  p  p  sehen  Kriechübungen.  Das  Wesent¬ 
lichste  bei  der  Behandlung  der  schweren  Skoliosen  wird  stets  die  gewaltsame 
Redression  bleiben.  In  dieser  Beziehung  hat  die  W  u  1 1  s  t  e  i  n  sehe  Methode 

sich  nicht  besonders  bewährt,  während  die  A  b  b  o  1 1  sehe  wesentlich 

Besseres  leistet.  Vielleicht  ist  die  Kombination  beider  geeignet  uns  dem 
Ziele  zu  nähern. 


370 

Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  M. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  16.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  S  e  u  f  f  e  r  t.  Schriftführer:  Herr  Rosenhaupt. 

Herr  Qroedel:  Die  Röntgenbehandlung  klimakterischer  Erscheinungen. 

Nach  Röntgenkastration  treten,  im  Gegensatz  zu  der  noch  immer  in 
Laienkreisen  verbreiteten  Meinung,  keine  stärkeren  klimakterischen  Be¬ 
schwerden  auf  als  bei  nicht  bestrahlten  Frauen. 

Vielmehr  findet  man  nach  sachgemäss  vorgenommener  Bestrahlung  oft 
einen  leichteren  Verlauf  der  Wechseljahre. 

Uer  Vortragende  hat  daher  amenorrhoische  Frauen,  besonders  solche  mit 
Hypertonie,  bestrahlt  und  teilt  genauer  die  Resultate  bei  15  derartigen  Fällen 
mit,  von  denen  2  gebessert,  13  geheilt  wurden. 

Auf  Grund  seiner  bisherigen  Erfahrungen  glaubt  G.,  die  Eierstock¬ 
bestrahlung  mit  einer  doppelseitigen  Applikation  von  je  einer  Hauttoleranz¬ 
dosis  als  derzeit  bestes  Mittel  zur  Beseitigung  protrahierter  klimakterischer 
Beschwerden,  im  besonderen  zur  Bekämpfung  des  klimakterischen  Hochdrucks 
bestens  empfehlen  zu  können.  Ein  abschliessendes  Urteil  möchte  er  sich  aber 
noch  nicht  erlauben,  da  seine  Beobachtungen  noch  nicht  zahlreich  genug  sind. 
Auch  bezüglich  der  Deutung  seiner  Erfolge  will  er  sich  noch  alle  Reserve 
auferlegen.  Er  vermutet,  dass  die  klimakterischen  Erscheinungen  beseitigt 
werden,  wenn  es  gelingt,  durch  Röntgenbestrahlung  die  innersekretorisch 
tätigen  Zellen  des  Ovariums  zu  gesteigerter  Funktion  anzuregen,  wobei  die 
Reizdosis  dieser  Zellen  offenbar  gleich  der  Vernichtungsdosis  des  Follikel¬ 
apparates,  also  der  Kastrationsdosis,  zu  setzen  ist.  (Der  Vortrag  erscheint 
in  d.  W.) 

Herr  H  o  1 S  e  1  d  e  r:  Aerztliche  Reiseeindrücke  aus  den  Vereinigten 
Staaten  von  Nordamerika. 

Vortr.  war  4  Monate  in  den  Vereinigten  Staaten,  um  einer  Einladung  der 
American  Röntgen  Ray  Society,  einen  Vortrag  zu  halten,  Folge  zu  leisten 
und  um  in  dem  State-institute  for  the  study  of  malignant  diseases  in  Buffalo 
die  Frankfurter  Röntgentiefentechnik  einzuführen.  Er  hatte  Gelegenheit,  eine 
grössere  Rundreise  durch  den  Westen  und  durch  Zentralamerika  zu  machen 
und  dort  viele  hervorragende  Chirurgen,  Röntgenologen  und  Krebsforscher 
kennen  zu  lernen.  In  Buffalo  befasste  er  sich  eingehend  mit  der  Radium¬ 
emanationsbehandlung  maligner  Tumoren,  die  in  den  letzten  Jahren  in 
Amerika  zu  besonderer  Blüte  entwickelt  worden  ist.  Er  hat  einen  grossen 
Eindruck  von  dieser  Therapie  gewonnen,  die  auf  das  wünschenswerteste  in 
ihren  Erfolgen  sich  mit  der  deutschen  Röntgentechnik  ergänzt,  indem  beide 
Techniken  einander  gerade  da  helfen,  wo  die  andere  die  grössten  Misserfolge 
zu  verzeichnen  hat.  Die  Verbindung  der  deutschen  Tiefentherapie  mit  der 
amerikanischen  Radium-Emanations-Nadeltechnik  verspricht  einen  grossen 
Fortschritt  im  Ausbau  der  Strahlentherapie  zu  bringen.  In  Chicago  hatte 
er  besondere  Gelegenheit,  das  akademische  Leben  Amerikas  kennen  zu  lernen 
und  hat  von  den  grossen  wissenschaftlichen  und  experimentellen  Forschungs¬ 
instituten  einen  ausserordentlich  guten  Eindruck  gewonnen.  Besonders 
interessant  war  ein  Besuch  der  Mayo-Klinik  in  Rochester-Minnesota,  die 
in  ihrer  Organisation  zur  gründlichen  Untersuchung  einer  grossen  Menge 
von  Kranken  einzigartig  in  der  Welt  dasteht  und  unter  den  besonderen  ameri¬ 
kanischen  Verhältnissen  ganz  Hervorragendes  leistet.  In  Cincinnati  lernte 
er  sehr  sorgfältig  vergleichende  röntgenoskopische  und  pathologische  Unter- 
suchungsreihen  über  die  Lungentuberkulose  in  dem  Hospital  von  Dr.  Dun- 
h  a  m  kennen,  die  die  Arbeiten  der  Freiburger  Schule  auf  das  Glücklichste 
ergänzen.  Auf  die  speziellen  chirurgischen  Studien  in  Johns  Hopkins  Hospital 
in  Baltimore,  in  der  Harvard  University  in  Boston  und  in  zahlreichen 
New-Yorker  Hospitälern  kann  hier  im  einzelnen  nicht  näher  eingegangen 
werden.  Besonders  eindrucksvoll  war  ein  Besuch  in  dem  Rockefeller- 
Institut,  wo  er  Gelegenheit  hatte,  unter  Führung  von  Dr.  C  a  r  r  e  1  die 
wunderbaren  Präparate  von  einem  Stückchen  Hühnerfleisch  zu  sehen,  das 
durch  sieben  Jahre  lang  in  künstlichen  Kulturen  am  Leben  und  bei  voller 
Wachstumsenergie  gehalten  wird  und  bei  dem  es  Carrel  gelungen  war, 
durch  mikrokinematographische  Aufnahmen  das  Wachsen  der  einzelnen  Ge¬ 
webszellen  durch  Teilung  kinematographisch  darzustellen.  Vortragender  hat 
überall  in  Amerika  eine  überaus  gastfreundliche  Aufnahme  gefunden  und 
von  der  Entwicklung  der  amerikanischen  medizinischen  Wissenschaft  sehr 
günstige  Eindrücke  gewonnen.  Dass  die  äusseren  Erscheinungen  des  ärzt¬ 
lichen  Lebens  vielfach  von  dem  uns  gewohnten  Bild  abweichen,  berührt  in 
der  ersten  Zeit  sehr  fremdartig,  ist  aber  durch  die  Natur  der  amerikanischen 
Verhältnisse  begründet  und  bedeutet  gerade  dadurch  wieder  andere  bei  uns 
undenkbare  Forschungsmöglichkeiten.  Gerade  deshalb  ist  aus  einer  Wieder¬ 
vereinigung  der  wissenschaftlichen  Kreise  beider  Länder  für  jeden  ein  grosser 
Vorteil  zu  erhoffen,  und  es  steht  nur  zu  wünschen,  dass  die  Wiederanbahnung  • 
der  wissenschaftlichen  Beziehungen,  die  einst  so  eng  gewesen  sind,  in  kurzer 
Zeit  zu  vollem  Erfolge  führen  möge. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

(Medizinische  Sektion.) 

Sitzung  vom  6.  Dezember  1921. 

Vorsitzender:  Herr  Sachs.  Schriftführer:  Herr  Freuden  b  erg. 

Herr  Freudenberg:  Ueber  die  Ursache  der  Griinfärbung  von  Säug¬ 
lingsstühlen.  (Erschien  in  der  Klin.  Wschr.) 

Herr  Heller:  Die  Rolle  der  Galle  bei  der  kryptischen  Verdauung. 
(Erscheint  im  Jb.  f.  Kindhlk.) 

Aussprache:  Herren  v.  R  e  d  w  i  t  z,  Gross. 

Herr  G  y  ö  r  g  y:  Neue  Untersuchungen  über  die  Wirkung  der  Molke  auf 
das  Darmepithel.  (Erscheint  im  Jb.  f.  Kindhlk.) 

Herr  Gott  lieb:  Umstimmung  durch  unspezifische  Reize  (nach  Ver¬ 
suchen  mit  Dr.  Freund). 

Aussprache:  Herren  M  o  r  o,  Freund,  S  i  e  b  e  c  k,  G  o  1 1 1  i  e  b. 

Sitzung  vom  10.  Januar  1922. 

Herr  Bett  mann:  Krankenvorstellung.  • 

Herr  Teutschlaender:  Demonstration  über  experimentelle  Teer¬ 
karzinome  und  über  gehäuftes  Vorkommen  sonst  seltener  Lokalisationen  von 
Spontankarzinomen  bei  entsprechend  lokalisierten  Ausnahmezuständen. 

Projektion  von  Diapositiven  von  Hautveränderungen  und  E  p  i  - 


JL 

!  theliomen,  welche  nach  der  Methode  von  Yamagiwa  und  1  c  h  i  k  a  \ 
durch  monatelange  Pinselung  mit  Gaswerkteer  erzeugt  werd 
Alle  5  (der  55  gepinselten)  Mäuse,  welche  den  4.  -7.  Pinselungsmonat  üb 
lebten,  zeigten  epitheliale  Tumoren.  Bei  3  davon  kann  nach  dem  his 
logischen  Bild  an  der  biologischen  Bösartigkeit  der  Gewächse  kein  Zwe 
bestehen  (Bildung  z.  T.  medullärer  Epithelzapfen,  Atypie  der  Epithelzeli 
zahlreiche  Mitosen,  starkes  Tiefenwachstum,  Eindringen  in  die  Muskulat; 
wenn  auch  destruierendes  Wachstum  nicht  sicher  nachgewiesen  wert 
konnte.  Die  Veränderungen  der  2  übrigen  Tiere  sind  mikroskopisch  nc 
nicht  untersucht,  stimmen  aber  makroskopisch  mit  den  auch  mikroskopi- 
untersuchten  überein.  —  Unabhängig  von  den  T.  erst  vor  kurzem  bekai 
gewordenen  Mitteilungen  B  1  o  c  h  s  unternommene,  Herrn  cand.  med.  J  o  r  d  . 
übertragene  Experimente  mit  verschiedenen  Teerfraktionen  (welchen  ein  A 
satz  von  Ross  über  die  Bedeutung  der  verschiedenen  Teerfraktionen  bei  ( 
Entstehung  mancher  Berufskrebse  als  Basis  diente),  zeigten,  dass  es  mit  eii 
gewissen  Teerfraktion  schon  nach  einem  Monat  gelingt,  makroskopisch' äl 
liehe  Wucherungen  zu  erzielen  wie  bei  4  monatlicher  Pinselung  mit  Vollte 
Diese  Versuche  sind  noch  nicht  abgeschlossen. 

Im  Anschluss  an  die  Teertumoren  werden  dann  seltenere  Sporn-, 
karzinotne  demonstriert,  welche  T.  auf  relativ  spezifische,  parasitär-chemisc 
Reize  zurückführt:  Zunächst  ein  Bilharziakarzinom  der  Harnbla 
an  dessen  Peripherie  noch  zahlreiche  Bilharziaeiep  zu  erkennen  sind,  v 
solche  von  T.  1921  auch  bei  einem  an  Hämaturie  und  Papillombildung  c 
Harnblase  leidenden  Aegypter  im  Urin  nachgewiesen  werden  konnten. 
Endlich  mehrere  der  19  von  T.  beobachteten  Fälle  von  „K  a  1  k  b  e  i 
karzino  m“,  d.  h.  von  Mittelfusskarzinom  des  Haushuhns,  das,  nicht  seit 
doppelseitig,  im  Anschluss  an  die  durch  die  Cnemidocoptes  mutans-Milbe  vt 
ursachte  Fusskrätze  („Kalkbein“)  sich  entwickelt. 

Aussprache:  Herren  Bettmann,  Sachs,  T  eutschlaendi 

Herr  Denn  ig:  Gefässreflexe  bei  Rückenmarkskrankheiten. 

Aussprache:  Herren  v.  Weizsäcker,  Dennig,  Hansen. 

Herr  Falkenheim:  Serologische  Untersuchungen  über  die  Strukt 
und  die  Herkunft  der  Blutplättchen. 

Mit  Herrn  Dr.  Rosenthal  an  der  Breslauer  med.  Klinik  gemeins, 
ausgeführte  Versuche  zeigten,  dass  durch  Immunisierung  von  Kaninchen  r 
Aufschwemmungen  von  Erythrozyten,  Leukozyten  und  Blutplättchen  d 
Menschen  Agglutinine  gebildet  werden,  deren  Spezifität  sich  im  serologisch 
Reagenzglasversuch  folgendennassen  kundgab:  1.  Erythrozytenimmunsen 
agglutiniert  Erythrozyten  vollständig,  Leukozyten  mässig,  Plättchen  nie 
2.  Leukozytenimmunserum  agglutiniert  Erythrozyten  gering,  Leukozyten  u 
Plättchen  stark.  3.  Plättchenimmunserum  agglutiniert  Erythrozyten  nie 
Leukozyten  und  Plättchen  stark.  Gleichgerichtete  Versuche  mit  Immunse; 
kernhaltiger  Erythrozyten  und  kernhaltiger  Spindelzellen  des  Huhnes  ergab 
keinerlei  zellverwandtschaftliche  Beziehungen  zueinander  und  zeigten,  da 
der  Ausfall  der  Menschenblutversuche  nicht  durch  Kernsubstanzen  in  Leuk 
zyten  und  Blutplättchen  (nach  Schilling)  und  ihr  Fehlen  in  Mensche 
erythrozyten  hervorgerufen  sein  konnte.  Damit  konnte  die  S  c  h  i  1 1  i  n  g  sc 
Lehre  der  erythrozytär-karyogenen  Abstammung  der  Plättchen  abgelehnt  u 
auf  ausgesprochene  zellverwandtschaftliche  Beziehungen  der  Blutplättchen 
dem  System  der  weissen  Zellen  geschlossen  werden.  Von  welchen  Zell 
dieses  Systems  im  einzelnen  die  Blutplättchen  abstammen,  ergab  sich  aus  d 
Versuchen  nicht,  ihr  Ergebnis  wurde  als  Stütze  der  W  r  i  g  h  t  sehen  Theoi 
der  megakaryozytogenen,  leukozytär-protoplasmatischen  Herkunft  d 
Plättchen  gewertet. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  2.  Februar  1922. 

Herr  Griitz:  Ueber  eine  Mikrosporieepidemie  in  Kiel. 

Trotz  sehr  reichlich  in  Kiel  vertretener  Dermatomykosen  wurde  bis  19 
keine  Mikrosporie  beobachtet.  Der  erste  Fall,  der  zur  Beobachtung  ka 
betraf  ein  Kerion  Celsi,  das  in  nichts  den  Verdacht  einer  Mikrosporie  e 
weckte,  bis  die.  Kultur  überraschenderweise  ein  einwandfreies  Mikrospon 
Audouini  ergab.  Kurz  darauf  wurde  bei  4  Geschwistern  einer  Famil 
typische  Mikrosporie  mikroskopisch  und  kulturell  festgestellt,  die  iner 
würdigerweise  ebenso  wie  der  erste  Fall  keine  weiteren  Infektionen  ve 
ursachte.  Dagegen  wurde  in  einer  Kinderzufluchtstätte  in  Kiel  durch  einen  i 
September  1921  dort  aufgenommenen  mit  einer,  „schuppenden  kahlen  Stell« 
am  Kopf  behafteten  Knaben  aus  Lübeck  die  Mikrosporie  erneut  zugeschlepj 
Binnen  2  Monaten  wurden  von  den  48  Insassen  des  Kinderheims  29  infiziei 
von  denen  15  nicht  entzündliche  typische  Kopfherde,  9  mässig  entzündlicl 
Hautherde  und  5  gleichzeitig  Haut-  und  Kopfherde  aufwiesen.  Bei  sämtlich' 
Fällen  wurde  derselbe  Erreger,  das  Mikrosporon  Audouini,  nachgewiesc 
Behandlung  mit  Röntgenepilation  und  Anlegung  von  Zinkleimkappen  zur  Ve 
hütung  der  Sporenverstreuung. 

Diskussion:  Herren  Schirren,  Klingmüller,  Grütz. 

Herr  Pa  u  Isen:  Pygmäeneigeiischaften  in  der  deutschen  Bevölkeren: 

Die  Pygmäen  und  Buschmänner  vereinigen  in  sich  eine  grosse  Zahl  v«, 
anthropologischen  Eigenschaften,  die  entwicklungsgeschichtlich  als  primiti’ 
anzusehen  sind.  Vereinzelt  finden  sich  diese  Eigenschaften  rassemässi 
familiär  oder  individuell  auch  bei  anderen  Rassen  und  Völkern.  Die  Häufm 
dieser  Eigenschaften  bei  den  Pygmäen  und  Buschmännern  ist  das  Chara' 
teristische  und  erweist  sie  als  die  primitivste  jetzt  noch  lebende  Rasse.  S 
sind  anzusehen  als  verhältnismässig  wenig  differenzierte,  primitive  Form,  d 
langschädeligen,  grosswüchsigen,  pigmentarmen  Nordeuropäer  als  mei 
spezialisierte  Form  der  Menschheitsentwicklung.  Damit  erweist  sich  eh 
Reihe  individueller  Abnormitäten  in  unserer  Bevölkerung  als  Erbgut  v« 
primitiven  Vorfahren.  (Erscheint  ausführlich  im  Archiv  für  Anthropologif 

Diskussion:  Herren  v.  Stark,  Ahschütz,  P  a  u  1  s  e  n. 

Sitzung  vom  16.  Februar  1922. 

Herren  Siemerling  und  Oloff:  Vorstellung  eines  Falles  v( 
Pseudosklerose  (Westphal-Strümpell)  mit  Lebererkrankung,  Kornea 
ring  (Kayser-Fleischer)  und  doppelseitiger,  nur  bei  seitlicher  B> 
leuchtung  sichtbarer  Katarakt,  die  der  nach  Verletzung  durch  Kupfersplltt« 
entstehenden  Katarakt  ähnlich  ist. 

43  jähr.  Arbeiter,  seit  1917  in  Beobachtung.  Mutter  hat  4  mal  an  Ikteri 
gelitten.  1  Bruder  Veitstanz.  Im  Alter  von  10 — 12  Jahren  einmal  Ikteru 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


>  Beginn  des  Zitterns  in  den  Händen.  1917  Zittern  des  Kopfes,  Zittern 
Hände,  besonders  rechts  allmähliche  Zunahme  des  Zitterns.  Status: 

,  kes  Wackeln  und  Schütteln  des  Kopfes,  120  Oszillationen  in  der  Minute, 
j  extremen  Stellungen,  besonders  beim  Beugen  nach  rückwärts,  hört  das 
1  ;keln  auf,  ebenso  in  völliger  Ruhelage  des  Kopfes.  Starrer  Gesichtsaus- 
:k,  Spraclie  langsam,  aber  nicht  artikulatorisch  gestört.  Schilddrüse  nicht 
irössert.  An  den  Armen  in  der  Ruhe  leichtes  Zittern  des  ganzen  Armes, 
Bewegungen,  z.  B.  nach  Vorwärtsstrecken  der  Arme,  starke  Zunahme 
j  Schütteins,  förmliches  Flügelschlagen  und  Schwimmbewegungen  (S  t  r  ü  m- 
1).  Stossende  Zuckungen  im  Pectoralis  major.  Bei  komplizierten  Be- 
ungen,  z.  B.  Auskleiden,  Essen,  Schreiben  sehr  starkes  Schütteln,  ln 

I  unteren  Extremitäten  viel  geringeres  Zittern.  Kein  Romberg.  Keine 
-  und  Retropulsion.  Hypotonie  sehr  ausgesprochen.  Abdominal- 
xe  fehlen.  Sehnenreflexe  gut  erhalten.  Leberdämpfung  nicht  verkleinert. 
Blutbild  nichts  besonderes.  WaR.  im  Blut  negativ.  An  der  Haut  keine 
e,  keine  besondere  Pigmentierung.  Psychisch:  gleichmässige,  ruhige 
imung.  Geht  seiner  Beschäftigung  nach.  Keine  Demenz.  Im  Urin 
uilinogen  und  Urobilin  schwach  positiv.  Lumbalpunktion:  Druck  90 — 100. 
m  17.  Nonne  +. 

Herr  Oloff:  Ueber  Augenbefunde  bei  Pseudosklerose. 

Als  charakteristisches  Augensymptom,  das  auch  im  vorliegenden  Falle 
ausgesprochen  beiderseits  vorhanden  ist,  gilt  der  zuerst  von  F 1  e  i  - 
i  e  r  richtig  gedeutete  und  näher  erforschte  grüne  Hornhautring,  der  2  min 
t  nahe  dem  Hornhautrande  in  der  deszemetischen  Membran  gelegen  ist. 
nimmt  an,  dass  er  ebenso  wie  die  Streifenhügelerkrankung  durch  toxisch- 
nische  Einflüsse,  wahrscheinlich  von  der  Leber  aus,  entsteht.  Genauere 
ibnisse  über  die  nähere  chemische  Beschaffenheit  des  Fleischer  sehen 
;es  stehen  leider  noch  aus.  Von  sonstigen  klinischen  Augensymptomen 
den  bisher  nur  Nystagmus  und  zwar  angedeutet  in  1  Falle  beobachtet; 
übrige  Auge  war  stets  frei.  An  dem  vorliegenden  Falle  von  Pseudo¬ 
rose  bot  sich  dem  Vortr.  Gelegenheit,  noch  eine  andere  Augenverände- 
i;  in  Gestalt  einer  beiderseitigen  nur  bei  seitlicher  Beleuchtung  aber  nicht 
Durchleuchtung  sichtbaren,  sonnenblumenartigen  Linsentrübung  im  Seh¬ 
gebiet  festzustellen,  die  auf  Grund  der  Kriegserfahrung  nur  bei  Anwesen- 
von  Kupfer  im  inneren  Auge  vorkommt  und  ihren  Sitz  im  Kapselepithel 
Linse  hat.  Eine  Kupfersplitterverletzung  hat  der  Kranke  nie  erlitten, 
nhautring  und  Linsentrübung  sind  bei  ihm  rechts  stärker  entwickelt  als 
i.  Nach  Untersuchungen  von  Siegfried  und  M  ö  r  n  e  r  sind  D  e  s  - 
n  e  t  ische  Membran  (=  Sitz  des  Fleischer  sehen  Ringes)  und  Linsen¬ 
iel  in  Bezug  auf  ihre  chemische  Zusammensetzung  miteinander  verwandt, 
iren  beide  zum  retikulären  Bindegewebe.  Vielleicht  sind  auch  im  vor- 
inden  Falle  Hornhautring  und  sonnenblumenartige  Linsentrübung  durch 
gleiche  mikrochemische  Ursache,  die  in  ähnlicher  Weise  wie  das  Kupfer 
elektive  Wirkung  auf  das  Augeninnere  entfaltet,  entstanden. 

Herr  Siemerling:  Nach  den  Symptomen:  Lebererkrankung,  Zittern, 
otonie,  grünbräunliche  Pigmentierung,  sonnenblumenähnliche,  graue  Fär- 
;  in  der  Linse,  die  nur  bei  seitlicher  Beleuchtung  zu  sehen  ist,  kann  es 
nur  um  Pseudosklerose  handeln.  Psychische  Abweichungen  fehlen  bisher, 
anders  ist.  hervorzuheben  die  eigenartige  Linsenveränderung,  die  dem 
Kupferkatarakt  ähnlich  ist.  Zum  Schluss  wird  der  anatomische  Befund 
der  Pseudosklerose  besprochen  an  der  Leber  und  im  Gehirn.  Pseudo¬ 
rose  und  Wilson  sehe  progressive  lentikuläre  Degeneration  werden  in 
ereinstimmung  mit  Spielmeyer  als  identische  Krankheitsbilder  au- 
:hen. 

Hingewiesen  wird  auf  die  Sonderstellung  des  lentikulären  Systems  und 
extraperitonealen  Bahn  sowie  den  besonderen  Chemismus  des  Globus 
dus  und  der  Substantia  nigra,  wie  er  durch  die  Eisenreaktion  von  Spatz 
igewiesen  ist. 

Diskussion:  Herr  Bürger. 

Herr  Hanssen:  Ueber  Seuchenbekämpfung  in  Kiel  im  18.  Jahrhundert. 
Vortr.  geht  im  Anfang  kurz  auf  den  Gang  der  Epidemien  in  Schleswig- 
stein  ein.  (Vergl.  Oeffentl.  Gesundht.  1920  H.  5 — 8.)  Nach  den  Akten 
Kieler  Magistrats  ergab  sich  ein  übersichtliches  Bild  über  den  Verlauf 
Epidemien  in  Kiel,  besonders  über  Pest  und  Ruhr  im  18.  Jahrhundert, 
dem  Jahre  1596  ist  eine  Anfrage  des  Rates  der  Stadt  Hamburg  erhalten, 
eher  um  „billige  Moderation“  der  Zulassung  von  Hamburger  Kaufleuten 
Kieler  Umschlag  (Markt)  bittet.  Sehr  zahlreich  sind  Verordnungen,  An- 
en,  Berichte  über  die  Pest  in  den  Jahren  1709 — 1711.  Man  kann  genau 
Gang  der  Pest  verfolgen  von  Polen  bis  zu  ihrem  Eintritt  in  die  Herzog¬ 
er  selbst.  Die  ersten  Fälle  kamen  in  Friedrichsort  bei  Kiel  vor  im 
re  1711.  Die  Pest  ergriff  dann  1712  auch  ülückstadt  und  Rendsburg. 
Strafen,  welche  gegen  Uebertretung  der  Absperrungsmassnahmen  ange¬ 
lt  wurden,  waren  sehr  strenge.  Wer  ohne  Gesundheitspässe  in  die 
zogtümer  sich  einschleichen  wollte,  wurde  mit  Brandmal  und  Staupen¬ 
ag  bedroht,  ja  mit  der  Todesstrafe  am  Galgen.  Schiffe  mussten  eine 
:ere  Quarantäne  durchmachen,  das  Lotsengeld  musste  in  mit  Seewasser 
illte  Eimer  geworfen  werden.  Infizierte  Häuser  wurden  niedergerissen, 
darin  befindlichen  Sachen  verbrannt.  Ersatz  des  Verlorenen  erfolgte 
publico.  Gegen  die  Ruhr  im  Jahre  1798  wurden  auch  zahlreiche  Verord- 
gen  erlassen.  Ro^s  Obst  durfte  nicht  verkauft  werden.  Die  Aus¬ 
ungen  der  Ruhrkranken  mussten  in  besondere,  zu  dem  Zwecke  gegrabene 
her  geschüttet  und  mit  ungelöschtem  Kalk  bedeckt  werden.  Die  Leichen 
an  Ruhr  Gestorbenen  mussten  bei  Nacht  und  ausserhalb  der  Stadt  be¬ 
tet  werden.  Die  Aerzte  mussten  jede  Woche  über  alle  von  ihnen  be- 
delten  Kranken  an  die  Polizei  berichten. 

Zum  Schluss  geht  Vortr.  auf  die  Akten  betreffend  die  sog.  Entzündung 
Wassers  des  Kleinen  Kiels  ein.  Die  medizinische  Fakultät  stattete 
iber  ein  Gutachten  ab. 

Der  Vortrag  erscheint  ausführlich  im  Arcli.  f.  Gesell,  d.  Med. 

Herr  A.  Schultz:  Ueber  die  sog.  schleimige  Degeneration  der  Gefäss- 

id. 

Die  von  neueren  Autoren  (A  s  c  h  o  f  f,  Stumpf,  S  a  1  t  y  k  o  w  und 
allem  H  u  e  c  k)  hervorgehobene  Bedeutung  der  „schleimigen  Degenera- 
i“  für  den  arteriosklerotischen  Krankheitsprozess  wird  dadurch  in  ein 
es  Licht  gerückt,  dass  es  Vortragendem  gelang  nachzuweisen,  dass  ganz 
malerweise  die  Bindegewebsgrundsubstanz  der  Gefässwand  einen 
ikoiden“  Charakter  besitzt.  Mittels  einer  eigenen  Modifikation  der 
'  r  k  e  1  sehen  Schleimfärbung  mit  Kresylechtviolett  (Färben  in  5  proz. 
iseriger  Lösung,  Differenzieren  in  stark  verdünnter  Essigsäure,  Einbetten 
-ävulosesyrup)  liess  sich  das  Bindegewebe  grösserer  Gefässe  schon  beim 


871 


Fötus  in  deutlicher  metachromatischer  Rotfärbung  zur  Darstellung  bringen. 
Mit  zunehmendem  Alter  wird  im  weiteren  Verlaufe  des.  Lebens  die  Intensität 
der  metachromatischen  Farbnuance  immer  deutlicher.  Die  „Schleimreaktion“ 
ist  am  ausgesprochensten  in  den  tieferen  Schichten  der  Aortenintima  und  in 
den  inneren  Lagen  der  Media.  Mit  abnehmendem  Kaliber  der  Gefässe  nimmt 
auch  die  Deutlichkeit  der  Reaktion  ab.  Zahlreiche  vergleichende  Unter¬ 
suchungen  lehrten,  dass  Metachromasie  der  Bindegewebsgrundsubstanz  überall 
dort  auftritt,  wo  elastische  Fasern  in  Entstehung  begriffen,  sind.  Aus  diesem 
Zusammenhang  erklärt  sich  auch  die  Zunahme  des  „mukoiden  Gewebes  bei 
arteriosklerotischen  Prozessen,  soweit  sie  elastisch-hyperplastische  Vorgänge 
betreffen.  Kombinierte  Färbungen  mit  Kresylviolett  +  Scharlachrot  ergaben 
das  interessante  Resultat,  dass  die  Lipoide  in  der  mukoiden  Grundsubstanz 
zur  Ausfüllung  kommen,  so  dass  dieser  offensichtlich  eine  gewisse  „Fett- 
afiinität“  zuzusprechen  ist  und  das  gleichzeitige  Vorkommen  von  elastischen 
Hyperplasien  und  fettiger  Degeneration  somit  eine  ungezwungene  Erklärung 
findet.  Der  Ausdruck  „schleimige  Degeneration“  muss  fallen  gelassen  wer¬ 
den,  da  es  einmal  fraglich  ist,  ob  es  sich  überhaupt  um  einen  Degenerations¬ 
prozess  handelt  und  zweitens  die  Veränderung,  die  der  Fettablagerung  un¬ 
mittelbar  vorangeht,  sich  in  einem  von  Natur  aus  „schleimigen“  Gewebe 
abspielen  würde.  Neben  der  „Fettaffinität“  besitzt  dieses  Gewebe  auch  eine 
ausgesprochene  „Kalkaf finität“,  wie  Untersuchungen  an  sklerotischen  Aorten 
und  Schenkelarterien  mit  „reiner  Mediaverkalkung“  ergaben.  Beide  Eigen¬ 
schaften  teilt  das  Gefässbindegewebe  mit  dem  Knorpel,  mit  welchem  sich  in 
histochemischer  Beziehung  mannigfache  verwandtschaftliche  Beziehungen  nach- 
weisen  lassen.  Dass  die  Bindegewebsgrundsubstanz  der  Gefässwand  in  der 
Tat  ein  „Mukoid“  enthält,  erwies  sich  mikrochemisch  an  dem  Unterschied 
zwischen  Gefrier-  und  Paraffinschnitten,  indem  letztere  sehr  deutlich  durch 
Alkoholfällung  entstandene,  fädig-körnige  Gerinnungsfiguren  erkennen  Hessen. 
Durch  Einwirkung  schwacher  Alkalien  auf  Gefrierschnitte  liess  sich  ferner  die 
„Schleimsubstanz"  extrahieren,  so  dass  die  spezifische  Färbung  negativ  aus¬ 
fiel.  Schliesslich  gelang  der  chemisch-analytische  Nachweis,  indem  ein  Kalk¬ 
wasserextrakt  von  Aorten  einen  Eiweisskörper  enthielt,  der  die  für  Mukoide 
charakteristischen  Reaktionen  mit  Essigsäure  zeigte.  Die  mit  Kresylviolett 
gefärbten  Schnitte  bewiesen  gleichzeitig  in  sehr  schöner  Weise,  dass  der 
Umwandlungsprozess  des  Elastins  in  Elacin  bereits  im  Kindesalter  beginnt. 
Während  nämlich  die  elastischen  Lamellen  der  Gefässwand  beim  Neugeborenen 
vollkommen  ungefärbt  bleiben,  zeigten  sie  mit  zunehmendem  Lebensalter  eine 
etwa  mit  zehn  Jahren  beginnende,  Schritt  für  Schritt  intensiver  werdende 
Blaufärbung,  die  etwa  mit  dem  7.  Dezennium  zum  tiefen  Kobaltblau  wurde. 
Das  systematische  „Altern“  eines  bestimmten  Gewebes  wird  uns  hiermit 
sinnfällig  vor  Augen  geführt. 

Diskussion:  Herr  J  o  r  e  s.  Emmerich. 


Med.-wissenschaftl.  Gesellschaft  an  der  Universität  Köln. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  13.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Hering.  Schriftführer:  Herr  B  e  1 1  z. 

Geschäftlicher  Teil: 

1.  Bericht  des  Schriftführers. 

2.  Neuwahl  des  Vorstandes:  Vorsitzender:  Herr  Hering,  stell¬ 
vertretender  Vorsitzender:  Herr  Moritz;  Schriftführer:  Herr  Siegmund, 
stellvertretender  Schriftführer:  Herr  Haberland. 

Wissenschaftlicher  Teil: 

Herr  Frangenheim:  1.  Traumatische  Zwerchfellhernie. 

Brust-Bauchschuss  (Inf.-Gewehr)  September  1914.  Seit  dieser  Zeit  Er¬ 
brechen  nach  jeder  Mahlzeit,  Atemnot,  Gewichtsabnahme  30  Pfund.  Eine 
Röntgenaufnahme  zeigt  die  Verlagerung  des  Magens  in  die  Brusthöhle. 
Operation  nach  vorheriger  Phrenikusunterbrechung.  Schnitt  am  linken 
Rippenbogen.  Magen  und  Flexura  coli  sinistra  sind  in  die  linke  Brusthöhle 
verlagert  und  hier  sowie  am  Zwerchfelldefekt  angewachsen.  Die  Lösung 
gelingt  ohne  Organverletzung.  Naht  des  Zwerchfelldefektes.  Alle  Be¬ 
schwerden  sind  sofort  geschwunden.  In  kurzer  Zeit  Gewichtszunahme  um 
30  Pfund.  Die  Lunge  hat  sich  zum  grössten  Teil  wieder  ausgedehnt. 

Diskussion:  Herr  Dietrich. 

2.  Oeosphagusülastik,  Methode  und  Erfolge.  (Der  Vortrag  ist  in  Nr.  9, 
S.  303  d.  W.  abgedruckt.) 

Diskussion:  Herr  Hering. 


Aerztlicher  Verein  zu  Marburg. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  11.  Januar  1922. 

La  e  wen:  Zur  Behandlung  angiospastischer  Schmerzzustände  an  der 
unteren  Extremität.  (Wird  ausführlich  anderwärts  veröffentlicht.) 

G.  Bes  sau:  Moderne  Tuberkuloseprobleme. 

Der  Koch  sehe  Fundämentalversuch  beweist  die  Existenz  eines  spe¬ 
zifischen  Tuberkuloseschutzes.  Dieser  Schutz  beruht  nicht  auf  Antikörpern 
(Agglutinine,  Präzipitine,  komplementbildende  Antikörper  sind  nachgewiesen, 
haben  aber  keine  Beziehung  zum  spezifischen  Schutz;  Bakteriolysine  sind 
nicht  vorhanden  —  R.  Pfeiffer  sehe  Schule  (B  a  a  t  z)  entgegen  Kraus- 
Hofer;  eine  sonstige  spezifische  antiinfektiöse  Serumwirkung  ist  bisher 
auch  nicht  als  erwiesen  zu  betrachten);  der  spezifische  Schutz  geht  nicht 
von  der  Mutter  auf  den  Säugling  über. 

Wir  beobachten  beim  tuberkuloseinfizierten  Individuum  das  Phänomen 
der  Tuberkulinemphndlichkeit.  Dieses  Phänomen  (nicht  zu  verwechseln  mit 
der  Tuberkelbazillen-Eiweiss-Anaphylaxie)  beruht  nicht  auf  Antikörpern,  selbst 
im  Parabioseversuch  überträgt  es  sich  nicht  (Römer  und  Köhler),  es 
geht  nicht  von  der  Mutter  auf  den  Säugling  über. 

Der  Vergleich  zwischen  Serum-  und  Tuberkulinempfindlichkeit  ergibt 
wichtige,  z.  T.  grundsätzliche  Unterschiede: 

1.  Symptomatologisch:  Bei  der  Tuberkulinvergiftung  vermissen  wir  den 
anaphylaktischen  Schock  und  fast  immer  Exantheme,  ein  Verhalten,  das  ver¬ 
mutlich  mit  der  Art  der  Giftentstehung  bei  der  Tuberkulinempfindlichkeit 
Zusammenhängen  dürfte. 

2.  Wichtig  ist,  dass  Serum  antigen,  Tuberkulin  niemals  antigen  wirkt. 

3.  Wenn  serum-  und  tuberkulinempfindliche  Individuen  in  ihrer  Empfind- 


372 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


lichkeit  gesteigert  werden,  ergeben  sich  durch  Beobachtung  der  lokalen 
(lokal  =  am  Orte  der  Darreichung)  Empfindlichkeitsreaktion  Unterschiede: 

a)  zeitlich  (bei  der  Steigerung  der  Tuberkulinempfindlichkeit  fehlt  oft 
jede  Inkubation,  bei  der  Steigerung  der  Serumempfindlichkeit  ist  stets  eine 
Inkubation  —  in  der  Regel  5  Tage  —  nachweisbar), 

b)  quantitativ  (die  Tuberkulinempfindlichkeit  steigt  oft  ganz  langsam 
und  allmählich,  die  Serumtiberempfindlichkeit  plötzlich-sprunghaft), 

c)  qualitativ  (bei  der  Tuberkulin-Lokalreaktion  liegt  das  Maximum  der 
Entzündung  stets  im  Zentrum,  bei  der  Serumüberempfindlichkeit  oft  in  der 
Peripherie:  Phänomen  der  Kranzbildung). 

4.  Im  weiteren  Verlauf  der  Empfindlichkeit  sehen  wir  bei  täglicher 
Serum-  bzw.  Tuberkulinapplikation  einen  weiteren  Unterschied  auftreten:  die 
Serumüberempfindlichkeit  erlischt  sehr  schnell  (Katanaphylaxie),  die  Tuber¬ 
kulinempfindlichkeit  bleibt  bestehen  (teleologisch  bedeutsam). 

5.  Bei  der  Tuberkulinempfindlichkeit  beobachten  wir  Herdreaktionen,  bei 
der  Serumüberempfindlichkeit  unter  keinen  Umständen.  (Lokale  Tuberkulin¬ 
reaktionen  sind  durch  Tuberkulin  zum  Aufflammen  zu  bringen,  lokale  Serum¬ 
reaktionen  durch  Serum  nicht!). 

Aus  der  Herdreaktion  bei  der  Tuberkulinempfindlichkeit  folgt,  dass  die 
Tuberkulinempfindlichkeit  an  das  tuberkulöse  Gewebe  gebunden  ist,  an  Zellen 
mit  spezifischer  Funktion  (Tuberkulozyten).  Aus  dieser  Definition  folgt,  dass 
die  verschiedenen  Erscheinungsformen  der  Tuberkulinempfindlichkeit  nicht 
die  gleiche  Bedeutung  haben: 

1.  Die  Herdreaktion  ist  der  Ausdruck  der  Reaktion  zwischen 
Tuberkulin  und  tuberkulösem  Gewebe. 

2.  Die  Allgemeinreaktion  ist  die  Folge  des  bei  der  Herdreaktion 
entstehenden  und  in  den  Kreislauf  gelangenden  Giftes. 

3.  Die  Lokalreaktion  stellt  einen  auf  Tuberkulinreiz  neu  ent¬ 
standenen  tuberkulösen  Herd  dar;  Beweis: 

a)  histologisch:  die  Tuberkulinlokalreaktion  enthält  spezifisch  tuber¬ 
kulöses  Gewebe; 

b)  biologisch:  sie  gibt  typische  Herdreaktionen  bei  Herantritt  von 
Tuberkulin. 

Hie  Tuberkulinlokalreaktiou  ist  also  der  Ausdruck  des  Vermögens,  auf 
Tuberkulinreiz  tuberkulöses  Gewebe  zu  bilden. 

Bei  der  Serumüberempfindlichkeit  beobachten  wir  nur  Lokal-  und  Allge¬ 
meinreaktionen.  Beide  haben  im  Prinzip  die  gleiche  Bedeutung:  sie  sind 
Ausdruck  der  Antigen-Antikörperreaktion. 

Bei  der  Tuberkulinempfindlichkeit  besteht  zwischen  Allgemein-  und 
Lokalreaktion  kein  Parallelismus:  vorgeschrittene  Fälle  zeigen  in  der  Regel 
starke  Allgemeinempfindlichkeit  (viel  tuberkulöses  Gewebe  vorhanden)  und 
oft  schwache  Lokalreaktionen  (schwaches  Vermögen  auf  spezifischen  Reiz 
neues  tuberkulöses  Gewebe  zu  bilden;  daneben  wohl  auch  andere  Ursachen): 
abgeheilte  Fälle  zeigen  geringe  Allgemeinempfindlichkeit  (wenig  tuberkulöses 
Gewebe  vorhanden),  dabei  oft  starke  oder  wenigstens  leicht  steigerbare 
Lokalempfindlichkeit.  Aus  diesen  Ableitungen  ergibt  sich  die  verschiedene 
diagnostische  Bedeutung  der  Lokal-  und  Allgemeinreaktion;  es  handelt  sich 
hier  nicht,  wie  es  meist  dargestellt  wird,  um  verschiedene  Grade  der  Fein¬ 
heit  dieser  Reaktionen,  sondern  um  Reaktionen  von  verschiedener  Bedeutung. 

Beziehung  zum  spezifischen  Tuberkuloseschutz  kann  nur  die  lokale 
Tuberkulinempfindlichkeit  haben;  das  dynamische  Moment,  die  Fähigkeit,  spe¬ 
zifisches  Gewebe  zu  bilden,  nicht  das  statische  Moment,  die  Menge  des 
vorhandenen  Gewebes,  ist  Maassstab  des  Schutzes.  An  die  spezifisch  er¬ 
worbene  Fähigkeit,  auf  eine  Substanz  des  Tuberkelbazillus  mit  Entzündung 
zu  reagieren,  dürfen  wir  ohne  weiteres  die  Vorstellung  eines  Schutz¬ 
mechanismus  knüpfen. 

Ist  die  Tuberkulinempfindlichkeit  ohne  Tuberkuloseinfektion  zu  erzielen? 
Die  Erzeugung  der  Allgemeinempfindlichkeit  setzt  eine  grössere  Quantität 
tuberkulösen  Gewebes  voraus,  deren  Entstehung  wohl  nur  durch  Infektion 
möglich  ist;  für  die  Frage  der  Erzeugung  des  spezifischen  Tuberkulose¬ 
schutzes  ist  bedeutsam  die  Frage  der  Hervorrufung  der  lokalen  Tuberkulin¬ 
empfindlichkeit,  die  der  Ausdruck  des  Vermögens  der  Bildung  spezifischen 
Gewebes  ist. 

Warum  erzeugt  Tuberkulin  keine  lokale  Tuberkulinempiindlichkeit?  Im 
Tuberkulin  muss  das  „sensibilisierende“  Agens  enthalten  sein,  denn  mit 
Tuberkulin  lässt  sich  ja  oft  eine  bestehende  lokale  Tuberkulinempfindlichkeit 
steigern.  Im  übrigen  ist  es  a  priori  unwahrscheinlich,  dass  jemals  eine 
Substanz  A  gegen  eine  Substanz  B  spezifisch  empfindlich  macht.  Wurde 
die  Tuberkulinempfindlichkeit  auf  Antikörpern  beruhen,  so  würde  sich  mit 
Tuberkulin  die  Tuberkulinempfindlichkeit  unschwer  erzielen  lassen.  Die 
Tuberkulinempfindlichkeit  setzt  aber  die  Bildung  spezifischen  Gewebes  voraus; 
es  liegt  sehr  nahe,  anzunehmen,  dass  zu  dieser  Gewebsumstimmung  das 
spezifische  Agens  längere  Zeit  an  einer  bestimmten  Stelle  im  Gewebe  liegen 
muss,  um  hier  langsam  diese  Umstimmung  zu  erzwingen  (entsprechend  dem 
Vorgang  bei  der  Infektion). 

Ist  dann  erst  an  irgend  einer  Stelle  diese  Gewebsumstimmung  erfolgt, 
dann  gewinnt  der  Körper  die  Fähigkeit,  dieselbe  auch  auf  den  flüchtigen 
Tuberkulinreiz  hin  in  Erscheinung  treten  zu  lassen.  Zur  primären  Er¬ 
zeugung  dieser  Gewebsumstimmung  dürfte  das  Tuberkulin  deshalb  unge¬ 
eignet  sein',  weil  das  Tuberkulin  zu  leicht  und  zu  schnell  resorbiert  wird. 
Die  spezifische  Substanz  muss  zur  Erzeugung  der  lokalen  Tuberkulin¬ 
empfindlichkeit  in  möglichst  unresorbierbarer  Form  eingebracht  werden:  mit 
vorsichtig  abgetöteten  Tuberkelbazillen  (bekanntlich  schwer  resorbierbar), 
die  in  kleinen  Dosen  in  die  verschiedensten  Gewebe  (Kutis,  Subkutis,  Lunge, 
Milz,  Leber,  Bauchhöhle)  des  Meerschweinchens  gebracht  wurden,  Hess  sich 
in  einem  Teil  der  Fälle  starke  lokale  Empfindlichkeit  erzielen.  In  jedem 
Versuch  waren  auch  Fehlresultate  zu  verzeichnen.  Am  ungünstigsten  waren 
die  Ergebnisse  bei  intravenöser  Injektion  (zu  starke  Verteilung  des  spezifi¬ 
schen  Agens),  am  günstigsten  bei  intraperitonealer  (Erzeugung  einer  sterilen, 
makroskopisch  und  mikroskopisch  typischen  Netztuberkulose).  Die  Lokal- 
cmpfindlichkeit  bestand  Wochen  bis  Monate.  Die  stärksten  lokalempfindlichen 
Tiere  zeigten  keine  nennenswerte  Allgemeinempfindlichkeit  (der  Voraussetzung 
entsprechend),  dagegen  auf  grössere,  subkutan  verabfolgte  Tuberkulindosen 
typische  Herdreaktionen  an  den  Tuberkulinlokalreaktionen:  biologischer  Be¬ 
weis,  dass  hier  spezifisches  Gewebe  entstanden  war. 

Sind  die  Tiere,  welche  die  lokale  Tuberkulinempfindlichkeit  erworben 
haben,  spezifisch  geschützt?  Bisher  nur  1  Versuch,  der  in  diesem  Sinne 
spricht.  Die  Erzeugung  der  lokalen  Tuberkulinempfindlichkeit  dürfte  die 
experimentelle  Grundlage  einer  Tuberkuloseschutzimpfung  darstellen;  über  die 
Aussichten  einer  solchen  beim  Menschen  lässt  sich  noch  kein  Urteil  fällen. 


Beim  bereits  tuberkulös  infizierten  Individuum  lässt  sich  durch  Tu  • 
kulin  ein  günstiger  Erfolg  erzielen: 

1.  Durch  Steigerung  der  Lokalempfindlichkeit.  Durch  Tuberkulink 
reaktion  lässt  sich  eine  solche  erzielen  bei  inaktiven  bzw.  abgeheilten  ! 
zessen;  bei  aktiv  progressiven  Erkrankungen  ist  eine  Steigerung  in  der  R 
nicht  möglich.  Der  Kampf  mit  dem  Tuberkelbazillus  treibt  den  Qrganis 
auf  das  im  gegebenen  Moment  mögliche  Maximum  seiner  lokalen  Reakti 
fähigkeit,  ein  künstlich  erzeugter  Tuberkulinherd  spielt  gegenüber  dem  na 
liehen  Infektionsherd  keine  Rolle.  Bei  inaktiven  Prozessen  sinkt,  so 
Makro-  und  Mikroorganismus  ausser  Wechselwirkung  treten,  die  Lc, 
empfindlichkeit  ab,  aber  in  einer  Form,  dass  auf  leichten  Tuberkulinreiz 
lokale  Reaktionsfähigkeit  sofort  wieder  gehoben  wird.  Die  Steigerung 
Lokalempfindlichkeit  spielt  also  therapeutisch  keine  nennenswerte  Rolle, 
ist  aber  in  diagnostischer  Hinsicht  bedeutsam:  leicht  erzielbare  sh 
Steigerung  der  Lokalempfindlichkeit  spricht  für  ein  inaktives  Stadium 
Tuberkulose  (wenigstens  im  Kindesalter). 

2.  Durcli  Erzeugung  von  Herdreaktionen,  d.  h.  durch  Steigerung  der 
Zündung  am  tuberkulösen  Herde.  Hier  liegt  der  Schwerpunkt  der  gew. 
liehen  Tuberkulinbehandlung.  Die  Herdreaktion  als  solche  ist  als  heilsan 
betrachten,  aber:  starke  Herdreaktionen  lösen  Allgemeinreaktionen  aus.  D 
bedingen  den  Zustand  der  „Giftantianaphylaxie“.  Die  Giftantianaphyl; 
die  unspezifisch  auf  alle  Ueberempfindlichkeitszustände  sich  erstreckt,  v 
schädlich  (vergl.  Masern!),  sie  hebt  plötzlich  und  in  hohem  Grade  die  Tu 
kulinempfindlichkeit  auf  und  beraubt  dadurch  den  Organismus  des  spezifis* 
Schutzes.  Daher  die  wohlbegründete  Furcht  vor  stärkeren  Allgem 
reaktionen.  —  Bei  Behandlung  mit  langsam  steigernden  Dosen  ist  auch 
wirksame  Moment  die  Herdreaktion,  die  unter  der  Schwelle  klinischer  \\ 
nehmbarkeit  verlaufen  kann.  Wird  die  Herdreaktion  =  0,  so  sinkt  die  Tu 
kulintherapie  zur  Scheinbehandlung  herab.  Eine  eigentliche  Immunisiei 
findet  nicht  statt.  Zwar  schwindet  die  Tuberkulinempfindlichkeit,  ein  1 
gang,  der  recht  komplexer  Natur  sein  dürfte:  beim  Sinken  der  Allgen 
empfindlichkeit  kommt  zunächst  der  Schwund  tuberkulösen  Gewebes  in  F 
(analog  dem  .Vorgang  bei  der  Spontanheilung  der  Tuberkulose);  das  Absii 
der  Lokalempfindlichkeit  weicht  von  dem  Verhalten  bei  der  Spontanhei 
ab;  hier  bleibt  eine  leichte  Steigerungsfähigkeit  bestehen,  die  nach  Tuberki 
behandlung  fehlt.  Was  bedeutet  diese  Tuberkulinunempfindlichkeit?  Höt 
wahrscheinlich  keinen  Immunitätszustand,  für  den  die  theoretischen  Vor 
Setzungen  fehlen  (die  Pickert-Löwenstein  sehen  Antitoxine 
stehen  nicht);  auch  zeigt  zeitlich  und  quantitativ  der  Eintritt  dieses 
empfindlichkeitszustandes  wichtige  Unterschiede  gegenüber  dem  Eintritt 
Immunitätszuständen.  Teilweise  handelt  es  sich  wohl  um  Giftantianaphyl; 
dieser  Teil  ist  unspezifisch  (kürzlich  durch  klinische  Beobachtungen 
Rank  bestätigt);  ein  grosser  Teil  ist  spezifisch  und  möglicherweise 
Analogon  der  Katanaphylaxie  bei  der  Serumüberempfindlichkeit.  Wenn  d 
Tuberkulinlokalunempfindlichkeit  mit  klinisch  günstigem  Verhalten  vereii 
ist,  so  liegt  dies  wohl  daran,  dass  sich  nur  günstige  Fälle  in  diesen  Zus 
versetzen  lassen,  bei  denen  am  Schluss  der  Behandlung  die  tuberkuli 
Herde  gut  abgekapselt  sind.  Ob  sich  wirklich  mit  dieser  Tuberkulink 
Unempfindlichkeit  ein  höherer  spezifischer  Schutz  verknüpft,  als  er  bei 
stehender  Tuberkulinlokalempfindlichkeit  vorhanden  war,  ist  nicht  erwie 
das  Gegenteil  wahrscheinlich.  Eine  Entscheidung  könnten  nur  Reinfekti 
versuche  bringen,  die  beim  Menschen  undurchführbar  sind.  Wochen  i 
Monate  nach  Abschluss  der  Tuberkulinbehandlung  kehrt  die  Lokalempfind 
keit  allmählich  zurück. 

Die  Tuberkulinbehandlung  muss  als  ihr  biologisches  Ziel  das  erstre 
was  wir  bei  der  Spontanheilung  der  Tube/kulose  sehen:  möglichste 
j  Senkung  der  Tuberkulinallgemeinempfindlichkeit  als  Ausdruck  der  Abhei 
i  der  tuberkulösen  Herde,  dabei  möglichste  Erhaltung  der  Lokalempfindlicl 
I  als  Ausdruck  des  spezifischen  Schutzes;  wenn  die  Lokalempfindlichkeit 
sinkt,  sollte  sie  wie  bei  der  Spontanheilung  leicht  steigerbar  bleiben.  E 
derartigen  (teleologisch  sehr  verständlichen)  Zustand  erzielt  die  Tuberk 
behandlung  bisher  nicht.  Sie  vereinigt  nützende  (Herdreaktion) 
schädigende  (Giftantianaphylaxie,  event.  Katanaphylaxie)  Momente.  Es 
die  Kunst  des  Therapeuten,  den  Nutzen  gegenüber  dem  Schaden  mögli 
!  ergiebig  zu  gestalten. 

Zwei  Probleme  sind  unerwähnt  geblieben,  die  heute  die  Literatur 
herrschen,  ohne  einen  Fortschritt  zu  bedeuten: 

1.  Die  Theorie  der  Partigene.  Eine  Zerlegung  der  spezifischen  Tu 
kulinsubstanz  in  einzelne  spezifische  Anteile  ist  bisher  nicht  erwiesen, 
theoretischen  und  praktischen  Schlussfolgerungen  höchst  zweifelhaft,  f 
der  dargelegten  Auffassung  handelt  es  sich  wahrscheinlich  darum,  dass 

]  spezifische  Substanz  in  möglichst  unresorbierbarer  Form  („Rückstand“) 
sonders  geeignet  ist  zur  lokalen  Erzeugung  spezifischen  Gewebes,  dass 
i  selbe  Substanz  in  möglichst  resorbierbarer  Form  („Lösung“)  sich  beson 
I  zur  Erzeugung  von  Herdreaktionen  eignet. 

2.  Die  Immunisierung  nach  Friedmann.  Bei  Meerschweinchen 
zeugen  die  Friedmann  sehen  Bazillen  keine  oder  keine  nennensw 
Tuberkulinlokalempfindlichkeit;  sie  haben  hier  also  eine  geringere  biologi 
Aktivität  als  tote  humane  Bazillen.  Nach  Lust  erzeugen  sie  nicht  eii 
eine  Empfindlichkeit  gegen  Schildkrötentuberkulin.  Sie  sind  also  zur 
zifischen  Tuberkuloseprophylaxe  denkbar  ungeeignet.  Für  die  Therapie  bi 
sie  gegenüber  dem  Tuberkulin  sicher  keine  Vorteile,  wohl  aber  Nachh 
dem  entsprechen  die  klinischen  Erfahrungen. 

Originalarbeiten:  Jb.  f.  Kindhlk.  Bd.  79  u.  81.  —  M.m.W.  191: 
B.kl.W.  1916. 


Rheinisch-westfälische  Gesellschaft  für  innere  Medi; 
Nerven-  und  Kinderheilkunde. 

(Offizieller  Bericht.) 

36.  Sitzung  in  Köln  am  27.  November  1921. 
Vorsitzender:  D  i  n  k  1  e  r  -  Aachen.  Schriftführer:  La  s  p  e  y  r  e  s  -  Bon, 
L  e  n  z  m  a  n  n  -  Duisburg:  Diagnose  und  Behandlung  der  P  1  a  u  t  -  V 
Cent  sehen  Angina. 

L.  empfiehlt  Behandlung  der  Geschwüre  durch  mehrmaliges  Betupfen 
Salvarsanlösung. 

M  o  h  r  -  Coblenz:  Ueber  die  Behandlung  der  Organneurosen. 

Da  die  neurotischen  Symptome  sich  bei  diesen  Krankheitsformen 
weit  mehr  als  bei  anderen  neurotischen  Störungen  hinter  rein  orgar 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


,373 


.  leinende  verstecken  und  umgekehrt  die  ersteren  die  letzteren  nicht  selten 
rk  verdecken,  so  ist  für  die  Organneurosen  eine  systematische  psycho¬ 
tische  Behandlung  besonders  angezeigt  und  in  hervorragender  Weise  ge¬ 
ilet,  die  innigen  Wechselbeziehungen  zwischen  Psychischem  und  Physi- 

•  em'  zu  zeigen.  Die  Erfolge  sind  bei  systematischem  Vorgehen  fast  immer 
.  r  gute.  Neben  einer  konsequenten  Berücksichtigung  der  bei  jedem  Medi- 
I  ncnt  und  jeder  physikalischen  Prozedur  vorhandenen  unmittelbaren  psy- 
.  schon  Wirkungen,  gilt  es,  durch  Heranziehung  der  Hypnotherapie  und  für 

•  •  schwierigeren  Fälle  durch  Anwendung  einer  vernünftigen  Kausalanalyse 
ychoanalyse)  die  psychische  Seite  des  Circulus  vitiosus  zwischen  Körper¬ 
en,  und  Seelischem  zu  beeinflussen  und  ihn  dadurch  zu  unterbrechen, 
chtig  ist  dabei  die  Häufigkeit  der  einzelnen  Sitzungen  und  die  Dauer 

ganzen  Behandlung,  die  meist  viel  zu  kurz  bemessen  wird.  Ausser 
rz-  und  Magen-Darm-Neurosen,  Basedowfällen,  Leberkoliken,  nervösen 
men  von  Glykosurie  kommen  vor  allem  für  eine  solche  Behandlung  die 
isten  Fälle  von  Asthma  bronchiale,  Schwangerschaftserbrechen.  Blasen¬ 
rungen  und  viele  Menstruationsanomalien  in  Frage.  (Eigenbericht.) 

G  o  1  d  b  e  r  g  -  Wildungen:  Zur  Differentialdiagnose  der  Nierentuber¬ 
ose.  (Mit  Röntgendemonstration.) 

A)  Das  klinische  Bild  der  Nierentuberkulose  (RNTbc.)  ist  ein  so  viel- 
taltiges,  dass  man  behaupten  darf:  Alle  typischen  urologischen  Syndrome 

anderen  Erkrankungen  der  Harnwege  bietet  gelegentlich  auch  die 
rentuberkulose.  Während  die  Krankheitsbilder  einer  chronischen  refrak- 
»n  Zystitis,  einer  septischen  Pyonephrose,  einer  infizierten  Nephrolithiasis 
erenkoliken,  Hämaturie,  Pyurie)  recht  oft  vorgetäuscht  werden,  die  Ali¬ 
cen  eines  Tumors  der  Harnwege  (intermittierende  reine  Hämaturie)  zu- 
ilen  Frühformen  begleiten,  berichtet  G.  über  2  recht  seltene  Erscheinungs- 
isen  der  RNTbc. 

1.  50  jähr.  Frau,  faustgrosse,  bewegliche  Geschwulst  im  rechten  Meso- 
.trium  abtastbar,  keinerlei  subjektive  Erscheinungen,  Harn  nor- 
1 1,  o.  B.  Rtg. :  Vergrösserte,  verlagerte  Niere.  Diagnose:  Gutartige 
schwulst  einer  ektopischen  Niere.  Operation:  Geschlossene  tuber¬ 
löse  Pyonephrose,  verödet  und  verkalkt.  Heilung. 

2.  35  jähr.  Mann,  sucht  im  Juli  zum  ersten  Male  ärztliche  Hilfe,  stirbt 
on  nach  4  Monaten  urämisch.  Aber  vor  10  Jahren  spontan  aufgebrochener 
1  spontan  zugeheilter  Hodenabszess.  Es  bestand  Pyelonephritis,  Pyurie, 
rimpfung  positiv;  nie*  Nierenbeschwerden;  kystoskopisch  r  e  c  li  t  e  s 
iterostium  Krater,  Ulcus  daneben.  Funktion:  Polyurie  von  3—5  (!)  Liter, 
niedrig  (auch  nach  Fasttag),  fast  fixiert,  nach  Indigkarmininjektion  iiber- 
ipt  kein  Blau!  Rtg.:  Rechts  kleiner,  kreisförmiger  Nierenschatten  mit 
•dichtungsherden  oben;  links  normal  grosse  und  normal  geformte  Niere 
ic  Dichtigkeitsdifferenzen.  Also  Bild  einer  erst  ganz  schleichend,  dann 
pid  progredienten  Nephrosklerose. 

B)  Das  einfache  Röntgenogramm  muss  mehr  zur  Lokalisation,  d.  i. 
tenbestimmung  der  RNTbc.  herangezogen  werden,  als  es  bisher  geschieht. 

Pyelographie  ist  bei  RNTbc.  überflüssig  und  unzulässig.  Steinähnliche 
latten  im  Nierenbilde  erschüttern  keineswegs  die  auf  anderem  Wege  ge¬ 
llte  Diagnose.  Auf  den  Gesamtnierenschatten  kommt  es  an;  man  muss 
■s  daran  stezen,  ihn  exakt  auf  die  Platte  zu  bringen.  In  denjenigen  Fällen, 
welchen  Kystoskopie  und  Ureterenkatheterismus  unmöglich  sind,  werden 
i,  natürlich  immer  im  Zusammenhang  mit  allen  übrigen  anamnestischen 
I  klinischen  Befunden,  zuweilen  entscheidende  Hinweise  auf  die  zu  ope- 
•ende  Seite  aus  exakten  Nierenbildern  ergeben. 

C)  Die  Schwierigkeiten  der  Differentialdiagnose  der  Art  der  Erkrankung 
rden  sich  bei  negativem  Impfergebnis  in  Zukunft  steigern  dadurch,  ^  dass 
f  1  u  e  n  z  a  nephropyelozystitiden  einer  mit  Mischinfektion  verknüpften 
rentuberkulose  bzw.  Harnbefund  und  örtlichem  Befund  zum  Verwechseln 
dich  sein  können;  heilen  sie  _ab,  so  ist  die  Diagnose  ja  geklärt;  andern- 
s  bleibt  sie  in  suspenso,  bis  schliesslich  die  Tierimpfung  gelingt.  V.  belegt 

mit  Beispielen  aus  seiner  Erfahrung. 

S  i  e  g  m  u  n  d  -  Köln:  Krebsentwicklung  in  Bronchiektasen. 

Der  Vortragende  demonstriert  4  Fälle  von  Plattenepithelzellkarzinomen 
Lunge,  die  in  chronischen  Bronchiektasen  zur  Entwicklung  gekommen 
ren.  Er  verwertet  die  Befunde  im  Sinne  der  Reiztheorie  und  bespricht 
Beziehung  von  reaktiver  und  autonomer  Gewebsproliferation.  Chroniscli 
zündliche  Veränderungen  mit  fortgesetzten  Regenerationsprozessen  am 
thel  führen  in  den  verschiedensten  Organen  gelegentlich  zur  Krebsent- 
:klung.  Die  Charakterveränderung  der  Geschwulstzellen  braucht  nicht  un- 
lingt  angeboren  zu  sein,  sondern  kann  auch  erworben  werden.  Für  die 
lei  bestehende  Störung  der  Wachstumsregulation  ist  der  Fortfall  von 
webswiderständen  verantwortlich  zu  machen,  wobei  die  Insuffizienz  zellu- 
:r  Abwehrleistungen  von  grosser  Bedeutung  ist. 

R  1  n  d  f  I  e  i  s  c  h  -  Dortmund  demonstriert  an  Röntgenbildern  die  Schwie- 
<eiten,  die  sich  der  Deutung  der  Schatten  und  der  Diagnose  der^sie  he¬ 
genden  Erkrankung  entgegenstellen. 

Thomas- Köln:  a)  Reaktionsbefördernde  Stoffe  bei  Tuberkulose. 

Der  Vortrag  erscheint  unter  den  Originalien  der  M.m.W. 
b)  Zur  Frage  der  erworbenen  und  ererbten  Immunität  bei  Tuberkulose. 
Der  Vortrag  erscheint  unter  den  Originalien  der  M.m.W. 
Schott-Köln:  Ueber  die  Registrierung  des  Nystagmus  und  anderer 
tenbewegungen  vermittels  des  Saitengalvanometers. 

Zur  Registrierung  des  Nystagmus  und  anderer  Augenbewegungen  kann 
n  in  der  Art  Vorgehen,  dass  man  an  den  Bulbus  unmittelbar  Metall- 
ntroden  anlegt.  Die  Tränenflüssigkeit  stellt  dann  gewissermassen  die 
zlösung  eines  Elementes  dar  und  durch  mechanische  Bewegung  des  Bulbus 
Dingte  Verschiedenheiten  in  der  Eintauchtiefe  des  Metalls  bedingen 
tentialdifferenzen,  welche  sich  in  Schwankungen  der  mit  den  Polen 
bundenen  Saite  des  Saitengalvanometers  kundtun.  Wählt  man  die  Elek- 
den  aus  identischem  Metall  und  registriert  man  unter  Einschaltung  eines 
idensators,  so  hat  man  optimale  Bedingungen.  Jede  Bewegung  des  Bulbus 
lingt  einen  Ausschlag  der  Saite,  eine  Zacke  in  der  Kurve,  die  umso  grösser 
je  grösser  die  mechanische  Bewegung  war.  umso  steiler,  je  rascher 
Bewegung  erfolgt  ist.  Die  Ausschläge  sind  relativ  sehr  gross,  die 
rven  übersichtlich.  Es  lässt  sich  bei  Horizontalnystagmus  und  gleich- 
ibender  Polschaltung  die  Richtung  der  Augenbewegung  aus  der  Kurve  all¬ 
en.  Man  kann  bei  offenen  wie  bei  geschlossenen  Augen  registrieren. 

besteht  die  Möglichkeit,  auch  im  Tierexperiment  ohne  Verletzung  des 
Ibas  die  Bewegung  des  Augapfels  aufzuschreiben.  Das  Trägheitsmoment, 
V  bei  allen  direkten  mechanischen  Registrierungen  in  der  Zahl  der  Be¬ 
dungen  eine  obere  Grenze  bedingt,  spielt  hier  überhaupt  keine  Rolle. 


Es  werden  Kurven  von  endständigem  Nystagmus,  von  kalorischem 
Nystagmus,  weiter  von  Drehnystagmus  des  normalen  und  Nachnystagmus 
beim  Menschen,  beim  Hund  und  Kaninchen,  ferner  Lesekurven  demonstriert. 


..'lärfq?'  pfjfxi  '/Tj?,'.  "  j,T  l/fc' 

'.S'-SJK 

o.  / 

Sehr  auffallend  ist  die  Unregelmässigkeit  in  der  Schlagfolge  des  Ny¬ 
stagmus.  Wenn  man  ganze  Reihen  von  Kurven  beim  Dreh-  und  beim  kalori¬ 
schen,  beim  Nystagmus  beim  Blick  nach  den  Seiten  durchmustert,  so  ergibt 
sich,  dass  man  wohl  einmal  von  durchschnittlich  raschem,  das  andere  Mal 
von  langsamem  Rhythmus  sprechen  kann,  aber  eine  wirkliche  Regelmässig¬ 
keit  ist  niemals  vorhanden.  Bei  gleichbleibender  Stärke  des  zur  Auslösung 
von  Nystagmus  führenden  Reizes  und  der  sonstigen  inneren  Bedingungen  ist 
eine  derartige  Unregelmässigkeit  im  Vergleich  mit  sonstigem  physiologischen 
oder  pathologischen  Geschehen  —  etwa  in  Analogie  zur  Auslösung  des 
Herzschlages  —  als  etwas  sehr  Ungewöhnliches  zu  bezeichnen  und  nicht  ohne 
weiteres  erklärbar. 


Naturforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostock. 

Sitzung  vom  12.  Januar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Peters.  Schriftführer:  Herr  Triebenstein. 

Herr  De  usch:  A  d  d  i  s  o  n  sehe  Krankheit  mit  pluriglandulärer  In¬ 
suffizienz. 

Demonstration  eines  43  jähr.  Mannes  mit  typischem  Addisonsyndrom 
(Pigmentierung,  Blutdrucksenkung  bis  55:25  mm  Hg,  hochgradige  Adynamie, 
Asthenie  und  Kachexie),  Kopf-  und  Barthaar  gelichtet,  schütter,  Versuchen 
der  Schweisse,  Trockenheit  der  Haut  mit  Atrophie  und  Hyperkeratosis  an 
Händen  und  Füssen,  Oedeme  an  den  unteren  Extremitäten.  Erlöschen  der 
Libido  und  Potenz.  Schilddrüse  klein  und  derb,  an  Hoden  und  Hypophyse 
Veränderungen  klinisch  nicht  nachweisbar.  Trockenheit  im  Munde,  Ana- 
denie  der  Zunge,  Achylia  gastrica,  Diarrhöen  mit  Steatorrhöe.  Verände¬ 
rungen  der  Leber-  und  äusseren  Pankreasfunktion  mit  Hilfe  der  Funktions¬ 
proben  nicht  nachweisbar.  Hochgradige  hyperchrome  Anämie:  Hglb.  40  Proz., 
Er.  1.3  Mill.  Leukopenie  mit  mässiger  Lymphozytose,  Aniso-  und  Poikilo¬ 
zytose,  Normoblasten  .  Viskosität  des  Blutes  2,2,  des  Ser-ums  1,4.  Serum¬ 
eiweissgehalt  (refr.)  5,9  Proz.  Blutzucker  nicht  vermehrt,  keine  alimentäre 
und  Adrenalinglykosurie.  Das  Krankheitsbild  entwickelte  sich  im  Laufe  der 
letzten  beiden  Jahre  im  Anschluss  an  eine  chronisch-rezidivierende  Kolitis, 
die  nach  einer  1914  überstandenen  Ruhr  aufgetreten  war,  Tuberkulose  ist 
nicht  nachweisbar.  Es  liegt  nahe,  die  pluriglanduläre  Störung,  in  deren  Bild 
das  Addisonsyndrom  führt,  und  die  perniziöse  Anämie  auf  dieselbe  Noxe 
zuruckzuführen  und  mit  der  postdysenterischen  rezidivierenden  Kolitis  in  ur¬ 
sächlichen  Zusammenhang  zu  bringen. 

Aussprache:  Die  Herren  Walter,  Deusch,  Curschmann. 

Herr  Curschmann:  Ueber  Endocarditis  chronica  (lenta). 

Demonstration  eines  mittelschweren  und  eines  finalen  Falles.  Beide 
zeigten  typischen  Verlauf  und  Befund:  1.  schleichende  Entstehung  der 
Herzbeschwerden  (im  Fall  1  ohne,  Fall  II  mit  Polyarthritis).  2.  Ausbildung 
eines  komplizierten  Klappenfehlers  und  Vorwiegen  der  Aorteninsuffizienz. 

3.  Leichte,  unregelmässige,  meist  subfebrile  Temperaturen.  4.  Milztumor. 
5.  Herdnephritiserscheinungen  (geringe  Hämaturie).  6.  Trotz  aller  Therapie 
zunehmende  Verschlechterung,  insbesondere  zunfehmende  typische  (sekundäre) 
Anämie.  7.  Im  Blut  bei  beiden  hämolytische  Streptokokken  (nicht  Str. 
viridans).  Im  Fall  II  Milzinfarktsymptome;  schwere  rezidivierende  Ton¬ 
sillitis.  Nach  Ausschälung  der  Tonsillen  Auftreten  meningitischer  Sym¬ 
ptome  (Liquordrucksteigerung,  Lymphozytose,  bakteriell  steril),  die  sich 
später  (Okulomotoriuslähmung)  als  vorwiegend  basal  herausstellten.  Be¬ 
sprechung  der  Frage  der  Zunahme  der  Endocarditis  lenta  Schott¬ 
müllers.  An  Curschmanns  Klinik  sind  im  .letzten  Jahre  12  Fälle 
beobachtet  worden,  «anz  entsprechend  der  anscheinenden  Häufung  der  Mor¬ 
bidität  andernorts  (Hamburg,  Berlin.  Greifswald,  Heidelberg  etc.).  Trotzdem 
glaubt  Curschmann  aus  mancherlei  Gründen,  dass  im  wesentlichen  eine 
häufigere  Diagnostizierung  des  Leidens  vorliegt.  Bis  vor  kurzem 
betrachtete  man  Klappenfehler  mit  und  ohne  Dekompensation  fast  nur  vom 
Standpunkt  der  Funktion,  nicht  des  bakteriologischen  Blutbefundes.  Seitdem 
auf  Schott  mü  Ilers  Anregung  letzteres  geschieht,  häufen  sich  die 
Diagnosen,  nicht  die  Fälle  selbst,  die  früher  unter  dem  Bilde  der  Kompen¬ 
sationsstörungen  der  Klappenfehler  und  Myokarditiden  und  auch  der  Aortitis 
luetica  in  ihrem  Sepsischarakter  oft  unaufgeklärt  blieben. 

Uebrigens  bestätigt  Curschmann  die  Befunde  von  M  o  r  a  w  i  t  z, 
Ges  sie  r  u.  a.  bezüglich  der  relativen  Seltenheit  der  Str.  viridans-Befunde : 
unter  seinen  12  Fällen  fand  sich  nur  einmal  Str.  viridans,  dagegen  6  mal 
hämolytische  Streptokokken.  Prognose  bisher  infaust.  Die  ganze  übliche 
Sepsistherapie  versagt;  unter  Curschmanns  12  Fällen  starben  bisher  6. 
keiner  genas.  Die  einzige  Hoffnung  ruht  in  der  rechtzeitigen  Entdeckung 
und  Entfernung  der  Infektionsdepots  (Tonsillen,  Gingiven.  Nebenhöhlen,  Pro¬ 
stata!).  In  schweren  Fällen  Vorsicht  mit  Totalausschälung  der  Mandeln. 
Curschmann  sah  in  einem  Falle  Exitus  rasch  post  Operationen!,  in  zwei 
anderen  schwere,  bedrohliche  Verschlimmerungen. 

(Der  Vortrag  erscheint  ausführlich  in  d.  Wschr.) 

Aussprache:  Die  Herren  v.  W  a  s  i  e  1  e  w  s  k  i,  Pol,  Felke, 
Grafe,  Grünberg.  Stahl. 

Herr  Weinber«:  Ueber  Schwefeltherapie. 

Erscheint  ausführlich  in  einer  Zeitschrift. 

Aussprache:  Die  Herren  Curschmann,  Grafe,  Peters. 

Herr  Stahl:  Ueber  Leberfuiiktioiisprüfuiigeii. 

Kurzer  Rückblick  auf  die  früheren  klinischen  Methoden  der  Leberfunk¬ 
tionsprüfung  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  noch  heute  mit  Vorteil 


374 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


verwendeten  S  t  r  a  u  s  s  sehen  Lävulosepr'obe,  sowie  des  Urobilmnachweises 
im  Urin.  Die  neuerdings  von  Ealk  angegebene  Belastungsprobe  durch  Ein¬ 
nahme  von  3  g  Fel  tauri  depurat.  mit  Urobilin-  und  Urobilinogennachweis 
in  den  nächsten  zweistündlichen  Urinproben  hat  sich  in  50  Fällen  als  klmisch 
sehr  gut  brauchbar  und  leicht  ausführbar  erwiesen.  Die  W  i  d  a  1  sehe  Frobe 
mittels  der  „hämoklasischen  Krise“  wurde  gleichfalls  in  50  Fällen  geprüft 
und  dabei  u.  a.  v  o  r,  sowie  in  Abständen  von  20  Minuten  nach  dem  Genuss 
von  200  ccm  Milch  in  nüchternem '  Magen  die  Leukozytenzahlen,  sowie  die 
Serumeiweisskonzentration  bestimmt.  Hierbei  stellte  sich  heraus,  dass  in 
über  der  Hälfte  der  ..lebergesunden“  Patienten  eine  deutliche  Leukozyten¬ 
verminderung  bis  20  Proz.  eintrat.  Die  Probe  erscheint  daher  für  klinische 
Zwecke  zu  empfindlich.  Da  in  13  der  50  Fälle  eine  direkt  entgegengesetzte 
Bewegung  der  Leukozyten-  und  Serumeiweisskurve  beobachtet  wurde,  so 
scheinen  auch  konstitutionell  vermehrte  oder  verminderte  Ansprechbarkeit 
des  Leukozyten-  und  des  Serumeiweisssystems  die  Ergebnisse  zu  beein¬ 
flussen.  die  daher  nur  mit  grosser  Vorsicht  zu  bewerten  sind. 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  13.  Februar  1922. 

Vorsitzender:  Herr  Stock.  Schriftführer:  Herr  .1  ii  n  g  1  i  n  g. 

Vor  der  Tagesordnung. 

Herr  O.  Müller:  Eine  neue  Methode  zur  Untersuchung  von  Gewebs¬ 
flüssigkeit.  (Vergl.  die  Arbeit  von  O.  Müller  und  Gänsslen  in  Nr.  8, 
^  203  d  j 

Herr  W  e  i  t  z  demonstriert  einen  Apparat,  um  Farbton  und  Farbintensität 
von  Flüssigkeiten  zu  bestimmen.  ...  ,,  , 

Als  Standardfarben  werden  die  Farben  des  O  s  t  w  a  1  d  sehen  Farben¬ 
atlas  benutzt. 

Aussprache:  Herr  John  Miller. 

Herr  W  e  i  t  z  spricht  über  die  Dynamik  des  Herzens  bei  Herzerweiterung 
und  über  die  Arteriotomie  bei  Lungenödem. 

Er  weist  darauf  hin,  dass  die  Muskulatur  des  Herzens,  um  das  gleiche 
Schlagvolumen  gegen  den  gleichen  Aortendruck  zu  entleeren,  bei  zunehmender 
Füllung  eine  immer  grössere  Kraft  aufwenden  muss,  sich  dafür  aber  weniger 
zu  verkürzen  braucht.  In  Analogie  mit  der  Ueberlastungszuckung  des 
Skelettmuskels  liegt  in  der  mit  zunehmender  Füllung  grösser  werdenden 
Anfangsspannung  ein  Faktor,  der  das  Herz  günstiger  arbeiten  lässt.  Auch  die 
zunehmende  Belastung  wirkt  bis  zu  einem  gewissen  Grade  günstig,  darüber 
hinaus  aber  ungünstig.  Der  Einfluss  der  Anfangsspannung  und  der  Belastung 
bewirkt,  dass  bei  einer  mittleren  Anfangsfüllung  die  Arbeitsleistung  optimal 
ist.  Wird  das  Herz  zu  staVk  gefüllt,  so  sinkt  die  Arbeitsleistung  wegen  der 
zu  grossen  Belastung  des  Herzens.  Wenn  bei  akuter  Schwäche  des  linken 
Ventrikels  dieser  überdehnt  wird,  während  der  rechte  Ventrikel  noch  mit 
normaler  Kraft  weiter  arbeitet,  wie  es  beim  Lungenödem  häufig  der  Fall  ist, 
so  muss  der  linke  Ventrikel  schnell  und  energisch  entleert  werden.  Das 
geschieht  besser  als  durch  die  Venaesektion  durch  Punktion  des  linken  Ven¬ 
trikels  oder  durch  die  Arteriotomie,  auf  deren  günstige  Wirkung  beim  Lungen¬ 
ödem  kürzlich  von  Eckstein  und  Noeggerath  in  dieser  Wochenschrift 
(1921,  S.  1485)  hingewiesen  ist. 

Aussprache:  die  Herren  O.  Müller,  Perthes,  O.  Müller, 
Trendelen  bürg,  Weitz,  Birk,  Trend  elenburg.  Weitz, 
R  e  i  c  h,  W  e  i  t  z. 

Herr  Gänsslen:  Ueber  hämolytischen  Ikterus  und  seine  Therapie. 

Mit  Krankenvorstellung  (nach  20  eigenen  Beobachtungen  und  4  Milzexstir¬ 
pationen). 

Zunächst  Demonstration  eines  typischen  Falles,  dann  eingehendere  Be¬ 
sprechung  auf  Grund  des  ausgedehnten  Materials. 

Hämolytische  Anfälle:  Ausser  den  üblichen  auslösenden  Ursachen  kommen 
noch  Salvarsaninjektionen  (2  Fälle)  in  Betracht.  Während  des  Anfalles  ist 
Milzvergrösserung  festgestellt;  Lebervergrösserung  wahrscheinlich.  Beim 
Urin  wird  das  hochgradige  Sed.  lat.  geradezu  als  pathognom  angesprochen 
(1  mal  trat  Bilirubin  im  Urin  und  Entfärbung  des  Stuhls  auf).  Erscheinungen 
einer  hämorrhagischen  Diathese:  Rumpel-Leede;  häufig  Zahnfleisch-  und 
Nasenblutungen.  Neigung  zu  Hauterkrankungen.  Uebliche  Blutbefunde: 
3  familiäre  Fälle  ohne  deutliche  Resistenzverminderung.  Der  veränderte,  der 
Kugelform  genäherte  Zellbau  der  E.  wird  als  Hauptursache  der  Resistenz¬ 
verminderung  angesprochen;  dem  entspricht  auch  die  auffallende  Ueberein- 
stimmung  zwischen  Grad  der  Aniso-Mikrozytose  und  Grad  der 
Resistenzverminderung.  (Bei  typischen  Fällen  ist  auch  die  resistenzerhöhende 
Wirkung  des  ikterischen  Serums  zu  berücksichtigen.)  Erbgang  an  Hand 
mehrerer  Stammbäume  einfach  dominant.  Prognose  auf  Grund  zweier 
Todesfälle  etwas  schlechter  angesprochen.  Demonstration  der  mit  bestem 
Erfolg  splenektomierten  Kranken;  postoperativ  der  übliche  Blutbefund  (auch 
Normoblasten  und  Monozytose,  langdauernde  Leukozytose).  Verstärkung  des 
Ikterus  nur  auf  Chloroformnarkose.  In  zwei  Fällen  jetzt  fast  Polyglobulie. 
Resistenz  gebessert,  nie  normal.  Blutplättchen  ausgesprochen  hohe  Werte 
(auch  bei  2  infolge  Milzruptur  Splenektomierten).  Dreimal  Lymphdrüsen- 
hyperplasie.  Milzvenenblut:  Lymphozytose  (hochgradiger  noch  in  den 
Milzpulpaabstrichen),  Verminderung  der  Blutplättchen  (Milz  ihr  Grab;  in 
Milzpulpaabstrichen  massenhaft),  Resist.,  einmal  gleich,  einmal  vermindert. 
Bilirubin  4  mal  stark  vermehrt  (hepato  -  1  i  e  n  a  1  e  r  Ikterus,  F.  p  p  i  n  g  e  r). 
Abgrenzung  gegen  perniziöse  Anämie  nicht  schwierig.  Unterscheidung  und 
Demonstration  von  3  Formen:  Klassische  (polysympt.)  Form;  monosympt. 
Form  (entweder  ohne  Anämie,  oder  ohne  Ikterus).  Kompensierte  Form 
(o  h  n  e  Anämie  u  n  d  Ikterus).  Ablehnung  einer  erworbenen  Form  unter  Hin¬ 
weis  auf  die  kompensierte  Form.  Auftreten  einer  weiteren  Anomalie,  eines 
Turm  Schädels,  in  10  Fällen.  Die  pathologisch-anatomischen  Befunde 
noch  nicht  abgeschlossen,  scheinen  denen  Eppingers  zu  entsprechen.  Im 
Gegensatz  zur  Hyoersplenie  (E  p  p  i  n  g  e  r)  wird  auf  Grund  einzelner  Rezi¬ 
dive  nach  der  Operation,  der  bleibenden  Mikrozytose  und  Resistenzvermin- 
derung  eher  eine  primäre  Resistenzschwäche  der  E.  (N  ä  g  e  1  i)  als  patho¬ 
genetisches  Moment  angesprochen. 

Aussprache:  Herr  O.  Mü'llef. 


— 

Würzburger  Aerzteabend. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  des  Aerztl. 'Bezirksvereins  vom  21.  Februar  19. 

Herr  Ma  nasse  demonstriert  zunächst  einige  Fremdkörperfälle: 

1.  Münze  aus  dem  oberen  Teil  des  Oesophagus  mit  der  Zange  um 

Leitung  des  Fingers  entfernt.  . 

2.  Münze  aus  dem  unteren  Teil  des  Oesophagus  ösophagoskopisch  ei 

fernt.  .  ..  _  .  ..  • 

3.  Stück  Gips,  bei  zahnärztlicher  Manipulation  in  die  Speiseröhre  g 

langt,  per  vias  naturales  abgegangen.  ,  .  ,  T 

4  Schuhnagel  aus  einem  Bronchus  II.  Ordnung  bronchoskopisch  entfer: 
5.  cm  langes  Holzstück  aus  der  Nase,  welches  beim  Holzhacken  ei 
gedrungen  war  und  2  Monate  gelegen  hatte,  durch  Operation  entfernt. 

Sodann  Vorstellung  eines  Kranken  mit  Stenose  des  Larynx  nach  V<; 
ätzung;  durch  Laryngofissur  und  Resektion  der  stark  fibrös  verändert 
■Taschenbänder  geheilt.  —  Ferner  2  Fälle  von  akuter  Osteomyelitis  d 
Stirnbeins  nach  akuter  Stirnhöhleneiterung  bei  Grippe,  der  eine  mit  auss 
dehntem  extraduralem  Abszess  beider  vorderen  Schädelgruben,  der  ande 
mit  partieller  Nekrose  des  Stirnbeins,  aber  ohne  intrakranielle  Koniplikatt 
—  Schliesslich  eine  Basisfraktur  mit  akuter  Otitis  media,  durch  A 
meisselung  geheilt. 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  22.  Februar  1922. 

Auf  der  Tagesordnung  stand  nur  die  Generalversammlung. 

Der  Geschäftsbericht  des  Vorstandes  zeigte,  wie  nicht  anders  zu  i 
warten  war,  die  schwierige  Situation,  im  welcher  sich  infolge  der  Not  c 
Zeit  alle  deutschen  wissenschaftlichen  Gesellschaften  befinden.  Besonde 
Schwierigkeiten  bietet  die  Aufrechterhaltung  der  Bibliothek,  bei  der  i 
Kriegslücken  auszufüllen  sind  und  Zeitschriften  zu  beschaffen,  die  später  _e; 
weder  überhaupt  nicht  oder  nur  unter  unverhältnismässigen  Opfern  käuili 
zu  erwerben  sind.  Der  augenblickliche  Notstand  wird  wohl  beseitigt  werdi 
da  ein  von  dem  Bibliothekar  Hans  Kohn  erlassener  Aufruf  von  seiten  c 
mit  guten  Einnahmen  gesegneten  Kollegen  ganz  ungewöhnlich  f reundlic 
Aufnahme  und  aktive  Zahlungsbereitschaft  findet.  Diesem  erfreulichen  Zeicli 
des  Interesses  an  der  Bibliothek  steht  leider  als  Passivum  eine  ganz  i 
gewöhnlich  geringe  Inanspruchnahme  derselben  durch  die  Berliner  Aer 
gegenüber.  Wenn  man  aus  eigener  Erfahrung  verallgemeinern  darf,  so  liindt 
die  hohen  Fahrpreise,  die  schon  öfter  hier  besprochene  nicht  zentrale  u 
verkehrstechnisch  nicht  günstige  Lage  des  Langenbeck-Virchow-Hauses  u 
vor  allem  die  Notwendigkeit,  jede  Minute  für  die  Erwerbung  der  Lebei 
notwendigkeiten  auszunützen,  den  Besuch  der  Bibliothek  des  Langcnbec 
Virchow-Hauses,  deren  ständiger  Besucher  man  in  früheren  besseren  Zeil 
gewesen  war. 

Zum  erstenmal  seit  langer  Zeit  war  eine  Sitzung  nur  der  Gener 
Versammlung  gewidmet,  während  früher  meiner  Erinnerung  nach  der  wissi 
schaftliche  Teil  nie  ganz  ausfiel.  Es  wäre  wünschenswert,  wenn  der  a 
Modus  wieder  sich  einführte,  nachdem  erst  einmal  die  neuen  Statuten  s' 
eingespielt  haben.  Bei  einem  Protest  gegen  die  vollzogenen  Wahlen  wur 
sachlich  sehr  richtig  ausgeführt,  dass  ja  durchaus  die  Möglichkeit  beste; 
dass  ein  Anwesender  mehrere  Stimmzettel  abgibt.  Trotzdem  würden  > 
erforderlichen  Kontrollmaassnahmen  für  die  Wahlen  dann  mehrere  Sitzung 
erfordern,  was  mit  dem  Zweck  der  Gesellschaft  sich  kaum  vereinigen  lass 
dürfte.  In  der  Sitzung  gab  es  dann  noch  eine  nicht  uninteressante  Gescjiäf 
Ordnungsdebatte  über  die  vom  Vorstand  getroffene  Anordnung,  dass  ade 
der  Berl.  fned.  Gesellschaft  gehaltenen  Vorträge  der  „Med.  Klinik“  zur  V 
öffentlichung  übergeben  werden  müssten.  Herr  Julius  Schwal 
protestiert  gegen  diesen  Zwang,  der  nicht  den  Interessen  der  Vortragenc 
entspricht,  und  verweist  darauf,  dass  bisher  auch  schon  ein  offizielles  Org 
bestanden  hätte,  ohne  dass  ein  solcher  Zwang  ausgeübt  worden  wäre. 

Herr  F.  Kraus  als  stellvertretender  Vorsitzender  hebt  hervor,  dass 
gar  kein  absoluter  Zwang  bestehe,  nur  eine  Art  „Nötigung“.  Der  Vi 
tragende  kann  ja  einen  Auszug  geben  und  dann  seinen  Vortrag  anderwei 
veröffentlichen. 

Herr  Benda  betont  die  sachliche  Notwendigkeit,  alle  in  der  Berl.  m< 
Gesellschaft  gehaltenen  Vorträge  an  einer  Stelle  zusammen  zu  vereinigen. 

Herr  Hans  Kohn  gibt  vom  Vorstandstisch  der  Ansicht  Ausdruck,  d; 
man  Herrn  Kraus  missverstanden  haben  müsse,  da  nach  den  Beschluss 
des  Vorstandes  ausdrücklich  nur  mit  Genehmigung  der  Redaktion  ein  Vortr, 
der  in  der  Gesellschaft  gehalten  worden  ist,  anderweitig  erscheinen  darf. 

Die  Wahlen  waren  diesmal  von  einem  Komitee  vorbereitet  worden,  di 
die  Herren  S.  Alexander  und  Lennhoff  angehörten,  welche  in  di 
Gross-Berliner-Aerzteblatt  mitteilten,  dass  sie  ihr  Mandat  von  der  gesamt! 
Berliner  Aerzteschaft  hätten.  Der  Vorgang  ist  insofern  bemerkenswert,  j 
die  von  ihnen  aufgestellte  Liste  Körte  als  Vorsitzenden,  H  i  s,  Bum; 
Henius  als  stellvertretende  Vorsitzende  bei  der  Wahl  des  1.  Vorsitzende 
nicht  durchging,  sondern  in  beachtenswerter  Minderheit  blieb.  B  r  a  n  d  e  i 
bürg,  Czerny,  Für  b  ringer,  Goldscheider,  Kleewit1 
A.  Lazarus,  L  u  b  a  r  s  c  h,  Max  Meyer,  Morgenrot  h,  Orth  ifl 
A.  v.  Wassermann  forderten  in  einem  Rundschreiben  zur  Wahl  v 
F.  Kraus  auf,  der  auch  mit  sehr  grosser  Mehrheit  gewählt  wurde  und 
Annahme  der  Wahl  betonte,  dass  er  vor  allem  den  wissenschaftlicl 
Charakter  der  Berl.  med.  Gesellschaft  aufrecht  zu  erhalten  gedenke. 

Sitzung  vom  1.  März  1922. 

Fortsetzung  der  Salvarsandebatte. 

Herr  Lennhoff  berichtet  über  2  Salvarsantodesfälle,  von  denen  sl 
einer  als  Grippepneumonie  erwies.  Man  darf  daher  nur  von  Salvarsantodi 
fällen  sprechen,  wenn  die  Sektion  keine  anderen  Ursachen  ergeben  hat.  j 

Herr  Umber  berichtet  über  den  vollständigen  Erfolg  einer  Salvars,; 
kur  in  Verbindung  mit  Jod  und  Quecksilber  bei  Diabetes  insipidus,  ebenso  < 
einmaliger  Salvarsangabe  bei  Diabetes,  der  völlige  Toleranz  für  einige  Ja! 
erlangte.  Auch  er  hat  in  den  letzten  Jahren  die  kolossale  Zunahme  (| 
akuten  Leberatrophie  beobachtet  und  glaubt,  dass  primär  eine  Bereitschj 
der  Leberzelle  zur  Autolyse,  vielleicht  durch  Ernährungsverhältnisse  bedin 
vorhanden  sei. 


März  \m.  _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Herr  ß  c  n  d  a  hebt  hervor,  dass  die  Steigerung  der  Leberatrophiefäüe 
i  schon  1917  eingetreten  sei.  Mit  dem  infektiösen  Ikterus  hat  sich  ein 
jammenhang  nicht  feststellcn  lassen.  1917  kamen  6  Prom.  Sektionsfälle 
akute  gelbe  Leberatrophie,  in  den  späteren  Jahren  4  Proz.!  In  allen 
s  en  lässt  sich  durchaus  nicht  konstant  Salvarsanbehandlung  und  nicht 
aal  Syphilis  nachweisen.  Bei  der  Sektion  ist  die  von  Friedemann 
•orgehobene  Verwechselungsmöglichkeit  mit  Malaria  nicht  gegeben. 

Herr  Friedemann:  Herr  Wechsel  mann  hat  3  Fälle  von 
i  rus  nach  Salvärsan  auf  Malaria  untersuchen  lassen  und  hat  in  allen 
allen  Malariaplasmodien  gefunden. 

Herr  Joachlmoglu  erörtert  die  komplizierten  Reduktions-  und  Oxy- 
onsverhältnisse,  die  sich  bei  der  sog.  Mischspritze,  der  Kombination  von 
,  arsan  und  Quecksilber,  ergeben. 

Herr  A.  H.  Isaack  betont  den  Wert  des  Salvarsans. 

Herr  Saalfeld  regt  eine  Enquete  über  die  Technik  an. 

Herr  Schumacher  spricht  auf  Grund  von  Versuchen  über  die 
jrmakologische  Wirkung.  Spirochäten  sind  nukleinsäurefrei  und  färben 
!  daher  mit  Giemsa  rot.  Das  Gleiche. lässt  sich  durch  analoge  Behandlung 
J  Hefezelle  erreichen.  Ionisierte  Hg-Präparate  sind  für  therapeutische 
;cke  ungeeignet,  da  sie  für  die  Körperzelle  früher  giftig  sind,  als  für  die 
ochäten.  Für  Salvarsan  liegen  die  Verhältnisse  umgekehrt  sehr  günstig, 
bewirkt  die  Mobilisierung  der  Nukleinsäure,  welche  in  den  Leukozyten 
i  Körper  dargeboten  wird. 

I  Herr  P 1  e  h  n  fragt  nach  den  Gründen  der  Zunahme  des  Ikterus  und 
| ter  gelber  Leberatrophie.  Die  Häufung  trat  erst  nach  der  Hungerzeit  ein. 
ührt  sie  gerade  auf  Ueberlastung  der  Leber  zurück.  Biliöse  Malaria  ohne 
Qoglobinurie  ist  ungewöhnlich  und  nur  auf  die  jetzt  bestehende  Ikterus- 
. -itschaft  zurückführbar. 

Herr  F.  Schlesinger  gibt  vom  Standpunkt  des  Praktikers  eine  Ueber- 
jt  über  die  Meinungsverschiedenheiten,  die  in  der  langen  Salvarsandebatte 
:  ge  getreten  sind.  In  letzter  Zeit  ist  das  Salvarsan  schwerer  löslich  ge- 
enn  was  wohl  mit  den  Zufällen  bei  der  Therapie  in  Zusammenhang  steht, 
positive  Wassermann  darf  nicht  die  Grundlage  der  Therapie  werden. 

Die  Wahlen  zum  Vorstand  wurden  gestern  abgeschlossen.  Stell- 
retende  Vorsitzende  wurden:  H  e  n  i  u  s,  Fedor  Krause,  B  u  m  m. 
riftiührer:  Benda,  Umber,  Morgenrot  h,  M.  Borchardt. 
atzmeister:  Ernst  U  n  g  e  r.  Bibliothekar:  Hans  K  o  h  n. 

Wolff-Eisner. 


rein  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  zu  Berlin. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  20.  Februar  1922. 

Tagesordnung. 

Herr  Paul  Lazarus:  Radiothorium.  (Vorläufige  Mitteilung.) 

Das  Radiothorium  hat  vor  Thorium  X  eine  weiche  Alpha-  und  Beta- 
hlung  voraus.  Die  von  der  Auergesellschaft  zur  Verfügung  gestellten 
chen  Radiothorsalze  verankern  sich  in  Knochenmark,  Leber  und  Milz 
erzeugen  dort  stets  Thorium  X.  Die  sog.  Halbwertsdauer  beträgt  beim  | 
rium  X  3,64,  beim  Radiothor  700  Tage.  Infolge  der  langen  Nachwirkung 
sen  kleinere  Dosierungen  und  grössere  Intervalle  gesetzt  werden. 

Bei  der  Maus  lassen  sich  infolge  der  Verankerung  an  den  genannten 
len  nach  Radiothorinjektion  Skelett,  Leber  und  Milz  photographieren, 
n  Hund  entsteht  nach  tödlicher  Dosis  Knochenmarksreizung  und  Leuko- 
e.  Der  Tod  erfolgt  dann  an  hämorrhagischer  Diathese.  Versuche  an 
r  Krebsratte  ergeben,  dass  das  Radiothor  tumoraffin  ist. 

Heilversuche  an  Menschen  zeigen  als  Reizdosis  50 — 100  Einheiten,  als 
imungsdosis  200 — 300  Einheiten.  Bei  Blut-  und  Stoffwechselerkrankungen 
kleinere  Dosen  zu  geben.  Bei  Karzinom  kommt  örtliche  Anwendung  un- 
cher  Radiothorsalze  in  Betracht,  um  toxische  Wirkungen  einerseits  und 
'.dosen  anderseits  zu  vermeiden.  Bei  schweren  Bluterkrankungen  hat 
tragender  eine  Reihe  auffallender  Besserungen  beobachtet. 

Herr  V.  Schilling:  Einige  überzeugende  Beispiele  von  praktischer 
tbildverwertung. 

Vortragender  gibt  eine  Uebersicht  über  die  Bedeutung  der  Arneth- 
:n  Untersuchungen  für  die  praktische  Medizin,  und  führt  3  Fälle  von  Peri- 
tis  an,  bei  denen  das  Vorkommen  prozentual  gesteigerter  stabkerniger 
isndformen  Diagnose  und  Prognose  stellen  Hessen.  Der  Fall,  in  dem  sich 
ällig  viel  Jugendformen  fanden,  kam  zum  Exitus,  während  die  anderen 
e  gerettet  wurden.  Es  folgt  die  Demonstration  ausführlicher  Tabellen. 

Die  Diskussion  für  beide  Vorträge  wurde  auf  die  nächste  Sitzung  ver- 
■  W.-E. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  10.  Februar  1922. 

Herr  H.  Finsterer  demonstriert  das  Präparat  eines  Muskelangioms. 
Nach  mehrfachen  falschen  Diagnosen  einer  in  der  rechten  Nackengegend 
:genen  Geschwulst  wurde  bei  einer  Probepunktion  reines  Blut  entleert. 
Der  Tumor  ging,  wie  die  Operation  ergab,  vom  M.  rhomboideus  minor 
Heilung. 

Herr  M.  Jerusalem:  Typische  Verletzungen  der  Bau-  und  Industrie¬ 
leiter. 

Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Betriebsunfälle  ist  bedeutend. 

•  2  Statistik  der  Nachkriegszeit  dürfte  erheblich  höhere  Ziffern  ergeben  als 
I  Fliedensstatistik,  weil  die  Zahl  der  jugendlichen  und  ungeübten  Arbeiter 
"  rie  der  in  den  Betrieben  angestellten  Kriegsbeschädigten  eine  sehr  be¬ 
itende  ist.  Ausser  körperlicher  Minderwertigkeit  als  Kriegsfolge, 
'igelnder  Uebung  und  jugendlichem  Leichtsinn  erweist  sich  als  häufigste 
■  allursache  der  Alkoholmissbrauch.  Ferner  konstatieren  wir  des  öfteren 
‘iitverwendung  vorhandener  Schutzvorrichtungen,  überhaupt  Nicht- 
:  »Igung  der  Betriebsvorschriften,  ungeeignete  Kleidung,  mitunter  auch 
'geringe  Intelligenz  des  Arbeiters.  Seltener  ereignet  sich  die  Verletzung 
Hrend  des  normalen  Ganges  der  Maschine,  als  vielmehr  bei  dem  Versuche, 

•  Hindernis  zu  beseitigen  oder  bei  Reinigungsarbeit  vor  völliger  Abstellung, 
'hstverständlich  muss  ein  gewisser  Prozentsatz  von  Unfällen  als  unver- 

dlich  angesehen  werden.  Es  ist  im  allgemeinen  recht  schwierig,  über  den 
gang  des  Unfalles  verlässliche  Angaben  seitens  des  Kranken  zu  erhalten. 


Die  Befangenheit  fast  jedes  Kranken  dem  Arzte  gegenüber,  in  welchem  er 
nicht  nur  den  Therapeuten,  sondern  auch  den  Begutachter  sieht,  spielt  ohne 
Zweifel  eine  grosse  Rolle. 

Sitzung  vom  17.  Februar  1922. 

Herr  E.  L  e  x  e  r  -  Freiburg  i.  B.  (als  Gast):  Wiederherstellungstherapie. 

Zu  den  Aufgaben  der  Wiederherstellungschirurgie  gehören  1.  die  Heilung 
von  Gewebsdefekten,  2.  die  Trennung  von  Verwachsungen,  3.  die  Heilung  von 
Defekten  und  Beseitigung  von  Verwachsungen.  Die  kineplastischen  Opera¬ 
tionen  am  Amputationsstumpf  gehören  eigentlich  nicht  in  das  Gebiet  der 
Wiederherstellungstherapie.  Er  hält  grundsätzlich  daran  fest,  zu  warten,  bis 
der  Untergrund  der  Narben  weich  geworden  ist,  bis  die  Narben  anämisch 
sind.  Dann  ist  nicht  zu  befürchten,  dass  Narbenschrumpfung  eintritt.  Eine 
wesentliche  Beschleunigung  der  Erweichung  des  Narbengewebes  konnte  durch 
Röntgenreizdosen  (zweimalige  Bestrahung  in  6  wöchentlichem  Intervall)  be¬ 
wirkt  werden. 

Vortr.  hat  in  einer  grossen  Anzahl  von  Fällen  bei  der  Rückpflanzung 
des  Stieles  von  Lappen  die  Granulationen  nicht  angefrischt  und  glatte  Heilung 
erreicht.  Bei  der  Lappenplastik  nach  der  italienischen  Methode  (Bildung  von 
Lappen  aus  ider  Armhaut)  hat  sich  die  Fixation  des  Armes  mittels  Segel- 
tuchpflasters  sehr  bewährt.  L.  schildert  Methoden  zur  Bildung  der  Falte 
im  oberen  Augenlid,  zur  Bildung  des  Philtrum  bei  Oberlippenplastik  und  zur 
Bildung  des  Oberlides  aus  Nackenhaut,  zur  Beseitigung  mimischer  Stö¬ 
rungen  bei  Fazialislähmung  durch  Heranziehung  der  Mm.  temporales  und 
masseter. 

L.  meint,  dass  von  den  gesunden  Muskeln  aus  Nervenfasern  ins  ge¬ 
schädigte  Gebiet  hineinwachsen.  Ausführlich  berichtet  er  über  die  Verwen¬ 
dung  von  Knochen  und  Knorpel  bei  der  Gesichtsplastik,  über  die  Resultate 
der  freien  Knochenplastik  und  die  plastische  Behandlung  von  Pseudarthrasen, 
ferner  über  Gelenksplastik  mit  Fettgewebe. 


Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 

Aerztlicher  Bezirksverein  München-Stadt. 

Vollversammlung  vom  2.  März  1922. 

Wahlen.  Schwebungen,  Stimmungen  nannte  man  es,  Missstimmungen 
waren  es,  welche  zu  einem  heftigen  Vorstoss  hauptsächlich  der  jungen  Aerzte 
gegen  die  bisherige  Vorstandschaft  Anlass  gaben.  Fast  gleichstark  standen 
sich  die  Parteien  gegenüber.  So  kam  am  21.  Dezember  eine  Wahl  der 
Gesamtvorstandschaft  nicht  zustande.  Die  einzelnen  Parteigruppen  hatten  bis 
zum  heutigen  Tag  Zeit,  sich  zu  ordnen  und  je  nach  dem  Reichtum  ihrer 
Temperamentsschattierungen  und  nach  ihrer  Stimmungslage  sich  auszuwirken. 
Das  Endergebnis  war  die  Wiederwahl  Kastls  zum  1.  Vorsitzenden  (mit  212 
von  381  Stimmen)  und  Kustermanns  zum  2.  Vorsitzenden  (252  Stimmen 
von  374);  1.  Schriftführer  wurde  v.  H  e  u  s  s,  2.  Schwaab;  Schatzmeister 
Freudenberger  (einstimmig) :  Beisitzer :  Kersch  ensteine  r, 
P  1  ö  g  e  r,  Uhl,  Althen.  Kästle,  C  a  s  e  1 1  a,  Aug.  Bauer,  Petten- 
k  o  f  e  r,  Cohn,  S  t  r  ö  b  1.  Den  Vorsitz  in  der  Versammlung  führte  gewandt 
und  energisch  Küster  mann.  Das  Verlesen  der  seinerzeitigen  Rücktritts¬ 
erklärung  Kastls  mit  ihrer  Begründung  veranlasste  die  Assistenten  zu  der 
Erklärung,  sich  weiter  am  Wahlakt  nicht  zu  beteiligen,  weil  dies  gegen  die 
Abmachung  geschah  und  die  Jungen  dadurch  in  ein  ungünstiges  Licht  ge¬ 
bracht  wurden.  —  Mögen  nun  die  Recht  behalten,  -welche  sagen:  der  Streit 
ist  jetzt  vorüber  —  Schwamm  drüber. 

Scholl  berichtet  über  die  Verschmelzung  der  Organi¬ 
sation  des  Leipziger  Verbandes  mit  der  des  Aerzt- 
liehen  Bezirksvereins  München  aus  Gründen  der  Vereinfachung 
und  Verbilligung  der  Verwaltung,  nachdem  ja  die  wirtschaftlichen  Ab¬ 
teilungen  der  ärztlichen  Bezirksvereine  nach  der  bayerischen  Aerzteordnung 
auch  für  die  Wahrung  der  wirtschaftlichen  Interessen  der  bayerischen  Aerzte 
zuständig  sind.  Die  Vorsitzenden  der  ärztlichen  Bezirksvereine,  bzw.  deren 
Vertreter  sollen  als  Obmänner  des  Leipziger  Verbandes  gelten,  die  Vor¬ 
sitzenden  der  freien  Aerztekammern  oder  deren  Vertreter  als  die  Gau¬ 
vorsitzenden  (Vertrauensmänner),  der  Landesausschuss  der  Aerzte  Bayerns 
als  der  Landesausschuss  Bayern  des  Leipziger  Verbandes  anzusprechen  sein. 
Die  Stadt  München  und  Oberbayern-Land  sollen  je  einen  Gau  bilden.  Der 
Aufbau  des  Leipziger  Verbandes  ist  sonach  nicht  unitaristisch,  sondern 
förderalistisch,  nicht  die  einzelnen  Mitglieder,  sondern  die  einzelnen  Provinzen 
und  Länder  bilden  seine  Basis.  Wenn  Bezirksverein  und  Leipziger  Verband 
sich  vereinen,  können  alle  deutschen  Aerzte  umfangen  und  alle  wirtschaft¬ 
lichen  Belange  erfasst  werden.  —  Die  Verschmelzung  der  beiden  Vereine 
wird  beschlossen.  Vertrauensmann  des  Gaues  München:  K  r  e  c  k  e,  Stell¬ 
vertreter:  Kuntzen,  1.  Schriftführer:  Alexander.  2.:  Kallen¬ 
berg  e  r.  Kassier:  Scholl.  Beisitzer:  1  n  g  e  r  I  e,  Wassermann. 
Frau  Democh-Maurmeier.  Hiezu  kommen  noch:  der  Vorsitzende 
des  Bezirksvereins  und  des  Aerztevereins  für  freie  Arztwahl,  sowie  ein  Ver¬ 
treter  der  Assistenten  und  der  Volontäre. 

Grünwald:  Gebühren  in  der  Privatpraxis  unter  Ein¬ 
schluss  der  Gebühren  für  Ausländer.  Unter  Zugrundelegung 
der  Beschlüsse  des  Landesausschusses  von  6.  XL  1921  bespricht  Ref.  kritisch 
die  Entwicklung  der  jetzigen  Gebührenvorschriften  und  hebt  die  Bedenken 
gegen  die  bindenden  Bestimmungen  in  denselben  hervor.  Die  gleitende  Skala 
ist  die  einzige  Möglichkeit,  in  allen  Fragen  der  Wirtschaft  zu  einer  Lösung 
zu  kommen.  - —  Von  Ausländern  werden  immer  häufiger  Klagen  gegen  die 
deutschen  Aerzte  wegen  massloser  Ueberforderung  geäussert.  Auch  die 
Presse  beginnt  sich  damit  zu  beschäftigen.  Das  schadet  unserem  Ruf.  Seine 
Ausführungen  fasst  Grünwald  in  folgende,  einstimmig  angenommene  An¬ 
träge  zusammen: 

1.  Vorläufig  die  von  G  r  ü  n  w  a  1  d  folgendermassen  modifizierte  An¬ 
weisung  des  Landesverbandes  anzunehmen  und  die  Gebührenkommission  an¬ 
zuweisen,  in  möglichster  Kürze  neue  Vorschläge  zu  machen. 

2.  Anschlag  in  Warte-  und  Sprechzimmer.  Bekanngabe  in  der  Tagespresse: 
Die  Entlohnung  ärztlicher  Leistungen  erfolgt  in  der  Regel  (für  Aus¬ 
länder  ausschliesslich)  nach  freier  Vereinbarung.  Wenn  keine 
solche  stattgefunden  hat,  gelten  für  Ausländer  die  Sätze  der  bayerischen 
Gebührenordnung  vom  17.  Oktober  1901  vervielfacht  mit  dem  Reichs¬ 
teuerungsindex,  wozu  noch  ein  Zuschlag  von  200  Proz.  tritt. 


376 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  1< 


in  d  e  u  t  s  c 
Beträge  in 


h  e  r  Währung 
der  Währung 


ein 


Es  empfiehlt  sich.  Rechnungen  für  Ausländer 
auszustellen  unter  Anfügung  der  entsprechenden 
des  betreffenden  Landes. 

Ein  Antrag  Kerschenstein  er  s,  die  Vertragskommission 
rein  wirtschaftliches  Organ  —  zukünftig  der  freien  Arztwahl  zu  übertragen 
und  die  entsprechenden  Schritte  dieserhalb  bei  der 
wird  prinzipiell  angenommen. 


Vorstandschaft  zu  tun. 
Freudenberger. 


Auswärtige  Briefe. 

Berliner  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

Zu  S.  Alexanders  70.  Geburtstag.  —  Die  staatlichen  Polikliniken 
und  die  Krankenkassen.  —  Zunahme  der  Kurpfuscherei. 

In  einer  Zeit,  in  der  die  materiellen  Interessen  allenthalben  im  Vorder¬ 
gründe  stehen  und  auch  im  ärztlichen  Leben  die  kollegialen  und  Standes¬ 
fragen  zu  überwuchern  drohen,  ist  es  eine  besondere  Freude,  solcher  Männer 
zu  gedenken,  die  in  selbstloser  Weise  ihre  ganze  Arbeitskraft  dem  allge- 
meinen  Wohl  ihres  Standes  widmen.  Zu  diesen  Männern  gehört 
S.  Alexander,  dem  die  Berliner  Aerzteschaft  heute  ihre  Glückwünsche 
zum  70.  Geburtstage  darbringt.  Alexanders  Lebensarbeit  galt  dem 
Ausbau  und  der  Entwicklung  der  ärztlichen  Standesinteressen,  und  es  gibt 
kaum  ein  Gebiet,  auf  dem  er  nicht  beratend  und  führend  mitgewirkt  hat; 
auf  jedem  aber  konnte  man  ebenso  sehr  seine  erstaunliche  Sachkenntnis,  seine 
klare  Darstellungsweise  wie  seine  nie  versagende  Arbeitsfreudigkeit  be¬ 
wundern.  Er  ist  auch  ausserhalb  Berlins  und  besonders  den  Besuchern  der 
Aerztetage  nicht  unbekannt,  seine  Hauptarbeit  aber  galt  seiner  Heimatstadt. 
Schon  in  seinen  ärztlichen  Jugendjahren  trat  er  als  eifriges  Mitglied  der 
Standesvereine  hervor,  dessen  Geschäftsausschuss  er  seit  dem  Tode 
Bechers  als  Vorsitzender  in  mustergültiger  Weise  leitet.  Allgemein  ge¬ 
schätzt  wird  seine  Tätigkeit  in  der  Aerztekammer,  dessen  Vorstand  er  seit 
vielen  Jahren  als  Kassenführer  angehört.  Wenn  wir  noch  seine  Verdienste 
um  das  Zustandekommen  und  die  Entwicklung  des  Berliner  Rettungswesens, 
die  Schaffung  des  Kuratoriums  für  Kriegsentschädigung  der  Gross-Berliner 
Aerzte,  die  ärztliche  Darlehenskasse,  die  ärztliche  Versorgung  der  Kriegs¬ 
hinterbliebenen,  den  Zentralkrankenpflegenachweis,  das  ärztliche  Versiche¬ 
rungswesen.  die  Mitarbeit  im  Gross-Berliner-Aerztebund  erwähnen,  so  ist 
damit  der  Umfang  seines  Arbeitsgebietes  noch  nicht  annähernd  erschöpft. 
Und  auf  jedem  Gebiet  spielt  er  noch  heute  eine  führende  Rolle.  Wer  ihn  eine 
Versammlung  leiten  sieht  oder  ein  Referat  halten  hört,  der  fühlt,  dass  er  die 
Höhe  seiner  Leistungskraft  noch  nicht  überschritten  hat.  Aus  jedem  seiner 
Worte  spricht  dieselbe  Sicherheit,  dieselbe  Sachlichkeit,  aber  auch  dieselbe 
Frische  wie  vor  10  Jahren,  und  das  lässt  uns  hoffen,  dass  seine  Arbeitskraft 
der  Berliner  Aerzteschaft  noch  recht  lange  erhalten  bleiben  wird. 

Einen  Streitpunkt,  der  in. früheren  Jahren  die  Gemüter  häufig  erregt  hat 
und  doch  niemals  befriedigend  gelöst  werden  konnte,  bildete  das  Polikliniken- 
wesen  und  seine  Einwirkung  auf  die  wirtschaftlichen  Interessen  der  Aerzte. 
Die  Polikliniken,  besonders  die  staatlichen,  hatten  einen  Zulauf,  der  weit  über 
die  Bedürfnisse  der  Forschung  und  des  Unterrichtes  hinausging,  zu  einem 
nicht  geringen  Teil  auch  von  zahlungsfähigen  Kranken,  und  die  Aerzte  sahen 
darin  eine  unberechtigte  Schwächung  ihrer  Praxis.  Dann  wurde  es  eine  Zeit¬ 
lang  still  von  diesen  Klagen,  und  schliesslich  trat  fast  das  entgegengesetzte 
Verhältnis  ein,  die  Leiter  der  Polikliniken  klagten  über  Materialmangel.  Die 
Ursache  für  diesen  Umschwung  der  Verhältnisse  liegt  in  der  Entwicklung  der 
Krankenversicherung,  für  die  chirurgischen  Polikliniken  auch  in  der  des 
Rettungswesens,  das  den  Zugang  frischer  Verletzungen  verringerte,  und 
schliesslich  auch  in  der  allgemeinen  Teuerung.  Die  Fahrt  zur  und  von  der 
Poliklinik  kostet  so  viel  Geld  und  Zeit,  dass  die  Unentgeltlichkeit  der  Be¬ 
handlung  viel  von  ihrem  Reiz  verloren  hat.  Zu  den  Besuchern  der  Poli¬ 
kliniken  gehörten  auch  Kassenkranke;  in  manchen  Polikliniken  wurden  sie 
aus  kollegialer  Rücksicht  abgelehnt  und  den  Kassenärzten  überwiesen,  in 
anderen  ohne  weiteres  behandelt.  Die  Unkosten  für  Verbände,  Röntgen¬ 
aufnahmen  u.  dergh,  sowie  einen  kleinen  Wochenbeitrag,  der  infolge 
ministerieller  Erlasse,  zur  Deckung  der  allgemeinen  Unkosten  erhoben  wurde, 
mussten  sie  zahlen,  erhielten  sie  aber  von  der  Kasse  zurück.  Besonders  die 
chirurgischen  Polikliniken  glaubten  auf  diese  Kranken  nicht  verzichten  zu 
können,  weil  sonst  ein  geordneter  Unterricht  nicht  möglich  gewesen  wäre. 
Nach  Inkrafttreten  des  Vertrages  zwischen  Krankenkassen  und  Aerztebund 
lehnten  die  ersteren  aber  die  Rückzahlung  der  Beträge  grundsätzlich  ab,  und 
die  Leitung  des  Aerztebundes,  die  die  Ansicht  vertrat,  dass  Kassenmitglieder 
grundsätzlich  nicht  in  staatlichen  Polikliniken  behandelt  werden  sollen,  er¬ 
klärte  die  Ueberweisung  in  solche  für  unstatthaft.  Die  Folgen  für  den  chirur¬ 
gischen  Unterricht  machten  sich  deutlich  fühlbar.  Man  musste  aber  be¬ 
fürchten,  dass  sie  für  den  gesamten  akademischen  Unterricht  bedrohlich 
würden,  sobald  die  Familienversicherung  eingeführt  ist;  denn  dann  würden 
auch  die  Frauen  und  Kinder  der  Versicherten  den  Polikliniken  fernbleiben, 
und  da  die  klinischen  Kranken  zu  einem  erheblichen  Teil  aus  den  Polikliniken 
überwiesen  werden,  müsste  auch  der  Krankenbestand  der  Kliniken  bedenklich 
zurückgehen.  Diesen  Erwägungen  konnte  der  Vorstand  der  Wirtschaftlichen 
Abteilung  des  Aerztebundes  sich  nicht  entziehen;  es  kam  zu  Verhandlungen 
zwischen  ihm  und  Beauftragten  des  Lehrkörpers,  und  diese  Verhandlungen 
führten  zu  einer  beide  Teile  befriedigenden  Vereinbarung.  Als  offizielle 
kassenärztliche  Sprechstunde  dürfen  die  staatlichen  Polikliniken  nicht  ver¬ 
wendet  werden.  Soweit  sie  ohne  Kassenkranke  den  Unterricht  nicht  sach- 
gemäss  durchführen  können,  dürfen  sie  Kassenpatienten  untersuchen  und  be¬ 
handeln.  Die  für  den  Unterricht  nicht  geeigneten  Fälle  und  die  diagnostisch 
und  operativ  versorgten  sollen  zur  Nachbehandlung  den  Kassenärzten  über¬ 
wiesen  werden.  Zu  Unterrichtszwecken  sollen  die  Kranken  nur  mit  ihrer 
Einwilligung  verwendet  werden.  In  den  Warteräumen  soll  ein  augenfälliger 
Hinweis  angebracht  werden,  dass  in  den  Polikliniken  nur  Unbemittelte  Be¬ 
handlung  finden.  Die  Wirtschaftliche  Abteilung  des  Aerztebundes  erklärte  sich 
damit  einverstanden,  dass  unter  Wahrung  dieser  Vereinbarungen  Kassen¬ 
kranke  wieder  den  staatlichen  Polikliniken  überwiesen  werden,  und  der 
Vorstand  des  Krankenkassenverbandes  erklärte  sich  bereit,  den  Kranken  die 
in  der  Poliklinik  ihnen  erwachsenden  Kosten  zurückzuerstatten.- 

Damit  hat  die  Poliklinikenfrage  in  befriedigender  Weise  ihre  Lösung 
gefunden.  Leider  muss  das  Gegenteil  gesagt  werden  von  einem  anderen 


Uebel,  gegen  das  die  Aerzteschaft  seit  Jahrzehnten  kämpft,  von  dem  Kur 
pfuschereiunwesen.  Aus  einer  kürzlich  veröffentlichten  Zusaminci 
Stellung  erfahren  wir.  dass  die  Zahl  der  Kurpfuscher  in  Berlin  seit  Krieg- j 
ende  auf  das  Sechsfache  gestiegen  ist.  Aus  den  Krankenlisten.  die  sie  z  i 
führen  verpflichtet  sind,  geht  hervor,  dass_  Angehörige  der  Aristokrat 
und  der  gebildeten  Stände  einen  erheblichen  Teil  ihrer  Klientel  bilden,  b 
selbst  rekrutieren  sich  aus  den  verschiedensten  Ständen,  Droschkenkutsche  | 
Krankenschwestern,  ehemalige  Geistliche  und  viele  ehemalige  Angehörige  di 
Heeres.  Von  diesen  sind  manche  während  des  Krieges'  in  Lazaretten  m 
der  Krankenbehandlung  in  Berührung  gekommen  und  nutzen  jetzt  die  ; 
gewonnenen  Kenntnisse  aus,  andere  sind  durch  den  Verlauf  des  Krieges  a; 
ihrer  Bahn  gerissen  und  mussten  sich  einem  anderen  Erwerb  zuwende 
Mit  wenigen  Ausnahmen  aber  spekulieren  alle  auf  den  Zulauf  aus  dt 
Kreisen  derer,  die  nicht  alle  werden.  Ein  staatlicher  Schutz  gegen  ihr  unhei 
volles  Wirken  ist  leider  nicht  zu  erwarten.  M.  K. 


Kleine  Mitteilungen. 

Die  amerikanischen  Aerzte  und  das  Alkohol  verbot. 

Die  Schriftleitung  des  Journal  of  the  American  Medical  Association  h; 
sich  der  dankenswerten  Aufgabe  unterzogen,  eine  gross  angelegte  Rundfra; 
unter  nahezu  54  000  amerikanischen  Aerzten  zu  veranstalten  über  die  Stellut 
der  Aerzte  zur  Anwendung  des  Alkohols  als  Heilmittel  und  besonders  ; 
den  im  Gesetz  vorgesehenen  einschränkenden  Bestimmungen  über  die  Ve 
Ordnung.  58  Proz.  der  Aerzte  beantworteten  den  Fragebogen  und  wir  könnt 
wohl  annehmen,  dass  die  daraus  gewonnene  Statistik  ein  ziemlich  richtig' 
Bild  der  Ansichten  der  gesamten  Aerzte  der  Vereinigten  Staaten  gibt.  1 
möge  zunächst  noch  ganz  kurz  die  wichtige  Bestimmung  des  Verbotgesetz' 
für  die  ärztliche  Verordnung  angeführt  werden: 

Jeder  vorschriftsmässig  zur  Berufsausübung  zugelassene  und  berufstätij 
Arzt  kann  auf  Antrag  einen  Erlaubnisschein  erhalten,  der  ihm  das  Rec 
gibt,  in  einem  Vierteljahr  100  Verordnungen  auszugeben,  von  welchen  keil 
mehr  wie  %  Liter  Branntwein  betragen  darf  und  zwar  darf  er  für  e 
und  dieselbe  Person  innerhalb  von  10  Tagen  nur  einmal  diese  Menge  ve 
ordnen.  Ausserdem  kann  er  für  persönliche  Abgabe  an  seine  Kranken  b 
zu  etwa  6 'A  Liter  im  Jahr,  für  Laboratoriumszwecke  bei  Nachweis  d' 
Bedarfes  jede  notwendige  Menge  erhalten,  wenn  er  sich  verpflichtet,  s 
nicht  zu  Trinkzwecken  verwenden  zu  lassen.  Nun  besteht  i  allerdings  e 
grosser  Missstand  darin,  dass  neben  diesem  Gesetz  auch  noch  einzel 
staatliche  Vorschriften  Geltung  haben,  die  zum  Teil  viel  strenger  sind,  i 
erlauben  7  Staaten  überhaupt  keine  Verordnung  von  Alkohol. 

Die  Frage,  ob  Branntwein  ein  notwendiges  Arzneimittel  sei,  b 
antworten  51  Proz.  mit  „Ja“  und  über  49  Proz.  mit  „Nein“.  Die  Anwendui 
wird  zu  etwa  75  Proz.  begründet  bei  Lungenentzündung,  Influenza  und  anden 
Infektionskrankheiten,  dann  folgen  mit  etwa  35  Proz.  Alterskrankheiten  ui 
Schwächezustände,  weiter  mit  etwa  10  Proz.  Rekonvaleszenz,  Diabetes,  Her 
fehler  und  Schock.  Es  ergab  sich,  dass  für  die  Beantwortung  hauptsächh 
die  Lehrbücher  herangezogen  wurden.  Die  gleiche  Frage  wird  für  Bit 
mit  26  Proz.  „Ja“  und  74  Proz.  „Nein“  beantwortet.  Merkwürdigerwei 
wird  hier  an  erster  Stelle  die  Wirkung  als  Laktagogum  angeführt,  eine  A 
schauung,  die  vielleicht  aus  der  alten  deutschen  Literatur  herübergenomtm 
ist;  weiterhin  wird  es  verwendet  in  der  Rekonvaleszenz,  bei  Anämien  ui 
Dyspepsien.  Aehnlich  ist  die  Verteilung  der  Stimmen  für  Wein,  nämlb 
32  Proz.  „Ja“  und  68  Proz.  „Nein“,  als  Anwendungsgebiete  gelten  dieselb 
wie  für  Bier,  eine  grössere  Rolle  spielt  er  als  Ersatz  für  Branntwein. 

Weiterhin  wird  gefragt,  ob  sich  in  der  Praxis  Fälle  ereignet  hätte 
wo  die  Durchführung  des  Verbotgesetzes  unnötig  Leiden  oder  auch  Todesfä 
verursacht  habe.  Es  antworten  22  Proz.  mit  „Ja“  und  78  Proz.  mit  „Nein 
Das  Ergebnis  überrascht  zunächst  sehr.  Den  Hauptanteil  macht  anscheine; 
die  Vergiftung  durch  auf  unerlaubte  Weise  hergestellte  und  bezogene  Alkoho 
namentlich  Methylalkohol,  aus.  Der  erste  Begriff  scheint  auch  von  manch 
Aerzten  ziemlich  weit  gefasst  worden  zu  sein,  denn  es  sind*  auch  humoristisc 
Antworten  eingelaufen.  Merkwürdigerweise  berichten  auch  Aerzte  von  Uj 
nötigen  Leiden,  welche  selbst  Branntwein  verordnet  haben,  so  dass  c 
Deutung  der  Ergebnisse  zu  dem  Schlüsse  kommt,  dass  bei  der  Beantwortu 
dieser  Frage  ebenso  soziale,  moralische  und  politische  Gesichtspunkte  ma; 
gebend  gewesen  seien  als  ärztliche  und  wissenschaftliche. 

Eine  weitere  Frage  stellt  fest,  wieviel  Aerzte  eine  Verordnung  v> 
Branntwein,  Bier  oder  Wein  für  ratsam  gehalten  haben.  Es  sind  für  Bram 
wein  44  Proz.,  für  Bier  13  Proz.,  für  Wein  21  Proz.,  wobei  noch  zu  b 
denken  ist,  dass  diese  Frage  nur  von  etwa  zwei  Drittel  beantwortet  wurc 
Der  Hauptgrund  dafür  ist,  dass  nur  ein  kleiner  Teil  der  Aerzte  überhau 
Erlaubnisscheine  besitzen,  nämlich  etwa  25 — 30  Proz.  Diese  erstaunli 
niedrige  Zahl  erklärt  sich,  wie  einzelne  Bemerkungen  zeigen,  daraus,  da 
ein  grosser  Teil  auch  von  Aerzten,  welche  die  Anwendung  von  Alkol 
nicht  grundsätzlich  ablehnen,  gegen  die  Erlaubnisscheine  ist,  einerseits  i 
sich  dem  Drängen  der  Kranken  sowie  auch  alten  Freunden  zu  entziehe 
dann  aber  auch  aus  allgemeinen  Berufsinteressen;  sie  wehren  sich  dagegt 
dass  der  Arzt  zum  „Schenkwirt“  gemacht  wird. 

Schliesslich  wird  noch  gefragt  nach  den  Erfahrungen  bezüglich  d 
Menge  der  Verordnungen,  ob  die  Zahl  höher  oder  niedriger  wie  100 
Vierteljahr  sein  soll  bzw.  ob  überhaupt  eine  Einschränkung  bestehen  sc 
57  Proz.  sind  für  Einschränkung  in  irgendwelcher  Form.  Von  diesen 
der  grösste  Teil  für  die  Zahl,  wie  sie  schon  besteht,  nur  2  Proz.  si 
für  mehr  als  100  Verordnungen.  Zur  Begründung  dieser  Antworten  werd 
die  verschiedensten  Gründe  angeführt,  es  lassen  sich  etwa  3  Hauptgrupp 
unterscheiden:  Einzelne  Aerzte  sind  entschiedene  Gegner  des  Gesetzes  üb; 
haupt,  sie  berichten  davon,  dass  heimlich  getrunken  wird,  dass  der  Bez 
von  Alkohol  auf  ungesetzlichem  Wege  in  manchen  Gegenden  sehr  ieitj 
sei  usw.  Ein  sehr  grosser  Teil  ist  für  eine  Beschränkung,  da  er  schlimil 
Erfahrungen  mit  skrupellosen  Kollegen  gemacht  hat,  die  sich  aus  den  Vtj 
Ordnungen  ein  einträgliches  Geschäft  machen  und  so  das  Ansehen  des  Berul 
gefährden,  eine  3.  Gruppe  endlich  ist  vom  Standpunkt  der  ärztlichen  u' 
wissenschaftlichen  Freiheit  aus  gegen  eine  Beschränkung.  Sie  steht  auf  d<i 
Standpunkt,  dass  jedem  Arzt  erlaubt  sein  muss,  die  Mittel,  die  er  für  ml 
wendig  hält,  anzuwenden  und  wehrt  sich  gegen  jede  Einschränkung  dun 
Gesetzev  die  noch  dazu  ohne  Zuziehung  der  Aerzte  erlassen  worden  seit 
Vielfach  klingt  uns  aus  diesen  Aeusserungen  das  amerikanische  Freihei 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


377 


ärz  19 22. 

.  ————— 

l.stsfein  entgegen,  so  wenn  ein  81  jähr.  Arzt,  der  55  Jahre  in  der  Praxis 
•  und  nie  während  dieser  Zeit  Alkohol  verordnet  hat,  dennoch  feststem. 
<  hre  sich  entschieden  gegen  jede  Beschränkung  eines  Arztes  in  der  An- 
ng  eines  für  notwendig  gehaltenen  Mittels. 

,s  ist  ganz  unmöglich  auf  die  grosse  Zahl  von  persönlichen  Be- 
■  ngen  einzugehen,  die  vielfach  viel  deutlicher  sprechen  als  die  Zahlen, 
efassen  sich  namentlich  mit  Vorschlägen  zur  Beseitigung  von  Miss- 
i  n  und  zur  möglichst  sicheren  Durchführung  des  Gesetzes.  Anscheinend 
er  grösste  Teil  der  Aerzte  für  den  Alkohol  dieselben  BestimmtKjgen 
,  wie  über  den  Bezug  und  die  Anwendung  anderer  Narkotika.  Vielfach 
j  sie  auch  erkennen,  dass  ein  grosser  Teil  der  Aerzte  sich  noch  nicht 
;t  über  die  Möglichkeiten,  die  ihm  zur  Verfügung  stehen  für  den  Bezug 
lUkohol,  namentlich  für  Laboratoriumszwecke. 

n  grossen  und  ganzen  können  wir  der  Statistik  entnehmen,  dass  die 
iaht  der  amerikanischen  Aerzte  zwar  viel  an  den  sie  betreffenden  Ver- 
lgen  auszusetzen  hat.  dem  Verbot  an  sich  aber  wohlwollend  gegen- 
|  eht  und  dass  jedenfalls  der  grösste  Teil  die  eigenen  Wünsche  und 
igen  zurücktreten  lässt  hinter  die  grossen,  das  Wohl  und  Wehe  der 
jieinheit  berührenden  Fragen  der  Volksgesundheit  und  der  Hebung  der 

Graf. 


Alastrim. 

l  den  Public  Health  Reports  berichtet  der  Quarantänearzt  Rücker 
Alastrim,  eine  Spielart  der  Blattern,  die  auch  Varioloid-varicella  und 
•  Blattern  genannt  wird.  Es  handelt  sich  um  eine  akute  Infektionskrank- 
on  grosser  direkter  und  indirekter  Infektiosität  für  alle  Lebensalter 
fassen,  die  den  Blattern  ähnelt  und  wohl  als  mildere  Variation 
ben  aufzufassen  ist.  Ein  Erreger  ist  bisher  nicht  bekannt  geworden; 
ntlich  wurden  Guarnieri  sehe  und  Prowazek  sehe  Körperchen  im 
gefunden.  Die  Beeinflussung  der  Alastrim  durch  Vorausgehen  erfolg- 
r  Impfung  oder  des  Leidens  selbst  entspricht  dem  Verhalten  der 
a  in  solchen  Fällen.  Erschwert  wird  die  Differentialdiagnose  durch 
iufige  Zusammentreffen  der  Alastrim  mit  Epidemien  von  Blattern  oder 
ilattern.  Als  Sitz  des  Erregers- nimmt  man  den  Schleim  der  Nasen- 
ihöhle  an.  ohne  indes  über  Beweise  hiefür  zu  verfügen.  Die  Letalität 
t  nur  0,5 — 1  Proz.  Man  pflegt  bei  der  Obduktion  ausser  o'berfläch- 
Pusteln  auch  solche  am  Gaumen,  im  Rachen,  in  Trachea  und  Bronchien 
iden.  Manchmal  besteht  subkutanes  Oedem,  das  im  Gesicht  be- 
s  heftig  sein  kann.  Die  Hauteruptionen  erscheinen  als  Papeln,  die 
dlmählich  vertiefen,  verkrusten  und  abschuppen  und  die  schliesslich 
Zurücklassung  deutlicher  Pigmentierung  aber  ohne  erheblichere  Narben- 
g  abheilen. 

orausgehende  Impfung  mit  Alastrim  verhindert  das  Angehen  von 
npfpocken,  ein  Beweis  für  die  enge  Verwandtschaft  von  Alastrim  und 

a: 

ifferentialdiagnostisch  kommt  gegenüber  Variola  bzw.  Varizella  in  Be- 
die  Milde  und  Gutartigkeit  der  Krankheit,  die  in  den  meisten  Fällen 
ymptomloser  Inkubationszeit  von  14  Tagen  ohne  eigentliches  Krankheitsge- 
ippetitlosigkeit,  Delirien  und  meist  auch  Schmerzen  verläuft,  soweit  nicht 
ltene  Lokalisation  der  Blattern  in  Hals,  und  Rachen  oder  an  den  Hand- 
ussflächen  stärkere  Beschwerden  verursacht.  Die  Hauteruptionen  er- 
en  sich  auf  Gesicht,  Kopfhaut,  Rumpf  und  Extremitäten  und  sind  somit 
verstreut  als  bei  den  eigentlichen  Blattern  und  unterscheiden  sich 
esen  insbesondere  auch  durch  das  Fehlen  einer  Nabelung. 

’ie  Behandlung  ist  symptomatisch,  sie  hat  für  gute  Pflege  und  hygieni- 
Massnahmen  gegen  Ausbreitung  der  Krankheit  zu  sorgen. 

■  •; ' 

Therapeutische  Notizen. 

lax  Bürg  er -Kiel  (Med.  Klinik)  teilt  ausgedehnte  Untersuchungen 
die  experimentellen  Grundlagen  einer  Arbeits- 
apie  des  Diabetes  mit. 

ach  seinen  systematischen  Untersuchungen  konnte  er  dreierlei  fest- 

.  Dass  die  vermehrte  Arbeit  auch  beim  Diabetiker  einen  gesteigerten 
rverbrauch  zur  Folge  hat.  Es  kommt  im  Anschluss  an  die  Muskel- 
zum  Absinken  des  Plasmazuckers  und  zur  Verminderung  der  Zucker- 
leidung,  im  Urin. 

.  Dass  ungewohnte  und  mit  psychischen  Alterationen  verbundene  Arbeit 
ich  wirkt  und  zu  einer  Hyperglykämie  führt. 

.  Dass  es  ratsam  ist,  jedem  Diabetiker  neben  diätetischen  Vorschriften 
genaue  Massnahmen  für  sein  körperliches  Verhalten  zu  geben. 

;s  ist  im  einzelnen  Falle  nicht  leicht  zu  entscheiden,  welche  Art  von 
dbetätigung  für  den  Patienten  die  richtige  ist,  ob  einförmige  Muskel- 
en  oder  vermehrte  Muskelarbeit.  Dieses  kann  oft  nur  durch  Be¬ 
tungen  und  auf  Grund  zahlreicher  Erfahrungen  entschieden  werden. 
Halbmonatsh.  1921,  20  u.  21.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 

.  H  e  i  s  s  e  r  -  Oschersleben  (Bode)  teilt  seine  Erfahrungen  über  die 
binierte  Milch-Sanarthritbehandlung  chronischer 
iritiden  mit.  Es  handelt  sic-h  um  solche  Fälle,  bei  denen  die  isolierte 
thrit-  und  Proteinkörpereinverleibung  keine  günstigen  Erfolge  erzielt 
Erst  die  Kombination  beider  Mittel,  an  einem  Tage  gegeben,  brachte 
Uten  Heilerfolge.  Die  Behandlung  geschieht  in  folgender  Weise:  Am 
;n  des  Behandlungstages  bekommt  der  Patient  10  ccm  im  Wasserbad 
hter  Kuhmilch  intraglutäal  injiziert.  Auf  der  Höhe  der  darauf  fast  regel- 
S.  erfolgenden  Fieberreaktion,  meist  3  Stunden  nach  der  Milchinjektion, 
1  tem  Sanarthrit  intravenös  eingespritzt.  Nach  dieser  2.  Einspritzung 
meist  die  Temperatur  noch  um  1  0  und  der  Patient  bekommt  ein  starkes 
tefühl  und  Sensationen  in  dem  erkrankten  Gelenk.  Die  Temperatur  ist 
ächsten  Morgen  abgefallen  und  oft  kann  man  schon  nach  der  einen 
ion  eine  bedeutende  Besserung  bemerken.  In  der  Regel  soll  der  Patient 
3,  in  Pausen  von  3 — 4  Tagen  gemachten,  kombinierten  Injektionen  voll¬ 
en  beschwerdefrei  sein. 

I  e  i  s  s  e  r  erklärt  die  Wirkung  der  kombinierten  Injektionen  in  der 
j.  dass  durch  die  Milchinjektion  eine  allgemeine  Leistungssteigerung  des 
1  ismus  erreicht  wird,  während  man  dem  Sanarthrit  eine  spezifische 
bng  auf  das  erkrankte  Gelenk  zuschreiben  muss.  (Ther.  Halbmonats- 
*  *921,  17.)  H.  T  h  i  e  r  r  y. 


Bund  deutscher  Assistenzärzte. 

1.  Als  neue  provinzielle  Untergruppe  des  B.  D.  A.  hat  sich  der  Bund 
ostpreussischer  Assistenzärzte  gebildet.  Vorsitzender  ist  Dr.  B  i  1  I  i  m  z  i  k, 
Königsberg  in  Preussen,  Wilhelmstrasse  8. 

Die  Gründung  einer  Ortsgruppe  Bonn  ist  in  die  Wege  geleitet. 

2.  Auf  das  Schreiben  des  Vorstandes  an  den  Verband  der  Fachärzte 
Deutschlands  ist  eine  Antwort  eingelaufen,  die  sich  in  der  Facharztfrage 
in  wesentlichen  Punkten  der  Auffassung  des  B.  D.  A.  nähert. 

Mit  der  Stellungnahme  zu  dem  neuen  Entwürfe  des  B.  d.  F.  D.  von 
Richtlinien  zur  Anerkennung  von  Fachärzten  und  ihrer  Zulassung  zur  kassen¬ 
ärztlichen  Tätigkeit  ist  der  Vorstand  des  B.  D.  A.  zurzeit  beschäftigt. 

Zwecks  Gründung  eines  Kartells  mit  dem  B.  d.  F.  D.  wurde  der  Vor¬ 
sitzende  des  B.  D.  A.  zu  der  nächsten  Vorstandssitzung  des  B.  d.  F.  D. 
(voraussichtlich  im  März  in  Kassel)  eingeladen. 

Der  B.  d.  F.  D.  hat  sich  bereit  erklärt,  in  der  nächsten  Nummer  der 
fachärztlichen  Mitteilungen  einen  erneuten  Hinweis  auf  zeitgetnässe  Besoldung 
der  Assistenten  und  Vertreter  bei  Privatfachärzten  zu  bringen. 

Wünsche  und  Anregungen  der  Ortsgruppen  betr.  der  Fächarztfrage  sind 
dem  Vorstande  willkommen. 

3.  Die  Anstellung  eines  besoldeten  Geschäftsführers  durch  den  L.  V.  wurde 
gemäss  dem  Beschlüsse  des  diesjährigen  Vertretertages  mit  aller  Energie 
betrieben,  scheiterte  aber  bisher  an  der  Geldfrage.  Nunmehr  hat  sich  der 
L.  V.  bereit  erklärt,  die  Kosten  zu  übernehmen. 

4.  Die  von  mehreren  Ortsgruppen  neuerdings  erhobene  Forderung,  dass 
Stellenangebote,  die  unter  den  Forderungen  des  B.  D.  A.  bleiben,  vom  L.  V. 
nicht  mehr  in  die  Stellentafel  aufgenommen  werden  sollen,  lässt  sich  in 
der  Form  nicht  durchführen,  weil  die  Stellenangebote  sonst  in  die  Tages¬ 
zeitungen  abwandern  würden,  wo  jede  Kontrolle  fehlt  und  sich  leider  immer  » 
ncch  genug  Kollegen  finden,  die  um  jeden  Lohn  arbeiten.  Die  Stellen¬ 
vermittlung  des  L.  V.  hat  sich  bereit  erklärt,  die  Einsender  von  Stellen¬ 
angeboten  auf  die  Forderungen  des  B.  D.  A.  aufmerksam  zu  machen. 

5.  Die  Anfang  Januar  ausgesandten  Fragebogen  sind  bei  weitem  noch 
nicht  alle  an  die  Geschäftsstelle  zurückgelangt.  Die  säumigen  Ortsgruppen 
werden  dringend  gebeten,  die  Fragebogen  baldigst  zurückzuschicken. 

Sämtliche  Zuschriften  sind  unter  Beifügung  von  2  Mark  Rückporto  zu 
richten  an  die  .Geschäftsstelle  des  B.  D.  A.,  Leipzig,  Dufourstr.  18/2. 

Dr.  Kortzeborn,  1.  Vorsitzender. 


Studenten  belange. 

Ordentlicher  Kreistag  des  Hochschulkreises  Bayern. 

Ani  5.  Februar  1922  fand  in  München  der  zweite  ordentliche  Kreistag 
des  Hochschulkreises  Bayern  statt.  Die  Stellungnahme  des  Kreises  zur 
Notverfassung  wurde  hierbei  durch  folgende  Beschlüsse  festgelegt: 

1.  „Der  ordentliche  Kreistag  lehnt  neuerdings  die  am  18.  Januar  1922 
in  Göttingen  zustande  gekommene  Notverfassung  ab  und  bestätigt  vollinhalt¬ 
lich  die  Beschlüsse  des  letzten  ausserordentlichen  Kreistages.“ 

2.  „Der  ordentliche  Kreistag  des  Hochschulkreises  Bayern  vom  5.  II.  1922 
schliesst  sich  in  der  Stellungnahme  zur  Notverfassung  dem  Beschluss  des 
ausserordentlichen  Kreistages  vom  22.  1.  1922  an.  Er  erklärt  jedoch,  dass 
der  Hochschulkreis  Bayern  bereit  ist,  die  Notverfassung  als  Entwurf  zu  be¬ 
trachten,  und  bei  Wahrung  des  legalen  Weges  sie  zur  Grundlage  neuer 
Verhandlungen  zu  machen.“ 

3.  „Die  unterfertigten  Kreise  bzw.  Einzelstudentenschaften  schliessen  sich, 
insolange  noch  ein  Teil  der  deutschen  Studentenschaft  gewillt  ist,  zur  allein 
rechtmässigen  Göttinger  Verfassung  von  1920  zurückzukehren,  zu  einer 
„Arbeitsgemeinschaft  der  verfassungstreuen  deutschen  Studentenschaften“ 
zusammen,  zum  Zwecke  gemeinsamer  Weiterarbeit  im  Sinne  dieser  Ver¬ 
fassung.  Studentenschaften,  die  nicht  einem  der  unterfertigten  Kreise  ange¬ 
hören.  treten  als  Einzelstudentenschaften  bei.“ 

Zu  der  Bekanntmachung  des  bayerischen  Staatsministeriums  über  die 
Bildung  von  Studentenschaften  an  den  bayerischen  Hochschulen  schloss  sich 
der  Kreistag  dem  Einspruch  der  Lyzeen  wegen  der  Nichteinbeziehung  in 
das  Bayerische  Studentenrecht  einstimmig  an  und  beauftragte  das  Kreisamt. 
Unterhandlungen  mit  dem  Ministerium  für  Unterricht  und  Kultus  in  dieser 
Angelegenheit  zu  pflegen.  v.  V. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  8.  März  1922. 

—  Das  französische  Ehrenmitglied  der  Deutschen  Gesellschaft 
für  Kinderheilkunde,  Herr  H  u  t  i  n  e  1,  und  die  korresp.  Mitglieder 
dieser  Gesellschaft,  Herren  Comby  und  Marfan,  haben  durch  Schreiben  an 
den  Vorsitzenden  der  Gesellschaft  vom  2.  II.  1922  ihren  Austritt  aus  der  Gesell¬ 
schaft  erklärt.  Das  geschieht,  ohne  jede  Angabe  von  Gründen,  nahezu 
8  Jahre  nach  Kriegsbeginn  und  3  Jahre  nach  Friedensschluss.  Man  fragt  sich 
vergebens,  was  die  Herren,  nachdem  sie  solange  die  Schmach,  einer  deutschen 
wissenschaftlichen  Gesellschaft  anzugehören,  ertragen  haben,  jetzt  noch  zu 
einem  solchen  Schritt  veranlassen  konnte.  Mag  sein,  dass  er  ihnen  von  ihren 
Landsleuten  hoch  angerechnet  wird;  in  der  übrigen  Welt,  die  sich  von  der 
Kriegspsychose  allmählich  zu  befreien  beginnt,  wird  diese  verschärfte  Fort¬ 
setzung  des  Krieges  auf  wissenschaftlichem  Gebiet  den  übelsten  Eindruck 
machen. 

—  Die  Deutsche  Medizinische  Gesellschaft  in 
Chicago  (über  deren  reges  wissenschaftliches  Leben  unsere  Leser  durch 
ihre  in  d.  W.  erscheinenden  offiziellen  Berichte  unterrichtet  sind)  hat  be¬ 
schlossen,  in  diesem  Jahre  zugunsten  wissenschaftlicher  Institute  Deutsch¬ 
lands  und  Deutsch-Oesterreichs  auf  ihr  übliches  Jahresessen  zu  verzichten, 
ln  dem  betreffenden  Aufruf  an  die  Mitglieder  heisst  es:  „Die  Deutsche  Medi¬ 
zinische  Gesellschaft  von  Chicago  macht  es  sich  zu  einer  ihrer,  vornehmsten 
Aufgaben,  auch  hierbei  tatkräftig  mitzuhelfen.  Gerade  jetzt,  wo  alles  Mög¬ 
liche  von  den  ehemaligen  Feinden  versucht  wird  und  nichts  ungetan  bleibt, 
um  unser  geliebtes  altes  Vaterland  nicht  nur  politisch  sowie  wirtschaftlich  zu 
ruinieren,  lässt  man  auch  nichts  unversucht,  um  der  deutschen  Wissenschaft 
den  Gnadenstoss  zu  versetzen.  Wie  schon  früher  mitgeteilt,  arbeitet  die 
französische  geistige  Propaganda,  von  unaufhörlichen  Geldmitteln  unterstützt 


378 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


und  wohl  organisiert,  eifrig  fort,  dieses  Ziel  zu  erreichen.  Dazu  dürfen  wir 
es  nie  und  nimmer  kommen  lassen.  Diesem  verwerflichen  Unternehmen 
wollen  auch  wir  deutsche  Kollegen  hier  in  Amerika  mit  aller  uns  zu  Gebote 
stehenden  Macht  uns  entgegenstemmen.“  Als  Ergebnis  dieses  Aufrufs  ist  be¬ 
reits  eine  erhebliche  Summe  eingegangen,  die  dem  serologischen  Institut  der 
Münchener  psychiatrischen  Klinik  zur  Verfügung  gestellt  wird.  Weitere  Be¬ 
träge  sollen  folgen.  Wir  danken  den  deutschen  Kollegen  in  Chicago  für 
diesen  Beweis  von  Anhänglichkeit  an  die  alte  Heimat. 

—  Als  jüngsten  Niederschlag  seiner  sanitären  Studien  in  Ost¬ 
europa  (vergl.  Nr.  4,  S.  141)  bringt  der  Völkerbund  neuerdings  einen  Ueber- 
sichtsbericht  heraus,  der  in  weitgehendem  Maasse  das  in  Nr.  7,  S.‘  259 
referierte  traurige  Bild  bestätigt,  das  Nansen  auf  der  Januartagung  des 
internationalen  Hilfskomitees  für  Russland  von  der  Lage  in  den  Hunger¬ 
gebieten  entrollt  hatte,  ln  diesem  Völkerbundberichte  wird  als  Grenze  des 
Hungergebietes,  das  30 — 33  Millionen  Einwohner  umfasst,  angegeben:  Perm, 
Kasan,  Ufa,  Simbirsk,  Samara,  Saratow,  Tsaritsin,  Astrachan,  bis  zur  Krim, 
zur  Georginischen  und  Armenischen  Grenze;  die  Donprovinz  ist  ganz,  die 
Südukraine  teilweise  mit  eingeschlossen.  Ungeheuer  ist  die  Zahl  der  Fleck¬ 
fieberfälle,  sie  werden  für  die  russische  und  ukrainische  Sowjetrepublik  auf 
zusammen  etwa  20  Millionen  im  Jahre  1919  und  auf  6 — 7  Millionen  ein¬ 
schliesslich  Rückfallfieber  im  Jahre  1921  geschätzt.  Gegen  Ende  des  Sommers 
befanden  sich  die  Epidemien  im  Abflauen,  aber  schon  im  Herbste  liess  sich 
mit  dem  Einsetzen  einer  Flüchtlingswoge  aus  den  vom  Hunger  bedrohten 
Gebieten  ein  neuerliches  Anschwellen  der  Epidemien  bemerken,  die  immer 
zahlreicher,  mannigfacher  und  weitverbreiteter  wurden,  je  mehr  die  Flücht¬ 
lingsbewegung  um  sich  griff,  neue  Massen  vor  sich  her  schob  und  je  weniger 
die  günstiger  gestellten  Landschaften  es  vermochten  für  das  leibliche  Wohl 
der  wachsenden  Gästeschaar  zu  sorgen.  Nunmehr  ist  es  so  weit  gekommen, 
•  dass  bereits  der  polnische  Sanitätskordon  durchbrochen  ist,  wie  die  rasch 
ansteigenden  Ziffern  von  Fleckfieber  und  Rekurrens  in  Nowogrodek, 
Polesien,  Wolhynien,  Lublin,  Wilna,  Brest-Litowsk,  ja  selbst  in  Warschau 
beweisen.  Auch  im  Umkreis  von  Bromberg  ist  eine  isolierte  Epidemie  auf¬ 
getreten.  Rückgewanderte  deutsche  Kolonisten  haben  in  Frankfurt  a.  O. 
Typhus  eingeschleppt,  heimkehrende  Kriegsgefangene  in  Riga  und  Narwa. 
Wenn  auch  solche  verstreute  Epidemieherde  an  sich  nichts  ungewöhnliches 
sind,  so  sind  sie  doch  im  Zusammenhang  mit  dem  konzentrisch  um  sich 
fressenden,  weiter  und  weiter  vordringenden  Seuchenmeer  im  Innern  Russ¬ 
lands  geeignet,  die  grosse  Gefahr  zu  beleuchten,  die  Mitteleuropa  von  dort 
droht. 

—  Im  englischen  Unterhaus  teilte  der  Gesundheitsminister,  Sir  A.  M  o  n  d, 
auf  eine  Anfrage  mit,  dass  die  Rockefellerstiftung  der  englischen  Regierung 
die  Summe  von  2  Millionen  Dollar  angeboten  habe  für  den  Bau  und  die 
Einrichtung  einer  Hygieneschule  in  London,  unter  der  Voraus¬ 
setzung,  dass  sie  die  Kosten  für  Personal  und  Betrieb  der  Anstalt  bis 
zu  einem  Betrag  von  25  000  Pfd.  St.  jährlich  übernimmt.  Die  Regierung 
hat  das  Anerbieten  angenommen  und  die  vorbereitenden  Schritte  zur  Aus¬ 
führung  des  Unternehmens  getan.  Aus  den  Mitteilungen  des  Ministers  er¬ 
fährt  man,  dass  die  Gründung  einer  solchen  Schule  schon  im  vorigen  Jahre 
von  dem  Committee  on  Post-Graduate  Medical  Education  in  London  in  Er¬ 
wägung  gezogen  war.  Da  aber  finanzielle  Schwierigkeiten  bestanden,  legte 
der  Minister  die  Frage  der  Rockefellerstiftung  vor,  die  jetzt  .dieser  An¬ 
regung  in  so  grosszügiger  Weise  entsprochen  hat.  Die  Schule  dient  der 
Krankheitsverhütung  im  weitesten  Sinne  und  ist  in  erster  Linie  bestimmt 
für  die  weitere  Ausbildung  der  im  Dienste  der  englischen  Regierung  und 
der  Kolonien  stehenden  Zivil-  und  Militärärzte,  aber  auch  für  entsprechend 
empfohlene  Aerzte  aus  allen  medizinischen  Zentren  der  Welt.  Sie  wird 
also  internationalen  Charakter  haben.  Es  bleibt  abzuwarten,  wie  weit  dieses 
Versprechen  eingelöst  werden  wird,  wenn  einst  auch  Deutsche  daraus 
Nutzen  ziehen  wollten. 

—  Im  englischen  Oberhaus  fand  die  2.  Lesung  eines  Gesetzes  statt,  das 
die  obligatorische  Prüfung  der  klinischen  Thermometer  vor¬ 
schreibt. 

—  Das  Deutsche  Rote,  Kreuz  in  Moskau  schreibt  uns:  In 
der  Bakteriologischen  Zentrale  des  Deutschen  Roten  Kreuzes  in  Moskau 
(Leiter  Herr  Dr.  H.  Z  e  i  s  s  -  Hamburg,  Tropeninstitut)  ist  ein  Lesesaal  er¬ 
öffnet,  in  welchem  nachstehende  deutsche  medizinische  Zeitschriften  aufliegen: 
Münchener  Medizinische  Wochenschrift,  Deutsche  Medizinische  Wochen¬ 
schrift,  Zeitschrift  für  ärztliche  Fortbildung,  Klinische  Wochenschrift,  Medi¬ 
zinische  Klinik,  Aerztliche  Rundschau.  Das  Lesezimmer  erfreut  sich  bei  den 
russischen  Aerzten  grosser  Beliebtheit  und  wird  stark  besucht. 

—  Die  Stelle  des  Stadtarztes  in  Herford  in  Westfalen  ist  dem  bis¬ 
herigen  Assistenten  an  der  Universitäts-Kinderklinik  in  Halle  a.  S.  Dr.  S  i  e  - 
b  e  r  t  übertragen  worden. 

—  Ein  Süddeutscher  Hochschulkurs  für  Jugend¬ 
fürsorge  findet  an  der  Universität  Tübingen  vom  18. — 26.  April  und 
auf  dem  H  e  u  b  e  r  g,  Kindererholungsheim  für  Württemberg  und  Baden,  vom 
26. — 30.  April  statt.  Der  Kurs  wird  insbesondere  für  Aerzte,  die  in  der 
Jugendfürsorge  mitzuwirken  haben,  von  grossem  Interesse  sein.  Die  gesund¬ 
heitliche  Fürsorge  (Säuglings-  und  Tuberkulosefürsorge,  schulärztliche  Für¬ 
sorge,  Psychologie  der  Kinder)  nimmt  einen  breiten  Raum  im  Kursplan  ein. 
Nähere  Auskunft  über  Einzelheiten  des  Kurses,  die  Unterbringung  in  den 
Kursorten  sowie  Stipendien,  die  zur  Verteilung  kommen  sollen,  erteilt  der 
Landesverband  für  Jugendfürsorge  in  Württemberg,  Stuttgart,  Kronenstr.  29 
und  das  Archiv  Deutscher  Berufsvorinünder  Frankfurt  a.  M.,  Stiftstrasse  30. 

—  Die  dritte  TagungfürVerdauungs-undStoffwechsel- 
krankheiten  findet  in  unmittelbarem  Anschluss  an  den  Kongress  für 
innere  Medizin  am  28.  und  29.  April  unter  dem  Vorsitz  des  Herrn  Geh. -Rat 
v.  N  o  o  r  d  e  n,  Frankfurt  a.  M.,  in  Bad  Homburg  statt.  Am  ersten  Tage 
wird  das  Thema  Gallenstein-Krankheiten  besprochen.  Re¬ 
ferenten:  Herr  L  i  c  h  t  w  i  t  z  -  Altona:  Aetiologie  und  Pathogenese  der  Stein¬ 
bildung;  Herr  Singer- Wien:  Klinik  und  interne  Behandlung  der  Steine; 
Herr  F.  W.  S  t  r  a  u  c  h  -  Halle  a.  S.:  Indikationen  zur  Gallensteinoperation 
vom  Standpunkt  des  Internisten;  Herr  V  o  e  1  c  k  e  r  -  Halle  a.S. :  Indikationen 
zur  Gallensteinoperation  vom  Standpunkt  des  Chirurgen.  Der  zweite  Tag 
wird  den  Beziehungen  zwischen  Störungen  der  Kreislaufs-  und  Verdauungs¬ 
organe  gewidmet  sein.  Referenten:  Herr  August  H  o  f  f  m  a  n  n  -  Düsseldorf 
und  Herr  von  den  Velden  -  Berlin,  von  denen  jener  die  Klinik,  dieser 
die  Pharmakologie  der  Frage  behandeln  wird.  Preis  der  Teilnehmerkarte 
(erhältlich  im  Kurhaus)  50  M.  Wohnungen  und  Auskünfte  durch  die  Kur¬ 
verwaltung. 


Nr. 

— 1 

—  Die  diesjährige  Generalversammlung  des  Deutschen  Zentr: 
komitees  zur  Erforschung  und  Bekämpfung  der  Krebi 
krank  heit  E.  V.  wird  mit  einer  wissenschaftlichen  Tagung  verbun, ■ 
sein,  welche  unter  Leitung  von  Geheimrat  Prof.  Dr.  K  o  1 1  e,  dem  Direk < 
des  Instituts  für  experimentelle  Therapie,  am  Sonntag,  den  23.  April  j 
Frankfurt  a.  M.  stattfinden  wird.  Die  Tagung  beginnt  vormittags  j 
10  Uhr  im  Institut  für  experimentelle  Therapie.  Als  Vorträge  sind  in  A 
sicht  genommen:  Prof.  Dr.  Ca  spar  i:  Betrachtungen  über  das  Kn-, 
Problem,  besonders  vom  Standpunkt  der  Immunität,  Dr.  Schwarz:  Tun, 
zellen  und  Tumoren,  Prof.  Dr.  Dessauer:  Physikalische  Gedanken  - 
Röntgentherapie  der  Karzinome,  Geheimrat  Prof.  Dr.  Seitz:  Erfahrun 
in  der  Strahlenbehandlung  von  Karzinomen  und  Sarkomen.  An  den  \ 
handlungen  können  ausser  den  Mitgliedern  des  Deutschen  Zentralkomit 
sämtliche  Aerzte  teilnehmen.  Anmeldungen  und  Anfragen  in  bezug 
Wohnung  etc  sind  an  Herrn  Prof.  Dr.  C  a  s  p  a  r  i,  Institut  für  experiment 
Therapie.  Frankfurt  a.  M„  Paul  Ehrlich-Strasse  44  zu  richten. 

- —  Die  diesjährige  Jahresversammlung  der  Gesellschaft  Der 
scher  Hals-,  Nasen  -  und  Ohrenärzte  wird  am  1.,  2.  und  3.  J 
unter  dem  Vorsitz  von  Herrn  Sanitätsrat  Dr.  Rudolf  P  a  n  s  e  -  Dresden 
Wiesbaden  stattfinden.  Anmeldungen  von  Vorträgen  und  Dem 
strationen  sind  an  den  Schriftführer:  Prof.  Dr.  Otto  K  a  h  1  e  r  -  Freiburg  i. 
Karlstr.  75  zu  richten. 

—  Am  21.  und  22.  April  findet  in  Mannheim  eine  Tagung  d 
Südwestdeutschen  Pathologen  statt,  bei  der  auch  Teilnal: 
von  Klinikern  erwünscht  ist.  Hauptthema:  1.  Lungenemphyse 
path.-anat.  Referent  Loeschcke--  Mannheim,  klin.  Referent  S  t  a  e  h  c  1  i 
Basel.  2.  Akute  gelbe  Atrophie  der  Leber:  path.-anat.  Refet 
He  rxheimer  -  Wiesbaden,  klin.  Referent  Umber-  Charlottenbi 
Auskünfte,  Anmeldungen  von  Vorzeigungen,  Besorgung  von  Wohnun 
durch  Dr.  Loeschcke  -  Mannheim,  Städt.  Krankenanstalten. 

—  Die  ärztliche  Gesellschaft  für  Sexuadwissensch; 
und  Eugenetik  in  Berlin  veranstaltet  eine  zweitägige  Sitzung 
25.  und  26.  März  im  grossen  Hörsaal  des  Zentralinstituts  für  Erziehung  i 
Unterricht,  Potsdamerstrasse  120,  mit  der  Tagesordnung:  Die  Mitarbeit 
Arztes  an  der  Bekämpfung  des  Geburtenrückganges. 

— •  Pest.  Italien.  Vom  17.  Oktober  bis  23.  November  v.  J.  1 
krankung  in  Rom.  —  Portugal.  Vom  27.  November  bis  3.  Dezember  v. 
5  Erkrankungen  und  2  Todesfälle  auf  der  Insel  St.  Michael  (Azoren):  v 
4.  bis  10.  Dezember  v.  J.  12  Erkrankungen  (und  3  Todesfälle),  davon 
Livramonto  2,  in  Ponta-Delgada  1,  in  Ribeira  Grande  9  (3).  —  Aegypl 
Vom  20.  November  v.  J.  bis  26.  Januar  d.  J.  29  Erkrankungen  (und  167  Tod 
fälle),  davon  in  Alexandrien  8  (3),  in  Suez  15  (9). 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich,  ln  der  Woche  vom  19. 
25.  Februar  wurden  3  Erkrankungen  mitgeteilt,  und  zwar  in  Berlin  1  und 
Durchgangslager  Kreckow  -bei  Stettin  2. 

—  In  der  6.  Jahreswoche,  vom  5.  bis  11.  Februar  1922,  hatten  ’ 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Aac 
mit  22,4,  die  geringste  Frankfurt  a.  M.  mit  9,7  Todesfällen  pro  Jahr  : 
1000  Einwohner.  Vöff.  R.-ü.-A 

Hochschulnachrichten. 

Breslau.  Dem  Privatdozenten  für  Dermatologie  und  Strahlenther; 
Dr.  Erich  Kuznitzky  wurde  die  Dienstbezeichnung  „ausserordentlic 
Professor“  verliehen,  (hk.) 

Frankfurt.  Dem  Privatdozenten  für  Chirurgie  und  Oberarzt  an 
chirurgischen  Klinik,  Dr.  med.  Karl  ProDping,  ist  die  Dienstbezeichn 
ausserordentlicher  Professor  verliehen  worden,  (hk.) 

Heidelberg  Dem  Privatdozenten  für  Psychiatrie  und  Oberarzt 
der  psychiatrischen  Klinik  Dr.  Albrecht  W  e  t  z  e  1  ist  die  Dienstbezeichn 
„ausserordentlicher  Professor“  verliehen  worden,  (hk.)  —  Als  Privatd02 
für  Chirurgie  habilitierte  sich  Dr.  Karl  Kleinschmidt,  Assistenzarzt 
chirurgischen  Klinik,  mit  einer  Probevorlesung  über  die  Blutgei; 
Chirurgie,  (hk.) 

Kiel.  Für  Dermatologie  und  Syphilis  habilitierte  sich  Dr.  Otto  G  rü 
Assistenzarzt  an  der  dermatologischen  Klinik,  mit  einer  Schrift  „Un. 
suehungen  über  die  Methodik  und  den  klinischen  Wert  der  Goldsolreakf 
im  syphilitischen  Liquor  cerebrospinalis“,  (hk.) 

Königsberg.  Prof.  Dr.  med.  Oskar  Bruns  in  Göttingen  hat  ei 
Ruf  an  die  Universität  Königsberg  als  Direktor  der  medizinischen  Poliklij 
als  Nachfolger  des  Geh.  Med. -Rats  J.  Schreiber  erhalten  und  an; 
nommen.  (hk.) 

Marburg.  In  die  Stelle  des  Direktors  des  Botanischen  Instituts 
Universität  Marburg  (Nachfolger  von  Geh.  Rat  Prof.  Arthur  Meyer)  wu 
Prof.  Dr.  Peter  C  1  a  u  s  s  e  n  -  Erlangen  berufen.  —  Zum  Nachfolger 
Prof.  Be  ss  au  im  Direktorat  der  Kinderklinik  wurde  Prof.  Freude 
b  e  r  g  -  Heidelberg  ernannt. 

Basel.  Prof.  E.  Hedinger,  Vorsteher  des  pathologischen  Instit; 
erhielt  einen  Ruf  als  Nachfolger  von  Busse  in  Zürich. 

Wien.  Mit  Genehmigung  des  Unterrichtsamtes  wurden  an  der  Wie1 
Universität  zugelassen:  Dr.  Adalbert  Fuchs  für  Augenheilkunde,  Dr.  Pe| 
W  a  1  z  e  1  für  Chirurgie  und  Dr.  Ernst  B  a  c  h  s  t  e  z  für  Augenheilkunde.  (1 
—  Das  Unterrichtsamt  hat  für  die  Dauer  der  Abwesenheit  -des  Hofr; 
Prof.  Dr.  A.  Lorenz  den  Privatdozenten  Dr.  Julius  Hass  mit 
Leitung  der  orthopädischen  Universitätsklinik  in  Wien  betraut,  (hk.) 

— - '  -  ■  f~j 

Korrespondenz. 

Die  angeblichen  Gefahren  des  Dämmerschlafes  bei  der  Geburt. 

Herr  O.M.R.  Dr.  G  r  a  s  s  1  legt  Wert  darauf,  Herrn  O  p  i  t  z  (d.  W.  Nr 
gegenüber  festzustellen,  dass  er  sich  gegen  die  wahllose  Anwendung  - 
Dämmerschlafes  ausgesprochen  -habe.  Dies  komme  zum  Ausdruck  in 
Worten:  ...  „so  ist  die  Einleitung  der  schmerzlosen  Geburt  ohne 
Original  gesperrt)  medizinische  Indikation“  .  . .  Bezüglich  der  lnanspri 
nähme  von  Priestern  zur  Suggestion  bei  Geburten  schreibt  uns  Herr  G  ras! 
„Die  Heranziehung  des  Geistlichen  zur  Spendung  der  kirchlichen  Trostmi 
in  Fällen  operativer  Geburtshilfe  mit  dem  Ziele  und  Erfolg,  dass  die 
bärende  bei  vollem  Bewusstsein  -die  Beschwerden  der  operativen  Entbind 
ruhig  erträgt,  und  die  Abwendung  der  normalen  Geburtsschmerzen  du 
,-  Einleitung  eines  Dämmerrausches  halten  einen  Vergleich  überhaupt  n 
I  aus.“  Schrift. 


V*rl»g  von  ].  F.  Lcbmann  in  München  S.W.  2,  Faul  Heyseatr.  26. 


Druck  von  E.  MfihlthaJer’s  Buch-  und  Kunatdruckeret,  M Aachen. 


ler  einzelnen  Nummer  3. —  u».  *  Bezugspreis  In  Deutschland 
und  Ausland  siehe  unten  unter  Bezugsbedingungen.  •  .  . 

genschluss  Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 


Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  6% — 1  Uhr), 
für  Bezug:  an  I.  F  Lehmanns  Verlag  Paul  Heyse-  trasse  26, 
für  Anzeigen:  L.  Waibel,  Anzeigen- Verwaltung,  Weinstr.  2/III. 


Iedizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


1.  17.  März  1922. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann.  Paul  Heyse-Strasse  26. 


69.  Jahrgang. 


3r  Verlag  behält  eich  dae  aueechlieeeliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Tuberkulose  und  Konstitution *). 

Von  Friedrich  Müller. 

/enn  wir  uns  mit  der  schwierigen  Frage  beschäftigen,  welchen 
ss  die  Konstitution  auf  den  Verlauf  einer  Tuberkulose  besitzt, 
issen  wir  suchen,  einen  festen  Punkt  zu  gewinnen,  von  dem  wir 
hen  können,  und  dieser  dürfte  in  der  Erkenntnis  liegen,  dass  die 
kulose  eine  Infektionskrankheit  ist.  —  Bei  den  Infek- 
rankheiten  ist  aber  nicht  allein  die  Tatsache  der  Infektion  mass- 
id.  sondern  auch  die  Widerstandskraft  des  Infizierten.  Der  Be¬ 
er  Virulenz  eines  Infektionserregers  ist  durchaus  relativ,  wie  z.  B. 
/erhalten  der  verschiedenen  Tierarten  gegenüber  den  Strepto- 
n  und  Pneumokokken  beweist.  Immer  liegt  eine  Wechselwirkung, 
impf  zwischen  dem  Infektionserreger  und  dem  infizierten  Organis- 
,-or.  Gilt  dieser  Satz  schon  für  Typhus  und  Diphtherie,  so  hat 
ch  in  viel  höherem  Grade  bei  der  Tuberkulose  Bedeutung,  deren 
if  nach  alter  Anschauung  hauptsächlich  abhängig  ist  von  der 
itution  des  Befallenen.  Der  Erfahrungssatz:  Phthisis  hereditaria 
m  pessima  kann  ja  nichts  anderes  bedeuten,  als  dass  die  von 
itern  ererbte  Körperbeschaffenheit  für  den  Verlauf  der  Krankheit 
gebend  sei.  Und  wenn  es  richtig  ist,  dass  vor  allem  ein 
eres  Zusammenleben  mit  einem  an  offener  Tuberkulose 
den  Kranken  gefährlich  sei,  so  würde  daraus  zu  schliessen  sein, 
auch  die  Empfänglichkeit  für  das  Haften  des  Tuberkelbazillus 
jederzeit  vorhanden  ist,  sondern  nur  zu  gewissen  Zeiten,  wo  der 
lismus  aus  irgendwelchem  Grunde  weniger  widerstandsfähig 
3ei  den  anderen  Infektionskrankheiten  genügt  ja  ein.  einmaliger 
kt,  um  die  Infektion  zustande  zu  bringen. 

obert  Koch  hat  freilich  den  Einfluss  der  Konstitution  auf  die 
kulose  geleugnet.  Vielleicht  weil  sich  seine  Experimente  haupt- 
;h  auf  das  empfänglichste  Tier,  das  Meerschweinchen,  bezogen 
.  Aber  schon  ein  Blick  auf  den  Hund,  bei  dem  die  Infektion  mit 
kelbazillen  nur  sehr  schwer  und  unter  Verwendung  grosser  Ba¬ 
nengen  gelingt,,  beweist,  dass  die  einzelnen  Tierarten  ganz  ver- 
len  auf  die  Infektion  mit  Tuberkulose  reagieren,  dass  also  ihre 
nglichkeit  oder  Widerstandskraft  sehr  ungleich  ist  und  ähnlich 
t  es  auch  bei  verschiedenen  Menschenrassen  zu  sein.  Unter 
iS  den  Tropen  stammenden  Truppen  der  Entente  scheint  während 
rieges  eine  beonders  bösartige  Form  der  Tuberkulose  gewütet 
)en  und  bei  manchen  dieser  Truppenkontingente  soll  es  sich  des- 
als  notwendig  herausgestellt  haben,  sie  heimzusenden.  —  In 
chland  scheint  mir  die  Tuberkulose  bei  der  Landbevölkerung 
;wegs  benigner,  eher  schlimmer  zu  verlaufen  als  bei  den  alt- 
iessenen  Städtebewohnern:  bei  diesen,  wie  auch  besonders  beim 
die  ja  oft  schon  seit  vielen  Generationen  den  Kulturschäden 
setzt  waren,  ist  die  Tuberkulose  zwar  sehr  häufig,  aber  sie  zeigt 
ifhilend  gutartigen  Verlauf. 

ie  Bedeutung  der  Konstitution  geht  vor  allem  auch  aus  den  Er¬ 
der  Therapie  hervor:  Während  die  Heilwirkung  der  spezifischen 
pie,  also  des  Tuberkulins,  jetzt  nach  30  Jahren,  noch  umstritten 
kann  diejenige  von  Sonne  und  frischer  Luft,  von  Hochgebirgs- 
und  reichlicher  Ernährung  keinem  Zweifel  unterliegen.  Diese 
ren  sind  aber  nicht  spezifisch,  sondern  sie  stärken  die  all¬ 
eine  Widerstandskraft. 

■'’as  ist  aber  Konstitution  und  woran  erkennen  wir,  ob  ein  Indivi- 
gegen  Infektionen  im  allgemeinen  und  gegen  diejenige  mit  Tuber- 
s  im  besonderen  widerstandsfähig  ist,  so  dass  eine  Infektion  mit 
kelbazillen  entweder  nicht  zustande  kommt  oder  günstig  verläuft? 
dir  haben  hier  zu  unterscheiden  1.  zwischen  Konstitution  im 

Fortbildungsvortrag. 

Vom  Tuberkulin  dürfen  wir  jetzt  wohl  annehmen,  dass  es  eine  Im- 
t  im  üblichen  Sinne  des  Wortes  nicht  erzeugt,  dagegen  glaubt  man, 
:s  die  zellulären  Abwehrprozesse  in  der  Umgebung  des  tuberkulösen 
js  steigert.  Gegen  diese  Anschauung  scheint  freilich  die  klinische  Er¬ 
ls  zu  sprechen,  welche  jede  ausgesprochene  Herdreaktion  zu  vermeiden 
:  -t.  Jene  starken  Herdreaktionen  an  der  Lunge,  welche  in  den  neun- 
Jahren  bei  den  damals  üblichen  grösseren  Tuberkulindosen  nicht 
'  beobachtet  wurden,  haben  nicht  die  erhoffte  feste  Abkapselung  und 
1  düng  des  Prozesses  erzeugt,  sondern  nicht  ganz  selten  eine  Disse- 
on  der  Tuberkulose,  also  offenbar  eine  Auflockerung  des  Herdes  zur 
8  gehabt.  Es  ist  möglich,  dass  bei  Anwendung  kleinster  Dosen  die 
1  re  Reaktion  günstiger,  anregend  und  umstimmend  verläuft. 

r  11. 


engeren  Sinne  des  Wortes,  also  der  von  Eltern,  Grosseltern  usw.  ver¬ 
erbten  Eigenschaften,  die  sich  auch  durch  eine  verminderte  Widerstands¬ 
fähigkeit  einzelner  Organe  äussern  kann,  und  2.  den  mannigfachen 
äusseren  Einflüssen,  welche  sich  im  Laufe  des  Lebens  geltend  ge¬ 
macht  'haben.  Die  Einwirkungen  letzterer  Art,  so  z.  B.  schlechte 
Ernährung  in  der  Kindheit  und  Wachstumsperiode,  Intoxikationen, 
schädliche  Folgen  vorangegangener  Infektionskrankheiten,  können  ein 
ursprünglich  gut  veranlagtes  Individuum  schliesslich  in  ein  weniger 
widerstandsfähiges  umwandeln  und  aus  einem  kräftigen  Kind  schliess¬ 
lich  einen  schwächlichen  Mann  machen.  Der  Habitus  ist  keine  ein  für 
allemal  feststehende  Grösse  und  kann  im  Laufe  des  Lebens,  nament¬ 
lich  während  der  Wachstumsperiode  durch  physiologische  und  patho¬ 
logische  Einflüsse  manche  Wandlungen  erfahren. 

Es  ist  eine  alte  Lehre,  dass  ein  bestimmter  Habitus,  der  Habitus 
phthisicus  zur  Lungenschwindsucht  disponieren  soll.  Dieser  Satz  ist 
von  Hippokrat.es  aufgestellt  worden,  und  Rokitansky  hat  den 
Habitus  phthisicus  näher  definiert:  das  wesentliche  davon  ist  die  man¬ 
gelhafte  Ausbildung  des  Thorax,  der  eine  zu  geringe  Kapazität  aufweist, 
vielfach  schmal,  manchmal  aber  auch  sehr  flach  und  dabei  doch  breit 
erscheint.  Dabei  ist  der  Hals  lang  und  die  Schulterblätter  stehen 
flügelförmig  ab.  Es  besteht  also  ein  Missverhältnis  zwischen  Körper¬ 
grösse  und  Brustumfang,  und  dieses  hat  Brugsch  in  die  folgende 

Formel  gebracht:  ^ru^umlails;.  X  100,  ajSQ  ^  ejliem  vollständig  Ge- 
Korperlange 

sunden  bei  einem  Brustumfang  von  80  cm  und  einer  Körperlänge  von 

160  cm  ergibt  sich  die  Zahl  50.  =  50.  Beträgt  dieser  Quotient 

50  bis  55,  so  ist  das  Verhältnis  als  normal  anzusehen,  ist  der  Quotient 
wesentlich  kleiner,  so  spricht  Brugsch  von  einem  hypoplastischen 
Thorax. 

Aber  alle  Versuche,  derartige  Typen  in  mathematische  Formeln  zu 
zwängen,  sind  bisher  gescheitert. 

Der  Habitus  phthisicus  von  Rokitansky  deckt  sich  in  seinen 
wesentlichen  Zügen  mit  demjenigen,  welchen  Stiller  als  Habitus 
asthenicus  beschrieben  hat,  sowie  auch  mit  dem  Status  hypoplasticus 
von  Bauer.  Wenn  wir  an  einem  grossen  Krankenmaterial  unter¬ 
suchen,  ob  bei  den  tuberkulösen  Kranken  in  der  Tat  der  Habitus 
asthenicus  in  überwiegender  Häufigkeit  angetroffen  wird,  und  ob  ander¬ 
seits  die  Leute  mit  asthenischem  Habitus  besonders  oft  tuberkulös 
werden,  so  fällt,  wie  auch  Friedrich  Kraus  betont  hat,  die  Antwort 
keineswegs  überzeugend  aus.  Auf  unsern  Phthisikerstationen  über¬ 
wiegen  keineswegs  die  Leute  mit  hypoplastischem  Thorax,  es  kommen 
sehr  häufig  prachtvoll  entwickelte  Brustkörbe  vor,  ganz  abgesehen  von 
der  keineswegs  seltenen  Emphysemphthise  mit  ihrem  übermässig  weiten 
Brustumfang. 

H.  Freund,  Hart  und  Bacmeister  haben  nicht  die  Hypo¬ 
plasie  des  Thorax  im  allgemeinen,  sondern  die  Enge  der  oberen  Brust¬ 
apertur  im  besonderen  angeschuldigt,  die  Gefahr  einer  tuberkulösen 
Spitzenaffektion  hervorzurufen,  und  zwar  sollte  die  Kürze  der  ersten 
Rippe,  also  die  Enge  des  ersten  Rippenringes  oder  auch  die  "Ver¬ 
knöcherung  des  ersten  Rippenknorpels  die  Lungenspitze  abschnüren,  in 
ihrer  Ausdehnungsfähigkeit  hemmen  und  dadurch  das  Haftenbleiben 
einer  Infektion  befördern.  Bacmeisters  Versuch  schien  diese  An¬ 
nahme  zu  bestätigen:  er  hatte  bei  jungen  Kaninchen  die  Lungenspitze 
mit  einer  Drahtschlinge  umschnürt  und  danach  eine,  sonst  bei  diesen 
Tieren  ungewöhnliche  Lokalisation  der  Tuberkulose  in  der  umschnür- 
ten  Spitze  eintreten  sehen.  Aber  diese  Tierversuche  Bacmeisters 
konnten  durch  Ivasaki,  der -unter  Kaufmanns  Leitung  arbeitete, 
nicht  bestätigt  werden.  Viel  wichtiger  ist  noch,  dass  Wencke- 
b  a  c  li 2)  bei  ausgedehnten  Untersuchungen  an-  Menschen  kein  be¬ 
merkenswert  häufiges  Zusammentreffen  zwischen  einer  Enge  und  Ver¬ 
knöcherung  der  ersten  Rippen  und  einer  Lokalisation  der  Tuberkulose  an 
dieser  Spitze  feststeilen  konnte.  Man  hat  gelernt,  dass  eine  frühere 
Verknöcherung  des  ersten  Rippenknorpels  zwar  bei  Spitzentuberkulose 
gar  nicht  selten  ist,  dass  aber  die  Verknöcherung  der  ersten  und  aller 
folgenden  Rippenknorpel  oft  viel  ausgesprochener  bei  chronischen 
Bronchitiden  vorkommt.  Man  muss  also  davor  warnen,  die  im  Röntgen¬ 
bild  leicht  erkennbare  Verknöcherung  des  ersten  Rippenknorpels  als 
einen  Hinweis  auf  eine  tuberkulöse  Erkrankung  aufzufassen. 

Während  des  Krieges  ist  man  darauf  aufmerksam  geworden,  wie 
häufig  Dämpfung  auf  einer  Lungenspitze  beobachtet  und  dadurch  der 


2)  Wenckebach:  Spitzentuberkulose  und  phthisischer  Thorax. 
W.kl.W.  1918  S.  379. 


3 


.180 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr 


Verdacht  auf  eine  Spitzentuberkulose  erweckt  wird  bei  Leuten,  welche  j 
eine  Skoliose  der  Hals-  und  der  oberen  Brustwirbelsäule  darbieten. 

H  e  i  n  e  k  e  konnte  ze;gen,  dass  eine  sehr  grosse  Zahl  von  Soldaten 
wegen  dieses  diagnostischen  Irrtums  fälschlich  für  tuberkulös  eiklärt 
und  monatelang  in  Heilstätten  verpflegt  worden  waren.  Nun,  bei  dieser 
häufigen  oberen  Skoliose  ist  in  der  Tat  die  eine  Lungenspitze  beengt 
und  trotzdem  ist  sie  meist  frei  von  Tuberkulose,  wie  überhaupt  nach 
französischen  Autoren  die  Tuberkulose  beider  Skoliose  selten  vorkommt. 

Die  grobmechanische  Auffassung,  als  ob  eine  Einschnürung  der 
Lungenspitze  zur  Infektion  mit  Tuberkulose  Veranlassung  gäbe,  muss 
also  fallen  gelassen  werden,  und  wir  wollen  uns  daran  erinnern,  dass 
die  Erklärung  schwieriger  Probleme  der  Biologie  fast  immer  zuerst  auf 
rein  mechanischem  Wege  versucht  wird,  bis  man  lernt,  dass  diesei 
nicht  hinreicht,  dass  das  Problem  viel  verwickelter  ist  und  dass  auch 
andere,  biologische  und  mehr  chemische  Fragen  hineinspielen. 

Ja,  der  mechanistischen  Erklärung  Freunds  von  der  prädispo¬ 
nierenden  Wirkung  eines  engen  ersten  Rippenrings  liegt  wohl  ein 
anatomisches  Missverständnis  zugrunde:  die  Lungenspitze  ragt  nicht 
wie  ein  Zipfel  über  das  Niveau  der  ersten  Rippe  in  einen  oberhalb 
dieser  gelegenen  Kuppelraum  vor,  und  sie  kann  infolgedessen  von  der 
ersten  Rippe  auch  nicht  abgeschnürt  werden.  Vielmehr  legen  sich 
Pleura  und  Faszie  mit  einer  ganz  schwachen  Wölbung  über  die  nach 
vorn  abfallende  Ebene  der  schrägliegenden  flachen  ersten  Rippe;  nur 
wenn  man  die  Lungenspitze  von  vorne,  besonders  auf  der  bildlichen 
Darstellung  betrachtet,  scheint  sie  über  das  Niveau  der  ersten  Rippe 
nach  oben  vorzuragen,  tatsächlich  überragt  sie  nur  ganz  wenig  die 
schräge  Ebene  der  ersten  Rippe. 

Das  Verhalten  des  knöchernen  Thorax  und  seine  Beziehungen  zur 
Körpergrösse  lassen  also  keinen  Schluss  zu  auf  die  Widerstandsfähigkeit 
gegen  die  Tuberkulose.  Wir  wollen  uns  darüber  klar  sein,  dass  bei 
dieser  Betrachtungsweise  nur  das  Knochenskelett  berücksichtigt 
ist,  wie  so  'häufig  bei  den  von  der  Anthropologie  und  der  Konstitutions¬ 
pathologie  aufgestellten  Maassen.  Das  ist  bei  der  Anthropologie  be¬ 
greiflich,  weil  diese  grösstenteils  nur  die  Knochenreste  ihren  Unter¬ 
suchungen  zugrunde  legen  kann.  Für  den  Arzt  ist  aber  der  Begriff 
der  Konstitution  keineswegs  mit  der  Betrachtung  des  Knochensystems 
erschöpft  und  die  Bezeichnung  „Habitus  asthenicus“  schliesst  auch  den 
Begriff  der  Kraftlosigkeit  und  Ermüdbarkeit,  also  das  Verhalten  der 
Muskulatur  in  sich.  Haben  nun  der  Muskelreichtum  und  die  Mus¬ 
kelkraft  nachweisbare  Beziehungen  zur  Widerstandsfähigkeit  gegen 
Tuberkulose?  Man  wird  dies  kaum  behaupten  können;  es  sind  oft  sehr 
kräftige,  ja  athletische  Individuen,  die  von  der  Krankheit  ergriffen  und 
dahingerafft  werden,  während  'gerade  muskelschwache  Individuen  oft 
bis  ins  hohe  Alter  von  der  Krankheit  verschont  bleiben.  Vielleicht  gibt 
eher  ein  gewisser  Fettreichtum  Schutz,  doch  darf  nicht  vergessen 
werden,  dass  die  Krankheit  schon  in  ihrem  Frühstadium  die  Ernährung 
schädigt,  und  dass  Magerkeit  und  Muskelschwäche  ebenso  wie  eine 
Thoraxverengerung  oft  die  Folgezustände,  nicht  aber  die  prä¬ 
disponierenden  Momente  der  Tuberkulose  sind. 

Gar  nicht  selten  findet  sich  eine  chronische  Tuberkulose  der 
Lungen,  besonders  aber  der  Lymphdrüsen  bei  solchen  jungen  Leuten, 
welche  körperlich  und  oft  auch  geistig  nicht  die  volle  Entwicklungs¬ 
reife  ihrer  Jahre  besitzen,  die  also  die  Kennzeichen  des  Infan  t  Häs¬ 
in  u  s  darbieten.  Dieser  Infantilismus  kann  auf  angeborener  Grundlage 
beruhen  und  die  Folge  einer  Keimschädigung  (Blastopht'horie)  sein,  z.  B 
bei  Trunksucht,  hohem  Alter  oder  schwerer  Krankheit  der  Eltern,  vor 
allem  bei  Syphilis  und  metasyphilitischer  Erkrankung  des  Vaters. 
Diese  allgemeine,  nichtspezifische  Keimschädigung  bei  den 
Kindern  der  Tabiker,  Paralytiker  und  Aneurysmatiker  ist  wohl  zu  unter¬ 
scheiden  von  der  kongenitalen  Syphilis  mit  ihren  bekannten  spezifi¬ 
schen  Erscheinungen.  Im  Gegensatz  zu  dieser  finden  wir  bei  der  nicht¬ 
spezifischen  allgemeinen  Keimschädigung  oft  ein  Zurückbleiben  auf  kör¬ 
perlichem  und  geistigem  Gebiet,  bisweilen  eine  gewisse  intellektuelle 
und  moralische  Minderwertigkeit,  ferner  Defekte  auf  sexuellem  Gebiet, 
ungenügende  Differenzierung  des  Geschlechts  mit  homosexuellen  Nei¬ 
gungen,  bis  zum  Pseudohermaphroditismus.  Manchmal  schwere  Ent¬ 
wicklungsstörungen  auch  auf  anderen  Gebieten,  z.  B.  Gaumenspalten, 
angeborene  Herzfehler^  fortschreitende  organische  nervöse  Degenera¬ 
tionen,  welche  z.  B.  das  Bild  der  multiplen  Sklerose  vortäuschen  können. 
Aber  ich  kann  nicht  sagen,  dass  bei  diesen  unglücklichen  Deszendenten 
syphilitischer  Eltern  etwa  die  Neigung  zur  Tuberkulose  besonders  aus¬ 
geprägt  oder  dass  deren  Verlauf  besonders  bösartig  wäre.  Vielmehr 
muss  die  häufige  Koinzidenz  des  Infantilismus  mit  der  Tuberkulose 
meines  Erachtens  anders  erklärt  werden:  Es  handelt  sich  meist  um 
Individuen,  bei  welchen  die  Anzeichen  der  Tuberkulose  bis  in  das 
frühe  Kindesalter  zurückverfolgt  werden  können,  bei  welchen  Drüsen¬ 
affektionen,  Bauchfelltuberkulose  oder  wenigstens  langdauernde  Fieber¬ 
zustände  im  Anschluss  an  Masern,  Scharlach  oder  Keuchhusten  be¬ 
standen  hatten.  Es  ist  als  ob  diese  Kinder  einen  innern  Feind  beher¬ 
bergten,  der  ihren  Appetit  und  ihre  Lebensfreude  verdirbt,  der  ihre 
Entwicklung  und  namentlich  deren  delikatesten  Punkt,  die  sexuelle 
Ausreifung  hemmt.  Die  Geschlechtsorgane  bleiben  dabei  auch  bei 
16 — 18jährigen  klein,  die  sekundären  Geschlechtsmerkmale  sind  unvoll¬ 
kommen,  also  die  Behaarung  der  Achselhöhlen,  der  Pubes  und  der 
Augenbrauen,  des  Bartes;  die  Bildung  der  Mamma  fehlt,  die  Körperform 
bleibt  infantil  und  ebenso  die  Psyche.  Hier  ist  der  Infantilismus  die 
Folge,  nicht  aber  die  Ursache  der  seit  der  Kindheit  bestehenden 
schleichenden  Tuberkulose. 

Wir  kommen  zu  dem  Resultat,  dass  wir  keinen  äusserlich  erkenn¬ 
baren  Habitus  kennen,  der  eine  spezifische  Prädisposition  zur  Tuber¬ 


kulose  verriete,  dass  aber  oft  ein  schlechter  Habitus  asthenicus  { 
degenerativus  und  eine  mangelhafte  Beschaffenheit  des  Thorax,  ja  su 
ein  infantiles  Zurückbleiben  die  Folge  einer  frühen  Tuberkulose j 

Versuchen  wir  es  mit  der  Organdisposition: 

Bartels,  Friedrich  Kraus.  E.  Stoerck  u.  a.  lehren,  i 
der  Lymphatismus  eine  geringere  Widerstandsfähigkeit  geger 
den  meisten  akuten  Infektionskrankheiten  zur  Folge  habe,  z.  B.  ge 
über  Diphtherie  oder  Scharlach,  aber  im  Gegensatz  dazu  einen  gewi 
Schutz  gegen  die  Tuberkulose  verleihe.  An  dieser  Lehre  ist  ge 
etwas  Wahres,  die  Kinderärzte,  namentlich  auch  die  französis; 
sprechen  von  einem  günstigen  Einfluss  der  Skrofulöse  aut  den  Ve 
einer  tuberkulösen  Infektion,  von  einer  „Rettung  in  die  Skrofuli 
Das  soll  doch  wohl  heissen,  dass  eine  lebhafte  Reaktion  des  lyir 
tischen  Apparates  bei  der  Tuberkulose  als  prognostisch  nicht  un 
kommen  angesehen  wird.  In  der  Tat  heilt  die  Lymphdrüsentuberki 
der  Kinder,  besonders  auch  diejenige  der  Hilusdrüsen,  ausserordei 
häufig  aus. 

Erst  vor  kurzem  erhielt  ich  den  Sektionsbefund  eines  67  jährigen  Ma 
der  etwa  in  seinem  30.  Lebensjahre  an  dicken,  ausgedehnten  Nackendr 
Schwellungen  gelitten  hatte,  und  der  in  Kreuznach  und  im  Hochgebirgs 
Erfolg  behandelt  worden  war.  Man  hatte  damals  an  Pseudoleukäniie 
dacht,  aber  die  mikroskopische  Untersuchung  einer  zur  Probe  exzidi 
Nackendrüse  durch  R  i  b  b  e  r  t  hatte  Tuberkel  mit  Sicherheit  nachgewi 
Die  Sektion  zeigte  eine  kleine  Narbe  in  der  einen  Lungenspitze  und 
verkreidete  Lymphdrüsen  am  zugehörigen  Hilus.  Sonst  keine  Spur 
Tuberkulose. 

Vielleicht  bietet  die  Lokalisation  der  Tuberkulose  in  den  Ly 
drüsen,  die  ja  bekanntlich  bei  der  primären  Tuberkulose  und  sp. 
bei  Kindern  auftritt,  eine  besonders  wirksame  Schutz-  und  Abv 
massregel  gegen  die  Tuberkulose.  —  Man  wird  also  dem  Lymphati 
in  der  Tat  eine  gewisse  Bedeutung  zuschreiben  müssen  —  wenn 
nur  besser  definieren  könnte,  was  unter  diesem  Namen  zu  verst 
ist.  Etwa  die  Hyperplasie  der  Mandeln,  die  adenoiden  Wucherut 
die  Schwellung  von  Milz  und  Thymus,  oder  die  Neigung  zu  Ly 
drtisenschwellung  bei  akuten  Racheninfektionen?  Kann  man  wii 
behaupten,  dass  jene  jungen  Leute,  welche  eine  Neigung  zur  ent; 
liehen  Schwellung  der  lymphadenoiden  Apparate  zeigen,  vor  der  T 
kulose  geschützt  bleiben?  Andererseits  müssen  wir  uns  aber  fr 
wieviele  von  den  Drüsenpaketen,  am  Unterkieferwinkel  oder  aucl 
Nacken  und  den  Hilusdrüsen  nicht  das  Zeichen  einer  unspezjfi: 
Drüsenhyperplasie,  sondern  vielmehr  die  Erscheinung  einer  bereits 
handenen  tuberkulösen  Erkrankung  der  Lymphdrüsen  ist;  und 
tastende  Finger  oder  die  Röntgenphotographie  kann  nicht  entscht 
ob  das  eine  oder  das  andere  der  Fall  ist. 

Wenn  tatsächlich  die  Erfahrung  lehrt,  dass  die  Drüsentuberk 
des  jugendlichen  Alters  grossenteils  ausheilt,  und  dass  wir  die 
mikroadenie  des  Nackens  und  der  Hilusdrüsen  nicht  allzusehr  zu  für 
haben,  dürfen  wir  dann  in  der  Tat  daraus  schliessen,  dass  bei  der  L( 
sation  der  Tuberkulose  in  den  Lymphdrüsen  besonders  wirksame 
zifische  Abwehrstoffe  gebildet  werden,  und  dass  diese  dem  Itidivi 
einen  ausreichenden  Schutz  gegen  spätere  Erkrankungen  an  Tub 
lose  verleihen?  Dann  müsste  logisch  geschlossen  werden,  dass  Dr 
narben  am  Halse  und  anderweitige  Reste  der  Skrofulöse  als  progno: 
günstige  Erscheinungen  zu  betrachten  wären.  Man  wird  aber 
zu  behaupten  wagen,  dass  dies  den  Tatsachen  entspricht.  Vie 
sieht  man  öfter  solche  Narben  von  früheren  Drüsenverkäsungen 
Skrofuloderma  und  von  Lupus  bei  solchen  Leuten,  welche  spät 
Lungenphthise  zugrunde  gehen. 

.  Die  Anschauung,  dass  das  Ueberstehen  einer  „skrofulösen“,  d.  h. 
kulösen  Lymphdrtisenerkrankung  einen  Schutz  gegen  spätere  Erkrank 
der  Lunge,  also  eine  gewisse  Immunität  gewähre,  ist  nicht  neuen  D: 
Marfan  hat  1886  (Archives  gendrales  de  Medecine)  die  These  aufgf 
dass  eine  in  der  Jugend  erworbene  und  völlig  ausgeheilte  skrofulöse  D 
erkrankung  oder  ausgeheilter  Lupus  Schutz  gegen  Lungentuberkulose 
leihe.  Unter  242  Fällen  geheilter  Skrofulöse  fanden  sich  nur  27  Fälle 
Lungentuberkulose.  Unter  200  anderen  Fällen,  bei  denen  keine  Skro 
vorgekommen  war,  Hessen  sich  dagegen  40  mal  Lungentuberkulosen 
weisen.  Doch  haben  diese  Angaben  von  Marfan  in  Frankreich  leb 
Widerspruch  hervorgerufen  und  Marfan  musste  sie  dahin  einschr; 
dass  nur  eine  in  der  Kindheit  überstandene  und  völlig  ausgeht 
Skrofulöse  (oder  Lupus)  Schutz  gegen  Lungenphthise  gewähre.  — 
Marchand  sagt,  dass  das  Ueberstehen  einer  Lymphdrüsentuber 
keine  zuverlässige  und  dauernde  Immunität  zur  Folge  habe. 

Es  ist  im  Kindesalter  nicht  immer  leicht,  im  Einzelfalle  zu  i 
scheiden,  ob  es  sich  um  Lymphatismus  oder  um  e  x  s  u  d  a 
D  i  a  t  h  e  s  e  handelt.  Doch  müssen  diese  beiden  Konstitutionsanor 
jedenfalls  als  etwas  Verschiedenes  aufgefasst  werden.  Verfolge 
das  Lebensschicksal  derjenigen  Kinder,  welche  die  Zeichen  der  ex 
tiven  Diathese  dargeboten  hatten,  also  Ekzeme,  Landkartenzunge, 
synkrasien,  Lichen  albidus  usw.,  so  ergibt  sich,  dass  nicht  w 
von  ihnen  später  an  Asthma,  Gicht,  Hypertonie  erkranken,  al: 
jener  Krankheitsgruppe,  die  von  den  Franzosen  unter  dem  Name: 
Arthritismus  zusammengefasst  wird  \ 

Wie  verhält  sich  nun  diese  arthritische  Diathese  zur  Tuberkr 
Man  sagt,  dass  die  richtige,  akute  und  chronische  Gicht  (Ar 
urica)  sehr  selten  mit  Tuberkulose  gemeinsam  zusammenkommt: 
wenn  sie  auch  die  letztere  sicherlich  nicht  vollkommen  aussch; 
so  hat  man  doch  einen  gewissen  Gegensatz  zwischen  diesen  ti 
Erkrankungen  angenommen.  (Marfan  allerdings  bestreitet  der 
und  der  arthritischen  Diathese  jeden  hemmenden  oder  förderndei 
fluss  auf  die  Tuberkulose.)  Auch  die  essentielle  Hypertonie,  al: 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Aärz  1922. 


381 


rnde  Blutdrucksteigerung  und  die  damit  zusammenhängende 
iosklerose  und  Schrumpfniere  ist  sehr  selten  mit  Tuberkulose  kom- 

rt. 

\nders  liegen  die  Verhältnisse  beim  Asthma,  das  sich  doch  so 
mein  häufig  auf  der  Grundlage  der  exsudativen  Diathese  entwickelt 
das  in  denselben  Familien  vorkommt,  wie  Gicht  und  Diabetes, 
eien  Lehrbüchern  und  zwar  nicht  nur  der  deutschen,  sondern  auch 
ranzösischen  Literatur  (G.  S  e  e),  findet  sich  die  Lehre  verzeichnet, 
Asthma  und  Tuberkulose  sich  gegenseitig  ausschlössen,  ja  auch  vom 
lysem  wird  dasselbe  angegeben.  Diese  Angabe  geht  wohl  haupt- 
j lieh  auf  Rokitansky  zurück.  Bei  dem  riesenhaften  Material, 
hes  er  während  seines  langen  Lebens  am  Wiener  Allgemeinen 
kenhaus  beobachten  konnte,  wird  man  seiner  Angabe,  dass  Asthma 
uberkulose  nicht  beim  selben  Individuum  Vorkommen,  sicher  grosses 
icht  beilegen  müssen.  Doch  gilt  auch  für  Rokitansky  ein  Satz 
Leibniz,  auf  den  mich  Adolf  v.  Harnack  aufmerksam 
de:  „Die  meisten  Philosophen  haben  in  dem  recht,  was  sie  be¬ 
ten  und  unrecht  in  dem1,  was  sie  ablehnen“.  (Unter  Philosophen 
and  Leibniz  nach  dem'  damaligen  Sprachgebrauch  die  Männer 
Wissenschaft  im  allgemeinen.)  So  muss  auch  Rokitanskys 
e,  dass  Asthma  und  Tuberkulose  nicht  bei  demselben  Individuum 
jmmen,  als  irrig  angesehen  werden.  T urban3)  fand  bei  der  von 
Davoser  Aerzten  angestellten  Sammelforschung  unter  143  Fällen 
Asthma  68  mal  Lungentuberkulose  und  davon  hatten  34  Kranke 
:rkelbazillen  im  Sputum.  Mögen  auch  diese  Zahlen  von  Turban 
:n  der  Eigenart  des  Davoser  Krankenmaterials  etwas  hoch  gegriffen 
so  ist  doch  die  Tuberkulose  bei  den  richtigen  Asthmatikern  sowie 
in  Familien',  in  welchen  Asthma  und  Heufieber  vorkommt,  eher  häufig 
eiten,  und  man  kann  nicht  einmal  behaupten,  dass  der  Verlauf  der 
irkulose  bei  Individuen  mit  Asthma  und  Heufieber  besonders  günstig 
;s  kommen  auch  käsige  Pneumonien  malignen  Charakters  dabei  vor. 
ei  daran  erinnert,  dass  Asthmatiker  auch  ungewöhnlich  häufig  an 
imonien  erkranken  (H.  v.  H  ö  s  s  1  i  n).  Die  sog.  Emphysemphthise, 
die  Tuberkulose  bei  übermässig  erweitertem  und  starrem  Thorax 
keine  günstige  Prognose.  Sie  dürfte  aber  wohl  meistens,  wie  das 
hysem  überhaupt,  auf  einer  oft  bis  in  die  Jugend  zurückzuführenden 
titutionelien  Bronchitis  aufgebaut  sein.  —  Vor  kurzem  hat  Borst 
disseminierte,  auf  die  feinen  Bronchien  lokalisierte  fibröse  Tuberku- 
beschrieben  bei  Individuen,  welche  intra  vitam  das  Bild  des 
chialasthmas  dargeboten  hatten.  Es  ist  bemerkenswert,  dass  das 
igebirge  sowohl  auf  das  Asthma  als  auf  die  Tuberkulose  im  gleichen 
e  günstig  einwirkt. 

Der  Diabetes  kann  nicht  mehr  als  eine  einheitliche  Krankheit 
efasst  werden,  vielmehr  sind  die  verschiedenartigsten  Organ-  und 
(tionSstörungen  durch  das  eine  Symptom  der  Melliturie  und  durch 
Namen  Diabetes  zusammengefasst.  Dementsprechend  wird  man 
keine  eindeutigen  Beziehungen  zwischen  Diabetes  und  Tuberku- 
erwarten  können.  Die  grosse  Mehrzahl  der  Diabetiker  zeigt  keine 
;rkulose,  doch  kann  gewiss  nicht  von  einer  Schutzwirkung  ge- 
chen  werden,  sondern  der  Diabetes  setzt  erfahrungsgemäss  die 
2rstandsfähigkeit  gegen  Infektionen  im  allgemeinen  und  besonders 
gegen  diejenige  mit  Tuberkelbazillen  sehr  herab;  wir  sehen  nicht 
n,  dass  bei  diabetischen  Individuen  eine  besonders  bösartige 
irkulose  auftritt,  zwar  grossenteils  ohne  fieberhafte  Reaktion,  aber 
Tendenz  zu  rascher  Progredienz  und  Verkäsung,  ja  selbst  zur  miliaren 
laat.  H.  L  e  o  konnte  solche  Tiere,  welche  sonst  gegen  Tuberkulose- 
ung  refraktär  sind,  durch  experimentelle  Erzeugung  von  Diabetes 
länglich  machen. 

Begeben  wir  uns  vom  Gebiet  der  eigentlichen  Diathesen  auf  das- 
,re  der  Organkorrelationen  und  der  endokrinen  Drüsen,  so  haben 
zuerst  der  Beziehungen  zwischen  der  Schilddrüsenhyperplasie,  also 
Hyperthyreose  zur  Tuberkulose  zu  gedenken.  (Der  degenerative 
Mdkropf  scheint  weder  in  förderndem  noch  in  hemmendem  Sinn  mit 
Tuberkulose  in  Beziehung  zu  stehen.) 

Auf  die  häufige  Koinzidenz  von  Hyperthyreose  und  Tuberkulose  hat 
inders  S  a  a  t  h  o  f  f  aufmerksam  gemacht  und  es  kann  keinem 
ifel  unterliegen,  dass  die  Hyperthyreose  in  ungünstigem  Sinn  auf 
vorhandene  Tuberkulose  einwirkt.  Die  Pulsbeschleunigung,  welche 
Recht  als  übles  prognostisches  Zeichen  einer  Lungentuberkulose 
ist  sicher  oft  durch  eine  Hyperthyreose  zu  erklären.  Die  Asthenie, 
enorme  Erregbarkeit,  die  Steigerung  des  Stoffwechsels  wirken  un- 
>tig.  Die  Tuberkulose  zeigt  bei  den  Hyperthyreosen  nur  wenig 
cung  zur  Heilung,  sie  dauert  endlos,  oft  jahrzehntelang,  aber  ich 
ie  doch  auch  recht  viele  Fälle,  bei  denen  die  Tuberkulose  schliess- 
ausheilte. 

Wir  dürfen  aber  hier  eine  diagnostische  Schwierigkeit  nicht  ver- 
len,  die  darin  liegt,  dass  wegen  des  labilen  Verhaltens  der  Tem- 
tur,  wegen  der  Pulsbeschleunigung,  der  Abmagerung  und  der  Kraft- 
fkeit  sehr  oft  irrigerweise  der  Verdacht  auf  Tuberkulose  aus- 
trochen  wird;  und  wenn  dann  auch  noch  jene  Polymikroadenie  am 
ken  und  Hilus  beobachtet  wird,  die  bei  dem  basedowischen  Kropi 
er  Regel  vorhanden  ist,  so  liegt  es  nahe,  eine  Tuberkulose  zu  ver- 
i|en,  auch  dort,  wo  tatsächlich  nur  eine  reine  Hyperthyreose  vor- 

jt. 

ISchilddrüsenvergrösserung  und  Myom  gehören  eng  zusammen; 
Myom  darf  überhaupt  nicht  etwa  bloss  als  eine  lokale  Uterusaffek- 
betrachtet  werden,  sondern  als  ein  Symptom  einer  Korrelations- 

j - 

3)  T  u  r  b  a  n  und  L.  Spengler:  Resultate  der  Asthmabehandlung  im 
I  hgebirge.  2.  Jahresheft  der  Schweiz,  balneolog.  Gesellschaft  1906. 


Störung.  Bei  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  myomatösen  Frauen 
wird  keine  Tuberkulose  gefunden,  und  Warnekros'1)  spricht  sogar 
von  einem  gewissen  Antagonismus  zwischen  der  Funktion  des  weib¬ 
lichen  Geschlechtsapparates  und  der  Tuberkulose.  Anders  verhält  sich 
Schwangerschaft  und  Wochenbett:  es  ist  eine  feststehende  Tatsache, 
dass  die  Schwangerschaft  eine  vorhandene  Tuberkulose  in  ungünsti¬ 
gem  Sinne  beeinflusst,  und  es  ist  deshalb  wohl  berechtigt,  die  Schwan¬ 
gerschaft  bei  tuberkulösen  Frauen  frühzeitig  zu  unterbrechen,  um  ein 
weiteres  Fortschreiten  der  Tuberkulose  hintanzuhalten.  Schlimmer 
noch  als  in  der  Schwangerschaft  schreitet  die  Tuberkulose  fort  im 
Wochenbett  und  den  darauf  folgenden  Monaten.  Oft  wird  die  Schwan¬ 
gerschaft  von  tuberkulösen  Frauen  noch  ganz  leidlich  überstanden,  Ent¬ 
bindung  und  Wochenbett  verlaufen  gut,  aber  6 — 13  Wochen  nachher 
setzt  eine  rapide  Verschlimmerung  des  Lungenleidens  ein  und  führt 
rasch  zum  Tode.  Es  ist  dies  jene  Zeit,  in  welcher  die  jungen  Frauen, 
auch  wenn  sie  sonst  gesund  sind,  abzumagern  pflegen,  dabei  nervös  und 
angegriffen  sind  und  wo  die  Fülle  des  sog.  Milchfettes  rasch  verloren 
geht,  eine  Zeit,  in  der  die  Schilddrüsenhyperplasie  der  Schwangerschaft 
sich  zurückzubilden  pflegt. 

Die  eigentümliche  Tatsache,  dass  gewisse  Organe,  z.  B-  die.  Mus¬ 
keln,  fast  nie  an  Tuberkulose  erkranken,  dass  die  Leber  nur  sehr  selten 
und  fast  nur  im  terminalen  Stadium  davon  befallen  wird,  dass  ander¬ 
seits  die  Nieren  und  Nebennieren  gar  nicht  selten  doppelseitig  an 
Tuberkulose  erkranken  und  verkäsen,  scheint  darauf  hinzuweisen,  dass 
neben  einer  allgemeinen  auch  eine  besondere  Organdisposition  eine 
gewisse  Rolle  spielt.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  die  humoralen 
Verteidigungsmittel  bei  der  Tuberkulose  gegenüber  den  zellulären  der 
Organe  in  den  Hintergrund  treten;  es  entzieht  sich  aber  vollkommen 
unserer  Kenntnis,  worin  diese  Abwehrfähigkeit  oder  Organdisposition 
begründet  ist. 

Wenn  wir  uns  fragen,  ob  wir  es  einem  Organ  oder  einem  Indivi¬ 
duum  arisehen^können,  ob  es  widerstandsfähig  gegen  Tuberkulose  sei 
oder  nicht,  so  bleiben  wir  die  Antwort  schuldig,  und  insbesondere  sind 
wir  über  jene  nichtspezifischen  Abwehrvorgänge  im  Unklaren,  die  an¬ 
scheinend  bei  der  Tuberkulose  eine  wichtige  Rolle  spielen.  Ueber 
diese  gibt  uns  kein  Habitus  und  keine  mikroskopische  Untersuchung  der 
Organe  Aufklärung. 

Greifbarer  als  die  nichtspezifische  Widerstandskraft  ist  die  er¬ 
worbene  Immunität.  Versuchen  wir  uns  wenigstens  von  dieser  ein 
Bild  zu  machen,  und  zwar  an  einem  Immunisierungsvorgang,  dessen 
ganze  Entwicklung  wir  mit  dem  Auge  verfolgen  können,  nämlich  bei 
der  Kuhpockenimpfung. 

Bei  einer  Erstimpfung  tritt  bekanntlich  ungefähr  um  den  9.  Tag 
eine  Nekrose  der  Impfstelle  ein  und  die  Areola  am  11.  Tag  zeigt,  dass 
nunmehr  die  Entzündung  ihren  Höhepunkt  erreicht  hat  und  dass  die 
Demarkation  der  Impfnekrose  im  Gange  ist.  Wenn  man  nun  nach 
Pirquet  nicht  nur  einmal,  sondern  an  den  folgenden  Tagen  immer 
wieder  eine  Impfung  anlegt,  so  reifen  die  sukzessive  angelegten  Imp¬ 
fungen  nicht  je  an  ihrem  9.  Tage  nach  der  Anlage,  sondern  alle  mit¬ 
einander  zeigen  am  selben  Tage  den  Höhepunkt.  Also  Nr.  1  am  9., 
Nr.  2  am  8.,  Nr.  3  am  7.,  Nr.  4  am  6.  Tag  nach  der  Impfung  und  so 
fort.  Da  muss  also  um  den  neunten  Tag  nach  der  Erstimpfung  im 
Organismus  etwas  gereift  sein,  sagen  wir  ein  Reaktionskörper,  der 
mit  dem  Infektionserreger  zusammen  die  Nekrose  und  die  Entzündung 
erzeugt.  Die  Nekrose  ist  also  hier  nicht  allein  das  Produkt  des  In¬ 
fektionserregers  A,  sondern  es  muss  noch  eine  zweite  vom  infizierten 
Menschen  gelieferte  und  erst  reif  gewordene  Komponente  B  dazu- 
kommen,  um  die  Abtötung  des  Gewebes  zu  erzeugen.  Die  Narbe, 
welche  nach  einer  gelungenen  Erstimpfung  zurückbleibt,  beweist,  dass 
eine  Nekrose  des  geimpften  Hautstückchens  zustande  gekommen  ist. 

Lässt  man  nun  nach  einer  Erstimpfung  nach  einer  Reihe  von 
Jahren  eine  zweite  Impfung,  die  Revakzination  folgen,  so  tritt  die 
entzündliche  Reaktion  früher  ein,  nicht  am  9.,  sondern  vielleicht  am  5. 
oder  6.  Tag.  Und  da  der  Impfstoff  der  gleiche  ist,  wie  das  erste  Mal, 
so  muss  die  Reaktionsfähigkeit  des  infizierten  Körpers  sich  geändert 
haben,  allergisch  geworden  sein.  Ein  weiterer  Unterschied  liegt  darin, 
dass  trotz  der  oft  recht  erheblichen  Entzündungen  eine  Hautnekrose 
meist  nicht  einzutreten  pflegt  und  dass  dementsprechend  fast  nur  nach 
den  Erstimpfungen  tiefe  Hautnarben  Zurückbleiben. 

Lässt  man  alsbald  nach  einer  gelungenen  Impfung  eine  weitere 
folgen,  so  tritt  sehr  bald  eine  kleine  knötchenförmige  Entzündung  ein, 
die  aber  rasch  wieder  abklingt;  der  Körper  ist  immun  geworden,  die 
Vakzine  kann  ihm  nichts  ahhaben,  sie  wird  von  der  Haut  offenbar 
sofort  unschädlich  gemacht. 

An  diesem  Verlauf  der  Vakzination  ist  besonders  das  Verhalten  der 
Erstimpfung  bemerkenswert,  denn  dieses  scheint  durch  das  Auftreten 
der  Hautnekrose  zu  zeigen,  dass  sich  der  noch  nicht  geschützte  Kör¬ 
per  des  Infektionserregers  nur  in  der  Weise  zu  erwehren  vermag,  dass 
er  das  infizierte  Stück  Haut  opfert  und  abstösst.  Und  zwar  muss  es 
ein  komplexer  Vorgang  sein,  welcher  zu  dieser  Nekrose  Veranlassung 
gibt. 

Der  Prozess  bei  der  Tuberkulose  zeigt  mit  der  Vakzination  manche 
Analogie,  auch  hier  tritt  bei  dem  Primäraffekt,  z.  B.  bei  dem  Eindringen 
der  Tuberkelbazillen  in  die  Lunge  gewöhnlich  eine  Nekrose  ein.  Dass 
diese  etwas  anders  verläuft,  nämlich  unter  dem'  Bild  der  Gewebsver- 
käsung,  also  einer  Koagulationsnekrose,  tut  nichts  zur  Sache.  In  der 
Umgebung  des  verkästen  Primäraffekts  macht  sich  wie  bei  der  Vakzina- 


4)  Warnekros:  Ausschaltung  der  Genitalfunktion  und  ihr  Einfluss 
auf  die  Lungentuberkulose  der  Frau.  Zschr.  f.  Tuberk.  1917,  27,  116. 

3* 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


382 

tion  eine  entzündliche  Reaktion  geltend,  welche  zur  bindegewebigen 
Abkapselung  der  verkästen  Stelle  führen  kann. 

Wird  nun  ein  bereits  tuberkulöses  Tier  zu  in  zweiten 
M  a  1  mit  Tuberkulose  infiziert,  wie  dies  Koch  in  seinem  berühmten  Fun¬ 
damentalversuch  getan  hat,  so  geschieht  die  nekrotische  Abstossung 
viel  akuter,  und  diese  zweitinfizierte  Stelle  kann  sogar  zur  Heilung  ge¬ 
langen.  Wenn  die  Zweitimpfung  nur  mit  geringen  Bazillenmengen 
ausgeführt  wird,  so  geht  sie  unter  Umständen  gar  nicht  mehr  an. 
Der  Impfschutz  gegen  grosse  Infektionsmengen  ist  aber  nur  unvoll¬ 
kommen.  Er  kann  durchbrochen  werden  und  die  1  uberkulose,  kann  auf 
dem  Lymph-  und  Blutwege  weiterverbreitet  werden. 

Bei  der  Nekrose,  also  der  Verkäsung  der  tuberkulösen  Herde 
kommen  offenbar  auch  zwei  Faktoren  in  Betracht:  ein  Faktor  A,  der 
von  dem  I  ubeikelbizillus  geliefert  wird,  und  ein  Faktor  B.  der  im  Kör¬ 
per  zur  Reife  kommt.  Diese  Annahme  einer  komplexen  Wirkung  ist 
schon  von  Ehrlich  und  dann  namentlich  auch  von  Wassermann 
vertreten  worden.  Wir  können  diesen  Vorgang  auch  .  bei  der 
Tuberkulineinspritzung  verfolgen.  Das  Tuberkulin  stellt  ja  nichts 
anderes  dar,  als  die  Leibessubstanz  der  ruberkelbazillen.  Spritzt  man 
diese  bei  tuberkulosefreien  Menschen  und  Tieren  ein,  so  tritt  keine 
Reaktion  auf.  Bei  tuberkulösen  Individuen  dagegen  kommt  es  zu  einer 
Entzündung  an  der  Einspritzungsstelle,  hier  muss  also  im  Körper,  und 
zwar  in  der  Haut,  ein  Reaktionsprodukt,  ein  Faktor  B,  vorhanden  sein, 
der  mit  dem  Tuberkulin  zusammen  schädigend  und  entzündungs¬ 
erregend  (ob  heilend?)  wirkt. 

Wenn  wir  uns  nun  fragen,  wie  wir  einen  gutartigen  von  einem  bös¬ 
artigen  Verlauf  der  Tuberkulose  unterscheiden  können,  so  muss  die 
Antwort  lauten:  Bei  gutartigem  Verlauf  wird  der  infizierte  Herd  durch 
reaktive  Entzündungen  abgekapselt  und  unschädlich  gemacht,  sowohl 
,im  Primäraffekt  als  auch  in  den  zugehörigen  Lymphdrüsen.  Es  findet 
eine  narbige  Abkapselung  aber  keine  weitere  Ausbreitung  statt.  Der 
Körper  ist  in  diesem  Kampfe  Sieger  geblieben.  In  bösartigen  Fällen  da¬ 
gegen  wird  der  entzündliche  Wall  durchbrochen  und  immer  neue  Teile 
werden  von  der  Infektion  ergriffen,  das  entzündliche  Qewebe  verfällt 
fortschreitend  der  Verkäsung.  Wenn  sich  die  Angaben  von  Lieber¬ 
meister  bestätigen,  der  im  Blute  von  Tuberkulösen  häufig  Tuberkel¬ 
bazillen  nachw eisen  konnte,  so  scheint  daraus  hervorzugehen,  dass  eine 
Verbreitung  der  "1  uberkelbazillen  auf  dem  Blutweg  sehr  häufig  nicht 
„angeht“,  also  nicht  zum  Auftreten  neuer  Herde  Veranlassung  gibt, 
dass  sie  nur  in  besonders  dazu  disponierten  Organen  Fuss  fasst,  und 
dass  sie  jedenfalls  nicht  immer  zu  einer  allgemeinen  Miliartuberkulose 
zu  führen  braucht. 

Ueberall  dort,  wo  der  Tuberkelbazillus  sich  im  Qewebe  ansiedelt, 
ist  eine  Entzündung  nachweisbar,  nur  der  Verlauf  und  der  Ausgang 
dieser  Entzündung  ist  verschieden,  bald  in  Nekrose,  bald  in  Narben¬ 
bildung,  und  in  den  leichtesten  Fällen  kann  sogar  eine  Restitutio  ad 
integrum  eintreten.  Jede  Entzündung  setzt  sich  aus  exsudativen  und 
proliferativen  Vorgängen  zusammen,  von  denen,  je  nach  der  Akuität 
des  Prozesses  und  je  nach  der  Beschaffenheit  des  Organs  bald  der  eine, 
bald  der  andere  Vorgang  vorherscht 5).  Auch  der  Miliartuberkel  ist 
ein  solches  Entzündungsprodukt,  in  dessen  Mitte  der  Bazillus  zu  finden 
ist.  Das  Zentrum  des  Miliartuberkels  ist  hauptsächlich  von  epitheloiden 
Zellen  zusammengesetzt,  also  von  solchen,  die  sich  von  den  Binde¬ 
gewebszellen  und  Endothelien  herleiten  und  deren  Wucherung  unter 
die  proliferativen  Vorgänge  gerechnet  wird.  In  der  Peripherie 
des  Tuberkels  sieht  man  einen  Wall  von  Lymphozyten  und  selbst  von 
Leukozyten  und  bei  den  Miliartuberkeln  der  Lunge  sind  die  angrenzen¬ 
den  Alveolen  gewöhnlich  von  einem  richtigen  zellulären  und  fibrinösen 
Exsucat  erfüllt.  sie  zeigen  also  die  Charakteristika  des  exsuda¬ 
tiven  Entziindungsprozesses. 

Bei  der  tuberkulösen  Pneumonie,  die  vielfach  schlechtweg  als 
käsisre  Pneumonie  bezeichnet  wird,  also  bei  der  übelsten  Form  der 
Tuberkulose,  hat  die  Infektion  oft  einen  ganzen  Lungenlappen  zu 
gleicher  Zeit  ergriffen,  und  der  akute  entzündliche  Prozess  äussert  sich 
ganz  überwiegend  in  der  Form  einer  Exsndation.  ganz  ähnlich  dem¬ 
jenigen  bei  einer  kruppösen  Pneumonie.  Die  Alveolen  sind  in  grosser 
Ausdehnung  von  einem  entzündlichen,  fibrinös  gerinnenden,  dabei  aber 
auch  zellreichen  Exsudat  erfüllt,  wenn  auch  hier,  wie  schon  Buhl  ge¬ 
zeigt  hat,  eine  Beteiligung  der  Epithelien  nicht  fehlt.  Zwischen  dem 
Miliartuberkel,  den  gröberen  Knoten,  der  azinös-nodösen  Form,  den 
lobulären  und  lobären  tuberkulösen  Prozessen  kommen  alle  nur  denk¬ 
baren  Uebergänge  vor. 

Da  im  Gegensatz  zu  den  akut  entzündlichen  exsudativen  Prozessen 
in  dem  abkapselnden  Narbengewebe  der  chronisch  verlaufenden  gut¬ 
artigen  Prozesse  das  Produkt  von  proliferativen  Prozessen  gesehen  wird, 
da  es  sich  also  dabei  um  eine  Neubildung  jugendlichen  Bindegewebes 
handelt,  so  hat  man  diese  proliferative  Tuberkulose  in  Gegensatz 
gebracht  zu  den  vorwiegend  exsudativen  Prozessen  der 
akuten  Pneumonie.  So  ist  es  geschehen,  dass  diese  Krank¬ 
heit,  welche  wegen  der  Mannigfaltikeit  ihrer  Erscheinungen  bis 
jetzt  noch  ieder  Einteilung  gespottet  hat,  geschieden  wird  in 
eine  exsudative  und  eine  proliferative  Form,  wobei  die  erste  als  die 
ungünstige,  die  letzte  als  die  günstige  und  zur  Vernarbung  tendierende 
bezeichnet  werden  soll.  Man  wird  diese  Einteilung  nur  verstehen, 
wenn  man  ihre  Entstehung  genealogisch  verfolgt.  V  i  r  c  h  o  w  war 

5)  Siehe  hierüber  die  klassischen  Arbeiten  von  F.  Marchand:  Prozess 
der  Wundheilung.  D.  Chir.  1901,  Lief.  16,  ferner:  Ueber  den  Entzündungs¬ 
begriff.  Virch.  Arch.  1921,  234  und:  Pathol.  Anatomie  und  Nomenklatur  der 
Lungentuberkulose.  M.m.W.  1922  Nr.  1. 


Nr^ 

es,  welcher  im  Gegensatz  zu  Laennec  den  Miliartuberkel  von  < 
käsigen  Pneumonie  streng  unterschied;  denn  in  der  Tat  kann  man  eil 
umfangreiche  pneumonische  Infektion  unmöglich  als  Knötchen,  also 
Tuberkuluin  bezeichnen;  er  hatte  zu  dieser  Unterscheidung  um 
mehr  Veranlassung,  weil  er  den  Tuberkel  unter  die  Geschwülste  i, 
zwar  die  Granulationsgeschwmlste  rechnete,  während  die  käsige  Pn< 
monie  alle  Kennzeichen  einer  ausgesprochenen  exsudativen  Entzündu 
darbietet.  Orth,  der  Schüler  Virchows,  Aschoff.  der  Schü 
Orths  und  N  i  c  o  1  der  Schüler  A  s  c  h  o  f  f  s  haben  die  V  i  r  c  h  o  w  sc 
Lehre  wenn  auch  in  modifizierter  Weise,  aufrechterhalten,  und 
jetzt  übliche  Unterscheidung  der  Lungentuberkulose  in  eine  proliferati 
und  exsudative  Form  bedeutet  nichts  anderes  als  ein  Wiederauflei 
der  alten  V  i  r  c  h  o  w  sehen  Dualitätslehre. 

Wer  aber,  wie  wir  Aelteren,  noch  die  heillose  Konfusion  erb 
hat  welche  durch  Virchows  Dualitätslehre  in  den  Köpfen  - 
Kliniker  (z.  B..Niemey  ers)  und  der  Aerzte  angerichtet  worden 
und  wer  sich  daran  erinnert,  wie  befreiend,  ja  erlösend  Kochs  E 
deckung  gewirkt  hat,  welche  die  ä  t  i  o  1  o  g  i  s  c  h  e  Einheit  der  Tuben 
lose  nachwies,  der  wird  nicht  geneigt  sein,  die  Wiederkehr  der  Dualitä 
lehre  in  irgendeiner  Form  zu  htgrüssen.  Schon  beim  Miliartuber 
werden  wir  stutzig,  ob  wir  ihn  der  proliferativen  oder  der  exsudath 
Form  zurechnen  sollen,  denn  wenn  auch  irn  Miliartuberkel  das  Zentri 
grösstenteils  aus  gewucherten  Endothelzellen  und  bindegewebigen  E 
menten  zusammengesetzt  ist,  so  sind  doch  in  der  Peripherie  meist  dt 
lieh  exsudative  Prozesse  in  den  benachbarten  Alveolen  nachweist 
Aber  selbst,  wenn  wir  den  Tuberkel  als  Typus  der  proliferativen  F 
men  auffassen,  so  wird  es  doch  niemand  einfallen,  ihn  in  Parall 
zu  setzen  mit  den  zur  narbigen  Verheilung  tendierenden  Bindegewe 
Wucherungen  der  fibrösen  (also  proliferativen)  Phthise.  Es  kommt  ui 
auf  den  augenblicklichen  pathologisch-anatomischen  Stand,  der  Krai 
heit  an,  sondern  auf  deren  Verlauf,  und  zwar  darauf,  ob  die  heilend 
abschliessenden,  vernarbenden  Prozesse  überwiegen,  oder  ob  die  Kra: 
heit  alle  neugebildeten  Entzündungswälle  und  Immunitätsreakt.or 
immer  wieder  uurchbricht  und  immer  neue  Gebiete  ergreift  und  abtöl 
ob  der  infizierte  Organismus  siegt  in  diesem  lokalen  und  allgemeir 
Kampf  oder  der  infizierende  Mikroorganismus.  Dabei  ist  es  ni 
mai  sgebend,  ob  der  Prozess  mehr  mit  Neubildung  jugendlicher  Bin 
gewebszellen  oder  mit  der  Auswanderung  von  Leukozyten  verläi 
sondern  ob  er  stillsteht  und  vernarbt,  oder  ob  er  fortschreitet  und  v 
käst.  Die  Verkäsung  aber,  die  Koagulationsnekrose,  kann  in  gleici 
Weise  das  exsudative  und  proliferative  Gewebe  ergreifen.  Auch  i 
proliferative  Zentrum  des  Miliartuberkels  pflegt  zu  verkäsen,  wie  sc.l 
Laennec  gezeigt  hat.  Er  kann  aber  auch  unter  Bildung  eh 
fibrösen  Knötchens  ausheilen,  wie  die  Befunde  bei  alter  Polyserosi 
besonders  bei  Pericarditis  obliterans  zeigen.  Andererseits  braucht 
exsudative  tuberkulöse  Pneumonie  keineswegs  immer  zu  verkäsen, 
kann  auch  ausheilen,  und  zwar  entweder  unter  Narbenbildung  o 
sogar  mit  einer  restitutio  ad  integrum.  Ich  habe  eine  derartige  A 
heilung  einer  umfangreichen  tuberkulösen  Pneumonie  nicht  ganz  sei 
beobachtet,  und1  noch  viel  häufiger  als  jetzt  kam  sie  vor  in  der  ers 
Tuberkulinära,  als  man  noch  mit  grossen  Dosen  des  Mittels  arbeit 
und  dabei  gar  nicht  selten  in  der  Umgebung  des  tuberkulösen  Luug 
herdes  recht  ausgedehnte  entzündliche  Reaktionen  erhielt.  Die  Me 
zahl  von  ihnen  heilte  bald  wieder  aus.  Andererseits  kann  eine  ursprü 
lieh  exsudative  tuberkulöse  Pneumonie  bei  chronischem  Verlauf  a 
in  Bindegewebswucherung  übergehen:  Unter  den  Präparaten,  wel 
bei  diesem  Vortrag  demonstriert  wurden,  konnten  die  Schnitte  ei 
tuberkulösen  diffusen  Pneumonie  gezeigt  werden,  in  welchen  an  vie 
Stellen  Knospen  und  Züge  jugendlichen  Granulationsgewebes  in  die 
Fibrin  und  anderem  exsudativen  Material  erfüllten  Alveolen  hert 
gewachsen  waren.  Hier  zeigte  sich  also  der  Uebergang  einer  ursprü 
lieh  rein  exsudativen  in  eine  proliferative  tuberkulöse  Pneumonie. 

Die  Frage,  wie  es  kommt,  dass  der  tuberkulöse  Prozess  in 
Lunge  bald  ausheilt,  bald  unter  proliferativer  Wucherung  von  Gram 
tionsgewebe  in  Narbenbildung,  also  in  Zirrhose  übergeht,  bald  aber  a 
dem  Gewebstod,  also  der  Verkäsung  anheimfällt,  wird  uns  alsfc 
klarer,  wenn  wir  das  Beispiel  einer  anderen  Infektionskrankheit 
Lunge  zum  Vergleich  heranziehen,  nämlich  dasjenige  der  Pneumo 

Die  Lungenentzündung  pflegt  akut  zu  beginnen  und  bietet  ganz  % 
wiegend  das  Bild  einer  exsudativen  Entzündung  dar,  welche  die  Alvet 
mit  Fibrin,  weissen  und  roten  Blutkörperchen  anfüllt.  Geht  der  Prozess 
der  üblichen  Weise  etwa  nach  einer  Woche  in  Heilung  über,  so  wird 
exsudative  Material  verflüssigt  und  resorbiert,  die  Alveolenwände  überzie 
sich  mit  neuem  Epithel  und  der  Entzündungsprozess  geht  in  völlige  Wieij 
herstellung  über.  Wenn  dagegen  der  Entzündungsreiz  längere  Zeit  andau 
wenn  also  der  Körper  mit  den  Infektionserregern  nicht  fertig  wird,  und  .wl 
namentlich  die  Zellschädigung  tiefer  gegriffen,  die  epithelbildCnden  Schiel 
zerstört  hat,  so  entwickelt  sich  aus  dem  ursprünglich  exsudativen  Pro; 
mit  der  Zeit  mehr  und  mehr  eine  proliferative  Wucherung  der  Bindegewt 
zellen  und  Endothelien;  jugendliches  Granulationsgewebe  wächst,  wie  M; 
c  h  a  n  d  und  R  i  b  b  e  r  t  gezeigt  -haben,  von  den  des  Epithels  herauf 
Bronchiolen  in  die  Alveolen  hinein,  erfüllt  sie  mit  einer  soliden  Masse, 
alsbald  der  Bindegewebsbildung  anheimfällt  und  wir  stehen  vor  -der  so:; 
chronischen  Pneumoni^,  also  der  Karniiikation  und  der  bindegewebigen  \ 
dichtung,  welche  grosse  Teile  der  Lunge  zur  narbigen  Verödung  bririj 
■kann. 

In  nicht  ganz  wenigen  Fällen  von  Pneumonie,  z.  B.  bei  manchen 
fluenzapneumonien,  ist  die  Schädigung  des  Lungengewebes  durch  den  eii; 
drungenen  Infektionserreger  aber  derartig  schwer  und  tiefgreifend,  dass  n 
bloss  das  entzündliche  Exsudat  in  den  Alveolen,  sondern  auch  deren  Wä 
mitsamt  dem  ganzen  Lungengewebe  dem  Tode  verfallen;  freilich  nicht  u: 
dem  Bilde  der  Verkäsung,  sondern  unter  demjenigen  der  gelben  eitri 


.  lärz  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


383 


i  limelzung.  die  schliesslich  zum  Abszess,  also  zur  Verflüssigung  und 
j  .[ibildung  führt 6).  Dass  bei  der  abszedierenden  Pneumonie  nicht  eine 
1 0ne  Verkäsung,  sondern  eine  eitrige  Einsohmelizung  stattfindet,  kommt 
] ,  her.  dass  bei  der  akuten  Pneumonie  vorwiegend  die  polynukleären 
izyten  auswandern,  welche  das  abgetötete  Gewebe  durch  ihr  verdauen- 
Ferment  zum  eitrigen  Brei  verflüssigen,  während  beim  tuberkulösen 
die  Lymphozyten  prävalieren,  denen  ein  solches  verdauendes  Ferment 
.  Im  klebrigen  aber  zeigt  der  Prozess  der  Pneumonie  durch  Pneumo- 
■n  und  Streptokokken  viele  Analogien  mit  der  Tuberkulose.  Beide 
(Mi  in  Heilung  übergehen,  nur  ist  bei  der  Tuberkulose  auch  in  günstigen 
1 1  die  Gewebsschädigung  meist  von  viel  längerer  Dauer  und  sie  greift 
j  und  deswegen  wird  sie  gewöhnlich  nicht  in  Restitution  übergehen, 
•m  mit  Narbenbildung  heilen.  Dabei  aber  ist  es  die  Regel,  dass  der  vom 
| -kelbazillus  ergriffene  Gewebsteil  im  Zentrum  der  Nekrose  also  der 
jisung  anheimfällt  und  dieser  Käse  kann  entweder  von  Narbengewebe 
ilossen  liegen  bleiben,  eingedickt  werden  und  schliesslich  verkreiden, 
er  kann  auch-wie  ein  Abszess  erweichen,  in  die  Bronchien  durchbrechen. 
\  worfen  werden  und  eine  Höhle,  die  Kaverne,  hinterlassen,  die  derjenigen 
Linern  Lungenabszess  nicht  unähnlich  ist. 

[(Venn  in  neuerer  Zeit  durch  Asch  off  und  Albert  Frankel  die 
rscheidung  zwischen  exsudativer  und  proliferativer  Form  der 
rkulose  in  den'  Vordergrund  gestellt  worden  ist,  so  möchte  man 
Juten,  dass  es  eine  Eigentümlichkeit  des  befallenen  Menschen  ist, 
oder  mehr  mit  exsudativen,  oder  mehr  mit  proliferativen  Pro- 
auf  die  eingedrungenen  Schädlichkeiten  zu  antworten,  dass  es 
]  also  bei  den  Patienten  mit  chronisch-proliferativen  Phthisen  um 
i  Neigung  zu  defensiver  Bindegewebshyperplasie  handelt.  Diese 
hauung  kann  aber  nicht  als  berechtigt  anerkannt  werden,  denn  ge- 
Jilich  sehen  wir  bei  der  Sektion,  dass  die  zuerst  ergriffenen  Teile 
jÖberlappens  mehr  die  proliferativen  und  vernarbenden  Prozesse 
eten  und  dass  die  später  erkrankten  Unterlappen  exquisit  das 
j  der  akuten  exsudativen  verkäsenden  Pneumonie  zeigen  und  ein 
jchtiger  Arzt  wird  deshalb  mit  Vorliebe  die  Diagnose  auf  „pro- 
itiv-exsudative“  Tuberkulose  stellen. 

Veniger  aus  dem  augenblicklichen  pathologisch-anatomischen  Zu- 
1,  als  aus  dem  klinischen  Verlauf  können  wir  erkennen,  ob 
Cörper  oder  der  Mikroorganismus  in  diesem  Kampfe  Sieger  bleiben 
Vor  allem  die  Temperatur,  dann  aber  auch  die  Beobachtung, 
tx  Prozess  sich  schnell  ausbreitet,  oder  auf  seinen  Herd  beschränkt 
t,  ferner  die  toxischen  Allgemeinersc'heinungen  geben  uns  Auf- 
ss.  Dämnfutig  und  Bronchialatmen,  verschärftes  oder  abge- 
ächtes  Atmen,  Fehlen  oder  Vorhandensein  von  Rasselgeräuschen 
nen  sowohl  bei  exsudativen  wie  bei  proliferativen  Prozessen  vor, 
aus  den  physikalischen  Erscheinungen  allein  können  wir,  nur 
jssen,  ob  etwa  eine  Verdichtung  des  Lungengewebes  grösseren 
geringeren  Umfanges  vorhanden  ist,  nicht  aber  ob  sie  durch  eine 
illung  des  Alveolargewebes  mit  exsudativem  Material  oder  durch 
bindegewebige  Kornifikation  bedingt  ist.  Wir  hören  mit  dem 
loskon  nur  die  physikalischen  Verhältnisse,  nicht  aber  den  zellu- 
Charakter  der  '  Erkrankung.  Auch  die  Röntgenphotographie, 
he  für  die  Diagnose  der  Lungentuberkulose  von  der  grössten  Be- 
ing  ist.  wird  für  die  Frage,  ob  der  Prozess  gutartig  oder  bösartig,  ob 
ehr  proliferativ  oder  exsudativ  ist,  nur  mit  Vorsicht  herangezogen 

Ien  können.  Gewiss  geben  die  fibrösen  Indurationen  die  dichtesten 
tten,  ebenso  wie  sie  auch  die  intensivsten  Dämpfungen  liefern, 
andererseits  werden  diffus  verstreute  grobfleckige  Schatten  den 
Sacht  auf  disseminierte  bronc’hiogene  azinöse  nodöse,  also  vor- 
ijend  exsudative  Prozesse  erwecken.  Doch  kann  auch  die  Be- 
litung  des  Röntgenbildes  zu  Irrtümern  Veranlassung  geben.  Es 
j  ir  erst  kürzlich  ein  Fall  begegnet,  der  auf  der  Röntgenphotographie 
ypische  Verhalten  einer  üblen  disseminierten  grobfleckigen  Tuber- 
e  darbot;  die  Anamnese  bei  dem  völlig  fieberlosen  Kranken  Hess 
erkennen,  dass  es  sich  um  die  vernarbten  Reste  einer  schon  seit 
ihren  ausgeheiltep  ausgedehnten  tuberkulösen  Erkrankung  handelte. 
:s  darf  übrigens  nicht  vergessen  werden,  dass  die  Widerstands- 
keit  des  infizierten  Individuums  nicht  allein  maassgebend  ist, 
ern  dass  auch  die  Virulenz  des  Bazillenstammes  und  besonders 
die  Menge  der  infizierenden  Bazillen  in  Betracht  kommt.  Gegen 
Ueberschwemmung  mit  riesigen  Bazillenmassen,  wie  £ie  durch 
ration  in  den  Unterlappen  nach.  Blutung  in  eine  Kaverne  vor- 
nen,  ist  auch  die  beste  Konstitution  wehrlos. 
lA’ir  können  als  gesichert  annehmen,  dass  für  die  Frage,  ob  eine 
'kulöse  Infektion  überwunden  wird  oder  ob  sie  akut  oder  chro- 
fortschreitend  zum  Tode  führt,  in  erster  Linie  das  Verhalten, 
die  Widerstandsfähigkeit  des  infizierten  Organismus  maassgebend 
Sicher  spielen  dabei  erworbene  immunisatorische,  also 
fische  Faktoren  eine  wichtige  Rolle,  aber  die  erworbene  Immunität 
ehr  häufig  unzuverlässig,  jedenfalls  kann  sie  durchbrochen  werden, 
nur  durch  Infektionskrankheiten,  z.  B.  durch  Masern,  Typhus  und 
hhusten.  sondern  auch  durch  Schwangerschaft  und  Unterernährung. 
2  Durchbrechung  der  Immunisationsvorgänge  kann  durch  einVcr- 
inden  der  Pirquet  sehen  Reaktion  gekennzeichnet  werden. 

6)  Bei  der  Tuberkulose  und  bei  der  Vakzination  darf  wohl  als  sicher 
lommen  werden,  dass  die  Abtötung  des  Gewebes  durch  das  Zusammen- 
-n  eines  Bakteriengiftes  mit  den  Abwehrkräften  (Immunisierungssub- 
en)  des  infizierten  Organismus  zustande  kommt  und  auch  bei  der  tertiären 
ilis  ist  wahrscheinlich  die  Nekrose  des  Gutnmigewebes  ähnlich  zu 
n.  ^  Es  erscheint  aber  sehr  zweifelhaft,  ob  auch  die  Gewebsnekrose  und 
e  Einschmelzung  beim  Lungenabszess  durch  ähnliche  komplexe  Vorgänge 
'klären  ist,  wahrscheinlich  besitzen  gewisse  Bakterien,  z.  B.  Staphylo- 
en  und  Streptokokken  an  sich  die  Eigenschaft.  Zellen  und  Gewebe  zu 
•  ohne  dazu  der  Mitwirkung  von  Körpersäften  zu  bedürfen. 


Höchst  wahrscheinlich  ist  es,  dass  neben  diesen  spezifischen  Im¬ 
munisierungsvorgängen  auch  nicht  spezifische,  genuine  Abwehrkräfte 
des  Organismus  eine  Rolle  spielen,  ja  diese  nicht  spezifischen  Wider¬ 
standskräfte  scheinen  sogar  unter  Umständen  wichtiger  zu  sein  als 
die  spezifischen:  Wenn  eine  tuberkulöse  Infektion  a  limine  im  Primär¬ 
affekt  und  in  den  Hilusdrüsen  ausheilt,  oder  nach  ein  paar  Schüben 
sekundärer  Art  mit  weiter  verbreiteter  Lymphdrüsenschwellung  zum 
definitiven  Stillstand  kommt,  so  kann  man  entweder  annehmen,  dass  der 
Organismus  von  sich  aus  genügende,  nicht  spezifische  Abwehrkräfte 
besessen  hat,  man  kann  aber  ebenso  gut  die  Vermutung  aussprechen, 
dass  er  prompt  die  spezifischen  Abwehrkräfte  gebildet  hat,  welche  der 
Ausbreitung  des  Prozesses  entgegenwirkten.  Aber  es  ist  klar,  dass 
es  auch  bei  der  Annahme  dieser  zweiten  Möglichkeit  schliesslich  im 
wesentlichen  auf  die  Eigenschaften  des  infizierten  Organismus  ankommt, 
nämlich  darauf,  ob  er  seine  Abwehrkräfte  prompt  mobilisieren  kann 
oder  nicht.  Die  Immunis.ierungvorgänge  sind  ein  Weg,  ein  Mittel 
zur  Erreichung  dieses  Zwecks.  Für  die  Frage,  ob  ein  Mensch  bei  der 
allgemein  verbreiteten  Infektionsmöglichkeit  sein  Lebtaglang  von  der 
Tuberkulose  verschont  bleibt,  ob  er  eine  Infektion  rasch  und  dauernd 
überwindet,  oder  ob  er  i'hr  widerstandslos  zum  Opfer  fällt,  ist  nicht 
allein  die  in  früher  Kindheit  erworbene  Immunität  maasgebend,  sondern 
offenbar  in  viel  höherem  Grade  die  allgemeine  Resistenzfähigkeit  des 
Körpers;  oder  mit  anderen  Worten:  es  erscheint  weniger  wichtig,  ob 
er  sich  gegenüber  den  Tuberkelbazillen  verhält  wie  das  reinfizierte 
allergische  Meerschweinchen  gegenüber  dem  erstmalig  infizierten,  als 
darum,  ob  er  einer  Infektion  mit  Tuberkelbazillen  entgegentritt  ähnlich 
wie  ein  Hund  oder  ähnlich  wie  ein  Meerschweinchen. 

Es  entzieht  sich  gänzlich  unserer  Kenntnis,  woran  wir  diese  nicht 
spezifischen  Widerstandskräfte  erkennen  können,  und  im  einzelnen  Fall 
ist  es  auch  nicht  möglich,  zu  entscheiden,  welche  Abwehrkräfte  im 
Werke  sind  und  wie  sie  wirken.  Dort  aber,  wo  unsere  Kenntnisse  am 
geringsten  sind,  dort  blühen  die  Blumen  der  Hypothese  und  Spekula¬ 
tion  am  üppigsten. 

Anthropometrie. 

Von  Prof.  Dr.  Rudolf  Martin  in  München. 

Ich  folge  einer  Aufforderung  des  Schriftleiters  dieser  Wochenschrift 
und  dem  von  praktischen  Aerzten  wiederholt  an  mich  gerichteten 
Wunsche,  wenn  ich  an  dieser  Stelle  eine  möglichst  gedrängte  Beschrei¬ 
bung  der  von  mir  geübten  anthropometrischen  Technik  gebe. 

Jede  Messung  des  menschlichen  Körpers  hat  den  Zweck,  für  irgend¬ 
welche  morphologischen  Merkmale  einen  exakten,  ziffernmässigen  Aus¬ 
druck  zu  geben.  Wo  es  sich  nicht  um  ganz  spezielle  Fragen  handelt, 
wird  es  meist  darauf  ankommen,  denjenigen  morphologischen  Merkmal- 
komplex  eindeutig  zu  fixieren,  der  das  Individuum  charakterisiert.  Durch 
die  Messung, wird  aber  nicht  nur  die  äussere  Körperform  festgelegt, 
wie  man  irrtümlicherweise  vielfach  annimmt,  sondern,  indem  viele 
unserer  Maasse  an  Skeletpunkten  angreifen,  erfasst  sie  auch  den  Aufbau 
des  ganzen  Körpergerüstes  und  lässt,  besonders  durch  Umfangmaasse, 
selbst  die  Beteiligung  einzelner  Gewebe  an  der  Zusammensetzung  des 
Körpers  erkennen.  So  bildet  sie  neben  der  klinischen  Beobachtung  ein 
wichtiges  Hilfsmittel  zur  Erkennung  der  menschlichen  Konstitution,  das 
nicht  länger  vernachlässigt  werden  darf.  Jedes  mornhologische  Merkmal 
lässt  sich  messen,  aber  man  wird  sich  vernünftigerweise  auf  solche 
Maasse  beschränken,  die  eine  wichtige  körperliche  Eigenschaft  fest¬ 
stellen,  und  die  zwar  unentbehrliche,  aber  stets  subjektiv  gefärbte  Be¬ 
schreibung  zu  präzisieren  geeignet  sind.  ■ 

Zahlen  erwecken  bei  den  meisten  Menschen  die  Vorstellung  der 
Genauigkeit.  Diese  Vorstellung  ist  aber  nur  in  den  Fällen  berechtigt,  in 
welchen  die  Gewinnung  dieser  Zahlen  wissenschaftlich  einwandfrei  war. 
Dazu  gehören:  1.  genaue  Instrumente,  2.  eine  bewährte,  gewissenhaft 
durchgeführte  Messtechnik,  3.  geübte  Beobachter,  4.  ein  geeignetes 
Material  und  5.  eine  auf  Grund  der  neueren  biometrischen  Methoden 
einwandfreie  statistische  Verarbeitung  der  durch  die  Messung  erhaltenen 
Zahlenwerte.  Von  diesen  verschiedenen  Punkten  sollen  hier  zunächst 
nur  die  drei  ersten  kurz  besprochen  werden. 

Die  zur  Gewinnung  genauer  Werte  erforderlichen  Apparate  sind 
Präzisionsinstrumente;  die  primitiven  Einrichtungen,  die  von  Nichtfach¬ 
leuten  vielfach  verwendet  werden,  sind  für  wissenschaftliche  Zwecke 
schlechthin  unbrauchbar  und  können  niemals  zuverlässige  Resultate 
liefern.  Entsprechend  den  verschiedenen,  durch  Messung  festzustellen¬ 
den  Dimensionen  des  menschlichen  Körpers  brauchen  wir  auch  ver¬ 
schiedene  Instrumente. 

Für  die  Höhenmcssungen,  die,  wie  ich  später  zeigen  werde, 
eine  wichtige  Rolle  bei  der  Berechnung  der  Längenproportionen  unseres 
Körpers  spielen  und  die  wir  zur  Konstruktion  von  Proportionsfiguren 
benötigen,  kommt  nur  das  Anthropometer  in  Betracht.  Es  ge¬ 
stattet,  die  Höhenlage  irgendwelcher  Körperpunkte  über  der  Stand-  oder 
Sitzfläche  in  Projektion  auf  die  vertikale  Prinzipalachse  mit  absoluter 
Sicherheit  zu  bestimmen. 

Das  Anthropometer  besteht  aus  einem  runden,  nur  an  einer  Seite 
etwas  abgeflachten,  2  m  langen  Hohlstab  aus  Messing,  der  des  leich¬ 
teren  Transportes  wegen  in  4  Teile  zerlegbar  ist  und  in  eine  Segel¬ 
tuchhülle  verpackt  werden  kann  (Abb.  1).  Der  Stab  besitzt  eine 
doppelte  Millimeterskala.  Die  eine  erstreckt  sich,  am  unteren  Stab¬ 
ende  beginnend,  von  Null  bis  2000  mm  über  alle  4  Teilstücke,  die  andere 
ist  auf  der  entgegengesetzten  Seite  des  Stabes  angebracht  und  läuft  in 
umgekehrter  Richtung,  mit  dem  Nullpunkt  am  oberen  Ende  des  Anthropo- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


384 

meters  beginnend,  nur  über  die  beiden  oberen  Teilstücke  des  Stabes. 
Diese  letztere  Skala  kommt  für  die  Höhenmessungen  nicht  in  Betracht. 
Dem  Anthropometer  sind  ausserdem  zwei  28  cm  lange,  schmale,  an  dem 
einen  Ende  spitz  auslaufende  und  auf  einer  Seitenfläche  mit  Millimeter¬ 
einteilung  versehene  Stahllineale  beigegeben,  die  bei  den  neueren  Instru¬ 
menten  mit  den  römischen  Ziffern  I  und  II  bezeichnet  sind. 

Vor  Beginn  einer  Messung  steckt  man  die  4  genau  ineinander- 
gepassten  Teilstücke  unter  Beachtung  der  beiden  Skalen  sorgfältig  und 
fest  ineinander,  so  dass  die  Gradeinteilungen  an  keiner  Stelle  unter¬ 
brochen  sind.  ..  ,  ,, 

An  dem  Anthroporneterstab  gleitet  in  sicherer  Führung  ein  Metall¬ 
schieberkästchen  mit  einem  Fensterausschnitt,  das  an  seinem  oberen 
Ende  eine  Querhülse  trägt,  in  welcher  das  eine  (mit  I  bezeichnete)  Stahl- 


Abb.  X.  Anthropometer,  in  seine  vier  Teile  zerlegt.  Daneben  die  beiden  Lineale. 

Vs  nat.  Gr.  (Aus  Martins  Lehrbuch,  Fig.  29,  S.  113.') 

lineal  horizontal  verschiebbar  ist.  Das  Lineal  muss  so  in  die  Schieber¬ 
hülse  eingesteckt  werden,  dass,  wenn  man  auf  den  Fensterausschnitt 
des  Schieberkästchens  blickt,  die  Spitze  nach  links  und  unten  gerichtet 
und  dem  Beschauer  die  nichteingeteilte  Fläche  des  Lineals  zugekehrt 
ist.  (Nur  das  eine  der  beiden  Lineale  entspricht  dieser  Anforderung.) 
Ist  das  Lineal  richtig  in  die  Hülse  eingeführt,  so  liegt  reine  Spitze  und 
Unterkante  in  einer  Linie  mit  dem  Oberrand  des  Schieberfensters,  so 
dass  an  diesem  die  Höhe  eines  jeden  von  der  Linealspitze  oder  dem 
Linealunterrand  berührten  Körperpunktes  über  der  Stand-  oder  Sitz¬ 
fläche  abgelesen  werden  kann.  Das  Instrument  ist  jetzt  für  die  Ab¬ 
nahme  der  Höhenmessungen  zum  Gebrauch  fertig. 

Aber  mit  dem  Anthropometer  ist  aus  Sparsamkeitsgründen  zugleich 
noch  ein  Stangen-  oder  Schiebezirkcl  kombiniert,  den  wir  zur  Feststel¬ 
lung  der  Körperbreiten  oder  kürzerer  Dimensionen,  wie  z.  B.  der  Fuss- 
länge  und  Fussbreite,  benötigen.  Als  solcher  wird  einfach  das  oberste 
Teilstück  des  Anthropometers  benützt1)  (Abb.  2).  Zu  diesem  Zwecke 
wurde  an  dem  Kopfende  des  obersten  Teilstückes  eine  zweite,  der 
Schieberhülse  entsprechende  und  mit  ihr  parallel  gerichtete  Hülse  an¬ 
gebracht.  die  für  das  zweite  (mit  II  bezeichnete)  Lineal  bestimmt  ist. 
Dieses  wird,  unter  der  Voraussetzung,  dass  man  wieder  wie  vorhin 
den  Fensterausschnitt  des.  Schiebers  und  damit  die  bis  2  m  durch¬ 
laufende  Skala  des  Stabes  gegen  sich  gerichtet  hat,  so  in  die  Hülse 
eingesteckt,  dass  es,  dem  Schieberlineal  entgegengesetzt,  mit  der  Spitze 
zwar  auch  nach  abwärts,  aber  nach  rechts  sieht.  Auch  an  diesem 
Lineal  muss  wieder  die  nicht  graduierte  Fläche  dem  Beschauer  zu¬ 
gekehrt  sein,  sonst  ist  das  Lineal  unrichtig  eingesetzt.  Es  ist  vorteil¬ 
haft,  gleich  vor  Beginn  einer  Messung  beide  Lineale  in  der  angegebenen 
Weise  an  dem  Stab  anzubringen. 

Geht  man  beim  Messen  von  den  Höhenmaassen  zu  den  Breiten- 


1)  Man  kann  auch  die  beiden  oberen  Teilstücke  als  Stangenzirkel  ver¬ 
wenden,  wenn  man  Körperdimensionen  feststellen  will,  die  480  mm  über¬ 
schreiten. 


maassen  über,  d.  h.  will  man  das  Anthropometer  in  einen  Stangenzi 
umwandeln,  so  hebt  man  einfach  das  oberste  Teilstück  des  Anthrc 
meters  ab,  muss  aber  nun  das  Schieberlineal  so  umstecken,  dass 
dem  oberen  Lineal  gleichgerichtet  ist.  Dies  geschieht  mit  einem  i 
am  raschesten  und  bequemsten  dadurch,  dass  man.  das  Stabstück  in 
linken  Hand  haltend,  das  Lineal  mit  der  rechten  Hand  an  seinem 
teren  Ende  fasst  und  herauszieht  und  dann  den  Stab  um  seine  La 
achse  um  ISO0  dreht,  so  dass  jetzt  der  Fensterausschnitt  des  Schiel 
dem  Beschauer  abgewendet  ist.  Hierauf  wird  das  Lineal  von  ne 
von  derselben  Seite  her,  d.  h.  von  rechts  nach  links,  so  in  die  H 
eingeführt,  dass  seine  Spitze  nach  oben  und  links  schaut.  Jetzt 
an  beiden  Linealen  die  graduierten  Breitseiten  gegen  den  Besch; 
gerichtet  und  die  Linealspitzen  einander  zugekehrt.  (Vgl.  Abb.  2.) 


Abb.  2.  Stangenzirkel.  Oberstes  Teilstück  des  Anthropometers  mit  eingesb 
Linealen.  Vs  nat  Gr.  (Aus  Martins  Lehrbuch,  Fig.  31,  S.  115.) 

Abnahme  direkter  Maasse  werden  beide  Lineale  gleichlang  ausgez 
d.  b.  auf  dieselbe  Millimeterzahl  eingestellt.  Bei  projektivi; 
Messungen  bilden  die  beiden  Lineale  zwei  rechtwinkelige  Ordinate! 
Stab  des  Stangenzirkels  die  Abszisse,  auf  die  die  beiden  Endpunkt) 
zu  messenden  Linie  projiziert  werden. 

Das  Ablesen  der  Entfernung  der  beiden  JLinealspitzen  erfolgt 
Stangenzirkel  natürlich  an  der  von  oben  beginnenden  Skala,  und 
an  dem  Oberrand  der  Schieberhülse,  also  an  der  dem  Fensterausst 
entgegengesetzten  Seite  des  Schiebers. 

Neuerdings  habe  ich  neben  den  geradlinigen  Linealen  auch 
solche  mit  einer  tasterförmigen  Ausbiegung  hersteilen  lassen,  urr 
Stangenzirkel  auch  für  die  Feststellung  von  in  der  Medianebenc 
Körpers  liegenden  Durchmessern  verwenden  zu  können,  für  die  b 
ein  besonders  grosser  Taster  nötig  war.  Man  braucht  zur  Abn 
solcher  Maasse  also  nur  die  geraden  Lineale  durch  die  Tasterlinea 
ersetzen. 

Zur  Messung  kleinerer  Abstände  zweier  Körperpunkte  vonein; 
verwendet  man  am  besten  den  Tasterzirkel.  Er  dient  dahe 
allem  bei  der  Feststellung  der  Kopfmaasse,  soweit  sie  nicht  projekti 
genommen  werden  müssen.  Der  Tasterzirkel  besteht  aus  zwei 
ein  Gelenk  verbundenen  Stahlschenkeln,  die  in  ihrem  unteren  AbS' 
gerade,  in  ihrem  oberen  aber  seitlich  ausgebogen  und  mit  birnf 
abgerundeten  Enden  versehen  sind.  Der  eine  Schenkel  trägt  ai 
Stelle,  wo  die  Abbiegung  beginnt,  den  Drehpunkt  eines  mit  Reduk 
teilung  versehenen  Stahllineals,  welches  in  einem  am  anderen  Schl 
drehbar  angebrachten  Führungskästchen  mit  Index  hin-  und  herpl 
(Abb.  3).  Die  maximale  ablesbare  Entfernung  der  Zirkelspitzen  bi 
300  mm  Die  Ablesung  erfolgt  an  der  abgeschrägten  Kante  des 
des  Führungskästchens.  Eine  kleine  Schraube  an  der  Unterseite 
letzteren  gestattet  die  Tasterarme  in  jeder  Lage  zu  fixieren  und 
die  Richtigkeit  des  abgelesenen  Maasses  zu  kontrollieren.  Ir 
schlossenem  Zustand  kann  das  Instrument  bequem  in  die  Tasch 
steckt  werden;  das  Stahllineal  liegt  dann  auf  den  sich  mit  ihren  I 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ihrenden  Tasterarmen.  Will  man  die  Messung  beginnen,  so  zieht 
i  die  beiden  Arme  soweit  auseinander,  dass  man  das  Lineal  in  das 
rungskästchen  einstecken  kann.  Die  Schraube  des  letzteren  wird 
i  so  gestellt,  dass  eine  halbe  Umdrehung  genügt,  um  das  Lineal  zu 

ren. 

Der  Gleitzirkel,  der  vor  allem  für  die  feineren  Gesichts-  und 
1  ikelmessnngen  ein  sehr  handliches  Instrument  darstellt,  ist  der 
ieblehre  der  Mechaniker  naciigebildet  und  unterscheidet  sich  von 
ji  Stangenzirkel  nur  durch  seine  geringe  Grösse  und  die  Unver- 
.  ebbarkeit  seiner  Arme  (Abb.  4).  Er  besteht  aus  einem  250  nun 
:en>,  beiderseitig  mit  Millimetereinteilung  versehenen  Stahllineal, 
i  [essen  einem  Ende  ein  120  mm  langer  Querarm  mit  einem  zugespitz- 
und  einem  stumpfen,  abgeplatteten  Ende  befestigt  ist.  Ein  an  dem 
illineal  gleitender  Schieber  trägt  einen  zweiten,  genau  gleich- 
auten  und  gleichlangen  Querarm.  Die  Gradeinteilung  beginnt  mit 
i  Nullpunkt  an  der  Basis  des  festen  Armes,  und  der  Abstand  der 
eispitzen,  resp.  der  Innenflächen  der  Querarme  wird  an  einer  ab- 
chrägten  Stelle  des  Schiebers  abgelesen.  Auch  an  diesem  Instru- 
ite  erlaubt  eine  kleine  Schraube  an  der  unteren  Schmalseite  des 
iebers,  diesen  letzteren  in  jeder  beliebigen  Lage  durch  eine  rasche 
j raubendrehurig  festzustellen. 

IZur  Messung  von  Kurven  und  Umfängen  dient  das  Bandmaas  s, 
(i  kommt  für  anthropometrische  Zwecke  nur  ein  Stahlbandmaass  von 
—200  cm  Länge  in  Betracht.  Bandmaasse  aus  gewebtem  Stoff  diffe- 
2ii  infolge  der  schlechten  Einteilung  unter  sich  und  vom  Normal- 
ermaass  oft  um  10  mm  und  dehnen  sich  ausserdem  im  Gebrauch. 
Die  drei  letztgenannten  Instrumente,  Taster,  Gleitzirkel  und  Band¬ 
iss  werden  zugleich  mit  einem  Dermographen  und  einem  Bleistift 
einer  leicht  transportablen  Segeltuchmappe,  die  auch  noch  eine 
che  für  die  Beobachtungsblätter  enthält,  geliefert.  Als  Fabrikant  für 
iropologische  Apparate  kam  früher  nur  die  feinmechanische  Werk- 
tte  von  P.  Hermann  in  Zürich  in  Betracht;  seit  Jahresfrist  werden 
obengenannten  Instrumente  aber  auch  von  Alig  &  Baumgärtel,  Piü- 


Von  den  zur  Charakterisierung  des  Körperbautypus  brauchbaren 
Maassen  seien  hier  nur  die  wichtigsten  aufgezählt.  Ich  lege  dabei  das 
Schwergewicht  auf  den  Modus  procedendi.  weil  von  ihm  in  erster  Linie 
die  Genauigkeit  der  gewonnenen  Werte  abhängt.  Die  in  eckigen  Klam¬ 
mern  beigefügten  Zahlen  beziehen  sich  auf  die  entsprechenden  Nummern 
in  der  soinatometrischen  Technik  meines  bereits  genannten  Lehrbuches, 
wo  sich  weitere  Erläuterungen,  besonders  auch  über  die  Messpunkte, 
finden. 

Körpergewicht  [Nr.  71],  Für  klinische  und  anthropologische 
Zwecke  kommt  nur  das  Nacktgewicht  in  Betracht.  Alle,  erst  aus 
Kleidergewichten  berechneten  Körpergewichte  geben  nur  ganz  approxi¬ 
mative,  für  individuelle  Fälle  durchaus  wertlose  Zahlen.  Das  Gewicht  der 
Kleider  unterliegt  bei  unserer  Bevölkerung  je  nach  Geschlecht,  sozialem 
Stand  und  Jahreszeit  grossen  Schwankungen.  R  a  u  t  m  a  nn  (Unter¬ 
suchungen  über  die  Norm.  Jena  1921,  S.  20)  stellte  sogar  bei  Soldaten, 
die  doch  einheitlicher  gekleidet  sind,  Unterschiede  zwischen  Nackt¬ 
gewicht  und  Gewicht  in  Uniform  (in  Stiefel.  Hose  und  Rock,  ohne  Mütze 
und  Koppel)  von  3,0— 8,0  kg  fest.  Selbst  das  Hemd  unserer  Volksschul¬ 
kinder  wiegt  je  nach  Material,  Jahreszeit,  Geschlecht  und  Alter  der 
Kinder  zwischen  80—420  g,  so  dass  ein  einheitlicher  Abzug  von  100  g 
von  dem  im  Hemd  festgestellten'  Gewicht,  wie  er  vielfach  geübt  wird, 
nicht  als  genau  genug  bezeichnet  werden  kann.  Die  Ablesung  hat  mit 
einer  Genauigkeit  von  100  g  und,  besonders  bei  wiederholten  Wägungen 
des  gleichen  Individuums,  unter  Berücksichtigung  der  Tageszeit  zu  er¬ 
folgen,  da  das  Körpergewicht  im  Laufe  des  Tages  zunimmt.  Die  Ein¬ 
tragung  in  das  Beobachtungsblatt  erfolgt  in  Kilogramm;  ein  Gewicht 
von  50  kg  und  300  g  wird  also  einfach  50,3  geschrieben. 

Auch  die  sämtlichen  folgenden  Messungen  sind  am  unbekleideten 
Individuum  vorzunehmen,  höchstens  das  Anlegen  einer,  die  Schamteile 
bedeckenden  Binde  kann  gestattet  werden.  Jedes  weitere  Kleidungs¬ 
stück  aber,  und  sei  es  nur  ein  Hemd  oder  ein  Badeanzug  beeinträchtigt 
die  Genauigkeit  der  Bestimmung  der  Messpunkte  und  macht  die  Beob¬ 
achtung  des  so  wichtigen  äusseren  Körperreliefs  unmöglich.  Beobachter, 


3.  Tasterzirkel,  geöffnet  u.  geschlossen. 
(‘/6  nat.  Grösse.) 


ab.  4.  Gleitzirkel.  (V6  nat.  Grösse 


Abb.  5.  Messung  der  Körpergrösse. 


Abb  6.  Messung  der  Höbe  des  r.  vorderen 
Darrabeinstachels  über  dem  Boden. 


Abb.  7.  .Messung  der  kleinsten  Stirnbreite. 


onsmesswerkzeugfabrik  in  Aschaffenburg,  hergesteilt  und  können 
2kt  von  dort  bezogen  werden. 

Alle  Winkelmessungen  am  Körper,  z.  B.  die  verschiedenen  Gesichts- 
nkel  oder  die  Neigung  des  Brustbeins  zur  Vertikalen,  der  Gelenk- 
i  Beckenachsen  zur  Horizontalen  werden  am  besten  mit  einem 
inen  Goniometer  ausgeführt,  der  sowohl  an  den  Gleitzirkel,  wie 

den  Taster  angesteckt  werden  kann.  Da  es  sich,  aber  hier  um 
ezialuntersuchungen  handelt,  so  sei  hinsichtlich  der  Beschreibung 
i  Handhabung  dieses  Instrumentes  auf  mein  Lehrbuch  der  Anthro- 
logie  (Fischer,  Jena  1914,  S.  491 — 492)  hingewiesen. 

Dagegen  bedarf  man  zur  Feststellung  des  Körpergewichtes  noch 
her  Wage,  wozu  sich  am  besten  sog.  Personenwagen  mit  Lauf- 
■wichtsanordnung  eignen.  Gewöhnliche  Dezimalwagen  erfordern  bei 
1  ssenuntersuchungen  durch  das  beständige  Auswechseln  der  Gewichte 
viel  Zeit.  Leider  erfüllen  die  wenigsten  Wagen  in  den  Schul-  und 
Lnkenhäusern  die  Anforderungen  ap  Genauigkeit,  die  an  sie  gestellt 
nrden  müssen.  Unerlässlich  ist  eine  beständige  Kontrolle  der  Wage. 
1  sonders  nach  jeder  Ortsveränderung  durch  den  Untersucher  selbst 
dtels  eines  Normalgewichtes,  das  mindestens  1/io  der  Wiegekraft  der 
age  betragen  muss.  Man  prüfe  auch  die  richtige  Stellung  der  Wage 
: ttels  Senkblei  und  WasSerwage  und  lasse  den  zu  Wiegenden  sich 
:;ts  genau  auf  die  Mitte  der  Brücke  stellen./ 


die  mit  dem  nötigen  Takt  und  mit  wissenschaftlicher  Sachlichkeit  Vor¬ 
gehen,  werden  keinen  Widerständen  begegnen.  Schulkinder  sollten 
aber  nur  einzeln,  nicht  in  Anwesenheit  ihrer  Genossen  gemessen  werden. 
Man  erledige,  um  das  Individuum  nicht  zu  ermüden,  sämtliche  Mes¬ 
sungen  in  rascher  Folge  hintereinander,  was  dadurch  erleichtert  wird, 
dass  man  die  gefundenen  Zahlenwerte  einem  Gehilfen  zuruft,  der  sie 
zur  Kontrolle  wiederholt  und  in  das  Beobachtungsblatt  einträgt.  Die 
Reihenfolge  der  Maasse  muss  derart  sein,  dass  im  Interesse  möglichster 
Zeitersparnis  ein  Maass  praktisch  leicht  nach  dem  anderen  genommen 
werden  kann,  und  dass  ein  wiederholtes  Auswechseln  der  Instrumente 
vermieden  wird.  Bei  unruhigen  Personen,  bei  welchen  die  Möglichkeit 
besteht,  dass  sie  ihre  Körperhaltung  während  des  Messens  verändern, 
wird  man  vorteilhafterweise  sämtliche  Messpunkte,  ehe  man  mit  den 
Messungen  beginnt,  aufsuchen  und  mit  dem  Dermographen  auf  der  Haut 
durch  kleine  Kreuzchen  oder  dünne,  kurze  Striche  markieren.  Bei  dieser 
I  Aufzeichnung  der  Punkte  achte  man  sorgfältig  darauf,  dass  man  die 
!  Haut  nicht  während  der  Palpation  auf  ihrer  Knochenunterlage  ver¬ 
schoben  hat. 

Körpergrösse  [Nr.  1  [.  Sie  ist  gleich  der  vertikalen  Entfernung 
des  Scheitels  von  der  Bodenfläche  beim  aufrechtstehenden  Individuum. 
Zur  Bestimmung  der  Körpergrösse  und  der  neun  folgenden  Maasse  wird 
das  Individuum  aufrecht,  in  guter,  natürlicher  Haltung  so  an  eine  senk- 


386 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


rechte  Wand  gestellt,  dass  es  diese  mit  den  Fersen,  mit  Qesäss  und 
Rücken,  jedoch  nicht  mit  dem  Hinterkopf  berührt.  Der  Kopf  darf  nicht 
nach  der  Seite  geneigt  und  muss  von-  dem  Beobachter  so  eingestellt 
werden,  dass  der  leicht  palpierbrre  Unterrand  der  Orbita  und  die  Ober¬ 
ränder  der  beiden  Ohrecken  (Tragus)  in  eine  Horizontale  zu  liegen 
kommen.  Es  genügt  in  der  Regel  die  Bestimmung  der  Ohr-Augen- 
Horizontalen  an  der  einen,  am  bequemsten  an  der  rechten  Kopfseite. 
Die  Schultern  dürfen  nicht  hcchgezogen  werden,  und  die  möglichst  ge¬ 
streckten  Arme  hängen  an  den  Seiten  des  Körpers  herab,  so  dass  die 
Handteller  gegen  die  Seitenflächen  der  Oberschenkel  sehen.  Nun  stellt 
sich  der  Beobachter  an  die  rechte  Seite  der  zu  messenden  Person, 
indem  er  das  Anthropometer  nur  mit  drei  Fingern  seiner  rechten  Hand 
am  Unterrand  des  Schieberkästchens  festhält.  Das  Instrument  muss 
dabei  senkrecht  und  genau  in  der  Medianebene  vor  dem  Individuum 
und  das  langausgezogene  Schieberlineal  einige  Zentimeter  über  (lern 
Scheitel  des  Individuums  stehen.  Jetzt  schiebt  man  das  Schieberkästchen 
langsam  herab,  bis  der  Unterrand  des  Lineals  den  Scheitel  (Vertex) 
berührt,  was  mit  Daumen  und  Zeigefinger  der  linken  Hand  kontrolliert 
wird,  und  liest  die  Körpergrösse  auf  Millimeter  genau  am  Oberrand  des 
Fensterausschnittes  ab  (Abb.  5).  Auch  bei  allen  folgenden  Messungen 
hält  man  das  Anthropometer  in  der  rechten  Hand,  während  man  mit  der 
linken  Hand  je  nach  Bedürfnis  das  Schieberlineal  auszieht  oder  zurück¬ 
schiebt  und  die  Messpunkte  palpiert.  Das  Vertikalhalten  des  Instru¬ 
mentes  macht  nur  dem  Anfänger  einige  Schwierigkeit,  die  aber  nach 
kurzer  Uebung  überwunden  wird.  Im  .übrigen  kann  man  die  unteren 
10  cm  des  Anthropometers  auch  in  eine  Fussplatte  mit  Hülse  einlassen, 
wodurch  das  Instrument  von  selbst  senkrecht  stehen  bleibt. 

In  einzelnen,  besonders  klinischen  Fällen  kann  die  Bestimmung  der 
Körpergrösse  und  der  anderen  Höhenmaasse  am  Aufrechtstehenden  un¬ 
möglich  sein.  Man  ist  dann  genötigt,  die  Messungen  am  Liegenden 
vorzunehmen  in  der  Art,  wie  man  Leichenmessungen  ausführt,  wozu 
wieder  das  Anthropometer  verwendet  werden  kann.  Allerdings  muss 
die  Unterlage  durchaus  eben  sein.  Messungen  im  Bett,  oder  auf  einer 
nachgiebigen  Matratze  sind  unbrauchbar.  Dagegen  genügt  irgendein 
Tisch,  auf  den  man  das  Individuum  mit  dem  Rücken  der  Länge  nach 
ausgestreckt  legt  und  an  dessen  unterem  Ende  man  ein  senkrechtes 
Brett  anbringt,  an  das  die  Fusssoblen  angestemmt  werden.  An  dem 
oberen  Abschnitt  dieses  ungefähr  35  cm  hohen  und  40  cm  breiten 
Brettes  wird  eine  6  cm  lange,  horizontal  gestellte,  halbierte  Metallhülse 
angebracht,  in  die  man  das  untere  Ende  des  Anthropometers  legt,  so 
dass  der  Nullpunkt  des  Stabes  der  Fussplatte  entspricht.  Ein  gleich 
hohes  Stativ,  mit  entsprechender  halbierter  Metallhülse  wird  an  das 
Kopfende  gestellt,  und  ist  dazu  bestimmt,  den  oberen  Teil  ides  Instru¬ 
mentes  aufzunehmen.  Der  Stab  des  Anthropometers  liegt  nun  genau 
horizontal  in  -der  Medianebene  über  dem  zu  Untersuchenden,  und  man 
braucht  das  Schieberlineal  nur  von  oben  herunter  auf  die  Messplatte 
zu  führen,  um  die  entsprechenden  Höhen  ablesen  zu  können.  Unter  den 
Kopf  wird  ein  Kissen  gelegt,  weil  jetzt  die  Ohr-Augen-Ebene  senkrecht 
zur  Tischfläche  stehen  muss.  (Vergl.  Lehrbuch  Abb.  30,  S.  114.) 

Ich  möchte  aber  ausdrücklich  darauf  hinweisen,  dass  die  an  Liegen¬ 
den  gewonnenen  Maasszahlen  nicht  mit  den  im  Stehen  ermittelten  ver¬ 
glichen  und  zusammen  verarbeitet  werden  dürfen.  Nach  eigenen  Be¬ 
obachtungen  an  mittelgrossen  Individuen  konnte  ich  durchschnittliche 
Unterschiede  von  14 — 55  mm  für  die  einzelnen  Höhen  bei  grossen  in¬ 
dividuellen  Schwankungen  feststellen.  Es  sind  eben  im  Liegen  die 
Stellung  des  Beckens  und  die  Krümmungen  der  Wirbelsäule  ganz  andere 
als  beim  Stehen.  Auch  werden  im  Liegen  die  Schultern  hochgezogen, 
und  durch  die  Verlagerung  der  Eingeweide  verändert  sich  auch  die 
äussere  Form  des  Abdomens  und  Brustkorbes  und  damit  Nabel-  und 
Mamillenlage.  Es  ergibt  sich  also  eine  ganz  andere  äussere  Körper¬ 
topographie  als  beim  Stehenden. 

Die  an  die  Bestimmung  der  Körpergrösse  sich  anschliessenden 
Messungen  sind  die  folgenden: 

Höhe  des  oberen  Brustbeinrandes  überdem  Boden 
[Nr.  4].  Man  lässt  das  Anthropometer  ruhig  an  seiner  ursprünglichen 
Stelle  stehen,  neigt  es  nur  ein  wenig  nach  aussen,  stösst  das  Schieber¬ 
lineal  leicht  zurück,  um  das  Schieberkästchen  am  Gesicht  des  zu  Messen¬ 
den  vorbei  bis  in  die  Höhe  des  oberen  Brustbeinrandes  (Incisura  jugu- 
laris)  herabführen  zu  können.  Nun  zieht  man  das  Schieberlineal  bei 
senkrecht  stehendem  Anthropometer  wieder  so  weit  aus,  dass  die 
Spitze  auf  dem  als  Suprasternale  bezeichneten  Messpunkt,  der  der  tief¬ 
sten  Stelle  der  Incisura  jugularis  entspricht,  aufliegt,  was  mit  dem  Zeige¬ 
finger  der  linken  Hand  leicht  kontrolliert  werden  kann.  Dieses  und 
alle  folgenden  Maasse  müssen  auf  Millimeter  genau  abgelesen  werden. 

Höhe  des  oberen  Symphysenrandes  über  dem 
Boden  iNr.  6l.  In  gleicher  Weise,  wie  eben  beschrieben,  d.  h.  ohne 
das  Anthropometer  von  seinem  Platze  zu  rücken,  zieht  man  das 
Schieberkästchen  bis  in  das  Niveau  des  Oberrandes  der  Symphysis 
ossium  pubis  herab.  Der  hier  gelegene  Messpunkt  (Symphysion)  wird 
leicht  gefunden,  wenn  man  die  flache  Hand  mit  gestreckten  Fingern 
auf  die  vordere  Bauchwand  des  zu  Messenden  legt,  und  unter  leichtem 
Druck  nach  innen  so  weit  nach  abwärts  führt,  bis  die  Spitze  des  dritten 
Fingers  auf  eine  harte  Unterlage  stösst.  Hier  ist  der  gesuchte  Mess¬ 
punkt,  der  meist  im  Niveau  der  oberen  Schamhaargrenze,  resp.  einer 
kleinen  transversalen  Beugungsfurche  liegt,  die  besonders  bei  Kindern 
den  Schamberg  deutlich  nach  oben  begrenzt.  Das  Symphysion  ent 
spricht  also  stets  dem  höchsten  Punkte  der  Symphyse  in  der  Median 
ebene  und  darf  nicht  auf  der  Vorderfläche  oder  gar  in  der  Nähe  der 
äusseren  Geschlechtsteile  gesucht  werden. 

Durch  Abzug  des  letzten  von  dem  vorletzten  Maasse  berechnet  man 


Nr.  i 

' 

die  Länge  der  vorderen  Rumpfwand  [Nr.  27],  die  zu¬ 
lässigste  Rumpflänge,  die  wir  feststellen  können,  da  alle  an  der  Rück 
fläche  des  Körpers  genommenen  Masse  infolge  der  individuell  wi 
selnden  Ausbildung  und  Richtung  der  Dornfortsätze  unsicherere  : 
sultate  ergeben.  Dass  man  zu  einer  eingehenden  Topographie  der 
deren  Rumpfwand  auch  die.  Höhenlage  des  unteren  Randes  des  Co: 
sterni,  des  Nabels  und  der  Mamillen  feststellen  wird,  versteht  sich  | 
selbst. 

Alle  Maasse  der  Extremitäten  werden  an  der  recl 
Körperseite  genommen;  nur  wenn  es  sich  darum  handelt,  Asym 
trien  der  Gliedmaassen  oder  Anomalien  der  Körperhaltung  festzuste 
wird  man  die  Messung  auch  an  der  linken  Körperseite  durchfüll 

Die  Längendimensionen  können  aus  folgenden  Maassen  berec! 
werden: 

Höhe  des  rechten  Akromion  über  dem  Boden  [Ni 
Man  stelle  das  Anthropometer  jetzt  vor  die  rechte  obere  Extren 
des  zu  Beobachtenden  und  verfahre  im  übrigen,  wie  oben  beschrie 
Die  rechte  Hand  des  Beobachters  hält  das  Anthropometer  und  f 
zugleich  den  Schieber,  während  die  linke  die  Messpunkte  palp 
Wichtig  ist,  dass  der  Arm  des  zu  Messenden  gestreckt^  und  ruhig 
der  Seitenfläche  des  Körpers  anliegt,  ohne  dass  die  Schulter  b 
gezogen  wird.  Der  zur  Messung  einzig  verwendbare  Akromialpi 
liegt  ungefähr  in  der  Mitte  des  Seitenrandes,  des  von  hinten,  unten  i 
vorn  oben  ansteigenden  Akromion  und  ist  gewöhnlich  zwischen  * 
etwas  divergierenden  Ursprungsportionen  des  M.deltoides  leicht  zu  fül 
Frontalschnitte  durch  das  Schultergelenk  beweisen,  dass  ein  auf  d 
•Weise  bestimmter  Punkt  nur  3  bis  5  mm  höher  als  der  Oberrand 
Humeruskopfes  gelegen  ist.  Die  Unterkante  des  Schieberlineals  n 
daher  dem  Seitenrand  des  Akromion  anliegen  und  darf  nicht  auf  de: 
Oberfläche  aufgesetzt  werden,  sonst  erhält  man  zu  grosse  Armlän 
Im  übrigen  ist  die  ganze  Topographie  der  seitlichen  Schultergeg 
vor  allem  die  wechselnde  Lagebeziehung  des  Akrömialrandes  zur  Ari 
latio  acromio-clavicularis  für  einzelne  Konstitutionstypen  dure 
charakteristisch. 

HöhederrechtenEllenbogengelenkfugeüberd 
Boden  [Nr.  9].  Das  Schieberkästchen  des  Anthropometers  wird 
so  weit  herabgeführt,  dass  die  Spitze  des  Lineals  den  als  Radiale 
zeichneten  Messpunkt,  d.  h.  den  Oberrand  des  Capitulum  radii  bef 
Die  Fuge  der  Articulatio  humero  radialis  verläuft  annähernd  horize 
in  einem  mehr  oder  weniger  vertieften,  stets  deutlich  sichtbaren  G 
chen.  Ich  markiere  den  Punkt  mit  dem  Fingernagel  des  linken  Zc 
fingers  und  lege  die  Linealspitze  direkt  auf  die  Nagelplatte  dieses  Fin 
auf.  Um  dieses  und  die  folgenden  Maasse  zu  nehmen,  muss  sich 
Beobachter  selbst  in  ein  Knie  niederlassen  (vgl.  Abb.  6). 

Hö.he  des  Griffelfortsatzes'  des  rechten  Rad 
über  dem  Boden  [Nr.  10].  Der  Messpunkt  (Stylion)  entspricht 
tiefsten  Punkt  des  Proc.  styloideus,  der  in  der  von  den  Endsehnen 
Mm.  abductor  pollicis  und  extensor  pollicis  brevis  und  des  M.  exte 
pollicis  longus  gebildeten  dreieckigen  Vertiefung  (Tabatiere)  leicht 
funden  wird,  wenn  man  mit  der  Nagelplatte  des  Daumens  von  u 
her  gegen  die  Spitze  des  Griffelfortsatzes  drückt. 

Höhe  der  rechten  Mittelfinger  spitze  über  d 
Boden  [Nr.  11],  Die  Hand  der  zu  messenden  Person  muss  zur 
nähme  dieses  Maasses  ganz  gestreckt  werden,  ohne  aber  den  Ari 
seiner  Lage  zum  Körper  zu  verändern.  Hierauf  wird  die  Spitze 
Lineals  an  den  Unterrand  der  Fingerbeere  des  Mittelfingers  (Dakty 
angelegt  und  die  Höhe  abgelesen.  Durch  Abzug  der  vier  letztgenän 
Maasse  voneinander  berechnet  man  sowohl  die  Ganze  A  r  m  1  ä 
[Nr.  45]  als  auch  die  Länge  des  Oberarmes  [Nr.  47], 
Unterarmes  [Nr.  48]  und  der  Hand  [Nr.  49].  Will  man  auf 
Teilkomponenten  des  Armes  verzichten,  so  bestimmt  man  nur  die  I 
des  Akromion  und  der  Mittelfingerspitze.  Oberarm-,  Unterarm- 
Handlänge  können  auch  direkt  mit  dem  Stangenzirkel  gemessen  we 
doch  stimmen  diese  direkten  Maasse  nicht  ganz  genau  mit  den 
jektivischen  überein. 

Zur  Längenmessung  der  unteren  Extremität  dienen  die  folge! 
Maasse: 

Höhe  des  rechten  vorderen  Darmbeinstacl: 
iiberdemBoden  [Nr.  13].  Der  Messpunkt  (Iliospinale  ant.)  ist  1 
zu  finden,  wenn  man  die  vier  Finger  seiner  linken  Hand  auf  den  rec 
Darmbeinkamm  der  zu  messenden  Person  legt  und  mit  dem  Dar 
von  innen  und  unten,  d.  h.  vom  Leistenband  her  die  tiefste  Stelle 
Spina  iliaca  ant.  sup.  zu  erreichen  sucht.  Nicht  die  am  meisten 
gewölbte  Stelle  des  nach  vorn  abfallenden  Darmbeinkammes,  sor 
die  eigentliche  Spina  ist  als  Ausgangspunkt  der  Messung  zu  wäj 
Die  Ausführung  der  Messung  zeigt  Abb.  6. 

Da  der  Oberrand  des  Femurkopfes  beim  Lebenden  mit  ke 
Instrument  erreichbar  ist,  und  der  Trochanter  major  infolge  seiner  i 
dehnung  und  seiner  Beziehungen  zu  den  straffen  Endsehnen  der  i 
glutaei  med.  und  min.  einen  schlechten  Messpunkt  darstellt,  so  -J 
aus  der  Spinalhöhe  auch  die  Ganze  Beinlänge  [Nr.  53]  berec: 
werden.  Individuell  schwankt  die  vertikale  Entfernung  vom  Iliosp 
zur  Femurkopfkuppe  zwischen  19  und  52  mm.  je  nach  Körpergr; 
Beckenneigung  und  Form  der  Beckenschaufeln.  Man  muss  daher  vor 
Höhe  des  vorderen  Darmbeinstachels  einen  bestimmten  Betrag 
ziehen  und  zwar 

bei  einer  Körpergrösse  bis  zu  130  cm  15  mm 

„  „  „  von  131  bis  150  cm  20  mm 

„  „  „  von  151  bis  165  cm  30  mm 

,.  „  „  von  166  cm  u.  darüber  40  mm 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


387 


März  1922. 


Es  ist  selbstverständlich,  dass  man  auf  diese  Weise  nur  approxi- 
ive  Werte  für  die  Beinlän-ge  erhält,  doch  ist  der  Fehler  im  ein- 
len  Fall,  wie  Untersuchungen  am  Skelet  ergaben,  nur  gering. 
Höhe  der  rechten  Kniegelenkfuge  über  dem  Boden 
15].  Der  Messpunkt  (Tibiale)  liegt  am  inneren  Gelenkrand  des 
alkopfes  vor  dem  Lig.  collaterale  tibiale.  Die  Orientierung  ist 
;h  die  Patella  und  vor  allem  durch  das  Lig.  patellare  gegeben.  Fasst 
t  dieses  zwischen  Daumen  und  Zeigefinger  der  rechten  Hand,  und 
;  ebt  mit  dem  letzteren  die  Haut  einmal  in  der  Vertikalen  und  dann 
Her  Horizontalen  etwas  hin  und  her,  dann  wird  man  deutlich  den 
Dnkspalt  fühlen,  da  die  Gelenkkapsel  hier  ziemlich  dünn  ist.  Nur 
Frauen  mit  starkem  Pannicuius  adiposus  kann  die  Auffindung  des 
ktes  Schwierigkeiten  bereiten.  Man  hüte  sich  aber,  den  Punkt  zu 
.  d.  h.  an  dem  ünterrand  des  Condylus  medialis  tibiae,  oder  zu  hoch, 
ler  seichten  Vertiefung  unter  dem  Epicondylus  medialis  feinoris  zu 
len.  In  Zweifelfällen  lasse  man  das  rechte  Bein  für  einen  Augen- 
k  im  Knie  leicht  beugen.  Um  die  rechte  Hand  für  die  Feststellung 
;es  wichtigen  Messpunktes  freizubekommen,  und  die  Spitze  des 
3als  richtig  aufsetzen  zu  können,  bitte  ich  den  zu  Messenden,  den 
3  des  Anthropometers  mit  einer  Hand  (natürlich  wie  bisher  in  der 
lianebene  und  vertikal)  zu  halten.  Dies  ist  selbst  bei  Kindern  leicht 
erreichen. 

Höhe  der  rechten  inneren  Knöchelspitze  üoer 
n  B  o  d  e  n  |Nr.  16],  Auch  hier  muss,  wie  bei  dem  Darmbeinstachel, 
Messpunkt  ganz  an  die  wirkliche  Spitze  des  Malleolus  med.  gelegt 
den.  Man  sucht  ihn  daher  am  leichtesten  von  unten  und  etwas  von 
en  her,  indem  man  hinter  dem  Lig.  calcaneo-tibiale  mit  der  Nagel¬ 
te  des  Daumens  dagegen  drückt.  Legt  man  dann  die  Spitze  des 
eals  auf  die  letztere  auf,  so  berührt  man  zugleich  die  Spitze  des 
leolus.  Die  auf  diese  Weise  festgestellte  Fusshöhe  unterliegt 
ach  der  Ausbildung  des  Fussgewölbes  grossen  individuellen  Schwan¬ 
gen.  Durch  Abzug  der  drei  letztgenannten  Maasse  voneinander  er- 
t‘  man  die  Länge  des  Oberschenkels  | Nr.  55 1  und  des 
tersc  henk  eis  [Nr.  56], 

Erwähnt  sei  auch  noch  die  Spannweite  der  Arme  (Klafterweite) 
17],  obwohl  sie  ein  komplexes  Maass  darstellt,  weil  sie  in  einem 
z  bestimmten,  während  des  Wachstums  sich  ändernden  Verhältnis 
Körpergrösse  steht.  Am  sichersten  lässt  sich  die  Messung  aus- 
en,  wenn  sich  der  Beobachter  mit  horizontal  gehaltenem  Anthropo- 
er  dicht  vor  das  zu  messende,  mit  wagrecht  ausgestreckten  Armen 
der  Wand  stehende  Individuum  stellt,  dessen  rechte  Mittelfinger- 
ze  mit  der  eigenen  linken  Hand  am  Nullpunkt  des  Instrumentes 
hält  und  mit  der  linken  Mittelfingerspitze  das  Schieberkästchen  an 
>en  vorstehendem  Unterrand  soweit  als  möglich  hinausschieben  lässt. 
Instrument  muss,  um  das  Maximalmass  ,zu  erreichen,  in  der  Höhe 
Manubrium  sterni  und  der  Schlüsselbeine  liegen.  Die  gewonnene 
1  wird  natürlich  jetzt  am  Unterrand  des  Schiebers,  an  dem  die 
gerspitze  anlag,  nicht  am  Fensterausschnitt,  abgelesen. 

Auch  zur  Feststellung  der  .Stammlänge  oder  Sitzhöhe 
deitelhöhe  bis  Sitzfläche)  [Nr.  23],  die  v.  Pirquet  zur  Berechnung 
res  Gelidusi  verwendet,  kann  das  Anthropometer  benützt  werden. 

.  Individuum  muss  sich  zu  diesem  Zweck  auf  einen  Hocker  von 
cm  Höhe  in  aufrechter  Haltung  und  mit  horizontal  eingestelltem 
ife  (s.  o.)  setzen.  Dann  stellt  man  das  Anthropometer  vertikal  in 
Mitte  des  Rückens  des  zu  Messenden  auf  die  Sitzfläche  und  führt 
Schieberkästchen  so  weit  herab,  bis  die  Unterkante  des  Lineals 
dem  Scheitel  aufliegt.  Verschiedene  Körperhaltung  und  verschiedene 
le  des  Sitzes  können  das  Maass  stark  beeinflussen. 

Die  nun  folgenden  Masse  werden  mit  dem  Stangenzirkel  genommen. 
Breite  zwischen  den  Akromien  (Schulterbreite)  [Nr.  35] . 
adlinige  Entfernung  der  beiden  Akromialpunkte  voneinander  Man 
;t  den  Stangenzirkel  mit  der  rechten  Hand  von  oben  her  an  seinem 
ren  Ende,  mit  der  linken  am  Schieberkästchen,  nachdem  man  die 
hllineale  der  Länge  der  Zeigefinger  entsprechend,  ungefähr  90  mm, 
gezogen  hat.  Ich  palpiere  zuerst  beide  Messpunkte  mit  den  Finger- 
ren  der  auf  den  Stahllinealen  aufliegenden,  ausgestreckten  Zeige- 
er.  Hierauf  lege  ich  die  Spitze  des  oberen  Stahllineals  an  den  Seiten- 
d  des  linken  Akromion  und  schiebe  das  Schieberlineal  langsam  an 
rechte  Akromion.  Man  kann  bei  dieser  Technik  leicht,  mit  den 
gerspitzen  feststellen,  ob  die  Lineale  wirklich  den  Messpunkten 
itig  anliegen.  Die  Ablesung  des  Maasses  erfolgt,  wie  bereits  erwähnt, 
der  obdn  angegebenen  Maassskala,  und  zwar  am  Oberrand  des  Schie- 
kästchens.  Eine  an  den  stärksten  seitlichen  Ausladungen  der  Mm. 
toidei  gemessene  Schulterbreite  ist  mit  der  Akromialbreite  natürlich 
it  vergleichbar. 

Breite  zwischen  den  Darmbein  kämmen  [Nr.  40],  d.  h. 
scheu  den  beiden  am  meisten  seitwärts  ausgeladenen  Punkten  der 
stac  iliacae.  Handhabung  des  Instrumentes  wie  bei  der  Bestimmung 
Akromialbreite,  nur  müssen  bei  korpulenten  Personen  die  Lineale 
ger  ausgezogen  werden.  Man  drücke  die  Lineale  nur  leicht  an  den 
‘'per  an  und  hüte  sich  vor  allem  davor,  das  Maass  oberhalb,  statt 
1  den  Seitenrändern  der  Darmbeinkämme  zu  nehmen,  da  die  grösste 
dtenentwicklung  gemessen  werden  soll. 

Grösste  Hüftbreite  [Nr.  42a).  Es  handelt  sich  bei  diesem 
'asse  um  die  Feststellung  der  grössten  Breite  in  der  Hüftregion,  die 
■i  bei  mageren  Personen  mit  der  Breite  zwischen  den  grossen  Roll- 
:eln  (Trochanterbreite)  deckt.  Bei  muskulösen  und  fettleibigen  In- 
uduen  wird  das  Maas  aber  durch  die  seitlich  über  den  Trochanteren 
‘  Springenden  Muskel-  resp.  Fettmassen  bedingt.  An  diese  seitlichen 
Nr.  II 


Ausladungen  werden  die  Lineale  des  horizontal  gehaltenen  Stangen¬ 
zirkels  fest,  aber  ohne  einzudrückeu,  angelegt. 

Für  die  Konstitutionsforschung  dürften  auch  der  transversale 
und  der  sagittale  Brustdurchmesser  [Nr.  36  und  37]  eine 
immer  grössere  Bedeutung  gewinnen,  um  so  mehr,  als  die  Brustumfänge 
leider  zu  den  technisch  schwer  zu  bestimmenden  Maassen  gehören, 
Den  transversalen  Durchmesser  misst  man  mit  horizontal  vor  der  Brust 
gehaltenem  Stangenzirkel,  indem  man  die  Lineale  an  die  seitliche  Tho¬ 
raxwand  an  die  Stelle  der  grössten  seitlichen  Ausladungen  anlegt.  Den 
sagittalen  Durchmesser  bestimme  ich  senkrecht  zum  transversalen  mit 
dem  mit  Tasterarmen  montierten  Stangenzirkel,  indem  ich  die  eine 
Zirkelspitze  auf  die  untere  Grenze  des  Corpus  sterni,  die  andere  auf 
den  in  der-  gleichen  Horizontalebene  gelegenen  Dornfortsatz  des  Tho¬ 
rakalwirbels  aufsetze.  Man  kann  beide  Durchmesser  natürlich  sowohl 
in  der  Atempause,  wie  bei  stärkster  Inspiration  und  Exspiration  messen. 

Als  ergänzende  Maasse  kommen  noch  in  Betracht:  Breite  der 
rechten  Hand  [Nr  52),  ein  für  die  Feststellung  der  Berufsvarietäten 
wichtiges  Maass.  Man  fasst  die  vollständig  extendierte  rechte  Hand  des 
zu  Beobachtenden  und  misst  quer  über  den  Handrücken  zwischen  den 
vertikal  gehaltenen  Linealen  die  grösste  Distanz  der  seitlich  am  meisten 
vorspringenden  Punkte  der  Capitula  der  Ossa  metacarpalia  II  und  V. 
Man  beachte,  dass  der  mediale  Messpunkt  mehrere  Millimeter  proximal 
von  der  Art.  carpo  metacarpea  gelegen  ist.  Der  .Daumen  wird  also 
nicht  mitgemessen. 

Länge  des  rechten  Fusses  [Nr.  58],  Die  Stange  des  In¬ 
strumentes  muss  parallel  uem  medialen  Kande  aes  etwas  vorgestellten 
und  belasteten  rechten  Fusses  auf  den  Fussboden  gelegt  werden,  worauf 
man  das  feste  Stahllineal  an  den  am  meisten  nach  hinten  vorspringen¬ 
den  Punkt  der  Ferse  anlegt  und  das  Schieberlineal  an  die  Kuppe  der 
vorstehendsten  Zehe  (erste  oder  zweite)  anschiebt. 

Breite  des  rechten  Fusses  [Nr.  59],  Aehnlich  wie  bei  der 
Messung  dtr  Handbreite  wird  der  Stangenzirkel  mit  senkrecht  gerichte¬ 
ten  Linealen  quer  über  den  belasteten  Fuss  gehalten  und  dann  durch 
Anlegen  der  Lineale  an  die  vorspringendsten  Punkte  in  der  Gegend  der 
Köpfchen  der  Metatarsalia  I  und  V  die  geradlinige  Entfernung  dieser 
beiden  Punkte  voneinander  festgestellt.  Die  so  gemessene  Fussbreite 
steht  also  nicht  senkrecht  auf  der  Fusslänge. 

Ich  gehe  nun  zu  einer  Besprechung  der  wichtigsten  Umfang¬ 
messungen  über.  Bei  der  üblichen  doppelseitigen  Gradeinteilung  der 
meisten  Stahlbandmaasse  ist  es  vorteilhaft,  die  Kapsel  stets  in  die  linke 
Hand  zu  nehmen  und  das  Band  mit  der  rechten  je  nach  Bedarf  aus¬ 
zuziehen,  weil  dann  die  Zahlen  der  Skala  auf  der  dem  Beobachter  zu¬ 
gekehrten  Seite  des  Bandmaasses  stets  aufrecht  stehen. 

Umfang  des  Halses  [Nr.  63].  Man  legt  das  Bandmaass  in  der 
Art  um  den  Hals,  dass  es  senkrecht  zu  der  etwas  nach  vorn  geneigten 
Halsachse  an  der  schmälsten  Stelle,  vorn  ungefähr  über  den  Ring¬ 
knorpel  läuft.  Will  man  die  Veränderungen  des  Umfanges  durch  Struma 
messen,  was  bei  Beobachtungen  an  unserer  Jugend  besonders  wich¬ 
tig  ist,  so  muss  man  noch  einen  zweiten  Umfang  messen  und  zu  diesem 
Zwecke  das  Bandmaass  seitlich  und  vorn  über  die  stärksten  Vorwölbungen 
legen,  während  es  hinten  in  der  tiefsten  Stelle  der  konkaven  Nacken¬ 
kurve  liegen  bleibt.  Es  verläuft  jetzt  stark  schräg  von  hinten  oben  nach 
vorn  unten.  Bei  diesem  wie  bei  allen  folgenden  Umfängen,  darf  das 
Bandmaass  nicht  so  stark  angezogen  werden,  dass  es  in  die  Haut  ein¬ 
schneidet;  es  soll  vielmehr  gerade  nur  der  Körperoberfläche  anliegen. 

Umfang  der  Brust  a)  bei  ruhigem  Atmen  [Nr  61],  b)  bei  In¬ 
spiration  | Nr.  61a)  und  c)  bei  Exspiration  [Nr.  61b].  Von  den  verschie¬ 
denen  Methoden,  den  Brustumfang  zu  messen,  empfehle  ich  diejenige, 
bei  welcher  das  Bandmaass  hinten  direkt  unter  den  unteren  Schulter¬ 
blattwinkeln.,  seitlich  hoch  in  der  Achselhöhle  und  vorn  genau  ober¬ 
halb  der  Mamillen,  über  die  Warzenhöfe  verläuft.  Beim  Anlegen  des 
Bandmaasses  sollen  die  Arme  des  zu  Messenden  nur  so  weit,  dass  man 
eben  das  Bandmaass  unter  den  Achselhöhlen  durchziehen  kann,  aber 
nicht  bis  zur  Horizontalen  gehoben  werden  und  während  der  Messung 
selbst  lose  herabhängen.  Im  weiblichen  Geschlecht  muss  bei  stärker 
ausgebildeter  und  nicht  gesenkter  Mamma  das  Bandmaass  etwas  höher 
angelegt  werden;  es  ist  daher  vorteilhaft,  noch  ein  zweites  Maass  direkt 
unter  den  Mammae,  ungefähr  in  der  Höhe  der  Basis  des  Processus 
xiphoideus  horizontal  um  den  Thorax  zu  nehmen.  Dieses  Maass,  bei  In¬ 
spiration  und  Exspiration  festgestellt,  orientiert  uns  auch  über  die 
Grösse  der  Flankenatmung.  Es  wäre  überhaupt  angezeigt,  mehr  als  bis¬ 
her  auch  die  verschiedenen  Atmungstypen  zu  beachten.  Die  bei  den 
militärischen  Aushebungen  übliche  Art,  den  Brustumfang  mit  seitwärts 
horizontal  ausgestreckten  Armen  zu  messen,  hat  den  Vorteil,  dass  die 
unteren  Schulterblattwinkel  höher  stehen,  aber  den  Nachteil,  dass  die 
bei  abduziertem  Arm  stark  vorspringenden,  vom  M.  pectoralis  major 
und  M.  latissimus  dorsi  gebildeten  Wandungen  der  Achselhöhle  mit¬ 
gemessen  werden.  (Vergl.  zu  der  ganzen  Frage:  W.  Scheidt,  Zur 
Technik  der  Brustumfangmessung;  Die  Kindertuberkulose  1.  Jahrgg. 
Nr.  6/7  S.  57.)  Um  ein  richtiges  Maass  der  respiratorischen  Exkursions¬ 
breite  zu  bekommen,  muss  man  bei  Ungeübten  das  Aus-  und  Einatmen 
mehrere  Male  ausführen  lassen. 

Kleinster  Umfang  oberhalb  der  Hüfte  [Nr.  62],  Um¬ 
fang  des  Abdomen  ohne  Rücksicht  auf  die  sehr  verschiedene  Nabellage 
in  der  Höhe  der  am  meisten  eingezogenen  Seitenkontur  des  Rumpfes, 
also  zwischen  unteren  Rippenbogen  und  Darmbeinkämmen. 

Grösster  Umfang  des  rechten  Oberarmes  a)  bei 
Streckung  [Nr.  65]  und  b)  bei  Beugung  [Nr.  65  (1)].  Das  Bandmaass 
wird  zuerst  in  der  Höhe  der  stärksten  Vorwölbung  des  M.  biceps  hori¬ 
zontal  um  den  lose  herabhängenden  Arm  gelegt  und  das  Maass  ab- 

4 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


m 


gelesen.  Hierauf  lässt  man  den  Oberarm  nach  vorn  bis  zur  Horizontalen 
erheben  und  den  Unterarm  mit  geballter  Faust  und  grösster  Kraftanstren¬ 
gung  gegen  die  Schulter  beugen,  bis  die  maximale  Kontraktion  des 
M.  biceps  erreicht  ist.  Nun  verschiebt  man  das  Bandmaass.  bis  es  über 
der  Kuppe  des  Bizepswulstes  liegt.  Die  Differenz  der  beiden  Maasse  gibt 
einen  Einblick  in  die  Massenentfaltung  der  Oberarmmuskulatur. 

Grösster  Umfang  des  rechten  Unterarmes  INr.  66J. 
An  dem  schlaff  herabhängenden,  supinierten  Unterarm,  mit  dem  Be¬ 
schauer  zugewandter  Vola,  wird  das  Bandmaass  horizontal  um  die 
stärkste  seitliche,  durch  den  M.  brachioradialis  bedingte  Vorwölbung 
gelegt.  Die  Hand  darf  nicht  zur  Faust  geballt  werden. 

Kleinster  Umfang  des  rechten  Unterarmes  LNr.  67J. 
In  der  Höhe  der  schwächsten  Stelle,  aber  stets  proximalwärts  der  Proc. 
styloidei  radii  und  ulnae  bei  gleicher  Haltung  des  Armes  wie  bei  dem 
vorhergehenden  Maass. 

Grösster  Umfang  des  rechten  Oberschenkels 

[Nr.  68].  Das  Bandmaass  muss  an  der  Stelle  der  stärksten  medialen  Aus¬ 
ladung  unterhalb  der  Nates,  nicht  in  der  Glutäalfalte  selbst,  horizontal 
um  den  rechten  Oberschenkel  gelegt  werden.  Um  bei  starker  Muskel¬ 
oder  Fettentwicklung  die  richtige  Stelle  zu  finden,  lässt  man  das  linke 
Bein  etwas  seitswärts  stellen,  bis  man  das  Bandmaass  angelegt  hat,  dann 
aber  wieder  in  die  ursprüngliche  Lage  zurücknehmen.  Erst  jetzt  best 
man,  am  besten  an  der  äusseren  Seite  des  Oberschenkels,  um  nicht 
mit  den  Geschlechtsteilen  in  Berührung  zu  kommen,  das  Maass  ab. 

Grösster  Umfang  des  rechten  Unterschenkels 

(Wadenumfang)  [Nr.  69].  Ohne  das  Bandmaass  von  dem  Bein  weg¬ 
zunehmen,  führt  man  es  nach  unten  bis  an  die  Stelle  der  stärksten  Aus¬ 
ladung  der  Wadenmuskulatur,  die  bei  der  individuell  stark  variierenden 
Dicken-  und  Längenausbildung  der  Mm.  gastrocnemii  sehr  verschieden 
hoch  liegen  kann. 

Kleinster  Umfang  des  rechten  Unterschenkels 

[Nr.  70],  Dieser  kleinste  Umfang  ist  gewöhnlich  direkt  über  dem  Mal¬ 
leolus  medialis  gelegen,  wird  aber  durch  Richtung  und  Ansatz  des  Tendo 
calcaneus,  die  zu  beachten  sind,  mehr  oder  weniger  beeinflusst. 

An  die  Körpermaasse  möchte  ich  noch  einige  wenige  Kopfmaasse 
anschliessen.  Sie  sollten  auch  von  der  Konstitutionsforschung  nicht 
vernachlässigt  werden,  einmal  weil  ganz  bestimmte  Korrelationen  zwi¬ 
schen  Kopf-  und  Körperwachstum  bestehen,  und  ferner  auch,  weil  es 
mehr  als  wahrscheinlich  ist,  dass  die  Rassenzugehörigkeit  auch  in 

unserer  stark  gemischten  europäischen  Bevölkerung  den  Körperbau¬ 
typus  beeinflusst,  was  aus  Untersuchungen  an  fremden  Menschenrassen 
unzweideutig  hervorgeht. 

Horizontalumfang  des  Kopfes  [Nr.  45] 2).  Man  hält  den 
Nullpunkt  des  Bandmaasses  mit  der  linken  Hand  auf  der  Glabella  fest, 
führt  es  mit  der  rechten  Hand  über  die  linke  Kopfseite  bis  zu  dem  vor¬ 
springendsten  Punkt  des  Hinterkopfes  (nicht  über  die  meist  viel  tiefer 
gelegene  Protuberantia  occipitalis)  und  von  da  über  die  rechte  Kopf¬ 
seite  zurück  zur  Glabella,  wo  man  es  ebenfalls  mit  der  linken  Hand  fasst. 
Dadurch  wird  die  rechte  Hand  frei,  um  zu  kontrollieren,  ob  das  Band¬ 
maass  gleich  hoch  an  beiden  Kopfseiten  und  wirklich  über  den  vor¬ 
springendsten  Punkt  des  Hinterkopfes  läuft.  Nur  bei  einer  derartig 
sorgfältigen  Technik  kann  man  maximale  Umfänge  des  Neurokraniums 
erhalten. 

Die  nun  folgenden  Maasse  werden  mit  dem  Tasterzirkel  genommen. 
Man  fasst  die  Zirkelarme  an  ihren  vorderen  Enden  mit  beiden  Händen 
und  zwar  so,  dass  der  Daumen  auf  die  obere,  der  Zeigefinger  auf  die 
untere  Seite  der  abgerundeten  Zirkelenden  zu  liegen  kommt.  Auf  diese 
Weise  kann  man  mit  den  Fingerspitzen  die  Zirkelenden  auf  die  Mess¬ 
punkte  aufsetzen  und  am  Kopf  festhajtenv  ohne  die  Kopfhaut  ein¬ 
zudrücken.  Die  Ableseskala  bleibt  dabei' immer  sichtbar. 

Grösste  Kopflänge  [Nr.  1].  Geradlinige  Entfernung  der 
Glabella  von  dem  am  meisten  in  der  Medianebene  vorragenden 
Punkt  des  Hinterhauptes  (Opisthokranion).  Man  stellt  sich  an  die 
rechte  oder  linke  Seite  (je  nach  der  Lichtquelle)  der  auf  einem  Hocker 
sitzenden  Person,  hält,  wie  eben  beschrieben,  das  linke  Zirkelende 
zwischen  Daumen  und  Zeigefinger  auf  der  Glabella  fest  und  fährt  mit 
dem  anderen  Zirkelende  langsam  in  der  Medianebene  am  Hinter¬ 
haupt  auf  und  nieder,  bis  der  Index  am  Maasslineal  den  maximalen  Wert 
anzeigt.  Will  man  sich  von  der  Richtigkeit  der  Messung  überzeugen, 
so  stellt  man  mittels  der  Schraube  das  Lineal  bei  der  gefundenen  Zahl 
fest  und  macht  nun  mit  dem  festgestellten  Instrument  eine  Kontroll- 
rnessung.  Ebenso  kann  man  auch  bei  den  folgenden  Maassen  verfahren. 

Grösste  Kopfbreite  [Nr.  3],  d.  h.  die  grösste  Breite  des 
Gehirnschädels  senkrecht  zur  Medianebene,  wo  sie  sich  findet. 
Die  Messpunkte  (Eurya)  müssen  in  einer  Horizontal-  und  Frontal¬ 
ebene  liegen.  Man  stellt  sich  vor  das  zu  messende  Individuum,  so  dass 
das  Scharnier  des  Tasters  in  die  Medianebene  seines  Kopfes  zu  liegen 
kommt  und  führt  dann  die  Zirkelspitzen,  in  der  oben  beschriebenen  Weise 
zwischen  den  Fingern  haltend,  so  lange  in  Zickzacklinien  an  der  seit¬ 
lichen  Kopfwand  auf  und  ab,  bis  der  grösste  gerade  Durchmesser  ge¬ 
funden  ist.  Die  Lage  dieses  Durchmessers  variiert  mit  der  Kopfform. 

Kleinste  Stirnbreite  [Nr.  4].  Man  suche  zunächst  mit  den 
Zeigefingern  diejenigen  über  dem  Jochfortsatz  des  Stirnbeins  am 
meisten  nach  vorn  und  innen  gelegenen  Punkte  der  Linea  temporalis 
(Frontotemporalia).  Legt  man  die  Zeigefingerspitzen  in  die  an  dieser 
Stelle  befindlichen,  vom  M.  temporalis  bedeckten  kleinen  Vertiefungen 
und  schiebt  die  Zirkelspitzen  auf  die  oben  erwähnten  Punkte  der  Linea 
temporalis,  so  kann  man  die  Breite  an  der  Skala  ablesen.  Diese  vordere 


2)  Die  kephalometrische  Technik  hat  eine  eigene  Numerierung. 


Nr.  1 


Kopfbreite  ist  vor  allem  für  die  Beurteilung  der  Frontalhimentwicklun 
von  Bedeutung  (Abb.  7). 

Joch  bogenbreite  [Nr.  6].  Technik  wie  oben.  Die  Tastei 
spitzen  werden  an  die  am  meisten  seitlich  ausgeladenen  Stellen  de 
Jochbogens  (Zygia)  angelegt.  Bei  Europäern  liegen  die  Messpunkt 
ungefähr  2  cm  vor  dem  Tragus. 

Unterkieferwinkelbreite  [Nr.  8].  Die  Tasterspitzen  sin 
nicht  hinten,  sondern  seitlich  an  die  Unterkieferwinkel  anzusetzen,  we 
die  grösste  Ausladung  (Gonion)  gemessen  werden  soll.  Das  Instrumer 
wird  am  besten  so  gehalten,  dass  die  Zeigefingerbeeren,  auf  denen  di  j 
Tasterspitzen  aufruhen,  von  hinten  und  unten  her  die  Unterkieferwinku 
umgreifen.  Der  M.  masseter  darf  natürlich  nicht  kontrahiert  werdet 

Ein  Vergleich  der  vier  aufgeführten  Brejtenmaasse  gibt  einen  gute 
Einblick  in  den  Aufbau  von  Gehirn-  und  Gesichtsschädel.  Ergän? 
müssen  sie  aber  doch  durch  die  Höhenmaasse  werden. 

Ganze  Kopfhöhe  [Nr.  16],  die  der  projektivischen  Entfernun 
des  Scheitels  vom  Unterrand  des  Kinnes  (Gnathion)  entspricht.  Si 
wird  atn  besten  mit  dem  Stangenzirkel  gemessen,  indem  man  sich  seil 
lieh  neben  den  zu  Messenden  kniet.  Nachdem  der  Kopf  in  der  Oht 
Augen-Ebene  orientiert  ist,  legt  man  das  langausgezogene  obere  Line; 
auf  den  Scheitel,  hält  es  hier  mit  der  linken  Hand  fest  und  schiebt  m: 
der  rechten  Hand  den  Schieber  mit  dem  kurzausgezogenen  Lineal  i 
der  Medianebene  an  den  unteren  Kinnrand.  Dabei  muss  der  Stab  de 
Stangenzirkels  senkrecht  zur  Ohr-Augen-Ebene  stehen.  Das  Maas 
dient  hauptsächlich  zur  Berechnung,  wieviele  Kopfhöhen  in  der  Körpeij 
grosse  enthalten  sind. 

Morphologische  Gesichtshöhe  [Nr.  18],  projektivisch 
Entfernung  der  Stirnnasennaht  (Nasion)  von  dem  eben  genannten  Kinn 
Punkt.  Der  Verlauf  der  Sutura  naso-frontaüs  lässt  sich  trotz  des  Naht 
gewebes  und  des  meist  sehr  dünnen  M.  procerus  auch  am  Lebende' 
leicht  feststellen.  Der  Messpunkt  entspricht  also  der  Nasenwurzel,  nicrj 
dem  stets  tiefer  gelegenen  Nasensattel.  Die  Handhabung  des  Instrui 
mentes  ist  die  eben  beschriebene;  man  muss  nur  zuvor  das  ober; 
Lineal  kurz  stellen  und  seine  Spitze  mit  Zeigefinger  und  Daumen  de 
linken,  auf  dem  Kopfe  des  zu  Messenden  aufruhenden  Hand,  an  da 
Nasion  anlegen.  Das  Maass  entspricht  der  auch  am  Schädel  festzn 
stellenden  Höhe  des  Splanchnokraniums. 

0  h  r  h  ö  h  e  d  e  s  K  o  p  f  e  s  [Nr.  15],  Nur  durch  dieses  Maass  kan  | 
am  Lebenden  die  Höhenausdehnung  des  Neurokraniums  festgestelii 
werden.  Man  muss  sich  vor  den  zu  Messenden  stellen,  den  Stangen 
Zirkel  in  der  rechten  Hand  haltend.  Hierauf  wird  das  langausgezogen 
obere  Lineal  horizontal  auf  den  Scheitel,  die  Spitze  des  nur  ganz  kurze 
Schieberlineals  aber  an  den  linken  Traguspunkt  (Tragion)  angeleg 
Das  Maass  ist  erst  dann  richtig  und  abzulesen,  wenn  der  Stab  de 
Stangenzirkels  parallel  zur  Medianebene  gehalten  wird,  was  einig 
Uebung  erfordert. 

Von  Einzelmaassen  des  Gesichtes  erwähne  ich  nur  noch  die  Höh 
der  Nase  [Nr.  21],  die  als  Entfernung  der  Stirnnasennaht  (Nasion 
von  dem  Nasenboden,  d.  h.  dem  einspringenden  Winkel,  der  von  der 
Unterrand  der  Nasenscheidewand  und  der  Integumentaloberlippe  ge 
bildet  ist  (Subnasale),  gemessen  wird.  Stangen-  oder  Gleitzirkel. 

Die  Breite  der  Nase  [Nr.  13]  entspricht  der  gradlinigen  Ent 
fernung  der  beiden  am  meisten  seitlich  ausgeladenen  Punkte  der  Nasen 
flügel  (Alaria)  von  einander.  Man  fasst  den  Gleitzirkel  am  Schiebe! 
mit  der  rechten  Hand  und  legt  ihn  so  an  das  Gesicht  an,  dass  di! 
Innenseiten  der  flachen  Zirkelarme  die  verlangten  Punkte  eben  be 
rühren. 

Es  ist  selbstverständlich,  dass  die  Abnahme  der  aufgezählten  Maass] 
einige  Uebung  erfordert;  man  muss  zuerst  in  der  Bestimmung  de 
individuell  sehr  verschieden  ausgebildeten  und  gelagerten  Messpunkte 
sowie  in  der  Handhabung  der  Instrumente  die  notwendige  Sicherhei 
erworben  haben,  ehe  man  die  gewonnenen  Zahlen  wissenschaftlich  ver 
werten  kann.  Die  letzteren  werden  in  vorgedruckte  Beobachtungsblätte 
eingetragen,  und  zwar  empfehle  ich  dringend  Individualblätter,  weil  nu 
diese  eine  mannigfache  statistische  Verarbeitung  gestatten,  ohne  di 
Zahlen  immer  wieder  abschreiben  zu  müssen.  Die  Anordnung  de 
Maasse  auf  den  von  mir  herausgegebenen  Beobachtungsblättem  ist  dahe 
derart,  dass  durch  ein  Uebereinanderlegen  der  Einzelblätter  die  Zahle 
der  gleichen  Maasse  sämtlicher  Individuen  in  Vertikalkolonnen  zu  stehes 
kommen  und  auf  diese  Weise  leicht  statistisch  verarbeitet  werdei 
können.  Die  meisten  der  oben  aufgeführten  Maasse  sind  sowohl  in  dej 
für  unsere  studentischen  Erhebungen  von  dem  gemeinsamen  Ausschus 
für  Leibesübungen,  dem  Amt  für  Leibesübungen  und  dem  Verein  Stul 
dentenhaus  München  herausgegebenen  Beobachtungblatt,  sowie  in  de. 
neuen  Gesundheitsbogen  der  Münchener  Stadtschulen  aufgenommer 
worden.  Noch  einige  weitere  Maasse  enthält  das  von  mir  ausgearbeitet 
Beobachtungsblatt  zur  Konstitutions-  und  Typenforschung3),  an  das  sic; 
auch  das  von  der  deutschen  Hochschule  für  Leibesübungen  in  Berli 
verwendete  Beobachtungsblatt  eng  anlehnt.  So  ist  jetzt  eine  Einheit 
lichkeit  in  der  Messtechnik  und  in  der  Registrierung  der  Maasse  erreich^ 
die  einen  Vergleich  der  Resultate  vieler  Beobachter  möglich  macht. 

Natürlich  enthalten  alle  diese  Beobachtungsblätter  auch  noch  ein 
Reihe  von  Rubriken  zur  Aufnahme  der  deskriptiven  Merkmale.  Fit 
viele  derselben,  z.  B.  für  Augen-,  Haar-  und  Hautfarbe,  für  die  Forr: 
der  Nase,  der  Lippen,  der  Augenlider,  für  die  Gesichtskontur  in  de 
Frontalansicht  usw..  besitzen  wir  bereits  vorzügliche  Schemata,  die  un 
erlauben,  auch  diese  Formverhäitnisse  ziffernmässig  auszudrücken  un< 


3)  Zu  beziehen  durch  die  Buchdruckerei  Franz  Stein,  Mancher 
Gabelsbergerstrasse  62. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


389 


i 


jlärz  1922. 

'  " 

it  der  rechnerischen  Verarbeitung  zugänglich  zu  machen.  Dabei 
,  en  wir  nie  vergessen,  dass  hier  die  Zahl,  wie  übrigens  auch  bei 
netrischen  Aufnahmen,  nur  eben  den  kürzesten  und  exaktesten  Aus- 
;  für  irgendwelche  Grössen-  und  Formverhältnisse  darstellt.  Für 
.  e  rein  beschreibende  Merkmale  sind  genau  gefasste  Bezeichnungen 
möglichen  Varianten  in  das  Beobachtungsblatt  eingesetzt,  die  eine 
■itliche  Charakterisierung  durch  verschiedene  Untersucher  gestatten, 
achtung  und  Messung  müssen  immer  Hand  in  Hand  gehen  und  sich 
iseitig  zu  ergänzen  und  zu  bestätigen  suchen, 
tusser  der  metrischen  und  deskriptiven  Beobachtung  sei  in  allen 
igen  Fällen  noch  eine  photographische  Aufnahme  empfohlen, 
auch  hier  sind  wieder  ganz  bestimmte  Bedingungen  zu  erfüllen,  wenn 
wissenschaftlich  brauchbare,  unter  sich  vergleichbare  Bilder  er- 
1  will.  Nur  Objektive  mit  grosser  Brennweite,  hoher  Lichtstärke 
;rossem  Bildwinkel,  die  infolgedessen  keine  Randverzeichnung  geben, 
verwendbar.  Alle  Aufnahmen  müssen  in  gleicher  Verkleinerung 
cht  werden.  Eine  Plattengrösse  13:18  erlaubt  drei  Aufnahmen 
tanzen  Figur  neben  einander  in  1/is  natürlicher  Grösse  oder  drei 
Aufnahmen  in  Vs  natürlicher  Grösse.  Als  Aufnahmen  der  ganzen 
kommen  Vorder-,  Seiten-  und  Rückenaufnahme,  die  genau  recht- 
lig  zu  einander  stehen  müssen,  in  Betracht.  Immer  muss  in  der 
ellungsebene  ein  Maassstab  mitphotographiert  werden,  um  auch  an 
photographischen  Abzug  noch  Messungen  ausführen  zu  können, 
lie  Brustaufnahme  empfiehlt  sich  neben  der  üblichen  Vorder-  und 
nansicht  noch  eine  Eindrittelseitenansicht,  denn  die  letztere  ent- 
wichtige  Eigentümlichkeiten  der  Gesichtsbildung,  die  weder  Vorder- 
Seitenansicht  geben  können.  Am  besten  erreicht  man  die  genaue 
tierung  der  einzelnen  Aufnahmen  mit  Hilfe  einer  Drehscheibe,  auf 
as  Individuum,  einmal  richtig  aufgestellt,  einfach  entsprechend  ge- 
wird.  Eine  solche  Einrichtung  befindet  sich  im  Laboratorium  für 
ärmessung  des  hiesigen  Anthropologischen  Institutes, 
lur  Feststellung  des  Körperbautyfus  des  Einzelnen  und  ganzer 
nen  sind  aber  die  durch  Messung  gewonnnenen  absoluten  Werte 
ausreichend,  da  sie  ja  von  der  allgemeinen  Grössenentwicklung 
Versuchten  abhängig  sind.  Man  muss  daher  noch  das  Verhältnis 
inzelnen  Maasse  zu  einander  berechnen.  Solche  Verhältniszahlen 
Indices  spielen  in  der  Anthropologie  eine  grosse  Rolle,  doch  ist 
licht  der  Ort,  um  näher  darauf  einzugehen.  Dagegen  muss  nach- 
lich  darauf  hingewiesen  werden,  dass  ein  Vergleich  einzelner 
iduen  untereinander,  oder  eines  Individuums  mit  einer  Gruppe, 
i  Typus,  nur  möglich  ist,  wenn  sämtliche  Maasse  auf  eine  Einheit 
iert  werden.  Am  häufigsten  wird  als  Vergleichsgrösse  die  Körper- 
e  oder  die  Länge  der  vorderen  Rumpfwand  gewählt.  Setzt  man 
llen  untersuchten  Personen  eines  dieser  Maasse  =  100,  so  erhält 
für  sämtliche  andere  Körperdimensionen  relative  Werte,  die  un- 
igig  von  dem  individuellen  Grössenausmaass  und  unter  sich  direkt 
eichbar  sind.  Es  ist  auf  diese  Weise  leidht,  die  relative  Ab- 
mng  eines  einzelnen  von  einem  bestimmten  Körperbautypus  zu 
hnen  und  praktisch  darzustellen.  Ferner  gelingt  es  ohne  weiteres 
irund  der  relativen  Höhenmaasse  die  Proportionsfiguren  des  ein- 
n-  Menschen  zu  konstruieren  und  so  deren  körperliche  Unter- 
ie  direkt  anschaulich  zu  machen  4). 

>o  ist  die  anthropometrische  Beobachtung  also  imstande,  die  kli- 
j  Diagnose  des  Körperbaues  in  wesentlichen  Punkten  zu  ergänzen, 
estattet  nicht  nur  ziffernmässig  Merkmalkomplexe  aufzustellen,  die 
nmten  Körperbautypen  entsprechen,  sondern  sie  ermöglicht  auch, 
Konstitution  des  einzelnen  so  festzulegen,  dass  ihre  relative  Ab- 
iung  von  einem  Durchschnitt  berechnet  und  ihre  Veränderung  in 
eit  kontrolliert  werden  kann.  In  der  so  festgestellten  Konstitution«- 
s  des  Individuums  bekommt  auch  der  praktische  Arzt  ein  wich- 
Mittel  an  die  Hand,  das  ihm  nicht  nur  die  klinische  Diagnose  er- 
ert,  sondern  das  er  sogar  prognostisch  verwerten  kann.  Natürlich 
:ine  Messung  und  keine  Zahl  imstande,  die  Ursachen  der  spe¬ 
ien  Körperbildung  eines  Menschen  aufzudecken.  Dennoch  bildet 
genaue  Kenntnis  das  Fundament,  auf  dem  die  so  vordringlichen 
hungen  über  die  Vererbung  und  die  Umwelteinwirkung,  über  die 
und  phänotypische  Gestaltung  des  einzelnen,  aufgebaut  werden 
in. 


der  chirurgischen  Universitätsklinik  zu  Marburg  a.  L. 

’eisung  des  Nervus  ischiadicus  und  des  Nervus 
dhenus  bei  angiospastischen  Schmerzzuständen  der 
unteren  Extremität. 

Von  Prof.  Dr.  A.  Läwen,  Direktor  der  Klinik. 

tuf  dem  Chirurgenkongress  1920  habe  ich  einen  Fall  von  seniler 
rän  besprochen,  bei  dem  ich,  um  den  Kranken  schmerzfrei  zu 
len  und  die  Demarkierung  ruhig  abwarten  zu  können,  den  Nervus 
idicus  in  seinem  Querschnitt  vereist  habe.  Das  gleiche  Verfahren 
ich  neuerdings  in  einem'  anderen  Falle  angewandt,  wo  seit  Jahren 
wiederholende  Anfälle  von  Angiospasmen  am  rechten  Bein  zu 
lei-zsteigerungen  geführt  hatten,  die  für  den  Kranken  kaum  noch 
dich  waren  und  wo  der  Befund  am  Fusse  eine  beginnende  Gangrän 
scheinlich  machte.  In  dem  gleichen  Gedankengang  wie  beim 

)  Ich  hoffe,  die  Bedeutung  dieser  beiden  Methoden  den  Lesern  dieser 
-  enschrift  bei  einer  späteren  Gelegenheit  an  einem  konkreten  Beispiel, 
■m  wachsenden  Münchner  Schulkind,  zeigen  zu  können. 


ersten  Fall  unterbrach  ich  hier  durch  Vereisung  den  Nervus  ischiadicus. 
Der  Erfolg  war,  was  die  Schmerzen  anbetrifft,  der  erhoffte:  der  Kranke 
ist  seit  der  Nervenvereisung,  die  jetzt  9  Monate  zurückliegt,  vollständig 
schmerzfrei  geworden.  Im  übrigen  Verlauf  war  jedoch  die  Wirkung 
ganz  anders,  als  ich  erwartet  hatte.  Der  Fuss  wurde  nämlich 
noch  am  Tage  der  Vereisung  wieder  warm  und  ist 
es  bis  auf  den  heutigen  Tag  geblieben. 

Die  Einzelheiten  des  auch  in  mancher  anderen  Beziehung  bemer¬ 
kenswerten  Falles  waren  folgende: 

H.  D.,  pens.  Briefträger,  61  Jahre  alt.  Nie  ernstlich  krank  gewesen. 
Vor  7  Jahren  bekam  der  Kranke  zum  ersten  Male  beim  Gehen  Anfälle  von 
krampfartigen  Schmerzen  in  der  rechten  Wade  und  im  Fuss,  die  ihn  beim 
Gehen  so  stark  hinderten,  dass  er  jedesmal  stehenbleiben  und  das  Bein  eine 
Zeitlang  im  Knie  strecken  und  beugen  musste,  wodurch  er  Erleichterung 
fand.  Bei  jedem  dieser  Anfälle  war  der  rechte  Fuss  kalt,  es  kribbelte  ihm 
und  er  hatte  das  Gefühl,  als  ob  der  Fuss  eingeschlafen  wäre.  Die  Be¬ 
schwerden  wurden  mit  der  Zeit  stärker,  die  Anfälle  häufiger,  so  dass  der 
Kranke  1917  pensioniert  werden  musste.  Vor  etwa  %  Jahren  (1920)  bekam 
er  plötzlich  einen  ausserordentlich  starken  Schmerzanfall  im  rechten  Bein, 
der  2 — 3  Tage  anhielt.  Nachts  konnte  er  nicht  schlafen.  Dann  wurde  er 
bis  auf  Schmerzen  beim  Gehen  wieder  beschwerdefrei.  Am  15.  V.  1921 
traten  vormittags  anhaltende  Schmerzen  im  rechten  Unterschenkel  und  Fuss 
auf,  die  sich  nachmittags  plötzlich  so  steigerten,  dass  er  laut  schreien  musste 
und  die  Leute  aus  der  Umgebung  in  seine  Wohnung  liefen,  um  nach  ihm  zu 
sehen.  Ich  wurde  von  den  Angehörigen  in  die  nahegelegene  Wohnung  ge¬ 
holt,  fand  den  Kranken  laut  jammernd  im  Bette  liegen,  den  rechten  Fuss  voll¬ 
kommen  kalt  bis  über  die  Knöchelgegend,  keinen  Puls  in  den  Fussarterien 
und  den  Radialispuls  stark  unregelmässig.  Ueberführung  des  Kranken  in  die 
chirurgische  Klinik.  Dort  gibt  er  noch  an,  dass  der  rechte  Fuss  seit  5  Jahren 
auch  in  der  warmen  Jahreszeit  dauernd  kalt  gewesen  sei;  im  Winter  habe 
er  am  rechten  Fuss  kaum  einen  Schuh  vertragen  können;  er  habe  den  Fuss 
öfter  am  Tag  am  Ofen  wärmen  müssen.  Geraucht  habe  er  wenig.  Potatorium 
zugegeben. 

Befund:  Magerer,  verbraucht  aussehender  Mann  mit  stark  ge¬ 
schlängelten  und  hervortretenden  Schläfenarterien.  Art.  radialis  stark  ge¬ 
spannt  und  geschlängelt.  Herz  nach  links  vergrössert.  Töne  rein.  Starke 
Arhythmie  mit  Extrasystolen.  Puls  unregelmässig.  Rechter  Fuss  fühlt  sich 
bis  zu  den  Knöcheln  kalt  an.  Sensibilität  erhalten,  eher  etwas  gesteigert. 
Puls  weder  an  der  Dorsalis  pedis  noch  an  der  Art.  tibialis  post,  zu  fühlen. 
An  der  Art.  poplitea  ist  der  Puls  gut  zu  fühlen,  um  etwa  3  cm  unterhalb  der 
Kniekehle  aufzuhören.  Patellarreflexe  vorhanden. 

16.  V.  Die  Schmerzen  haben  die  ganze  Nacht  angehalten,  vielleicht 
etwas  geringer  wie  gestern  Abend.  Fuss  kalt.  Puls  an  den  Fussarterien 
nicht  fühlbar. 

Operation;  9  Uhr  30  Min.  vormittags  in  örtlicher  Betäubung  Frei¬ 
legung  des  rechten  N.  ischiadicus  3  Querfinger  unterhalb  der  Gesässfalte. 
Er  ist  von  dichten  Varizen  umlagert,  macht  einen  etwas  atrophischen  Ein¬ 
druck  und  erscheint  von  beiden  Seiten  abgeplattet.  Injektion  von  5  ccm 
4  proz.  Novokainlösung  in  den  Nervenstamm.  Stumpfe  Zerlegung  des  Nerven 
in  2  Hälften  und  Querschnittsvereisung  jeder  Nervenhälfte  20  Minuten  lang 
mit  meinem  Kohlensäurevereisungsapparat  *).  Hautnaht.  Dann  wird  auf  der 
Innenseite  des  rechten.  Unterschenkels  5  cm  unterhalb  des  Kniegelenkspaltes 
der  N.  saphenus  aufgesucht  und  10  Minuten  lang  vereist.  Hautnaht. 

Unmittelbar  nach  der  Novokaininjektion  und  Ischiadikusvereisung  hören 
die  Schmerzen  im  rechten  Fuss,  die  Berührungsempfindung  und  die  Be¬ 
wegungsfähigkeit  des  rechten  Fusses  und  der  Zehen  auf;  während  am  linken 
Unterschenkel  und  Fuss  die  Haut  vollkommen  normal  ist,  erscheint  sie  rechts 
bis  zum  Kniegelenk  nach  oben  zu  abnehmend  mit  unregelmässig  begrenzten 
etwa  erbsengrossen  blauvioletten  Flecken  bedeckt,  die  den  Eindruck  venöser 
Stasen  machen. 

12  Uhr  mittags:  Vollkommene  Anästhesie  wie  am  Ende  der  Operation 
von  der  Kniekehle  bis  zu  der  Zehenspitze  und  im  Saphenusgebiet  unterhalb 
der  Vereisungsstelle. 

6  Uhr  abends:  Rechter  Fuss  ist  vollständig  warm  geworden. 

17.  V.  Rechter  Fuss  und  Zehen  schlaff  gelähmt.  Auf  der  Rückseite 
des  Unterschenkels  reicht  jetzt  die  anästhetische  Zone  bis  zu  seiner  Mitte. 
An  der  Aussenseite  des  Unterschenkels  kleine  subkutane  pulsierende  Arterie 
fühlbar.  Fuss  warm. 

21.  V.  Motorische  und  sensible  Lähmung  unverändert.  Fuss  warm. 
Puls  an  den  Fussarterien  nicht  fühlbar.  22.  V.  Puls  heute  in  Gegend  der 
rechten  Art.  dorsalis  fühlbar. 

26.  V.  Kapillar  mikroskopische  Untersuchung  (Privat-  . 
dozent  Dr.  M  o  o  g,  Oberarzt  der  med.  Klinik):  Beim  Herabhängenlassen 
beider  Beine  aus  dem  Bett  zeigt  sich  zwischen  rechts  und  links  ein  deutlicher 
Unterschied.  Rechts  intensive  leicht  violette  Rötung  der  Haut,  links  normal 
aussehende  Haut,  die  später  blau  wird.  Unter  dem  Mikroskop  sind  die 
Kapillaren  am  rechten  (vereisten)  Bein  normal  weit  mit  deutlicher 
Strömung.  Links  erscheinen  dagegen  die  Kapillaren  wesentlich  enger, 
wenn  auch  da  gelegentlich  normalweite  Schlingen  auftreten.  Meist  sind  sie 
auch  korkzieherförmig  gewunden. 

7.  VI.  Motilität  und  Sensibilität  nicht  geändert.  Der  Kranke  steht  mit 
Schienenstiefel  auf.  15.  VI.  Der  Kranke  läuft  mit  2  Stöcken.  Entlassung. 

Nachuntersuchung:  29.  VI.  Der  Kranke  bis  zu  4  Stunden  ausser 
Bett.  Schmerzen  völlig  geschwunden.  Rechter  Fuss 
fühlt  sich  wärmer  an  als  der  linke.  Kein  Puls  in  den  Fuss¬ 
arterien.  Lähmung  ungeändert.  Keine  faradische  Erregbarkeit.  Galvanisch 
bei  Stärke  15  wurmartige  Zuckungen.  Gegend  des  rechten  Knöchels  etwas 
ödematös. 

15.  VII.  Rechter  Unterschenkel  und  Fussrücken  ödematös  geschwollen. 
Oberschenkelumfang  rechts  36,5,  links  38,5  cm.  Wadenumfang  rechts  32,1, 
links  30  cm.  Anästhetische  Zonen  etwas  verschmälert.  Achillessehnenreflexe 
vorhanden.  Plantarreflex  fehlt,  Patellarreflexe  vorhanden. 

I.  X.  Der  Kranke  völlig  schmerzfrei,  läuft  mit  einem  Stock.  Er  wiegt 
jetzt  130  Pfund  gegen  120  Pfund  vor  der  Operation.  Der  rechte  Fuss  fühlt 
sich  genau  so  warm  an  wie  der  linke.  Irgendwelche  trophische  Störungen 
sind  weder  an  der  Fusssohle  noch  an  den  Zehen  vorhanden.  Puls  weder  an 
der  Art.  dorsalis  pedis  noch  an  der  Art.  tib.  post,  fühlbar.  Beim  Hängen  des 


J)  Vergl.  Verhandl.  d.  Deutschen  Gesellschaft  f.  Chir.  1920  S.  204. 

r 


390 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ _ _ Nr. 


Fusses  und  beiin  Stehen  wird  der  rechte  Fuss  sofort  intensiv  hyperämisch. 
Die  Rötung  setzt  sich  bis  aui  die  Mitte  des  Unterschenkels  fort.  Aktive 
Bewegungen  sind  weder  mit  dem  Fuss  noch  mit  den  Zehen  ausführbar.  Bei 
Reizung  mit  starken  faradischen  Strömen  erfolgt  vom  Nerven  aus  keine 
Zuckung. 

7.  XL  Der  Kranke  dauernd  beschwerdefrei.  Keine  Schmerzanfälle  mehr. 

Er  geht  auf  ebenen  Flächen  wie  in  seiner  Wohnung  ohne  Stock.  Bei  der 
heutigen  Untersuchung  sind  am  rechten  Fuss  und  Unterschenkel  weder 

trophische  Ulcera  noch  sonstige  trophische  Störungen,  wie  spröde  schuppende 
Haut,  festzustellen.  Der  Fuss  fühlt  sich  nicht  kühler  an  als  der  linke.  Die 
Muskulatur  am  ganzen  rechten  Bein  ist  etwas  atrophisch.  Die  Umfänge 

betragen  15  cm  unterhalb  der  inneren  Kniegelenksspalte  rechts  28,5,  links 
30,5  cm.  Der  Kranke  ist  noch  nicht  imstande,  den  Fuss  oder  die  Zehen  aktiv 
zu  bewegen.  Werden  die  Füsse  nach  abwärts  gehängt,  so  rötet  sich  der 
rechte  Fussrücken  deutlich,  während  die  Rötung  beim  linken  ausbleibt.  Reiz¬ 
versuche  der  Haut  mit  Senföl  ergaben  weder  rechts  noch  links  ein  Resultat. 
Es  besteht  starke  Klopfempfindlichkeit  des  N.  tibialis  in  der  Kniekehle  und 
etwa  handbreit  unterhalb  davon  und  des  N.  peroneus  am  Wadenbeinköpfchen. 
Die  Schmerzen  werden  in  das  gelähmte  Endausbreitungsgebiet  beider  Nerven 
verlegt  (Symptom  von  P.  Hoff  mann).  Der  Blutdruck  beträgt  an  der 

rechten  Art.  brachialis  'gemessen  215  mm  Hg.  Eine  Röntgenaufnahme  des 

rechten  Fusses  und  Unterschenkels  lässt  keine  trophischen  Veränderungen  der 
Knochen  erkennen.  Dagegen  sieht  man  in  der  Höhe  des  oberen  Sprung¬ 
gelenkes  die  geschlängelte  verkalkte  Art.  dorsalis  pedis. 

8.  XI.  Kapillarmikroskopische  Untersuchung  (Privat¬ 
dozent  Dr.  Moog):  Nagelfalz  der  3.  Zehe  rechts:  die  Kapillaren  sind  nur 
an  der  Umbiegungsstelle  von  der  Arterie  zur  Vene  zu  Gesicht  zu  bringen. 
Sie  sind  ziemlich  eng,  ab  und  zu  erkennt  man  eine  deutliche  Schlängelung. 
Die  Strömung  ist  durchweg  kontinuierlich.  Ab  und  zu  sieht  man  kurz¬ 
fristige  Unterbrechungen.  Links:  die  Kapillaren  sind  als  lange  Schlingen  zu 
sehen,  sie  sind  sehr  wenig  geschlängelt  und  eng.  Strömung  wie  rechts.  Es 
besteht  kein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  den  beiden  Seiten. 

Eine  Ausbreitung  der  Sensibilität  nach  der  Peripherie  ist  seit  der  letzten 
Untersuchung  nicht  eingetreten. 

22.  XL  Der  Kranke  völlig  beschwerdefrei.  Um  sein  Bein  zu  kräftigen 
hat  er  es  mit  einer  Arznei  eingerieben,  die  ihm  Mitte  Mai,  also  vor  der 
Operation,  sein  Hausarzt  gegen  die  Schmerzen  verschrieben  hatte.  Die  Ein¬ 
reibung  geschah  am  15.  oder  16.  d.  M.  Am  21.  bemerkte  er  Blasen  am  Fuss 
und  kommt  deshalb  in  die  Klinik.  Befund:  An  der  rechten  3.  Zehe  besteht 
ein  oberflächlicher  nicht  entzündeter  Epitheldefekt  neben  dem  lateralen 
Nagelrand.  An  der  Aussenseite  des  Endgliedes  der  4.  und  5.  Zehe  findet  sich 
eine  oberflächliche  Blasenbildung  mit  wässerigem  Inhalt.  Die  übrige  Fuss- 
und  Unterschenkelhaut  ist  genau  wie  bisher  vollkommen  normal,  weder  rissig 
noch  glänzend.  Sobald  der  Fuss  nach  abwärts  hängt,  wird  er  wieder  hyper¬ 
ämisch.  Salbenverbände. 

29.  XL  Epitheldefekt  der  3.  Zehe  abgeheilt.  Aus  den  Blasen  der  4.  und 

5.  Zehe  ist  die  Flüssigkeit  abgeflossen.  Starke  Klopfempfindlichkeit  des 
N.  peroneus  und  tibialis  bis  zur  Unterschenkelmitte  mit  nach  den  Zehen  aus¬ 
strahlenden  Sensationen.  Keine  Schmerzen  mehr.  Fuss  und  Zehen  motorisch 

noch  völlig  gelähmt. 

6.  XII.  Die  Stelle  an  der  3.  Zehe,  wo  die  Blase  sich  befand,  ist  völlig 

überhäutet.  Die  andere  an  der  Aussehseite  und  Sohlenfläche  der  4.  Zehe  ist 

leicht  blaurot  verfärbt.  Die  Blasenhaut  ist  darüber  eingetrocknet.  Kein  Puls 
an  der  Art.  dorsalis  pedis  und  der  Art.  tibialis. 

8.  XII.  Neurologische  Untersuchung  durch  Prof.  Stertz:  Faradisch 
weder  vom  Nerven  noch  vom  Muskel  aus  eine  Reaktion.  Galvanisch  mit 
starken  Strömen  vom  Nerven  aus  keine  Reaktion,  vom  Muskel  aus  eine 
träge  Zuckung.  Die  Reaktion  tritt  bei  Reizung  des  Sehnenteils  des  Gastro- 
knemius  und  Soleus  besser  und  ergiebiger  ein  als  bei  Reizung  des  Muskel¬ 
bauchs.  Genau  so  verhält  sich  der  Extensor  hallucis  longus  und  der  Extensor 
digitorum.  Der  Abductor  hallucis  brevis  reagiert  weder  galvanisch  noch 
faradisch,  während  er  am  linken  Bein  deutlich  zuckt.  Komplette  Entartungs¬ 
reaktion  der  gelähmten  Muskeln.  Die  Sensibilität  entspricht  den  bisherigen 
Grenzen.  Auch  bei  Reizung  mit  faradischen  Strömen  wird  in  den  anästhe¬ 
tischen  Zonen  kein  Schmerz  empfunden. 

17.  XII.  Der  rechte  Fuss  ist  auch  nach  längerem  Liegen  in  mässig 
warmem  Raum  deutlich  wärmer  als  der  linke.  Hängt  er  bei  rechtwinklig 
gebeugtem  Knie  nach  abwärts,  so  tritt  sofort  eine  intensive,  bis  zur  Mitte 
des  Unterschenkels  reichende  Rötung  ein.  Die  leicht  blutige  Verfärbung  der 
eingetrockneten  Blase  an  der  Aussenseite  und  Fusssohlenseite  der  kleinen 
Zehe  ist  fast  ganz  verschwunden.  Dagegen  hatte  sich  in  dem  vorher  ab¬ 
gehobenen  Bezirk  wieder  eine  Blase  gebildet,  die  aufgebrochen  ist  und  aus 
der  wässerige  Flüssigkeit  abfliesst.  Auf  der  Aussenseite  der  rechten  Ferse 
besteht  eine  zweite  längliche  ebenfalls  aufgebrochene  Hautblase.  Aktive  Be¬ 
wegungen  im  Fuss  und  Zehen  sind  noch  nicht  möglich,  passiv  sind  die  Ge¬ 
lenke  frei.  Die  Unterschenkelumfänge  betragen  15  cm  unterhalb  der  inneren 
Kniegelenksspalte  gemessen  rechts  27,  links  29  cm.  Die  Sensibilität  ist 
deutlich  besser  geworden,  vor  allen  Dingen  auf  der  Innenseite  des  Unter¬ 
schenkels,  da  wo  Saphenusgebiet  und  Ischiadikusgebiet  aneinanderstossen. 
Besonders  deutlich  ist  bei  der  heute  vorgenommenen  Untersuchung  festzu¬ 
stellen,  dass  die  Tiefensensibilität  durchweg  2  Querfinger  weiter  nach  peripher 
reicht  als  die  Oberflächensensibilität  (mit  Haarpinsel  gemessen).  Die  Tiefen- 
sensiblilität  ist  auch  in  der  anästhetischen  Insel  am  Saphenusgebiet  vor¬ 
handen.  Die  Klopfempfindlichkeit  des  N.  tibialis  und  peroneus  reicht  bis 
nahe  an  die  Knöchel. 

20.  XII.  Kapillarmikroskopische  Untersuchung  (Privat¬ 
dozent  Dr.  Moog):  Rechts  sind  an  dem  Nagelfalz  der  2.  Zehe  die  Kapillaren 
gut  sichtbar.  Die  Schlingen  sind  kurz,  wenig  geschlängelt,  mittelmässig  weit, 
jedenfalls  nicht  enger  als  bei  der  letzten  Untersuchung.  Strömung  langsam, 
zum  grossen  Teil  körnig,  der  Untergrund  ist  gut  durchblutet.  Am  linken 
Fuss  sind  die  Kapillaren  zahlreicher  sichtbar  als  rechts.  Ihre  Weite  ent¬ 
spricht  der  der  rechten  Seite.  Die  Strömung  ist  nicht  ganz  gleichmässig, 
aber  weniger  körnig  als  rechts.  Der  Untergrund  ist  weniger  durchblutet  als 
rechts. 

30.  XII.  Nach  Entfernung  der  nekrotisch  gewordenen  Kutis  findet  sich 
ein  trophisches  Geschwür  auf  der  Ferse  und  ein  zweites  an  der 
Aussenseite  des  rechten  Fusses  etwa  in  Höhe  des  5.  Metatarsalköpfchens. 

19.  I.  1922.  Der  rechte  Fuss  ist  wärmer  wie  der  linke,  seine  Haut  frisch 
rot.  Das  Ulcus  auf  der  Ferse  ist  noch  zweipfenniggross  und  mit  frischen 
Granulationen  bedeckt.  Das  an  der  Aussenseite  der  5.  Zehe  ist  noch  nicht 


kleiner  geworden,  sein  Grund  noch  nicht  ganz  gereinigt.  Beim  Heize 
beider  Unterschenkel  und  Füsse  mit  dem  ülühlichtbogen  werden  dt 
rechte  Fuss  und  Unterschenkel  deutlich  hyperänii 
scher  wie  links. 

1.  11.  1922.  Der  Kranke  dauernd  schmerzfrei.  Er  hat  immer  das  Gefü 
von  Wärme  im  rechten  Fuss.  Das  Geschwür  an  der  rechten  Ferse  ist  se 
einigen  Tagen  völlig  ab  geh  eilt,  das  an*  der  Aussenseite  der  5.  Zeh 
ist  noch  pfenniggross  und  am  Rande  in i t  frischen  Granulationen  bedeckt.  Di 
anästhetische  Bezirk  ist  seit  der  letzten  Untersuchung  wieder  deutlich  kleine 
geworden.  In  den  Hautbezirken,  in  denen  die.  Sensibilität  wiedergekehrt  is 
ist  das  Gefühl  besser  als  an  der  normalen  Haut  (Hyperästhesie). 

Das  vorliegende  Krankheitsbild  war  so  zu  deuten,  dass  es  sich  tu 
Angiospasmen  bei  peripherer  Arteriosklerose  hat 
delte.  Alter  des  Kranken,  die  nachweisbare  Arteriosklerose  periphere 
Arterien  (Temporales,  Radiales.  Fussarterien),  hoher  Blutdruck  und  dj 
Herzerscheinungen  sprachen  für  diese  Diagnose.  Dass  der  senile 
Gangrän  anfallsweise  auftretende,  mit  starken  Schmerzen  verlautend 
Gefässkrämpfe  lange  Zeit  vorangehen  können,  ist  bekannt.  Der  völlig 
Verschluss  der  Arterien  tritt  schliesslich  bei  fortschreitender  Erkrai 
kung  der  üefässwand  durch  Intimaverdickung,  Thrombose  und  embt 
lische  Vorgänge  ein.  Ob  in  diesem  Falle  die  Gangrän  bereits  im  Ar 
schloss  an  den  langdauernden,  über  15  Stunden  von  uns  beobachtete 
Gefässkrampf  eingetreten  wäre,  lässt  sich  natürlich  nicht  entscheidei 
ich  habe  es  angenommen  und  unter  diesem  Gesichtspunkte,  wie  ei 
wähnt  die  Nervenvereisung  vorgenommen. 

Die  Durchsicht  der  Literatur  ergab,  dass  von  französischer  Seit 
bei  schmerzhafter  Gangrän  bereits  einmal  die  Resektion  von  Nerver 
Stämmen  vorgenommen  worden  wrar.  Z  w  i  r  n  und  H  a  y  e  m  haben  i 
einem  entsprechenden  Fall  den  Nervus  tibialis  hinter  dem  innere 
Knöchel  und  dem  N.  peroneus  superficialis  im  mittleren  Unterschenke 
drittel  reseziert.  Die  Schmerzen  hörten  daraufhin  auf  und  auch  dl 
Gangrän  wurde  durch  Wegfall  angiospastischer  Momente  günstig  bc 
einflusst.  Auch  in  meinem  Falle  sind  die  Folgen  der  Querschnitts 
Vereisung  des  N.  ischiadicus  und  des  N.  saphenus  bemerkenswert  i 
bezug  auf  1.  die  Schmerzen.  2.  Oie  Zirkulationsverhältnisse  und  3.  di 
Frage  der  Entstehung  trophischer  Geschwüre. 

Die  S  c  tun  e  r  z  a  n  f  ä  1 1  e.  die  dem  Kranken  das  Leben  verbittei 
ten,  sind  vom  Augenblick  der  Vereisung  an,  nun  seit  9  Monaten,  voii 
ständig  be-seitigt  worden.  Dafür  hat  der  Kranke  eine  Läl 
mung  aller  Qualitäten  der  im  N.  ischiadicus  verlaufenden  Nervenfaser 
eingetauscht.  Von  diesem  Ausfall  spielt  für  den  Kranken  eine  eil 
drucksvolle  praktische  Rolle  nur  die  motorische  Lähmung.  Di 
Vereisungsstelle  ist  so  gelegt,  dass  die  Unterschenkelbeuger  erhalte 
und  nur  die  Fussmuskeln  gelähmt  worden  sind.  Diese  Lähmung  bt 
steht  jetzt  noch  vollkommen.  Sie  lässt  sich  aber  durch  das  Trage 
eines  Peroneusstiefels  weitgehend  ausgleichen.  Der  Kranke  läuft  hit 
in  unserer  bergigen  Gegend  recht  gut  mit  einem  oder  auch  zwi 
Stöcken.  Die  erhebliche  Zunahme  seines  Körpergewichtes  zeigt  ai 
besten,  dass  er  wieder  ein  lebensfroher  Mensch  geworden  ist.  Wi 
die  sensible  Lähmung  in  langsamem  Rückgang  begriffen  ist,  so  wir 
auch  allmählich  die  motorische  zurückgehen.  Das  Wiede rauswachsc 
der  sensiblen  Nervenfasern  haben  wir  durch  häufige  Untersuchung  dt 
Hautsensibilität  sowie  mit  Hilfe  des  P.  H  o  f  f  ma  n  n  sehen  Nervei 
klopfversuches  verfolgt.  In  den  ersten  6  Monaten  erfolgte  die  Vei 
kleinerung  der  anästhetischen  Hautbezirke  am  Unterschenkel  nur  sei 
langsam.  Im  8.  und  9.  Monat  machte  sie  aber  sehr  rasche  Fortschritt 
so  dass  am  Ende  des  9.  Monats  der  Unterschenkel  bis  nahe  an  di 
Knöchelgegend  wieder  normale  Hautempfindlichkeit  zeigte.  Die  Fus: 
muskeln  sind  9  Monate  nach  der  Vereisung  noch  vollkommen  gelähm 
Eine  Atrophie  der  Unterschenkelmuskulatur  nahm  in  den  ersten  Monate 
zu,  ging  aber  dann  wieder  etwas  zurück.  Die  weitgehende  sensibl 
und  motorische  Lähmung  musste  bei  der  hochliegenden  Vereisungssteli 
am  Ischiadicus  mit  in  Kauf  genommen  werden.  Dafür  ergab  sich  dt 
Vorteil,  dass  sich  die  Wirkung  in  bezug  auf  die  Zirkulation  auf  e: 
sehr  grosses  Gebiet  erstreckte  und  dass  sie  längere  Zeit  erhalten  bleib 
Sollten  nach  vollkommen  eingetretener  sensibler  und  vasomotorische 
Regeneration  sich  wieder  Schmerzzustände  einstellen,  so  würde  ic 
nicht  zögern,  die  Nerven  aufs  neue  zu  vereisen. 

Auf  die  Zirkulation  in  dem  gefährdeten  Fusse  ist  die  Nervei 
Vereisung  von  wesentlichem  Einfluss  gewesen.  Der  Fuss  wurde  b 
der  ersten  Untersuchung,  wenige  Stunden  nach  der  Opera 
tion  wieder  warm  gefunden.  Der  gleiche  Befund  ergab  sic 
bei  allen  unseren  Nachuntersuchungen.  In  den  ersten  Wochen  nac 
dem  Aufstehen  bestand  ein  Oedem  am  Unterschenkel  und  in  di 
Knöchelgegend,  das  aber  bald  vollkommen  verschwand.  Beim  Heral 
hängenlassen  des  Fusses  und  beim  Stehen  ist  noch  jetzt  monatelan 
nach  der  Vereisung  der  rechte  Fussund  Unterschenkel  gege 
links  deutlich  hyperämisch.  Der  Tonus  der  kleinen  Arterie 
und  der  Kapillaren  ist  nach  der  Vereisung  zunächst  weggefalilen,  h; 
sich  dann  aber  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wieder  hergestellt.  N; 
genügt  er  noch  nicht,  um  die  auf  ihm  lastende  Blutsäule  zu  trage 
Recht  bemerkenswerte  Aufschlüsse  ergab  die  kapillarmikrosko 
p  i  s  c  h  e  Untersuchung.  Am  10.  Tage  nach  der  Vereisung  wart 
die  Kapillaren  am  vereisten  Fuss  normal  weit,  aber  weiter  wie  a; 
anderen  Fuss.  Etwa  ein  halbes  Jahr  später  fanden  sich  keine  Unte 
schiede  mehr.  Dagegen  zeigte  sich  bei  jeder  Nachuntersuchung,  da; 
beim  Herabhängenlassen  des  vereisten  Fusses  sich  seine  Kapillare 
gegen  den  anderen  deutlich  erweiterten.  Der  Kapillartonus  war  a; 
vereisten  Bein  noch  dreiviertel  Jahre  nach  der  Vereisung  des  zugehör 
gen  grossen  Nerven  noch  nicht  so  weit  wieder  hergestellt,  dass  er  d 
auf  ihm  lastende  Blutsäule  ohne  Veränderung  tragen  konnte.  Der  vo 


1 


MOFERMM 


)globin-Eiwciß-Präparat  nach  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Siegert. 

in  ist  ein  natürliches  Organ -Eisen -Präparat,  bei  dem  durch  die  Eigenart  der 
llung  die  chemische  Konstitution  des  Hämoglobins,  wie  die  natürliche  Beschaffen- 
heit  der  Serumkörper  vollständig  gewahrt  bleibt. 

Vorzüge: 

Rasche,  zuverlässige  Wirkung: 

Genaue  Kontrolle  erlaubt,  die  Hämoglobinbestimmung  nach  'lallqvist. 

Leichte  Verdaulichkeit  und  Bekömmlichkeit : 

Niemals  Schädigungen  der  Zähne,  des  Magens  oder  des  Darmes. 
Wohlschmeckend,  haltbar  und  frei  von  schädlichen  Mikroorganismen. 

Indikationen: 

rimäre  und  besonders  sekundäre  Anämien,  beruhend  auf  mangelnder  vitaler 
2,  Erschöpfung,  Blutverlusten  infolge  von  Operationen  und  Geburten,  latenter 
ulose:  Anämie  der  Säuglinge  auf  alimentärer  und  rachitischer  Grundlage,  ferner 
rernährung,  Appetitlosigkeit,  Skrophulose,  Nervosität,  Schwächezustände 
rt. 

l  der  Säuglings-  und  Kinderpraxis  wird  Bioferrin  auf  Grund  seines  Wohl- 
tacks  und  seiner  leichten  Verdaulichkeit  mit  Vorliebe  an  Stelle  der  Lebertran-, 
-  und  Jod-Präparate  gegeben. 

ür  den  Gesunden  ist  Bioferrin  ein  ausgezeichnetes  diätetisches  Kräftigungsmittel. 

Dosierung: 

1  c  h  s  «  n  e  2-3  mal  täglich  1  Eßlöffel  voll  \  flm  besten  kurz  üdcr  während  der  Mahizcit. 

1  e  r  2—3  mal  täglich  1  Kinderlöffel  voll  / 

Z  li  n  g  e  1—2  mal  täglich  l  Teelöffel  voll  unverdünnt  oder  der  trinkfertigen  Nahrung  zugesetzt. 
Originalpackung:  Flasche  zu  200  ccm. 

Literatur  auf  Wunsch  kostenlos. 


■ 


Bismon 

(Kolloidales  Wismutoxyd) 

Wasserlösliches,  gut  verträgliches  Adstringens  für  die  Säuglings¬ 
und  Kinderpraxis. 

Anwendung:  Als  10%  Lösung  oder  der  Milch,  bezw.  der 
verordneten  flüssigen  Nahrung  zugesetzt. 


Pellidol 

(Diacetylamidoazotoluol) 

Zur  raschen  und  gründlichen  Epithelisierung  granulierender  Wunden, 
bei  Epitheldefekten  aller  Art,  sowie  zur  erfolgreichen  Behandlung 
von  Ekzemen  und  hartnäckigen  Hautkrankheiten. 

Anwendung:  Als  2%  Salbe,  2%  Zinkpaste  und  5%  Bolus¬ 
puder. 

\  . 

Originalpackungen : 

Salbe  und  Zinkpaste  2%  . 


(  Tuben 

.  .  <  7b  Dosen  zu  ca.  50  g 
l  V,  Dosen  zu  ca.  80  g 
Boluspuder  5% . Streudosen 


Tuberkulin  Rosenbach 

(Nach  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Rosenbach) 

Biologisch  modifiziertes  Tuberkulin.  Infolge  ausgesprochen  milder 
Wirkung  und  guter  Verträglichkeit  empfehlenswert  für  empfindliche 
Patienten  und  für  die  Kinderpraxis. 

Originalpackungen:  Gläser  zu  1,  2,  5  und  10  ccm. 


März  1922. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


391 


anfallsweise  auftretende,  wahrscheinlich  aber  bis  zu  einem  gewissen 
.de  immer  vorhanden  gewesene  Reiztonus  der  Kapillaren  ist  durch 
Nervenvereisung  auf  Monate  beseitigt  worden,  wodurch  die  Zir- 
itionsverhältnisse  und  damit  die  Ernährung  des  rechten  Fusses 
amtlich  gebessert  worden  sind.  Vermutlich  sind  die 
h  m  e  r  z  a  n  f  ä  1 1  e  ausgeblieben,  nicht  nur  weil  die 
:i  s  i  b  1  c  Leitung  nach  oben  unterbrochen  worden 
r.  sondern  weil  überhaupt  keine  Angiospasmen 
standegekommen  sind.  Weder  bei  unseren  zahlreichen 
:huntersuchungen  noch  durch  Erhebungen  beim  Kranken  haben  wir 
als  etwas  feststellen  können,  was  auf  das  Wiederauf  treten  von 
pospasmen  hätte  schliessen  lassen.  Der  Wegfall  des  Reiztonus  und 
bessere  Durchblutung  der  Extremität  haben  ihr  Zustandekommen 
hindert. 

Von  besonderem  Interesse  ist  die  Tatsache,  dass  bei  einer 
lonate  nach  der  Vereisung  vorgenommenen  Untersuchung  auf  Hitze- 
:  die  Kapillaren  des  gelähmten  Fusses  stärker  mit  Erweiterung  rea- 
ten  als  die  des  anderen.  Da  es  sich  aber  bei  diesem  Kranken 
rt  um  ein  gesundes  Gefässsystem  handelte,  möchte  ich  von  Schluss- 
erungen  aus  dieser  Tatsache  absehen.  Ich  möchte  nur  darauf  hin- 
sen,  dass  Bier  an  dem  Hinterbein  eines  Ferkels,  bei  dem  in  Höhe 
Art.  femoralis  alle  Nervenverbindumgen  nach  oben  durchschnitten 
rden  waren,  im  Heissluftkasten  die  Hyperämie  in  ganz  derselben 

.  rn  erzeugen  konnte,  wie  am  normalen  Bein.  Die  Kapillardilatation 
ch  die  heisse  Luft  ist  also  nicht  an  die  Nervenverbindungen  mit  dem 

’  :kenmark  gebunden. 

Ueber  das  physiologische  und  anatomische  Verhalten  der  Gefässe 
h  der  Durchschneidung  des  zugehörigen  grossen  Nerven  liegen  zahl- 

■  ;he  Untersuchungen  vor.  L  a  p  i  n  s  k  y  fand  nach  Durchschneidung 

Froschisehiiadicus  zunächst  eine  Verengerung  der  Gefässe  der  ge- 
mten  Extremität  infolge  Reizung  der  verletzten  Vasokonstriktoren, 
nach  24 — 60  Stunden  in  eine  Erweiterung  übergeht,  zu  der  sich 
ige  Tage  später  eine  Schlängelung  und  Ausbuchtung  der  Gefässwand 
eilt.  Dann  kommt  es  wieder  zu  einer  geringfügigen  Verengerung, 
h  so,  dass  die  Gefässe  weiter  als  normal  bleiben.  Groll  hält 
lerdings  den  Ablauf  der  Veränderungen  am  Zirkulationsapparat  nach 
hiiasdurchschneidung  beim  Frosch  für  nicht  so  gesetzmässig.  Vor 
:m  ist  nach  der  Periode  der  arteriellen  Hyperämie  die  Wiederher- 
llung  des  peripheren  Gefässtonus  unvollkommen,  so  dass  sich  das 
den  eines  ausgleichenden  Einflusses  einer  übergeordneten  Regula- 
l  durch  die  ausgeschalteten  Zentren  noch  bemerkbar  macht.  Ex- 
imentelle  Untersuchungen  (Schiff,  L  a  n  do  i  s)  sowie  Beobach¬ 
gen  am  Menschen  (C  a  s  s  i  r  e  r)  ergaben  weiter,  dass  noch  in  spä- 
sr  Zeit  nach  der  Nervendurchtrennung  in  der  gelähmten  Extremität 
>Ige  vermehrter  Wärmeabgabe  die  Temperatur  herabgesetzt  sei. 
flieh  sind  von  Bedeutung  anatomische  Veränderungen, 
nentlich  eine  erhebliche  Dickenzunahme  der  Gefässwand,  die  sich 
ige  Zeit  nach  der  Nervendurchschneidung  nachweisen  Hessen  (Ber- 
e  t,  A.  Fränkel,  Helling,  Lapinsky  u.  a.).  Namentlich  auf 
snd  der  Untersuchungen  Lapinskys  kann  es  als  erwiesen  an- 
ehen  werden,  dass  die  normale  Zusammensetzung  der  Gefässwand 
i  der  Unversehrtheit  des  zugehörigen  Nerven  abhängig  ist.  Will 
m  die  Ergebnisse  dieser  Untersuchungen  auf  den  vorliegenden  Fall 
:rtr.agen,  so  ist  zunächst  zu  berücksichtigen,  dass  es  sich  bei  ihm 
ht  um  ein  gesundes  Gefässsystem,  sondern  um  ein  arteriosklerotisch 
ranktes  handelte.  Die  durch  die  Nervenvereisung  gesetzte  Strom¬ 
reiterung  erstreckt  sich  auf  ein  spastisch  und  durch  Wandver- 
kung  verengtes  Gefässgebiet.  Der  Vergleich  mit  der  anderen,  eben- 
s  nicht  ganz  gesunden  Extremität  zeigt,  dass  die  Vereisung  des 
hiadicus  zwar  keine  Wirkung  auf  die  grossen,  wahrscheinlich  throm- 
;ierten  Fussarterien  ausüben  konnte,  dass  aber,  wie  erwähnt,  das 
ize  Kapillargebiet  auf  Monate  hindurch  den  Reizzustand  seines  Tonus 
ior  und  dafür  einen  relativen  Tonus  erhielt,  der  schon  beim 
;rabhän genlassen  der  Extremität  eine  Kapillar- 
s  c  h  1  a  f  f  u  n  g  n  i  c  h  t  verhindern  konnte.  Weiter  muss  man 
den  erwähnten  experimentellen  Untersuchungen  bedenken,  dass  sie 
;  mit  Nervendurchschneidungen  gemacht  worden  sind.  Alle  Fern- 
:ebtiisse  werden  bezogen  auf  die  Degeneration  am  peripheren  und 
itralen  Nervenabschnitt.  Es  wäre  aber  auch  denkbar,  dass  die 
Jurombildung  am  zentralen  Nervenstumpf  und  der  Reiz  der 
h  dort  bildenden  Verwachsungen  nicht  ohne  Einfluss  auf  das  Ka- 
larsvstem  gebliieben  sind  (vergl.  unten). 

Die  Frage  der  Entstehung  von  trop  bischen  Störungen 
ch  der  Querschnittsvereisung  eines  Nervenstammes  ist  von  hohem 
eresse,  weil  sich  das  Verhalten  eines  vereisten  Nervenquerschnittes 
n  einem  durchschnittenen  wesentlich  unterscheidet.  Wie  W.  T  r  en¬ 
de  n  bürg  besonders  betont  hat,  schliessen  sich  an  die  Querschnitts- 
reisung  eines  Nervenstammes  keine  Rcizvorgänge  im 
nne  einer  Narbenbildung  an.  Die  Regeneration'  im  ver¬ 
heil  Nerven,  die  nach  der  Degeneration  des  peripheren  und  des  an- 

.  mzenden  zentralen  (Wiedhopf)  Stückes  einsetzt,  braucht  also 
:ht  die  Schranke  einer  Narbe  zu  durchbrechen.  Auch  in  meinem 

■  Ile  hat  sich  mit  Sicherheit  keine  endoneurale  und  mit  grosser  Wahr- 
leinlichkeit  keine  perineurale  Narbe  an  der  Vereisungsstelle  gebildet, 
ahrend  der  Vereisung  ist  das  Nachbargewebe  peinlich  vor  dem  Mit¬ 
frieren  geschützt  worden.  Das  schnelle  Wiederauswachsen  der  Ner- 
nfasern  und  die  fehlenden  Beschwerden  an  der  Freilegungsstelle 
r  Nerven  beweisen,  dass  keine  Nervennarben  vorhanden  sind.  Das 
■rhalten  des  gelähmten  Abschnittes  nach  dieser  narben-  und  neurom- 
;en  Nervendurchtrennung  ist  nun  deshalb  von  besonderem  Interesse, 


weil  nach  den  Vorstellungen  von  L  e  r  i  c  h  e  und  B  r  ii  n  i  n  g  zwischen 
Neurom  und  Entstehung  trophischer  Geschwüre  ursächliche  Beziehungen 
bestehen  sollen.  Zur  Klärung  dieser  Frage  haben  meine  am  Menschen 
erhobenen  Beobachtungen  den  Wert  eines  Experimentes. 

Sechs  Monate  lang  nach  der  Vereisung  haben  sich  keine  Spuren 
irgendeiner  trophischen  Störung  nachweisen  lassen,  obwohl  der  Kranke 
den  gelähmten  Fuss  im  Schuhwerk  ohne  besondere  Polsterung  beim 
Gehen,  ausgiebig  belastet  hat.  Eine  sehr  oberflächliche  Verbrennung 
ist  am  Fussrücken  in  wenigen  Tagen  verheilt.  Auch  am  Knochen  haben 
in  dieser  Zeit  wiederholte  Röntgenaufnahmen  keine  Veränderungen  er¬ 
geben.  Im  7.  Monat  ist  noch  ein  nach  einer  Einreibung  an  der  3.  Zehe 
entstandener  Epitheldefekt  schnell  zugeheilt.  Dagegen  bildete  sich  offen¬ 
bar  infolge  eines  Schuhdruckes  um  diese  Zeit  an  der  Aussenfläche  und 
Sohlenseite  der  5.  Zehe  eine  leicht  blaurot  verfärbte  Stelle,  zu  der 
dann  Anfang  des  8.  Monats  eine  Blasenbildung  an  der  Ferse  kam. 
Beide  Stellen  wandelten  sich  in  oberflächliche  Ulcera  um.  Soll  man 
sie  als  trophische  Störungen  auffassen?  Dass  in  einem  anästhetischen 
Hautbezirk  ein  durch  das  normale  Hautgefühl  nicht  kontrollierter  Druck 
eine  Blutsugilktion  und  ein  Ulcus  hervorrufen  kann,  ist  an  sich  nichts 
Verwunderliches.  Auffallend  ist  aber,  dass  das  gleich  an  mehreren 
Stellen  geschah  und  dass  es  bei  erhaltenen  ganz  gleichen 
Bedingungen  erst  nach  über  6  Monaten  sich  einstellte.  Ich  zögere 
nicht,  die  Veränderungen  als  „trophische“  aufzufassen  und  glaube,  dass 
das  späte  Auftreten  dieser  Störungen  einer  besonderen  Beachtung 
bedarf. 

Nach  den  Vorstellungen  von  Leriche  führt  qine  Nervennarbe 
(Neurom)  zu  einer  Störung  der  kapillaren  Zirkulation.  Der  von  den 
Verwachsungen  an  der  Neuromstelle  ausgehende  Reiz  wird  über  die 
Rückenmarksganglien  zum  Teil  über  periarterielle  sympathische  Bahnen 
zur  Peripherie  an  die  Kapillaren  geleitet.  Nicht  der  Sensibilitätsverlust, 
sondern -der  von  den  Verwachsungen  ausgehende  Dauerreiz  begünstigt 
die  Entstehung  trophischer  Geschwüre.  Leriche  nimmt  an,  dass 
es  sich  immer  um  einem  vasodilatatorischen  Reiz  handele.  Als  Beweis 
für  die  Richtigkeit  dieser  Annahme  führt  Leriche  auch  die  Tatsache 
an,  dass  zwischen  der  Verletzung  z.  B.  des  N.  ischiadicus  und  dem 
Auftreten  trophischer  Geschwüre  immer  ein  längerer  Zeitraum,  der 
meist  mehrere  Monate  betrüge,  liegt.  Auch  wenn  der  Fuss  solchen 
äusseren  Beschädigungen  ausgesetzt  ist,  die  sonst  erfahrungsgemäss 
die  Entstehung  trophischer  Ulcera  begünstigen,  so  treten  sie  doch 
in  frischen  Fällen  nicht  auf.  Erst  wenn  die  Nervennarbe  sich  gebildet 
hat,  entstehen  die  trophischen  Geschwüre. 

B  r  ü  n  in  g  .führte  diese  Gedankengänge  noch  weiter.  Er  sieht  die 
nach  Nervenverletzungen  auftretenden  Gewebsschäden  als  eine  Kom¬ 
bination  der  Folgen  des  Sensibilitätsverlustes,  von  Störungen  der  fei¬ 
neren  Gefässarbeit,  der  Schweissekretion  und  vielleicht  auch  speziell 
trophischer  Funktionen  der  Nerven  an.  Die  Hauptursache  ist  ein 
„Reizzustand“  im  Nerven,  der  sowohl  bei  partiellen  wie  totalen  Ner¬ 
vendurchtrennungen  zustande  kommt  und  der  durch  den  Narbendruck 
oder  das  Neurom  an  der  Verletzungsstelle  ausgelöst  wird.  Dieser  Reiz 
greift  an  den  im  peripheren  Nerven  verlaufenden  sympathischen  Fasern 
an.  Möglicherweise  wirkt  dieser  Reiz  im  Nerven  zuerst  auch  auf  sen¬ 
sible  Fasern  und  wird  erst  im  Rückenmark  auf  das  Sympathikusgebiet 
übertragen.  Für  die  Richtigkeit  ihrer  Anschauungen  führen  Leriche 
und  Brüning  vor  allem  die  heilende  Wirkung  der  operativen  Ent¬ 
fernung  von  Neuromen  und  Nervennarben  auf  trophische  Störungen 
an,  die  schon  zu  einer  Zeit  eintreten,  wo  eine  Wiederherstellung  der 
Nervenleitung  noch  nicht  möglich  ist. 

Auch  in  meinem  Falle  von  Ischiadikusvereisung  besteht,  genau 
wie  es  Leriche  von  den  Nervenverletzungen  beschreibt,  ein  Inter¬ 
vall  zwischen  dem  Zeitpunkt  der  Verletzung  und 
dem  Auftreten  der  trophischen  Störungen.  Es  beträgt 
etwa  634  Monate.  Es  fehlt  aber  bei  der  Nervenvereisung  das,  was 
nach  der  Verletzung  in  dieser  Zeit  vor  sich  geht  und  den  Reiz  zu 
trophischen  Störungen  abgeben  soll,  nämlich  die  Narbenbildung.  Es 
müssen  hier  also  andere  Dinge  wirksam  sein,,  die  die  trophischen 
Störungen  hervorrufen.  Es  war  nun  auffallend,  dass  eben  zu  der  Zeit, 
wo 'die  Störungen  erkennbar  wurden,  die  Regeneration  des  vereisten 
Nerven  bemerkenswert  rasche  Fortschritte  machte.  Die  anästhetischen 
Hautbezirke  am  Unterschenkel,  die  bis  dahin  nur  wenig  eingeengt 
worden  waren,  wurden  wesentlich  kleiner  und  die  beiden  Hauptstämme, 
der  N.  peroneus  sowie  der  N.  tibialis  waren  bis  in  die  Gegend  der 
Knöchel  ausserordentlich  klopfempfindlich,  wobei  die  Schmerzen  in 
ihr  Endausbreitungsgebiet  verlegt  wurden.  Dies  Zeichen  wird  so  ge¬ 
deutet,  dass  die  Regeneration  bis  an  die  klopfempfindliche  Stelle 
fortgeschritten  ist  (P.  Hoff  mann).  Dabei  lagen  die  trophischen 
Störungen  noch  vollkommen  im  sensibel  und  motorisch  gelähmten  Ge¬ 
biet.  Auch  ein  wiedereingetretener  nervöser  Anschluss  der  Gefässe 
im  gelähmten  Fuss  war  noch  nicht  erkennbar.  Wenigstens  kam  es 
beim  Herabhängen  dieses  Fusses  noch  zur  erheblichen  Hyperämie. 
Der  Kapillartonus  war  also  noch  sehr  geschwächt.  Vielleicht  ist 
es  aber  doch  möglich,  dass  die  Nervenregeneration  bereits  weitere 
Fortschritte  gemacht  hat,  als  es  durch  unsere  klinischen  Untersuchungs¬ 
methoden  nachziiweisen  ist.  Es  wäre  ein  Entwicklungsstadium  der 
jungen  Nervenfasern  denkbar,  wo  sie  zwar  noch  keine  Berührungs¬ 
oder  Schmerzempfindung  zu  leiten  vermögen,  doch  aber  imstande  sind, 
bereits  einen  „Reiz“  auf  das  Gewebe  zu  vermitteln,  in  das  sie  hinein¬ 
gewachsen  sind.  Ein  derartig  „unterinnerviertes“  Gewebe  scheint 
aber  zur  Entstehung  trophischer  Störungen  besonders  disponiert  zu  sein. 
Brüning  kommt  auf  Grund  seiner  Literaturstudien  zu  dem  Schluss, 
dass  im  allgemeinen  mehr  die  pathologische  Veränderung  der  luner- 


■ 


.392 


.MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


HrJ 


vation  als  ihre  völlige  Aufhebung  zur  Schädigung  des  Gewebes  führt. 
Hieher  gehören  ausser  den  partiellen  Nervenverletzungen  vielleicht  auch 
die  bei  Tabes  oder  Syringomyelie  beobachteten  trophischen  Störun¬ 
gen.  Es  wäre  also  denkbar,  dass  sich  an  der  unteren  Extremität  nach 
einer  Ischiadikusvereisung  und  zwar  je  nach  der  Höhe  der  Ve'reiSUngs- 
stelle  nach  Monaten  ein  kritisches  Stadium  aWs’biklet,  in  dem 
der  gelähmte  Euss  trophischen  Störungen  gegenüber  besonders  Wtenig 
widerstandsfähig  ist.  Theoretisch  müsste  sich  dies  Stadium  verhindern 
oder  beseitigen  lassen,  wenn  man  den  Nervert  aufs  neue 
vereist.  Das  trophische  Ulcus  an  der  Ferse  War  8 Vz  Monate  nach 
der  Vereisung  wieder  vollständig  zugeheilt  zd  einer  Zeit,  wo  die  Haut¬ 
sensibilität  sich  noch  weiter  an  die  Knöchel  heran  hergestellt  hatte. 
Das  weiter  peripher  gelegene  Ulctrs  zeigte  um  diese  Zeit  am  Rande 
gute  Granulationsbildung,  heilte  aber  in  der  Beobachtungszeit  nicht  Zu. 

Ob  die  Ischiadikusvereisung  mit  der  arteriell-venösen  Attastomose 
W  i  e  t  i  n  g  s  in  Konkurrenz  zu  treten  vermag,  lässt  sich  natürlich  auf 
Grund  meiner  einzigen  Beobachtung  noch  nicht  sagen.  Vor  allem  fehlt 
es  noch  an  Erfahrungen  darüber,  inwieweit  die  Nerven  Vereisung  bei 
bereits  eingetretener  peripherer  Gangrän  das  oberhalb  liegende  bedrohte 
Gewebe  durch  bessere  Durchblutung  zu  schützen  vermag.  Jedenfalls 
hat  die  Nervefivereisung  vor  der  Wietingschen  Operation  voraus, 
dass  sie  ungefährlich  ist  und  dass  sie  mit  völliger  Sicherheit  die 
Schmerzzustände  beseitigt.  Ihre  Technik  ist  noch  ausbaubar.  Z  w  i  r  n 
und  H  a  y  e  m  raten,  die  Nervenresektion  in  der  Nähe  des  Gangrän¬ 
herdes  auszuführen,  um  gesundes  Gebiet  möglichst  zu  schonen.  Ich 
habe  oben  die  Gründe  auseinandergesetzt,  warum  ich  die  Vereisung 
so  hoch  gelegt  habe.  Es  würde  aber  vielleicht  genügen,  die  Ver¬ 
eisung  unterhalb  des  Abgangs  der  motorischen  Aeste  für  den 
Gastroknemius  und  den  Soleus  zu  legen.  Dann  würde  die  motorische 
Lähmung  des  Fasses  vermieden  werden.  Die  Vereisung  kommt  zu¬ 
nächst  nur  an  der  unteren  Extremität  in  Frage.  Die  geeignetste  Indi¬ 
kation  gibt  das  der'  sensilen  Gangrän  nicht  selten  vorangehende  angio- 
sklerotische  Reizstadium  ab.  Auch  bei  Raynaud  scher  Krankheit 
kann  man  an  der  unteren  Extremität  die  Vereisung  in  Betracht  ziehen. 

Neuerdings  habe  ich  die  Vereisung  des  Ischiadikus  und  Saphenus 
auch  doppelseitig  in  einem  Falle  von  Erythromelalgie  vorgenommen. 
Ich  werde  über  diesen  Fall  berichten,  wenn  er  genügend  lange  beobach¬ 
tet  worden  ist. 

Für  einige  Stunden  kann  man  ängiospastische  und  erythromekl- 
gische  Schmerzanfälle  durch  Le'itungsunterbrechung  des  N.  Ischiadicus 
und  des  N  femoraiis  mit  einer  2— 4pruz.  Novokainlusiuig  beseitigen. 
Nach  Ablauf  der  pharmakologischen  Wirkung  tfeten  aber  natürlich  die 
Schmerzen  wieder  auf. 

Literatur. 

io?i  17*  n_LnR:-  ZblV,*'  Ctlir‘  ^20  Nr-  48  und  Arch.  f.  klin.  Med. 
iyzi,  li/.  Bier:  Hyperäriste  als  Heilmittel.  Leipzig,  4.  Aufl.  S.  23.  — 
wassirer:  Die  vasomotorisch-trophischen  Neurosen.  Berlin  1912  — 

°r0  :  Be’r-  z-  patk  Anat.  u-  allg.  Pathol.  Bd.  70,  H.  1.  —  P  Hoff- 

rlw  iQ5nl  19!5  Nr-  13  u'  31.  -  Läwen:  Verhandl.  d.  Deutschen  Ges. 
7hl  f'rMr0'  i^nLxre  r  ™  h  e :  n?eL  Zentralorgan  f.  d.  ges.  Chir.  Bd.  3  u.  12. 
w-  Nr'  29'  ~  Trendelen  bürg:  M.m.W.  1918  Nr.  49.  — 

f  d.  ges.°Chir  Bd-  53-  ~  z  w  i  r  n  und  H  a  y  e  m:  Zentralorgan 


Konstitution  und  endokrines  System*). 

Von  O.  Wuth. 


wirken  6iner  Erkrankung  ist  in  der  Resel  das  Zusammen- 

virken  mehrerer  Faktoren  erforderlich.  Auf  der  einen  Seite  steht  als 

3UI  der  anderen  der  betroffene  Organismus.  Wie 
für  die  Schädlichkeit  eine  gewisse  minimale  Wirkungsfähigkeit  zur  Er¬ 
zielung  eines  Effektes  notwendig  ist,  so  muss  andererseits  der  Organis¬ 
mus  eine  gewisse  Krankheitsbereitschaft,  eine  Disposition  zeigen.  Diese 
KondbLZnnd  p*in  e'nen,  variablen,  stets  schwankenden  Anteil,  die 

,m  wesen,Bchen  in  ^  A"'^e  f“*- 

,  p>e  Konstitution  ist  nach  Bauer  zu  definieren  als  die  Summe 
find  [<eimplasma  übertragenen  Eigenschaften  des  Organismus 

und  setzt  sich  zusammen  aus  den  Partialkonstitutionen  der  einzelnen 
Korpergewebe  Organe  und  Organsysteme,  die  durch  innige  Korrelation 
zum  einheitlichen  Ganzen  verbunden  sind. 

i  Persönlichkeit  des  entwickelten  Menschen  steht  uns  in  der  Norm 
als  einheitliches  Gesamtbild  gegenüber.  Versuchen  wir  uns  von  diesem 
n"hdriDk  für  das  Folgende  freizumachen  und  betrachten  wir, die  körnet 
icie  Persönlichkeit  getrennt  von  der  psychischen,  wie  wir  dies  ia 
auch  aus  schematischen  Gründen  bei  klinischen  Untersuchungen  zu 
üben  gewohnt  sind;  wir  wenden  uns  zunächst  der  körperlichen  Persön 
hehkeit  zu,  dem  Habitus,  der  z.  T.  freilich  durch  äussere Fakten 
Resultante  der  dem  Individuum  überkommenen  morpho- 
genetischeii  Anlagen.  Schon  oberflächlichste  Betrachtung  zeigt  uns 
dass  weitaus  die  Mehrzahl  der  Einzelindividuen  die  Merkmale  ihrer 
Rassen-,  Stammes-  und  Familienangehörigkeit  aufweist.  Allein  die 
amilienahnlichkeit,  oft  unter  Ueberspringung  von  Generationen  und 
Xi?  inurdkrm^rere  ,SOlche  -  zä5,  '«tota.te».  weist  daraufhin”  dass 

'n  der  Keimanlage  ein  der  späteren  Entwicklung  die  Wege 
eisendes  Prinzip  vorhanden  -sein  muss.  Ueber  das  Wesen  dieses 

zu  Sr  als  erdieaSRenh  Tf  $°  °ft'  difi  Padlologie  eher  Aufschlüsse 
geoen  als  die  Beobachtung  normalen  Geschehens.  Wir  sehen 


*)  Antrittsvorlesung  München  29.  Juli  1921. 


dämlich  bei  gewissen  Erkrankungen  Familien-  und  Stammesähnlichke 
bei  den  davon  betroffenen  Individuen  verschwinden;  dafür, zeigen  die: 
unter  Si'ch  erstaunliche  und  oft  derartig  hochgradige  Aehn'ichkcit,  da 
man  sie  für  Glieder  derselben  Familie  flauen  Könnte.  Im  ausgeprägt 
steil  Masse  ist  dicSCS  Vorkommnis  beim  Kretinismus  zu  beobachte 
Dieser  zeichnet  sich  bekanntlich  in  körperlicher  Hinsicht  hauptsächli; 
äus  durch  Zurückbleiben  des  Knochenwachstums,  Verdickung  der  Hai 
•Spärlichkeit  des  Haarwuchses.  Das  Zurückbleiben  der  Schädelbas 
gegenüber  der  Kapsel,  die  breite  Nase,  die  durch  die  Hautverdicku: 
bewirkte  schwammige  AuSdrückstosigkeit  des  Gesichts  mit  dem  charal 
teristischen  Gemisch  vört 1  Kindlichkeit  Und  Greisenhaftigkeit  bewirkt 
eine  ganz  ausserordentliche  Aehnlichkeit  solcher  Individuen1).  Au 
gesprochene  Beeinflussung  der  äusseren  Gestaltung,  allerdings  nie 
in  so  weitgehendem  Masse  wie  beim  Kretinismus,  findet  sich  bei  Mo 
bus  Basedowii,  tief  Akromegalie,  dem  hypophysären  und  eunuchoid« 
HöchWüchs,  dem  hypophysären,  sowie  dehi  noch  Umstrittenen  thyiln 
genen  und  suprarenalen  Zwergwuchs,  der  eunuchoiden,  hypophysär« 
und  thyreogene!!  Fettsucht.  Allen  diesen  Erkrankungen  gemein  ist  m 
dCr  Umstand,  dass  sie  dem  heutigen  Stande  unsdreS  Wissens  nach  a 
Störungen  im  endokrinen  System  äüfzufassen  sind,  eine  Annahme,  c 
ja  schon  in  der  Benehftüng  der  Krankheiten  zum  Ausdruck  kommt. 

•Sprechet  Somit  zahlreiche  Erfahrungen  der  menschlichen  Pathi 
Ingie  durchaus  im  Sinne  einer  Beeinflussung  der  körperlichen  Gestaltui 
durch  innersekretorische  Organe,  So  findet  diese  Anschauung  eine  e; 
perimentelle  Bestätiguhg  sowohl  durch  Ergebnisse  der  mensc. 
liehen,  Therapie  als  auch  durch  das  Tierexperiment.  Aus  di 
Fülle  des  vorliegenden  Materials  seien  hier  jeweils  nur  einige  besonde 
deutliche  Beispiele  herausgegriffen.  So  ist  einörsets  bekannt,  da: 
Wachstum  und  Körperform  bei  Kr  et  inen  durch  Zufuhr  von  Schilddriisei 
Substanz  in  ausgesprochenem  Masse  beeinflusst  werden  können,  eir 
Tatsache,  die  in  einer  Steigerung  des  Längenwachstums  und  in  ein« 
Abnähihe  des  Körpergewichts  zum  Ausdruck  kommt.  Anderseits  habe 
Ülidernatsch,  R  o  m  e  i  s,  A  b  e  1  i  n  u.  a.  in  zahlreichen  Vets'uclje 
eine  Beeinflussung  metamorphosierendef  Kaulquappen  durch  Fiitterdn 
mit  Blutdrüsensubstanz  festgestellt,  So  wirkt  z.  B.  ThyfeOiddaMü! 
wachstumshemmend  iinti  eritwicklungsbeschleunigend,  während  durc 
T hy m u  stufte rting  schwächliche  und  sogar  verkümmerte  Tiere  zu  krä 
tigeh  Exemplaren  aus';;äcnseh. 

,  Seht  wohl  hervor,  dass  wir  berechtigt  sein  dürfte) 

endokrinen  System  eine  höchst  wichtige  Rolle  für  die  äussere  Gt 
staltung  der  Persönlichkeit  zuzuerketttten, 

Ungleich  schwieriger  als  die  Betfachtung  der  körperlichen  ist  dl 
dei  psychischen  Persönlichkeit.  Aus  dem  Bedürfnis  nach  kennzeichnen 
zusanimenfassender  Beschreibung  heraus  hat  man  zur  Chäraktefisierun 
von  Persönlichkeiten  den  Begriff  def  Temperamente  äüfgestelit.  Di 
•e  iie  v?n  deu  Temperamenten  stammt  VÖh  Öälen,  def  das  chölf 
nsche,  c,as  sanguinische,  das  inelancholische  und  das  phlegmatisch 
1  c  m  per  amen  t  als  Abweichung  von  der  normalen  Säftemischung  ui; 
zwar  als  fein  körperliche  Dyskfasien ,  beschrieben  hat.  DieSe  rei 
somatische  Auffassung  hat  sidh  allmählich  in  eine  rein  psychologiscf; 
umgewandelt.  Die  körperlichen  Grundlagen  der  Galen  sehen  Air 
«ssung  habeit  nur  mehr  historisches  Interesse;  immer  jedoch  wurd 
das  Temperament  zum  Körper  in  Beziehung  gebracht,  Cannstad 
OSSt  in  seinem  Anhang  zum  G  h  i  s  1  a  1  h  Scheii  Lehrbuch  das  Tetiipdfi 
IT.™  ,au[  -die  an  die  Organisation  gebundene  Provinz  der  geistige 
iatigkeit,  dte  teils  von  ursprünglicher  Bildung,  teils  von  äusseren  Bt 
dingungen  abhänge.“  H  e  i  n  r  o  t  h  sagt  darüber:  i.Detirt  dieses  ist  kein 
rage  mehr,  dass  das  Temperament  vbh  der  Beschaffenheit  des  Organ 
wir  ieSe,iS  und!ddm  Verhältnis  seiner  Wechselglieder  abhängt,  wen 
nro-arTc^i1  Snk°!1  ,dcht  erklären,  sondern  bloss  ahnen  könilen,  wie  di 
cSf  •  öawS,da?  Temperament  mannigfaltig  bestimmt.  Und  so  eni 
spränge  eigentlich  das  innere  Seelenleben,  das  Leben  des  Heredns,  de 
üemuts  dem  leiblichen  Leben.  Es  wäre  das  Gefäss-  und  Nervenlebe 
dl«  nw^’nr1!!12  aoSen,  VerhäJtnissen  die  eigentliche  und  wahre  Basi 
Tpm^Iro  hl?ein  ?££.ehrens  und  Strebens.“  Wundt  definiert  da 
i-  :,mier'i  Affektanlage  und  Bauer  bezeichnet  es  direkt  a 
psyclnschen  Habitus. 

i  .  ,  p?st,  ade  Definitionen  der  Temperamente  weisen  nkn  auf  erf 
biologische  und  auf  körperliche  Grundlagen  hin  Mmf  9  S°  ai  ?  ei 
die  Abhängigkeit  psychischen  Geschehens  im  Li,^!1.1  Aat  J)ns  aucl1 
von  körperlichen  Vnrcrnno-pr,  d  ,Li  •  m  d.6r  Temperament 

bracht  Wirbaben  in  deS  ZS^0l0gie  ,,euere  Gesichtspunkte  ge 
Krankheitsgruppe  vor  uns  bei ^  deTdirR  S^Chl3chen  StörungeP  e"' 
Habitus  durch  körperliche  Abweichungen  w 
Grade  wahrscheinlich  zu  bezeichnen  fst  ^  der  ^rm-  aLs  im  h-°? 
Tätigkeit  der  Schilddrüse  entspricht  e‘  Pathologisch  geminderte 

der  geistigen  Lebhaftigkeit  und  Enr  APathie’  eme  Vermindere 
cot  bezeichnet  das  Myxödem  -  der  Psychomotilität.  Chai 

Kocher  prägte  für  Kretinen  A^adetu  als  Winterschlaf  der  Seel 


menschen.’  Im  Gegensatz'  hjp  ?  -ß^vefen  Grades  den  Ausdruck  Pflanzei 


die  Labilität  des  Affektleb'  '  ^  d*e  Steigerung  der  Erregbarkei 
Hyperfunktion  dieses  Orr  bei  Schilddrüsenstörungen,  die  man  a 
sehe  Veränderungen  sc’  ^atvs  aufzufassen  geneigt  ist.  Andere  psyel1 
solchen  der  Keimdrüs  ydcn  bei  Erkrankungen  der  Hypophyse  und  b 
Temperament  berr  ^  Vorkommen  und  sich  hier  durch  phlegmatisch 
.merkbar  machen.  Wenngleich  ohne  weiteres  z' 


D  Nur  neber'  , 

pelin  seine  G  oei  sei  bemerkt,  dass  auf  Grund  obiger  Tatsachen  Krae 
völlig  ungeklä’-  Geneigtheit  ausgesprochen  hat,  den  in  seinen  Ursachen  no> 
eine  ganz  an  ‘kn  Mongolismus,  bei  welchem  die  davon  betroffenen  IndividU' 
sekretorisc'  ^SSerordentliche  Aehnlichkeit  aufweisen,  per  analogiam  den  inne 
Gien  Störungen  zuamziLhlen. 


i  .  März.  1922, 

geben  ist,  dass  diese  Fragen  von  eihfe'r  völligen  Klärung  noch  weif 
itfernt  sind,  und  die  Verhältnisse  durchaus  nichf  sei  einfach  liegen, 

15  oberflächliche  Betrachtung  Vortäuschen  könnte,  so  kann  mail  döch 
jhl  mit  ziemlicher  Sicherheit  sagen,  dass  allen  ebenerwähnten  psychi- 
iien  Anomalien  gemeinsam  .ist  die  Zugehörigkeit  der  im  Krankheits- 
1  le  ■  die  psychische  Veränderung  Irti  Gefolge  habenden  Organe  zum 
dokrinen  System.  Auch  diese  Auffassung  wild  gestützt  durch  ver- 
hiedene  Erfahrungen  der  Therapie,  ' so  durch  die  opötherapentisehen 
folge  bei  Hypothyreosen,  durch  die  Symptomatologie  der  Thyreoidlu- 
rgiftung  und  die  chirurgischen  Erfolge  bei  Hyperthyreoidismus.  Auch 
s  Tierexperiment  liefert  zur  Stütze  gewisse  Beiträge.  Wir  denken 
an  Versuche  Adlers,  dem  es  gelang,  bei  winterschlafenden  Igeln 
rch  Thyreoidinzufuhr  das  Erwachen  künstlich  hervorzurufen.  Ferner 
läre  anzuführen  die  von  Rom  eis  beschriebene  und  vielleicht  als 
irm  einer  Beeinflussung  recht  primitiver  Triebe  aufzufassende  Steige¬ 
ng  der  Fresslust  bei  Kaulquappen  durch  Fütterung  mit  Keimdrüsen- 
bktahl 

Aus  diesen,  soeben,  angeführten.Tatsache-n  können  wir  also  mit  Ziem- 
|:hfcir  Wahrscheinlichkeit  dfeü  Schluss  Ziehen, ;  dass  dem  endokrinen 
rstem  ein  gewichtiger  Einfluss  auf  den  körperlichen  Und  psychischen 
abitus,  somit  auf  die  Qesamtpersönlichkeit  zu/.usch-eiben  sein  dürfte. 

;  dürfte  ferner  einleuchten,  dass  dieser  Einfluss  wohl  in  der  Pathologie 
id  im  Tierexperiment  als  konditionell  zu  betrachten  ist.  dass  man  den- 
Iben  aber  für  die  Vererbung  körperlicher  und  psvchischer  Anlagen 
'  s  konstitutionell  wird  auffassen  müssen.  Würde  sich  diese  Annahme 
ir  absoluten  Gewissheit  erheben  lassen,  so  hätten  wir  in  dem  Blut- 
iisensystem  gewissermassen  den  Träger  der  Konstitution,  den  Weg- 
eiser  und  Regulator  der  Entwicklung,  das  Bindeglied  zwischen  psychi- 
hem  und  physischem  Werden  und  Geschehen  zu  erblicken. 

In  der  Regel  finden  wir  nun  Soma  und  Psyche  zum  einheitlichen 
aazen  der  Persönlichkeit  fast  untrennbar  verschmolzen.  Auf  grob 
upirischer  Beobachtung  Und  Verwertung  dieser  Ueberelnstimmung 
isiert  die  Gabe,  die  wir  gemeinhin  als  Menschenkenntnis  zu  bezeichnen 
legen. 

Indessen  hat  es  auch  nicht  an  Versuchen  gefehlt,  diese  Beziehungen 
issenschaftlich  zii  erklären;  Als  hypothyreotisches  Temperament  hat 
an  eine  Konstitution  bezeichnet,  deren  Trägern  bestimmte  körperliche 
id  seelische  Eigenschaften  in  konstanter  Weise  eigen  sind.  In  psychi- 
her  Hinsicht  zeigen  solche  Individuen  geringe  Regsamkeit,  bisweilen 
igar  Trägheit,  Interesselosigkeit  und  gesteigerte  Ermüdbarkeit;  die 
jirperlichen  Stigmata  sollen  bestehen  aus  Neigung  zu  kleinem  stärnmi- 
:n  Wuchs,  oft  mit  Fettleibigkeit  verbunden,  zu  trockener  und  pastöser 
laut,  zu  frühzeitiger  seniler  Involution.  Unschwer  erkennen  wir  aus 
ieser  Schilderung  die  Aehnlichkeit  mit  dem  ausgeprägten  Krankheits- 
lde  des  Myxödems.  Wie  man  nun  geneigt  ist,  zu  diesem  die  Base- 
owsche  Krankheit  in  gewissen  Gegensatz  zu  bringen,  so  hat  man 
ich  ein  hyperthyreotisches  Temperament  beschrieben.  Die  Träger 
eser  Konstitution  werden  .  geschildert  als  magere,  grosse  Menschen 
it  feuchter  Haut  und  grossen  Glanzaugen;  auf  psychischem  Gebiet 
illen  gesteigerte  Erregbarkeit  und  Labilität  des  Affektlebens  das  her- 
prstechendste  Merkmal  sein.  Von  weiteren  aufgestellten  Konstitu- 
rnstypen  wären  ferner  noch  zu  erwähnen  die  hyperpituitäre  und  hypo- 
mitale  Konstitution.  Individuen,  welche  diesen  Typen  angehörei, 
:igen  neben  Hypoplasie  des  Genitale  Anomalien  der  sekundären  Ge- 
.hlechtsmerkmale,  charakteristische  Verteilung  des  Fettpolsters,  zarte 
autdecken;  in  psychischer  Hinsicht  sollen  sie  von  phlegmatischem 
emperament  und  von  scheuem,  zurückgezogenem  Wesen  sein. 

Nun  aber  stellen  obige  Fälle  durchwegs  mehr  oder  weniger  starke 
ibweichungen  von  der  Norm  dar  und  unterscheiden  sich  vom  Kre¬ 
nismus.  Morbus  Basedowii  und  Eunuchoidismus  eigentlich  nur  graduell. 
3h en  wir  somit  eine  Beeinflussung  der  Gesamtpersönlichkeit  durch  das 
idokrine  System  in  der  Pathologie  und  in  Fällen,  die  dem  patho- 
gischen  näher  als  der  Norm  stehen,  als  gesichert  an.  so  interessiert 
is  hauptsächlich  die  Frage,  ob  wir  auch  beim  Durchschnittsmenschen, 
so  bei  der  grossen  Masse,  solche  Beziehungen  feststellen  können. 
!\x  wiesen  schon  eingangs  darauf  hin,  dass  viele  T